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Der Meister des Siebten Siegels

Inhalt

Personen

Bericht an  Kardinal Montaldo

Lissabon,  April 1588

Brief an  Königin Elizabeth I.

London,  den 6. März 1590

Das Berggericht, Schwaz 1590

Bericht  William Davison

Sonntag,  der 4. Februar, 10.00 Uhr

Sonntag, der 4. Februar, 10.15 Uhr

Sonntag, der 4. Februar, 10.25 Uhr

Sonntag, der 4. Februar, 10.40 Uhr

1  Die Katastrophe, Schwaz 1574

1. Tagebuch  Adam Dreyling

Montag,  der 26. April

Dienstag, der 27. April

Mittwoch, der 28. April

Das Berggericht, Schwaz 1590

Bericht  William Davison

Sonntag,  der 4. Februar, 10.50 Uhr


 

Personen

DAS BERGGERICHT

Erasmus Reisländer: Bergrichter

Leoman von Schiller-Herdern: Kanzler von Tirol, Ankläger

Adam Dreyling zu Wagrain: Angeklagter

Nicklas Findler: Fronbote

Markus (Marx) Fugger: Erster Gewerke in Schwaz

Dr. Johann Dreyling: Hofrat, Halbbruder des Angeklagten

Baron Hans Christoph Löffler: Geschützgießer zu Innsbruck

Katharina Endorferin: seine Tochter

Alexander Endorfer: Kanzleischreiber, ihr Gatte

William Davison: Beobachter Englands

Monsignore Umberto d’Angelis: Beobachter des Heiligen Stuhls

Zenon Querini: Beobachter Venedigs

Don Cristóbal María de Alvarez: Beobachter Spaniens

Karl Freiherr von Wolkenstein: Vizestatthalter zu Innsbruck

Georg Scherer S.J.: Hofprediger zu Innsbruck

Dr. Justinian Moser: Geheimer Rat, Visitator zu Innsbruck

SCHWAZ

Erzherzog Ferdinand II. Habsburg: Landesherr zu Tirol

Markus (Marx) Fugger: Erster Gewerke in Schwaz

Siegmund Fugger: Alchemist, sein Onkel

Erasmus Reisländer: Bergmeister

Adam Dreyling: Schiener

Maria Dreyling: seine Frau

Ulrich Dreyling: Schmelzmeister, sein Bruder

Dr. Johann Dreyling: Hofrat, sein Halbbruder

Regina Dreyling: seine verwitwete Stiefmutter

Peter Gstein: Schichtmeister am Falkenstein

Nandel Kunzmeier: Bergknappe

Korbi Brandhuber: Bergknappe

Jos Ammer: Bergknappe

Ambros Mornauer: Silberbrenner

Thomas Hasl: Schichtmeister am Falkenstein

Pater Conrad: Guardian der Franziskaner in Schwaz

Georg Scherer S.J.: Hofprediger zu Innsbruck

Willi Davido: Kupferhändler aus Meran

INNSBRUCK

Hans Christoph Löffler: Geschützgießermeister auf dem Gänsbichel

Elisabeth Löfflerin (Geizkofler): seine Gattin

Katharina Löfflerin: ihre Tochter

Max Löffler (Brettschneider): sein Bastardsohn

Alexander III. Endorfer: Kanzleischreiber zu Innsbruck

Alexander Colin: Hofbildhauer zu Innsbruck

Willi Davido: Kupferhändler

Toni Hebsteller: Altgeselle in der Gießerei

Pietro: Geselle in der Gießerei

Pantaleon: Geselle in der Gießerei

Bartlme: Heizer in der Gießerei

Lienhard: Schmelzmeister in der Gießerei

Antonia: Bedienstete im Haus Löffler

Franz »der Rosenheimer«: Bediensteter im Haus Löffler

VENEDIG

William Davison: Agent Walsinghams

Doña Ysabel: Agentin Walsinghams

Zenon Querini: Provveditore der Erhabenen Republik

Marcantonio Querini: Admiral der Erhabenen Republik, sein Bruder

Joseph von Furttenbach: Admiral Genuas

Antonio Giustinani: Gießermeister im Arsenal zu Venedig

Isaac Nieto: Davisons Verbindungsmann im Ghetto Nuovo

Rabbi Isaak Silbermantel: Gelehrter und Tarotmeister

Maria Cavallino: die teuerste Kurtisane Venedigs

Sir Richard Grenville: englischer Kapitän

ENGLAND

Elizabeth Tudor: Königin von England, Frankreich und Irland

Sir Francis Walsingham: Erster Staatssekretär der Königin

William Cecil, Baron of Burghley: Lordschatzmeister

Dr. Matthew Baker, Sieur de Rochester: Erster Schiffsbaumeister

Peter Pett: Schiffsbaumeister in Deptford

Phineas Pett: Schiffsbaumeister in Deptford, sein Sohn

Richard Chapman: Schiffsbaumeister in Woolwich

Charles Howard of Effingham, Earl of Nottingham: Lordadmiral

Robert Dudley, Earl of Leicester: Favorit der Königin

George Clifford, Earl of Cumberland: Höfling und Kapitän

Lady Margaret Simpson: seine Geliebte

Lady Joan Cranbrook: Hofdame der Königin, seine Nichte

Lady Susan Pocklington: Hofdame der Königin

Robert Ambros, Earl of Warwick: Verwalter der Artillerie

Sir Walter Raleigh: Kapitän der königlichen Garde

John Hawkins: Staatspirat, Schatzmeister der Marine, Vizeadmiral

Sir Francis Drake: Staatspirat, Entdecker, Vizeadmiral, sein Neffe

Martin Frobisher: Staatspirat, Entdecker, Vizeadmiral

Lord Henry Seymour: Vizeadmiral

Sir William Winter: Master des Ordnance Board und Navy Board

George Winter: Beauftragter für königliche Schiffe, sein Bruder

George Fenner: Kapitän

Thomas Fenner: Kapitän

Thomas Fleming: Kapitän

Lord Thomas Howard: Kapitän, Bruder des Lordadmirals

Sir Edward Hoby: Sekretär der königlichen Flotte

Samuel Clerke: Geschützmeister auf der ARK ROYAL

Lord Buckhurst: Verantwortlicher für die Küstenverteidigung

Federico Giambelli: Ingenieur für schwimmende Bomben

Samuel Owen: Geschützgießer

Henry Pitt: Geschützgießer

Thomas Orthmann: Altgeselle in Mayfield Furnace

Isaac Foulon: Former in Mayfield Furnace

Humphrey Pickfatt: Heizer in Mayfield Furnace

Jonathan Stanton: Schreinermeister in Mayfield Furnace

Vladyslav Graf Rzeszówski: Polnischer Gesandter in London

Jacobe (Jakob) Halder: Erster Plattnermeister

Richard Gibbes: Agent Walsinghams

Edward Alleyn: Direktor des Rose-Theaters

Will Shakespeare: Dichter und Schauspieler

Maria Stuart: Exkönigin von Schottland

Philipp II.: König von Spanien und Portugal

Alonso de Guzman, Herzog von Medina Sidonia: Spanischer Admiral

Alexander Farnese, Herzog von Parma: Statthalter der Niederlande

Juan Martínez de Recalde: spanischer Vizeadmiral

Diego Florez de Valdéz: spanischer Vizeadmiral

KRAKAU

Sigismund August Wasa: König von Schweden und Polen

Richard Meyerholdt: Kapitän der WITCH OF CUMBER CASTLE

Sven Larsson: Kapten des schwedischen Regiments Södermanland

Ulrich Dreyling, Baron von Novgorod Sjewersk, Adams Bruder

Jadwiga Dreyling (Bethman): seine Frau

Klementyna Montelupich: Tochter des Post-Zaren

Levi Landau: Handelsherr in Kazimierz

Izaak Jakubowitcz: Bankier in Kazimierz

Israel Isseries Auerbach: Handelsherr in Kazimierz

Rabbi Joseph Kac: Rektor der Talmudischen Akademie in Krakau

Rabbi Nathan Spira: Kabbalist

Bericht an
Kardinal Montaldo

Lissabon,
April 1588

Bericht eines Sonderbeauftragten des Vatikans über das Gespräch mit Admiral Juan Martínez de Recalde, Führer der Biscaya-Flotte, an Kardinal Montaldo, Nuntius in Madrid …

Ich fragte ihn unverblümt:

»… und wenn Ihr im Kanal auf die englische Armada stoßt, erwartet Ihr, die Schlacht zu gewinnen?«

»Natürlich«, antwortete der höchste und erfahrenste Offizier der spanischen Flotte.

»Woher nehmt Ihr diese Gewißheit?«

»Das ist einfach genug. Es ist altbekannt, daß wir für Gottes Sache streiten. Wenn wir also auf die Engländer treffen, wird Gott es sicherlich so einrichten, daß wir an sie herankommen und entern können, entweder dadurch, daß Er uns plötzlich ein unberechenbares Wetter schickt oder – was noch wahrscheinlicher ist – den Engländern einfach den Verstand verwirrt. Wenn wir aneinander geraten, werden spanische Tapferkeit und spanische Klingen – dazu die Unmassen von Soldaten, die wir an Bord haben – uns sicher den Sieg einbringen.

Wenn Gott uns jedoch nicht mit einem Wunder hilft, werden die Engländer, die schnellere und manövrierfähigere Schiffe und vor allem Geschütze mit größerer Reichweite haben als wir und diesen ihren Vorteil ebenso kennen wie wir, sich auf keinen Nahkampf einlassen, sondern uns aus entsprechender Entfernung mit ihren Feldschlangen in Stücke schießen, ohne daß wir ihnen das geringste anhaben können.

Und so« – schloß der Admiral – »segeln wir gen England in der vertrauensvollen Hoffnung auf ein Wunder …«

Brief an
Königin Elizabeth I.

London,
den 6. März 1590

Euer Majestät!

Dank Eurer Majestät und Gottes Güte bin ich heute in der erfreulichen Lage melden zu dürfen, daß der Fall des Geschützgießers Adam Dreyling in dem von Euer Majestät erwünschten Sinne abgeschlossen werden konnte.

Beiliegend erlaube ich mir Euer Majestät den Bericht zu überreichen, welchen Euer ergebenster Diener William Davison verfaßt hat, der, wie ich erinnern darf, Euer Majestät schon früher in heiklen Missionen vorzügliche Dienste zu leisten die Ehre hatte.

Erklärend habe ich, mit Euer Majestät gütigster Erlaubnis, Auszüge jener Geheimprotokolle beigefügt, die durch William Davison und seine Helfer für mich angefertigt wurden und die auf den umfassenden Aufzeichnungen besagten Geschützgießers Adam Dreyling beruhen. Euer Majestät mögen aus dessen eigenen Ausführungen am besten ermessen, wie wichtig die Besitznahme der Dokumente für die Krone und wie weise die Entscheidung Euer Majestät zur Person besagten Geschützgießers Adam Dreylings waren.

In tiefster Ergebenheit
Euer Majestät treuester Diener

Sir Francis Walsingham

Das Berggericht

Schwaz
1590

Bericht
William Davison

Sonntag,
der 4. Februar, 10.00 Uhr

»Benedicat vos omnipotens Deus, Pater et Filius et Spiritus Sanctus.«

Weit ausholend schlug der Hofprediger Georg Scherer S.J. in seiner scharlachroten Kasel das Zeichen des Kreuzes über der Gemeinde.

»Amen«, murmelte die tausendköpfige Menge.

Der Priester breitete die Arme aus:

»Ite, missa est!«

»Deo gratias!«

Nochmals beugte der Jesuitenpater tief das Knie, verließ gemessenen Schrittes mit seinen Ministranten den hohen Altar und schritt zur Sakristei.

Nach der Zahl des gläubigen Volkes und der anwesenden Bergknappen zu urteilen, hätte diese Messe zum fünften Sonntag nach Erscheinung des Herrn mindestens die Rangstufe »Duplex I. mit privilegierter Oktav 1. Ordnung« genau wie zu Ostern, dem höchsten Kirchenfest, verdient gehabt.

Ein Raunen und Murmeln, ein Scharren und Husten durchlief den Kirchenraum, doch niemand in der bis zum letzten Winkel gefüllten Kirche machte Anstalten, das Gotteshaus zu verlassen.

Die Männer und Frauen, die dicht an dicht in den Seitengängen und unter der aus rotem Marmor gemauerten Empore standen, sich gar in den Knappenchor hineindrängten, bereuten es nicht, den Weg aus Jenbach und Rattenberg, aus Brixlegg, Vomp und Wattens, aus Hall und sogar aus Innsbruck auf sich genommen zu haben. Auch wenn manch neidischer Blick die Bürger von Schwaz traf, die in ihren seit Generationen reservierten Kirchenstühlen hockten, die geschnitzten Türlein zu den Gängen gegen die Ortsfremden fest verschlossen.

Einen Trost freilich hatten sie, die Neugierigen aus der Umgebung: Wenn es erst zum Richtplatz ging, würden sie vor den anderen aus der Kirche kommen, würden die Schnelleren sein, würden das blutige Spektakel, das Foltern und Schinden, das Reißen und Stechen und Hacken in vorderster Reihe verfolgen können.

Ein wenig seltsam mischte sich diese Vorfreude mit den verklungenen Paulus Worten der Epistel:

»Brüder! Als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte, ziehet an mitleidiges Erbarmen, Güte, Demut, Bescheidenheit, Geduld. Ertraget einander und verzeihet einander, wenn einer über den anderen zu klagen hat. Wie der Herr vergeben hat, so sollt auch ihr tun.«

Doch der Jesuitenpater hatte in seiner girlandenreichen Predigt dargelegt, daß dies allein für wahre Christen gelte. Nicht aber für Teufelsdiener und Räuber, Sakrileger und reißende Bestien wie jenen, der heut und hier abgeurteilt werden solle, für das Ungeheuer, das Not und Tod von Tausenden auf seinem Gewissen habe.

Ebenso erwartungsvoll wie das Volk von außerhalb saß an diesem Sonntag die Gemeinde in zwei Chören säuberlich getrennt auf den Bänken. Der nördliche Leutchor war mit Bürgern, Kaufleuten, Handwerkern besetzt; im südlichen Knappenchor, wo das Gerichtsspektakel stattfinden sollte, drängte sich die Berggemeinde.

Zwischen beiden erhob sich ein mannshoher Bretterzaun.

Die Ursache für diese Teilung lag nicht bei Gott als kommendem Richter. Sie lag in der irdischen Gerichtsbarkeit. Es gibt in Schwaz nicht nur eine Gemeinde, sondern deren zwei: die Bergwerksgemeinde unter Aufsicht des Bergrichters und eine Bürgergemeinde aller Nichtbergleute unter dem Landrichter. Zwei rivalisierende Gemeinden unter einem Dach, getrennt durch eben jenen drei Ellen hohen Bretterzaun entlang der mittleren Säulenreihe – Gottes Wort und Lehre verhöhnend, aber notwendig, auf daß aus dem Gotteshaus neben geistlicher Erbauung nicht auch leibliche Blessuren davongetragen werden.

Ein Aufatmen ging durch die Menge. Franziskanermönche aus dem nahe gelegenen Kloster begannen die Bretterwand mit schnellen, geübten Griffen einzulegen.

Beifälliges Gemurmel durchzog den Leutchor.

Überraschend die Mächtigkeit des Langhauses, das wie ein weiter Saal wirkte, jetzt, wo der Zaun fiel. Drei Reihen massiver Rundsäulen gebändert und zusammengefügt aus rotem Marmor, schwarzem Kalk und gelbem Tuff, verliehen der Halle nach allen Seiten bis hinauf zum hohen Gewölbehimmel eine unvermutete Farbigkeit.

Jedoch im selben Augenblick, als durch die großen, hellen Fenster das Sonnenlicht flutete, das die morgendliche Nebeldecke über Schwaz durchbrach, erzeugte das Licht einen gespenstischen Kontrast zu dem schwarzbraunen Leder und den spitzen, weißen Gugelhauben der Bergleute im südlichen Knappenchor. Wie ein stolzes Abzeichen für ihre Zugehörigkeit zum Berg trugen sie alle den schweren, ledernen Schurz, das Arschleder, um die Hüften gebunden.

»Von unten rädern – erst die Knöchel, dann die Schienbeine, die Knie …«, zischelte die Engensteinerin unterdessen aufgeregt in der Bank, neben meinem Standplatz.

Ein breitschultriger Mann mit schwarzem Haarschopf und einem ausgeschlagenen Schneidezahn beugte sich, nun nicht mehr von dem trennenden Zaun behindert, um die Säule herum:

»Gar nichts werdet Ihr sehen, Meisterin. Der Mann ist des Bergfrevels angeklagt. Und wenn man ihn richtet, dann werden nur die Knappen zugegen sein.«

»Aber für was wären denn dann die vielen Zuschauer hergekommen?« empörte sich die Engensteinerin.

»Na, besonders viel werden wir Knappen auch nicht davon haben«, grinste der Mann zahnluckig. »Bestenfalls einen langen Schrei, wenn er in den tiefsten Schacht zum Gapl hinuntergeworfen wird. Und vielleicht – vielleicht – wenn’s ihn drunten zerbatzt.«

Auch mein nun ungehinderter Blick schweifte hinüber ins parallele Südschiff der Liebfrauenkirche, den Knappenchor: Im Chorgestühl die Häuer, Truhenläufer und Haspler, die Männer, die die schwere Arbeit unter Tage leisten, mit den Schienern und Schichtmeistern an der Spitze. Dahinter die Wäscher, Saigerer, Vorwäger, Röstmeister aus den Pochwerken und Schmelzhütten. In den Seitengängen die Säuberbuben, die Haldenscheider, Schlepper und Hüttknechte.

Wie ein Block standen und saßen sie da: hart wie der Stein, den sie schlagen, zäh wie das rote Kupfer und stolz wie das weiße Silber, das sie aus ihm schmelzen.

In ihren schweren Fäusten lag der Reichtum und damit die Macht und die Ehre von Schwaz. Sie, die Berggemeinde, die Bergverwandten, waren die Standesvertreter des Schwazer Bergbaus, »Aller Bergwerke Mutter« genannt.

Stolz und Entschlossenheit konnte man auf ihren Gesichtern lesen. Nur bei wenigen sah ich Unsicherheit und Sorge. Die Sorge kam nicht von ungefähr. Seit Jahren ging die Ausbeute an Kupfer und Silber unerbittlich zurück. Die Zeiten, als bis zu zwanzigtausend Männer in und am Berg arbeiteten, waren längst vorüber – jetzt waren es noch zwei einhalb tausend.

Ihre Thesen sind in jeder Knappenschänke zu hören:

»Wir sind nicht irgendeine, wir sind die Bergstadt.

Wir sind, zusammen mit den Augsburger Handelshäusern, die Quelle des europäischen Handels.

Wir stärken mit unserem Erz das Habsburger Weltreich.

Wir sind das Fundament des europäischen Silberhandels.

Trotz unseres Hungers und Elends. Trotz des Silbers aus der Neuen Welt. Auch heute noch!«

Die im Mittelgang stehenden Männer wirkten wie drohende Marschkolonnen.

»Keine Strafe ist schwer genug für dieses Schwein!« hörte ich den stiernackigen Häuer Franz Prasch.

»Verraten und verkauft hat er uns an die Ketzer, an die Polacken und Gott weiß, an wen sonst noch!« stimmte Joseph Eiba, einer der Truhenläufer zu.

Ein weißhaariger Lehenhäuer winkte ab: »Was soll er denn verraten haben, was die anderen nicht längst wußten? Daß wir tiefer und tiefer graben und mehr Wasser fördern als Stein? Und mehr tauben Stein als Erz? Ist er vielleicht der liebe Gott, daß er mit einem Wunder das Kupfer und Silber aus dem Berg hat verschwinden lassen?«

»Aber gib doch zu«, erregte sich Franz Prasch, »damals, Anno ’74, fing das Elend an! Just damals, als er Schiener gewesen ist!«

Der alte Lehenhäuer schüttelte den Kopf:

»Anno ’74 – just in dem Jahr hab’ ich mich als Lehenhäuer verdingt. Und er hat mich mitgenommen in den Berg, hat mir eine Ader gezeigt, ziemlich hoch oben. Hat gesagt: ›Korbi Brandhuber, reich ist die Ader nicht, aber dein Auskommen wirst du haben.‹ Ich hab’ ihm vertraut – reich bin ich nicht geworden, aber gehungert hab’ ich auch nie. Und ich muß nicht Tag um Tag wie eine halbersoffene Ratte aus dem Berg kriechen wie Ihr, die Ihr in den tiefen Stollen grabt. Ich sage: Gott segne ihn!«

»Du bist ein unverbesserliches Rindvieh, Korbi!« antwortete ihm der Berti Mader, ein langnasiger, strohblonder Häuer. »Weil er vielleicht zu dir tatsächlich anständig gewesen ist, willst du nicht sehen, daß er Tausende an den Bettelstab gebracht hat!«

»In den tiefsten Schacht mit diesem Saukerl!« bestätigte Joseph Eiba, der Truhenläufer.

»Und da wird er auch landen«, nickte Franz Prasch. »Wenn es schon die Hand oder gar den Kopf kostet, auch nur einen einzigen Stein aus dem Berg heimlich mitzunehmen, dann erst recht, wenn einer all unsere Geheimnisse verraten hat!«

»Und ich glaube es einfach nicht!« begehrte der Korbi Brandhuber auf.

»Dann laß es! – Aber red nicht so laut!« wandte sich der Schiener Ferdinand Kreitmayer in der Bank um.

»Ich red’, so laut ich mag. Und das Gericht wird erweisen, daß ich recht hab’!«

»Das wird etwas ganz anderes erweisen«, stellte der Schiener fest. »Der gnädige Herr Marx Fugger hat es mir selber erst gestern gesagt: Alles ist wahr, was in der Anklage erhoben wird. Alles! Und beweisen läßt es sich. Ganz leicht, hat der gnädige Herr Fugger gesagt. Hat mit mir selber geredet, der gnädige Herr Fugger, und mit dem Zacharias Berner und dem Toni Grassel und dem Enzio Trescore auch. Magst sie ja fragen.«

In der Kirche wandten sich die Köpfe.

Von der Orgelempore polterten dumpfe Schritte herunter, begleitet vom Knistern und Rauschen schwerer Seide und starren Brokats und dem leisen Klirren von Degenscheiden, die gegen den Stein schlugen.

Die Blicke gingen hinauf zur Westempore. Es schien, als schwebte der spanische Modehimmel über den Chor: Herren in Wämsern mit weit vorgewölbten Gänsbäuchen, die Damen in hochgeschlossenen Leibchen mit Schneppe, Männlein wie Weiblein mit prächtig aufgepluderten Ärmeln, um den Hals die mit Reismehl gestärkte Halskrause, einem Mühlrad gleich an Umfang, der die Herbergen an den Poststraßen und auch so manchen hochherrschaftlichen Haushalt mittlerweile dazu gezwungen hatte, die Stiele der Löffel beträchtlich zu verlängern.

Zwar sah man von unten über die Balustrade hinweg nur knapp die Hälfte der Pracht. Doch es prunkten und funkelten die reich über die Kleidung verstreuten Edelsteine der Adeligen, der hohen Hofbeamten, der Kleriker und reichen Kaufleute, die Macht und den Einfluß ihrer Träger unterstreichend, auf das gemeine Volk herunter.

Der Einzug war auch für mich das Signal, meinen Beobachtungsplatz im Volk aufzugeben, um das Geschehen auf meinem zugewiesenen Emporensitz weiterzuverfolgen.

Oben angekommen, erblickte ich als erstes die Gestalt des beredsamen Herrn Marx Fugger. Ein kostbarer Zobelpelz betonte die breiten Schultern, über die Brust wallte ein Patriarchenbart, darüber sprang eine kühn gebogene Nase aus einem kantigen Gesicht mit dunkelblauen Augen und einer ungewöhnlich hohen Stirn.

Auch jetzt redete er auf zwei Herren ein. Links auf den Geheimen Rat Dr. Justinian Moser, Visitator zu Innsbruck; rechts auf einen schlanken, jüngeren Herrn in eleganter, schwarzer spanischer Hoftracht, auf dessen Brust ein großer, in Gold und Perlen gefaßter Smaragd blitzte. Sein modisch gestutzter Bart und die kurzgeschnittenen Haare waren brandrot, die Augen graugrün, der Mund voll, sinnlich, etwas weich. Ein Mann, der im Augenblick Sorgen zu haben schien, vielleicht sogar so etwas wie Angst.

»Beunruhigt Euch nicht, mein lieber, junger Freund«, tröstete ihn der Herr Fugger. »Wir alle wissen, daß diese Angelegenheit für Euch nicht angenehm ist.«

»Nicht angenehm?« fauchte der Angeredete, während ihm das Blut ins Gesicht schoß. »Sie ist einfach abscheulich! Widerwärtig! Schändlich! Obszön! Jawohl: Obszön!«

»Mein verehrter Herr Doktor von Dreyling …«

»Wie stehe ich da vor dem allergnädigsten Erzherzog?« lamentierte der junge Mann weiter, ohne zuzuhören, schlug die ringbeladene Hand vor die Augen. »Mein Halbbruder als Aufrührer vor Gericht gezerrt! Als Staatsfeind entlarvt! Als Ketzer gebrandmarkt! Als gemeiner Verbrecher öffentlich hingerichtet!«

»Um der Jungfräulichkeit der Mutter Maria willen, redet leiser!« zischelte der Geheimrat Dr. Moser von der anderen Seite. »Deshalb haben wir doch das Berggericht von Schwaz ausgewählt, damit nichts offenbar wird – weil das Berggericht dafür gar nicht zuständig ist.«

Ein unglaublich fetter, kurzatmiger Prälat mit einem schweren Goldkreuz auf der Brust, Monsignore Umberto d’Angelis, der römische Beobachter des Prozesses, war hinzugetreten.

»Herr von Dreyling, niemand – ich betone: niemand! – ist daran interessiert, daß Euer Bruder Adam als Hochverräter vor Gericht kommt. Ihr nicht – und wir erst recht nicht!«

»Man wird Euren Bruder …«

»Halb! Halb-Bruder!«

»… Halbbruder«, fuhr Herr Marx Fugger fort, »wegen irgendeines bedeutungslosen Bergfrevels verurteilen und hinrichten – und damit ist die ganze Sache begraben und vergessen für die Welt.

Die Rechtslage ist klar. Herr Leoman von Schiller-Herdern, der Anklagevertreter, ist einer unserer besten Juristen und wird spielend mit solch einem Tölpel von Bergrichter, der ja nicht einmal ordentlich Jurisprudenz studiert hat, fertig. Die Geschworenen – sind meine Leute …«

»Ihr habt sie doch nicht etwa bestochen?« entsetzte sich Dr. Justinian Moser. »Ich meine, weniger aus moralischen Gründen, Herr Fugger. Aber wenn da etwas aufkäme …«

Marx Fugger zuckte verächtlich mit den Mundwinkeln.

»Haltet Ihr mich für einen Narren, hochverehrter Herr Geheimrat? Die Leute sind einfach von mir abhängig. Und wie das Sprichwort sagt: ›Wes Brot ich eß, des Lied ich sing’.‹«

Nach und nach kam so etwas wie Ordnung in das glitzernde Gedränge, als die edlen Herren und Damen endlich auf ihren Stühlen Platz nahmen. Die Damen waren auf den hinteren Stuhlreihen plaziert. Die aus Innsbruck und Rom, aus Wien, Venedig und Hall angereisten Herren ließen sich in den vorderen Reihen, direkt an der Balustrade nieder: Der quirlige Dr. Justinian Moser; der Monsignore Umberto d’Angelis; Jakob Pertolph, der fuchsgesichtige Münzmeister von Hall, dem man neben seinem unbestrittenen Können auch weniger rühmenswerte Eigenheiten nachsagte. Der feiste Vizestatthalter Karl Freiherr von Wolkenstein nebst seiner Gemahlin Johanna, einer Schwester des Herrn Marx Fugger. Daneben der Landrichter von Innsbruck, Augustin Strobele, dessen stets getragene Sorgenmiene fast schon Amtszeichen war. Auf dem übernächsten Stuhl der olivhäutige Messer Zenon Querini aus Venedig, ein Bruder des berühmten Provveditore Marcantonio Querini, der bei dem grandiosen Sieg der Christen bei Lepanto Anno ’71 über die Türken mitgefochten hatte. Neben ihm der puppensteife Don Cristóbal María de Alvarez als Beobachter der Katholischen Majestät von Spanien. Daran anschließend der junge Herr Dreyling – mit vollem Titel: Herr Dr. Johann Dreyling von Wagrain, Hochaltingen, Ebbs, Oberndorf und Stumm, Hofrat des Erzherzogs Ferdinand. Zu seiner rechten Seite setzte sich gerade ein kleiner, leicht bucklig wirkender Herr in giftgrünem Brokatwams mit fuchsroten Haaren und kurzgeschnittenem Bart, schmalen Lippen und gletschergrünen, stechenden Augen nieder: sein Oheim Hans Christoph Löffler, der berühmte Geschützgießer zu Innsbruck, dem der Erzherzog erst vor wenigen Tagen Patent und Schwert eines Barons zu Büchsenhausen überreicht hatte.

Zu seiner Linken hatte der Jesuitenpater Georg Scherer Platz gefunden. Hinter ihm hatte sich ein höchst ungleiches Paar niedergelassen: Der magere, vom Alter gebückte Mann mit scharfer Nase und ein paar schlohweißen Haarbüscheln an einem mit fleckiger Haut überzogenen Schädel, der auf einem dürren Hals mit vortretendem Adamsapfel balancierte, erinnerte mich entfernt an einen Geier. Seine Kleider, die, obwohl reich und kostbar, wie alte Lappen um seinen ausgemergelten Leib schlotterten, hatten etwas von hängenden Flügeln. Das einzig Lebendige an ihm waren seine Augen, die jede Sekunde eine junge, auffallend hübsche, wenn auch ein wenig blaß aussehende Frau an seiner Seite fast hämisch beobachteten: Katharina, die Tochter Hans Christoph Löfflers und seine, des Herrn Alexander Endorfers, Gattin.

Sonntag,
der 4. Februar, 10.15 Uhr

Der Schlag der Uhrglocke drang aus dem Giebeldreieck der Kirchenfassade an jedes Ohr und schlug dort Alarm.

Alle Köpfe waren geradeaus gerichtet auf die Altarzone im Knappenchor und fixierten dort den Annen-Altar, hinter dem der Ausgang der Sakristei liegt.

Wie aus einer Felsenschlucht kamen die Geschworenen des Berggerichts hintereinander über die Ebene des Chores geschritten. Dreißig Fuß über Stein ging es bis zum endgültigen Standort – zur Geschworenenbank.

In der pelzverbrämten, kurzen aber weiten und dunkel gehaltenen Schaube mit farblich abgesetzter Hose, Wams und Barett der ehrgeizige Bergmeister Thomas Hasl. Als Aufseher über den Bergbau bekleidet er wohl das schwierigste Amt. Sowohl über die Technik der Grubenarbeit als auch über die Arbeitsmoral der Knappen hat er zu wachen. Der ständige Ärger hatte ihm tiefe Falten ins Gesicht gemeißelt. Seine Berichte an das Berggericht bildeten die Grundlage für einen Punkt der Anklage gegen Adam Dreyling.

Hinter ihm Abraham Schnitzer und Caspar Tanner, beide Schiener, Vermessungsingenieure am Falkenstein, Ringenwechsel und an der Alten Zeche. Viele Leute haben sich schon gefragt, ob die »Schienis« noch lachen können? Bei allen Neuschürfungen sind sie dabei, um die Richtung anzugeben, legen Grenzen fest, sind durch Genauigkeit bemüht, von vornherein zu vermeiden, zwischen den Ansprüchen der Gewerken - jener Gesellschaften oder Personen, die den Erzbergbau betreiben – aufgerieben zu werden. Bei den dauernden Grenzstreitigkeiten unter Tage, bei sinkendem Bergsegen wahrlich keine leichte Aufgabe.

Neben dem Paar saßen die »Heiligen Drei Könige«, wie sie von ihren Knappen beim Bier in der RATZENFALLE, gleich an der Alten Marktstraße, genannt werden: die Herren Schichtmeister Paul Hasselwarter, Hans Peer und Martin Posch, letzterer seit fünfzehn Jahren der Günstling des Bergmeisters Thomas Hasl. Sie überwachen den gesamten Bergwerksbetrieb bei Tag und Nacht im Namen des Landesherrn, Erzherzog Ferdinands II, durch Kontrollgänge und überzeugen sich vom ordnungsgemäßen Betrieb, der Pünktlichkeit der Knappen und der Qualität des gewonnenen Erzes.

Etwas abgesetzt von den ersten sechs Geschworenen kamen die restlichen fünf Männer auf die Bank zugeschritten. Sie nahmen einer nach dem anderen, beobachtet von tausend Augenpaaren, ihren Platz ein. Der gesenkte Blick verriet die Belastung, die der Fall Dreyling und die ungewohnte Öffentlichkeit auf die Männer ausübten.

Zyprian Gotzner. Scheu ging er, vom Rücken Haselwarters gedeckt, zur Geschworenenbank. Fast alle Knappen wußten, daß er als Bergschreiber seine Verpflichtungen überaus ernst nahm, jedoch Hemmungen hatte, mit ihnen ein Bier zu trinken.

Deutlich getrennt in der Bank – drei Ellen weg von Gotzner – der hitzige Silberbrenner Ambros Mornauer, der »Silberling«, wie er von den Knappen genannt wird. Bleich im Gesicht, und einen Kopf so blank wie eine frisch geprägte Silbermünze aus Hall. Die »Dämpfe«, so sagte er, hätten ihm das Haar genommen.

Als letzte der Prozession nahmen die Fronboten auf der Bank Platz. Asum Achner, Wilhelm Ygl und Caspar Clainer könnten Drillinge sein. Ihre Brutalität, mit der sie für Ruhe und Ordnung sorgten, war unter den Knappen und Wirten gefürchtet.

Erneut vernahm ich das Geräusch der sich öffnenden Sakristeitür.

Das Raunen in der Kirche schwoll ab, als hätte der Trennschieber den Wasserstrom auf ein Schaufelrad angehalten.

Zwei Gestalten schritten aus dem dunklen Altarraum ins Licht. Vorneweg Leoman von Schiller-Herdern, der Ankläger. Dahinter der altehrwürdige Bergrichter Erasmus Reisländer.

Leoman von Schiller-Herdern war eine Erscheinung, die sofort ein Gefühl der Abwehr hervorrief. Sein schwarzer Talar, von dem sich die kleine, weiße Halskrause deutlich abhob, verstärkte die Düsterkeit, die ihn umgab.

Seine Schriften und Reden, die er verfaßte, beweisen seine besonders leidenschaftliche Hinwendung zur Gegenreformation. Seine bekannt schroffe, kalte Art, Menschen zu behandeln, war gefordert bei dieser Aufgabe und gewünscht vom Hofe – besonders innig an jenem Tag. Seine juristische Ausbildung, die er bei den Jesuiten zu Ingolstadt erhalten hatte, machte ihn zur Speerspitze der Hoffnungen und zum loyalsten Vollstrecker der genauen Weisungen der Herren auf der Empore.

Seine kurzen Blicke zu uns herauf empfand Schiller-Herdern wohl wie einen Ringtausch zwischen ihm, der die Anklage vertrat, und den Politikern samt Geldadel, hoch über den blanken, kalten Steinplatten. Solch einer innigen Beziehung bedurfte es schon, um Hunger, Haß, Aufruhr, wirtschaftlichen Abstieg, die das ganze Tiroler Volk bewegten, auf einen einzigen Menschen vernichtend zu bündeln.

Sein Gesicht war scharf geschnitten, von einem dichten, schwarzen, am Kinn spitz zulaufenden Bart gerahmt, der den vollippigen, etwas zu groß geratenen Mund freiließ. Die schmale, lange Nase zwischen den eng stehenden Augen verstärkte das Stechen im Blick. Das Haar, so kurz wie der Bart, bedeckte den Schädel ebenso dicht wie jener das Gesicht. Die langfingrige rechte Hand umfaßte ein Bündel eng beschriebener Seiten: Protokolle aus Innsbruck, Aussagen des Angeklagten zur Person, vor allem aber die Anklageschrift. Die dunkel angelaufenen Tränensäcke waren die Quittung für das nächtliche »Talglicht-Abbrennen«.

Sichere Anklagepunkte wie beim Malefiz-Gericht, wo unter schwerer Folter alle geständig werden, wären eine wesentliche Erleichterung für die Anklage gewesen, besonders aber für die Urteilsfindung. Schiller-Herdern hatte es hier ein wenig schwerer. Bei Dreyling war kein Inquisitionsverfahren vorangegangen, bei dem das zur Aburteilung erforderliche Geständnis herausgefoltert werden konnte!

Bei Berggerichtstagen war es schon immer schwierig gewesen, über das Blut zu richten. Die Berggerichtsbarkeit ist ein von den Bergverwandten begehrtes und ein vom Bergrichter eifersüchtig gehütetes Recht. Sein Gerichtsstab schwebt nicht nur über den Köpfen derer, die mit dem Berg durch tägliche Arbeit zu tun haben, nein, er schwebt auch über den Frauen, Witwen, Kindern, und zwar im Leben und sogar im Tode – wie mir der alte Reisländer in seiner bestimmten Art vor vielen Jahren erklärte.

Nun, Leoman von Schiller-Herdern war deutlich gegen diese Gewaltenteilung. Die Zusammensetzung des Gerichtes an jenem Tag war freilich ein Sieg des Landgerichts. Der Bergrichter Reisländer hatte sich bis zuletzt gegen die Person Leomans als Ankläger gesträubt. Öffentlich warf er ihm Einmengung, Übergriffe, willkürliche Gefangennahme und den Versuch der Verurteilung eines seiner Untertanen vor. Am Ende hatte er aber doch zustimmen müssen, daß Leoman die Anklage vertrat.

Während dieser in dem großen, mit rotem Samt bezogenen Chorstuhl seinen Platz einnahm, schweifte der Blick des Bergrichters über den Knappenchor. Schnell prüfte er die Anordnung des Richtertisches, die Position des Anklägerstuhles, der nach seinen Anweisungen etwa sechs Ellen rechts vom Richtertisch aufgestellt war, sowie die Sitzordnung der Geschworenen.

Im gleichen Moment wurde ich überrascht durch das laute Getöse der sich von den Kirchenbänken erhebenden Menge.

Ich sah, wie Schiller-Herdern sich gequält aus seinem Stuhl erhob, auf den er sich vorschnell gesetzt hatte.

Erasmus Reisländer trat hinter den Richtertisch, wandte sich und stand voll in der einfallenden Sonne – unnahbar, ja majestätisch. Sein Kopf hob sich, seine Augen fixierten durch den Dunst hindurch die Männerreihe vor mir an der Balustradenkante.

Wir saßen! Ich war mir sicher, er fühlte den Unwillen und die Mißachtung, die ihm und seinem Bergrichteramt entgegenschlugen.

Mit dem Atem, der aus seiner Lunge gleichmäßig strömte, zitierte Reisländer langsam, tragend, aus dem Prolog des Johannes-Evangeliums:

›»Im Anfang war das Wort … nicht die Tat … nicht die Macht, sondern die im Wort sich öffnende Wahrheit!‹«

Die Worte hallten zurück wie ein Echo am Berg.

Links von ihm stand der Gerichtsdiener, der auf beiden Händen den Richterstab trug. Der Stab wird Keilhaue oder auch Judenhammer genannt und ist aus purem Silber gegossen – einerseits Amtszeichen, andererseits Sinnbild der Gerichtsherrschaft. Wer ihn hält, hat die Macht und spricht das Urteil.

Reisländer wandte sich dem Gerichtsdiener zu, ergriff den Stab und intonierte die traditionellen Worte:

»Um allezeit der Gerechtigkeit hier Gehör zu verschaffen, übernehme ich zu dieser Stunde an diesem geweihten Ort die Berggerichtsherrschaft. Ich eröffne den Prozeß gegen Adam Dreyling, heute am Sonntag, dem 4. Februar im Jahre des Heils 1590.«

Daraufhin nahm er auf dem Richterstuhl Platz, lehnte sich zurück und blickte hinüber zur Bank der Geschworenen. Jedem einzelnen der elf sah er in die Augen, hielt den Blick, ließ nicht zu, daß einer ihm auswich.

Seine Augen herrschten und beobachteten, während die Hände zuerst das Pergament sicher sortierten und danach ausbreiteten. Der Richterstab lag rechts neben ihm. Das einfallende Licht betonte den Kopf und hob ihn aus dem Schatten hervor, machte ihn zum Zentrum auf der Altarebene. Auf ihn allein konzentrierten sich die Menschen beider Chöre. Von ihm wurden sie angesogen – ein Augenblick jenseits von Ort und Zeit.

»Diese frontale Darstellung ist allein dem Erlöser vorbehalten!« keuchte Monsignore d’Angelis. »Wer verschafft ihm diese Bühne? Der Tisch gehört rechts hinunter an die Wand – diese Pose an diesem Ort ist ein Frevel!«

»Ich kenne ihn. Er selbst hat die Position genau gewählt – er beobachtet seine eigene Wirkung – er hat einen Instinkt dafür, seine Richterrolle wirksam zu spielen. Ich war von vornherein dagegen, das so aufzuziehen!« erregte sich Dr. Justinian Moser.

Reisländer erhob sich wieder von seinem Stuhl, um die Besetzung des Berggerichts zu verkünden:

»Ankläger gegen Adam Dreyling: der Kanzler von Tirol, Herr Leoman von Schiller-Herdern.«

Schiller-Herdern schnellte gespannt wie eine Fidelsaite empor. Danach gab Reisländer die Namen der Geschworenen des Berggerichts bekannt. Die Keilhaue pochte zweimal auf den Richtertisch. Das Signal lockte die Aufmerksamkeit hinüber zum Westportal, dem Seiteneingang gleich gegenüber der Totenkapelle, in der Adam Dreyling auf seinen Prozeß wartete.

»Fronboten! Den Angeklagten!«

Blume

Sonntag,
der 4. Februar, 10.25 Uhr

Abertausend Köpfe drehten sich seitlich zum Westportal, durch das der Delinquent nun hereinkommen mußte.

Das Portal öffnete sich.

Eisen klirrte.

Die Menschen davor wurden von den groben Fäusten der Büttel auseinandergeschoben. Von der Empore aus wirkte es wie eine Welle der Unruhe, die sich quer durch die Menge wälzte.

Voran stapfte der Fronbote Nicklas Findler, ein in die Breite gelaufenes, kurzbeiniges Mannsbild mit grellroten Pluderhosen, Brust und Rücken in blanken Stahl gepanzert, das stählerne Schützenhäubl auf dem runden Schädel über dem aufgedunsenen Gesicht, dessen Farbe die deutliche Liebe seines Trägers zu Bier und Branntwein verriet.

Dahinter, von vier Bütteln halb gezerrt, halb gestoßen – der Angeklagte.

Sehr verändert hatte er sich nicht in den bald 16 Jahren, seit ich ihm zum erstenmal in Schwaz begegnet war. Immer noch so schlank und geschmeidig wie damals. Immer noch dieser Hochmut in den dunkelblauen Augen, die im Zorn fast schwarz wirken können. Immer noch der spöttische, beinahe arrogante Zug um die Mundwinkel. Die Haare, der Bart waren nun der Mode gemäß kürzer geschnitten, und in das Schwarz mischte sich vereinzeltes Grau.

Was hatte er bewegt mit seinem Drang zur Perfektion, der alles überrollte, um nur eines zu erreichen: das gesetzte Ziel!

Auch in Ketten wirkte er noch immer wie der Mann, der wie selbstverständlich stets sich und anderen das Höchste abverlangte.

Auch Reisländer schien dies zu spüren. Zornig musterten die Blicke des alten Bergrichters die zerrissene, mit Stroh, Schlamm und eingetrocknetem Erbrochenen verschmutzte Kleidung des Gefangenen, die schweren, eisernen Handschellen, das Halseisen mit den rasselnden Ketten, die zu den Fußeisen herabhingen, die groben Stricke, mit denen die Oberarme an den Körper geschnürt waren, den langen, kaum verschorften Riß an der Wange.

Nicklas Findler, der Fronbote, stieß den Gefangenen zur vorderen Ecke der linken Bankreihe, wo aus dem Fußboden ein in weißen Stein gemeißelter Totenkopf heraufgrinst.

»Da! Knie dich hin, du Drecksack!«

Ein brutaler Stoß, ein Tritt.

Kettenklirrend stürzte Dreyling schwer zu Boden.

Der Hammerschlag des Bergrichters knallte wie ein Schuß durch den Kirchenraum.

»Gleich seid Ihr selbst in Ketten gelegt, Fronbote!«

Nicklas Findler zuckte zusammen, »’s ist allgemein der Brauch im Land, daß der Verurteilte seinen Spruch auf Knien hört.«

Die Stimme Reisländers war kälter als der Gletscher des Schrankogels, als er sich an alle in der Kirchenhalle Versammelten wandte:

»Merkt Euch dies: Das Berggericht ist kein Malefizgericht!« Und wieder zum Fronboten: »Und jetzt heb den Angeklagten auf und nimm ihm die Ketten ab!«

Findler winkte seinen Bütteln.

Doch Erasmus Reisländer fuhr dazwischen: »Das Gericht hat Euch etwas befohlen, Fronbote. Euch!«

Nicklas Findler bückte sich. Zerrte den Angeklagten am Arm auf die Füße. Kramte einen Schlüssel aus seinem Beutel. Schloß umständlich die Schlösser der Handschellen und des Halseisens auf. Mußte sich schließlich auf ein Knie fallen lassen, um die Fußeisen aufzusperren.

»Fronbote!«

Der Angesprochene drehte sich unwillig zum Richtertisch.

»Weshalb ist der Angeklagte in diesem Zustand?«

»Welchem Zustand?« versuchte sich Findler dumm zu stellen.

»Verdreckt, zusammengeschlagen, verletzt.«

Findler zuckte mit den Achseln. »Als man ihn in Krakau verhaftete, wird er sich vielleicht gewehrt haben.«

»Das ist viele Tage her. Die Verletzungen sind frisch!«

Nicklas Findler warf einen hilfesuchenden Blick zu uns herauf.

»Antworte, Fronbote!«

»Nun … nun ja … gestern abend … Da sollte er ein Protokoll unterschreiben …«

»Was für ein Protokoll?«

»Seiner Untaten.«

»Ein Geständnis also.«

»Ja. Man meinte, daß Euch das heute viel Zeit und Mühe ersparen würde.«

»Wer ist ›man‹?«

Wieder blickte er – diesmal ein stummer Hilfeschrei – herauf zur Empore.

»Antwortet!« herrschte ihn der Bergrichter an.

»Der … der Herr Endorfer«, stotterte Findler, »und der Herr Baron Löffler …, und der Herr Pater Georg Scherer war auch dabei, hat aber nur Protokoll führen sollen …«

»Weiter! Wer noch?« forderte Reisländer.

»Der Herr Kanzler Schiller-Herdern – war aber nur anwesend.«

»Und?«

»Der … der … der Herr … Herr Marx Fugger.«

»Waren das alle?«

»Ja.«

»Hat der Angeklagte dieses Protokoll freiwillig unterschrieben?«

»Nein.«

»Und dann sind die Herren dazu übergegangen, ihn zu malträtieren?«

»Ja.«

»Und hat er dann unterschrieben?«

»Nein.«

»Ihr könnt gehen, Fronbote.«

Alexander Endorfer hob die Hände, daß die Ärmel wie Flügel wehten, ruckte mit dem Kopf und sah mehr denn je aus wie ein Geier, der bereit war, sogleich ins Kirchenschiff hinunter zu flattern. Hans Christoph Löffler krallte die starken Finger in die Armlehnen seines Sessels, daß die Gelenke weiß hervortraten. Herr Marx Fugger war erstarrt, sein Mund stand offen. »Eure Leute!« zischte Monsignore d’Angelis empört.

In den Augen der schönen Katharina Endorfer glomm so etwas wie Hohn. Und auch um die Mundwinkel des Angeklagten zuckte es spöttisch.

Reisländer lehnte sich in seinem hohen Stuhl zurück. Er fixierte den Gefangenen:

»Jeder hier weiß, wer Ihr seid, doch um dem Protokoll des Gerichtes Genüge zu tun, muß ich Euch fragen: Wer seid Ihr? Nennt uns Euren Namen, Eure Herkunft, Euren Stand.«

»Ich bin Adam Dreyling, Herr zu Wagrain, Ebbs, Oberndorf und Stumm, Ritter des Ordens vom Schwert.«

Seine Stimme klang für mich wieder vertraut. Ein weicher Bariton, nicht laut, und doch war sie hörbar bis in den hintersten Winkel der Liebfrauenkirche:

»Ich wurde am 13. September, im Jahr des Herrn 1549, hier zu Schwaz geboren. Mein Vater war Hans Dreyling, genannt der Ältere, von Steineck, Herr zu Wagrain. Meine Mutter Barbara war die Tochter des Hans Katzbeck von Winkel, Zollherr in Lueg am Brenner und seiner Ehegattin Anna Kaufmann, Gewerkentochter aus Schwaz.

Der Euch bekannte Hofrat Erzherzog Ferdinands, Dr. Johann Dreyling, Herr zu Wagrain, sowie Herr Kaspar Dreyling zu Wagrain und Hochalting sind meine leiblichen Brüder.«

Dr. Johann Dreyling auf der Empore wollte aufspringen, wollte brüllen: »Halb-! Halbbruder!«

Die eisenharte Hand seines Onkels Hans Christoph Löffler auf dem Arm zwang ihn auf die Bank zurück.

»Ich war in erster Ehe verheiratet mit Maria Katzbeck, Tochter des Faktors Benedikt Katzbeck aus Schwaz, die am 2. Mai 1574 ermordet wurde.«

»Ermordet?« Die buschigen, weißen Augenbrauen Reisländers zogen sich zusammen. »Ihr gebraucht ein hartes Wort, Herr Dreyling zu Wagrain. Es wurde nie Anklage erhoben.«

»Von wem denn auch?«

Für einen Augenblick war es totenstill in der weiten Kirchenhalle.

Dann fuhr Reisländer ruhig fort: »Was ist Euer Beruf?«

»Ich habe bis zum meinem 16. Lebensjahr die Lateinschule der Brüder des heiligen Franziskus hier in Schwaz besucht und sollte dann an die Universität nach Ingolstadt gehen. Doch dann erschien es wichtiger, daß meine beiden jüngeren Brüder Johann und Kaspar, die Söhne meiner Stiefmutter Regina, Tochter des Gießermeisters Gregor Löffler zu Innsbruck, dieser Ehre teilhaftig werden sollten. Ich wurde in den Berg geschickt.«

»Erschien Euch das als Schande?«

»Nein, Herr, auch wenn die Universität meine Lehrjahre als Säuberbub und Truhenläufer vielleicht verkürzt hätte. Auch wenn ich nach Ingolstadt gegangen wäre oder wie mein Bruder, der gelehrte Dr. Johann, gar zu Padua studiert hätte, ich wäre immer gern in den Berg gegangen. Ich liebte den Berg. Ich verachte ihn nicht, selbst wenn er jetzt mein Grab werden sollte.«

»Und weiter …«

»Ich wurde Häuer, Schiener. Ich heiratete. Ich war zufrieden, ich war glücklich bis zu jenem Jahr des Unheils 1574.«

»Ihr habt in diesem Jahr Schwaz verlassen?«

»Ja.«

»Und später?«

»War ich Werkführer bei meinem Stiefonkel Hans Christoph Löffler, Geschützgießer zu Innsbruck. Ich habe zu Venedig versucht zu arbeiten, später in England und Polen, bis zu jener Nacht, in der ich überfallen, niedergeschlagen und in Fesseln hierher geschleppt wurde, um die Rolle als Sündenbock wieder aufzunehmen, die mir Anno ’74 die Herren Fugger schon zugemessen hatten.«

Dreyling verstummte.

»Die Anklagepunkte!« befahl Reisländer.

Sonntag,
der 4. Februar, 10.40 Uhr

Leoman von Schiller-Herdern fixierte Adam Dreyling.

Dieser stand mit gesenktem Kopf auf der Totenplatte. Seine Haltung, wie auch seine Ausführungen zu seinem Lebenslauf, erweckte den Eindruck von Resignation.

Leoman trat zwei Schritte vor, ein Bündel Pergamente in der rechten Hand. Er hatte einen einzigen Auftrag, ein einziges Ziel: den Tod Dreylings.

»In nomine Domini, Amen!«

Leoman von Schiller-Herderns Stimme war schneidend, durchdringend, klar und vernehmlich; die Tonlage hell, metallisch:

»Acta iudiciorum et alia quelibet negotia que tractantur in tempore …«

»Bedient Euch unserer Sprache«, stoppte Reisländer den Beginn der Ausführungen des Anklägers, »damit jeder Euch versteht.«

»Nichts anderes, Bergrichter«, entgegnete von Schiller-Herdern schnell, »ist Ziel und Zweck meiner Rede. Den Tisch des Wortes, den ich wahrhaftig und reichlich zu decken entschlossen bin, wird jedermann verstehen, so wahr ich hier stehe!«

Er wandte sich ab und begann neuerlich:

»Edle, ehrwürdigste und gütigste Herren, Volk von Tirol, Berggemeinde von Schwaz.

Gerichtliche Handlungen und andere zeitliche Geschäfte müssen, damit sie nicht mit der Zeit vergehen, durch die Zunge der Zeugen und das Zeugnis der Schrift verewigt werden wegen des Gedächtnisses der Menschen, das schwach ist und hinfällig.

Im Gedächtnis geblieben ist uns allen, durch die Zungen der Zeugen, das schwere Jahr 1574.«

Er deutete mit ausgestrecktem Arm auf Dreyling und steigerte seine Lautstärke:

»Dieses unheilvolle Jahr mit seinen Auswirkungen auf uns alle ist mit seinem Namen verbunden. Unauslöschbar! Jeder weiß es.

Adam Dreyling! Knöpfe deine Ohren auf: Ich klage dich an, der alleinige Anstifter des Aufruhrs von 1574 zu sein, mit allen seinen Folgen, der kurz darauf zum Knappenaufstand führte, ja, sich zum Angriff auf unseren ehrwürdigen, durchlauchtigsten Landesfürsten und die Gewerken entwickelte, aber unter dem die Knappen mit ihren Frauen und Kindern, wie jeder sehen kann, noch heute leiden.«

Beifällige Töne durchsetzt mit Rufen: »Richtet ihn! – Sein Blut! - Sein Blut!« bestätigten dem Ankläger, daß er die Stimmung in der Kirche richtig erfaßt hatte.

Leoman von Schiller-Herdern hämmerte in die Kirchenhalle:

»Des weiteren klage ich dich an, wertvolle Bergbaugeheimnisse, besonders die von uns entwickelte Wasserkunst, an die Polen verraten zu haben, um uns dauerhaften Schaden beizubringen. Und das erst im vergangenen Jahr!«

»Verbrennen – an den Galgen – vierteilen – rädert ihn – in den Schacht!« kochte der Zorn aus der Menge hoch.

»Höre nun, Dreyling, höre Knappenvolk und du, Volk von Tirol!

Begründete Anklagen erfordern Maßstäbe, und gerechte Anklagen erfordern, daß alle mit gleichen Maßstäben verurteilt werden. Dem wird jeder zustimmen. Aufruhr ist keines Gerichts, keiner Gnade wert! Die Anstifter, und das ist der einzige Maßstab für diese Brut, sind sogar unter Heiden, Juden und Türken dem Tod überantwortet. Aufruhr wurde auch bei Luther – hörst du, Dreyling -, sogar bei Luther, dem Ketzer, ohne Gnade und Barmherzigkeit begegnet.

Darum ist hier nicht mehr zu tun, als Dreyling eilig zu richten, um damit Gottes Urteil zu vollenden.

Du hast der Berggemeinde und den Untertanen das Lärmen eingeblasen zum Aufruhr wider die Gewerken, wider die Obrigkeit, wider den Fürsten und Herrn.

Dreyling, du hast auch darin den Weg zum Knappenkrieg bereitet, indem du gerufen hast:

›Ein Christ ist frei von allen Gesetzen, und seinem Willen können weder Menschen noch Engel etwas auferlegen. Lasset eure Schwerter und Geräte nicht kalt werden, wärmt sie im Blut der gottlosen und bösen Obrigkeit! Wärmt sie im Blut der Tyrannen in den Gewerken und im Blut der mörderischen Fürsten!‹

Wer zu blutigen Anschlägen aufhetzt wie er, Volk von Tirol, Berggemeinde von Schwaz, ist einer Todsünde schuldig, die hier wie in der Hölle gesühnt werden muß.

Dreyling, die Wahrheit schwimmt wie Öl auf dem Wasser, für jeden sichtbar. Wer das nicht sieht, dem antworte ich, daß die christlichen, katholischen Fürsten notgezwungen sind, gegen den Aufrührer Dreyling mit aller Schärfe vorzugehen, wollen nicht die Berggemeinde mit all ihren Nachkommen, aber auch Land wie Leute, mit Leib und Leben, ja, gar um Gott und seine heilige Religion kommen!«

Adam Dreyling hob den Kopf. Seine geschlossene linke Hand öffnete sich. Sein Arm hob sich, so daß der Zeigefinger wie ein Pfeil auf den Kopf Schiller-Herderns zielte:

»Womit beweist du das, Ankläger?«

Diese Worte trafen Leoman völlig unvermutet. Und schon fuhr Dreyling fort: »Ist in dir noch ein Tropfen Redlichkeit und ein Funken der Ehrbarkeit, so beweise deine Geschichte!«

Der Zeigefinger zielte weiter auf den Kopf Leomans – genau zwischen die Augen.

»Beweise es, sage ich! Hörst du, Ankläger: Beweise es!

Lasse uns die verfälschten Worte deiner Zeugen hören!

Wie heißen deine Zeugen?

Wo wohnen sie?

Wer hat sie denn verhört?

Von wem ist das aufgeschrieben worden?

Warum machst du so ein Geschrei, Ankläger, als ob ein Mord passiert wäre? Oder willst du ihn durch dein Gerede wahr machen?

Ja, hättest du einen redlichen Zeugen gefunden, du hättest ihn nicht verschwiegen, sondern groß herausgestellt!

Ich aber habe 1574 meine geliebte Frau verloren und mein ungeborenes Kind! Ich! Nur ich! Nur ich habe gleich zwei Menschen verloren … Durch Mord!

Warum redest du also so verschlagen und so verzwickt?«

Adam Dreyling stand breitbeinig auf der Totenplatte. In der Hallenkirche war es still geworden.

Langsam ließ Dreyling seine Hand sinken, mit der er Schiller-Herderns Kopf wie mit einem Pfeil festgeheftet hatte.

Der Ankläger streckte sich, donnerte von seinem Platz in beide Chöre:

»Seht hin und hört alle genau zu!«

Seine Hand wies nun seinerseits auf Dreyling, der sich mit der rechten Hand über Mund und Wange wischte.

»Seht genau hin: Dreyling wischt sich das Maul und leugnet!

Er habe die Knappen keineswegs aufgewiegelt.

Er will das Opfer sein.

Er will die Fragen stellen, die er beantworten soll.

Er fragt nach Zeugen und Beweisen!«

Leoman von Schiller-Herdern stand auf den Zehenspitzen, ballte die Hand zur Faust. Seine Stimme hatte eine Lautstärke erreicht, die bei den Menschen Beklemmung hervorrief:

»Es sind seine Worte, seine unverschämten Fragen, mit denen er versucht, auseinander und vorüber zu reden! Genau eben diese Reden«, Leoman stieß im Takt zu seinen Worten die Faust nach oben und wiederholte: »Genau diese Reden – wir haben sie alle vernommen! Sind das nicht wahrlich Kostproben seines aufwieglerischen Könnens, Kostproben seines rebellischen Geistes?

Aber, Dreyling, höre, du hast nur eines nicht bedacht: Deine Reden beschuldigen und überfuhren dich! Nur wer diese Sprache kennt, wer so offen seine Art zu reden hier vorführt wie du, der hat in dieser Minute bewiesen, daß er den Frieden und die Wohlfahrt der Tiroler Nation zu gefährden weiß, ja gar aufzuheben versteht!

Was sollen wir aus deinen Worten anderes schließen …«

Dreyling fiel ihm zornig ins Wort:

»Schließen sollt Ihr daraus, daß Irren schändlich ist! Noch schändlicher ist es aber, den bewußten Irrtum zu verteidigen! Am allerschändlichsten ist es aber, den Irrtum, Ankläger, nicht abstellen zu wollen, sondern ihn zu mehren und aufzuhäufen wie taubes Gestein vor den Stollenlöchern am Falkenstein!«

Das Schlagen des Judenhammers lähmte alle weiteren Worte.

»Es ist genug!« unterbrach der Bergrichter ärgerlich die Auseinandersetzung. »Ankläger! Verzichtet auf Verdrehungen und Verdunkelungen des Streitpunkts, denn damit steht Ihr jenseits von Falsch und Richtig. Bringt die Wahrheit an den Tag – und nichts anderes als die Wahrheit! Ich wünsche eine ordnungsgemäße Befragung des Angeklagten!

Und Ihr, Angeklagter, beantwortet im Namen Gottes redlich die gestellten Fragen. Schwört ab den Angriffen und haltet Euch ebenfalls an die Regeln!

Ankläger, beginnt endlich mit der Befragung!«

»Angeklagter«, nahm Schiller-Herdern erneut Anlauf. »Da du ein frommer Zögling sein und kein Wasser trübe gemacht haben willst, dabei sogar protestierst, du hättest nichts Böses getan – so begehre ich von dir, Dreyling, drei Dinge zu wissen:

Warum warst du Anno Domini 1574 der Anführer des Knappenhaufens?

Warum hast du die Knappen nach Hall geführt in offenem Aufruhr, in den du auch noch die Bauern mit hereingezerrt hast?

Und schließlich: Warum hast du die Nacht davor das Haus unseres ehrwürdigen Herrn Markus Fugger gestürmt und verwüstet?

Antworte!«

Adam Dreyling, der bis dahin den Knappen, der Berggemeinde, den hohen Herren auf der Empore, dem Tiroler Volk seinen Rücken zugekehrt hatte, drehte sich langsam um:

»Knappen von Schwaz! Ich habe gehört, daß etliche unter Euch mir nach dem Leben trachten und begierig sind, ihre Hand in meinem Blut zu waschen. Euer Durst nach meinem Blut wird aber vergehen, wenn Ihr bereit seid zu prüfen, ob ich oder wir allesamt damals, Anno ’74, tatsächlich zum offenen Aufruhr wider die Obrigkeit ins Feld gezogen sind oder nicht …«

1
Die Katastrophe

Schwaz
1574

1. Tagebuch
Adam Dreyling

Montag,
der 26. April

»Ich erwarte Euch dringend im großen Raber-Liegendbau!«

Die Nachricht von unserem »Bergschrat«, dem Schichtmeister Peter Gstein, verhieß nichts Gutes.

Gegen Mittag krieche ich durch den niederen Verbindungsstollen zu unserem reichsten Erzlager. Als ich mich tief gebückt durch den engen Gang zwänge, gurgelt mir das Wasser bis über die Knie. Schon jetzt zum Beginn der Schmelze, haben sich die plätschernden Rinnsale zu kleinen Wildbächen zusammengeschlossen. Das große Wasserrad kann den Schrägschacht gerade noch trocken halten. Die Arbeit der Männer ist noch schwerer als sonst, stehen sie doch teilweise bis zu den Hüften im eisigen Wasser. Dann bin ich durch, richte mich auf, atme mir die erdrückende Enge des Stollens aus der Brust.

Wie immer bin ich überwältigt von der Majestät dieser riesigen, einst mit Fahlerz gefüllten Kaverne, die sich schräg nach oben zieht. Der Berg ist an dieser Stelle schon vor mehr als sechzig Jahren buchstäblich von oben her ausgekratzt worden. Die Kluft über uns, mal enger, dann wieder sechs bis sieben Lachter breit, führt über fünfzig Lachter zum Eibelschroffen hinauf. Das flackernde Licht der blakenden, in Mannshöhe an den Wänden steckenden Kienspäne reicht gerade aus, uns hier unten den Weg zum neuen Schacht und Stollen zu weisen. In der Höhe verliert sich die gewaltige Spalte im Dunkel, während das flimmernde Licht der Grubenlampen auf die Wände und Felszacken tanzende Schatten wirft.

Die fünf Lachter breite Sohle, auf der ich stehe, ist mit Erz versetzt. Wir haben den weiteren Verlauf der Erzgänge, die sich hier in die Tiefe ziehen, aufgefunden und hoffen auf einen reichen Abbau ohne große zusätzliche Schwierigkeiten.

Linker Hand, keine dreißig Schritt vor mir, ein hell ausgeleuchteter Schacht am Ostende dieses Verhaues. Senkrecht fällt der Schacht in die Tiefe, hinunter in den Teil des Abbaus, in dem wir ein neues, gewaltiges Erzlager vermuten.

An seinem Rand vier Knappen, von denen zwei die hochgestemmten, vollen Wasserkübel in Empfang nehmen und hinter sich auf die Sohle ausgießen, wo wahre Bäche dem Gefälle zum Sigmund-Erbstollen folgend davongurgeln. Die anderen zwei Knappen befördern die leeren Kübel an einem Seil wieder in die Tiefe.

Die ledernen Kübel werden genauso weitergereicht wie früher vorne im Schrägschacht zu den Tiefen Bauen, den Stollen unter den Wassern des Inn, ehe das große Pumprad, unsere berühmte Wasserkunst, eingebaut wurde.

Wie nasse Ratten stehen sie, einer über dem anderen, mit dem Rücken gegen die Leitern gelehnt vom Schachtsumpf herauf bis zur Sohle des Schachtreviers Raber-Liegendbaue. Bei der gebotenen Eile vergießen sie genügend Wasser, auch wenn die Kübel und Kannen sich nach oben verjüngen. Das Wasser trieft auf die tiefer stehenden Knappen und Häuer herab, durchnäßt in Minuten auch das beste Lederzeug.

»Glück und Heil, Herr Schiener.«

Über dem Rand des Abstiegs erscheint der Kopf des »Bergschrats« Peter Gstein. Sein schwarzer Haarschopf besteht aus unzähligen Wirbeln, die seine breite Stirn verdecken, danach folgt eine schmale Nase zwischen blauen wachen Augen, dann ein voller schwarzer Bart.

Mit sicherem Schritt schwingt er sich über das Ende der Leiter - klein, stämmig, mit schweren Schultern, naß bis auf die Haut. Wir schütteln uns die Hände.

»Gibt es Schwierigkeiten, Peter?«

»Wasser!«

Ich zucke mit den Schultern. »Jetzt bei der Schneeschmelze auf den Bergen …«

Doch der Bergschrat schüttelt energisch den Kopf:

»Schaut es Euch selber an, Schiener. Das ist nicht nur Schmelzwasser. Das ist etwas anderes! Etwas Übles!«

Wir klettern zusammen die Leitern hinunter, vorüber an den Wasserträgern, stehen schließlich hüfttief im eiskalten Wasser am Ende des Stollens vor Ort.

Hier ruht die Arbeit.

Ich ziehe fragend die Augenbraue hoch.

Peter Gstein klopft mit dem Berghammer leicht gegen den Felsen.

Es bröckelt, bröselt.

»Schiefer! Alles Bruch und Dreck!«

Niemand liebt die schwere Arbeit in dem harten Dolomit, der die Erzgänge führt. Aber wenn wir etwas fürchten, dann den weichen Schiefer. Er bröckelt, bröselt, schiebt in Platten unkontrolliert nach und ist naß wie ein Schwamm.

»Der Herr Siegmund Fugger meint, das Erz gehe hinter dieser Schicht mit Sicherheit weiter«, stellt Gstein fest.

»Und Ihr?« frage ich.

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich’s weiß … Das Erzband zieht sich von Nordosten hier nach Südwesten herunter. Nach Westen und Osten ist nichts mehr, das ist sicher. Und jetzt haben wir die Wahl: Entweder wir brechen weiter nach Nordosten durch den Schiefer und hoffen das Beste – oder wir müssen diesen Abbau aufgeben.«

Wir sehen uns nachdenklich an.

»Was würdet Ihr tun, Peter?« frage ich schließlich.

Der Bergschrat ist nicht nur ein erfahrener Schichtführer. Er kennt den Berg trotz seiner jungen Jahre wie kaum ein anderer. Hat dazu ein Wissen um die Gesteine und ihre Eigenheiten wie wenige und würde es gewiß in ein paar Jahren zum Schiener, wohl auch einmal zum Bergmeister bringen. Ich halte viel von seinem Rat, mehr jedenfalls als vom Wissen unserer hohen Herren Marx und Siegmund Fugger.

Um uns hat sich inzwischen ein Grüppchen von Häuern und Knappen versammelt. Ich erkenne die knorrige Gestalt des ehrlichen Korbi Brandhuber, den eifrigen Kunz Weidinger, der mit 17 Jahren erst letzte Woche seine Häuerprüfung abgelegt hat, den ewigen Spaßvogel Nandl Kunzmaier, das Sorgengesicht des Jos Ammer, der eine Schicht nach der anderen schiebt, um die hungrigen Mäuler seiner acht Kinder voll zu bekommen, daneben Adelwart Demmer, den vierschrötigen Vormann der Wasserleute.

Gstein läßt sich Zeit mit der Antwort:

»Also: Ich würde meine Finger von dem Schiefer lassen.«

»Den Abbau hier aufgeben?« vergewissere ich mich.

Ein Aufstöhnen geht durch die Reihen der Knappen. Der Schichtmeister nickt langsam: »Besser als ersaufen.«

»Wegen des Wassers im Schiefer?«

»Ich meine wegen des Wassers, das hinter dem Schiefer kommt. Schaut Euch die Platte an: sie ist schräg zu uns geneigt, zieht sich über unsere Köpfe nach oben weiter.

Die Situation ist die: Der Schiefer hält das Wasser zurück – und wir stehen hier auf der trockenen Seite.«

»Heilige Scheiße!« knurrt Adelwart Demmer. »Wenn du das trocken nennst, Peter, wie sieht dann naß eigentlich aus?«

Gstein fährt fort: »Sollte dahinter eine Wasserkaverne sitzen, dann saufen wir so schnell ab, daß wir nicht einmal mehr Zeit haben, das Kreuzzeichen zu schlagen!«

»Und wenn wir den Schiefer nicht durchschlagen und den Abbau hier aufgeben, hängt uns der Herr Marx Fugger eigenhändig am höchsten Galgen an den Eiern auf«, stellt Nandl Kunzmaier mit schiefem Grinsen fest.

»Bis wir wieder – falls überhaupt – solch ein Vorkommen finden, können Jahre vergehen«, klagt Jos Ammer entsetzt. »Und was wird dann aus unserem Lohn?«

»Dabei hab’ ich erst zu Lichtmeß den Hutmann Karl Gerdolf mit zwanzig Dukaten geschmiert, damit ich hier arbeiten kann«, murrt Karl Viehbauer.

»Du hast was getan, Viehbauer? Du weiß doch ganz genau, daß derlei strengstens verboten ist …«

Der grauhaarige Häuer zuckt mit den Schultern. »Natürlich weiß ich’s. Aber die guten Plätze bekommst du nun einmal nur, wenn du den Gerdolf schmierst. Ist doch wahr! Ich bin lange genug anständig geblieben, hab’ mich an die Berggesetze gehalten – und dafür endlose Gänge durch totes Gestein gekratzt!«

Die Häuer murmeln zustimmend.

»Was machen wir mit dem verdammten Schiefer? Eure Entscheidung, Schiener!«

»Meine Entscheidung …«, wiederhole ich gedankenversunken.

Letztlich die Entscheidung des Bergmeisters Erasmus Reisländer, gewiß. Aber es ist mein Revier, also liegt ein Gutteil der Verantwortung auch bei mir …

Stellen wir den Abbau ein, ist bei den Herren Fugger der Teufel los. Lassen wir weitermachen, und es geschieht ein Unglück – daran wage ich nicht zu denken …

Ich muß mit unserem Bergmeister sprechen.

Für den Augenblick bestimme ich: »Bändigt vor allem das Wasser. Aber: Keiner rührt an den Schiefer!«

Ich bin bereits auf dem Weg nach draußen, als das Dröhnen der Campana, der großen Glocke, das Schichtende einläutet. Minuten später höre ich das Hämmern und Schlagen der Schichtführer am Holzwerk der Schächte, die das Zeichen in die Tiefe weitergeben. Obwohl ich schon seit Jahren im Berg arbeite, ist es auch für mich immer wieder ein eindrucksvolles Erlebnis, wenn mehrere hundert Männer in den Schächten und Stollen das Signal mit ihren Fäusteln durch den Dolomit des Falkensteins schicken, indem sie an die Felswände klopfen. Das dumpfe Klopfen wird durch den Berg verstärkt, als ob er antworten wolle. Auch der entfernteste Knappe im Stollenlabyrinth weiß, daß in diesem Augenblick die Frau, die Mutter, die Schwester oder der Bruder für ihn im Knappendorf die Mahlzeit auf den Ofen setzt.

Aber auch die Grubenlampen sind für viele eine verläßliche Uhr, nämlich dann, wenn der eingefüllte Unschlitt zu Ende geht. Aus den zahllosen, verwinkelten Gängen, die in den großen Sigmund-Hauptstollen münden, tauchen die kleinen Lichter der Bergleute auf. Durchnäßt, verdreckt, verschwitzt schlurft die Kette der Männer dahin, platscht durch das Wasser, das jetzt selbst die erhöhten Bretterböden in den Stollen Schwall um Schwall knöcheltief überflutet. Den pulsierenden Schwall verursacht die stierlederne Bulge der großen Lasser-Maschine, die alle sechseinhalb Minuten ihre 1400 Liter aus den Unteren Bauen in den nach draußen führenden Stollen entleert.

»Glück und Heil, Herr Schiener«, grüßen die Männer, die mich erkennen. Andere stapfen grußlos vorbei oder warten in den Stollenmündungen, bis sie eine Lücke in der Kette der Vorbeiziehenden finden, um sich selber einzureihen: zu müde, zu gleichgültig, zu ausgelaugt, um auf andere noch zu achten.

Meine eigenen Gedanken kreisen unaufhörlich um den verfluchten Schiefer. Wie immer wir entscheiden, das Leben der Männer ist mir in die Hand gegeben.

Für den Augenblick bin ich froh, aus dem Stollenmund ins Tageslicht hinaustreten zu können. Etwas erleichtert erkenne ich die hoch aufragende Gestalt des Bergmeisters unter den schon wartenden Knappen der Mittagsschicht.

»Glück und Heil dem löblichen Bergbau, Bergmeister!« – »Durch Christentum viel Glück und Heil, Schiener«, begrüßen wir uns.

Mit kurzen Worten schildere ich ihm die Schwierigkeiten auf der Sohle des Raber-Liegendbaues.

Der Blick seiner farblosen Augen scheint durch mich hindurchzugehen, doch dann nickt er:

»Ich werde den Leuten der nächsten Schichten sagen, daß sie den Schiefer nicht anrühren. – Ihr habt heute Spätschicht, Dreyling? Dann treffen wir uns zur halben Schicht an der Krame vor dem Sigmundstollen. Und seid so freundlich, die Herren Fugger vorsorglich von der Lage im Raber-Liegendbau zu unterrichten. Von Euch daheim sind es nur ein paar Schritte zum Fuggerhaus hinüber.«

Ein kurzer, fester Händedruck.

Die Campana dröhnt zum Schichtbeginn, die Knappen der zweiten Schicht drängeln sich zum Stollenmund hinein, während ich mich auf den Heimweg mache.

Blume

Zu sehr hängen meine Gedanken im Berg, als daß mich der schöne Frühlingstag erfreuen könnte. So nehme ich nur beiläufig das Sonnenlicht wahr, das auf den Schneefeldern des Karwendels unter einem tiefblauen Himmel glitzert, wenig von den dunkel gepflügten Quadraten der Äcker und den frisch hellgrünen der Wiesen, von den blühenden Büschen und Bäumen und den grün gurgelnden Wassern des Inns.

Bei den Schmelzhütten hole ich meinen Bruder Ulrich ab. Er ist ein großer, breitschultriger Mann, der stets Gelassenheit ausstrahlt, in Wahrheit aber zu heftigen Temperamentsausbrüchen neigt, was ihm so mancher kaum zutrauen mag. Vielleicht scheint er deshalb nur Ruhe auszustrahlen, weil das Dröhnen der Erzpochwerke seinen Gehörsinn so sehr beeinträchtigt hat, daß man sich mit ihm nur noch halb schreiend verständigen kann.

Ich mag seine bullige, etwas bärbeißige Art, sein frühzeitig ergrautes Haar samt Bart, seine kühn gebogene Nase und seine überraschend weichen, graublauen Augen, die mich immer an unseren vor knapp einem halben Jahr verstorbenen Vater erinnern.

Zusammen schreiten wir der Stadt zu, überqueren die Brücke des Lahnbaches, gehen am Totenhäusel und an der Liebfrauenkirche vorbei, die in neuer Pracht in den Himmel ragt. Etwas weiter biegen wir am Rathaus links in die Burggasse ein, erreichen wenig später unser Haus – unmittelbar gegenüber dem Franziskanerkloster. Zudem befindet es sich, wie unser Vater es immer ausgedrückt hatte, in Spuckweite des Fugger-Palais.

Auf der Gasse steht eine prächtige Kutsche, deren Pferde friedlich aus Futtersäcken Hafer kauen.

»Unser teurer Herr Bruder scheint uns wieder einmal die Ehre zu geben«, bemerkt Ulrich bei diesem Anblick unwirsch.

Wir steigen die Stufen zum Eingang hinauf, stampfen uns die Stiefel ab, betreten das Haus.

»Ulrich? Adam? Wo habt Ihr Euch denn schon wieder so lange herumgetrieben?« schallt die Stimme Frau Reginas, unserer Mutter – genauer unserer Stiefmutter – aus der großen Stube.

Ulrich brummt nur etwas in seinen Bart und trampelt die Treppe zu seinem Zimmer hinauf.

Ich trete in die Tür. Der große Tisch ist mit feinstem Damast, mit Silber und Kerzen gedeckt. Und auf dem Ehrenplatz am Kopfende der Tafel – eigentlich dem Platz unseres verstorbenen Vaters – thront kein anderer als unser jüngerer Bruder Johann.

»Wir warten seit einer halben Stunde mit dem Essen auf Euch! Der arme Junge ist halb verhungert nach der langen Reise von Innsbruck hierher!«

Ich verkneife mir eine bissige Antwort, etwa, daß der »arme Junge« einen so arg verhungerten Eindruck nicht mache und daß die paar Meilen von Innsbruck nach Schwaz ja wohl kaum eine Weltreise seien, zumal, wenn man sie recht gemütlich in seiner Kutsche sitzend hinter sich bringe. Ich könnte auch anmerken, daß das heftig prasselnde Feuer im Kamin dieser Jahreszeit nicht mehr ganz angemessen sei, daß es kein frostklirrender Januartag, sondern Ende April sei, daß die Sonne scheine und die Blumen und Bäume blühten.

Doch was soll’s? Johann, Frau Reginas Erstgeborener, ist nun einmal ihr unumstrittener Liebling, da hilft es wenig, wenn man vernünftig zu erklären versucht, daß man im Berg und in den Schmelzhütten nicht beim Glockenschlag alles liegen und fallen lassen kann und daß wir heute ohnehin pünktlicher als an vielen anderen Tagen seien.

Ich murmle eine belanglose Entschuldigung und ziehe mich ebenfalls zunächst zurück, um mich zu waschen und umzukleiden.

Später sitzen wir am Tisch: Unser Bruder Johann nach wie vor auf dem Ehrenplatz. Ihm gegenüber Frau Regina, eine trotz ihrer vierzig Jahre und der schwarzen Witwentracht noch immer auffallend schöne Frau mit feuerroten Haaren, eisgrauen Augen und einem sinnlichen Mund. Ich konnte meinen Vater schon verstehen, daß er nach dem Tod unserer Mutter sich in diese Frau verliebte, ihr jeden Wunsch von den Augen ablas: Wünsche, die sich meist um das Wohlergehen ihres Johann drehten.

An den Längsseiten der Tafel sitzen Ulrich, ihm gegenüber meine hochschwangere Frau Maria und ich. Neben Ulrich unser jüngster Bruder, Frau Reginas Zweitgeborener, Kaspar, ein vierzehnjähriger, schmalbrüstiger Junge, der nebenan bei den Franziskanern auf die Lateinschule geht, während der Platz zwischen ihnen leer steht, seit unsere Schwester Margarethe, unsere Älteste, vor zwei Jahren den Herrn Albert Scheuchensruel zu Weiching, Salzmeister zu Reichenhall, geheiratet hatte.

Unter den funkelnden Blicken Frau Reginas und unserer alten Beschließerin Kreszenz schleppen zwei Mägde ungezählte dampfende Schüsseln und Platten und Terrinen aus der Küche heran, schenken Wein in die hohen, kostbaren Kristallgläser, die unser Vater einst von einer Reise aus Venedig mitgebracht hatte und die sonst nur an den höchsten Feiertagen auf dem Tisch erscheinen.

Ulrich hatte bis jetzt geschwiegen. Doch als er den ersten Schluck Wein probiert, zieht er erstaunt die Augenbrauen hoch:

»Ist das nicht der teure Malaga, den Vater letztes Jahr bei dem spanischen Händler gekauft hat?«

»Du gönnst deinem Bruder wohl überhaupt nichts!« fährt ihn Frau Regina an.

»Daß ich meinem Bruder alles zu gönnen habe, habe ich breits vor Jahren begriffen«, brummt Ulrich in seinen Bart. »Ich gönne ihm sogar dieses Höllenfeuer, das da im Kamin lodert. Es wird ihn so sehr zum Schwitzen bringen, daß er sich beim ersten frischen Luftzug die ›Bergsucht‹ holen und daran eingehen wird.«

»Ulrich! Ich verbitte mir solche Reden an meinem Tisch!«

»An deinem Drittel kannst du verbieten oder erlauben, was dir gefällt. An den zwei Dritteln des Tisches, die Adam und mir gehören, red’ ich gerade so, wie es mir gefällt!«

Frau Reginas Hände haben sich zusammengekrampft. Es sind elegante, schlanke, trotzdem gierige Hände.

»Dann nimm gefälligst dein Drittel des Tisches und verlasse meine Stube!«

»Wieso deine Stube? Zu einem Drittel auch meine Stube, und genau in diesem Drittel sitze ich«, hält Ulrich gereizt dagegen und spießt sich eine weitere Portion Spanferkel auf den Teller.

»Du weißt ganz genau, was ich meine, Ulrich!« zischt unsere Stiefmutter.

»So? Weiß ich das?«

»Ich werde dir folgendes sagen, Ulrich …«

»Bitte, Mutter!« mischt sich jetzt Johann ein. »Wir sollten uns dieses köstliche Mahl nicht verderben lassen. Wir wissen doch beide, wie Ulrich zu mir steht und daß er mir die Butter auf dem Brot nicht gönnt.«

»Solange es deine eigene Butter ist, Johann, gönne ich sie dir von Herzen und die Wurst und den Schinken dazu. Ich habe nur etwas dagegen, wenn du dir auch noch die Butter von Adam und mir dazuschmierst.«

»Ulrich, so wahr mir Gott helfe, ich habe nie irgend etwas beansprucht, was dir oder Adam gehört!« empört sich Johann.

»Natürlich nicht«, winkt Ulrich ab, »nicht einmal dazu bist du ja Manns genug. Du nimmst nur und nimmst und nimmst – und fragst lieber nicht danach, woher es kommt.«

»Ulrich! Du vergißt dich!« Frau Reginas Gesicht ist fast so rot angelaufen wie ihre Haare.

»Ich habe weder mich vergessen, noch habe ich sonst etwas vergessen! O nein, ich habe nicht vergessen, daß der junge Herr auf die Universität zu Ingolstadt gehen mußte, um Herr Doktor werden zu können, während Adam und ich im Berg und in den Schmelzhütten schufteten. Ich habe nicht vergessen, daß der Herr Doktor dann nochmals studieren mußte – in Padua!«

»Johann hat nur die Ausbildung erhalten, die seinem Stand angemessen ist!« fährt unsere Stiefmutter dazwischen.

»Und Adam und mir also wohl nicht angemessen schien!« grollt Ulrich. »Aber wir sind ebenso Herren zu Wagrain wie dein Liebling. Für uns war es durchaus angemessen, in den Tiefen der Berge herumzukriechen oder in der Glut der Schmelzöfen zu kochen und im Dröhnen der Pochwerke halbtaub zu werden, nur damit der junge Herr Doktor eine Protzenhochzeit halten konnte. Damit er Wagen und Pferde und Diener zum Angeben hat. Damit er am Hof herumscharwenzeln kann. Damit er für würdig befunden werde, sich ›Geheimer Rat‹ oder ähnlichen Unsinn nennen zu können.«

»Davon verstehst du nichts, Ulrich! Von Geschäften am Hof hast du noch nie etwas verstanden!«

»Davon will ich auch gar nichts verstehen! Mich ekeln nämlich die Hofschranzen und Speichellecker an! Was die können, das ist doch nur große Reden schwingen und das sauer verdiente Geld anderer Leute ausgeben!«

Johann glotzt unseren Bruder verständnislos an.

Ulrich beugt sich über den Tisch:

»Das begreifst du wohl nicht? Dann erkläre mir doch ganz einfach, was du heute hier willst?«

»Ich wollte Mutter besuchen.«

»Ganz einfach so?«

»Aber ja!«

»Und so nebenher ein paar hundert Gulden mitnehmen? Du kommst doch nie, es sei denn, du brauchst Geld.«

»Das ist nicht wahr!« mischt sich Frau Regina wieder in das Gespräch. »Johann hat nur die Baupläne für sein neues Heim mitgebracht, um sie mir zu zeigen. Im Gegensatz zu dir hält er nämlich auf meinen Rat!«

»Was für ein neues Heim denn schon wieder?« fragt Ulrich mißtrauisch.

»Ich habe beschlossen, mir neben dem alten Stollengut in der Wiltener Gemarkung ein vernünftiges Haus zu bauen«, läßt sich Johann vernehmen.

»Und was ist mit dem alten Haus, das du erst im Januar um 1830 Gulden erworben hast?«

»Das ist viel zu alt und feucht«, wirft Frau Regina ein. »Außerdem läßt es sich schlecht heizen.«

»Und was ist mit all den anderen Häusern, die du zu Innsbruck in den letzten Monaten zusammengekauft hast? Dem riesigen Ansitz am Pickentor beim Marktgraben? Und den beiden Kästen in der Rindergasse in nächster Nachbarschaft zum Goldenen Dachl, von denen jedes größer ist als das Haus deines Vaters hier?«

»Aber du wirst dem Kind doch nicht zumuten, Ulrich, daß es in dem Schmutz, dem Lärm und dem Gestank der Stadt leben muß?« empört sich Frau Regina.

»Und wozu hat er sie dann gekauft?«

»Ein Herr seiner Stellung muß über einigen Besitz verfügen. Er hat schließlich auf seine Reputation zu halten. Und um mir davon zu erzählen, um mich um meinen Rat zu fragen, ist er den ganzen weiten Weg aus Innsbruck hierher nach Schwaz gefahren.«

»Wie rührend!« höhnt Ulrich. »Und was kostet diese neue hochherrschaftliche Hütte wieder?«

»Kaum mehr als 1200 Gulden«, murmelt Johann.

»Die du natürlich nicht hast«, stellt Ulrich trocken fest. »Und die dir deshalb deine Mutter geben soll.«

»Nun, schließlich habe ich ein Anrecht …«

»Ein Anrecht? Ein Anrecht – worauf?«

»Auf mein Erbteil.«

Ulrich schlägt mit der flachen Hand dröhnend auf den Tisch:

»Dein Erbteil? Hast du eigentlich die geringste Ahnung, wieviel du von deinem väterlichen Erbteil inzwischen verbraucht hast? Alles, mein Lieber. Alles! Und das, was du von deiner Mutter irgendwann einmal zu erwarten hast, gleich dazu. Und von dem Erbe, das Adam und mir zusteht, gleich auch noch einen kräftigen Teil! Und wenn wir nicht Tag und Nacht arbeiten und schuften würden, dann wäre dieses Haus längst verpfändet und versteigert! So sieht es aus, werter Herr! Genau so!«

Frau Regina sitzt mit geballten Händen und zusammengebissenen Zähnen da.

Maria, meine Frau, ist ängstlich geworden. Ich lege ihr unter dem Tisch beruhigend die Hand aufs Knie.

Bruder Johann ist sichtlich fassungslos. »Das – das habe ich nicht gewußt«, stottert er.

»Natürlich nicht – du bist ja schließlich Hofschranze.«

»Aber – aber ich brauche das Haus unbedingt! Meine Reputation, meine Karriere, mein Ansehen bei Hofe … Was wird der Erzherzog denken, wenn ich jetzt plötzlich doch noch vom Kauf zurücktrete? Ich muß das Geld haben! Ich muß!«

»Du bekommst es auch!« stellt Frau Regina energisch fest.

»Na gut. Ihr habt es ja nicht anders gewollt …«

Ulrich steht ganz langsam auf:

»Und jetzt hört genau zu, was ich Euch sage: Ehe dieser windige Hofschranze auch nur einen einzigen Kreuzer bekommt, verlange ich die Auszahlung meines väterlichen Erbes. Und zwar jetzt! Heute! Hier! Und sofort!«

»Aber Ulrich«, versucht unsere Stiefmutter den Aufgebrachten zu beruhigen, »Kind …«

»Ich bin nicht dein Kind!« tobt Ulrich los. »Ich war nie dein Kind, und ich verbitte mir diese Anrede! Du bist die zweite Frau und jetzt die Witwe meines Vaters, und als dieser habe ich dir bis zum heutigen Tage Respekt erwiesen. Aber mehr warst du für Margarethe, Adam und mich nie! Für dich waren wir ein lästiges und notwendiges Übel, ohne das du unseren Vater nicht bekommen hättest. Und als lästiges Übel hast du uns behandelt.

Mutter – das warst du nur für deine eigenen verzogenen Bälger! Also werde glücklich mit ihnen! Aber ohne mich! Ich verlasse dieses Haus! Ich gehe! Für immer! Zum Teufel mit Schwaz! Und – mit Ausnahme von Euch beiden, Adam und Maria – zum Teufel mit dieser Familie!«

Ulrich hebt den Kristallkelch vom Tisch, leert den blutroten Wein in einem langen Zug, schleudert das kostbare Glas in den Kamin, dreht sich um, stapft hinaus und donnert die Tür hinter sich zu, reißt sie einen Augenblick später wieder auf und brüllt:

»Und wenn ich Euch, Frau Regina, und Euren Bälgern alle Gerichte des Heiligen Römischen Reiches auf den Hals hetzen, wenn ich Euch das Hemd vom Leib pfänden lassen muß – das Erbe meines Vaters werde ich bekommen! Bis zum letzten, lumpigen Kreuzer!«

Dann kracht zum zweitenmal die Tür hinter meinem Bruder ins Schloß.

Meine Stiefmutter starrt mich wütend an:

»Hast du vielleicht auch noch irgendwelche Anwürfe gegen uns, Adam?«

O ja, ich hätte die Rede Ulrichs großteils Wort für Wort wiederholen mögen. Doch ich halte den Mund.

Ich denke an Maria. Mit einer hochschwangeren Frau wird ein Mann zahm, wenn er weiß, daß sie harte Worte zu fühlen bekommt, sobald er dem Haus den Rücken kehrt.

Frau Regina und Johann starren mich herausfordernd an. Aber ich beiße mir auf die Lippen. Helfe Maria aufstehen.

Draußen poltern schwere Stiefel die Treppe herunter. Dann schmettert die Haustür zu. Ulrich ist gegangen.

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Wenig später eile ich die wenigen Schritte über den Platz hinüber ins Palais Fugger, hebe den bronzenen Ring des Türklopfers und lasse ihn gegen das Tor fallen.

Augenblicke später wird von einem servilen Subjekt in Livree geöffnet.

»Ihr begehrt, Herr von Dreyling?«

»Ich begehre«, äffe ich ihn nach, »die Herren Fugger zu sprechen.«

»Ich werde untertänigst nachfragen, ob die gnädigen Herren geruhen, den gnädigen Herrn zu empfangen.«

Das livrierte Subjekt wirft mir einen verächtlichen Blick zu und entschwindet. Fünf Minuten später erscheint es wieder:

»Der gnädige Herr Markus Fugger besitzt die Güte, Euch empfangen zu wollen.«

Das Kontor des Herrn Markus – genannt Marx – Fugger hat die Abmessungen eines Ballsaales, getäfelt mit kostbarsten, geschnitzten Hölzern, an den Wänden ringsum Regale voll mit Büchern, Schriftstücken und Papieren.

Nachdem die Fugger in den letzten Jahrzehnten fast alle anderen Gewerken, die Tänzel und Fieger, Hang-Langenauer, Neidhard, Hörwart, Manlich und nicht zuletzt meinen Vater, ausgebootet, ja manche sogar ruiniert hatten, haben sie neben dem Erzherzog und der Jenbachgesellschaft fast allein die Verfügungsgewalt am Berg.

Herr Marx Fugger thront mit seinem mächtigen, altmodischen Patriarchenbart, ein Blatt in jeder Hand, hinter einem übergroßen, ebenfalls von Papier überfluteten Schreibtisch.

»Nein, nein!« tönt er zu einem dürren Männlein, seinem Privatsekretär Dionysius Bachleitner, der stramm vor seinem Schreibtisch steht. »Diese Venezianer glauben wohl noch immer, ihr Sumpfloch sei der Mittelpunkt des Welthandels. Nichts da! Entweder sie bescheiden sich mit dem halben Preis, oder sie können ihren Pfeffer den Türken verkaufen.«

Herr Marx Fugger zerreißt eines der Papiere mit großartiger Geste.

»Und das hier? Oh, ein Gesuch des Kurfürsten von Köln um ein Darlehen von 100 000 Gulden … Bachleitner, prüfe Er die Kreditwürdigkeit dieses Herrn.

Ah, mein lieber Dreyling! Setzt Euch! Ich habe hier nur noch ein paar Kleinigkeiten zu regeln – der Welthandel, Ihr versteht …«

Ich verstehe nur zu gut.

Welthandel! Der läuft im Kontor seines Bruders Anton zu Augsburg. Zwar ist das Silber und Kupfer aus Tirol ein wichtiger Pfeiler dieses Handels, doch ist das Schwazer Kontor gewiß nicht zuständig für Abschlüsse mit Venedig und schon gar nicht für die Kredite an Kurfürsten.

»Nun, mein lieber, junger Dreyling, wo drückt der Schuh?« wendet er sich schließlich an mich, nachdem er den Bachleitner mit einer Anzahl volltönender Befehle weggeschickt hat.

»Zuerst einmal ein korrupter Hutmann«, beginne ich. »Karl Gerdolf. Er vergibt nicht die Plätze vor Ort nach Alter und Können, wie es der Brauch ist. Er verkauft sie!«

Marx Fugger zuckt mit den Achseln:

»So etwas kommt immer wieder vor. Weshalb darüber ein großes Geschrei machen?«

»Weil es die Knappen verärgert.«

»Dann laßt sie doch verärgert sein …«

»Es rumort im Berg! Erst letztes Jahr sind zweimal die Pfennwerte heraufgesetzt worden.«

»Na und? Als Sohn eines ehemaligen Gewerken werdet Ihr doch wissen, daß es seit jeher Rechtens ist, den Lohn zum Teil in Naturalien statt in Geld auszuzahlen. Sollen wir das immer weniger werdende Silber, das wir aus dem Berg holen, gleich wieder in den unersättlichen Rachen der Knappen stopfen?«

»Wenn Ihr den Knappen statt Silber madiges Fleisch und mit Hafer oder gar Sägemehl gestrecktes Brot in den Rachen zu stopfen versucht, werden sie eines nicht zu fernen Tages nach Euren Fingern schnappen, Herr Fugger!«

»Soll es dieser miese Pöbel doch wagen!« winkt Marx Fugger ab. »Man wird ihn schon im Zaum zu halten wissen. Ist das alles, Herr Dreyling?«

»Nein. Wir sind beim Raber-Liegendbau auf eine ungewöhnlich nasse Schicht gestoßen, von der ich vermute, daß sie zum nördlichen Schiefer gehört.«

»In unserem ertragreichsten Abbau?« Fugger ist nun doch aufgeschreckt. »Und was bedeutet das?«

»Wenn hinter dem Schiefer auch nur annähernd so viel Wasser ist, wie wir vermuten, dann ersäuft uns der ganze Ort!«

»Das darf unter keinen Umständen passieren! Laßt das Wasser ausschöpfen!«

»Mit den vorhandenen Mitteln ist das unmöglich. Dazu brauchen wir zumindest ein großes Pumprad.«

»Ein eigenes Pumprad nur für diese Sohle? Obwohl Ihr nicht einmal Gewißheit habt, ob das Wasser hinter diesem Schiefer wirklich da ist? Nur so auf Verdacht? Wißt Ihr eigentlich, was solch ein Pumprad kostet?«

»Dann bleibt nur, den Ort aufzugeben.«

»Aufgeben!?«

Marx Fugger ist aufgesprungen, drischt mit der Faust auf den Tisch, daß die Papiere fliegen:

»Niemals! Ihr werdet dieser Fahlerz-Ader folgen, wohin immer sie Euch führt! Und sei es direkt in die Hölle! Ich bin der Mehrheitseigner dieses Bergwerks. Und ich befehle es!«

Auch ich bin jetzt aufgestanden:

»Ihr mögt der Eigner sein, Herr Fugger. Aber im Berg befiehlt nur einer: der Bergmeister!«

»Und der hat mir zu gehorchen!«

»Erst nach Gott und seinem Gewissen.«

»Ich werde dazu den Rat meines Oheims, des Herrn Siegmund, einholen. Niemand weiß mehr über den Berg, über die Gesteine und ihre Eigenheiten, mehr über ihre Beziehungen zueinander und zu den Gestirnen des Tierkreises und der Planeten als er!«

Ich schlucke. Herr Siegmund Fugger ist Legende. Auch heute noch geistert das »Berggespenst«, wie ihn die Knappen nennen, durch die Reviere Tirols, beratend, befehlend, taumelnd zwischen Altersschwachsinn und Genie.

Es gibt nichts mehr zu sagen.

Ich verabschiede mich höflich, lasse mich von dem livrierten Subjekt zur Tür geleiten.

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Eine Stunde später überquere ich mit langen Schritten wieder die Brücke über den Lahnbach, der stark angeschwollen zwischen Geröll und seinen mannsdicken Ufermauern zum Inn hinabschäumt.

Mein Ziel ist diesmal nicht der Berg, sondern die einzig verbliebene Schmelzhütte. Auch sie hatten nach dem Bankrott der Stöckl und Tänzel die Fugger kassiert.

Ich muß Ulrich sprechen!

Als ich die Halle mit dem mächtigen Schmelzofen betrete, dreht sich Ulrich langsam um, das Gesicht glühend von der Hitze. Er grinst mir zu, aber seine grauen Augen bleiben hart:

»Ich ahnte, daß du kommen würdest.«

Ich bin nicht auf den Mund gefallen, aber diese Augen machen es mir schwer einen Anfang zu finden:

»Ulrich, höre mir bitte zu.«

»Nein!« schneidet mir mein Bruder das Wort ab. »Mir wirst du zuhören: Du hast viel von unserer Mutter geerbt, nicht nur das Aussehen, sondern auch ihren Ehrgeiz. Ich bin mehr unser Vater – vielleicht ein bißchen schwerfällig, dafür gründlich. Nur eines ist uns gemeinsam: unser manchmal dummer, auf jeden Fall aber unausrottbarer Stolz!

Ich weiß, weshalb du da bist: Du willst mich jetzt schimpfen lassen, bis mir die Luft ausgeht. Dann wirst du vernünftig mit mir reden. Wirst mir zugeben, daß ich ja voll und ganz recht habe. Wirst sagen, daß wir an die Familie denken müssen. An das, was unser Vater aufgebaut hat. Daß wir uns das alles nicht von einem eitlen Affen und seiner närrischen Mutter zerstören lassen dürfen.«

»Ulrich …«

»Verdammt: Nein! Ich will nicht mehr. Nie mehr!«

Wir sind aus der Glut der Schmelzhütte getreten. Ulrich starrt zum Falkenstein hinauf:

»Die Gesteinshalden dort oben, alles taubes, wertloses Geröll. Bald sind unsere Knochen auch dabei. Sieh es dir an, Adam! Diese Unmengen taubes Gestein! Von Schwaz bis zum Zillertal. Die Landschaft voller Narben – bis in die Ewigkeit. Der Bergsegen ist vorbei: von den Gewerken geraubt, weggeschafft – ohne Rücksicht auf die Zukunft. Um der Wahrheit willen, Adam, es hat keinen Sinn mehr, hierzubleiben.«

»Weißt du etwas Neues über den Berg?« frage ich aufgeschreckt.

»Mach doch deine Augen auf!« meint mein Bruder resignierend. »Siehst du das armselige Schmelzwerk dort, das kaum noch diesen Namen verdient? Die dreifache Menge an Silber und Kupfer ist hier noch vor fünfzig Jahren aus dem Erz geschmolzen worden. Erst vorige Woche hat mir der Vitus Fromml, der alte Silberbrenner, von den besseren Zeiten erzählt. Kannst du rechnen? Ich hab mir die Zahlen genau gemerkt: 2500 Zentner Silber zwischen 1520 und 1530. Die Gottes Speis war reichlich. Aber die letzte Dekade, 1560 bis 1570, sollen es nur mehr 1000 Zentner gewesen sein, und die letzten vier Jahre haben wir ganze 350 Zentner rausgeschmolzen.«

»So wenig?«

»Der Vitus hat mich sein altes Schmelzbuch einsehen lassen mit allen Produktionszahlen vom Jahr 1500 an. Spendier dem alten Vitus eine Flasche Südwein, und du kannst es selber nachlesen.« Ulrich packt mich am Arm: »Komm, ich will dir etwas zeigen.«

Während wir die knapp dreihundert Lachter zum Alten Pocher, gleich neben dem Eingang des Sigmund-Erbstollens, hinüberschreiten, redet Ulrich weiter:

»Vor mehr als fünfzig Jahren waren am Lahnbach fünf Schmelzhütten mit mindestens zehn Öfen gestanden. In Jenbach sollen es sogar 36 gewesen sein. Dafür die gleiche Anzahl an Pochwerken wie heute.«

»Jede Lagerstätte erschöpft sich irgendwann, dafür werden neue gefunden.«

»Unsinn! Das ist es doch gerade, was wir nicht sehen wollen. Der Abbau in den letzten vierzig Jahren war ein einziger Raubbau«, widerspricht mein Bruder ärgerlich. »Die Schuld für den gewaltigen Rückgang des Silbers und des Kupfers liegt bei den Gewerken. Ebenso beim Fürsten, der dem Raubbau tatenlos zugesehen hat und auch heute nur halbherzig die Sache am Berg verfolgt. Der fieberhafte Eifer, der Drang, schnell reich zu werden, die kaum beherrschbare Sucht nach reichen Erzkörpern, die Jagd nach dem raschen Erfolg, das ist es, was uns und den Berg ruiniert! Da wo das Erz leicht und dick hergeht, da wird rücksichtslos zugehauen. Auf das Hereingewinnen des Erzes an schwierigen, aber noch ergiebigen Stellen wurde bewußt jahrzehntelang verzichtet. Da sind heute höchstens ein paar brave Lehenhäuer am Werken, denen man die scheinbar schlechten Adern zugeschoben hat.«

»Ja, ich weiß. Erst letzte Woche habe ich dem Korbi Brandhuber solch eine aufgegebene Ader gezeigt. Am 1. Mai wird er dort als Lehenhäuer anfangen.«

Mein Bruder hört mir gar nicht zu. Er ist viel zu erregt. »Und ich sage dir auch«, fährt er fort, »warum das so ist: Mit der Zukunft wird nicht gerechnet. Die schauen nicht auf unsere Nachfolger und Kinder – die sind ihnen egal. Mit geringem Einsatz an Geld werden nur die ertragreichsten Adern, die fettesten Brocken, in aller Eile hereingewonnen. Für den Hoffnungsbau, der uns die Zukunft garantieren soll, wird schon jahrzehntelang kein Kreuzer mehr investiert. Damit sind die Reviere am Ringenwechsel, der Alten Zeche, am Zapfenschuh, aber vor allem unser Revier am Falkenstein tödlich getroffen. Der Berg ist in Unordnung geraten!« Ulrich zieht mich zu sich heran. Seine Stimme klingt drohend. »Schuld haben vor allem die ausländischen Gewerken. Merk dir das! Die Gesellschaft Manlich, die Firma Baumgartner, das Handelshaus Herbrot, die Jenbachgesellschaft – und wie sie alle heißen mögen. Aber allen voran die Fugger!«

»Sei vorsichtig, Ulrich, mit dem, was du da sagst!« versuche ich ihn zu bremsen. »Es sind schließlich nur Vermutungen von dir.«

Ulrich lacht wütend auf, zieht mich noch näher zu sich heran. »Vermutungen? Nein, mein lieber Bruder, Tatsachen!

Da, wo keine Fugger sind, ist auch kein Raubbau. Da steht das Bergwesen in schönster Blüte! Die Silbergruben in Freiberg sind schon an die 400 Jahre unerschöpft, die Bleibergwerke in Goslar - so hat es mir der Vitus erzählt – gar 600 Jahre. Er war dort. Er weiß es. Ein paar andere, die ich gesprochen und danach gefragt habe, konnten die Geschichte bestätigen: der Wenzl Tarik, der Karl Viehbauer, der Knorzen-Sepp, alles Leute aus deiner Schicht und noch etliche mehr. Frag sie!«

Ulrichs Atem geht jetzt stoßweise. »Adam, ich will meinen Zorn nicht auf die Metalle werfen! Mein Haß richtet sich gegen die Männer, die vorgeben, voller Lauterkeit, Unbescholtenheit und Redlichkeit zu sein, und uns doch zugrunde richten.

Auch unser Vater gehörte dazu … machen wir uns nichts vor.«

Ulrich erstickt fast an diesen Worten.

Ich lege den Arm um seine Schultern. So gehen wir die letzten Schritte bis zum Alten Pocher.

»Was wolltest du mir hier zeigen?« frage ich vorsichtig.

Ulrich geht einige Schritte voraus, winkt mir: »Du kennst dich doch aus. Erfahrene Bergleute, die den Bergsegen aus den Stollen und Schächten schlagen, sortieren das Erz nach der Güte schon einmal vor. Als die Erzkörper fett, fertig und streichend im Berg leicht aufzufinden waren, wuchsen die Scheidhalden hier am Pocher nur sehr langsam. In den letzten fünf Jahren nahmen sie an Umfang so schnell zu wie in den ganzen zehn Jahren zuvor.«

Wir stehen vor mannshohen Halden mit unterschiedlichem, zerkleinertem Gestein. Ulrich deutet auf die Schuttkegel, als ob er sie abzählen wollte:

»Sand … Gries … Graupen … taub. Alles taub!«

Das rhythmische Aufstampfen der schweren Pochstempel auf das Erzgestein in den Trögen, erschwert das Zuhören, obwohl nur zwei der fünf Pochwerke Gottes Speis zermalmen.

Wie immer, wenn ich hier vorbeikomme, gleitet mein Blick mit Bewunderung über die sechs sich hebenden und niederfallenden Pochsäulen – jede davon ein ausgewachsener Eichenstamm mit einer Länge von gut neun Ellen, die von dem mächtigen Wasserrad bewegt werden. Hier bringt das Wasser Erleichterung, dort im Berg aber kämpfen die Menschen Tag und Nacht, um es fernzuhalten.

Von oben wird das Gerinne auf die Schaufeln des Wasserrades geführt, dessen Wellbaum mit eisernen Däumlingen gespickt ist. Die sich mit dem Wellbaum drehenden Däumlinge erfassen die Heblinge in den senkrecht stehenden Pochsäulen, heben die Stämme hoch, klinken aus und lassen die Baumstämme wieder fallen. Da die Däumlinge gegeneinander auf dem Wellbaum versetzt sind, wird zunächst die erste, dritte und fünfte Pochsäule hochgehoben, dann folgen die zweite, vierte und sechste.

Pro Umdrehung des Wasserrades werden die Stämme zweimal angehoben, lassen ihre mit schwerem Eisen beschlagenen Pochschuhe auf das im Pochtrog liegende Gestein schmettern, um es für die Öfen zu zerkleinern. Sechs Männer sind damit beschäftigt, das Pochgut aus dem Trog zu schaufeln und diesen gleich wieder mit Erzgestein zu füllen.

Wir ziehen uns einige Schritte von dem Dröhnen zurück.

»Schlechtes Erz mit gutem Erz zu schmelzen ist schädlich, das wissen auch die Knappen, die Lehenhäuer, und du als Schiener solltest es eigentlich auch wissen … Trotzdem setzen immer mehr Knappen immer häufiger betrügerische Mittel ein, um an einen höheren Lohn zu kommen.«

Ich zucke mit den Schultern: »Meinst du, ich merke das nicht? Aber wo das gute Erz immer seltener wird, kannst du es ihnen da verübeln, wenn sie das gute Erz zerkleinern und mit armem Gestein vermischen, um es dadurch einlösbar zu machen?«

»Richtig, Adam. Und das wird weiter zunehmen. Hier der Beweis: Die Berge vor dir mit erzlosem Sand, Gries, Grauben und Geröll wachsen jetzt hier unten am Pochwerk wesentlich schneller als die Halden da oben an den Mundlöchern.

Und nun, Adam? Was glaubst du wohl, was die Gewerken dagegen machen werden? Was werden sie tun?«

Ein kurzes, lastendes Schweigen.

»Dreifaches Scheidwerk …«, antworte ich zögernd.

»Dreifaches Scheidwerk!« wiederholt langsam mein Bruder. »Mein Entschluß fortzugehen steht fest. Und auch du solltest dir sehr schnell überlegen, ob es nicht besser wäre, Schwaz den Rücken zu kehren.«

»Meinst du, es gibt Aufruhr?«

»Ganz sicher wird es den geben. Und du wirst dich da kaum heraushalten können.«

»Maria ist im siebten Monat. Wir können jetzt nicht weg. Und am Berg gibt es jeden Tag irgend etwas.«

»Adam, das ist nicht ein Irgendetwas, das da kommen könnte, das ist etwas ganz Genaues! Wir Hüttenleute und Silberbrenner merken das zuerst. Die Erträge sinken, die Kosten steigen, da wir die Schlacken umschmelzen müssen, weil beim ersten Schmelzen zu wenig Silber und Kupfer ausgebracht wird. Die Öfen betreiben und erhalten bei sinkendem Ertrag – da wird etwas geschehen! Der Herr Marx Fugger läßt sich jeden Tag genau berichten, was die Treiböfen an Silber ausschmelzen. Die Zentner der guten Zeiten fehlen ihm – der kann rechnen. Deshalb kannst du sicher sein: Die Pläne liegen fest. Er wird bald handeln.«

Das Dreifache Scheidwerk! Das Einlösen des Gesteins nach dreifacher Güte, mit danach unterschiedlichem, wechselndem Lohn. Das würde die Bergleute in den Ruin treiben!

»Das werden die Knappen nie hinnehmen. Sie werden mit allen, auch gewaltsamen Mitteln, versuchen, das Dreifache Scheidwerk zu verhindern! Das schnürt ihre Lebensader ein, nimmt den Familien das Brot. Es gibt jetzt schon Ärger wegen der Pfennwerte …«

»Willst du noch mehr wissen?« fragt mein Bruder in einem Ton, der mich bleich werden läßt.

»Ich glaube, es reicht!«

»Nur noch eins …« Er bricht mitten im Satz ab. Beginnt noch mal: »Denk an die Hungersnot vor drei Jahren Anno ’71, als die Bayern die Getreidesperre gegen Tirol verhängt hatten. Da sind viele Knappen vom Berg gezogen, aber es war Ruhe am Berg, da die Not von außen kam. Jetzt aber machen wir die Not selber. Noch schlimmer: Sie wird uns aufgezwungen.

Bruder, überlege es dir. Ich habe Angst. Angst um dich und deine Frau. Ich will nicht, daß dir etwas zustößt! Du kannst doch frei wählen. Kommt mit mir. Gehen wir zusammen. Du wirst sehen, wir kommen besser zurecht in Böhmen, in Sachsen oder in Polen. Ich will nur eines für dich: du sollst in Schwaz, mit Schwaz, mit der Mutter aller Bergwerke, nicht untergehen!«

Er nimmt meine Hände in seine schweren Pranken:

»Meine Vorstellungen vom Leben hier sind düster, aber ich bin noch nicht so weit gelähmt, daß ich es nicht ändern könnte. Das Schlimme gehört für mich nicht notwendig zum Leben, wie das Dunkel zum Licht. Darauf gründet sich meine Hoffnung.«

Eine kurze, harte Umarmung.

»Gott beschütze dich auf allen deinen Wegen, Bruder!«

Ulrich wendet sich ab. Stapft mit schwerem Schritt zur Schmelzhütte zurück.

Blume

Nach dem Abschied von Ulrich gehe ich die wenigen Schritte bis zum Eingang des Sigmund-Erbstollens so langsam, wie ich nur kann, um meine Gedanken zu sortieren. Was ist Erz? Was ist Sand?

Ich schaffe das Sortieren nicht, da einige Truhenläufer mit ihren vollen, erzgesteinbeladenen Spurhunten aus dem Stollengang angerollt kommen und mir zurufen:

»Durch Christentum viel Glück und Heil, Herr Schiener!«

»Glück und Heil dem löblichen Bergbau!« antworte ich den Burschen, die offensichtlich auf den letzten 500 Lachtern das Gefälle des Stollens wieder einmal wild genutzt hatten, um die bisher schnellsten gefahrenen Zeiten der zweiten Schicht zu unterbieten. Beim Bier am Sonntag schließen die Huntstößer, wie sie sich selbst bezeichnen, aller drei Schichten Wetten ab, wer wohl zur Zeit am geschicktesten und am schnellsten fahre.

Wenn das der Schichtmeister mitbekommen hätte – der Abzug von einem Kreuzer wäre ihnen sicher gewesen. Nicht wegen dem Spaß, sondern wegen des Materials. Das Leben eines Truhenläufers hatte es zudem im Herbst letzten Jahres gekostet, als der Spurnagel seiner Hunte bei der wilden Fahrt brach.

Die Hunten sind auf den Stollendurchmesser, der beim Sigmund-Stollen kaum viel mehr als eine Elle beträgt, maßgezimmert. Mit kaum einer Handbreite Abstand beiderseits vom Fels jagen sie dem Mundloch zu. Die voll beladenen Truhen bekommen ganz schön Fahrt auf den beiden Holzbohlen, die auf den Querhölzern an der Stollensohle befestigt sind. Zwischen den Holzbohlen, auf denen die Räder der Truhe laufen, wird ein Abstand von einem Bergmannsdaumen eingehalten, um dem Leitnagel unten an der Truhe den notwendigen Platz zu sichern. Ein findiger Schmied stülpte dem Nagel eines Tages einen rohrartigen Laufring über und bog den Nagel um. Damit war gesichert, daß die Geschwindigkeit in den Kurven beibehalten werden kann.

Seitdem gibt es Rennen im Stollen – und Tote!

Die Burschen fahren viel zu dicht hintereinander. Wenn der erste Wagen entgleist, kann der Läufer hinten drauf kaum noch Gott und die Heiligen anrufen – dann wird er durch die nachfolgende Hunte zermalmt! Den Jakobus, 16 Jahre war er alt, haben sie regelrecht von der Stollenwand abgekratzt.

Am Eingang des Stollens angekommen betrete ich die Krame. Sie ist die größte am Falkenstein und birgt neben vielen anderen wichtigen Dingen auch unsere Werkzeuge, das Gezähe. An den Wänden sind übersichtlich sortiert Bergeisen, Ritzeisen, Sumpfeisen, Fimmel, Keil, Plötz und Legeeisen. Gegenüber an der Mauer Ritzfäustel, Handfäustel, Treibefäustel, das zweihändige Treibefäustel, Großfäustel und die hölzernen Stiele passend für jedes Eisen. Unten in den Kisten liegen die Eisen zum Durchschlagen, das Brecheisen und die Brechstange. Weniger vorhanden sind die Geräte, die für das Aufschlagen neuer Stollen vonnöten sind, wie die Keilhaue, die Kratze und die Schaufel. An der Stirnwand, kunstvoll zusammengesteckt, stapeln sich Tonnen, Kübel, Körbe und Ledersäcke, eiserne Bügel, Reifen, Stäbe sowie Unmengen an eisernen Hacken und Förderseilen.

Ein Privileg, das ich durchaus zu schätzen weiß, sind die reichlichen Mahlzeiten, die uns Agatha, die Witwe eines Truhenläufers, täglich zum Schichtwechsel kocht.

Kein Privileg, aber besonders lieb von ihr, daß sie mir darüber hinaus mein Bergmannsleder pflegt. Mein Arschleder, die Lederschuhe, der Lederumhang, die lederne Gugelhaube, ausgestopft mit weichen Tüchern, damit der Kopf keine Beulen bekommt, glänzen vor Fett, als ich mich umziehe.

Zur halben Zeit der Schicht bin ich mit dem Bergmeister verabredet, dann, wenn alle Huntenläufer aus dem Sigmund-Stollen sind.

Die vierundzwanzig Tag- und Nachtstunden werden geteilt in drei Schichten zu je sieben Stunden. Drei Stunden sind zwischen den Schichten eingeschoben, in denen die Bergleute zu den Stollen und Mundlöchern kommen oder den Berg verlassen. Von 4 Uhr morgens bis 11 Uhr dauert die erste Schicht; die zweite beginnt um 12 und endet um 19 Uhr. Früh- und Mittagsschicht ergeben die Tagschichten. Die dritte ist die Nachtschicht, sie nimmt mit der achten Abendstunde ihren Anfang und endet um 3 Uhr früh.

»Im Berg gibt es nur die Nachtschicht«, hörte ich gestern einen Lehenhäuer sagen, als er auf dem Weg zur Siedlung seinen Nachbarn traf, der meinte, er hätte es mit der Tagschicht besser getroffen als er selbst, da er schon den ganzen Monat in der Geisterschicht arbeitete.

Bergmeister Reisländer ist an der Krame eingetroffen, gerade als ich meine Grubenlampe, voll mit Unschlitt, in die Hand gedrückt bekomme.

»Glück und Heil, Schiener Dreyling!«

»Glück und Heil, Bergmeister«, grüße ich zurück.

Reisländer ist seit über 30 Jahren mit dem Berg vertraut. Er hat das Stollensystem im Kopf, als wenn das Berggebäude, wie er den Falkenstein oft nennt, von ihm allein aufgeschlagen worden wäre. »Der Fuchsbau hat 220 Eingänge«, berichtete er uns vor Tagen, da er die Mundlöcher unlängst hatte zählen lassen. Mit allen Stollen, Schächten und Gängen ergibt das ein Labyrinth von gut 53 Meilen, jede Meile zu 4430 Lachter, allein im Falkenstein. Von der Talsohle bis zur Gipfelkuppe des Mehrer Kopfes erreicht das Grubengebäude im Berg eine vermessene Höhe von 794 Lachter.

»Das Erz heil heimbringen«, das ist eine der Lieblingswendungen von ihm, wenn er mit den Knappen spricht.

Zweifellos steckt hinter dieser Aufforderung eine Strecke leidvoller Erfahrungen. Aber noch nie wurde ein Unglück abgewendet durch Zurückhaltung der Knappen beim Aufschlagen neuer Stollen oder beim Abteufen neuer Schächte; noch nie wurde ein Leben im Berg dadurch gerettet, daß man immerfort an die Möglichkeit des Todes dachte, damit das Erz heil heimgebracht wird.

Reisländer neigt von Natur aus zur Vorsicht und hat so alle Klugheit auf seiner Seite. Sein Wort, seine Entscheidungen werden uneingeschränkt von jedermann befolgt! Bei der Verleihung der Bergbaurechte für Grubenfelder, Fundgruben und Gruben jeglicher Größe blieb Reisländer fehlerlos, besonders auch bei der Vergabe von Adern an die Lehenhäuer, die im Gegensatz zu der Masse der Knappen, die als Herrenhäuer für die Gewerken arbeiten, gegen eine Art Pacht selbständig Vorkommen ausbeuten.

Seine Sicherheit, sein Scharfsinn, sein Instinkt für den Berg haben ihm schon vor langer Zeit den Ruf eingetragen, er könne Gefahren förmlich riechen … Und wenn er sich auch ruhig und zuversichtlich, ja sogar ein wenig locker gibt, so kenne ich ihn gut genug, um zu bemerken, daß ihm die Lage im Raber-Liegendbau ebenso unheimlich ist wie dem Bergschrat Peter Gstein und mir.

»Dreyling«, ruft er beim Eintreten in die Krame, »habt Ihr Eure Himmelsrichtungen dabei?«

»Gewiß, Bergmeister. Nur habe ich sie heute durch die Winde ausgetauscht …«

»Winde? – Durch welche Winde denn?«

»Subsolanus, Favonius, Auster und Septentrio …«, zähle ich mit gespieltem Ernst auf.

»Ich verstehe«, meint Reisländer mit dem Anflug eines Lächelns. »Ihr habt Euren Kopf mit den Quadranten kreisen lassen – und das im Wind. Sagt mir: Welcher Wind ist der Beste für uns?«

»Ja, hm, hm …«, ich setze mit dem Ton ganz unten an und sage in vollendeter Demut: »Der, der uns erleichtert!«

Schallendes Lachen erfüllt die Krame.

Reisländer lächelt maliziös in meine Richtung:

»Ich denke, Ihr wollt damit andeuten, daß ich im Stollen auf jeden Fall vor Euch gehen sollte. Aber das sind doch alles Zwischenwinde – ich dachte mehr an die Hauptwinde!

Aus meiner Sicht betrachtet, Schiener, streicht das Erz an der Stelle, die wir gleich aufsuchen werden, von Burns nach Caurus, wenn nicht sogar von Auster nach Septentrio.«

»Nach dem, was durch Vermessungen in letzter Zeit deutlicher herausgekommen ist, könnte es ein fallender, mächtiger Gang von zwei bis drei Lachter sein, der von Ornithias nach Etesiae streicht.«

Agatha beobachtet uns mit ihren wachen Augen, versucht an unseren Gesichtern abzulesen, wer nun als erster eingestehen muß, daß die Himmelsrichtungen gewissermaßen verlorengegangen waren.

Wir Schiener lernen die Himmelsrichtungen auf dem Bergkompaß weiter zu unterteilen, so daß jeder Quadrant von Nord nach Ost, oder von Ost nach Süd weitere sechs Gradeinteilungen erhält. Diese teilen die vier Quadranten, also den Kreis in 24 gleiche Teile – wie Agatha ihren sonntäglichen Kuchen.

Wie die Bergleute, so verfahren auch die Seeleute mit der Zahl der Winde. Die Römer gingen einst denselben Weg, wobei sie den Winden teils lateinische, teils griechische Namen gaben.

Wir Schiener, ich gebe es gerne zu, machen uns immer einen Spaß daraus, den Verlauf eines Ganges vor den Knappen im Berg nach Belieben durch die Namen der Winde zu bezeichnen, um Eindruck zu machen.

Nun, Reisländer versteht sie genau – wäre es anders gewesen, ich würde beginnen an der Ordnung des Kosmos zu zweifeln.

»Sind wir so weit, Dreyling? Dann können wir gehen.«

»Glück und Heil, Bergmeister.«

»Glück und Heil, Schiener.«

Während die frisch gefüllten Lampen mit einem fetten, übelriechenden Rauch brennen, verläßt Reisländer die Krame, und ich folge ihm ins Freie.

Ich sehe hinauf zur sechzig Klafter lotrecht aufsteigenden Felswand des Eibelschroffens. Die blendende Nachmittagssonne liegt auf der Wand und dem breiten Haldengürtel unterhalb des Steilabbruchs.

Dort oben war die Keimzelle des mittelalterlichen Bergbaus, hatte mir mein Vater noch erzählt. Nach den mächtigen Haldenflächen zu urteilen, muß dort oben die Vererzungsdichte groß gewesen, muß reich abgebaut worden sein. Die Zeit ist lange vorbei, wo droben am Geschröffe das Erz am Tage abgebaut werden konnte. Je höher die Stollen, desto älter sind sie. 1491 war dann die Talsohle erreicht. Der Herzog-Sigmund-Erbstollen vor uns wurde damals, vor 83 Jahren, feierlich angeschlagen.

Wie ein ungestümer Bergbach schwappt uns das Wasser aus dem Stollenmund entgegen, schießt weiter den Pochwerken zu.

»Ich werde wohl nie begreifen, wo all das Wasser herkommt.« Reisländer, der vor mir den Stolleneingang erreicht hat, wirft mir einen nachdenklichen Blick zu. »Der Berg weint unaufhörlich.«

Der Kampf zwischen den Mächten des Lichtes und den Mächten der Finsternis ist nach wenigen Klaftern zugunsten der Finsternis entschieden. Mit den Lampen, den flackernden Flammen in den Händen, kommt es mir vor, als ob wir mit jedem Schritt die Vergangenheit hinter uns ließen und gleichzeitig einen Schritt in die Zukunft täten – die von unseren winzigen Lichtern kaum erhellt wird.

Wir gehen hintereinander zwischen den gut schulterbreiten Felsenwänden. Der Sigmund-Stollen ist damit großzügig gebaut. Der Magdalenen-Stollen, etwa 18 Lachter über uns, ist noch wesentlich enger aufgeschlagen.

Bis zum harten Gestein des Dolomits liegen rund 210 Klafter Strecke vor uns.

Unter den Holzschwellen, auf denen die Bohlen für die Hunte befestigt sind, schießt zischend und rauschend das Wasser dahin, schwappt uns immer wieder über die Füße.

»Bergmeister, das Gurgeln unter uns, ist das in diesem Ausmaß noch normal? Könnt Ihr Euch noch erinnern, wie stark die Bergwässer vor 20 Jahren hier Ende April waren?«

Statt einer Antwort fragt Erasmus Reisländer zurück:

»Wieviel schätzt Ihr? Wie hoch fließt das Wasser?«

»Gut eineinhalb Fuß über der Stollensohle – und das jetzt schon. Dabei ist der Höhepunkt der Schneeschmelze auf den Bergen erst Ende Mai zu erwarten.«

Der Bergmeister nickt. »Das Bergwasser des Falkensteins hängt ab von den Verhältnissen in den Hochkaren des Kellerjochs. Im September vor vier Jahren bin ich drüben auf das Vomper Joch gestiegen, habe mit Abstand auf das Kellerjoch geschaut. Da habe ich es begriffen …«

Er bleibt kurz stehen, als wolle er sich umdrehen.

»Dreyling, wir schlagen den Baum um, von dessen Früchten wir leben. Wir sind dabei, den Schwazer Bergbau zu zerstören. Wir! Wir selber!«

Ich erschrecke über die Endgültigkeit, die in diesem Satz und in seiner Stimme liegt.

Hatte nicht Ulrich das gleiche gesagt? Und nun Reisländer!

»Wir?« frage ich.

»Wenn ich das so sage, Adam« – zum erstenmal nennt er mich beim Vornamen -, »meine ich nicht dich und mich persönlich. Mit ›wir‹ meine ich drei Generationen Berggemeinde, gelenkt durch wenige ehrgeizige Handelsfirmen.«

»Mein Bruder, mein Bruder Ulrich, Bergmeister, sagte vorhin am Alten Pocher fast das gleiche …«

Wieder nickt Reisländer:

»Wir sind nicht viele, die die Zusammenhänge zwischen hier unten und tausend Klafter über uns zu sehen vermögen. Steige aufs Vomper Joch, und die Wahrheit liegt vor deinen Füßen, weshalb das Wasser von Jahr zu Jahr höher steigt.«

»Was meint Ihr damit?«

Für einen Augenblick scheint Reisländer zu zögern, doch dann fährt er mit ruhiger Stimme fort:

»Schuld an dem gesteigerten Wassereinbruch ist der Kahlschlag auf den Hängen des Kellerjochs. Die Wälder waren riesige Speicher, die Trockenzeiten im Tal überbrückten, Überschwemmungen des Lahnbaches verhinderten und auch hier, weit ab von der Oberfläche, dafür sorgten, daß sich nicht reißende Wildbäche bildeten.

Sieh dir die Berghänge an drüben beim Schneekopf, wo sie die Stämme nicht herüber bringen können – alles in Ordnung! Da aber, wo die Wälder fehlen, wie hier am Falkenstein und am gesamten Kellerjoch, sind wir den Wassermassen schutzlos ausgeliefert!«

Erasmus Reisländer hat ruhig gesprochen; die Gewißheit, die in seinen Worten liegt, klingt so sicher wie der Rhythmus seiner weit ausgreifenden Schritte.

»Ob im Nikolaus-Stollen der Alten Zeche, ob im Zapfenschuh, oder im großen System des Martinhütt-Stollens und erst recht in den Tiefen Bauen, überall verschwinden die untersten Stollen viel schneller als angenommen im Wasser.

Und die Ursache? Nicht einmal ein Fußdick fehlender Humus mit Bäumen darauf!«

Ich sehe im schwachen Licht der Flamme, daß er die linke Hand zur Faust geballt hatte.

Jeder Bergmann zu Schwaz weiß, daß Reisländer seit Jahren einen verbissenen Kampf mit den fürstlichen Beamten ausficht. Nun beginne ich auch den Grund dafür zu begreifen. Und so massiv, wie er vor mir den Stollengang mit seinem Körper ausfällt, so massiv würde er sich auch weiter gegen Dummheit und Gier stellen.

Ist es denkbar, daß er mich zum Verbündeten gewinnen will? Ich wüßte niemanden, an dessen Seite ich lieber stehen würde.

»Ich habe drüben am Hang des Vomper Joches etwas ausgerechnet. Als die Bäume am Kellerjoch um ein Fünftel ausgedünnt wurden, schwemmten bereits Regen- und Schmelzwasser dreimal mehr Erde davon als normal.«

Wir sind an der einzigen Ausbuchtung des Sigmund-Stollens angekommen, an der man einer Hunte ausweichen kann, indem man sich in die ausgehauene Nische stellt.

Reisländer dreht sich um, und ich sehe sein ernstes Gesicht:

»Schwaz lebt, weil der Wald und der Berg stirbt! Niemand will die Anzeichen sehen. Allein der Lahnbach zahlte es in den letzten Jahren der Bevölkerung von Schwaz mit schlimmsten Verheerungen heim. Am schwersten betroffen war die Knappensiedlung. Und was haben sie getan? Eine Messe mit Fürbitten an die Jungfrau Maria!«

Er leuchtet mit seiner Lampe die Stollendecke ab und besieht die herabperlenden Wassertropfen.

»Auch hier schon. Das ist neu …«, bemerke ich.

Der Bergmeister schreitet wieder voran:

»Das Wasser steigt unaufhörlich. Noch ein paar Wochen Regen, zwei, drei heftige Gewitter kurz hintereinander, ein besonders sonniger Frühling – dann, Adam, kannst du sicher sein, wird der Berg hier und oben zu einem einzigen Wasserfall.«

»Können wir dem nicht zuvorkommen?« frage ich ihn.

»Können!?«

Dabei wendet er im engen Stollen seinen Kopf. Ich erschrecke. Reisländers Gesicht wird von unten her mit der Lampe zu einer Fratze ausgeleuchtet.

»Wir müssen! Noch liegen nur für wenige Reviere genaue Beobachtungen vor, doch wo immer das Wasser die Oberhand gewinnt, da ist der Stollen verloren. Das können, das dürfen wir uns nicht leisten. Das Wasser muß noch besser, noch schneller durch unsere Wasserkunst aus den Tiefen gehoben werden. Freilich darf es auch nicht viel mehr werden – wir liegen an der Grenze.«

Der Stollen verläuft stets schwach gekrümmt nach links, in südöstlicher Richtung. Das gelblich-rötliche Gestein um mich herum zeigt an, daß wir unseren Schwazer Dolomit erreicht haben. Gleich wird sich der Stollen teilen, wobei der Hauptstollen nach Osten abbiegen, das Kienberg-Revier im Norden umgehen und noch mal nach Osten weiterfuhren wird. Vom Mundloch bis zum Krummörter-Revier ist der Sigmund-Stollen 1235 Lachter lang. Das Ganze hatten wir Bergleute mit Schlägel und Eisen, in Schrämmarbeit, in 26 Jahren aus dem Felsen gebrochen. Ich kann mich noch an die Vortriebsarbeiten der letzten Jahre erinnern, die uns der Dolomit zugestanden hatte: einen halben, einen drittel Fingerbreit Stollen pro Tag in drei Schichten! Wir konnten gerade unsere Kappen damit füllen. Die Breite der Schrämmstollen ist recht einheitlich, liegt bei gut zwei Fuß. Die Höhe hingegen variierte zwischen zwei und elf Fuß – je härter der Fels, desto niedriger die Decke. Die Knochenarbeit ist mühselig genug.

Doch die Steigerung von mühselig heißt abteufen – den Stollen senkrecht in die Tiefe schlagen! Was hatten wir hier beim Fürstenbau geleistet …!

Im Fürstenbau, dem wir nun eilig zustreben, waren die Erze bis weit unter die Sohle des Sigmund-Erbstollens hinab als reich und edel zu bezeichnen. Die Gangmächtigkeit beträgt fast sieben Fuß, was nicht gleich heißt, daß es sich hierbei um sieben Fuß Derberz handelt. Nein, es sind neben- und ineinander verlaufende Erzbänder mit etwa je einem halben Fuß Derberz. Freilich – sie liegen weit unterhalb des Bergwasserspiegels. Seit 1515 waren die Knappen dabei, beim Fürstenbau den berühmten Schrägschacht weiter und weiter abzusenken, um dem Erz keine Chance des Vergessens zu geben.

Die Wasserwellen, die in regelmäßigen Abständen die Bohlen, auf denen wir laufen, zu überfluten drohen, sind das in Schüben gehobene Grubenwasser aus diesem Tiefenbau. Allein aus dieser Hölle hatten die Knappen in gut 60 Jahren ein Stollensystem von 4000 Klafter Länge herausgebrochen. Alle Stollen werden dort unten am Schrägschacht, der mit einer Neigung von 80 Grad in die Tiefe zieht, fördertechnisch in günstigen Abständen seitlich angesetzt.

Wahrhaftig ein Abgrund im Berg! Er erreicht jetzt 125 Klafter Tiefe! Die Wässer aus den Stollen können so zum Schrägschacht hin abrinnen und von dort aus gehoben werden.

Die »Martyrien-Stollen«, wie sie insgeheim genannt werden, heißen in absteigender Reihenfolge: Mitterraindl, Sagstecher, Kaltenbrunner, Raber, Klausen, Neubau, Grandi und Gapl. Mühsal, Schinderei, Knochenarbeit, Hinfälligkeit, Krüppel, Siechtum, Krankheit und Tod hätte man sie genauso bezeichnen können, wobei jeder einzelne Stollen, der tiefer und tiefer aufgeschlagen wird, gleichzusetzen ist mit einer Verdopplung der Martyrien!

»Der Gapl-Stollen steht jeden Tag vor dem Absaufen!« klingt Reisländers Stimme wieder auf. »Das macht mir neben der neuen Situation im Raber-Liegendbau die größten Sorgen.«

In wenigen Schritten würden wir am Kopf des Schrägschachtes und beim Wassergappl sein, dann würden wir zumindest wissen, wie es mit dem Wasser im Tiefenbau ausschaute.

»Beim Raber wird’s schwer werden mit der Entscheidung – wenn wir überhaupt noch entscheiden können. Ich meine wegen des Herrn Marx Fugger«, schneide ich das Problem vorsichtig an. »Der Herr Siegmund soll ja heute auch im Berg sein.«

Der Bergmeister schweigt.

Das Wap-Wap-Wap der oberschlächtig betriebenen Wasserräder dringt in dieser Pause aus der Radstube an mein Ohr. Wir sind am Tiefenbau angekommen.

Theobald Freitag, ein weiterer Schiener, kommt uns entgegengehastet. »Das Berggespenst geht wieder um«, raunt er uns im Vorbeieilen zu.

Reisländer runzelt die Augenbrauen.

»Der gnädige Herr will offenbar tatsächlich selbst verfugen«, bemerke ich ärgerlich, »ob wir den Schiefer durchschlagen sollen oder nicht.«

Wir betreten den Fürstenbau – unsere »Kapelle im Berg«, wie ich das Gewölbe getauft hatte.

Der mit herrlichem Trockengewölbe abgesicherte Schachtkopf hat eine Höhe von gut 13 Lachter. An dieser Stelle mündet auch die rechte Gabelung des Sigmund-Erbstollens.

Der Blick vom Schachtkopf zum in die Tiefe ziehenden Schrägschacht, über den allein die »Martyrien-Stollen« zu erreichen sind, wird abgelenkt hinüber zur hell mit Kienspänen befackelten Radstube.

Hier ist unsere berühmte Wasserkunst eingebaut. Zwei Stockwerke hatte man großzügig aus dem Dolomit herausgebrochen, zwei Rundbögen übereinander – wie Triumphbögen sehen sie aus. Überall in der Trockenmauerung sind große Grubenlampen eingemauert, die vollgefüllt mit Unschlitt, tagelang brennen können. Die Belüftung ist hier dank der Verbindungsstollen bis hinauf zum Eiblschroffen ohne Tadel; ansonsten wäre man an diesem Ort erstickt, und gleichzeitig hätte man wegen des Gestanks gewiß die Pest bekommen.

Beide Stockwerke hatten schon König Philipp II. von Spanien beeindruckt, als er 1551 an der gleichen Stelle das Wunder im Berg bestaunte.

Durch den oberen Bogen sieht man die beiden dicken Hanfseile, die, vom doppelten Haspelkorb kommend, über einen querliegenden Balken mit aufgelegten Rollen zum Schachtkopf geführt werden und dann mit Hilfe einer Umlenkrolle in dem schwarzen Schlund des Schachtes verschwinden.

Der Durchmesser des Schachtes löst bei mir immer Beklemmungen aus. Ich hatte einmal 14 mal 16 Fuß gemessen! Dort unten wird der Dolomit gehämmert, geschrammt, gebrochen und gepulvert – doch nichts ist zu hören. Das fließende Wasser, das aus dem unteren Bogen in den Sigmund-Stollen abgeleitet wird, übertönt schon lange die Knappenarbeit …

Der Bergmeister scheint meine Gedanken zu lesen:

»Stell dir vor, Dreyling, 600 Mann waren hier mit dem Trockenhalten des Tiefbaues beschäftigt. Vier Stunden haben die Männer das durchhalten können.«

»Wahnsinn …!« nicke ich.

Ja, Wahnsinn. Sechs Schichten – Tag und Nacht. Das kostete, bevor der Salzburger Lasser 1554 die Wasserhebemaschine drüben eingebaut hatte, glatte 400 Gulden pro Woche!

Eine lebende Eimerkette. Nicht horizontal, vertikal, nach oben! Jeder Eimer gestemmt über den eigenen Kopf. Vier Stunden – endlos!

Ich schüttele den Kopf, sehe in den Schacht hinunter und versuche mir die vor Wasser triefende Menschenkette, aber auch den Schichtwechsel von damals vorzustellen. Eine Behinderung durfte ja nicht erfolgen! Wie war das damals überhaupt organisiert?

Der Schacht selber ist mit Bretterwänden dreigeteilt, doch über die Hälfte des Querschnittes dient der Förderung des Wassers. Ein Drittel, ausgestattet mit hölzernen Leitern, bleibt für die Begehung hinunter bis zum Ende. Die restliche Öffnung ist den Transporteimern, die ebenfalls an Zugseilen festgemacht werden, reserviert.

90 Fuß weiter drüben in der Radstube steht das Wunder: Zwei oberschlächtig betriebene Wasserräder von gut 35 Fuß Durchmesser mit gegenläufig angebrachten Schaufeln, damit der Wellbaum in beide Richtungen gedreht werden kann, je nachdem die Stangenknechte, mit ihrem Hebelsystem wahlweise schaltend, das Wasser auf das eine oder andere Rad rinnen lassen.

»Wasser hebt Wasser!«

Zum erstenmal, seit wir im Berg sind, sehe ich Reisländer lächeln.

Die Wasserführung für die Räder, vom Rinnwerk außerhalb des Berges, durch verschiedene Stollen, bis herein in die Radstube, hatte ich mir schon vor meiner Prüfung zum Schiener genau angesehen: Vom oberen Rinnwerk wird das Wasser durch einen senkrechten Schacht in den Berg geleitet und durch einen extra dafür angelegten Querstollen von 165 Klafter Länge in den Martinhütt-Stollen geführt. Von hier fließt das Wasser hinab auf den Fürstenlauf und von dort, durch einen ausgeerzten Irrgarten, direkt zur Radstube. Es ist kaum zu glauben, doch für den Betrieb der Räder muß zusätzlich Wasser in den Berg geleitet werden.

Die Lasser-Maschine schafft 300 000 Liter pro Tag. Das bedeutet, daß die lederne Bulge, die etwa 1400 Liter Wasser vom Grund aufnimmt, am Tag 215mal fahren muß.

Die Bulge ist aus zwei Stierhäuten genäht. Gerade kommt eine hoch. Die Felle, aus denen die Bulge gefertigt ist, haben durch den längeren Gebrauch alle Haare verloren. Ein Leichentuch aus der Gruft dort unten, schießt es mir durch den Kopf beim Anblick der nackten, glatten, weißen, toten Tierhaut …

Reisländer legt seine Hand auf meine rechte Schulter:

»Sie muß ununterbrochen in Betrieb sein, sonst sind der Grandi und der Gapl da unten verloren. Komm, Adam, wir haben keine Zeit hier. Gehen wir hinüber zum Raber, wo unsere Männer auf eine Entscheidung warten.«

Blume

Auf dem kurzen Weg vom Fürstenbau zum Raber-Liegendbau kommen zwei Grubenlichter auf uns zu. Langsam. Unerbittlich.

Die Lichter gehören zwei jungen, stämmigen Truhenläufern, die eine ausgemergelte, einst wohl hochgewachsene, nun eher verschrumpelte Gestalt in ihrer Mitte mehr zu tragen als zu stützen scheinen. Die pechschwarze Kleidung verschmilzt mit der Dunkelheit des Ganges, und so ist es eigentlich nur ein kalkweißes Gesicht, das uns entgegenzuschweben scheint – ein fleischloser Totenkopf mit einer Nase wie ein gekrümmter Türkendolch, dazu haarlos bis auf ein paar weiße Fäden, die von Mundwinkeln und Kinn herabhängen, und in tief eingefallenen Augenhöhlen zwei brennende Augen: Herr Siegmund Fugger, der Alchemist, der Hexenmeister, das »Berggespenst«, wie die Knappen sagen.

»Reisländer – Dreyling. Ich wußte, daß ich Euch hier finden würde.«

Mit einer ungeduldigen Bewegung streift er die stützenden Hände seiner Begleiter ab, scheucht sie mit einer herrischen Bewegung in den Stollen zurück, kommt ein paar schlurfende Schritte näher zu uns:

»Kommt her. Die Dummköpfe brauchen nicht zu hören, was ich Euch zu sagen habe«, flüstert seine brüchige Greisenstimme. »Aber Ihr beiden, Ihr seid schließlich keine Dummköpfe.«

Klauenartige Hände packen unsere Arme:

»Ihr habt es noch nicht gefunden, das Kupfer, das Silber, das – Gold?«

»Nein, Herr Siegmund. Kupfer und Silber wohl, wenn auch von Jahr zu Jahr weniger«, antwortet der Bergmeister. »Und Gold hat es in diesem Berg noch nie gegeben.«

Das hohe Kichern des Greises wirft ein seltsames Echo von der Hallendecke zurück.

Reisländer richtet sich mit einem Ruck hoch auf. Auch ein Bergmeister widerspricht nicht so einfach dem mächtigsten und neben den Erzherzögen mittlerweile einzigen Gewerken in Schwaz.

»Herr, Gottes Speis sinkt und sinkt mit jedem Fuß, den wir in den Dolomit schlagen« beginnt Reisländer in beschwörendem Ton. »Herr, wir betreiben Raubbau! Wir gehen den erzreichen Gängen nach, aber wir treiben seit Jahren keinen Hoffnungsbau. Wir schürfen die vorhandenen Adern aus, doch wir tun nichts, um neue Adern zu finden. Wenn die edlen Gänge plötzlich erschöpft sind, stehen wir ohne jegliche Reserve an abbauwürdigen Vorkommen da. Wir benötigen sie aber, um die Schwankungen in der Ausbeute, die immer wieder vorkommen werden, wie Ihr sehr gut selber wißt, auszugleichen. Wir müssen verhindern, daß Tausende von guten Männern den Berg möglicherweise bald verlassen müssen. Und die, die wir noch halten können, werden unter unzumutbaren Bedingungen arbeiten.«

»Unzumutbar?«

»Ja, Herr«, mische auch ich mich jetzt ein, und deute auf den Boden, wo sich das Wasser zwischen unseren Beinen den Weg zur Ablaufrinne im Herzog-Sigmund-Stollen bahnt.

»Nichts ist unzumutbar!« zischt Siegmund Fugger. »Wenn das Pack nicht arbeiten will – werft es hinaus. Holt andere aus Italien, aus Polen, Ungarn, Sachsen – woher Ihr wollt.«

»Herr, wozu? Um demnächst mehr und mehr taubes Gestein zu schlagen?«

»Taubes Gestein? Ihr Narren! Um unermeßliche Schätze an Kupfer, Silber und Gold zu bergen!«

»Herr, wenn wir den Bergbau am Falkenstein retten wollen, haben wir nur eine Wahl: Wir müssen zwar jetzt aus den tiefen Schächten und Stollen das Erz hereingewinnen. Aber wir müssen über den Hoffnungsbau unser Glück wieder weiter oben suchen – möglichst über dem Bergwasserspiegel – allein wegen der Kosten, die die Wasserkunst verschlingt.«

Wieder dieses unheimliche Kichern. Siegmund Fugger packt uns mit seinem Klauenhänden an den Schultern, zieht uns näher zu sich heran:

»Das da oben, das ist lachhaft, ihr Narren! Wißt ihr, wo die wahren Schätze liegen? Da unten! Unter unseren Füßen!«

Reisländer schüttelt energisch den Kopf.

»Du glaubst mir nicht, Reisländer? Und du auch nicht, junger Dreyling? Ich werde euch etwas verraten. Ein Geheimnis. Aber redet es nicht aus – die Kirche hört es nicht gern, auch wenn es wahr ist:

Wißt ihr, wie die Erde entstanden ist? Aus Feuer! Schon der Philosoph Anaximandros von Milet hat das ein halbes Jahrtausend vor Christus gewußt.

Damals, zu Beginn, war alles flüssig: das Erz, der Stein.

Und was sinkt tiefer? Die leichte oder die schwere Flüssigkeit?

Und was ist schwerer? Das Metall oder der Stein?

Und was ist am schwersten? Das Gold!

Darum, nur darum habt ihr bis jetzt das Gold noch nicht gefunden! Ihr seid noch nicht tief genug.

Schlagt auf, brecht den Dolomit. Nach unten. Nach unten, sage ich euch! Und wagt nicht, mich zu betrügen! Nicht zu betrügen um die unermeßlichen Schätze, die unter unseren Füßen warten.

Ich sehe alles! Ich weiß alles! Ich kenne die Geheimnisse!«

Ein Wink. Aus dem Stollen tauchen die beiden Truhenläufer wieder auf, stemmen sich unter die Achseln des Greises.

»Herr«, mische ich mich wieder ein. »Heute nachmittag habe ich Eurem Neffen, dem Herrn Marx Fugger, berichtet, daß wir beim Raber-Liegendbau auf den nördlichen Schiefer gestoßen sind. Es steht zu befürchten, daß der ganze Ort absäuft, wenn wir weiter aufschlagen. Indes, wenn wir nicht aufschlagen, werden wir den Abbau dort einstellen müssen.

Herr Marx sagte, daß Ihr Euch selber die Stelle ansehen werdet, um dann zu urteilen …«

»Der Raber drüben?«

»Ja, Herr.«

»Der Erzgang ist reich und führt direkt hinab zum Gold.«

»Aber der Schiefer! Wenn wir aufschlagen und dahinter eine Wasserkaverne sitzt …«

Die Augen Siegmund Fuggers funkeln mich gehässig an:

»Ein paar ersoffene Häuer, wenn überhaupt, werden mich vom reichsten Bergsegen, der je gefunden wurde, nicht trennen!«

Halb getragen verschwindet der Greis im Dunkel des Sigmund-Stollens, aus dem das Kichern noch zu uns zurückhallt.

Wir sehen uns an.

»Ist er ein Genie oder – ein Wahnsinniger?«

Reisländer zuckt mit den Schultern:

»Auf jeden Fall ist er der Mann, der neben seinem Neffen hier das Sagen hat.«

Wütend starrt er auf das Wasser, das reichlich zwischen unseren Stiefeln dahinfließt …

»Also zum Raber. Komm, es eilt!«

»Bergmeister«, frage ich, wieder hinter ihm hergehend, »warum habt Ihr gerade mich für diese Entscheidung ausgewählt?«

»Ich habe dich ausgewählt, weil ich drei grundlegende Werte benötige, nämlich Länge, Richtung und Neigung! Und das exakt! Verstehst du? Ich werde gleich eine exakte Messung brauchen, die meine Entscheidung absichert. Und deine Messungen hier im Berg sind schon Geschichte! Du hast dich längst im Dolomit verewigt.«

»Geschichte? Verewigt?«

»Deine Verbindungen, die du mehr als einmal zwischen weit auseinanderliegenden Grubenteilen vermessen und durchschlagen hast lassen, gehen völlig nahtlos ineinander über. Daß da und dort ein Stollen durchgeschlagen wurde, ist in Ewigkeit nur noch durch die Gegenläufigkeit der Schrämmspuren im Fels erkennbar. Jeder Schiener wird an diesen Stellen bis in ferne Zukunft hinein bewundernd deiner gedenken.«

Ich nicke hinter ihm mit unverhohlenem Stolz:

»Danke, Bergmeister!«

»Und gleich brauche ich genaue, sichere Maße vor Ort. Heute mehr denn je!«

Blume

Als wir am Ende des Verbindungsstollens angekommen sind, dringen plötzlich Stimmen an unsere Ohren. Zwei junge Huntenschlepper mühen sich, ihre Hunten in Richtung Sigmund-Stollen zu zerren. Vorn am Körper ist das Brustbrett umgeschnallt, von dessen Enden die Seile zur Hunte fuhren. Um unsere Beine rinnt das Wasser Richtung Radstube.

Wir sind beim Raber angekommen.

Die Lage hat sich verschlechtert. Eine teuflische Arbeit ist das da vor uns. Stunden schon schöpfen die Kolonnen, die der Schichtmeister Peter Gstein inzwischen zur Verstärkung hierher gebracht hatte, unter der dröhnenden Stimme Adelwart Demmers das ständig zulaufende Wasser aus dem neuen Schacht.

»Dreyling!« Die Stimme des Bergmeisters ist schneidend. »Von diesem Meßpunkt aus sind es wieviel Fuß bis zum nördlichen Schiefer? Ich brauche das genaue Maß! Eil dich! Mach deine Triangulation. Die Richtung, die Neigung. Genau!«

Ich packe meine Winkelmeßscheiben, Bergwaage, Setzkompaß, Saigerlot, Schnur und Maßstab aus.

»Nun?«

Die wachen blauen Augen unter den wirren Haarbüschen des Schichtmeisters Peter Gstein schauen uns sorgenvoll an.

Reisländer hebt die Schultern, läßt sie wieder fallen. »Der Wille des Herrn Siegmund Fugger ist, daß der Schiefer aufgeschlagen wird.«

Der Bergschrat ist entsetzt.

»Beim Satan! Er sollte sich besser die Stelle ansehen, bevor er seinen Willen kundtut.«

»So gefällt mir das, Reisländer. Alle fleißig bei der Arbeit, wie ich sehe!«

Wie aus dem Nichts steht Marx Fugger plötzlich vor uns.

»Hier oben ist das Wasser wohl kein Problem. Wenn wir es unten im Fürstenbau im Griff haben, dann hier oben erst recht. So ist es doch, Bergmeister?«

»Es ist richtig, daß das Wasser im Schrägschacht gebändigt ist. 300 000 Liter am Tag – durch die Lasser-Maschine. Nur ein Drittel der Wassermenge hier oben, und wir benötigen auf die Dauer 250 Mann!« ist die ruhige aber bestimmte Antwort Reisländers.

»Bergmeister, wo soll denn das Wasser in diesen Mengen herkommen? Überlegt doch selbst. Da ist ein Wasserzufluß angekratzt worden, nun ja. Schöpft ihn ab, und der Schacht ist wieder trocken - hatten wir doch schon alles. Vor allem vergeßt das Erz im Berg nicht. Wenn das Wasser nicht schnell genug von den Männern geschöpft wird, gibt’s bald keine Arbeit mehr und damit keinen Lohn. Ihr und Eure Berggemeinde sitzt wahrhaftig in einem Boot. Laßt es nicht kentern in diesem Schacht!«

»Das, was Ihr sagt, Herr Fugger, stimmt – bis auf eine Kleinigkeit. Erlaubt mir, daß ich sie ausspreche.«

»Nur zu. Nur zu, Bergmeisterlein! Sagt, was Ihr glaubt sagen zu sollen.«

»Ihr sitzt mit in diesem Boot. Ihr haltet das Ruder und bestimmt den Kurs. Verantworten aber muß diesen Kurs ich!«

»Das habe ich mir gedacht, Bergmeister. Euretwegen bin ich auch hier heruntergekrochen, weil mir Euer Schiener Dreyling heute mittag schon die Ohren vollgeheult hat. Ihr seid mir zu langsam in Euren Entscheidungen, und das kostet mein Geld. Hört gut hin: Mein Geld!«

Reisländer zwingt sich sichtlich zur Ruhe:

»Ich kann Euch nicht folgen, Herr Fugger, denn der Irrtum haßt die Langsamkeit. Im Berg ist die Langsamkeit, von der Ihr sprecht, ein Werkzeug, das Leben rettet und auch Euer Geld schützt. Was ist, wenn nun tatsächlich …«

»Wenn! Wenn! Alles Ausflüchte!« fällt ihm Marx Fugger brutal ins Wort. »Taten, Herr Bergmeister, und richtige Einschätzung! Ihr wollt ja hoffentlich nicht klüger sein als mein Oheim? Ich will wissen, ob der Erzstock da unten weiter reich abgebaut werden kann - und keine Bannsprüche gegen das Aufschlagen wegen unbewiesener, angeblich bedrohlicher Wasserzuflüsse.

Schaut doch hin, die Knappen schaffen das auch ohne Euch. Das Wasser, so scheint mir, ist in diesen Minuten, in denen Ihr mir die Gefahren der Verdammnis erzählen wolltet, schon merklich weniger geworden!«

Fugger wendet sich von Reisländer ab, geht zu den wasserschöpfenden Knappen und ruft:

»Häuer, Knappen, hört mir zu! Jeder von euch erhält einen halben Gulden, wenn ihr es schafft, heute noch aus diesem Schacht eine Erzstufe zu brechen. Ich will die Erzstufe noch vor Mitternacht sehen! Bringt sie zu meinem Haus …!«

»Das ist ja ein Anschlag auf unser aller Leben!« flüstere ich Reisländer entsetzt zu.

Durch die Knappen geht ein Ruck, als ob Siegmunds pures Gold auf der Sohle läge. Schlagartig weicht das Leiden aus ihren Gesichtern. Die Wasserkübel bekommen Flügel …

Marx Fugger wirft einen verächtlichen Blick zu Reisländer:

»Seht Ihr nun, welche Werkzeuge tatsächlich nutzen? Die angebliche Gefahr nehme ich auf mich. Der Herr wird mir Absolution erteilen, denn Er weiß, daß ich nur zum Wohl der Berggemeinde zu handeln pflege.«

»Herr Fugger, wir sollten die Messungen abwarten, ob der nördliche Schiefer bis herunter reicht«, wirft Reisländer hastig ein.

Er hätte sich den Atem sparen können. Herr Marx Fugger übersieht ihn einfach, schreitet an ihm vorbei und verschwindet nach oben in Richtung Martinhütt-Stollen, durch den er wohl auch den Berg betreten hatte. Nur seine Stimme schallt noch mal zu uns zurück:

»Meine Entscheidung bindet Euch, Reisländer! Wagt es nicht sie umzustoßen! Der Falkenstein ist meine Sache …!«

Ein leichtes Schaudern erfaßt mich, denn mir wird klar, daß Reisländer und Fugger zu einem Zweikampf angetreten sind, einem Kampf, der ohne Schwerter ausgeführt wird. Und ausgetragen wird er auf unseren Rücken, mit unserem Leben als Einsatz.

»Dreyling, messe den Berg. Schnell!«

»Der Herr Fugger versteht es, im richtigen Moment aufzutreten und uns Hoffnung zu geben. Empfindet Ihr das nicht genauso, Herr Bergmeister?« fragt Karl Viehbauer.

»Er soll auftreten, Hoffnung geben – ich wünsche mir nur, daß er auch recht behält! Gelobt sei der Herr.«

»So sei es«, sagt Viehbauer andächtig.

»Gstein, schöpft das Wasser aus. Haltet die Sohle einigermaßen trocken – aber wartet, um Gottes willen, mit dem weiteren Aufschlagen, bis wir genau wissen, wie der Schiefer verläuft!«

Der Schichtmeister schaut uns voll grimmiger Sorge an:

»Ihr habt es selbst gehört, Bergmeister. Die Männer sind nicht mehr zu halten, sie wollen den halben Gulden. Denkt nur – so großzügig ist unser Herr Marx. Einen halben Gulden!«

»Scheiß auf den halben Gulden!« bricht es heftig aus dem Bergmeister heraus. »Wir wissen auch ohne Messung, daß es für uns und den Berg besser wäre, von dort unten die Finger zu lassen! Fordert den Berg nicht heraus!«

Die Männer schöpfen bis zur Bewußtlosigkeit. Ich höre, wie sie sich selbst anfeuern, indem sie ein Lied anstimmen.

»… Das währet Tag und Nacht;
durch die Mannschaft wird viel Erz gemacht.
Die Stollen sind gar tief erbauen,
durch harten Stein und Kämpf gehauen
schwere Arbeit und große Gefahr
erschrecken uns nicht um ein Haar …«

»Der Schacht ist bald trockengeschöpft, Meister«, ruft Peter Gstein, der den Kontakt zu den Männern ganz unten auf der Sohle hält.

Etwa 23 Lachter tief ist der Schacht abgeteuft. Von dort aus geht der neue Schrämmstollen mannshoch seitwärts, etwa elf Lachter in nördlicher Richtung.

»Ich bleib und schlag auf! Den halben Gulden brauch’ ich dringend – und wenn der Teufel selbst hinter dem Schiefer hockt!« erklärt Jos Ammer, der direkt vor Ort im Stollen sein Ritzeisen gerade gegen einen schweren Pocher tauscht.

»Der Teufel ist wohl immer noch liebreizender als deine Frau, Jos, wenn sie nach Geld und Brot heult?« stichelt Nandl Kunzmeier, unser Spaßvogel, der hinter Ammer zur Ablösung bereitsteht.

»Hab du doch neun Mäuler zu stopfen«, schimpft Ammer.

»Ja, ja«, feixt Kunzmeier, »kein Vergnügen ohne Preis – auch nicht das Rammeln …«

»Laß den Jos in Frieden«, dröhnt die Stimme von Adelwart Demmer, der wegen seiner Bärenkräfte höchsten Respekt unter den Knappen genießt.

»Und der Herr Fugger hat gesagt, jeder bekommt einen halben Gulden?« erkundigt sich der 17jährige Junghäuer Kunz Weidinger aufgeregt.

»Schlagen wir also auf?« vergewissert sich Jos Ammer bei seinen Hinterleuten, die in einer Schlange im Stollen stehen, Wasser schöpfen, Arbeitsgeräte tragen, Lampen halten, gaffend nach vorne sehen.

Der Schiefer glitzert vor Nässe, kleine Rinnsale triefen herab.

Jos packt den schweren Pocher fester, setzt seinen größten Keil an den Schiefer und Nandl Kunzmeier beginnt zu singen:

»Herr Fugger ist ein kluger Mann!
Hau, Jos, hau!
Bietet ’nen halben Gulden an.
Hau, Jos, hau!
Er will das Erze heut noch schaun,
Hau, Jos, hau!
Wir jetzt drum auf den Schiefer haun!«

Das ›Hau, Jos, hau!‹ singen die Männer im Schacht lautstark mit.

»Dreyling, wie weit bist du?«

»Gerade beim Ausrechnen.«

Ich bin froh, daß hier unten meine Pinmarch angebracht ist. Sobald ein Grubenfeld festgelegt wird, bringe ich meine Meßhilfspunkte an. Damit brauche ich nicht mehr vom Mundloch weg vermessen, sondern eben von dieser Pinmarch, was die Schnelligkeit und Genauigkeit fördert.

»Das Ergebnis?« fordert Reisländer ungeduldig.

»Wir dürfen den Stollen keinesfalls aufschlagen! Wir sind dort unten noch gut zwanzig Lachter vom nördlichen Schiefer entfernt. Aber die Richtung des Schiefers hängt nach Süden und verkürzt die Strecke dort unten. Da wir aber den Schiefer schon kratzen können, haben wir es zusätzlich mit einer Lettenkluft zu tun. Sie ist wasserführend. Das bedeutet für uns, wenn tatsächlich größere Mengen an Wasser dahinter sind, wirkt diese Kluft, die in den Dolomit hineinragt, wie ein Trichter, dessen Ende mit Wachs verstopft ist!«

»… und wir gehen gerade daran, den Pfropf zu lösen!« schreit Peter Gstein entsetzt.

Reisländer brüllt dem Schichtmeister zu:

»Gstein, keinesfalls aufschlagen! Wir ersaufen sonst alle! Der Schiefer führt das Wasser direkt in den Stollen. Wenn eine Kaverne dahinter sitzt … dann gnade uns Gott!«

»Bergmeister, macht Euch doch keine Sorgen. Herr Fugger übernimmt doch jede Verantwortung!« klingt die Stimme Viehbauers.

In diesem Augenblick hören wir von der Sohle herauf die ersten Schläge mit dem schweren Pocher.

Reisländer und der Bergschrat springen an den Schacht, schreien abwechselnd hinunter:

»Aufhören! Aufhören! Hört doch auf! Wir ersaufen alle und mit uns der Berg! Hört Ihr da unten? Laßt das Hauen sein!«

Die Männer, die auf den obersten Sprossen der Leitern stehen und mit verständnislosen Gesichtern heraufglotzen, brüllt der Bergmeister an:

»Los! Kommt, kommt! Schnell! Raus mit Euch!«

Die vor Nässe triefenden Knappen auf den Leitern kommen heraufgekrochen. Ihre Leiber dampfen. Sie haben ihre letzten Kraftreserven eingesetzt, um den Stollen trocken zu bekommen.

Reisländer, Gstein und ich zerren die Knappen, einen nach dem anderen, aus dem Schacht. Wir müssen nach unten! Müssen selbst vor Ort, um die Männer aufzuhalten!

»Aufhören! Wartet, bis ich komme, ihr Hurensöhne!« Reisländers Gesicht ist weiß vor Zorn.

Knirschen. Krachen. Ein Knall, als ob eine Kanone explodiert.

Unter meinen Füßen zittert der Berg. Hinter mir höre ich schwere Gesteinsbrocken niederbrechen. Ein Erdbeben? Zischen, Grollen, als ob eine Schneelawine auf uns zurollen würde. Gischt spritzt mir ins Gesicht.

Ein Luftschwall wie der Atem eines Riesen schmettert mich zu Boden.

Eine gigantische, weiß schäumende Wasserfontäne schießt aus dem Schacht, schleudert Reisländer, Gstein, die Knappen fort.

Die Lampen erlöschen. Nur die Kienspäne oben an den Wänden brennen im Luftzug wild flackernd weiter, beleuchten das Unfaßbare.

Es ist passiert! Es ist passiert! Ich ertrinke! Ich werde erschlagen! Mein Herz hämmert, als wolle es die Rippen brechen.

Das Wasser reißt mich fort.

Felsen.

Wasser.

Schreie.

Ich werde herumgewirbelt. Pralle gegen Stein.

Irgendwie finde ich Halt. Kralle mich fest.

Die höllische Fontäne, so dick wie der abgeteufte Schacht, schleudert ein Gemisch aus Wasser, Menschenleibern, Kübeln, Gerätschaften, Felsbrocken und zerbrochene Leitern aus dem Loch bis an die Bergdecke zum ersten Felsvorsprung hinauf. Von dort abgelenkt, prasselt alles wie ein Wasservorhang wieder zurück auf die Sohle und bahnt sich seinen Weg in der Dunkelheit hin zum Verbindungsstollen …

Wasser, Unmengen von eisigem Wasser schießen an mir vorbei. Mit den Wassern kommen die Körper derjenigen, die sich auf dem glitschigen Fels nicht halten können. Häuer, Truhenläufer, Säuberbuben, Wasserknechte werden mitgerissen von dem Strudel, hinein in den Verbindungsschacht, der direkt zum Fürstenbau, zur Radstube und zum 125 Klafter tiefen Schrägschacht führt.

»Wassereinbruch! Wassereinbruch! Wassereinbruch!« hämmert es hinter meiner Stirn. Es ist, als hätte sich der Inn unterirdisch ein neues Bett gesucht.

Ich liege wie gelähmt, hilflos auf einem engen Felssims, der mich im Augenblick davor bewahrt, ins Ungewisse mitgerissen zu werden.

Der Druckschmerz in meinen Ohren droht mir den Schädel zu sprengen.

Der Berg grollt. Entleert sich. Gibt alles von sich.

Ich sehe Wasserwirbel an mir vorüberschießen, vermengt mit Menschenleibern. Entsetzliche Schreie gellen in mein Ohr.

Mein Gott, ich verliere den Verstand!

Die Menschen im Schrägschacht, im Tiefenbau! Wer warnt sie? Wer fängt im Fürstenbau die Leiber auf, vor dem Absturz in die Tiefe? Die noch Lebenden werden hineingespült, werden dort drunten ihren Tod finden …

Wasser über Wasser. Wasser und Verderben. Nichts als Wasser und Tod!

Weshalb klammere ich mich noch fest? Weshalb lasse ich nicht los, lasse mich nicht mitreißen, hinunter ins Bodenlose?

Dann wäre dieses Entsetzen vorbei. Endlich vorbei …

Jetzt … jetzt – hört es auf.

Friedhofsruhe.

Blub … blub … tönt es aus dem Schacht herüber. Blub

Rülpser. Alles Rülpser.

Als wenn die Toten dort im Schacht schwer verdaulich wären.

»… vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern …«

Ich liege auf dem kleinen Sims, der mich gerettet hatte, zitternd, unfähig mich zu bewegen.

Mein Gott, warum hast du uns so hart bestraft? Haben wir so schwer gesündigt? Haben wir dich so sehr versucht? Haben wir nur den Vorteil unseres Tuns gesehen und so deine Gnade verspielt?

Jetzt erst merke ich, daß ich immer noch meine Lampe umklammert halte – wie ein Stück Holz, das dem Ertrinkenden falsche Hoffnungen vermittelt.

»Hilfe! Hilfe! … So helft mir doch! … Hilfe! … Hierher! … Kommt hier her …!«

Stimmen.

Dort aus dem Verbindungsstollen zum Fürstenbau kommen sie.

Ich bewege mich. Rutsche von dem Sims herunter. Taumele, stolpere zum Stollen hin.

Vor mir zwei Leiber, zwei Knappen. Fast wäre ich über sie gefallen. Der eine stöhnt.

Ich stelle die Lampe ab, drehe den schweren Körper seitlich zu mir: Korbi Brandhuber. In diesem Augenblick fängt der Verletzte zu Husten an, erbricht sich dabei. Ich ziehe ihn mit dem Oberkörper aufrecht sitzend an die Felswand.

»Herr Schiener … jetzt hart’ ich doch um ein Haar meinen Lehenstollen nicht mehr bekommen …«, keucht der Häuer mit verzerrtem Grinsen. »Mein rechtes Bein, verdammt! Das brennt wie Feuer, dabei ist hier bloß eisiges Wasser.«

Der zweite Knappe liegt reglos mit dem Gesicht auf dem Fels. Ich nehme ihn bei der Schulter, will ihn aufheben. Meine Hand zuckt zurück. Sein Schädel ist seitlich zertrümmert, das Gehirn quillt auf den nackten Fels. Seine Faust umklammert noch immer den schweren Pocher: Jos Ammer!

Ich kann nichts denken. Empfinde in diesem Augenblick nicht einmal Mitleid. Ich will nur raus – raus aus diesem Berg!

Ein Stöhnen läßt mich herumfahren. Da ist es. Deutlich, links seitlich, etwa einen Lachter über mir, kurz vor Beginn des engen Verbindungsstollens, aus dem die Schreie nach Hilfe gellen.

Ein Mann hängt, beide Arme ausgestreckt, die Finger eingekrallt in eine Rinne, wie eine nasse Katze an der steilen Wand, die nach oben führt.

Ich hebe meine Lampe nach oben, sehe das Blut, das von seinem Kopf über den Rücken das linke Bein entlang auf den Dolomit tropft.

Ich stelle die Lampe ab, fasse den Mann um die Hüften:

»Ruhig! Nur ruhig, ich bin schon da. Langsam … ganz ruhig! Laß los … langsam … jetzt!«

Ich merke, daß sich der Griff in den Fels lockert, sein Gewicht voll auf mich übergeht. Meine Hände gleiten unter seine Achseln. Er stöhnt auf, als ich ihn auf die Sohle herunterhole. Seine Füße knicken ein, von hinten umklammere ich seinen Leib. Behutsam helfe ich ihm beim Niedersetzen.

Dann erkenne ich im fahlen Licht sein Gesicht:

»Bergmeister! Gott sei gedankt!«

Es ist, als hätte ich nach vielen Jahren etwas überaus kostbares wiedergefunden.

»Adam, dem Himmel Dank, du lebst!«

Er greift nach seinem Hinterkopf, verzieht schmerzlich das Gesicht.

Ich knöpfe mein Lederzeug auf, reiße einen Streifen meines Hemdes ab, will ihm notdürftig die klaffende Wunde am Hinterkopf verbinden.

Reisländer wehrt ab:

»Wo sind die Knappen?

»Hört Ihr das Wimmern?«

»Es kommt aus dem Verbindungsstollen.«

»Was ist dort?«

»Ich weiß es nicht – ich wollte gerade nachsehen. Hinter uns liegt ein Verletzter, Korbi Brandhuber, und ein Toter, Jos Ammer. Mehr habe ich nicht gesehen, bevor ich Euch hier fand.«

Der Bergmeister richtet sich auf - taumelt. »Laß uns schnell hineingehen und helfen!«

Ich nehme die Lampe auf und krieche in den Stollen hinein. Reisländer folgt mir.

Am Verbindungstollen angekommen, schrecken wir zurück. Menschen – unsere Knappen, Gerätschaften, zertrümmerte Leitern, die wie Lanzen aus dem Haufen herausragen, Körperteile, Gesteinsbrocken – alles zusammen wie von einer Riesenfaust in den Stollen hineingestampft.

Zwei Köpfe, einer an der Decke ohne Nase, der andere knapp über dem Boden ohne Kopfhaar und Kopfhaut mit zerschlagenem Unterkiefer, wimmern nur mehr. Der vierschrötige Adelwart Demmer. Der Junghäuer Kunz Weidinger. Sie waren es wohl, die vorhin noch nach Hilfe schreien konnten – nun ragen ihre Köpfe aus dieser festgerammten Masse sterbend heraus. Hände, Beine, mehrmals grotesk abgewinkelt. Offene Brüche und Leiber. Die Körper der beiden Sterbenden sind nicht auszumachen. Sie sind so verkeilt im Stollen, daß wir, wollten wir sie herausbekommen, die Gliedmaßen einzeln herausschneiden müßten.

Das nachfließende Eiswasser staut kurz, findet jedoch irgendwie zwischen den Leichen einen Weg, sorgt dafür, daß das letzte Blut, bevor es gerinnt, weggewaschen wird.

Der Berg reinigt sich …

»Zurück, entsetzlich! Hier kann nur Gott noch helfen.«

Wir kriechen den Verbindungsstollen zurück.

Das Feld des Grauens, das Zentrum und der Sammelpunkt der Gier, widergespiegelt in Fels, Holz, Eisen, zerfetztem Fleisch, Schlamm und Blut liegt bis zum Tod ausgereizt wenige Fuß hinter uns.

Unsere Gesichter, unsere Gefühle verbirgt die Dunkelheit.

Dann sind wir wieder im Raber. Richten uns auf.

»Wir gehen über den Magdalenen-Stollen«, sagt Reisländer, der offensichtlich seine Fassung wiedergefunden hat.

»Sehen wir erst nach dem verletzten Brandhuber. Wir nehmen ihn mit – wenn er es schafft.«

Plötzlich dringen Geräusche an unsere Ohren.

»Sie sind alarmiert! Sie kommen, um uns zu retten!«

Das Schlagen und Klopfen im Berg ist ganz deutlich zu vernehmen. Außerhalb des Schichtwechsels gilt das Klopfen als Alarmzeichen für ein Unglück, gleichzeitig auch als Aufforderung an alle Knappen, sich am Ausgang des Sigmund-Stollens zu sammeln.

»Herr Fugger ist ein reicher Mann,
Hau, Jos, hau!
statt Erz jetzt Leichen haben kann!«

Mir läuft es eiskalt über den Rücken.

Ich sehe nach oben. Dort, auf halber Höhe des Rabers erkenne ich im Dämmerlicht eine Gestalt hastig nach oben klimmen.

»Nandl!«

Das Singen bricht ab. Steine kollern herunter, losgerissen, losgetreten von dem Kletternden.

»Nandl Kunzmeier! Wir sind hier!«

»Dann bleibt da auch! Bleibt in der Hölle – der Hölle des Herrn Fugger!« schallt es von oben herab, während der Häuer im Dunkel verschwindet.

Korbi Brandhuber ist von dem Platz verschwunden, an dem ich ihn zurückgelassen hatte.

Ein paar Schritte weiter entdecken wir ihn, wie er einem Toten die Augen zudrückt. Der Tote ist Peter Gstein, der Bergschrat. Der zersplitterte Holm einer Leiter ragt wie ein Speer aus seiner Brust, doch sein Gesicht ist entspannt.

»Kannst du laufen, Korbi?«

»Werd’s müssen, Herr Bergmeister, auch wenn der Gottseibeiuns persönlich mit seiner glühenden Mistgabel in meinem Bein herumstochert.«

Wir nehmen Brandhuber in die Mitte und machen uns auf den Weg. Der Häuer stöhnt und flucht bei jedem Schritt.

»Willst du dich nicht hinsetzen? Wir schicken dir sofort Männer mit einer Trage.«

Brandhuber schüttelt nur den Kopf, beißt die Zähne zusammen und humpelt weiter.

Zu dritt erreichen wir das Mundloch des Magdalenen-Stollens. Treten ins Freie.

Wir sind wiedergeboren!

Blume

Die Dunkelheit ist längst hereingebrochen.

Die Glocken der Liebfrauenkirche läuten, versetzen die Knappensiedlung in Panik. Wir sehen unten im Tal viele kleine Lichter. Die Bevölkerung von Schwaz eilt mit Fackeln in den Händen zum Eingang des Sigmund-Stollens.

»Unsere Frauen sind sicher auch darunter. Wir sollten sie schnell aus ihrer Ungewißheit um uns erlösen«, meint Reisländer mit ruhiger Stimme, dabei schlägt er die Richtung abwärts über die große Halde zum Eingang des Erbstollens ein, den wir vor Stunden betreten hatten – um unser Problem im Raber zu lösen.

Korbi Brandhuber hatte sich neben dem Mundloch des Magdalenen-Stollens auf einen Steinhaufen fallen lassen:

»Keinen Schritt mehr heute. Keinen einzigen!«

Während des Abstiegs kreisen immer wieder die gleichen Fragen durch meinen Kopf:

Warum straft uns der Herrgott mit dieser Apokalypse im Berg, wenn wir an diesem Ort die Schätze göttlicher Geschenke bergen wollten? Und warum verschont er die Obrigkeit?

Oder sind es dämonische Gewalten, wie vom Annaberg in Schlesien berichtet wird, als ein Geist zwölf Knappen in einer Grube, die dazu noch den Namen Rosenkranz führte, durch seinen Hauch tötete? Hatte der gleiche Dämon diesmal die Knappen mit seinem Urin zu Tode geschifft?

Oder ist es die Unvernunft, das Machtbegehren, die Versuchung Gottes durch den Herrn Marx Fugger, dem es gelungen war, die Knappen mit einem halben Gulden in den Abgrund zu drängen? Gott hätte es doch sehen müssen, wer der Schuldige war!

Der Bergmeister bleibt stehen, sieht mich streng an:

»Wir zwei müssen jetzt unbedingt eines beachten, damit das Unglück nicht noch größer wird. Ermittlungen gegen gewisse Personen werden stets schnell und mit allen Mitteln von höchster Stelle unterbunden. Sagen wir die Wahrheit sofort, brennen heute nacht noch die Häuser – und vieles mehr. Keine Namen also! Du verstehst?«

Ja, ich verstehe!

Durch mehr als tausend Menschen, die sich inzwischen vor dem Stolleneingang drängen, bahnen wir uns eine Gasse.

»Bergmeister, Schiener – Ihr lebt!

Was ist passiert? Wodurch?

Wo sind die Männer? Gibt es Tote?

Wie viele sind tot? Wo ist mein Mann? Bruder? Kind?

Macht ihnen den Weg frei! Er ist voll Blut – seht nur!

Lebt mein Jos?

Jungfrau Maria und alle Heiligen, helft uns!

Ist der Berg dahin? Bergmeister redet!«

Fragen über Fragen drängen auf uns ein, als wir uns den Weg zur Krame hin freikämpfen. Ungewißheit. Angst. Tränen. Gebete.

Unruhe, schon in Bitterkeit umschlagend.

Reisländer steigt auf das Dach der Krame, hebt die Hände. Die Fackeln um ihn herum zucken wie die Flammen eines Scheiterhaufens.

Das Gemurmel verstummt.

»Männer, Kinder, Frauen, Berggemeinde! Ein Wassereinbruch im Raber-Liegendgang …«

Reisländer stockt, spricht weiter:

»… Unmengen von Wasser wurden im neuen Schacht angeschlagen – brachten im Schacht und im Stollen vielen den Tod. Ich habe keinen Überblick. Wir müssen erst herausfinden, welches Ausmaß an Zerstörung das Wasser im Fürstenbau angerichtet, wieviel Leben es gekostet hat. Uns hat ein Wunder gerettet …!

Unsere Knappen brauchen Hilfe. Wir müssen in den Berg!«

Die Gemeinde hängt betroffen an seinen Lippen.

»Magister Conradinus, ist er hier?« ruft der Bergmeister.

»Hier! Hier bin ich …!«

»Bereitet im Spital alles notwendige vor: Betten, Instrumente, Wundverbände, Tücher – Ihr bekommt reichlich Arbeit! Frauen, helft mit! Männer, beschafft Tragen, Pritschenwagen für den Transport der Verletzten!«

Inzwischen hat meine Frau trotz ihres schwangeren Zustands den Weg zu mir durch die Menge gefunden. Ihre Tränen und ihr zitternder Körper mit dem jungen Leben unter ihrem Herzen finden Erlösung in meinen Armen. Umschlungen stehen wir da – ohne ein Wort zu sprechen.

»Es ist ja alles gut. Geh bitte nach Hause, denk an unser Kind!«

Sie ist nur mit einem dünnen Tuch um die Schultern über ihrem Hauskleid zum Stollen geeilt.

»Du kannst hier nichts tun, Maria. Es ist alles vorbei – keine Gefahr mehr im Berg. Es kann nichts mehr passieren«, beruhige ich sie. »Geh jetzt! Das Entsetzliche darfst du nicht sehen! Es beginnt gleich.«

Ich höre, wie die ersten Hunten im Stollen heranrollen.

Agatha, die ich bis jetzt nicht wahrgenommen hatte, steht unerwartet neben uns. Sie drückt meine Hand, umfaßt meine Frau und zieht sie aus der Menge fort.

Ich wende mich dem Stollen zu:

»Platz da vorn! Packt mit an.«

Die ersten Hunten mit verletzten Knappen sind am Ausgang angekommen. Ich sehe, wie der Schichtmeister der dritten Schicht, Hans Grassberger, an Reisländer herantritt:

»Tote über Tote, Herr Bergmeister!«

Grassberger ist im Kreise der Schichtmeisterkollegen bekannt für seine trockene Art. Übertreibungen sind ihm fremd. Sein Vater war ein geachteter Arzt im Spital gewesen, der vor Jahren von Bayern nach Schwaz gezogen war. Auch jetzt berichtet er ruhig:

»Ich war am Schachtkopf Tiefenbau. Die Ketten des Kehrrades und die Radstube sind unversehrt, die beiden Stangenknechte leben. Die Knechte berichteten, daß das eingebrochene Wasser voll in den Tiefenschacht stürzte. Das Wasser kann noch nicht gehoben werden, da der Schacht durch Geröll, Holz und Leichen verbaut ist. Es müssen Millionen von Litern gewesen sein. Entsprechend steigt der Wasserspiegel im Tiefenbau unaufhörlich. Nur wenige haben sich vor dem Absturz retten können. Der Verbindungsstollen ist mit Material und Leichen verstopft. Überall zerfetzte Leiber …«

Die letzten Worte flüstert er, senkt dabei den Kopf, starrt auf den Boden.

»Die gesamte dritte Schicht«, fährt er fort, »ist dabei, den Abgang zum Tiefenbau und den Förderschacht freizubekommen. Die Verletzten und Toten aus dem Verbindungsschacht bis hin zum Tiefenbau werden gerade geborgen.«

Reisländer unterbricht ihn kurz:

»Was ist mit den tiefsten Stollen, dem Gapl und den Knappen dort unten?«

»Wir wissen es noch nicht. Wir hören zwar Stimmen, haben aber keine Vorstellung davon, wie es dort unten aussieht.«

»Wieviel Wasser ist eingebrochen?« bohrt Reisländer weiter.

Grassberger zuckt die Schultern. »Der Gapl scheint hinüber, bei den Millionen von Litern – wenn die Angaben der Stangenknechte stimmen.«

»Sie werden schon stimmen«, werfe ich ein und erinnere mich mit Entsetzen der vorüberbrausenden Fluten. »Der Gapl ist ein Blindstollen«, ergänze ich, »er hat keine Verbindung nach oben zum Grandi.«

Reisländer wendet sich zu mir:

»Dreyling, ich gehe mit Grassberger noch mal hinein, um mir ein genaues Bild zu verschaffen. Danach werde ich den Herren Fugger berichten, wie sie es wünschten.«

Er sieht dabei nach Süden in Richtung Schwaz, mit halb zugekniffenen Augen, als ob er auf etwas zielen wolle.

»Helft beim Abtransport unserer geschundenen Knappen«, ruft er den herumstehenden Männern zu; dann betritt er mit Grassberger zum drittenmal an diesem Tag den Sigmund-Stollen.

»Elf Schwerverletzte haben wir geborgen«, höre ich eine Stimme. »Jetzt bringen sie nur noch die Toten!«

Das Schluchzen und Jammern um mich herum setzt verstärkt ein, da die Hoffnung den Vater, den Sohn, den Bruder lebendig wieder zu sehen, immer geringer wird.

Blume

Was sich schließlich eine Stunde vor Mitternacht sichtbar vor dem Sigmund-Erbstollen zusammenfügt, ist eine Schreckensbotschaft für ganz Schwaz:

Zweiundvierzig Bergleute liegen tot vor der Krame. Manche nicht mehr erkennbar für die Angehörigen, die ihre Männer noch vermissen. Der Berg verstümmelt aufs grausamste. Viele sehen aus, als sei eine Horde Steppenreiter mehrmals über sie hinweggaloppiert, als seien sie danach Stunden geschleift und schließlich vom Fels gestürzt worden.

Einige Tote werden noch im Gapl vermutet. Es wird Tage dauern, bis das Wasser so weit gehoben ist, daß eine Begehung und Bergung möglich wird.

Wir heben die toten Knappen auf drei schwere Pritschenwagen. Legen einen neben den anderen, die Körper schon steif - das Eiswasser hat ihnen die Wärme schnell entzogen.

»Zur Totenkapelle. Ruft den Pfarrer, er soll die Toten segnen, salben und den Menschen Trost spenden«, befehle ich den Gaffern, die seit mehr als drei Stunden der Leichenbergung zugesehen haben.

Der Zug setzt sich langsam vom Sigmund-Stollen aus in Richtung Schwaz in Bewegung.

Mit Fackeln in den Händen bilden wir links und rechts der drei vollen Totenkarren, die von Huntenläufern gezogen werden, das Geleit.

Vom Kirchplatz zu Unserer Lieben Frau dröhnt nicht mehr die mächtige Campana – es scheppert blechern das Totenglöcklein, in das das Gebimmel vom St. Martin am Knappenanger einfällt.

So rollen und schreiten wir etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht durch die Knappensiedlung nach der Stadt: voran die Pritschenwagen, dahinter die Knappen und Angehörigen der Toten, zuletzt die Masse der Neugierigen.

»Heilige Maria, Mutter Gottes …«

Eine bedrückende Stille lastet auf dem Totenzug. Die gemurmelten Gebete, das leise Wehklagen der Trauernden werden übertönt durch das Rumpeln der Karren und das Schlurfen und Stapfen tausender Füße.

Das Entsetzliche hat die Menschen stumm gemacht.

»Heilige Maria, Mutter Gottes …«

Die Gruben sind unser Schlachtfeld – und ein Massengrab.

Wie leicht verkaufen wir eigentlich unsere Seelen? Ein halber Gulden war es, den Marx Fugger versprochen hatte – Händler des Todes! Sie waren keine Helden. Sie starben für Judas’ Lohn, und Fugger wußte es, daß die Knappen dafür den Tod riskierten.

Verdammt wären sie allerdings auch gewesen, hätten sie sich geweigert!

Blume

An der Lahnbach-Brücke erwartet uns Pfarrer Stockbauer in einer weißen Albe mit schwarzer Stola und schwarzem Chormantel. Seine Augen weiten sich entsetzt beim Anblick der Pritschenwagen und ihrer grausigen Fracht. Tränen kullern über sein gutes, dickes Gesicht. Eine Schar Ministranten mit Weihrauch, Kerzen und Weihwasser drängt sich verschreckt um ihn.

Hinter ihm ragt die hagere, spitznasige Gestalt des Paters Georg Scherer von der Gesellschaft Jesu, des aus Schwaz gebürtigen Herrn Hofpredigers zu Innsbruck, auf, der uns von Zeit zu Zeit mit seinen wortgewandten Predigten von Hölle und Ewiger Verdammnis in der Liebfrauenkirche beehrt. Auch er trägt Albe und schwarze Stola.

Im Hintergrund sehe ich Pater Conrad, den Guardian des Franziskanerklosters, mit seinen Mönchen, deren schwarze Kutten mit dem Dunkel verschmelzen.

Der Zug hält an.

»Requiem aeternam dona eis, Domine«, betet Pfarrer Stockbauer mit zitternder Stimme. »Befreie, o Herr, die Seelen dieser Knappen von jeder Schuld. Deine Gnade komme ihnen zu Hilfe …«

Mit Weihwasser und Weihrauch umrundet der Priester die Pritschenwagen.

Da beginnt Pater Georg Scherer, der Hofprediger, mit schallender Stimme die Sequentia aus der Totenmesse, das ›Dies irae‹, anzustimmen:

»Tag des Zornes, Tag der Zähren,
Wird die Welt in Asche kehren,
Wie Sibyll’ und David lehren.
Welches Zagen, welches Beben,
Wenn, zu richten alles Lehen,
Sich der Richter wird erheben!«

Ein Murmeln, halb erschrocken, halb ärgerlich geht durch unsere Reihen.

Der Jesuit schmettert unverdrossen weiter:

»Und das Buch wird aufgeschlagen,
Drin ist alles eingetragen
Welt, daraus dich anzuklagen!«

Da ertönt der volle Bariton Pater Conrads dazwischen:

»Aus der Tiefe schrei ich, Herr, zu dir;
Herr, erhör’ mein Rufen.«

Und die anderen Franziskaner fallen ein:

»O schenke doch Gehör der Stimme meines Flehens.
Wenn du die Sünden nicht vergessen könntest, Herr,
Herr, wer könnte dann noch bestehen?
Doch du gewährst Verzeihung, Herr,
und dein Gesetz gibt mir Vertrauen.
Ja, auf dein Wort vertraue ich:
es hoffet meine Seele auf den Herrn.
Beim Herrn ist ja Barmherzigkeit,
bei ihm Erlösung überreich.«

Der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Unter den Doppelklängen des 129. Psalms der Franziskaner und des ›Dies irae‹ des Jesuiten rollen die Pritschenwagen das letzte Stück über die Brücke und den Weg hinunter zum Totenhäusl neben der Liebfrauenkirche.

Dort angekommen drängen wir durch das Pförtchen in den Kirchhof, hinein auf den engen Platz zwischen Kirche und Totenhäusl. Die keinen Platz finden, stauen sich in der Gasse zwischen dem Hause der Katzbeck und der Friedhofsmauer.

Die Toten werden von den Wagen heruntergehoben.

Pater Georg Scherer hastet unterdessen mit schnellen Schritten vier Stufen die Arkadentreppe am Totenhäusl hinauf.

Man hat die toten Knappen vor der Kapelle in Reihen abgelegt, die Köpfe zum Vorplatz der Kirche hin, um alle Leichen einigermaßen trocken zu bekommen. Der Platz fällt zur Mitte hin leicht ab - zum besseren Ablaufen des Regenwassers. So kommt es, daß blutiges Lungenwasser vermischt mit den Magensäften der Toten sich in Rinnsalen über die offenen Münder und Nasenlöcher den gleichen Weg bahnt. Die Kälte des Bodens bringt diese rot und milchigweiße Flüssigkeit nach wenigen Fuß zum Stehen, gefriert sie zu Kristallen.

Nur die Fackeln in den unruhigen Händen der Bergleute lodern heiß, wie auch das Feuer in den Köpfen der Knappen heiß lodert, versteckt hinter eisigen Gesichtern.

Pfarrer Stockbauer beginnt den Verunglückten die Letzte Ölung zu spenden, kniet neben jedem der verstümmelten Körper nieder, segnet ihn mit dem Zeichen des Kreuzes, salbt ihn mit dem heiligen Öl, spricht über ihm die rituellen Gebete.

Georg Scherer, der Jesuit, blickt unterdessen über die toten Knappen, hebt die Hand zum Segen, nimmt die Gemeinde mit kirchlichem Blick gewahr, und beginnt mit ernsten Worten eine Leichenpredigt, von der sich in diesen schweren Stunden alle Trost und Zuversicht erwarten:

»Mitglieder der Berggemeinde, Bürger von Schwaz …«, hebt er mitleidsvoll an. Dabei faltet er seine Hände, wippt ein wenig auf den Zehenspitzen, als ob er damit eine weitere Stufe ausgleichen wolle. In seinem spitznasigen Gesicht liegt jene demutsvolle, seinem Orden wohl eigene Hoffart, die wir ebenso gut kennen wie seine langatmige, blumenreiche, predigtgeschulte Zunge.

»Brüder und Schwestern! Die Betrachtung des Todes bewegt das Herz eines Christenmenschen über die Maßen! Aber wie überaus kräftig und stark, ja sogar nützlich greift das Geschehene dem Menschen zum Herzen, vor allem, wenn der Tod, wie heute geschehen im Falkenstein, reiche Ernte einfährt.

Dann wird euch endlich klar werden: Wenn die Zeit des Todes gekommen ist, welchem keiner von euch weglaufen kann, wie heute nacht, dann geschieht euch das zur Vermahnung; da kann man das Ende aller Menschen mit leiblichen Augen sehen, mit beiden Händen greifen, mit äußerlichen und innerlichen Sinnen empfinden. Da habt ihr auf allen Seiten zu lernen.

Nur wer Gott gefällt, der ist ihm auch lieb. Woher also, du leidiger Tod, du Menschenwolf, woher sage ich, hast du solche Gewalt, daß du ohne Respekt und Unterschied unter den Knappen tobst und wütest? Daß du alle, die Jungen wie die Alten hinwegschaufelst? Tust du solches aus dir selbst heraus? Oder hast du gar Lust und Kurzweil mit uns?

Nein, nein!

Nur Gott allein kann das Leben des Menschen abbrechen wie ein Weber, der aufhört, sein Tuch zu weben. Gott allein kann den Menschen ablöschen wie ein Licht und zerreiben wie ein Erdwürmlein.

Seid gewiß: Der Tod ist durch die Sünde, also als eine Strafe Gottes über alle Adams-Kinder gekommen und ihnen natürlich geworden.

Und solcher Gestalt können wir mit Wahrheit sagen, daß der Tod eine Strafe wegen begangener Sünden ist!

So ein schrecklicher Tod kommt nicht von ungefähr, denn wenn man die Wahrheit zu Markte bringt, wird sich mancher unter euch anders besinnen und bekennen, daß es besser sei, öfter in die Kirche zu gehen, um zu büßen, als in die Trinkhäuser, um auszuschweifen.

Kröten, Eidechsen und Schlangen, als Symbole der Verwesung, wie ihr sie hier am Geländer eingemeißelt findet, lasset Euch als Mahnung dienen!

In diesen Häusern aber« – dabei zeigt Scherer in Richtung Alte Marktstraße -, »in diesen Häusern des Wohllebens, werden nur Gemeinheiten ausgetauscht, lächerliche Spiele vorgeführt, Völlerei, Sauferei, Rauferei gepflegt und Leichtfertigkeit geübt! Dort reizen fast alle Dinge das Fleisch, was normal genügsam ist, zu noch mehr Üppigkeit und Geilheit, bis es völlig verdorben ist. So hielten es auch die Toten dort, die diesen Weg oft bevorzugt haben!

Euch allen zum Gedächtnis gebracht: allesamt habt ihr Sünder zu lernen, daß es sich nicht lohnt, dem göttlichen Herrscher zu mißfallen …«

Erschrocken und beunruhigt, jedoch kaum fähig über die gesprochenen Worte des Hofpredigers nachzudenken, nehme ich seine Sätze auf. Zunächst bin ich nur tief enttäuscht. Wir hatten das Jüngste Gericht, die Hölle erlebt. Viele von uns haben Menschen verloren, die sie liebten – Söhne, Brüder, Männer, Väter, Freunde. Und der Mensch dort oben predigt von göttlicher Strafe!

Meine Enttäuschung schlägt um in Empörung. Ich sehe, daß viele ebenso fühlen. Doch die Predigt Pater Scherers nimmt ihren Lauf:

»Die Barmherzigkeit Gottes, des himmlischen Vaters, zu loben und zu preisen im Anblick dieses Jammertals dort vor euch, ja, von Grund eures Herzens anzurufen, daß ihr ab sofort umkehren und euer Leben gottgefällig fuhren werdet, das habt ihr reichlich zu tun. Denn nur so könnt ihr euer Leben christlich beschließen, wenn heute oder morgen das eigene Stündlein gekommen ist …!«

Meine Empörung wandelt sich in Zorn. Auch die Menschen sind aufs äußerste gereizt. Der aufgestaute Zorn wird verstärkt durch das Schluchzen der Frauen. Die frierenden Seelen aller Trauernden angesichts dieser Predigt schreien nach Gerechtigkeit. Warum muß der Jesuit die Nöte der Menschen, die sich Trost erhoffen, für seine Vorstellungen vom Verhalten Gottes ausbeuten? Seine verkrüppelten geistigen Krallen hat er in ihre Gehirne geschlagen – die meisten aber beginnen, diese Krallen wieder herauszuziehen.

Scherer fährt indessen fort:

»… nachdem es aber dem göttlichen Willen weiter gefallen hat, Leid und Traurigkeit über euch zu breiten …«

»Aufhören! Sofort aufhören, Ihr ungerechter Lügner!« kreischt eine Frau, wobei Tränen ihre Stimme gleich wieder ersticken. Noch einmal bekommt sie Luft und schreit in Richtung des Hofpredigers: »Mein Franzi war nicht so … er war nicht so – mit 13 Jahr …«

Sie bricht ohnmächtig zusammen.

Das Maß ist voll – übervoll!

Ich zeige in Richtung Fuggerhaus, brülle:

»Warum, Prediger, versucht der Arm deines Gottes es nicht dort einmal? Warum wagt er sich nur an arme Knappen? Ist ihm das Schloß dort oben zu fest?«

Damit habe ich wahrhaftig eine Schleuse geöffnet.

»Ach was, warum lange zuhören? Haut ihm doch einfach eins auf sein Pfaffenmaul!« höre ich einen Mann rufen. An seiner Glatze erkenne ich den hitzköpfigen Silberbrenner Ambros Mornauer.

Scherer zetert indes über die Menge hinweg:

»Wollt ihr das Unglück im Angesicht eurer Toten noch verschlimmern? Wollt ihr Gott zum Lügner machen und sagen: Es ist nicht wahr, was Gott geredet hat und wie der Apostel Paulus an die Römer schrieb?«

»Was hat er denn geschrieben, du Lügenschmied?«

Blanker Haß schlägt Scherer entgegen.

Es wäre besser, wenn er den Rückweg ins Pfarrhaus anträte, schießt es mir durch den Kopf.

Doch er ist scheinbar noch lange nicht fertig mit seiner Leichenpredigt. Dabei ringt er seine gefalteten Hände zum Nachthimmel empor.

»Was bedarf es vieler Fragen? Verscharren und vergraben wir nicht täglich mit unseren eigenen Händen Eltern, Mann, Weib, Kinder, Freund, Gesinde und Nachbarn? Haben sie nicht alle ihr Ende genommen und sind verfault? Liegen uns nicht ihre Gräber und Totengebeine vor Augen? Seid ihr mit Verblendung geschlagen? Was ist das für eine unmenschliche Blindheit, daß wir an dem vermeintlichen Reichtum, an den trügerischen Wollüsten, an den falsch scheinenden Ehren dieser elenden, unbeständigen Welt mit so starken Bindungen, mit so unmöglicher Liebe unseres Herzens verhaftet und verbunden sind?

Daß wir viel lieber alle Sünden wider Gott begehen …«

»Ja sollen wir den Tod etwa bitten«, schreie ich zu dem Schwätzer hinauf, »uns gnädig aus dem Berg zu spülen? Kein Gewerkenmitglied ist betroffen! Sie sündigen ganz besonders wider Gott, aber sie entrinnen immer wieder der Strafe! Wie kommt das, Pfaffenmaul? Erklär es uns!

Ihr, Berggemeinde! Seht ihr vielleicht einen der Fugger bei den Leichen? Haben sie etwa nicht die Männer in den Tod getrieben mit einem halben Gulden als Peitsche in der Hand?

Da droben auf der Tafel steht eingemeißelt: ›HIER LIEGEN WIR ALLE GLEICH, EDEL, RITTER, ARM UND REICH. 1506.‹ Hat Gott damals anders gedacht?

Prediger, wir haben darauf eine Antwort verdient – eine ehrliche Antwort!«

Doch die Antwort kommt überraschend von ganz drüben, von einem blonden, pockennarbigen Menschen, der auf der Treppe zum Torbogen durch die Kirchhofmauer nahe dem Nordturm steht:

»So ist es, Dreyling! Genau so!«

Ich schreie:

»Nur weil die Pfennwerte steigen, der Lohn geringer wird, und obendrein das Dreifache Scheidwerk eingeführt werden soll, wagen die Knappen ihr Leben für einen halben Gulden, damit ihre Familien nicht verhungern!«

Und wieder der Blonde:

»Wer verführt, wer treibt Euch an? Einzig und allein die Fuggerbrüder!«

»Recht gesprochen!«

»Wir lassen uns das nicht mehr gefallen!«

»Holt den Marx Fugger aus den Federn!« krakeelt Mornauer. »Er ist der Schuldige, der Obersünder!«

»Holt euch, was ihr braucht, zurück! Er soll bezahlen!« kommt das Echo aus der Menge.

»Tod der Obrigkeit! Weg damit!« – der Blonde.

Schlagartig wird mir klar: Ich hatte den Fehler begangen, vor dem mich Reisländer so eindringlich gewarnt hatte: ›Keine Namen! Sonst brennen die Häuser und noch mehr.‹

Ich hatte seine Worte mißachtet.

Ich muß etwas tun! Muß verhindern, daß es zum offenen Aufruhr kommt. Muß meinen Fehler gutmachen.

Doch Pater Scherer öffnet erst recht das Pulverfaß, in das der Funke jeden Augenblick fliegen kann:

»Das ist fein! Ihr wahnsinniger, gottloser Haufen fragt, warum kein Edler, kein Fugger hier zu liegen kommt?

Ja glaubt ihr denn, daß die Wohl- und Guttaten, die ihr von ihrer Hand jederzeit oft und dick empfangen habt, nicht durch Gott bestätigt werden? Ihre christliche Ehr’ ist durch Gott bewiesen, indem er sie verschont! Sie sind dermaßen beschaffen, daß ihr euch mit aller Ehrerbietung und Dankbarkeit verpflichten, erkennen und bekennen solltet, ihrer im täglichen Gebet treu zu gedenken. Die höchsten Vergelter alles Guten hier zu Schwaz sind die Herren Fugger! Sie haben die Belohnung durch euch verdient, ihnen zeitlich und ewiglich Huld, Treue, Liebe und Ehrfurcht entgegenzubringen. Merkt euch: Den auserwählten Samen haben sie durch Gott erhalten.«

»Deine Mutter hat ihn direkt vom Teufel erhalten!« brüllt Mornauer dagegen.

»An den Galgen!«

»Vierteilt das Pfaffenarschloch!«

Schon fliegen die ersten Steine.

Jetzt muß ich handeln! Muß die Menge beruhigen:

»Genug, Prediger! Verschwinde in dein Pfarrhaus, sonst liegst du sehr bald auch dort unten!«

Ich springe auf die Treppe zu und kann gerade noch verhindern, daß Scherer von einigen Huntenläufern zu Boden gestoßen wird. Die wütende Menge würde ihn gewiß in wenigen Augenblicken zerstampfen.

Jetzt erst scheint er zu begreifen, in welche Gefahr er sich geredet hat.

»Schnell durch das Tor, über die Straße zum Pfarrhaus!« fahre ich ihn an. Er aber klammert sich an meinen Rücken, und schreit über meine Schulter hinweg, daß mir die Ohren schmerzen:

»Frieden verkündet der Herr seinem Volk … es begegnen einander Erbarmen und Treue.«

Seine Stimme überschlägt sich vor Todesangst, als er sieht, wie die Menschen im Nu Treppe und Tor abriegeln.

Während ich den Aufgang mit meinem Körper sperre, hastet Scherer rückwärts die Stufen hoch und plärrt unentwegt:

»Gerechtigkeit und Frieden küssen sich! Gerechtigkeit und Frieden küssen sich! Gerechtigkeit und Frieden.«

Als er die oberste Stufe erreicht hat, springt er mit einem Satz durch die Tür in die St. Veit geweihte Oberkapelle des Totenhäusels und ist so außer Sicht der Menge.

Ganz langsam beginne ich die Treppe wieder herabzusteigen bis zu der Höhe, von der aus Scherer seine Gemeinheiten von sich gegeben hatte.

Die Menge blickt auf mich.

»Beruhigt euch, Leute! Gott behüte uns vor solch falschen Propheten! Aber laßt uns vernünftig sein. Wir können keine Tätlichkeiten gegen einen Priester zulassen. Ich bitte euch: Keine Gewalt! - Wir haben unsere Toten zur Ruhe zu betten …«

»Wir holen den dreckigen Pfaffen da oben raus und verhauen ihm den Arsch – das hat er verdient!« tönt es aus der nördlichen Ecke herüber. Es sind die Hitzköpfe, die Querschädel, die sich dort zusammengerottet haben, an ihrer Spitze Ambros Mornauer, der »Silberling«, wie er genannt wird, der keinem Streit aus dem Weg geht, und der pockennarbige Blonde. Ich habe den Eindruck, gerade er ist wild darauf aus, das Feuer anzufachen.

»Holt ihn raus!« johlen sie, doch die Aufrufe zur Gewalt sind spärlicher geworden.

»Ruhe! Ruhe, Männer«, rufe ich. »Laßt uns beten für die Seelen unserer toten Knappen! Ihretwegen sind wir schließlich hergekommen!

Ich bin kein Prediger, aber ich weiß, daß unsere toten Väter, Söhne und Freunde durch ein vorhersehbares Unglück umgekommen sind. Doch sie sind auch von dieser knochenharten Arbeit befreit zur Herrlichkeit der Gotteskinder. Die Auferstehung der Toten ist in dieser Stunde unser einziger Trost.

Dafür laßt uns beten! ›Vater unser, der du bist im Himmel …‹«

Ich bin am Ende der Treppe angelangt, als ein Mann aus der Menge auftaucht und an mir vorbei ein paar Stufen die Treppe hinaufstürmt.

Nandl Kunzmeier, unser Witzbold.

Doch wie ein Spaßvogel erscheint er nicht in diesem Augenblick, als er wie segnend seine Arme hebt. Verdreckt, durchnäßt, mit einer verkrusteten Wunde an der Stirn.

»Ruhe! Still, Knappen!« kreischt er.

Das Gemurmel der Menge stockt.

»Ihr betet das Vaterunser falsch, Knappen! Ihr müßt es neu lernen! So müßt Ihr’s beten:

»Vater Fugger, der du bist auf Erden,
geheiligt vom Pfaffen dein Name.
Bei uns ist dein Reich.
dein Wille geschehe in der Stadt und im Berg.«

Die Menschen auf dem Platz zwischen Kirche und Totenhäusl sind erstarrt.

»Unseren täglichen Pfennwert mißgönn uns heute.
Und vergib uns unsere Schafsgeduld,
wie auch wir vergeben deine Gier
und den von dir geschickten Tod.
Und führe uns in Versuchung,
und erlöse uns von diesem Leben.
Denn dein ist das Geld und der Mensch
und der Berg für diese Zeit. Amen!«

Ein unwilliges Raunen durchläuft die Menge.

»Amen!« echot Ambros Mornauer.

»Amen!« brüllt die Rotte an der kleinen Nordpforte.

»Amen!« geht ein Murmeln durch die Versammelten, wird lauter, zorniger.

Mit Entsetzen bemerke ich, daß mir die Situation zu entgleiten droht.

Ich hatte meine Wut auf die Geldgier und die Narrheit der Brüder Fugger, auf das frömmelnde Geschwätz des Jesuitenpfaffen hinausgebrüllt. Ja, ich hatte mich zur Stimme der Knappen gemacht, hatte zugelassen, für ein paar Augenblicke ihr Wortführer zu werden.

Doch nun geht meine Stimme unter in dem wirren Geschrei des Nandl Kunzmeier, werden meine Worte von seinem blasphemischen Vaterunser weggefegt, wie eben ich noch das Geschwätz des Jesuiten weggefegt hatte.

»Halt dein dummes Maul, Nandl!« versuche ich den Tumult zu übertönen.

Ich werde niedergebrüllt.

Eine Hand legte sich auf meinen Arm. Ich wende mich um und sehe in die besorgten Augen Reisländers.

Er schüttelt leicht den Kopf. »Laß sie. Versuche nicht dagegen anzukämpfen. Ich hab’ es mehr als einmal erlebt: die wollen jetzt Blut sehen. Oder zumindest Scherben. Wer sich denen jetzt in den Weg stellt, der wird zu ihrem Feind. Den hassen sie mehr als jenen, der ihr Unglück verschuldet hat. Ich will dich nicht auch noch bei den Toten liegen sehen!«

»Was ist das Leben eines Mannes wert?« kreischt Kunzmeier mit überschnappender Stimme. »Einen halben Gulden? Oder einen Gulden? Oder zehn Gulden?«

»Hundert!« ruft jemand aus der Menge.

»Und was ist das Blut eines Mannes wert?«

Nandl Kunzmeier steht breitbeinig vor den Toten, fuchtelt mit den Armen durch die Luft. Seine Kopfwunde blutet wieder leicht, verschmiert sein Gesicht mit den vorquellenden Augen zu einer grotesken Maske.

»Was ist das Blut eines Mannes wert?«

»Tausend?«

»Blut! Blut! Blut!!«

»Blut«, greifen einige Stimmen den Ruf auf.

Nandl Kunzmeier bückt sich, zerrt eine Leiche hoch, hält sie wie eine zerbrochene Puppe im Arm:

»Nehmt alle Toten mit.

Bringen wir ihnen den Bergsegen – den Bergfluch!

Der Marx hat doch gesagt, er will ihn noch heute nacht sehen, wir sollen ihn zu seinem Haus bringen!

Tun wir’s! Sollen sie ihn jetzt bezahlen!

Der Siegmund mit Gold!

Der Marx mit Blut!!«

Er entreißt einem der Umstehenden die Fackel, schwingt sie durch die Luft, daß die Funken stieben, stolpert auf den Ausgang des Kirchhofes zu, die Leiche mit sich schleifend:

»Blut für Blut!« höre ich ihn heulen.

»Blut für Blut!« greift der Pockennarbige den Schrei auf.

Und schon plärren ihm Dutzende Stimmen nach.

Die Meute beginnt auf die Straße hinauszudrängen, zerrt einige der Toten mit sich, teils auf Tragen, teils an Armen und Beinen geschleppt.

Schreiend und Fackeln schwingend wälzt sie sich den Alten Markt hinunter dem Rathaus zu.

Pfarrer Stockbauer, der sich dazwischen wirft, wird weggerempelt, verschwindet in dem wirren Haufen.

Der eiserne Griff auf meinem Arm zwingt mich zur Ruhe:

»Behalte sie im Auge. Besonders den Kunzmeier und den Mornauer mit seiner Bande. Versuche nicht einzugreifen, es sei denn, es kommt zum Äußersten. Ich laufe inzwischen hinten herum und warne die Herren Fugger. Wir treffen uns dort.«

Bergmeister Reisländer wirft mir einen letzten, warnenden Blick zu. Dann verschwindet er mit langen Schritten um die Ecke der Kirche hinein ins Dunkel des Friedhofes.

Ich lasse mich vom Menschenstrom mitreißen.

Ein Blick zurück zeigt mir Pfarrer Stockbauer, der mit heruntergefetztem Chormantel und einer blutigen Schramme auf der Backe zwischen den toten Knappen kniet und mit entsetzten Augen unseren Abmarsch beobachtet.

Der Haufen lärmt, darüber gellen die Schreie Kunzmeiers, verstärkt vom Widerhall der Häuser:

»Blut! Blut! Blut!!«

Jemand läutet die Totenglocke der Liebfrauenkirche, in deren Scheppern jetzt auch das Gebimmel der Franziskanerkirche und der Spitalkirche jenseits des Inns einstimmen.

Am Rathaus gerät der Zug für einige Minuten ins Stocken. Fronknechte mit Hellebarden haben die Straße gesperrt, angeführt von den Fronboten Hans Peer und Nicklas Findler.

Ein kurzer, heftiger Disput, dann werden die Ordnungshüter weggeschwemmt, von der Masse eingesogen, die sich nun über den Pfundplatz in die Burggasse hinaufwälzt.

Die Menschenmasse wächst, da die Wirtshäuser Trauben von Männern ausspeien, die dort beim Bier gesessen haben und die nun grölend und randalierend mitmarschieren.

Die Spitze hat unterdessen den Platz neben dem Franziskanerkloster vor dem Fuggerpalais erreicht.

Als mich die Menge an unserem Haus vorüberspült, erkenne ich an einem der oberen Fenster das totenblasse Gesicht meiner Frau, einen Stock tiefer am offenen Fenster Frau Regina. Der Wagen meines Herrn Bruders Johann ist verschwunden.

Ich dränge mich nach vorn, bin nur noch wenige Schritte hinter der lärmenden Spitzengruppe, als diese das Fuggerhaus erreicht.

»Kommt heraus!« zetert Nandl Kunzmeier zu der von Türmen flankierten Fassade mit dem Spitzgiebel hinauf. »Marx und Siegmund, kommt heraus!«

Für einen Augenblick herrscht atemlose Stille auf dem Platz.

Keine Antwort.

Das Haus liegt stumm, wie ausgestorben. Kein Leben hinter den Fensterscheiben. Nur die roten und gelben Lichter der Fackeln tanzen über das helle Mauerwerk, werfen zuckende Schatten, brechen sich aufblitzend in den schwarzen Scheiben.

»Kommt heraus!« schreit Kunzmeier. »Wir haben Euch Euren Bergsegen gebracht!«

Mit einem Ruck schleudert er den Toten, den er mitgeschleppt hat, auf die Treppe vor dem Tor.

Auch die anderen Leichen werden herangezerrt, vor das Tor gelegt, geworfen, von den Bahren gekippt.

»Euer Bergsegen ist da!« gellt Kunzmeiers Stimme über den weiten Platz. »Holt ihn Euch doch!«

Im Haus rührt sich nichts.

»Die schlafen wohl«, lacht Ambros Mornauer, rafft einen Stein vom Boden auf und schleudert ihn in eines der Fenster.

Im nächsten Augenblick prasselt ein wahrer Steinhagel gegen die Fassade und durch die Fenster.

Triumphierendes Geschrei mischt sich in das Splittern des Glases – und verebbt, als immer noch keine Reaktion erfolgt.

Ich habe mich etwas seitlich durch die Menge geschoben, stehe nun mit dem Rücken an einen Bauernkarren gelehnt und beobachte aus nächster Nähe das Geschehen.

Wo ist Reisländer? Der Bergmeister muß diese Horde doch zur Vernunft bringen können.

Die letzte Scheibe ist eingeworfen, der letzte Stein von der schweigenden Hausfront abgeprallt.

Die Gruppe um Nandl Kunzmeier und Ambros Mornauer scheint für ein paar Augenblicke verwirrt, unschlüssig.

»Räuchert sie aus! Zündet ihnen das Dach über dem Kopf an!«

Der Rufer ist wieder jener pockennarbige Blonde, der mir auf dem Kirchhof bereits aufgefallen war.

Sofort kommt erneut Leben in den wüsten Haufen.

»Fackeln!«

Wo ist Reisländer?

»Fackeln! Brennt sie aus!«

Nein!

Ich schwinge mich auf den Bauernkarren, forme die Hände zu einem Trichter und brülle so laut ich kann:

»Feurio!!«

Der Schreckensschrei aller Städte reißt die Köpfe der Menge zu mir herum, läßt sogar Kunzmeier, der seine Fackel schon zum Wurf erhoben hat, erstarren.

»Wollt Ihr ganz Schwaz niederbrennen?«

Ein dumpfes Raunen läuft durch die Menge.

»Wollt Ihr Eure eigenen Häuser brennen sehen? Dann zündet dieses Haus an! Los, Nandl! Wirf die Fackel! Zünd’ die Stadt an!«

Der Zorn schlägt um in Beklemmung.

Der Schmied Anzinger rempelt durch die Menge, reißt Kunzmeier den Brand aus der Hand, stampft ihn unter seinen Füßen aus.

Ich atme auf.

»Knappen! Bürger! Die Fugger sind weg, sind geflohen!«

»Ich will ihr Blut!« winselt Nandl Kunzmeier.

»Von den Steinen ihres Hauses wirst du es nicht bekommen«, brülle ich zu ihm hinüber.

»Was wollen wir also noch hier?« frage ich in die Menge.

»Pfennwerte abschaffen – Scheidwerk abschaffen!« schreien aufgeregte Stimmen durcheinander.

»Das werden wir nicht dadurch erreichen, daß wir die Stadt abbrennen!« halte ich dagegen.

»Gut gesprochen, Dreyling!« übertönt ein voller Bariton den Lärm. Nur wenige Schritte entfernt entdecke ich Pater Conrad, den Guardian des Franziskanerklosters, der beruhigend, begütigend auf die Leute einredet.

»Die Pfennwerte!«

»Der Fron!«

»Das Dreifache Scheidwerk!«

Erneut werden die Rufe laut.

»Müßt Ihr mit dem Erzherzog, mit den Herren Fugger verhandeln – nicht mit ihrem leeren Haus.«

»Und wo sind deine Herren Fugger?« poltert der Schichtmeister Thomas Hasl.

»Geflohen. Weg. Nach Hall, nach Innsbruck – was weiß ich?«

»Und wie sollen wir da mit ihnen reden?« höhnt Mornauer, der »Silberling«.

Erasmus Reisländer? Wo steckt Erasmus Reisländer? Der Bergmeister würde wissen, was zu antworten, was zu tun ist. Meine Blicke suchen verzweifelt nach seiner hohen Gestalt.

»Nun? Was also, Herr Schiener?«

»Eine – eine Delegation. Eine Delegation nach Innsbruck an den Erzherzog.«

»Und wer soll sie führen?«

»Adam Dreyling!« ruft die Stimme Pater Conrads. Geschickt klettert der Franziskanerguardian neben mir auf den Bauernkarren. »Herr Dreyling ist Schiener, ein Mann vom Berg. Und er hat Verstand. Herr Dreyling soll die Delegation fuhren!«

»Der Gewerkenbub!« grölt Mornauer. »Da wird etwas schönes herauskommen, wenn der mit Gewerken verhandelt!«

»Dann komm doch mit, Mornauer!« rufe ich wütend.

»Und ob ich mitkomme!« brüllt der Silberbrenner. »Wir alle werden mitkommen. Wir alle!! Los! Auf nach Innsbruck!«

»Nach Innsbruck!« greift die Menge den Ruf auf.

»Gemach, Leute, gemach!« ruft Pater Conrad dazwischen. »Es ist mitten in der Nacht. Solch eine Sache will in Ruhe beredet und vorbereitet sein.«

»Nach Innsbruck!«

»Leute, ich werde vor dem Rathaus ein Faß Freibier aufstellen lassen. Da könnt Ihr dann bei einem Trank das weitere bereden.«

»Freibier!« johlt Nicklas Findler. »Ein Hoch dem heiligen Franziskus!«

»Alkohol?« frage ich leise den Guardian.

Er blinzelt mir zu. »Es ist fast zwei Uhr nachts. Um diese Zeit wird das Bier die Leute eher schläfrig als streitlustig machen …«

»Pfennwerte – Freibier – Dreifaches Scheidwerk – Innsbruck - Hoch, Franziskus – Nieder mit den Fuggern – Gold für die Toten« hallen die Rufe über den Platz, und immer wieder auch der Ruf: »Hoch, Dreyling!«

Die Menge beginnt abzuwandern; langsam fließt sie wieder in die Stadt zurück. Eine Gruppe von Knappen und Bürgern, umringt mich, schüttelt mir die Hände, klopft mir auf die Schulter:

»Ihr werdet das schon richtig machen. – Ihr werdet in Innsbruck für uns sprechen!«

Wir gehen zurück.

Ganz Schwaz scheint auf den Beinen.

Irgendwann stehe ich auf dem Bierfaß und predige Vernunft:

»Keine Gewalt, Freunde! Auch nicht gegen die Herren Fugger. Wir würden uns damit nur ins Unrecht setzen. Unsere berechtigten Forderungen beschmutzen.«

Immer wieder muß ich Hände schütteln.

»Das Dreifache Scheidwerk …«

»Werden wir mit allen Mitteln zu verhindern suchen!«

»Die Pfennwerte, Herr Dreyling …«

»Müssen gesenkt werden.«

»Mein Mann ist im Gapl ertrunken. Ich habe zwei kleine Kinder. Bekommen wir nun auch die Entschädigung wie die vom Raber, Herr Dreyling?«

»Ich weiß es nicht. Ich denke wohl schon …«

Nicklas Findler torkelt auf mich zu, Bart und Brustlatz des Wamses von verschüttetem Bier triefend:

»Ein Hoch unserem Anführer, dem heiligen Dreyling!«

Ich eile durch die Wirtshäuser, die ihre Pforten in dieser Nacht geöffnet halten. Ich rede, beruhige, versuche Forderungen auf ein vernünftiges Maß zurückzuschrauben, kämpfe gegen Gerüchte, die wie Pilze nach einem Sommerregen aus dem Boden schießen.

»Ist’s wahr, Herr Dreyling, daß der Herr Fugger zehntausend Landsknechte in Marsch gesetzt hat, um Schwaz niederzubrennen?«

»Woher soll er denn über Nacht zehntausend Landsknechte nehmen?«

»Denkt an Neusohl Anno 153 7! Da haben die Herren Fugger auch die Knappen mit Landsknechten und Waffengewalt wieder in die Stollen treiben lassen!«

»Ihr sprecht die Wahrheit. Doch 1574 ist nicht 1537.«

»Ist’s wahr, Herr Dreyling, daß der Bergmeister Reisländer heute nacht hingerichtet worden ist?«

»Gott behüte! Und weshalb denn?«

»Weil er den Befehl zum Aufschlagen am Raber gegeben hat.«

»Er hat den Befehl nicht gegeben! Der Herr Marx Fugger hat den Befehl gegeben.«

»Ist’s wahr, Herr Dreyling, daß jeder Hinterbliebene eines verunglückten Knappen hundert Golddukaten erhält?«

Das letzte Gerücht ist besonders hartnäckig. Das Gefasel von Gold des Herrn Siegmund, der halbe Dukaten Prämie aus dem Raber des Herrn Marx, das wirre Geschrei des Nandl Kunzmeier vor dem Totenhäusl ergeben eine fatale Mischung. Die Höhe der Summe schwankt, doch in der Verzweiflung ihrer bedrohten Existenz klammern sich Witwen und Mütter der Getöteten an diese Hoffnung.

Unsere Forderungen an den Erzherzog haben wir nach langem Hin und Her zusammengestellt und schriftlich niedergelegt. Es sind deren drei:

  I. Allen Wucher, mit dem der Proviant sowie alle anderen Waren merklich und schwer belegt sind, aufzuheben, verbunden mit der Bitte, ein Einsehen zu haben und den Pfennwert abzuschaffen.

 II. Zum anderen das Dreifache Scheidwerk nicht einzuführen, da die Knappen damit nicht überleben könnten.

III. Den Fron, jeden neunzehnten Kübel von ungeschmolzenem Erz für den Landesfürsten, auszusetzen.«

Hierzu kommt die Aufforderung an die Herren Fugger, den Familien der im Raber und Gapl umgekommenen Knappen eine Entschädigung zu zahlen.

Um die Höhe der Summe gibt es heftige Auseinandersetzungen. Dreißig Gulden erscheint uns schließlich angemessen – und durchsetzbar.

Mit gewisser Sorge sehe ich, daß eine Gruppe die Waffenkammer im Rathaus aufgebrochen, sich mit Schwertern, Hellebarden, Piken, Armbrüsten und sogar einigen Luntenbüchsen bewaffnet hat.

Und immer wieder bemerke ich diesen pockennarbigen Blonden, der auf dem Friedhof mitgehetzt, vor dem Fuggerhaus nach Brand und Feuer geschrien hatte. Er redet auf die Leute ein, spendiert Bier, Wein und Schnaps. Mir selber scheint er aus dem Weg zu gehen.

»Wer ist das?« frage ich einen der Umstehenden.

»Willi Davido aus Meran. Er ist Kupferhändler.«

Deshalb also ist er mir bekannt vorgekommen. Ich hatte ihn bei den Schmelzöfen gelegentlich gesehen.

Aber was, zum Teufel, hat er sich in die Angelegenheiten von Schwaz, in die Angelegenheiten der Berggemeinde zu mischen?

Blume

Dienstag,
der 27. April

Im Morgengrauen gelingt es mir, mich von den Gesprächen loszureißen. Im Laufschritt haste ich über die Lahnbachbrücke und durch die nahezu menschenleere Knappensiedlung zum Haus des Bergmeisters Reisländer.

Ich klopfe. Nichts. Ich klopfe nochmals:

»Heda! Ist niemand daheim?«

Endlich! Eine leise Frauenstimme:

»Seid Ihr das, Herr Dreyling?«

»Ja, ich bin’s.«

Ein Riegel klappert, die Tür öffnet sich:

»Kommt schnell herein.«

Ich trete ein.

Die Hand Giovanna Reisländers, einer schwarzhaarigen, südländischen Schönheit, zieht mich weiter in die vom Herdfeuer beleuchtete Küche. Sie ist totenblaß.

Auf dem Küchentisch liegt ein versiegeltes Papier und ein in Schweinsleder gebundenes Buch.

Frau Giovanna drückt mir beides in die Hand:

»Für Euch, Herr Dreyling.«

Ich erbreche das Siegel.

27. April Anno Domini 1574.

Mein junger Freund,

ich schreibe diese Zeilen im Hause Fugger.

Sofort bei meiner Ankunft ließ mich Herr Marx Fugger als Schuldigen an dem Bergunglück verhaften.

Ich werde ihn und Herrn Siegmund nach Innsbruck begleiten. Was weiter geschehen wird, ich weiß es nicht.

Wenn es mich den Kopf oder mein Amt kostet, so werdet Ihr wohl Bergmeister werden. Das beiliegende Buch mag Euch dabei eine Hilfe sein.

Gott schütze Euch.

Erasmus Reisländer.

Ich öffne das Buch:

GEORG AGRICOLA.

ZWÖLF BÜCHER VOM BERG- UND HÜTTENWESEN.

ANNO DOMINI 1556

Wie betäubt laufe ich zurück. Nicht durch die belebten Straßen, wo ich wieder Dutzenden hätte Rede und Antwort stehen müssen, sondern hinter dem Friedhof herum.

Vor dem Fuggerhaus knirschen die Glassplitter unter meinen Stiefeln. Die Toten vor dem Tor sind fort, wohl von den Franziskanern zurück zum Totenhäusl getragen worden.

Die Tür unseres Hauses auf der anderen Seite des Platzes ist ebenfalls verschlossen und verriegelt.

Kreszenz, unsere alte Beschließerin, öffnet auf mein Klopfen.

Kaum im Flur, stürmt mir aus der großen Stube Frau Regina entgegen, zornrot, ein Pergament in der Rechten schwingend:

»Glaube bloß nicht, daß ihr damit durchkommt, du, Adam, und dein Bruder Ulrich! Ich werde es anfechten! Ich werde bis zum Hofgericht des Kaisers gehen, wenn es sein muß!«

»Was ist denn überhaupt los?« herrsche ich meine Stiefmutter an.

Langsam beginne ich die Geduld zu verlieren. Der bevorstehende Marsch nach Innsbruck – an Schlaf ist ohnehin nicht mehr zu denken. Ich will nur heraus aus meinem verdreckten, immer noch klammen Lederzeug.

»Der Notar Veit Anich hat diesen Wisch am Nachmittag überbringen lassen«, zetert Frau Regina.

Wortlos nehme ich ihr das Pergament aus der Hand.

»An Adam Dreyling, Herrn zu Wagrain.«

»Das Schreiben ist an mich gerichtet – wieso ist das Siegel erbrochen?«

»Das geht mich schließlich auch etwas an!« zischt meine Stiefmutter.

Ich überfliege den Inhalt:

und somit überschreibe ich all meine feste und bewegliche Habe, so bis zu diesem Zeitpunkt in Schwaz und Tirol von mir erworben oder von meinem Vater, Hans Dreyling dem Älteren von Steineck, Herrn zu Wagrain, an mich gefallen, meinem noch ungeborenen Neffen oder Nichte, Sohn oder Tochter meines Bruders Adam Dreyling, Herrn zu Wagrain, und seiner Ehegattin Maria, Tochter des Faktors Benedikt Katzbeck aus Schwaz.

Unterzeichnet und gesiegelt den 26. April Anno Domini 1574.

Ulrich Dreyling, Herr zu Wagrain.

»Ich werde das niemals hinnehmen, daß meine Söhne bestohlen werden, daß man sie einfach wortlos übergeht! Bis zum höchsten Gericht werde ich dieses Papier anfechten!«

Ich drehe mich um, lasse meine Stiefmutter einfach stehen, steige die Treppen hinauf.

Maria empfängt mich zitternd, in ihren Augen schimmern Tränen: »Ich hatte solche Angst um dich.«

Ich drücke sie sanft an mich, streichele über ihr Haar, bis das Zittern nachläßt.

Behutsam löse ich mich von meiner Frau, trete zu der großen, eisenbeschlagenen Truhe hinüber, hebe den Deckel, drücke eine verborgene Feder zurück und öffne das Geheimfach: ein Ledersäckchen mit hundert venezianischen Gold-Grossi und zweihundert Dukaten als Notgroschen, meine Bestallungsurkunden als Häuer, Schichtmeister und Schiener, der Heiratsvertrag mit Maria, eine Abschrift des Testaments meines Vaters, mein Tagebuch.

Hierzu lege ich nun das Buch Agricolas, den Brief Reisländers und die Vermögensüberschreibung Ulrichs an unser ungeborenes Kind.

Während ich Geheimfach und Truhe wieder sorgsam verschließe, bringt Kreszenz eine mächtige Platte mit Brot, kaltem Braten, Schinken und Käse herein.

»Ein Teller warme Suppe steht schon auf dem Herd und ein großer Becher Würzwein, Herr Adam.«

Schnell schiebe ich mir heißhungrig ein großes Stück Brot mit Schinken in den Mund.

»Schlafe noch ein wenig«, drängt mich Maria.

»Dafür ist die Zeit zu knapp. Ich muß nach Innsbruck zum Landesfürsten.«

»Wann?«

»In einer knappen Stunde.«

»Aber weshalb ausgerechnet du?«

»Die ganze Knappenschaft zieht los. Gib mir bitte etwas Trockenes und Sauberes zum Anziehen!«

Mit einer Hand essend schäle ich mich aus meinem verdreckten, feuchten Lederzeug.

»Du hättest dir den Tod holen können in den nassen Sachen!« entsetzt sich Maria, als sie das Leder in die Hand nimmt. Ich gebe ihr einen Kuß auf die Nasenspitze:

»Nun, wie du siehst, habe ich’s überlebt. Wird nur in den nächsten Tagen ein großes Niesen und Husten geben im Berg. Wasser, kaltes Wasser und nasse Kleider sind wir schließlich gewohnt.«

Ich nestele mein Wams zu, schlüpfe in weiche, bequeme Stiefel, setze das schwarze Barett auf, greife nach dem Papier mit unserer Forderungsliste, küsse Maria zum Abschied, stopfe einen letzten Bissen Brot mit Käse in den Mund, haste die Treppe hinab und stehe wieder auf der Straße.

Blume

Die Fuggerbrüder waren noch vor Mitternacht, gewarnt durch Reisländer, nach Innsbruck geflohen. Soeben trifft die Nachricht ein, daß der Landtag zu Innsbruck eilig zusammengetreten ist, um das Bergunglück am Falkenstein wie die Unruhen in Schwaz und deren Ursachen zu beraten.

Die Herren Gänsbäuche und Weißkrägen zu Innsbruck wußten schon lange durch die Berichte des Bergmeisters an die Hofkammer, daß die Lage der Knappen mitsamt ihren Familien sich unaufhaltsam zum Schlechteren hin änderte. Sogar der landesfürstliche Faktor Zyprian Gotzner befürwortete jede Erleichterung für die Bergleute, forderte vornehmlich die Hofkammer auf, gänzlich auf die Abgabe des Frons zu verzichten.

Zudem wußten die Herren aus der Vergangenheit, daß es keinen Sinn machte, Beamte vom Regiment nach Schwaz zu senden, um dort verhandeln zu lassen. Schon vor 49 Jahren hatte sich der Erzherzog persönlich bemühen müssen.

Inzwischen sind etwa 1500 Knappen, teilweise gut bewaffnet, marschbereit. Auch an meiner linken Hüfte klirrt – ein bißchen ungewohnt – der Degen, freilich weniger als Waffe des Kampfes denn als Abzeichen meines Standes. Pater Conrad hatte mich zweifellos auch deshalb zum Sprecher des Knappenrates vorgeschlagen, da ich mit den Herren Hofbeamten von Gleich zu Gleich sprechen kann. Vor einem Adeligen, mag er noch so geringen Ranges sein, sind zumindest die juristischen Federfuchser eindeutig im Nachteil …

Der Marktplatz von Schwaz ist besetzt, alle Zufahrtsstraßen auf eine Meile Weges im Umkreis gesperrt, alle Reisenden an der Weiterfahrt gehindert. Die Erfahrung aus der Vergangenheit lehrt, daß seitens der Innsbrucker auf dieses Vorgehen allemal vernünftig reagiert wurde.

Keine Gewalt anzuwenden ist das oberste Gebot! Aber bereit, entschlossen und geschlossen unsere Rechte durchzufechten, die herrschende Not zu lindern!

Das Bergunglück ist nur der endgültige Auslöser für längst fällige Forderungen.

Um neun Uhr vormittags ist es dann soweit. Im Haufen ziehen wir in Richtung Hall.

Ein Ausschuß von 15 Knappen, der die Verhandlungen führen soll, und zu dessen Sprecher ich ernannt worden bin, marschiert an der Spitze der Kolonne. Der Fronbote Hans Peer gehört ebenso zum Ausschuß wie der ehrgeizige Schichtmeister Thomas Hasl samt seinem Jasager Martin Posch und, sehr zu meinem Unbehagen, der hitzköpfige Silberbrenner Ambros Mornauer.

Auf dem Weg schließen sich uns aus allen Dörfern und Weilern die Bauern an. Bewaffnet mit Sensen, Dreschflegeln, Mistgabeln und mit Kirchenfahnen bilden sie schon in kurzer Zeit einen eigenen Haufen.

Gegen elf Uhr geht eine Welle des Jubels durch die Kolonnen. Wir erfahren durch einen Postreiter, kurz vor Wattens, daß unser Erzherzog Ferdinand auf die Kunde hin, wir wären im Anzug, sich entschlossen hat, persönlich nach dem nahen Hall aufzubrechen.

Wir rücken in zwei Haufen an, Knappen und Bauern getrennt, treffen zur Mittagszeit in Hall ein und nehmen auf der Gemeindewiese, nahe der Stadt – mit 90 Mann in einem Glied – Aufstellung.

So stehen insgesamt gut 3000 Mann im Feld, halb Knappen, halb Bauern. Die Bauern sind aus Verbundenheit zu den Knappen mit aufgebrochen. Umgekehrt können die Bauern jederzeit mit der Unterstützung der Bergwerksleute rechnen.

In solchen Stunden spielt die Macht der Einzelgehöfte, Dörfer, Marktflecken mit der Berggemeinde wirksam zusammen. Doch heute, das ist unser Tag, unsere Sache. Die Einigkeit, das Schauspiel der Aufstellung ist unsere einzige wirklich wirksame Waffe, mit der wir unsere Forderungen durchsetzen können.

Der Knappenrat bildet eine einzelne Gruppe als der Erzherzog erscheint.

Eine der wichtigsten Beobachtungen, die ich mache, ist das Streben der erzherzoglichen Verhandlungsdelegation nach System und Ordnung, das ebenso unübersehbar ist wie die Begabung der führenden Hofschranzen, sogar im Freien Voraussetzungen für sachliche Gespräche zu schaffen. Woher das Mobiliar wie Tische, Stühle, ja sogar Teppiche kommen, wird wohl ihr amtliches Geheimnis bleiben.

Erzherzog Ferdinand selbst ist ein großer, schlanker Mann mit schmalem Gesicht, mit hängender Habsburger Unterlippe und schläfrigen Augen. Er fühlt sich sichtlich unwohl; hinter seinem blasierten Auftreten scheint mir eine tiefe Unsicherheit hervorzulugen.

»Fürstliche Durchlaucht«, beginne ich meine Ausführungen, »wir kommen nicht in Ungehorsam oder gar in aufrührerischer Absicht, sondern wir kommen, um unsere Empörung über die Mißstände kund zu tun, wobei wir von jeder Forderung ablassen, deren Rechtmäßigkeit widerlegbar ist.«

Bei der folgenden Darlegung unserer Forderungen und deren schleppender Verhandlung mit dem Erzherzog und seinen Hofbeamten bleibt unklar, ob die Zähigkeit, mit der sich die Gespräche dahinwälzen, Absicht ist oder vielmehr ein Zeichen von Hilflosigkeit, Unverständnis und Ratlosigkeit auf der anderen Seite. Wer von den Gänsbäuchen und Weißkragen hatte denn schon einmal im Bergwerk einen Tag gearbeitet, geschweige denn für den kargen Lohn versucht, die Mäuler in den Knappenhütten satt zu bekommen?

Mir scheint, daß Aufrichtigkeit in der vorgebrachten Sache, unsere genauen Kenntnisse über den Bergbau die Unerfahrenheit im Umgang mit den ausgefuchsten Juristen der erzherzoglich Innsbrucker Verwaltung mehr als ausgleicht.

Doch am späten Nachmittag zeichnet sich der Erfolg ab. Er kühlt die Gemüter, besonders bei jenen Männern in unseren Reihen, die sich von einem offenen Aufruhr mit Brand und Plünderung viel mehr versprochen haben. Der Zulauf derer, die sich davon hätten beeindrucken lassen und mitgelaufen wären, um gewalttätig zu werden, wäre auch in unserem Haufen nicht zu unterschätzen gewesen. Vor allem den Silberling habe ich im Verdacht, daß ihm ein Scheitern der Verhandlungen so unlieb nicht wäre.

In vollständiger Ruhe läßt der Erzherzog durch den vorderösterreichischen Statthalter Blasius Reichsfreiherr von Khuen-Belasi antworten, daß alle drei Punkte angenommen seien. Die Entschuldigung wegen der Versammlung und Empörung unsererseits – niemand von uns hatte sich entschuldigt – nehme Seine Durchlauchtigste Gnaden zur Kenntnis und lasse die Knappen wie die Bauern zu Ruhe und Gehorsam ermahnen.

Nun bestehe ich darauf, daß mir über die Zugeständnisse eine unter dem Siegel des Landesfürsten ausgestellte Urkunde ausgehändigt würde. Die Hofschranzen hätten diesen Punkt nur zu gern umgangen. Doch nach einigem Hin und Her einigen wir uns auch hier. Der Reichsfreiherr von Khuen-Belasi überreicht mir im Namen des Fürsten mit gallenbitterer Miene das Dokument.

Wir haben unsere Ziele erreicht!

Erzherzog Ferdinand reitet erst an uns vorbei, dann durch die beiden Haufen, die sich inzwischen in 33 Glieder formiert haben. Wir huldigen und jubeln pflichtschuldigst laut und anhaltend, bis die fürstliche Kavalkade gen Innsbruck entschwindet.

Für diesmal hat sich der drohende Aufruhr verzogen. Wir haben gewonnen!

Die Nacht ist hereingebrochen, als wir uns, versehen mit allen Hoffnungen auf eine Verbesserung unseres Lebens, heim auf den Weg nach Schwaz begeben, beklatscht und bejubelt von den Dörflern unterwegs, als Helden und Sieger gefeiert in der Stadt.

Blume

Mittwoch,
der 28. April

Es ist weit nach Mitternacht, als ich neben Maria ins Bett falle.

Ich schlafe wie ein Toter bis in den Vormittag hinein. Nicht einmal das Läuten der Campana zum Beginn der Morgenschicht kann mich wecken.

Ich erwache von einem Rumoren draußen auf der Straße. Es klingt wie das Summen eines angriffslustigen Hornissenschwarms.

Dann splittert Glas. Und gleich noch mal. Schwere Fäuste hämmern gegen die Eingangstür. Die Stimme von Frau Regina zetert. Ich fahre aus dem Bett, als Maria hereinstürzt, schreckensbleich:

»Eine Rotte von Leuten steht vor dem Haus. Sie verlangen nach dir. Sie drohen, die Tür aufzubrechen.«

Ich schlüpfe eilig in Hose und Hemd.

»Geh nicht!« fleht Maria.

»Soll ich warten, bis sie hereinkommen?«

Ich stürme die Treppe hinab.

»Mach die Tür auf!« rufe ich Kreszenz zu.

Mit zitternden Händen zieht die alte Beschließerin die Riegel zurück.

Im nächsten Augenblick stehen wutentbrannt Ambros Mornauer, Thomas Hasl, Martin Posch und Nicklas Findler vor mir, getrieben von einer lärmenden Menschenwoge vor dem Haus.

»Verräter! Gewerkenschwein! Saukerl! Überläufer! Falscher Hund! Lump! Judas!« tobt es mir entgegen.

»Dreißig Gulden hast du versprochen!« schreit Thomas Hasl. »Für dreißig Silberringe hast du uns verkauft!«

»Was ist denn eigentlich los?« brülle ich dagegen.

»Beschissen hast du uns!« belfert Posch. »Beschissen und verraten!«

»Der Pfennwert sollte abgeschafft, die Qualität der Lebensmittel besser werden!« kreischt eine Frau dazwischen. »Und was ist das?«

Sie streckt mir ein halbes Brot entgegen:

»Mit Sägemehl versetzt!«

»Und die Pfennwerte steigen!« ergänzt einer der Männer zornig.

»In der Stadt und am Berg wird eben verkündet und angeschlagen, daß ab nächsten Montag das Dreifache Scheidwerk gilt!« tobt Hasl.

»Das ist nicht wahr! Das kann nicht wahr sein!«

»Und ob das wahr ist!« fährt mich Mornauer an. »Du hast es doch selbst mit den hohen Herren ausgehandelt!«

Ich packe den kahlköpfigen Silberbrenner am Wams:

»Die Dämpfe haben dein Hirn wohl gleich mit den Haaren aus dem Kopf gebeizt? Du warst doch selbst bei der Delegation. Du weißt doch, was geredet und abgesprochen und gesiegelt wurde!«

»Nicht, was du hinter unserem Rücken ausgehandelt hast!« röhrt Findler.

»Sag’s noch mal, Nicki, und du hast keinen Zahn mehr im Maul!« donnere ich. »Droben auf dem Tisch in meiner Stube liegt das Pergament von gestern. Da könnt Ihr’s nachlesen, was ich ausgehandelt habe – schwarz auf weiß. Unterschrieben und mit rotem Wachs gesiegelt vom Erzherzog persönlich!«

»Das wollen wir sehn!« kräht Martin Posch.

Zusammen mit Mornauer und Hasl rumpelt er die Treppe hinauf, stößt Maria, die mir angsterfüllt ein paar Schritte nachgekommen ist, zur Seite.

Sie taumelt. Hält erschreckt die Hände und Arme schützend vor ihren Leib – verliert das Gleichgewicht – stürzt – rollt die Treppe herunter – schlägt auf – bleibt reglos mit seltsam abgewinkeltem Kopf liegen.

Im nächsten Augenblick knie ich neben ihr.

»Maria. Maria!«

Ihr Augen starren blicklos an mir vorbei.

Die Männer eilen die Treppe herab.

»Das … das haben wir nicht … nicht gewollt«, stammelt Martin Posch.

»Raus!« brülle ich. »Raus mit Euch allen!«

Die Männer flüchten. Mornauer zerrt Posch hinter sich drein.

»Ruft den Bruder Severin, den Arzt vom Kloster. Schnell!« schreie ich ihnen nach.

Dann knie ich auf dem Boden – halte meine Frau in den Armen.

Ewigkeiten später sind dann Bruder Severin und Pater Conrad da.

Sie bemühen sich um Maria.

Dann drückt Pater Conrad mit einer entsetzlich endgültigen Handbewegung ihre gebrochenen Augen zu.

Der abgewinkelten Kopf, die blicklosen Augen. Maria hatte sich beim Sturz das Genick gebrochen. Mein Gott! Warum gerade sie? Warum? Warum? Warum!

Ich trage Maria hinauf in unsere Stube. Lege sie behutsam auf das Bett wie ein schlafendes Kind.

Ich lasse meinen Tränen freien Lauf.

Pater Conrad betet leise: »Herr, gib ihr den ewigen Frieden, und Dein ewiges Licht leuchte ihr.«

»Du mußt fort!«

Ich begreife nicht.

Eine Hand zerrt an meinem Ärmel. Ich wende mich um. Vor mir steht meine Stiefmutter:

»Du mußt fort, Adam! Im Augenblick ist die Bande erschrocken geflüchtet. Aber die kommen wieder. Und dann schlagen sie im Haus alles kurz und klein. Und was sie nicht zertrümmern, das werden sie stehlen, die kostbaren alten Möbel, die Bilder, das Silber.«

»Warum soll gerade ich das Haus meines Vaters verlassen? Es war Mord!«

Pater Conrad tritt nah an mich heran:

»Ein Unglück, Adam, ein Unglück!«

»Mord ist es. Und ich werde die Mörder vor Gericht bringen!«

Pater Conrad umfängt mich mit beiden Armen:

»Es stinkt nach Aufruhr! Lasse dich nicht hineinziehen. Du wirst dein Recht erst bekommen, wenn deutlich wird, daß du ab heute die Wahnsinnigen, die sich offen gegen das Land zu stellen beginnen, nicht mehr unterstützt. Sie suchen einen Sündenbock. Du darfst ihn keinesfalls abgeben!«

Mit seinen Armen klammert sich Pater Conrad an meinen Ärmeln fest.

»Nur so wird dir und deiner Frau Gerechtigkeit widerfahren. Bei allen Heiligen und Gott: Ich schwöre, daß ich deine gerechte Sache zu jeder Zeit an jedem Ort mittragen werde! Jetzt aber fürchten wir um dein Leben!«

»Ich helfe dir« drängt Frau Regina. »Nimm nur mit, was du unbedingt brauchst. Alles andere kann ich dir nachschicken lassen.«

Frau Regina reicht mir einen Zwerchsack.

Wie in einem bösen Traum öffne ich die Truhe und das Geheimfach, werfe Geld, das Buch von Agricola, die Dokumente, mein Tagebuch in den Ranzen. Auf dem Tisch liegt immer noch der vom Erzherzog gesiegelte Vertrag mit den Knappen. Ich stopfe ihn dazu. Mögen die Mörder doch sehen, wie sie ohne ihn zurechtkommen.

»Wohin? Wo soll ich hin, Pater Conrad?«

»Folge doch Ulrich nach Böhmen!« antwortet Frau Regina schnell.

»Zu weit für den Augenblick«, winkt Pater Conrad ab.

»Wohin dann?«

»Warum nicht nach Innsbruck?« schlägt meine Stiefmutter vor. »Für ein paar Tage würde dich vielleicht sogar mein Bruder Hans Christoph aufnehmen. Er hat großen Einfluß am Hof. Außerdem habt ihr euch doch immer gut verstanden. Versuch es auf jeden Fall erst dort, bevor du dich anders entscheidest.«

Wenig später schlurfe ich mit schweren Schritten die Straße nach Innsbruck entlang. Pater Conrad hatte mich durch das Kloster ungesehen aus der Stadt gebracht.

Und ich schwöre mit geballter Faust: Ich werde zurückkommen nach Schwaz.

Das Berggericht

Schwaz

1590

Bericht
William Davison

Sonntag,
der 4. Februar, 10.50 Uhr

… ja, er war zurückgekommen. Doch er hatte die letzten Jahre nie an eine Heimkehr nach Schwaz gedacht. Sein Glück hatte er zuletzt in Krakau vermutet. Hier in die Bergwerksstadt zog es ihn nie.

Diejenigen, die ihn gewaltsam zur Rückkehr gezwungen hatten, triumphierten in jener Stunde. Die Verleumdung wetteiferte mit der Rache, die langsam greifend zum Sieg über Dreyling fuhren sollte - bis ins Grab hinein.

Die gefährlich vergifteten Köder waren reichlich ausgelegt an diesem geweihten Ort. Ein verlockendes Fressen, gedacht für die Geschworenen.

Die Ansammlung der Köpfe um mich herum sind Euch, Sir Francis, gut bekannt. Meine ausführlichen Dossiers über die hohen Herren, angefertigt vor gut 13 Jahren, liegen Euch in London vor.

Manch einer von ihnen dachte eher an eine Komödie, die um Anerkennung beim Publikum betteln mußte, wobei noch völlig offen war, ob am Ende geklatscht oder gepfiffen wurde.

Nur wenige konnten die wahren Begebenheiten wirklich kennen. Fugger, Querini und Löffler kannten sie. Bei der Betrachtung der Reise Dreylings durch Europa bis zum Kreisschluß dort unten auf der Totenplatte aber wird deutlich: Unsere Macht reicht aus, die Begebenheiten nach Wünschbarkeit oder Nützlichkeit zu beeinflussen, bis hin zum gewollten Irrtum. Die Anklage zeichnete ein Bild, das die Wahrheit völlig überdeckte. Und Schiller-Herdern trug jedes Wort mit einer Überzeugung vor, als wäre es abgesiegelt.

Dreyling begann zu antworten:

»In eure Fragen gehört zuerst die Ordnung; daher die letzte an den Anfang:

Ihr fragt, warum ich das Haus der Fugger gestürmt und verwüstet habe?

Ich sage Euch: So oft der Jesuit Scherer, Gott unsern Herrn mißbraucht hat und so lange Ihr die Wirkung seines lästerlichen Mundes auf die Knappen im Angesicht der Katastrophe nicht einbezieht, so viele Male müßt Ihr nach verkehrten Maßstäben urteilen.

Viele unter uns erinnern sich genau an die Predigt des Jesuiten, der seine geistigen Krallen in unsere Gehirne schlagen wollte, indem er uns das Unglück als gottgefällig verkaufen wollte, als sei unser Elend eine Auszeichnung Gottes. Wir haben diese Krallen abgewehrt und aus unseren Köpfen herausgezogen.

Nun, Ihr wollt offenbar auch heute noch nicht anerkennen, daß jener Hofprediger damals, statt Trost zu spenden, absichtlich Furcht und Unsicherheit geschürt hat, und das nur, um den Verzweifelten, Erschütterten, in Not geratenen Menschen seine krank machenden Worte von Sünde, Verderbnis und Verdammnis noch stärker einzubleuen. Und das wiederum allein zum Nutzen der Fugger.

Aber seht doch selbst hin:

Die Ursachen zu bekämpfen ist Euch allen doch nie gelungen! Eitelkeit, Gewalt, Hoffart, vor allem die Macht sitzt unbeschadet nicht weit von hier.

Und wem verdanken sie das?

Wem verdankt Ihr, daß Schwaz ’74 nicht zur Asche wurde?

Wem verdankt Ihr, daß Schwaz überhaupt noch existiert?

Der Sünde etwa, der Verdammnis oder der Verderbnis?

Ankläger, Ihr kennt die Namen genau, die damals ein noch größeres Unglück von dieser Bergwerksstadt abgewendet haben. Aus Eurem Munde klingen die Namen viel schöner. Nennt sie uns, Ankläger!«

Peng … peng …! meldete sich die Keilhaue.

»Ihr seid gefragt! Richtet Euch nach meinen Anweisungen! Ich werde diese Art von Gegenfragen nicht weiter dulden!«, unterbrach der Bergrichter gereizt.

»Entschuldigt meine Unbedachtheit …

Nein! Der Ankläger braucht sie nicht nennen, aber wissen wird er sie!«

»Angeklagter!« hakte der Bergrichter nach. »Beantwortet meine Frage: Wart Ihr in jener Nacht im Fuggerpalais?«

»Nein! Mein Zorn reichte damals wie heute nicht aus, ein Haus zu stürmen und zu verwüsten. Mit Billigkeit füge ich hinzu, daß Hunderte von Knappen gesehen haben müssen, daß ich abseits stand. Der Haß der Knappen, aus der Ohnmacht geboren, mußte gebremst werden. Gott sei gedankt; es ist uns gelungen! Der Weg nach Hall zu den Verhandlungen wäre sonst versperrt gewesen. Oder glaubt Ihr, die Obrigkeit verhandelt ernsthaft mit Aufrührern, die die Krone des Hasses, des Bösen, der Unseligen und Verfluchten oder gar der Kistenfeger und Säckelleerer auf dem Kopf tragen? Glaubt Ihr das?

Pater Conrad, unser Franziskanerguardian, kann bezeugen, daß ich damals kein Blut vergiftet und damit auch heute keine Scherben wegzukehren habe. Ich verlange, daß Pater Conrad zu diesem Punkt gehört wird!«

»Pater Conrad ist seit Jahren tot«, gab Reisländer zur Antwort. »Er mag vor Gott für Euch zeugen, vor diesem Gericht kann er es nicht mehr!«

»Ja, darf denn das widerwärtige, erbärmliche Geschrei dort unten so weit und breit unwidersprochen erschallen?« fuhr mit überschlagender Stimme Schiller-Herdern dazwischen. Sein Gesicht schien in diesem Moment wie mit Kalk gepudert.

»Kühlt Eure Glut und bremst Eure Ungeduld!«, stoppt Richter Reisländer den Ankläger, und an Dreyling gerichtet: »Fahrt fort! Warum wart Ihr der Anführer des Knappenaufstandes?«

»Anführer?! Als einer, der in feindseligen Gefühlen badete? Nein!

Ich habe mich nicht danach gedrängt, die Verhandlungen mit den hohen Herren vom Innsbrucker Hof zu führen. Nur wer jenes unauslöschliche Entsetzen und jenes tiefe, eisige Mißtrauen gegenüber den Gewerken erlebt hat, das damals nach der Katastrophe herrschte, weiß, wie nahe in jener Nacht das Wüten, das Brennen und Morden gewesen ist.

Anführer bin ich geworden durch die Liebe zu unserer Stadt, zu unserem Land Tirol, aber auch gegen die um sich greifende Verarmung, gegen das drohende Dreifache Scheidwerk, gegen die Erhöhung der Pfennwerte und für das Aussetzen der Fron.

Ja! Den Anführer habe ich vor allem aus Ehrfurcht vor dem Frieden in unserer Berggemeinde angenommen, weil Brennen, Schänden und Mord das Ende für uns alle bedeutet hätte.

Ja! Gehandelt habe ich, und der Beweis: Nichts wurde niedergetreten, beraubt, weggeschleppt! Nichts wurde mit Blut geschrieben. Bis auf eins!«

Man merkte Dreyling an, wie er einen tiefen Seufzer des Schmerzes unterdrückte, da die längst vernarbte Wunde wieder aufzubrechen drohte. Beschwörend klang seine Stimme:

»Wie sich der Adler meist gegen und nicht mit dem Wind erhebt, so haben wir uns erhoben für die Erhaltung der Lebensfähigkeit unserer Familien und unserer Aller Bergwerke Mutter, Schwaz. Aber sichtbar für jedermann, geordnet und ruhig wie die Lämmer sind wir bis Hall gezogen mit nur drei Bitten auf dem Pergament an unseren Erzherzog Ferdinand. Dieser Zug unter meiner Führung war für keine Seite ein Verhängnis.

Unsere Verhandlungen endeten mit der erlösenden Billigung unserer Forderungen durch unseren gnädigsten Landesfürsten.«

»Lügen, alles gemeine Lügen! So tief könnt Ihr Euer Knie nicht biegen, damit man Euch glaubt!« platzte Leoman in die Schilderung herein. »Er will uns weismachen, daß die Lämmer den großen Raubvögeln gram sind und er selbst das gute Lämmlein war, dem die Herde folgte!«

»Seid Ihr mit Euren Ausführungen am Ende, Angeklagter?« überging die Stimme Reisländers den Einwurf Leomans.

»Ja! Nur so viel noch, denn das Bild des Anklägers ist unvollständig: Raubvögel lieben Lämmer, denn nichts ist bekömmlicher als ein zartes Lamm!«

Ein brausendes Gelächter, sogar in den Reihen der Herrschaften neben mir, löste die längst aufgestaute Spannung, brachte Bewegung in Gänge und Bänke, zwang bis auf zwei Ausnahmen alle zum Mitlachen.

Reisländer wollte in diesem Moment nicht eingreifen, statt dessen blickte er spöttisch auf Schiller-Herdern. Er war die eine Ausnahme!

Das Kichern und Grunzen verebbte langsam im Kirchenrund, und je länger es dauerte, desto deutlicher zeichnete das Mißfallen seine Züge in Leomans Gesicht. Die Komödie hatte ihren ersten Beifall erhalten.

»Ankläger!«, und mit diesem Wort des Bergrichters, das wie ein Peitschenknall ertönte, erstarrte die Belustigung. »Führt die Befragung weiter!«

Leoman sah aus, als ob er gleich die Unterwerfung der Welt befehlen würde:

»Wer richtig Geschichten erzählt, der erfindet auch; und wer erfindet, kann auch gut Geschichten erzählen.

Knappen, Bürger von Tirol! Wir sehen nichts, dafür hören wir um so mehr. Weiter so! Wohlan, hier ist der Blick offen, aber unsere Augen müssen sich erst an dieses trügerische Licht gewöhnen. Deshalb, Dreyling, fordern wir von Euch die Beweise.

Was habt Ihr genau in Hall verhandelt? Was ist davon verbrieft? Stimmen Eure Forderungen mit dem überein, was niedergeschrieben wurde? Zeigt es uns! Oder ist da etwas, was einst ausgeglichen wurde mit ungeheuren Zinsen in Gold, was Euch den Weggang aus der so heiß geliebten Berggemeinde erleichtert hat? Vielleicht habt Ihr Euch das Glück selbst ausgezahlt statt den Knappen!

Wir wollen nichts mehr hören, wir wollen die Beweise endlich sehen!«

»Alle Forderungen wurden verhandelt und zu unseren Gunsten entschieden! Alles wurde niedergeschrieben. Das Dokument existiert zweimal. Einmal in der Kammer zu Innsbruck, das zweite hatte ich bei mir.«

»Wo ist es geblieben? Wer hat es je gesehen, je gelesen?«

»Das in der Kammer ist sicher gut verwahrt. Fordert es an!«

»Schon geschehen, Dreyling! Nur, wie wir jetzt klar sehen, taugen Eure Argumente nichts.

Es gibt keinen Vertrag in Innsbruck!!

Wo habt Ihr das Papierlein, das Euch damals geziert haben soll? Wo ist denn das Siegkränzlein, das Ihr angeblich gewonnen und auf dem Kopfe heimgetragen haben wollt? Davon schweigt Ihr still!

Dabei liegen die Dinge so einfach: Wer nichts hat, der kann nichts geben!

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