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Der Koffer

Impressum

ISBN 978-3-8412-0638-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juni 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Copyright © 2006 by Diana Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Anika Wien

unter Verwendung eines Motivs von © Scott Rothstein/iStockphoto

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

»Man weiß eigentlich nicht so viel über seine Eltern …
im Nachhinein möchte ich mir wünschen, dass sie mich geliebt haben.«

wolfgang kohlhaase

ERSTES KAPITEL

»Ich weiß nicht, ob das ’ne gute Idee ist.« Rhett hockt hinterm Lenkrad, als fürchte er, sich den Kopf zu stoßen. »Zumal es gleich regnet.«

»Guck nach links«, mahnt Sonnie, die kalte Nase an der warmen Scheibe. »Es ist eine wunderbare Idee, und nachher setzen wir uns zu Hause aufs Parkett und saufen uns ins Koma.«

Ihre Blicke treffen sich wie eilige Passanten.

»Werden wir nackt sein?«, fragt Rhett.

Sonnie sieht Mia Farrow und John Cassavetes auf dem Parkett in einer leeren Wohnung. Sie sieht Maria Schneider und Marlon Brando auf dem Parkett in einer leeren Wohnung. Alle nackt.

»Nicht ausgeschlossen«, sagt sie.

Rhett spürt ein Kribbeln in der Eichel.

»Stopp!«, ruft Sonnie.

Auf ihrer Straßenseite ist ein halber Hausstand aufgetürmt. Zwei Chinesen wühlen drin. Als sie das Auto sehen, wackeln sie wie Pinguine in den Rachen der Nacht. Zehn Meter weiter stoppt Rhett den Lincoln.

»Mein Gott, ich dachte, ich hab jemanden überfahren!«

»Ganz frisch«, sagt Sonnie. »Das Sofa ist noch gar nicht nass.«

Sie springt aus dem Auto. Rhett fährt weiter. Ein Fluchtinstinkt. Er fürchtet Sonnies wilden Aktionismus. Er hat einen Heidenrespekt vor ihrer Impulsivität. Am Straßenrand im Regen Möbel zu suchen, das entzieht sich seiner Vernunft und seinem Ordnungssinn. Sonnies Verhalten ist oft befremdend. Gleichzeitig bestätigt es seinen Wunsch, sich selbst zu komplettieren. Er hat Sonnie, weil er sich Sonnie nicht ausdenken kann. Seine Fantasie reicht nicht aus, um sich Sonnie auszudenken. Ihr heller Kopf, ihr schöner Arsch.

»Jetzt bleib doch hier! Pack mit an«, ruft Sonnie dem Lincoln nach. Aber der biegt schon um die Ecke. Sie dreht sich um. Kopfschüttelnd. Rhett sucht einen Parkplatz. Es regnet gleich. Sie braucht ihn jetzt. Und er sucht einen Parkplatz. In Paris waren sie eine Woche lang überallhin zu Fuß gegangen, weil Rhett sich nicht entschließen konnte, den Parkplatz gleich vorm Hotel aufzugeben.

Sonnie läuft zurück. Sie schwitzt in ihrer Herbstjacke. Für einen Moment beschleicht sie das Gefühl, Rhett zu diesem Schritt gezwungen zu haben. Sie hat ihn umgarnt, sie hat ihn manipuliert, sie hat ihn mit der Spitzhacke aus seiner Beziehung gehauen. Ein Blitz wirft einen Fetzen Tag auf den Müllberg.

When you see the lightning, you count til you hear the thunder.

Sonnie zählt einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Der Donner kommt auf vierundzwanzig. Er verzehnfacht Volumen und Anzahl der Tropfen. Sie sind enttäuschend warm. Sie platzen auf Sonnies Stirn. Schränke, Regale, Koffer, Reisetaschen, Kartons und Mülltüten. Alles nass.

Das Sofa auch. Wie ein großer Schwamm. Keine Spur von Rhett. Sonnie bückt sich nach einem Koffer, ein »Lady Baltimore«, rot, dreißiger Jahre, von rauem Kakerlakendreck überzogen. Die Schlösser geben nicht nach. Sonnie umfasst den nassen Bakelithenkel. Sie hebt den Koffer an. Er ist schwer.

Da kommt Rhett angefahren. Er hupt.

»Kein Parkplatz«, ruft er.

»Ist okay. Lass uns Schluss machen für heute.«

Er öffnet von innen die Wagentür. »Schatz gefunden?«

»Yep!«

Sonnie wuchtet den »Lady Baltimore« auf die Rückbank. Rhett lächelt.

»Du bist ja ganz nass«, sagt er.

Sonnie fährt mit den Fingern durch sein langes Haar und bleibt hängen.

»Du bist ja ganz trocken.«

Es ist seine Alltagsuntüchtigkeit, die sie immer angerührt hat.

Sie sieht verführerisch aus, so nass, denkt Rhett. Sie ist schön. Sie ist stark. Sie hat ihren eigenen Kopf. Sie ist eine von den Frauen, bei denen man nie weiß.

Zu Hause.

Sonnie schließt die Tür auf.

Rhett umarmt Sonnie.

Rhett ist viel größer als Sonnie.

Rhetts Erektion sticht in ihren Nabel wie ein Dorn. Jede Umarmung verliert die Unschuld durch den Nabeldorn. Außerhalb von Erektionen sieht Rhett wenig Anlass zu Umarmungen. Außerhalb von Umarmungen sieht er jedoch stets Anlass zu Erektionen.

Fünf Tage später kommt Rhett aufgebracht nach Hause. Ihr Zuhause ist Teil einer Fabriketage, in welcher abgerissene Künstler ein schattenhaftes Dasein führen. Rhett hat den Tonfall gekränkter Rechtschaffenheit. Das ist neu. Aus dem Liebhaber schält sich ein Ehemann heraus. Über alles breitet Rhett ein Planquadrat von Ordnung und Vernunft. Kakerlaken. In seinem Lincoln. Das ginge ja wohl zu weit.

»Und alles nur wegen deines Hangs zum Unrat.«

Der Koffer! Sonnie erinnert sich jäh. »Wo ist er?«

»Auf dem Müll«, sagt Rhett und wäscht sich die Hände. Rhett wäscht sich häufig die Hände. Sonnie verspürt den Wunsch, allein zu sein. Wie sehr hat sie sich gesehnt, jahrelang, ihn endlich zu haben, nicht mehr teilen zu müssen, herzeigen zu können. Wie viel Kraft und Zeit hat es sie gekostet, ihm abzutrotzen, was man hier Commitment nennt.

»Das hast du nicht getan! Nicht wegen einer Kakerlake! Wir sind hier in New York!« Sonnie ist eine Zugereiste. Sie hat eine romantische Sicht auf New York.

»Was soll dieser Satz?«, sagt Rhett. »Warum sagt jeder, wenn ihm die Argumente ausgehen, ›Wir sind hier in New York‹?«

Rhett ist hier geboren. Er hat eine pragmatische Sicht auf New York.

»Jetzt sei mal nicht albern. Wir sind hier in New York! Da gehören Kakerlaken zur Familie. Und jetzt sei so lieb, geh runter und hol mir den Koffer.«

Es ist eine ihrer wenigen Gemeinsamkeiten, dass sie im Zusammenhang mit New York schnell emotional werden.

»Ich bin nicht so lieb …« Rhett macht Sonnie nach. »… ich hole dir den Koffer nicht. Diese Wohnung ist insektenfrei, und sie wird es auch bleiben.«

Stille.

Rhett geht Hände waschen. Sonnie läuft ihm nach.

»Wo ist er?«, fragt sie, provoziert von Rhetts Händewascherei. »Ich hab dich was gefragt!«

»Im Hof neben den Mülltonnen.«

Rhett steht jetzt im Türrahmen. Sie drückt ihn mit dem Hintern aus dem Weg und geht barfuß zum Fahrstuhl.

»Wenn du den Koffer in unsere Wohnung bringst«, ruft er ihr nach, »brauchst du mit mir heute nicht mehr zu rechnen.«

Die Fahrstuhltür springt auf. Gong steckt das knochenlose Flundergesicht heraus.

»Letzte Fuhle!« Gong klopft auf seine gefälschte Rolex.

»Einmal noch hoch?«, fragt Sonnie. Gong kichert, als könne er speziell Sonnie nichts abschlagen.

»Balfuß?« Gong zeigt auf Sonnies nackte Füße. Sie nickt. Alles scheint sich aufs Günstigste zu fügen. Sie will Rhett ja nur für heute loswerden, nur für einen Abend. Das ist ihr Koffer, sie hat ihn gefunden, sie hat ihn im strömenden Regen erkämpft, sein Inhalt geht nur sie etwas an. Später bei der Versöhnung mit Rhett – auf Anfrage auch nackt – wird sie sagen, er hätte ihr keine Wahl gelassen mit seiner albernen Entscheidungsfrage.

Im Hof zerfetzt ein Hund eine Bush-Gummipuppe.

Der Rasen ist kühl, feucht, stachelig. Der Koffer leuchtet blutrot neben den Mülltonnen. Kinder in zu großen Sachen streichen um ihn herum. Sonnie verscheucht sie, packt ihn, läuft zurück ins Haus, steigt in den Fahrstuhl, kurzatmig vor Gier. Sie hat ein Faible für alte Koffer. Es ist ihre Patina, das Gewesene, Weitgereiste, das sie wehmütig macht und erregt.

»Velleisen?« Gongs Augäpfel bewegen sich unter den Hautwülsten seiner verquollenen Augen wie Parasiten. Sonnie stellt den Koffer ab und pustet sich die Haare aus dem Gesicht. Tagelang hatte sie ihn komplett vergessen, jetzt will sie keine Sekunde länger warten.

Ein junger Mann in einer beklecksten Latzhose lümmelt vor einer Staffelei, Pinsel in der rechten Hand, Zigarette in der linken.

Sonnie trägt den Koffer an dem Latzhosenmann vorbei.

Sonnie trägt den Koffer an Rhett vorbei.

Rhett steht im Loft. Seine hechtgrauen Augen flackern.

Er reibt sich den Sieben-Tage-Bart und dreht seinen Borsalino in der Hand.

Über die mimische und gestische Darstellung seiner Unentschlossenheit hat Rhett vergessen, was er eigentlich wollte.

»Letzte Fuhle«, quengelt Gong und klopft auf sein Handgelenk.

Rhett erinnert sich. »Ich komme!« Seine Rückenwirbel drücken sich durch den Trenchcoat.

Nanu, denkt Sonnie, wo geht er hin? Er hat keine Stammkneipe, er hat keine Freunde, der Botanische Garten ist schon zu.

Die Wohnungstür fällt ins Schloss. Sonnie hat Rhett vergessen. Sie kniet sich hin. Sie beugt sich über den Koffer. Die Haare fallen ihr ins Gesicht.

Die Hände gleiten über die rote Bakelithaut.

Wunde Kuppen betasten rostige Schlösser.

Sie wollen sie öffnen, aber rutschen ab und hinterlassen feuchte Spuren.

Sonnie ist von Geburt an ungeschickt. Sie verwechselt links und rechts. Sie parkt ein wie der erste Mensch. Sie kriegt keinen Nagel in die Wand. Sie kann kein Blut sehen. Zwei linke Hände eben. Typisch Frau. Weibliche Klischees. Zum Kotzen.

Aus der Küche, die nicht mehr als eine Nische ist, holt sie das Messer. Rhett und sie hatten Hab und Gut bei ihren Partnern zurückgelassen. Morgens um drei hatten sie bei Key Food neues Besteck gekauft, kichernd wie ein Studentenpaar. Dazu ein Küchenmesser für 2,99 Dollar, das den Vermerk »sehr scharf« trägt. Das Messer steckt noch in der Plastikhülle. Sonnie reißt sie auf, ungeduldig, so ungeduldig, dass sie sich bis zum Knochen in den Daumen schneidet.

Sonnie wird schwarz vor Augen. Die Sensation drohender Ohnmacht wird begleitet von plötzlicher Schwäche, von einem Schwapp Kohlendioxid, das in alle Blutgefäße kriecht. Sonnies Blut flimmert und prickelt. Macht Tropfmuster aufs Parkett, blutrot, kofferrot. Sie widersteht dem Impuls, sich fallen zu lassen. Sie kniet auf dem Parkett und atmet tief. Ihr Blick fällt auf eine Schüssel, die auf dem Parkett steht. Eine Schüssel mit flaumigen weißrosa Pfirsichen.

Sie findet zu ihrer Stärke zurück. Sie robbt ins Bad. Das Bad ist ein fensterloser Verschlag mit Dusche, Waschbecken und Klo. Zahnpastakleckse auf dem Boden. Das Waschbecken ist winzig. Unmöglich, beim Ausspucken zu treffen. Sonnie sucht nach Pflastern. Ihr ist übel. Sie steht auf. Sie macht kleine Schritte. Sie stützt sich aufs Waschbecken. Es wackelt. Sie setzt sich aufs Klo. Sie macht Rhett verantwortlich, der nun ziellos durch die Straßen streift, einer Kakerlake wegen, und der sicher im selben Moment Sonnie dafür verantwortlich macht. Sie erschrickt. Er wird doch nicht?

It’s a crazy world. Anything can happen, Ilsa.

Diese Nörgelei im Gewand der Sorge! Er wird doch nicht zu Joy zurückgehen? Sich bei ihr ausweinen? Auf bei Sotheby’s ersteigerten Möbeln? In ihrem protzigen Central-Park-West-Apartment, aus dem er Sonnies wegen ausgezogen ist? Wird er sich fragen, wie er das alles hatte aufgeben können für eine nicht mehr junge Amazone, eine Amazone mit fettem Arsch, die viel zu selten nackt ist, die ihn nach Chinatown verschleppt, Kakerlaken in sein Auto schleust und ihn hinauswirft, ihres Hangs zum Unrat wegen?

I’m into garbage. It’s my thing.

Sie hatte Joy nur einmal gesehen. Sonnie war mit Jake in der »Bible Lounge« im Village gewesen. Ihre Ehe lag im Koma. Vielleicht war es ihr nicht klar. Heute kann sie das deutlich sehen. Ihr Blick ist nicht mehr durch Gefühle verstellt. Sie weiß, dass sie glaubte, Jake zu lieben, aber sie kann sich nicht erinnern an das Gefühl selbst. Vielleicht war es ein eingebildetes Gefühl gewesen, wie hysterische Blindheit, und sie hat ihn nie geliebt. Vielleicht hat sie niemals geliebt. Vielleicht ist sie ein Liebeshypochonder. Lässt sich Wahrheit nur im Nachhinein herstellen, denkt Sonnie, weil sie im Jetzt immer zu nah ist? Weil alles, was zu nah ist, verschwimmt?

Der Barbesuch sollte belegen, dass alles in Ordnung sei, aber es war damals nichts mehr in Ordnung gewesen. Er hatte die Idee der offenen Ehe nicht mit in die Beziehung gebracht. Er hatte sie unter dem, was er Sonnies kastrativen Einfluss nannte, entwickelt. Sie war ihm, er formulierte die Beleidigung als Kompliment, »too much Frau«, um ihn geil zu machen. Sie war schuld an seiner Impotenz. Die Impotenz wurde dadurch kaschiert, dass Sonnie den halb erigierten Penis in sich hineinstopfte. Ein routinierter Handgriff. Sonnie erinnert sich gut.

Machen Sie mal eine typische Handbewegung.

Lembke. Robert Lembke.

Machen Sie mal eine typische Handbewegung. Das Rausflutschen und Wieder-Hineinstopfen von Jakes weichem, dünnem, halb erigiertem Penis. Das macht mich impotent, dass du nie kommst, sagte er.

Sonnie schämt sich, während sie sich erinnert. An ihr zu lautes Lachen, das diesen Handgriff begleitet. Ihr Unbehagen. Ihr Schuldgefühl. Sie waren auseinander gedriftet, langsam, aber stetig. Sie wollten wieder aufeinander zuschwimmen an jenem Abend in der »Bible Lounge«. Neu anfangen. Wollten sie wirklich?

Sonnie hatte zwei Monate zuvor Rhett auf einem Thanksgiving-Dinner bei Matthew Barney kennen gelernt. Sie hatte seitdem oft an Rhett gedacht, dass sie sich sicher viel zu sagen hätten. Sie hätten sich viel zu geben. Sie hatte ein Gefühl entwickelt, sich das Gefühl verboten, es schließlich doch zugelassen. Es war ein Gefühl der Neugier. Die Neugier breitete sich aus wie eine Gürtelrose. Und juckte.

Und da saß sie. In der »Bible Lounge«. In ihrem braunen engen Kleid aus Cholas Boutique. Mit dem falschen Mann, mit dem falschen Plan. Nun sollte, mit aller der Idee innewohnenden Gewalt, ihre Ehe gerettet werden.

Mit dem zeitlichen Abstand kommt es Sonnie so vor, als hätte Jake sie zu allem überredet. Zu der Beziehung. Zu der Ehe. Zu der Liebe. Zum Sex. Sie hatte eine Nacht mit ihm verbracht, in der er – immerhin war er verunfallt und beinvergipst – eine annehmbare Erektion hinlegte. Am nächsten Morgen hatte er behauptet, sie anzubeten. Sonnie hatte gedacht: Anbetung ist etwas, das Frauen Mitte dreißig gut tut. Sie hatte Chola angerufen. Chola hatte die Verbindung mit den Worten begrüßt: »Zwischendurch immer mal einer zum Ausruhen.«

Sonnie zog bei Jake ein.

Sie wurde Programmchefin seines Kinos.

Es gab kein Limit. Sie wünschte sich dies, sie forderte das. Sie hatte auf ihn gezielt. Und Jake, anstatt Haken zu schlagen, hatte die Hände gehoben und war ihr vor die Büchse gelaufen. Sie äußerte Unzufriedenheit über seine Liebhaberqualitäten, über seine Ehemannqualitäten, über seinen Kinderwunsch. Was immer er sagte, über Liebe, Vertrauen, Zärtlichkeit, Ewigkeit, es verschaffte ihr nicht einmal den Anflug von Genuss. Sie war eine Jägerin! Wie konnte er es wagen? Niemand kann eine Jägerin jagen. Später hatte sie genau diese Dinge von Rhett ersehnt, hatte Nächte durchgeweint und durchwacht und sich gesehnt. Sie hatte Rhett jagen müssen. Sie hatte ihn gejagt und gejagt und gejagt. War der Richtige immer der Neue? War der Richtige immer der, von dem man nicht genug bekam?

Schon als Sonnie den Fuß in die »Bible Lounge« setzte, hatte sie unter der Discokugel auf der Tanzfläche eine dunkelhäutige Frau wild tanzen sehen. Groß, schmalgliedrig, hautenger Catsuit.

Young. Pretty. Big tits. Your basic nightmare.

Eine hungrige Anakonda. Das Aufreizende ihres Tanzes bestand im Minimalismus. Gezügelte Zügellosigkeit. Und sie wusste es. Rund um sie hatte sich eine Art Spalier aufgetan. Es lag ein Raunen in der Luft, eine weitgehend männliche Andacht, ein Atemanhalten, eine kollektive Erektion.

Jake, blind für die Anakonda, unterbreitete Sonnie seinen Eherettungsplan. Er wolle einen Dreier versuchen. Er habe bereits eine Dame im Auge. Er habe die Zustimmung der Dame bereits eingeholt. Er habe die Dame bereits ausprobiert. Mit zwei Sätzen hatte Jake ihre Ehe beendet, anstatt sie zu retten: »Ich habe die Dame bereits ausprobiert. Mit ihr bin ich nicht impotent.«

Sonnie sitzt auf dem Klo und starrt auf ihren Daumen. Vom Regen in die Traufe. Sie ist vom Regen in die Traufe gekommen. Von einem Mann, der nie konnte, zu einem Mann, der immer kann.

Aber Rhett hat Joy mit ihr betrogen. Er hat Joy für sie verlassen. Es hilft nichts. Die Eifersucht schnürt ihr die Kehle ab. Die Eifersucht, die sie noch töten wird. Rhett hat keine Ahnung davon. Eifersucht und Verlustangst hat sie von Anfang an vor ihm verborgen. Sie verachtet sich für das, was sie »weibliche Mechanismen der Liebe« nennt, für das Warten auf Anrufe, Gefallsucht als fixe Idee, die den eigenen Charakter stranguliert, für die Darstellung von Geilheit, die immer der echten vorauseilt. Diensteifrig. Schneller. Lauter.

Im selben Tempo, in dem eine Frau ihr Herz verliert, verliert sie ihr Hirn. Das weiß Sonnie. Jede Frau weiß das. Niemand kann das ändern. Sie kann es nicht ändern, und die Gewissheit quält sie. Es ist banal. Doch diesmal verbirgt sie das, was sie als typisches weibliches Verhalten verbucht und verachtet. Allein das Verbergen kostet unendlich viel Kraft. Es macht sie indifferent. Es macht sie unscharf. Solange sie Rhetts Geliebte war, hatte sie Zeit, sich gehen zu lassen. Immer, wenn er weg war, ließ sie sich gehen. Tränen in seiner Gegenwart – undenkbar.

Sonnie zieht einen von Rhetts Gummifingerlingen über den verpflasterten Daumen. Rhett besitzt mehrere Kartons davon. Er benutzt Fingerlinge, wenn er sich Zäpfchen einführt, aus hygienischen Gründen, wie er sagt. Aus Ekel vorm eigenen Anus, wie Sonnie vermutet. Rhett fürchtet Bakterien. Er teilt keinen Bissen mit Sonnie. Er trinkt nie aus Sonnies Flasche. Nur beim Sex, da kommt ihm jede Schweinerei recht.

»Nimmst du die Dinger auch zum Popeln?«, hatte Sonnie Rhett kurz nach dem Einzug gefragt und ihm lachend einen der Fingerlinge hingehalten. »Ich pople nicht«, hatte er geantwortet. Und auch gelacht. Und dann hatten sie gebalgt. Und dann hatte sie im Spaß versucht, den Fingerling auf Rhetts Penis zu ziehen, der immer stand, immer stand wie ein großer erhobener Hartgummifinger, viel zu groß für einen Fingerling, viel zu groß für sie, viel zu hart für sie. Egal. Sie wollte ihn. Sie wollte, dass er sie wollte.

Sonnie greift nach dem Hörer. Rhett hat kein Funktelefon. Er lehnt Funktelefone ab. Er nennt sie Hundeleinen. Sie wählt die Nummer von Rhetts Atelier, die sie auswendig kann. Es geht niemand ran. Sie wählt Joys Nummer, die sie auswendig kann. Der Anrufbeantworter springt an. »Niemand da. Nachrichten für Joy Johanson und Rhett Montiel nach dem Beep.«

Zorn packt Sonnie. Sie denkt daran, wie sie einmal einen Karpfen töten musste, weil Jake es nicht fertig gebracht hatte. Dann stößt sie die Messerspitze unter den ersten Schnappverschluss. Das Zimmer wird heller, als der Koffer sein Geheimnis preisgibt.

We can’t see what’s inside, but a small glow emits from the case.

Rhett starrt auf die schwarzen staubigen Gitter der Fahrstuhltür. Gong schließt sie mit resolutem Ruck.

Nicht unterbuttern lassen.

Schwester Cäcilia hat ihm das eingebläut. Du darfst dich nicht unterbuttern lassen. Nie. Das war einer ihrer beiden Lebensratschläge gewesen. Der andere war:

Big boys don’t cry.

Gong drückt den Knopf. Der Fahrstuhl fährt an. Dabei hab ich mich selbst bestraft, denkt Rhett. Es war falsch. Es ist kindisch. Er sollte zurückgehen. Schließlich wohnt er auch da. Nicht die Kakerlaken haben ihn vertrieben, nicht Sonnies Dickkopf, nicht ihr Hang zum Unrat. Es ist ihr Hunger auf Neues, der ihn kränkt. Ihr Hunger auf Neues hat sie zusammengebracht. Nun ist er nicht mehr neu. Nun muss Abwechslung her. Ein Koffer!

»Sie will den Abend lieber mit einem Koffer verbringen als mit mir«, murmelt Rhett.

Im selben Moment verliert Gong die Spannung. Es ist, als ließe jemand die Luft aus ihm heraus, als schmölze seine kompakte Ingwerknollen-Statur. Gong reißt die Augenschlitze auf. Er verdreht sie. Er verdreht sich. Sein flaches Gesicht kracht in die Fahrstuhlarmatur.

Mit einem Ruck stoppt der Fahrstuhl. Rhett wird gegen die Wand geschleudert. Er fällt auf den Hinterkopf. Er verliert das Bewusstsein. Als er erwacht, starrt er in Gongs verquollene Augen. Der Chinese liegt auf ihm mit der Endgültigkeit eines Erdhaufens. Schaum tropft aus Gongs Mund in Rhetts Gesicht.

Rhett schreit. Er strampelt. Er wirft den leblosen Körper ab. Er schüttelt sich. Er schnappt nach Luft, aber es ist nicht genug da.

Es stinkt nach Schmieröl, nach Angstschweiß, nach verbranntem Gummi und nach Benzin. Er ist ein Kind. Da ist der Rumpf der Mutter. Die Umrisse des durch die Scheibe geschleuderten Vaters, seine blutigen Hände. Er wischt Gesicht und Hände am Trenchcoat ab. Rhett hat ein halbes Dutzend Therapeuten verschlissen und zwei Dutzend Freundinnen, ohne das Bild aus seinem Kopf zu kriegen.

Er hat Angst vor Bakterien. Er hat Angst vor Enge. Er hat Angst vor Blitzlichtern.

Er träumt alle Formen von Todesarten. In seinen Albträumen zertrümmert ein Stein seinen Schädel. Ein Windstoß schleudert ihn unter die Subway. Er wird von Stromschlägen durchzuckt, überrollt, zerquetscht. Er wird gehängt, geköpft, erstochen, erschossen. Er fällt aus einem Fenster und zerschellt auf dem Asphalt. Er gerät in eine Industriemaschine, die seine Gliedmaßen amputiert. Er wird bei lebendigem Leib aufgeschlitzt und ausgeweidet. Er kennt den Tod, und er will ihn nicht kennen. Er trifft den Tod an jeder Straßenecke, aber er grüßt ihn nicht. Er hat panische Angst vorm Tod. Er flieht den Tod in allen Erscheinungsformen. Er denkt nicht an den eigenen, liest nicht über den anderer, in seinem Wachzustand gibt es keinen Tod. Einmal hat er einen in die Jahre gekommenen Playboy, der einen weißen Anzug trug, sagen hören: »Meine Lebensdevise? No bad news!« Das fand Rhett schlüssig. So will er das Leben. Gegen Träume ist er machtlos, seine Realität kann er kontrollieren.

No bad news.

Dachte er.

Und nun das. Nun hat dieser Chinamann … ausgerechnet jetzt … Es muss etwas Schlimmes sein. Gong liegt merkwürdig verrenkt da. Rhett zieht den Trenchcoat aus. Er stopft ihn unter Gongs Rücken. Was soll er tun? Was macht man in einer Situation wie dieser? Er ruft. Sein Ruf verhallt ungehört. Die Fahrstuhlarmatur ist chinesisch beschriftet. Ihr Geheimnis hat Gong immer streng gehütet, hat sich dicht davor gestellt, bevor er die Register zog. Nun würde sein Herrschaftswissen ihn das Leben kosten. Es ist Freitagabend. Dies ist ein Bürogebäude. Rhett ist mit einem sabbernden chinesischen Mehlsack im Fahrstuhl eingesperrt.

Rhett ruft.

Gong röchelt.

Nacktes schwarzes Vinyl, Knüllpapier, Briefe, Bücher. Irgendwo im Haus hat es gekracht. Sonnie gießt Weißwein ins Glas. Sie betrachtet den Kofferinhalt. Sie hat einen Schatz erwartet. Sie hat einen Schatz verdient. Geldscheine, Goldbarren, Juwelen, CIA-Dossiers, einen Djinn im Lendenschurz, ein halb verwestes Menschenbein. Stattdessen nur Unrat. Müll anderer Leute. Kakerlakeneier, Kakerlakenleichen. Rhett hat Recht. Rhett hat immer Recht.

Sie greift nach dem Haargummi, den sie ums Handgelenk trägt. Sie knebelt ihre Haare damit am Hinterkopf zusammen. Sie leert das Glas mit großen durstigen Schlucken und füllt es gleich nach. Sie rafft ihr fusseliges schwarzes Hauskleid, von dessen Aufdruck »I love New York more than ever« nur noch »York … ever« übrig geblieben ist.

Sie betastet die Dinge, die einst jemandem wichtig gewesen waren und dann so unwichtig geworden waren, dass er den Koffer auf die Straße gestellt hatte. Oder jemand anders hatte den Koffer auf die Straße gestellt. Vermutlich eine Frau. Es sind wir, die Dinge wie diese schnell und reibungslos erledigen, denkt Sonnie. Sie hat einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Sie spült ihn mit saurem Wein weg.

Sonnie beugt sich über den Koffer. So verharrt sie. Zeit vergeht. Sonnies Füße schlafen ein, sie merkt es nicht. Es sind nicht die Dinge an sich, es sind nicht die Gegenstände selbst, es sind die Erinnerungen, die sie freisetzen. Es ist der scharfe Duft der Erinnerung.

Sonnie assoziiert mehr, als sie erkundet. Der Inhalt des Koffers führt sie vom Besitzer des Koffers weg und hinein in sich selbst. Sie legt fast mechanisch eine zerlesene Bibel beiseite, einen halbblinden versilberten Handspiegel mit Keulengriff, eine schwarze Billardkugel. Bei Dingen, die sie an nichts erinnern, bleibt ihre Annäherung äußerlich, wie die einer Putzfrau, die Nippes abstaubt und zurück in die Vitrine stellt.

Ein Programm vom Moulin Rouge in Paris, nass geworden, die Seiten gewellt, aneinander hängend, kellerklamm. Paris – das ist für sie Der letzte Tango, Der eiskalte Engel, Außer Atem, Zazie. Paris – das ist die Erinnerung an eine Woche Hotel in Saint Germain des Prés, ein kleines Hotelzimmer, in dem Rhett und sie wie Karnickel rammeln, ausgedehnte Spaziergänge, Blasen an den Füßen, Metro statt Auto, Rotwein, Küsse, viele Küsse, wunde Lippen, wunde Nippel, wunde Innereien. Paris – das ist ihr Heiratsantrag und Rhetts Nein.

Sie löst die Seiten des Programms voneinander, ohne darin zu blättern. Es riecht verschimmelt.

Der Keller. So roch der Keller ihrer Großmutter, in den sie sie oft geführt hatte, mit kleinen schlurfenden Schritten, um ihr Fallobst in die Hände zu drücken und klebrige Gläser selbst eingemachten schwarzen Pflaumenmuses. Beides warf Sonnie draußen in den Müll, denn sie mochte kein klebriges Pflaumenmus, keine schrumpeligen Äpfel, und die noch schrumpeligere Großmutter schon gar nicht. Es schien ihr damals ungerecht, dass die Großmutter, die wie eine Sterbende umherschlich, immer noch lebte, während der Großvater gestorben war. Dabei war er so stark und kräftig gewesen. Und er war Sonnies Freund gewesen. Das Versprechen des Lebens war eingehalten im knorrigen Großvater, der wie ein Holzfäller lief, wie ein Nussknacker aß, der zeitlos schien, unendlich, unsterblich. Sonnie versucht, sich an sein Gesicht zu erinnern.

Sonnie hockt auf dem Boden.

Sie riecht die betäubende Süße von Eingemachtem.

Die Niedertracht der Welt wird ihr bewusst, die der Jugend insbesondere.

Ihr Herz zieht sich zusammen. Sie schämt sich.

Ohne das Taschentuch hätte sie sich vielleicht nie wieder an den Großvater erinnert. Und warum ist sie auf einmal so sentimental, dass sie weinen könnte?

Sonnie weiß, dass sich weder ihr Gesichtsausdruck noch ihre Haltung geändert haben, während sie sich in den letzten Minuten erinnert hat, geschämt hat, wütend war, sentimental war. Das ist es, was Menschen zur Verzweiflung bringen sollte, denkt sie, dass keiner dem anderen ansehen kann, was vorgeht. Kein Mensch weiß, was in einem anderen Menschen vorgeht. Sie denkt an Rhett mit seinem klugen, schwermütigen Pokerface, das er nur verliert im Moment des Orgasmus. Dann wird sein Gesicht weit und klar, erstarrt wie im freudigen Schreck, mit erhobenen Brauen. Wie ein Clown sieht Rhett aus in jenen Sekunden, mit weit aufgerissenen Augen, Nüstern, Mund. Das ist ein Rhett-Gesicht, das nur ihr gehört.

Sie hält eine Schallplatte in der feuchten Hand, schmierig, stark zerkratzt, tausendmal gespielt, Rachmaninoff, das 2. und das 3. Klavierkonzert. Sie würde die Platte jetzt gern hören, auf einen Plattenteller legen, sie würde den Tonarm gern mit zwei Fingern aufs Vinyl aufsetzen, das leise Knistern hören, das Knacken und Kratzen und Quietschen der versehrten Oberfläche, aber sie hat keinen Plattenspieler. Ihre Eltern hatten einen Plattenspieler. Im Schrank unterm Fernseher. Und Schallplatten daneben, von Frank Schöbel und Chris Dörk, von Sandra Mo und Jan Gregor, von Adamo. Der Plattenspieler wurde nie benutzt. Er war kaputt, hieß es.

Sonnie legt die Platte weg.

Eine herausgerissene Seite aus einem Buch, Trompeter, trompetende Männer, Fotos und Text. Sonnie hört manchmal Musik. Sie gefällt ihr, oder sie gefällt ihr nicht. Sie stellt das Radio lauter, oder sie stellt es ab. Das ist alles. Sie hat keine Ahnung von Musik. Sie hört Musik, wenn irgendwo Musik gespielt wird, sie mag sie, sie mag sie nicht, aber sie versteht sie nicht. Musikverstehen ist eine männliche Wissenschaft.

This is what they call classical music, isn’t it? I can tell because there’s no vocal.

Sonnie wird von Wehmut erfasst, weil ihr Musik immer ein Rätsel bleiben wird, weil der Großvater tot ist, weil die Mutter tot ist, weil der Koffermensch tot ist, bestimmt ist er tot, und wer weiß, wo Rhett ist, und wer weiß, wie lange sie selbst noch lebt.

Behördenpost von 1973, Schriftstücke, bekleckerte Rechnungen, ein Männername, den sie wieder vergisst. Ein Zettel, liniert, gefaltet, vergilbt, Kinderschrift. Cher Papa, lieber Papa, übersetzt Sonnie, dann verlässt sie ihr Französisch. Dabei hat sie in der Schule Französisch gehabt. Wo ist das nur hin? Wo ist nur mein Leben hin?, denkt sie und steckt den Zettel in ihre Handtasche.

Rhett stürzt zu den Schaltknöpfen und starrt sie an. Er will ihnen Logik abringen. Der Hebel. Gong bewegt immer den Hebel, bevor er Knöpfe drückt. Oder danach? Aber den Hebel bewegt Gong, das glaubt Rhett zu wissen. Doch der Hebel ist verkantet. Er gibt keinen Millimeter nach. Rhett drückt aufs Geratewohl zwei Knöpfe, einen roten und einen schwarzen. Nichts.

Rhett drückt alle Knöpfe.

Rhett schlägt auf die Knöpfe.

Mit der flachen Hand.

Mit der Faust.

»Ich hab’s heraufbeschworen«, murmelt Rhett. Er hatte sich’s ausgemalt, immer und immer wieder, hunderttausendmal. Er wusste nie, wie es passieren wird und wann, aber dass es passieren wird, war ihm klar. Vollkommen unsinnig war die Hoffnung, davonzukommen.

Er wirft sich mit dem ganzen Körper gegen die Armatur. Ein Witz. Er prellt sich die Schulter. Wenn er ein Filmheld wäre, würde er die Tür einrennen, mit einem Tritt zum Bersten bringen, das Schloss aufschießen. Vielleicht würde er auch geheime Luken finden und sich abseilen, mit spielerischer Leichtigkeit.

Er zieht seinen Schuh aus und drischt ihn gegen die Gitterstäbe. Gong gurgelt. Aus seinem Mund tritt mehr schaumige Flüssigkeit aus. Rhett zerrt seinen Trenchcoat unter Gong hervor, wühlt in den Taschen, zieht den Wohnungsschlüssel heraus. Er klopft mit dem Schlüssel gegen die Gitterstäbe. »Ich hab’s gewusst«, murmelt Rhett. Er murmelt es wieder und wieder. Wenn jetzt das Leben an ihm vorbeizieht, denkt er, dann ist der Tod nah. Tatsächlich sieht Rhett Bilder. Aber es scheinen nur die peinlichen Momente seines Lebens zu sein, die sich aneinander reihen. Bettnässerei, beim Onanieren erwischt, verdroschen werden, eingesperrt sein, spannen durch Schlüssellöcher, ein Rotlichtviertel in Bangkok, verschweigen, versagen, übel riechen …

Gab es nichts als peinliche Momente? War sein Leben so ein Rattenschiss? Rhett atmet schwer. Er fragt sich, ob er stinkt. Er prüft permanent, ob er stinkt. Nach Schweiß, nach Dreck, aus dem Mund, aus dem Arsch. Es gibt so viele Möglichkeiten zu stinken. Und wenn man bedenkt, wie viele Leute stinken, warum soll er dann nicht stinken? Und wenn man bedenkt, wie viele Leute lügen, wer sollte ihm jemals die Wahrheit sagen?

Der Fahrstuhl stöhnt auf und sackt einen Meter tiefer. Und da kann Rhett ihn riechen, den Gestank der Angst.

Ein Blitz gießt stahlblaues Licht in den Raum. Sonnie stemmt sich gegen das Schiebefenster. Erst gibt es nicht nach. Dann doch. Leise gleitet es nach oben. Kühle Nachtluft fährt ihr in die Lungen. Sonnie zählt. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Kein Donner.

Das Leben ist kurz, denkt sie. Das Leben ist zu still. Ihr Leben ist zu still. Ihr Leben ist Warten auf Donner. Es ist, als hätte draußen jemand New York ausgeschaltet. Sie hält die Luft an, lauschend, so lange, bis im Haus ein metallenes Klopfen zu hören ist. Sie ist nicht allein. Ein Umstand, der sie beruhigt.

»Hallo«, ruft sie. »Haaallooo! Jemand zu Hause?« Und sie lauscht. Und kichert beschwipst. Und wühlt weiter.

Ein von Brandflecken durchlöchertes Seidentuch. Eine zerknitterte Filmrolle. Ein gelblich schmutziges Notenblatt, bedeckt mit dünnen Notenhälsen, die sich biegen unter der Wucht der Melodie. Ob er für eine Frau komponiert hat?, denkt Sonnie. Romantik muss her, muss in mein Leben. Donner muss her. Musik muss her, irgendwas, irgendwas Elementares, Lautes.

Sonnie kann die Noten nicht lesen, aber sie fühlt ihre Kraft. E7, B6, Klänge, Akkorde, Vibrationen, codiert. Sie möchte sich auf eine der Noten schwingen, ihr fusseliges Hauskleid raffen, wegfliegen, woandershin. Neu anfangen. Als jemand anders. Mit jemand anders. Woanders.

I dance like the wind.

Sie steht auf und dreht sich, dreht sich.

Fly fly fly Clarice, fly fly fly.

So hatte sie Englisch gelernt. Mit Videokassetten. Mit Filmen. Als sie neu in New York war, in den Achtzigern. Regelrecht gepaukt hatte sie. Jede Nacht. Sie sah dieselben Filme. Sie spulte die Kassetten zurück, einzelne Szenen, wieder und wieder. Sie schlug Wörter nach, bis sie verstand. Sie sprach lippensynchron mit, bis sie es drinhatte. Sie erpaukte sich das Beiläufige, die Aussprache, den Slang. Bis heute gibt es Repliken, die ihr so natürlich über die Lippen kommen, dass man sie für schlagfertig, ihr Englisch für brillant hält.

English, motherfucker! Do-you-speak-it?

Nur durch Zitate kann sie fluchen wie ein Bierkutscher.

Stick your cock up her ass, you motherfucking worthless cocksucker.

Sonnie dreht sich, bis sie strauchelt und fällt. Sie liegt auf dem alten Parkett. Sie überlegt, wen sie kennt, der diese Geheimsprache entschlüsseln könnte. Musik. Ihr fällt niemand ein, vielleicht, weil sie die Flasche Wein inzwischen so gut wie geleert hat, vielleicht, weil sie sich Freunde nicht nach Tauglichkeit aussucht. Andere sind befreundet mit Anwälten, Tischlern, Steuerberatern, Zahnärzten. Andere haben für jeden Belang einen Freund. Sonnies Freunde sind wie sie und taugen nichts, ein Obdachloser, eine Lebenskünstlerin, eine kinderreiche Sozialhilfe-Empfängerin. Die Großmutter hat ganz Recht. Sie ist für nüschte.

Für nüschte.

Sonnie trinkt die warme Neige aus der Flasche. Ein Kassenzettel von Key Food, drei Dollar und 88 Cent. Ihr Key Food im East Village? Nicht zu erkennen. Damals wurden Adresse, Datum, Uhrzeit noch nicht auf jeden Kassenzettel gedruckt. Heute wären sie das perfekte Alibi. Wann, sagten Sie, ist er erschossen worden? Um neun Uhr abends? Nein, da war ich bei Key Food, hier, sehen Sie selbst!

»Weitokai!« Es knackt. Es rauscht. Aus Gongs gedrungener Brust kommt eine Micky-Maus-Stimme. Mit fahrigen Bewegungen öffnet Rhett Gongs Windjacke und fördert aus der Innentasche ein Funkgerät zutage. Aus dem Funkgerät kommt eine Stimme. Das Funkgerät hat zwei Knöpfe. Rhett drückt einen und ruft »SOS!«. Er drückt den anderen und ruft »Hilfe!«. Er lauscht. Er drückt noch mal den einen Knopf und ruft »Un-fall!«. Er drückt den anderen und ruft »Fahr-stuhl ka-putt!«. Er lauscht. Er drückt beide Knöpfe und ruft mit dünner, sich überschlagender Stimme: »Somebody? Somebody?«

Er fürchtet sich vor seinem eigenen Echo. Vorm Knirschen und Knacken der Fahrstuhlhalterung. Vor Gongs Röcheln. Vor Gongs Tod. Vor bad news. Er hat Angst vor den großen Männern. Mit den Uniformen. Mit den Masken. Mit den Schweißgeräten.

Der Stimme am anderen Ende der Leitung ist nichts anzumerken. Sie kräht, sie schnattert, sie keift in abgerissenen, hastigen, unverständlichen Lauten. Hinter jeder zweiten Silbe steht ein Fragezeichen.

Hinter Rhett steht ein Ausrufezeichen. Das war’s, denkt er. Schlotternd lässt er sich in den Schneidersitz nieder.

Er drückt das Rückgrat durch.

Er macht seine Atemübungen.

Er murmelt Ellis’ Affirmationen.

»Ich bin eine Parzelle des Universums. Das Universum fühlt sich glücklich in mir. Ich bin die Brooklyn Bridge, der Hudson River, das Empire State Building, der Central Park …«

Sie helfen nicht.

Sie haben noch nie geholfen.

Rhett schließt die Augen. Er ist ein Bankräuber. Er ist ein gefährlicher, maskierter Mann. Er riecht nach frischem männlichem Schweiß. Er stürmt in die Bankfiliale. Er macht coole Sprüche. Er lässt sich Geldsäcke zuwerfen. Alle fürchten ihn. Alle bewundern ihn. Er schießt auf die Überwachungskameras. Er ist mutig und stark. Er entkommt mit dem Geld.

Sonnie hat sich bis auf den Kofferboden gewühlt. Krümel und tote Kakerlaken, dazwischen ein Männertaschentuch, beige mit braunem Rand. Sie knüllt das Taschentuch in der Faust, hebt es ans Gesicht, riecht daran.

Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie sich vor dreißig Jahren ausgeblendet hat, kommt ihre Kindheit zurück. Geräuschlos steht sie hinter ihr und schaltet den Projektor an:

Die Bilder flackern in Sepia. Sonnie mit Zöpfen auf Großvaters Schoß. Er wischt ihr mit seinem schmutzverkrusteten Taschentuch den Mund ab. Das Taschentuch ist beige mit braunem Rand.

Dann kommt der Geruch. Der Großvater riecht nach Sonne und Kernseife. Der Tabak riecht nach Vanille. Das Taschentuch riecht nach Schmieröl.

Dann kommt der Klang. Das Klimpern des Kleingeldes, das der Großvater immer in den Hosentaschen hat. Pfennige, Fünfer, Groschen. Die leise heisere Stimme des Großvaters. Das trockene Schmatzen, als er sie auf die Wange küsst.

Sie hat sich ewig nicht an ihn erinnern können. Warum so lange nicht? Warum jetzt?

An die Großmutter dachte sie oft, nie an ihn. Sie hat kein Bild ihrer Kindheit herstellen können in ihrem Kopf. Nun steht sie im Zimmer, ihre Kindheit, wie eine andere Person. Und sie hat den Großvater mitgebracht.

Do you think, the dead come back and watch the living?

Sonnie robbt zu Rhetts CDs. Sie robbt auf Händen und Knien. Die CDs stapeln sich auf dem alten Parkett. Sie kniet vor den CD-Türmen. Ihr Gesicht kommt ihnen nah. Sie wirft einen um. Sie murmelt vor sich hin. Die CDs liegen verstreut. Sonnie wühlt in den CDs. Sie zieht eine heraus. Sie gluckst fröhlich. Sie wirft die CD ein und drückt auf PLAY.

ZWEITES KAPITEL

Es ist weit nach Mitternacht. Rhett schließt die Wohnungstür auf. Er bleibt stehen und keucht vom Treppensteigen. Sonnie liegt zusammengerollt auf dem Boden, in ihrem schwarzen, fusseligen Hauskleid, neben sich ein umgestoßenes Weinglas mit Lippenstiftspuren, einen Föhn, verrottete Papierfetzen. Seine CDs sind aus den Hüllen gerissen und auf dem Boden verstreut. Überall Blutspuren.

Er erschrickt. Nach zwei Stunden Fahrstuhl mit Gong und vier Stunden Notaufnahme kann man nur erschrecken bei einem Anblick wie diesem. Was ist hier geschehen? Eine Orgie? Ein Überfall? Und der schmutzige Koffer …

No bad news.

Der Koffer. In flagranti! Natürlich! Dazu muss sie ihn betrügen. Mit dem Koffer. Er leert eine eiskalte Dose Pepsi. Er eilt unter die Dusche. Die Vorstellung, sie den Armen des anderen zu entreißen, törnt ihn an. Nackt und sauber kniet er neben Sonnie nieder.

Sie atmet Weinwolken aus.

Er atmet Zahnpastawolken aus.

Er ist sich jetzt sicher, nicht zu stinken.

Sonnies Kleid ist hochgerutscht. Rhett legt seine Finger auf ihren Hintern. Ein Batzen Hefeteig, der ihm entgegenwächst. Was für ein Arsch! Was für ein Aktmodell sie wäre! Wie wunderbar er sie malen könnte, wenn er ein Maler geworden wäre! Warum ist er nicht Maler geworden in einer Welt, in der es sogar Pfuscher wie Picasso zu höchstem Ruhm gebracht haben?

Ein blauer Fleck sitzt über dem Beckenknochen. Sonnie ist wie eine reife Frucht, sehr druckempfindlich. Rhett drückt seine Fingerkuppen in Sonnies Backen. Er nimmt die Finger weg. Zehn Dellen bleiben und verschwinden langsam wieder. Sonnies Hintern lässt Rhett den Albtraum vergessen, die Feuerwehrmänner mit den Schweißgeräten, die Fahrt im Krankenwagen zum St. Vincent’s Hospital. Das Warten in der Notaufnahme. Rhett streichelt Sonnies Hintern, knetet ihn, drückt ihn, küsst ihn. Wie herzlos er ihn vorhin aus der Wohnung geschubst hat, wie weich und weiblich er jetzt fällt! Rhett betrachtet Sonnie. Ihren hellen Kopf. Ihren schönen Arsch.

Seit der Pubertät hat Rhett das weibliche Gesäß kategorisiert. Sein erstes war das von Schwester Cäcilia. Er hatte sie durchs Schlüsselloch beobachtet, als sie sich entkleidete. Eine klassische Birne, die über das vollendete Reifestadium hinaus am Baum hängen geblieben war. Der Baum begann bereits, sich seinen Saft zurückzuholen. Die Frucht mumifizierte. Der verbotene Anblick von Schwester Cäcilias Hintern war Rhetts Urerlebnis – sein Einstieg in die Arschwissenschaft. Er konnte ohnehin mit Gefühlen schlecht hantieren, er wollte sie nur handlich portionieren und wusste damals bereits, dass er es darin nie zur Meisterschaft bringen würde. So wurde stattdessen das weibliche Gesäß sein Steckenpferd.

Als er vierzig Jahre später Sonnie traf, unterschied er drei Grundformen, den Apfel, die Birne und die Kugel, sowie zahllose Untergruppen und Mischformen, alle im Selbstversuch erprobt.

Joys straffer, vorlauter Fettsteiß war die klassische Kugel. Zwei Kugeln. Zwei Kanonenkugeln. Der Gott der Form, der auf einen Altar gehört, mit Blumengirlanden bekränzt, mit Weihrauch besprengt, angebetet.

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