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Der Fluch vom Valle della Luna

Rosa Cerrato

Der Fluch vom Valle della Luna

Nelly Rosso ermittelt

Kriminalroman

Aus dem Italienischen von Verena von Koskull

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Le uova del cuculo

erschien 2008 bei Fratelli Frilli Editori

ISBN 978-3-8412-0512-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2011 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Le uova del cuculo © 2008 Fratelli Frilli Editori

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesonderefür Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung © Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung mehrerer Motive von iStockphoto

© Luna marina, © Ivonne Wierink-van Wetten, © Subjug und © Rafael Laguillo

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

ERSTER TEIL

NACHT UND REGEN

SECHS MONATE SPÄTER

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

ZWEITER TEIL

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

DRITTER TEIL

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

AFFOGATO AL WHISKY

DUNKEL

Für Charly
für seine unermüdliche Hilfe und die unverhoffte Reise nach Sardinien

STAMMBAUM DER FAMILIE PISU

stammbaum.jpg

ERSTER TEIL

NACHT UND REGEN

Genua ist in Finsternis gehüllt. Ein heftiger Sommerwolkenbruch wütet mit der stürmischen See um die Wette, deren Grollen ganz nah zu hören ist. Die Gischt peitscht bis in den Corso Italia, wo der Alte gerade seinen Wagen abgestellt hat. Er bemerkt den Regen kaum, der auf ihn niederprasselt und ihn binnen Sekunden durchweicht. Er blickt sich um, die Straße ist menschenleer. Er steckt die Hände in die Taschen. Als er sich in Bewegung setzt, fällt das Licht einer Straßenlaterne auf sein verzerrtes Gesicht. Blanker Hass. Feixend umklammert er den Messergriff.

Dir werd ich’s zeigen, dämlicher Schwachkopf. Wolltest mich in die Falle locken wie ein Opferlamm. Aber du sollst Giacomo Pisu kennenlernen – ach was, kennenlernen, Blut wirst du spucken und krepieren ...

Gedankenversunken erreicht er den Zebrastreifen, der zur Chiesa di San Giuliano hinabführt. Dort unten vor der Kirche ist der Treffpunkt. Keine Menschenseele, und dazu schüttet es wie aus Eimern. Perfekt für das, was ich erledigen muss. Er hat die Mitte des Zebrastreifens erreicht, den Blick in die vom prasselnden Regen verschwommene Dunkelheit jenseits der Straße gerichtet. Als er das Motorengeräusch näher kommen hört und merkt, dass es beschleunigt, statt abzubremsen, ist es zu spät. Ein dumpfer Aufprall. Dann Finsternis.

»Ist alles gut gelaufen? Ist er ...« »Tot? Ja, verreckt ist er. Ich hab dir doch gesagt, mach dir keine Gedanken. Es ist alles glattgegangen, du musst nicht weinen.« »Ich weine vor Freude. Ich fühl mich sofort besser, weißt du? Ein Gefühl ist das ... Als hätte ich jahrelang kaum Luft gekriegt, gerade genug, um nicht zu sterben, und jetzt bekäme ich reinen Sauerstoff.« »Das wird noch besser, glaub’s mir. Das ist erst der Anfang. Ich hab beschlossen, reinen Tisch zu machen. Du kannst dir die Lungen so richtig vollpumpen, schwindelig wird dir werden vor Sauerstoff, und es wird immer schöner. Du hast es verdient, und sie haben’s auch verdient.«

SECHS MONATE SPÄTER

Seit einer Weile hat der Mann ein komisches Gefühl. Als würde jede seiner Bewegungen von einem Blick verfolgt. Er spürt ihn im Nacken, im Rücken. Es macht ihn ganz kirre. Wie eine Schwäche, ein Zeichen, dass er alt wird. Was ist los mit mir? Macht mich der Prozess so nervös, ehe er überhaupt begonnen hat? Dazu wird es mit Alice immer schlimmer, die ist völlig neben der Spur, da muss man was machen. Giancarlo ... Wenn ich daran denke, wie stolz ich war, als er geboren wurde, und jetzt habe ich den Feind im eigenen Haus. Er seufzt. Umklammert die Autoschlüssel, beugt sich kurz übers Geländer und sieht das Treppenhaus hinab. Noch so viele Stockwerke. Jeden Tag geht er die Treppe zu Fuß bis in die Garage hinunter, um fit zu bleiben.

Das Licht erlischt, flackert wieder auf. Dieser dämliche Hausmeister schafft es noch nicht mal, die Glühbirnen zu wechseln. Wozu bezahlen wir den eigentlich! Was ... Nein, nein, ahhhhh ... Der Sturz in den Treppenschacht, der Aufprall des Kopfes auf dem Fußboden. Wie eine reife Melone, die zerplatzt. Das Licht kehrt zurück, und auch die Stille.

»Du hast es wirklich getan? Aber bist du sicher, dass er ...« »Ich hab’s kontrolliert. Auch wenn er nicht tot ist, wird er’s nicht überleben. Und sollte er doch überleben, hat er nichts gesehen. Keine Sorge, Anselmo ist auch weg. Mit ihm hab ich auch abgerechnet.« »Ich fasse es nicht. Und das war wirklich so einfach?« »Ja.«

I

»Ciao, Nelly. Alles klar?« Sandras Stimme am Telefon klang wie immer, und doch konnte Commissario Nelly Rosso eine leise Unruhe heraushören.

»So weit schon, meine Liebe. Und bei dir, alles okay?« Ein Schweigen, ein Sekundenbruchteil zu lang, und dann dieses untypische Zögern in Sandras Stimme, als sie wieder zu sprechen anhob ...

»Ich muss dich sehen. Wann kommst du heute Abend aus dem Präsidium?«

Nelly warf einen Blick auf die Wanduhr mit dem vergilbten Zifferblatt. Fünf Uhr. Draußen war es bereits dunkel. Das Neonlicht ließ die grünlichen Wände ihres Büros noch frostiger erscheinen. Es war Ende Januar und der Frühling noch weit weg. Eine heftige Sehnsucht nach Sonne und Licht durchfuhr sie wie ein körperlicher und seelischer Schmerz. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und abgehauen, weit weg und für lange, lange Zeit, vielleicht mit Sandra oder auch allein, wieso nicht.

»Wo bist du gerade?«

»Bei der Zeitung.«

»Wenn’s dir passt, sehen wir uns in einer halben Stunde im Caffè degli Specchi«

»Super. Bis gleich.«

Nelly runzelte die Stirn. Sie hatte ihre Freundin Sandra, die Journalistin bei der lokalen Tageszeitung »Il Secolo XIX« war, seit ein paar Wochen nicht gesehen. Seit vor Weihnachten nicht, um genau zu sein. Und auch da hatten sie sich, wie so oft, nur flüchtig in einer Bar getroffen, sich frohe Weihnachten gewünscht, Geschenke ausgetauscht und waren weitergehetzt. Sie seufzte. Man bräuchte mehrere Leben, eins ist einfach zu wenig. Eines zum Arbeiten, eines für die Familie, eines für die Freunde und eines für die Liebe ...

Sie betrachtete den Schreibtisch, der ausnahmsweise nicht komplett mit Akten zugestapelt war. Seit ein paar Tagen herrschte Flaute, was in ihrem Job ein Segen war. Schon der normale Bürokram war ätzend genug, wenn man bei der Mordkommission arbeitete. Nicht gerade der rosigste Blickwinkel auf das Leben. Entschlossen klappte sie die Akte zu, an der sie gerade saß. Ein Drogendealer, den man tot in seiner Wohnung in der Altstadt aufgefunden hatte. Der Mörder war ein Junge aus »gutem Hause«, noch minderjährig. Sie beschloss, Feierabend zu machen. Rasch fuhr sie sich mit dem Kamm durchs Haar, glosste sich die Lippen, nahm den schwarzen Parka vom Haken, schlüpfte hinein, schnappte ihre Tasche – einen geradezu riesenhaften Beutel – und spürte wieder dieses Verlangen in sich aufsteigen, ihrem Alltag zu entfliehen, das sie sonst so gar nicht kannte.

»Valeria, ich bin weg. Wenn’s was gibt, ruf mich an.«

Die Polizeisekretärin sah von ihrem Computer auf und warf ihr ein herzliches Lächeln zu, das von der männlichen Fauna, die sie nicht näher kannte, stets als Schlafzimmerlächeln interpretiert wurde. Im Sommer hatte sie sich das hellbraune Haar raspelkurz geschnitten und ließ es jetzt wieder wachsen. Selbst zu dieser Jahres- und Tageszeit sah sie frisch und ausgeruht aus. Dass es um fünf bereits dunkel war, schien ihrer guten Laune keinen Abbruch zu tun. Valeria nickte und bemerkte die Spannung in Commissario Rossos breitem, von Sommersprossen überhauchtem Gesicht. Das lockige, kupferrote Haar fiel ihr wie immer wirr in die Stirn und auf die Schultern. In den letzten Monaten hatte Nelly abgenommen, seit dem Sommer, in dem der Fall Simba, eine beispiellose Mordserie, die Stadt erschüttert hatte. Im Herbst dann das Abenteuer mit der Interpol, das ebenfalls seine Spuren hinterlassen hatte. Ihre Figur hatte davon profitiert, die Kommissarin hatte mindestens acht Kilo verloren und sah blendend aus. Lediglich ein paar Falten mehr verrieten den Stress, von dem sie sich noch nicht vollends erholt hatte.

»Gehen Sie ruhig, Dottoressa, hier ist alles unter Kontrolle.«

Nelly trabte die Treppe hinunter, grüßte ein paar Kollegen und trat in die kalte Abendluft hinaus, die die Feuchtigkeit noch frostiger erscheinen ließ. Sie setzte die mit falschem Pelz gesäumte Kapuze auf und lächelte in Vorfreude auf ihr Treffen mit Sandra. Wozu wohl die Eile? Gab’s was Besonderes? Hastig durchquerte sie den Tunnel, der ins Zentrum führte, und reduzierte das Atmen aufs Nötigste, um möglichst wenig Abgase in die Lunge zu kriegen. Sie bewegte sich geschmeidig und fühlte sich jünger und begehrenswerter. Ja. Genau: Ein schöner Südseestrand, Sonne, ein neuer Bikini und ...

Sie kam bei den Wolkenkratzern heraus, die sich im Vergleich zu ihren Namensvettern in New York, Dubai oder Shanghai geradezu lächerlich ausnahmen, aber ihre Bezeichnung nun einmal weghatten, und ging in Richtung »Haus des Kolumbus«, bei dem es ebenfalls fragwürdig war, ob es diesen Titel verdiente, das als Touristenmagnet jedoch bestens funktionierte. Sie stieg zur Barbarossa-Mauer hinauf, ging rechts Richtung Piazza Matteotti und bog fast im Laufschritt – seit einiger Zeit war ihr hier ein normales Tempo nicht mehr möglich, jedes Mal hatte sie das Gefühl, jemand oder etwas verfolge sie – nach links in die Salita Pollaiuoli ein.

Das Caffè degli Specchi machte seinem Namen alle Ehre. Die Wände waren mit Spiegeln vertäfelt, die rokokohafte Einrichtung war elegant und schnörkelig zugleich, wie man es vielleicht in Venedig oder Rom erwartet hätte. In Genua hingegen wirkte es stets erfreulich deplatziert, und beim Betreten hatte Nelly jedes Mal das Gefühl, in außerterritoriales Gebiet einzudringen. Unligurisch. Unernst. Extravagant. Wie auch immer. Einbildung, Spinnerei. Sandra saß weder im vorderen Teil des Lokals, der fast vollständig vom Tresen eingenommen wurde, noch in dem kleinen Gastraum dahinter. Also stieg Nelly in die erste Etage hinauf und entdeckte sie ganz hinten an einem Fenster, das auf die Salita Pollaiuoli hinausging. Gedankenverloren saß sie da und schreckte auf, als Nelly den Stuhl zurückzog, um sich ihr gegenüber zu setzen.

»Ciao, Sa.«

»Ciao, Nelly.«

Während sie den Parka auszog, nahm sie ihre Freundin in Augenschein. Sandra war unverschämt braun für die Jahreszeit und trug, den Speckröllchen und den drallen Brüsten zum Trotz, ein schreiend rotes enges Kleid aus leichter Wolle. Das dunkle, halblange Haar verriet die häufigen Friseurbesuche. Die unvermeidlichen Goldketten um den Hals und an den Handgelenken machten das Gesamtbild komplett. Über der Stuhllehne hing, den Tierschützern Hohn lachend, eine Nerzjacke.

»Schön, dich zu sehen, meine Liebe. Wie gut, dass du mich angerufen hast, ich hab im Büro schon Schimmel angesetzt.«

»Echt? War der Superbulle nicht da, um dich aufzuheitern?«

Sandra lächelte verschmitzt. Mit dem Superbullen war der Polizeivize Tano Esposito gemeint, Nellys Vorgesetzter. Nelly kniff die nussbraunen Augen zusammen und verzog das Gesicht.

»Worauf willst du hinaus, hm?«

Sandra grinste vielsagend. »Komm schon, ihr wart doch zusammen im Bett. Sag mir, dass ihr’s endlich getan habt. Der ist so schnuckelig!«

»Was redest du denn da, Sa? Du weißt ganz genau, dass ich mit Carlo zusammen bin. Daran gibt’s nichts zu rütteln. Und außerdem gefällt Carlo dir doch auch, du sagst selbst immer, er sei perfekt für mich, was soll das also?« Totale Überreaktion. Tja, wenn einen das Gewissen kneift ... Nelly lächelte, um den Ärger in ihrer Stimme zu mildern. Sandra hob beschwichtigend die Hände.

»Hey, der Kapitän ist für mich natürlich nicht zu toppen. Er ist ein wunderbarer, verlässlicher Mann, genau der richtige für dich, das stimmt. Aber er ist nie da. Der Superbulle hingegen ist immer verfügbar. Eigentlich ideal.«

Fast zu ideal. Wenn du wüsstest! Es fällt mir wirklich schwer, dir was vorzumachen, mein Schatz, aber ich kann mit niemandem darüber reden, nicht mal mit dir.

»Du weißt doch, dass ich treu bin.« Wieder Lächeln und Augenzwinkern.

Sandra zuckte mit den Achseln.

»Na, dann bist du vielleicht gar nicht meine Freundin Nelly, die mit mir in der Lasterbude gewohnt und nichts ausgelassen hat. Vielleicht kommst du aus einem Paralleluniversum und siehst nur so aus wie die echte Nelly. Oder du sagst mir nicht die Wahrheit.«

Der Kellner, der an den Tisch kam, um die Bestellung aufzunehmen, half Nelly aus der Klemme. Sie entschied sich für einen Punt e Mes, Sandra für einen Negroni. Draußen war es inzwischen ganz dunkel geworden, die Passanten hasteten vorbei, auf dem Weg zu einem warmen, geschützten Ort, weg aus den engen, ungemütlich kalten und feuchten Straßen. Das Lokal füllte sich mit den Bewohnern der benachbarten Gassen, mit Studenten und Angestellten, die gerade aus dem Büro kamen. Die üblichen Gesichter des Viertels, frustrierte Alt-Achtundsechziger, Studenten zwischen zwanzig und dreißig und angehende Künstler zwischen fünfunddreißig und fünfzig. Die jungen Leute – und nicht nur die – bestellten Aperitifs, die mit reichlich Häppchen daherkamen, sodass man für wenig Geld praktisch zu Abend aß. Genau das war auch Sandras und Nellys Vorhaben. Die Kommissarin blickte sich um und versuchte dabei erfolglos, ihre widerspenstigen Locken zu bändigen, während sie hoffte, dass ihre Freundin nicht weiter nach Carlo und Tano fragen würde. Doch ihre Sorge war völlig unbegründet. Es war offensichtlich, dass die etwas ganz anderes im Kopf hatte. Auch sie beobachtete schweigend die übrigen Gäste und wirkte irgendwie besorgt. Der Kellner kehrte zurück und stellte zwei Gläser und einen bunt bepackten Teller vor ihnen ab. Die beiden Freundinnen stießen an und machten sich über Focaccia, Kartoffelbällchen, Minipizzas, Omeletteecken, Oliven und Knabberzeug her. Eine gespannte Erwartung lag in der Luft, doch Sandra brauchte noch einen Moment.

»Mau? Alles okay in Mailand?«

Nelly verschluckte sich fast an einem allzu großen Happen und hustete, dass ihr die Tränen in die Augen traten. Peinlich berührt blickte sie sich um, doch niemand schien die kleine Bestrafung ihrer Gier mitbekommen zu haben, sie waren alle zu sehr mit sich selbst oder mit ihren Tischgenossen beschäftigt: angespannte, verschlossene Gesichter, deren Ausdruck Nelly nur zu gut kannte. War das nicht das gleiche Gesicht, das ihr morgens aus dem Spiegel entgegenblickte? Verrannt in einen immer verbisseneren Kampf mit sich selbst und dem Leben, in einer Stadt, die zu einem Schützengraben geworden war.

»Dem Jungen geht’s ganz gut. Die Designschule macht ihm Spaß, er will sich auf Fotografie spezialisieren. Vielleicht. Ich glaube, er ist froh, nicht in Genua zu sein. Mit Monica scheint es wirklich aus zu sein. Na ja, mal abwarten, bei den beiden weiß man’s nie so genau. Er hat ein Zimmer in einer WG mit zwei anderen Studenten gefunden, beim Teufel auf der Rinne, aber für Mailänder Verhältnisse erschwinglich. Zu Weihnachten ist er nicht nach Hause gekommen. Das war hart für mich, aber was soll’s? Ich kann es verstehen.«

»Und Monica?«

Monica, dieses kleine Hexchen. So traurig und verzweifelt, nachdem sie das Kind verloren hatte. So anders.

»Sie ist in London. Geht da auf irgendeine Super-Akademie. Von der sieht und hört man auch nichts mehr.«

»Wie schade.«

Sandra seufzte. Sie sahen einander in die Augen, in denen sich zahllose gescheiterte Geschichten spiegelten. Eigene und fremde. Liebe und Schmerz und Hoffnung und Ende, Enttäuschung und Einsamkeit. Nelly schluckte. Deshalb habe ich dich nicht getroffen, Sa. Ich bin so schon frustriert genug. Bring mich doch zum Lachen.

»Es braucht schon einiges, um das eigene Gleichgewicht zu finden. Und dann verliert man es womöglich doch wieder. Du wirst es nicht glauben, aber mit Giorgio scheint’s zu funktionieren.«

»Wie schön für dich! Ist ein interessanter Typ. Wollt ihr zusammenziehen?« Heuchlerin.

»Nicht im Traum! Wir sind beide gegen das Zusammenleben. Wir wollen, wie soll man es sagen ... den Zauber nicht brechen.«

Giorgio, dieser Armleuchter. Was findest du bloß an dem? Natürlich willst du mit dem nicht zusammenziehen ... Im Geiste sah Nelly Sandras derzeitigen Freund Giorgio Del Vecchio mit am Tisch sitzen. Fünf Jahre jünger als sie, mittelgroß, kahl an den Schläfen, Intellektuellenbrille. Leichtes Übergewicht. Einigermaßen erfolgreicher Schriftsteller und Journalist. Ätzend, aggressiv und nervtötend. Nellys Typ war er nicht, aber wenn Sandra mit ihm glücklich war, bitte.

»Sandra, ich bin echt froh, ein bisschen Zeit mit dir zu verbringen, aber ich hab den Eindruck, es gibt einen Grund für dieses Tête-à-Tête, oder irre ich mich?«

Sie hatte sich ein wenig vorgebeugt und lächelnd den Kopf zur Seite gelegt. Wie ertappt riss Sandra kurz die Augen auf und brach in ein leicht gewolltes Lachen aus.

»Mit euch Bullen kann man wohl nicht mal ein kleines Schwätzchen halten, was? Immer müsst ihr ermitteln und herumstochern. Du hast recht. Es gibt einen Grund für unser heutiges Treffen. Eine Art Familienangelegenheit, wenn auch einigermaßen entfernt.«

Sie machte es sich auf ihrem Stuhl bequem, um zu erzählen. Nelly ließ sich ebenfalls gegen die Lehne sinken.

»Meine Mutter stammt aus Sardinien, wie du weißt. Ihr Mädchenname ist Pisu, ihre Familie kommt aus einem Dorf im Landesinneren, in der Nähe von Tempio Pausania. Luras. Deshalb hat sie hier in Genua auch nicht viele Verwandte, nur einen ein wenig älteren Cousin, der mit einer Frau aus dem Dorf verheiratet ist. Sie waren immer in Kontakt, zumindest bis zu seinem Tod vor sechs Monaten. Dieser Cousin, Giacomo, hatte vier Kinder. Zwei Jungen und zwei Mädchen.«

O Himmel, muss das sein. Nelly bemühte sich, ein interessiertes Gesicht zu machen, aber sie war zu Tode gelangweilt. Familiengeschichten konnte sie einfach nicht ausstehen. Sie merkte, dass sie gähnen musste, und unterdrückte den Reflex mit einer seltsamen Fratze, was der Freundin nicht entging.

»Gedulde dich und bleib wach. Ich muss dir den Hintergrund erklären, dann komme ich zum Punkt. Sagt dir der Name Alceo Pisu was?«

»Der Alceo Pisu? Der Regisseur?«

»Genau. Er ist das dritte der Kinder. Der Erstgeborene ist Anselmo, der ist ...«

»Anwalt. Und ein erfolgreicher dazu. Ich kenne ihn vom Sehen, auch wenn ich nie direkt etwas mit ihm zu tun hatte. Ich habe gehört, er sei vor ein paar Tagen den Treppenschacht seines Hauses hinabgestürzt. Ich hatte keine Ahnung, dass er mit dir verwandt ist.«

»Die Zweite ist Marilena. Vielleicht kennst du sie unter dem Namen Pizzi.«

»Die Schönheitschirurgin? Ziemlich bekannt. Gehört ihr nicht diese VIP-Privatklinik in Novi Ligure?«

»Genau die. Die Vierte kennst du bestimmt nicht. Sie heißt Maria Grazia und hat nie was auf die Reihe bekommen. Sie ist in ihrem Elternhaus geblieben und kümmert sich um die Mutter Lorenza, die seit ein paar Jahren bettlägerig ist. Schlaganfall, glaub ich.«

Wieder senkte sich die bleierne Langeweile wie ein dichter grauer Nebel auf Nelly herab. Hoffen wir mal, dass das irgendwo hinführt und nicht ewig so weitergeht.

»Aber eigentlich wollte ich mit dir über Anselmo den Anwalt reden. Nach dem Sturz liegt er im Koma. Es ist ein Wunder, dass er noch am Leben ist, leider sind die Chancen, dass er wieder aufwacht, den Ärzten zufolge gleich null.«

»Wir sind noch dabei, den Fall zu prüfen. Wenn ich nicht irre, hatte der Hausmeister die Eingebung, sofort die Kripo zu rufen, dadurch haben die einen intakten Schauplatz vorgefunden und können rekonstruieren, was passiert ist. Ob es sich um einen Unfall oder womöglich um Mord handelt. Mein Kollege Rivelli, Paolo Rivelli, kümmert sich drum.«

»Ja, ich weiß. Marilena hat’s mir gesagt, sie hat mich gestern angerufen. Wir haben uns seit den Familientreffen in unserer Jugend nicht mehr gesehen, auch wenn wir regelmäßig zu Ostern und Weihnachten telefonieren. Sie klang ziemlich nervös. Sie weiß, dass ich Journalistin bin und die ganze Stadt kenne. Und auch, dass Mord und Totschlag in mein Ressort fallen. Sie wollte meine Meinung hören, wissen, ob ich jemanden bei der Polizei kenne.«

Komm schon, Sa, spuck’s aus, bevor ich einschlafe.

»Vor etwa einem Monat haben sie Drohbriefe bekommen. Das sind die Fotokopien.«

Sandra zog eine Papierrolle aus ihrer braunen Krokotasche, blickte sich verstohlen um und rollte sie auf dem Tisch aus. An den umliegenden Tischen wurde geplaudert, gelacht, gestritten, und alle waren mit sich beschäftigt. Niemand scherte sich um die beiden verschwörerisch dreinblickenden Fortysomethings. Nelly besah sich die Briefe: klassische Drohbriefe, zusammengeklebt aus verschiedenen Zeitungsbuchstaben. Immer die gleichen Worte: »Schweine. Das werdet ihr büßen.«

»Nicht gerade originell.«

»Stimmt. Der oder die hat wohl keine besonders sprühende Phantasie. Als meine Verwandten sie vor einem Monat bekommen haben, hielten sie es für einen schlechten Scherz. Die Briefe sind an Lorenza geschickt worden, die Cousine meiner Mutter. Und an die Adressen sämtlicher Kinder.«

»Aber warte mal, dein Cousin ist doch Anwalt, oder? Was hat der dazu gesagt?«

Sandra kniff die Lippen zusammen, und ihre großen dunklen Augen blickten Nelly besorgt an.

»Er hat darüber gelacht. Ist ja auch keine besonders dolle Drohung. Nichtssagend. Wenn eine Patrone oder so was im Umschlag gelegen hätte, irgendwas Konkretes, dann ...«

Langsam erwachte Nelly aus ihrem Halbschlaf. Ein leises Kribbeln machte sich in ihren Fingern und Zehen bemerkbar, doch es war schwer zu sagen, ob es an der verspannten Haltung lag, in der sie die letzten Minuten verharrt hatte, oder ob es doch dieses merkwürdige Gefühl war, das sie immer überfiel, wenn ihr etwas ohne triftigen Grund verdächtig vorkam.

»Was hältst du davon, Nelly? Glaubst du, zwischen dem Unfall und diesen beknackten Briefen könnte es einen Zusammenhang geben?«

Bin ich etwa eine Wahrsagerin oder was? Sie trommelte mit den Fingerspitzen auf die Blätter, die stumpf die immer gleiche vage Drohung wiederholten.

»Schwer zu sagen. Alle Familienmitglieder haben sie bekommen? Wirklich alle?«

»Ja, Anselmo, Marilena, Lorenza – die Mutter, die mit Maria Grazia zusammenlebt –, und auch Alceo. Nach dem Unfall vor drei Tagen sind Marilena die Briefe wieder eingefallen und da hat sie gedacht, dass man sie vielleicht ernster hätte nehmen müssen, dass womöglich mehr hinter dem Unglück steckt, welches Anselmo widerfahren ist.«

»Hmmmm ...« Nelly kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Aber Moment mal, kümmert sich nicht schon mein Kollege Rivelli darum? Deine Verwandten, haben die ihm die Briefe nicht gezeigt und ihre Zweifel geschildert? Wenn was dahintersteckt, kommt es auch raus. Bei den ausgeklügelten Ermittlungsmethoden heutzutage ist es so gut wie unmöglich, nicht erwischt zu werden.«

»Klar haben sie ihm die Briefe gezeigt. Aber anscheinend hat er nicht viel darauf gegeben, also hat Marilena beschlossen, sich an mich zu wenden, und ich wende mich an dich.«

Nelly verzog den Mund. Die Sache schmeckte ihr gar nicht.

»Ich mische mich nur ungern in die Ermittlungen der Kollegen ein, Sa. Rivelli ist auf Zack und obendrein ein anständiger Kerl, und ehrlich gesagt verstehe ich, dass diese Briefe ihn nicht sonderlich beeindruckt haben. Aber ich kann mal mit ihm reden, unter dem Vorwand, dass besagter Anwalt ein Verwandter einer sehr guten Freundin von mir ist. Es könnte genau das sein, wonach es aussieht: ein Unfall. Und mit diesen Briefen macht sich jemand Luft, der sauer auf deine Familie ist oder nicht mehr ganz sauber tickt, aber harmlos ist. Oft sind das Leute, die einem nur einen Schrecken einjagen wollen und sich freuen, wenn’s gelingt, aber mehr als schwammige Drohungen kriegen die nicht zustande. Manche hingegen machen ernst und fangen an, einen zu verfolgen, lauern einem auf, rufen an, richtiges Stalking eben, und dann kommt’s zum Knall. Nach dem Unfall hat man von ihm oder ihr nichts mehr gehört?«

»Nicht dass ich wüsste. Marilena hätte es mir gesagt.«

»Haben deine Verwandten irgendeinen Verdacht? Gefeuerte Angestellte, abgewiesene Verliebte, wütende Konkurrenten?«

Sandra zuckte mit den Schultern.

»Was soll ich sagen, Nellyschatz, keine Ahnung. Marilena bestreitet es, sie sagt, sie kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass irgendjemand was gegen sie hat, aber vielleicht hat sie zu viel Schiss, um die Katze aus dem Sack zu lassen. Nach allem, was man hört, ist Alceo ein unerträglicher Typ, so erfolgreich er als Regisseur auch sein mag. Er legt sich mit jedem an und ist regelrecht verschrien für seinen miesen Charakter, aber was hat Anselmo damit zu tun? Und die anderen? Es tut mir leid, dass ich dich mit dieser Sache nerve, vielleicht führt das auch zu nichts, aber ich hab Marilena versprochen, mich darum zu kümmern, und ich kenne auch Alice ganz gut, Anselmos Frau. Wir waren zusammen auf dem Gymnasium. Sie haben zwei Kinder, Serena und Giancarlo. Vielleicht kriegst du ja was raus, mit deiner Spürnase.«

Lächelnd drückte sie ihren Arm und griff nach dem Kassenzettel, den der Kellner auf den Tisch gelegt hatte. Nelly grinste.

»Ja, so ist’s brav, wenigstens den Aperitif kannst du mir spendieren, wenn du mir schon diesen Mist überhilfst.«

Zu der klammen Kälte draußen hatte sich ein eisiger Nieselregen gesellt. Die Läden der Altstadt hatten bereits geschlossen oder zogen gerade die Rollläden herunter. Nur ein paar flüchtige Schatten eilten achtlos aneinander vorbei. Nelly verabschiedete sich von Sandra, zog sich die Kapuze über den Kopf und hastete nach Hause. Zum Glück war es nicht weit. Ihr fiel ein, dass sie so gut wie nichts im Kühlschrank hatte. Ungeachtet des genervten Blicks der Verkäuferin schlüpfte sie unter dem schon halb herabgelassenen Rollgitter einer Pizzabäckerei hindurch. Ein entschuldigendes Lächeln, und schon verließ sie mit je einem großen Stück Artischocken- und Salamipizza triumphierend den Laden. Entweder hatte der Aperitif nicht gereicht oder Sandras Schilderungen und Vermutungen hatten sie hungrig gemacht. Beim Gedanken an das Bier im Kühlschrank und die Pizza in der Tüte lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Zwei Riesenstücke für eine Person waren natürlich viel zu viel. Ich bin noch nicht daran gewöhnt, allein zu leben. Immer vertue ich mich in der Menge, als würde Mau mit Bärenhunger zu Hause auf mich warten. Na, umso besser. Wenn ich nicht alles schaffe, hab ich noch was für morgen.

Ein heftiger Widerwille überfiel sie beim Gedanken an die leere Wohnung. Wenigstens gab es noch die Katzen. Was ist aus mir geworden. Vielleicht sollte ich ins Kino gehen oder ich rufe ... Sie war an der Haustür angekommen – die dank einer kaputten Laterne im Dunkeln lag – und so vertieft in ihre Grübeleien, dass sie den Mann davor nicht bemerkte und direkt in ihn hineinrannte. Zwei starke Arme umfassten sie, und in Windeseile ging ihr Hirn alle Möglichkeiten zu ihrer Verteidigung durch, vom Tritt in die Eier bis zum Finger im Auge, doch im nächsten Sekundenbruchteil erkannte sie Carlos herbes Aftershave. Die Freude schnürte ihr die Kehle zu. Sie war so dankbar, dass sie am liebsten getanzt und geschrien hätte. Stattdessen murmelte sie nur halb erstickt: »Scheiße, du bist’s. Was machst du denn hier?« und lauschte verzückt seinem tiefen Lachen.

»Wieso bist du nicht nach oben gegangen? Es regnet.«

Wieder lachte er, zufrieden über die gelungene Überraschung.

»Dich zu überraschen ist eine Sache, aber dich ’nen Herzkasper kriegen zu lassen, weil ich unangemeldet in deiner Wohnung stehe, erschien mir zu riskant. Was, wenn Commissario Rosso mich ohne Vorwarnung erschießt? Eine einfache Vorsichtsmaßnahme. Wie auch immer, ich bin erst seit ein paar Minuten hier, wenn der Regen noch schlimmer geworden wäre, hätte ich es gewagt und wäre raufgegangen.«

»Wie schön, dass du da bist ...« Na bitte, endlich hatte ihre Stimme fast normal geklungen. »Hast du schon gegessen?«

»Nein. Was gibt’s denn Gutes? O nein, ich wette, es ist Pizza«, sagte Carlo und blickte kritisch auf das Päckchen, das zwischen ihm und Nelly steckte und von einem trüben Single-Abend zeugte.

»Komm, ich lad dich zum Essen ins Galeone ein.« Er griff entschlossen nach ihrer Hand und traf auf einen noch entschlosseneren Widerstand. »Nichts da, ich will mit dir allein sein, nur wir zwei. Pfeif aufs Essen.«

Eng umschlungen stolperten sie die schmale Treppe hinauf und stießen kichernd und flüsternd überall an. Wie schön, wie schön, wie schön, zum Glück bist du gekommen, ein Wunder, mein Flehen wurde erhört – dies ist ein ganz besonderer Abend, diese Leere in mir hat mich schier aufgefressen, wärst du eine Stunde später gekommen, wäre ich vielleicht nicht allein gewesen. Ich will gar nicht daran denken!

II

Beim Klingeln des Weckers öffnete Nelly die Augen. Fahles Licht erfüllte das Schlafzimmer, und einen Moment lang starrte sie verdutzt auf den kräftigen Arm, der über ihrem Bauch lag, ehe sich ihr Gesicht zu einem dankbaren Lächeln verzog. Carlo lag bäuchlings da, alle viere von sich gestreckt, schnarchte leise vor sich hin und nahm drei Viertel des Bettes ein. Behutsam schob sie seinen Arm weg und stand auf. Ihr war nicht kalt, obwohl sie nichts anhatte. Der Tag draußen war ebenso grau und regnerisch wie der davor, doch für sie war es, als strahlte die Sonne. Der Spiegel zeigte ihr das Bild einer Frau mit glatter, rosiger Haut, glänzenden Augen und vom Küssen geschwollenen Lippen. Es war, als wäre das Treffen mit Sandra am Abend zuvor von einem Sturm, einem heilsamen Unwetter weggefegt worden.

»Black magic woman« vor sich hin summend drehte sie die Dusche auf und fuhr zusammen, als das eiskalte Wasser auf sie niederrauschte und ihr den Atem nahm. Zum Teufel mit den Bruchbuden in der Altstadt. So schön sie sind, sie sind verdammt unkomfortabel. Der Vorhang wurde zur Seite geschoben, und Carlos muskulöse Figur zwängte sich in die Kabine und drückte sie gegen die Wand. Im selben Augenblick wechselte der Wasserstrahl von eisig zu kochend heiß. Schreie, Lärm, und der Unhold vergriff sich ein weiteres Mal an der armen, gegen die kalten Kacheln gedrückten Frau, die sich lachend befreite, um sich vor dem heißen Wasser und seiner Übermacht zu retten.

Ein halbes Stündchen später ging Nelly in die Küche, blieb auf der Schwelle stehen und sah enttäuscht aus dem Fenster. Die Terrasse war tropfnass vom Regen, an ein Frühstück im Freien war nicht zu denken. Die drei Tigerkatzen Silvestro, Minni und Pippo hockten ebenfalls vor der Scheibe und drückten sich daran die Nasen platt. Doch als Nelly sich anschickte, die Tür zu öffnen, wichen sie empört zurück, drehten ihr das Hinterteil zu und verschwanden im Inneren der Wohnung. Nasse Pfoten? Um Gottes willen. Carlo stand im Bademantel daneben und grinste.

»Ich mache Frühstück, du musst eher los als ich. Mein Flugzeug geht erst heute Nachmittag um zwei.«

Ein Schlag in die Magengrube. Unter die Gürtellinie.

»Verführt und verlassen also?«

»Es tut mir leid, Liebste. Vielleicht hätte ich besser gar nicht kommen sollen. Ich hab die paar Stunden zwischen zwei Fahrten gequetscht, weil du mich gerufen hast.«

»Ich habe was?« Mit noch feuchten Haaren, das Handtuch um die Brust gewickelt, starrte Nelly ihn an. Carlos kräftige Gestalt nahm fast den ganzen Türrahmen ein. Verlegen zuckte er mit den Achseln.

»Klingt bescheuert, was? Ich hatte eine seltsame Eingebung. Als wärst du ganz nah und würdest mich bitten, sofort zu dir zu kommen. Also bin ich in Hamburg in den nächsten Flieger, in Frankfurt umgestiegen, und war bei dir. War das blöd von mir? Heute Nacht kam es mir gar nicht so vor.«

Nelly flatterte mit den Lidern, als wollte sie einen lästigen Gedanken verscheuchen.

»Nein, das war nicht blöd von dir.« Sie schluckte trocken. »Ich bin froh, dass du gekommen bist. Es tut mir nur weh, dass du so bald wieder wegmusst. Ich brauche dich so sehr«, fügte sie leise hinzu. Carlo war schon zum Kühlschrank gegangen und hatte es nicht mehr gehört. Nelly ging sich anziehen und bemerkte, dass ihre Hände zitterten. Albern. Aber es ist so schön, ihn in der Küche das Frühstück machen zu hören ... Früher hatte Mau Frühstück gemacht. Dieser lästige Stich in der linken Brust. Dabei weiß man doch, dass Kinder groß werden und ihre Wege gehen, dass ihr Leben ihnen gehört und so weiter und so fort, aber die Angst, die ihr manchmal die Kehle abschnürte, seit er nach Mailand gezogen war, sagte über die Kluft zwischen Vernunft und Gefühl mehr als genug. Seufzend beschloss sie, wenigstens die letzten Momente mit Carlo zu genießen.

»Ich ruf im Präsidium an und sage, dass ich heute später komme, dann brauchen wir uns nicht zu hetzen, okay?«

Sie setzte sich an den Küchentisch, goss sich eine große Tasse duftenden Espresso ein, tat Milch und zwei Löffel Zucker hinein, verspürte jedoch keinen Hunger und sah mit schief gelegtem Kopf Carlo zu, der sich zwei Toasts aus dem Toaster angelte und sie dick mit Butter und Honig bestrich. Der Honig kleckerte wie immer zäh über den Glasrand, und er fuhr mit dem Finger daran entlang und leckte ihn ab. Ihre Blicke trafen sich.

»Elender Vielfraß.«

»So ist es, ich bin gefräßig und maßlos. Stört dich das?«

»Kommt drauf an.«

All das hatte sich am Morgen zugetragen und gehörte bereits der Vergangenheit an. Carlo war wieder weit weg, wie ein nächtlicher Traum, der sich im Morgengrauen verflüchtigt hat. Als Nelly gedankenversunken das Präsidium betrat, spürte sie Tanos Blick auf sich, noch ehe sie seine Stimme hörte.

»Ciao, Nelly«, rief der Polizeivize. »Du siehst blendend aus. Was ist passiert?«

Er musterte sie mit der instinktiven argwöhnischen Anteilnahme, die einen befällt, wenn man Liebe wittert und eifersüchtig ist. Tano war größer als sie, ungefähr so groß wie Carlo, jedoch weniger kräftig, eher schlank und durchtrainiert. Er hatte lachende blaue Augen – zumindest, wenn er guter Laune war, wenn nicht, wurden sie grau und stumpf. Oder hell und eisig. Nelly spürte, wie die Röte ihr den Hals hinauf in die Wangen stieg. Im Hintergrund lief Commissario Lojacono vorbei, ihr persönlicher Feind, und bleckte die Zähne zu einem Lächeln. Vor einiger Zeit hatte er Gerüchte über sie und Tano in Umlauf gesetzt. Gerüchte, die damals nicht der Wahrheit entsprochen hatten.

»Ciao, Tano. Nichts ist passiert. Es muss wohl an diesem phantastischen Wetter liegen, das mich mit Feuchtigkeit versorgt und frisch hält wie eine Rose«, sagte sie und deutete auf den einförmig grauen Himmel vor dem Fenster. Er lachte. »Komm doch bitte in mein Büro, sobald du kannst.« Sie nickte und senkte den Blick, um das Leuchten der Liebesnacht mit Carlo darin vor ihm zu verbergen. Wieso eigentlich? Er ist mein Mann. Und Tano weiß das ganz genau. Wenn’s ihm nicht passt, sein Pech. Sie beschloss, sich als Erstes um Sandras Angelegenheit zu kümmern.

Als Nelly sein Büro betrat, sah Paolo Rivelli von der Akte auf, die vor ihm lag, und lächelte sie an. Er war ein beleibter, gut gelaunter Mittfünfziger mit wachen Augen. Das einst schwarze, gewellte Haar war schütter geworden, und auf seinem blanken Schädel spiegelte sich die Neonleuchte. Er ließ sich gegen die Rückenlehne fallen und sah sie fragend an.

»Ciao, Paolo. Störe ich?«

»Du doch nie, Nelly. Was verschafft mir die Ehre?«

»Ich hab gehört, du kümmerst dich um die Sache mit Rechtsanwalt Anselmo Pisu, du weißt schon, der, der ...«

»Das Treppenhaus runtergepurzelt ist. Genau. Wieso interessiert dich das, wenn ich fragen darf?«

»Er ist der Cousin meiner besten Freundin, der Journalistin Sandra Dodero. Ich wollte fragen, was du davon hältst und an welchem Punkt ihr seid. Einfach nur so.«

Paolo Rivelli musterte sie spöttisch. Einfach nur so?

»Nun ja, bis jetzt gibt es noch nichts Neues. Der Herr ist wie jeden Morgen auf dem Weg ins Büro die Treppe hinuntergegangen. Zu Fuß, um sich die Beine zu vertreten. Im dritten Stock ist er dann über die Brüstung gestürzt und das Treppenhaus runtergeflogen. Verschiedene Frakturen, Schädelbruch, er liegt im Koma. Keine Zeugen. Der Hausmeister war gerade nicht da, weil er Arzneimittel für eine alte Mieterin gekauft hat. Wenn du die Zeugenaussagen sehen willst, hier.« Er hielt ihr eine Akte hin. »Auf der Treppe war niemand, keiner hat was gesehen oder gehört. Er wurde rund eine Stunde nach dem Vorfall gefunden. Was den Hergang angeht, da gibt es zwei Hypothesen. Die eine: Er ist beim Runterlaufen gestolpert, hat das Gleichgewicht verloren und ist über das Geländer gestürzt. Scheißpech, aber kann passieren. Die andere: Jemand hat ihn gestoßen. Es gibt allerdings keinerlei Kampfspuren, nichts, was auf das Zutun einer zweiten Person schließen lässt. Celsi meint, wenn jemand ihn geschubst hat, muss der sehr geschickt gewesen sein und richtig viel Schwein gehabt haben. Lies ruhig, lies den Bericht.«

Nelly überflog den Bericht der Spurensicherung. Rivelli musterte sie schweigend.

»Weiß man, ob der Typ Feinde hatte? Hat er Drohungen bekommen?«

Rivelli lachte.

»Der war Anwalt, ein ziemlich bekannter obendrein, und er war schon lange im Geschäft. Sein Gebiet waren Finanzdelikte, Korruptionsfälle. Er hat wichtige Mandanten gehabt, einflussreiche Leute rausgehauen. Mach dich schlau, wenn du willst, in der Akte findest du alles, was wir bisher herausbekommen haben. In seiner Kanzlei arbeitet rund ein Dutzend Anwälte, wir befragen jeden einzelnen. Und zum Stichwort Drohungen: Das Einzige, was bisher ans Licht gekommen ist, sind ein paar nichtssagende Drohbriefe. Darin stand, Moment ...« Er zog eine Fotokopie der Briefe hervor, die Sandra ihr am Vorabend im Caffè degli Specchi gezeigt hatte.

»Hier, schau: ›Schweine. Das werdet ihr büßen.‹ Aber die haben alle Familienmitglieder bekommen, nicht nur er. Ist schon eine Weile her. Pisus Schwester, Marilena Pizzi, meint, da stecke was hinter, aber ich glaube nicht, dass es eine Verbindung zu dem Sturz des Anwalts gibt. Wenn du mich fragst, handelt es sich um einen Unglücksfall: Man passt nicht auf, tritt ins Leere, und schon ist es vorbei. Wir hängen alle am seidenen Faden, meine Liebe. Nichtsdestoweniger machen wir mit den Ermittlungen weiter, und ich halte dich auf dem Laufenden, wenn du willst.«

Die Zeit rast. Es ist bereits später Nachmittag. Als sie ein wenig Luft hat, überfliegt Nelly die Akte zu Anselmo Pisu und ruft sich noch einmal ins Gedächtnis, was Rivelli gesagt hat. Paolo hat von ihm gesprochen, als wäre er schon tot. Na ja, tiefes Koma ... Tano schlüpft lautlos herein, setzt sich vor ihren Schreibtisch. Sie blickt auf. Er sieht sie an, und das Schweigen zwischen ihnen wächst wie eine Pfütze, die sich in einen See verwandelt. Ein stumpfes, kleines Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, als sie sich erinnert, dass er sie gebeten hatte, so bald wie möglich in sein Büro zu kommen. Er räuspert sich.

»Ich ... Gestern Abend war ich drauf und dran, zu dir zu kommen. Ich weiß nicht, was mich davon abgehalten hat.« Er ist aufgestanden und geht auf sie zu, doch sie weicht instinktiv zurück. Er begreift, dass er sie nicht berühren soll, und hält gerade noch inne.

»Das kann ich dir genau sagen. Ich habe es dir verboten, das hat dich abgehalten. Wenn wir nichts voneinander hören, lässt du dich nicht blicken, ich dachte, darüber wären wir uns einig. Was würdest du denn sagen, wenn ich plötzlich ohne Vorwarnung bei dir auftauchen würde und du gerade mit deiner aktuellen Affäre im Bett wärst? Wie heißt die aus Bologna noch? Anita?«

Wut und Angst lassen ihre Stimme zittern. Er presst die Lippen zusammen, und das Blau weicht aus seinen Augen. Nelly wendet sich ab, damit sie die Veränderung in seinem Gesicht nicht mit ansehen und sich eingestehen muss, dass sie der Grund dafür ist.

»Dann stimmt es also, du warst gestern Abend mit jemandem zusammen?«

Er hat wieder vor dem Schreibtisch Platz genommen, die Hände unterm Kinn gefaltet, und plötzlich sieht er aus wie ein Bulle bei einem Verhör. Großer Fehler, mein Lieber. Genau das darf nicht passieren: Mit mir keine Kreuzverhöre.

»Ich dachte, es wäre alles klar. Wir hätten eine Abmachung. Du bist frei oder auch nicht, ganz egal. Ich bin nicht frei, und Carlo ist mir wichtig.« Oh, oh, seine Augen haben sich in bleigraue Schlitze verwandelt, doch Nelly lässt nicht locker, auch wenn sich ihr der Magen zusammenzieht. »Wenn wir ab und zu mal Lust darauf haben, sehen wir uns, aber nur mit Vorankündigung, keine Überraschungen. Hab ich was verpasst? Hat sich seit unserer Abmachung irgendwas geändert?«

Nellys Zunge ist wie geschwollen, ihre Kehle trocken. Sie schluckt noch einmal mühsam, blickt auf und sieht ihn an. Doch Tano starrt aus dem Fenster, als gäbe es dort etwas sehr Interessantes zu sehen. Sein Stuhl knarzt, trocken lässt er seine Fingergelenke knacken. Der See aus Schweigen breitet sich weiter aus, dunkel und unergründlich. Dann holt er tief Luft und dreht sich zu ihr um. Seine Augen sind wieder blau, zumindest scheint es so, doch sehr viel kälter als vorher.

»Nein, du hast nichts verpasst. Das ist die Abmachung, und an Abmachungen hält man sich. Also, ich wollte mit dir über eine seltsame Geschichte reden. Sagt dir der Anwalt Anselmo Pisu etwas?«

Nelly sieht ihn fragend an. Sie muss an ihre Unterhaltungen mit Sandra und Rivelli denken.

»Avvocato Pisu? Der hat doch einen Unfall gehabt. Er ist den Treppenschacht runtergestürzt und liegt jetzt im San-Martino-Krankenhaus im Koma.«

»Er ist vor zwei Stunden gestorben. Rivelli hat mir gesagt, dass morgen die Autopsie und Freitag die Beisetzung ist. Ich habe mir überlegt hinzugehen. Ich kannte ihn, wenn auch nur flüchtig. Kommst du mit?«

III

An diesem Freitag nieselte es nicht. Eisiger Schneeregen fiel auf die graue Stadt, die Kälte drang einem bis ins Mark. Die Autos, die aus dem Inland kamen, hatten bereits Schnee auf den Dächern, er war also nicht mehr weit weg. Ideales Wetter für eine Beisetzung. Das reine Vergnügen. Und die Autopsie hat nichts Auffälliges ergeben. Keinerlei Gewalteinwirkung vor dem Unfall, nichts. Sämtliche Brüche stimmen mit dem Sturz in den Treppenschacht überein. Ein Rätsel oder tatsächlich nur Pech, wie Rivelli behauptet.

Die San-Martino-Kirche war gerammelt voll mit Verwandten, Freunden, Bekannten, Kollegen, die es mit dem Sauwetter aufgenommen hatten, um Avvocato Anselmo Pisu das letzte Geleit zu geben. In ihren biberfarbenen Mantel mit der weiten Kapuze gehüllt – ein Irrsinn, obwohl sie ihn letztes Jahr im Schlussverkauf erstanden hatte –, stand Nelly mit zu Eisklümpchen gefrorenen Zehen neben einem hocheleganten Tano in rauchfarbenem Mantel und nutzte den nicht enden wollenden Trauergottesdienst dazu, die Anwesenden in Augenschein zu nehmen. Undurchdringliche Beileidsmienen. Einzig das Gesicht der dreiundzwanzigjährigen Tochter des Verstorbenen war tränenüberströmt und zeigte wahren Schmerz. Wie heißt die noch gleich? Sandra hat’s mir gesagt. Serena, genau. Sie war mittelgroß, blass und blond und trotz der Augenringe und des leidverzerrten Gesichtes sehr hübsch. Der Bruder Giancarlo, ein junger Mann um die fünfundzwanzig, stand steif und ausdruckslos neben ihr. Er war dunkel und ziemlich groß, die Mutter hingegen war blond – inzwischen gefärbt, doch es musste ihre ursprüngliche Haarfarbe gewesen sein – wie die Tochter. Sandra hat sie ... Alice genannt, genau, Alice. Sehr gepflegt, schlank und elegant in einem nerzgefütterten Mantel. Sie wirkte seltsam unbeteiligt, vielleicht war es der Schock? Ein Mann um die fünfzig stand neben ihr und hielt ihre Hand. Er war rund eins fünfundsiebzig groß und kräftig, hatte graumeliertes, halblanges Haar und etwas Pseudokünstlerhaftes an sich. Na klar, der Regisseur, der Bruder des Toten. Alceo Pisu. Auf der anderen Seite eine Frau gleichen Alters, gepflegt, gut geschminkt, dunkel mit mahagonifarbenen Strähnen. Marilena Pizzi, die Schwester. Die berühmte Schönheitschirurgin. Erfolglos suchte Nellys Blick nach der anderen Schwester. Wie hieß die noch? Maria Grazia? Vielleicht konnte sie nicht kommen, wegen der kranken Mutter. Dann der letzte Gruß, die Beileidsbekundungen derer, die den Verstorbenen nicht mehr auf den Friedhof von Staglieno begleiten würden und sich hier verabschiedeten. In der Gruppe Familienangehöriger entdeckte Nelly Sandra in einer dreiviertellangen Kamelhaarjacke mit schwarzem Spitzenschleier. Sie nickten einander zu, und Sandra machte ihr ein Zeichen, dass sie sie anrufen würde. Tano hatte sich hinter verschiedenen Richtern und Anwälten, die Nelly persönlich oder vom Sehen kannte, in die Schlange der Kondolierenden eingereiht. Der Richter Luca Ferrari, mit dem sie einmal eine kurze Affäre gehabt hatte, entdeckte sie und lächelte ihr zu. Sie nutzte die Gelegenheit und ging zu ihm, um etwas über den Verstorbenen zu erfahren.

»Ciao, meine Liebe. Wie geht es dir?«

»Ciao, Luca. Danke, gut. Und dir?«

»Bestens. Und bei Mau, alles in Ordnung?«

»Ja, er ist jetzt in Mailand, zum Studieren.«

»Die Zeit ist schlimmer als ein Transrapid, ich weiß noch, wie er gerade auf die Welt gekommen war ...«

Nelly kniff die Lippen zusammen und hakte ihn unter.

»Stimmt. Hör mal, Luca. Anselmo Pisu, kanntest du den gut? Wie war der so?«

Er zog die Brauen hoch, als dächte er nach. Dann beugte er sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr.

»Überheblich. Nervtötend. Brillant, aber nicht besonders beliebt. Willst du noch mehr hören? Wenn ja, lade ich dich gerne zum Essen ein und erzähle dir alles, was ich weiß. Und du verrätst mir, weshalb dich das interessiert.«

»Wir zwei, zum Essen? Und was sagt Maria Antonia dazu?«

Ein undefinierbares Lächeln huschte über sein langes, beherrschtes Gesicht.

»Sie erzählt mir auch nicht, mit wem sie ausgeht und was sie macht. Du weißt doch, wie es zwischen uns steht, leider. Und in den letzten Jahren ist es bestimmt nicht besser geworden. Was hältst du von Montag um halb neun im Terrazze del Ducale? Wir haben uns seit einer Ewigkeit nicht mehr in Ruhe gesehen.«

»Das stimmt allerdings. Also, abgemacht. Ich freue mich darauf, endlich mal wieder ein bisschen mit dir zu plaudern, Luca!«

Er drückte leicht ihre Hand. Die Schlange war inzwischen kleiner geworden, und sie standen fast vor der Witwe. Die Augen der Frau waren leer. Die ist mit Beruhigungsmitteln oder ähnlichem Zeug vollgestopft. Nelly sah die tiefen, verbitterten Furchen um ihren Mund. Das schwere Make-up konnte ihre violettblauen Augenringe nicht kaschieren.

»Danke, dass du gekommen bist, Luca.« Während der Richter ihre Finger mit beiden Händen ergriff und einige aufrichtige Sätze des Bedauerns sagte, beobachtete Nelly Anselmos Tochter, die nicht aufhören konnte zu weinen. Sie stellte sich vor, flüsterte ein paar Platituden, drückte verschiedene Hände und trat zur Seite, um anderen Platz zu machen.

Vor der Kirchentür hasteten einige davon, die meisten folgten jedoch dem Trauerzug bis zum Friedhof von Staglieno. Nelly und Tano gingen zu seinem Auto, das wild in einer der Krankenhauszufahrten parkte, und reihten sich mit einiger Mühe in die Autoschlange hinter dem Bestattungswagen ein, der sich auf dem Corso Europa langsam in den Verkehr Richtung Val Bisagno einfädelte.

Tano fuhr schweigend und hing seinen Gedanken nach, die er offenbar nicht mit seiner Begleiterin teilen wollte. Nelly war darüber froh und sauer zugleich. Hin und wieder blinzelte sie verstohlen zu seinem schönen, ernsten, fast finsteren Profil hinüber, das ihr inzwischen so vertraut war. Wieso muss das Leben so kompliziert sein? Und wieso mache ich es mir immer noch komplizierter? Ist ein Mann nicht genug? Ich liebe Carlo – und bin in Tano verliebt. Auf keinen der beiden kann ich verzichten. Ich bin verrückt ... Der Polizeivize schien ihre Gedanken zu lesen, denn er wandte kurz den Kopf und blickte sie an.

»Das Leben, was, Nelly? So kurz und voller Widrigkeiten. Einmal nicht aufgepasst, man stolpert auf der Treppe, und alles ist aus.«

Nelly erschauderte und drückte sich in den weichen Mantel, bis ihr Gesicht in der weiten Kapuze fast verschwand.

»So ist es.« Er griff nach ihrer Hand. Nelly leistete keinen Widerstand, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Die Autokolonne kam vor dem Haupteingang von Staglieno zum Stehen. Genua ist berühmt für seinen Monumentalfriedhof mit den von namhaften Künstlern gestalteten Grabmälern. Zu jeder Jahreszeit laufen Scharen von Touristen mit Reiseführern dort herum, doch an diesem eisigen Wintermorgen war von ihnen nichts zu sehen. Nelly stieg aus dem Auto, ließ den Blick über die riesige Totenstadt schweifen und empfand wie immer Abscheu. Sie war nur wenige Male hier gewesen, und das bestimmt nicht freiwillig. Sie hasste Friedhöfe im Allgemeinen und Staglieno im Besonderen.

Zu Fuß folgte die trübe Karawane dem dunklen Bestattungswagen, der im Schritttempo vorneweg fuhr und schließlich hielt. Der Bruder, der Sohn und andere Männer, die Nelly nicht kannte, schulterten den Sarg und trugen ihn das letzte Stück den von Mausoleen übersäten Hügel hinauf. Von den Bergen wehte ein eisiger Wind, und die halb gefrorenen Regentropfen traktierten die Gesichter der Trauergäste wie Nadelstiche. Es sah aus, als hinge die Luft voller Glassplitter. Nelly fing so heftig an zu zittern, dass Tano ihr ungeachtet der zahlreichen Zeugen den Arm um die Schultern legte und sie an sich zog. Sie ließ ihn gewähren. Ihre Lippen waren blau, der Blick starr. Ihr war, als hätte sie plötzlich ihren Körper verlassen und beobachtete alles von außen, den Sarg auf den Männerschultern, die Menschen in Schwarz, Tano, sich selbst. Beim Gang auf den Hügel war der Nebel dichter geworden, und die weinenden Engel, die einige Gräber schmückten, schienen unvermittelt aus dem Jenseits aufzutauchen, um die Sterblichen an ihr gemeinsames, unausweichliches Schicksal zu erinnern.

»Nelly? Nelly, um Gottes willen, geht’s dir gut? Du bist so blass, schmier mir hier bloß nicht ab, hörst du!«

Tano flüsterte ihr ins Ohr und versuchte sie zu stützen, als er merkte, dass sie schlaff in seinem Arm hing und jeden Augenblick schwerer wurde. Doch Nelly hörte ihn nicht. Ihre starren Augen waren weit aufgerissen und sie zitterte unaufhörlich. Ihr war, als würde sie im Nebel versinken, als der Trauerzug plötzlich wie ein Mann vor der weit geöffneten Pforte einer schwarzen Marmorkapelle zum Stehen kam. Zwei Engel mit drohend in die Höhe gereckten Schwertern bewachten den Eingang. Es ist wie im Sommer, als Simba sein Unwesen trieb und Claire und ich ... Das ist unmöglich, das ist mir seitdem nie mehr passiert ... Sie presste die Lider zusammen, das Geräusch der Friedhofsdiener, die damit beschäftigt waren, den Sarg in der Kapelle einzumauern, vermischte sich mit ihrem Herzschlag. Für einen entsetzlichen Moment schien es ihr, als läge sie anstelle des Toten im Sarg.

»Jetzt reicht’s, wir gehen. Ich sehe doch, dass du dich elend fühlst.«

Fügsam stolperte sie neben Tano her, der sie um die Taille fasste. Sie fühlte sich kraft- und willenlos, die Statuen schienen sich über sie lustig zu machen. Die Schneeflocken fielen jetzt groß und dicht, und die Landschaft verschwand in einem weißen Strudel, während die Zeit ins Grenzenlose zerfloss. Als sie schließlich – sie wusste nicht, nach wie vielen Stunden – die Augen öffnete, war sie bei Tano zu Hause.

Tano, der ihr Hände und Füße massierte. Tano, der sie auszog und in eine Wolldecke hüllte. Tano, der ihr etwas Warmes, Starkes einflößte, das brennend in den Magen rann. Der sie auf den Mund küsste, zunächst ganz sacht, dann immer fordernder, die Hände überall. Nelly schloss die Augen, erwiderte seine Küsse und ließ sich gehen.

IV

Sie lag allein in dem großen Bett mit dem gepolsterten, schwarzledernen Kopfende. Paradiesisch. Von der Hölle ins Paradies. Zum zweiten Mal binnen weniger Tage öffnete sie die Augen und fühlte sich vollkommen glücklich. Dann kam ihr die Beisetzung in den Sinn, ihre plötzliche Verstörtheit, und sie fragte sich, welche ihrer Erinnerungen, die ihr noch immer wie ein Traum vorkamen, der Wirklichkeit entsprachen. Sie hatte mit Tano geschlafen, da gab’s nichts zu rütteln. Seufzend schwang sie die Beine aus dem Bett und trat ans Fenster. Tano wohnte in einer stilvoll eingerichteten Zweizimmerwohnung im Zentrum, das große Fenster ging auf den Parco dell’Acquasola hinaus, und vor ihr lag still die in makelloses Weiß gehüllte Stadt. Genua im Schnee war ein höchst ungewöhnlicher Anblick. Da es nur selten schneite, war man nicht entsprechend gerüstet, und jedes Mal geschah das Gleiche: Nach dem ersten Schnee war die Stadt wie mit einem Bann belegt. Der Verkehr brach zusammen, vor allem die Autobusse kamen auf den steilen Straßen nicht voran, gerieten auf dem vereisten Pflaster ins Rutschen und stellten sich quer. Die Schulkinder jubelten, Ferien! Tags darauf hatten sich dann die meisten darauf eingestellt, die Busse legten Schneeketten an, und das Leben lief wieder fast normal. Wenige Tage später war der Schnee weggeschmolzen, und nur ein paar schmutzige, vereiste Haufen an den Straßenrändern erinnerten an ihn. Doch jetzt war er unberührt, mindestens dreißig Zentimeter hoch und hüllte jeden Makel in blendendes Weiß.

Nelly hatte die Nase gegen die Scheibe gedrückt, die von ihrem Atem beschlug, und hörte den Schlüssel im Schloss nicht. Mit zwei verlockenden Take-away-Päckchen von Bruciamonti in der Hand betrat Tano lächelnd die Wohnung. »Tintenfisch mit Kartoffeln und Oliven, geräucherter Lachs, Caponata. Na, wie klingt das?«, verkündete er. Sofort fühlte Nelly sich unwohl, am falschen Ort mit dem falschen Mann. Die Nacht mit Carlo war noch zu lebendig. Tano bemerkte sofort, wie sich ihre Miene veränderte, stellte die Tüten auf der Kommode ab und sah sie ernst und fragend an.

»Wie geht’s? Fühlst du dich besser?«

»Ja, alles bestens. Danke für deine Hilfe auf dem Friedhof. Ich weiß wirklich nicht, was mit mir los war. Entschuldige, aber jetzt muss ich los. Tut mir leid wegen des Abendessens.«

»Ein ziemlich plötzlicher Abschied, muss ich sagen.«

»Es tut mir leid, ich ... Wäre die Situation eine andere ... Aber es ist nun mal so, wie es ist.«

»Das liegt nicht an mir, Nelly. Wenn’s nach mir ginge ...«

Aber sie schnitt ihm das Wort ab und bat ihn mit einer Handbewegung, das Schlafzimmer zu verlassen, damit sie sich anziehen konnte.

V

Auf den Dächern und Straßen begann der Eintagsschnee zu schmelzen. Es war Wochenende, früher Sonntagnachmittag, und Nelly blickte aus dem Wohnzimmerfenster auf die Terrasse und die mit schmuddeligem Schneematsch bedeckten Kräutertöpfe. Seit Mau weggezogen war, hatte sie sich im Gegensatz zu früher einigermaßen regelmäßig um sie gekümmert, denn es hätte ihr leidgetan, wenn sie eingegangen wären. Er hatte sie immer gepflegt ... Wie war das noch mal? Unter dem Schnee sind die Pflanzen geschützt, es ist der Frost, der ihnen schadet. Na, wenn das mal stimmte. Sie öffnete die Fenstertür, zog sich den ausgeblichenen rosa Morgenmantel um die Schultern und trat hinaus. Unter dem schweren, hier und da vom Wind aufgerissenen Winterhimmel war die Terrasse ein einmalig stimmungsvoller Ort. So klein sie war, bot sie einen atemberaubenden Blick über Stadt, Berge und Meer und bildete in Nellys Privatleben den Mittelpunkt. Das Meer war grau wie der Himmel, doch die ziehenden Wolken zauberten Lichtreflexe auf seine Oberfläche. Der Hafen und die Altstadt mit den ebenfalls grauen Schieferdächern sahen aus wie eine weiß gesprenkelte Felsenlandschaft. Der Sonntag, sowieso der ruhigste Tag der Woche, war von einer unnatürlichen Stille erfüllt, als befände man sich tatsächlich in einer antiken, verlassenen Ruinenstadt. Die haben sich alle in ihren Wohnungen verkrochen, liegen im Bett oder sitzen mit Verwandten und Freunden bei Tisch. Sie seufzte und spürte, wie sich die Leere in ihr breitzumachen drohte. Schaudernd zog sie sich den Morgenmantel genannten Lumpen eng um die Schultern, kehrte in die Wohnung zurück und schloss die Tür. Silvestro, der lautlos und unbemerkt auf die Terrasse geschlichen war, hockte miauend davor und wollte wieder ins Warme. Winkend hob er die Pfoten und warf ihr herzzerreißende Blicke zu. Sie öffnete, doch kaum stand die Tür auf, wurde das dumme Tier sofort unschlüssig. Die legen sich auch nicht gern fest, genau wie ihr Frauchen. Sie dachte an den vorigen Tag, Samstag, an ihre Flucht aus Tanos Wohnung. Ich brauche mir gar nichts vorzumachen, Tano zieht mich einfach magisch an, kaum bietet sich eine Gelegenheit, sind wir zwei nicht zu halten. Himmel, was für ein Schlamassel! So kann es nicht weitergehen. Aber warum eigentlich nicht? So wie mir geht’s doch vielen! Sich nicht entscheiden zu können, dies und das zu wollen. Ich bin sicher, daran ist nur die Entfernung schuld. Wäre Carlo immer hier, würde mir das nicht passieren. Aber so ... Scheiße noch mal, wer will sich überhaupt entscheiden?

Sie ging zum Kühlschrank, öffnete ihn, griff nach dem Glas Light-Mayonnaise und dem Kastenweißbrot, steckte zwei Scheiben in den Toaster, setzte sich und wartete, dass sie wieder heraussprangen. Einsame Sonntage waren trostlos. Als ihr Sohn noch bei ihr wohnte, war er zwar auch fast nie zu Hause gewesen, aber dennoch hatte er die Bude mit Leben gefüllt. Unversehens konnte er hereinkommen, lachen, herumwitzeln, streiten ... Seufzend betrachtete sie ihre Taille, die wieder runder zu werden drohte. Kein Wunder, wenn sie weiterhin von Brot mit Mayo und Take-away-Pizza lebte. Die Brotscheiben sprangen mit einem Klacken aus dem Toaster, Nelly bestrich sie großzügig mit der gelben Creme und fühlte sich sehr masochistisch. Gerade wollte sie in die erste Scheibe beißen, da klingelte das Telefon. Schnaubend griff sie nach dem Hörer. Sandras tiefe, kehlige und von ihr selbst als sexy bezeichnete Stimme drängte sich in ihr Ohr und fegte die grauen Gedanken hinweg.

»Nelly? Was machst du gerade?«

»Ich kratze mich, stell dir vor.«

»Entschuldige, wenn ich dich bei so einer anspruchsvollen Tätigkeit störe, dazu noch am heiligen Sonntag. Was hältst du von einem netten Familientreffen?«

Nelly begriff nicht. »Was denn für’n Familientreffen?«

Ein Seufzer, dann: »Hör mal, ich bin echt nicht sauer, wenn du mir den Mittelfinger zeigst, aber ich bin gerade bei meiner Tante Lorenza. Alle Verwandten sind da, das wäre eine prima Gelegenheit, um ein bisschen mit ihnen zu plaudern. Nur, um dir selbst ein Bild zu machen, wie die Familie tickt. Um ein paar Eindrücke und Ideen zu kriegen. Na? Komm doch, bitte. Sie wohnen nicht weit vom Bahnhof Principe, gleich hinter der Via Balbi.«

Sandras Stimme klang flehend. Nelly wollte nicht, dass sie bemerkte, wie froh sie über diesen Vorschlag war, doch sie konnte sich nicht verstellen. »Wo? Wann?«, platzte sie heraus. Sie verabredeten sich um fünf.

Die gefütterten Stiefel knöcheltief im dreckigen Matsch, den man bis vor wenigen Stunden als Schnee bezeichnen konnte, und in ihren schwarzen Parka gehüllt, blickt Nelly verdutzt auf den wuchtigen Palazzo, der nach wenigen hundert Metern in der steilen, mit Ziegelsteinen gepflasterten Gasse jenseits der Via Balbi vor ihr auftaucht. Neugierig geht sie so weit wie möglich um das Gebäude herum, das selbst für das vor originellen Bauwerken strotzende Genua einzigartig ist. Das Eingangstor in der trutzigen Wand sieht aus wie ein Burgtor, und tatsächlich wird die Mauer hinter der nächsten Ecke noch höher und wirkt, als gehörte sie zu einem Turm oder einer Festung. Reste einer Stadtmauer? Einer Befestigungsanlage? Kopfschüttelnd versucht sich Nelly einen Reim darauf zu machen. Da denkt man, man kennt fast jeden Winkel dieser Stadt, und trotzdem gibt es immer wieder neue Überraschungen. Man biegt in ein steiles Gässchen ein, passiert einen Bogengang und entdeckt eine neue Welt. Nelly kehrt zu dem riesigen, mit spitzen Metallbeschlägen bewehrten Tor zurück und sucht auf dem Klingelschild nach dem Namen Pisu. Da ist er. Sie schellt, das Schloss schnappt mit einem trockenen Klacken auf, doch die schweren Flügel öffnen sich nur einen Spaltbreit. Nelly muss sich mit ganzer Kraft dagegenstemmen, um hindurchschlüpfen zu können. Wer, bitte, wohnt denn hier? Riesen? Zyklopen? Die Überraschungen hören nicht auf. Das Atrium ziert rechts ein Nymphäum, links führt eine von Säulen flankierte Marmortreppe zu einer von außen unsichtbaren, hinter den meterhohen Mauern verborgenen Terrasse. Rechts ein weiteres Tor, der eigentliche Eingang zu diesem architektonischen Monstrum, hinter dessen mittelalterlicher Fassade ein Bau aus dem neunzehnten Jahrhundert zum Vorschein kommt, mit Treppen und Aufzügen. Endlos lange Gänge auf jeder Etage, nur zwei Wohnungen pro Geschoss. Wo bin ich da bloß hingeraten? Wenn Poe oder Polanski das hier sehen könnten, wer weiß, was denen dazu einfallen würde! Der Aufzug ist ziemlich neu, allerdings nicht so neu, dass sie nicht zusammenzuckt, als er mit einem jähen Ruck zum Stehen kommt. Im sechsten Stock des bizarren Gebäudes leben Lorenza und Maria Grazia Pisu. Sie bewohnen die gesamte Etage. Nelly steht vor einer gepanzerten Tür. Das Treppenhaus ist noch unsaniert, die Wände sind mit langen verschiedenfarbigen Strichen überzogen, die davon zeugen, dass die Elektroinstallation auf europäischen Standard gebracht wurde. Sandra öffnet ihr die Tür in einem weit ausgeschnittenen Etuikleid aus schwarzem Samt mit einer dreifachen Goldkette auf der braunen Haut.

»Da bist du ja, Nelly. Danke, dass du gekommen bist, du Liebe.«

Die Decken sind unglaublich hoch, wie so oft in den alten großbürgerlichen Genueser Wohnungen. Der einst mehrfarbige Stuck bröckelt und hätte eine fachmännische Restaurierung nötig. Der Fußboden ist aus Genueser Terrazzo, mit dunklen Rahmen um den senfgelben Grund, doch hier und da sind nachlässig zugeschmierte Risse erkennbar, Verschleißspuren, wie Löcher in einem makellosen Gobelin. An den Wänden verschossene Tapeten, die Beleuchtung ist spärlich und schummrig, Grabeslicht, der vergoldete Wandspiegel, die Empire-Kommode, die dunklen, schwarz gerahmten Bilder könnten bei einem ausgesuchten Antiquitätenhändler stehen.

Sandra zieht sie einen endlos scheinenden Flur entlang, der sich dunkel und bedrohlich in den Eingeweiden des Hauses verliert. Durch eine große Glastür linker Hand betreten sie einen geräumigen Salon, der dem Palazzo Ducale alle Ehre machen würde. Da sind sie, Sandras Verwandte. In einem Sekundenbruchteil registriert Nelly die Szene: grauer Marmorkamin an einer Wand, Louis-Philippe-Möbel, riesiges Sofa, vier Sessel, alles mit abgenutztem Originalgobelin bezogen. Vor dem Sofa ein grünes Marmortischchen. Auf dem Boden alte Teppiche, teils fadenscheinig und restaurierungsbedürftig, aber sehr wertvoll. Eine Wand wird von einem wunderschönen Kelim eingenommen. Antike Porzellanvasen und düstere Bilder in ebenso dunklen Rahmen vervollständigen die Einrichtung. In der Luft ein leichter Geruch nach Moder, nach geschlossenen Räumen, nach ... Niedergang? Die anwesenden Personen, eben noch ins Gespräch vertieft, wenden sich zur Tür und starren Sandra und Nelly schweigend an. Auf dem Sofa sitzt Cousine Marilena, die plastische Chirurgin, in einem grauen Seidenkostüm, das dunkle, mahagonirot schimmernde Haar perfekt frisiert. Sie ist runder als Sandra, hat ebenfalls braune Augen und ein breites Gesicht, das mit dem Alter dick zu werden droht. Neben ihr sitzt ein Mann mit grauem, schütterem Haar, den Nelly bisher noch nicht gesehen hat. Er muss sehr groß sein, denn er hält die langen Beine unbequem angewinkelt. Daneben steht, an eine grüne Marmorsäule gelehnt und in einer Haltung, die an die sepiafarbenen Aufnahmen der letzten Jahrhundertwende erinnert, der Künstler der Familie, der berühmte Regisseur Alceo Pisu. Er ist mittelgroß und dunkel, doch seine wilde Mähne ist inzwischen recht graumeliert. Mit einem dannunzianisch gelangweilten Gesichtsausdruck hebt er verächtlich eine Braue, und das ist der einzige Funke Leben in dieser vollkommen reglos scheinenden Szenerie. Neben ihm steht eine attraktive Frau Mitte, Ende dreißig – heutzutage ist es wirklich schwer, das Alter einer Frau zu erraten, vielleicht hat sie die vierzig auch schon überschritten –, blondiert, in unpassendem Knallgrün, die blauen Augen stark geschminkt, die Lippen rot. Auf einem Sessel sitzt Alice Pisu, die Witwe, mit dem gleichen weggetretenen Gesichtsausdruck wie bei der Beerdigung. Neben ihr steht der Sohn Giancarlo. In einem weiteren Sessel sitzt die Tochter Serena, das blasse Gesicht ist nicht mehr tränenüberströmt, die traurigen Augen sind ins Leere gerichtet. Als wäre die Klappe eines Regisseurs gefallen, kommt plötzlich Leben in das gerade noch unbewegte Bild. Es ist Sandra, die den Zauber bricht.

»Meine Lieben, das ist meine Freundin Nelly Rosso, Kommissarin bei der Genueser Polizei. Komm, Nelly, ich stelle dir meine Cousins vor.«

Doch weiter kommt sie mit der Bekanntmachung nicht. Der Mann neben der Marmorsäule, den Nelly als den Regisseur erkannt hat, macht eine ungehaltene Handbewegung, wie um eine Fliege zu verjagen, und verzieht angewidert den Mund.

»Ich verstehe einfach nicht, was für einen Scheiß du dir da in den Kopf gesetzt hast, Sa. Was hat deine Freundin mit Anselmos Tod zu tun? Die Polizei schnüffelt sowieso schon überall herum, sogar obduziert haben sie ihn. Ohne Ergebnis. Ein Unfall, es war ein beschissener Unfall. Können wir also bitte aufhören, die Sache auf Teufel komm raus schlimmer zu machen, als sie ohnehin schon ist?«

Zum bewegten Bild hat sich der Ton gesellt. Nicht gerade eine Verbesserung. Alceo Pisu hat einen harten Bariton, der das ganze Zimmer erfüllt, man hört, dass er gewohnt ist herumzukommandieren. Sandra lässt sich jedoch nicht einschüchtern.

»Du führst dich mal wieder auf wie die Axt im Wald, Alceo. Ich habe mit allen gesprochen, mit Marilena, mit Alice, alle waren einverstanden, nur du musst mich vor meiner Freundin blöd dastehen lassen, die ihren freien Tag opfert, um euch ein paar Fragen zu stellen.«

Sie sieht Nelly an. »Entschuldige, meine Liebe, er kann nichts dafür, dass er so ein Trampeltier ist.«

Alceo bricht in Lachen aus, kommt auf Nelly zu und streckt ihr in einer einstudierten, theatralischen Geste die Hände entgegen.

»Meine liebe ... Nelly?« – »Dottoressa Nelly Rosso.« – »Meine liebe Dottoressa Rosso, entschuldigen Sie meine Ehrlichkeit, die stets hart an der Grenze zur Unverschämtheit ist. Ich bin Alceo Pisu, Anselmos Bruder. Ich habe gewiss nichts gegen Sie, im Gegenteil, es ist sehr freundlich von Ihnen, sich den schönen Sonntag mit vollkommen Unbekannten zu versauen, die dazu noch in Trauer sind, ein Riesenspaß!, aber die Frauen der Familie sehen überall Gespenster und Verschwörungen. Ich hingegen nehme das Schicksal, wie es ist. Anselmo ist von uns gegangen, weil seine Zeit gekommen war, das ist alles. Friede seiner Seele, das Leben geht weiter, lasst es uns genießen, so lange wir können.«

Anselmos Tochter Serena bricht wiehernd in Tränen aus, die Mutter presst die Lippen zusammen. Nelly macht einen Schritt in das Zimmer, während Marilena Pizzi sich vom Sofa erhebt und mit ausgestreckter Hand auf sie zukommt. Fast die identische Geste wie bei Alceo. Sind in dieser Familie alle Schauspieler?

»Eigentlich war es meine Idee, Sie einzuladen, Dottoressa. Ich bin Marilena Pizzi. Ich möchte mich für meinen Bruder entschuldigen, er muss immer im Mittelpunkt stehen, ohne geht es nicht, die anderen sind ihm egal. Verzeihen Sie ihm, auch wenn er es nicht verdient. Herzlich willkommen und danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.«

Mit der Schnelligkeit einer Schlange fährt sie zu ihrem spöttisch dreinblickenden Bruder herum.

»Wenn dich das Ganze nicht interessiert, mein lieber Alceo, wieso schnappst du dir nicht deine Schnalle und ziehst Leine? Von uns wird dich bestimmt keiner vermissen.«

Marilenas Tonfall ist sanft und freundlich. Alceo zuckt nur mit den Achseln, verzieht das Gesicht und grinst seine Begleitung an, die die Szene völlig kaltzulassen scheint. Offenbar kennt sie das alles schon.

»Tja, also ... bei all diesen Weibern, die mir in den Rücken fallen, habe ich wohl keine Chance, ich ergebe mich. Gnade, Erinnyen, entmannt mich nicht!« Er dreht sich um und ruft in Richtung einer zweiten Tür: »Magraja, wo zum Teufel steckst du? Komm her, wir wollen was trinken.«

Von der herrischen Stimme gerufen – in so einem Ton ist man früher vielleicht mit seinen Dienstboten umgesprungen, denkt Nelly –, erscheint eine hochgewachsene, schlanke Frau in der Tür, jedoch mit hängenden Schultern und leicht zur Seite geneigtem Kopf, was sie kleiner aussehen lässt. Als wollte sie sich unsichtbar machen. Sie ist irgendwas zwischen dreißig und vierzig, ihre Haut ist glatt, ohne eine einzige Falte, bemerkt Nelly, von ihrer Erscheinung fasziniert. Sie hat ein blasses Gesicht mit hohen Wangenknochen, eine wohlgeformte Nase, zwei unglaublich grüne Augen und einen Mund, der aussieht wie eine Wunde. Das hellbraune, straff zurückgekämmte Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trägt einen schwarzen Pulli und einen grauen Rock mit schwarzen Streifen, ihr Gesicht ist vollkommen ausdruckslos. Das muss die zweite Schwester sein, Maria Grazia – Magraja? Selbst in dieser Aufmachung ist sie die Schönste der ganzen Familie. Die anderen sind alle irgendwie grobschlächtig, vulgär, aber sie ...

»Was möchtet ihr trinken? Tee? Kaffee? Es ist alles fertig, ich bring’s euch. Und für dich, Alceo«, der Anflug eines vielleicht ironischen, vielleicht resignierten Lächelns huscht über ihre Züge, »gibt es Port, wenn du willst.« Alceo nickt, die anderen entscheiden sich für Tee oder Kaffee, und sie verschwindet wie eine Komparsin von der Bühne. Nelly wirft Sandra einen fragenden Blick zu, den diese übersieht. Unterdessen hat Marilena sie bei der Hand genommen und neben sich auf das Sofa gezogen, nachdem sie dem farblosen, spinnenbeinigen Kerl mit einer unmissverständlichen Geste zu verstehen gegeben hat, er möge sich verkrümeln. Er gehorcht und beugt sich leicht zu Nelly herunter, um sich vorzustellen: »Romeo Pizzi. Ich bin ... der Mann meiner Frau«, fügt er ironisch lächelnd hinzu, derweil Marilena ihm mit einem genervten Schnauben zuzischt: »Und dafür kannst du dem Himmel danken.« Als hätte er die ätzende Bemerkung nicht gehört, trollt er sich und verschwindet durch dieselbe Tür wie Maria Grazia. Inzwischen fragt sich Nelly, was sie eigentlich in diesem Käfig voller Narren verloren hat. Vielleicht hätte sie besser zu Hause bleiben und Schubladen aufräumen sollen. Pflichtschuldig und mit noch immer abwesendem Blick drückt Alice ihre schluchzende Tochter an sich.

»Mein Mann war ein anständiger Mensch. Niemand kann etwas gegen ihn gehabt haben, er war ein redlicher Mann.«

Alceo schnauft und zündet sich eine Zigarette an.

»Der übliche Schwachsinn. Hin und wieder macht sich ein Mann Feinde. Und ein Anwalt erst recht. Redlich – was für ein Quark. Du weißt ganz genau, dass dein Mann ein nervtötender Kotzbrocken war, noch unerträglicher als ich. Damit will ich nicht sagen, dass jemand mit ihm abgerechnet hat.« Mit einer ungehaltenen Geste hindert er Sandra daran, ihn zu unterbrechen. »Doch dieses Gegreine geht mir auf die Eier. Nur weil einer stirbt, wird er deshalb nicht zum besseren Menschen, oder? Im Gegenteil, er fängt an zu stinken.« Der berühmte Regisseur feixt in die verstörte Runde. Es ist offensichtlich, dass diese Auftritte zum Repertoire gehören und er es genießt, seine Umwelt zu schockieren oder zumindest vor den Kopf zu stoßen. Nelly fällt auf, dass sie gar keine Fragen zu stellen braucht, die Antworten kommen von ganz allein. Diesmal fühlt sich Giancarlo, der Sohn des Verstorbenen, dazu berufen, einzuschreiten. Um das väterliche Andenken zu schützen? Weit gefehlt.

»Ich bin ganz deiner Meinung, Onkel. Papa wusste, wie man sich Feinde macht.« Oh, oh, jetzt wird’s interessant. »Und in mancher Hinsicht war er ein richtiges Schwein.« Die Schwester springt auf, stürzt sich erbittert auf ihn, doch er packt sie nur hämisch grinsend bei den Handgelenken. »Er hat sogar die beste Freundin unserer lieben Serena gebumst. Ach komm, das wusstest du doch, hör auf, die untröstliche Tochter zu spielen, oder wär’s dir lieber gewesen, er hätte dich rangenommen? Du weißt ganz genau, dass er mir die Freundin ausgespannt hat, deine alte Busenfreundin Gioia. Ja, genau so war’s.« Er blickt triumphierend in die Runde, weil er es geschafft hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und seinem Onkel Alceo die Show zu stehlen. »Er hat meine Mutter unglücklich gemacht, sie in ein mit Psychopharmaka vollgestopftes Wrack verwandelt, und ich soll sagen, er sei ein redlicher Mann gewesen, nur weil er mir den Gefallen getan hat, ins Gras zu beißen? Ach, leckt mich doch alle am Arsch!«

In der Stille, die der Szene folgt, betritt Maria Grazia mit einem Tablett in der Hand den Raum, begleitet von Romeo Pizzi mit einem zweiten Tablett. Sie stellen alles auf dem grünen Marmortisch ab, und mit anmutigen Bewegungen verteilt sie die bestickten Servietten.

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