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Der Glücksmacher

Inhaltsübersicht

PROLOG

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EPILOG

LESEPROBE

1.

 

Im Allgemeinen freilich haben die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt, und die Toren, das heißt die unermessliche Majorität aller Zeiten, haben immer dasselbe, nämlich das Gegenteil, getan; und so wird es denn auch ferner bleiben.

Arthur Schopenhauer

PROLOG

Zu Beginn – für Sebastian Dimsch bestand kein Zweifel – war er ein Einzeller gewesen. Und von Anfang an, schon im allerersten Moment, hatte die Bestimmung in ihm gewohnt, sich zu entfalten, was in seinem Fall ja zu nichts anderem führen konnte als einer Halbierung.

Die Teilung entsprach naturgemäß einer Verdoppelung, und da er unentwegt mit der Metamorphose fortfuhr, differenzierte sich Dimsch alsbald zu einem wilden Durcheinander verschiedenartiger Zellen: Hirnzellen, Nervenzellen, Muskelzellen, Leberzellen, freilich auch profanen Fettzellen, alle jedenfalls gesegnet mit verblüffenden Fähigkeiten. Jenen etwa, Proteine herzustellen, die Membrandurchlässigkeit zu regulieren oder den Stoffwechsel zu dirigieren. Letztlich, überschlug Dimsch, brachte er es auf einhundert Billionen Zellen. Er war zum Menschen geraten, ein Mysterium der Natur, vollendet und in Harmonie mit dem Kosmos. Später wurde Dimsch Angestellter einer Versicherungsanstalt.

Der Übergang vom Wunder der Natur zum Angestellten einer gewinnorientierten Gesellschaft hinterließ Spuren. Immer dann, wenn Sebastian Dimsch die Augen aufschlug und den glorreichen Horizont seiner Träume gegen jenen der nahen Zimmerdecke tauschte, begann in ihm ein Nachdenken. Alsbald geriet sein Verstand in hektische Betriebsamkeit. Dimsch dachte dies, dachte jenes, ersehnte, spekulierte, uferte aus, kringelte Haare, vergaß darüber das Aufstehen, die Bürozeiten ohnehin und überhaupt das Leben, das man als Mensch für gemeinhin nun einmal zu führen hat.

Letzten Endes mündete sein Ausloten meist in ein und derselben Frage: jener nach dem Glück. Was es sei, woraus es bestehe und wo danach zu suchen wohl am ehesten lohne.

 

Fünfunddreißig Jahre, zwei Monate und acht Tage alt musste Dimsch werden, bis ihn eines Morgens eine Stubenfliege erlöste, ihn weckte, leidenschaftlich auf seiner Nase tanzend und beim gründlichen Säubern von Beinchen sowie Anus ein wenig Schmutz abstreifend.

Wenn das Glück keine Ruhe gab, dachte Dimsch in diesem Augenblick, wenn es ihm auf der Nase herumtanzte und sich ihm aufdrängte, listig meist als Wunsch getarnt, wenn die Sehnsucht nach Glück also unvermeidbar schien, es selbst aber launenhaft und flüchtig, so würde er sich nicht länger narren lassen. Fortan würde er verhindern, dass sich das Glück entzog, kaum in Besitz geglaubt. Fortan, Dimsch beschloss es eisern, würde er das Glück in die Enge treiben, es sich zu eigen machen, bändigen gnadenlos.

 

Dimsch schielte. In seinem Blickfeld schwamm die Fliege als ein schwarzes, flügelhaftes Etwas. Er rümpfte die Nase, um das Kitzeln abzuwerfen. Dann konzentrierte er seinen Blick auf das Insekt, schaute also bis zu seiner Nasenspitze und verlieh der neugefassten Absicht resolute Entschlossenheit, indem er schlagartig eine Bewegung nach dem Tierchen machte.

Er hatte den Atem angehalten, und zu seiner Überraschung fühlte er die Fliege nun, panisch vibrierend, im Hohlraum der geschlossenen Hand.

Dimsch richtete sich im Bett auf, hockte auf dem zerwühlten Laken und starrte streitbar auf seine Faust, in der die Fliege – zu ihrer beider Verblüffung – weiterhin gefangen blieb. Ab und zu kämpfte sie flügelschlagend gegen die Handinnenseite an, hielt dann wieder inne, heckte wohl etwas aus, tüftelte an einem Ausbruchsplan, einer Finte – wer wusste es schon. Allmählich nur sammelte sich Sebastian Dimsch. Seine

Haare standen abenteuerlich zu Berge, was sich meist auch tagsüber nicht legte, seine blassblaue Pyjamahose spannte etwas im Schritt, und aufgewirbelte Staubpartikelchen, die dank der schräg ins Zimmer fallenden Morgensonne jäh sichtbar wurden, umkreisten ihn silbrig, als hätte er mit dem Schlag nach der Fliege einen Zyklon in Zimmer-Format ausgelöst. Still, ganz still war es nun. Wie unbewegt die Szene. Im Orbit rund um Dimsch sank kreiselnd der Sternenstaub.

Dimsch wog den Sieg ab, den er errungen hatte, bewegte die Faust – samt Fliege darin – langsam auf und ab.

Zufrieden atmete er durch, wusste nun, was zu tun war. Vor Glück und zugunsten eines edelherzigen Gefühls entließ er das Tierchen – welch schöner Moment! – in die Freiheit.

Es eröffnete dem vorwitzigen Insekt die Möglichkeit, kaum später erneut Dimschs Nase anzusteuern.

ERSTER TEIL

1

In jungen Jahren hatte Dimsch es gut gehabt, er besaß eine Lebensanschauung. Wie es sich für eine Lebensanschauung gehörte, war sie simpel und bei ein wenig gutem Willen umsetzbar: Würden die Menschen stets angeheitert sein, trunken, doch nicht zu sehr, wäre die Welt eine bessere. Ernste Dinge schienen nicht gar so ernst; Heiteres, andernfalls unentdeckt, würde wach geküsst, und überhaupt geriete das oft so zähe Leben mit einem Mal flockig und leicht.

Während viele Menschen, wie Dimsch damals fand, wichtig taten, jedoch haftenblieben in kluger Theorie und gelehrter Unwissenheit, hielt er sich nicht lange auf, praktizierte seine Ansicht auf das Ausgiebigste, vorzugsweise mit gut gekühltem Lagerbier. Das bewirkte lebenspraktischen Nutzen: Die Wirklichkeit, die Dimsch durch etwas glasige Augen erblickte, war weit erfreulicher als jene, die andere Menschen gezwungen waren, für wahr zu nehmen.

Seine Philosophie vermochte aber noch mehr. Mitunter geschah es, dass Dimschs wunderbare Sicht der Dinge zur Realität anderer wurde, ja dass Menschen in seiner Umgebung, etwa seine Kollegen in der Versicherungszweigstelle, freudig verblüfft waren ob der Leichtigkeit, die das Leben annahm, wenn sie es nur aus der richtigen Perspektive betrachteten. Dieser Umsturz der Naturgesetze, diese handstreichartige Beseitigung der vermeintlich einzigen Realität gelang vornehmlich dann, wenn sie sich Dimschs Lebensanschauung flaschenweise verabreichen ließen. Bald nämlich hatte ihr schlaksiger Kollege mit dem chaotisch bernsteinfarbenen Haar damit begonnen, sich seiner Philosophie nicht nur privat zu widmen. Zudem schleppte er sie mit ins Büro, in beachtlichen Mengen und gut gekühlt.

 

Chef der tief in der Provinz gelegenen Versicherungsniederlassung war ein kahlköpfiger, knapp vor der Pensionierung stehender, ab und zu jähzorniger Mann namens Kipfler gewesen. Seinen gravitätischen Körper setzte er nur selten der Büroluft aus. Stattdessen zog er es vor, die lokalen Konditoreien und Kaffeehäuser zu frequentieren, in denen sich Witwen ebenso aufhielten wie unterhaltungsbereite Ehefrauen. Bei Erdbeertörtchen und Piccolo-Sekt belehrte Kipfler seine Mitarbeiter, streichelte dabei mit den Fingerkuppen über die Wölbung seines Bauchs, sei potentielle Kundschaft auf das Eleganteste zu knacken. Es war eine Akquirierungsstrategie, die sich weniger in der Neukundendatei niederschlug denn in Vertragskündigungen aufgebrachter Ehegatten.

»Herrgott Sakrament!«, fluchte Kipfler bei derartigen Vorkommnissen, wobei es kein Fluchen im engern Sinn war, das klarzustellen hielt er für nötig. Herrgott Sakrament war nicht Gottlästern, sondern im Gegenteil ein Anrufen, ja ein Anflehen des lieben Gottes, und weil das nun einmal so war und keineswegs eine Sünde, schrie Kipfler sein Herrgott Sakrament ohne schlechtes Gewissen und recht laut. Und weil er es auch häufig schrie, nahmen einige Mitarbeiter seine Gewohnheit an, so dass der liebe Gott recht ausgiebig angerufen und angefleht wurde in der Versicherungsfiliale.

Fünf Außendienstmitarbeiter, vier junge Sachbearbeiter (einer davon Dimsch) und zwei von Kipfler persönlich selektierte Sekretärinnen mittleren Alters werkelten, lustlos meist, in der Niederlassung am Land. Nach anfänglichem Zögern ließen sie sich stets dann, wenn der Chef kaffeetrinkend, kuchenessend, kontaktknüpfend außer Haus war, von Dimsch Bier aus der Kühlbox reichen. So kam es, dass sie ihr Verstand mehr und mehr dazu brachte, sich glücklich zu fühlen, unbeschwert, ja verwegen souverän. Bald auch sahen sie die Dinge rundum nicht mehr düster oder eng. Und ihr gerade noch etwas ödes Leben geriet – welch fantastischer Zauber! – mit einem Mal aufregend, abenteuerlich, wunderbar. Weshalb bloß hatten sie all die Zeit gejammert? Es war doch alles gut. Nun erkannten sie, dass sie es fein hatten hier im Büro. Sahen ein, dass die anderen allesamt großartige, sympathische Menschen waren, genau wie sie selbst, ja dass es überhaupt das pure Vergnügen war zu leben.

In Wirklichkeit jedenfalls war alles lockerer, als sie bisher gedacht hatten. Termine etwa sahen sie ganz und gar nicht mehr so dringlich, Zielvorgaben des Chefs mit einem Augenzwinkern, seine Anweisungen völlig gelassen, Kundenbeschwerden mit einer nie gekannten Entspanntheit, das Weltgeschehen ohnehin. Skeptikern erklärte Dimsch, überschlug dabei seine langen Beine über dem Tisch des Chefs, dass sie keineswegs die Realität verdrängten. Da niemand wisse, welche Interpretation der Wirklichkeit dem Original am nächsten komme, welche also die wirkliche Wirklichkeit sei, könne man sich getrost für die angenehmste entscheiden. Spätestens nach dem dritten Lagerbier aus Dimschs Picknickbox sah das auch der letzte Zweifler ein.

 

Die Phase des beschwingt Glücklichseins war während eines heißen Sommertags zu Ende gegangen. Eine imposante Bierschwade definierte eben herb und schwer die Büroluft, die Stimmung war entsprechend heiter, und alles war gut und wunderbar, als Kipfler, ganz gegen seine Gewohnheiten, viel zu früh den Ort des Glücks betrat. Augenblicklich stellte sich heraus: Ein humorloser Teil der Menschheit beharrte stur auf seiner angestammten Realität, wollte sich partout nicht zu Lockerheit verleiten lassen, geschweige denn zum Glücklichsein, zog statt dessen vor, die Bastion der Engstirnigkeit zu verteidigen – auf das Energischste und wutentbrannt.

»Herrgott Sakrament!«, donnerte Kipfler an diesem Tag viele Male, und Dimsch verteidigte sich mit: »Herrgott Sakrament, so schlimm ist das doch nicht!«

Das Entlassungsschreiben, welches Kipfler am nächsten Morgen (noch vor der Törtchen- und Kaffeehaustour) einer seiner Sekretärinnen diktierte, bescheinigte Dimsch dreierlei: Mangel an Anstand, Dreistigkeit sowie das Untergraben jeglicher Arbeitsmoral.

Statt eines Jobs hatte Dimsch nun reichlich Freizeit. Vornehmlich nutzte er sie, um noch öfter in Bierseligkeit zu schwelgen.

Je großzügiger er sich der Trunkenheit aber hingab, desto schaler schmeckte sie. Immer weniger wertvoll fühlte sie sich an. Letztlich konnte Dimsch noch so sehr zum Umsatzvolumen seiner Lieblingsbrauerei beitragen, das Hochgefühl blieb aus.

 

Dimsch löste ohne große Überzeugung ein Etikett nach dem anderen von den Leerflaschen, die sich über die vergangenen Monate angesammelt hatten. Als er das letzte abgezogen hatte und inmitten eines knöchelhohen Sees aus Papierschnipseln saß, war er so weit, bewertete die Leichtlebigkeit infolge des Konsums von Lagerbier als minderwertig.

War Glücklichsein dank derart seichter Mittel überhaupt akzeptabel gewesen? Konnte es als wahrhaftiges Glücklichsein gelten? Nein, entschied er, nun, da ihn das Hochgefühl verlassen hatte.

Oder hatte er das Glücklichsein lediglich überstrapaziert? Büßte das Glück mit der Zeit womöglich an Kraft ein, mutierte zu … wertlosem Glück? Das hieße – Dimsch streckte sich inmitten der Schnipsel der Länge nach aus und vollführte eigentümlich anmutende Schwimmbewegungen –, das hieße doch, dass der Mensch verdammt war, früher oder später unglücklich zu sein!

Zweifellos: Dimsch hatte sich in unbekannte Gewässer manövriert. Und die Wellen, die seine Überlegungen ausgelöst hatten, drohten ihm jede akzeptable Perspektive zu nehmen, schwappten höher und höher. Wirbelnde Gedanken hatten sich seiner bemächtigt, befanden sich in reißendem Fluss und trieben Dimsch unaufhörlich und rasant. Einem Stückchen dürren Holz glich er, das glitt, ausgeliefert, zum tobend nahen Wasserfall. Nur Sekunden später passierte es: Dimsch fiel, fiel rauschend tief, stellte sich die denkbar folgenschwerste Frage, jene nach dem beständigem, dem wahren Glück.

 

Er wusste damals zwar nicht, wonach exakt er suchte, aber hier – er kringelte eine Haarsträhne um seinen Zeigefinger –, hier in der Provinz, in diesem Kaff würde er es bestimmt nicht finden. Hier war er doch nur umgeben von Gewöhnlichem, war eingekesselt von Alltagsmenschen, die, kamen sie in die Jahre, nicht lange gelebt, sondern lediglich viel Zeit zugebracht hatten. Rasch weg musste er von hier, rasch genug, um nicht angesteckt zu werden. Denn verführerisch war es schon, dieses Dahinleben abseits jedes größeren Gedankens und damit jeder Qual.

Doch ihm, dramatisch schnaufte er durch, ihm war diese Leichtfertigkeit nicht gegeben, ihn zwang sein Verstand woandershin. Lebensrelevantes Wissen musste er sammeln, den Dingen auf den Grund gehen. Am besten sei wohl – Dimsch wickelte ein weiteres Haarbüschel um den Finger – rasch weise zu werden. Und der geradlinigste Weg zur Weisheit – er intensivierte die Drehbewegung –, der geradlinigste Weg führte schnurstracks raus, raus aus der Provinz. Schleunigst fliehen musste er vor diesem Menschenschlag, mit dem nicht zu reden war außer über Einfachstes und der sich bedenkenlos zufriedengab mit Einfachstem. Ihn, Sebastian Dimsch, zog es ins Gegenteil, dorthin, wo die Menschen mehr wollten, immer mehr und sich nie und nimmer zufriedengaben. In die Großstadt zog es ihn, den Ort des sich genussvoll geißelnden Intellekts und der selbstgefälligen Unzufriedenheit.

Visionsschwer blickte Dimsch damals vor sich hin, nickte und schaffte es mit Mühe, den Finger aus dem gezwirbelten Haarknäuel zu lösen. Ein Anfang war getan.

2

Zehn Jahre war es her, dass Dimsch entschieden hatte, dem Provinzleben zu entfliehen, dem Bier zu entsagen und überhaupt aller Oberflächlichkeit. Wie geplant, war er in die Großstadt gezogen und hatte dort nach zwei Jobs ausgerechnet in der Zentrale jener Versicherungsanstalt Arbeit gefunden, deren Zweigstelle ihn einst gefeuert hatte.

Den Weg der Weisheit hatte Dimsch zwar nicht beschritten, dafür war er mit Elan in kunterbunt einladende Sackgassen marschiert. Das Hineingeraten in die neue, laute Welt rechtfertigte er damit, dass ihm nach dem Verlust der einfältigen Glückseligkeit nur zwei Möglichkeiten offenstünden: Entweder konnte er fortan ein asketischer und ebenso tief- wie trübsinniger Mensch sein oder sich die Dramatik für später aufheben und vorerst einmal das Großstadtleben genießen. Dimsch entschied sich – nach zähem innerem Ringen – zugunsten des Genusses.

Der innere Stillstand indes wurde getarnt. Statt wie früher Jeans und Pullover trug er eng geschnittene schwarze Anzüge und blütenweiße Hemden, dazu schmale, dunkle Krawatten. Er hatte ein neues, ein wichtigeres Leben begonnen, konnte sich dessen jeden Morgen vergewissern, wenn er in den Spiegel sah. Sah er nicht in den Spiegel, genoss Dimsch blindlings, fuhr zusammen bei jedem neuen Höhepunkt und musste sich irgendwann schließlich eingestehen, dass auch die Glücksquellen der Großstadt versiegten: der Genuss aus Küche und Keller, das Nachtleben samt Glücksspiel und Eroberung der Damenwelt, Adrenalinkicks im Job, der Rausch des Geldverdienens sowieso. Alle Karten hatte er ausgespielt, sämtliche Optionen aufs Glück verprasst. Und war dabei unbemerkt in einem Alter angekommen, in dem große Pläne, Verweise auf später und Ausreden auf zu Erwartendes nicht mehr glaubhaft klingen wollten. Das Später war schon.

Nicht nur, dass er kein Fußballprofi, Rockstar, Schauspieler mehr werden würde, selbst der für gewöhnlich realistischste Kick, die berufliche Karriere, kam nicht weiter in Frage. Keinerlei Interesse übte sie mehr aus, seit er in der Versicherungszentrale am Zenit des Möglichen angelangt war, was den nötigen Mix aus Buckeln, Schleimen, Ellenbogentechnik anbelangte, wie er sich sagte, und was seine Kompetenz betraf, worauf er nicht eigens einging.

Auch seine Rolle als Ehemann und zweifacher Jungvater verschaffte Dimsch, wie verblüffend, kein Abo auf Wolke Sieben. Vielmehr hatte er damit die ohnehin abenteuerliche Hochschaubahn des Lebens um mehrere halsbrecherische Potenzen erhöht. Das überfallartige Auf und Ab durchschüttelte ihm Herz, Hirn, Magen und sämtliche übrigen Eingeweide.

Die einzig verbliebene Möglichkeit, durch und durch beständiges Glück zu erreichen, kam Dimsch auf eine gut abgelegte Idee zurück, schien ein Leben nach den Gesetzen der Weisen. Lange genug hatte er sich vor der Unmöglichkeit gedrückt, nun, ja nun endlich würde er damit beginnen.

Es war beileibe kein großer Anlass, der sein Vorhaben auslöste, vielmehr eine geradezu flatterhafte Nebensächlichkeit. An Dimschs letztem Urlaubstag – seine Frau und die beiden Kleinen waren längst aus dem Haus und nur er noch lag im Bett –, übernahm eine profane Stubenfliege das Dimsche Erweckungserlebnis. Mit impertinenter Ausdauer steppte sie auf seiner Nase herum, säuberte sich, geschäftig lebensfroh.

Da fasste Dimsch seinen Entschluss. Und am selben Tag entschied er zudem, wer ihn zum großen Glück führen würde, wen er gedachte, in der Angelegenheit zu konsultieren. Auserkoren hatte er das denkbar sachverständigste Personal. Jesus und Buddha, Sokrates und Platon, Konfuzius, Kant und Kollegen würde er befragen, ja, die größten Weisen aller Zeiten. Gewiss würden ihre Erkenntnisse ihn geradewegs zur gottgleichen Unbeschwertheit geleiten.

Dimsch ging in eine Buchhandlung.

 

Fortan trug er wieder Jeans und Pullover. Er hatte das alte Zeug aus dem Kasten hervorgekramt, es mit den Händen befühlt, sein Gesicht darin vergraben. Gut fühlte es sich an, gut roch es. Einfach und ehrlich, wie nach daheim. Dimsch war froh. Seine dunklen Anzüge, weißen Hemden, schmalen Krawatten stopfte er in einem Anfall von Tatendrang allesamt in Plastiksäcke. Laut im Auto singend und euphorisch die Drums auf dem Lenkrad schlagend, fuhr er sie zur Altkleidersammelstelle.

3

Die junge Frau am Informationsschalter, die von Dimsch nicht ausschließlich der Information halber, sondern wegen ihres Lächelns angesteuert worden war, legte ihr Lächeln ab, als er sie mit du ansprach. Sie ärgerte es, wenn sie nicht für voll genommen, von Älteren wie ein Lehrmädchen geduzt wurde. Dimschs Schultern sackten nach unten, als er ihr kühles Sie entgegennehmen musste. Immer öfter passierte es, dass ihn Menschen aus dem unbeschwerten Club der Jugend ausschlossen, ihm mit der förmlichen Anrede das Recht entzogen, sich wenigstens zu fühlen, als sei er noch knackig frisch.

»Philosophie, Glück und Lebenskunst werden umgestaltet. Die Umbauarbeiten dauern leider länger als vorgesehen.« Die junge Frau legte ihre Hände aufs Pult, die Rechte wie zum Schutz über die Linke. »Aber ich kann Ihnen anbieten, dass Sie sich am Touch-Screen einen Überblick über unsere Auswahl verschaffen.«

Ein Versuch noch, dachte Dimsch.

»Das ist sehr freundlich«, er bemühte sich, nett dreinzuschauen, »aber weißt du, virtuelles Glück reicht mir nicht.«

»Natürlich«, kam geschäftig als Antwort, »doch in diesem Fall kann ich Sie leider nur auf später vertrösten.« Ihr Daumen wanderte über ihren Handrücken und wieder zurück.

 

In einer anderen Filiale derselben Kette verzichtete Dimsch vorsichtshalber auf jeden menschlichen Kontakt, peilte im Eilschritt die Regale Lebenskunst und Glücksfindung an. Philosophie fand er dahinter, im Eck.

Erkenne dich selbst. Das Cover des Buches war mit Spiegelfolie überzogen. Platte Idee des Verlags, dachte Dimsch. Er las den Untertitel – Wege zu dir, Wege zum Glück – und fand seinen Blick im Spiegelbild wieder. Unruhig sah er sich um, vergewisserte sich, nicht beobachtet zu werden, tat dann, als prüfte er wie beiläufig den Titel – einen von vielen – und betrachtete ausgiebig sein Antlitz.

Die Folie spiegelte, etwas matt und leicht verzerrt, ein schlankes Männergesicht, skeptische, blaugraue Augen, das krause Haar notdürftig aus der hohen Stirn gestrichen. Zuerst fiel Dimsch jenes Merkmal auf, das seinem Gesicht den besonderen Ausdruck schenkte, die Nase. Sie schien ihm viel zu groß. Gleich danach stellte er fest, wie über Nacht noch mehr graue Haare bekommen zu haben. Er legte das Buch auf den Stapel zurück, wandte sich um, unterlag aber, wie er sich eingestehen musste, einer geradezu lächerlichen Neugier, beugte sich also wieder über den Stapel, blickte von oben herab in das ihn spiegelnde Buch, und da schien seine Nase noch größer, und dazugekommen war ein Doppelkinn. Genervt von dem Bild, das er von sich hatte, drehte er das Büchlein um und klatschte es verkehrt auf den Stapel. Was Dimsch noch registrieren musste, bevor er sich abwandte, waren die fettgedruckten, ersten Worte der Zusammenfassung am Buchrücken: Du bist, wie du es siehst.

Binsenweisheit, dachte Dimsch verächtlich, hielt inne, zischte »Herrgott Sakrament!«, denn er musste es wissen, musste weiterlesen.

Jedes Buch ist ein Spiegel. Doch dieses ist ein Vergrößerungsspiegel, es wird dein Leben verändern. Nur getrauen musst du dich hinzusehen, ganz genau hinzusehen, ins Buch, in dich.

Schwachsinn! Dimsch warf das Büchlein auf den Stapel zurück. Es rutschte, glitt ab, fiel zu Boden.

Er würde das verdammte Ding nicht aufheben, nein, nein, nein, gewiss nicht! Obwohl, es gehörte sich nicht, ein Buch fallen zu lassen und nicht aufzuheben.

Dimsch sah sich um. Niemand hatte etwas bemerkt.

Ich gehe einfach, beschloss Dimsch probeweise und wusste in derselben Sekunde, dass er, gleichsam gegen seinen Willen, noch einmal zu diesem Band greifen würde.

Als er es kaum später in Händen hielt, spürte er, wie es sich bog unter seinem Ärger. Und dann konnte er nicht anders, donnerte das Buch mit einer Leidenschaft auf den Stapel, dass es laut klatschend davonschnellte und fünf, sechs andere Exemplare mitriss. Vor Schreck griff Dimsch sich an die Nase.

Auf dem dunkelblauen Teppichboden lagen die Bücher. Alle wie verhext mit dem spiegelnden Cover nach oben. Als er auf sie zuging, um dem Chaos Einhalt zu gebieten, veränderte sich mit jeder seiner Bewegungen der Blickwinkel. Und so musste Dimsch sehen, wie von diesen Büchern, diesem Spiegelkabinett des Zufalls, nicht bloß seine Gestalt reflektiert wurde, samt Riesen-Nase, sondern er selbst – zusammengewürfelt aus unterschiedlichen, ja widersprüchlichen Teilchen. Heiß war Dimsch plötzlich und schwindelig, vermutlich vom abrupten Hinunterbeugen.

Als er zehn Minuten später an der Kasse stand, war sein Einkaufskorb bis oben hin gefüllt mit Glück. Nach dem Fiasko mit dem spiegelnden Buch hatte er sich nicht länger mit Schmökern aufgehalten, stattdessen sämtliche Bücher in den Korb geworfen, in deren Titel das Wort Glück vorkam oder deren Verfasser als große Philosophen galten.

Die Frau an der Kasse war jung, und so sprach Dimsch sie vorsorglich nicht an. Stattdessen senkte er den Blick und tat, als würde er in seiner Geldbörse die Scheine zählen. Hätte Dimsch kiloweise Pornohefte gekauft, es wäre ihm kaum peinlicher gewesen. Die Bücher, die für ihn über den Scanner gezogen wurden, trugen verräterische Titel: »Wegweiser zum Glück«, »So wirst du glücklich«, »Glücklicher, verzweifle nicht«. Und allesamt waren sie sphärisch gestaltet, vornehmlich in den Farben Violett, Rosa, Orange und Gelb, illustriert mit aufgehenden Sonnen, am Himmel ziehenden Wolken, lächelnden Gesichtern feenhafter Frauen, manche gar mit Engelsflügeln bestückt. Hochnotpeinlich war, was er da zusammengetragen hatte. Doch keines der Bücher war so peinlich wie der Seelenzustand, den sie anzeigten. Mit jedem Exemplar, mit jedem Piepton der Kasse musste der Verkäuferin doch deutlicher werden, welch erbarmungswürdiges Menschlein da vor ihr stand. Wenn er wenigstens heute, ein letztes Mal noch, Anzug und Krawatte getragen hätte, das wäre ihm Rüstung und Panzer gewesen. Aber nein, seine Garderobe hatte er ja in Bausch und Bogen wegbringen müssen. Nun stand er da wie nackt. Völlig ausgeliefert, in Schlabberpullover und Jeans. Herrgott Sakrament! Dimsch schüttelte den Kopf über sich.

Wieder ein Piepton, wieder ein Exemplar. Der Menge an Glücks-Büchern zufolge musste er nahe der blanken Verzweiflung sein, wie Dimsch nun bewusst wurde, so an der Kasse stehend und eine Warteschlange an Kunden hinter sich verursachend.

Die Kassiererin sah kurz auf und musste lächeln. Sympathisch, dieser schlaksige Typ, dachte sie. Ein bisschen wie ein zerfledderter Kranich im Pullover, aber sympathisch.

Als Dimsch riskierte, den Blick nach oben zu richten – irgendwann musste es ja sein –, bemerkte er erleichtert, dass nicht mehr der esoterische Kitsch, sondern bereits die seriösen Philosophen über den Tisch gezogen wurden. Aristoteles, Platon, Sokrates, Epikur, Kant, Nietzsche. Er sah in die Augen der jungen Frau an der Kasse. Ihr Lächeln gab ihm weitere Zuversicht. Doch nur bis es in ein Schmunzeln überging, sie belustigt den Kopf schüttelte und viel zu laut sagte: »Da haben Sie sich ja einiges vorgenommen.«

Gewiss auch für den Letzten in der Warteschlange gut sichtbar, streckte sie ein rosarotes Büchlein in die Höhe: »Glücklich werden. Bitte, ich will!«

4

Als Sebastian Dimsch seine Frau Sophie und seine beiden Kleinen an diesem Morgen zum Abschied küsste, fühlte er es. Und als er das Haus verließ, um mit der Straßenbahn zu seinem Arbeitsplatz zu fahren, in die Zentrale der Versicherungsanstalt, hielt das Gefühl an. Es war wohl eine Mischung aus Tatendrang und Vorfreude aufs Glück. Freilich nicht der Arbeit wegen, auch nicht hervorgerufen von der angenehmen Frische dieses Morgens oder den Sonnenstrahlen, die durch die Baumkronen blitzten und im Gewebe seines wuscheligen Pullovers versickerten. Zu verdanken hatte er jenes Gefühl, das von der Leibesmitte aus seinen Körper durchflutete und ihm eine geradezu übermütige Spannung verlieh: seiner prall gefüllten Aktentasche.

Während des Lustwandelns die Straße hinunter schien es Dimsch, als ob sich an diesem Morgen selbst die Sonne ausschließlich für diese wunderbare Üppigkeit erwärmte. Ja, es war ihm, als ob dieser ganze blitzblanke Tag samt seiner herrlich kopfdurchlüftenden Frische vom Inhalt dieser, seiner Tasche herrührte. Dimsch strich mit der flachen Hand über das weiche, von der kantigen Ladung ausgebeulte Leder. Und da war er gewiss: Bereits das pure Vorhandensein dieser klugen Bücher übte eine belebende Kraft aus. So sehr wie heute hatte er sich, kurz sann er darüber nach, noch nie auf einen Arbeitstag gefreut. Gleich nachdem er im Büro angekommen war, würde er loslegen, würde er beginnen zu lesen.

 

Sophie hatte das Stimmungshoch ihres Mannes sehr wohl bemerkt, sich aber entschieden, Sebastian vorerst nicht darauf anzusprechen. Ohnehin glaubte sie, die Ursache seiner selten guten Laune zu kennen. In einem geradezu euphorischen Anfall hatte er gestern seine Anzüge und Krawatten entsorgt und war noch am selben Abend mit einem riesigen Stoß Bücher übers Glück heimgekehrt. Es lag wohl auf der Hand, sie schmunzelte zufrieden: Sebastian stellte sich endlich auf seine Vaterrolle ein, besann sich der entscheidenden Werte. Ins Bild passte auch, dass er das am Frühstückstisch von den Kindern angerichtete Chaos viel gelassener hinnehmen konnte als gewöhnlich. Und: Er hatte kein einziges Mal sein albernes Herrgott Sakrament geflucht.

In den Anzügen hatte er ihr zwar besser gefallen als in den lächerlichen Pullis und diesen heillos aus der Mode geratenen Jeans, aber was soll’s, das nahm sie locker in Kauf. Genüsslich schenkte sie sich eine Schale Kaffee ein.

 

Dimsch indes saß in der Straßenbahn und kringelte ein Büschel Haare um seinen Zeigefinger. Das tat er nur, wenn er entspannt war oder nachdenklich. Im Moment war er entspannt, es war also ein gutes Zeichen, dass er so dasaß, die langen Beine übereinander geschlagen, die Aktentasche auf dem Schoß, und ungeniert Haare drehend wie ein Kleinkind. Als die Straßenbahn bei einer Station hielt, blickte er aus dem Fenster und sah, unscharf, sein Spiegelbild. Über der Schläfe stand ein Haarbüschel spektakulär zu Seite. Dimschs Mundwinkel zuckten nach oben. Anders als sonst versuchte er die abstehende Strähne nicht glattzustreichen, sondern sparte die Stelle eigens aus, fuhr mit der Hand lediglich über seine Stirn. Die aus ihr mäandernden Geheimratsecken fand er heute gar nicht störend, eigentlich passten sie recht gut zu seinem junggebliebenen Gesicht. Und selbst seiner großen Nase gewann er an diesem Morgen etwas irgendwie Verwegenes ab.

Dimsch sah nach vorne. Vier Reihen weiter kicherten Kindergartenkinder und zeigten mit dem Finger auf ihn.

»Der Mann hat aber eine lustige Frisur«, gluckste eines.

»Ja, lustig!« Die anderen lachten.

Dimsch schnitt eine Grimasse und neigte den Kopf zur Seite. So kam das gezwirbelte Büschel Haare noch spektakulärer zur Geltung.

Je näher er dem Büro kam, desto besser wurde seine Laune. Er winkte den aussteigenden Kindern zu, die während der Fahrt mit bemerkenswerter Ausdauer versucht hatten, ihre Haare ähnlich abstehend zu machen wie seine.

Eine Station vor der Versicherungszentrale wanderten seine Mundwinkel erneut nach oben. Worüber sich Dimsch vor wenigen Wochen noch hatte ärgern müssen, nämlich die Übersiedelung der kleinen Abteilung, die er leitete, in den fernsten, miesesten Winkel der Versicherung, schien ihm nun wie eine wunderbare Fügung. Erst die Zwangsdelogierung aus dem hellen, prestigeträchtigen Großraumbüro nahe der Chefin in drei abstellkammergroße Zimmerchen zwei Stockwerke tiefer würde es ihm ermöglichen, sich fortan ebenso unbemerkt wie ausgiebig seiner Glückslektüre zu widmen. Auch seine Mitarbeiter, Sabine und Robert, die in den Kämmerchen rechts und links von ihm einquartiert worden waren, würden nichts mitbekommen. Grotesk, in den Augen der anderen, besonders der übrigen Abteilungsleiter, war er abgeschoben und degradiert worden, in Wirklichkeit aber in die Freiheit entlassen und königlich beschenkt. Dimsch entkam ein Grinsen.

 

Sein Privatissimum, dem er beginnend mit diesem Tag gedachte, nachzugehen, hoch motiviert bis zum Feierabend, womöglich sogar länger, ja womöglich würde er erstmals freiwillig Überstunden einlegen, war mit Garantie die sinnvollste Bürotätigkeit seit Jahren. Ab sofort würde er seine Zeit nicht mehr mit Kundenzufriedenheitsprogrammen, Statistiken und Umfragen verderben. Er würde sich auch nicht mehr am Lieblingssport der Abteilungsleiter beteiligen und Maßnahmen sowie Projekte vorschlagen, die nichts anderem dienten als dem hohen strategischen Ziel, der Chefin zu gefallen – was, zugegeben, durchaus eine Herausforderung war, angesichts ihres launenhaften Geschmacks und kunterbunten Meinungsbildes, das sich flugs ändern konnte, je nach Stimmung und Stand des Mondes.

Irene Großburgs Zustimmung zu erhaschen und ihrer Gunst nicht verlustig zu gehen hatte auch Dimsch Energie gekostet. Fortan würde er sie anders zu nutzen wissen. Zudem nahm er sich vor, sein Leben nicht länger mit Themen zu vergiften, deren nervenaufreibende Dramatik außerhalb dieses Die Versicherung genannten Sonnensystems jäh verblasste, ähnlich Geisterbahngruseln beim Einschalten von Licht. Nur einer einzigen Bürotätigkeit wollte Dimsch fortan Wert beimessen, nur einer Frage sich mit Leidenschaft widmen: jener, wie ein menschliches Leben gelingen kann. Nicht mehr die Karriere, diesen Teil von sich, wollte er fördern, sondern sich.

Dimsch stieg aus der Straßenbahn. Und dann ging er nicht in die Richtung seines Arbeitsplatzes – er rannte.

Beschwingt durchschritt er das Portal, rief den beiden Empfangsdamen, die wegen seines saloppen Kleidungsstils irritiert schienen, ein ansteckend herzliches »Guten Morgen!« zu, schwebte geradezu über den blank polierten Marmorboden, bog hinter dem Aufzug mit einem tänzelnden Seitschritt nach links ab und betrat durch eine Brandschutztür jenen Trakt, der bis vor kurzem, nämlich bis zu seinem Umzug, völlig ungenutzt gewesen war. Nachdem er weitere Brandschutztüren überwunden und einen gut zwanzig Meter langen Gang durchschritten hatte, der mit veilchenblauem Linoleum aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgelegt war, stand Dimsch vor seinem Büro. Neben der Tür, knapp unter Augenhöhe, hing noch immer nicht das von ihm bestellte Schild Sebastian Dimsch, Abteilungsleiter Meinungsforschung und Statistik. Stattdessen verwiesen verstaubte Steckbuchstaben auf den ehemaligen Zweck des Raums: agazin. Offensichtlich fehlte das M zu Beginn des Wortes. Das Zimmer war also ein Magazin gewesen, ein simpler Vorrats- oder Lagerraum zum Abstellen, Ablegen, Aufbewahren von Dingen, die aktuell nicht sonderlich gebraucht wurden. Nun war es sein Arbeitsplatz. So oft wie heute hatte Dimsch schon lange nicht mehr gegrinst.

Das dem geköpften Wörtchen agazin folgende B erklärte sich durch die rechts und links liegenden Zimmer seiner Mitarbeiter; Roberts: Magazin A, und Sabines: Magazin C.

Dimsch verharrte vor seiner Bürotür, blickte noch immer auf das Schild und spürte eine Lustigkeit in sich hochsteigen. Nicht, dass er lauthals aufgelacht hätte, es begann vielmehr mit einem ihn selbst überraschenden Schnauben aus der Nase. Dem folgte ein Zittern im Zwerchfell, das sich seine Bahn durch Brust, Hals und Kehle bahnte. So stand er da, mehr unkontrolliert hechelnd als klar lachend, und seine Schultern zuckten vor Vergnügen. Wie blöd er gewesen war, dachte Dimsch. Geärgert und gekränkt hatte es ihn, dass er nach der Zwangsumsiedlung auch noch um ein korrektes Türschild hatte betteln müssen, eines, das ihm beim Anblick hätte bestätigen sollen, was nach wie vor sein Rang und sein Name waren. So weit war es mit ihm gekommen! Als ob es nötig wäre, ein Schild zu besitzen, um sich seiner sicher zu sein. Unfassbar auch, wie sehr ihn der Kampf um das Namensschild mitgenommen hatte. Bis in den Schlaf hatte ihn das lächerliche Thema verfolgt, Atem, Blutdruck, sogar Rhythmus seines Herzens durcheinandergebracht.

Jetzt stand er da und lachte. Konnte gar nicht mehr aufhören. agazin B. Köstlich! Und wie genial! Besser ging es doch gar nicht: dieses Büro hier unten im letzten Winkel des Gebäudes und nun auch noch dieses Schild. agazin B. Die Tarnung war schlichtweg perfekt. Niemand, absolut niemand würde ihn hier stören.

Als beträte er einen eigens für ihn erbauten Palast, überschritt Dimsch die Türschwelle und trat in sein knapp zwölf Quadratmeter messendes, mit grauen Filzquadern ausgelegtes Zimmerchen.

Er setzte sich an seinen Computer, überflog die eingegangenen E-Mails, stellte erleichtert fest, dass keine sonderlich dringend war, und machte es sich gemütlich; rollte mit seinem Bürosessel zurück, schwang die Füße auf den Tisch, fischte in seiner Aktentasche und ließ sich als Erstes die Lehren des griechischen Philosophen Epikur in den Schoß fallen. Kurz hielt er noch inne, um den bevorstehenden Genuss der Lektüre auch ausreichend zu würdigen, sah dabei aus dem Fenster, betrachtete also die kaum drei Meter entfernte Feuermauer, die ihm jeden Blick auf den Himmel verwehrte, wie er vor kurzem noch gefunden hatte, und die ihm wunderbaren Schutz vor neugierigen Blicken verschaffte, wie er nun feststellte. Befreit atmete er durch, gleichsam als letzte zeremonielle Konzentration vor dem Sprung ins Abenteuer, und schlug die erste Seite auf.

5

Der Text war gewiss keine leichte Kost, und dennoch überkam Dimsch schon nach wenigen Passagen das Gefühl, als würde er von diesen Zeilen auf ungekannte Art beflügelt, als segelten seine Gedanken durch genussgeladene, bisher unerforschte Zonen, und jede weitere Sichtung gab ihm neuen Schwung, gab ihm Hoffnung, niemals mehr sinken zu müssen auf altes Terrain. Welch gewaltiger Horizont sich ihm auftat, welch Ideenreichtum! Schon immer irgendwie Geahntes bekam plötzlich Namen und Gestalt, wurde fassbar, schloss sich ihm auf. Sinn fügte sich an Sinn, wurde klar und klarer, und alles schien zu münden in einer lang ersehnten, unübertrefflich befreienden Logik. Als er ein leises Scharren hörte, sah Dimsch zur Seite – und da war eine Maus.

Er blickte zu ihr nach unten, und sie blickte zu ihm nach oben. Beide waren überrascht, Dimsch und die Maus. Beide hatten bis vor kurzem gedacht, das Zimmer für sich alleine zu haben. Und beiden klopfte das Herz einige Takte schneller als gewöhnlich. Dunkelgrau, fast schwarz war sie, die Maus, und nicht viel größer als ein Radiergummi. Sie hob das Köpfchen, und weil sie schnupperte, vibrierten ihre Schnurrhaare. Dimschs Geruch schien ihr verträglich. Flinkäugig prüfte sie die Umgebung und sprintete dann im Zimmer eine Runde, dass es den Abteilungsleiter für Meinungsforschung und Statistik vor Schreck auf seinem Bürosessel herumriss und er nach einer Drehung gerade noch sah, wie die Maus unerhört wendig unter einem Heizkörper in den Boden abtauchte.

Ein paar Sekunden lauschte Dimsch mit angehaltenem Atem dem leiser werdenden Trippeln nach. Als trotz Hinunterbeugens nichts mehr zu vernehmen war, kein Knistern, kein Knabbern, kein Kratzen, kniete er nieder, stützte sich mit den Händen ab, und als seine Wange den Boden berührte, entdeckte Dimsch im Schatten des Heizkörpers, nahe dem Mauereck, das Loch im grauen Filz.

Er getraute sich nicht, mit dem Finger die Tiefe der Öffnung zu erforschen, was lächerlich war, das wusste er, was sollte schon passieren, er würde wohl nicht nach unten gezogen werden von dunklen Mäusemächten. Dennoch stand Dimsch auf, um einen Bleistift zu holen und besser den anstatt des Fingers in die Öffnung zu schieben.

Das Loch war kaum zwei Finger breit. Die Höhlung führte einen viertel Bleistift lang senkrecht nach unten, um dann in einem schräg abfallenden Knick ins scheinbar Waagrechte überzugehen. Unglaublich, diese kleine Maus hatte nicht nur den grauen Filzboden durchgenagt, sondern sich darunter glattweg durch betonharten Estrich gefräst. Das war eine Leistung, die Dimsch zumindest ebenso respekteinflößend empfand wie jene der fingernagelkleinen Heuschrecken, die er sommers beobachtet hatte, wie sie mit nur einem Satz eine Distanz überbrückten, die dem Hundertfachen ihrer Körperlänge entsprach. Wie unbedeutend dagegen wir Menschen sind, dachte Dimsch. In einer einzigen Disziplin haben wir die Chance, mehr zu leisten als Tiere, nämlich beim Denken, und was tun wir mit dieser Möglichkeit? Nur in Glücksfällen nutzen wir sie für tiefere Gedankengänge, für intellektuelle Himmelssprünge; stattdessen ausgiebig, ja verschwenderisch für Banalitäten. Gerade so, als würde die Maus nur an der Oberfläche kratzen, anstatt ein Labyrinth an Möglichkeiten zu schaffen, und die Heuschrecke sich damit ...

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