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Der Fluch des roten Gottes

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Copyright-Seite

DER FLUCH DES ROTEN GOTTES | 1. | In der Gasse des Satans

2. | Der Pfad ins Ungewisse

3. | Die Schlacht in den Bergen

4. | DER BLUTZOLL DES GOTTES

DER SCHATZ DER TATAREN

Der Schlüssel zum Schatz

2. | Der ruchlose Plan

3. | Die Wolfsmeute

4. | Die wütende Schlacht

DIE SCHWERTER VON SHAHRAZAR | 1.

2.

3.

4.

DER BRONZENE PFAU

DER SCHWARZE LAMA

Further Reading: 2782 Seiten Fantasy Abenteuer - Die magische Bibliothek der Sucher

About the Publisher

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DER FLUCH DES ROTEN GOTTES

1.

In der Gasse des Satans

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In der afghanischen Hintergasse, durch die sich Kirby O’Donnell in der Verkleidung eines Schwertkämpfers vorwärts tastete, war es so finster wie in einem Höllenpfuhl, und das Trachten des Amerikaners war so undurchdringlich und geheimnisvoll wie die Nacht, die ihn umgab. Es war ein scharfer, schmerzverzerrter Schrei, der ihn seine Pläne ändern ließ. Gequälte Schreie waren kein ungewöhnlicher Klang in den gewundenen Hintergassen von Medina el Harami, der Stadt der Diebe, und kein vorsichtiger oder zurückhaltender Mann dachte im Traum daran, sich hier in fremde Angelegenheiten zu mischen. Doch O’Donnell war weder vorsichtig, noch zurückhaltend, und irgend etwas in seiner eigensinnigen irischamerikanischen Seele machte es ihm unmöglich, einen Hilferuf unbeachtet zu lassen.

Seinem Instinkt folgend, bewegte er sich auf einen dünnen Lichtstrahl zu, der die Dunkelheit kurz vor ihm durchbohrte, und wenig später spähte er durch eine Ritze zwischen zwei dicht geschlossenen Fensterläden in einer dicken Steinmauer. Was er erblickte, ließ ihm das Blut in den Adern kochen, obwohl er durch seinen langen Aufenthalt in den rauhen Gegenden dieser Welt eigentlich hätte abgehärtet sein müssen. Doch unmenschliche Folter konnte O’Donnell niemals abhärten. Er blickte in einen weiten, mit samtenen Teppichen ausgehangenen Raum, dessen Diwane kostbar bezogen waren. Um einen dieser Diwane drängte sich eine Gruppe von Männern - sieben stämmige Yusufzai und zwei andere, die nicht zu identifizieren waren. Auf den Diwan lag ein Mann gestreckt, ein Waziri, nackt bis zur Hüfte. Es war ein starker Mann, doch vier ebenso starke Gewaltmenschen hielten ihn an Hand- und Fußgelenken fest. Er konnte sich nicht bewegen, obwohl zum Zerreißen gespannte Muskelpakete an seinen Schultern und in den Lenden zitterten. Seine Augen funkelten rot, und auf seinem breiten Brustkasten glitzerte der Schweiß. Aus gutem Grund; denn wie O’Donnell sah, hob ein geschmeidiger Mann in rotem Seidenturban mit einer silbernen Zange ein glühendes Kohlestück aus einer Kohlenpfanne und hielt es über die zitternde Brust, die bereits von mehreren Marterspuren gezeichnet war.

Ein anderer Mann, der größer als jener mit dem Turban war, zischte eine Frage, die O’Donnell nicht verstehen konnte. Der Waziri schüttelte heftig den Kopf und spie ihm ins Gesicht. Im nächsten Augenblick fiel das Glutstück auf die haarige Brust. Der Kehle des Gefolterten entrang sich ein unmenschlicher Schrei. Und in diesem Augenblick ließ sich O’Donnell mit all seiner Kraft gegen die Fensterläden krachen.

Sie splitterten nach innen, und mit den Füßen zuerst landete er in dem Raum, den Krummsäbel in der einen Hand, den kindhjal in der anderen. Mit einem lauten Aufschrei fuhren die Folterer herum.

Sie erblickten eine vermummte, rätselhafte Gestalt, denn O’Donnell hatte sein Gesicht zur Hälfte hinter seinem kafiyeh verborgen. Darüber funkelten seine Augen wie heiße Kohlen und lähmten die Männer. Für einige Sekunden erstarrte jede Bewegung, um sich dann in um so wilderer Aktivität zu entladen.

Der Turbanträger schrie einen Befehl, und ein behaarter Riese stürzte auf den Eindringling zu. Sein drei Fuß langes Khaiber-Messer hielt er tief, um damit von unten zuzustoßen. Doch der niedersausende Krummsäbel traf das hochschießende Handgelenk. Messer und Hand flogen durch die Luft, und die lange, schmale Klinge in O’Donnells Linker durchtrennte die Kehle des Angreifers.

Über den Niedersinkenden sprang O’Donnell auf den Turbanträger und seinen großen Kumpan zu. Er fürchtete sich nicht vor Feuerwaffen. Schüsse, die nachts in der Gasse des Satans erklangen, würden mit Sicherheit Nachforschungen nach sich ziehen - woran keiner der Bewohner interessiert war.

Er hatte recht. Der Turbanträger zog ein Messer, der große Mann einen Säbel.

»Mach ihn nieder, Jallad!« knurrte der Turbanträger, der vor dem Angriff des Amerikaners zurückwich. »Achmed, hilf uns!«

Der Mann, der Jallad genannt wurde - was soviel wie »Henker« bedeutet -, parierte O’Donnells Stoß und schlug zurück. O’Donnell wich dem Streich mit einem Sprung aus, der einem Panther Ehre gemacht hätte, und landete in Reichweite des Turbanträgers, der sich mit seinem Messer herangeschlichen hatte. Der Turbanträger japste und schnellte zurück, wobei er O’Donnells kindhjal nur so knapp entging, daß dieser ihm noch die Seidenweste aufschlitzte und eine rote Spur über die Haut darunter zog. Er stolperte rückwärts über einen Stuhl und fiel, alle viere von sich gestreckt, zu Boden; aber bevor O’Donnell diesen Vorteil ausnutzen konnte, ragte Jallad über ihm auf und deckte ihn mit Säbelhieben ein. Der große Mann führte seine Klinge mit Kraft, aber auch mit Geschick, und für einen Moment befand sich O’Donnell in der Defensive.

Während er die blitzartigen Stöße parierte, sah der Amerikaner aus den Augenwinkeln, daß sich der Yusufzai, den der Turbanträger Achmed genannt hatte, mit einer alten Tower-Muskete näherte. Ein Schlag mit dem schweren, eisenbeschlagenen Schaft konnte den Kopf eines Mannes wie ein Ei zertrümmern. Der Turbanträger rappelte sich wieder auf, und O’Donnell sah sich von drei Seiten her eingekreist.

Ein blitzender Streich seines Krummsäbels, gerade noch pariert, trieb Jallad zurück, und O’Donnell wirbelte gleich einer aufgeschreckten Katze herum und sprang auf Achmed zu. Der Yusufzai brüllte und hob die Muskete zum Schlag, doch der Angriff war zu schnell für ihn. Ehe er sich versah, wand er sich in seinem Blut am Boden.

Wie ein wildes Tier schreiend, stürzte Jallad auf O’Donnell zu, aber der Amerikaner wich dem Angriff aus.

Zwischen ihm und dem Waziri auf dem Diwan befand sich niemand. Er hechtete direkt auf die vier Männer zu, die den Gefangenen noch immer niederhielten. Sie ließen den Mann los und zogen ihre tulwars. Einer schlug sofort heimtückisch auf den Waziri ein, doch dieser rollte sich vom Diwan und wich dem Schlag aus. Im nächsten Moment stand O’Donnell zwischen den Folterknechten und ihrem Opfer. Sie begannen, auf den Amerikaner einzustechen, und dieser wich vor ihnen zurück, wobei er »Raus! Vor mir! Schnell!« in Richtung des Waziris rief.

»Hunde!« schrie der Turbanträger, der mit Jallad herübergerast kam. »Laßt sie nicht entkommen!«

»Komm, und schmecke den Tod meiner Klinge, du Hund!« höhnte O’Donnell laut das Säbelgeklirr übertönend. Und selbst im wildesten Kampfgewirr vergaß er nicht, mit kurdischem Akzent zu sprechen.

Der Waziri, von der Folter geschwächt und taumelnd, schob einen Riegel zurück und riß die Tür auf. Sie führte in einen kleinen, mauerumgebenen Hof.

»Geh!« schnappte O’Donnell. »Über die Mauer! Ich halte sie solange zurück!«

Er stand in der Tür, und seine Klingen waren zwei zuckende Zungen todbringenden Stahls. Der Waziri rannte stolpernd über den Hof, und die Männer im Raum warfen sich heulend gegen O’Donnell. Doch in dem schmalen Türrahmen behinderten sie sich selber. Er lachte und beschimpfte sie, während er parierte und zustieß. Der Turbanträger tanzte hinter der rempelnden, fluchenden Meute herum und stieß die wildesten Verwünschungen gegen den »diebischen Kurden« aus. Jallad holte zu einem Streich gegen O’Donnell aus, aber seine eigenen Männer standen ihm im Weg. Dann züngelte O’Donnells Krummsäbel vor und unter einen geschwungenen tulwar. Ein Yusufzai schrie auf und stürzte tot zu Boden. Jallad, der gerade einen weiten Ausfall unternahm, stolperte über den Daliegenden und fiel. Augenblicklich verstopfte ein Knäuel wimmernder, fluchender Gestalten den Türrahmen, und bevor es sich entwirren konnte, rannte O’Donnell über den Hof auf die Mauer zu, die der Waziri kurz zuvor überwunden hatte.

O’Donnell sprang, bekam die Mauerkrone zu fassen und hievte sich hoch. Für einen Moment blickte er in die dunkle, gewundene Straße hinunter. Dann traf ihn etwas hart am Kopf. Es war ein Schemel, den Jallad an sich gerissen und O’Donnell in seiner Wut nachgeworfen hatte, als dieser für kurze Zeit gegen das Sternenlicht zu sehen gewesen war. Doch O’Donnell wußte nicht, was ihn da traf, denn kurz nachdem er es gespürt hatte, verlor er das Bewußtsein. Starr und ohne einen Laut von sich zu geben, fiel er in die dunkle Straße hinunter.

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2.

Der Pfad ins Ungewisse

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Der dünne Strahl einer Taschenlampe in seinem Gesicht holte ihn aus der Ohnmacht zurück. Er richtete sich auf, blinzelte, fluchte und griff nach seinem Schwert. Das Licht erlosch, und aus der Dunkelheit erklang eine Stimme: »Beruhige dich, Ali el Gazi. Ich bin dein Freund.«

»Wer in Teufels Namen bist du?« fragte O’Donnell. Er hatte seinen Krummsäbel neben sich am Boden gefunden und sammelte seine Beine unter sich zu einem plötzlichen Sprung. Er befand sich in der Straße am Fuß der Mauer, von der er gefallen war. Sein Gegenüber war eine verschwommene Gestalt im Sternenlicht, die drohend über ihm ragte.

»Dein Freund«, wiederholte der andere. Er sprach mit einem persischen Akzent. »Jemand, der deinen Namen kennt. Nenne mich Hassan. Der Name ist so gut wie jeder andere.«

O’Donnell erhob sich, den Krummsäbel in der Hand, und der Perser streckte ihm etwas entgegen. O’Donnell sah ein stählernes Aufblitzen, doch bevor er darauf reagieren konnte, erkannte er, daß es sein eigener kindhjal war, den Hassan vom Boden auf gelesen hatte und ihm jetzt - den Griff zuerst - entgegenhielt.

»Du bist mißtrauisch wie ein hungernder Wolf, Ali el Gazi«, lachte Hassan. »Hebe deine Klinge für deine Feinde auf.«

»Wo sind sie?« fragte O’Donnell und ergriff den kindhjal.

»Verschwunden. In die Berge. Sie folgen dem Pfad des Blutbefleckten Gottes.«

O’Donnell fuhr heftig zusammen. Er packte den Perser an seinem khalat und starrte wütend in die schwarzen, spöttischen und im Sternenlicht irgendwie geheimnisvollen Augen.

»Verfluchter, was weißt du vom Blutbefleckten Gott?« Die scharfe Spitze des kindhjals berührte die Haut des Persers unterhalb der Rippen.

»Was ich weiß«, sagte der Perser gelassen, »ist dies: Du kamst nach Medina el Harami, weil du die Diebe verfolgst, die dir den Lageplan eines Schatzes stahlen, der größer ist als der von Akbar. Auch ich befinde mich auf der Suche nach etwas. Ich versteckte mich in der Nähe und beobachtete durch ein Loch in der Mauer, wie du in den Raum eindrangst, in dem der Waziri gefoltert wurde. Woher wußtest du, daß sie es waren, die die Karte stahlen?«

»Das wußte ich nicht!« murmelte O’Donnell. »Ich hörte die Schreie des Mannes und entschied mich, ihm zu helfen. Hätte ich gewußt, daß sie die Männer waren, die ich suchte ... Aber -was weißt du von dem Ganzen?«

»So viel«, sagte der Fremde. »In den Bergen, nicht fern von dieser Stadt, aber versteckt an einem fast unzugänglichen Ort, liegt ein heidnischer Tempel aus grauer Vorzeit, den die Eingeborenen der Hügel nicht zu betreten wagen. Das Gebiet ist tabu für die Ferengis, aber ein Engländer, Pembroke war sein Name, fand den Tempel durch Zufall, betrat ihn, und ein mit roten Edelsteinen besetztes Götzenbild fiel ihm in die Hände, das er den ›Blutbefleckten Gott‹ taufte. Er konnte es nicht mitnehmen, fertigte jedoch eine Karte für seine Rückkehr an. Er verließ den Ort ohne Probleme, wurde aber in den Straßen Kabuls von einem Fanatiker niedergestochen und starb. Kurz vor seinem Tod übergab er die Karte einem Kurden namens Ali el Gazi.«

»Und?« fragte O’Donnell grimmig. Das Haus in seinem Rücken war dunkel und still. Kein Laut ertönte in der schattendunklen Straße - mit Ausnahme des flüsternden Windes und des schwachen Gemurmeis ihrer Stimmen.

»Die Karte wurde gestohlen«, sagte Hassan. »Du weißt, von wem.«

»Damals wußte ich es nicht«, brummte O’Donnell. »Später brachte ich in Erfahrung, daß es sich bei den Dieben um einen Engländer namens Hawklin und einen enterbten afghanischen Prinzen namens Jehungir Khan handelte.

Ein Diener hatte den sterbenden Pembroke belauscht und sein Wissen an sie weitergeleitet. Ich habe bis jetzt keinen der beiden von Angesicht gesehen, aber es gelang mir, ihre Spuren bis hierher zu verfolgen. Heute nacht erfuhr ich, daß sie sich in der Gasse des Satans versteckt hielten. Ich war auf der Suche nach ihrem Schlupfwinkel, als ich in diesen Kampf geriet.«

»Du hast sie bekämpft, ohne zu wissen, daß es die Männer waren, die du suchtest!« sagte Hassan. »Der Waziri war ein gewisser Yar Mahomet, ein Spion Yakub Khans, des Anführers der Jowaki-Bande. Sie erkannten ihn, lockten ihn in ihr Haus und versengten ihn, damit er ihnen die Geheimpfade durch die Berge verriet, die nur Yakubs Spione kennen. Dann tauchtest du auf. Den Rest weißt du selber.«

»Alles mit Ausnahme dessen, was passierte, als ich die Mauer erstieg«, sagte O’Donnell.

»Jemand warf dir einen Schemel nach«, erwiderte Hassan. »Nachdem du von der Mauer gefallen warst, schenkten sie dir keine Beachtung mehr. Entweder dachten sie, du wärest tot, oder sie erkannten dich aufgrund deiner Vermummung nicht mehr wieder. Sie jagten dem Waziri hinterher, aber ob sie ihn gefangen und getötet haben, oder ob er entkommen konnte, weiß ich nicht. Nach einer kurzen Weile kehrten sie zurück, sattelten in großer Eile ihre Pferde und ritten nach Westen, ohne sich dir weiter gewidmet zu haben. Dann kam ich und enthüllte dein Gesicht, um zu sehen, wer du warst, und erkannte dich.«

»Dann war der Mann im roten Turban Jehungir Khan«, murmelte O’Donnell. »Aber wo war Hawklin?«

»Er war verkleidet, als Afghane - der Mann, den sie Jallad nennen, den Henker, weil er so viele Menschen getötet hat«

»Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, daß Jallad ein Ferengi war«, brummte O’Donnell.

»Nicht jedermann ist, was er scheint«, sagte Hassan beiläufig. »Du zum Beispiel bist kein Kurde, sondern ein Amerikaner. Kirby O’Donnell.«

Für einen Moment herrschte tödliche Stille.

»Und was noch?« O’Donnells Stimme war sanft und gefährlich wie das Zischen einer Kobra.

»Nichts! Ich will den Roten Gott, genau wie du. Deswegen bin ich Hawklin hierher gefolgt. Doch alleine kann ich gegen seine Bande nichts ausrichten. Laß uns diesen Dieben folgen und ihnen das Götzenbild wegnehmen.«

»In Ordnung«, entschied sich O’Donnell schnell. »Aber ich werde dich töten, wenn du mich hereinlegst, Hassan!«

»Vertraue mir!« antwortete Hassan. »Komm. Ich habe Pferde beim serai - bessere als den Hengst, der dich in diese Stadt der Diebe trug.«

Der Perser ging voran - durch schmale, kurvenreiche Straßen, die von vergitterten Baikonen überhangen wurden, und sich windende, übelriechende Gassen entlang, bis er vor einer lampenerleuchteten Tür stehenblieb, die in einen ummauerten Hof führte. Auf sein Klopfen hin erschien ein bärtiges Gesicht in der Pförtnerluke, und einige gemurmelte Worte wurden gewechselt; dann schwang die Tür auf. Unbekümmert trat Hassan ein, und O’Donnell folgte ihm mißtrauisch. Irgendwie erwartete er eine Falle; er hatte viele Feinde in Afghanistan, und Hassan war ein Fremder. Doch die Pferde waren da, und auf ein Wort des Stallmeisters hin erhob sich eine Gruppe schläfriger Diener, sattelte sie und füllte die geräumigen Satteltaschen mit Essenspaketen.

Hassan besorgte noch ein Paar hochwertige Gewehre und einige gut gefüllte Patronengurte.

Kurze Zeit später ritten sie zusammen aus dem Westtor. Hassan, der Perser, war wohlbeleibt, aber muskulös. Er hatte ein breites, gewitztes Gesicht und dunkle, wachsame Augen. Er wußte mit einem Gewehr umzugehen, und von seinem Gürtel hing ein Krummsäbel. O’Donnell wußte, daß dieser Mann, trieb man ihn in die Enge, einen gerissenen und mutigen Kämpfer abgeben würde. Und er wußte auch, wie weit er ihm trauen konnte. Der persische Abenteurer würde sich nur so lange fair verhalten, wie es für ihn von Vorteil war. Bot sich dann eine Chance, und er benötigte O’Donnells Hilfe nicht länger, würde er nicht zögern, seinen Partner - wenn möglich - umzubringen, um vielleicht den ganzen Schatz für sich alleine zu haben. Männer vom Schlage Hassans waren so ruchlos wie eine Königskobra.

Auch Hawklin war eine Kobra, doch die Chancen, die O’Donnell gegen ihn hatte, ließen den Amerikaner nicht zurückschrecken - gegen ihn und fünf gut bewaffnete, verzweifelte Männer. Verstand und kalte Verwegenheit würden dafür sorgen, daß die Chancen gleich verteilt waren, wenn die Zeit kam.

Beim Morgengrauen ritten sie durch zerklüftete Engpässe und an bedrohlichen Abhängen vorbei. Dann zügelte Hassan unsicher seinen Hengst. Bis jetzt waren sie einem leicht zu reitenden Weg gefolgt, doch nun vollführten die Hufspuren einen scharfen Knick und verloren sich auf dem öden, felsigen Grund eines weitläufigen Plateaus.

»Hier haben sie den Weg verlassen«, sagte Hassan. »Aber wir können ihnen nicht folgen - nicht über dieses deckungslose Ödland. Du hast dir die Karte genau angesehen, als du sie noch hattest. Wohin führt unser Weg von hier?«

O’Donnell schüttelte den Kopf und ärgerte sich über seine plötzliche Verstimmung.

»Die Karte ist ein Rätsel, und mir blieb nicht die Zeit, es zu lösen. Einer der Hauptorientierungspunkte für den alten Pfad, der zum Tempel führt, muß sich irgendwo hier in der Nähe befinden: das Schloß von Akbar. Doch habe ich, weder von einem Schloß in dieser Gegend gehört, noch von den Ruinen eines Schlosses.«

»Sieh!« rief Hassan aus, erhob sich mit feurigen Augen in seinen Steigbügeln und zeigte auf einen riesigen, kahlen Felszacken, der einige Meilen westlich von ihnen in den Himmel ragte. »Das ist das Schloß von Akbar! Jetzt nennt man es die Adlerklippe, aber früher hieß es Schloß von Akbar! Ich habe in einer alten, vergilbten Schrift davon gelesen! Irgendwie wußte Pembroke davon und gebrauchte den alten Namen, um Unbefugte zu verwirren! Komm! Auch Jehungir Khan muß davon gewußt haben. Wir sind nur eine Stunde hinter ihnen, und unsere Pferde sind besser als ihre.«

O’Donnell ritt voran und marterte sein Hirn, um sich die Details der gestohlenen Karte wieder ins Gedächtnis zu rufen. Den Fuß der Klippe nach Südwesten umreitend, folgte er einer imaginären Linie, die von der Spitze zu drei Felsen führte, die weit im Süden ein Dreieck bildeten. Bald stießen sie auf die Spuren eines alten Pfades, der sich hoch in die Berge hinaufwand. Die Karte hatte nicht gelogen, und sein Gedächtnis hatte O’Donnell nicht im Stich gelassen. Pferdeäpfel zeigten an, daß vor kurzem eine Gruppe Reiter dem undeutlichen Pfad gefolgt war. Hassan nahm an, daß es Hawklin und seine Männer gewesen waren, und O’Donnell gab ihm recht.

»Sie haben sich am Schloß von Akbar orientiert - genau wie wir. Langsam schließen wir die Lücke zwischen uns. Aber wir sollten ihnen nicht zu nahe rücken. Zahlenmäßig sind sie uns überlegen. Am besten halten wir uns in Deckung, bis sie das Götzenbild haben. Dann lauern wir ihnen auf und nehmen es ihnen weg.«

Hassans Augen strahlten. Solch eine Strategie gefiel seiner orientalischen Seele.

»Aber wir müssen achtgeben«, sagte er. »Hier beginnt das Gebiet Yakub Khans, der alles und jeden ausraubt, den er darin findet. Hätten sie die Geheimpfade gekannt, wäre es ihnen vielleicht möglich gewesen, ihm auszuweichen. Jetzt müssen sie sich auf ihr Glück verlassen, damit sie ihm nicht in die Hände fallen. Auch wir müssen auf der Hut sein! Yakub Khan ist nicht gerade befreundet mit mir - und er haßt die Kurden!«

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3.

Die Schlacht in den Bergen

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Am frühen Nachmittag folgten sie noch immer dem Pfad, der sich endlos dahinwand und offensichtlich den Überrest einer alten Straße darstellte.

»Wenn der Waziri zu Yakub Khan zurückgekehrt ist«, sagte Hassan, als sie auf eine schmale Schlucht zu ritten, die sich in den bedrohlichen Steilhängen vor ihnen auf tat, »werden die Jowakis doppelt wachsam sein. Allerdings hat Yar Mahomet keine Ahnung von Hawklins wahrer Identität, und er weiß auch nicht, hinter was der Engländer her ist. Wie soll Yakub es also wissen? Ich glaube, er weiß, wo der Tempel liegt, aber er ist zu abergläubisch, sich ihm auch nur zu nähern. Er fürchtet sich vor Geistern. Vor dem Götzenbild hat er keine Ahnung. Pembroke war der einzige Mensch, der den Tempel in Allah weiß wievielen Jahrhunderten betreten hat. Hawklin, Jehungir Khan, du und ich, wir sind die einzigen, die von der Existenz des Götzenbildes wissen...«

Unwillkürlich zügelten sie die Pferde, als ein schlanker, falkengesichtiger Pather aus dem Schluchteingang vor ihnen ritt.

»Halt!« rief er gebieterisch und kam ihnen mit erhobener Hand entgegen. »Mit welchem Recht durchquert ihr das Territorium Yakub Khans?«

»Vorsicht«, murmelte O'Donnell.„Er ist ein Jowaki.«

»Ich werde ihm Geld geben«, erwiderte Hassan verhalten. »Yakub Khan behält sich das Recht vor, von jedem, der sein Gebiet durchreist, Zoll zu verlangen. Vielleicht ist der Kerl deswegen hier.«

Dann sprach der zu dem Reiter, wobei er an seinem Gürtel nestelte: »Wir sind nur arme Reiter, die gerne bereit sind, den Zoll zu entrichten, den Yakub Khan von ihnen verlangt. Wir sind allein.«

»Und wer ist das da?« fragte der Jowaki barsch und zeigte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Hassan, trotz all seiner Gewitztheit, drehte den Kopf. Die Hand mit den Geldstücken hielt er noch immer ausgestreckt. In diesem Moment flammte hämischer Triumph im dunklen Gesicht des Jowakis auf, und mit einer Bewegung, die so schnell wie das Zuschnappen einer Kobra war, riß er den Dolch aus seinem Gürtel und stach in Richtung des arglosen Persers.

Doch so schnell er auch war, O’Donnell, der die Falle geahnt hatte, war schneller. Als der Dolch auf Hassans Kehle zu jagte, blitzte O’Donnells Krummsäbel in der Sonne auf, und Stahl schmetterte laut auf Stahl. Der Dolch flog aus der Hand des Pathers, und knurrend fuhr er mit seiner Rechten zum Schaft des Karabiners, der neben den Schenkeln aus dem Sattelschuh ragte. Bevor der die Waffe ganz herausgezogen hatte, traf der Krummsäbel ihn am Kopf, spaltete den Turban und was darunter lag. Das Pferd des Jowakis wieherte, bäumte sich auf und schickte den leblosen Körper auf den Boden. O’Donnell riß seinen eigenen Hengst herum.

»Reite in die Schlucht!« schrie er. »Es ist ein Hinterhalt!«

Der Kampf hatte nur wenige Sekunden gedauert, aber bevor der Pather noch auf den Boden schlug, krachten hinter den Felsbrocken des Steilhangs schon die Gewehre. Hassans Pferd schüttelte sich in Krämpfen und jagte blutspuckend auf den Schluchteingang zu. O’Donnell fühlte das Blei an seinen Ärmeln zupfen, als er seinem Hengst die Sporen gab und dem flüchtenden Perser nachsetzte, dem es nicht mehr gelang, sein vor Schmerzen verrücktes Tier unter Kontrolle zu bringen.

Als sie auf den Schluchteingang zuhetzten, tauchten auf einmal drei Reiter vor ihnen auf - bewährte Schwertkämpfer des Jowaki-Klans, die ihre breitklingigen tulwars schwangen. Hassans Hengst trug ihn genau auf sie zu. Der Perser konnte ihn nicht mehr zurückreißen. Im nächsten Moment gab er es auf, zog sein Gewehr aus dem Schaft und feuerte wie wild auf die näherrückenden Jowakis. Eines der anstürmenden Pferde stolperte, fiel und warf seinen Reiter ab. Ein weiterer Reiter riß die Arme in die Höhe und stürzte zu Boden. Der dritte hieb wie verrückt auf Hassan ein, als dessen tolles Pferd an ihm vorbeiraste, doch der Perser entkam der pfeifenden Klinge mit eingezogenem Kopf und galoppierte unbehelligt in die Schlucht.

Sekunden später war O’Donnell auf gleicher Höhe mit dem Schwertkämpfer, der mit geschwungenem tulwar auf ihn zusprengte. Der Amerikaner riß seinen Krummsäbel hoch und die Klingen trafen sich mit ohrenbetäubendem Geschmetter, als die Pferde Brust gegen Brust zusammenstießen. Das Pferd des Banditen wankte unter dem Aufprall, und O’Donnell erhob sich in seinen Steigbügeln und schlug mit all seiner Kraft zu, hieb den erhobenen tulwar nieder und spaltete den Schädel des Mannes. Im nächsten Augenblick galoppierte der Amerikaner in die Schlucht. Irgendwie erwartete er, daß sie mit bewaffneten Kriegern gefüllt war - doch blieb ihm keine andere Wahl. Von draußen jaulten ihm Kugeln nach. Sie klatschten gegen die Felsen und pflügten durch verkrüppelte Bäume.

Doch offensichtlich hatte der Stratege, der diesen Hinterhalt gelegt hatte, die Scharfschützen hinter den Eingangsfelsen für genügend erachtet und lediglich vier seiner Halsabschneider in der Schlucht selber postiert, denn O’Donnell sah nur Hassan vor sich, als er hineinraste. Das verwundete Pferd quälte sich noch über ein paar Ellen, knickte dann in den Vorderläufen ein und fiel.

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