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Der Präsident

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Erstes Kapitel
  6. Zweites Kapitel
  7. Drittes Kapitel
  8. Viertes Kapitel
  9. Fünftes Kapitel
  10. Sechstes Kapitel
  11. Siebtes Kapitel
  12. Achtes Kapitel
  13. Neuntes Kapitel
  14. Zehntes Kapitel
  15. Elftes Kapitel
  16. Zwölftes Kapitel
  17. Dreizehntes Kapitel
  18. Vierzehntes Kapitel
  19. Fünfzehntes Kapitel
  20. Sechzehntes Kapitel
  21. Siebzehntes Kapitel
  22. Achtzehntes Kapitel
  23. Neunzehntes Kapitel
  24. Zwanzigstes Kapitel
  25. Einundzwanzigstes Kapitel
  26. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  27. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  28. Vierundzwanzigstes Kapitel
  29. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  30. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  31. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  32. Achtundzwanzigstes Kapitel
  33. Neunundzwanzigstes Kapitel
  34. Dreißigstes Kapitel
  35. Einunddreißigstes Kapitel
  36. Zweiunddreißigstes Kapitel
  37. Dreiunddreißigstes Kapitel
  38. Vierunddreißigstes Kapitel
  39. Fünfunddreißigstes Kapitel
  40. Sechsunddreißigstes Kapitel
  41. Siebenunddreißigstes Kapitel
  42. Achtunddreißigstes Kapitel
  43. Neununddreißigstes Kapitel
  44. Vierzigstes Kapitel
  45. Einundvierzigstes Kapitel
  46. Zweiundvierzigstes Kapitel
  47. Dreiundvierzigstes Kapitel
  48. Vierundvierzigstes Kapitel
  49. Fünfundvierzigstes Kapitel
  50. Sechsundvierzigstes Kapitel
  51. Siebenundvierzigstes Kapitel
  52. Achtundvierzigstes Kapitel
  53. Neunundvierzigstes Kapitel
  54. Fünfzigstes Kapitel
  55. Einundfünfzigstes Kapitel
  56. Zweiundfünfzigstes Kapitel
  57. Danksagung
  58. Leseprobe

Über den Autor

Sam Bourne ist das Pseudonym des preisgekrönten britischen Journalisten Jonathan Freedland. Er war lange Zeit Berichterstatter aus Washington für THE GUARDIAN. Nach seiner Rückkehr nach London schrieb er für verschiedene Zeitschriften und veröffentlichte mehrere Bücher. Sein Thrillerdebüt DIE GERECHTEN stand in Großbritannien monatelang auf der Bestsellerliste und verkaufte sich über eine halbe Million Mal. Seit 2014 verfasst der Nahostexperte eine wöchentliche Kolumne für THE GUARDIAN sowie einen monatlichen Beitrag für THE JEWISH CHRONICLE. Zudem präsentiert er die wöchentliche Radiosendung THE LONG VIEW bei BBC RADIO 4.

Sam Bourne

DER
PRÄSIDENT

Thriller

Aus dem Englischen von
Ruggero Leò

Erstes Kapitel

Alexandria, Virginia, Montag, 03.20 Uhr

Es begann in der Nacht, als der Präsident das Ende der Welt einleiten wollte.

Für Robert Kassian fing alles damit an, dass sein Telefon auf dem Nachttisch vibrierte. Mit klopfendem Herzen schreckte er aus dem Schlaf hoch. Zunächst wusste er nicht, woher das Geräusch kam. Hatte er es geträumt? Er tastete nach dem Handy und schaltete den Vibrationsalarm aus. Das musste schnell gehen, denn seine Frau hatte einen leichten Schlaf, und wenn sie einmal aufgewacht war, schlief sie nicht wieder ein.

Erst da begriff er, dass nicht der Handyalarm, sondern ein eingehender Anruf ihn geweckt hatte. Die nächsten beiden Fakten nahm er gleichzeitig wahr: Es war 03.20 Uhr morgens, und der Anruf kam aus der Zentrale des Weißen Hauses.

»Mr Kassian?«

»Ja«, flüsterte er. Er schlug die Decke zurück und ging zum Badezimmer, das Telefon ans Ohr gepresst. Vor Müdigkeit bekam er kaum die Augen auf.

»Bleiben Sie dran. Ich stelle Sie zum Situation Room durch.«

Das war er also. Der berüchtigte Drei-Uhr-nachts-Anruf, von dem in Washington immer alle sprachen. Kassian war erst seit vier Monaten Stabschef, und das war der erste Anruf dieser Art. Gewiss, es hatte schon Krisensituationen mitten in der Nacht gegeben – jede Menge sogar – und dringende Konferenzen gleich nach Sonnenaufgang. Seit der Inauguration im Januar hatte sich seine Arbeitszeit schonungslos auf »rund um die Uhr« ausgedehnt. Und in der vergangenen Woche war es sogar noch schlimmer geworden. Aber ein mutmaßlicher Notfall mitten in der Nacht? Das kam zum ersten Mal vor.

Ein mehrfaches Klicken in der Leitung, dann war er durchgestellt. Sogleich nahm er die Unruhe im Raum des Anrufers wahr. Er hörte einen lauten Knall. Dann eine Stimme. Die einer Frau, jung und nervös.

»Mr Kassian. Hier spricht Lieutenant Mary Rajak. Wir haben einen Notfall, Sir. Ich glaube, Sie sollten schnellstmöglich herkommen.«

Nun hörte er Geschrei. War diese Frau eine Geisel? Vielleicht war das Weiße Haus umstellt. Er blinzelte mehrmals, sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. »Was für ein Notfall?«

Kassian war sich sicher, dass die Frau mit gedämpfter Stimme sprach. »Es geht um den Präsidenten.«

Herr im Himmel. War der Präsident zur Geisel genommen worden? Wie hätte das jemand … »Was ist geschehen?«

»Bitte, Sir. Kommen Sie einfach her.«

»Ich bin unterwegs. Aber können Sie …« Er stockte. Jemand brüllte am anderen Ende der Leitung. Ein Mann. Es klang, als käme die Stimme von nebenan.

»Bleiben Sie dran, Sir.« Vermutlich legte die Frau ihre Hand über die Sprechmuschel. »Ja, ich rede gerade mit Mr Kassian. Er ist auf dem Weg.«

Dann hörte er die Stimme deutlich. Sie war unverkennbar. Auf der ganzen Welt gab es keine Menschenseele, die sie nicht erkannt hätte. In den letzten beiden Jahren war diese Stimme mindestens einmal täglich zu hören gewesen, ob in den Nachrichten oder in einem viralen Video. Manchmal hatte sie sich über einen Gegner lustig gemacht oder einen Zwischenrufer auf einer Versammlung verhöhnt, manchmal hatte auch ein TV-Comedian sie nachgeahmt oder sogar ein altkluges Kind auf dem Schulhof. Doch niemand hatte die Stimme je in diesem Tonfall gehört: brüllend vor Wut – echter, nicht gespielter Wut. Aus dem Weg! Ich bin Ihr verfluchter Oberbefehlshaber, und das ist ein Befehl!

Während Kassian lauschte, griff er zu einem Hemd und dem erstbesten Anzug im Schrank. »Was zum Teufel ist bei Ihnen los, Lieutenant?«

»Das ist am Telefon schwer zu erklären, Sir.«

»Dies ist eine sichere Leitung.«

»Ich glaube nicht, dass wir so viel Zeit haben, Sir.« Ihre Stimme zitterte.

»Kurz und knapp, Lieutenant.«

Sie redete leise, als befürchte sie, jemand könnte sie belauschen. »Nordkorea, Sir. Der Präsident will den Befehl für einen Nuklearangriff geben.«

»Ach du Scheiße.«

»Genau, Sir.«

»Ist etwas vorgefallen? Droht ein Angriff auf die Vereinigten Staaten?«

»Nein, Sir.«

»Dann was zum …«

»Eine Verlautbarung, Sir. Aus Pjöngjang.«

»Eine was?«

»Bitte, Sir. Es ist sehr dringend.«

»Eine Verlautbarung? Sie meinen, weil die Nordkoreaner etwas gesagt haben?«

»Das ist korrekt, Sir.«

»Okay. Okay. Was macht er gerade?«

»Er verlangt, zum Pentagon durchgestellt zu werden. Zur Kommandozentrale, Sir.«

Kassian wurde flau im Magen. Vor der Inauguration hatte er an mehr als sechzig Übergabetreffen teilgenommen und war von jedem Zweig der US-Regierung gebrieft worden – eine Informationsflut, die alles übertraf, was er in den fünfzig Lebensjahren zuvor hatte lernen müssen. Doch nur ein bestimmtes Meeting hatte ihm einen heiligen Schrecken eingejagt: als man ihn, den angehenden Präsidenten und den Verteidigungsminister mit der Prozedur vertraut gemacht hatte, wie ein Nuklearangriff befohlen wird.

Es war so leicht, dass es ihm Angst einflößte. Der Präsident musste lediglich die Kommandozentrale des Verteidigungsministeriums anrufen, die geheimen Codes durchgeben, die ihn als Präsidenten identifizierten, und den Befehl geben. Mehr war nicht erforderlich. Kein Prozess, keine Meetings, keinerlei Diskussion. Und niemand war befugt, ihm zu widersprechen. Das war auch der Knackpunkt an dem Verfahren. Das System hatte seit Truman die Regeln nicht geändert, die es dem Oberbefehlshaber ermöglichten, innerhalb Sekunden auf einen Angriff auf die Vereinigten Staaten zu reagieren.

Doch es gab keine Pläne dafür, wie man die gegenwärtige Lage in den Griff bekommen sollte. Oder den derzeitigen Oberbefehlshaber.

»Was soll ich tun, Sir?« Die Stimme der Frau verriet, dass sie am ganzen Leib zitterte.

Kassian war im Untergeschoss angekommen. Die vor seinem Haus postierten Sicherheitsbeamten hatten ihn bereits bemerkt. Der leitende Secret Service Agent stand schon an der Vordertür. Kassian signalisierte ihm mit einer Geste, als halte er ein Lenkrad gepackt, dass sie den Wagen bräuchten, und schon hasteten sie gemeinsam zum Fahrzeug.

»Hat er die Codes? Hat der Adjutant ihm die Codes gegeben?«

»Er wollte es vermeiden, Sir. Er hat ihn so lange hingehalten, wie er konnte.«

»Aber er hat sie?«

»Der Präsident hat ihm die Hände um den Hals gelegt und gedroht, ihn zu erwürgen.«

»Okay. Okay.« Kassian blickte aus dem Fenster auf das vorbeirasende, schlafende Alexandria. Selbst bei dieser Geschwindigkeit konnte er die Schilder lesen, die in den Vorgärten der ganzen Stadt standen und – an bestimmten Stellen – überall im Land: Nicht mein Präsident. »Haben Sie Jim angerufen? Minister Bruton. Haben Sie ihn angerufen?«

»Wir sprechen gerade mit ihm, Sir.«

»Gut. Bis ich bei Ihnen bin, müssen Sie dem Präsidenten sagen, bei einer solchen Entscheidung sei es erforderlich, Minister Bruton und mich dabeizuhaben. Dass es einen festgelegten Ablauf gibt.«

»Aber das stimmt ni …«

»Sagen Sie’s ihm einfach!«

»Soll ich Sie zu ihm durchstellen, Sir?«

Kassian dachte nach. Sein Instinkt verriet ihm, dass es keinen Zweck hätte, es selbst zu versuchen. Der Präsident würde diese Behauptung nicht glauben, nicht aus Kassians Mund. Hochrangige Militärs – neutral, anonym – hatten bessere Chancen: Er würde ihre Worte möglicherweise als Reaktion des Systems aufnehmen, einer Maschinerie, die ihm nicht grundsätzlich feindlich gesinnt war, sich nicht von Emotionen leiten ließ. Bislang hatte sich dieses Vorgehen am besten bewährt, um den Präsidenten aufzuhalten.

»Nein. Ich spreche mit ihm, sobald ich vor Ort bin.«

»Aber Sie kommen vielleicht nicht mehr rechtzeitig.«

Kassian fiel ein, was die Tochter des Präsidenten in einem Fernsehinterview über ihren Vater gesagt hatte während des Wahlkampfs. Man sagt nicht »Nein« zu ihm. Man sagt »Ja, aber besser nicht jetzt«. Der Interviewer hatte gelacht und gescherzt, dass man so normalerweise mit einem Kleinkind umgehe. Daraufhin hatte die Tochter ebenfalls gelacht und gesagt: Was immer funktioniert, stimmt’s?

»Also schön. Sagen Sie ihm, sie hätten mit uns gesprochen. Wir unterstützen ihn und wollen dabei an seiner Seite sein. Und um sicherzustellen, dass ihm die Entscheidung nicht später auf die Füße fällt, soll er auf mich und Minister Bruton warten.«

Ein Knall war zu hören. Ob jemand mit der Faust auf einen Tisch gehauen oder eine Tür zugeschlagen hatte, konnte Kassian nicht sagen. Er hoffte auf Letzteres. Womöglich war der Präsident aus dem Situation Room gestürmt, frustriert darüber, dass man seine Pläne durchkreuzte. Vielleicht würde er einfach ins Bett gehen oder den Fernseher einschalten. Der Mann schlief kaum.

Dann erklang wieder die Stimme der Offizierin. »Er wurde durchgestellt, Sir. Er redet in diesem Moment mit der Kommandozentrale im Pentagon.«

Kassians Magen verkrampfte sich. Gütiger Gott, was würde dieser Mann tun?

Er trennte die Verbindung und wählte Jim Brutons Handynummer. Es fiel ihm schwer, die Tasten auf dem Display zu treffen, so sehr zitterten seine Hände. Als er das Telefon ans Ohr hielt, musste er an die Worte aus dem Briefing denken, dem er drei Tage vor der Vereidigung des Präsidenten beigewohnt hatte: Ihrem Befehl, Sir, untersteht der Einsatz Tausender Waffen, jede davon zehn- oder zwanzigmal tödlicher als die Bombe, die auf Hiroshima fiel … Der feindliche Vergeltungsschlag wird automatisch, rasch und verheerend erfolgen. Der Erstschlag der USA und der feindliche Gegenschlag kosten binnen weniger Stunden mehrere hundert Millionen Menschenleben … Ja, Sir, wir haben das durchgespielt: Unsere vorsichtigste Schätzung sagt eine globale Katastrophe voraus, die das Ende der Zivilisation bedeuten würde, Sir … Auf Ihren Befehl hin starten achthundertfünfzig Raketensprengköpfe in weniger als fünfzehn Minuten … Nein, Sir. Wenn der Befehl erst einmal erteilt wurde, kann man sie weder aufhalten noch zurückrufen. Dann gibt es kein Zurück mehr.

Kassian hörte das Besetztzeichen. Er versuchte es erneut. Bis er schließlich den vertrauten Louisiana-Akzent hörte, jene Stimme, der er in Washington wahrhaft vertraute, eine Stimme, die er in zahllosen lebensgefährlichen Momenten gehört hatte – auch wenn keiner davon so Furcht erregend gewesen war wie der gegenwärtige.

»Bob, bist du das?«

»Jim, Gott sei Dank. Hör zu, du musst sofort in die Kommandozentrale, bevor er dort eintrifft. Du musst ihnen sagen …«

»Habe ich schon. Ich habe ihnen gesagt, sie müssen ihn hinhalten.«

»Wie?«

»Sie sagen ihm, dass es bei der Satellitenkommunikation eine Fehlfunktion gibt. Sie können die U-Boote nicht kontaktieren.«

»Das glaubt er niemals.«

»Was sollen wir denn sonst tun? Er schäumt vor Wut, tobt und zetert.« Bruton senkte die Stimme. »Verdammt noch mal, er wird uns alle umbringen, Bob. Ist dir das klar? Er sagt, er will Option B umsetzen.«

»Welche ist das?« Kassian fiel das »Black Book« ein – wie hatte er das nur vergessen können? Der Adjutant des Präsidenten trug es im Atomkoffer mit sich. Der Adjutant, der sich außerhalb des Weißen Hauses stets in der Nähe des Präsidenten aufhielt und ihm sowohl die Handlungsmöglichkeiten aufzeigen würde als auch die diversen Angriffspläne. Kassian konnte sich aber nicht daran erinnern, was Option B war.

»Nordkorea und China.«

»Heilige Mutter Gottes.«

»Und er wird in den nächsten sechzig Sekunden den Befehl geben. Sobald dem armen Teufel in der Kommandozentrale die Ausreden ausgehen.«

»Du musst ihm sagen, der Befehl sei gesetzeswidrig.«

»Wie bitte?«

»Ruf die Kommandozentrale an. Sag ihnen, sie haben die Pflicht, einen gesetzeswidrigen Befehl zu verweigern.«

»Aber das ist Blödsinn. Du weißt, dass er dazu befugt ist. Er kann tun, was immer er will, verdammt noch mal. Ich kann ihn nicht aufhalten, ebenso wenig der Generalstab und auch nicht der Kongress. Das ist seine Show. Zu einhundert Prozent.«

»Stimmt, aber sie müssen nur Befehle befolgen, die nicht gegen die Verfassung verstoßen.«

»Das heißt?«

»Das heißt, der Oberbefehlshaber muss davon überzeugt sein, dass er das Land vor einem konkreten oder unmittelbar bevorstehenden Angriff schützt.«

»Tja, vielleicht ist er ja davon überzeugt.«

»Das ist ein Krieg der Worte, Jim. Fünf Tage lang sind Worte gewechselt worden. Kein vernünftiger Mensch kann behaupten, dass wir durch einen Angriff bedroht werden.«

»Und genau das ist der Knackpunkt. Er ist kein …«

»Sag deinen Leuten, dass sie diese Prüfung bestehen müssen. Sie müssen im Grunde nicht einmal eine Entscheidung treffen. Du sagst ihnen, was sie tun sollen: Der Angriffsbefehl ist illegal.«

»So funktioniert das nicht. Er ist der Oberbefehlshaber, er …«

»Wir haben verdammt noch mal keine Zeit für Diskussionen, Jim. Sag’s ihnen. Entweder du tust es, oder wir sind alle tot.«

Er trennte die Verbindung. Als sein Wagen in die Pennsylvania Avenue einbog, schloss Bob Kassian die Augen. Zum ersten Mal seit seiner Kindheit betete er.

Zweites Kapitel

Das Weiße Haus, Montag, 08.45 Uhr

»Was zum Teufel ist das?«

Maggie Costello stand in dem Vorzimmer, in dem die Privatsekretärin ihres Chefs mit zwei anderen Beamten saß. Sie hatte soeben etwas entdeckt: An der Wand hinter der Sekretärin hing ein Kalender, gleich neben den Porträts der Männer, die früher das ehrwürdige Amt des Rechtsberaters im Weißen Haus bekleidet hatten. Typische Kalender in Washingtoner Regierungsgebäuden zeigten spektakuläre Aufnahmen von amerikanischen Landschaften. Dieser hier hingegen gehörte zu der Sorte, die man eher in einer Autowerkstatt erwarten würde. Das Bild des aktuellen Monats Mai zeigte eine Frau auf allen vieren, die mit nichts am Leib als einem knappen Bikinihöschen in die Kamera blickte. Sie hatte den Mund geöffnet, sodass man die Spitze ihrer Zunge sehen konnte.

Die Privatsekretärin, eine Schwarze in den Fünfzigern, zuckte resigniert mit den Schultern.

»Im Ernst, Eleanor, wer hat den da aufgehängt?«

Die Privatsekretärin blickte Maggie mit einem vielsagenden Ausdruck an: Bring mich nicht in Schwierigkeiten.

Maggie beugte sich vor und senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Ich verrat’s keinem.«

Eleanor schaute kurz über die Schulter und sagte dann: »Anweisung von Mr McNamara. Er hat sie im ganzen Westflügel aufhängen lassen. Er meinte, es sei längst überfällig, dass man in diesem Gebäude auf Tuchfühlung mit der arbeitenden Bevölkerung unseres Landes geht. Es sei höchste Zeit, dass es hier wie an einem normalen amerikanischen Arbeitsplatz aussieht.«

»Das ist nicht mal ein Witz, oder?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

Maggie beugte sich weiter vor, langte über Eleanors Schulter und riss den Kalender mit einem Ruck von der Wand. Dann zerriss sie das dicke, beschichtete Papier zweimal und ging zu den Abfalleimern. Aus Gewohnheit hielt sie Ausschau nach dem grünen, der für Papier vorgesehen war.

»Kein Recycling mehr, Maggie. Das hat er auch abgeschafft. ›Wir sind hier nicht im Grünen Schwuchtelhaus. Wir sind im Weißen Haus.‹«

»Das hat er gesagt?«

»Uh-hm.«

Maggie warf die Überreste des Bikinimodel-Kalenders in den einzigen Papierkorb im Raum, ging in ihr Büro und knallte die Tür hinter sich zu.

Sie hätte sich gern bei ihrem direkten Vorgesetzten beschwert, bei dem Mann, der den Titel Rechtsberater trug. Doch bekleidete er das Amt in ständiger Abwesenheit; ein Kumpan des Präsidenten, der ihm früher als persönlicher Anwalt in Konkursangelegenheiten gedient hatte und dafür mit einem Posten im Weißen Haus belohnt worden war. Maggie war ihm nur einmal begegnet, auf der Cocktailparty anlässlich seiner Ernennung; seither hatte er sich nicht mehr im Weißen Haus blicken lassen.

Sie nahm ihr Smartphone zur Hand und schrieb Richard eine Nachricht: Was zum Teufel machen wir hier?

Früher hatten hier viele Frauen auf allen möglichen Ebenen gearbeitet, die den Kalender ebenfalls weggeworfen oder Maggie zumindest dabei unterstützt hätten. Jetzt gab es nur noch zwei Frauen in ihrer Abteilung: sie selbst und Eleanor. Die übrigen Mitarbeiter waren ausnahmslos Männer, die meisten davon Weiße. Und dieses Schema zog sich durchs gesamte Weiße Haus.

Richard antwortete wenige Sekunden später: Sitze gerade mit Wirtschaftsleuten zusammen. Heute Abend reden?

Sie ließ das Telefon über den Schreibtisch schlittern, wo es gegen das Bild prallte, das sie zusammen mit dem vorherigen Präsidenten zeigte; ein solches Foto auf dem Tisch zu haben war in der laufenden Amtsperiode ein verhaltenes Zeichen der Rebellion. Im Moment hätte sie ihren ehemaligen Chef am liebsten verflucht. Zum Teil war es seine Schuld, dass sie noch immer hier war.

»Hören Sie, Maggie«, hatte er gesagt. »Ich weiß, was Sie von meinem Nachfolger halten …«

Sie hatte ihn nicht ausreden lassen. »Sehen Sie – selbst das kann ich einfach nicht fassen. Meinen Nachfolger. Wie können Sie das sagen, als wäre es normal? Das ist nicht normal. Er ist ein Lügner und Betrüger und Fanatiker. Er dürfte nicht einmal in die Nähe dieses Hauses kommen!«

Der aus dem Amt scheidende Präsident hatte ihr die Bemerkung nachgesehen, so wie immer. »Maggie, Sie sind eine sehr leidenschaftliche Frau. Deshalb haben Sie unserer Regierung – und mir – so gute Dienste geleistet. Doch das Volk hat gesprochen. Er wird mein Präsident sein – und er sollte auch Ihrer sein.«

»Von Ihnen verlangt aber niemand, hier weiterhin zu arbeiten.«

»Ich denke, dazu gehöre ich wohl zur falschen demografischen Gruppe«, sagte er lächelnd.

»Genau. Das ist noch so ein Knackpunkt. Es werden ausschließlich weiße Männer eingestellt. Hunderte. Das gilt für jeden Posten, den er besetzt. Als ob Millionen und Abermillionen von Menschen unsichtbar sind für ihn.«

»Wenn Sie also hierbleiben, können Sie das Verhältnis ein wenig ausgleichen. Eine Frau, gebürtig aus Dublin. Damit können Sie gleich zwei Kästchen ankreuzen.«

»Aber …«

»Es geht dabei nicht nur um ihn, Maggie. So wie es auch nie um mich ging. Es geht um unser Land. Sie müssen dafür sorgen, dass der Zug auf den Schienen bleibt.«

»Klar, damit er ihn mit voller Wucht gegen den Prellbock fahren kann. Davon abgesehen, was sollte ich schon für ihn tun können? Als ehemalige UN-Entwicklungshelferin, ehemalige Friedensbotschafterin, als Frau – ich passe nicht so ganz in sein Schema, oder?«

»Sie könnten für ihn dasselbe sein wie für mich. Die leitende Krisenmanagerin. Die Frau, die weiß, wie man jede Krise analysiert und löst.«

»Aber dafür muss ich ihm vertrauen können.«

»Ich weiß, Maggie.«

»Sie haben mir vertraut und ich Ihnen. Uneingeschränkt.«

»Das ist wahr, und ich weiß das zu schätzen. Aber Sie werden schon einen Weg finden. Den finden Sie immer.«

Maggie betrachtete das Foto und staunte darüber, wie naiv sie damals gewesen war. Noch vor einem Jahr hätte sie die gegenwärtige Lage nicht für möglich gehalten. Das ging allen so. Und dann überkam es sie, das vertraute, geradezu Übelkeit erregende Schuldgefühl. Es schien aus ihrem Innersten zu kommen, befeuert von tiefster Abscheu. Hätte sie doch nicht …

Sie versuchte, den grässlichen Gedanken zu verdrängen, und tippte noch eine Nachricht an Richard in ihr Handy: Wann kannst du heute frühestens los? Lass uns bei mir zu Abend essen. Ich brauche jetzt wirklich …

Ehe sie die Nachricht vollendet hatte, stieß jemand ihre Bürotür auf. Sie hörte seine Stimme, ehe sie ihn sah. »Haben Sie etwas an?«

Crawford »Mac« McNamara, der Chefberater des Präsidenten. Wenn Maggie und alle anderen Parteiunabhängigen, die noch hier arbeiteten, den Zug auf den Schienen halten sollten, war McNamara der Mann, der den Zielbahnhof bestimmte. Selbst Bob Kassian, der eigentliche Stabschef, war im Vergleich zu ihm nur ein Bürokrat. Im Sonnensystem des Weißen Hauses leuchtete nur ein Stern heller als dieser Mann.

Natürlich kreiste Maggie mehrere Mondumlaufbahnen unter ihm – selbst unter dem früheren Präsidenten hatte ihre offizielle Positionsbezeichnung nie ihren tatsächlichen Status ausgedrückt. Nach den althergebrachten Regeln Washingtons bedeutete das, ein Mann von McNamaras Rang würde sich nicht einmal dazu herablassen, mit ihr ein Wort zu wechseln, ganz zu schweigen davon, sie in ihrem Büro aufzusuchen. Doch er war ein Gesetzloser von eigenen Gnaden, der Zauberer, der das Washingtoner Regelbuch zerfetzt hatte, damit sein Kandidat zum Präsidenten gewählt werden würde. Zum Teufel mit Gewohnheiten. Memos waren für Trottel, protokollierte Sitzungen für Arschlöcher. Stattdessen patrouillierte er täglich durch den Westflügel und schlenderte in jedes beliebige Büro, wann immer es ihm gefiel. Und das Oval Office bildete diesbezüglich keine Ausnahme. McNamara begann und beendete jeden Tag mit einem persönlichen Besuch beim Präsidenten; er war die allmächtige Stimme in seinem Ohr.

Und es war nicht das erste Mal, dass er Maggie in ihrem Büro besuchte. »Es ist doch offensichtlich«, hatte Richard gesagt, als sie eines Abends über chinesischem Take-away-Essen darüber gesprochen hatten. »Du bist die attraktivste Frau im Büro, und er ist von dir … angetan. Ich würde mich geschmeichelt fühlen.«

Maggies Antwort war knapp ausgefallen: Igitt. Und nun stand der Kerl wieder vor ihr, der trotz seines mittleren Alters noch eine Cargohose mit großen Taschen trug, dazu ein Linkin-Park-T-Shirt und an den Füßen Socken, aber keine Schuhe. Sein Kopf war fast völlig kahl.

»Haben Sie heute Zeitung gelesen, Costello?« Er warf ihr eine Ausgabe der Washington Post auf den Schreibtisch. Er hatte einen Artikel über eine neue Umfrage aufgeschlagen, derzufolge das Land »seit dem Bürgerkrieg nicht mehr so stark entzweit« gewesen sei.

»Warum zeigen Sie mir das, Mr McNamara?«

»Oh, hat jemand meinen Vater hereingelassen? Mister McNamara? Wer ist das? Ich bin Mac, Maggie. Mac. Ich dachte, ihr Liberalen lasst die Förmlichkeiten am Arbeitsplatz gern weg?« Er vollführte eine affektierte Geste und hob die Stimme. »Oh, wir sind alle gleich. Behandelt mich einfach wie die anderen

Sie besann sich auf das, was sie mit Richard erörtert hatte. Dass sie vielleicht die Auswirkungen der Präsidentschaft lindern könnten – und sei es nur im Kleinen –, indem sie beide auf ihren Posten blieben, als Insider. Sie hatten die Pflicht, etwas zu bewirken, wenn sie konnten. Innerlich leistete sie diesen Eid nun erneut. »Wie kann ich Ihnen helfen, Mister … Mac.«

»Sehen Sie sich die Zeitung an, Maggie.«

»Erste Staaten führen Registrierung muslimischer Bürger ein. Arizona und Texas erproben neues Verfahren.«

»Nicht diesen Artikel. Den, den ich markiert habe, gleich daneben. Schauen Sie mal, wie wir bei den Achtzehn- bis Vierundzwanzigjährigen dastehen.«

»Dreiundzwanzig Prozent sind pro, vierundsiebzig contra, drei sind unschlüssig.«

»Genau. Zweiundzwanzig Prozent im Vormonat, jetzt sind wir bei dreiundzwanzig. Die jungen Leute schließen sich uns an, Maggie. Ich kann es spüren.« Er warf den Kopf in den Nacken und stimmte lauthals ein Lied an, seine eigene Version eines David-Bowie-Klassikers. »Allllllt-Right, we are the young Americans!« Während er die Zeile wiederholte, drehte er sich langsam um die eigene Achse und nickte mit geschlossenen Augen im Takt – ein Rocker mittleren Alters, der während seiner Nostalgietour auf der Bühne stand.

Maggie schwieg.

»Okay, Sie haben mich erwischt. Ich bin nicht wegen des Artikels hier.«

»Falls es um den Kalender geht, den hängen wir unter keinen Umständen wieder auf.«

»Ich habe bemerkt, dass die zauberhafte Miss Mai im Einsatz verschollen ist. Sind Sie dafür verantwortlich? Ziehen wir das noch immer durch, dieses Benehmen wie bei einem Studentenprotest?«

»Der juristischen Definition von sexueller Belästigung nach erzeugen wir eine feindselige Umgebung, indem wir diesen Kalender auch nur aufhängen.«

Lächelnd schüttelte er den Kopf. »Das kapiert keiner von euch, was? Nicht mal ansatzweise. Ist euch nicht klar, dass die Leute den großen Kerl im November genau deshalb gewählt haben? Gut, es war auch hilfreich, dass seine Gegnerin die nationale Sicherheit gefährdete, weil sie ein unsicheres Telefon benutzt hat.«

Maggie verdrehte die Augen.

»Aber der Hauptgrund ist genau diese Art von Scheiß. Sie haben ihn gewählt, weil die Leute die Nase voll davon haben, dass zimperliche kleine Fräulein so einen Schwachsinn wie ›feindselige Umgebung‹ von sich geben.« Er sprach die beiden Worte mit Fistelstimme und feminin anmutender Lippenbewegung, wobei er mit den Fingern Anführungszeichen andeutete. »Die Leute können es nicht mehr hören, dass es ein Bundesvergehen ist, ein normaler Weißer mit rotem Blut zu sein.«

»Sie sind sicher nicht hier, um den Wahlkampf zu wiederholen, Mac.«

»Nein, aber wie es aussieht, ist das wohl nötig.« McNamara nahm auf einem Stuhl Platz, lehnte sich zurück und legte die schuhlosen Füße auf den Schreibtisch.

Maggie wäre am liebsten zurückgezuckt.

»Weswegen ich hier bin«, sagte er. »Sie sollen etwas für mich aus der Welt schaffen.«

Maggie hob die Augenbrauen.

»Es kam während des Wahlkampfs auf – und jetzt schon wieder.«

Noch immer schwieg Maggie. Sie sah es nicht ein, McNamara die Sache leichter zu machen.

Er senkte die Stimme. »Ich glaube, ihr Washington-Insider nennt es ›Barbie-Skandal‹.«

Maggie dachte nach. »Meinen Sie damit, der Präsident hatte außereheliche Affären?«

»Nein!« Mac grinste. »Keine Affären. Nichts, das man so bezeichnen könnte.«

»Oh, Sie meinen sexuelle Belästigung. Wahllos Frauen angrabschen.«

»Ich meine, dass man ihm das vorwirft

»Gibt es inzwischen diesbezüglich mehr Anschuldigungen? Behaupten Personen aus seiner Vergangenheit, er habe …«

»Zum Teil.«

»Oh, also nicht nur frühere Vorfälle? Aktuelle? Hier? In diesem Gebäude? Himmel, Mac, gegen den Letzten, der so was getan hat, gab es ein Amtsenthebungsverfahren.«

»Oh, darüber mache ich mir keine Sorgen. Die Führungsriege des Weißen Hauses leckt uns den Arsch. Und die Zunge steckt tief drin.«

Magie bemühte sich nach Kräften um eine reglose Miene. Er versuchte, sie zu provozieren, doch sie wollte verdammt sein, ihm den Gefallen zu tun und darauf zu reagieren.

Er fuhr fort. »Keiner von ihnen traut sich, es anzusprechen. Vergessen Sie nicht, er ist in ihren Bezirken stärker als sie selbst. Aber es ist eine Ablenkung. Sie müssen das für mich aus der Welt schaffen.«

»Klingt eher nach einer Angelegenheit für seinen Anwalt.«

»Nein. Er ist jetzt der Präsident. Ein Angriff auf ihn ist ein Angriff auf die Präsidentschaft.«

»Das ist nicht ganz …«

»Außerdem sind Sie die Richtige dafür.« Er erhob sich. Ehe Maggie fragen konnte, wie er das meinte, sagte er mit anzüglichem Grinsen: »Sie haben die richtige Ausstattung.« Er zog die Tür hinter sich zu.

Maggie barg den Kopf in den Händen. Sie musste dringend mit Richard reden.

Sie waren erst seit wenigen Monaten zusammen, aber weil so viele alte Freunde das Weiße Haus verlassen hatten, war er zu ihrem wichtigsten Vertrauten geworden. Er war drei Jahre jünger als sie und verstörend attraktiv – einer dieser Washingtoner, die schon eine Joggingrunde gedreht hatten, ganz gleich, wie früh das erste Meeting anberaumt war. Eigentlich alles andere als ihr Typ. Zwar hatte er seinen Posten erst in der Übergangszeit erlangt, dennoch hatte er wie Maggie daran gezweifelt, ob es weise war, der neuen Administration zu dienen. Richard Parris hatte auf ihre Entscheidung, im Weißen Haus zu bleiben, ebenso großen Einfluss genommen wie der Präsident. »Maggie, von außen sind wir machtlos. Stell dir nur vor, wie schuldig wir uns fühlen würden, wenn etwas Schreckliches geschieht. Etwas, gegen das wir etwas hätten unternehmen können – egal was.«

Anfangs hatte Richard nicht verstanden, warum dieses Argument sie so sehr beschäftigte. Es gab einen Grund dafür, doch den hatte sie Richard ebenso wenig offenbaren wollen wie allen anderen. Eines Nachts im Bett jedoch war sie eingeknickt und hatte es ihm erzählt. der Gedanke an den Moment wühlte nun alles wieder auf: Das starke, fast schon körperlich spürbare Schuldgefühl, das sich mit aller Macht Bahn brach. Sie verdrängte das Gefühl wieder – ein psychologischer Akt, den sie mindestens ein Dutzend Mal pro Tag vollzog.

Sie lief die Treppe hinab, um Richard zu suchen. Sie wollte ihn um einen Spaziergang bitten. Maggie musste ihre Seele erleichtern. Im Geiste probte sie die Rede, die sie ihm halten würde: Wir mildern den Schlag nicht ab, Richard. Wir legitimieren ihn. Wir sind für sie nichts weiter als ein Feigenblatt. Ich bin nicht nach Washington gekommen, um jemandem, der Frauen missbraucht, dabei zu helfen, den Konsequenzen zu entgehen. Deswegen bin ich nicht …

Etwas riss sie aus den Gedanken. Sie war soeben um die Ecke gebogen, als sie mehrere Leute aus dem Oval Office treten sah. Richard war bei ihnen – merkwürdig für jemanden in seiner Position –, doch er bemerkte sie nicht. Stattdessen war er damit beschäftigt, mit der einzigen Frau in der Gruppe zu scherzen. Man erkannte sie allein wegen ihres Haars auf den ersten Blick. Dicht und glänzend, zeugte es von Reichtum. Sie war unverwechselbar.

Nun zeigte Richard ihr sein Telefon und setzte ein warmes Lächeln auf, als sie ihm im Gegenzug das ihre präsentierte. Ihre Gesichter – auf Maggie wirkten sie jung und hinreißend – schienen im Licht der Deckenlampen zu glühen. Es war offensichtlich. Ihr Freund flirtete mit der Tochter des Präsidenten.

Drittes Kapitel

New York, Montag, 09.20 Uhr

Keinerlei Charisma zu besitzen birgt doch gewisse Vorteile, dachte Bob Kassian. Er saß in der Businessclass im Flieger nach New York. Lediglich ein Secret Service Agent begleitete ihn. Nur wenige Leute hatten ihm ihre Aufmerksamkeit geschenkt: einige Reisende, die ihm die erhobenen Daumen zeigten, und eine Reporterin von Fox, die ihn am Gate in ein Gespräch verwickeln wollte. Kassian hatte so knapp, einsilbig und in dem für ihn typischen leisen Tonfall geantwortet, dass die Frau sich rasch zurückzogen hatte. Er besuchte keine Sonntags-Talkshow, hielt wenige Reden. Und das war auch besser so.

Vor allem an diesem Morgen. Andernfalls hätte er breit grinsend für eine Unmenge Selfies posieren müssen, mit Fans, die Baseballkappen in den richtigen Farben trugen. Wie sehr sie seinen Boss verehrten. Wenn die nur wüssten, was er wusste; hätten sie bloß gesehen, was er wenige Stunden zuvor gesehen hatte. Ein finsterer Gedanke drängte sich ihm auf: Vielleicht würde sogar das keinen Unterschied machen. Nichts schien ihre Hingabe für diesen Mann schmälern zu können.

Zum tausendsten Mal fragte er sich, ob er das Richtige getan hatte. Als Beamter, der lieber im Hintergrund blieb, war er nie ein sonderlich engagierter Parteigänger gewesen. Er hatte sich diesen Leuten nur angeschlossen, weil sie seine Freunde und einzigen Kontakte waren. Er hatte sich den Ruf erworben, Operationen leiten zu können – große Operationen –, und zwar reibungslos. Nach seiner Militärzeit hatten ihm alle prophezeit, dass seine Fähigkeiten ihm ein Vermögen einbringen würden, und sie hatten recht behalten. Er ging nach New York zu einer großen Bank und bezog dort ein Gehalt, von dem er zuvor nur hätte träumen können. Doch er vermisste, was er am meisten an der Army gemocht hatte: Sinnhaftigkeit. Die Politik erschien ihm allenfalls als angenehme, aber zweitrangige Alternative.

Und was seinen Job anbelangte, wusste er, warum man ihm die Stelle angeboten hatte: Man wollte ihn als den vernünftigen Erwachsenen im Team präsentieren. Seine ruhige, technokratische Ausstrahlung sollte die nervösen Parteimitglieder beruhigen. Es mochte altmodisch klingen, doch er glaubte, dass es seine patriotische Pflicht gewesen war, das Angebot anzunehmen. Hätte er abgelehnt, wäre fraglos einer der Verrückten an seine Stelle gerückt. Und von innen konnte er vielleicht einen mäßigenden Einfluss ausüben, den Präsidenten zügeln, der ansonsten auf die schäumenden Extremisten unter Crawford McNamara hörte. Diesem Mann vertraute der Oberbefehlshaber ganz zweifellos.

Während ihn der Wagen nach Manhattan brachte, schloss er die Augen und war dankbar für die Privatsphäre, so kurz sie auch währte.

Irgendwie hatten sie überlebt. Die Sonne war aufgegangen, und der Himmel war nicht auf sie herabgestürzt. Die Zivilisation war nicht untergegangen. Das war allerdings weder sein Verdienst noch der seines engsten Verbündeten Jim Bruton gewesen. Nicht sie hatten den Präsidenten davon abgehalten, den Befehl zu geben.

Die Wahrheit lautete: Der Präsident hatte kurz davor gestanden, die Raketen zu starten. Er war zum Colonel in die Kommandozentrale des Pentagon durchgestellt worden, und der hatte dem Protokoll Folge geleistet und den Initiierungscode abgefragt: Echo Bravo – oder wie immer er lautete. Der Präsident hatte darauf seine persönlichen Autorisierungscodes durchgegeben, sagen wir: Delta Zulu. Und dann hatte er der Zentrale seine Entscheidung mitgeteilt und erklärt, er habe aus den diversen Angriffsplänen Option B ausgewählt.

Daraufhin hatte der Colonel – dem dafür alle Ehre gebührte – dem Präsidenten vorgeschlagen, besser mit einer À-la-carte-Strategie auf diese äußerst ungewöhnliche Situation zu reagieren. Äußerst ungewöhnlich aus dem Grund, dass derzeit kein Angriff auf die Vereinigten Staaten stattfand – ein solcher indes sei das einzige Szenario, für das alle ausgebildet seien. Ein netter Versuch des Colonels: Ein kompliziertes »Speisemenü« hätte Stunden oder Tage erfordert. Das hätte Kassian und den anderen etwas verschafft, was sie brauchten: Zeit. Doch der Präsident war eisern geblieben. Option B. Sofort.

Anscheinend war es in der Kommandozentrale zu diesem Zeitpunkt sofort still geworden. Selbst der Präsident hatte kurz seinen Wutanfall unterbrochen.

Der Colonel wandte sich an das Team der Kommandozentrale und gab das Signal. Seine Leute machten sich daran, die »Emergency Action Message« abzusetzen, eine chiffrierte Kurznachricht, die die Mächte auf den Plan rief, die der Präsident beschwören wollte: die Bomben, die die Welt zerstört hätten. Diese Prozedur hätte etwa eine Minute in Anspruch genommen.

Doch nach etwa fünfzehn Sekunden bat ein junger Analytiker des Verteidigungsnachrichtendienstes den Colonel, noch zu warten. Er habe einen Bericht gelesen über eine aktuelle Aussage Pjöngjangs, mit der man sich offenbar von der Verlautbarung distanzierte, die den Präsidenten so sehr beleidigt hatte. Der Bericht sei gerade erst hereingekommen.

Die Telefonverbindung zwischen dem Pentagon und dem Weißen Haus stand nach wie vor, und der Colonel sagte: »Mr President, wir haben Grund zu der Annahme, dass die Nordkoreaner einen Rückzieher machen.«

»Inwiefern?«

»Sir, sie haben bedingungslos kapituliert. Mit einer unterwürfigen Entschuldigung.«

»Sind Sie sicher?«

»So lauten unsere Informationen, Sir, ja.«

»Okay.«

Noch zwanzig Sekunden verblieben, bis der Angriffsbefehl live geschaltet wurde.

»Heißt das, Sie nehmen den Befehl zurück, Sir?«

»Was haben die Nordkoreaner genau gesagt?«

»Sir, wir haben noch zehn Sekunden, bis wir uns entscheiden müssen. Soll ich den Befehl zurücknehmen?«

»Ich scheiße auf die.«

»Sir?«

»Ja, ja. Abbruch.«

Und auf diese Weise hatten sie das Armageddon abgewendet. Ein scharfsichtiger Schreibtischbeamter hatte vermutlich die Welt gerettet. Aufgeweckt und kreativ, mehr als scharfsichtig, wie sich herausstellte. Jim Bruton war einige Minuten später im Pentagon eingetroffen. Der diensthabende Colonel verriet ihm diskret, dass die vermeintlich unterwürfige Aussage Nordkoreas, die zufällig wenige Sekunden vor Betätigung des Abzugs veröffentlicht worden war, eher Wunschdenken entsprach als der Realität. Der Analytiker hatte die Lage korrekt bewertet und begriffen, dass sein Vorgesetzter und der Verteidigungsminister verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, das Geschehen zu verzögern, und er hatte ihnen gegeben, was sie brauchten. Das stellte Bruton zwar nun vor das Problem, einen Text formulieren zu müssen, der als zufriedenstellende Entschuldigung Pjöngjangs durchgehen konnte – doch war das in Anbetracht der heiklen Lage entschuldbar. Jim hatte den Offizier und das gesamte Team der Kommandozentrale unverzüglich für die Defense Superior Service Medal vorgeschlagen.

Kassian war inzwischen im Waldorf Astoria Hotel eingetroffen. Ohne nach rechts oder links zu blicken, ging er direkt zu den Aufzügen. Sein Secret Service Agent bahnte ihm den Weg, rief den Aufzug und drückte den Knopf für das entsprechende Stockwerk. Kassian, der den direkten Blickkontakt mit Hotelgästen mied, betrachtete sich im Spiegel. Sein Haar war so voll wie früher, doch schien es täglich ein wenig mehr zu ergrauen. Im Januar war es noch dunkel gewesen. Er war groß und mager wie immer. Seine Frau behauptete, er sei nach wie vor attraktiv: »Auch im echten Leben, nicht nur für Washingtoner Verhältnisse«, sagte sie jedes Mal. Doch er selbst betrachtete sein Spiegelbild mit anderen Augen: Ein Ausdruck von Furcht und Sorge schien seine Züge immer öfter zu bestimmen. Das Gesicht, das ihm entgegenblickte, wirkte gehetzt.

Sie betraten den fünften Stock und gingen zu der Suite, deren Nummer ihm übermittelt worden war. Eine freundliche, beleibte Blondine in den Vierzigern ließ sie ein und stellte sich als die schwedische Botschafterin der Vereinten Nationen vor. Kassian fand, sie hatte eine unerwartet mütterliche Ausstrahlung.

Es folgte eine Phase betretenen Schweigens, während sein Begleitschutz die Sicherheit der Suite überprüfte – was vor allem auf die Suche nach Wanzen hinauslief. Dann machte Kassian ihn mit dem schwedischen Sicherheitsbeamten bekannt, der sich seinerseits vorstellte. Erst als die beiden Agents der schwedischen Gastgeberin mit einem Nicken signalisiert hatten, dass alles in Ordnung sei, gab sie das Zeichen. Eine Sekunde später öffnete sich eine Tür, die vermutlich zu einem der Schlafzimmer führte. Ein Mann trat hindurch, den Kassian sofort erkannte: der UN-Botschafter der Volksrepublik China.

Kassian, der nach wie vor stand, reichte ihm die Hand, die der chinesische Diplomat fest drückte. Kassian wusste, der Mann war mit einundfünfzig nur ein Jahr älter als er selbst. Er trug einen schlichten blauen Anzug, ein gelb-weißes Hemd und eine übergroße Brille im Stil der Siebzigerjahre. Der Retrolook war nicht beabsichtigt. Die Brille war einfach alt.

Ihre Gastgeberin bedeutete beiden Männern, im Wohnbereich Platz zu nehmen. Zwei Sofas, ein Lehnstuhl und ein Couchtisch standen in der Mitte des Raums. Mit einem Akzent, der auf eine kostspielige Ausbildung in England hindeutete, ergriff sie das Wort.

»Gentlemen, wie Sie wissen, wurden wir gebeten, Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich völlig undokumentiert und vertraulich zu besprechen. Auf Mr Kassians Vorschlag findet das Treffen hier statt und nicht in Washington. Dort wäre Diskretion in seinen Augen schwerer zu gewährleisten, vornehmlich für ihn selbst. Sie lächelte. »Ihm ist ebenfalls bewusst, dass Sie, Mr Zheng, bei allem gebotenen Respekt für den Washingtoner Botschafter der Volksrepublik, den Ruf genießen, Ihrer Regierung in Peking besonders nahezustehen und, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, großen Einfluss auf sie zu haben.« Sie legte eine kurze Sprechpause ein. »Ich möchte betonen, dass Schweden keinerlei eigenes Interesse an dem hat, was auch immer Sie beide hierherführt. Doch sicher ist Ihnen beiden das große historische Interesse Schwedens bekannt, den Frieden in der Welt voranzutreiben. Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, einen Krieg zu verhindern, wird mein Land dazu beitragen, was in seiner Macht steht.

Ich wiederhole noch einmal, dass alles, was in diesem Raum gesagt wird, vertraulich bleibt. Nichts davon wird von uns weitergetragen. Wir werden abstreiten, dass dieses Treffen je stattgefunden hat. Niemand weiß von unserer Anwesenheit hier. Dieser Raum ist unter dem Namen eines anonymen schwedischen Geschäftsmannes gebucht. Zufälligerweise gibt es davon eine ganze Menge.« Die Bemerkung erfüllte ihren Zweck und brachte beide Männer zum Lachen. »Mr Kassian, dieses Treffen kam auf Ihren Vorschlag zustande. Warum fangen Sie nicht an?«

»Ich danke Ihnen, Frau Botschafterin. Und ich danke Ihnen, Sir, dass Sie so kurzfristig bereit waren, mich hier zu treffen. Ich hoffe, Sie wissen, dass ich unsere gemeinsame Freundin hier«, er deutete mit dem Kopf auf die Schwedin, »nie gebeten hätte, uns dieses Treffen zu ermöglichen, wenn ich es nicht für äußerst wichtig hielte.«

Zheng Lei sah ihn ausdruckslos an.

Kassian senkte kurz den Blick und überprüfte, ob seine Hände wieder zitterten. »Ich weiß nicht, wie viel Sie von dem wissen – oder ob Sie überhaupt etwas davon wissen –, was gestern Nacht im Weißen Haus vorgefallen ist.« Sein Gesprächspartner zeigte keine Reaktion. »Aber ich will sehr offen zu Ihnen sein. Ich sehe keine andere Möglichkeit.«

Er räusperte sich. Er hatte darüber nachgedacht, was er sagen würde – im Flugzeug, im Wagen –, doch das hatte ihn nicht darauf vorbereitet, wie es sich anfühlen würde, die Worte auszusprechen. »Heute in den frühen Morgenstunden war mein Land nur noch zehn Sekunden davon entfernt – eigentlich sogar weniger als zehn Sekunden –, einen nuklearen Großangriff auf die Demokratische Volksrepublik Korea zu starten. Und«, er spürte, dass sein Hals trocken wurde, »auch auf die Volksrepublik China.«

Die schwedische Botschafterin keuchte auf. Ein unkontrollierter, völlig authentischer Laut. Sie hatte sich die Hand auf den Mund gelegt.

Kassian fuhr fort: »Der Präsident hat den Befehl dazu gegeben. Die Kommandozentrale im Pentagon stand im Begriff, diesen Befehl zu verschlüsseln und an die Kommandeure überall auf der Welt zu übertragen. Das schließt die landgestützten Abschusseinrichtungen ebenso ein wie die unterirdischen Anlagen, die U-Boote und unsere Bomber. Nur dem findigen und tapferen Einschreiten eines Offiziers haben wir es zu verdanken, dass der Befehl im letzten Moment zurückgenommen wurde.«

Der chinesische Botschafter stierte auf den Couchtisch zwischen ihnen. Kassian beschloss, das als Reaktion zu werten. Vielleicht vermied der Mann den Blickkontakt, um sich nicht zu verraten.

Kassian fuhr fort. »Der Auslöser für den Angriff war die Verlautbarung der DVRK von vergangener Nacht, unserer Zeit. Sie hatte anscheinend den Zweck, unseren Präsidenten zu verhöhnen. Wenn ich zitieren darf …« Kassian nahm einen Zettel aus der Brusttasche und faltete ihn auseinander. »›Die Arbeiterpartei weiß, dass sie es in Washington mit einem Papiertiger zu tun hat, einem Feigling und kleinen Mann. Wir werden unsere Stärke demonstrieren – denn wir kennen die Schwäche unseres Gegners.‹«

Noch immer schwieg Zheng.

Kassian redete weiter: »Normalerweise, etwa unter der vorigen Regierung, wären solche Aussagen als Rhetorik eingestuft worden.«

Irrte er sich, oder hatte der Botschafter kaum merklich genickt? Die Regung ermutigte ihn. »Aber wir leben nicht in normalen Zeiten. Zum einen hat die DVRK wiederholt signalisiert, dass sie Nuklearwaffen bauen will, die die Westküste der Vereinigten Staaten erreichen können. Die Los Angeles treffen könnten. Unser Geheimdienst ist der Ansicht, dass die DVRK dieses Ziel erreicht hat oder zumindest kurz davorsteht. Und es gibt noch einen weiteren – wie soll ich sagen? – zwingenden Grund, warum wir nicht in normalen Zeiten leben. Der Anführer meines Landes ist kein Politiker. Und er ist auch kein Soldat. Er hört solche Aussagen«, er hielt den Zettel hoch, »und nimmt sie wahr wie ein junger Mann in einer Bar.« Das hatte er so nicht formulieren wollen; er fragte sich jetzt, ob das ein Fehler gewesen war. »Er nimmt sie als Provokation wahr. Er glaubt, man fordert ihn heraus zu beweisen, dass Nordkorea unrecht hat.«

Zheng setzte sich aufrechter hin, als wolle er das Wort ergreifen. Kassian wusste nicht, ob das bedeutete, dass seine Ausführungen auf fruchtbaren Boden gefallen waren.

»Mr Kassian, haben Sie Geschichte studiert?« Zhengs Englisch war tadellos.

»Verzeihung?«

»In Ihrem Lebenslauf steht, Sie hätten Geisteswissenschaftler in Princeton studiert. Aber das verrät mir nicht, ob Sie Geschichte studiert haben.«

»Ein wenig.«

»Ich verstehe. Nun, ich habe Geschichte studiert. Mein Fachgebiet ist sogar die Geschichte Ihres Landes. Vor allem das letzte Jahrhundert. Die Amtszeit Richard Nixons hat mich immer besonders interessiert. Ich habe meine Masterarbeit über Mr Nixons Beziehungen zu Asien geschrieben.«

»Ich verstehe.«

»Wissen Sie, warum ich das zur Sprache bringe?«

»Sie werden es mir sicher gleich sagen.«

»Weil Mr Nixon Wert darauf legte, seine engsten Berater – besonders Mr Kissinger – durch die Welt zu schicken. Sie sollten alle warnen, dass ihr Chef wahnsinnig sei.« Er lächelte. »Dass er verrückt ist! Den Verstand verloren hat. Das störte Nixon nicht. Er hat seine Berater dazu ermuntert. Er wollte, dass Amerikas Feinde ihn fürchten. ›Amerika hat so viele Bomben – und Nixon ist verrückt genug, sie einzusetzen!‹«

»Und Sie glauben, ich verfolge gerade dieselbe Strategie?«

»Die Geschichte wiederholt sich nicht, Mr Kassian. Aber manchmal reimt sie sich.«

Kassian blickte die schwedische Botschafterin hilfesuchend an. Mit einem Nicken ermutigte sie ihn, etwas zu erwidern. Sie würde sich nicht auf eine Seite schlagen.

»Mr Zheng. Ich bin ein hohes Risiko eingegangen, heute Morgen hierherzukommen. Mein Präsident weiß nicht, dass ich hier bin. Er würde mich feuern, falls er es herausfände. Ich kann Ihnen versichern, ich bin nicht auf seinen Wunsch hier.«

»Warum dann?«

»Ich bin hier, weil ich Angst habe.« Die eigene Antwort überraschte Kassian ebenso wie die beiden Botschafter, wenn nicht sogar mehr. »Ich glaube, Sie verstehen nicht, was ich Ihnen sagen will. Ihr Nachbar war heute Morgen nur sieben oder acht Sekunden davon entfernt, von der Landkarte zu verschwinden, und Ihr eigenes Land stand kurz davor, mit Nuklearsprengköpfen bombardiert zu werden. Jeder einzelne Koreaner wäre getötet worden, zusammen mit Millionen Ihrer Landsleute. Kinder. Familien. Vielleicht sogar Ihre eigene.« Kassian glaubte, eine Regung in Zhengs Miene zu sehen. »Das ist keine Taktik. Das ist kein Spiel. Dies ist mein gottverdammter Ernst.«

»Mr Kassian …«

»Nein, hören Sie. Ich warne Sie, weil ich glaube – nein, weiß –, dass das in einer Katastrophe enden könnte. Für den ganzen Planeten. Er ist dazu bereit, die entsprechenden Schritte zu unternehmen. Er hat es schon getan. Er gab den Befehl dazu.«

»Warum ist es dann nicht so weit gekommen?«

»Wir haben eine Möglichkeit gefunden, ihn aufzuhalten.«

»Wie?«

Mr Kassian blickte verlegen zur schwedischen Botschafterin. Unbewusst senkte er die Stimme. »Wir haben ihm gesagt, die DVRK habe sich für die Verlautbarung entschuldigt.«

»Ich verstehe.«

»Das war der einzige Weg.«

»Und jetzt soll mein Land seinen Einfluss auf die Demokratische Volksrepublik geltend machen und sie dazu bewegen, die Lüge zu decken, die Ihren ›verrückten‹ Präsidenten davon abhielt, die Welt in die Luft zu jagen?«

»Das kommt ungefähr hin, ja. Die Nordkoreaner müssen sich damit beeilen. Und die neue Verlautbarung zurückdatieren, damit es so aussieht, als sei sie gestern Morgen gegen drei Uhr fünfundvierzig Ostküstenzeit veröffentlicht worden.« Kassian hatte die Bitte nur zögerlich ausgesprochen, aus Furcht, er könnte zu viel verlangen … und weil er das Offensichtliche nicht eigens in Worte hatte kleiden wollen. In diesen Zeiten, in denen jeder nur darauf lauerte, »Fake News« zu schreien, kam man vermutlich mit einem gefälschten Zeitstempel davon. Wen würde es kümmern, wer es herausfinden? Jedenfalls nicht der Präsident, der nicht auf Details achtete und kaum die Zeitungen las, die man ihm vorlegte.

Doch Kassian wusste, das würde nicht reichen. Crawford McNamara beschäftigte sich intensiv mit Details und las eifrig alle möglichen Dokumente. Er war ein Meister darin, Fake News in Umlauf zu bringen, achtete jedoch sorgsam darauf, ja nicht selbst auf Falschmeldungen hereinzufallen.

»Das wird nicht leicht, Mr Kassian. Nordkorea ist eine stolze Nation. Sie ist stolz darauf, dem amerikanischen Tyrannen Widerstand zu leisten. Sie werden nicht auf die Knie fallen.«

»Niemand verlangt, dass sie auf die Knie fallen, Mr Zheng. Wir brauchen nur einige Zeilen, die uns …«

»Sie scheinen etwas zu vergessen, Mr Kassian.«

»Was denn?«

»Dass Nordkorea und die Vereinigten Staaten etwas gemeinsam haben. Beide Nationen werden von unberechenbaren Männern geführt – und beide Anführer haben ein sehr dünnes Fell.«

Kassian nickte. Er wusste, dass es sich für einen Diplomaten nicht gehörte, einer Kritik am eigenen Oberhaupt zuzustimmen, doch er konnte nicht anders. Davon abgesehen, schien seine Reaktion auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Zheng fuhr fort: »Nichtsdestoweniger weiß ich es zu schätzen, dass Sie an mich herangetreten sind. Ich will sehen, was ich tun kann.«

Kassian hoffte, dass man ihm die Erleichterung nicht ansah. »Dafür bin ich dankbar, Mr Zheng. Aber ich fürchte, ich muss Sie um noch etwas bitten.«

Der Botschafter schwieg.

»Die Wahrheit ist: Solange dieser Mann an der Spitze der DVRK steht, wird das meinen Präsidenten provozieren. Sie werden vielleicht einwenden, das sei verwerflich oder unverhältnismäßig. Womöglich sogar irrational. Und manch einer würde Ihnen wohl zustimmen. Aber so ist nun einmal die Faktenlage. Solange Nordkorea seinen gegenwärtigen Anführer behält, schweben wir in großer Gefahr. Das Risiko trifft natürlich größtenteils die DVRK, aber Chinas Überleben ist ebenfalls bedroht. Letzte Nacht hätte er auch entscheiden können, nur Nordkorea anzugreifen. Aber sein Befehl lautete, China ebenfalls zu attackieren. Solange dieses Regime existiert, schwebt Ihr Land in großer Gefahr. Die ganze Welt ist in größter Gefahr.«

»Sie bitten die Volksrepublik, den Anführer der DVRK zu stürzen? Allen Ernstes? Das soll ich mit meiner Regierung besprechen?«

Kassian gab ihm zu verstehen, dass er tatsächlich genau darum bat.

Zheng lächelte. »Jetzt weiß ich ganz sicher, dass Sie auf eigene Faust hier sind. Ihr Außenministerium hätte Sie niemals hergeschickt, um solchen Unsinn zu verzapfen! Das ist verrückt, Mr Kassian, völlig verrückt. Natürlich können wir dieser Bitte nicht nachkommen. Wenn wir das Regime in Nordkorea stürzen, würde das Land binnen einer Stunde kollabieren und bis zum Einbruch der Nacht komplett von Seoul aus regiert werden. Meine Regierung hat nicht vergessen, was 1989 in Deutschland geschehen ist. Damals fiel die Berliner Mauer, und einen oder zwei Tage später war Deutschland wieder vereint und wurde vom Westen regiert. Ein vereintes Korea wäre wunderbar für Amerika, aber nicht so gut für China. Wie ihr Amerikaner zu sagen pflegt: ›Den Film haben wir schon gesehen: Wir kennen das Ende!‹«

»Also werden Sie uns nicht helfen, obwohl ich ehrlich zu Ihnen war und meine Sorge ausgedrückt habe, dass auf Ihrem Territorium und in Ihrem Hinterhof ein vernichtender Atomkrieg droht?«

Zheng schüttelte den Kopf. »Ich kann Ihrer Bitte nicht nachkommen.« Er räusperte sich. »Vergessen Sie nicht: Peking unterscheidet sich nicht sehr von Washington. Vielleicht ist es nicht offensichtlich, und es wird wenig darüber berichtet, aber auch wir haben unsere Auseinandersetzungen. Gruppierungen, die um die Macht ringen. Käme mein Präsident Ihrer Bitte nach, würden uns einige sehr mächtige Leute deswegen Probleme bereiten. Das Risiko für ihn wäre zu hoch. Daher kann ich Ihnen den Gefallen nicht tun.«

»Das ist sehr bedauerlich.«

»Aber ich kann Ihnen etwas anderes anbieten.«

»Was wäre das?«

»Zeit.«

»Ich verstehe nicht ganz.«

Der chinesische Diplomat nahm die Brille ab, rieb sich die Augen und setzte die Gläser wieder auf. »Sie meinten, ich hätte einen gewissen Einfluss auf die Regierungskreise meines Landes, und, bei aller Bescheidenheit, damit haben Sie vielleicht sogar recht. Deshalb verspreche ich Ihnen Folgendes: Wir geben Ihnen fünf Tage, um das Problem, das Sie hier mit Ihrem Präsidenten haben, aus dem Weg zu räumen. Während dieser fünf Tage wird die Volksrepublik China unsere nordkoreanischen Freunde …«, er suchte nach der richtigen Formulierung, »zügeln. Nach Ablauf dieser fünf Tage können wir jedoch für nichts garantieren. Falls dann der junge Anführer in Pjöngjang erneut provoziert wird, ist es sein Recht, mit aller Macht zu reagieren. Sie stimmen mir sicherlich zu, dass das für uns alle ein Desaster wäre. Aber so muss es laufen. Ich wiederhole: Sie haben fünf Tage, Mr Kassian. Ich hoffe für uns alle, Sie nutzen die Zeit weise.«

Viertes Kapitel

Washington, D.C., Montag, 19.02 Uhr

Maggie war um neunzehn Uhr zu Hause. Das war sie nicht gewohnt, jedenfalls nicht aus der Amtszeit des vorigen Präsidenten. Damals waren achtzehn Arbeitsstunden täglich für sie normal gewesen. Es schien ewig her zu sein.

Am liebsten hätte sie sich aufs Bett geworfen, die Decke über den Kopf gezogen und wäre eine Woche liegen geblieben. Es war furchtbar, dass ihre Prioritäten derart durcheinandergeraten waren. Ihr Leben wäre ja noch halbwegs erträglich gewesen, hätte ihr Hauptproblem nur darin bestanden, dass ein fanatischer Soziopath – für den sie auch noch arbeitete – die freie Welt anführte. Doch den eigenen Freund dabei zu beobachten, wie er eine andere Frau anlächelte … wieso war das plötzlich zu viel für sie? Was für ein Mensch bist du, Maggie Costello?

Diese Frage stellte sie sich nicht zum ersten Mal. So etwas kam ihr fast immer unter ähnlichen Bedingungen in den Sinn. »Probleme mit dem Freund«, hatte Eleanor es im Büro genannt und damit Maggie das Gefühl gegeben, fünfzehn zu sein. Ihre Mutter hatte es früher am liebsten als »Herzschmerz« bezeichnet.

Ihre Freunde – und ihre Familie – waren sich darin einig: Maggie neigte einfach dazu, sich die falschen Männer auszusuchen. Meist entschied sie sich für Kerle, die entweder gar nicht zu ihr passten oder augenscheinlich liiert waren. Natürlich hatte sie schon reichlich Erfahrungen mit Exemplaren der ersten Kategorie gesammelt. Flüchtig dachte sie an Edward, ihren ersten Freund in Washington, einen gestörten Kontrollfreak. Wie lustig: Sie hatten zusammengewohnt, und heute dachte sie kaum noch an ihn.

Maggie blickte auch durchaus auf Erfahrungen mit Männern der zweiten Kategorie zurück, auf Beziehungen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen waren. Sie dachte an die Zeit, als sie im Team einer privaten Organisation eine Waffenruhe im Kongo hatte aushandeln sollen. Sie war deutlich jünger als heute und hatte sich auf den Anführer einer bewaffneten Gruppierung eingelassen und damit ihren Status als Vermittlerin gefährdet. Dieser Fehler war sie teuer zu stehen gekommen. Die Affäre war zwar spannungsgeladen und intensiv gewesen, doch hätte die Beziehung niemals funktioniert, das war ihr inzwischen längst klar – aber es hätte ihr damals schon klar sein müssen.

Dann fiel ihr Uri wieder ein, der Mann, den sie in Jerusalem kennengelernt hatte und der ihr nach Amerika gefolgt war. Bei ihm hatte eigentlich alles gepasst. Er war attraktiv, klug und liebevoll, und er hätte ihr auch zur Seite gestanden; ein Mann, der sesshaft werden und eine Familie gründen wollte. Doch Maggie war noch nicht bereit für ihn gewesen, viel zu rastlos, als dass sie sich auf einen Ort oder eine Person hätte festlegen wollen. Damals hatte sie die Beziehung beendet. Der richtige Mann zur falschen Zeit.

Sie lag bereits im Bett, als das Telefon klingelte. Scheiße. Sie war mit Richard verabredet – sie wollten bei ihr zu Hause chinesisches Essen bestellen. Was, wenn er der Anrufer war? Sie wollte ihn nicht sehen, freute sich aber, dass er vorhatte vorbeizukommen. Oder auch nicht. Sie wusste es nicht genau.

Sie blickte aufs Smartphone. Nicht Richard, ihre Schwester.

»Hi, Liz.«

Einen Moment herrschte Schweigen, dann sagte eine Stimme: »Oh, Maggie.«

»Was? Was ist los? Ist den Kindern etwas passiert? Geht es ihnen gut?«

»Ja«, schniefte ihre Schwester. »Es geht ihnen gut. Deswegen rufe ich nicht an.«

Maggie hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass Liz sie inzwischen frühabends anrief – sie lebten noch nicht lange in derselben Zeitzone. Vor zwei Jahren hatte der Mann ihrer Schwester einen Job in Atlanta angenommen, und Liz’ Familie war aus Dublin weggezogen, nachdem auch Liz eine Stelle als Lehrerin in den Staaten gefunden hatte. »Jetzt, da Ma tot ist«, meinte Liz damals, »ist das doch sinnvoll, findest du nicht?« Sie hatte ihr natürlich zugestimmt, wenn auch nicht voller Überzeugung. Der Atlantik war immer ein hervorragender Abstandhalter zwischen Maggie und ihrer Familie gewesen, und so war ihr kein Grund eingefallen, warum man das hätte ändern sollen.

»Weswegen rufst du dann an? Hast du etwas? Bist du krank?«

»Nein. Nichts dergleichen. Erinnerst du dich, dass ich dir von diesem Mädchen aus meiner Klasse erzählt habe?«

»Welches?« Maggie war schon in der Küche und öffnete wahllos Schranktüren, auf der Suche nach einer Flasche Whisky. Sie konnte mit diesem Hipsterzeug nichts anfangen, von dem Richard behauptete, dass er es so mochte.

»Mia.«

»Das Mädchen, das vergewaltigt wurde?«

»Ja. Ein wirklich zauberhaftes Mädchen. Still, aber klug. Der nachdenkliche Typ.«

»Was ist geschehen?«

»Tja, sie ist schwanger.«

»Himmel.«

»Ja. Und sie wollte einen Schwangerschaftsabbruch. Sie hat darüber nachgedacht. Hat sich beraten lassen. Und sie meinte: ›Auf keinen Fall will ich dieses Baby.‹«

»Klar.«

»Aber jetzt rate mal.«

»Dank des Supreme Courts gibt es innerhalb von sechshundert Meilen für sie keine Möglichkeit, eine Abtreibung vornehmen zu lassen.«

»Oh nein.« Maggie fand eine Flasche Laphroaig hinter einigen Dosen mit geschälten Tomaten. Ein paar der Konserven hatten ein Verfallsdatum, das bereits vor 9/11 abgelaufen war. Sie schenkte sich ein Glas ein.

»Keine Ausnahmen, weißt du noch? Nicht mal bei Vergewaltigung oder Inzest. Höchstens, wenn ›das Leben der Mutter gefährdet ist‹. Sie war bei der Beratung. Hat mit Ärzten gesprochen und wollte nachweisen, dass ihr Leben in Gefahr ist.«

»Du machst Witze.«

»Nein, im Ernst. Und sie findet keinen einzigen Arzt, der ihr das attestiert.«

»Wie kann das sein? Wie schwer ist es, einen …«

»Ich habe mit meinem Schuldirektor geredet, ihm gesagt, dass wir etwas unternehmen müssen. Ich war bei der Polizei. Keiner hat mir zugehört. Und Mia sagt mir: ›Ich spüre, wie dieses Ding in mir wächst. Wegen ihm. Das ertrage ich nicht, Ms Costello. Das ertrage ich nicht.‹«

Furcht keimte in Maggie auf. Sie leerte das Glas in einem Zug. Und schenkte sich nach. »Erzähl weiter.«

»Ich habe einen Plan geschmiedet. Ich dachte, ich treibe Geld auf und setze sie in ein Flugzeug nach England. Oder nach Kuba – irgendwohin. Jedenfalls bringe ich sie hier raus, und dann organisieren wir die Abtreibung. Ich wollte mich heute mit ihren Eltern treffen, um das zu besprechen.«

»Was ist passiert?«

Maggies jüngere Schwester gab einen erbärmlichen Jammerlaut von sich, dann konnte sie ihren Tränen keinen Einhalt mehr gebieten und weinte hemmungslos. Maggie war klar, was geschehen sein musste, doch sie wartete geduldig, bis ihre Schwester es selbst aussprach.

»Heute Morgen … war sie nicht in der Schule.« Wieder schluchzte sie. »Und ich hab mir Sorgen gemacht. Ich hatte ein ungutes Gefühl, weißt du?«

»Ja.«

»Und dann, heute Nachmittag …« Liz rang um Worte. »Heute Nachmittag, nach der Schule, ist Mias Schwester nach Hause gegangen. Sie ist erst zwölf, die Kleine. Sie kommt nach Hause. Und findet … findet …«

Fassungslos wartete Maggie auf das Unvermeidliche.

»Sie sieht sie von der Decke baumeln. Die eigene Schwester!«

Nun war es ausgesprochen. Maggie krampfte sich der Bauch zusammen. »Oh, Liz, das tut mir so leid. Das ist ja furchtbar.«

»Ich kann es nicht glauben, Mags. Das ist so schrecklich.«

»Das ist wahr.«

»Ich meine, was stimmt nicht mit diesem Land? Hier ist doch alles im Arsch.« Liz putzte sich die Nase, riss sich zusammen. »Wegen des Urteils des beschissenen Supreme Courts. Wegen eines Urteils, das mit einer Stimme Mehrheit zustande kam, ist jetzt ein hübsches, kluges, freundliches Mädchen tot. Tot.«

Maggie ahnte, was ihre Schwester als Nächstes sagen würde.

»Und wer hat wohl diese eine Stimme abgegeben? Hm, Maggie? Wer war das?«

»Ich weiß schon.«

»Diese eine Stimme Mehrheit verdanken wir dem Präsidenten, der diesen mittelalterlichen Bastard als Richter am Supreme Court eingesetzt hat. So kam es dazu.«

»Liz …«

»Ich kann nicht glauben, dass du für diesen bösen Mann arbeitest, Maggie. Ich kann es einfach nicht glauben.«

»So einfach ist das nicht …«

»Meine eigene Schwester! Meine anmaßende Schwester, die die Welt retten, den Armen helfen und alle Kriege beenden will! Die verdammte heilige Maggie Costello arbeitet für diesen Mann. Sie dient dem bösen Mann.«

»Es ist nicht so, dass ich …«

»Ich will’s nicht hören, Maggie. Mia ist tot, und du hilfst dem Kerl, der sie umgebracht hat. Basta.«

Mit diesen Worten legte sie auf. Maggie, die die ganze Zeit in der Küche gestanden hatte, sank auf einen Stuhl. Nicht zum ersten Mal dachte sie, dass die bittersten Meinungsverschiedenheiten stets die waren, bei denen die anderen recht behielten und man selbst unterlag. Wie aufs Stichwort überkam sie wieder dieses starke Schuldgefühl, das wohl weit schlimmer für sie war, als Liz sich je hätte vorstellen können. Doch ehe die Schuld sie überwältigen konnte, klingelte es unten an der Tür. Richard.

Vor dem Anruf ihrer Schwester hatte Maggie allein sein wollen. Jetzt hingegen kam ihr die Ablenkung gerade recht. Unbewusst begrüßte sie die Möglichkeit, ein paar Gegenargumente zu hören: Sie wusste, Richard würde ihr beteuern, dass sie nichts Falsches tat. Es würde ihr guttun, das zu hören, auch wenn sie im Grunde nicht daran glauben konnte.

Sie öffnete die Haustür und ließ ihn – zu ihrer eigenen Überraschung – nicht zu Wort kommen. Stattdessen küsste sie ihn lange und leidenschaftlich. Er war größer als sie, hatte dichtes dunkles Haar, das in einer Weise frisiert war, dass er als Vierzigerjahre-Kinostar hätte durchgehen können. Vor Kurzem hatte er sich aus Respekt vor der neuen Regierung (und zu Maggies Bedauern) glatt rasiert. Sie fand, mit Bart sah er aus wie ein Franzose, ein Intellektueller. Aber Richard hatte den Präsidenten sagen hören, bärtige Männer seien »unzuverlässig«.

Er erwiderte ihren Kuss und ließ die Tasche zu Boden fallen. Richard drängte sie in die Wohnung, steuerte sie Richtung Schlafzimmer. Sie löste seinen Gürtel und zog ihm die Kleider aus, genoss den Anblick der nackten Haut, wie sie sich anfühlte und schmeckte. Sie wollte so viel von ihm verschlingen wie möglich. Ihre Begierde war groß und brennend.

Erst eine ganze Weile nach neun unterhielten sie sich auf dem Sofa, beide in einer Kombination aus Unterwäsche, Jogginghose und Pyjama. Diverse Kartons mit chinesischem Essen standen vor ihnen auf dem Tisch. Draußen nieselte es, der Fernseher lief. Es war gemütlich.

Maggie erzählte ihm von dem Telefonat mit Liz. Er nickte verständnisvoll, als sie die Geschichte des Mädchens wiedergab, anschließend nahm er sie in den Arm. Eine Zeit lang saßen sie schweigend da.

Dann begannen sie, die neuesten Gerüchte von ihrem Arbeitsplatz auszutauschen. Man hatte ihm zugetragen, der Präsident habe mitten in der Nacht eine Art Wutanfall gehabt: Im Büro munkelte man, er habe wieder mit der First Lady um die Wette gebrüllt. Sie war kaum anwesend; der Stab nannte sie »die unsichtbare Frau«. Doch das hielt sie und den Präsidenten nicht davon ab, sich häufig über das Telefon zu streiten. Richard meinte, der Wutanfall der vergangenen Nacht hätte allerdings ein völlig neues Ausmaß erreicht. »Die sind hemmungslos aufeinander losgegangen«, sagte er.

Maggie hörte ihm halbherzig zu. Über die Arbeit zu reden bedeutete für sie, dass sie sich zurückhalten musste. Sie durfte die Dokumente nicht erwähnen, die sie im Laufe des Tages von Crawford McNamaras Assistenten erhalten hatte. Was er die »Barbie-Skandale« nannte, bezog sich auf ein Verhalten des Präsidenten, für das geringere Männer wegen sexueller Belästigung diszipliniert worden wären – oder wegen sexueller Nötigung angeklagt. In einem Fall hatte sich eine Toilettenreinigungskraft aus dem Wohnbereich des Weißen Hauses bei ihrem Vorgesetzten beschwert: Der Präsident habe sie in die Gästetoilette gedrängt und ihr zwischen die Beine gefasst. Der Vorgesetzte hatte der Reinigungsfrau – zweifellos in aller Ausführlichkeit – erklärt, was für eine ernste Anschuldigung diese Behauptung darstellte und dass ihr schlimme Konsequenzen drohten, sollte sich die Anschuldigung als falsch herausstellen. Es war kaum überraschend, dass die Frau daraufhin die Angelegenheit nicht weiter aufbauschen wollte.

Körperlich weniger übergriffig, doch umso schockierender war eine diskrete diplomatische Note, die die niederländische Botschaft dem Weißen Haus über das Außenministerium geschickt hatte. Sie besagte, die Niederlande würden derzeit keine offizielle Beschwerde einreichen; indes wolle man festhalten, dass die Botschafterin es als äußerst unangemessen empfand, wie der Präsident sie kürzlich bei einem diplomatischen Empfang geküsst hatte. Das habe sie in Verlegenheit gebracht und sehr bedrückt. Es gebe diverse Augenzeugen, die die Version der Botschafterin bestätigten. Daher halte man es für »klug, ihre Beschwerde mit Haltung zu akzeptieren und sicherzustellen, dass etwas Derartiges nicht wieder vorkomme«.

Maggie konnte über die Unverfrorenheit des Präsidenten nur staunen. Sie malte sich aus, wie ihr alter Mentor, Stuart Goldstein, darauf reagiert hätte. Die Chuzpe dieses Mannes ist unglaublich, hätte er gesagt. Schlimm genug, so etwas mit einer Bediensteten zu tun, die er brutal zum Schweigen bringen konnte – so sahen die Realitäten in der Gesellschaft Washingtons leider aus –, aber auch noch mit einer ausländischen Botschafterin … vor Augenzeugen!

Noch bedenklicher war: Selbst wenn dieser Vorfall an die Öffentlichkeit gelangte, hieß das nicht, dass ihm das allzu großen Schaden zufügte. Seiner Präsidentschaft würde so eine Sache jedenfalls bestimmt nicht nachhaltig schaden, waren ähnliche Fälle doch bereits während des Wahlkampfs publik geworden. Leute wie Maggie hatten damals fälschlicherweise geglaubt, das werde seiner Kandidatur das Genick brechen. Doch nichts dergleichen war geschehen. Warum also sollte es jetzt anders sein? Vermutlich wussten die Holländer das ebenfalls und hatten ihre Beschwerde deshalb so diskret vorgebracht.

Maggie beschloss, nichts zu dieser Sache zu sagen, und lauschte Richards Geplapper. Ab und an erwiderte sie etwas, doch im Grunde kreiste das Gespräch um kein spezielles Thema, schon gar nicht um die beiden Dinge, die Maggie am meisten beschäftigten.

Schließlich sagte sie so entspannt wie möglich: »Ich hab dich heute aus dem Oval Office kommen sehen. Ganz schöner Aufstieg.«

»Das stimmt. Das Zweitbeste, was mir heute passiert ist.« Er streichelte ihre Wange und sah ihr in die Augen.

Maggie spürte, dass sie errötete. Hatte sie ihre Beobachtung falsch ausgelegt? Wäre nicht das erste Mal gewesen. »Wie kam es dazu?«

»Frank ist nicht da. Sie brauchten für das Meeting jemanden mit Verbindungen zur Wirtschaft.«

»Worum ging es in der Besprechung?«

»Komm schon, Mags. Grundregeln, weißt du noch? Chinesische Mauer. Auch zu Hause.«

Maggie angelte sich eine Nudel vom Teller. »Du meinst, du hast etwas besprochen, das die Rechtsabteilung des Weißen Hauses interessieren könnte? Soll ich die Ethikkommission verständigen?«

»Maggie!«

So entspannt und beiläufig wie möglich fügte sie hinzu: »Ich hab gesehen, seine Tochter war auch da.«

»Ja, sie ist irgendwann dazugestoßen.«

»Oh, sie war gar nicht von Anfang an dabei?«

»Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht mehr genau erinnern.«

Maggie behielt Richards Hals im Blick, der immer eine Menge über ihn verriet.

Er schluckte.

»Also, entweder war sie von Anfang an dabei oder nicht.«

»Ist das ein Verhör? Liest du mir gleich meine Rechte vor?«

»Tut mir leid.« Maggie stand auf und ging in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Von dort rief sie in möglichst unbekümmertem Ton: »Und? Wie ist sie so?«

»Wer?«

»Du weißt, wen ich meine. Ihr scheint euch gut zu verstehen.«

»Tja, sie ist genau, wie alle sagen. Sehr charmant.«

»Très charmante.«

»Genau.«

Maggie nahm wieder ihren Platz auf der Couch ein. Nur zu gern hätte sie Richard gefragt, was die beiden sich gegenseitig auf ihren Smartphones gezeigt hatten, hielt sich aber zurück. Sie wollte schließlich nicht als Stalkerin daherkommen. »Und auch noch attraktiv.«

Er grinste, beugte sich vor und kitzelte Maggie. Dann küsste er sie. »Maggie Costello, ich glaube, du bist eifersüchtig.«

Sie lachte. »Natürlich nicht. Nichts in der Art. Allein der Gedanke …«

»Sicher nicht?« Er griff nach der Fernbedienung.

»Sicher nicht. Und sei es nur, weil ich um nichts in der Welt ertragen könnte, diesen Mann zum Vater zu haben.«

»Sind wir jetzt wieder bei diesem Thema?«

»Hab ich dir eigentlich erzählt, was McNamara heute von mir wollte?«

»Moment.« Richard hatte CNN eingeschaltet. Über einem Laufband mit Breaking News waren Livebilder zu sehen: Demonstranten in Florida, die sich mit Uniformierten anlegten. Richard stellte den Ton lauter.

»… sind in der letzten Stunde eskaliert. Wie Sie wissen, Kelly, wurden Polizisten der neuen United States Deportation Force ins ganze Land entsandt. Das ist Teil der ersten Phase, in der unregistrierte Migranten aufgespürt werden sollen. Hier sind in großer Zahl bewaffnete Trupps aufmarschiert. Aber wie Sie sehen, treffen sie auf energischen Widerstand. Die Bewohner Miamis haben eine Menschenkette gebildet und wollen die USDF nicht durchlassen. Aber Sie sehen, Kelly, dass die Officers rings um mich herum Schlagstöcke tragen, und sie … Hey, Moment mal … Die schlagen direkt vor mir auf zwei Männer ein. Presse! Wir gehören zur Presse! Es tut mir leid, Kelly, ich weiß nicht, ob Sie mich noch hören können. Dave, unser Kameramann, liegt am Boden. Ich werde versuchen … Wir gehören zur Presse! CNN! … Die USDF-Leute stürmen gerade in die Menge. Sie scheinen jedem, der ihnen im Weg steht, den Kopf einzuschlagen. Die Menschen schreien und rennen und versuchen zu fliehen. Es sind auch Kinder hier, Kelly …«

Richard schaltete den Fernseher aus.

Schweigend saßen sie eine Weile da, bis Maggie sagte: »›Ich kann nicht glauben, dass du für diesen bösen Mann arbeitest.‹ Das hat Liz zu mir gesagt.«

»Hör mal, darüber haben wir doch gesprochen«, erwiderte Richard. »Wir sind entweder wie alle anderen in diesem Land, schauen uns auf dem Sofa die Nachrichten an und tun nichts. Oder wir bleiben auf unseren Posten. Als Insider. Nur dort können wir etwas bewirken.«

Maggie hatte sich an diese Aussage geklammert, sie im Stillen monatelang wiederholt. Diese Einstellung war ihr weit wichtiger, als die meisten ahnten. Sie wünschte sich so sehr, dass die Aussage wahr sein möge. Wie sollte sie das alles sonst je wiedergutmachen? »Aber was können wir schon verändern, Richard? Schau dir das doch nur an.«

Sie griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher wieder ein. Die Bilder erinnerten an einen heftigen Aufstand. Einige Demonstranten hatten Autoreifen in Brand gesteckt. In der Ecke des Bildschirms war zu erkennen, dass ein USDF-Offizier auf einen reglosen Mann am Boden einprügelte.

Maggie erhob sich. »Das ist falsch, Richard. Etwas wird zerbrechen, schon bald. Ich kann es spüren.«

Fünftes Kapitel

Das Watergate-Gebäude, Washington, D.C., Montag, 19.25 Uhr

»Bitte sehr. Scotch mit Wasser, ohne Eis. Lass uns auf dem Balkon reden.«

Robert Kassian folgte Jim Bruton durch das Wohnzimmer nach draußen. Bruton schloss die Tür hinter ihnen. »Man kann nicht vorsichtig genug sein.«

Es war ein warmer Maiabend in Washington – in der kostbaren Zeit zwischen dem eiskalten Winter und dem stickig-feuchten Sommer. Kassian lebte schon über zehn Jahre hier, trotzdem mochte er die Stadt nicht besonders. Er träumte oft davon, wieder in die alte Heimat Cleveland zu ziehen – oder vielleicht nach Kalifornien. In Washington konnte man es allenfalls im Frühling aushalten.

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