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Der Grieche

Kurt Jahn-Nottebohm

Der Grieche

Frank Wallerts dritter Fall





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Ermioni, Griechenland - Juli 2001

Der Koffer war bereits zur Hälfte gefüllt. Sie stand unschlüssig vor dem Schrank in ihrem Hotelzimmer. In der linken Hand hielt sie die Tasche mit dem Fotoapparat, mit der rechten die Schranktür offen, die sich immer wieder schließen wollte, wenn sie nicht festgehalten wurde. War es richtig, jetzt abzureisen? Musste sie sich nicht selbst Vorwürfe wegen der Geschehnisse der letzten Tage machen? In einem Anflug von Ärger warf sie den Fotoapparat in den offen stehenden Koffer und entzog der Schranktür ihre stützende Hand. Sie legte sich auf die freie Seite des Doppelbettes, schob das Kissen unter ihren Kopf und starrte an die Decke. Heute schien die Sonne heiß von einem tiefblauen Himmel herab. Heute hielt sie sich nicht am Strand auf. Heute hatte sie ihn nicht gesehen. Heute war vieles anders als an den Tagen zuvor.

***

Sie war Mitte Juli hier eingetroffen. Das Hotel war nichts Besonderes, aber es genügte ihren Ansprüchen. Vor allem lag es sehr schön. Hinten, der Straße abgewandt, befand sich ein Garten mit Terrasse. An ihn grenzte ein großes Grundstück, auf dem Olivenbäume wuchsen, die ihr bereits im letzten Jahr bei manchem Spaziergang Schatten gespendet hatten. Die kleine Straße, die nach einer Vielzahl von geschwungenen Kurven vor dem Haus endete und als Trampelpfad weiter zum Strand führte, wurde eigentlich nur von Hotelgästen genutzt, wodurch es den ganzen Tag sehr ruhig blieb.

Sofort nach ihrer Ankunft hatte sie ihr Zimmer bezogen. Sie hatte ihren Koffer geleert und alles in den viel zu großen Schrank geräumt. Den leeren Koffer hatte sie ganz unten im Schrank verstaut. Sie hatte ihren Bikini angezogen und ein großes Strandtuch um ihren Körper gewickelt. Dann war sie Richtung Strand aufgebrochen. Über die leere Terrasse und den Olivenhain näherte sie sich über einen wunderschönen Umweg dem Strand. Schon bei diesem ersten Gang zum Strand hatte sie ihn gesehen. Etwa 100 Meter abseits des Weges stand er regungslos und mit hängenden Armen vor einem Baum. Sein Gesicht konnte sie natürlich aus dieser Entfernung nicht erkennen – dennoch fühlte sie sich bei dieser ersten Begegnung beobachtet. Sie lief weiter und hatte nach wenigen Minuten den Strand erreicht. Eine kleine Bucht mit Sandstrand und zum Teil recht hohen Felsen lud sie zum Bleiben ein. Sie löste das Strandtuch und legte es in den weichen und von der Sonne aufgeheizten Sand. Dann ging sie zum Wasser, das in kleinen Wellen an den Strand plätscherte. Aus dem vergangenen Jahr wusste sie, dass es an diesem Abschnitt der Küste auch anders aussehen konnte. Sie hatte einen Tag erlebt, an dem schwere Wogen schäumend gegen die Felsen geschlagen waren und von einer Bucht nichts zu sehen gewesen war.

Das Salzwasser umspülte ihre Waden, die Sonne brannte auf sie herab und eine erstaunlich frische Brise sorgte gleichzeitig für Abkühlung. Langsam lief sie weiter ins Wasser hinein, bis sie gerade noch stehen konnte. Sie stieß sich vom sandigen Boden ab und machte ein paar Schwimmzüge. Schließlich tauchte sie kurz ab, wunderte sich über die Klarheit des Wassers und machte sich auf den Rückweg zu ihrem Liegeplatz. Sie streifte die nassen Haare nach hinten. Ihr Blick fiel auf das Ende des Weges, den sie gerade erst verlassen hatte, um das kurze Stück bis in diese Bucht hinabzuklettern. Dort oben stand er wieder.

Sie ließ sich im Schneidersitz auf dem Badetuch nieder. Aus einem Stoffbeutel kramte sie ihre Sonnenbrille, die Zigaretten und das Feuerzeug. Als sie den Rauch ausblies, schaute sie wieder nach oben. Er war verschwunden. Sie drehte sich um und legte sich auf den Rücken. Im Liegen sah sie dünne Wolkenfetzen am Himmel vorbeiziehen. Ein Schatten fiel auf sie. Er stand direkt neben ihrem Badetuch und blickte auf sie herab.

»Hallo«, begrüßte sie ihn freundlich, obwohl sie im ersten Augenblick von seinem plötzlichen Auftauchen erschreckt worden war. Er nickte unmerklich, sagte aber nichts.

»Sprechen Sie Deutsch?«

»Bisschen«, war seine knappe Antwort.

Sie setzte sich, aber als sie bemerkte, dass sich ihre Augen nun auf Höhe seiner Gürtellinie befanden, erhob sie sich, streckte ihm die Hand entgegen und stellte sich vor.

»Georgios«, sagte er und hielt ihre Hand ein wenig länger fest, als es nötig gewesen wäre.

Sie spürte, wie ihr eine Gänsehaut über den Rücken lief. Der Mann hatte sie während der gesamten Szene nicht aus den Augen gelassen. Er blickte sie unverwandt aus seinen braunen Augen unter dichten schwarzen Brauen an. Sein Gesichtsausdruck war weder unfreundlich noch abweisend und veränderte sich auch jetzt nicht, als sie ihr Badetuch ergriff und es um sich wickelte. Unvermittelt drehte Georgios sich um und lief auf das Wasser zu. Er zog sich sein Hemd über den Kopf und streifte seine Hose ab. Beides ließ er achtlos fallen. Dann lief er mit immer schneller werdenden Schritten in das salzige Nass und warf sich hinein. Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte oder wollte. Eigentlich musste sie jetzt zusehen, dass sie wegkam. Sie konnte doch unmöglich hier an einem griechischen Strand einem nackten Griechen beim Baden zusehen! Langsam setzte sie sich in Bewegung, konnte aber ihren Blick nicht von dem Badenden wenden, der mit kräftigen Schwimmstößen bereits wieder auf den Strand zuhielt. Kurz darauf entstieg er dem Wasser. Sein Körper glänzte in der Sonne. Der Mann schien sich seiner Nacktheit nicht zu schämen, denn er bedeckte sie nicht und kam lächelnd auf sie zu. Seine Augen blitzten. Dann stand er vor ihr und lachte.

»Du gehst?«, fragte er.

»Nun«, begann sie, räusperte sich und begann mit kräftigerer Stimme von vorne. »Nun, ich dachte, Sie wollen vielleicht lieber alleine sein.«

Er lachte und blickte sie weiter an. Dann drehte sich Georgios um, sammelte seine Sachen zusammen, zog sich an und verschwand ohne ein weiteres Wort.

Nach ihrer Rückkehr zum Hotel lag sie auf ihrem Bett und ließ die Geschehnisse vom Strand Revue passieren. Was war das für ein Mann gewesen? Georgios hatte sich ihr gegenüber verhalten, als seien sie sich seit langer Zeit vertraut. Einerseits war sie fasziniert von ihm, andererseits recht erschrocken über sich selbst. Er war ein fremder Mann. Was war los mit ihr? Ein paar Minuten später schüttelte sie ihren Kopf, sprang vom Bett auf, zog sich an und ging auf der kleinen Terrasse des Hotels einen Kaffee trinken.

Am nächsten Tag stand sie gegen neun Uhr auf, frühstückte auf der Terrasse und erkundete anschließend, während eines ausgiebigen Spaziergangs, den Ort. Seit dem letzten Jahr hatte sich in Ermioni nicht viel verändert. Einzig ihre Lieblingskneipe in der Nähe des kleinen Hafens im Norden des Ortes war renoviert worden. Es standen neue Tische auf der Terrasse, auf der sie so gerne saß und auf das Meer hinausblickte. Nach Ende des Spaziergangs, der sie noch auf die Halbinsel östlich von Ermioni geführt hatte, entschloss sie sich, in »ihrer« Kneipe zu Mittag zu essen. Sie setzte sich, und es dauerte nicht lange, bis der Kellner kam. Sie bestellte sich einen Wein und Stifado, einen Schmortopf aus Lammfleisch, Tomaten, Zwiebeln und Bohnen. Während des Essens dachte sie an den vergangenen Tag und ihr Zusammentreffen mit Georgios. Wer mochte dieser Mann sein? Warum hatte er so offensichtlich den Kontakt zu ihr gesucht und war dann einfach verschwunden? Heute hatte sie ihn bei ihrem Ausflug zur Bucht nicht gesehen. Sie musste sich eingestehen, dass sie darüber etwas enttäuscht war. Er sah verdammt gut aus. Altersmäßig war er schwer zu schätzen, aber er war einer jener Männer, die nicht wirklich schön waren, sondern interessant. Sein Körper, den sie ja nun in seiner kompletten Pracht hatte sehen können, war einfach perfekt. Sein Gesicht wurde von den Augen beherrscht, die vor allem beim Lachen strahlten. Ansonsten war sein Gesicht eher durchschnittlich. Recht breite Lippen bildeten den Mund, seine Nase war etwas zu groß geraten und seine Augenbrauen waren unregelmäßig und buschig. Sein dichtes schwarzes Haar hatte einen leicht blauen Schimmer. Seine Haut war von der Sonne stark gebräunt, sodass sie annahm, dass er sich wohl überwiegend im Freien aufhielt. Vielleicht war er Fischer. Sie musste lächeln und drückte die Zigarette aus, mit der sie ihre Mahlzeit abgeschlossen hatte. Dann zahlte sie und ging zurück zum Hotel.

Am nächsten Morgen packte sie nach dem Frühstück ihre Badesachen zusammen und lief zur Bucht. Heute war es nahezu windstill. An Lesen war in der Hitze nicht zu denken, und so verbrachte sie erst einmal eine gute halbe Stunde im Wasser. Anschließend fühlte sie sich wohler. Sie stieg aus dem Wasser, ging zu ihrem Badetuch und nahm einen großen Schluck aus einer Wasserflasche, die sie sich aus dem Hotel mitgebracht hatte. Anschließend verlegte sie ihren Liegeplatz hinter einen kleinen Felsen, der aus dem Boden ragte und hinter dem sie etwas Schatten fand. Sie blickte sich um und zog ihr Oberteil aus, nachdem sie niemanden gesehen hatte. In dieser Gegend konnte man wirklichen Ärger bekommen, wenn man sich an Stränden nackt oder halb nackt zeigte. Sie setzte sich, lehnte sich mit dem Rücken an den Felsen und griff nun doch zu ihrem Buch. Gegen Mittag überlegte sie zurückzugehen, entschied sich aber anders. Auch wenn die Hitze nun auf ihrem Höhepunkt war, wollte sie diese Stunden nicht auf ihrem Hotelzimmer verbringen. Sie legte ihr Oberteil wieder an und lief erneut ins Wasser. Einige Minuten später hörte sie laute Stimmen und blickte sich um. Am Strand sah sie zwei Männer, die offensichtlich heftig gestikulierend stritten. Da sie aber zu weit entfernt war, konnte sie nichts Näheres erkennen. Schnell schwamm sie zurück und dachte darüber nach, ob es so klug war, an den Strand zurückzukehren, wo sich gerade zwei hitzköpfige Griechen stritten. Bevor sie wieder sandigen Boden unter den Füßen hatte, erkannte sie in einem der Männer Georgios, der gerade von dem offensichtlich jüngeren Mann einen Stoß vor die Brust erhielt. Der Jüngere drehte sich abrupt um und lief mit wütenden Schritten zurück zu dem Weg, der auf die Klippe führte. Georgios rührte sich nicht. Mittlerweile war sie am Strand angelangt. Sie lief auf Georgios zu und wollte gerade rufen, als er sich umdrehte und sie erblickte. Sie wunderte sich, als er Anstalten machte zu gehen.

»Georgios!«, rief sie hinter ihm her, aber er ging weiter.

Sie lief schneller und hatte ihn nach wenigen Metern eingeholt. Sie ergriff seinen Arm und stellte sich vor ihn.

»Georgios, was ist los?«

Wieder schaute er sie nur an, aber diesmal blitzten seinen Augen nicht.

»Warum willst du wissen?«

»Ihr habt euch gestritten.«

Mit einer unwilligen Geste machte sich Georgios von ihrem Griff frei und lief weiter. Sie schaute ihm nach, bis er über der Klippe verschwunden war.

Den Rest der Woche verbrachte sie überwiegend im Hotel. Das Wetter war umgeschlagen, und es regnete oft, was für diese Jahreszeit und diese Gegend ungewöhnlich war. Gleichwohl genoss sie diese Tage. Sie hatte sich vom Besitzer des Hotels einen Wagen geliehen und die eine oder andere Spritztour in die Umgebung unternommen. Am Samstag schien die Sonne wieder von einem ungetrübten Himmel herab. Weit und breit war keine Wolke zu sehen. Leichter Dunst hing über dem Meer. Diesmal hatte sie gleich den Standort hinter dem Felsen bezogen. Sie rauchte und las, und da sie der Meinung war, Sonne nachtanken zu müssen, hatte sie sich ihres Bikinis entledigt, natürlich nicht ohne darauf zu achten, dass sie sich alleine in der Bucht befand. Plötzlich hörte sie ein Knacken und blickte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Georgios befand sich auf dem Abstieg in ihre Bucht. Sie fluchte und legte schnell das Buch hin. Dann schlang sie sich das große Badetuch um den Körper, da die Zeit nicht ausgereicht hätte, den Bikini wieder anzulegen. Sekunden später stand er vor ihr.

»Hallo«, sagte er und lachte sie an, wie er es bei ihrem ersten Zusammentreffen getan hatte.

»Hallo«, antwortete sie und musste unwillkürlich auch lächeln. Hatte er sie etwa von oben schon gesehen? Er bückte sich und griff nach ihren Zigaretten.

»Darf ich?«, fragte er. Sie nickte. Georgios steckte sich eine Zigarette an.

»Warum?«, fragte er, und als er ihren fragenden Blick sah, ergriff er einen Zipfel des Tuchs und zog daran.

Sie machte einen Hüpfer rückwärts. Dabei stolperte sie, aber er ergriff schnell ihren Arm und verhinderte so einen Sturz. Sofort ließ er sie wieder los und setzte sich in den Sand. Er erblickte ihren herumliegenden Bikini und lachte erneut. Er sammelte ihn auf und warf ihn ihr zu.

»Was wollen Sie hier?«, fragte sie nun.

»Besuchen«, antwortete Georgios. Sie drehte sich um und zog unter dem Schutz ihres Badetuches den Bikini an, wobei sie ungeschickte Verrenkungen machte, was sie ärgerte. Danach legte sie das Tuch um ihre Schultern und zog es über ihrer Brust zusammen, denn jetzt war ihr der Blick Georgios' unangenehm geworden. Er taxierte sie feixend von oben bis unten.

»Du vorsichtig«, sagte er.

»Ja!«, antwortete sie etwas barsch. Bei dem ersten Zusammentreffen mit Georgios war sie fasziniert von ihm gewesen, doch jetzt störte sie seine Art. Obwohl er freundlich war und sich immer nur an der Grenze zur Aufdringlichkeit bewegte, nahm er sich ihres Erachtens Sachen heraus, die, vorsichtig ausgedrückt, etwas dreist waren. Sie hatten schließlich noch keine zehn Worte miteinander gewechselt, und trotzdem hatte sie ihn schon nackt gesehen ... er sie wahrscheinlich auch. Er kam wie selbstverständlich zu ihrem Liegeplatz und bediente sich ihrer Zigaretten.

»Danke«, sagte er.

»Danke?«

»Für Zigarette.«

Sie setzte sich.

»Warum wollen Sie mich besuchen?«, fragte sie.

Georgios zuckte mit den Schultern und streifte die Zigarettenasche an dem Felsen ab. Er blickte auf und antwortete:

»Lange nicht gesehen.«

»Na und?«

»Ich wollte dich sehen.«

»Sie wollten mich sehen? Warum?«

»Ach! Warum immer wissen muss … warum?«

Seine Stimmung hatte sich verändert. Wieder stellte sie fasziniert fest, wie leicht sie in seinem Gesicht lesen konnte.

»Wer sind Sie?«, fragte sie, denn sie hatte das Gefühl, das Thema wechseln zu müssen. Sofort blühte er wieder auf.

»Ich heiße Georgios.«

»Das weiß ich. Wer ist Georgios?«

Er setzte sich übertrieben aufrecht hin und ein gespielt ernsthaftes Gesicht auf.

»Ich, Georgios Stefanidis, ich 28 Jahre. Wohne hier.«

Er machte eine ausladende Bewegung mit seinem rechten Arm, als wollte er die gesamte Region in seinen Wohnort einschließen. Dann drückte er die Zigarette am Felsen aus. Die Kippe vergrub er im Sand. Er stand auf, reichte ihr die Hand, die sie ergriff, und sagte: »Du nett.« Dann drehte er sich um und ging.

In den folgenden Tagen hielt der griechische Sommer, was er in den ersten Tagen ihres Urlaubs versprochen hatte. Sie war täglich in »ihrer« Bucht und täglich traf sie dort Georgios. Anfangs kam er immer auf ein oder zwei Zigarettenlängen zu ihrem Liegeplatz. Später erwartete sie ihn bereits, und wenn er nicht zur üblichen Zeit kam, so gegen 14 Uhr, wurde sie ungeduldig. Aber er kam jeden Tag. Sie erfuhr, dass er einer der vier Söhne der Familie Stefanidis war, die den Olivenhain besaß, durch den sie auf dem Weg zum Strand immer ging. Sie erfuhr, dass er das so genannte »schwarze Schaf« der Familie war und sich mit seinen Brüdern nicht sehr gut verstand. Warum, erfuhr sie nicht. Am Mittwoch ihrer letzten Woche kam Georgios erst recht spät in die Bucht. Nach ihrer Schätzung musste es bereits fünf sein. Er trug einen Korb, den er feierlich vor ihr absetzte. Er nahm das Tuch ab, das ihn bedeckte, und präsentierte ihr mit einem »Voilá!« alle möglichen Köstlichkeiten: vom Wein über diverse eingelegte Oliven bis hin zu Schafskäse, Lammfleisch und Fisch. Er strahlte sie an und machte sich sofort daran, eine Feuerstelle zu errichten. Es folgte ein wunderschöner Abend mit Genüssen aller Art. In der Nacht schliefen sie am Strand miteinander. Am folgenden Tag war sie verwirrt. Als er aber am Mittag freudestrahlend zur Bucht kam, waren alle Zweifel wie weggewischt.

Dann kam der Tag, der alles ändern sollte. Es war nicht so heiß wie an den Tagen zuvor. Sie trug ein Strandkleid über ihrem Bikini und saß rauchend auf dem Felsen, als er die Klippe hinunter kam. Als er bei ihr war, nahm er sie in die Arme und küsste sie. Sie schmiegte sich an ihn, doch er schob sie leicht von sich weg, um ihr mit seinem unglaublichen Blick in die Augen zu schauen.

»Wir gehen weg«, sagte Georgios.

Sie verstand nicht. Er zeigte auf sie und dann auf sich und machte Kurbelbewegungen mit einem imaginären Lenkrad.

»Wohin?«, fragte sie und wirkte wohl etwas verwirrt.

Georgios lachte, nahm sie beim Arm und wollte sie mit sich nehmen. Plötzlich ertönte ein lauter Ruf vom Rand der Klippe.

»Georgios!«

Ein junger Mann machte sich auf den Weg die Klippe hinunter. Georgios stand wie erstarrt. Schon war der andere Grieche, in dem sie ohne Schwierigkeiten einen der Stefanidis-Brüder erkennen konnte, bei ihnen und ließ einen lauten Wortschwall über Georgios ergehen. Sie wurde weder von Georgios noch von seinem Bruder beachtet. Die Situation schien zu eskalieren, denn die Gesichter der beiden Kontrahenten drückten ungefilterte Wut aus. Ihre Stimmen wurden lauter, der Wortwechsel stakkatohafter. Schließlich griff der Bruder Georgios beim Arm und zischte, offensichtlich auch an sie gewandt, denn jetzt benutzte er die deutsche Sprache:

»Du kommst jetzt mit zu deiner Frau!«

Sie spürte, wie sie beinahe den Halt verlor. Ihre Beine drohten zu versagen, doch wenige Sekunden später hatte sie sich gefasst und spürte nur noch Zorn. Sie griff nach Georgios Schultern und drehte ihn zu sich um. Dann gab sie ihm eine schallende Ohrfeige. Sie machte sich auf den Weg zurück zum Hotel.

***

Sie schreckte auf. Fast wäre sie eingeschlafen. Langsam erhob sie sich vom Bett, ging ins Badezimmer und kühlte ihr Gesicht mit kaltem Wasser. Dann fuhr sie fort, ihren Koffer zu packen. Das Taxi sollte in einer Stunde kommen.

Mittwoch 14. Juni 2006

Maren Dieckmann, eine 29-jährige Kriminalbeamtin, saß im Gartenlokal der »Palette« auf der Wallstraße und bestellte sich eben das dritte Glas Wasser, als jemand neben sie trat.

»Na? Durst?«, fragte Frank, gab ihr einen flüchtigen Kuss und setzte sich an ihren Tisch.

»Das kannst du laut sagen. Die Hitze bringt mich um.«

Frank Wallert, 43 Jahre alt und sowohl ihr Chef bei der Kripo, als auch ihr Lebenspartner, lachte sie an.

»Ich finde das toll!«, sagte er. »Letztes Jahr haben wir alle gestöhnt wegen des schlechten Wetters. Jetzt haben wir mal einen ordentlichen Sommer, und wieder stöhnen alle.«

Die Bedienung kam und brachte Marens Wasser. Frank bestellte sich ein Pils, und die offensichtlich genervte Bedienung entfernte sich wortlos.

Es war früher Nachmittag. Frank und Maren hatten für heute Feierabend gemacht. Auf diese Weise ergab sich die Möglichkeit, einige ihrer Überstunden abzufeiern, die sich in den ersten Monaten dieses Jahres aufgetürmt hatten. Außerdem war zurzeit wirklich nichts los in Mülheim und Umgebung, obwohl die Fußball-Weltmeisterschaft seit dem vergangenen Wochenende in vollem Gange war und sich allein im Ruhrgebiet Hunderttausende von Fans von einem Spiel zum anderen und von einer Party zur anderen bewegten. Heute Abend spielten die Deutschen ihr zweites Gruppenspiel im nahen Dortmund, und so war auch die Mülheimer Innenstadt voller deutscher und polnischer Fans und Fahnen.

Die Bedienung kehrte zurück und trug ein voll beladenes Tablett. Im Vorübergehen stellte sie Frank ein Pils auf den Tisch und bewegte sich auf eine Gruppe zu, die offensichtlich auf dem Weg nach Dortmund war. Bunt geschminkte Gesichter, kleine Deutschlandfahnen und schwarz-rot-gelbe Mützen wiesen sie als deutsche Fußballfans aus. Irgendwie beneidete Frank sie. Nicht, dass er der große Fußballfan war, aber bei großen Turnieren faszinierte ihn immer wieder die Stimmung, die sich im Laufe der Tage und Wochen entwickelte, und dann konnte auch er sich dem nicht entziehen. Sein Freund und Kollege Malte, dessen Frau Bea, Maren und er hatten im Vorfeld der WM überlegt, ob sie sich um Karten für ein Spiel kümmern sollten. Das Vorhaben war aber schließlich daran gescheitert, dass das Kartenvergabeverfahren schon fast abgeschlossen war und es immer unwahrscheinlicher wurde, dass alle vier Freunde zum gleichen Spiel im selben Stadion sein konnten. Zuletzt hatten sie die Internetbörse »ebay« bemüht, ihren Versuch aber schnell aufgegeben, als sie die geforderten Preise sahen. So hatten sie verabredet, wenn möglich gemeinsam die Spiele im Fernsehen zu verfolgen. Heute war es so weit. Sie hatten Malte und Bea für den Abend zum »private viewing«, wie sie es nannten, eingeladen.

»Gehen wir?«, fragte Maren. Frank nickte. Er zog einen Zehn-Euro-Schein aus seiner Shorts-Tasche, klemmte ihn unter das leere Pilsglas und stand auf. An einem Tisch in Marens Rücken ließ ein Mann seine Zeitung sinken und schaute den beiden hinterher, bis sie die Straße überquert hatten und sich im Gewühl auf dem Viktoriaplatz verloren.

In der Goethestraße angekommen, riss sich Maren schon im Flur die Kleider vom Leib und ging unter die Dusche. Das kalte Wasser belebte sie und ließ ihre Haut kribbeln, auch wenn sie zuerst dachte, das Herz müsse ihr stehen bleiben. Sie wickelte sich in ihren Morgenmantel und trat zu Frank auf den kleinen Balkon, auf dem er einen Sonnenschirm aufgespannt hatte. Sie setzte sich auf den Stuhl ihm gegenüber und frottierte ihre Haarspitzen.

»Wann kommen die beiden?«, fragte sie.

Frank schaute auf seine Uhr.

»In etwa einer Stunde.«

»Hast du an die Getränke gedacht?«

Frank schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn.

»Scheiße, nein!«, rief er und sprang auf.

»Lass mal«, sagte Maren. »Ich mache das schon. Du willst ja wohl auch noch unter die Dusche. Du kannst in der Zwischenzeit ein bisschen aufräumen und die Knabbersachen vorbereiten. Ich fahre schnell zum Getränkemarkt.«

Fünf Minuten später fuhr sie mit dem Twingo auf den Parkplatz des Getränkemarktes an der Auerstraße, flitzte hinein und kam weitere 5 Minuten später mit je einem Kasten Pils und Fanta auf einem Rollwagen wieder heraus. Als sie sich ihrem Auto näherte, blieb sie abrupt stehen. Ein Mann stand mit dem Rücken zu ihr an der Beifahrerseite gegen den Wagen gelehnt, den Kopf gesenkt, als ob er etwas zu seinen Füßen beobachtete. Entschlossen bugsierte Maren ihren Einkaufswagen zum Kofferraum und stemmte beide Hände in ihre Hüften, als sie angelangt war. Das eigenartige Gefühl ignorierend, das Profil dieses Mannes zu kennen, rief sie ihm zu:

»Ist es denn auch bequem für Sie?«

Der Mann fuhr herum und schlagartig überfiel Maren die Erkenntnis. Sie taumelte zurück.

»Georgios!«

Es war eher ein Flüstern aus trockener Kehle als ein Aufschrei. Da war es wieder. Das Lachen dieses Griechen. Ermioni 2001. Die Bucht. Olivenhain und herrliche Stunden. Die Szene am Strand. Georgios und sein Bruder. Du kommst jetzt mit zu deiner Frau! Die Ohrfeige. Die Verletztheit. Die Flucht.

Er stand noch immer da wie angewurzelt. Als er schließlich einen Schritt auf sie zu machte, wich sie automatisch einen zurück.

»Du bist noch schöner als damals«, brachte er letztlich heraus. Maren spürte, wie sie die Fassung zurück erlangte und die Kälte in ihr hochkroch.

»Hör auf!«, fuhr sie ihn an und öffnete mit wütendem Schwung den Kofferraum ihres Wagens. Als sie den ersten Kasten greifen wollte, legte er ihr eine Hand auf den Arm. Ein Schaudern durchfuhr sie.

»Lass mich das machen.«

Sein Deutsch war fließend geworden, stellte sie überrascht fest und ließ ihn gewähren. Als er den zweiten Kasten in den Kofferraum gewuchtet hatte, musste er sich beeilen, den Arm zurückzuziehen, denn Maren schloss den Kofferraum mit einer weiteren schwungvollen, von Zorn getragenen Bewegung. Erstaunt blickte er sie an. Jetzt bemerkte sie, dass sich Georgios enorm verändert hatte. Er war längst nicht mehr der Hüne, als der er ihr vor fünf Jahren erschienen war. Er wirkte auf sie kleiner, zusammengesunken, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Sein Blick war nicht mehr so direkt, nicht frech und strahlend, eher matt und müde. Seine Gesten wirkten fahrig und nervös. Er war nicht mehr der strahlende Grieche aus Ermioni. Dennoch war Maren weit entfernt davon, irgendwelches Mitgefühl aufkommen zu lassen. Statt sich für seine Hilfe mit den Getränkekästen zu bedanken, giftete sie ihn an:

»Was willst du hier?«

Wieder versuchte er, ihren Arm zu greifen. Wieder machte sie einen Schritt zurück und entzog sich ihm. Wieder hatte sie das Gefühl, dass er von einer tiefen Traurigkeit beherrscht wurde.

»Maren …«, versuchte er, bei ihr Gehör zu finden, doch die Angesprochene wandte sich von ihm ab, öffnete die Fahrertür und machte Anstalten einzusteigen, abzufahren und ihn einfach stehen zu lassen. Mit zwei Schritten war er bei ihr und hielt die Tür fest.

»Ich brauche deine Hilfe!«, stieß er hervor.

Das war genug! Maren, die schon fast saß, schoss aus dem Wagen hervor und stieß den Griechen mit beiden Händen vor die Brust und von der Tür weg.

»Spinnst du?«, schrie sie ihn an und baute sich vor ihm auf, bereit diesmal zuzuschlagen oder sogar ihre Taekwondo-Kenntnisse anzuwenden.

»Lass mich in Ruhe!«, brüllte sie und registrierte, dass andere Leute auf dem Parkplatz auf sie aufmerksam geworden waren.

»Du bist Polizistin. Du musst mir helfen!«

Georgios stand regungslos mit hängenden Schultern etwa zwei Meter vor ihr.

»Brauchen Sie Hilfe?«, hörte Maren plötzlich hinter sich. Sie drehte sich um und sah einen jungen Mann, von dem die Frage stammte, am Nebenauto stehen.

»Danke«, sagte sie kopfschüttelnd, stieg in den Wagen und fuhr wenige Zentimeter an Georgios vorbei, der sich nicht einmal umdrehte, sondern einfach dort stehen blieb, resigniert und traurig.

Auf dem Weg in die Goethestraße hatte sie Mühe, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Das eine oder andere Mal wurde sie angehupt oder mit einer abfälligen Geste bedacht. Alle drängten nach Hause zum Fernseher. Als sie schließlich vor dem Haus parkte, blieb sie noch sitzen und legte ihren Kopf auf die über dem Lenkrad verschränkten Arme. Sie begann zu weinen. Der Grund war weniger die erbärmliche Erscheinung Georgios', auch nicht die Tatsache, dass sie ihn nach all den Jahren wiedergetroffen hatte. Es war eher die Verletztheit, die sie wieder spürte, auch etwas wie Angst und nicht zuletzt die Wut, die sie in sich hatte. Was dachte sich dieser Mann dabei, einfach hier in Mülheim aufzutauchen? Sie hob den Kopf und kramte im Handschuhfach nach Taschentüchern. Als sie schließlich eins gefunden hatte, schnäuzte sie sich und richtete sich notdürftig wieder her. Ein Blick in den Rückspiegel offenbarte ihr ein Bild, das sie lange nicht mehr abgegeben hatte: eine Maren mit vom Weinen aufgequollenem Gesicht und roten Augen, der man schon bei einem flüchtigen Blick ansah, dass sie mit den Nerven völlig fertig war. Sie öffnete die Tür und stieg aus. So konnte sie Frank jetzt nicht begegnen. Sie lief los.

Wie hatte Georgios sie aufgespürt? Was wollte er von ihr? Hatte sie das richtig verstanden? Du bist Polizistin. Du musst mir helfen. Hatte er sie um Hilfe gebeten? Wobei? Oder gegen wen? Wie konnte er auf dem Parkplatz des Getränkemarktes offensichtlich gezielt auf sie gewartet haben? Hatte er sie verfolgt und sogar beobachtet? Wie lange schon? Bevor sie auch nur die Gelegenheit hatte, sich einer Frage näher zu widmen, tauchte schon die nächste in ihrem Kopf auf. Das gibt es gar nicht, dachte sie. Du musst mir helfen …! Wenn er wirklich Hilfe brauchte, sollte er sich doch offiziell an die Polizei wenden. Aber wahrscheinlich hat er wieder so eine Touristin aufgerissen und Ärger mit seiner Familie bis unter die Achseln. Nein. Er hat sie als Polizistin angesprochen. Du bist Polizistin. Du musst mir helfen.

Sie bemerkte, dass sie fast in einen Laufschritt verfallen war und sich nach ihrem Gang um den Block wieder ihrem Wagen näherte.

Sie wuchtete die Kästen in den Hausflur, schloss den Wagen ab und entschied sich, den Kasten Pils mit nach oben zu nehmen. Die Fantaflaschen waren relativ kalt, das Pils musste schnell gekühlt werden. Eine halbe Stunde Tiefkühlfach sollte dafür reichen. Den anderen Kasten konnte Malte nachher mit nach oben bringen. Ihre Gedanken hatte sie offensichtlich wieder im Griff. Jedenfalls hatte sie diesem Griechen ordentlich Kontra gegeben und sich nicht von seinem Dackelblick einlullen lassen. Sie schloss die Wohnungstür auf.

»Ich bin es!«, rief sie und stellte den Kasten etwas hart auf dem Boden des Flurs ab. Sofort war Frank bei ihr.

»Was ist denn mit dir los?«, fragte er und sah sie durchdringend an.

Hör auf so zu gucken, dachte sie und sagte:

»Die Hitze macht mich fertig! Schlepp du mal bei 34 Grad die Kästen durch die Gegend!«

Frank küsste sie auf die Stirn und griff sich den Kasten.

»Ich zieh mir was anderes an!«, rief sie ihm nach, als er in der Küche verschwand. Sie lief ins Schlafzimmer und entledigte sich ihrer durchgeschwitzten Sachen. Mit einem frischen Slip und einem hellen kurzen Sommerkleid unterm Arm ging sie ins Bad, wo sie sich kurz kalt abduschte. Immer noch zitterten ihre Hände. Reiß dich zusammen, dachte sie, kleidete sich an und trat ins Wohnzimmer.

***

Die Polen waren stark. Maren konnte sich, wie sie erleichtert feststellte, durchaus auf das Spiel und auch auf ihre Freunde einlassen, wenn sie auch ab und zu mit ihren Gedanken abwich und an die seltsame Begegnung am Getränkemarkt denken musste. Dennoch folgte sie dem Spiel und sprang mit den anderen auf, wenn ein deutscher Stürmer die Chance hatte, in diesem quälend spannenden Spiel ein Tor zu schießen.

Georgios war gealtert. Nun gut, es war fünf Jahre her, dass sie ihn kennen gelernt hatte. Er musste jetzt so 33 bis 34 Jahre alt sein. Der Georgios auf dem Parkplatz sah aber älter aus, eher wie Anfang 40. In seine bläulich schwarzen Haare hatten sich graue Strähnen gemischt, seine Haut im Gesicht und am Hals war faltig, was bestimmten Menschen zusätzlichen Reiz verleiht, allerdings nicht ihm. Am beeindruckendsten jedoch erschien Maren im Nachhinein der leere Blick Georgios'. Vor fünf Jahren in der Bucht von Ermioni waren seine Augen das lebendigste an ihm. Sie hatte damals in seinen Augen lesen können, jede Stimmung, jede sprachliche Äußerung von seiner Seite wurde durch seine Augen angekündigt oder bestätigt.

»Himmel! Haben die ein Glück!«

Laut wurde sie durch Malte aus ihren Gedanken gerissen. Soeben hatte ein deutscher Stürmer den Pfosten des polnischen Tores mit einem beeindruckenden Schuss einer Materialprüfung unterzogen. Der Abpraller landete wieder bei einem deutschen Spieler, der den Ball knapp neben das Tor beförderte.

»Das Glück der Tüchtigen«, hörte sie sich sagen und spürte plötzlich Beas Blick auf sich. Sie bedeutete Maren durch eine leichte Kopfbewegung in Richtung Küche, dass sie ihr folgen solle. Dann stand sie auf, griff sich die leeren Flaschen und ging. Maren zögerte kurz, folgte ihr aber schließlich mit den leeren Schälchen, um Erdnüsse und Chips nachzufüllen.

In der Küche traf sie auf Beas Hintern, den sie ihr beim Griff ins Tiefkühlfach entgegenstreckte. Sie drehte sich um, stellte die Flaschen ab und nahm Marens Gesicht zwischen beide Hände. Ihr Blick ließ es nicht zu, dass Maren ihm auswich.

»Was ist mit dir los?«, fragte sie.

Maren entwand sich ihren Händen, stellte die Schälchen ab und öffnete die Tür des Hängeschrankes, in dem die Nüsse und die Chips gelagert waren.

»Was soll denn los sein?«, fragte sie mit gespielter Leichtigkeit.

»Komm, bitte nicht dieses Spielchen! Du bist völlig daneben. Habt ihr Krach?«

Maren schüttelte den Kopf.

»Nein, das hat mit Frank nichts zu tun.«

»Aha, diese alte Geschichte also. Da gibt es jemanden, aber das hat mit Frank nichts zu tun …!«

»Quatsch!«

Maren fuhr herum und funkelte Bea gereizt an.

»Es läuft nicht immer alles wie die berühmten alten Geschichten«, blaffte sie. »Nicht immer ist alles so leicht zu erklären.«

»Gut«, erwiderte Bea, lehnte sich mit der Hüfte gegen den Küchentisch und öffnete die erste der Bierflaschen wie in Zeitlupe. Maren setzte sich auf den Stuhl vor ihr und begann, eine Erdnuss nach der anderen in eines der leeren Schälchen zu füllen. Als sich ihre Blicke trafen, lachten beide, verstummten aber schnell wieder.

»Ich habe vorhin jemanden getroffen«, begann Maren, starrte dabei aber auf die Erdnussdose, als wollte sie die Nüsse durch Telekinese in das Schälchen befördern.

»Einen Mann, mit dem ich vor Jahren mal was hatte. Nur kurz, aber heftig.«

Jetzt schaute sie nach oben. Bea hatte das Öffnen der zweiten Flasche unterbrochen und starrte sie an.

»Und …?«

»Nichts …. und!«, fuhr Maren fort. Sie hatte keine Lust, jetzt ins Detail zu gehen. Bea zuckte mit den Schultern und fuhr fort, die zweite Bierflasche zu öffnen. Maren schüttete den Inhalt der Dose in das Schälchen und stand auf.

»Ich habe ihn stehen lassen. Es ist vorbei.«

»Ach so.«

Beas provozierender Blick ärgerte sie jetzt, aber sie kam nicht mehr dazu zu reagieren. Plötzlich ertönten zwei lang gezogene Männerschreie:

»Toooooooooooooor! Toooooooooooor!«

Kurz darauf kam Frank wie ein Derwisch in die Küche gestürmt, fegte um den Tisch herum, griff sich Maren und hob sie einen halben Meter vom Boden hoch.

»Lass mich!«, fuhr sie ihn an, worauf er sie sofort wieder abstellte. Verwirrt blickte er zwischen Maren und Bea hin und her.

»Neuville!«, sagte er noch, bevor er wieder aus der Küche schoss.

***

»Es wäre sehr nett, wenn du uns aus eurem ehrenwerten Haus rauslassen könntest.«

Malte, den sie gerade noch verabschiedet hatten, stand wieder vor der Tür. Er und Bea waren nur bis zur Haustür gekommen, die wohl wieder einmal pünktlich um zehn Uhr abgeschlossen worden war. Maren stöhnte auf, griff nach dem Schlüsselbund und lief vor ihm her die Treppe hinunter. Unten erwartete sie Bea mit sorgenvollem Blick, die geöffnete Haustür am Knauf festhaltend. Maren blieb stehen und strafte ihre Freundin mit imaginären Pfeilen, die sie aus den Augen abschoss.

»Macht es kurz!«, murmelte Malte, als er sich an den beiden Frauen vorbeidrückte.

»Ich gehe mal davon aus, dass Frank nichts von dieser … nun ja … Begegnung weiß …«, begann Bea und Maren gebot ihr mit einer deutlichen Geste Einhalt.

»Richtig. Es ist auch nicht wichtig. Und du solltest das auch für dich behalten. Mach jetzt bitte nicht auf ›Beste-Freundin-kümmert-sich‹! Die Sache ist längst vorbei! Vergessen. Völlig unwichtig! Ich habe nicht mal mit ihm geredet …«

»Okay, Maren«, unterbrach Bea sie. »Du sollst nur eins wissen: So daneben wie heute habe ich dich noch nicht erlebt. Frank hat das sicher gemerkt, denn er ist auch nicht gänzlich unsensibel. Wenn es unwichtig ist, dann rede darüber. Du hast meine Nummer.«

Mit diesen Worten trat sie auf Maren zu, gab ihr einen Kuss auf die Stirn, drehte sich um und folgte Malte. Wie in Trance schloss Maren die Tür hinter ihr. Als sie die Wohnung betrat, war der Wohnzimmertisch bereits aufgeräumt und sie hörte, wie Frank in der Küche die Spülmaschine schloss. Sie setzte sich auf den Küchentisch. Frank drehte sich um und sah sie an.

»Alles in Ordnung?«, fragte er, doch sein Blick verriet ihr, dass er wusste, dass dem nicht so war. Trotzdem nickte sie, griff nach seinem T-Shirt und zog ihn sanft zu sich heran.

»Alles in Ordnung«, murmelte sie, während sie sein Gesicht mit Küssen bedeckte.

***

Sie stand auf der Klippe im strahlenden Sonnenschein, die Olivenbäume hinter sich, doch die Bucht unter ihr war nicht zu sehen. Schwarzes Wasser tobte gegen die Felsen. Die winzigen Wassertropfen in der Luft zauberten einen Regenbogen, der dort aus dem Wasser ragte, wo die Bucht normalerweise lag, und der sich in der Ferne irgendwo über dem tosenden Meer verlor. Sie spürte plötzlich, dass sie fror, und verschränkte ihre Arme über der Brust, als könne sie dadurch den Elementen trotzen. Der Himmel riss in der Ferne auf und ließ das Meer aufglühen, das gegen die Felsen zu ihren Füßen anrannte, als wollte es sie vernichten. Sie war nackt. Ganz ruhig stand sie da und ließ ihren Blick wandern. Der hoch aufragende Felsen links, von dem der Trampelpfad nach hier unten führte, wo sie jetzt stand, der weiter nach rechts verlief und sich zwischen zwei weiteren niedrigeren Felsen verlor, um dann nach einigen Windungen in der Bucht zu enden, die ihre Bucht gewesen war. Plötzlich war es völlig still. Ein Rauschen füllte die Luft, das lauter wurde. Sie hob den Blick und zog unwillkürlich den Kopf ein, als ein riesiger Vogel knapp über sie hinweg segelte, noch einen Bogen vollführte und auf das Wasser in der Bucht hinunter stieß, das eben noch kochte, brodelte und schäumte als wollte es die Welt verschlingen. Sie erstarrte. Da, wo der Adler jetzt kreiste, trieb ein Körper im Wasser, und obwohl sie gut fünfzig Meter höher und mehr als hundert Meter von ihm entfernt stand, erkannte sie ihn. Sie wollte seinen Namen rufen, zu ihm laufen, doch sie brachte keinen Ton heraus und kein Muskel gehorchte ihr. Dann erhob sich der Körper, stand jetzt, drehte sich zu ihr um und durch das anhaltende Brausen in der Luft hörte sie sein Brüllen, stakkatohaft und immer wiederkehrend: Du musst mir helfen!

»Nein!«, rief sie und saß kerzengerade im Bett. Auch Frank schoss hoch und legte sofort seinen Arm um ihre Schulter.

»Himmel! Was war das denn?«, fragte er.

Maren stand auf.

»Ich habe schlecht geträumt«, antwortete sie, immer noch gelähmt von dem im Traum erlittenen Schrecken.

»Das muss aber ein echter Hammer gewesen sein«, erwiderte Frank, der sich nun seinerseits erhob und vor sie hintrat. Er nahm sie in die Arme und es tat ihr gut, sich gegen seine Brust lehnen zu können.

»Willst du mir’s erzählen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich kann mich nicht mehr erinnern«, log sie und merkte, wie sie die Beherrschung verlor und anfing zu weinen. Frank hob mit Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand ihr Gesicht in seine Blickrichtung.

»Komm mit!«, sagte er und sie folgte ihm.

Donnerstag 15. Juni 2006

 

Er liebte es, um diese Zeit mit dem Hund auf der Straße zu sein. Ludger Maigel war immer wesentlich früher wach als seine Frau. Dazu brauchte er keinen Wecker. Jeden Morgen wachte er um sechs Uhr auf, egal ob Wochentag oder Wochenende. Max, der schwarze Terriermischling, stand dann bereits mit wedelnder Rute neben seinem Bett. So war es auch heute. Lisa, seine Frau, schlief noch tief und fest. Wenn er gleich nach Hause kam, würde das Frühstück allerdings fertig sein und das morgendliche Ritual eines Rentnerehepaares beginnen.

 

Heute Morgen war die Luft erträglich. Über Nacht war es doch zu einer angenehmen Abkühlung gekommen. Geregnet hatte es nicht, aber es wehte ein leichter Wind und das Drückende der letzten Tage, das morgens schon zu spüren gewesen war, war verflogen. Wie immer eilte der Hund ein Stück voraus. Ludger Maigel ließ ihn gewähren. An diesem Donnerstagmorgen um halb sieben waren noch nicht so viele Menschen unterwegs. Einige Autos zwar, deren Fahrer es bereits jetzt eilig hatten, denn sie nutzten die relativ freie Aktienstraße dazu, um ein recht sportliches Tempo anzuschlagen. Hinter der Tankstelle bog er nach links in die Engelbertusstraße und überquerte den Spielplatz, als Max plötzlich anschlug.

 

»Max!«, rief Ludger Maigel mit scharfer Stimme.

 

Er konnte sich normalerweise hundertprozentig darauf verlassen, dass der Hund kurz danach an seinem rechten Bein auftauchte und sich nicht von ihm fortbewegte, bis er es ihm mit einer antrainierten Armbewegung erlaubte. Diesmal war es nicht so. Ludger wiederholte seinen Ruf mit dem gleichen ausbleibenden Erfolg. Stattdessen klang das Bellen des Hundes jetzt aggressiver und war durchsetzt mit einem Furcht einflößenden Knurren. Etwa 30 Meter links vor sich sah er ihn. Max' Rute stand stramm aufgerichtet und der Rücken des Hundes schien gekrümmt. Zur Hälfte war der Hund in einem einsamen Gebüsch am Ende des Spielplatzes verschwunden. Maigel beschleunigte seinen Schritt, ohne jedoch wirklich in Sorge zu sein. Dieses Verhalten seines Hundes kannte er. Wahrscheinlich hatte Max wieder eine Ratte aufgespürt, die sich hier manchmal in diesen frühen Morgenstunden arglos bewegten. Irgendwo schlummerten eben auch in Max die Reste eines Jagdtriebes, obwohl er ein sehr friedlicher und endlos geduldiger Hund war.

 

Maigel hatte seinen Hund erreicht, der wohl die Ankunft seines Herrn spürte, denn nun entspannte sich der Körper. Max kam schwanzwedelnd aus dem Gebüsch und setzte sich hechelnd neben ihn. In diesem Augenblick gab er den Blick auf etwas frei, das Ludger Maigels nüchternen Magen augenblicklich rebellieren ließ. Er wandte sich um, schlug die Hände vor Mund und Nase und würgte einige Male. Er drehte sich langsam wieder um. Der Hund saß in unveränderter Haltung da, als Maigel den leblosen Körper nun mit großer Sachlichkeit in Augenschein nahm. Der Mann lag auf dem Bauch, den rechten Arm unter seinem Körper, den linken leicht angewinkelt neben sich. Das schwarzgraue Haar an seinem Hinterkopf war verklebt von Blut. Beide Beine waren gestreckt, das rechte Hosenbein über eine stark behaarte Wade nach oben gerutscht. Der Mann trug gute Schuhe und einen schwarzen Anzug. Der weiße Hemdkragen am Nacken war, soweit er sehen konnte, rötlich-schwarz von Blut.

 

War das eine Leiche? Maigel trat auf den am Boden Liegenden zu und stieß ihn mit der Fußspitze leicht an. Keine Reaktion. Er überwand sich, hockte sich hin und legte Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand an den Hals des Mannes, dahin, wo er die Halsschlagader vermutete. Er spürte nichts außer einer unnatürlichen Kälte. Tot, dachte er.

 

»Max!«, rief er und der Hund war sofort an seinem rechten Bein. Er machte mit ihm zusammen ein paar Schritte weg von dem Gebüsch.

 

»Sitz!«, befahl er dann und der Hund setzte sich umgehend. Der dritte Befehl folgte: »Pass auf!«

 

Sofort spitze Max die Ohren und ließ seinen Blick aufmerksam umherstreifen. Jetzt ging Ludger Maigel die paar Meter zur Aktienstraße und hielt das erstbeste Auto an.

 

***

 

Maren erwachte davon, dass Frank ihr mit dem Zeigefinger über den Rücken fuhr. Sie drehte sich zu ihm um und schlüpfte unter sein Betttuch, gegen das sie schon vor Tagen ihre Federbetten ausgetauscht hatten.

 

Sie hatte es in der Nacht tatsächlich geschafft, Frank mit billigen Ausreden abzuspeisen. Sie war nicht stolz darauf, aber dennoch erleichtert. Dieser Albtraum und seine Fürsorge danach hatten sie fast weich gemacht, und sie war kurz davor gewesen, ihm alles zu erzählen. Letztlich hatte sie sich rausgeredet mit der Hitze, mit der Arbeitsüberlastung der letzten Monate und mit der Tatsache, dass sie wohl urlaubsreif war. Dann hatte sie bemängelt, dass sie noch nie zusammen in Urlaub waren, dass sie sogar noch nie zusammen Urlaub genommen hatten, seit sie zusammen waren. Auf diese Weise hatte sie von ihrem eigentlichen Problem ablenken können. Frank war zerknirscht, gab ihr Recht, und er versprach ihr, sich so schnell wie möglich um einen gemeinsamen Urlaub zu kümmern. Dann hatten sie miteinander geschlafen.

 

Heute Morgen waren die Gedanken aber sofort wieder bei Georgios' Auftritt auf dem Parkplatz gewesen. Warum zierte sie sich dermaßen, Frank davon zu erzählen? Fürchtete sie sich vor seiner Reaktion? Könnte er deswegen eifersüchtig werden? Sie wischte den Gedanken beiseite. Unsinn! Sie hatte Georgios vergessen. Nie hatte sie auch nur einen Gedanken an ihn verschwendet, jedenfalls nicht in der Zeit, seit sie mit Frank zusammenarbeitete und ihre Beziehung sich entwickelte. Sicher, damals, kurz nach ihrer Abreise aus Griechenland, war sie verletzt und wütend gewesen, doch das alles war vor ihrer Mülheimer Zeit. Es spielte nie eine Rolle. Aber warum machte sie das so fertig? Irgendwas musste Georgios in ihr angestoßen haben. Was, wenn er wirklich Hilfe brauchte und sich an die Polizistin Maren Dieckmann gewandt hatte? Aber wieso ausgerechnet an sie? Er musste sie gesucht und aufgespürt haben. Er schien verzweifelt und resigniert während der Szene auf dem Parkplatz. Würde er es noch mal versuchen, mit ihr in Kontakt zu treten? Wenn er sie gesucht hatte, wusste er sicher auch, wo sie wohnte, hatte möglicherweise ihre Telefonnummer. Oh Gott, dachte sie und vergrub ihr Gesicht in der Achsel Franks, der mit seinen Liebkosungen fortgefahren war und ihre Reaktion falsch deutete. Er legte seine Arme um ihren Oberkörper und drehte sie auf sich.Als sie bemerkte, was sich da anbahnte, richtete sie sich auf und schüttelte den Kopf.

 

»Nein, nicht«, sagte sie und setzt sich auf die Bettkante. Gleich darauf massierte sie ihre Schläfen mit den Fingerspitzen.

 

»Ich fühl mich nicht so gut.«

 

Sofort war Franks Feingefühl wieder da.

 

»Stimmt was nicht?«, erkundigte er sich.

 

Marens Reaktion kam aus der Tiefe ihres Bauches und sie konnte später nie irgendjemandem vermitteln, was sie zu diesem Ausbruch getrieben hatte.

 

»Meine Güte!«, fuhr sie Frank an, der auf der Stelle erstarrte. »Kannst du diesen Scheiß-Frauenversteher mal stecken lassen? Das ist ja zum Kotzen!«

 

Sie stand auf und ließ ihn ratlos sitzen. Sie spürte seinen Blick auf ihrem Rücken, als sie ins Badezimmer schlüpfte.

 

Nach dem üblichen Morgenritual betrat sie die Küche. Es war ihr schon aufgefallen, dass sie sich während der ganzen Zeit nirgendwo in der Wohnung mehr begegnet waren, was durchaus nicht einfach war. Frank saß bereits auf seinem Stuhl, hielt seine Kaffeetasse zwischen beiden Händen, hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt und blickte ihr über den Rand der Tasse entgegen. Sie griff sich eine Tasse, füllte sie aus der Thermoskanne mit Kaffee und machte keine Anstalten sich zu ihm zu setzen. Längst nagte das schlechte Gewissen an ihr.

 

»Was machst du da?«, fragte er unvermittelt.

 

»Wie meinst du das?«

 

»Ich frage dich, was du da machst.«

 

»Ich trinke Kaffee«, lachte sie. Sie hatte das Gefühl, die Situation entkrampfen zu müssen.

 

»Lass dir Zeit damit. Du bleibst heute zu Hause!«

 

Ungläubig starrte sie Frank an, der aber seinen Blick von ihr abgewandt hatte.

 

»Warum sollte ich zu Hause bleiben?«, fragte sie ruhig, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug.

 

»Ich glaube, dass du mal einen Tag Ruhe brauchst«, erwiderte er. »Ich mache mir ehrlich Sorgen um dich.«

 

Maren stellte die Kaffeetasse ab, trat auf Frank zu und küsste ihn.

 

»Das ist lieb von dir, aber schmink dir das ab. Wir arbeiten zusammen und bald machen wir zusammen Urlaub. Es geht schon wieder.«

 

In ihre letzten Worte mischte sich das Läuten des Telefons. Beim Gang in den Flur, wo das Handgerät auf der Basisstation steckte, fiel ihr Blick auf die Uhr. Es war genau Sieben.

 

Schon von weitem sahen sie blinkendes Blaulicht und den Rettungswagen der Feuerwehr, bei dem allerdings nur die Warnleuchten eingeschaltet waren. Der schwarze Transporter der Spurensicherung stand quer vor dem Rettungswagen. Davor fachsimpelten Sabine, Leiterin der KTU, und Dr. Jüssen, der Pathologe, als Frank und Maren zu ihnen traten.

 

»Guten Morgen«, säuselte Sabine, die es immer noch nicht lassen konnte oder wollte, Frank anzuflirten, wenn sie sich trafen. Maren kannte das und es machte ihr nichts mehr aus, waren sie doch mittlerweile gut befreundet, nachdem Sabine in Marens Anfangszeit keine Situation ausgelassen hatte, sie mit extremer Stutenbissigkeit auf Distanz zu halten.

 

Frank und Maren gaben ihr einen freundschaftlichen Kuss, Herrn Dr. Jüssen schüttelten sie die Hand.

 

»Was finden wir wo?«, erkundigte sich Frank, der verblüfft feststellen musste, dass die meisten Schritte der Fundortsicherung schon abgeschlossen waren. Mit einer Kopfbewegung signalisierte ihm Dr. Jüssen, ihm zu folgen.

 

Frank atmete tief durch. Trotz seiner langjährigen Erfahrung wühlte es ihn immer noch auf, einen Tatort oder Fundort zu betreten. Diese Erfahrung ließ ihn aber auch die Umgebung besonders genau wahrnehmen. Der Spielplatz war mit dem üblichen Absperrband gesichert. Einige Menschen, die zu dieser frühen Stunde wohl nichts Besseres zu tun hatten, standen in Grüppchen außerhalb dieser Absperrung und reckten die Hälse, damit ihnen nichts entging. Zwei der Gaffer telefonierten sogar mit ihren Handys. Vor dem Gebüsch lag die Leiche, mit einer Folie bedeckt, um sie vor neugierigen Blicken zu schützen. Etwas abseits, rechts von dem Busch, stand eine Kollegin von Dr. Jüssen mit einem älteren Herrn und einem Hund.

 

Als sei sie seinem Blick gefolgt, erklärte ihm Sabine:

 

»Das ist Herr Maigel. Er, oder besser: Sein Hund hat die Leiche gefunden.«

 

»Warum ist der Köter nicht angeleint?«

 

»Der Köter heißt Max. Herr Maigel geht jeden Morgen um diese Zeit mit ihm Gassi, ohne Leine. Der Hund ist sehr brav. Er gehorcht aufs Wort«, fügte Sabine hinzu.

 

»Und wo sind unsere Leute?«, fragte Frank, dem aufgefallen war, dass sich niemand aus seinem Team hier aufhielt. Er sah zwar vier uniformierte Polizisten, die Kollegin von Dr. Jüssen, Frau Dr. Heidrich, und die drei Leute, die zu Sabine gehörten, aber weder Malte noch Gaby oder Reinhard waren da. Sabine hob die Schultern.

 

»Keine Ahnung, die werden wohl unterwegs sein.«

 

»Hier reißt der Schlendrian ein«, grummelte Frank. Sie standen nun unmittelbar vor der Leiche. Sabine begann einen kurzen Bericht.

 

»Wir sind um kurz vor sieben von der Leitzentrale hierhin geschickt worden. Die haben den Notruf um fünf nach halb sieben entgegengenommen. Zuerst hat Herr Schneider über die Eins-Eins-Zwo den Rettungswagen verständigt. Herr Maigel hat Herrn Schneider auf der Aktienstraße angehalten. Nachdem die Sanitäter den Tod des Mannes festgestellt hatten, haben die dann uns benachrichtigt. Der Tote lag halb im Gebüsch auf dem Bauch, mit dem Gesicht im Dreck. Die Sanis haben ihn umgedreht und so hingelegt, wie er jetzt liegt. Es ist kein schöner Anblick!«

 

»Scheiße!«, murmelte Frank, denn der Tote war bewegt worden. Normalerweise durfte das nicht sein.

 

»Tja, dumm gelaufen, aber nicht mehr zu ändern«, kommentierte Sabine seinen Unmut. Sie griff nach der Plane und hob sie so an, dass die Neugierigen auch jetzt keinen Blick auf die Leiche ergattern konnten.

 

Frank stieß die Luft hörbar durch die Zähne aus. Das Gesicht des Toten war zur Hälfte weggerissen, ein wirklich grauenhafter Anblick. Dann spürte er, wie sich jemand an seinem Arm festkrallte, kurz darauf den Griff lockerte und neben ihm zusammensank. Maren. Sofort war er über ihr, tätschelte ihre Wange und rief ihren Namen. Die Sanitäter aus dem Rettungswagen standen plötzlich neben ihm, streckten Marens Körper auf dem Boden aus und hielten ihr eine Sauerstoffmaske über Mund und Nase. Gleichzeitig öffnete einer der jungen Männer ihren Hosenbund, was Frank argwöhnisch beäugte. Kurze Zeit später schlug Maren die Augen auf, war aber blass wie eine Kalkwand und drehte sich sofort zu der Leiche um, die Sabine nach Marens Zusammenbruch wieder abgedeckt hatte. Frank ging in die Knie.

 

»Wieder da?«, fragte er sorgenvoll.

 

Maren deutete ein Nicken an, griff nach dem Sanitäterarm mit der Sauerstoffmaske und nahm noch einige weitere Züge. Dann erhob sie sich und setzte sich auf.

 

»Himmel!«, flüsterte sie, sah Frank an und fügte hinzu: »Ich glaube, du hattest recht.«

 

Frank fasste unter ihren Arm und gemeinsam mit einem Sanitäter gelang es, Maren wieder auf ihre Beine zu stellen. Sekunden später standen Gaby und Malte neben ihnen.

 

»Kannst du Maren nach Hause bringen?«, wandte sich Frank an Gaby, die nur nickte, den Hausschlüssel von Frank in Empfang nahm und Maren zu ihrem Wagen geleitete. Er schaute ihnen nach und registrierte nach einer Weile, dass Sabine ihn mit einem merkwürdigen Blick von der Seite ansah.

 

»Was ist?«, fragte er und wandte sich dem Toten wieder zu.

 

»Das wollte ich auch gerade fragen«, erwiderte Sabine.

 

»Das kennt man von Maren gar nicht.«

 

»Keine Ahnung. Es ging ihr heute Morgen schon nicht gut. Die Hitze der letzten Tage macht ihr zu schaffen. Hast du noch was über unseren Toten?«

 

Sabine verfiel wieder in ihren sachlichen Stil.

 

»Offensichtlich eine Art Hinrichtung. Herr Maigel erzählte uns, wie er den Toten gefunden hat. Demnach ist er wohl kniend aus kurzer Distanz in den Hinterkopf geschossen worden und dann nach vorne in den Busch gekippt. Wir haben ziemlich viele Gewebereste an dem Strauch gefunden. Der Tote hatte nichts bei sich. Alle Taschen waren leer, keine Papiere ... gar nichts.«

 

Malte hob die Plane etwas an und warf einen kurzen Blick auf den Toten.

 

»Puh!«, stöhnte er. »Irgendeine Vermutung, wie lange er schon hier liegt?«

 

»Sechs bis acht Stunden schätze ich«, erwiderte Sabine.

 

»Okay«, beendete Frank das unerfreuliche Gespräch. »Schafft ihn weg!«

 

Mittlerweile war ein Leichenwagen vorgefahren. Herr Dr. Jüssen und Frau Dr. Heidrich hoben den Toten mit der Folie in einen Leichensack, entfernten die Folie und schlossen den Reißverschluss. Dann wurde er in einen Zinksarg gewuchtet und der Deckel aufgesetzt.

 

»Wann nehmt ihr ihn euch vor?«, wandte sich Frank an Dr. Jüssen.

 

»Sofort«, lautete die erstaunliche Antwort. Der Pathologe registrierte Franks Verblüffung. »Na ja, bei uns herrscht gähnende Leere, zumindest auf den Seziertischen. Wir haben gestern den letzten Bericht geschrieben.«

 

»Wunderbar! Wann darf ich auf erste Ergebnisse hoffen?«

 

»Rufen Sie mich heute Nachmittag an«, sagte Dr. Jüssen, drehte sich um und folgte Frau Dr. Heidrich zu dem Passat, in dem sie bereits saß und wartete.

 

»Es geht ihr gut«, sagte Gaby, als sie zu Frank und Malte trat. »Sie hat versprochen, brav zu sein und zu Hause zu bleiben.«

 

Frank nickte.

 

»Danke. Ich schaue gleich mal bei ihr vorbei.«

 

Mittlerweile war auch Reinhard eingetroffen. Wie lange er schon da war, wusste Frank nicht, aber er stand bei dem Alten und seinem Hund und redete mit ihm. Ab und zu machte er sich Notizen. Vorbildlich, dachte Frank und schaute auf seine Uhr. Kurz vor acht. Er blickte sich um. Immer noch standen die Schaulustigen an der Absperrung und gafften, was das Zeug hielt. Er trat auf sie zu und rief:

 

»Sie können gehen. Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Gehen Sie nach Hause und frühstücken Sie, oder gehen Sie zur Arbeit. Aber scheren Sie sich hier weg!«

 

Den letzten Satz brüllte er. Einige Leute hatte er damit offensichtlich beeindrucken können. Langsam setzten sie sich in Bewegung ... schneller, je näher er der Absperrung kam. Ein junger Mann jedoch rührte sich nicht.

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