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Der Killer

ÜBER DEN AUTOR

David Baldacci, geboren 1960, war Strafverteidiger und Wirtschaftsanwalt, ehe er 1996 mit Der Präsident (verfilmt als Absolute Power) seinen ersten Weltbestseller veröffentlichte. Seine Bücher wurden in fünfundvierzig Sprachen übersetzt und erschienen in mehr als achtzig Ländern. Damit zählt er zu den Top-Autoren des Thriller-Genres. Er lebt mit seiner Familie in Virginia, nahe Washington, D.C.

DAVID BALDACCI

DER KILLER

Thriller

Übersetzung aus dem Amerikanischen
von Uwe Anton

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Mitch Hoffman,
meinen Freund und Lektor

KAPITEL 1

Will Robie hatte auf dem kurzen Flug von Dublin nach Edinburgh jeden Passagier einer genauen Musterung unterzogen. Zuversichtlich war er zu dem Ergebnis gekommen, dass sechzehn von ihnen Schotten auf dem Weg in die Heimat waren. Hinzu kamen dreiundfünfzig Touristen.

Robie war weder Schotte noch Tourist.

Das Flugzeug brauchte siebenundvierzig Minuten, um zuerst die Irische See und dann einen großen Teil Schottlands zu überqueren. Die Taxifahrt vom Flughafen kostete Robie weitere fünfzehn Minuten seines Lebens. Er stieg nicht im Balmoral Hotel oder dem Scotsman ab oder nutzte eine der anderen illustren Übernachtungsmöglichkeiten der traditionsreichen Stadt, stattdessen bezog er ein Zimmer im dritten Stock eines Gebäudes mit schmutziger Fassade, das einen neunminütigen Weg von der Innenstadt den Berg hinauf erforderte.

Robie erhielt seinen Schlüssel und bezahlte die Übernachtung in bar. Er trug seine kleine Tasche selbst nach oben und setzte sich aufs Bett. Quietschend gab die Matratze unter seinem Gewicht beinahe zehn Zentimeter nach.

Für einen so niedrigen Preis bekam man eben nur ein zu weiches, protestierendes Bett.

Robie war eins dreiundachtzig groß und wog neunzig Kilo. Seine langen, sehnigen Muskeln waren mehr für Ausdauer und Schnelligkeit als für explosive Kraftentfaltung geschaffen. Einmal hatte er sich die Nase gebrochen. Es war seine eigene Schuld gewesen, deshalb hatte er sie nie richten lassen. Er wollte immer an diesen Fehler erinnert werden. Einer seiner Backenzähne war falsch. Das war zusammen mit der gebrochenen Nase passiert. Sein Haar war schwarz, voll und kurz, aber immer noch anderthalb Zentimeter länger als der Haarschnitt eines US-Marines. Seine Gesichtszüge waren scharf und kantig, aber Robie sorgte dafür, dass niemand sie sich genau einprägte, indem er grundsätzlich Blickkontakt vermied.

Ein Arm und der Rücken wiesen Tätowierungen auf. Eine stellte den Zahn eines weißen Hais dar. Die andere war ein roter Strich, der wie ein flammender Blitz aussah. Sie verhüllten alte, schlecht verheilte Narben. Für Robie hatten sie eine besondere Bedeutung. Die beschädigte Haut war für den Tätowierer eine echte Herausforderung gewesen, aber das Ergebnis war zufriedenstellend.

Robie war neununddreißig Jahre alt. Morgen würde er seinen vierzigsten Geburtstag begehen. Aber er war nicht nach Schottland gekommen, um diesen privaten Meilenstein zu feiern. Er war hier, um zu arbeiten. Von den dreihundertfünfundsechzig Tagen eines jeden Jahres reiste und arbeitete er ungefähr die Hälfte.

Robie ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. Es war klein, schmucklos und wies eine strategische Lage auf. Er stellte keine großen Ansprüche. Will Robie hatte nur wenige Besitztümer und noch weniger Bedürfnisse.

Er stand auf, trat ans Fenster und drückte das Gesicht gegen die kühle Scheibe. Der Himmel war düster, wie oft in Schottland. In Edinburgh begrüßte man einen Sonnentag dankbar und voller Erstaunen.

Links erhob sich der Holyrood Palace, die offizielle Residenz der Queen in Schottland. Von seinem Standort konnte Robie ihn nicht sehen. Weit zu seiner Rechten ragte Edinburgh Castle auf. Auch dieses alte, verwitterte Gemäuer lag außerhalb seines Blickfelds, aber Robie wusste genau, wo es sich befand.

Er warf einen Blick auf die Uhr.

Noch acht Stunden.

* * *

Seine innere Uhr weckte ihn Stunden später. Er verließ das Zimmer, stieg zur Princes Street hinauf und passierte das majestätische Balmoral Hotel, das den Mittelpunkt der City markierte.

Er bestellte eine leichte Mahlzeit und trank Leitungswasser, ignorierte die große Auswahl an Stout-Bieren, die das Schild über der Bar anbot. Beim Essen beobachtete er einen Straßenkünstler, der auf einem Einrad mit Fleischermessern jonglierte, während er die Zuschauer mit witzigen, in übertriebenem schottischem Akzent vorgetragenen Geschichten unterhielt. Dann war da noch ein Mann in der Verkleidung des Unsichtbaren, der für zwei Pfund das Stück Fotos von Passanten schoss.

Nach dem Essen ging Robie in gemütlichem Tempo in Richtung Edinburgh Castle. Er sah es in der Ferne vor sich. Die Anlage war groß und beeindruckend. Man hatte sie in ihrer langen Geschichte nie mit Gewalt erobern können, nur mit List.

Robie stieg in der Burg ganz nach oben und blickte über die im Zwielicht liegende schottische Hauptstadt hinweg. Dabei strich er über eine Kanone, die nie wieder einen Schuss abgeben würde. Dann wandte er sich nach links und nahm die Weite des Meeres in sich auf, das Edinburgh bereits vor Jahrhunderten zu einem wichtigen Hafen gemacht hatte, in dem ununterbrochen Schiffe anlegten und ihre Fracht entluden, um dann mit neuer Ladung wieder in See zu stechen.

Robie streckte sich und spürte ein Knirschen in der linken Schulter.

Vierzig Jahre.

Morgen.

Aber zuerst musste er den heutigen Tag überleben.

Wieder ein Blick auf die Uhr.

Noch drei Stunden.

Er verließ die Burg und betrat eine Seitenstraße. Unter der Markise eines Cafés wartete er einen heftigen kalten Regenschauer ab und trank eine Tasse Kaffee.

Später passierte er ein Schild für die Geistertour Underground Edinburgh »nur für Erwachsene«, die erst nach Einbruch der Dunkelheit begann. Es war fast so weit. Robie hatte sich jeden Schritt, jede Bewegung genau eingeprägt, um zu überleben.

Wie immer musste er darauf vertrauen, dass das reichte.

Will Robie wollte nicht in Edinburgh sterben.

Kurz darauf ging er an einem Mann vorbei, der ihm zunickte. Es war eine kaum merkliche Kopfbewegung, dann war der Mann verschwunden. Robie betrat den Eingang, den der andere freigegeben hatte. Er schloss die Tür, verriegelte sie und bewegte sich mit schnellen Schritten weiter. Seine Schuhe hatten Gummisohlen, sodass sie auf dem Steinboden keinen Laut verursachten. Nach zwanzig Metern fiel sein Blick auf eine Tür rechts von ihm. Die nahm er. An einem Haken hing ein alter Mönchsumhang mit Kapuze. Er legte ihn sich um, schlug die Kapuze hoch. Noch andere Dinge lagen für ihn bereit. Alle zwingend erforderlich.

Handschuhe.

Eine Nachtsichtbrille.

Ein Rekorder.

Eine Pistole des Fabrikats Glock mit angebrachtem Schalldämpfer.

Und ein Messer.

Robie wartete, sah alle fünf Minuten auf die Uhr. Auf die Sekunde genau lief sie mit der Uhr eines anderen Mannes synchron.

Robie öffnete eine weitere Tür, trat hindurch. Der Boden fiel schräg ab. Er kam zu einem Bodengitter, stemmte es in die Höhe und kletterte flink an mehreren im Stein verankerten Eisensprossen in die Tiefe. Lautlos setzte er den Fuß auf den Boden, wandte sich nach links und zählte die Schritte. Über ihm erhob sich die Burg. Zumindest der neue Teil.

Er befand sich nun im Untergrund von Edinburgh, dem Schauplatz der Geistertouren. Unter South Bridge und Teilen des alten Edinburgh gab es Grüfte. Robie eilte die dunklen gemauerten Gänge entlang. Das Nachtsichtgerät zeigte ihm jede Einzelheit in kontrastreicher Schärfe. In halbwegs regelmäßigen Abständen war elektrische Beleuchtung angebracht. Trotzdem war es hier unten ziemlich dunkel.

Er konnte beinahe die Stimmen der Toten hören. Hiesigen Legenden zufolge hatte die Pest um 1600 vor allem die armen Stadtteile wie Mary King’s Close heimgesucht. Angeblich hatte man Tote für immer eingemauert, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Robie hatte keine Ahnung, ob das stimmte oder nicht, aber es hätte ihn nicht überrascht. So reagierte die Zivilisation manchmal auf Bedrohungen, ob echt oder eingebildet. Sie errichtete eine Mauer und schnitt die anderen ab. Wir gegen sie. Der Stärkere überlebte. Du stirbst, damit ich lebe.

Wieder ein Blick auf die Uhr.

Noch zehn Minuten.

Robie ging langsamer, passte seinen Schritt an, damit er Sekunden vor dem von ihm erwarteten Zeitpunkt eintraf. Für alle Fälle.

Er hörte sie, bevor er sie sah.

Sie waren zu fünft, der Fremdenführer nicht eingerechnet. Der Mann und die Leute, mit denen er sich umgab.

Sie würden bewaffnet sein. Bereit. Die Leute, mit denen er sich umgab, würden diesen Ort als perfekte Stelle für einen Anschlag betrachten und entsprechend wachsam sein.

Zu Recht.

Es war dumm von dem Mann gewesen, hier runterzusteigen.

Der Köder hatte besonders verlockend sein müssen.

Und das war er.

Verlockend, aber völliger Blödsinn. Genauer gesagt gab es ihn gar nicht. Dennoch war der Mann gekommen, weil er es nicht besser wusste. Was Robie auf die Frage brachte, wie gefährlich der Bursche wirklich war. Aber diese Einschätzung war nicht sein Problem.

Noch vier Minuten.

KAPITEL 2

Robie trat um die letzte Biegung. Der Fremdenführer trug seinen auswendig gelernten Vortrag mit geheimnisvoller, geisterhafter Stimme vor. Melodramatisch verkauft sich gut, dachte Robie. Tatsächlich war die Einzigartigkeit dieser Stimme für den Plan von entscheidender Bedeutung.

Voraus bog der Weg im rechten Winkel ab. Dort entlang ging auch die Tour.

Genau wie Robie, nur aus der anderen Richtung.

Das Timing ließ nicht den geringsten Freiraum für einen noch so kleinen Fehler.

Robie zählte die Schritte. Er wusste, dass der Fremdenführer das Gleiche tat. Sie hatten sogar die Länge ihrer Schritte geübt, damit sie perfekt übereinstimmten. Sieben Sekunden später kam der Fremdenführer, der die gleiche Größe und Statur besaß wie Robie und einen identischen Umhang trug, nur fünf Schritte vor der Gruppe um die Ecke. In der Hand hielt er eine Taschenlampe. Das war das Einzige, was Robie nicht nachahmen konnte: Aus offensichtlichen Gründen musste er beide Hände frei haben.

Der Fremdenführer wandte sich nach links und verschwand in einer Felsspalte, die in einen anderen Raum mit einem anderen Ausgang führte.

Noch während Robie beobachtete, drehte er sich um und wandte der Gruppe, die Augenblicke später um die Ecke bog, den Rücken zu. Eine Hand glitt zum Rekorder an seinem Gürtel unter dem Umhang und stellte ihn an. Die dramatische Stimme des Fremdenführers erklang wieder. Er erzählte die Geschichte weiter, die er an der Abzweigung unterbrochen hatte.

Es gefiel Robie nicht, anderen den Rücken zuzuwenden, ganz und gar nicht, aber anders funktionierte der Plan nicht. Die Männer hatten Lampen dabei. Sie würden sehen, dass er nicht der Fremdenführer war. Dass er nicht der Sprecher war. Dass er eine Nachtsichtbrille trug.

Die Stimme dröhnte weiter.

Robie setzte sich in Bewegung. Er verringerte das Tempo. Sie holten zu ihm auf. Das Licht ihrer Lampen glitt über seinen Rücken. Er hörte ihre Atemzüge. Roch sie. Schweiß, Eau de Cologne, den Knoblauch ihrer Mahlzeit. Ihrer letzten Mahlzeit auf Erden.

Oder meine. Je nachdem, wie das hier ausgeht.

Es war Zeit.

Robie drehte sich um.

Ein tiefer Messerstich schaltete den Mann an der Spitze aus. Er fiel zu Boden, während er versuchte, seine Eingeweide im Körperinnern zu halten. Dem zweiten Mann schoss Robie ins Gesicht. Wegen des Schalldämpfers schlug die Kugel mit einem Geräusch ein, das sich wie ein harter Schlag anhörte. Er hallte von den Steinwänden wider und vermischte sich mit den Schreien des Sterbenden.

Die anderen reagierten sofort. Aber sie waren keine echten Profis. Sie waren Aasgeier, deren Beute die Schwachen waren, die sich nicht wehren konnten. Für Robie traf beides nicht zu.

Drei von den Männern standen noch, aber nur zwei würden Schwierigkeiten machen.

Robie schleuderte das Messer. Es bohrte sich in die Brust des dritten Gegners und schnitt sein Herz fast in zwei Hälften. Der Mann hinter ihm feuerte, als sein Kumpan zu Boden ging, aber Robie war bereits in Bewegung und benutzte den dritten Mann als Schild. Die Kugel traf die Felswand. Ein Teil von ihr blieb darin stecken, ein anderer Teil bohrte sich als Querschläger in die gegenüberliegende Wand. Der Schütze drückte ein zweites Mal ab, ein drittes Mal, verfehlte aber sein Ziel, weil sein Adrenalinspiegel in die Höhe geschnellt war und seine Feinmotorik aus dem Gleichgewicht brachte. Er feuerte beinahe verzweifelt um sich, leerte das gesamte Magazin. Kugeln prallten vom harten Stein ab. Ein Querschläger traf den Mann an der Spitze in den Kopf. Er tötete ihn nicht, weil er bereits verblutet war und die Toten kein zweites Mal sterben konnten. Der fünfte Mann hatte sich zu Boden geworfen und schützte seinen Kopf mit beiden Händen.

Robie hatte alles gesehen. Er ließ sich zu Boden fallen und feuerte einen Schuss in die Stirn von Mann Nummer vier. Diese Bezeichnungen hatte er ihnen gegeben. Nummern. Gesichtslos. So waren sie leichter zu töten.

Blieb nur noch Nummer fünf.

Nummer fünf war der einzige Grund, aus dem Will Robie heute nach Edinburgh geflogen war. Die anderen waren nur ein Kollateralschaden. Im großen Plan war ihr Tod völlig bedeutungslos.

Nummer fünf stand auf und wich zurück, als Robie auf die Füße kam. Fünf trug keine Waffe. Er hatte sie für unnötig befunden. Waffen waren unter seiner Würde. Zweifellos bereute er nun diese Einschätzung.

Er betete. Er flehte. Er würde bezahlen. Eine Wahnsinnssumme. Als sich die Mündung auf ihn richtete, ging er zu Drohungen über. Wie wichtig er sei. Wie mächtig seine Freunde seien. Was er mit Robie anstellen würde. Wie Robie leiden würde. Robie und seine ganze Familie.

Robie hörte gar nicht hin. Das alles hatte er zuvor schon gehört.

Er drückte zweimal ab.

Eine Kugel in die rechte Hirnhälfte, die andere in die linke. Das war immer tödlich.

Auch heute Abend.

Nummer fünf küsste den Steinboden und schleuderte Robie mit dem letzten Atemzug einen Fluch entgegen, den keiner der Männer mehr hörte.

Robie wandte sich ab und schob sich in dieselbe Spalte, die der Fremdenführer benutzt hatte.

Schottland hatte ihn nicht umgebracht.

Dafür war er dankbar.

* * *

Robie schlief friedlich, nachdem er fünf Männer getötet hatte.

Er wachte um sechs Uhr auf und frühstückte in einem Café um die Ecke des Hotels. Später ging er zu Fuß zur Waverly Station direkt neben dem Balmoral Hotel und stieg in einen Zug nach London. Vier Stunden später traf er in der King’s Cross Station ein und nahm ein Taxi nach Heathrow. Flug 777 der British Airways hob später an diesem Nachmittag ab. Dank schwachem Gegenwind landete die Maschine nur sieben Stunden später auf dem Dulles Airport.

In Schottland war es bewölkt und kühl gewesen. In Virginia war es heiß und trocken, obwohl die Sonne schon tief stand. In der Hitze des Tages hatten sich Wolken gebildet, aber es würde kein Unwetter geben, weil es auch keine Feuchtigkeit gab. Es waren bloß Drohgebärden von Mutter Natur.

Vor dem Terminal wartete ein Wagen auf Robie. Auf dem Plakat stand kein Name.

Der Wagen war ein schwarzer SUV.

Regierungskennzeichen.

Robie stieg ein, legte den Sicherheitsgurt an und nahm die Ausgabe der Washington Post vom Sitz. Er gab dem Fahrer keine Anweisungen. Der Mann wusste auch so, wohin er musste.

Der Verkehr auf der gebührenpflichtigen Dulles Toll Road war überraschend spärlich.

Robies Handy vibrierte. Er blickte auf das Display.

Da stand nur ein Wort: Glückwunsch.

Er steckte das Handy zurück in die Jackentasche.

Seiner Meinung nach war »Glückwunsch« das falsche Wort. »Gratuliere« ebenfalls. Auch »Danke« passte nicht. Robie wusste selbst nicht, wie das richtige Wort lautete, wenn man seine Anerkennung über die Ermordung von fünf Menschen zum Ausdruck bringen wollte.

Vielleicht gab es ein solches Wort gar nicht. Vielleicht reichte Schweigen.

Die Fahrt endete vor einem Gebäude abseits der Chain Bridge Road im Norden von Virginia. Eine Nachbesprechung würde es nicht geben. Es war besser, keine Aufzeichnungen zu hinterlassen. Im Fall einer Untersuchung konnte man einen nicht existierenden Bericht auch nicht entdecken.

Andererseits hatte Robie keine offizielle Deckung, falls die Dinge schiefgingen, aber damit musste er leben.

Er begab sich zu einem Büro, in dem er zwar nicht offiziell angestellt war, das er aber manchmal benutzte. Trotz der späten Stunde wurde hier gearbeitet. Die Angestellten sprachen Robie nicht an. Sie warfen ihm nicht einmal einen Blick zu. Er wusste, dass sie keine Ahnung hatten, was er tat, aber sie zogen es vernünftigerweise vor, keinen Kontakt mit ihm zu suchen.

Er setzte sich an den Schreibtisch, zog die Tastatur des Computers zu sich heran, verschickte ein paar E-Mails und blickte aus einem Fenster, das in Wirklichkeit gar kein Fenster war. Es war bloß ein Kasten mit simuliertem Sonnenlicht, weil ein echtes Fenster eine Öffnung war, durch die andere einsteigen konnten.

Eine Stunde später betrat ein pummeliger Mann mit käsiger Hautfarbe in einem zerknitterten Anzug das Büro. Sie grüßten einander nicht. Pummel legte einen USB-Stick vor Robie auf den Tisch. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand wieder. Robie blickte auf den silbrig schimmernden Gegenstand. Der nächste Auftrag war bereits vorbereitet. In den letzten Jahren hatte sich der zeitliche Abstand zwischen den Jobs deutlich verringert.

Robie steckte den USB-Stick ein und ging. Dieses Mal fuhr er selbst in einem Audi, der auf seinem Platz in einer angrenzenden Garage gestanden hatte. Er genoss das Gefühl der Behaglichkeit, als er sich auf den Fahrersitz gleiten ließ. Der Audi gehörte ihm, nun schon seit fast vier Jahren. Er fuhr ihn durch die Sicherheitskontrolle. Auch der Posten würdigte ihn keines Blickes.

Der Unsichtbare in Edinburgh. Robie wusste genau, wie sich das anfühlte.

Auf der Straße schaltete er höher und gab Gas.

Wieder vibrierte das Handy. Er warf einen Blick auf das Display.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

Robie lächelte nicht, verzog keine Miene. Er warf das Handy auf den Beifahrersitz und trat das Gaspedal durch.

Es würde weder Kuchen geben noch Kerzen.

Auf der Fahrt dachte Robie an den unterirdischen Tunnel in Edinburgh. Vier der toten Männer waren Bodyguards gewesen. Harte, gnadenlose Männer, die in den letzten fünf Jahren mindestens fünfzig Menschen ermordet hatten, darunter auch Kinder. Der fünfte Mann mit den beiden Kugeln im Gehirn war Carlos Rivera. Er handelte mit Heroin und zwang junge Menschen zur Prostitution. Rivera war stinkreich gewesen und hatte vorgeblich in Schottland Urlaub gemacht. Tatsächlich hatte er sich mit einem Zar der Russenmafia in Edinburgh treffen wollen, um ihre Geschäftsinteressen zu vereinigen. Auch Kriminelle globalisierten gern.

Robie hatte den Befehl erhalten, Rivera zu töten. Doch der Grund dafür waren weder der Menschenhandel noch der Drogenschmuggel gewesen. Rivera hatte sterben müssen, weil die Vereinigten Staaten erfahren hatten, dass er mithilfe mehrerer hochrangiger Generäle der mexikanischen Armee einen Staatsstreich plante. Die neue Regierung wäre allerdings kein Freund Amerikas gewesen, also durfte man das nicht zulassen. Das Treffen mit dem Russen war eine Falle gewesen, der Köder. Es gab weder einen Zaren noch ein Treffen. Die verbrecherischen mexikanischen Generäle waren ebenfalls tot, ausgeschaltet von Männern wie Robie.

Nachdem Robie zu Hause angekommen war, spazierte er zwei Stunden lang durch die dunklen Straßen. Er ging hinunter zum Fluss und beobachtete die Autoscheinwerfer, die auf der Virginia-Seite die Nacht durchschnitten. Ein Patrouillenboot der Polizei glitt über die ruhige Oberfläche des Potomac.

Er blickte hinauf zum mondlosen Himmel, eine Torte ohne Kerzen.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

KAPITEL 3

Drei Uhr morgens.

Will Robie war seit zwei Stunden wach. Die Mission auf dem USB-Stick, den er erhalten hatte, würde eine Reise erforderlich machen, die noch länger war als die Reise nach Edinburgh. Auch diesmal war das Ziel ein gut beschützter Mann mit mehr Geld als Moral.

Robie arbeitete seit nunmehr fast einem Monat an dieser Aufgabe. Zahllose Details mussten berücksichtigt werden, und der Spielraum für Fehler war noch geringer als bei Rivera. Die Vorbereitungen waren strapaziös und hatten ihren Tribut gefordert. Robie konnte nicht schlafen und aß nur sehr wenig.

Aber jetzt versuchte er sich zu entspannen. Er saß in der kleinen Küche seines Apartments. Die Wohnung befand sich in einer gut situierten Gegend mit prächtigen Häusern. Robies Gebäude gehörte allerdings nicht dazu. Es war alt und zweckmäßig, und es gab laute Rohrleitungen und seltsame Gerüche, ganz zu schweigen von den geschmacklosen Teppichen. Die Mieter waren völlig unterschiedlich und schufteten schwer; die meisten standen am Anfang ihres Erwachsenendaseins. Sie brachen in aller Herrgottsfrühe auf, um an ihre Arbeitsplätze in den Anwaltskanzleien, Buchhaltungsfirmen und Investmentkonzernen zu kommen, die über die ganze Stadt verteilt waren.

Manche von ihnen benutzten öffentliche Verkehrsmittel, die U-Bahn oder den Bus, andere fuhren auf dem Fahrrad oder gingen sogar zu Fuß zu den großen Regierungsgebäuden des FBI, der IRS und der US-Notenbank.

Robie kannte keinen der anderen Mieter, obwohl er jedem von ihnen hin und wieder begegnete. Man hatte ihn über sie alle informiert. Sie interessierten sich nur für ihre Karrieren und blieben für sich.

Genau wie Robie. Er bereitete sich auf den nächsten Auftrag vor. Brütete über den Einzelheiten, weil er nur so überleben konnte.

Er stand auf und schaute aus dem Fenster auf die Straße hinunter, wo gerade ein einzelnes Auto vorbeifuhr. Seit einem Dutzend Jahren bereiste er nun die Welt. Und wohin er auch fuhr, starb jemand. Er konnte sich nicht mehr an die Namen der Leute erinnern, deren Leben er beendet hatte. Sie waren ihm egal, wenn er sie tötete, und sie waren ihm auch jetzt egal.

Shane Connors, Robies Vorgänger in diesem Job, hatte fast dreißig Prozent mehr Ziele eliminiert als Robie in der gleichen Zeit. Connors war ihm ein guter, verlässlicher Mentor gewesen. Nach seiner »Pensionierung« hatte man Connors einen Schreibtischjob zugeteilt. In den vergangenen fünf Jahren hatte Robie kaum noch Kontakt zu ihm gehabt. Aber es gab nur wenige Männer, die er mehr respektierte. Der Gedanke an Connors ließ Robie über die eigene Pensionierung grübeln. In nur wenigen Jahren würde sie unweigerlich kommen.

Falls ich so lange lebe.

Robies Tätigkeitsfeld war etwas für junge Männer. Mit vierzig würde er es keine weiteren zehn Jahre schaffen. Seine Fähigkeiten würden zu sehr nachlassen. Irgendwann, irgendwo würde eines seiner Ziele besser sein als er, und dann würde er sterben.

Robies Gedanken schweiften wieder zu Shane Connors, wie er hinter seinem Schreibtisch saß. Für Robie war auch das eine Art Tod, nur trug er einen anderen Namen.

Er ging zur Wohnungstür und legte das Auge an den Spion. Obwohl er keinen seiner Nachbarn persönlich kannte, bedeutete das nicht, dass er keine Neugier verspürte. Tatsächlich war er sogar sehr neugierig, was die anderen betraf. Die Erklärung dafür war einfach: Ihr Leben war normal.

Seines nicht.

Sie dabei zu beobachten, wie sie ihrem alltäglichen Leben nachgingen, war für Robie die einzige Möglichkeit, nicht den Bezug zur Realität zu verlieren.

Er hatte sogar daran gedacht, einige von ihnen näher kennenzulernen. Das wäre eine gute Tarnung für ihn – der Versuch, sich anzupassen. Obendrein würde es ihm helfen, sich auf den Tag vorzubereiten, an dem er nicht mehr tun würde, was er jetzt tat, und ein halbwegs normales Leben führte.

Vielleicht.

Vielleicht auch nicht.

Seine Gedanken wandten sich wieder der bevorstehenden Mission zu, so wie immer. Wie jedes Mal. Unweigerlich.

Es würde schwierig sein. Er konnte draufgehen. Aber das kannte er nicht anders. Das war immer so.

Er führte ein seltsames Leben, das war ihm klar.

Aber es war sein Leben.

KAPITEL 4

An diesem Tag machte die Costa del Sol ihrem Namen alle Ehre.

Robie trug einen strohfarbenen Hut mit schmaler Krempe, ein weißes T-Shirt, eine blaue Jacke, verblichene Jeans und Sandalen. Sein gebräuntes Gesicht zierte ein Dreitagebart. Er war in den Ferien oder sah zumindest so aus.

Er bestieg die große, wuchtige Fähre, die die Straße von Gibraltar überqueren würde. Ein Blick zurück zeigte ihm noch einmal die schroffen Berge, die sich an der beeindruckenden spanischen Küste erhoben. Der Kontrast, den die steilen Felsen zum blauen Mittelmeer bildeten, war faszinierend. Robie bewunderte den Anblick ein paar Sekunden lang und wandte sich dann ab.

Er hatte das Bild fast schon wieder vergessen. Es gab andere Dinge, die ihn beschäftigten.

Das Ziel der Schnellfähre war Marokko. Sie schaukelte wie ein Metronom, als sie den Hafen von Tarifa verließ, um nach Tanger zu kommen. Sobald sie an Geschwindigkeit gewonnen und das offene Meer erreicht hatte, wurde die Fahrt ruhiger. Der Bauch der Fähre war mit Autos, Bussen und Sattelschleppern gefüllt. Der Rest war mit Passagieren vollgestopft, die etwas aßen, sich in der Spielhalle mit Videospielen die Zeit vertrieben oder sich mit zollfreien Zigaretten und Parfüm eindeckten.

Robie nahm seinen Platz ein und bewunderte den Ausblick oder tat zumindest so. Die Meerenge war zehn Meilen breit, und die Fahrt würde nur ungefähr vierzig Minuten dauern. Das war nicht viel, um in Ruhe nachzudenken. Robie verbrachte die Zeit damit, abwechselnd die Fluten des Mittelmeers und die anderen Passagiere zu betrachten. In der Hauptsache handelte es sich um Touristen, die sich unbedingt damit brüsten wollten, in Afrika gewesen zu sein, aber Robie wusste, dass Marokko sich sehr von dem Bild unterschied, das die meisten Leute von Afrika hatten.

In Tanger stieg er von der Fähre. Busse, Taxis und Fremdenführer warteten auf die Meute. Robie mied sie alle und verließ den Hafen zu Fuß. Augenblicklich wurde er von Straßenhändlern, Bettlern und Ladenbesitzern belagert. Kinder zerrten an seiner Jacke und bettelten um Geld. Robie richtete den Blick zu Boden und ging weiter.

Er überquerte den lärmenden, geschäftigen Gewürzmarkt. An einer Ecke wäre er beinahe auf eine ältere Frau getreten, die offenbar eingeschlafen war, als sie ein paar Laibe Brot zum Verkauf anbot. Was für ein Scheißleben. Wahrscheinlich bestand es nur aus dieser Ecke und ein paar Laiben Brot, die an den Mann gebracht werden mussten. Ihre Kleidung war schmutzig, genau wie ihre Haut. Sie war mollig und weich und wirkte dennoch unterernährt, wie es häufig zu beobachten ist.

Robie beugte sich vor und drückte ihr ein paar Münzen in die Hand. Ihre verkrümmten Finger schlossen sich darum, und sie bedankte sich bei ihm in ihrer Sprache. Robie antwortete in seiner Sprache: »Keine Ursache.« Irgendwie verstanden beide, worum es ging.

Robie setzte seinen Weg fort und schritt schneller aus, nahm die Stufen, an die er gelangte, immer zwei oder drei auf einmal. Er kam an Schlangenbeschwörern vorbei, die sonnenverbrannten Touristen exotisch bunte Schlangen mit gezogenen Zähnen um die Hälse legten. Dann weigerten sie sich, die Reptilien wieder wegzunehmen, ehe man ihnen fünf Euro in die Hand gedrückt hatte.

Eine nette Gaunerei, überlegte Robie, wenn man das Geld bekommt.

Sein Ziel war ein Zimmer über einem Restaurant, das echte lokale Küche versprach. Natürlich handelte es sich um eine Touristenfalle. Das Essen war gewöhnlich, das Bier warm, die Bedienung desinteressiert. Die Busfahrer schleppten ahnungslose Leute hierher und machten sich dann aus dem Staub, um anderswo eine sehr viel bessere Mahlzeit zu bekommen.

Robie stieg eine Treppe hinauf, öffnete das Türschloss mit dem Schlüssel, den man ihm zuvor gegeben hatte, und schloss die Tür hinter sich. Er blickte sich um. Bett, Stuhl, Fenster. Mehr brauchte er nicht.    

Den USB-Stick hatte er schon vor langer Zeit vernichtet. Der Plan stand fest. Alles, jede Bewegung, war in den Vereinigten Staaten in einer Kulisse geübt worden, die eine genaue Nachbildung des Ziels darstellte. Jetzt kam der schwierigste Teil. Das Warten.

Er setzte sich aufs Bett, rieb sich den Nacken, lockerte die von der langen Reise in Flugzeug und Schiff verspannten Muskeln.

Dieses Mal war das Ziel kein Idiot wie Rivera, sondern ein misstrauischer Zeitgenosse, der sich mit Profis umgab, die nicht wild drauflosballern würden. Diese Zielperson zu liquidieren würde schwieriger sein.

Robie hatte nichts aus Spanien mitgebracht, weil er durch die Zollkontrolle gemusst hatte, um auf die Fähre zu können. Hätte die spanische Polizei eine Pistole gefunden, wäre das mehr als ein Problem gewesen. Aber alles, was er brauchte, war in Tanger.

Er zog die Jacke aus, legte sich aufs Bett und ließ zu, dass die von außen eindringende Hitze ihn schläfrig machte. Er schloss die Augen in dem Wissen, sie in vier Stunden wieder zu öffnen. Der Straßenlärm verebbte, als er einnickte.

Als er erwachte, waren fast vier Stunden vergangen und der heißeste Teil des Tages angebrochen. Er wischte sich den Schweiß vom Gesicht, trat ans Fenster und verfolgte, wie vier Touristenbusse durch Straßen navigierten, die nicht für so große oder unhandliche Fahrzeuge gebaut worden waren. Auf den Bürgersteigen wimmelte es von Menschen, Einheimischen und Besuchern.

Nach einer weiteren Stunde verließ Robie das Zimmer. Auf der Straße wandte er sich nach Osten und schlug ein zügiges Tempo ein. In wenigen Sekunden war er im Gewühl der Altstadt untergetaucht. Er würde die benötigte Ausrüstung besorgen, nichts anderes. Alle Gegenstände waren nur für die Mission vorgesehen. Robie war in siebenunddreißig Länder gereist und hatte kein einziges Souvenir gekauft.

Sieben Stunden später war es ziemlich dunkel. Robie näherte sich der großen, zweckmäßigen Anlage von Westen. Auf dem Rücken trug er einen Kasten und einen Rucksack mit Trinkwasser, einem Gefäß zum Reinpinkeln und Verpflegung. Es war nicht vorgesehen, dass er diesen Ort in den nächsten drei Tagen verließ.

Er blickte sich um, konzentrierte sich auf die Gerüche des Dritte-Welt-Landes. Die Luft schien Regen anzukündigen, aber der würde ihn nicht behindern. Die Mission fand drinnen statt.

Robie schaute auf die Uhr und hörte ihn näher kommen. Er duckte sich hinter ein paar Fässer. Der Lastwagen fuhr an ihm vorbei und hielt ein Stück weiter. Robie näherte sich von hinten. Drei Schritte später lag er unter dem Fahrzeug und klammerte sich an Metallvorsprüngen fest, die aus dem Unterboden ragten. Der Laster fuhr wieder los, hielt dann noch einmal. Ein langgezogenes Knirschen von Metall auf Metall ertönte. Mit einem Ruck, der um ein Haar Robies Griff gesprengt hätte, fuhr das Fahrzeug wieder an.

Fünfzehn Meter weiter hielt der Lastwagen erneut. Die Türen öffneten sich, Füße berührten den Boden, die Türen schlugen zu. Schritte eilten davon. Wieder das Knirschen. Riegel schnappten zu. Dann Stille. Nur die Schritte der Patrouille waren zu hören, die für die nächsten drei Tage rund um die Uhr präsent sein würde.

Robie passte es so ab, dass er sich in dem Moment unter dem Lastwagen hervorrollte und ins Gebäude huschte, als das Knirschen verstummte. Robie hatte nur diese eine Chance gehabt, ins Gebäude einzudringen.

Mission erfüllt. Zumindest dieser Teil.

Jetzt kam der Wettlauf gegen die Uhr.

Er rannte los. Der harte Kasten schlug im Takt seiner Schritte gegen seinen Rücken.

Robie erreichte die andere Seite, griff nach dem Träger, zog sich Hand über Hand zu der ausgesuchten Stelle. Er schwang nach links, dann nach rechts und sprang.

Nahezu lautlos landete er auf dem Metall und huschte zu einer fünfundzwanzig Meter entfernten Stelle in einer der dunkelsten Ecken des Gebäudes.

Er erreichte sie mit genau fünf Sekunden Vorsprung.

Die Beleuchtung erlosch, der Alarm schaltete sich ein. Augenblicklich füllte sich der Raum mit einem Gitter aus Strahlen, die für das menschliche Auge unsichtbar waren. Berührten sie etwas, und sei es nur flüchtig, schrillten die Sirenen los. Eindringlinge würde man auf der Stelle hinrichten. Das hier war so ein Ort.

Robie drehte sich auf den Rücken und wandte das Gesicht der Decke zu.

Noch drei Tage. Zweiundsiebzig Stunden.

Manchmal hatte es den Anschein, als wäre sein Leben ein ununterbrochener Countdown.

KAPITEL 5

Es war Zeit.

Die Gebetsteppiche wurden hervorgeholt. Knie berührten den Boden, und sämtliche Köpfe wandten sich nach Osten und senkten sich dann, um auf Kniehöhe zu ruhen. Der vertraute Singsang ertönte.

Mekka lag zweitausendfünfhundert nautische Meilen entfernt, mit dem Flugzeug ungefähr fünf Stunden. Für die Männer auf den Teppichen aber lag es bedeutend näher.

Nachdem sie die Gebete gesprochen und die religiösen Pflichten erfüllt hatten, rollten sie die Teppiche wieder zusammen und verstauten sie. Auch Allah wurde in den Hinterköpfen seiner Anhänger verstaut.   

Zum Essen war es noch zu früh. Aber nicht zum Trinken.

In Tanger gab es Orte, da konnte man das, ob die Moslems nun Abstinenzler waren oder nicht.

Die zwei Dutzend Männer besuchten einen solchen Ort. Sie gingen nicht zu Fuß. Sie fuhren in einem Konvoi aus vier Hummern. Die Hummer waren nach amerikanischem Militärstandard gepanzert und würden sämtlichen Kugeln und den meisten Raketenangriffen widerstehen können. Wie die Busse erschienen diese Fahrzeuge viel zu breit für die schmalen Straßen.

Der wichtigste Mann fuhr in dem dritten Hummer, in dem er vorn und hinten geschützt war. Sein Name lautete Khalid bin Talal. Er war ein saudischer Prinz, ein Vetter des Königs. Allein durch diese Verbindung brachte man ihm in fast allen Ecken der moslemischen und christlichen Welt Achtung entgegen.

Er kam nicht oft nach Tanger. Heute Abend war er aus geschäftlichen Gründen hier. In den frühen Morgenstunden würde er in seinem Privatjet abreisen, der gut hundert Millionen Dollar gekostet hatte. Für jeden Normalsterblichen war das eine ungeheure Summe, für Talal war es weniger als ein Prozent seines Reinvermögens. Die Saudis waren im Allgemeinen enge Verbündete des Westens, insbesondere der Amerikaner. Zumindest in der Öffentlichkeit. Reibungsfreier Ölfluss sorgte für gute Freundschaften. Die Welt bewegte sich schnell, und Männer aus einem kargen Wüstenland konnten sich Flugzeuge leisten, die neunstellige Summen kosteten.

Allerdings gehörte dieser saudische Prinz nicht zu den Freunden der USA. Talal hasste den Westen, vor allem Amerikaner, in aller Öffentlichkeit. Eine solche Position gegen die letzte Supermacht der Welt einzunehmen war gefährlich.

Man verdächtigte Talal der Entführung, Folterung und Ermordung von vier US-Soldaten, die man aus einem Club in London verschleppt hatte. Aber man hatte nichts beweisen können, und der Prinz hatte keinerlei Konsequenzen tragen müssen. Außerdem wurde er verdächtigt, drei Terrorangriffe in zwei verschiedenen Ländern finanziert zu haben, was zum Tod von über hundert Menschen geführt hatte, darunter ein Dutzend Amerikaner. Aber auch das hatte man nicht beweisen können, und so hatte es auch hier keinerlei Konsequenzen gegeben.

Aber es hatte Talal auf eine Liste gebracht. Und der Preis für den Platz auf dieser Liste würde mit dem vollen Segen der saudischen Führung kommen. Talal war zu ehrgeizig und zu lästig geworden, um weiterleben zu dürfen.

Die Leute, mit denen er sich treffen wollte, mochten den Westen oder die Amerikaner auch nicht besonders. Sie und Talal hatten viel gemeinsam. Sie sehnten sich nach einer Welt, die nicht vom Sternenbanner angeführt wurde. Auf der Zusammenkunft sollte besprochen werden, wie man eine solche Welt erschaffen konnte. Das Gremium war ein sorgsam gehütetes Geheimnis.

Talal hatte den Fehler gemacht, dieses sorgsam gehütete Geheimnis zu lüften.

Man betrat den Club durch eine Stahltür mit einer Tastatur. Talals Bodyguard, der an der Spitze ging, tippte den aus zehn Ziffern bestehenden Code ein, der täglich gewechselt wurde. Die fünfzehn Zentimeter dicke, von einer Hydraulik bewegte Tür schloss sich hinter den Männern. An strategischen Punkten erhoben sich Splitterschutzwände. Bewaffnete Wächter bezogen Stellung. Diese Vorkehrungen boten höchste Sicherheit für die wenigen Leute, die sie sich leisten konnten.

Der Prinz und seine Gruppe nahmen an einem großen runden Tisch in einem mit einem Seil abgetrennten Bereich Platz, der sich auf einer erhöhten Teakholzplattform befand, von Vorhängen verhüllt. Der Blick des Prinzen war ständig in Bewegung; er behielt die Umgebung im Auge. Zwei Attentatsversuche hatte er überlebt. Den ersten durch einen Vetter, den zweiten durch die Franzosen. Der Vetter war tot, genau wie Frankreichs bester Auftragskiller.

Talal vertraute niemandem. Ihm war völlig klar, dass die Amerikaner jetzt, wo ihre französischen Verbündeten versagt hatten, nicht weit sein würden. Seine Bodyguards waren auf Herz und Nieren überprüft; sie waren eine loyale Gruppe, mit engen Bindungen untereinander, und duldeten keine Außenseiter. Weiße, Schwarze oder Hispanos kamen nicht einmal in die Nähe des inneren Kreises. Und Talal war bewaffnet. Er war ein guter Schütze. Seine verspiegelte Sonnenbrille behielt er sogar in Räumen auf. Niemand vermochte zu sagen, in welche Richtung er blickte. Die Gläser waren speziell präpariert. Ihr Vergrößerungsfaktor erlaubte es ihm, Dinge zu sehen, die dem bloßen Auge entgingen.

Aber im Hinterkopf hatte auch er keine Augen.

Der livrierte Kellner näherte sich, brachte aber keine Drinks, nur Servietten. Der Prinz hatte stets seine eigenen Getränke und Gläser dabei. Schließlich hatte er nicht die Absicht, sich vergiften zu lassen. Er schenkte sich einen Bombay Sapphire ein, gab einen Schuss Tonic hinzu, trank einen Schluck, ließ den Blick schweifen und war mit einem Teil seiner Gedanken mit der bevorstehenden Zusammenkunft beschäftigt.

Er war auf jede Eventualität vorbereitet.

Nur nicht auf eine vergrößerte Prostata.

Das war ein Ärgernis, das nicht einmal sein Reichtum bezwingen konnte. Schließlich konnte er nicht jemand anderen für sich pinkeln gehen lassen.

Seine Männer vergewisserten sich, dass die Toilette frei von Feinden und Sprengstoff und nur durch eine Tür zugänglich war. Ein Mann säuberte Waschbecken, Toilette und Kabine mit einem antibakteriellen Spray. Königliche Milliardäre benutzten kein Urinal.

Talal betrat die gereinigte Kabine, schloss hinter sich die Tür und verriegelte sie. Dazu benutzte er ein Taschentuch. Seinen Übermantel hatte er vorher ausgezogen. Darunter trug er einen Maßanzug, der zehntausend britische Pfund gekostet hatte. Er besaß fünfzig solcher Anzüge und konnte sich nicht erinnern, wo sie alle waren, da sie sich weit verstreut in seinen vielen, über die ganze Welt verteilten Besitzungen befanden. Nicht einmal als junger Mann war er mit einem Linienflugzeug geflogen. In jedem seiner Häuser befand sich ein ganzer Stab Bediensteter. Wenn er in Hotels abstieg, dann nur in den vornehmsten Häusern; er mietete ganze Etagen, damit er auf dem Weg zu seinen Räumen keine gewöhnlichen Menschen ertragen musste. Überall wurde er mit einem Autokonvoi oder Hubschrauber befördert. Leute wie er waren nicht den Unbilden des Verkehrs ausgesetzt. Der Luxus seines Lebens war unvorstellbar. Talal fand das vollkommen in Ordnung, denn nach seinen eigenen Maßstäben hatte er nicht die geringste Ähnlichkeit mit anderen menschlichen Wesen.

Ich bin wertvoller. Viel wertvoller.

Trotzdem musste er wie jeder andere Mann, ob reich oder arm, den Reißverschluss herunterziehen, um sein Geschäft zu erledigen. Er schaute auf die Wand vor sich, betrachtete die Graffiti und die schmutzigen Worte. Angeekelt blickte er weg. Der westliche Einfluss hatte solche Dinge an diesen Ort gebracht, davon war er überzeugt. Im Westen konnten Frauen Autos steuern, wählen, außerhalb ihrer Häuser arbeiten und sich wie Huren anziehen. Die ganze Welt ging vor die Hunde. Selbst in seinem eigenen Land durften Frauen heutzutage wählen und andere Dinge tun, die nur Männern zustanden. Der König war wahnsinnig und, was noch viel schlimmer war, eine Marionette des Westens.

Talal betätigte die Spülung mit der Schuhspitze, zog den Reißverschluss der Hose zu und entriegelte die Tür. Während er sich die Hände wusch, betrachtete er sein Spiegelbild. Ein fünfzig Jahre alter Mann blickte ihm entgegen; der Bart zeigte graue Strähnen, der Bauch war dick. Er war mehr als zwölf Milliarden Dollar schwer, was ihn laut Forbes Magazine auf Platz einundsechzig der reichsten Menschen der Welt katapultierte. Er hatte sein Ölgeld genommen und es mithilfe seines guten geschäftlichen Riechers und seiner internationalen Verbindungen in viele profitable Unternehmungen gesteckt. Auf der Forbes-Liste stand er zwischen einem russischen Oligarchen, der sich nach dem Fall der Sowjetunion staatliche Vermögensposten mit Gangstermethoden für ein Butterbrot unter den Nagel gerissen hatte, und einem Technikgenie in den Zwanzigern, dessen Unternehmen allerdings noch nie auch nur einen Cent Gewinn gemacht hatte.

Talal verließ die Toilette und ging zurück zu seinem Tisch, umgeben von seinen Bodyguards. Sie hatten die Diamantenformation eingenommen. Diese Taktik hatte Talal dem amerikanischen Secret Service abgeschaut. In seinem Gefolge reiste sein Leibarzt, genau wie beim amerikanischen Präsidenten. Warum nicht den Stärksten nachahmen, lautete seine Devise.

In seiner Vorstellung war Talal genauso wichtig wie der amerikanische Präsident. Tatsächlich hätte er ihn gern als Anführer der freien Welt ersetzt. Allerdings würde die Welt bei weitem nicht so frei sein, wenn er das Sagen hätte, angefangen bei den Frauen.

Nach den Drinks begaben sie sich zum Abendessen in ein Restaurant, das gemietet worden war, damit der Prinz in Ruhe essen konnte, ohne befürchten zu müssen, von Fremden gestört zu werden. Danach legte er wieder seinen Übermantel an und kehrte zu seinem Flugzeug zurück, das in einem sicheren Hangar auf dem hinteren Teil eines privaten Flugplatzes außerhalb der Stadt stand. Die Hummer passierten das offene Tor des Hangars und hielten vor dem großen Jet. Wo die meisten Flugzeuge weiß lackiert waren, war dieses hier schwarz. Dem Prinzen gefiel diese Farbe. Er hielt sie für ein Symbol der Männlichkeit und der Macht, und sie vermittelte das deutliche Gefühl von Gefahr.

Genau wie er.

Die Hangartore schlossen sich, bevor Talal aus dem Wagen stieg, denn offene Tore hätten einem Scharfschützen Ziele bieten können. Die Hangartore würden sich erst wieder öffnen, wenn der Jet startbereit war.

Talal stieg die Gangway hinauf und japste leicht, als er oben angelangt war. Die Zusammenkunft würde in diesem Flugzeug stattfinden – am Boden, nicht in der Luft. Sie würde eine Stunde dauern.

Und der Prinz würde das Sagen haben.

Er war es gewöhnt, das Sagen zu haben.

Aber nicht mehr lange.

KAPITEL 6

Am Fuß der Gangway standen zwei Wächter. Der Rest der Wachmannschaft befand sich im Flugzeug und umgab den Mann, der bei jedem Angriff das Hauptziel sein würde. Die Kabinentür war verschlossen und verriegelt. Der Jet war wie eine Gruft. Eine sehr teure Gruft. Aber wie bei allen Grüften gab es Schwachpunkte.

Der Prinz saß an der Mitte des Tisches in der Kabine. Er hatte die Inneneinrichtung selbst entworfen. Das Flugzeug wies beinahe siebenhundertzwanzig Quadratmeter Marmor und exotisches Holz auf; es gab Orientteppiche und exquisite Gemälde und Skulpturen längst verstorbener Künstler von Museumsqualität, die er in 40.000 Fuß Höhe und bei einer Geschwindigkeit von 500 Meilen die Stunde bewundern konnte. Talal war ein Mann, der sein Geld ausgab und auf diese Weise seinen Reichtum genoss.

Er blickte in die Runde. Zwei Besucher waren da. Ein Russe und ein Palästinenser. Eine ungewöhnliche Partnerschaft, aber sie interessierte den Prinzen.

Sie hatten versprochen, dass sie für den richtigen Preis etwas zustande bringen konnten, das jeder andere, der Prinz eingeschlossen, für unmöglich gehalten hätte.

»Ihr seid sicher, dass ihr das schafft?« Talal klang ungläubig.

Der Russe nickte bedächtig, aber voller Überzeugung. Er war ein großer Mann mit Vollbart und kahlem Kopf, was ihm ein unausgewogenes, fußlastiges Aussehen verlieh.

»Ich bin gespannt, wie das gehen soll«, sagte der Prinz. »Denn man hat mir gesagt, dass schon der Versuch sinnlos ist.«

»Die stärkste Kette wird an ihrem schwächsten Glied gesprengt«, entgegnete der Palästinenser. Er war ein kleiner Mann, und sein Bart war noch dichter als der des Russen. Sie waren wie ein Schlepper und ein Schlachtschiff, aber es war offensichtlich, dass der kleine Mann in dieser Partnerschaft der Anführer war.

»Und was ist das schwächste Glied?«

»Eine Person. Aber diese Person steht direkt neben dem, den Sie wollen. Diese Person gehört uns.«

»Wie soll das gehen? Das ist unmöglich«, sagte der Prinz.

»Es ist möglich.«

»Was ist mit dem Zugang zu Waffen?«

»Die Person – besser gesagt, ihr Job – wird den Zugang zu Waffen möglich machen.«

»Und wie wollen Sie diese Person überzeugen?«

»Das ist unwichtig.«

»Nicht für mich. Diese Person muss bereit sein, zu sterben. Anders geht es nicht.«

Der Palästinenser nickte. »Diese Bedingung wird erfüllt.«

»Wirklich? Die Abendländer tun so etwas nicht.«

»Ich habe nicht gesagt, dass die Person ein Abendländer ist.«

»Sie wurde eingeschleust?«

»Daran wird schon seit Jahrzehnten gearbeitet.«

»Wieso?«

»Wieso tut überhaupt einer von uns etwas? Weil wir an etwas glauben. Und wir müssen Schritte unternehmen, um diesen Glauben in die Tat umzusetzen.«

Der Prinz lehnte sich zurück. Er sah interessiert aus.

»Die Pläne liegen bereit«, sagte der Palästinenser. »Aber wie Sie wissen, sind für ein solches Unternehmen beträchtliche Mittel erforderlich. Vor allem für die Folgen. Im Augenblick ist unsere Person sicher. Aber das könnte sich bald ändern. Überall gibt es Augen und Ohren. Je länger wir warten, desto größer die Gefahr, dass die Mission scheitert, bevor sie überhaupt eine Chance bekommt.«

Der Prinz strich mit dem Finger über das geschnitzte Holz der Tischplatte, während er aus dem Bullauge blickte. Die Flugzeugfenster waren übergroß, und er genoss den Ausblick von seinem hohen Sitz.

Das Unterschall-Geschoss traf ihn mitten in die Stirn und ließ sein Gehirn explodieren. Er wurde nach hinten gegen den Lederstuhl geschleudert und sank langsam zu Boden. Graue Masse, Blut, Knochensplitter und Gewebe bedeckten das zuvor makellose Innere der Kabine.

Der Russe sprang auf, hatte aber keine Waffe. Sie war am Eingang konfisziert worden. Der Palästinenser saß wie betäubt da.

Die Wächter reagierten. Einer zeigte auf das zersplitterte Flugzeugfenster. »Da draußen!«

Sie eilten zur Kabinentür.

Die beiden Bodyguards außerhalb des Flugzeugs hatten die Waffen gezogen und feuerten in die Richtung, aus der der tödliche Schuss gekommen war.

Kugeln schlugen um Robies Position ein. Er zielte, erwiderte das Feuer. Der erste Bodyguard ging nach einem tödlichen Kopfschuss zu Boden. Der zweite brach Augenblicke später mit einer Kugel im Herzen zusammen.

Aus seiner hohen Position heraus richtete Robie die Gewehrmündung auf die Flugzeugtür, jagte fünf Kugeln durch die Mitte und zerstörte die Türverriegelung. Dann wirbelte er herum, zerschoss das Cockpitfenster und damit die Flugzeugkontrollen. Der große Vogel würde für eine Weile am Boden festsitzen. Robie hatte das Glück, dass kugelsichere Materialien für Flugzeuge zu dick und zu schwer waren. Das machte eine solche Maschine zu einer hundert Millionen Dollar teuren Gruft mit einer sehr großen Achillesferse.

Er war mit dem Töten fertig.

Jetzt kam der schwierigste Teil.

Der Rückzug.

Robie balancierte den Träger entlang, bis er die Wand auf der anderen Seite des Hangars erreichte. Dort stieß er ein Fenster auf, befestigte sein Kabel an dem Haltering, den er in der vergangenen Nacht dort festgeschraubt hatte, und seilte sich zum Boden ab. Seine Füße berührten den Asphalt, und er rannte in östlicher Richtung vom Hangar und dem toten Prinzen fort. Er erklomm einen Zaun, sprang auf der anderen Seite hinunter. Hinter ihm ertönten Rufe. Lichtstrahlen durchbohrten die Dunkelheit. Kugeln flogen in seine Richtung, schlugen aber weit entfernt ein. Doch Robie wusste, wie schnell sich das ändern konnte.

Ein Wagen jagte heran. Robie warf seine Ausrüstung auf den Rücksitz, sprang ins Fahrzeug. Der Wagen schoss los, bevor er die Tür richtig geschlossen hatte. Robie sah den Fahrer nicht an, und der Fahrer ignorierte ihn.

Nach wenigen Meilen hielt er in den Außenbezirken von Tanger. Robie sprang aus dem Fahrzeug, eilte auf eine Gasse zu, ging weitere hundertfünfzig Meter und betrat einen kleinen Hof. Dort stand ein blauer Fiat. Er stieg ein, fischte den Schlüssel unter der Sonnenblende hervor, schob ihn ins Zündschloss, ließ den Motor an und fuhr vom Hof.

Fünf Minuten später näherte er sich dem Zentrum von Tanger. Er durchquerte die Stadt und parkte den Wagen am Hafen. Aus dem Kofferraum nahm er eine kleine Tasche mit Kleidung und anderen unverzichtbaren Dingen, darunter Reisedokumente und etwas Geld in Landeswährung.

Er nahm nicht die Schnellfähre zurück nach Spanien, sondern die langsame Fähre von Tanger nach Barcelona. Sein Arbeitgeber hatte ihm eine Familienkabine für drei Personen spendiert statt nur einen Sitzplatz. Robie verstaute die Tasche, verriegelte die Tür und legte sich aufs Bett. Ein paar Minuten später legte die Fähre vom Dock ab.

Die Fahrt nach Barcelona würde siebenundzwanzig Stunden dauern. Niemand würde damit rechnen, dass ein Attentäter mit einem Boot entkam, das mehr als einen Tag braucht, um seinen Zielhafen zu erreichen. Sie würden die Flughäfen überprüfen, die Schnellfähren, die Bahnhöfe. Aber nicht diese träge alte Badewanne, die für ein paar hundert Meilen auf dem Mittelmeer so viel Zeit benötigte. Da es fast Mitternacht war, würde er erst übermorgen eintreffen.

Robie hatte ein Richtmikrofon mit langer Reichweite gehabt, mit dem er die Unterhaltung im Flugzeug zwischen dem Prinzen und den beiden anderen Männern hatte belauschen können. Zugang zu Waffen … eine seit Jahrzehnten laufende Operation … bedeutende Mittel für die Folgen. Das würde man weiterverfolgen müssen. Aber das war nicht sein Job. Er hatte seine Aufgabe erfüllt. Er würde Bericht erstatten, und andere würden weitermachen. Sogar die saudische Königsfamilie würde erleichtert sein, dass eines ihrer schwarzen Schafe nicht mehr existierte, davon war Robie überzeugt. Das offizielle Statement würde einen solchen Akt der Gewalt selbstverständlich verurteilen. Sie würden eine sorgfältige Untersuchung des Vorfalls verlangen, würden schäumen vor Wut, jammern vor Schmerz. Diplomatische Kommuniqués würden ausgetauscht werden. Aber in den eigenen vier Wänden würden sie einen Toast auf die Verantwortlichen dieses Attentats ausbringen. Mit anderen Worten: einen Toast auf die Amerikaner.

Es war eine saubere Operation gewesen. Robie hatte den Prinzen von dem Moment an im Fadenkreuz gehabt, in dem er aus seinem Wagen gestiegen war. Schon da hätte er ihn ausschalten können, aber er hatte warten wollen, bis der Prinz und seine Bodyguards sich an Bord des Flugzeugs befanden. Waren die Sicherheitsleute in der Maschine gefangen, blieb einem Schützen mehr Zeit zur Flucht.

Robie hatte Talal ungefähr eine halbe Minute lang aus den Augen verloren, nachdem er die Maschine betreten hatte, doch als er sich an den Tisch setzte, war er wieder in Sicht gewesen.

Robie hatte auf Talals Kopf gezielt, obwohl es der schwierigere Schuss gewesen war. Aber durch das Zielfernrohr hatte er die Riemen gesehen, die unter dem Übermantel zum Vorschein gekommen waren, als der Prinz sich auf seinem Stuhl nach vorn gebeugt hatte. Er trug eine Schutzweste. Aber nicht auf dem Kopf.

Robie hatte drei Tage und Nächte seines Lebens dort oben unter dem Dach verbracht, hatte in ein Glas gepinkelt und Kraftriegel gegessen, während er in einem Gebäude, das angeblich abgeriegelt und sicher gewesen war, auf sein Ziel gewartet hatte, den Prinzen.

Jetzt war der Prinz tot.

Und seine Pläne waren mit ihm gestorben.

Will Robie schloss die Augen und schlief, während die Fähre auf ihrer langsamen Fahrt sanft auf den ruhigen Wellen des Mittelmeers schaukelte.

KAPITEL 7

Das hier war anders.

Es war ganz in der Nähe. Sein Zuhause, um genau zu sein.

Seit Tanger und Khalid bin Talal waren fast drei Monate vergangen. Das Wetter war kühler, der Himmel grauer. In der ganzen Zeit hatte Robie niemanden getötet. Für ihn war das eine ungewöhnliche lange Periode der Untätigkeit, aber das störte ihn nicht. Er ging spazieren, las, aß in Restaurants und unternahm ein paar Reisen, bei denen es nicht um den Tod eines Menschen ging. Mit anderen Worten, er führte ein normales Leben.

Aber dann war der USB-Stick gekommen, und Robie hatte wieder zur Waffe gegriffen. Das lag erst zwei Tage zurück. Kaum Zeit zur Vorbereitung, aber der USB-Stick hatte ihn darüber informiert, dass die Mission höchste Priorität besaß. Und wenn der USB-Stick sprach, handelte Robie.

Nun saß er mit einer Tasse Kaffee im Wohnzimmer. Es war früh am Morgen, doch er war schon seit ein paar Stunden auf. Da die Mission sich der Entscheidung näherte, hatte er schlecht schlafen können. So war das immer. Es war nicht so sehr Nervosität, es war vielmehr der Wunsch, sich besser vorbereitet zu haben. War er wach, feilte ein Teil seines Verstandes ständig am Plan, entdeckte Fehler und beseitigte sie.

Während seiner Auszeit hatte er sich an sein Vorhaben gehalten und mehr Zeit mit anderen Menschen verbracht, hatte sogar die Einladung eines Nachbarn zu einer zwanglosen Party in der Wohnung des Mannes in der zweiten Etage angenommen. Es waren nur ein Dutzend Leute da gewesen, von denen einige ebenfalls Mieter waren. Der Nachbar hatte Robie seinen Freunden vorgestellt, aber Robies Aufmerksamkeit hatte sich schnell auf eine junge Frau konzentriert.

Sie war erst kürzlich hier eingezogen und machte sich regelmäßig um vier Uhr morgens mit dem Fahrrad auf den langen Weg zum Weißen Haus. Robie wusste, wo sie arbeitete, weil er ein Dossier über sie bekommen hatte. Und er wusste, dass sie so früh zur Arbeit fuhr, weil er sie oft durch seinen Türspion beobachtet hatte.

Sie war viel jünger als er, hübsch und – soweit er es beurteilen konnte – intelligent. Mehrmals hatten sie Blickkontakt gehabt. Er spürte, dass sie nur wenige Freunde hatte, genau wie er selbst. Er spürte auch, dass sie nichts dagegen haben würde, wenn er sie ansprach.

Auf der Party trug sie einen kurzen schwarzen Rock und eine weiße Bluse. Ihr Haar war zum Pferdeschwanz zurückgebunden. In der Hand hielt sie einen Drink und blickte gelegentlich in Robies Richtung, lächelte und schaute dann wieder weg, um die Unterhaltung mit jemand anderem fortzuführen, den Robie nicht kannte.

Er hatte mehrmals erwogen, sich der jungen Frau zu nähern, hatte dann aber die Party verlassen, ohne auch nur den Versuch zu machen. Als er gegangen war, hatte er einen letzten Blick auf sie geworfen: Sie lachte über irgendeine Bemerkung und schaute nicht in seine Richtung. Das war auch besser so. Denn was hätte es gebracht?

Robie stand auf, blickte aus dem Fenster. Die Blätter im Park verfärbten sich allmählich, und die Abende wurden kühl. Manchmal hatten sie noch die Schwüle des Sommers, aber der Sommer lag im Sterben, das war nicht zu übersehen. Andererseits war das Wetter gar nicht so übel für eine Stadt, die auf einem Sumpf erbaut worden war – und nach Meinung vieler Leute immer noch ein Sumpf war, zumindest der Teil, in dem die Politiker residierten.

In der kurzen Zeit, die ihm zur Verfügung stand, hatte Robie seine Erkundung abgeschlossen und Probeläufe durchgeführt, auch wenn es unter diesen Umständen logistisch schwieriger gewesen war. Trotzdem gefiel ihm die Sache nicht. Aber darüber zu urteilen stand ihm nicht zu.

Er würde weder in ein Flugzeug noch in einen Zug steigen müssen, um an den vorgesehenen Ort zu kommen. Auch die Zielperson war anders. Aber nicht im positiven Sinn. Ganz und gar nicht.

Manchmal kümmerte Robie sich um Personen, die eine globale Bedrohung darstellten, wie Rivera oder Talal. Manchmal schaffte er einfach nur ein Problem aus der Welt. Doch wie man es auch ausdrückte – am Ende lief es jedes Mal auf das Gleiche hinaus. Seine Arbeitgeber entschieden, wer von den lebenden, atmenden Zeitgenossen sich als Ziel qualifizierte. Und dann wandten sie sich an Männer wie Robie, um dem Leben und Atmen des Betreffenden ein Ende zu setzen.

Es machte die Welt zu einem besseren Ort.

Jedenfalls lautete so die Rechtfertigung.

So wie damals, als die stärkste Armee des Planeten auf einen Verrückten im Nahen Osten gehetzt worden war. Der militärische Sieg hatte von Anfang an festgestanden. Doch was danach gekommen war, hatte man so nicht voraussehen können. Es war ein sich ständig veränderndes Chaos, dem man nicht entrinnen konnte.

Gefangen in der eigenen Falle.

Die Behörde, für die Robie arbeitete, hatte eindeutige Verfahrensregeln für Agenten, die auf einer Mission in Gefangenschaft gerieten. Man würde nicht einmal eingestehen, dass Robie überhaupt für die Vereinigten Staaten arbeitete. Man würde nichts unternehmen, um ihn zu retten. Es war das genaue Gegenteil vom Mantra der US Marines, Kameraden um keinen Preis zurückzulassen. In Robies Welt ließ man jeden zurück.

Deshalb hatte er bei jeder Mission einen Fluchtplan, der nur ihm selbst bekannt war. Er hatte noch nie auf diesen persönlichen Ersatzplan zurückgreifen müssen, weil er noch nie versagt hatte.

Bis jetzt. Morgen war wieder ein Tag, an dem er die Chance bekam, auf die Schnauze zu fallen.

Shane Connors hatte ihm die Ersatzplan-Strategie beigebracht. Er hatte ihm erzählt, wie er selbst in Libyen auf seinen Ersatzplan zurückgreifen musste, nachdem seine Mission gescheitert war, ohne dass er Schuld daran gehabt hätte.

»Da draußen bist du der Einzige, der dir wirklich den Rücken deckt«, hatte Connors gesagt. Diesen Rat hatte Robie nie vergessen. Und er würde jetzt nicht damit anfangen.

Er ließ den Blick durch die Wohnung schweifen. Hier war er nun schon seit vier Jahren zu Hause, was ihm größtenteils gefiel. Es gab Restaurants, die zu Fuß erreichbar waren. Die Gegend war interessant, und es gab interessante Geschäfte, die nicht zu uniformen Filialen nationaler Ladenketten gehörten. Und Robie aß oft in Restaurants. Er saß gern an einem Tisch und beobachtete die Leute. In gewisser Weise studierte er die Menschheit. Darum war er noch am Leben. Er verstand Menschen oft schon nach wenigen Sekunden der Beobachtung. Das war kein natürliches Talent. Es war eine Fertigkeit, die er sich im Laufe der Zeit beigebracht hatte, so wie seine meisten anderen Fertigkeiten.

Im Keller seines Mietshauses gab es einen Gymnastikraum, in dem Robie seine Muskeln stählte, seine Reflexe verbesserte und Techniken übte, die geübt werden mussten. Er war der Einzige, der diese Geräte je benutzte. Das Training mit Waffen und anderem erforderlichem Rüstzeug für sein Handwerk fand selbstverständlich an anderen Orten statt.

Im Flur draußen vor der Wohnung öffnete und schloss sich eine Tür. Robie trat an den Türspion und beobachtete, wie die Frau ihr Fahrrad durch den Flur schob. Es war die hübsche Frau von der Party. Die junge Frau, die im Weißen Haus arbeitete. Manchmal trug sie auf dem Weg dorthin Jeans und zog sich erst am Arbeitsplatz um. Sie verließ das Gebäude jeden Morgen als Erste, es sei denn, Robie war aus irgendeinem Grund schon unterwegs.

A. Lambert

Dieser Name stand unten auf dem Briefkasten. Das A stand für Anne. Das wusste er von der Überprüfung ihres Hintergrunds.

Auf seinem Briefkasten stand einfach nur Robie. Keine sonstige Initiale. Er hatte keine Ahnung, ob die Leute sich darüber wunderten. Wahrscheinlich nicht.

Die Frau war Ende zwanzig, hochgewachsen und dünn, mit langem blondem Haar. Bei ihrem Einzug hatte Robie sie mal in Shorts gesehen. Da war ein Anflug von X-Beinen, aber ihr Gesicht war ebenmäßig. Und unter der rechten Braue war ein Muttermal. Ihre Stimme war angenehm, denn er hatte mal ein Gespräch belauscht, das sie auf dem Flur mit einem anderen Mieter geführt hatte, der die derzeitige Regierung nicht unterstützte. Ihre Antworten waren klug und fundiert gewesen. Sie hatte Robie beeindruckt.

In Gedanken nannte er sie »A«.

Als A nun mit ihrem Fahrrad im Fahrstuhl verschwand, trat er von der Tür zurück und ging zu einem anderen Fenster, von dem aus man die Straße sehen konnte. Eine Minute später verließ sie das Gebäude, legte ihren Rucksack an, schwang sich aufs Rad und fuhr los. Robie beobachtete sie, bis sie um die Ecke bog und die reflektierenden Streifen auf ihrem Rucksack und ihrem Helm aus seinem Sichtfeld verschwanden.

Nächster Stopp: 1600 Pennsylvania Avenue.

Es war halb fünf am Morgen.

Er wandte sich vom Fenster ab und musterte den Raum. In seiner Wohnung gab es nichts, das jemandem einen Hinweis auf seine Tätigkeit gegeben hätte. Er hatte einen offiziellen Job, den man bis in alle Einzelheiten bestätigen würde, falls jemand nachfragte. Trotzdem war seine Wohnung unscheinbar und enthielt so gut wie nichts von persönlichem Interesse. Er hatte es lieber so, als dass andere eine Vergangenheit für ihn erfanden und Fotos ihm unbekannter Personen, die er als Verwandte oder Freunde ausgeben musste, an die Wände seiner Wohnung hingen. Sogar die Standardprozedur hatte er abgelehnt, die darin bestand, die Wohnung mit Tennisschlägern oder Skiern, Briefmarkenalben oder Musikinstrumenten auszustatten, um Hobbys vorzutäuschen. In Robies Wohnung gab es nur ein Bett, ein paar Stühle, ein paar Bücher, die er tatsächlich gelesen hatte, Lampen, Tische, eine Essecke und ein Bad mit Dusche und Toilette.

Er griff nach der Stange über der Tür zum Schlafzimmer und machte zwanzig Klimmzüge. Es fühlte sich gut an, die Spannung in den Muskeln zu spüren, und er zog sein Gewicht mühelos in die Höhe. Körperlich war er den meisten Zwanzigjährigen haushoch überlegen. Seine Kraft und seine Reflexe waren noch immer ausgezeichnet.

Aber nun war er vierzig und nicht mehr das, was er einst gewesen war. Er konnte nur hoffen, das unweigerliche Nachlassen von Fähigkeiten und Körperlichkeit durch den verstärkten Rückgriff auf Erfahrungen im Außeneinsatz ausgleichen zu können.

Er legte sich aufs Bett, zog aber keine Decke über sich, obwohl er die Wohnung stets kühl hielt.

Er musste schlafen.

Die kommende Nacht würde arbeitsreich sein.

Und anders.

KAPITEL 8

Robie befand sich im Gymnastikraum seines Mietshauses. Es war bereits kurz vor neun Uhr abends, aber der Raum stand den Mietern rund um die Uhr zur Verfügung. Man brauchte nur die Schlüsselkarte. In einer Hinsicht veränderten sich Robies Trainingseinheiten niemals: Er machte keine Übung zweimal hintereinander, und er konzentrierte sich nicht auf Kraft oder Ausdauer oder Beweglichkeit oder Gleichgewicht oder Koordination oder Geschicklichkeit. Er konzentrierte sich auf alles. Jede seiner Übungen enthielt mindestens zwei, manchmal alle diese Elemente.

Er hing kopfüber von der Kletterstange und vollführte Bauchpressen, wobei er einen Medizinball hielt. Die US Army hatte ein spezielles Fitnesstraining entwickelt, das die Anforderungen simulierte, die auf einem Schlachtfeld an die Muskulatur und ganz allgemein an die körperlichen Fähigkeiten gestellt wurden.

Robie hielt sich an diese Vorgaben und arbeitete an allem, was er brauchte, um draußen zu überleben. Sprünge, Stöße, explosionsartige Bewegungen von den Waden an aufwärts. Er trainierte Ober- und Unterkörper zugleich, während er sich an die Grenzen der Belastbarkeit trieb und manchmal darüber hinaus. Seine Muskeln waren stark definiert, aber er zog nie das Hemd aus, um damit zu protzen. Angeberei war etwas für Narren und Nieten. Niemand würde ihn jemals dabei beobachten, wie er seinen Waschbrettbauch zur Schau stellte, es sei denn, die Mission erforderte es.

Robie machte eine halbe Stunde Yoga, bis er schweißgebadet war. Er vollführte gerade einen Kreuzhang an der Stange, als sich die Tür öffnete.

A. Lambert blickte ihn an.

Sie lächelte nicht, schien ihn nicht einmal wahrzunehmen. Sie schloss die Tür, ging in eine Ecke, setzte sich auf eine Matte und schlug die Beine untereinander. Robie verharrte dreißig weitere Sekunden im Kreuzhang, aber nicht, um sie zu beeindrucken, das war nicht seine Art. Er blieb in dieser Haltung, weil er seinen Körper zwingen musste, mehr zu leisten, als er gewöhnt war, sonst verschwendete er nur seine Zeit.

Schließlich ließ er los und landete geschmeidig auf dem Boden. Er griff nach seinem Handtuch und wischte sich das Gesicht ab.

Jetzt schaute die junge Frau ihn an. »Ich glaube, Sie sind der Einzige, der diesen Raum benutzt.«

Sie trug Jeans und ein weißes T-Shirt. Hemd und Hose lagen eng an. Keine Stelle, um eine Waffe verbergen zu können. Das überprüfte Robie immer zuerst, egal, ob Mann oder Frau, alt oder jung.

»Sie sind auch hier«, sagte er.

»Nicht um zu trainieren.«

»Was dann?«

»Harter Tag im Büro. Ich will hier nur ein bisschen abschalten.«

Robie blickte sich in dem kleinen, schlecht beleuchteten Raum um. Es roch nach altem Schweiß und Schimmel.

»Es gibt schönere Ecken, um abzuschalten.«

»Ich hatte nicht damit gerechnet, hier jemanden anzutreffen.«

»Abgesehen von mir. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, haben Sie gewusst, dass ich diesen Raum nutze.«

»Das habe ich bloß gesagt, weil Sie heute Abend hier sind. Ich habe Sie noch nie hier unten gesehen … oder irgendjemand anders.«

Er kannte die Antwort, fragte aber trotzdem. »Ein harter Tag im Büro? Wo arbeiten Sie?«

»Im Weißen Haus.«

»Tatsache? Ganz schön beeindruckend.«

»An manchen Tagen kommt einem das alles andere als beeindruckend vor. Was ist mit Ihnen?«

»Investments.«

»Sind Sie bei einer dieser großen Beraterfirmen?«

»Nein, selbstständig. Immer schon gewesen.« Robie legte sich das Handtuch über die Schultern. »Tja, dann will ich Sie mal Ihrer Entspannung überlassen.« In Wahrheit wollte er noch nicht gehen.

Vielleicht spürte sie es. Sie stand auf und sagte: »Ich bin Annie. Annie Lambert.«

»Hallo, Annie Lambert.«

Sie schüttelten sich die Hände. Ihre Finger waren schlank und überraschend kräftig.

»Und Sie heißen?«

»Robie.«

»Ist das Ihr Vorname oder Nachname?«

»Nachname. Er steht auf dem Briefkasten.«

»Und Ihr Vorname?«

»Will.«

»Das war jetzt schwieriger als nötig.« Sie lächelte.

Unwillkürlich erwiderte er ihr Lächeln. »Ich bin nicht gerade der kontaktfreudigste Mensch auf Erden.«

»Aber ich habe Sie neulich auf der Party in der zweiten Etage gesehen.«

»Das war die Ausnahme von der Regel. Das erste Mal seit Langem, dass ich einen Mojito getrunken habe.«

»Für mich auch.«

»Vielleicht können wir uns ja mal auf einen Drink treffen.« Robie wusste selbst nicht, weshalb er so unvermittelt dieses Angebot gemacht hatte.

»Ja, sicher«, sagte sie leichthin. »Warum nicht.«

»Dann noch einen schönen Abend«, sagte Robie. »Schönes Abschalten.«

Er schloss die Tür hinter sich und fuhr im Aufzug auf seine Etage.

Augenblicklich griff er nach dem Telefon. Er hatte zwar kein Verlangen danach, aber jeder derartige Kontakt musste gemeldet werden. Er war sicher, dass man sich wegen Annie Lambert keine Gedanken machen musste, aber die Regeln waren eindeutig. Man würde bei Annie tiefer schürfen. Falls man etwas fand, würde man ihn informieren und die nötigen Schritte einleiten.

Als Robie später in der Küche saß, fragte er sich, ob es richtig von ihm gewesen war, den Anruf zu machen. Er konnte nichts und niemanden so betrachten, wie ein normaler Mensch es tat. Jemand, der freundlich zu ihm war, stellte eine potenzielle Bedrohung dar und musste gemeldet werden. Ebenso eine Frau, die bloß abschalten wollte und ein paar Worte mit ihm wechselte.

Ich lebe in einer Welt, die nicht mal ansatzweise normal ist. Falls sie es jemals war. Aber so wird es nicht bleiben. Es gibt keine Regel, die mir verbietet, mit jemandem einen Drink zu nehmen.

Also würde er das tun. Irgendwann.

Er ging nach draußen, überquerte die Straße. Das Hochhaus gegenüber bot einen perfekten Blick auf sein Wohnhaus, und genau darauf kam es ihm an. In der vierten Etage befand sich ein unbewohntes Apartment. Robie hatte einen Schlüssel. Er betrat die Wohnung und ging direkt zur Ecke des vorderen Zimmers. Dort stand ein Überwachungsteleskop – so ziemlich das Beste, was man für Geld kaufen konnte. Er richtete es auf sein Gebäude. Dann drehte er an den Reglern und korrigierte die Einstellungen, bis ein bestimmter Gebäudeteil scharf und deutlich zu sehen war. Seine Etage, die dritte Tür. Das Licht war ...

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