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Der Lilith Code

Inhaltsübersicht

Sematar, Türkei, 02. 02., 6.35 Uhr

Incirlik Air Base, Türkei, 11. 06., 14.12 Uhr

Tel Aviv, zur selben Zeit

Damaskus, 12. 06., 5.12 Uhr

Zwischen Damaskus und Aleppo, 13. 06., 9.15 Uhr

Jableh bei Lattakia, 12. 06., 14.12 Uhr

Al Hawash, östlich des Crac des Chevaliers, 13. 06., 18.45 Uhr

Mar Musa Ehad, 14. 06., 0.10 Uhr

Mar Musa Ehad, 14. 06., 7.10 Uhr

Mar Musa Ehad, 14. 06., 9.59 Uhr

Aleppo, 13. 06., 19.45 Uhr

Sednaya, 14. 06., 8.45 Uhr

Aleppo, 14. 06., 16.15 Uhr

Aleppo, 14. 06., 16.05 Uhr

Aleppo, 14. 06., 16.30 Uhr

Aleppo, 15. 06., 5.11 Uhr

Ayn Darah, 15. 06., 5.12 Uhr

Aleppo, 15. 06., 13.12 Uhr

Aleppo, 15. 06., 15.30 Uhr

Aleppo, 16. 06., 7.15 Uhr

Aleppo, 16. 06., 10.15 Uhr

Manbej, 16. 06., 17.13 Uhr

Manbej, 16. 06., 22.30 Uhr

Tel Aviv, 16. 06., 19. 17 Uhr

Aleppo, 17. 06., 13.45 Uhr

Manbej, 17. 06., 11.45 Uhr

Jableh bei Lattakia, 17. 06., 14.12 Uhr

Manbej, 17. 06., 15.14 Uhr

Damaskus/Beirut/Amman/Kairo/Tripolis, 17. 06., 20 Uhr

Manbej, 17. 06., 21.47 Uhr

Jarabulus, 17. 06., 23.44 Uhr

London, 18. 06., 13.25 Uhr

Istanbul, 18. 06., 18.35 Uhr

Syrische Wüste, 19. 06., 5.45 Uhr

Kairo, Siwa, 19. 06., 9.15 Uhr

Istanbul, 19. 06., 11.17 Uhr

London, 20. 06., 12 Uhr

Berlin, 19. 06., 20.17 Uhr

Jeblah bei Lattakia, 20. 06., 5.31 Uhr

Berlin, 20. 06., 15.10 Uhr

Tel Aviv, 20. 06., 11.50 Uhr

Berlin, 20. 06., 18.15 Uhr

Tel Aviv, 20. 06., 21.15 Uhr

Berlin, 20. 06., 20.09 Uhr

Jableh bei Lattakia, 20.06., 19.13 Uhr

Berlin, 20. 06., 21.50 Uhr

London, 20. 06., 23.55 Uhr

Berlin, 21. 06., 3.45 Uhr

Peschawar, Pakistan, 21. 06., 5.34 Uhr

Jableh bei Lattakia, 21. 06., 4.15 Uhr,

Berlin, 20. 06., 22.15 Uhr

Berlin, 21. 06., 7.15 Uhr

Jerusalem, 21. 06., 5.15 Uhr

Frankfurt am Main, 21. 06., 18. 45 Uhr

Masdsched Soleyman, 21.06., 21.45 Uhr IRST

Jerusalem, 21. 06., 23.12 Uhr IST

Frankfurt am Main, 21. 06., 22.01 Uhr CET

Damaskus, Kairo, Beirut, Amman, Tripolis, 22. 06., 1.45 Uhr EET

Frankfurt am Main, 22. 06., 0.30 Uhr CET

Tel Aviv, 22. 06., 3.32 Uhr IST

Masdsched Soleyman, Iran, 22. 06., 3.21 Uhr IRST

Jableh bei Lattakia, 22. 06., 3.13 Uhr EET

Berlin, 22. 06., 1.42 Uhr

Frankfurt am Main, 22. 06., 1.10 Uhr

Persischer Golf, 25’ Nord, 52’ Ost, 22. 06., 2.56 Uhr Zulu Time

Ezraá, Syrien, 22. 06., 6.25 Uhr

Frankfurt am Main, 22. 06., 6.10 Uhr

Megiddo, 22. 06., 7.45 Uhr

Ghom, 22. 06., 8.06 Uhr

Libanesischer Luftraum, 22. 06., 9.34 Uhr Zulu Time

Tel Aviv, 22. 06., 12.10 Uhr

Beirut, 22.06., 13.10 Uhr

Bosra, 22. 06., 19.25 Uhr

Rosh Pina, Israel, 22. 06., 20.13 Uhr

Syrische Wüste bei den Salzseen, 23. 06., 1.25 Uhr

Bosra, 22. 06., 22.46 Uhr

Syrische Wüste bei den Salzseen, 23. 06., 2.12 Uhr

Rosh Pina, 23. 06., 2.35 Uhr

Caesarea Philipi, Israel, 23. 06., 8.10 Uhr

Damaskus, 23. 06., 7.35 Uhr

Dera’a, 23. 06., 9.35 Uhr

Qunaitra, 23. 06., 11.28 Uhr

Epilog

Wien, 11.12., 12.34 Uhr

Wesenufer, Österreich 05.12., 13.34 Uhr

Leseprobe aus "Die Lilith Verheißunf

 

In Liebe und Dankbarkeit

 

Für meine Frau Insa

Sematar, Türkei, 02. 02., 6.35 Uhr

Und so bekleid’ ich meine nackte Bosheit

Mit alten Fetzen, aus der Schrift gestohlen,

Und schein’ ein Heil’ger, wo ich Teufel bin.

Aus: William Shakespeare »Richard III«,

 

Der Frau war der Bauch aufgerissen worden. Sie lehnte an einem warmen Felsen in einer Höhle, als sie aus der Ohnmacht erwachte. Langsam schlich das Bewusstsein zurück. Ihr Gesicht war geschwollen. Die Augenlider waren verklebt, so dass sie nur mühsam den Ort erkennen konnte, an dem sie sich befand. Sie versuchte, die Hände zu bewegen, als der Schmerz aus dem Bauch sie erfasste. Sie blickte an sich herab, sah etwas Grauweißes, Pulsierendes aus ihrem Bauch herausquellen und wollte schreien. Nur ein wimmerndes »Neiiiiin« kam aus ihrem Mund, unwillkürlich presste sie ihre Hände auf die Wunde, versuchte, das glitschige Innere wieder zurückzudrücken. Die Wunde selbst war kaum eine Handbreit groß, aber der Schnitt hatte die Bauchdecke komplett durchtrennt.

In diesem Moment wusste sie, dass sie sterben sollte. Erinnerungsblitze tauchten auf. Mit einer großen Kraft, die ihr angesichts ihrer Lage fast überirdisch erschien, riss sie sich zusammen und dachte nach: Ich sitze in einer Höhle. Ich habe eine lebensbedrohliche Verletzung. Was ist in dieser Höhle? Wer bedroht mich? Wie komme ich hier raus?

Das Entsetzen packte sie, und ohne dass sie etwas davon bemerkte, entleerte sich ihre Blase. Die warme Flüssigkeit rann an ihren Oberschenkeln herab. Tränen quollen aus ihren Augen. Dann kehrte ihr Wille zurück. Sie schaute nach rechts oben. Schwaches Licht fiel dort herein. Mit ihrer linken Hand drückte sie sich hoch, hielt inne, ließ den Schmerz durchfluten, bemühte sich, ruhig und flach zu atmen. Sie konnte gerade noch stehen, ehe sie an die Decke stieß. Der Fels der Wände war glatt, als ob ihn seit Jahrhunderten Hände abgetastet hätten. Die Öffnung lag auf ihrer Augenhöhe, beschrieb einen senkrechten Schlauch, der geradewegs nach außen führte. Sie schaute an sich herab. Sie trug ihren Slip noch, sonst war sie nackt. Aber um den Hals hatte sie ihren weißen Schal. Für die Flucht brauchte sie beide Hände. Zitternd wickelte sie das Tuch vom Hals, bedacht, es nicht auf den Boden fallen zu lassen. Sie kniff die Augen zusammen, presste die Lippen aufeinander, versuchte, erst ihre Hand von der Wunde zu heben und sofort das Tuch um ihren Bauch zu wickeln.

Ihr Atem ging stoßweise. Es funktionierte. Nichts quoll mehr heraus. Doch das weiße Tuch färbte sich sofort rot. Sie wusste, dass der Blutverlust sie bald in die Bewusstlosigkeit fallen lassen würde. Doch der Schmerz, der jetzt dauerhaft war, hielt sie wach. Sie tastete sich an den Wänden entlang, einen Einstieg zur Öffnung suchend. Dumpf entfernt hörte sie eine Stimme. Sie erstarrte, drückte sich noch näher an die Wand. Atmete nicht. Und betete. Die Stimme kam nicht näher. Ihre Hände tasteten und fanden tatsächlich eine Einbuchtung. Sie wand sich hoch und erreichte nach quälenden Minuten die Öffnung. Sie spürte nicht, wie der Fels ihre Haut aufriss, sie wollte zum Licht.

Einen halben Meter vor dem Höhleneingang hielt sie inne. Das Licht, das milchig-fahl herabschien, stammte vom Mond – ihrem Mond. Eine neue Kraft, dachte sie. Bis sie den Mann am Feuer sah. Er hatte ihr den Rücken zugewandt und murmelte unverständliche Worte. Neben ihm lag ein Messer. Ihr Messer, ein französisches »Opinel«. Sachte drehte sie sich, streckte ihren Arm aus. Ihre Finger streckten sich, berührten das Griffholz, umklammerten es, als der Mann sich umdrehte. Das Gesicht eines alten Mannes, eines Nomaden, eingehüllt in den rotweißen Stoff des Kufiyas, des Kopftuchs der Araber, sah sie überrascht an. Ächzend stand er auf, wollte ihre Beine packen und sie zurückzerren. Sie strampelte verzweifelt, und tatsächlich geriet der Alte über ihren umherwirbelnden Beinen ins Stolpern, fiel auf sie herab. Sie hob das Messer und schrie. Der Nomade hatte nicht mit der Waffe gerechnet, so konnte er nicht mehr rechtzeitig seine Lider schließen, ehe die zwölf Zentimeter lange Klinge erst in seinen Augapfel und dann in sein Vorderhirn drang.

Almut drehte den im Todeskampf zuckenden Körper zur Seite. Sie versuchte aufzustehen, fiel. Jetzt wusste sie, wo sie war. Und der Gedanke raubte ihr fast den Verstand.

Incirlik Air Base, Türkei, 11. 06., 14.12 Uhr

The mission of the United States Air Force is to fly, fight and win … in air, space and cyberspace.

Aus: »State Mission« der US-Air Force

 

Das kleine Büro neben dem Tower der amerikanischen Airbase im türkischen Adana ist unscheinbar. Die CIA-Einheit, die hier untergebracht war, hatte an diesem Morgen eine kleine Besatzung. Bruce Singhamer, der wachhabende Offizier, schlürfte seinen Kaffee aus einem Becher mit der Aufschrift »Failure is not an option«. Seine Tochter hatte ihm den Becher aus dem Kennedy Space Center als Andenken mitgebracht. Die Nachtschicht hatte ihm die gesammelten Funksprüche der NSA, die Satellitenfotos und alle Bewegungen an den Grenzen zu Syrien und zu Jordanien in das Eingangskörbchen gelegt. Er hatte den gesamten Vormittag Zeit, den Papierkram durchzulesen. Für Bruce Singhamer war der Nahe Osten an diesem Morgen völlig ruhig.

Tel Aviv, zur selben Zeit

Nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten und dem Tod des libyschen Revolutionsführers kurze Zeit später schien die Lage mittlerweile unkalkulierbar. Die westlichen Geheimdienste rechneten zumindest in einem weiteren Land mit einem Putsch – Syrien.

In Ägypten war auch tatsächlich aufgrund massiver Proteste der Bevölkerung eine Zwischenregierung an die Macht gekommen. Aber binnen weniger Monate war das Land quasi unregierbar. Alle wollten zu schnell zu viel. Die Parteien drängten nach der Macht. Die Menschen erwarteten die sofortige Verbesserung ihrer Lebensumstände. Das Gegenteil trat ein. Chaos war die Folge. Und so hatte ausgerechnet Tarek Said, ein junger Armeeoffizier, mit Hilfe des Militärs schnell und geräuschlos die Regierungsgewalt übernommen. Die alten Armeekader fürchteten um die eigenen Privilegien und hatten einstimmig diesen jungen Mann ausgewählt. Nicht ahnend, dass der schon längst seine Fühler über die Landesgrenzen ausgestreckt hatte. Im ahnungslosen Westen konnte wieder aufgeatmet werden. Ein ähnliches Bild gab es auch nach dem Sturz Gaddafis, des Irren von Tripolis. Das Land war in viele kleine Interessengruppen aus Ex-Funktionären, Militärs und Stämmen zerfallen, so dass das Land über Wochen im Bürgerkrieg versank. Sehr zum Leidwesen der Europäer, da diese Entwicklung einen exorbitanten Anstieg des Ölpreises und eine gigantische Flüchtlingsflut aus den Ländern Nordafrikas zur Folge hatte. Erst ein radikales Eingreifen einer Gruppe libyscher Armeeoffiziere stoppte den Aufruhr. Und auch dort wurde ein junger Führer an die Spitze gewählt. Ein ehemaliger Diplomat und Investmentbanker, Ibrahim El Assawi.

Wenige Wochen später starb der Führer des saudischen Königshauses Abdullah Al Saud. Statt einer Garde greiser Diktatoren stand bei der Trauerfeier in Riad in der ersten Reihe der Tribüne eine Gruppe junger Männer, die eher wie Investmentbanker wirkten. Die jungen Präsidenten, Könige und Führer von Syrien, Jordanien, dem Libanon und Libyen, waren im Westen ausgebildet worden und konnten den über die Jahre gewachsenen Feindschaften, Abneigungen und Ressentiments ihrer Väter untereinander nichts abgewinnen. Nach dem Putsch in Tunesien, Libyen, Algerien, Jemen und Ägypten waren sie sich einig, dass sie so nicht würden weiterregieren können. Der Druck der Straße konnte sie mit Hilfe der neuen Medien wie Twitter und Facebook binnen Tagen hinwegfegen. Sie mussten, wollten sie die nächsten Jahre im wahrsten Sinne des Wortes überleben, mit einer völlig neuen Idee auftreten. Sie waren entschlossen. Sie hatten auch keine Wahl. Sie standen, ohne dass sie das offiziell zugegeben hätten, mit dem Rücken an der Wand. Gleichwohl wirkte dieses Bild für einige Experten wie ein Silberstreif am Horizont, als ob mit dieser neuen Generation neue Hoffnungen zu verbinden seien. Die weitgehend ignorante Haltung des Westens, speziell der USA und Israels, ließ diese Region jedoch rasch wieder in das ewige Muster aus Vorwürfen und Gegenvorwürfen, Angriff und Gegenangriff verfallen.

Der Nachrichtenoffizier Itzhak Goldstein schrieb ein Memo an den Sicherheitsberater der Regierung, Shlomo Finkelstein, in dem er auf die fortlaufenden Reiseaktivitäten des Syrers zwar hinwies, aber auch keine weiteren Schlüsse daraus ziehen wollte. Er beendete die Einschätzung mit einem beruhigenden Fazit: Syrien sei ruhig. Er verließ sich dabei auch auf seinen Bauch, und das war ausnahmsweise ein Fehler.

Damaskus, 12. 06., 5.12 Uhr

In der Psychotherapie geht es nicht um Schuld, sondern um ihre bewussten und unbewussten Folgen. Die höchstmögliche Leistung der Psychoanalyse ist, dem Menschen zu helfen, mit seiner Schuld weiterzuleben. Eine Vergebung ist nicht möglich.

Markus Bassler, Psychotherapeut

 

Gläubige dürfen nur einmal in das Paradies einkehren. Der Prophet Mohammed weigerte sich deshalb, jemals nach Damaskus zu kommen. So sagten es die Legende und ein Informationsblatt des Hotels, das neben Jan Kistermann auf dem Nachttisch lag. Er war am frühen Abend in der syrischen Hauptstadt gelandet. Nachdem er lange auf sein Gepäck hatte warten müssen, hatte er sich eines der gelben, nicht besonders sicher wirkenden Taxis südkoreanischer Herkunft herangewinkt und vergeblich versucht, mit dem Fahrer, so wie sein Reiseführer mahnte, den Preis im Voraus zu verhandeln. Resigniert hatte er den Namen des Hotels genannt und sich dann dem Fahrer und dem irrsinnigen orientalischen Straßenverkehr ausgesetzt.

Bauruinen, riesige Werbeplakate und immer wieder überlebensgroße Bilder des Präsidenten rauschten vorbei. Eine Stunde dauerte die Fahrt. Der Airport der syrischen Hauptstadt lag weit außerhalb im Süden. Schwarzverhüllte Frauen überquerten die Fahrbahn, achteten nicht auf den Verkehr, wissend, dass jeder Autofahrer für sie anhalten würde. Auf einer staubigen und mit Plastikflaschen verdreckten Verkehrsinsel lagen zwei junge Nomaden mit ihren Ziegen.

Jan Kistermann war jedoch zu müde, um zu staunen. Das Hotel befand sich gegenüber dem Nationalmuseum, was aber nicht der Grund für seine Wahl war. Er suchte eine Oase des Westens inmitten dieser unbekannten Welt. Etwas, das er kannte. Denn diese Hotelkette hatte es geschafft, selbst in den entlegensten Winkeln der Welt denselben zwar nichtssagenden, aber heimatlichen Einrichtungsstatus zu garantieren. Er hatte sich ein Clubsandwich bestellt, dessen Reste jetzt auf einem kleinen Tisch neben seinem Pass und einem Reiseführer lagen. Kaum ein Laut drang durch die doppeltverglasten Fenster herein. Und trotzdem konnte er nicht schlafen. Gerade einmal vier Stunden hatte er in Träume fliehen können. Ja, Flucht, so musste man es nennen. Die Bilder krochen auch in sein Unbewusstsein. So konnte er auch dort nie sicher sein, vor dem Grauen, das ihn nun schon seit einem Jahr verfolgte. »Lernen Sie zu trauern«, hatte der Geistliche empfohlen, die Anleitung aber nicht mitgeliefert. Als Arzt fiel es Jan ohnehin schwer, Hilfe im Glauben zu finden. Menschen leben, Menschen sterben. Hundertfach hatte er das im Krankenhaus erlebt.

Noch eine Stunde lag er so wach, suhlte sich in Erinnerungen und Vorwürfen, bis jemand vom Servicepersonal anklopfte. Er hatte den Do-not-disturb-Hinweis an der Klinke draußen vergessen. Das hatte Andrea immer erledigt. Er stand auf, duschte kalt, rieb sich mit der teuren Bodylotion des Hotels ein, rubbelte sich den Kopf dann härter als nötig mit dem Handtuch ab und schaute in den Spiegel. Seine nassen, kräftigen Haare standen wirr vom Kopf ab, aber nicht ohne Stolz betrachtete er seinen sehnigen und fast fettfreien Körper.

Ohne Frühstück verließ Jan das Hotel, ignorierte die Taxifahrer in der Hoteleinfahrt, die ihm zuwinkten, ging die steil abfallende Zufahrt hinunter und stand vor der Sharia Shukri Quwwatli, einer der Ausfallstraßen der Hauptstadt Richtung Süden. Ein stetig vorbeirauschender Verkehrsfluss – gefühlt zehnspurig. Nach mehreren vergeblichen Versuchen sprang er zwischen eine kleine Lücke des Verkehrs, stolz, die erste Prüfung des Orients überstanden zu haben. Fast fiel er einem alten Mann in die Arme, der ihn anlächelte und wortreich nach rechts wies – auf eine Fußgängerbrücke, knapp fünfzig Meter weit entfernt. Beschämt nickte Jan dem Alten zu.

Er ließ sich treiben, stand plötzlich vor wirren Bettlern mit weißen Augäpfeln ohne Iris, roch sich förmlich in die Stadt und ihre Menschen ein und gewöhnte sich an den dauerhaften Klang der Hupen, des Kommunikationsmittels des modernen Orients schlechthin, das wie eine immerwährende Symphonie über der Stadt lag. Über die Sharia Nasr lief er Richtung Osten auf die Altstadt zu. Er kämpfte sich an Händlern vorbei, die den Bürgersteig bevölkerten, und sah Schreiber, die nicht Schreibkundigen das Verfassen von Briefen und Formularen anboten. Ständig hupte es um ihn herum. Bald schon begann ihn dieses Chaos zu stressen. Erstaunt nahm er eine Rolltreppe wahr, die ihn aus einer Unterführung zum Eingang des Souks führte. Wie das riesige Maul eines Monsters schluckte dieser seine Besucher. Er wich einer seltsam geschmückten islamischen Reisegruppe aus dem Iran aus. Die Frauen hatten ihre Köpfe mit Blumenornamenten geschmückt, die Männer trugen das leinene Pilgerweiß. Sie besuchten den Schrein, in dem der Kopf des Hussein Ibn Ali aufbewahrt wurde, des Enkels des Propheten Mohammed und zugleich des wichtigsten Märtyrers der Schiiten. Jan roch die Damaszener Seife, die in großen Bastkörben lag und einen intensiven Rosenölduft ausströmte, dann die danebenliegenden Datteln und Pistazien, die ihm die Verkäufer zum Probieren anboten. Und als der Souk ihn wieder ausspuckte, fand er sich auf einem Platz wieder, der vor einem großen Tor lag. Aus seinem Reiseführer erfuhr er, dass es der Osteingang der Umayyaden-Moschee war, einer der heiligsten Plätze der sunnitischen Muslime, aber auch die Schiiten hatten hier einen Wallfahrtsort.

Ein Wächter versperrte ihm den Weg und deutete auf die andere Seite der Moschee. Dort sei der Touristeneingang. Jan zog einen dreckigen, zerknüllten Hundert-Pfund-Schein aus seiner Tasche, lächelte den Wärter an und betrat dann, mit seinen Schuhen in der Hand, den Innenhof der Moschee. Er setzte sich auf die blankpolierten Steine und genoss die würdevolle, aber nicht einschüchternde Schönheit des islamischen Bauwerks. Er blickte auf die vielfarbigen und vergoldeten Mosaike an den Wänden und Decken. Er las, dass Moscheen – anders als Kirchen – nicht nur Gebetsstätten, sondern auch Ruhe- und Begegnungsraum seien.

Vor ihm rannte ein Junge seiner älteren Schwester lauthals schreiend hinterher, fiel und weinte. Ihre Mutter saß, verhüllt, aber barfuß, wenige Meter entfernt und plauschte mit anderen Frauen – undenkbar in deutschen Kirchen.

Jan wandte den Kopf und sah eine deutsche Reisegruppe, die sich lärmend über die »komischen Moslems« lustig machte. Offenbar Rentner aus Schwaben, die alle olivfarbene Multifunktionswesten mit unzähligen Taschen trugen und auch ihre Schuhe nicht ausgezogen hatten.

»Meinen Sie nicht, dass Sie nicht auch die Schuhe ausziehen sollten?«, fragte Jan den Ersten der Gruppe unfreundlich.

Ein feistes Gesicht schaute ihn feindselig an. »Was haben Sie denn damit zu tun?«, kam es in vorwurfsvollem Schwäbisch zurück.

Jan begriff, dass er hier mit Respekt und Höflichkeit nicht weiterkam. »Pass auf, du Pfeife, zieh die Schuhe aus, sonst werden sie dir abgehackt. Glaub’s mir, ich kenne mich hier aus.«

»Das will ich …« Der Mann wurde von seiner Frau angewispert. »Hans, das musst du halt hier machen«, sagte sie leise, aber bestimmt und zog ihre Schuhe dabei aus.

Die Gruppe folgte widerwillig. Ein Gefühl des stillen und warmen Triumphes durchströmte Jan. Er drehte sich langsam um und sah in das Gesicht eines blonden Mannes, der seinen Blick mit einem spöttischen Ausdruck erwiderte: »Na, fühlt sich gut an, was? Hast die Einheimischen echt vor deinen doofen Leuten beschützt.«

Der Mann klatschte aufreizend laut und langsam in die Hände. Er war kleiner als Jan, wirkte dennoch sehr sportlich, brauner Teint, eine lange Hose, aber unter dem T-Shirt wölbten sich starke Arme, vom Typ her ein in die Jahre gekommener Surfer.

»Was willst du?«, fragte Jan und reckte seinen Kopf.

»Mach dich mal locker, Alter.«

Wie Jan diese Sprüche hasste. »Nerv mich nicht und quatsch andere an, okay?«

Der Blonde setzte sich, hielt seine Hände hoch. »Ich wollte dich nicht anmachen, aber deine Art war etwas sehr aggressiv.«

Jan hörte einen ausländischen Tonfall aus den Worten heraus, konnte ihn aber nicht sofort einordnen. »Deinem Aussehen nach kommst du nicht aus Syrien.«

»Nein, aus den Niederlanden. Ein Problem?«

»Nein.« Doch. Jan mochte keine Holländer. Er war an der Grenze zu Holland aufgewachsen und hatte die Ablehnung der Nachbarn an jedem zweiten Wochenende, wenn seine Eltern zu »Frikandel und Koffie« rübergefahren waren, zu spüren bekommen. Moffenkind, das Schimpfwort der Holländer für sie, den großen Feind aus dem Osten. Man mochte sich nicht.

»Ich bin Ed van Rey. Dag.« Der Holländer reichte ihm die Hand. »Guten Tag, Jan Kistermann«, gab Jan unterkühlt zurück.

»Lass uns was essen gehen, Jan.« Der Holländer stupste ihn an. »Ich kenne den besten Schoarma-Laden hier in der Nähe.«

Jan musste grinsen. Der Typ hatte gerade wirklich die Stimme von Rudi Carrell imitiert. Er lächelte.

Also lief er neben dem um einen Kopf kleineren Holländer aus dem Innenhof. Sie bogen nach links, bahnten sich den Weg durch die Menschenmenge aus Händlern, Touristen und Bettlern, ehe sie vor einem Laden mit kleinen Stühlen und Bänken innehielten. Hatte Ed oder Eduard, wie er richtig hieß, noch brav im Showmaster-Dialekt mit ihm über Damaskus geplaudert, wechselte er jetzt in ein zumindest für Jan blütenreines Arabisch, er bestellte Schoarma, die arabische Entsprechung zum deutsch-türkischen Döner. Dazu kamen warme Bohnen, Käse, frischer Thymian und Sater-Saitun, wie Ed erklärte, eine Gewürzmischung, die mit Olivenöl auf Brot gegessen wurde. Er scherzte mit der Bedienung, wirkte vertraut und bekam, trotz Widerrede, noch eine Schischa, die arabische Wasserpfeife.

Ed deutete auf eine Treppe. »Geh da hinüber!«

»Ich rauche nicht.«

»Musst du auch nicht, trink Tee, iss und lass uns einfach nur da oben sitzen.«

Da oben – das war eine Dachterrasse mit Blick auf Damaskus. Ein Dach aus Bast schützte vor der Sonne. Darunter lagen Teppiche, Kissen und mehrere Bänke. Zwei Katzen strichen ihnen um die Beine, auf ein paar Essensreste hoffend. Ed setzte sich und begann sofort zu reden.

Der Holländer musste seit zwei Jahren nicht mehr arbeiten. Er war bei der holländischen Polizei gewesen, als er eines Abends einen Brief in seiner kleinen Wohnung öffnete. Seine Familie hatte ihm das, wie er es nannte, »Rundumsorglos-Geld« hinterlassen. Damit konnte er ohne jedes Limit reisen, was er auch ausgiebig tat. Er war in Damaskus aufgewachsen. Sein Vater hatte in den Emiraten, für die Saudis und zum Schluss für die Syrer nach Öl in der Wüste östlich von hier an der irakischen Grenze gebohrt. So talentiert, wie er beim Suchen nach Öl gewesen war, so untalentiert hatte er sich als treusorgender, zuverlässiger Familienvater erwiesen. Sie hatten Geld gehabt, aber keine ruhige Minute ohne Streit zwischen den Eltern. Mit achtzehn Jahren war Ed ausgezogen und nach Amsterdam gegangen, um mit wenig Begeisterung Politik zu studieren. Als er sich nach etwas Sinnvollem gesehnt hatte, war er zur Polizei gekommen.

Jan war immer überrascht, wie leicht man einen Zugang zu den Menschen bekam, wenn man ihnen nur zuhörte. So präzise und einfühlsam er erzählte, so grobschlächtig wirkte Eds äußere Erscheinung. Er hatte dünne, blonde Haare. Kräftige Oberarme und ein wie aufgepumpt wirkender Brustkorb deuteten auf viele Stunden im Fitnessstudio hin.

Eingelullt vom Singsang des Holländers, blickte Jan über die Dächer, das Antennenmeer, die Wäscheleinen und die Minarette und Kirchen, er hörte die Gesänge der Muezzine, die, wie Ed ihm erklärte, die Gläubigen fünfmal am Tag an das Gebet erinnerten. Müde schloss er die Augen. Der Holländer ist in Ordnung, war sein letzter Gedanke, bevor er einschlief.

 

Etwas zupfte an seinem Zeh. Jan öffnete die Augen und blickte auf eine Katze, deren rechte Augenhöhle leer war und die versuchte, vorsichtig über seine Füße hinwegzusteigen. Hektisch schaute er nach rechts. Für einen kurzen Augenblick hatte er die Orientierung verloren. Gegenüber lag der Holländer auf einer Bank und las. Die Sonne hatte die Stadt mit einer Nachmittagsglut überzogen. Es roch aus den Gassen, dort, wo die Kesselmacher ihre Stände und Werkstätten hatten, nach verbranntem Eisen.

»Meine Güte, ich habe wirklich geschlafen«, murmelte Jan.

Der Holländer drehte träge den Kopf und schaute ihn an: »Sehr ruhig sogar. So gefallen mir die Deutschen.«

»Witzig. Ich glaube, ich brauche einen Kaffee.«

Eduard stand auf, lehnte sich über die gekalkte Brüstung der Terrasse, rief etwas in die Gasse hinunter und schlenderte zurück. »Was willst du in Syrien sehen?«, fragte er.

Jan reckte sich, rieb sich die Augen und gähnte. »Keine Ahnung – alles, nur keine Grachten!«

Der Holländer grinste. »Wie viel Zeit hast du?«

»Genug.«

»Dann los!«

Der Hitze des Nachmittags entkamen sie im Nationalmuseum. Als sie erschöpft von so viel Geschichte wieder vor der Tür standen, zeigte Jan mit dem Finger auf die andere Seite eines einbetonierten Rinnsals, des Flüsschens Barada. »Da ist mein Hotel.«

Eduard verzog das Gesicht. »Eine miese Absteige. Komm zu mir. Ich wohne in der Altstadt.« Der Holländer sprang auf die Fahrbahn. Jan schüttelte verdutzt den Kopf. Warum nicht? dachte er. Sie holten Jans Gepäck. Es war nicht viel. Ein großer Rucksack und sein Arztkoffer, den er immer aus Gewohnheit mitnahm.

Als die Sonne unterging, öffnete Ed eine schwere Holztür, die mit großen Eisenbeschlägen verziert war, und wies in einen Innenhof. »Hartelijk Welkom, mijn vriend. Morgen fahren wir raus, aber heute saufen wir.«

In dem Innenhof lag ein kleiner Pool, der mit mehreren Dutzend Dosen Heineken bedeckt war. Die Dosen schwammen wie kleine Gummienten auf dem Wasser, bereit, geleert zu werden.

 

Jan erwachte am nächsten Morgen auf einer Liege im Innenhof. Das Gurren der Tauben und das Tschilpen der Spatzen erschienen ihm unerträglich laut. Ed hatte zum Schluss noch alten Genever gefunden. Das hatte Jan, der nicht viel Alkohol gewohnt war, den Rest gegeben. Er wusste noch, dass er Ed versprochen hatte, mit ihm gemeinsam durch das Land zu reisen. Denn nur so, hatte Ed ihm lallend erklärt, nur so würde er auch hinter verschlossene Türen schauen dürfen.

»Ed?« Jan stieß den Namen krächzend hervor.

»Kaffee?« Der Holländer stand mit nassen Haaren und wohlgelaunt hinter ihm. Er warf eine Kapsel Kardamom in die Tasse und reichte sie ihm. »Heute werden wir die Burg der Burgen sehen.«

Zwischen Damaskus und Aleppo, 13. 06., 9.15 Uhr

Das syrische Christentum setzt sich aus verschiedenen Gruppen zusammen: Griechisch-Orthodoxen (500000), Melkiten (200000), Armenisch-Gregorianischen (150000), Syrisch-Orthodoxen, Syrisch-Katholischen, Armenisch-Katholischen, Maroniten, Assyrern, Chaldäern, Protestanten und Lateinern. Ein institutioneller Laizismus – der Islam ist nicht Staatsreligion, sondern die Religion des Staatsoberhauptes – garantiert den Christen eine relative Gleichberechtigung, obschon sie strengen Kontrollen unterstehen. Die seit 1964 regierende Baath-Partei versucht, die verschiedenen Minderheiten des Landes in ein »arabisches« Konzept zu integrieren. Christliche Gemeinden dürfen Grundstücke kaufen und Kirchen oder andere Pastoraleinrichtungen bauen. Priester sind nicht zum Wehrdienst verpflichtet.

Aus: »Dokumentation Internationale Katholische Presseagentur«

 

Ihr Wagen hatte einen Allradantrieb asiatischer Herkunft. Und Eduard holte auf der Schnellstraße, die von Damaskus nach Aleppo führte, alles aus dem Auto heraus. Sie hatten die Großstadt hinter sich gelassen, waren in die weite fruchtbare Landschaft des Nordens gefahren, als sie ein Konvoi mit schwarzen Vans fast gerammt hätte. Die Vans überholten trotz Gegenverkehrs und zwangen Ed zu einem abenteuerlichen Schlenker über den Sandstreifen neben der Fahrbahn. Selbst der erfahrene Holländer fluchte, gab aber wieder Gas. Immer wieder überholte er die reich verzierten, aber nicht verkehrssicher aussehenden Kleintransporter, sogenannte Mikrobusse – das Hauptverkehrsmittel für die syrische Landbevölkerung. Häufig waren sie überfüllt und auf dem Wagendach noch mit unzähligen Paketen und Koffern beladen. Bei Gegenverkehr nutzte Ed auch die rechte Seite zum Überholen, hupte, gab Gas und zog in einer Staubfahne an den voll besetzten Bussen vorbei. Jan hatte nichts gegen dieses halsbrecherische Tempo. Die musikalische Untermalung war für ihn jedoch schwer zu ertragen. Er mochte den Nahen Osten, aber die Musik hier hatte etwas von Katzengejammer. Er zog seinen iPod aus dem Rucksack, suchte die richtige Frequenz im Radio, und bald ertönte laut »Slave to Love« von Bryan Ferry.

Ed schaute kurz zur Seite. »Entweder spielt ihr Deutschen Marschmusik oder Schwuchtellieder. Schon mal was von Rock oder Hip-Hop gehört?«

Jan spielte auf dem Touchscreen des iPods. Das Grauen kroch in Form einer Bassstimme aus den Lautsprechern: »Sag mal, wo kommt ihr denn her, aus Schlumpfhausen bitte sehr.« Vadder Abraham mit dem Lied der Schlümpfe.

Eduard schrie auf, und Jan lachte.

»Der ist bestimmt Belgier! Holländer machen so etwas nicht.«

»Und ob! Linda de Mol ist auch Holländerin.« Jan drehte wieder leiser. »Abraham ist ein gutes Stichwort. Das hier war sein Land. Er kam mit seiner Sippe aus Harran und zog in den Süden nach Kanaan. Aber hier wird er wohl vorbeigekommen sein. Wenn dir als Protestant der Name etwas sagt.«

Eduard war ob des Themenwechsels etwas verwirrt. »Wie kommst du darauf? Und woher weißt du so was? Du bist doch nicht auch einer dieser religiösen Spinner, die hier den Sand kaputt treten?« »Nein, meine Frau, Ex-Frau besser gesagt, ist Kunsthistorikerin. Das, was ich studieren wollte, aber in einer Arztfamilie nicht durfte.« Jan blickte auf die Straße, rechts von ihnen Weizenfelder und Olivenhaine, das Land veränderte sich, wurde fruchtbarer und grüner. Halbfertige Rohbauten, mit spitzen Betonpfeilern, die dennoch schon bewohnt waren. Einsame Ziegenherden. Dann wieder Autowracks.

»Du hast deinen Berufswunsch geheiratet?« Eduard lachte. »Gut, dass du nicht Boxer werden wolltest.«

Jan verdrehte die Augen. »Deutsche wollen eigentlich immer nur Führer werden.« Dabei klickte er im iPod auf Wagners Ritt der Walküren.

 

Gegen Mittag hatten sie Homs, eine Provinzhauptstadt am Fluss Orontes, erreicht. »Die Region der Oliven, Feigen und Rebellen.« Eduard bremste und hielt an einer Wellblechhütte, die sich mit einem großen Schild als Tankstelle auswies. Zwei große Kühlschränke mit den üblichen Softdrinks standen am Eingang. Der Holländer verschwand in dem dunklen Raum und erschien wenig später mit allerlei Proviant vor der Hütte.

»Was weißt du über das Land? Ihr Deutschen präpariert euch ja immer gern vor jeder Reise.« Eduard warf Jan eine Pepsi zu, zündete sich eine Zigarette an und setzte sich zu ihm auf ein Brett, das auf zwei Ölkanistern im Schatten lag.

»Achse des Bösen, Diktatur, steckt hinter allen Anschlägen im Nahen Osten, unterstützt alle im Kampf gegen Israel. Und soll eine großartige Kultur haben, nur Jordanien soll schöner sein, sagt man.«

Eduard schüttelte langsam den Kopf. »Vergiss Jordanien, vergiss sogar Ägypten. Das ist hier ein sehr spezielles Land. Ich erspare dir den Kulturteil. Im Zweifel weißt du das besser. Wenn nicht, frag einfach. Doch heute ist es noch spannender. An der Macht sind die Alawiten, weil der Vater des jetzigen Präsidenten Alawit war. Aber nur wenige gehören der Religion an. Der Rest ist entweder sunnitisch oder irgendwie christlich. Hier hast du alles: Armenier, griechisch- und syrisch-orthodox, Katholiken und sogar uns Protestanten. Die Sunniten wollten lange die Alawiten nicht anerkennen, es gab schlimme Auseinandersetzungen. In den achtziger Jahren hat der alte Assad wenige Kilometer von hier in Hama ein Blutbad unter den Muslimen angerichtet. Meine Familie hatte Freunde da, die wir über Weihnachten besuchten. Mein Vater war im Ausland, als der Aufstand losbrach. Wir kamen nicht mehr heraus, blieben fast vier Wochen in der Wohnung. Meine Mutter wurde fast wahnsinnig. Es war im Februar 82. So viele Leichen auf der Straße, verstümmelt, verrottend. Der Alte hat da hart durchgegriffen und ließ mit Panzern in die Altstadt schießen – schlimm. Aber Religion spielt hier eben eine große Rolle. Weiter nördlich liegt Maalula, dort reden sie noch in der Sprache Jesu. Am besten sprichst du so wenig wie möglich über Religion hier. Irgendeinem trittst du damit immer auf die Füße.«

»Und das soll spannend sein?«

»Hier ist nie etwas so, wie es scheint«, antwortete Eduard nur. In einem hohen Bogen warf er seine leere Dose in einen Mülleimer. »Weiter geht’s.«

Sie bogen von der Schnellstraße ab Richtung Westen, der Stadt Tartus entgegen. Links von ihnen erhoben sich am Horizont die schneebedeckten Gipfel des Libanons. Nach einer Stunde sah Jan die gigantische Burg auf einem Hügel thronen. Sie verließen die Autobahn und fuhren durch Dörfer Richtung Crac. Lehmbauten wechselten sich mit Betonhäusern ab. Und immer wieder sah Jan an den Wänden Bilder von Mekka, Zeichen, dass hier ein Hadschi, ein Mekka-Pilger, lebte. Er versuchte sich vorzustellen, wie so ein Bild auf der westfälischen Klinkerwand einer Doppelhaushälfte wirken konnte. Dann fiel ihm die Kreidemarkierung zum Dreikönigsfest an den Türen ein. Jede Religion hat ihre Markierung, dachte er. Über eine bedenklich schmale Teerstraße fuhren sie auf den Bergrücken.

 

Erhaben strahlte die Burg in der späten Nachmittagssonne in einem verwittert warmen Orange. Mächtig und scheinbar uneinnehmbar. Im Osten, am Ende der Straße, lag ein Parkplatz, der zu diesem Zeitpunkt von vielen Autos besetzt war. Sie lösten bei einem alten Mann ein Ticket. Von Ausländern verlangte man ungeniert das Dreifache. Sie schnauften schon vor Anstrengung, als sie auf den Crac des Chevaliers zugingen.

Lawrence von Arabien hatte ihn, bevor er der Held der arabischen Nomaden wurde, als die »perfekte Burg« bezeichnet. Jan kannte seine Geschichte, und so erzählte er sie, während sie die unebenen Stufen weiter emporstiegen. »Die Araber haben die Burg Anfang des 11. Jahrhunderts gebaut. Dann kamen 1099 die Franken und belagerten sie monatelang. Die Verteidiger ließen Schweine frei, und die ausgehungerten Christen liefen daraufhin den Tieren hinterher und gaben die Belagerung auf. Aber zehn Jahre später haben sie die Burg doch eingenommen. Die längste Zeit lebten hier die Johanniter. Die mit dem weißen Kreuz auf rotem Grund. Danach konnte die Burg nie mehr eingenommen werden.«

Eduard stand auf dem Ostportal und schaute über die darunterliegenden kleinen Dörfer. Wie ein gigantischer Königsthron mutete dieses riesige Bauwerk an. Ihm schien zu gefallen, mit wieviel Stolz über sein Wissen Jan von dieser Burg erzählte. Geflissentlich missachtete er das Schild mit den historischen Angaben, das man neben dem Tor aufgestellt hatte. Kreischende Schulklassen kamen ihnen entgegen, strömten zurück in die Busse. Die Burg war das Highlight in dieser Region. Aber langsam ebbte der Besucherstrom ab. Sie waren wohl die Letzten, die noch Tickets bekamen.

»Was steht da oben?« Jan zeigte auf eine arabische Inschrift oberhalb des Portals.

»Sultan Baibar hat dieses Portal errichtet zu Ehren … Den Rest kann ich nicht so recht entziffern.« Eduard hob die Schultern.

Jedes Kind stellt sich eine Burg genau so vor, dachte Jan. Eine Wehrmauer umgab sie, eine Brücke führte über einen Wassergraben, der obligatorische Bergfried thronte über allem. Der ganze Komplex bedeckte drei Hektar; sowohl Außen- als auch Innenmauern folgten den natürlichen Formen des Terrains. Der äußere Mauerring wurde durch halbrunde und eckige Türme verstärkt.

Die Hitze des Tages steckte in den verwitterten rauen Sandsteinen und strahlte ihnen entgegen. Sie ließen die Außenmauern links liegen und schlenderten Richtung Innenhof.

Jan war euphorisch. Er hatte genau von dieser Burg geträumt.

»Und hier ist der Rittersaal.« Eduard stapfte durch einen gotischen Portikus voran. Reich verziert war die Decke, doch der Boden war uneben und sandig. Ed drehte sich in dem vielleicht dreißig Meter langen Raum. Durch die Öffnungen bildeten sich Lichtsäulen von der Decke bis zum Boden. Aufgewirbelter Staub sammelte sich darin, ließ sie wie Finger erscheinen.

»Schließ die Augen und stell dir hier große Tische vor, an denen Männer reden und essen. An den Wänden Teppiche. Man spielt eine Laute und singt von großen Taten.«

Jan war ergriffen.

In die Stille hinein sagte Eduard: »Kreuzritter haben hier keinen guten Ruf. Sie gelten als barbarische, unmenschliche Feinde. Bis heute. Und das, obwohl der letzte Ritter hier vor fast tausend Jahren verschwand. Hier hörst du nichts von Minnegesang und edlen Recken. Sie sind einfach verhasst, stehen für die brutale Seite des Christentums.«

Jan schaute ihn missmutig an. »Würdest du auch in der Alhambra in Granada von den Terroranschlägen erzählen? Warum muss immer auf die dunkle Seite verwiesen werden? Jede Zeit hat ihre eigenen Gesetze. Wenn wir sie mit heutigen Maßstäben messen würden, wäre das völlig blöd.«

Eduard wollte etwas erwidern, merkte aber, dass Jan etwas anderes eigentlich mehr beschäftigte, und so ging er ein paar Schritte Richtung Bergfried. Jan griff in sein Portemonnaie und zog einen knittrigen Zettel hervor. Schweiß tropfte darauf. Vorsichtig wischte er ihn weg. Eben noch begeistert, versank er für wenige Sekunden in tiefe Traurigkeit.

»Alles okay? Was hast du da? Eine Schatzkarte?«, fragte Eduard. Sie standen am Ostturm. Jan blickte Eduard an, und etwas zu scharf sagte er: »Ich bin in echten Schwierigkeiten … Aber bevor du fragst, nein, ich will nicht darüber reden.«

Ed zuckte nur mit den Schultern. Sie waren mittlerweile die letzten Besucher. Schwärme von Schwalben zogen über sie hinweg. Die Reisebusse hatten den Parkplatz längst verlassen. Jan sah drei verdunkelte Vans, die jenen glichen, die sie am Vormittag so riskant überholt hatten, die Straße zur Burg hinaufrasen. Tauben gurrten, und der Wind wehte durch die Fensteröffnungen. Plötzlich erklang ein Schrei. Beide drehten sich um und blickten den Rittersaal hinunter. Noch ein Schrei. Dann wieder Stille.

Eduard lief los.

»Die Schreie kommen von dort oben«, rief Jan und deutete auf den Bergfried. Sie hetzten die Stufen hinauf, eilten über den gestampften Lehmboden des Speisesaals und gelangten in eine Nische. Dann, kaum hörbar, vernahmen sie ein Wispern aus einem der benachbarten Räume. Ed drückte Jan mit einem Arm gegen die Wand. Mit der anderen Hand legte er seinen Finger auf die Lippen. Er blickte nach oben, sah, dass die Wand mehrere Löcher aufwies, und bedeutete Jan, eine Räuberleiter zu machen. Er schwang seinen Fuß hinein und zog sich sehr leise und gekonnt an der Wand hoch. Jan schwitzte. Keinesfalls wollte er in solch einem schwierigen Land Ärger bekommen.

Einen Moment später stieg Ed vorsichtig wieder herab. Das Gesicht des Holländers wirkte wie versteinert.

»Ich glaube, wir haben ein Problem. Sie sind vier, haben Waffen und wollen jemanden töten.«

»Dann sollten wir zu den Wärtern gehen. Ich habe nicht vor, mich auf einer Ritterburg abknallen zu lassen.« Jan zwang sich, ruhig zu bleiben.

»Ja, klar«, kam es von Ed.

Im nächsten Moment huschte er an dem Eingang vorbei auf die andere Seite, griff nach einem Stein und warf ihn Richtung Jan.

Die Stimmen verstummten, leise wurden wohl Befehle gewispert, und Schritte kamen näher. Dann ging alles sehr schnell: Eine Pistole mit einem Schalldämpfer tauchte auf, Ed verpasste dem Schützen einen Schlag an den Hals und griff nach der Waffe. Er wirbelte herum, schrie Jan an, er solle loslaufen.

Jan rannte los. Nach wenigen Metern blickte er sich um und sah zwei Männer, die ihm folgten. Eine Sekunde später hörte er drei fremdartig klingende Plops und sah die Köpfe der Männer regelrecht zerplatzen.

All das ging auf merkwürdige Weise fast lautlos vor sich. Jan hielt inne, er sah Ed, der die Pistole immer noch in seiner rechten Hand hielt und sie mit der linken stützte. Er rannte zurück und beugte sich über die zwei Männer, um nach ihrem Puls zu fühlen.

»Dein Job ist hier nicht mehr gefragt«, zischte Ed und riss ihn hoch. »Da drinnen braucht dich jemand dringender. Ich kümmere mich um Nummer vier.« Schon hastete er die Treppe zum Bergfried hoch.

Wie benommen wankte Jan die Stufen zur ehemaligen Großmeisterwohnung hinunter. Was er sah, ließ ihn kurz erstarren. Der Kopf eines jungen Mannes ragte aus der Erde, sein Mund war verklebt, und auf seinem Kopf trug er ein Geflecht aus Stacheldraht. Steine verschiedener Größe lagen verstreut im Raum, der vielleicht zwanzig Quadratmeter maß. Jan trat näher, kniete vor dem Kopf, der sich plötzlich ruckartig bewegte, und sprach ihn leise an. Der Junge schlug die Augen auf, pures Entsetzen war in ihnen zu lesen.

Jan riss ihm den Knebel vom Mund. Mit einer fast hilflosen Geste versuchte er, ihn zu beruhigen. Er legte seine Hände auf die Brust, atmete tief durch und zeigte seine Handinnenflächen, hob und senkte sie. Tatsächlich atmete der Junge tief durch. Die Männer hatten den Jungen an einen T-förmigen Holzbalken befestigt, der in einer genau passenden Öffnung des Bodens versenkt worden war. Selbst wenn er ihm helfen wollte, hätte Jan ihn unmöglich aus diesem Loch ziehen können. Das Kreuz schien sehr massiv zu sein. Jan warf seinen Rucksack auf den Boden, riss die Wasserflasche heraus und führte sie vorsichtig an den Mund des Opfers. In diesem Moment hörte er ein weiteres Ploppen. Schritte kamen näher. Ed stand in der Tür. »Fertig! Was haben wir hier?«

Jan spürte, wie er zu zittern begann. Als Arzt hatte ihn nie etwas aus der Fassung bringen können, aber ein Holländer, der in weniger als fünf Minuten vier Menschenleben ausgelöscht hatte und dann seelenruhig nach dem Stand der Dinge fragte, war zu viel für ihn. »Hast du den Verstand verloren?«, schrie er. »Was hast du getan? Was soll das?« Seine Stimme überschlug sich.

Statt zu antworten, drehte sich der Holländer um und verschwand. Wenige Augenblicke später kehrte er, eine der Leichen hinter sich her schleifend, wieder zurück.

»Wir holen den Jungen raus, werfen das Gesindel ins Loch und verziehen uns, ehe im Dorf unter uns«, er nickte in Richtung Fenster, »jemand etwas mitbekommt.«

»Vorher wirst du mir noch die Frage beantworten, was dieser Irrsinn hier soll!« Jan beugte sich wieder über den Jungen. »Frag ihn, wie er heißt. Dann heben wir ihn gemeinsam heraus, und ich versorge ihn. Ich habe ein Erste-Hilfe-Päckchen dabei.«

Ed sprach den Jungen leise auf Arabisch an. Dieser antwortete mit schwacher Stimme. Ed drehte sich um: »Er heißt Yussef, und er bittet uns, ihm zu helfen.«

Gemeinsam griffen sie in das Loch und hoben das Kreuz an dem Querbalken ein Stück nach oben. Der Junge schrie vor Schmerzen auf. Unter großer Anstrengung zogen sie das Kreuz weiter nach hinten, wo sich die Öffnung verjüngte. Das Kreuz mit dem wimmernden Jungen hing zwar in der Luft, aber sie konnten nun die Fesseln lösen. Jan zog den stöhnenden Jungen vorsichtig nach oben auf den Boden des Raumes. Er riss eine Verpackung mit einer Nadel auf und steckte sich eine kleine Taschenlampe in den Mund. Dann nahm er ein Fläschchen aus einer Seitentasche und sog die Flüssigkeit mit einer Spritze auf.

Nachdem er die Spritze bekommen hatte, hörte der Junge auf zu wimmern. Das Schmerzmittel tat schnell seine Wirkung. Jan beugte sich über den Jungen, leuchtete den Körper ab und untersuchte vorsichtig die Wunden.

Die Kerle hatten richtig zugelangt. Links unterhalb des Brustkorbs hatte sich die Haut gewölbt. An verschiedenen Stellen der Haut registrierte Jan Hämatome und kleine Einstichwunden. Am schlimmsten waren die Extremitäten betroffen. Jeweils zwei große Zimmermannsnägel waren durch die Arme, oberhalb des Handgelenks geschlagen worden. Die Beine waren glücklicherweise nur angebunden, aber die Fesseln hatten tiefe Schürfwunden hinterlassen; die Füße waren blau angeschwollen.

Eduard durchsuchte die Taschen der Toten. Syrische Pfundscheine, Handketten, Patronen kamen zum Vorschein, aber keine Ausweise. Jeder der Toten hatte jedoch eine Tätowierung im Nacken. Es sah aus wie das Zeichen für unendlich.

»Vielleicht der geheime Unendlich-Orden«, raunte Ed. Er griff in die Ledertasche, öffnete sie und ertastete einen harten Gegenstand. Als er sich umblickte, sah er, wie Jan den Gekreuzigten versorgte, die Nägel vorsichtig aus dem Holz zog, sie mit Tape und Mullbinden umwickelte, aber sie nicht aus dem Arm des Jungen entfernte. Dann zogen sie einem der Männer Hose und Jacke aus, um dem nackten Jungen etwas Schutz zu geben und nicht sofort aufzufallen, falls sie anderen Besuchern über den Weg laufen sollten.

»Wird er durchkommen?«, fragte Eduard wie beiläufig.

»Er ist nicht wirklich schwer verletzt und hat auch nicht viel Blut verloren, die Wunden sind allerdings übel und schmerzhaft, aber er ist jung. Da hält man auch mal eine Kreuzigung aus.« Jan war über seinen eigenen Sarkasmus erstaunt.

»Woran stirbt man eigentlich am Kreuz?«, wollte der Holländer wissen.

Jan atmete kurz durch. »Ruptur der Herzwand, tuberkulöse Pleuritis, Verrenkungen innerer Organe, Rippenbrüche durch den Sturz beim Tragen des Kreuzes bis hin zu Blutstockungen durch die Bewegungslosigkeit am Kreuz. Die Gekreuzigten wurden ja nach ihrem Tod immer sofort abgenommen, die Kreuze blieben stehen und warteten auf die nächsten Opfer. Verbluten durch die zugefügten Verletzungen ist kaum wahrscheinlich, eher ein Verdursten oder Kreislaufstörungen durch Ausfall der Beinmuskulatur, die wie eine Pumpe wirkt. Möglich ist auch eine Lungenembolie, wie sie bei Langstreckenflügen durch die Bewegungsarmut ausgelöst werden kann.« Jan hatte das Notwendige erledigt. Er stützte sich auf die Knie und fuhr fort: »Am wahrscheinlichsten aber ist Ersticken. Wenn der Gekreuzigte keine Kraft mehr hat, sich mit den Beinen nach oben zu drücken und nur noch an den Händen hängt, ist durch die eingeschränkte Ausdehnung des Brustkorbs eine ausreichende Sauerstoffversorgung nicht mehr gewährleistet. Am Kreuz war zum Abstützen der Füße deshalb ein Vorsprung angebracht. Der Todeskampf sollte lange dauern, Kreuzigungen waren zur Abschreckung gedacht. Alles in allem ein qualvoller Tod.«

Eduard hatte die vier Männer mittlerweile samt ihrer Waffen und Rucksäcke vor das Loch geschafft. »Soldaten sind das nicht, die Uniformen kenne ich gar nicht. Seltsam.« Er schüttelte den Kopf, als er hinabschaute. »Gib mir mal deine Taschenlampe. Da liegt etwas.« Er leuchtete nach unten und schwang sich dann über den bröckelnden Rand.

»Was siehst du?«, fragte Jan, während er weiter den Jungen untersuchte.

»Hier steht etwas – Wahnsinn …«, rief Ed aus dem Loch. Jan blickte hinunter. »Was?«

»Il … Warte … Illuminatus was here.«

»Verdammt, das ist kein Scherz hier, du Idiot«, rief Jan völlig fassungslos. Dann landete etwas neben Jan: eine Ledertasche, umwickelt mit einem Tuch.

Ed stemmte sich aus dem Loch hoch. »Lass uns abhauen.«

Rasch rollte er einen Körper nach dem anderen in die Grube und warf ein paar herumliegende Steine hinterher. Mit dem Fuß schob er noch ein wenig Erde nach. »Für ein paar Tage könnte das gut gehen«, murmelte er. Er schaute auf Yussef, dessen Gesicht immer mehr anschwoll, griff ihm unter die Arme und wollte ihn auf seinen Rücken ziehen.

»Du bist zu ungeschickt. Ich nehme den Jungen«, meinte Jan. »Nimm dein Ledertäschchen und sieh zu, dass wir keinen Besuch bekommen. Die holländische Polizei, dein Freund und Helfer …«

Eduard lachte leise. »Hast wahrscheinlich ein differenziertes Hollandbild: kiffen und killen.«

Sie gingen in Richtung Ausgang.

So entstehen Alpträume, dachte Jan, als sie ins Restlicht des Tages hinaustraten. »Wenn wir jetzt entdeckt werden, sitzen wir bis über beide Ohren in der Tinte.«

Tatsächlich aber war die Burg wie ausgestorben. Sie schritten über provisorische Bretter, die über die Dächer der Säle gelegt worden waren, und erreichten den Ausgang. Es war niemand zu sehen. Dennoch hatte Jan den Eindruck, beobachtet zu werden, als er den Jungen ans Tageslicht schleppte. Ein Gefühl von Panik ergriff ihn wieder.

»Reiß dich zusammen, Hysterie hilft nicht. Du musst den Jungen versorgen«, sagte er sich still.

Die Sonne ging als roter Ball am Horizont unter. Der Gang zum Portal war nun in Dunkelheit getaucht. Ein Eisenwehr versperrte den Ausgang – und war verschlossen.

»Mist«, fluchte Jan. Er beobachtete die Körperdrehung, die Ed machte. Dann kam der Tritt. Mit einem lauten Knirschen öffnete sich das Tor.

Kopfschüttelnd hob Jan den ohnmächtigen Yussef über die Steinfassung des Eingangs. Sie hatten den Wagen erreicht, als sie die zwei Jeeps erblickten, die sehr schnell die Straße aus dem Dorf herauffuhren.

»Sieht nicht nach einer Reisegruppe für die Mondscheinsonate auf der Burg aus«, meinte Ed. »Ins Auto, los!«

Der Holländer stieß Jan und den bewusstlosen jungen Araber auf den Rücksitz, knallte die Tür zu und sprang hinter das Lenkrad. Dann startete er und gab Gas. Gekonnt wendete er in einer großen Staubwolke, und gerade als der erste Jeep um die Ecke bog, zog er außen an ihm vorbei. Er starrte in das Innere des Wagens und sah nur Uniformen. »Verdammt, Militär.«

Mit hoher Geschwindigkeit fuhr er die steile Straße hinab, die in mehreren Kehren zu dem Dorf hinunterführte. Wann auch immer er in den Rückspiegel blickte, folgte ihnen niemand. Er verringerte das Tempo, das Dorf kam näher. Dann erschütterte ein heftiger Schlag das Auto. Die Windschutzscheibe zerbarst in tausend Splitter. Statt zu bremsen, gab Eduard wieder Gas, kuppelte wie wild und brachte den Wagen schlingernd durch die nun immer enger werdenden Windungen der Dorfstraße. Direkt vor ihm tauchte eine völlig verdutzt schauende Ziege auf, im nächsten Moment gab es einen Stoß, und Jan, der nach hinten blickte, sah den verdrehten Körper des Tieres durch die Luft fliegen. Menschen stoben aus den Häusern, kreischten, liefen hinterher.

»Was war das?«, schrie Jan und sah, dass etwas Schwarzes in Eds rechter Wange steckte und kleine Blutrinnsale verursachte.

»Schrot oder eine großkalibrige Kugel«, kam es vom Fahrersitz.

Hundert Meter vor ihnen fuhr ein Mikrobus mit langsamer Geschwindigkeit. Ed bremste, aber die hohe Geschwindigkeit und der Splitt auf der Dorfstraße sorgten dafür, dass der Wagen ins Schlingern geriet. Jan wurde hin und her geworfen, der bewusstlose Junge rutschte in den Fußraum. Ed gab wieder Gas und versuchte, am Bus vorbeizuziehen, touchierte ihn jedoch leicht. Es reichte aus, dass sich das Auto auf der Straße um 360 Grad drehte.

Jan prallte mit dem Kopf nach links gegen das Fenster und dann abrupt nach vorn, schlug mit dem Mund auf den Halter der Kopfstützen. Sofort schoss Blut in seinen Mund. Der Wagen drehte sich noch einmal, ehe er mit dem Heck gegen eine Hauswand krachte und stehen blieb. Der Motor erstarb.

»Fucking Hell«, rief Ed und schlug auf das Lenkrad. Er wandte sich nach hinten um und blickte in Jans aschfahles Gesicht. Aus dem Seitenfenster sah er, dass die Businsassen aus der Tür stoben; ein wild schreiender Block aus weißen Kaftanen und roten Tüchern lief auf ihren Wagen zu.

Jableh bei Lattakia, 12. 06., 14.12 Uhr

Seien Sie froh, dass ich das schöne Wien für Sie judenfrei gemacht habe.

SS-Offizier Alois Brunner 1987 in einem Interview der Kronenzeitung, Wien

 

Der Präsident hasste es, hierherzukommen. Obwohl er Arzt war, konnte er die Verstümmelungen des Mannes an den Händen nicht ohne eine gewisse Schadenfreude betrachten. Der Alte spürte die Ablehnung. Er kannte den langen, schlaksig wirkenden Mann, der jetzt in seiner Wohnung in Jableh an der syrischen Küste stand, schon seit dessen Kindheit. Sein Vater war diesem Greis noch wohlgesinnt gewesen und hatte seine Fähigkeiten immer mit Wertschätzung und Sicherheit belohnt.

Das war nicht ungewöhnlich. Viele arabische Herrscher hatten nach dem Krieg Berater aus der Konkursmasse des Dritten Reichs eingestellt. Aber schon während des Krieges waren die Bande zwischen Arabern und Deutschen sehr stark ausgeprägt, denn der gemeinsame Feind Israel führte sie zusammen. Die Ägypter begannen in den fünfziger Jahren ein eigenes Raketenprogramm mit Hilfe deutscher Experten aufzubauen. Viele SS-Offiziere durften unter falschen Namen in Ländern wie Libyen, Syrien oder auch Jordanien ein sorgenfreies Leben führen, wo sie beim Aufbau einer schlagkräftigen Armee hilfreich waren. Über die Jahre aber gerieten die alten Kämpfer auf das Abstellgleis. Das Wissen, das die ehemaligen deutschen Soldaten anboten, war veraltet. Nur dieser Dr. Fischer konnte seine Position halten und ausbauen. Mal lieferte er Waffen, dann Ausbilder und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus verstärkt Experten aus allen Bereichen der chemischen und biologischen Kampfführung. Es ging ihm nicht um Geld. Er lebte bescheiden. Er verlangte nur Schutz vor seinen Feinden. Im Gegenzug profitierten die Assads von seinem Netzwerk. Hilfreich waren auch seine guten Kontakte in die Spitze des bundesdeutschen Geheimdienstes hinein. Schließlich saßen auch dort alte Kameraden, die die langjährigen guten Kontakte zu den arabischen Ländern aufrechterhalten wollten. Aber auch zum KGB pflegte Fischer ein enges Verhältnis. Denn neben Israel waren natürlich die USA der andere natürliche Feind Fischers. Und gemeinsame Feinde schweißen zusammen.

Das wussten auch Fischers Gegner. Siebenmal hatten sie versucht, ihn zu töten. Die Franzosen, der Mossad, die Amerikaner und irgendwelche Einzeltäter, deren Eltern oder Geschwister zum »erlegten Jagdwild« des Mannes gehört hatten. Sie schickten Briefbomben, lieferten vergifteten Wein und bestachen Leibwächter. Die Vorsehung, so hatte Fischer in seinem grauenhaften Arabisch immer behauptet, habe ihn am Leben erhalten. Die Vorsehung und die robuste Art des KGB, der zum Beispiel den israelischen Attentäter, der es bis in das Wohnzimmer des Mannes geschafft hatte, in zwölf Teilen nach Tel Aviv per Frachtpost zurückgeschickt hatte.

Dennoch besaß dieser alte, kranke Mann, der sich jetzt ächzend aus seinem Sofa erhob, eine unbestreitbare Aura. Bashars kluge Frau hatte es die Aura des Schlächters genannt. Er hatte dank seines eigenen Informantennetzes Wochen zuvor von den Aufständen in den siebziger und achtziger Jahren gewusst, hatte dem Vater des jungen Präsidenten bei der Säuberung und Suche nach den Feinden der Familie geholfen. Und als der syrische Geheimdienst immer mehr zu einer Nebenregierung zu werden drohte, konnte Fischer mit gezielten Tötungen die Macht der Spione brechen und somit das Überleben der Präsidentenfamilie garantieren.

 

»Herr Präsident, seien Sie gegrüßt, es ist mir eine große Ehre. Wollen Sie etwas trinken? Wie war die Fahrt von Al-Lāḏikiyya hierher?«

So freundlich seine Worte klangen, so feindselig und kalt war der Blick aus seinem verbliebenen Auge. Das Glasauge, Resultat einer der Briefbomben, setzte er selten ein. So verblieb diese dunkle Höhle in seinem Gesicht. Bashar selbst hatte eine der Folgeoperationen in einer Privatklinik im Präsidentenviertel durchgeführt. Die Zeit seiner Facharztausbildung in London gehörte zu den schönsten in seinem Leben. Dort hatte der Präsident seine Frau kennengelernt. Dort war er frei von all dem Chaos des Nahen Ostens. Dann aber starb sein älterer Bruder, den sein Vater für seine Nachfolge auserkoren hatte, bei einem mysteriösen Autounfall. Und so musste er, ein ausgebildeter Augenarzt, von London nach Syrien kommen, eine Offiziersausbildung im Schnelldurchlauf vollziehen und nach dem Tod des Vaters die Präsidentschaft übernehmen. Kurz vorher hatte er Fischer am Auge operiert. Schon damals hatte er daran gedacht, den Greis einfach sterben zu lassen. Den Mann, der so ein deutlicher Beweis für die Doppelzüngigkeit seiner Regierung und der seines Vaters war.

»Es ist alles in Ordnung, Doktor Fischer. Sie baten um ein Gespräch. Und mein Vater riet mir: Wenn Dr. Fischer um ein Gespräch bittet, solltest du ihn nicht warten lassen.«

Hinter der Fassade des unverbindlich freundlichen Staatsmannes entdeckte auch Fischer die Lüge.

Sosehr Bashar sich auch bemühte, die S-Laute wollten nicht ohne ein leichtes Lispeln über die Lippen kommen. Er wusste, dass diese Schwäche ihn auf den ersten Blick etwas dümmlich und tapsig erscheinen ließ. Fischer aber ließ sich nichts anmerken und deutete auf einen Sessel.

»Etwas zu trinken?«

»Danke, nein.«

Fischer verstand das Zeichen. Kein Araber wäre so unfreundlich und hätte das Angebot ausgeschlagen. Aber der junge Mann wollte nicht länger bleiben als unbedingt nötig.

»Gut, kommen wir gleich zur Sache. Meine Freunde erzählen mir, dass unsere Feinde erwachen. Doch diesmal geht es nicht um mich oder Sie als Personen. Es geht um mehr. Wir haben Auffälligkeiten entdeckt. Ihr Dienst hat sich leider zu sehr auf unsere Gegner südlich von hier konzentriert. Aber ich glaube, der Feind lebt bereits in diesem Land.«

Der Präsident blickte hinaus. Er sah und roch das Meer, das er so liebte. Die Brandung tobte gegen die Felsen unter ihnen. Möwen zogen in langen Bahnen vorbei, stürzten immer wieder hinab in das graugrüne Wasser des Mittelmeers. Mit seinen tiefliegenden Augen schaute er den alten Mann an. »Könnten Sie etwas«, er machte eine Pause, »etwas deutlicher werden?«

Fischer blieb trotz dieser ungebührlichen Frage gelassen. »Sie wollen uns gegeneinander aufhetzen. Sie wollen Zwietracht säen. Ihre …«, er machte eine fast unhöfliche Pause, »… Glaubensgemeinschaft rückt wieder in den Fokus der anderen.« Der junge Präsident schrak auf. Er und seine Familie waren Alawiten, und sie waren nie richtig von der großen Gemeinde des Islams als echte Muslime anerkannt worden, mochte sein Vater, der alte Fuchs, auch noch so viele Gutachten von Rechtsgelehrten aus Kairo eingeholt haben. In jüngster Zeit war in den Moscheen und kleineren Gebetshäusern der großen Städte gegen sie gepredigt worden. Nicht offen, so selbstmörderisch waren die sunnitischen Brüder nicht. Aber zwischen den Zeilen wurden die Gläubigen gewarnt. Sein Geheimdienst hatte jedes Wort notiert, konnte dahinter aber keine einheitliche Führung oder Steuerung erkennen. Verhaftungen aufs Geratewohl waren dem Präsidenten verhasst, Willkür war nicht sein Werkzeug. Er vertraute der stillen und effizienten Überwachung der Kommunikation mehr. So hatte er Internet und Mobiltelefone vor wenigen Jahren auch deswegen in seinem Land zugelassen. Die Technik zur Überwachung all dieser neuen Kommunikationswege lieferten die alten Seilschaften des Greises aus Deutschland.

Fischer wurde unruhig und beugte sich vor. Aus seinem Mund entwich fauliger Atem, der von der falsch eingesetzten Zahnprothese herrührte. »Sie müssen handeln. Lassen Sie die Kommandos los.«

Der Präsident schaute angewidert aus dem Fenster. Konnte der Alte etwas wissen? Das waren die Momente, in denen er sich wünschte, ihn sofort über die Grenze zu den Juden zu verfrachten. Männer wie er hatten von innen den Hass und die Gegensätze gesät, gegen die er jetzt angehen musste.

Es wird Zeit, dachte der Präsident.

Als er wieder in das helle Licht des Nachmittags schritt, hatte er das Bedürfnis, sich zu waschen. Er stieg in den schwarzen Geländewagen. Einer seiner Assistenten reichte Erfrischungstücher und einen Stapel mit E-Mails zu ihm nach hinten. Mit Freude las der Präsident, dass sie im Süden vorangekommen waren, selbst der intellektuell überschaubare Libyer zog mit. Und in Tel Aviv wie in Washington, in Riad oder Teheran ahnte, geschweige wusste niemand etwas von ihrem Plan. Seine und die Teams der anderen hatten Monate abgeschieden in einer Betonfabrik als Tarnung damit verbracht, jede noch so kleine Frage bis ins Letzte zu klären. Er würde wie die anderen aus dem Schatten seines Vaters treten können. Dieser Plan war großartig. Er würde einschlagen, mächtiger und nachhaltiger als jede Atombombe.

Al Hawash, östlich des Crac des Chevaliers, 13. 06., 18.45 Uhr

Und wir suchten den Himmel, doch wir fanden ihn mit starken Wächtern und schießenden Sternen erfüllt.

Aus: Koran, Sure 72, Vers 8

 

»Los, gib Gas, wir müssen hier weg!«

Ed drehte den Zündschlüssel, der Motor leierte, wollte jedoch nicht anspringen.

Jan schaute nach rechts und direkt in das verzerrte Gesicht eines Syrers, der gerade seine Faust schwang. Sie traf das Seitenfenster, richtete aber keinen nennenswerten Schaden an. Im nächsten Moment waren sie von einer erregten Menschenmasse umzingelt. Ed hupte, versuchte zu starten. Die Heckscheibe wurde zertrümmert. Das Schreien wurde lauter, die Männer draußen versuchten, den Wagen umzustürzen. Jan blickte in geifernde Gesichter, die ihn hasserfüllt anblickten. Dann machte der Wagen einen Satz nach vorn, der den Mob auseinanderstieben ließ, und sie fuhren los. Ein Hagel an Steinen und anderen Geschossen prallte auf das Dach. Nach quälenden Sekunden erreichten sie das Ende des Dorfes. Mit hoher Geschwindigkeit fuhr Eduard weiter auf dem Bergrücken Richtung Süden.

Nach fünfzehn Minuten hatten sie die Schnellstraße nach Homs erreicht. Sie hielten an einer Tankstelle, die ein Bretterverschlag mit einem leuchtenden Getränkeautomaten und zwei Zapfsäulen war. Es war mittlerweile stockdunkel, gelbe Straßenlaternen warfen nur wenig Licht. Ab und an fuhr ein Lkw donnernd auf der M1 Richtung Damaskus vorbei. Der junge Araber war noch immer bewusstlos und hatte von dem ganzen Tumult nichts mitbekommen. Jan stieg aus, griff nach seiner Tasche und öffnete die Beifahrertür. Irgendwo bellten Hunde. Es roch nach Holzbrand. Ed blickte ihn verdutzt an.

»Du hast uns … Egal … Lass mich nach deiner Wunde sehen.« Jan griff nach Eds Kopf und nahm wieder die Taschenlampe in den Mund. Harmlose Schnittwunden überzogen die Wange des Holländers. Vorsichtig zog er mit einer Pinzette zwei größere Glassplitter heraus, sprühte etwas Betaisodona darauf und klebte ein großflächiges Pflaster darüber.

Ed sprang aus dem Auto und ging langsam auf die Hütte zu. Jan sah, wie er einen jungen Syrer ansprach, der davor an einem Auto lehnte, lachte und dann sein Handy dem Holländer gab. Dieser drehte sich in die Richtung ihres Autos, nickte Jan kurz zu und sprach dann weiter.

Jan schaute auf den Jungen im Wagen. Er war siebzehn, höchstens zwanzig Jahre alt. Dunkle, lockige Haare, olivfarbene Haut, muskulös, aber eher drahtig. Leichter Flaum hatte sich um seine Lippen gebildet. Yussef, du bist ein hübscher Kerl, dachte Jan, was haben die von dir gewollt? Was hast du da gemacht?

Der Junge stöhnte. Das Sedativum ließ langsam nach.

Die Tür wurde aufgerissen, Ed stieg ein. »Ich weiß, wo wir unterkommen können.«

»Halt! Wieso wir? Warum sollte ich da mitmachen? Du hast die Typen ohne Grund abgeknallt. Du bist geflohen, statt die Polizei zu holen. Ich bin raus. Ich lasse mich von dir nicht in eine krumme Nummer hineinziehen. Ich bin Arzt!«

Eduard rieb sich über die Augen. Leise sagte er: »Du steckst schon tief mit drin, Bruder.«

»Wieso? Mich hat keiner gesehen.«

»Du hast als Arzt die verdammte Pflicht, dem Jungen zu helfen. In ein Krankenhaus kannst du ihn nicht geben, dann kommen Fragen, die Polizei und unweigerlich der Knast – zumindest vorübergehend. Gehst du in ein Hotel, weiß es noch heute Abend die Sicherheitspolizei. Und dann folgt die gleiche Nummer. Also lass uns den Jungen sicher unterbringen, dann sehen wir weiter. Und hör auf mit deiner Jammerei. Hast du das bei Operationen auch so gemacht?«

Eds Worte brachten Jan noch mehr auf. »Ich will hier raus. Sieh zu, wie du das erklärst.«

»Du willst den Jungen sterben lassen?«

»Seine Wunden sind nicht tödlich.«

»Ich rede nicht von den Wunden.«

Jan schaute in das Schwarz der Nacht. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass er diesmal nicht fliehen konnte – nicht so, wie er es im letzten Jahr getan hatte. Er schloss kurz die Augen und sagte dann: »Okay. Wohin willst du?«

»Ich kenne einen Freund in den Bergen südöstlich von hier. Er steht einem Kloster vor, das völlig abseits liegt. Da fahren wir jetzt hin.«

Ed startete das Auto. Der Junge stöhnte. Jan beugte sich über ihn, fühlte die Stirn. Sie war heiß. Die aufgerissenen Lippen des Jungen bewegten sich, als wolle er etwas sagen, aber nur ein Krächzen war zu hören.

»Was ist mit ihm?«, rief Ed von vorn.

»Er halluziniert. Kommt von der Medikation.«

Einen Moment später wurde aus dem Krächzen eine Melodie, der Junge begann zu singen.

»Was hast du ihm gegeben – Haschisch?« Ed lachte, hielt aber dann inne. »Das ist nicht Arabisch, das ist was anderes – Armenisch?«

Yussef hob den verbundenen Arm und griff nach Jans Jackentasche. »Was ist? Ruhig, du darfst dich nicht so hastig bewegen. Lass mal die Hand, wo sie ist.« Jan drückte den Arm wieder zurück, spürte aber, wie der Junge sich gegen seinen Griff wehrte, und ließ ihn los.

Der Junge griff in die Tasche, zog Jans Smartphone heraus. Er sang weiter, offenbar immer die gleiche Strophe.

»Ich glaube, er will, dass ich seinen Gesang aufnehme«, erklärte Jan. Er drückte auf die Menütaste, und plötzlich sang der Junge noch lauter und deutlicher. Es schien ihn allerdings sehr zu erschöpfen. Nach wenigen Minuten brach er ab und sank zurück in Jans Schoß.

»Was sollte das denn?«, fragte Ed vom Fahrersitz. »Einen Plattenvertrag gibt’s dafür nicht, nicht mal hier.«

»Ich brauche jetzt ordentliche Musik«, entgegnete Jan. Er beugte sich zwischen den Sitzen nach vorn, drehte an dem iPod, der auf dem Beifahrersitz lag, und wählte ein Stück von Anouar Brahem, einem algerischen Jazzmusiker, aus. Zu den Klängen von »Le Voyage de Sahar« fuhren sie durch die Nacht.

Mit jedem Kilometer entspannte sich Jan. Er blickte hinauf in das Tintenschwarz des Himmels, hielt den Kopf des Jungen in seinem Schoß und dachte an Deutschland, an die Trümmer, die er dort zurückgelassen hatte. An den Rat seiner Ex-Frau, in den Nahen Osten zu fahren, in sich hineinzuhorchen und sich dort den Fragen zu stellen. Und er dachte an seinen Sohn.

 

Längst hatten sie die ausgebauten Straßen verlassen. Eduard steuerte den Wagen mit Hilfe seines gelben GPS-Moduls durch die Nacht. Immer wieder warf sie ein Schlagloch an die Wagendecke. Kurz hinter einer Ansiedlung wachte Yussef auf. Erst leise, dann immer lauter fragte er etwas auf Arabisch. Er riss sich von Jan los. Eduard redete auf ihn ein. Der Junge schaute Jan an und sagte sehr ruhig etwas zu ihm.

»Er bedankt sich bei dir«, erklärte Ed.

Dann blickte der Junge auf seine verbundenen Arme und redete minutenlang mit Eduard. Auch wenn Jan insistierte, Ed solle übersetzen, blieben die beiden im Arabischen und beachteten ihn nicht weiter.

Jan schaute in die Nacht und hoffte, dass dieser Alptraum aufhören möge. Er hatte gedöst, als der Wagen stoppte. Eduard sprang hinaus und öffnete die hintere Tür. »Wir sind da.«

Wie betäubt blickte Jan in die Dunkelheit. »Wo sind wir?«

»In Mar Musa Ehad. In einem Kloster der syrischen Katholiken. Wir müssen da hoch. Dauert vielleicht eine Stunde. Dürftest du ja jetzt schaffen. Du hast dich ja ausgeruht.«

Mit »da hoch« meinte Ed ein Licht, das irgendwo auf einem Bergmassiv brannte. Jan war völlig geschafft. Nächte durchzuarbeiten war er als Notfallmediziner gewohnt, aber jetzt noch laufen?

Wind kam auf. Ganz typisch für die Wüste war es nachts empfindlich kalt. Ed sah den fröstelnden Deutschen an. »Dir wird schon warm, glaub es mir.«

Endlose, ungleichmäßige Treppen wanden sich den Berg hinauf. Jan stolperte mehrmals. Das Licht schien nicht näher zu kommen. Er war stehend k. o., und zudem durfte er auch noch Yussef stützen, während Ed die Rucksäcke trug. Wie aus dem Nichts stand plötzlich eine Gestalt vor ihnen, hob den Arm und leuchtete mit einer Taschenlampe in ihre Gesichter. In feinstem Oxford-Englisch begrüßte sie Eduard, schaute dann auf die anderen, hieß auch sie willkommen, stellte sich formvollendet als »Alistair« vor und schritt dann voran.

Sie überquerten eine nicht sehr sicher wirkende Eisenbrücke, die einen Abgrund ahnen ließ, ehe sie vor einer schweren Eichentür standen. Dahinter eröffnete sich ein erleuchteter großer Saal mit einem mehrere Meter langen Tisch in der Mitte und einem Dutzend Glühbirnen an der hohen, gewölbten Decke. Es duftete nach einem etwas harzigen, aber wohlriechenden Gewürz.

»Setzt euch!«, erklärte Alistair.

Ein weiterer Mann in der Tracht eines Mönches trat herein, brachte zwei Flaschen Wasser und etwas Fladenbrot. »Das ist Bruder Anselm. Unser guter Geist sozusagen.«

Jan und Ed aßen mit großem Genuss und erzählten von den Ereignissen des Tages. Yussef saß stumm dabei und ließ sich von Jan fast widerwillig ein paar Stücke Brot in den Mund schieben. Alistair erhob sich schließlich, er sammelte etwas Holz auf, das neben einem Kamin lag, und zündete es in der Feuerstelle an. »Wir sind hier auf 1500 Meter in einem Kloster, dem Deir Mar Musa«, erklärte er. »Der Legende nach soll ein afrikanischer Fürst namens Moses, arabisch Musa, hier als Einsiedler gelebt haben. Später diente es als Herberge für Pilger ins Heilige Land. Ringsherum gibt es Höhlen, die wir gerade noch erkunden. Anfang der achtziger Jahre kam ein italienischer Jesuitenpater mit Namen Paolo hierher. Er hatte von den römisch-katholischen Intrigen und Ränkespielen zuviel, wollte Ruhe, Kontemplation und einen Dialog mit anderen Religionen führen. Mit ein paar Helfern aus der Umgebung begann er das verfallene Kloster wieder aufzubauen.«

Jan kam die Geschichte bekannt vor. Als Katholik wurde er in seiner Kindheit gern und häufig mit derlei Storys von echten und wahren Christen belästigt. Auf einmal erinnerte er sich: der heilige Franziskus. Fehlte nur noch, dass der alte Paolo von einer einstürzenden Kirche träumte und die Sprache der Tiere verstand. Doch Jan hielt sich zurück.

»… aber die historischen Gebäude waren bald zu klein für uns. Zunächst wurde in kurzer Entfernung unter Nutzung der Höhlen eine heute als Dair el-Huqab bezeichnete Unterkunft für die Mönche und die Ziegen des Klosters errichtet. Seit 1991 sind wir von der syrisch-katholischen Kirche als Klostergemeinschaft anerkannt. Wir beten, arbeiten und haben von unseren muslimischen Brüdern und Schwestern die Elemente der Gastfreundschaft und des Dialogs übernommen«, fuhr Alistair weiter fort.

Dialog in Form von Selbstmordanschlägen? dachte Jan. Laut sagte er: »Ich will nicht unhöflich sein, aber wir sollten Yussefs Verbände wechseln und ihn dann ausruhen lassen.«

Alistair nickte. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen den Gästeraum, wir haben einen Notfallkoffer und alles, was Sie sonst noch so brauchen.«

»Woher kennst du ihn?«, fragte Jan Ed, als sie durch einen dunklen Gang gingen.

»Er war mit mir auf der Schule in Damaskus. Dann ging er zum Studieren in die USA und tauchte hier wieder auf. Letztes Jahr schrieb er mir einen Brief und bat um finanzielle Unterstützung für das Kloster. Ich fuhr hin und spendete ihm einen Generator.«

Jan schüttelte den Kopf. »Ego te absolvo. Und ich soll der Katholik von uns beiden sein?«

»Das war kein Ablass. Das hier ist wie eine Oase in der Wüste der Intoleranz und der Feindschaft der Religionen.«

Sie erreichten das Schlafzimmer. Grob gekalkte Wände, Lehmfußboden, vier Holzbetten, ein Tisch, ein Waschbecken und ein Kreuz. Mehr Mobiliar gab es nicht.

Alistair legte eine Hand auf Jans Schulter: »Wenn Sie mögen, kommen Sie noch einmal herunter in das Refektorium, wir sitzen da auf der Terrasse und trinken noch einen Wein.«

Mar Musa Ehad, 14. 06., 0.10 Uhr

Der Mensch sei biegsam wie ein Schilfrohr und nicht starr wie eine Feder.

Aus: Talmud, Bavli Taanit 20

 

Nachdem er den Jungen auf eines der Betten gelegt hatte, säuberte Jan sorgfältig die Wunden, desinfizierte sie und wechselte die Verbände. Danach wusch er sich mit dem kalten Wasser aus einer Zisterne. Es tat gut und beruhigte den Bienenschwarm an Gedanken und Eindrücken in seinem Kopf.

Dann gesellte er sich zu Ed und dem Abt. Auf der Terrasse saßen die drei auf wackeligen Holzstühlen und blickten zu einem großartig hellen und funkelnden Sternenhimmel hinauf. Ed reichte Jan ein Weinglas und hielt ihm eine Schüssel mit Pistazien hin.

»Sie haben heute einem jungen Mann das Leben gerettet«, sagte Alistair, ohne seinen Blick vom Himmel zu wenden. »Sie sind zwar Arzt, aber Sie hätten sich auch anders entscheiden können. Das ist sehr mutig.«

Ohne groß nachzudenken, erwiderte Jan: »Und jetzt stecke ich ziemlich in Schwierigkeiten, oder?«

Ed mischte sich ein. »Spätestens morgen früh wird man die Leichen der Männer finden. Klar, dass man den Geheimdienst einschalten wird. Man wird mich suchen, keine Frage, aber du bist raus aus der Sache. Von unserer Verbindung weiß hier keiner etwas.«

Eds letzte Bemerkung beruhigte Jan ein wenig. »Was, glaubst du, könnte hinter dieser Sache stecken? Du kennst das Land. Was hat es mit den Vorgängen in der Burg auf sich?«

Statt Eduard antwortete Alistair. »Sie müssen wissen, dass es sich bei Syrien um ein besonderes Land handelt. Eigentlich gibt es den Syrer als solchen nicht. Das Land ist ein riesiges Sammelbecken verschiedener Gruppierungen religiöser, ethnischer und politischer Ausrichtungen. Es wird von staatlicher Seite immer wieder betont, dass alles und alle friedlich neben- und miteinander leben würden. Aber klar ist, im Nahen Osten lebt niemand dauerhaft friedlich miteinander. Syrien ist ein riesiger Kessel, der von Interessengruppen unter Feuer gehalten wird. Im Norden grenzen wir an die Türkei. Die Türken drehen dem Land gern und häufig in den Sommermonaten das Wasser des Euphrats ab, so dass in den Vororten von Damaskus nur heiße Luft aus dem Hahn kommt. Zudem unterstützen die Türken die Israelis im Süden unseres Landes. Im Osten liegt der Irak, der uns seit dem ersten Krieg hasst, jetzt haben ihn die Amerikaner besetzt, die uns ebenfalls hassen, aber Flüchtlinge gern über die Grenze schieben. Im Süden dann Jordanien, seit alters her wegen seiner Nähe zu Israel unser Feind. Der Libanon im Osten ist mehrheitlich auch arabisch. Syrien sieht diese Region zumindest als sein ureigenes Interessengebiet. Es ist aber wegen seiner zehn Prozent Christen nach dem Krieg von den Franzosen in die Autonomie entlassen worden. Man wollte ein christliches Land hier inmitten der Muslime haben. Und dann natürlich unsere speziellen Freunde: die Juden in Israel, gegen die Syrien zweimal einen Krieg verloren hat und mit denen es bis heute keinen Friedensvertrag hat. Wenn Sie wollen, sind wir umzingelt von scheinbaren Freunden, die das Feuer unter dem Kessel gern entfachen. Nur das Mittelmeer im Osten verschont uns. Und jetzt habe ich nur von Politik gesprochen. Die Religion hat noch einmal ihre eigenen Regeln. Neunzig Prozent der Bevölkerung sind muslimisch, achtzig davon wiederum sunnitisch, der Rest schiitisch. Die Schiiten werden aber von Iran, wo sie die Mehrheit stellen, in jeder Art und Weise unterstützt. Moscheen werden gebaut, Waffen geliefert, und das alles unter den misstrauischen Augen der sunnitischen Mehrheit im Land. Die schiitische Radikalität und Opferbereitschaft steht und stand schon immer im Gegensatz zu den gemäßigten Muslimen in aller Welt. Dazu kommen die Alawiten, Muslime wie unser Präsident Bashar, so man sie überhaupt zum Islam zählen will.«

Jan schaute auf. »Ist der Präsident etwa kein Muslim?«

»Er beansprucht das für seine Glaubensgemeinschaft, und genau da liegt das Problem. Die meisten Muslime sunnitischer Herkunft erkennen das nicht an, murren aber nicht öffentlich aus Angst vor Repressalien. Die Alawiten werden auch Nusairier genannt. Sie glauben an Seelenwanderung, besitzen eine eigene Zahlenmystik und sind sehr verschlossen. Alawit kann man einzig durch Geburt werden. Nur die Schiiten, speziell die aus dem Iran, suchen den Schulterschluss mit Assad. Aber das Wichtigste ist immer eine Frage: Wem nützt es? Und die Uneinigkeit unter Arabern und den Muslimen nützt nur zwei Seiten: den Israelis und uns, dem Westen.«

Jan war erstaunt. Hatte Alistair bislang so getan, als sei er eigentlich Syrer, sah er sich offenbar eher als Vertreter des Westens. Vieles von dem, was er hörte, kannte Jan, aber so verworren war ihm der Nahe Osten nicht vorgekommen. Er hatte gelernt, dass Israel die einzige Demokratie in dieser Gegend war und alle darum herum einig waren, die Juden ins Meer zu treiben. »Was wäre denn, wenn es Einigkeit unter den Arabern oder den Muslimen gäbe?«, fragte Eduard, der bislang schweigend zu den Sternen geblickt hatte.

Alistair schaute die beiden durchdringend an. Ein kühler Nachtwind wehte vom Tal hoch und zerzauste die dünnen Haare des Mönchs. »Stellt euch eine Union von Syrien, Ägypten, Irak und dem Libanon vor, eine Republik Arabien. Ein Land von der Türkei im Norden bis zum Sudan im Süden, von Libyen im Westen bis zum Persischen Golf im Osten. Ein Land mit mehr als 140 Millionen Menschen, einem Fünftel der Erdölreserven, einer Wirtschaftskraft ähnlich der von Indien und China zusammen und damit eine der wichtigsten geostrategischen Regionen der Welt. Und dabei sind noch nicht einmal Libyen und Saudi-Arabien mit eingerechnet.«

Alistairs Worte verhallten im Dunkel der Nacht. Jan hatte es so noch nie gesehen. »Ein Wirtschaftsgigant mit Abertausenden potenziellen Selbstmordattentätern?«, meinte er provokativ.

Eduard lachte bitter. »Frag doch mal die Angehörigen der etwa 90 000 zivilen Opfer von Bushs Privatkrieg im Irak, wo die wirklichen Terroristen sitzen. Jahrhundertelang wurden die Araber von allen möglichen westlichen Ländern belogen und betrogen, allen voran von England.« Er blickte zu Alistair, der aber nur nickte. »Es geht nie wirklich um einen Zusammenstoß der Kulturen. Das ist einfach Quatsch. Es geht um Land, Macht und Geld. Das ist die Botschaft des Westens. Warum isolieren die USA denn Syrien, statt dem jungen Präsidenten bei seinen Reformen die Unterstützung zu geben, die er wirklich braucht? Kein westlicher Staat hat ein Interesse an einem großarabischen Land. Wir haben Angst davor, erpressbar zu sein, Angst davor, den Einfluss auf die Ölfelder zu verlieren …«

»Zudem säßen unsere israelischen Freunde dann wirklich in der Falle«, warf Alistair ein.

Ed blickte zu dem Schotten. »Es könnte ja auch eine Möglichkeit für Israel sein«, sagte er leise.

»Keiner will die Juden in der Falle sehen«, erklärte Alistair, »denn Israel ist mit seiner Politik angreifbar, aber dennoch ein Vorbild in Sachen Wirtschaft und bürgerlichen Grundrechten.«

»Und was wollen Sie hier? Muslime bekehren?«

Der Mönch schien sich an Jans scharfem Tonfall nicht zu stören. »Nein, wir suchen das Miteinander, die Verbindung der Religion, nicht das Trennende. Wir alle leben auf dem ältesten und gleichzeitig heiligsten Flecken der Menschheit. Hier entstanden die Sprache, das Alphabet, die ersten Städte und, wichtig für Sie als Deutschen, das erste Bier.«

Alle drei lachten. Jan schaute auf seine Uhr. Er hatte für heute genug von Politik. Er stemmte sich aus seinem Stuhl, verabschiedete sich. Eduard trank den Rest aus Jans Glas.

Als Jan endlich auf seinem Bett lag, merkte er, dass keiner von ihnen eine Antwort auf die Frage gefunden hatte, die sie sich alle stellten: Warum hatte Yussef sterben sollen?

Mar Musa Ehad, 14. 06., 7.10 Uhr

Wenn wir vor dem Jüngsten Gericht stehen, geblendet von seiner Herrlichkeit und dem Schrecken, bewundern wir auf der einen Seite die glorifizierten Körper und auf der anderen die ewig Verdammten.

Aus: Homilie des Heiligen Vaters Johannes Paul II. am 8. April 1994

 

Jan öffnete die Augen und blickte in das Jüngste Gericht.

Das Deckenfresko war alt, aber immer noch farbenklar. Es zeigte das Paradies mit einem Thron, darunter Adam und Eva, und auf verschiedenen Ebenen ging es im wahrsten Sinne heilsmäßig bergab. Falsche Mönche und lasterhafte Bischöfe, die Feuerqualen erleiden und bitterlich weinen, und angekettete Frauen und Männer, denen Schlangen durch ihre Sinnesorgane in den Körper eindringen. Jan hatte diese Mischung aus Horror und Heilsversprechen schon immer an den Katholiken geliebt. Er schwang sich aus dem Bett, tapste zu Yussef auf der anderen Seite und fühlte ihm den Puls und die Stirn. Der Junge hatte noch immer Fieber. Kein gutes Zeichen. Jan selbst fror. Draußen hörte er leise Schritte. Er zog sich an und lief den Gang hinunter. In der Halle saß Ed und las. Jan gähnte laut.

»Dir auch einen schönen Morgen, mein Freund«, sagte Ed, ohne aufzublicken.

»Was liest du denn?«

»Komm mal her.«

Jan rieb sich die Augen. »Gibt’s hier Kaffee?«

»Steht schon da.«

Jan nahm eine Kanne und goss sich Kaffee in eine auf dem Tisch stehende Tasse. Er bemerkte, dass Ed sich an seinen Sachen zu schaffen gemacht hatte. Aber er kommentierte es vorerst nicht.

»Das hier befand sich in der Tasche von Yussef«, sagte Ed und schob Jan den ziemlich malträtierten Teil einer Kladde zu, die einen feuerroten Einband besaß, auf dem ein Halbmond gedruckt war. »Und das lag da auch drin. Ist wohl Papyrus.« Jan hielt ein sehr kleines vergilbtes Stück mit arabischen Schriftzeichen vorsichtig in seinen Händen. »Außerdem war da noch dieser Zylinder.«

Ein vierzig Zentimeter langer Tonbehälter mit Schriftzeichen wippte auf dem Tisch hin und her. Jan hatte so etwas schon einmal gesehen. Aber er konnte sich nicht erinnern wo. »Sieht so aus, als ob unser Freund eine archäologische Sammlung besessen hat.«

»Aber warum haben die Jungs sie zu ihm in das Loch geworfen? Wenn das Zeug echt ist, kannst du damit auf dem Kunstmarkt eine Menge Geld machen«, meinte Jan. »Die Rolle ist aus Babylonien, glaube ich.«

Hinter ihm hustete jemand. »Das ist ein Kyros- oder Nabonid-Zylinder.« Alistair war fast lautlos hinter die beiden getreten. »Kyros und Nabonid waren Könige großer Reiche im Zweistromland. Die Babylonier schrieben ihre Regierungserklärungen auf solche Rollen. Auch der Nachfolger des letzten babylonischen Königs Nabonid, der Perser Kyros II., hatte diese Sitte so übernommen. Der Text des Kyros-Zylinders berichtet aus Sicht des Perserkönigs über die Gründe des Sturzes Nabonids. Für die Juden ist der Text extrem wichtig. Weist er doch auf die Gründung eines Tempels in Jerusalem hin. Allerdings glaube ich nicht, dass diese Rolle echt ist.« Alistair nahm sie vom Tisch. »Ich kann es nicht entziffern. Da gibt es Experten. Ist sie echt, ist sie sehr wertvoll. Genau so eine Rolle steht im Britischen Museum in London.«

Jan war beeindruckt. Der kleine Mönch kannte sich nicht nur mit dem interreligiösen Dialog gut aus. »Zeig mir mal die Kladde.« Eduard schob Jan das Büchlein zu.

Während Jan den wieder einmal mit Kardamom versetzten Kaffee trank, hob er erstaunt die Augenbrauen. »Das ist ja alles in deutscher Sprache verfasst.« Er blätterte vorsichtig die Seiten durch: extrem eng beschriebene Zeilen, von Zeichnungen und Zahlenkolonnen durchsetzt. Die Schrift wirkte irgendwie gehetzt. »Bevor wir hier in Yussefs Privatschatz weiter herumschnüffeln, möchte ich das weitere Vorgehen mit meinem holländischen James Bond erörtern – gern mit geistigem Beistand. Vielleicht hilft das bei dem gottlosen Holländer.«

Die drei Männer begaben sich auf die Terrasse. Noch war es nicht heiß, dennoch erwies ein Sonnensegel über ihnen schon wertvolle Dienste. Eduard kramte eine zerknüllte Zigarettenschachtel aus der Innentasche seiner Jacke. Jan blickte in die Schlucht hinab, kaum vorstellbar, dass sie es gestern Nacht noch geschafft hatten, hier hinaufzugelangen. Allerdings hatte er einen furchtbaren Muskelkater. Die Sonne stieg über der Wüste des Jebel Deir Atiye auf.

»Ehe ich mir von meinem neuen deutschen Freund Vorwürfe anhöre, fasse ich mal alles zusammen«, erklärte Eduard. »Wir waren im Crac des Chevaliers, als wir Schreie hörten. Der Junge wurde nicht überfallen, er sollte ritualisiert gefoltert und getötet werden. Und das in einer Form, die für Muslime eher schändlich ist. Die Typen hatten Waffen und wollten bestimmt keine Zeugen. Sie kamen nicht von der örtlichen Polizei, sondern hatten eher den dunklen Charme einer Miliz oder Söldnertruppe. Im Übrigen wirkten sie äußerst entschlossen. Das heißt, mit Hilfeholen wäre nichts gewesen. Also entschloss ich mich zu dieser zugegebenermaßen harten Lösung. Wenn ich die Funde da drinnen auf dem Tisch so sehe, die Tätowierungen im Nacken der Killer und das alles mit diesem Land in Verbindung bringe, glaube ich, nein, weiß ich, dass wir hier einer hübschen Geschichte auf der Spur sind.«

Der Mönch schaute Eduard durchdringend an. »Was für Tätowierungen?«

»Die Männer hatten alle im Nacken ein Unendlich-Zeichen.«

»So wie diese hier?« Jan hatte mittlerweile die Kladde weiter durchgeblättert. Er drehte sie auf dem Tisch, so dass die beiden anderen das Zeichen ebenfalls sehen konnten. Über zwei Seiten waren verschiedene Formen des Unendlich-Zeichens in das Buch gemalt worden.

»Ja, genau«, erwiderte Ed.

»Kannst du damit was anfangen, Alistair?« Jan schaute noch einmal hin. »Von hier sieht es aus wie eine Acht.«

»Der Junge muss hier bleiben. Weiß jemand, dass ihr hier seid?«, fragte der Mönch, ohne auf Jans Frage einzugehen.

»Nein, ich habe gestern Abend vom Handy eines Syrers an der Tankstelle telefoniert. Mein Telefon habe ich nicht benutzt, wir konnten nicht abgehört werden und wurden auch nicht verfolgt.« Jan schaute Eduard etwas befremdet an. Er wäre auf so etwas nicht gekommen.

»Hier ist nur Bruder Anselm«, meinte der Abt. »Die anderen Mitglieder unserer Gemeinschaft sind in Damaskus und Aleppo, Baumaterial und Lebensmittel holen. Sie kommen erst übermorgen wieder. Wie genau sehen die Verletzungen des Jungen aus?«

Jan beschrieb kurz Yussefs Verletzungen. »Er leidet an einem Schädel-Hirn-Trauma. Muss nicht gefährlich sein. Hängt vom Grad des Traumas ab.«

Ed wirkte ernst. »Wenn er wieder bei Bewusstsein ist, quetschen wir ihn ein wenig aus. Woher er kommt, was die Jungs wollten, wo wir ihn hinbringen sollen.«

Jan nickte. »Mit der Befragung sollten wir allerdings noch warten. Yussef hat starkes Fieber.«

»Was besagt diese Acht?«, fragte Ed den Abt.

Der Mönch blinzelte kurz, ehe er antwortete: »Ich bin kein Mathematiker, aber vor allem bei den Mystikern haben die kleinen Zahlen wie die Drei oder die Acht eine besondere Bedeutung. Die Acht ist zwei mal zwei mal zwei. Dabei ist die Zwei die Zahl der Symmetrie. Vier ist die doppelte Symmetrie. Und acht verdoppelt das Ganze. Die dreifache Symmetrie. Die unendliche Schönheit der Dreieinigkeit. Ich weiß das, weil ein Restaurator, der vor einigen Jahren unsere Fresken in der Kapelle bearbeitete, mir so den Aufbau des Jüngsten Gerichts erklärte. Im Übrigen fängt die neue Woche mit dem achten Tag an, die Auferstehung bei uns Christen, der ressurrectio Domini.«

Jan nahm sich ein wenig Fladenbrot, tauchte es in den köstlichen Honig aus Akazien und blätterte weiter in der Kladde. Die Handschrift schien einer Frau zu gehören, aber es gab keinen Namenseintrag. Den Datumsangaben zufolge lagen die Eintragungen länger zurück. So stammte ein Eintrag aus dem März 1999.

Plötzlich kam Anselm mit schnellen Schritten und rudernden Armen aus der Halle auf sie zu. In einem schwerverständlichen Italienisch schrie er: »Schnell, Yussef stirbt!«

 

Sie eilten den Gang entlang zu ihrem Gästezimmer. Der Junge lag in seinem Bett, vor ihm Erbrochenes. Jan beugte sich über ihn, drehte vorsichtig seinen Kopf, öffnete den Mund und zog die Zunge heraus. Er tastete nach den Puls, nahm eine Taschenlampe, leuchtete in die Pupillen des Jungen. Die rechte zog sich zusammen, die linke blieb starr.

»Er atmet noch schwach«, murmelte Jan. Routiniert ging er das sogenannte Glasgow Coma Scale durch, eine Diagnoseform, die der Standard in seinem Krankenhaus war. Dann tastete er den Körper vom Kopf über die Brust bis zur Hüfte ab. Schließlich fühlte er nochmal intensiver über den Kopf und spürte die Schwellung an der linken Seite.

Ohne sich umzudrehen, informierte er die anderen: »Der Junge hatte eine Gehirnblutung. Wir nennen das Talk-and-Die-Syndrom. Wenn wir nicht sofort eine Kraniotomie ausführen, ist der Tod nur eine Frage von Minuten.«

»Eine was? Rede vernünftig mit mir, Paracelsus«, rief Ed.

»Eine Arterie ist vermutlich aufgrund eines Schlages geplatzt. Ein Hämatom hat sich gebildet und drückt jetzt auf die Hirnmasse. Ein hämorrhagischer Schock ist die Folge, auch Kreislaufkollaps genannt. Ich muss seine Schädeldecke öffnen.«

Eduard begriff sofort. »Was brauchst du?«

Jan atmete tief durch. Er hatte solch eine Operation in der Ausbildung einmal in der Pathologie ausgeführt. »Ich benötige euren Notarztkoffer, heißes Wasser, alles, womit man desinfiziert, eine Bürste, Schere und mehrere scharfe Messer – und einen Bohrer mit verschiedenen Aufsätzen.«

Die drei anderen Männer rannten los.

Jan stand auf, um einen Platz für die Operation zu finden. Er wischte die Rucksäcke vom Tisch, drehte den Tisch in Richtung des Fensters und holte aus seinem Gepäck das Notfallbesteck, das ihm sein Vater zum bestandenen Physikum geschenkt hatte.

Anselm kam als Erster wieder mit heißem Wasser. Jan goss es mit einer großen Bewegung über den Tisch und schrubbte das Holz, bis der Tisch dampfte. Dann hoben sie Yussef darauf. Anselm drückte er die Schere in die Hand, bedeutete ihm, alle Haare auf dem Kopf wegzuschneiden, und tastete immer wieder nach dem Puls und dem Herzschlag.

Endlich kamen die anderen zwei. Alistair hatte einen Bohrer in der Hand. Er war kreidebleich. »Nur ein Akkubohrer, aber er ist aufgeladen. Reicht das?«

»Such den kleinsten Bohraufsatz raus und gieß heißes Wasser darüber. Schrubbe ihn mit der Bürste und sprüh ihn danach mit dem Desinfektionsmittel ab.«

Die schönen Locken des Jungen fielen auf den Boden. Jan schaute Eduard an, der ihm zunickte. »Holt so viel heißes Wasser und Alkohol, wie ihr habt. Und ich brauche einen Strohhalm oder einen kleinen Schlauch.«

Jan goss noch etwas Alkohol in eine Schüssel, warf die anderen Bohrer und das Besteck mit dem Skalpell und den Klammern hinein. Er hatte noch Einweg-Handschuhe in seinem Erste-Hilfe-Paket. Er deutete darauf, und Eduard zog sie ihm über die Hände. Dann drehte er den Kopf des Jungen. Diese OP war auch für ihn eine echte Premiere. Und wenn es funktionierte, würde es keiner mitbekommen. Sein vorletztes Fläschchen mit einem Sedativum brach er an. Er rasierte mit einem Nassrasierer die Stelle, die etwa sieben Zentimeter oberhalb des linken Ohres lag. Dann nahm er sein Skalpell, schnitt einen halbmondförmigen Bogen in die Kopfhaut und klappte mit dem anderen Messer die Oberhaut zur Seite. Das Weiß des Knochens tauchte auf. Zweimal probierte Jan den Bohrer, atmete durch und setzte dann an. Der Bohrer drehte sich in den Kopf. Zwölf bis fünfzehn Millimeter sollte das Loch groß sein. Er musste das Hämatom sofort sehen. Und tatsächlich, als er den Bohrer beiseitelegte, sah er die gefüllte Blutbahn. Mit einer Nadel, die Alistair sorgfältig desinfiziert hatte, punktierte er und entleerte das Hämatom. Mit ruhigen Bewegungen säuberte und verschloss er die Wunde.

Jetzt half nur noch ein Wunder. Aber wo, wenn nicht in einem Kloster, passierten Wunder? dachte Jan.

Mar Musa Ehad, 14. 06., 9.59 Uhr

A doctor in Australia used a household drill to bore into a boy’s skull and drain it of blood clots as his local hospital lacked the required tools.

Dr Rob Carson performed the procedure on Nicholas Rossi, 13, after the boy fell off his bike and hit his head.

The doctor had never attempted the surgery before, and had to be talked through the operation by a Melbourne neurosurgeon.

The boy’s father said the doctor’s improvisation had saved his son’s life.

But Dr Carson told reporters: »It’s not a personal achievement, it is just a part of the job.

BBC News, 20. 05. 2009

 

Jan konnte hinterher nicht mehr sagen, wann er mit Alistair allein am Tisch gestanden hatte. Eduard, der Mann, der immerhin vier Menschen ins Jenseits befördert hatte, musste sich vor der Tür übergeben. Anselm war still zu Boden geglitten, als Jan den Bohrer angesetzt und das sägende Geräusch den Raum erfüllt hatte.

Jan wusch sich die Hände in der Schüssel und rief nach Eduard, der kreidebleich im Türrahmen stand.

»Wer von uns beiden ist kaltblütiger?«, fragte der Holländer.

»Mein Freund«, erwiderte Jan, »es ist einfacher, einem Menschen das Leben zu geben, als es zu nehmen. Hat mein Doktorvater immer gesagt. Und der muss es wissen, der war bei der Waffen-SS.«

Yussef schlief. Das war die gute Nachricht. Aber das Fieber blieb. Seine Chance, diesen Eingriff ohne weitere Nachversorgung zu überleben, stand gegen null.

»Wenn es gut läuft, haben wir zwölf Stunden. Egal wie, er muss in ein Krankenhaus«, fuhr Jan fort.

Eduard blickte zu Alistair. Der Abt starrte auf das Bett. »Ich habe eine Idee. Aber es wird ein Alptraum werden.«

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