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Der Hügel des Windes

Impressum

Die Originalausgabe mit dem Titel La collina del vento erschien 2012 bei Mondadori Editore, Mailand.

ISBN 978-3-8412-0632-9

Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, August 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die Originalausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

© 2012 Arnoldo Mondadori Editore S.p.A., Milano

This edition published in arrangement with Grandi Associati

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung hißmann, heilmann, Hamburg unter Verwendung eines Motivs von bridgeman/Alinari

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Für meinen Vater

Wie versprochen

Die Wahrheit ist ein Meer von Grashalmen, das sich im Winde wiegt;

sie will als Bewegung gefühlt, als Atem eingezogen sein.

Ein Fels ist sie nur für den, der sie nicht fühlt und atmet;

der soll sich den Kopf an ihr blutig stoßen.

Elias Canetti

Versprechen

Die Schüsse klangen wie der Auftakt eines Feuerwerks am helllichten Tag, mit einem trockenen und irrealen Echo, das vom Meer verschluckt wurde.

Die drei Kinder planschten gemeinsam mit den Fröschen nackt im vullo, einer Art Tümpel, in dem die letzten Rinnsale des Frühlings zusammenflossen. Arturo sprang rasch auf die Füße, mit dem Finger auf den Lippen gebot er seinen Brüdern zu schweigen, sein Blick wies auf den Hügel des Rossarco: »Still!«, befahl er mit leiser Stimme. Er war acht Jahre alt, ein Jahr jünger als Michele und eines älter als Angelo. Die beiden verstummten.

Eine Weile blies der Wind unzusammenhängende Klagelaute heran, ungewiss ob von Mensch oder Tier. Gleich darauf hörten sie weitere Schüsse, die wie die vorigen vom Gipfel des Hügels herabhallten. In der Ferne bellte ein Hund. Dann nichts mehr.

Die Kinder blickten hinauf, unruhig und besorgt, fragten sich, was passiert sei. Dort oben, zwischen den Kirschbäumen, arbeitete die Mutter, allein.

»Wir gehen nachsehen«, entschied Arturo schließlich. Angelo begann zu wimmern, und Michele versuchte ihm Mut zu machen: »Hab keine Angst, das sind nur die Schüsse von Jagdgewehren. Komm schon, gehen wir.«

Mit einem Sprung erklommen sie den Kiesrand des Vullo, zogen sich eilig an und durchquerten das Flussbett der Fiumara, das von großen, glitzernden Steinen und blühenden Oleanderflecken durchzogen war, dazwischen die von der ersten Junihitze benommenen Eidechsen. Dann rannten sie den Saumpfad hinauf, der zur Mutter führte.

Die drei Brüder kannten die Gegend wie ihre Westentasche. In den Schulferien jagten sie hinauf auf den Rossarco, bauten Hütten im Wald von Tripepi mit seinen dicht stehenden Steineichen, erforschten die Grotten der Timpalea, einer tiefen Schlucht mit ginster- und brombeergeblähten Stürzen voller Dornen, furchterregend wie das aufgerissene Maul eines Dämons. Während des Sommers streunten sie über den meerseitigen Hang des Hügels und lieferten sich immer wieder Schlachten mit den Kindern aus dem Küstenort Marina, quasi als Auftakt für den echten Krieg, in den sie als Volljährige ziehen würden. Ihr Heer bestand aus einem Dutzend Gleichaltriger, jeder bewaffnet mit Pfeil und Bogen aus Oleanderzweigen. Sobald die Marina-Piraten versuchten, den Rossarco einzunehmen und sich mit Obst vollzustopfen, wurden sie von den tödlichen Pfeilen mit Spitzen aus rostigen Nägeln zurückgedrängt, die manchmal ins Schwarze trafen und Blut und Schreie einforderten. Michele war der General, doch wenn es darum ging, die riskantesten Operationen anzuführen und sich ins Getümmel zu stürzen, schickte er Arturo vor, der vor nichts und niemandem Angst hatte.

Auch dieses Mal ging Arturo seinen Brüdern voraus.

Wenige Schritte vor dem Gipfel trafen sie auf die Mutter. Sie kam ihnen entgegen, den Esel ungeduldig am Halfter hinter sich herziehend. »Los, los, ich wollte euch gerade holen, wir gehen nach Hause«, sagte sie, ohne stehen zu bleiben.

»Was ist denn passiert, Mà?«, fragte Michele. Die Mutter rang sich ein Lächeln ab: »Nichts, nichts ist passiert. Ich habe die letzten zwei Körbe mit Kirschen gefüllt; ich hab zu Hause zu tun, gehen wir.«

Michele und Angelo stiegen auf den Esel, endlich beruhigt. Arturo, mit der Arglosigkeit des neugierigen Kindes, rannte zum Gipfel hinauf und erblickte eine Szenerie, die er niemals vergessen sollte: Zwischen dem Steineichenwald und den Kirschbäumen lagen auf dem roten Gras zwei junge Männer, beide reglos, eingehüllt in eine Wolke aus Fliegen, die sich wild summend in die frischen Blutlachen stürzten. Des einen Auge war dramatisch geöffnet, grau und zornig, und weiter unten, aus dem Mundwinkel, rann ihm ein Faden Blut über das Kinn und versickerte im Hemdkragen.

»Komm weg da!« Die Mutter war zurückgekehrt und zerrte das Kind mit aller Kraft fort. »Weg hier, hab ich gesagt!« Arturo gehorchte ihr zahm wie ein Lämmlein, verfolgt von dem grauen, zornigen Auge des Unbekannten, das nicht von ihm abließ.

Zu Hause stellte die Mutter die Körbe mit Kirschen ab, schickte die Jungen in den Stall, den Esel einsperren, und begann zu kochen.

Am Abend kam ihr Mann Alberto aus der Schwefelmine, wo er seit vielen Jahren arbeitete; und während seine Frau ihm den Rücken mit einem eingeseiften Lappen schrubbte, redete sie mit ihm, lange und eindringlich.

Nach dem Essen rief sie Arturo zu sich: »Arturì, auch ich war wie vom Donner gerührt, als ich die da im Gras liegen sah. Aber du musst mir schwören, dass du nie jemandem davon erzählst, auch nicht deinen Brüdern, und dass du alles vergisst, du hast nichts gesehen, rein gar nichts. Sonst kommt das Verderben über unsere Familie, und dann sind wir alle des Unglücks.«

Also hatte das Kind es geschworen, hatte Zeige- und Mittelfinger aneinandergelegt und zweimal darauf geküsst. Doch sosehr Arturo sich auch mühte, es zu vergessen, im Dunkel der großen Kammer leuchtete das graue und zornige Auge des Mannes immer wieder auf.

Wer waren diese beiden blutverschmierten Männer, wer hatte sie erschossen und warum? Er fand keine Antwort, und die Mutter konnte er nicht fragen: Versprochen ist versprochen. Er küsste sich erneut auf die geschlossenen Finger, als hätte er sich versündigt, und schlief endlich ein.

Eines Tages holte ihn der Vater noch vor Morgengrauen aus dem Bett und sagte mit feierlicher Stimme: »Aufwachen, Arturo, wir gehen zur Arbeit. Du bist nun groß und stark genug und musst mithelfen, für unser Vorankommen zu sorgen.«

Das Kind gähnte. Vorankommen? Er begriff nicht, er war schrecklich müde und das frühe Aufstehen nicht gewohnt, er schlief den ganzen Weg auf der Kruppe des Esels, an Micheles Rücken gelehnt. Der duftende Wind des Hügels und die Stimme des Vaters weckten ihn, er musste vom Esel steigen und bekam eine Hacke in die Hand gedrückt. Die Zeit der Kriegsspiele war endgültig vorbei.

Wie seine Brüder wurde auch Arturo schlagartig erwachsen, im Alter von neun Jahren. Die Landarbeit war anstrengend, aber zum Glück abwechslungsreich, sie langweilte und schreckte ihn nicht. Nur wenn er zwischen dem Wald von Tripepi und den Kirschbäumen hindurchlief, rann ihm ein kalter Schauer über den Rücken, und selbst mit geschlossenen Augen sah er den Mann im Gras liegen, der ihn zornig anblickte, fast als habe er ihn mit einem seiner unfehlbaren Pfeile getötet. Manchmal war er versucht, den Brüdern davon zu erzählen: Vielleicht, wenn er dieses Geheimnis loswürde, so dachte er, würde das graue Auge des Toten ihn nicht mehr verfolgen, doch dann hätte die Mutter ihm zur Strafe gnadenlos die Gurgel umgedreht, so wie sie es mit den Hähnchen für den Sonntagsbraten machte. Also schwieg Arturo lieber.

»Versprochen ist versprochen«, wiederholte die Mutter, während der Vater nie mehr in die Mine ging, all seine Kraft auf die Feldarbeit konzentrierte und jeden Morgen die Söhne und seine Frau anspornte: »Die anderen Dorfbewohner verlassen in Massen das Land und gehen nach La Merika, weil sie und ihre Familien hier hungern. Wenn wir so weitermachen, wenn wir nicht vor der harten Arbeit zurückschrecken, liegt unser La Merika weniger als eineinhalb Stunden von zu Hause entfernt; überhaupt, unser Land ist besser als La Merika, denn wir kennen keine Herren, die uns herumkommandieren und uns zwingen, härter zu buckeln als ein Muli.«

Jahr um Jahr dieselben Worte, dieselbe Beharrlichkeit. Bis die Söhne zum Militärdienst einberufen wurden, einer nach dem anderen, am Vorabend des Großen Krieges.

Mein Vater hat mir in die Augen gesehen, wie um sich zu vergewissern, dass ich die Geschichte weiter hören wollte: Es sei die Geschichte unserer Familie, hat er gesagt, bevor er verstummte, die im Guten wie im Bösen mit dem Hügel des Rossarco verbunden sei.

Eine Weile waren es nur die Zikaden, die mit ihrem lauten Gesang die Stille durchbrachen, sie über die Maßen dehnten. Und dann hörte ich plötzlich ein kummervolles, unerwartetes Flehen, fast eine Bitte um Komplizenschaft, das auf wer weiß welche Enthüllungen schließen ließ: »Hör zu, mein Sohn, ich weiß, dass es für dich nicht leicht wird, den Finger in unsere Wunden zu legen oder das Glück von damals ohne Bedauern nachzuempfinden, aber du musst die Wahrheit erfahren, bevor ich sterbe und mit mir unsere Geschichte. Eines Tages dann wirst du es sein, der sie seinen Kindern erzählt. Versprichst du mir das?«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich war überrascht: Mein Vater hatte es stets umgangen, mit mir über die mehr oder weniger dunklen Familienangelegenheiten zu sprechen, immer wenn ich ihn um Aufklärung bat, hatte er sich kurz angebunden und abwehrend gezeigt.

»Erschrick nicht, es ist nur ... Solange ich lebe, werde ich dir genauere Informationen geben können, und vielleicht bekommt die eine oder andere Wunde Zeit, zu verheilen. Außerdem erinnere ich mich besser an das, was ich als Kind oder Jugendlicher erlebt habe. Bei den jüngeren Ereignissen komme ich oft durcheinander und vergesse sie zusehends. Wenn du nach meinem Tod alles erzählst, machst du mir eine doppelte Freude, und eines Tages wirst du verstehen, warum.«

Wir standen auf dem Hügel des Rossarco. Am nächsten Tag, dem 27. August, sollte ich ins Trentin zurückkehren, wo ich an einer Mittelschule unterrichtete. Meine Sommerferien neigten sich dem Ende zu, und ich hatte meine Frau Simona am Strand bei Punta Alice zurückgelassen, um den Tag vor der Abreise mit meinem Vater zu verbringen. Die ganze Zeit hatte ich fast ausschließlich geschwiegen und beklommen seiner Wahrheit der Begebenheiten gelauscht, unterbrochen von zornigen Ausrufen und sorgenvollen Seufzern, als fürchte er, mich nie mehr wiederzusehen.

»Versprochen?«

Ich sah ihn ohne Erwiderung an: In seinen Augen glomm ein trübes Licht aus Wut und Unrast. Er, der beliebteste Lehrer an der Schule von Spillace, unserem Dorf, wirkte nun wie ein einsamer Bandit, der am liebsten auf dem Rossarco Wurzeln geschlagen hätte wie einer seiner jahrhundertealten Olivenbäume, mit langem, struppigem Bart und quer über die Schulter gehängtem Jagdgewehr, von dem er sich nicht einmal zum Schlafen trennte aus Furcht vor wer weiß welchen Anschlägen.

»Versprochen?«, rief er ungeduldig.

Am liebsten hätte ich erwidert: »Nein, Pà, besteh bitte nicht darauf«, doch stattdessen nickte ich verlegen: Mein Lebtag hatte ich ihm nichts abschlagen können. Über sein Gesicht huschte ein befriedigtes Lächeln. Dann fuhr er fort, genüsslich von seinem Vater Arturo, dem größten Sturkopf und Rebellen der Familie Arcuri, zu erzählen, von den ersten Ausgrabungen auf dem Hügel, von den Geheimnissen, die darunter verborgen lagen, von der stürmischen Liebe zu meiner Mutter, die ihn immer noch umtrieb. Über die zwei toten Männer zwischen dem Wald von Tripepi und den Kirschbäumen lediglich ein paar eingestreute Andeutungen, mit denen er als geübter Fabulierer meine Aufmerksamkeit wachhielt. Und je länger er erzählte, desto gelassener wurde er, so als würfe er endlich einen unerträglichen Ballast ab oder fände in den Geschichten den Grund und die Kraft, sich von Spillace zu trennen. »In weniger als einem Monat, sobald ich die Hütte hergerichtet habe, werde ich hierherziehen«, schloss er.

Ich reagierte nicht darauf. Seit Jahren kündigte er diese bizarre Trennung an, doch den endgültigen Schritt vollzog er nie, und ich war überzeugt, dass er ihn auch dieses Mal nicht tun würde. Im Übrigen schwirrte mir der Kopf von tausend Bildern, die einander in wilden Strudeln überlagerten, ohne dass ich eines hätte fassen können, um bei ihm mit der Einlösung meines Versprechens zu beginnen.

Mein Vater hingegen konnte in meinen Gedanken lesen (wenn auch vielleicht nicht in meinem Herzen), und kurz bevor ich mich verabschiedete, um Simona abzuholen, schlug er mir vor: »Fang bei der Ankunft des Fremden auf unserem Hügel an. Der Rest ergibt sich von selbst. Folge einfach der Wahrheit des Lebens.«

1

Sie beschatteten ihn seit Tagen, ohne dass es ihm auffiel, er ging schnellen Schrittes, mit gesenktem Kopf und gerunzelter Stirn. Was suchte er auf dem Hügel? Hin und wieder hielt er inne, nahm einen Block aus der Jackentasche und notierte darin etwas, an den Stamm eines Olivenbaums gestützt. Dann schob er sich die Brille auf die Nasenspitze, hob den Blick des spionierenden Fremden vom Papier und hielt sich die offene Hand schützend über die Augen, um besser in die Ferne zu sehen.

Der Hügel hatte die längliche und geschwungene Form eines am Strand liegenden umgedrehten Bootes. Als Farbe dominierte das purpurne Rot der Süßkleeblüten. Rundherum Obstbäume, Mastixsträucher, Lorbeer-, Ginster-, Rosmarin- und Holunderbüsche, ein Weinberg, uralte Olivenbäume und Flecken von Feigenkakteen hier und da, außerdem ein Steineichenwald, der die abgewandte Seite wie eine halbe, schief sitzende Krone überzog.

Mehr als ein reales Bild musste die Landschaft ihm wie ein mediterranes Gemälde in einem Rahmen aus blendendem Licht vorkommen, wäre da nicht dieser Duft gewesen, der in die Luft aufstieg. Der Mann atmete ihn begierig ein, man sah, dass er ihn mochte, er kam direkt aus der Haut und dem Bauch des Hügels, kitzelte ihn angenehm in der Nase wie das Aroma von frisch gebackenem Brot. Er lächelte, das erste Mal während seiner tagelangen einsamen Wanderungen. Und mit diesem Lächeln auf den Lippen wandte er sich der Seite des Hügels zu, die zum Ionischen Meer hin abfiel.

Er durchquerte das Weizenfeld und strich mit den Händen über die grünen Ähren. Es war die Geste eines Kindes, fast eine Liebkosung, die so gar nicht zu seiner würdigen Haltung passen wollte, der tiefen Stirnfurche, dem graumelierten Spitzbart eines reifen Mannes. Er ahnte nicht, dass er beobachtet wurde, und bis zum großen Olivenbaum fiel ihm weiterhin nichts auf.

An diesem Punkt erlosch sein Lächeln jäh. Aus einem Mastixstrauch war ein Mann mit einem Gewehr im Anschlag getreten, der ihn zum Anhalten aufforderte: »Bleibt stehen, aber sofort. Ein Schritt, und ich erschieße Euch. Seit drei Tagen geistert Ihr hier herum. Warum? Es ist weder die Jahreszeit für Schnecken noch für Pilze.«

Mit festem Blick auf das Gewehr, als wolle er es unschädlich machen, erwiderte der Fremde: »Ich habe kein Geld bei mir.« Vielleicht dachte er, den letzten Briganten vor sich zu haben, der sich einbildete, Herr der Gegend zu sein.

Sein Gegenüber lachte verächtlich, die Augen von der Krempe eines Schlapphutes überschattet. Sein Gesicht war dunkel von der Sonne, grau vom Bart, die Zähne gelb und sein Körper robust wie der eines gut genährten Bauern. »Ich bin kein Räuber und auch kein Verbrecher. Mir gehört dieses Land, mein Name ist überall respektiert: Arcuri Alberto. Und wer seid Ihr?«, bellte er.

»Ich heiße Paolo Orsi. Ich bin Archäologe und komme aus dem Trentin.«

»Und was ist das, ein Archologe

»Ich mache Ausgrabungen und rekonstruiere mit dem gefundenen Material die Geschichte antiker Völker«, erwiderte der Fremde ruhig.

»Was sucht Ihr hier oben?«

»Ich suche die antike Stadt Krimisa und ihr berühmtes Heiligtum des Apollon Alaios, die beide seit Jahrtausenden unter einem dieser Hügel bei Punta Alice begraben liegen.«

»Aha«, machte Alberto mit einem Rest Misstrauen in der Stimme. Er hatte Paolo Orsis Worte nicht ganz verstanden, doch immerhin senkte er das Gewehr und forderte ihn mit freundlicheren Gesten auf, ihm zu folgen.

Sie gingen bis zu einer großzügigen Steinhütte, der sogenannten casella, die als Stall, Vorratsraum, Regenunterstand und Schlafplatz diente, hauptsächlich zur Getreideernte und Weinlese.

»Kommt herein«, sagte Alberto zu dem Gast und hielt die Tür auf. Er hieß ihn auf einem Holzhocker Platz nehmen und bot ihm Wein aus einer kleinen Amphore an, die er gancella nannte. Dann klärte er ihn auf: »Ihr werdet seit einigen Tagen von den Wachen beobachtet. Es geht das Gerücht, Ihr wärt ein österreichischer Spion.«

Paolo Orsi brach in ungläubiges Gelächter aus.

»Das ist nicht zum Lachen«, fuhr Alberto fort. »Wenn Ihr Euch hier weiter grundlos herumtreibt, sperren sie Euch sicher ein.«

»Aber ich habe einen Grund, einen sehr guten Grund, ich habe nichts zu befürchten. Und gerade jetzt, da ich glaube, es gefunden zu haben: das Ausgrabungsgebiet, das auf den antiken Landkarten Piloru heißt, am Abhang dieses Hügels gegenüber der Landzunge Punta Alice.« Er schrie es fast heraus, so dass sich sein Gegenüber fragte, ob er wohl etwas taub sei, denn er wirkte nicht erbost, er lächelte sogar, beflügelt durch den kräftigen Wein, den er getrunken hatte.

Paolo Orsi sagte, dass die Archäologie seit vierzig Jahren sein Leben sei, die Mitarbeiter nannten ihn hinter seinem Rücken »den Trüffelhund«, er irrte sich fast nie. Und dann erzählte er von den außergewöhnlichen Entdeckungen, die er in Sizilien und Kalabrien gemacht hatte, ausgehend von einem Stein, einer Handvoll Erde, einer Intuition. Mit der Begeisterung eines Kindes rief er unbekannte Worte in den Raum wie Fibeln, Nekropolen, Votiv-Pinakes und die Namen geheimnisvoller Orte: Hipponion, Medma, Kaulonia, Taurianum, Rhegion, Temesa, Terina, Locri Epizephyrii, wo er in den letzten Jahren gegraben habe oder weitere Ausgrabungskampagnen organisieren wolle, schloss er, schließlich sei er auch Leiter des Denkmalamts für die klassische Antike Kalabriens. In seiner Stimme lag keine Spur von Aufschneiderei, nur obsessive Leidenschaft.

So ein Mann hatte bestimmt keine Familie, dachte Alberto Arcuri und fragte: »Habt Ihr Kinder?«

»Nein, ich bin nicht verheiratet und werde auch niemals heiraten. Eine Frau würde nur meinem Beruf im Wege stehen. Ich mag Kinder, aber ich hätte keine Zeit, mich um sie zu kümmern. Und Ihr?«

»Drei Söhne: Michele, Arturo und Angelo. Alle drei beim Militär, leider, der älteste sollte dieser Tage entlassen werden, aber sie haben ihn mir zurückbehalten. Den jüngsten haben sie vor einer Woche eingezogen. Hoffen wir, dass sie so gesund und munter wiederkommen, wie sie gegangen sind. Ihr lest doch die Zeitungen, was glaubt Ihr, wird Italien wirklich bald in den Krieg eintreten?«

Es war das Frühjahr 1915. Der Fremde wurde ernst und stellte eine beruhigende Prognose, die kaum mehr als eine Hoffnung war: »Ich glaube nicht. Und wenn es eintritt, wird der Krieg nicht mehr lange andauern, so heißt es zumindest. Eure Söhne werden bald zurückkehren.« Das waren genau die Worte, die der besorgte Vater hören wollte.

»Euer Wort in Gottes Ohr!«, sagte Alberto. Er erzählte von den Opfern, unter denen man die Kinder großgezogen hatte und die man für ihre Zukunft brachte. Schon als junger Mann hatte er sich als Akkordarbeiter in der Schwefelmine zwischen Strongoli und San Nicola dell’Alto verdingt. Auch er grub, aber unter der Erde, manchmal kam er mit zerschundenem Rücken aus dem Stollen, mit Gift im Leib, in den Lungen, in der Kehle, um danach noch auf den Feldern zu buckeln. Fünfzehn Jahre so, mit einem einzigen Gedanken im Kopf: aus dem Dunkel aufzusteigen, aus dem Gestank des Stollens an das Licht und in den Duft des Hügels, und ihn Scholle um Scholle zu erwerben. Die ersten zwei Anteile, jedes zu fünf Morgen, hatte er von seinem seligen Vater und dessen kinderlosem Bruder geerbt. Doch sie waren steinig und unfruchtbar wie die anderen Böden auch, welche die Bauern im Anschluss an die Flurparzellierung im Jahr 1892 erhalten hatten. Die Flächen des Rossarco, die zu weit von Spillace entfernt lagen und seit Jahrhunderten unbewirtschaftet waren, hatten die Arcuris jenen Dorfbewohnern abgekauft, die das Land verließen, um möglichst schnell nach La Merika auszuwandern.

Nicht einmal er wusste, wie es gelungen war, den Rossarco in ihren Besitz zu bekommen. Es war eine Mischung aus Opferbereitschaft, Glück und Verstand gewesen und vor allem eine Willensstärke, noch härter als der steinige Boden, den er mit Hilfe seiner Söhne am Ende bezähmt hatte. Auch deshalb konnte er es nicht erwarten, dass sie zurückkehrten.

»Habt Ihr hier beim Umspaten je etwas Antikes gefunden, zum Beispiel eine Münze oder Terrakottascherben?«, fragte Paolo Orsi und brachte das Gespräch damit wieder auf den Grund seiner Erkundungen zurück.

»Schön wär’s! Vielleicht die Tonscherben eines Kruges, ja, aber nichts von Wert. Ich kenne jede Handbreit dieses Hügels, außer den Sockel nackter Erde um den Piloru herum, der uns nicht gehört, und die Schlucht der Timpalea, die eher für Ziegen als für Menschen gemacht ist.« Er machte eine Pause, um Atem zu holen, und zwang sich zu einem vorauseilenden Lächeln. »Wenn Ihr hingegen in meinem Dorf herumfragt, werdet Ihr hören, dass wir einen Beutel Goldmünzen gefunden und uns mit ihrem Verkauf den Rossarco genommen haben. Wenn eine Familie wie wir vorankommt, glauben die Neider mehr ihren Hirngespinsten als ihrem Verstand.«

»Von Neid und Missgunst hier in Kalabrien weiß ich auch so einiges zu berichten ... Aber sagt mir, Signor Arcuri, habt Ihr die Scherben der Amphore aufbewahrt?«

»Nein, die haben wir zusammen mit dem Geröll in die Fiumara geworfen.«

»Schade«, meinte Paolo Orsi, und dann gab er einen Rat, der in seinem polternden Tonfall mehr wie eine unumstößliche Order klang: »Wenn Ihr auf weitere Scherben stoßt, vor allem auf schwarz bemalte oder sonst wie verzierte, hebt sie auf. Vielleicht findet sich unter hundert Stück ja eine, die für unsere Erkundungen interessant ist.«

»Ja, in Ordnung«, sagte Alberto mit einem pfiffigen Lächeln auf den Lippen. Und er nahm einen tiefen Schluck Wein, um das Versprechen zu bekräftigen.

Als sie die Hütte verließen, war die Sonne hinter dem Sila-Gebirge untergegangen, die prächtigen Farben des Hügels waren wie von einem Schleier milchigen Lichts überzogen, und der Wind roch nach Meer.

Bevor er sich verabschiedete, beschrieb Paolo Orsi mit dem Blick einen Halbkreis, der den ganzen Hügel und die ihn umgebende Landschaft einschloss, bis nach Spillace. Im selben Moment sah er einen weißen Vogel, der tschilpend und einsam über der Casella hin und her schoss.

»Das ist eine weiße Schwalbe«, klärte ihn Alberto auf. »Seit zwei Tagen fliegt sie hier kreuz und quer über den Himmel. Sie sucht ihre Gefährten, findet sie, bleibt kurz bei ihnen, flattert dann weiter und weiß nicht, wohin: Flattert und flattert mit offenem Schnäbelchen bis zum Abend, mir brummt der Kopf von ihrem Gezeter, und ich weiß nicht, ob sie vor Freude oder vor Schmerz schreit, bis sie unter dem Dach der Hütte verschwindet, wo sie ihr Nest hat.«

»Unglaublich! Seit meiner Kindheit im Trentin bewege ich mich unter Schwalben-Himmeln. Und doch habe ich noch nie eine Albino-Schwalbe gesehen, schon gar nicht eine so schöne wie diese.« Und dann, im Begeisterungstaumel, sprach er einen Satz aus, den Alberto Arcuri seiner Familie wiederholen würde, als sei er von ihm, und den auch mein Vater viele Jahre später übernehmen und sich mit bitterem Beigeschmack zu eigen machen sollte: »Diese Orte haben einen inneren und äußeren Reichtum. Nur wer sie lieben kann, wird sie verstehen und ihre Schönheiten und versteckten Reichtümer zu schätzen wissen. Die anderen sind blind und dumm. Oder unehrliche Halunken, die nur an sich und die eigene Tasche denken.«

Schließlich stieg Paolo Orsi mit langen, schnellen Schritten wieder hinab, fast als fürchte er, zu spät zu einer Verabredung zu kommen.

An der Wegkreuzung, jenseits der Fiumara, standen zwei Uniformierte. Sie warteten darauf, ihn festzunehmen.

2

Zu Hause erzählte Alberto Arcuri seiner Frau Sofia die Geschichte ihrer Begegnung bis in alle Einzelheiten, selbst vom Flug der Albino-Schwalbe, und auch an den folgenden Abenden sprach er immer wieder von Paolo Orsi, fast wie von einem alten Freund, dessen geheimste Wünsche er genau kenne. Mit künstlicher Fröhlichkeit hallte seine Stimme durch die Stille des Hauses.

Sofia lauschte ihm, den Blick fest auf die Kerzenflammen gerichtet, die aussahen wie leidende Seelen, durchbohrt vom unerschöpflichen Atem ihres Mannes. Er redete allein, redete, um nicht an die Not seiner Söhne zu denken. Sie, die Analphabetin, konnte in seinem Herzen lesen. Und mit all dem Reden ging der kluge, erfahrene Fremde in das Gedächtnis der gesamten Familie Arcuri ein, auch in das meines Vaters.

Von den Kriegsjahren hingegen blieb nur eine Handvoll schmerzlicher Erinnerungen, überliefert mit leiser Stimme von der alten Sofia, als habe sie Angst, die schlimmen Zeiten könnten wiederauferstehen.

Denn leider erwies sich Paolo Orsis Prognose als falsch. Am 24. Mai war der Krieg ausgebrochen, wenige Wochen nach der denkwürdigen Begegnung, und schien zudem kein Ende nehmen zu wollen. Tage und Monate vergingen, die Brüder Arcuri kehrten nicht zurück. Der Hügel verwilderte, Alberto konnte ihn nicht ausreichend bewirtschaften, er hatte auch nur zwei Arme, wie er immer sagte, stark zwar für sein Alter, doch sie hatten ihr Leben lang hart geackert und gaben nicht mehr so viel her wie die der Jungen.

Im August 1916 starb der älteste Sohn, Michele, ein gutaussehender, ernsthafter und unermüdlich arbeitender junger Mann, der in Spillace schon ein Mädchen gefunden hatte, das er gleich nach seiner Rückkehr hatte heiraten wollen.

Im Jahr darauf starb Angelo, der jüngste Sohn, scheu und schweigsam: Die große Fotografie in der Küche, auf der er mit seinen beiden Brüdern in Infanteristenuniform abgelichtet war, zeigte tief verborgen im verhangenen Blick die Angst vor der Zukunft.

»Sie waren so schön, meine Söhne«, weinte die untröstliche Mutter. »Schön, stark und gesund. Ich habe sie an meiner Brust genährt, bis sie vier waren. Nie eine Krankheit, nie ein Fieber. Sie knackten die Nüsse mit ihren weißen Zähnen, weiß wie frische Mandeln, ihre Münder mussten Tag und Nacht gestopft werden.« Sie schwieg ein paar Minuten, sah ihren Mann mit blutunterlaufenen Augen an, dann fuhr sie in immer lauterem Wehklagen fort: »Das ist nicht gerecht«, sie zerkratzte sich das Gesicht, »das ist nicht gerecht«, riss sich die langen schwarzen Haare aus, »einfach nicht gerecht, ohi focu meu

Der Krieg hatte achtzehn junge Männer aus Spillace dahingerafft und weitere sechzehn verstümmelt, in einem Dorf, das damals eintausendzweihundertsechsundzwanzig Einwohner zählte, nicht gerechnet die vielen hundert Auswanderer. Auch die anderen Mütter schrien: »Das ist nicht gerecht!« Das Feuer der Verzweiflung fraß sie von innen auf, nichts vermochte es zu löschen.

Bei jedem Trauerfall füllte sich das Haus der Arcuri mit Leuten, die sich eng um sie drängten, um den kollektiven Schmerz zu betäuben. Der Dorfpriester bemühte sich um Trost, indem er zu akrobatischen Beileidsbekundungen griff: »Seid stark und betet. Im Grunde habt Ihr Glück im Unglück. Euch bleibt ein Musterbild an Sohn, den Ihr als ein Wunder des Jesuskindleins empfangen müsst.«

Der dritte Sohn, Arturo, kehrte etwa eineinhalb Monate nach Kriegsende zurück, an den Weihnachtstagen des Jahres 1918.

Der keckste der drei Brüder hatte überlebt, der verrückte Draufgänger, die weiße Schwalbe, der Unterdrückung und Ehrlosigkeit hasste und dem der Vater bis zum Überdruss Vorsicht gepredigt hatte, pass nur auf, mein Sohn, dass du keine Scherereien bekommst, und spiel bloß nicht den Helden.

Arturo fühlte sich wie durch ein Wunder gerettet. Niemals erzählte er vom Krieg, nur dass er ekelerregend war wie alle Kriege, wenn nicht noch mehr, angesichts der ungeheuerlichen Zahl an Toten und Verletzten, und dass er nicht verstanden hatte, für wen oder was er kämpfte. Für das Vaterland? Wo war das Vaterland, als seine Brüder und seine Gefährten in den Schützengräben starben? Das Vaterland hatte all dieses junge Blut doch gar nicht verdient. Aber im Gegensatz zu seinen Eltern, die in endloser Schwermut versanken, vermochte Arturo seinen Schmerz im Zaum zu halten und ihn in antreibenden Zorn zu verwandeln.

Er nahm die Arbeit auf dem Rossarco mit dreifacher Energie wieder auf, die Kraft der Brüder schien auf seine Muskeln übergegangen zu sein, und bald schon zerrte er auch die Eltern aufs Feld unter dem Vorwand, Hilfe zu brauchen. In Wirklichkeit ertrug er die Einsamkeit nicht, die Stille des Hügels an den seltenen windlosen Tagen, wenn das graue Auge des Toten, stets wachsam zwischen Kirschbäumen und Wald, ihn hämisch verfolgte und ihm mehr Angst einjagte als die vielen Gefährten, die in den Schützengräben im Lagorai-Massiv nur wenige Schritte von ihm entfernt niedergemetzelt worden waren.

Dann, eines Tages, ließ er wissen, dass er sich zum Ende der Trauerzeit verheiraten wolle. »Ich will eine Frau, ich will Kinder und vorankommen mit der Arbeit auf unserem Land; wenn mir das nicht gelingt, so schwöre ich, gehe ich ins gelobte La Merika«, verkündete er auf der Piazza, damit es alle hörten. Und wenn ihn jemand fragte, wie es zu dem Wunder gekommen sei, wie er der Hölle der Schützengräben widerstanden habe, antwortete Arturo ohne Zögern, aber mit einem Anflug von Ironie im Blick: »Außer an die Eltern habe ich Tag und Nacht an unseren Hügel gedacht. Ich konnte nicht sterben. Ich musste leben und zurückkehren, ich musste einfach, verwundet vielleicht, doch am Leben, um wieder seinen Duft zu atmen.«

Oberstes Ziel also: die Frau.

Durch den Krieg und die Emigration gab es im Dorf mindestens fünfmal so viele Mädchen im heiratsfähigen Alter wie Männer auf Brautschau. Arturo Arcuri ließ es also ruhig angehen und schloss eine arrangierte Hochzeit, wie sie damals üblich war, von Anfang an aus.

Jeden Sonntag ging er in die Kirche und sah sich die Mädchen an. Er begutachtete sie bis ins kleinste Detail, vor allem wenn sie an ihm vorüberzogen, um die heilige Hostie zu empfangen. Die Gerüchte über die mehr oder weniger stattliche Mitgift der einen oder der anderen ließen ihn kalt. Schön und gesund mussten sie sein. Und wunderschön waren sie: gerade Schultern, wohlgeformte Brüste, blitzende Augen, strahlend weiße Zähne, Kussmünder. Das Dorf war nah und fern berühmt für seine schönen Frauen. Arturo blieb nur die Qual der Wahl.

»Hast du die Richtige schon gefunden?«, fragten ihn seine Freunde.

»Ich schon. Doch jetzt muss sie mich noch erwählen, sonst macht es keinen Spaß: Alles Gewicht läge in meiner Waagschale, und das würde mir nicht gefallen.«

»Was?«

»Wenn die Begierde fehlt, wenn du ihr Blut nicht in Wallung bringst wie sie das deine, dann ist die Ehe ein Räderwerk, das nicht greift, das stockt, und dann wird das Leben mühsam und fad.«

»Was redest du denn da? Und wer soll diese eine sein?«

»Tja, ihr habt eben keine Ahnung.«

Sie, das war eines der vier Mädchen, die noch auf seiner persönlichen Auswahlliste verblieben waren. Wie sollten die anderen das verstehen? Was für ein Typ, dieser Arturo. Die Freunde meinten, der Krieg habe ihm das Hirn verhakt. Manchmal verhielt er sich wie ein Fremder, der nichts von den Gepflogenheiten des Dorfes wusste.

»Du wirst schon merken, dass keine dir auch nur ein Lächeln schenkt«, sagten sie zu ihm, »die jungen Frauen aus unserem Dorf müssen sich nämlich weder verstecken noch zu Markte tragen.«

Sie irrten: Nicht weniger als drei Mädchen seiner Vorauswahl lächelten ihm zu und machten ihm schöne Augen.

Arturo war ein gutaussehender Kerl, groß und kräftig, mit lebhaften Augen und freundlicher Art. Er gefiel den Frauen sehr. Und außerdem, wo doch seine Brüder im Krieg gefallen waren, Gott schütze uns, würde er den kompletten Rossarco erben, also war er eine wirklich gute Partie, noch dazu ein zäher Arbeiter, kurz, einer, den man schnellstmöglich heiraten sollte. Mit einer Einschränkung allerdings oder einem Vorzug, der ihn unberechenbar machte: seine eigene Art zu denken, in die Gegenrichtung zu denken. Tatsächlich wählte er das Mädchen, mit dem niemand gerechnet hatte, dasjenige, das ihn links liegen ließ, keinen seiner Blicke erwiderte, auch nicht das kleinste Lächeln. »Lina ...«, so nannte er sie und pfiff auf die anderen. Sie tat so, als hörte sie ihn nicht, drehte sich niemals um.

Wenn sie in der Kirche die Augen schloss, vielleicht um zu beten, ging ein entrücktes Leuchten über ihr Gesicht. Arturo betrachtete, wie sie ihren Schmollmund langsam öffnete und schloss, sich manchmal unruhig auf die Lippen biss. Er wertete das als kleine Zeichen, die es zu entschlüsseln galt, als ermutigendes Ja, wenn nicht sogar als Liebes-Ja. Wäre es nicht ein skandalöses Sakrileg gewesen, hätte er sie mit einem Kuss vor den Augen aller Heiligen und des ganzen Dorfes erlöst. Zuzutrauen war es ihm.

»Arturì, wetten, dass sie sich den Teufel um dich schert?«, zogen die Freunde ihn beim Verlassen der Kirche auf.

Er lächelte selbstgewiss: »Ihr braucht nicht zu wetten, sie hat längst ja gesagt.«

Von diesem Moment an begann er sein aufreibendes Werben. Jeden Tag, wenn er vom Rossarco zurück war, aß er, wusch sich, rasierte sich die harten Bartstoppeln und setzte sich auf das Mäuerchen vor Linas Haus. Es war unmöglich, ihn zu übersehen.

Die Freunde hielten ihm bösartig vor, er gebärde sich wie ein frecher Gockel, denn das Mädchen war das einzige Kind im Haus, ihr Vater weit weg in La Merika. Arturo gab keck und verliebt zurück: »Ich würde auch dann nicht weichen, wenn ein Vater und drei Brüder vor mir ständen, um mir bei lebendigem Leibe das Fell abzuziehen.«

Ihrer Mutter missfiel solche Unverfrorenheit nicht, immerhin hatte der junge Mann ernste Absichten, das wusste das ganze Dorf. Und sie wartete, dass er die fünf Schritte vom Mäuerchen zu ihrem Haus zurücklegen würde, um im Beisein seines Vaters Alberto um die Hand ihrer Tochter anzuhalten.

Lina schien die honigsüße Aufmerksamkeit, die ihr zuteilwurde, nicht wahrzunehmen, sie widmete sich unermüdlich den häuslichen Pflichten. Vor seinen insistierenden Blicken errichtete sie eine Mauer aus Glas, ließ sich gleichmütig anhimmeln, und manchmal beobachtete sie ihn aus den Augenwinkeln. Doch sie war weder dünkelhaft noch unnachgiebig und dumm wie ein Flusskiesel. Sie war schon siebzehn und in aller Augen überreif für die Ehe, viele Mädchen ihres Alters hatten bereits Kinder.

»Worauf wartest du noch, diesem tüchtigen Jungen da auf der Mauer die Arme zu öffnen?«, fragten die von der Mutter aufgehetzten Nachbarinnen sie.

»Zur Zeit interessiere ich mich für niemanden«, erwiderte sie verstimmt. Sie fühlte sich schlicht noch nicht bereit für diesen Sprung in eine Welt, die sie gleichzeitig anzog und abstieß. Die verheirateten Frauen waren nicht glücklich, das ahnte sie, sie waren vielmehr Dienerinnen, die aus Pflichtgefühl lächelten und sich ihren Männern unterordneten. Im Blick ihrer Mutter las sie eine nachtragende Unzufriedenheit: Sie weinte ihrer sorglosen Jugend hinterher, und es verging kein Tag, an dem sie ihren Mann nicht verfluchte, indem sie ihn verächtlich einen schäbigen Nichtsnutz nannte, der den Ehering für eine Merika-Hure ins Meer geworfen habe und weder mit einem Brief noch dem geringsten Dollaro je wieder von sich hatte hören lassen.

Arturo gab nicht auf. Immer samstags und vor jedem Feiertag widmete er ihr eine serenata. Stundenlang stand er singend und sich auf der Gitarre begleitend unter Linas Balkon, zusammen mit einem Freund am Akkordeon und einem an der Leier. Er konnte gut spielen. Mit dem aufrichtigen Herzschmachten eines Verliebten drückte er den länglich gewölbten Klangkörper an seine Brust und entlockte ihm gleißende Arpeggios im Rhythmus seiner auf die Gitarre trommelnden Fingerkuppen. Seine Stimme bebte vor Liebesspannung, abgesehen von dem einen oder anderen falschen Ton, seine Botschaften segelten auf ihr Bett wie Rosenblüten aus dem Schnabel einer freundlichen Schwalbe: »Schwalbe, flieg mir zum Meer, zum Meer, zu meiner Liebe, die im Schatten schläft, o Schwalbe mein, zu ihr, die im Schatten schläft ...«*

Eines Tages im Herbst begann es zu regnen, als Arturo schon auf dem Mäuerchen in der Gasse saß. Vergeblich steckte er seinen Kopf schützend unter die Jacke, der Regen prasselte weiter unversöhnlich auf ihn herab, nahm ihm die Sicht, zwang ihn, fröstelnd die Schultern einzuziehen, raubte seiner verliebten Anwesenheit vor der Tür und den verriegelten Fenstern jeglichen Sinn. Doch er bewegte sich keinen Zentimeter fort, wartete, dass der Regen aufhörte, wartete auf das Wunder.

Sie öffnete die Tür, endlich, beugte sich nur ein wenig hinaus, um ihre langen schwarzen Haare nicht nass zu machen, und rief laut über den Lärm des tosenden Regens hinweg: »Komm schon, Sturkopf. Komm herein, sonst erkältest du dich noch.« Ihr Lächeln funkelte wie ein Sonnenstrahl durch den prasselnden Regen. Recht betrachtet, wog es fast mehr als die Einladung, dieses von Staunen durchzogene Lächeln, wog mindestens so viel wie der erste Kuss. Arturo sollte beides nie vergessen, weder das Lächeln noch den ersten Kuss.

Im Haus war kein Mensch. Draußen strömte der Regen.

3

Lina und Arturo, meine Großeltern, heirateten am 26. Juli 1920. Die kirchliche Trauung war wie von einem melancholischen Schleier überzogen, das darauf folgende Fest im Hause der Braut von maßvoller Fröhlichkeit, jedoch ohne den rechten Hochzeitsjubel. Zu frisch waren die Wunden des Krieges, so dass Arturos Eltern nach der Trauung nicht mit Brautpaar, Verwandten und Freunden feierten. Sie hatten ihre Pflicht getan und ihre Trauer für einen Vormittag abgelegt, mehr konnte man nicht erwarten von einer Mutter und einem Vater, deren Gesichter von dem unsagbaren Leid tief gezeichnet waren.

Niemand nahm es ihnen übel, jeder fand tröstliche und solidarische Worte für die Arcuris, die so vom Pech verfolgt waren, so glücklos im Glück. Keine Scheinheiligkeiten, die Worte waren aufrichtig, man fühlt immer mit denen, die durch die Hölle gehen, selbst wenn dieselben Leute vor dem Krieg Familie Arcuri beneidet und ihnen alle erdenklichen Übel an den Hals gewünscht hatten.

Es war ein drückend heißer Sonntag. Die Gäste tranken Wasser, Wein mit Wasser gemischt, schließlich Wein pur, den kräftigen vom Rossarco. »Es ist entsetzlich heiß, der Wein trocknet den Schweiß«, so rechtfertigten sie sich unisono. Erst später, als viele schon angeheitert waren, entfesselten die jungen Leute eine atemberaubende Tarantella. In jener Nacht improvisierten der Trauzeuge und eine fröhliche Schar begabter Musiker einen endlosen Sangesabend, weil der Bräutigam nicht nach ein paar Stücken mit dem von Wein- und Schnapsflaschen überbordenden Korb aus dem Zimmer kam, wie es Tradition war, mit Brot und Taralli, Wurst, Schwartenmagen, Coppa, Schweinebauch, Schinken, Sardinen, scharfer Nduja-Wurst und Provola-Käse. Sie sangen und spielten ihr gesamtes Repertoire an neapolitanischen und kalabrischen Volksliedern, doch der Bräutigam wollte einfach nicht die Tür öffnen, vielleicht war er eingeschlafen, vielleicht trieb er seinen Spaß mit ihnen, vielleicht hörte er sie nicht, also grölten sie noch lauter auf die Gefahr hin, bei den hohen Tönen danebenzuhauen.

Und wirklich hörte Arturo die Lieder nicht, sondern nur die Wonneseufzer und kleinen Lustschreie seiner jungen Frau. Die ihn anflehte, weiter ihre Brüste zu küssen und sich mit diesen langsamen und festen Stößen zu bewegen, die ihr Schmerz und Genuss bereiteten, die ihren Körper mit nie gekannter Wärme erfüllten, einem unerwarteten Feuer, dem Paradies auf Erden.

Lina hatte sich ihm mit einem Vertrauen hingegeben, das er nicht enttäuschen durfte. Arturo war in der Liebe wenig erfahren, zweimal hatte er es gegen Geld getan, fünf oder sechs Minuten insgesamt, gerade genug, um zu sehen, wie eine Frau vom Bauchnabel abwärts beschaffen war. Doch angesichts einer Ehefrau, die so begierig darauf war, geliebt zu werden, die sich ohne Scham auszog und ihm Brüste und Mund mit lustvoller Begierde darbot, war seine Erfahrung von Kuss zu Kuss gewachsen und hatte alle Lektionen in kürzester Zeit durchlaufen.

Im tiefsten Innern staunte Arturo, wie einfach und schön die Liebe war, während sie ihn bat, nie wieder aufzuhören. Und er gehorchte ihr gern, die Haare auf Brust und Kopf nassgeschwitzt, der heiße Körper schweißgetränkt.

Nach dem ersten Mal hatten sie sich mit Leinentüchern abgetrocknet, die Hände zitternd vor Begierde.

Und hatten von neuem begonnen.

Gegen vier Uhr morgens überreichte Arturo endlich unter den Pfiffen und manch spöttischem Applaus der erschöpften und hungrigen Freunde dem Trauzeugen den Korb.

Und bekam im Gegenzug ein herzliches, wohlverdientes »Recht schönen Dank auch, du Hundsfott!« zurück.

Am 18. April 1921, dem strahlendsten Tag dieses sehr warmen Frühlings, kam mein Vater auf die Welt. Lina war auf dem Rossarco und half ihrem Mann und ihrem Schwiegervater bei der Feldarbeit. Sie hatte einen schönen spitzen Bauch, nicht besonders groß, während ihr Busen – schon vor der Schwangerschaft üppig – unmäßig gewachsen war und bestens gerüstet schien, um Vierlinge zu säugen.

Nach dem Urteil der erfahrensten Nachbarinnen sollte die Geburt Anfang Mai erfolgen, weshalb Lina noch fast täglich auf die Felder ging, ihre Hilfe wurde gebraucht, und sie war gerne an der Seite ihres Mannes, um sich für das Vorankommen der Familie nützlich zu machen. Im Übrigen arbeiteten damals alle Frauen bis wenige Tage vor der Geburt und kamen für gewöhnlich zu Hause nieder, unterstützt von einer Nachbarin oder Verwandten mit Erfahrung, nur in schwierigen Fällen rief man die tüchtige mammana, die Hebamme aus San Nicola. Eine Frau mit Bauch war keine Kranke, die man schützend in Watte packen musste, sagte mein Vater, sie war eine Frau, die ein Kind erwartete. Die natürlichste Sache der Welt. Und Lina bildete keine Ausnahme. Sie arbeitete unermüdlich und spürte, wenn sie es übertrieb, die kräftigen Tritte ihres Kindes im Bauch. Es würde gewiss ein Junge werden, ein Rebell, das merkte man, wie er um sich trat und sich wand, er hielt niemals still: Er konnte es nicht erwarten, das Licht der Sonne zu erblicken.

Ihr Mann harkte die Erde unter dem riesigen Olivenbaum, denn bei der frühzeitigen Hitze würde ein plötzlich aufflammendes Feuer den Baum mit einer einzigen Stichflamme verschlingen. Der Schwiegervater jätete behutsam und mit chirurgischer Präzision das Unkraut zwischen den jungen Pflänzchen im Gemüsegarten. Er war schweigsam und düster, versunken in endlose Trauer um seine zwei Söhne, als trage er die Schuld an ihrem Tod oder habe nicht sein Möglichstes getan, sie zu retten.

Lina schnitt auf Anraten Arturos mit einer kleinen Sichel Süßklee für das Kaninchenfutter, breitbeinig gebeugt, um den Bauch nicht einzuengen. Es ging ihr nicht sehr gut an jenem Tag, schon am frühen Morgen hatte sie ein leichtes Ziehen im Unterleib verspürt, und die ungewöhnliche Hitze ermattete sie mehr als die Arbeit.

Sie stand fast in der Mitte des Kleefeldes, in diesem roten, vom Wind gekräuselten Meer, auf der lichteren Seite des Hügels. Mit einem Arm umfasste sie ein ordentliches Bündel Kleeblüten, mit der anderen Hand die Sichel, da spürte sie plötzlich schmerzhafte Krämpfe. Es waren die Wehen.

Sie wusste es sofort, konnte gerade noch ihre Unterhose abstreifen, rief ihren Mann, »Artù, komm schnell!«, beugte sich so tief wie möglich, krümmte die Beine, bis sie fast die Wiese berührte, »Artù, lauf, es kommt!«, und ihr Mann war in wenigen Sekunden bei ihr.

»Geh Wasser holen und deine Jacke«, befahl ihm Lina, die auch bei dieser Gelegenheit einen klareren Kopf behielt als er. Arturo rannte zurück zur Casella und rief dabei dem Vater zu: »He, Pà, es geht los, unser Albertino kommt!«

Er riss die Hüttentür auf, packte die Jacke, den Eimer und, da nur noch wenig Wasser darin war, auch den Krug mit dem Wein. Im Nu war er wieder bei seiner Frau, der Vater gleich hinter ihm.

Das Kind lag auf den samtenen Kleeblüten, hellrot auf purpurrot, mit verklebten Augenlidern, über die Nabelschnur noch mit der Mutter verbunden. Sie lächelte, erschöpft von der starken, minutenlangen Anstrengung, und Arturo war verwirrt. »O Jesses Gott, was nun?« Er wusste nicht, was tun, sah haareraufend zu seinem Vater. »Und jetzt? Und jetzt?«

In dieser Minute der Ungewissheit hatte sie die Nabelschnur mit der Sichel durchtrennt, hatte sich auf den Süßklee gelegt und hielt das Kind zwischen ihren großen und weichen Brüsten, streichelte es sanft mit den Fingerkuppen. Arturo deckte die Jacke darüber und wusch dann mit dem wenigen Wasser, das zur Verfügung stand, sorgfältig seine Frau. Zu trinken reichte er ihr einen Schluck Wein. »Das gibt Milch«, sagte er entschuldigend.

Nonno Alberto ging vorsichtig zu dem Enkelchen und gab ihm einen zärtlichen Kuss auf die feuchten Haare. »Ich will nicht, dass ihr ihn nach mir benennt. Es ist richtiger, ihm die Namen meiner seligen Söhne Michele und Angelo zu geben. So leben auch sie weiter. Ich habe viel darüber nachgedacht, wenn es ein Junge werden sollte. Wir nennen ihn Michelangelo.« Dann brach er in Freudentränen aus, konnte nicht mehr aufhören, er weinte, ohne sich dessen zu schämen, und sein Sohn, bewegt ...

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