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Der Kommandant und das Mädchen

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Danksagung

Nach meiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten 1998 trug ich mich jahrelang mit dem Wunsch, einen Roman zu schreiben, der meine Erfahrungen in Polen und vor allem mit der dortigen jüdischen Gemeinde widerspiegelte. Der Aufenthalt dort hatte bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Eine ganze Zeit lang fesselte mich das Bild einer jungen, nervösen Frau, die während der deutschen Besatzung mit einem kleinen Kind an der Hand den Krakauer Marktplatz überquert. Aber erst Anfang 2002 ergab sich der Zufall, dass ich während einer Zugfahrt von Washington D.C. nach Philadelphia ein älteres Ehepaar kennenlernte, das den Holocaust überlebt hatte. Ich erfuhr die außergewöhnliche Geschichte der Krakauer Widerstandsbewegung, und damit war die Grundlage für die nun vorliegende Geschichte geschaffen.

Viele Menschen haben mich auf dem Weg von der ersten Idee bis zum fertigen Roman begleitet, und ich bin ihnen allen zutiefst dankbar. Dieser Dank geht an Familie, Freunde und Kollegen, die die ganze Zeit über mit Interesse, Geduld und Liebe an meiner Arbeit teilhatten: an meine Eltern, meinen Bruder Jay (ja, du darfst es jetzt lesen), Phillip, Joanne, Stephanie, Barb und vielen mehr, die ich an dieser Stelle gar nicht alle nennen kann. Mein Dank gilt auch Janet Burton, die mich im Schreiben unterwies, sowie vielen anderen Autoren, die mich in jeder Phase selbstlos unterstützten und mir halfen.

Dieses Buch wäre nicht möglich gewesen ohne die beharrlichen Anstrengungen meines wunderbaren Agenten Scott Hoffman von Folio Literary Management, der vor allen anderen das Potenzial dieses Buchs erkannte, der unermüdlich daran feilte und noch immer durchhielt, als jeder andere bereits das Handtuch geworfen hätte. Mein Dank geht ebenso an meine geniale Lektorin Susan Pezzack für ihren Scharfsinn, mit dem sie diese Arbeit zum Leben erweckte und meinen Traum Wirklichkeit werden ließ.

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass mir beim Schreiben dieses Buchs bewusst wurde, wie widersinnig eigentlich der Begriff des “historischen Romans” ist. Auch wenn ich auf der einen Seite Figuren und Ereignisse schuf, die meiner eigenen Fantasie entsprangen, so war ich doch immer bemüht, dem Geist jener Menschen treu zu bleiben, die in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts lebten und starben. Ich wollte die ganze Bandbreite menschlicher Stärken, Schwächen und Gefühle, die durch die tragischen Ereignisse jener Ära ausgelöst wurden, möglichst realistisch darstellen. Meine grenzenlose Bewunderung gilt den jüdischen Gemeinden in Polen sowie in ganz Mittel- und Osteuropa, deren mutiger Kampf für jeden von uns Inspiration ist.

1. KAPITEL

Als wir den weitläufigen Marktplatz überqueren, auf dem sich Tauben rund um die abgestandenen Pfützen scharen, betrachte ich argwöhnisch den Himmel. Ich greife Łukasz’ Hand noch etwas fester, um den Jungen zur Eile anzutreiben. Ein erster Regentropfen verfängt sich in seinen blonden Locken. Gott sei Dank, dass es wenigstens blonde Locken sind. Ein schneidender Märzwind fegt über den Platz, und obwohl ich meinen abgetragenen Mantel enger um mich ziehen möchte, wage ich es nicht, den Jungen loszulassen.

Wir durchqueren den hohen zentralen Torbogen der ausladenden gelben Tuchhalle, die den Platz in zwei Hälften teilt. Bis zum Markt in Nowy Kleparz, am äußersten nördlichen Rand der Krakówer Innenstadt, sind es noch einige Häuserblocks weit, doch ich merke, wie Łukasz schon jetzt langsamer wird. In seinen kleinen Schuhen mit den dünnen Sohlen schlurft er bei jedem Schritt über das Kopfsteinpflaster. Ich überlege, ihn zu tragen, aber er ist jetzt drei Jahre alt, und jeden Tag wird er ein bisschen schwerer. Hätte ich gut gegessen, dann könnte ich ihn vielleicht auf den Arm nehmen, doch so weiß ich: Meine Kräften würden mich nach wenigen Metern verlassen. Wenn er doch bloß schneller gehen würde. “Szybko, kochany!” Schnell, mein Liebster! Ich flehe ihn im Flüsterton an. “Chod´z!” Er scheint etwas leichtfüßiger zu gehen, als wir uns einen Weg zwischen den Blumenhändlern hindurchbahnen, die im Schatten der Türme der Marienkirche ihre Ware anpreisen.

Augenblicke später erreichen wir die gegenüberliegende Seite des Platzes, und ich spüre unter meinen Füßen ein vertrautes Dröhnen. Ich bleibe stehen. Seit rund einem Jahr habe ich keine Straßenbahn mehr genutzt, und ich stelle mir vor, wie ich Łukasz in die Bahn hebe und mich dann auf einen Sitz sinken lasse, wie ich die Häuser und die Fußgänger vorbeiziehen sehe. Innerhalb von Minuten wären wir am Markt. Innerlich schüttele ich den Kopf. Die Tinte auf unseren neuen Papieren ist kaum getrocknet, und das völlige Erstaunen, das sich bei Łukasz’ allerersten Fahrt in einer Straßenbahn auf seinem Gesicht abzeichnen muss, würde bei den anderen Leuten nur Argwohn wecken. Ich kann unsere Sicherheit nicht dem Wunsch nach etwas Bequemlichkeit opfern, also gehen wir so schnell weiter, wie es möglich ist.

Zwar sage ich mir immer wieder, dass ich den Kopf gesenkt halten und jeglichen Blickkontakt mit den Menschen vermeiden sollte, die an diesem Morgen ihre Einkäufe erledigen. Doch ich kann nicht anders und muss alles in mich aufsaugen. Ein Jahr ist vergangen, seit ich zum letzten Mal die Innenstadt besucht habe. Ich atme tief durch. Die von den noch verbliebenen Schneeresten feuchte Luft ist erfüllt vom Aroma gerösteter Kastanien, die an einem Eckkiosk angeboten werden. Plötzlich beginnt der Trompeter im Kirchturm das Hejnalied zu spielen, eine kurze Melodie, die er zu jeder vollen Stunde über den Platz schickt, um an den Einfall der Tataren in Kraków vor vielen Jahrhunderten zu erinnern. Ich widersetze mich dem Wunsch, mich der Richtung zuzuwenden, aus der die Klänge kommen, die mich wie eine alte Freundin begrüßen.

Als wir uns dem Ende der ulica Floriańska nähern, bleibt Łukasz abrupt stehen und umklammert fester meine Hand. Sein Gesicht, das blass ist von den vielen Monaten, die er in verschiedenen Wohnungen versteckt gehalten wurde, wird noch eine Spur fahler. “Was ist los?”, flüstere ich ihm zu, während ich mich neben ihn hocke, aber er reagiert nicht. Ich folge seinem Blick und erkenne, was er so gebannt betrachtet. Zehn Meter von uns entfernt, am Eingang zum mittelalterlichen Florianstor, stehen zwei deutsche Wachposten mit Maschinenpistolen. Łukasz zittert am ganzen Leib. “Ist schon gut, kochany. Es ist alles in Ordnung.” Ich lege meine Arme um seine Schultern, doch nichts kann ihn beruhigen. Seine Augen gehen hin und her, er bewegt den Mund, aber kein Ton kommt über seine Lippen. “Komm her.” Ich hebe ihn hoch, und er vergräbt das Gesicht an meinem Hals. Mein Blick wandert umher, da ich nach einer Seitenstraße Ausschau halte – jedoch vergeblich. Umkehren kann ich nicht, das würde nur Misstrauen wecken. Also hole ich tief Luft und gehe zielstrebig an den Wachposten vorbei, die von uns keinerlei Notiz nehmen. Ein paar Minuten später merke ich, dass der Junge wieder ruhig atmet, und ich setze ihn ab.

Schon bald haben wir den Markt von Nowy Kleparz erreicht. Mir fällt es schwer, meine Begeisterung darüber im Zaum zu halten, dass ich das Haus verlassen habe und wie ein ganz normaler Mensch spazieren und einkaufen gehe. Während wir uns durch die schmalen Gänge an den Ständen vorbei bewegen, höre ich, wie sich die Leute beklagen. Der Kohl ist blass und verwelkt, das Brot hart und trocken. Das wenige angebotene Fleisch ist von unbekannter Herkunft und verströmt bereits einen sonderbaren Geruch. Für die Menschen in den Städten und Dörfern, die die reiche und gute polnische Ernte aus der Zeit vor dem Krieg kennen, sind diese Lebensmittel ein Skandal. Ich dagegen fühle mich so sehr wie im Paradies, dass sich mein Magen verkrampft.

“Zwei Laibe”, sage ich zum Bäcker und halte den Kopf gesenkt, als ich ihm meine Lebensmittelmarken gebe. Ein merkwürdiger Ausdruck huscht über sein Gesicht, aber ich rede mir ein, dass ich mir das nur einbilde. Ich muss Ruhe bewahren. Ich weiß, für einen Fremden sehe ich aus wie eine beliebige Polin. Mein Haar hat einen hellen Farbton, ich spreche die Sprache akzentfrei, und ich trage ein bewusst unauffälliges Kleid. Krysia wählte absichtlich diesen Markt in einem Arbeiterviertel am nördlichen Stadtrand aus, wohl wissend, dass keiner meiner früheren Bekannten zum Einkaufen hierherkommen würde. Es ist von größter Wichtigkeit, dass niemand mich erkennt.

Ich schlendere von Stand zu Stand und gehe im Geiste durch, welche Besorgungen ich machen muss: Mehl, einige Eier, ein Hühnchen, falls es eines geben sollte. Noch nie habe ich Einkaufszettel geschrieben, was mir nun zugutekommt, da Papier so knapp geworden ist. Die Händler sind freundlich, jedoch zurückhaltend. Eineinhalb Jahre nach Kriegsausbruch sind die Lebensmittel knapp geworden, und für ein freundliches Lächeln gibt es kein Stück Käse extra. Auch die großen blauen Augen des Jungen können niemanden zu einer süßen Beigabe verleiten. Nach kurzer Zeit habe ich all unsere Lebensmittelmarken aufgebraucht, trotzdem ist mein Einkaufskorb noch halb leer. Wir machen uns auf den langen Heimweg.

Mir ist noch immer kalt von dem schneidenden Wind auf dem Marktplatz, als ich Łukasz durch Seitenstraßen zurück durch die Stadt führe. Wenige Minuten später biegen wir in die ulica Grodzka ein, eine breite, mit eleganten Geschäften und Häusern gesäumte Hauptstraße. Ich zögere, denn ich hatte gar nicht herkommen wollen. Mir ist, als würde eine zentnerschwere Last auf meine Brust drücken und mir die Luft zum Atmen nehmen. Ganz ruhig, sage ich zu mir. Du kannst das. Es ist eine Straße wie jede andere. Ein paar Meter weit gehe ich, dann bleibe ich wieder stehen. Ich befinde mich vor einem blassgelben Haus mit einer weißen Tür und mit Blumenkästen vor den Fenstern. Mein Blick wandert nach oben zum ersten Stockwerk. Ich fühle einen Kloß im Hals und kann nur mit Mühe schlucken. Denk nicht nach, ermahne ich mich, doch es ist zu spät. Dies hier war Jakubs Haus. Unser Haus.

Ich begegnete Jakub, als ich als Angestellte in der Universitätsbibliothek arbeitete. Es war an einem Freitagnachmittag. Ich erinnere mich noch so genau daran, weil ich mich beeilte, den Katalog auf den neuesten Stand zu bringen, um zeitig zum Schabbes zu Hause zu sein. “Entschuldigen Sie”, hörte ich eine tiefe Stimme neben mir sagen. Verärgert über diese Unterbrechung sah ich von meiner Arbeit auf. Der Mann war von mittlerer Größe, hatte einen kurz geschnittenen Bart und trug eine kleine Jarmulke. Sein braunes Haar war mit rötlichen Sprenkeln durchsetzt. “Können Sie mir ein gutes Buch empfehlen?”

“Ein gutes Buch?” Das unergründliche Dunkel seiner Augen überraschte mich ebenso wie die beiläufige Art seiner Frage.

“Ja, ich würde über das Wochenende gern etwas Leichtes lesen, um mich von meinem Studium abzulenken. Vielleicht die Ilias …”

Unwillkürlich musste ich lachen. “Homer ist für Sie leichte Literatur?”

“Im Vergleich zu Texten über Physik ganz sicher.” Kleine Fältchen bildeten sich an seinen Augenwinkeln. Ich führte ihn in die Literaturabteilung, wo er sich für einen Band mit Shakespeare-Komödien entschied. Meine Hand berührte leicht seine, als ich ihm das Buch gab, und ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich trug das Buch als ausgeliehen ein, doch der Mann hielt sich weiter in der Bibliothek auf. Er verriet mir, er heiße Jakub und sei zwanzig Jahre alt, also zwei Jahre älter als ich.

Von nun an besuchte er mich jeden Tag in der Bibliothek. Schnell erfuhr ich, dass Naturwissenschaften sein Hauptfach war, seine wahre Leidenschaft aber der Politik galt. Er war in verschiedenen Aktivistengruppen tätig und schrieb Artikel für studentische und lokale Zeitungen, die nicht nur der polnischen Regierung gegenüber kritisch waren, sondern auch der – wie er es nannte – “geplanten Vorherrschaft des Deutschen Reichs über seine Nachbarn”. Ich machte mir Sorgen, es könnte gefährlich sein, so offen seine Meinung kundzutun. Während die Juden in meinem Viertel auf den Stufen vor ihren Häusern, vor den Synagogen und in den Geschäften hitzig über die politische Lage und die Welt im Allgemeinen diskutierten, war ich so erzogen worden, mich im Umgang mit anderen Menschen eher bedeckt zu halten. Doch Jakub, Sohn des bekannten Soziologen Maximilian Bau, kannte solche Bedenken nicht. Wenn ich ihm zuhörte, wie er redete, ihn beobachtete, wie seine Augen voller Eifer brannten und wie er gestikulierte, dann vergaß ich, mich zu fürchten.

Mich erstaunte, dass ein Student aus einer so wohlhabenden und aufgeklärten Familie sich für mich interessierte – die Tochter eines armen orthodoxen Bäckers. Doch selbst wenn ihm die Unterschiede unserer Herkunft bewusst gewesen sein sollten, so schien er sich daran nicht zu stören. Wir begannen, jeden Sonntagnachmittag gemeinsam zu verbringen, zu reden und am Ufer der Wisła entlangzuspazieren. “Ich sollte mich besser auf den Heimweg machen”, sagte ich an einem Sonntag im April, als es bereits düster wurde. Jakub und ich waren dem Flusslauf dort gefolgt, wo er sich um die Wawelburg wand. Wir hatten uns so angeregt unterhalten, dass mir jegliches Zeitgefühl abhandengekommen war. “Meine Eltern werden sich fragen, wo ich bleibe.”

“Ja, ich sollte sie auch bald kennenlernen”, erwiderte er so beiläufig, dass ich mitten in der Bewegung innehielt. “So etwas macht man doch, wenn man die Eltern um Erlaubnis bitten will, mit ihrer Tochter auszugehen.” Ich war zu verblüfft, um zu antworten. Obwohl Jakub und ich in den letzten Monaten viel Zeit miteinander verbracht hatten und ich wusste, dass ihm meine Gesellschaft angenehm war, hätte ich nie gedacht, dass er diesen Schritt in Erwägung zog. Er beugte sich vor und legte seine Finger unter mein Kinn, sodass ich das Leder seiner Handschuhe auf meiner Haut spürte. Behutsam presste er zum ersten Mal seine Lippen auf meinen Mund. Wir verharrten in dieser Haltung, bis ich das Gefühl hatte, der Boden würde unter meinen Füßen weggezogen und ich müsse ohnmächtig werden.

Wenn ich jetzt an Jakubs Kuss denke, fühle ich Wärme in mir aufsteigen. Hör auf damit, ermahne ich mich, doch vergebens. Knapp ein Jahr ist es her, dass ich zum letzten Mal meinen Ehemann gesehen und ihn berührt habe. Mein ganzer Körper schmerzt vor Sehnsucht nach ihm.

Ein dumpf klickendes Geräusch reißt mich aus meinen Gedanken, und ich kehre ins Hier und Jetzt zurück. Noch immer stehe ich vor dem gelben Haus und schaue nach oben, da wird die Haustür geöffnet, und eine ältere, gut gekleidete Frau tritt heraus. Als sie mich und Łukasz bemerkt, stutzt sie. Ich sehe ihr an, dass sie überlegt, wer wir wohl sein mögen und warum wir vor ihrem Haus stehen. Dann wendet sie sich abweisend um, verschließt die Tür und steigt die Stufen hinab. Das hier ist jetzt ihr Zuhause. Es reicht, ermahne ich mich. Ich kann es mir nicht erlauben, irgendetwas zu tun, das Aufmerksamkeit auf mich lenkt. Ich schüttele den Kopf und versuche, mich von Jakubs Bild vor meinem geistigen Auge zu befreien.

“Komm, Łukasz”, sage ich laut und ziehe sanft am Arm des Jungen. Wir gehen weiter und durchqueren die Planty, jenen breiten Streifen Parklandschaft, der sich wie ein Ring um die Innenstadt zieht. An den Bäumen sind bereits die ersten Knospen zu sehen, doch sie werden sicherlich einem späten Frost zum Opfer fallen. Łukasz umklammert meine Hand fester, als er mit großen Augen die Eichhörnchen beobachtet, die durchs Gebüsch turnen, als sei der Frühling gekommen. Während wir weitergehen, kann ich förmlich fühlen, wie die Stadt hinter mir zurückfällt. Fünf Minuten später haben wir die Aleje Krasińskiego erreicht, den breiten Boulevard, den die Deutschen zusammen mit der Aleje Mickiewicza und der Aleje Słowackiego schlicht in den “Außenring” umbenannt haben. Zu meiner Linken verläuft die Straße nach Süden bis zum Fluss, wo sie in eine Brücke übergeht. Ich bleibe stehen und schaue dorthin. Auf der anderen Seite des Flusses, gut einen halben Kilometer weiter südlich, beginnt das Ghetto. Ich drehe mich in diese Richtung und denke an meine Eltern. Wenn wir bis zur Mauer gehen, kann ich sie womöglich sehen. Vielleicht kann ich ihnen sogar etwas von dem Essen zustecken, das ich soeben gekauft habe. Krysia würde das nichts ausmachen. Doch dann halte ich inne. Ich kann es nicht wagen – nicht am helllichten Tag und nicht mit einem Kind an der Hand. Ich schäme mich für meinen Magen, weil der nicht mehr vor Hunger knurrt, und für meine Freiheit, dafür, dass ich durch die Straßen meiner Stadt gehe, als gäbe es weder Besetzung noch Krieg.

Am späten Nachmittag kehren Łukasz und ich nach Chelm zurück, in jenes ländliche Viertel, das unser Zuhause geworden ist. Meine Arme tun mir weh, weil ich nicht nur die Einkäufe, sondern auf den letzten Metern auch den Jungen tragen muss. Als wir um jene Ecke biegen, an der sich die Hauptstraße gabelt, atme ich tief ein. Die Luft ist inzwischen noch kälter geworden, ihre Klarheit wird nur von einem stechenden Geruch gestört, weil ein Bauer in der Nähe abgestorbenes Gestrüpp verbrennt. Ich kann das Feuer sehen, das auf dem sanft ansteigenden Ackerland zu meiner Rechten schwelt. Dichter Rauch zieht über die Felder, die sich wie die Wellen einer sanften See bis zum Horizont erstrecken.

Wir biegen nach links ein in die Straße, die im unteren Teil von Bauernhöfen gesäumt wird und sich im weiteren Verlauf durch die bewaldeten Hügel von Las Wolski schlängelt. Nach gut fünfzig Metern erreichen wir Krysias Haus, ein zweigeschossiges Landhaus aus dunklem Holz, umgeben von Kiefern. Eine Rauchwolke steigt aus dem Kamin auf, als wolle sie uns begrüßen. Ich setze den Jungen ab, der vorausläuft. Krysia hört seine Schritte, kommt hinter dem Haus hervor und nähert sich dem Tor. Mit ihrem hochgesteckten silbergrauen Haar sieht sie aus wie jemand, der für einen Opernbesuch bereit ist, doch ihre Hände stecken in Gartenhandschuhen aus sprödem Leder, nicht in Seiden- oder Spitzenhandschuhen. Schmutz bedeckt den Saum ihres Arbeitskleids, das schöner ist als alles, was ich wohl je mein Eigen nennen werde. Als sie Łukasz sieht, zeichnet sich auf Krysias faltenlosem Gesicht ein Lächeln ab. Sie vergisst für einen Moment ihre formvollendete Haltung, bückt sich und hebt den Jungen hoch.

“Ist alles gut gegangen?”, fragt sie, während ich näher komme. Sie lässt Łukasz auf ihrer Hüfte wippen und betrachtet sein Gesicht. Mich sieht sie nicht an. Es macht mir nichts aus, dass ihre ganze Aufmerksamkeit dem Kind gilt. Seit der Zeit, da er bei uns ist, hat er noch nicht gelächelt und keinen Ton gesprochen, was für uns beide beständiger Grund zur Sorge ist.

“Mehr oder weniger.”

“Wieso?” Sie dreht den Kopf zu mir. “Was ist passiert?”

Ich zögere, da ich in Gegenwart des Jungen nicht darüber reden möchte. “Wir sahen ein paar … Deutsche.” Ich sehe zu Łukasz. “Es hat uns sehr mitgenommen, aber sie schienen uns gar nicht zu bemerken.”

“Gut. Hast du auf dem Markt alles bekommen?”

Ich schüttele den Kopf. “Nur ein paar Sachen”, sage ich und hebe den Korb leicht an. “Aber nicht so viel, wie ich gehofft habe.”

“Das ist nicht schlimm, wir kommen schon über die Runden. Ich war gerade damit beschäftigt, den Garten umzugraben, damit wir nächsten Monat aussäen können.” Wortlos folge ich Krysia ins Haus und wundere mich einmal mehr über ihre Anmut und Kraft. In der Art, wie sie vor mir hergeht, wie jede ihrer wohl kontrollierten Bewegungen von Entschlossenheit zeugt, liegt eine Unbeirrbarkeit, die mich an meinen Mann erinnert.

Krysia nimmt mir den Korb aus der Hand und packt meine Einkäufe aus. Ich schlendere unterdessen in den Salon. Seit zwei Wochen lebe ich nun hier, und trotzdem erstarre ich immer wieder in Ehrfurcht, wenn ich die ausladenden Möbel und die wundervollen Kunstwerke sehe, die jede Wand schmücken. Am Flügel vorbei gehe ich zum Kamin. Auf dem Sims stehen drei gerahmte Fotos. Eines zeigt Marcin, Krysias verstorbenen Ehemann, wie er im Frack dasitzt, vor sich sein Cello. Auf einem anderen ist Jakub als Kind zu sehen, wie er an einem See spielt. Das dritte Foto nehme ich in die Hand, es zeigt Jakub und mich am Tag unserer Hochzeit. Wir stehen auf den Stufen vor dem Haus der Familie Bau in der ulica Grodzka, Jakub in einem dunklen Anzug, ich in dem bis zu den Knöcheln reichenden Hochzeitskleid aus weißem Leinen, in dem vor mir meine Mutter und meine Großmutter geheiratet haben. Obwohl wir in die Kamera blicken sollen, haben wir einander den Kopf zugewandt, mein Mund ist leicht geöffnet, da ich über einen Witz lachen muss, den mein Mann mir in dem Moment zuflüstert.

Ursprünglich wollten wir mit der Heirat noch ein Jahr warten, bis Jakub seinen Abschluss hatte. Doch 1938 marschierten deutsche Truppen ins Sudetenland ein, und kein Land in Westeuropa unternahm etwas dagegen. Hitler stand an der Grenze zu Polen, jederzeit zum Angriff bereit. Wir hatten davon gehört, wie grausam die Nazis im Deutschen Reich in Deutschland und in Österreich die Juden behandelten. Wer vermochte schon zu sagen, was aus unserem Leben würde, sollten die Deutschen in Polen einfallen? Darum entschieden wir, es sei besser, sofort zu heiraten und sich gemeinsam einer ungewissen Zukunft zu stellen.

Jakub machte mir an einem schwülwarmen Sonntagnachmittag einen Heiratsantrag, als wir wieder einmal am Fluss spazieren gingen. “Emma …” Er blieb stehen, drehte sich zu mir und kniete vor mir nieder. Sein Antrag kam für mich nicht völlig überraschend, denn am Morgen zuvor war Jakub mit meinem Vater in die Synagoge gegangen. An der nachdenklichen Art, mit der Vater mich nach seiner Rückkehr aus der Synagoge ansah, erkannte ich, dass sie nicht über Politik oder Religion, sondern über die gemeinsame Zukunft von Jakub und mir gesprochen hatten. Dennoch kamen mir die Tränen. “Wir leben in einer Zeit der Ungewissheit”, begann Jakub, und ich musste mir ein Lachen verkneifen. Nur ein Mann wie er konnte aus einem Heiratsantrag eine politische Rede machen. “Aber ich weiß, egal was uns erwartet, ich möchte meinem Schicksal gemeinsam mit dir begegnen. Würdest du mir die Ehre erweisen und meine Frau werden?”

“Ja”, hauchte ich, als er den silbernen Ring mit einem eingefassten winzigen Diamanten über meinen linken Ringfinger schob. Er stand auf und küsste mich, länger und leidenschaftlicher als je zuvor.

Wenige Wochen später heirateten wir unter einem Baldachin im eleganten Salon der Baus, nur unsere engsten Familienangehörigen waren anwesend. Nach der Zeremonie brachten wir meine wenigen Habseligkeiten in das freie Zimmer im Haus von Jakubs Eltern. Professor Bau und seine Frau brachen kurz darauf für ein Ferienjahr nach Genf auf, sodass Jakub und ich das Haus ganz für uns allein hatten. Ich war in einer winzigen Dreizimmerwohnung aufgewachsen, und es war für mich ungewohnt, in solchem Luxus zu leben. Die hohen Decken und die polierten Holzböden schienen eher zu einem Museum zu passen. Anfangs fühlte ich mich fehl am Platz, so wie ein Dauergast in einem riesigen Haus, doch ich lernte recht schnell, dieses großzügige Heim zu lieben, in dem es Musik, Kunst und Bücher gab. Nachts lagen Jakub und ich wach und erzählten uns von unseren Träumen. Wir konnten es kaum abwarten, im Jahr nach seinem Abschluss vielleicht in der Lage zu sein, uns ein eigenes Haus zu kaufen.

An einem Freitagnachmittag, drei Wochen nach unserer Hochzeit, beschloss ich, ins jüdische Viertel Kazimierz zu gehen und aus der Bäckerei meiner Eltern etwas Challah-Brot für das Abendessen zu holen. Als ich das Geschäft erreichte, drängten sich darin bereits die Kunden, die wegen des Schabbes in Eile waren. Ich stellte mich zu meinem Vater hinter die Theke, um ihm zu helfen. Eben hatte ich einer Kundin das Wechselgeld gegeben, da riss ein kleiner Junge die Ladentür auf. “Die Deutschen greifen an!”, rief er aufgeregt.

Ich erstarrte mitten in meiner Bewegung. Im Laden herrschte sofort Totenstille. Mein Vater holte rasch das Radio aus dem Hinterzimmer und schaltete es ein, die Kunden drängten sich um den Apparat, um die Nachrichten zu hören. Die Deutschen hatten die Westerplatte nahe Gdańsk angegriffen. Polen und das Deutsche Reich befanden sich im Krieg. Einige Frauen im Geschäft fingen leise an zu weinen. Der Radiosprecher verstummte, stattdessen wurde die polnische Nationalhymne gespielt. Ein paar Leute um mich herum stimmten inbrünstig mit ein. “Die polnische Armee wird uns verteidigen”, hörte ich Pan Klopowitz, einen Veteran aus dem Großen Krieg, sagen. Aber ich kannte die wahren Verhältnisse und wusste genau, wie es um uns bestellt war. Die polnische Armee bestand zum größten Teil aus Kavallerie und Fußsoldaten, die den Panzern und den Maschinengewehren der deutschen Wehrmacht nichts entgegenzusetzen hatten. Ich sah zu meinem Vater hinüber, unsere Blicke trafen sich. Mit einer Hand umfasste er seinen Gebetsschal, mit der anderen klammerte er sich so krampfhaft an der Theke fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Offenbar rechnete auch er mit dem Schlimmsten.

“Geh jetzt”, forderte er mich auf, nachdem auch der letzte Kunde mit einem Laib Brot das Geschäft verlassen hatte. Ich kehrte nicht in die Bibliothek zurück, sondern eilte nach Hause. Jakub wartete bereits auf mich, als ich in die Wohnung kam. Sein Gesicht war totenbleich, als er mich in seine Arme schloss.

Nur zwei Wochen nach Beginn des Einmarsches hatten die Deutschen die polnische Armee überrannt. Von einem Tag auf den anderen fuhren Panzer durch Kraków, und Männer mit verbissenen Mienen marschierten in Uniform durch die Straßen. Die Menschen mussten nicht erst dazu aufgefordert werden, sondern machten ihnen auch so unverzüglich Platz.

Bald darauf kündigte man mir meine Stelle an der Universität, und wenige Wochen später erfuhr Jakub vom Leiter seiner Fakultät, dass Juden der Besuch von Hochschulen nicht länger gestattet war. Die Welt, wie wir sie kannten, löste sich in Nichts auf.

Ich hatte gehofft, Jakub würde nach seinem Verweis von der Universität mehr Zeit zu Hause verbringen, doch seine politischen Treffen fanden im Laufe des folgenden Jahres in immer kürzeren Abständen statt. Nun waren daraus Geheimtreffen geworden, die man in Wohnungen überall in der Stadt abhielt. Auch wenn er es nicht aussprach, wurde mir klar, dass diese Zusammenkünfte irgendetwas mit dem Widerstand gegen die Nazis zu tun hatten. Ich wollte ihn bitten und anflehen, damit aufzuhören, da ich entsetzliche Angst hatte, man könne ihn verhaften oder ihm Schlimmeres antun. Allerdings wusste ich, dass meine Sorgen nicht ausreichten, um ihn von seinem politischen Eifer abzubringen.

An einem Dienstagabend Ende März nickte ich ein, während ich auf Jakubs Heimkehr wartete. Irgendwann später wurde ich wieder wach, ein Blick zur Uhr auf dem Nachttisch ließ mich erkennen, dass es bereits nach Mitternacht war. Er hätte längst zu Hause sein sollen. Hastig verließ ich das Bett und lauschte, doch von meinen eigenen Schritten abgesehen war alles ruhig. Meine Gedanken überschlugen sich. Wie eine Verrückte lief ich immer wieder durchs Haus, im Abstand von wenigen Minuten eilte ich zum Fenster und suchte jedes Mal aufs Neue die Straße nach meinem Mann ab.

Irgendwann gegen halb zwei in der Nacht hörte ich plötzlich ein Geräusch aus der Küche. Jakub war über die Hintertreppe hereingekommen. Frisur und Bart waren auf eine für ihn ganz untypische Weise zerzaust. Ein dünner Film aus winzigen Schweißperlen bedeckte seine Oberlippe. Zitternd schlang ich meine Arme um ihn. Jakub nahm wortlos meine Hand und führte mich ins Schlafzimmer. Ich versuchte, nichts zu sagen, als er mich auf die Matratze drückte und sich mit einer nie gekannten Verzweiflung auf mich legte.

“Emma, ich muss fortgehen”, erklärte er mir später in der Nacht, als wir wach im Bett lagen und dem Poltern der Straßenbahnwagen lauschten. Meine vom Liebesakt schweißnasse Haut war im kühlen Dunkel des Schlafzimmers fast getrocknet, und ich verspürte ein leichtes Frösteln.

Mein Magen verkrampfte sich. “Wegen deiner Arbeit?”

“Ja.”

Ich wusste, er meinte damit nicht seine frühere Stelle an der Universität. “Wann?”, fragte ich mit zittriger Stimme.

“Schon bald … ich glaube, in wenigen Tagen.” Etwas in seinem Tonfall verriet mir, dass er mir nicht alles erzählte, was er wusste. Er drehte sich auf die Seite, sodass er mit seiner Brust an meinen Rücken gepresst dalag und seine Beine zwischen meine schmiegen konnte. “Ich werde Geld für den Fall hierlassen, dass du etwas benötigst.”

In der Dunkelheit winkte ich ab. “Das möchte ich nicht.” Tränen stiegen mir in die Augen. Bitte bleib, wollte ich zu ihm sagen. Ich wäre bereit gewesen, ihn anzubetteln, hätte ich mir sicher sein können, dass es etwas nützte.

“Emma …” Er hielt inne. “Du solltest besser zu deinen Eltern zurückgehen.”

“Das werde ich machen.” Wenn du fort bist, fügte ich in Gedanken hinzu.

“Da ist noch etwas …” Seine Wärme wich von mir, als er sich wegdrehte, um etwas aus dem Nachttisch zu holen. Das Papier mit dem erhabenen Wachssiegel, das er dann vor mich hinlegte, fühlte sich glatt und neu an. “Verbrenn es bitte.” Es war unsere Kittubah, unser hebräischer Trauschein. Im Strudel der Ereignisse war keine Zeit geblieben, unsere Ehe offiziell bei den Behörden eintragen zu lassen.

Ich schob das Papier zu ihm zurück. “Niemals.”

“Du musst deinen Ring ablegen und so tun, als hätten wir niemals geheiratet. Sag deiner Familie, sie soll mit niemandem darüber reden”, fuhr er fort. “Du schwebst in Gefahr, wenn ich weg bin und jemand erfährt, dass du meine Frau bist.”

“In Gefahr? Jakub, ich bin eine Jüdin in einem von den Nazis besetzten Land. Könnte ich in einer größeren Gefahr als dieser schweben?”

“Tu es einfach”, beharrte er.

“Also gut”, log ich, nahm ihm das Dokument aus der Hand und schob es unter die Matratze. Niemals würde ich die eine Sache verbrennen, die mich für alle Zeit mit ihm verband.

Ich lag noch immer wach, als Jakub längst eingeschlafen war, was ich an seinem ruhigen, gleichmäßigen Atmen erkannte. Vorsichtig strich ich an der Stelle über seine Haare, an der sie den Kragen berührten, vergrub meine Nase in der Mulde und atmete tief den vertrauten Geruch ein. Mit einem Finger zeichnete ich die Konturen seiner Hand nach und versuchte, mir die Form einzuprägen. Plötzlich bewegte er sich und gab leise Stöhnlaute von sich, als kämpfe er im Schlaf bereits gegen den Feind. Schließlich wurden meine Augenlider immer schwerer, und es kostete mich ungeheure Kraft, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Doch ich würde noch genug Zeit zum Schlafen haben …

Irgendwann verlor ich den Kampf gegen meine Erschöpfung. Erst Stunden später wurde ich vom Geräusch der Straßenfeger geweckt, die die Fußwege kehrten. Vielleicht war es auch das rhythmische Hufgetrappel der Pferde, die die Wagen der Lieferanten über das Kopfsteinpflaster zogen. Draußen war es noch dunkel. Als ich mit einer Hand über die andere Hälfte des Bettes strich, war sie leer, aber das Laken fühlte sich noch warm an, und in der Luft lag der wundervolle Geruch meines Ehemanns. Ich musste nicht erst die Augen öffnen; ich wusste auch so, dass sein Rucksack und einige andere seiner Habseligkeiten nicht mehr da waren.

Jakub hatte mich verlassen.

“… hungrig?”, durchdringt Krysias Stimme meine Erinnerungen. Mir wird bewusst, dass sie den Salon betreten hat und mit mir redet, doch ich habe kein Wort mitbekommen. Widerstrebend drehe ich mich zu ihr um, als wäre ich aus einem schönen Traum gerissen worden. Sie hält mir einen Teller mit Brot und Käse hin.

“Nein, danke.” Ich schüttele den Kopf, mit meinen Gedanken noch halb in der Vergangenheit.

Krysia stellt den Teller auf dem Wohnzimmertisch ab und kommt zu mir. “Das ist ein schönes Motiv”, sagt sie und zeigt dabei auf das Foto von meiner Hochzeit. Ich antworte nicht, worauf sie die Aufnahme in die Hand nimmt, die Jakub als Kind zeigt. “Wir sollten sie weglegen, damit niemand sie sehen kann.”

“Wer sollte sie denn sehen?”, frage ich. “Hier gibt es doch nur uns drei.” Krysia hatte das Dienstmädchen und den Gärtner entlassen, bevor Łukasz und ich herkamen. Und in den drei Wochen, die wir nun bei ihr leben, hat niemand sonst das Haus betreten.

“Man kann nie wissen”, erwidert sie. Ihre Stimme klingt eigenartig. “Besser, wir gehen kein Risiko ein.” Sie streckt ihre Hand aus und ich zögere, da ich nicht eines der letzten Dinge aufgeben möchte, das mich an meinen Mann erinnert. Aber mir wird klar, dass sie recht hat. Uns bleibt einfach keine andere Wahl. Seufzend reiche ich Krysia das Hochzeitsfoto und sehe ihr wie benommen nach, als sie es aus dem Zimmer bringt.

2. KAPITEL

An dem Morgen, an dem Jakub verschwand und nicht wagte, mir eine Nachricht zu hinterlassen, saß ich nach dem Aufwachen minutenlang im Bett und sah mich im Schlafzimmer um. “Er kommt nicht zurück”, sagte ich zu mir selbst. Ich war so perplex, ich konnte nicht einmal weinen. Als wäre ich diesen Moment gedanklich schon tausendmal durchgegangen, stand ich auf und zog mich an. So schnell ich konnte, packte ich meinen kleinen Koffer. Es kostete mich Überwindung, den Verlobungs- und den Ehering abzustreifen, beide legte ich zusammen mit unserem Trauschein zuunterst in den Koffer.

An der Schlafzimmertür blieb ich kurz stehen. Im überladenen Regal gleich neben der Tür lag unter Jakubs Physikbüchern und politischen Abhandlungen begraben ein kleiner Stapel Romane – Ivanhoe, Stolz und Vorurteil und einige mehr, die meisten davon von ausländischen Autoren. Ich streckte die Hand aus, um über die Buchrücken zu streichen, und verlor mich für einen Augenblick in Erinnerungen. Jakub hatte mir die Romane geschenkt, kurz nachdem wir uns das erste Mal trafen. Jeden Tag besuchte er mich damals in der Bibliothek, und oft brachte er mir ein kleines Geschenk mit, mal einen Apfel oder eine Blume – oder eben ein Buch. Zunächst musste ich darüber lachen. “Du bringst Bücher in eine Bibliothek?”, zog ich ihn auf, während ich den dünnen, in Leder gebundenen Band musterte. Es war eine übersetzte Ausgabe von Charles Dickens’ Große Erwartungen.

“Ich bin mir sicher, dass du dieses noch nicht hast”, überging er meine Neckerei und hielt mir das Buch hin. In seinen braunen Augen lag ein Lächeln. Es stimmte, was er sagte: Auch wenn ich etliche Bücher gelesen hatte, so besaß ich doch kein einziges davon. Meine Eltern hatten mich zum Lernen ermutigt und mich auf eine jüdische Mädchenschule geschickt, solange sie das Geld dafür aufbringen konnten. Aber Bücher zu besitzen war – abgesehen von der Familienbibel und dem Gebetsbuch – ein Luxus, den wir uns nicht leisten konnten. Jedes der Bücher, die Jakub mir brachte, behandelte ich wie eine kleine Kostbarkeit, und ich verriet ihm niemals, dass ich fast alle bereits in der Bibliothek gelesen hatte, einige sogar oft genug, um den Inhalt auswendig zu kennen. Ich las jedes einzelne noch einmal (jetzt, da es mein eigenes Buch war, erschien mir die Geschichte irgendwie anders als zuvor), und legte es dann in die Schublade meiner Kommode, wo es sicher verwahrt war. Diese Bücher gehörten zu den wenigen Habseligkeiten, die ich mitnahm, als ich vom Haus meiner Eltern in das meiner Schwiegereltern zog.

Beim Gedanken daran, wie Jakub mir das erste Buch schenkte, brannten meine Augen. Wo bist du?, fragte ich leise und starrte das Regal an. Und wann wirst du zurückkommen? Ich wischte die Tränen fort und betrachtete die Bücher. Ich kann sie nicht alle mitnehmen, dachte ich. Sie wiegen zu viel. Dennoch würde ich sie nicht alle hier zurücklassen. Schließlich zog ich zwei Bücher aus dem Stapel und packte sie in eine Tasche.

Mit Koffer und Taschen bepackt ging ich langsam Richtung Haustür. Mein Blick wanderte über die roséfarbenen Seidenvorhänge, die mit bronzefarbener Kordel elegant von den hohen Fenstern zurückgehalten wurden, weiter zum Porzellan mit Goldrand in der Vitrine neben dem Salon. Wenn das Haus leer stand, wer würde dann die Landstreicher oder sogar die Deutschen davon abhalten, es zu plündern? Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, doch zu bleiben. Aber Jakub hatte recht damit, dass ich hier nicht in Sicherheit war. Durchsuchungen durch die Gestapo waren an der Tagesordnung, und die jüdischen Besitzer vieler erstklassiger Wohnungen in der Innenstadt waren bereits enteignet worden. An ihrer Stelle hatten sich in den herrschaftlichen Häusern hochrangige deutsche Offiziere niedergelassen. Mir ging der Gedanke durch den Kopf, etwas von den wertvollen Gegenständen der Baus mitzunehmen, um sie in Sicherheit zu bringen, vielleicht einige kleinere Gemälde oder die silbernen Kerzenhalter. Doch selbst wenn ich sie irgendwie bis in die winzige Wohnung meiner Eltern hätte schaffen können, wären sie dort nicht sicherer aufgehoben als hier. Im Foyer blieb ich noch einmal stehen und schaute mich ein letztes Mal um, dann zog ich die Tür hinter mir zu.

Ich ging die ulica Grodzka entlang, aus dem Stadtzentrum hinaus in Richtung jüdisches Viertel. Je weiter ich kam, umso schäbiger wurden die Häuser und umso enger die Straßen. Unwillkürlich musste ich daran denken, wie ich es Jakub zum ersten Mal erlaubte, mich von der Bibliothek nach Hause zu begleiten. Über Monate hinweg hatte er es mir angeboten, doch ich lehnte jedes Mal ab. Ich fürchtete, dass er im Angesicht der krassen Gegensätze unser beider Welten für immer aus meinem Leben verschwinden würde. Als wir das jüdische Viertel schließlich erreichten, beobachtete ich sein Mienenspiel genau. So wie er die Lippen aufeinanderpresste und seinen beschützenden Arm fester um mich legte, spürte ich, dass er zutiefst betroffen war vom Anblick der allgegenwärtigen Armut, den heruntergekommenen Häusern und den schäbig gekleideten Menschen. Nie ließ er jedoch ein Wort darüber verlauten, seine Zuneigung zu mir schien von diesem Tag an nur noch stärker zu sein. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er entschlossen war, mich aus dieser Welt herauszuholen. Bis heute, bis zu diesem Augenblick, dachte ich und betrachtete die menschenleere Straße vor mir. Jetzt war er fort, und ich kehrte allein nach Kazimierz zurück. Ich merkte, wie mir erneut Tränen in die Augen stiegen.

Wenig später erreichte ich die ulica Szeroka und damit den großen Platz im Herzen des jüdischen Viertels. Ich blieb stehen und ließ meinen Blick über die Synagogen und die Geschäfte schweifen, die den Platz säumten. Etwas war anders als bei meinem letzten Besuch vor wenigen Wochen. Obwohl es ein Werktag war, hielt sich niemand auf den Straßen auf, zudem herrschte gespenstische Stille. Nirgends unterhielten sich Nachbarn von einem offenen Fenster zum anderen, vor keinem Geschäft standen hitzig debattierende Männer, und nirgendwo schleppten Frauen mit Kopftüchern Lebensmittel oder gebündeltes Brennholz. Es war so, als sei über Nacht die ganze Nachbarschaft verschwunden.

Ich beschloss, zur Bäckerei zu gehen und meinen Vater zu begrüßen, bevor ich mich in die Wohnung begab. Das winzige Geschäft mit der angeschlossenen Backstube war sein ganzer Stolz. Vor über dreißig Jahren hatte er es als junger Mann eröffnet, um sich und meine Mutter ernähren zu können, und seitdem stand er täglich hinter der Theke. Selbst nach dem Einmarsch der Deutschen war er nicht davon abzubringen, das Geschäft weiterzuführen, obwohl es an allen Zutaten mangelte und die zahlenden Kunden immer weniger wurden. Er wollte es sich einfach nicht nehmen lassen, Familie, Freunde und Nachbarn mit heimlich produzierten jüdischen Brotsorten zu versorgen – mit Challah-Laiben für den Sabbat und Matzen für das Passah-Fest, all diesen Dingen, die längst verboten waren.

Natürlich würde er wollen, dass ich meine Koffer in die Ecke stellte und eine der weiten Schürzen umlegte, damit ich ihm beim Backen helfen konnte. Ihm bei der Arbeit zur Hand zu gehen, fehlte mir am meisten, seit ich geheiratet und Kazimierz verlassen hatte. Stundenlang unterhielten wir uns, wenn wir die Teige einrührten und kneteten, und oft erzählte er mir Geschichten aus seiner Kindheit, Geschichten über meine Großeltern, die ich nie kennengelernt hatte, und über den großen Gemischtwarenladen, den sie einst nahe der Grenze zum Deutschen Reich besaßen. Manchmal hielt er mitten in seinen Erzählungen inne und summte leise etwas vor sich hin. Ich musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, woran er dachte, während er dastand und lächelte, den dunklen Bart vom Mehl weiß gefärbt.

An der Ecke ulica Józefa bog ich nach links ab und blieb vor der Bäckerei stehen. Ich versuchte, die Tür zu öffnen, doch sie war verschlossen. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich mich im Wochentag geirrt hatte und das Geschäft wegen des Schabbes geschlossen war. Das letzte Mal, dass mein Vater aus einem anderen Grund als diesem nicht geöffnet hatte, war der Tag meiner Geburt gewesen. Ich spähte durch das Schaufenster, drinnen war alles dunkel. Unbehagen kam in mir auf. Vielleicht stimmte etwas nicht, womöglich war er oder meine Mutter krank. Ein Schauder lief mir über den Rücken, während ich mich in Richtung ulica Miodowa auf den Weg machte.

Nur ein paar Minuten später betrat ich den schwach beleuchteten Flur jenes Hauses, in dem ich bis zur Heirat mein ganzes Leben verbracht hatte. Die Luft war beißend und schwer vom Geruch nach Kohl und Zwiebeln. Ich ging die Treppen hinauf und stellte schließlich schwer atmend mein Gepäck ab, dann öffnete ich die Wohnungstür. “Hallo?”, rief ich und ging ins Wohnzimmer. Die Morgensonne schickte ihre Strahlen durch die zwei Fenster in den Raum. Als ich mich umsah, dachte ich daran, wie wenig es mir ausgemacht hatte, in solch beengten Verhältnissen aufzuwachsen. Seit ich aber mit Jakub verheiratet war und bei seiner Familie wohnte, kam mir das Zuhause meiner Kindheit irgendwie verändert vor. Bei meinem ersten Besuch nach unseren Flitterwochen waren mir die vergilbten Gardinen und die ausgefransten Sofakissen zuwider gewesen, so als würde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, wie klein und unordentlich unsere Wohnung war. Ich empfand Schuldgefühle, dass ich meine Eltern hier zurückließ, während ich mit Jakub im Komfort lebte. Doch sie schien es nicht zu stören, schließlich war dies hier das einzige Zuhause, das sie kannten. Und jetzt muss ich wieder hier leben, dachte ich und wünschte, es müsste nicht so sein. Sofort schämte ich mich für meine Überheblichkeit.

“Hallo?” Diesmal hatte ich meine Stimme etwas angehoben. Keine Antwort. Ich sah zur Uhr über dem Kamin. Es war halb neun. Mein Vater sollte schon vor Stunden in die Backstube gegangen sein, wohingegen meine Mutter nie so früh aufstand wie er, also hätte sie zu Hause sein müssen. Irgendetwas stimmte nicht. Ich atmete tief durch und stellte fest, dass es nicht nach dem üblichen Frühstück meiner Mutter roch, das aus Eiern und Zwiebeln bestand. Beunruhigt lief ich ins Schlafzimmer. Einige Schubladen der Kommode standen offen, Kleidungsstücke hingen heraus. Meine Mutter hätte niemals die Wohnung verlassen, ohne zuvor Ordnung zu schaffen. Dann sah ich, dass die graue Wolldecke verschwunden war, die üblicherweise am Fußende auf dem Bett meiner Eltern lag.

“Mama?” Wieder keine Antwort. Ich spürte, wie Panik in mir aufstieg. Ich eilte durch das Wohnzimmer zurück in den Hausflur und sah die Treppe hinunter. Bis auf den Nachhall meiner Schritte war im Gebäude alles still. Ich hörte keines der sonst üblichen Geräusche, die durch die hauchdünnen Wände drangen – Menschen, die sich unterhielten, das Scheppern von Kochtöpfen, laufende Wasserhähne. Mein Puls schlug ohrenbetäubend laut. Offenbar waren alle verschwunden! Ratlos blieb ich stehen.

Plötzlich kam ein leises Knarren aus dem oberen Teil des Treppenhauses. “Hallo?”, rief ich und ging einige Stufen hinauf. Durch das Geländer konnte ich ein Stück blauen Stoffs erkennen. “Ich bin Emma Gerschmann”, sagte ich und benutzte meinen Mädchennamen. “Wer ist da?” Ich kam gar nicht erst auf den Gedanken, Angst zu empfinden. Ich hörte einen Schritt, dann noch einen. Ein Junge, nicht viel älter als zwölf, kam zögernd die Treppe herunter. Ich erkannte ihn als eines der vielen Kinder des Ehepaars Rosenkrantz aus dem dritten Stock. “Du bist Jonas, stimmt’s?”, fragte ich. Er nickte. “Wo sind alle?”

Fast eine Minute lang schwieg er, und als er endlich antwortete, war seine Stimme so leise, dass ich ihn kaum verstehen konnte. “Ich habe auf dem Hof gespielt, als sie kamen.”

“Wer kam, Jonas?”, fragte ich und fürchtete mich bereits jetzt vor der Antwort.

“Männer in Uniformen. Ganz viele.”

“Deutsche?” Wieder nickte er. Meine Beine wollten mir wegsacken, und ich musste mich am Geländer festhalten. “Wann?”

“Vor zwei Tagen. Alle mussten gehen. Meine Familie auch, und Ihre.”

Mir drehte sich der Magen um. “Wohin sind sie gegangen?”

Er zuckte mit den Schultern. “Nach Süden zum Fluss. Alle trugen Koffer und Taschen.”

Nach Süden? Ins Ghetto, dachte ich und ließ mich auf den Treppenabsatz sinken. Die Nazis hatten begonnen, eine Mauer um ein ganzes Viertel im südlichen Stadtteil Podgorze zu errichten. Alle Juden aus den umliegenden Dörfern mussten dorthin umziehen. Mir war aber nie der Gedanke gekommen, dass man meine Familie ebenfalls umsiedeln könnte, schließlich lebten wir bereits in einem jüdischen Viertel. “Ich habe mich versteckt, bis sie weg waren”, fügte Jonas leise hinzu. Ich sprang auf und lief zurück zu unserer Wohnung. An der Tür blieb ich stehen. Die Mezuzah war nicht mehr da, jemand hatte sie aus dem Türrahmen gerissen. Ich berührte die Stelle, wo der kleine metallene Behälter über Jahrzehnte hinweg gehangen hatte. Mein Vater musste ihn entfernt haben, bevor sie gingen. Er hatte gewusst, sie würden nicht mehr wieder herkommen.

Ich musste sie finden. Nachdem ich die Wohnungstür zugezogen und mein Gepäck an mich genommen hatte, wandte ich mich an Jonas, der mir nach unten gefolgt war. “Jonas, du kannst nicht hierbleiben. Du bist hier nicht in Sicherheit”, sagte ich zu ihm. “Hast du irgendjemanden, zu dem du gehen kannst?” Er schüttelte den Kopf. Ich konnte ihn unmöglich mitnehmen. “Hier.” Ich kramte ein paar von den Münzen hervor, die Jakub für mich zurückgelassen hatte, und drückte sie dem Jungen in die Hand. “Kauf dir davon etwas zu essen.”

Er steckte das Geld in seine Hosentasche. “Wohin gehen Sie?”

Ich zögerte. “Ich versuche, meine Eltern zu finden.”

“Gehen Sie ins Ghetto?”

Überrascht schaute ich ihn an. Mir war nicht klar gewesen, dass er wusste, wohin man die Leute gebracht hatte. “Ja.”

“Die werden Sie nicht wieder weggehen lassen!”, rief Jonas ängstlich. Wieder zögerte ich. In meiner Eile war mir gar nicht eingefallen, dass man mich im Ghetto ebenfalls festhalten könnte.

“Ich muss jetzt gehen. Pass du gut auf dich auf und halt dich versteckt.” Ich legte eine Hand auf die Schulter des Jungen. “Wenn ich deine Mutter sehe, werde ich ihr ausrichten, dass du wohlauf bist.” Ohne auf eine Antwort zu warten, machte ich kehrt und rannte die Treppen hinunter, so schnell ich konnte.

Draußen blieb ich stehen und sah in beide Richtungen die verlassene Straße entlang. Ich begriff, dass die Deutschen das ganze Viertel geräumt haben mussten. Reglos stand ich da und überlegte, was ich tun sollte. Natürlich hatte Jonas recht. Wenn ich erst einmal im Ghetto war, würde man mich von dort nicht wieder weglassen. Doch welche andere Wahl blieb mir? In unserer Wohnung konnte ich nicht bleiben. Vermutlich war es sogar gefährlich, hier auf der Straße zu stehen. Verzweifelt wünschte ich mir, Jakub wäre hier. Er wüsste, was zu tun war. Aber wenn er hier gewesen wäre, hätte ich gar nicht erst das Haus seiner Familie verlassen müssen, und alles wäre noch in Ordnung. So jedoch stand ich allein auf der Straße, ohne zu wissen, an wen ich mich wenden sollte. Ich fragte mich, wie weit Jakub inzwischen gekommen war. Ob er mich allein gelassen hätte, wenn ihm klar gewesen wäre, was mir so kurz nach seiner Flucht zustoßen würde?

Ich werde ins Ghetto gehen, beschloss ich. Ich musste einfach wissen, ob meine Eltern dort waren und wie es ihnen ging. Wieder nahm ich Koffer und Taschen auf, dann machte ich mich zügig auf den Weg in Richtung Süden. Meine Schritte und das gelegentliche Schleifen des Koffers auf dem Pflaster waren die einzigen Geräusche, die die frühmorgendliche Stille störten. Ich begann zu schwitzen, und meine Arme taten mir weh, während ich mich an diesem trüben Herbstmorgen mit dem viel zu schweren Gepäck abmühte.

Wenig später erreichte ich das Ufer der Wisła, die unsere alte Welt von unserer neuen trennte. Am Fuß der Eisenbahnbrücke blieb ich stehen und sah zum gegenüberliegenden Ufer hinüber. Podgorze war für mich ein fremder Stadtteil, der vom Handel lebte und überlaufen war. Als mein Blick über die schmutzigen, heruntergekommenen Gebäude wanderte, konnte ich eben die Oberkante der Ghettomauer ausmachen. Ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken. Du wirst nur in einem anderen Teil der Stadt wohnen, sagte ich mir, doch dieser Gedanke konnte mich nicht trösten. Das Ghetto war nicht Kazimierz, es war nicht unser Zuhause. Ebenso gut hätte ich auf einem anderen Planeten leben können.

Einen Moment lang überlegte ich, ob ich kehrtmachen und davonlaufen sollte. Aber wohin? Ich atmete tief durch und machte mich daran, die Brücke zu überqueren. Meine Beine waren schwer wie Blei. Während ich mühsam einen Fuß vor den anderen setzte, schlug mir der Gestank von schmutzigem Wasser zwischen den Latten der Brücke hindurch entgegen. Dreh dich nicht um, ermahnte ich mich. Doch kaum hatte ich das gegenüberliegende Ufer erreicht, wandte ich mich fast gegen meinen Willen doch noch einmal um. Ich sah die Wawelburg, wie sie sich am Ufer mit ihren Dächern und Türmen majestätisch zum Himmel emporreckte und von der Sonne in ein goldenes Licht getaucht wurde. Ihre Erhabenheit erschien mir wie ein Verrat. Mein ganzes Leben lang hatte ich in ihrem Schatten gespielt und gearbeitet, war in ihm aufgewachsen. Diese Festung, über Jahrhunderte hinweg Sitz der polnischen Monarchie, hatte mir ein Gefühl von Sicherheit gegeben. Und jetzt kam es mir vor, als würde ich ausgestoßen. Ich war auf dem Weg ins Gefängnis, doch die Burg schien von meiner Misere nichts wahrzunehmen. Kraków, die Stadt der Könige, war nicht länger meine Stadt. An einem Ort, den ich immer als mein Zuhause betrachtet hatte, war ich zu einer Fremden geworden.

3. KAPITEL

Vom Fuß der Brücke aus ging ich ein paar hundert Meter an der Umgrenzungsmauer des Ghettos entlang. Die Oberkante dieser Mauer hatte die Form großer Bögen, jeweils fast einen Meter breit. Ihr Aussehen erinnerte mich an Grabsteine, und beim Gedanken daran bekam ich Magenschmerzen. Als ich das eiserne Tor erreichte, das den Eingang zum Ghetto darstellte, blieb ich kurz stehen und musste tief durchatmen, ehe ich auf den deutschen Wachmann zutrat. “Name?”, fragte er bereits, noch bevor ich etwas sagen konnte.

“Ich … ich …”, stammelte ich hilflos.

Der Wachmann sah von seinem Klemmbrett auf. “Name?”, bellte er.

“Gerschmann, Emma”, brachte ich heraus.

Er sah auf seine Liste. “Die gibt’s hier nicht.”

“Nein, aber ich glaube, meine Eltern sind hier. Chaim und Reisa Gerschmann.”

Wieder durchsuchte er die Namensliste und blätterte weiter. “Ja, hier. Ulica Limanowa 21, Wohnung sechs.”

“Dann möchte ich bei ihnen sein.” Ein überraschter Ausdruck huschte über sein Gesicht, langsam öffnete er den Mund. Er wird mir sagen, ich darf nicht hinein, dachte ich und verspürte einen Moment lang Erleichterung. Doch dann überlegte er es sich anders, schrieb meinen Namen zu denen meiner Eltern auf die Liste und ging zur Seite, um mich durchzulassen. Ich zögerte und blickte in beiden Richtungen die Straße entlang, ehe ich das Ghetto betrat. Hinter mir fiel laut das Tor ins Schloss.

Drinnen schlug mir der Gestank menschlicher Ausscheidungen wie eine massive Wand entgegen, und ich musste mich zwingen, nicht zu würgen. Während ich bemüht war, nur flach und nicht durch die Nase zu atmen, fragte ich einen Mann nach der ulica Limanowa. Auf meinem Weg durch das Ghetto bemühte ich mich, nicht die ausgemergelten Passanten in ihrer schmutzigen Kleidung anzusehen, die mich – die Neue – mit unverhohlener Neugier anstarrten. Ich bog in die ulica Limanowa ein und ging bis zu der Hausnummer, die der Wachmann mir gesagt hatte. Das Gebäude machte auf mich den Eindruck, als sei es bereits zum Abriss vorgesehen. Ich öffnete die Haustür und stieg die Treppe hinauf. Im oberen Stockwerk angekommen, zögerte ich kurz und wischte die verschwitzten Handflächen an meinem Rock ab. Durch das verrottende Holz einer der Wohnungstüren hindurch hörte ich die Stimme meiner Mutter. Tränen stiegen mir in die Augen. Bis zu diesem Moment hatte ich nicht glauben wollen, dass meine Eltern tatsächlich hergebracht worden waren. Ich holte tief Luft, dann klopfte ich an.

“Nu?”, hörte ich meinen Vater rufen. Seine Schritte wurden lauter, dann öffnete er die Tür. Bei meinem Anblick bekam er große Augen. “Emmala!”, rief er, schlang seine Arme um mich und drückte mich so fest an sich, dass ich dachte, er würde mich zu Boden reißen.

Hinter ihm stand meine Mutter und hielt verkrampft ihre Schürze fest. Ein Schatten lag über ihren Augen. “Was machst du hier?”, wollte sie wissen. Als mein Vater mich endlich losließ, zog sie mich in die Wohnung.

Ich sah mich um und konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Hier sollten sie wohnen? Das Zimmer war klein und düster, modrig feuchter Schimmelgeruch lag in der Luft, die trübe Scheibe im einzigen Fenster wies einen Sprung auf. Dagegen wirkte unsere bescheidene Wohnung in Kazimierz fast luxuriös. Es war nicht zu übersehen, dass meine Mutter ihr Bestes gab, um es hier wohnlich zu machen. Vor dem Fenster hingen blassgelbe Vorhänge, und ein großes Laken teilte den Raum in zwei Bereiche – einen zum Schlafen und einen mit gerade eben Platz für zwei Stühle und einen kleinen Tisch. Trotz dieser Bemühungen bot die behelfsmäßige Unterkunft einen entsetzlichen Anblick.

“Ich kam nach Kazimierz, um bei euch zu bleiben, aber ihr wart nicht mehr da.” Mir entging nicht der vorwurfsvolle Unterton in meiner Stimme: Warum habt ihr mir nicht gesagt, wohin ihr geht? Warum habt ihr mir nicht wenigstens eine Notiz hinterlassen?

“Wir hatten nur eine halbe Stunde, dann mussten wir aus der Wohnung sein”, erklärte mein Vater und zog einen Stuhl zurück, damit ich mich setzen konnte. “Uns blieb keine Zeit, dir Bescheid zu geben. Wo ist Jakub?”

“Seine Arbeit”, antwortete ich nur. Meine Eltern nickten stumm. Meine Worte überraschten sie nicht, sie waren sich über Jakubs politische Aktivitäten durchaus im Klaren. Neben der Tatsache, dass er kein orthodoxer Jude war, hatten sie sich bei ihm auch an dieser Sache gestört.

“Du solltest nicht hier sein”, sagte mein Vater besorgt und ging in dem kleinen Zimmer auf und ab. “Wir sind älter, an uns wird sich vermutlich niemand stören. Es sind die Jüngeren, die sie …” Er musste den Satz nicht zu Ende führen. Wer im Ghetto den Deportationsbefehl erhielt, der saß in der Falle, ohne jede Möglichkeit zur Flucht.

“Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte”, erwiderte ich den Tränen nahe.

“Na ja”, meinte Mutter und nahm meine Hand. “Wenigstens sind wir jetzt wieder vereint.”

Am nächsten Morgen meldete ich mich im jüdischen Verwaltungsgebäude, um mich vom Judenrat erfassen zu lassen. Der Rat bestand aus einer Gruppe von Leuten, die von den Deutschen den Auftrag erhalten hatten, die inneren Angelegenheiten im Ghetto zu regeln. Ich bekam eine Arbeit im Waisenhaus zugewiesen. Man konnte von Glück reden, dass auch meine Eltern für akzeptable Arbeiten eingeteilt worden waren. Mein Vater war in der Küche der Kommune tätig, während meine Mutter als Schwester im Krankenhaus half. Uns allen war die gefürchtete Zwangsarbeit erspart geblieben, bei der Juden unter der Aufsicht von brutalen Deutschen schwerste körperliche Anstrengungen erdulden mussten.

Bereits am Nachmittag ging ich das erste Mal ins Waisenhaus. Es war vom Judenrat in der ulica Józefińska eingerichtet worden, in einem winzigen Gebäude, das aus Parterre und erstem Stock bestand. Im überbelegten Inneren war es recht dunkel, aber ein kleines Rasenstück hinter dem Haus bot den rund dreißig Kindern einen Platz zum Spielen. Die meisten von ihnen waren noch Kleinkinder, und fast ausnahmslos hatten sie ihre Eltern in der Zeit seit Kriegsbeginn verloren. Es machte mir Spaß, den Kleinen beim Spielen zuzusehen. Durch die spärlichen Essensrationen im Ghetto erschreckend mager geworden, waren sie doch noch Kinder und nahmen kaum Notiz von den Dingen um sich herum – von der abscheulichen Umgebung, von der alltäglichen Gewalt und der düsteren Tatsache, dass sie keine Eltern mehr hatten, die sich in dieser kalten, erbarmungslosen Welt um ihr Wohl sorgten.

Obwohl mich die Arbeit von meinen eigenen Problemen ablenkte, musste ich doch immer wieder an Jakub denken. Durch die Anwesenheit der Kinder wurde ich mehr als einmal daran erinnert, dass wir längst selbst eine Familie hätten haben können, wäre der Krieg nicht gekommen. Nachts durchlebte ich in Gedanken noch einmal unsere gemeinsamen Momente, sein Werben um mich, unsere Hochzeit und die Zeit danach. Während ich im Bett lag und an die niedrige Decke starrte, dachte ich an die Male, die wir miteinander geschlafen hatten, an die stillen, unerwarteten Freuden, die Jakub mir wie beiläufig beigebracht hatte. Wo war er jetzt? Jede Nacht war ich voller Sorge um ihn. Und ich fragte mich, wer wohl bei ihm war. Es musste auch Frauen im Widerstand geben, obwohl Jakub mich bislang nicht gefragt hatte, ob ich mich ihm anschließen wollte. Von Scham erfüllt rätselte ich nicht, ob Jakub verwundet oder ob ihm warm genug war, sondern ob eine mutigere, forschere Frau als ich ihm sein Herz gestohlen hatte.

Mir fehlte aber nicht nur Jakub, sondern jegliche Form von Gesellschaft. Meine Eltern waren nach ihren zwölfstündigen Schichten am Abend so abgekämpft, dass sie gerade noch Kraft genug besaßen, um ihre Rationen zu essen und sich dann schlafen zu legen. Das Ghetto forderte von beiden einen gewaltigen Tribut, obwohl sie erst seit Kurzem hier waren. Mir kam es vor, als seien sie über Nacht um Jahre gealtert. Für meinen einst so gesunden und starken Vater schien jeder Schritt eine enorme Anstrengung zu bedeuten. Auch meine Mutter bewegte sich deutlich langsamer und mühsamer. Ihr volles kastanienfarbenes Haar wirkte nun spröde und war von grauen Strähnen durchzogen. Ich weiß, sie beide fanden nachts nur wenig Schlaf. Manchmal, wenn ich im Bett lag, konnte ich das erstickte Schluchzen meiner Mutter durch den Vorhang hören, der unsere Schlafquartiere voneinander trennte. “Reisa, Reisa”, sagte mein Vater dann immer wieder, um sie zu beruhigen. Ihr Weinen versetzte mich jedes Mal in Unruhe. Meine Mutter war in dem kleinen Dorf Przemysl in einer östlichen Region aufgewachsen, die bis zum Großen Krieg unter russischer Kontrolle stand und Schauplatz plötzlicher, heftiger Gewaltausbrüche gegen die jüdische Bevölkerung wurde. Mutter war Zeuge gewesen, wie man Häuser in Brand setzte, wie man den Bauern ihr Vieh wegnahm und jeden ermordete, der an Widerstand auch nur dachte. Es war die Brutalität der Pogrome gewesen, die sie veranlasst hatte, Richtung Westen nach Kraków zu fliehen, nachdem ihre Eltern durch die erbarmungslosen Lebensbedingungen erkrankten und schließlich gestorben waren. Ihr selbst war es gelungen zu überleben, doch sie wusste, wir hatten allen Grund, uns vor dem zu fürchten, was uns erwartete.

Mit den anderen Frauen, die im Waisenhaus arbeiteten, verband mich nicht viel. Sie waren fünfzig und älter, die meisten kamen aus den Dörfern. Nicht dass sie unfreundlich gewesen wären, doch so viele Kinder zu baden, zu füttern und zu beaufsichtigen, ließ nur wenig Zeit für private Gespräche. Hadassa Nederman war diejenige, die noch am ehesten wie eine Freundin für mich war. Die beleibte Witwe aus dem nahe gelegenen Dorf Bochnia fand immer Zeit für ein freundliches Wort oder einen kleinen Scherz. Sie hatte ein rundliches Gesicht und schien immer nur zu lächeln. Wenn die Kinder ihren Mittagsschlaf hielten, blieben uns bei einer Tasse wässrigem Tee einige Minuten, um ein paar Worte zu wechseln. Zwar konnte ich Hadassa nicht von Jakub erzählen, doch sie schien meine Einsamkeit zu spüren.

Eines Tages – ich arbeitete seit rund zwei Monaten im Waisenhaus – kam Hadassa zu mir und stellte mich einem dunkelhaarigen Mädchen vor, das die gleiche Leibesfülle aufwies wie sie selbst. “Emma, das ist meine Tochter Marta.”

“Hallo!”, rief Marta überschwänglich und warf sich mir an den Hals, als wären wir alte Bekannte. Ich fand sie auf Anhieb sympathisch. Sie war ein paar Jahre jünger als ich, ihre leuchtenden Augen blickten durch eine unsäglich große Brille in die Welt, und die wilden dunklen Locken standen in alle Richtungen ab. Sie lächelte, dabei redete sie unentwegt. Martas Aufgabe war es, für den Judenrat Nachrichten und Päckchen zu übermitteln – innerhalb des Ghettos und manchmal sogar auch nach draußen.

“Du musst zu unserem Schabbes-Abendessen kommen”, erklärte sie, nachdem wir uns einige Minuten lang unterhalten hatten.

“Bei deiner Familie?”, fragte ich verwirrt. Die wenigsten Menschen im Ghetto gaben zu, den Sabbat zu begehen, ganz zu schweigen davon, dass jemand dazu Gäste einlud.

Sie schüttelte den Kopf. “Meine Freunde und ich treffen uns jeden Freitagabend. Gleich da drüben.” Bei diesen Worten zeigte sie auf ein Gebäude gegenüber dem Waisenhaus. “Ich habe dort schon angefragt, nachdem mir meine Mutter von dir erzählt hatte. Sie sagten, du kannst ruhig hinkommen.”

Ich zögerte und dachte an meine Eltern. Schabbes im Ghetto umfasste nur uns drei, aber wir feierten ihn jede Woche. Mein Vater schmuggelte stets einen winzigen Challah-Brotlaib aus der Küche, in der er arbeitete, und meine Mutter zündete ein paar Kerzen aus unserem wertvollen Restbestand an. Sie stellte sie auf einen Teller, da sie die Kerzenhalter in Kazimierz zurückgelassen hatte. So anstrengend und zermürbend die Arbeit unter der Woche auch war, am Freitagabend schienen meine Eltern neue Kraft zu schöpfen. Sie drückten den Rücken durch, der sonst von der Belastung gebeugt war, und ihre Wangen nahmen wieder ein wenig Farbe an, wenn sie mit leiser, aber dennoch fester Stimme die Sabbatgebete sprachen. Stundenlang saßen wir dann zusammen und erzählten uns gegenseitig die Anekdoten, für die wir an den übrigen Tagen einfach zu müde waren. Mir widerstrebte die Vorstellung, meine Eltern allein zu lassen, auch wenn es nur für einen einzigen Freitag war.

“Ich werde es versuchen”, versprach ich Marta, hielt es aber für unwahrscheinlich, tatsächlich hinzugehen. Um ehrlich zu sein, es war nicht nur Sorge um meine Eltern, die mich abhielt. Ich war auch schüchtern, und die Vorstellung, einen Raum voller Fremder zu betreten, machte mich nervös. Doch je näher der Freitag rückte, umso mehr verspürte ich den Wunsch, Marta zu begleiten. Am Donnerstagabend sprach ich schließlich meine Eltern darauf an.

“Geh hin”, erwiderten sie beide gleichzeitig und sichtlich erfreut. “Du brauchst Menschen in deinem Alter um dich.”

Als am Nachmittag darauf meine Schicht im Waisenhaus vorüber war und wir allen Kindern etwas zu essen gegeben hatten, stand auf einmal Marta in der Tür. “Fertig?”, fragte sie, als hätte meine Teilnahme an diesem Abendessen nie infrage gestanden. Gemeinsam überquerten wir die ulica Józefińska und gingen zum Haus Nummer 13.

Marta lief durch das schwach beleuchtete Treppenhaus voran und betrat eine Wohnung, deren Tür nicht verschlossen war. Wir gelangten in einen schmalen, lang gestreckten Raum, von dem es gleich rechts in eine kleine Küche und ein Stück weiter in ein anderes Zimmer abging. Die verschossenen und ausgefransten Vorhänge waren zugezogen, ein langer Holztisch nahm den Großteil des Raums ein. Um ihn verteilt standen mehrere, nicht zueinander passende Stühle. Marta stellte mich gut einem Dutzend junger Leute vor, von denen einige am Tisch saßen, während andere im Zimmer umhergingen. Ich konnte mir nur wenige Namen merken, doch das schien niemanden zu stören. Offenbar waren Neuzugänge hier nichts Ungewöhnliches, und durch die Art, wie die anderen miteinander scherzten, vergaß ich schnell meine Nervosität. Ein paar der Anwesenden hatte ich schon hier und da auf den Straßen des Ghettos gesehen, doch nun kamen sie mir wie verwandelt vor, da sie nicht die übliche düstere Miene zur Schau trugen. Stattdessen wirkten sie von Leben erfüllt, redeten und lachten mit ihren Freunden, als sei das Ghetto Welten entfernt.

Nach einigen Minuten läutete jemand eine kleine Glocke, und wie auf ein geheimes Zeichen hin verstummten alle und scharten sich um den Tisch, um sich einen Platz zu suchen. Ich sah mich um und zählte mindestens achtzehn Leute. Es kam mir eigentlich so vor, dass das Zimmer für so viele Menschen viel zu klein war, und doch fand jeder Platz. Schulter an Schulter stand ich mit den anderen da und wartete.

Plötzlich wurde die zweite Tür am anderen Ende des Raums geöffnet, zwei Männer traten ein. Der eine war stämmig und etwa Anfang zwanzig, der andere ein wenig größer und älter, außerdem trug er einen gepflegten Kinnbart. Die Männer stellten sich hinter die beiden Stühle, die am Kopfende des Tischs frei geblieben waren. Eine junge Frau neben ihnen zündete die Kerzen an. Alle sahen ihr dabei zu, wie sie ihre Hände dreimal um die Flammen kreisen ließ und dabei das Sabbatgebet sprach.

“Das ist Alek Landsberg”, flüsterte Marta mir zu und deutete auf den Älteren. “Er leitet sozusagen die Gruppe.”

“Schalom aleichem”, begann der Mann mit einer wohlklingenden Baritonstimme zu singen, die Gruppe stimmte in seine traditionelle Begrüßung des Sabbats ein. Ich sah mich am Tisch um. Noch vor einer Stunde war mir jeder der Anwesenden fremd gewesen, doch jetzt, im Schein des Kerzenlichts, erschienen mir die Gesichter so vertraut wie die meiner Familie. Während die Leute sangen, hoben sie ihre Stimmen an und schufen einen Klangteppich, der diesen Raum von der schrecklichen, hoffnungslosen Welt da draußen abschottete. Mir kamen die Tränen, und kaum bemerkte Marta meine Reaktion, drückte sie meine Hand.

Als wir zu Ende gesungen hatten, setzten wir uns. Alek hob ein Weinglas und erteilte den Kiddush-Segen. Dann sprach er das Motze über das Challah-Brot, ehe er Salz über den Laib streute, ihn aufschnitt und herumreichte. Dieses Brot stammte eindeutig nicht aus dem Ghetto, denn es hatte eine dicke Kruste und war innen so locker, wie ich es von früher aus der Bäckerei meines Vaters kannte. Kaum hatte ich den Teller weitergereicht, bereute ich, dass ich nicht ein zusätzliches Stück Brot für meine Eltern hatte einstecken können.

Dann standen mehrere junge Frauen auf und brachten aus der Küche dampfende Kochtöpfe herein, aus denen sie Hühnchen, Karotten und Kartoffeln auf die bereitstehenden Teller verteilten. Mein Magen begann bei diesem Anblick zu knurren. Auch das war sicher kein Essen, das aus dem Ghetto kam.

Während des Mahls unterhielten sich die anderen unablässig. Zwar waren sie freundlich, aber doch so vertieft in ihre Gespräche, dass sie oft Anspielungen machten, ohne mir zu erklären, von was sie da redeten. Ich hörte interessiert zu, wie Marta sich über meinen Kopf hinweg mit dem Mädchen rechts von mir über einige Jungs unterhielt, um dann mit zwei Männern zu ihrer Linken darüber zu diskutieren, ob die Vereinigten Staaten in den Krieg eintreten sollten oder nicht. Mich störte es nicht, dass sich niemand direkt an mich wandte oder mir eine Frage stellte. Plötzlich bemerkte ich, wie der Mann am Kopfende des Tischs, der das Gebet gesungen hatte, in meine Richtung schaute. Er flüsterte seinem Tischnachbarn etwas zu, während ich spürte, wie meine Wangen in dem viel zu vollen und viel zu warmen Zimmer rot wurden.

Nach dem Essen servierten die jungen Frauen heißen Tee. Die meisten Tassen wiesen Sprünge auf und passten nicht zu den jeweiligen Untertassen. Ein junger Mann begann auf seiner Gitarre zu spielen, während die anderen es sich auf ihren Stühlen bequem machten und dabei so glücklich und entspannt wirkten, als würden sie die Sommerferien im Kurbad von Krynice verbringen. Stundenlang sangen wir jiddische und hebräische Lieder, von denen ich einige seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Erst als Marta und ich aus Angst vor der Ausgangssperre nicht noch länger zu bleiben wagten, bedankten wir uns bei den anderen und machten uns auf den Weg.

Von diesem Tag an verbrachte ich jeden Freitagabend in der ulica Józefińska, trotz der Schuldgefühle, die ich hatte, weil ich den Sabbat nicht gemeinsam mit meinen Eltern begrüßte. Doch in diesen wenigen Abendstunden konnte ich vergessen, wo ich war und was sich um mich herum ereignete. Das Schabbesessen entwickelte sich für mich zum Höhepunkt einer jeden Woche.

Gut einen Monat später kam Helga – die Frau, die jeden Freitag die Mahlzeiten zubereitete – auf Marta und mich zu, als wir gerade unsere Mäntel anzogen, um nach Hause zu gehen. “Alek würde dich gern sprechen”, sagte sie zu mir.

Mein Magen verkrampfte sich. Marta warf mir einen fragenden Blick zu, worauf ich mit einem gespielt lässigen Schulterzucken reagierte. “Du musst nicht auf mich warten”, ließ ich sie wissen. Helga zeigte auf die Tür am anderen Ende des Zimmers. Nervös ging ich dorthin und überlegte angestrengt, ob ich mir wohl Aleks Ärger zugezogen hatte. Aber als ich an der halb offen stehenden Tür anklopfte, winkte er mich freundlich zu sich herein.

Das Hinterzimmer war nicht halb so groß wie der andere Raum, ein kleiner, mit Papieren übersäter Tisch stand dort, außerdem ein paar Stühle und ein Feldbett. “Emma, ich bin Alek”, begrüßte er mich lächelnd und hielt mir seine Hand hin. Ich schüttelte sie und wunderte mich, dass er meinen Namen kannte. Dann stellte er mich dem stämmigeren Mann vor, der beim Essen neben ihm gesessen hatte. “Das ist Marek.” Der Mann nickte, legte einen Stoß Papiere zusammen und entschuldigte sich dann.

“Setz dich doch”, bat mich Alek und deutete auf einen Stuhl, ich nahm auf der äußersten Kante Platz.

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