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Der Junge aus dem Meer

Aimee Friedman

Der Junge aus dem Meer

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Brunstermann

 

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Inhaltsübersicht

Ungeheuer

Gaben

Geschichten

Erben

Entdeckungen

Erforscher

Fehler

Küsse

Fragen

Geheimnisse

Spiegel

Unmöglichkeiten

Schlüssel

Gezeiten

Wahrheiten

Danksagung

Sein Gebein ward zu Corallen,

Zu Perlen seine Augen-Ballen,

Und vom Moder unbesiegt,

Wandelt durch der Nymphen Macht

Sich jeder Theil von ihm und glänzt in fremder Pracht.

William Shakespeare, Der Sturm

 

Salzwasser ist die Heilung für alles –

Schweiß, Tränen oder das Meer.

Isak Dinesen

KAPITEL 1

Ungeheuer

Das wartende Fährschiff – elfenbeinfarben und mit Ober- und Unterdeck ausgestattet – ähnelte einem Stück Torte. Doch vielleicht war ich auch nur hungrig, überlegte ich, während ich über den Kai eilte und mir mein Seesack dabei mit jedem Schritt gegen die Hüfte stieß. Der Name des Schiffs, Princess of the Deep, prangte an der Bordwand, und die am Mast hängende Flagge der Vereinigten Staaten knallte peitschend im salzigen Wind. Ich nahm einen tiefen Atemzug. Ich war tatsächlich auf dem Weg.

Während ich mich in die Schlange der wartenden Passagiere einreihte, bereute ich, mir nichts über den Kopf gezogen zu haben – so wie die anderen, klügeren Reisenden mit ihren Baseballmützen und weichen Strohhüten. Der Schweiß lief mir den Rücken herunter, und meine runde, altehrwürdige Sonnenbrille konnte gegen den grellen Schein des Ozeans nichts ausrichten. Ich hatte nicht viel Zeit gehabt, mich auf diesen Trip vorzubereiten.

»Der Nächste!«, rief ein kräftiger Mann mit silbrigem Bart und weißem T-Shirt, der die Tickets kontrollierte. Er gab mir ein Zeichen und ich trat auf ihn zu; die hölzernen Planken der Anlegestelle brannten heiß unter meinen Sneakers. Als ich ihm mein Ticket aushändigte, schossen seine buschigen Augenbrauen so weit in die Höhe, dass die Matrosenmütze auf seinem Kopf wackelte.

»Sie wollen nach Selkie?«, fragte er. In seinem breiten Georgia-Akzent sprach er es wie Sayl-kee aus – die Silben der Länge nach betonend. »Selkie Island? Sind Sie sich da sicher, Liebchen?«

Ich zögerte. Ich hatte ganz bestimmt nicht geplant, nach Selkie zu fahren – ein Ort, von dem ich so gut wie nichts wusste. Mein Sommer, so wie fast alle Dinge in meinem Leben, hatte glasklar vor mir gelegen: Sobald die Schule beendet war, sollte ich mein Traumpraktikum am Museum of Natural History in New York City beginnen. Doch dann hatte der Tod meiner Großmutter, die ich nie kennengelernt hatte, eine Kettenreaktion ausgelöst, durch die ich mich nun an diesem späten Juninachmittag hier an dieser Fähre wiederfand. Eine Sekunde lang überkam mich Verwirrung, die ich schnell abschüttelte.

»Ganz genau«, erwiderte ich und reckte mein Kinn vor. Ich konnte es kaum abwarten, das letzte Stück meiner nervenzehrenden Reise abzuschließen; der Morgenflug von New York nach Savannah hatte Verspätung gehabt. Und der Taxifahrer, der mich zum Hafen gebracht hatte, war in einem Tempo, das seiner Redeweise entsprach, durch die zwielichtigen Straßen gebummelt.

»Nun gut«, seufzte Matrosenmütze in einem unmissverständlichen Es-ist-Ihr-Begräbnis-Ton. Als er mein Ticket entzweiriss, warf er mir einen Blick zu, der gleichermaßen amüsiert und besorgt schien. »Es ist der letzte Halt, Zuckerschnecke.«

»Ich weiß«, gab ich in scharfem Ton zurück, um ihm zu zeigen, wie wenig Zucker in mir steckte. Auf einer Karte im Fährterminal hatte ich gesehen, dass die Princess of the Deep mehrere der Inseln anlief, die wie kleine Juwelen im Atlantik schimmerten und sich über die ganze Küste von South Carolina bis nach Florida erstreckten, bevor sie Selkie erreichte.

»Und mein Name ist Miranda«, fügte ich hinzu, bevor ich an ihm vorbei auf das Schiff marschierte. Unglücklicherweise war Miranda auf der Liste der niedlichsten Mädchennamen nicht allzu weit von Zuckerschnecke entfernt. Ich hatte nie das Gefühl gehabt, dass er zu mir passte.

»Oho, Miranda«, rief Matrosenmütze mir nach, während ich den anderen Passagieren über die knarrende Laufplanke folgte. »Du musst ja ganz schön mutig sein, ein junges Ding wie du, so ganz allein auf dem Weg nach Selkie.«

Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete, und es war mir auch ziemlich egal. Obwohl ich zugeben muss, dass an seinen Worten etwas Wahres dran war. Und das hatte einen Grund: Ich hatte es eilig, meine Mutter am Anleger von Selkie zu treffen. Während der letzten vier Tage, in denen ich allein zu Hause gewesen war, hatte mir ihre beständige Anwesenheit gefehlt.

Das Unterdeck der Fähre war düster, feucht und voller schreiender Kinder. Orangefarbene Rettungswesten waren an der niedrigen Reling befestigt, und obwohl das Schiff noch immer am Kai festgemacht war, schaukelte es heftig auf den Wellen. Ich dachte mir, dass es angenehmer wäre, im Freien zu stehen. Also kletterte ich die Stahltreppe zum Oberdeck hinauf, wo eine Brise mit meinem Pferdeschwanz spielte und sich mir ein strahlender, leuchtend blauer Anblick von Wasser und Himmel bot. Die meisten Leute standen an der Reling, doch ich blieb an der Treppe nahe einer Gruppe blonder Mädchen stehen, die in meinem Alter zu sein schienen.

Die Mädchen standen dicht zusammengedrängt, lachten, und ich spürte einen Stich von Eifersucht. Sie alle trugen winzige Shorts und Flip-Flops mit Plateausohlen, die bestens geeignet schienen, ihre langen, sonnengebräunten Beine und vollkommen geformten Zehen perfekt zur Geltung zu bringen. In Gedanken stellte ich mir vor, wie ich neben ihnen stand – ein blasses, dünnes, dunkelhaariges Mädchen in rotgestreiftem Hemd, Jeans und schwarzen Chucks –, und verzog das Gesicht. Wir hätten ebenso gut verschiedenen Spezies angehören können.

Während der Pubertät hatte ich null Interesse an Lipgloss oder Pyjamapartys gehabt. Meine Vorstellung von Spaß hatte darin bestanden, Meister Propper und Backpulver in Wassergläsern zu vermischen und die Ergebnisse zu notieren.

»Miranda bereitet ihren Zaubertrank«, neckten mich meine Freunde, doch ich korrigierte sie: Ich machte Experimente. Mein seltsames Verhalten war eine logische Konsequenz. Meine Eltern waren beide Chirurgen, und ich war mit Forscherblut in den Adern geboren worden. Es war daher keine Überraschung, als ich mit vierzehn an der Bronx High School of Science angenommen wurde, wo ich gerade die Grundstufe beendet und dabei Einsen in Fortgeschrittener Biologie und Chemie eingeheimst hatte (mich aber mit Dreien in Englisch und Geschichte abmühte).

Mit einem heftigen, ganz und gar nicht damenhaften Hopser löste sich die Princess of the Deep vom Kai und schlingerte hinaus auf die See. Unvermittelt sackten meine Knie ein und reflexartig griff ich Halt suchend nach dem Arm des Mädchens direkt neben mir.

»Alles in Ordnung, Hase?«, fragte sie. Ihre Augen lagen hinter einer dicht anliegenden Sonnenbrille verborgen, doch an ihrer Haltung spürte ich, wie sie mich abschätzig anstarrte. »Du meine Güte«, sagte sie und drehte sich zu ihren Freundinnen. »Sie hat ihre Seebeine noch nicht!« Das Kichern der anderen Mädchen schien förmlich zu explodieren; eine Meute hübscher Piranhas.

Ich zog meine Hand zurück, meine Wangen kochten angesichts dieser Peinlichkeit. Seebeine. Was für ein seltsamer Ausdruck. Als ob Menschen Flossen bilden könnten, um sich dem Leben auf dem Wasser anzupassen.

Schon richtig, ich hatte vergessen, wie schwierig es war, auf einem Schiff das Gleichgewicht zu halten. Ich war zwar nicht völlig als Landratte aufgewachsen, doch mehr oder weniger; mein Zuhause war Riverdale, ein schmaler, ruhiger Streifen der Bronx, der als Einziger der fünf New Yorker Stadtbezirke Teil des Festlandes ist. Als ich das letzte Mal auf einer Fähre gestanden hatte, war ich neun. Es war kurz vor der Scheidung meiner Eltern, und mein Vater – der vielleicht seine zunehmenden Schuldgefühle bekämpfte oder sich womöglich an seine neu gewonnene Freiheit gewöhnte – hatte mich und meinen älteren Bruder Wade auf einen Ausflug zur Freiheitsstatue mitgenommen. Die Fahrt nach Liberty Island war unruhig gewesen, und ich hatte meiner Seekrankheit getrotzt, indem ich mich über die Reling gebeugt und nach Meerestieren und -pflanzen Ausschau gehalten hatte.

Was mir auch jetzt, in diesem Moment, eine reizvolle Aufgabe zu sein schien.

Bedächtig entfernte ich mich von den Südstaaten-Prinzessinnen, die sich in diesem Moment kreischend über einen Bikini hermachten, den eine von ihnen erstanden hatte. An der Reling stellte ich mich neben einen blonden, ungefähr sieben Jahre alten Jungen und seine erschöpft wirkenden Eltern. Die Gischt kühlte mein gerötetes Gesicht, und ich klemmte den Seesack zwischen meine Füße.

Seemöwen kreischten und zogen im Tiefflug über unsere Köpfe hinweg; der Ozean war eine gleißende Fläche aus Aquamarin, die sich in allen Richtungen kräuselte. Das von kleineren, schnellen Booten hinterlassene Kielwasser bildete Muster wie ein Strähnengewirr im glatten Haar eines Mädchens. Ich stieß einen tiefen Seufzer aus; meine Anspannung war mir überhaupt nicht bewusst gewesen. Die Schule, meine Freunde und der Schatten meiner Traurigkeit schienen unmessbar weit hinter mir. Ein Gefühl der Erleichterung machte sich in meinem Brustkorb breit. Vielleicht war ja die Entfernung von zu Hause genau das, was ich brauchte.

»Was ist das denn?«, rief der blonde Junge und unterbrach meinen Gedankengang. Mit weit aufgerissenen Augen steckte er einen plumpen Finger zwischen den Streben der Reling hindurch, während er am Arm seiner Mutter zerrte.

Ich blickte hinunter auf die Wellen, die schäumend gegen die Fähre klatschten. Ein langer, dunkler Schatten schwamm dicht unterhalb der Wasseroberfläche; kurz darauf gesellten sich drei ähnliche Gestalten zu ihm, allesamt schlank und silbern. Ich schnappte nach Luft und mein Puls begann zu rasen.

»Delphine!«, rief der Junge und hüpfte auf und ab. »Mom, da sind Delphine im Wasser!« Schnell versammelte sich eine Menschenmenge an der Reling; alle riefen durcheinander, schossen Fotos und rangelten um die beste Aussicht.

Ich grinste. Waschechte Große Tümmler. Ich war von diesen lustigen, klugen Meeressäugetieren fasziniert, seitdem ich einmal einen Dokumentarfilm über sie gesehen hatte. Im Mutterleib bildeten die Delphinföten beinähnliche Ansätze von Gliedmaßen aus – ein Hinweis darauf, dass diese Kreaturen vor vielen, vielen Evolutionsphasen einmal an Land gelebt hatten. Das ist genau das, was ich an der Wissenschaft so liebe: die Überraschungen, die Geheimnisse und die Entdeckungen, die dir einen leichten Schwindel im Kopf verursachen. Als ich nun die Delphine spielen und in einem Bogen aus dem Wasser schießen sah – ihre Rückenflossen glänzten –, hatte ich wieder den Eindruck, dass es irgendetwas halb Fisch-, halb Menschartiges an ihnen gab. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sie zu lächeln schienen.

Die Delphine blieben dicht bei der Fähre, sogar während wir betriebsame Häfen anliefen, die von Cafés und pastellfarbenen Hotels gesäumt waren. Erst als wir den dritten Hafen verließen – die kichernden Mädchen waren hier von Bord gegangen –, verstreuten sich die Delphine, schwammen auf der Suche nach neuen Vergnügungen in unbekannte Tiefen davon. Ich bedauerte, sie abziehen zu sehen.

»Glaubst du, dass sie irgendwas verängstigt hat, Miranda?«

Erschrocken fuhr ich herum, nur um Matrosenmütze, den Fahrkartenkontrolleur, hinter mir zu entdecken, der ein geheimnisvolles Lächeln aufgesetzt hatte. Ich war so mit den Delphinen beschäftigt gewesen, dass ich sein Auftauchen auf dem Oberdeck gar nicht bemerkt hatte. Als ich mich umsah, stellte ich fest, dass sich das Schiff beträchtlich geleert hatte. Die einzig verbliebenen Passagiere waren der Junge und seine Eltern, die nun ihr Gepäck nach Sandwiches durchsuchten, sowie ein auffallend gut aussehender Mann mit grau meliertem Haar und sein ebenso gut aussehender Sohn, der eine SMS in sein iPhone tippte.

Ich wandte mich wieder Matrosenmütze zu und zuckte mit den Achseln. »Was denn?«, fragte ich, wie um ihm einen Gefallen zu tun. »Haie vielleicht?«

Matrosenmütze kicherte und schüttelte den Kopf. »Hier draußen gibt es nicht viele Haie. Sehr wahrscheinlich war es der Krake. Davon hast du doch bestimmt gehört, oder? Das Seeungeheuer mit den Tentakeln, so lang, dass sie ein ganzes Schiff vernichten könnten?!« Er senkte seine Stimme um eine Oktave und zog seine Augenbrauen hoch.

Ich unterdrückte ein Lachen. »Ich schätze, er hat das richtige Alter für diese Geschichte.« Ich deutete auf den blonden Jungen, der grad damit beschäftigt war, ein Sandwich zu verschlingen.

Obwohl, da wir gerade beim Thema sind, mein erster, einziger und – mittlerweile – Ex-Freund, Greg Aarons, von diesem Kraken geradezu besessen war, und er war immerhin siebzehn, nicht sieben. Im letzten April hatten wir sogar Teil zwei von Fluch der Karibik bei iTunes heruntergeladen und es uns auf seinem Laptop angesehen (in derselben Nacht übrigens, in der Greg versucht hatte, mich zum Ausziehen zu überreden. Und ich darauf bestanden hatte, meine Socken anzubehalten, was verständlicherweise seine Leidenschaft etwas dämpfte). Ich hatte allerdings nicht viel übrig für Magie; alles hatte eine logische Erklärung, einen Kern von Vernunft.

»Glaubst du etwa nicht an den Kraken?«, fragte Matrosenmütze, wobei sein Grinsen breiter wurde. Seine gebräunte Haut hatte die lederartige, faltige Beschaffenheit, die von zuviel Aufenthalt in der Sonne zeugt.

»Keineswegs«, erwiderte ich nüchtern und verschränkte meine Arme über der Brust. Ich wurde sauer, wenn irgendjemand versuchte, mich zum Narren zu halten. »Es ist ein Mythos. Vor Jahrhunderten hat irgendein betrunkener Matrose einen Riesentintenfisch gesehen und entschieden, es handle sich um ein Ungeheuer.«

»Ah, ich verstehe«, sagte Matrosenmütze und trat einen Schritt auf mich zu. Ich drückte mich gegen die Reling und fragte mich schon, ob ich würde über Bord springen müssen, wenn er irgendwas Komisches machte. Ich war dank frühkindlichen Unterrichts am YMCA eine ausgezeichnete Schwimmerin. »Du warst wohl noch nie auf Selkie Island«, fuhr er selbstsicher fort. »Sonst würdest du die vielen, vielen seltsamen Kreaturen kennen, die sich in diesen Gewässern herumtreiben.«

Er deutete auf den Ozean hinaus, und trotz meiner Überzeugung fühlte ich, wie mir ein Schauer den Rücken hinunterlief. Die Fähre kämpfte sich über einen hohen Wellenkamm, sodass sich mir zudem der Magen umdrehte.

»Hören Sie«, sagte ich mit fester Stimme. »Meine Mutter kommt ursprünglich aus Savannah. Als sie jung war, verbrachte sie jeden Sommer auf Selkie Island, und sie hat niemals irgendwelche …«

Frustriert hielt ich inne. Tatsache war, dass meine Mutter überhaupt nicht gern über ihre Vergangenheit sprach. Ich hatte nur bruchstückhaft von ihren Ferien auf Selkie gehört, wo ihre Familie ein großes Sommerhaus besaß. Und die vor meiner Abreise aus New York durchgeführte Google-Wikipedia-Recherche hatte, abgesehen von den geografischen Koordinaten und den Klimadaten der Insel, nicht viel ergeben. Ich wusste daher, dass Selkie zehn Kilometer lang und es dort häufig stürmisch war. Mehr nicht.

»Also …« Matrosenmütze strich sich über seinen Bart. »Dann solltest du zumindest von den Seeschlangen wissen, die in der Brandung vor Siren Beach schwimmen. Die Leute glauben, dass sie im achtzehnten Jahrhundert dabei geholfen haben, ein Sklavenschiff zu befreien, indem sie den Kapitän und seine Mannschaft vertilgten. Ein ziemlich bissiger Haufen. Und …«, fügte er hinzu, stellte sich neben mich und legte seine Ellbogen auf die Reling, »… es gibt Gerüchte, dass Meerjungfrauen und Meermänner die See um Selkie bevölkern, aber getarnt als menschliche Wesen an Land leben.«

»Gut zu wissen«, murmelte ich und sah auf meine Uhr. Laut Fahrplan sollten wir in zwei Minuten ankommen. Gott sei Dank.

»Natürlich grassieren hier in Dixieland jede Menge Legenden«, fuhr Matrosenmütze unbeirrt fort. Er schielte aufs Wasser hinaus. »Doch die Überlieferungen aus Selkie tragen eine Spur von Wahrheit in sich.«

Sein Tonfall war so eindringlich, seine Wortwahl so ausgesucht, dass ich es plötzlich kapierte – er hatte diese Ansprache schon unzählige Male zuvor gehalten. Der Mann hatte echtes Talent! Wahrscheinlich hatte ihn das Besucherzentrum von Selkie Island losgeschickt, damit er auf den Fähren herumfuhr und die Touristen mit diesen Märchen anlockte. Vielleicht gab es sogar ein Volkskundemuseum auf der Insel, das von Matrosenmützes Glattzüngigkeit lebte.

Ich war kurz davor, mich ein für alle Mal aus dieser Konversation zu befreien, als Matrosenmütze seinen Arm ausstreckte und auf etwas zeigte. »Ah!«, rief er. »Da ist sie ja.«

Ich wandte mich um – und sah nichts als Nebel. Es war ein klarer, heller Nachmittag, sodass der schwere Dunst sich aus dem Nichts heraus materialisiert zu haben schien. Eine höchst seltsame Mischung aus Vorfreude und gespannter Vorahnung überspülte mich.

»Die meisten Schiffe können Selkie nicht mal finden«, erklärte Matrosenmütze, als wir durch den Nebel glitten, der sich wie feuchter Qualm anfühlte. »Als ob sich die Insel hinter einem Dunstschleier verbirgt.«

Ich muss leider zugeben, dass seine fantasievolle Beschreibung zutraf.

Hinter dem Nebel erschien ein üppiger Streifen lehmigen Lands, über das Bäume und Häuser verstreut lagen. An der Spitze war eine sonnengebleichte Anlegestelle mit vereinzelten, wie Miniaturen anmutenden Menschen. Über der Anlegestelle hing, an zwei Holzpfählen befestigt, wodurch das Ganze wie ein Tor aussah, ein altertümlich wirkendes Schild. Darauf standen in fetten schwarzen Buchstaben – Schriftzügen ähnlich, die ich auf alten Landkarten gesehen hatte – die Worte:

 

Seeleute, hütet euch vor Selkie Island!

Hier gibt es Ungeheuer!

 

Ich verdrehte die Augen. Matrosenmütze hatte dieses Schild wahrscheinlich selbst angefertigt. Ich dachte an die roten, durch die Straßen von Manhattan tourenden Doppeldeckerbusse und die Mini-Empire-State-Buildings, die am Broadway verkauft wurden. Die Läden auf Selkie Island platzten sicher schon aus allen Nähten vor lauter Augenklappen tragenden Gummienten, die ›Buh!‹ riefen, wenn man sie zusammendrückte, und sexy Meerjungfrauenkostümen einschließlich muschelverzierter BHs. Das Geschäft mit dem Tourismus blühte; es war ein simples Gesetz der Wirtschaftlichkeit.

»Du solltest die Warnung beherzigen, Miranda«, mahnte Matrosenmütze, während er sich auf die Treppe zubewegte. »Achte darauf, wem du begegnest – im Wasser und an Land.«

Ich ignorierte ihn und suchte mit den Augen den nun näher rückenden Hafen ab. Ich konnte meine Mutter unter den Gesichtern nicht ausmachen. Mein Blick fiel auf die Landschaft neben dem Hafen – ein rauer, grüner Hügelkamm, der in Richtung Sand und hohes Seegras abflachte. Dieses Stück Natur war so unberührt, so ursprünglich, so weit entrückt von jeder Zivilisation! Mir wurde klar, dass es seit Jahrhunderten unverändert sein musste; vielleicht waren die ersten Seeleute, die nach Selkie gekommen waren – eben jene Seeleute, die womöglich den Kraken erfunden hatten –, an jener Stelle gestrandet.

Die Fähre legte an. Mir kam der Gedanke, dass Wissenschaftler und Seeleute sich irgendwie ähnelten; beide wollen, mehr als alles andere, Entdeckungen machen. Ein matrosenhaftes Interesse regte sich in mir, als ich meinen Seesack aufhob. Natürlich musste man sich auf Selkie Island vor nichts in Acht nehmen.

Doch ich konnte mich nicht des Gefühls erwehren, dass es eine Menge Dinge zu entdecken gab.

KAPITEL 2

Gaben

Du hast es also geschafft!«, rief Mom, als ich gleich hinter dem kleinen Jungen und seinen Eltern von der Fähre stieg.

»Da bin ich«, gab ich, selbst etwas ungläubig, zurück. Überall standen hohe Sägepalmen mit spitzen Blättern und verliehen dem Hafen ein subtropisches Flair. Die dunstige Luft war dicht von Meersalz durchsetzt.

Obwohl meine Mutter und ich uns meistens etwas reserviert verhielten, umarmten wir uns, und ich atmete ihren üblichen Duft ein: Franzbranntwein und Feuchtigkeitscreme. Als Mom sich schließlich aus unserer Umarmung löste und mir meinen Seesack abnahm, wurde mir klar, wieso ich sie nicht vom Boot aus hatte erkennen können. Sie sah … anders aus.

Die Mom, die ich kannte, die geschäftige Chirurgin, hatte immer zerknitterte grüne OP-Kittel an, trug ihr Haar zurückgekämmt, und unter ihren großen grauen Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab. Diese Mom war in eine orangefarbene Tunika über einem langen, fließenden Rock gehüllt. Ihre weichen, hellbraunen Locken fielen ihr auf die Schultern herab, und ihr Gesicht – ovalförmig und hübsch, ein Gesicht, das manche Leute denken ließ, ich sei adoptiert – strahlte in gesundem Glanz.

»Was ist denn mit dir passiert?«, platzte ich heraus. Ich hatte die geheime Befürchtung, dass ich, wenn ich erst aufs College ginge und dann in den Ferien nach Hause käme, meine Mutter weißhaarig und gebeugt vorfinden würde – plötzlich gealtert. Sie jedoch jetzt so zu sehen, war eine völlig gegenteilige Erfahrung. Seit ihrer Abreise aus New York war Mom jünger geworden.

Sie kicherte. »Du hast mich eben noch nie mit richtiger Sonnenbräune gesehen. Die Sonne ist mir anscheinend gewogen. Glaub mir, ich hatte noch überhaupt keine Zeit, an den Strand zu gehen.« Sie legte eine Hand um mein Kinn und sah mich liebevoll an. »Dafür habe ich dir gestern eimerweise Sonnencreme gekauft, Hauttyp Alabaster – Lichtschutzfaktor 40.«

Dem munteren Rhythmus ihrer sonst immer so geschäftsmäßig klingenden Stimme konnte ich entnehmen, wie sehr Mom sich freute, dass ich jetzt bei ihr war.

Vor zwei Tagen hatte sie mich aus Savannah angerufen, wohin sie geflogen war, um der Beerdigung meiner Großmutter, ihrer Mutter, Isadora Hawkins, beizuwohnen. Bei diesem Anlass hatte Mom von ihrer Erbschaft erfahren: das Sommerhaus auf Selkie.

Moms Geschwister, Tante Coral und Onkel Jim, die beide in Isadoras Nähe in Savannah lebten, waren empört gewesen. Mom und Isadora hatten fast dreißig Jahre nicht miteinander gesprochen. Als Mom jünger war, hatten sie sich bezüglich einer Sache, deren Einzelheiten mir undurchsichtig geblieben waren, zerstritten – irgendetwas, das Moms Heirat mit meinem Vater betraf, einem armen Yankee aus Brooklyn. Niemand konnte glauben, dass Isadora meiner Mutter solch ein Vermächtnis hinterlassen hatte. Mom hatte sowohl erstaunt als auch, hauptsächlich, gereizt reagiert, weil sie nun ihre Arbeit im Stich lassen, nach Selkie hinausfahren und versuchen musste, das alte Haus zu verkaufen.

»Ich könnte deine Hilfe wirklich gut gebrauchen«, hatte Mom am Telefon gesagt. »Ich möchte so schnell wie möglich Isadoras persönliche Sachen durchsehen, und du, mein Schatz, hast großes Talent, wenn’s ums Organisieren geht.«

Ich hatte mich leicht geschmeichelt gefühlt, während ich draußen vor meiner High School stand, wo ich eben eine katastrophale Abschlussprüfung in Englisch hingelegt hatte. Ich war neugierig auf die unbekannten Stränge meines Erbguts, die mich mit den Südstaaten verbanden. Und obwohl ich mein Praktikum antreten wollte, hatte sich ein Teil von mir danach gesehnt, dem sich anscheinend glanzlos und einsam abzeichnenden Sommer zu entkommen. Mein neunzehnjähriger Bruder Wade war bei unserem Vater in Los Angeles. Irgendwie gefiel mir die Vorstellung, dass die Geschlechter nun über die entgegengesetzten Landesteile verstreut waren – fast wie die Union und die Konföderierten im Bürgerkrieg.

Nach mehreren E-Mails ans Museum war mein Praktikumsbeginn auf den 15. Juli verschoben worden, und ich hatte die Reisetickets gekauft.

»Wie ist es denn bis jetzt gelaufen?«, fragte ich Mom, als wir uns nun unter dem blauen Himmel gegenüberstanden. Das rhythmische Klatschen des Wassers gegen die Anlegestelle wirkte beruhigend.

Sie stöhnte und legte eine Hand an die Stirn. »Frag bloß nicht. Tante Carol ruft mich ständig an und brüllt herum, dass ihr das Haus eigentlich zusteht, und …« Mom hielt schlagartig inne. Ihre Kinnlade fiel herunter, als ihr Blick auf irgendetwas hinter mir fiel. Unter der Sonnenbräune wurde ihr Gesicht bleich, und für eine verrückte Sekunde fragte ich mich, ob sie womöglich den Kraken sich aus dem Ozean herausmanövrieren sah.

Ich blickte über meine Schulter und entdeckte Matrosenmütze, der Gepäck auf einen Wagen lud. Der Mann mit den grau melierten Haaren, der auf der Fähre gewesen war, stand neben ihm, nickte und reichte ihm ein paar zusammengefaltete Dollarscheine. Der dunkelhaarige Sohn des Mannes kam eben von der Fähre gelaufen, den Kopf noch immer über sein iPhone gebeugt. Ein paar Hafenarbeiter liefen um sie herum und bereiteten die Princess of the Deep auf die Rückreise vor.

»Wen siehst du denn da?«, fragte ich neugierig, als ich mich wieder zu meiner Mutter drehte.

»Niemanden«, erwiderte Mom und griff nach meinem Arm. »Komm, du bist bestimmt am Verhungern, und wir müssen noch ein Stück laufen. Autos sind hier auf der Insel nicht erlaubt.«

Ich warf einen letzten Blick zurück auf die Fähre und eilte dann meiner Mutter nach. Wir verließen den Hafen, bahnten uns einen Weg durch kratziges gelbes Gras und liefen einen Kieselweg hinauf, der sich vom Ufer fortschlängelte.

Ich hatte noch weitere Fragen auf der Zunge liegen; auf dem sicheren Landstrich von ›Frage-Antwort‹ fühlte ich mich am wohlsten. Ich wollte Mom nach Einzelheiten zum Begräbnis meiner Großmutter ausfragen, einer offenbar pompösen Feierlichkeit. Anscheinend war ein Berg von Magnolien zu einem Abbild Isadoras geformt worden und ein Gospelchor hatte ›Michael, Row Your Boat Ashore‹ gesungen. Ich wollte auch, dass Mom sich eingehender über das Drama mit Tante Carol ausließ. Doch als wir uns schließlich auf einer gepflasterten Straße mit dem Namen Triton’s Pass wiederfanden, verschlug mir die fremde Schönheit unserer Umgebung die Sprache.

Riesige Eichen säumten die Straße. Ihre grünen Blätter bildeten einen Baldachin über unseren Köpfen, und an feine Spitzen erinnerndes blassgrünes Louisianamoos wehte von den Ästen der Bäume herab und erzeugte einen gespenstischen Effekt. Schmalere Bäume mit weißen Stämmen – »Kreppmyrte«, erklärte Mom im Vorbeigehen – waren mit leuchtend lilafarbenen Blüten übersät, die die Luft mit ihrer reifen Süße durchtränkten. Ein glänzendes, pummeliges Gürteltier tapste direkt hinter uns umher.

Obwohl die Flora und Fauna der Insel wild und unberührt aussah, fühlte es sich an, als ob Mom und ich über eine elegante, altmodische Promenade spazierten. Hinter den Bäumen lagen säulenverzierte Häuser, und Männer tippten an ihre Hüte, während sie an uns vorbeigingen. Zwei Mädchen in weißen Kleidern kamen auf Fahrrädern angesegelt und riefen uns ein fröhliches »Guten Tag!« zu. Hätte ich an Zeitreisen geglaubt, wäre ich wohl zu dem Schluss gekommen, dass mich die Fähre in die Vergangenheit transportiert hatte.

»Da sind wir«, sagte Mom, als wir um eine Ecke bogen und vor einer großen Rasenfläche stehen blieben. Das Haus – das größte, das ich bis jetzt gesehen hatte – war blassblau angestrichen, verfügte über vier Säulen und eine umlaufende, schmiedeeiserne Veranda. Der Rasen war mit Unkraut übersät und viel zu lang, und die Fliegengitter der Erkerfenster waren zerrissen. Doch es war ganz klar, dass das Haus, ähnlich einer feinen älteren Dame, einst eine echte Attraktion gewesen war.

»Unmöglich«, erwiderte ich mechanisch. Mein Hirn konnte die Fakten nicht verarbeiten. Ich spähte umher und erwartete beinahe, irgendwo den Lauf eines Gewehrs zu entdecken, der angesichts unseres unerlaubten Betretens auf uns gerichtet war.

Ganz realistisch betrachtet: Auf welche Weise konnten Mom und ich auch nur annähernd mit diesem … Anwesen in Verbindung stehen? Ein Anwesen, das vielleicht als Drehort für einen Film über den Bürgerkrieg hätte dienen können, aber nicht als Wohnort für normale Menschen wie Mom und mich.

»Sieh mal«, sagte Mom und führte mich zu dem verrosteten Briefkasten. In abgesplitterter weißer Farbe standen folgende Worte darauf geschrieben:

 

Der Alte Seemann

Mr. and Mrs. Jeremiah Hawkins

10 Glaucus Way

Selkie Island, Georgia 31558

 

Schlagartig kehrte meine Erinnerung zurück. Jeremiah Hawkins war mein Großvater, der gestorben war, als meine Mutter noch zur High School ging. Aber …

»Wer ist ›Der Alte Seemann‹?«, fragte ich und reckte meinen Kopf, um den Schriftzug genauer untersuchen zu können.

Mom gab ein kleines Lachen von sich. »Ach, das war deine angeberische Großmutter. Sie benannte das Haus nach ihrem Lieblingsgedicht, ›Die Ballade vom Alten Seemann‹.« Als ich sie fragend anblickte, fügte sie hinzu: »Na, du weißt doch, ›Wasser, Wasser überall, und nirgends ein Tropfen zu trinken.‹? Samuel Taylor Coleridge? Der Albatross?« Ich schüttelte den Kopf, und sie gab mir einen kleinen Stups. »Oh, Miranda. Du solltest wenigstens ab und zu etwas anderes lesen als deine Biologiebücher.«

Ich seufzte und folgte ihr den gewundenen Pfad zum Haus hinauf. Irgendwie fand Mom zwischen ihren Operationen und medizinischen Konferenzen immer noch die Zeit, Romane oder Gedichtsammlungen zu lesen. Ich hingegen fand so etwas wie Prosaliteratur einfach viel zu … prosaisch.

Wir kletterten die zerbröckelten Verandastufen herauf, und als Mom in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel kramte, betrachtete ich den blau-weißen, trotz seines Alters unvergilbten Rettungsring, der wie ein Kranz an der Tür hing.

»Wann hat hier zuletzt jemand gewohnt?«, fragte ich. Mom selbst war erst gestern angekommen.

»Vor ungefähr zwei Jahren«, erwiderte Mom und schloss die Tür auf. »Als ich etwa in deinem Alter war, nachdem mein Vater starb«, sie räusperte sich, »entschied Isadora, dass die Familie die Sommer hier nicht länger verbringen sollte. Sie kam ab und an hierher. Doch als ihre Gesundheit sie im Stich ließ, schloss sie den Alten Seemann ab und blieb ein für allemal in Savannah.«

***

Eine Duftmischung aus Schimmel, Staub und Möbelpolitur schlug uns entgegen, als wir in die große Vorhalle traten. Ich spürte leichte Aufregung in mir hochsteigen. Dann blieb die Spitze meines Turnschuhs an einem losen Dielenbrett hängen und ich stolperte. Seebeine, fiel mir ein. Um mein Gleichgewicht zu halten, griff ich nach einem flachen Stück Karton, das gegen die Wand gelehnt war und darauf wartete, zu einer Schachtel gefaltet zu werden.

 

»Das Haus ist ein Wrack«, warnte Mom und schloss die Tür. »Alles ist uralt und fällt auseinander. Es gibt keinen Fernseher, kein Internet, und es grenzt schon an ein Wunder, dass wir überhaupt Handyempfang haben.« Als sie meinen Seesack auf einen Stuhl mit klauenförmigen Beinen legte, setzte sie eine missbilligende Miene auf. »Ein Geschenk!«

Normalerweise teilte ich Moms Vorliebe für elegantes, modernes Design – unsere Wohnung in Riverdale war mit viel Glas und stahlgrauen Möbeln eingerichtet –, doch die dunkle Holzvertäfelung in der Vorhalle und die zerfransten Spitzenvorhänge an den Fenstern sahen irgendwie sehr hübsch aus. Goldgerahmte Meerlandschaften hingen an einer Wand, eine andere war mit einer abblätternden blauen Tapete bedeckt, die mit winzigen Seepferdchen gemustert war. Jeder Winkel des Hauses schien Geschichte zu verströmen, von der gewundenen Holztreppe bis hin zu dem kristallenen Kronleuchter.

Es erinnerte mich daran, wie ich mich oft fühlte, wenn ich meine High School betrat. Über dem Eingang hing eine riesige farbige Wandmalerei, auf der die Wissenschaftler der verschiedenen Jahrhunderte abgebildet waren: Galileo, Kopernikus, Marie Curie. Schulgerüchte besagten, dass das Geld für diese Wandmalerei ursprünglich für einen Swimmingpool vorgesehen war. Ich hätte es geliebt, jeden Tag schwimmen zu können, doch die Wandmalerei mochte ich lieber. Sie gab mir das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein, einer langen, traditionsreichen Reihe von Erfindern, die das Wissen ihrer Vorgänger geerbt hatten.

»Willkommen im Alten Seemann, Miranda«, sagte Mom sanft, als sie einen Schalter betätigte, um die Deckenventilatoren anzustellen. Ihr Blick ruhte auf mir, und ich fragte mich, ob sie vielleicht ein wenig erstaunt war, mich dort stehen zu sehen – ihr neues Leben plötzlich in ihr altes eingefügt.

Und während ich auf einen Garderobenständer zuging, der wie ein Anker geformt war, überkam mich ein Gefühl des Erstaunens. War dies wirklich das Haus, in dem Mom geschlafen und gegessen hatte, als sie noch Amalia Blue Hawkins war und nicht meine Mutter? War meine heranwachsende Mom durch diese Vorhalle spaziert, hatten ihre Sandalen den auf den Fußboden gemalten, verblichenen grünen Kompass berührt?

Ich bekam eine Gänsehaut. Beschwor ich etwa Phantome herauf? Normalerweise ließ ich meiner Fantasie niemals so freien Lauf. Als Mom meinen Rücken berührte, fuhr ich erschrocken zusammen und sie fing an zu lachen. »Ach du meine Güte! Ich wollte dich nur fragen, ob frischer Fisch zum Abendessen genehm ist. Ich hab auf dem Markt Zackenbarsch bekommen und wollte ihn zusammen mit Maiskolben grillen.«

»Klingt hervorragend«, erwiderte ich wahrheitsgemäß; mir knurrte der Magen. Ich war erstaunt, dass Mom kochen wollte. Zu Hause holten wir das Essen meist von einem thailändischen Imbiss.

»Und in der Zwischenzeit mache ich uns etwas süßen Tee«, sagte Mom. »Ruh dich doch auf der hinteren Veranda ein bisschen aus und ich komme dann nach.«

Ich nickte. ›Süßer Tee‹ war Moms Bezeichnung für Eistee mit zwei gehäuften Löffeln Zucker, eins der wenigen Überbleibsel ihres alten Südstaatendialekts. Die meiste Zeit klang Mom wie eine waschechte Bewohnerin aus dem Nordosten; nach ihrer eigenen Aussage hatte sie ihren Georgia-Akzent abgeworfen, sobald sie als Studentin in Yale angekommen war, wo sie dann meinen Vater getroffen hatte.

Mom dirigierte mich ins Wohnzimmer, wo eine doppelte Terrassentür auf den Ozean hinauswies, und verschwand dann in Richtung Küche, die hinter der Treppe lag.

Ich trottete durchs Wohnzimmer, vorbei an antiken Sofas, deren Füllung auf der Rückseite herausquoll. Ich spürte, dass ich anfing, mich nach dem anstrengenden Tag zu entspannen. Ich trat auf den marmornen Kaminsims zu und betrachtete die beiden gerahmten Fotografien, die dort aufgestellt waren.

Das erste Bild zeigte eine Familie, die sich draußen vor dem Alten Seemann versammelt hatte: eine wohlproportionierte Frau mit braunem Haar (Isadora), ein distinguiert aussehender Mann mit Glatze (Jeremiah), zwei Mädchen und ein Junge. Mein Herz schlug schneller, als mir klar wurde, dass das jüngere Mädchen in gestärktem rosafarbenen Kleid, das einen Sonnenschirm über ihr leicht gebräuntes Gesicht hielt und finster dreinblickte, niemand anderer als Mom war. Was bedeutete, dass es sich bei dem anderen Mädchen, grinsend und mit gekräuseltem Haar, um Tante Carol, und bei dem Jungen, der mit schielenden Augen in die Kamera blickte, um Onkel Jim handelte.

Obwohl Mom und ich niemals nach Savannah fuhren, um sie zu treffen, hatten meine Tante und mein Onkel uns in New York besucht. Tante Carol mit ihrer platinblonden Bubikopffrisur und ihren tausend Kundenkarten hatte sich über die verschmutzte U-Bahn beschwert. Onkel Jim, eine exakte Kopie seines Vaters, wie ich jetzt sah, hatte sich über die schreckliche Qualität des ›Grits‹ beschwert – einer auf geriebenem Mais basierenden Speise, die besonders in den Südstaaten gegessen wird. Nachdem ihre Geschwister abgereist waren, hatte Mom sich über sie beschwert.

Als ich mich dem anderen Bild zuwandte, stockte mir der Atem. Es war ein Foto von Isadora, das wohl aufgenommen worden war, als sie kaum älter war als ich jetzt. Ich hatte noch nie ein Bild meiner Großmutter in so jungen Jahren gesehen. Auf den wenigen Fotos, die Mom von Isadora zu Hause hatte, war meine Großmutter mittleren Alters. Auf diesem Bild hatte sich die jugendliche Isadora auf einer Gartenschaukel zurückgelehnt, ihre koketten dunklen Augen funkelten unter dem Rand eines schleifenverzierten Huts hervor. Sie trug ein trägerloses pfirsichfarbenes Strandkleid, ihre pechschwarzen Locken fielen auf die wie Porzellan wirkenden Schultern herab, ihre rubinroten Lippen hatten sich zu einem Lächeln geöffnet.

Sie und Mom hatten nicht die geringste Ähnlichkeit miteinander.

»Du siehst aus wie sie.«

Ich wirbelte herum und sah Mom in der Türöffnung stehen; sie hielt ein silbernes Tablett mit zwei Gläsern und einem Krug Eistee in den Händen. Sie schenkte mir ein kleines Lächeln und deutete mit dem Kopf auf das Foto. »Findest du nicht?«

»Machst du Witze, Mom?« Leicht benommen schüttelte ich den Kopf. Ich hatte vielleicht Isadoras Haarfarbe geerbt, aber ihre Schönheitsgene hatten mich eindeutig übergangen, so wie ein Stein über das Wasser hüpft.

»Du hast noch ausreichend Gelegenheit, dir Isadoras Bild anzusehen, während du hier bist.« Mit diesen Worten schob Mom mich durch die Doppeltür auf die Veranda hinaus. Die kühler werdende Luft, den Geruch des Meeres mit sich tragend, glitt über uns. Ich ließ mich auf der gepolsterten Bank nieder und genoss die atemberaubende Aussicht. Schäumende Wellen rauschten gegen das Ufer und verscheuchten zwitschernde Strandläufer; das abgeschwächte Sonnenlicht verwandelte das Wasser in glitzernde Diamanten.

»In erster Linie hat sie den Alten Seemann zu einer Art Gedenkstätte ihrer selbst gemacht«, fuhr Mom fort, als sie den Krug anhob. Ein Wasserfall bernsteinfarbener Flüssigkeit ergoss sich zusammen mit einer Kaskade aus Zitronenscheiben und Minzblättern in mein Glas. »Gott, was war diese Frau für ein Monster«, schloss sie seufzend.

Ich schreckte zurück, während ich das Getränk entgegennahm. Mom hatte sich viele Jahre ganz ähnlich über Isadora geäußert, aber nun fühlte es sich nicht richtig an, schlecht über die Toten zu sprechen. Außerdem konnte ich mir die leuchtende Gestalt auf dem Foto nur schwer als Monster vorstellen.

Doch auf der anderen Seite – was wusste ich schon über meine Großmutter? Als ich aufwuchs, hatten Wade und ich gelegentlich Weihnachts- oder Geburtstagskarten von ihr erhalten, die sie in stilisierter, verschlungener Schrift mit Isadora Beauregard Hawkins unterschrieben hatte. Ich war immer leicht erstaunt gewesen, dass sie überhaupt von unserer Existenz Kenntnis hatte.

Während Mom sich neben mich setzte, blickte ich sie von der Seite an und fragte mich, wie sie wohl dahin gekommen war, so über ihre Mutter zu sprechen. Als Tante Carol uns vor einer Woche am Telefon von Isadoras Tod informiert hatte, war Moms Gesicht tränenüberströmt und mit einem Mal komplett von roten Flecken übersät gewesen. Ihr Anblick hatte mir einen Schock versetzt; Mom weinte niemals. Doch als ich sie über die Todesursache ausfragte – ich liebe Diagnosen –, war Mom wieder in ihren üblichen lakonischen Modus verfallen. Sie hatte sich die Nase geschnäuzt und geantwortet, dass der Umstand, achtzig Jahre alt zu sein und jeden Tag Pfirsichlikör zu trinken, offenbar zu Komplikationen geführt hatte, die Isadora den Rest gegeben hatten.

»Was ist los, mein Schatz?«, fragte Mom jetzt und riss mich aus meinen Gedanken. Sie goss sich Eistee in ihr Glas und sah mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Ich weiß, dass du immer sehr nachdenklich bist, aber in letzter Zeit scheinst du …« Sie hielt inne und biss sich auf die Lippe.

Ich erstarrte. Mom konnte kaum entgangen sein, dass ich mich im Laufe des letzten Monats von der Welt zurückgezogen hatte, so wie sich ein Einsiedlerkrebs im Sand einbuddelt.

Nach der Schule war ich meist zu meiner besten Freundin Linda Wu gegangen oder hatte Greg für ›Nachhilfestunden‹ bei uns zu Hause empfangen. Doch seit Mai war ich immer allein heim gekommen und hatte lange, entspannende Bäder genommen, bevor ich mich auf dem Sofa zusammengerollt und Discovery Channel geguckt hatte.

»Mir geht’s gut«, gab ich schnell zurück und nahm einen Schluck Eistee, doch mein Unbehagen ließ meine Wangen erröten. Ich wollte schon gerne mit Mom reden, ehrlich. Aber ich hatte ein bisschen Angst, dass ich, wenn ich erst mal zu reden anfinge, zusammenbrechen würde.

»Okay.« Mom betrachtete mich aufmerksam. »Aber hier kommen ein paar Neuigkeiten, die dich vielleicht aufmuntern: Morgen findet auf der Uferpromenade eine Party statt. Wir sollten hingehen.«

»Was für eine Party?«, fragte ich und kaute auf einem Blatt Pfefferminz herum. Mein Magen zog sich angesichts der Erinnerung an meine letzte Party zusammen.

»Sie nennt sich die Thronerben-Party«, erwiderte Mom und schluckte ihren Tee herunter.

»Tonerden?«, wiederholte ich und dachte an eine chemische Zusammensetzung. Doch dann stellte ich mir eine feierliche Zeremonie am Strand vor, mit flatternden Bannern und bauschigen Gewändern. Ich konnte mir meine Mutter – oder mich selbst – in keinster Weise bei so etwas vorstellen.

Mom neigte den Kopf und lächelte. »So wie Thron und Erben oder Erbinnen. Weißt du …« Wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schüttelte sie ihr Handgelenk, was die Eiswürfel in ihrem Tee zum Klimpern brachte. »Die Nachfahren derjenigen, die seit Ewigkeiten ihre Sommer auf Selkie verbracht haben. Die Familie LeBlanc, eine der bekanntesten auf der Insel, hat diese Tradition Ende des neunzehnten Jahrhunderts eingeführt. In der letzten Juniwoche treffen sich alle Sommergäste und begießen ihren Wohlstand.« Mom verdrehte die Augen, doch die nostalgische Wehmut in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

»Dann sind wir eingeladen?«, fragte ich, leicht verblüfft angesichts des ganzen Pomps und der alten Traditionen. Ich war nicht völlig uninteressiert; nach dem letzten Monat war es vielleicht ganz nett, mal wieder ein paar Leuten zu begegnen. Nicht dass ich irgendwas Passendes zum Anziehen dabeigehabt hätte – abgesehen von meinen mitgebrachten T-Shirts und Jeans hatte ich nur eine einzige Baumwollbluse mit Kordelverschluss eingepackt, die ein Loch im Saum hatte.

»Als ich gestern Abend ankam, lag die Einladung im Briefkasten«, bestätigte Mom und schlug die Beine übereinander.

»Eigentlich für Isadora. Sie hat immer ganz automatisch eine Einladung bekommen.«

»Aber gehören wir denn hierher?«, fragte ich und trank meinen Tee aus.

»Das tun wir«, antwortete Mom ruhig und sah mich an. Mir wurde klar, dass sie schon viele Male auf dieser Party gewesen sein musste. »Ob es dir gefällt oder nicht, du bist eine Erbin, Miranda. Und ich ebenfalls.«

Meine Haut kribbelte und ich blickte wieder aufs Meer. Niemand von uns bittet je um die Dinge, die wir erben; sie werden uns aufgebürdet, wohl oder übel. So wie der Alte Seemann, das begriff ich plötzlich. Mom und ich befanden uns keineswegs auf fremdem Eigentum. Dieses Haus gehörte uns. Dieser Ausblick gehörte uns. Was mir genauso absurd und unwirklich vorkam wie das Seemannsgarn, das Matrosenmütze auf der Fähre für mich gesponnen hatte.

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