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Der Finne

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EPILOG

 

»Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft;

wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.«

 

George Orwell, 1984

1

Helsinki, Montag, 31. Juli

Der gebeugte, blinde Mann öffnete seine Wohnungstür, hielt inne, als ihm der fremde Geruch in die Nase stieg, und begriff, dass der Tag gekommen war, auf den er gewartet hatte, voller Angst, seit über sechzig Jahren. Otto Forsman wusste, dass jemand in seiner Wohnung gewesen war, es roch nach Zigaretten und Rasierwasser, nur ganz leicht, wie ein Hauch, aber er spürte es trotzdem.

Forsman ging durch den Flur ins Wohnzimmer, zählte dabei seine Schritte und blieb beim zwölften stehen. Dann drehte er sich um und setzte sich in den Sessel. Vor Angst atmete der alte Mann schneller. Waren sie noch hier, würde er jetzt sterben? Das durfte nicht geschehen, auf gar keinen Fall. Nur er wusste, wo das Dokument und die Beweise lagen, jene Informationen also, deren Schutz er sein Leben gewidmet hatte, die düsteren Geheimnisse, die er sein ganzes Mannesalter im Kopf mit sich herumgetragen hatte. Unter dem Siegel des Geheimdokuments waren Berichte über die finstersten Kapitel der Geschichte verwahrt, er musste es unbedingt seinem Nachfolger übergeben. Unter allen Umständen.

»Nun ziehen Sie wenigstens die Schuhe aus«, sagte Eila Lähde nachsichtig, »ich habe heute früh hier sauber gemacht. Sie sind es doch, der ständig herummeckert, wenn etwas unordentlich ist. Alles muss immer auf den Millimeter genau an seinem Platz sein …« Die Schwester vom Pflegedienst hatte hinter dem blinden Mann das Wohnzimmer betreten und legte nun ihre Handtasche auf den Esstisch.

»Komm her. Setz dich aufs Sofa und sei einen Augenblick still. Ganz still«, unterbrach Otto Forsman sie schroff, dabei hielt er den Kragen seines Flanellhemdes fest wie das Zaumzeug eines Pferdes.

Eila Lähde bemerkte an seiner Stimme, dass irgendetwas nicht stimmte, und tat, was er verlangte, damit er nur ja nicht vollends die Fassung verlor. Von all ihren Kunden geriet Forsman am leichtesten in Wut.

Hellwach registrierte der alte Mann die Umgebung. Er hörte das pfeifende Geräusch der Luft, die durch das undichte Küchenfenster hereinströmte, und spürte auf der Haut, dass sich die Raumtemperatur im Laufe des Vormittags erhöht hatte. Und er roch nun noch deutlicher die Duftspuren, die jemand in seiner Wohnung hinterlassen hatte: Zigarettenrauch, der sich in der Kleidung festsetzte, und ein aggressives Rasierwasser. Hatten die Russen ihn gefunden? Forsman war dankbar dafür, so hoch empfindliche Sinne zu besitzen. Im vorletzten Winter hatte ihm die Zuckerkrankheit das Sehvermögen genommen, doch sein Tast-, Gehör- und Geruchssinn hatten sich danach so entwickelt, dass es Augenblicke gab, in denen er sich nicht einmal mehr danach sehnte, wieder sehen zu können.

Forsman bereute, und zwar so sehr, dass es in den Schläfen schmerzte. Er hatte zu lange gewartet. Über sechzig Jahre hatte er sich selbst und fast vierzig Jahre lang auch seinen Sohn auf diese Aufgabe vorbereitet, hatte er nun versagt? Oder würde er es noch schaffen, seinen Plan in die Tat umzusetzen? Warum hatte er die Anzeichen der Gefahr nicht ernst genommen? Die offenkundig schon einmal geöffneten Briefe, das Geräusch eisenbeschlagener Schuhe, die ihm in der Stadt anscheinend folgten, die Ahnung, beobachtet zu werden … Und wenn er nun sein Versteck nicht mehr rechtzeitig erreichte?

Die Schwester setzte sich aufs Sofa und rückte ihren üppigen Körper bequem zurecht. »Möchte Herr Forsman nun vielleicht erzählen, auf was wir hier eigentlich warten?«, fragte sie so freundlich wie möglich.

»Ich muss nach Kruununhaka. Jetzt sofort. Du bringst mich hin.«

»Also ich habe jetzt garantiert keine Zeit, nach Kruununhaka zu fahren«, entgegnete Eila Lähde und schniefte. »Ich muss zu Hause sein, bevor …«

»Hör zu!«, fuhr Forsman sie an. »Dies ist ein Notfall. Es ist etwas … passiert. Ich verspreche dir auch, dass du für deine Mühe entschädigt wirst. Wir lassen nächste Woche den Gang zur Bank und zum Einkaufen ausfallen, du kannst in der Zeit frei nehmen. Und du bekommst auch noch ein bisschen Geld, als Lohn für deine Bemühungen, sagen wir einhundert Euro.«

Eila Lähde betrachtete ihren schwierigsten Kunden mit gerunzelter Stirn. Otto Forsmans schmales, faltiges Gesicht unter dem grauen Haarschopf wirkte, sofern das überhaupt möglich war, noch blasser als sonst. Wie stets, wenn er nachdachte, strich er über seinen Spitzbart. Was war plötzlich in den Alten gefahren, vor einer Viertelstunde war er noch genau wie immer gewesen, schwierig zwar, aber doch vernünftig, und jetzt wollte er sie bestechen wie ein Politiker.

»Na gut. Der freie Vormittag ist natürlich in Ordnung, aber Geld nehme ich nicht. Das ist verboten. Ich bestelle uns ein Taxi.« Eila Lähde erhob sich mühsam und wandte sich dem Tischchen zu, auf dem das Telefon stand.

»Kein Taxi!«, entgegnete Forsman in barschem Ton. »Erst zu Fuß über die Freda zum Kamppi-Center, dann mit der Metro nach Kaisaniemi, und von dort wieder zu Fuß bis zur Ecke Snellmaninkatu und Vironkatu. Ich will …« Sicher sein, dass mir niemand folgt. Den letzten Teil des Satzes behielt Forsman jedoch für sich. Er hätte die Frau dafür nicht unbedingt gebraucht, den Weg von zu Hause bis zu seinem Versteck in Kruununhaka kannte er auswendig. Aber in Begleitung eines sehenden Augenpaares würde er die Strecke schneller bewältigen. Jetzt war jede Sekunde kostbar. Wie waren ihm die Russen auf die Spur gekommen?

»Na dann los, sonst wird hier noch der ganze Tag verplempert«, sagte Eila Lähde energisch.

Kurz danach traten sie hinaus auf die Abrahaminkatu. Forsman zog seinen weißen Teleskopstock aus und klopfte damit alle halben Meter auf den Asphalt, während sie die belebte Malminrinne in Richtung Fredrikinkatu hinaufgingen. Seine Sinne erfassten die akustischen Reize an diesem Julimontag. Viele Einwohner Helsinkis befanden sich noch im Sommerurlaub, deshalb war die Flut der Geräusche, die auf ihn einströmten, etwas schwächer als sonst, das galt auch für den Gestank der Abgase. Der letzte Julitag zeigte sich warm und windig. Zuweilen glaubte Forsman dasselbe metallische Geräusch von Schritten zu hören wie an den beiden Vortagen, doch dann ging es wieder im Verkehrslärm unter. Er bekam schlecht Luft, und der Schweiß floss ihm in Strömen übers Gesicht. Angst erfasste seinen ganzen Körper – Angst, er könnte bei seiner Lebensaufgabe versagen.

Am Eingang zum Kamppi-Center von der Fredrikinkatu griff die Schwester nach dem Arm des alten Mannes.

»Rasch in den Aufzug, er ist gleich rechts vorn«, befahl Forsman.

»Was soll denn … diese Eile … als wenn man … um sein Leben rennt«, keuchte Eila Lähde.

Forsman erstarrte. Da waren sie wieder. Die gleichen Schritte, die er in den letzten Tagen manchmal gehört, aber nicht ernst genommen hatte. Die Stahlabsätze eines schwergewichtigen Mannes klirrten, das Geräusch kam näher, der Verfolger erhöhte sein Tempo …

Mit aller Kraft zog Forsman Eila Lähde zum Aufzug. Nun war er sich absolut sicher – sie hatten ihn gefunden. Und ihnen wurde jetzt klar, dass er fliehen wollte, denn er wich das erste Mal seit einer Ewigkeit von seinem Tagesrhythmus ab. Er geriet in Panik, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss: Was würde mit dem Dokument geschehen, wenn sie ihn erwischten. Plötzlich blieb Eila Lähde stehen.

»Die Tür zum Aufzug ist … hier. Und jetzt darf Herr Forsman erst mal erklären, was zum Teufel eigentlich los ist.«

Hastig tastete Forsman nach dem Aufzugsknopf. Der starke Geruch eines Reinigungsmittels stieg ihm in die Nase. Die Absätze seines Verfolgers waren deutlich zu hören.

»Diesen Aufzug betrete ich erst, wenn Herr Forsman mir sagt, worum es hier …« Beim Sprechen drehte sich Eila Lähde um, schaute in die Richtung, aus der sich die Schritte rasch näherten, und schrie auf, als sie den Mann mit dem Messer in der Hand sah.

Es klingelte, und die Fahrstuhltür öffnete sich. Im selben Augenblick, in dem Forsman hineintrat, schwirrte das Messer durch die Luft und traf Eila Lähde an der Halsschlagader. Ein dumpfer Aufprall war zu hören, als die Frau zusammenbrach. Forsman presste sich dicht an die Aufzugswand, tastete nach den Plastikknöpfen und drückte schließlich den runden Knopf. Sein Herz hämmerte. Die Absätze hatten ihn fast erreicht. Er hielt die Luft an und atmete erst aus, als sich die Tür des Aufzugs schloss. Wütend schlug der Verfolger mit der Faust gegen die Stahltür.

Der Fahrstuhl ruckte an, und Forsman wischte sich warmes, salzig-süßes Blut von der Wange. Gleich würde der Lift auf der Ebene der Bussteige für den Regionalverkehr halten, und dann kam die schwierigste und wichtigste Phase seiner Flucht. Wenn er es schaffte, rechtzeitig den nächsten Aufzug zu erreichen, dann wüsste sein Verfolger nicht, ob er in den Bus irgendeiner Regionallinie, in einen Fernverkehrsbus oder in die Metro eingestiegen war, sie alle fuhren auf verschiedenen Ebenen ab. Den Grundriss des Kamppi-Centers hatte er anhand einer Reliefkarte für Sehbehinderte auswendig gelernt, und seinen Fluchtweg war er über ein Dutzend Mal abgelaufen.

Sekunden vergingen, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, dann öffnete sich die Aufzugstür. Forsman lief, so schnell er konnte, mit großen Schritten den Gang des Terminals für den Regionalverkehr entlang, mit der Spitze seines weißen Stockes den Markierungen für Sehbehinderte folgend. Die bedrohlichen Absätze waren nicht zu hören. Er musste es einfach schaffen … dreiundvierzig, vierundvierzig … Bis zum nächsten Fahrstuhl waren es einhundertzwölf lange Schritte. Hoffentlich erinnerte er sich richtig?

Als Forsman bei einhundertzwölf angekommen war, bog er nach links ab und stieß mit dem Stock gegen Glas. Er ging einige Meter an der Glaswand entlang bis zur nächsten Ecke, wandte sich nach links, erreichte den Aufzug und drückte auf den Knopf. Im selben Augenblick hörte er die Schritte wieder, vermutlich hatte sie der Lärm übertönt, jetzt waren sie schon ganz deutlich zu vernehmen.

Forsman betrat den Aufzug. Der oberste Metallknopf würde ihn zu den Bussteigen für den Fernverkehr befördern. Doch er drückte den nächsten Knopf, der ihn direkt zum Metrobahnsteig brachte. Es fehlte nicht viel, und er wäre vor Erleichterung auf die Knie gefallen, als die Tür zuglitt.

Kurz danach rauschte sie wieder auf, und Forsman hörte, wie eine U-Bahn zischte und die Räder auf den Gleisen quietschten. Endlich hatte er einmal Glück, gerade fuhr ein Zug ein. Vom Aufzug waren es nur sechs Schritte bis zur Bahnsteigkante, dann könnte er in den ersten Wagen einsteigen … Drei, vier … Sein Stock traf das Bein einer Frau mit heller, klarer Stimme … Fünf, sechs … Ein dumpfes Geräusch erklang, als er den Kunststoffbelag in einem U-Bahnwagen betrat.

An der Haltestelle »Hauptbahnhof« atmete Forsman wieder etwas ruhiger. Wie lange würde er sich in seinem Fluchtquartier versteckt halten müssen? Es war Montag, in vierundzwanzig Stunden würde eine Kettenreaktion ausgelöst werden, wenn er seine Anwältin nicht anrief. Die Juristin hatte strenge Anweisungen, einen von ihm geschriebenen Brief sofort abzuschicken, falls auch nur einer seiner Kontrollanrufe an jedem Dienstag und Freitag ausbliebe. Die Anwältin wusste nicht, was der Brief enthielt, und wollte es vermutlich auch nicht wissen. Ihr genügte es, dafür, dass sie sich die Mühe machte und zweimal in der Woche ein paar Worte mit einem senilen Alten wechselte, ein monatliches Honorar von eintausend Euro zu kassieren.

Der Zug hielt an der Station Kaisaniemi. Forsman lief rasch einhundertvierundzwanzig große Schritte gegen die Fahrtrichtung und wandte sich dann nach rechts. Noch einmal fünf Schritte, und er bog nach links ab. Auf der Rolltreppe duftete es nach frischem Kaffee. Forsman hastete gebeugt durch das Stimmengewirr und den Essensgeruch der oberen Ebene des U-Bahnhofs, die Treppe hinauf zur Kaisaniemenkatu und schließlich, so schnell er konnte, zur Ecke Snellmaninkatu und Vironkatu. Wenig später knallte er die Tür seines Verstecks zu, sank zu Boden und setzte sich auf die blanken Dielen der Einzimmerwohnung. Es schien so, als hätte man ihn in die Vergangenheit gezerrt, in den Sommer 1944, in dem er als junger Mann den Auftrag erhalten hatte, ein Geheimnis zu bewahren, das die meisten Menschen um den Verstand gebracht hätte.

 

Forsman erhob sich und kontrollierte, ob die Verdunklungsrollos heruntergezogen waren, dann vergewisserte er sich rasch, dass alles so war, wie es sein musste: Sessel, Tisch und Matratze befanden sich im Wohnzimmer, Geschirr und Trockenproviant in der Küche. Auch der muffige Geruch und der Staub, der in der Luft schwebte, waren vorhanden. Nun musste er sich nur noch beruhigen. Er beschloss, sich nicht zu Tode zu grämen, sondern auf seinen Plan zu vertrauen. Jahrzehntelang hatte er Zeit gehabt, zu überlegen, wie er dafür sorgen könnte, dass dieses wichtigste Dokument der finnischen Geschichte in sichere Hände übergeben wurde, wenn man ihn aufspürte. Und er hatte eine Lösung gefunden. Am nächsten Tag würde eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt werden, die seinen Sohn Eerik unweigerlich auf die Spur der Wahrheit führen musste.

Voller Begeisterung müsste er jetzt sein und nicht voller Angst. Auf diesen Augenblick hatte er schließlich seit jenem Tag im Sommer 1944 gewartet, an dem er seinen Kameraden im entferntesten Winkel Lapplands umgebracht und die Leiche in der Teufelskirche versteckt hatte, einer Felsformation, die einem riesigen Unterstand glich und an deren Dunkelheit er sich immer noch genau erinnerte.

2

London, Donnerstag, 3. August

Rufe und Geschrei hallten durch den Lyttelton-Park in Hampstead Garden, einem Vorort im Nordwesten Londons, aber der groß gewachsene blonde Mann hörte sie nicht, sondern starrte in Gedanken versunken auf den Rasen. Plötzlich knallte es, ein Schlag traf ihn auf dem Rücken.

Der Fluch gefror Eerik Sutela auf den Lippen, als er sich umdrehte und den Angreifer sah. Er war das Opfer eines etwa zehnjährigen Mädchens geworden, das unbekümmert laut lachte. Die sommersprossige Göre hatte verbundene Augen und hielt einen langen Holzstock so fest in der Hand, dass ihre Knöchel ganz weiß waren. Sutela schob seine runde Brille auf der Nase zurecht und brachte ein Lachen zustande, obwohl sein Rücken weh tat. Die kleine Prügelheldin mit dem roten Tuch vor den Augen war offensichtlich ein Geburtstagskind, das versucht hatte, den mit Bonbons gefüllten Pappesel zu treffen, der an einem Ast hing. Das Piñata-Spiel war bei den Londoner Kindern neuerdings sehr beliebt.

Sutela fuhr über die schmerzende Stelle zwischen den Schulterblättern, wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging weiter in Richtung Kingsley Close, wo sich seine Wohnung befand. Die schrillen Freudenschreie der Kinder erklangen noch eine Weile hinter ihm, als würden sie in der heißen Luft dieses Augusttages schweben. Sutela gingen düstere Gedanken durch den Kopf, sie kreisten um dieselben Dinge, die er in seinem ganzen Sommerurlaub wiederkäute, und der dauerte schon anderthalb Wochen.

Er überquerte die Straße, wandte den Blick in Richtung Einkaufszentrum und sah das bunte Schild mit der Werbung eines vertrauten Restaurants. Das verdarb ihm die Laune noch mehr. Marissa und er hatten sich oft samstags an einen Ecktisch im »Oriental Village« zurückgezogen, die Welt rundum vergessen und Lukullisches genossen. Die Trauer und die Sehnsucht schienen ihn immer noch überallhin zu begleiten, obwohl Marissa schon vor über zwei Jahren nach langem Leiden gestorben war. Anfangs hatte er geglaubt, dass die Gedanken an ihre gemeinsamen Jahre die Sehnsucht allmählich lindern und schließlich beenden würden, aber da war er sich nun nicht mehr so sicher. Anscheinend hatte er sich in seinen Erinnerungen verirrt und kam nicht mehr heraus.

Sutela entschloss sich, auf einen Sprung im »Oriental Village« vorbeizuschauen, schließlich hatte er sich bei seinem Rundgang auch all die anderen Orte angesehen, die zu den Standardspaziergängen mit Marissa gehört hatten: den Bahnhof von Golders Green, die Kirche St. Jude und die Häuser an der Erskine Hill.

Wenig später blieb er vor dem Fenster des Restaurants stehen, um einen Blick auf die Menschen zu werfen, die hinter der Scheibe saßen und speisten. Während sie sich unterhielten und zum Essen einen Schluck Wein tranken, sahen sie so normal aus. Als gäbe es keine Sorgen und keine Angst vor dem Morgen.

Plötzlich wurde die Tür des Restaurants aufgestoßen, und Sutela hörte die vertraute Stimme des chinesischen Kellners.

»Eerik! Lange nicht gesehen. Wo hast du dich denn versteckt?«, sagte Wang in seinem Englisch mit dem starken Akzent, dabei bis zu den Ohren grinsend. »Wo ist Marissa?«

»Wir sind umgezogen … schon vor zwei Jahren. Nach Südlondon«, log Sutela und hob die Hände, die so groß waren wie Schaufeln. Sein Versuch zu lächeln endete kläglich.

Sutela bemerkte, wie Wang in seinem schwarzen Kellneranzug mit erstaunter Miene seine abgetragenen Cordhosen und das ausgebleichte Pikeehemd betrachtete. Kein Wunder, diese Klamotten waren wohl irgendwann in den Achtzigern modisch gewesen. Jahrelang hatte er sich nicht einmal Socken gekauft.

Wang bemühte sich, ein Gespräch in Gang zu bringen, aber das versiegte schnell, denn die Antworten kamen nur stockend. Schließlich fiel Sutela ein plumper Vorwand ein, sich zu verabschieden und weiterzugehen. Er konnte einfach nicht mehr über Marissas Tod sprechen, die Leute waren verlegen, wenn sie davon hörten, und versuchten, einer ungeschickter als der andere, ihr Beileid auszusprechen. Mit seinem Schweigen hatte er es allerdings geschafft, die Verbindung zu fast all seinen Freunden abzubrechen. Immerhin hielt er zu Marissas Vater noch engen Kontakt; Derek tat sein Möglichstes, um ihn zu unterstützen. Im vergangenen Jahr hatte er Eerik sogar eine Dienstreise nach Vukovar in Kroatien organisiert und ihn mit sanfter Gewalt dazu gebracht, sie auch anzutreten.

Sutela versuchte die trübsinnigen Gedanken zu verdrängen und schaute einem Eichhörnchen in einem merkwürdigen orangenen Farbton zu, das schließlich im dichten Blattwerk einer Eiche verschwand. Hinter einer Wolke tauchte die Sonne auf und blendete ihn. Er verbrachte schon den zweiten Sommerurlaub allein. Sofern man bei einem Workaholic wie ihm überhaupt von Urlaub sprechen konnte. Nach Marissas Tod hatte er sich noch mehr in seiner Arbeit vergraben. Die Professur am Institut für Geschichte des University College war immer noch die Erfüllung seiner Träume, aber zugleich auch ein beängstigend effektives Mittel, um vor dem Leben und seinen unangenehmen Wahrheiten zu fliehen.

Er trat vom Fußweg auf die Schwelle seiner Wohnung in einem kleinen zweistöckigen Haus und holte gerade den Schlüssel aus der Tasche, als plötzlich die Tür aufflog und gegen sein Knie krachte. Das tat weh, und zu allem Übel fiel ihm auch noch die Brille herunter.

»Die Wäsche ist fertig, und einkaufen war ich auch, aber zum Staubsaugen bin ich nicht mehr gekommen. Ich muss um zwei beim Aerobic-Kurs sein.« Das Au-pair-Mädchen des finnischen Ehepaares von nebenan schien es eilig zu haben. Viivi machte bei Sutela zweimal in der Woche sauber.

»Hat jemand angerufen?«, fragte Sutela mit zusammengebissenen Zähnen und massierte sein Knie.

Viivi schüttelte den Kopf. »Nein, aber Post ist ein ganzer Stapel gekommen. Versuch dich doch mal ein bisschen zu amüsieren, schließlich hast du doch Urlaub. Geh einfach mal zu dem Festival auf dem Trafalgar Square, da gibt’s Musik, Theater, Tanz … alles Mögliche. Und kauf dir auch gleich etwas anzuziehen, deine Socken zerfallen in ihre Bestandteile, schon wenn man sie nur berührt.«

Sutela murmelte etwas Unverständliches und drückte Viivi einen Zehnpfundschein in die Hand.

»Im Herd steht schottischer Lachs mit einer Soße aus Apfelsinen und weißer Schokolade und eine große Form mit Sahnekartoffeln. Pass auf, dass du nicht zunimmst«, sagte Viivi mit ihrer hellen, klaren Stimme, tippte dabei auf Sutelas flachen Bauch und winkte dann zum Abschied.

Sutela schaute eine ganze Weile dem etwa zwanzigjährigen Energiebündel mit dem auf und ab schwingenden Pferdeschwanz hinterher. Anscheinend hatten die Nachbarn Viivi von seinem enormen Appetit und seinem effizienten Stoffwechsel erzählt. Er würde nicht ein Gramm zunehmen, selbst wenn er jeden Tag ein ganzes Pferd verspeiste.

Er stieß sich im Flur die Schuhe von den Füßen, sah sich um und überlegte, ob ein Umzug helfen würde. Überall erblickte er Dinge, die an Marissa erinnerten: das rot-schwarze Sofakissen, Urlaubsfotos, die psychedelische Lavalampe … Vor dem Flurspiegel blieb er stehen und betrachtete sich, einen siebenunddreißigjährigen todernsten und in Selbstmitleid versunkenen Witwer in seinen Sommerferien, deren Höhepunkt in gebackenem Lachs mit Sahnekartoffeln und einem Stapel staubiger Geschichtsbücher bestand.

Desinteressiert schaute er die Post durch, die auf dem Flurtisch lag. Ein Werbebrief, in dem behauptet wurde, dass er möglicherweise schon einhunderttausend Pfund gewonnen hatte, die Stromrechnung, ein Versandhauskatalog. Als er den Absender auf einem dicken Brief las, runzelte Sutela die Stirn: »Anwaltskanzlei Qvist & Weselius«.

Eine finnische Anwaltskanzlei, was wollten die von ihm? War mit seinem Vater irgendetwas passiert? Das letzte Mal hatten sie bei Marissas Begräbnis miteinander gesprochen, und zu dem war der Alte gekommen, ohne eingeladen gewesen zu sein. Sutela riss das Kuvert auf und las das Begleitschreiben: »… und übersenden Ihnen deshalb den beiliegenden Brief. Gemäß den Anweisungen unseres Mandanten haben wir für Sie auch ein russisches Visum beschafft.«

Was hatte denn das zu bedeuten? Warum sollte er wohl nach Russland reisen? Noch verblüffter war Sutela, als er im Umschlag der Kanzlei einen kleinen, leicht vergilbten Brief fand. Er riss ihn auf und wurde sofort nervös, als er die Handschrift seines Vaters erkannte.

 

Eerik,

 

ich bitte Dich, diesen Brief zu lesen, auch wenn er von mir geschrieben wurde.

Wenn Du imstande bist, meinen Anweisungen zu folgen, und nicht zurückweichst, sobald Schwierigkeiten auftauchen, garantiere ich Dir, dass Du Informationen in die Hände bekommst, die unsere Geschichte ändern werden. Für das Geheimhalten dieser Informationen haben viele mit dem Leben bezahlt.

Meine Anwältin schickt Dir diesen Brief in meinem Auftrag, weil ich gezwungen bin, mich zu verstecken. Leider kann ich keinerlei Kontakt zu Dir und überhaupt zur Außenwelt aufnehmen. Ich wage nicht, Dir per Brief mehr zu erzählen, und ich kann Dir keinerlei Beweise schicken, weil sie mit Sicherheit meinen Verfolgern in die Hände fallen würden.

In meinem Besitz befindet sich ein Dokument, das die Wahrheit über die letzten Kriege Finnlands, über die Gründe für ihren Ausbruch und ihre Beendigung, über Verbrechen, die das Leben von Millionen Menschen forderten, und über viel, viel mehr aufdeckt. Das Dokument ist das einzige seiner Art, es existiert keinerlei Kopie, und ich muss es in Sicherheit bringen, das heißt, ich muss dafür sorgen, dass es in Deinen Besitz gelangt.

Du findest das Dokument einschließlich der Beweise unter den Kartenkoordinaten, die ich Dir vor langer Zeit beigebracht habe. Wenn Du Dich dazu entschließen kannst, nach Lappland zu reisen, wirst Du Hilfe benötigen. Am Ende des Briefes gebe ich Dir die Telefonnummern eines kompetenten Führers für den Weg durch die Einöde und eines einflussreichen Polizisten, den ich kenne. Nimm Kontakt zu ihnen auf.

Mit Blick auf die Sicherheit von uns beiden ist es äußerst wichtig, dass Du von diesem Brief, von meiner Situation oder von Dingen, die Dir später zur Kenntnis gelangen werden, niemandem etwas sagst. Geh auch nicht in meine Wohnung und melde Dich nicht bei meinen Bekannten.

Und denke immer daran, die Wahrheit liegt hinter der Hand …

 

Otto Forsman

 

Eerik Sutela starrte auf die Telefonnummern am Ende des Briefes, schlurfte ins Wohnzimmer und ließ sich aufs Sofa fallen. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Hatte sein Vater den Verstand verloren? Er war verblüfft, ungläubig und zugleich neugierig. Schließlich beschloss er, ihn anzurufen, aber nicht einmal der Anrufbeantworter meldete sich. Rasch holte er sein Telefonverzeichnis aus dem Flur und rief auf der Stelle den Nachbarn seines Vaters an, aber der hatte schon seit Wochen nichts von Otto Forsman gehört.

Als der erste Schock verklungen war, war Sutela gewillt, auch die Alternative in Erwägung zu ziehen, dass die Behauptungen in dem Brief stimmten. Wo hätte seinem Vater ein solches Dokument in die Hände fallen können? Und wann? Die wahrscheinlichste Variante war offensichtlich die Kriegszeit. Das zeigte auch das Versteck des Dokuments; die in dem Brief erwähnten Kartenkoordinaten verwiesen auf einen Ort im russischen Teil Lapplands, in der Nähe von Petsamo. Unzählige Male hatte ihm sein Vater von der Teufelskirche in Jäniskoski erzählt, einer Höhle, in der sein Kamerad im Juli 1944 begraben worden war. Sein Vater hatte ihn schon als kleinen Jungen gezwungen, die Koordinaten der Teufelskirche auswendig zu lernen – 68°57'21.5"N und 28°45'27.0"E. Jetzt wurde ihm klar, warum.

Er ging in sein Arbeitszimmer, dessen Wände Bücherregale bedeckten, setzte sich hin und legte den Brief auf den Tisch. Vielleicht war auch das wieder nur ein Versuch, der ihn dazu bringen sollte, etwas zu tun, was sein Vater wollte. Sutela las den Brief ein zweites Mal, dann ein drittes und auch noch ein viertes Mal und schaffte es, sich so zu ärgern, dass er in Wut geriet. »Wenn Du imstande bist, meinen Anweisungen zu folgen, und nicht zurückweichst, sobald Schwierigkeiten auftauchen … Wenn Du Dich dazu entschließen kannst, nach Lappland zu reisen …« Wieder einmal behandelte der Alte ihn geringschätzig und versuchte ihn zu manipulieren. Wutentbrannt marschierte Sutela zum Barschrank im Wohnzimmer und mixte sich im Handumdrehen einen Drink, der »Blechdach« genannt wurde. Er kippte den Wodka mit Zitronensaft in einem Zug hinunter, es brannte in der Kehle. Die Wut ließ ein wenig nach.

Sutela gab bereitwillig zu, dass er seinen Vater nicht besonders mochte, und er schämte sich nicht dafür. Otto Forsman war ein gefühlloser Organisator, der ihn wie ein preußischer Offizier erzogen hatte. Er genoss es, wenn er sich in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen konnte, und es war ihm egal, welche Probleme er seinen Opfern bereitete. Angeblich hatte Mutter ihn seinerzeit deshalb verlassen. Und zugleich auch ihren Sohn. Im Mai 1970.

Erschrocken spürte er, dass sich ein Migräneanfall ankündigte, der pochende Kopfschmerz begann immer in der linken Augenhöhle. Er zog die dunklen Vorhänge zu und nahm eine Tablette Imigran. Dann ließ er sich in seinen abgenutzten Lieblingssessel fallen und schob die Rückenlehne nach hinten. Es wunderte ihn, dass er sich immer noch so über seinen Vater aufregen konnte. Allerdings hatte der Alte auch etwas Gutes zuwege gebracht: Er hatte ihm das leidenschaftliche Interesse für Geschichte und Archäologie eingepflanzt. Die Sommer in seiner Kindheit hatte er mit dem Vater auf Ausflügen zu den historischen Denkmälern Finnlands, zu Relikten aus der Frühzeit und Schauplätzen schicksalhafter Ereignisse verbracht. Und diese Wissenswettbewerbe! Er kannte den größten Teil der fünfteiligen, zweitausendfünfhundert Seiten umfassenden »Geschichte des finnischen Volkes« immer noch auswendig.

Allmählich setzte die Wirkung der Migränetablette ein, der Zorn schwand, und Sutela fiel wieder der Inhalt des Briefes ein. »… weil ich gezwungen bin, mich zu verstecken … garantiere ich Dir, dass Du Informationen in die Hände bekommst, die unsere Geschichte ändern werden …« Um was, zum Teufel, ging es dabei? Er hatte viele Spitznamen gehört, mit denen man seinen Vater verspottete, aber als Lügner hatte nie irgendjemand Otto Forsman beschimpft. Entweder sein Vater meinte das so, wie er es schrieb, oder der alte Mann war verwirrt. Je länger Sutela über den Inhalt des Briefes nachdachte, umso mehr Einzelteile schienen wie bei einem Puzzle ihren Platz im Gesamtbild zu finden. Wenn die Angaben in dem Brief stimmten, würde das vieles erklären. War das der Grund, warum sein Vater so isoliert lebte und paranoisch fremde Menschen mied, warum er die Kriegsgeschichte so leidenschaftlich erforschte und rätselhafte Anspielungen auf die tatsächlichen Gründe für Ereignisse der finnischen Zeitgeschichte machte …

Sutela sprang auf, schob die Brille auf der Nase zurecht und ging in sein Arbeitszimmer. Er saß hier herum und verbrachte einsam seinen Urlaub, was hatte er schon zu verlieren? Zudem hatte er ohnehin erwogen, nach Askainen in sein Ferienhaus zu fahren, warum sollte er also nicht nach Finnland fliegen und herausfinden, worum es bei all dem ging? Dann würde er aufhören, Marissa nachzuweinen, die Alltagsroutine abschütteln und sich von seinen eingefahrenen Gewohnheiten befreien.

Im Internet fanden sich schnell Informationen über Jäniskoski und auch Dutzende tolle Fotos von den Bergen, Flüssen und Wäldern rund um Inari und Petsamo. Warum nur war er nie in Lappland gewesen? Wie viel Zeit stünde ihm zur Verfügung? Sutela griff nach seinem Kalender, aber der lag nicht wie sonst immer auf dem Schreibtisch aus dunklem Eichenholz. Und warum war an seinem Laptop der Strom eingeschaltet? Viivi machte nie in seinem Arbeitszimmer sauber, das hatten sie so vereinbart.

Sutela beschloss, seinen Schwiegervater anzurufen, der konnte ihm garantiert raten, was er tun sollte, schließlich war Derek Chef der wissenschaftlichen und technischen Abteilung des britischen Auslandsgeheimdienstes. Entschlossen griff er zum Telefon, tippte die Nummer ein, wartete, bis der Ruf hinausging, und war verblüfft, als er die Stimme seines Schwiegervaters in Stereo hörte, am Telefon und im Flur.

»Die Tür stand offen. Ich war gerade in dieser Gegend und dachte, ich könnte dich zum Mittagessen abholen. Damit du nicht ganz zum Einsiedler wirst«, sagte der grau melierte sechzigjährige Derek Atkins und bemühte sich, mit einem Grinsen seine besorgte Miene zu überdecken.

Endlich mal ein willkommener Überraschungsgast! Sutela freute sich, bis ihm der Satz in dem Brief einfiel: »Für das Geheimhalten dieser Informationen haben viele mit dem Leben bezahlt.«

3

Helsinki, Sonntag, 6. August

Arto Ratamo schleppte ein halbes Dutzend Taschen und Beutel zur Wohnungstür, trat dabei auf einen Hundekauknochen, knickte mit dem Knöchel um und landete im Flur auf seinem Allerwertesten. Die etwa zwei Meter hohe Standuhr schwankte, als eine Tasche krachend an den Uhrkasten fiel. Musti, die helle Labradorhündin, bellte dumpf, als wolle sie lachen. Dann klingelte es.

»Was machst du denn wieder für einen Mist, das ist echt ätzend mit dir.« Ratamos zwölfjährige Tochter Nelli tadelte ihren Vater, sprang über seine Beine und öffnete ihrer Großmutter Marketta die Wohnungstür.

»Hast du auch wirklich alles mit, was du im Ferienhaus brauchst? Das Wetter kann sich dort im Laufe einer Woche vollständig ändern«, sagte Marketta besorgt. »Gummistiefel, Zahnbürste, das Balderdash-Spiel, einen Pullover, Regenkleidung …«

»Ja, ja, ja … Der da hat den ganzen Vormittag in meinen Schränken rumgewühlt. Wenn ich allein gepackt hätte, wär’s viel schneller gegangen«, erwiderte Nelli und zeigte vorwurfsvoll auf ihren Vater, der auf dem Fußboden saß.

»Kommst du also dann am nächsten Wochenende Nelli abholen? Damit wir mit Jussi nicht extra nach Helsinki fahren müssen?«, fragte Marketta, und Ratamo versprach ihr zu kommen.

Die drei schleppten Taschen und Beutel die Treppe hinunter und auf die Straße, die alte Dame Musti folgte ihnen und hinkte dabei auf der linken Hinterpfote. Ratamo versuchte Nelli einen Kuss zu geben, aber die befreite sich mit einer raschen Drehung aus seinem Griff und schwang sich ins Auto auf den Beifahrersitz.

»Benimm dich ordentlich und überrede Jussi nicht zu irgendwelchen Dummheiten«, rief Ratamo ihr noch zu, bevor Marketta Gas gab und mit ihrem Kleinwagen in Richtung Tehtaankatu fuhr. Als das Auto verschwunden war, zog ein seliges Lächeln über Ratamos stoppliges Gesicht.

Kurze Zeit später goss er sich in seiner Küche eine tiefrote Flüssigkeit aus einer Flasche Château Pierredon in ein Kristallglas. Das ist die Nummer eins unter den Urlaubsgeräuschen, dachte er, als man das Gluckern des Weines hörte. Nachdem die Roggenbrotscheiben im Toaster hochgeschnellt waren, bedeckte Ratamo sie reichlich mit Graved Lachs und setzte sich dann genussvoll seufzend an den Bauerntisch. Auf diesen Augenblick hatte er gewartet wie ein Schuljunge auf das Ende der letzten Stunde vor den Sommerferien. Für einen alleinerziehenden Vater war es eine seltene Freude, einmal eine ganze Woche nur für sich zu haben. Und er musste nicht einmal Gewissensbisse haben, weil Nelli selbst vorgeschlagen hatte, nach Pusula in Markettas Ferienhaus zu fahren.

Und obendrein war er auch noch Strohwitwer. Ilona hatte im Winter ein größeres Stipendium erhalten und damit für den Sommer ein Atelier im Haus des Finnischen Künstlerverbandes in der Nähe von Florenz gemietet. Ratamo wurmte es allerdings, dass Ilona die ganze Zeit, in der er Urlaub hatte, im Stiefelland mit ihrer Kunst verbringen wollte. Mal sehen, ob er sie mit Nelli zusammen besuchen würde oder nicht. Sicherheitshalber hatte er schon mit Nellis Schuldirektor vereinbart, dass sie eine Woche später als die anderen wieder mit der Schule beginnen durfte.

Der Wein und die Urlaubsgedanken wirkten entspannend. Er nahm das Kristallglas und das letzte Lachsbrot, ging ins Wohnzimmer und kramte in seinem chaotischen Plattenregal, bis er J. J. Cales CD »Travel Log« fand. Als Cales Gitarre aufheulte, ließ er sich mit ausgestreckten Beinen und Armen aufs Sofa fallen und starrte die Gipsfiguren auf dem Fensterbrett herausfordernd an. Wer würde als Erster dem Blick nicht standhalten? Aber sowohl Lenin und Elvis als auch Kekkonen ließen sich nicht auf dieses Duell ein.

Er hatte Appetit auf Kautabak, wie immer, wenn er Wein trank. Rasch schob er sich einen Nikotinkaugummi in den Mund und versuchte nicht daran zu denken, dass er sich das Tabakkauen abgewöhnen wollte. Drei Wochen Urlaub lagen hinter ihm und genau so viel noch vor ihm. Im Laufe des Winters hatte er sich bei der Sicherheitspolizei zusätzliche freie Tage verdient, weil er im Trubel einiger komplizierter Ermittlungen selbst an Wochenenden von früh bis spät geschuftet hatte. Auch der Arzt hatte ihm einen längeren Urlaub empfohlen: Er litt unter Schlaflosigkeit, gegen die nicht einmal die stärksten verschreibungspflichtigen Tabletten halfen, und zu allem Übel hatte man ihm im Frühjahr auch noch Blutdruckmedikamente verordnet. Es tröstete ihn nicht im Geringsten, dass er Tausende Schicksalsgefährten hatte, finnische Männer um die vierzig, die sich angesichts ihrer gesundheitlichen Probleme eingestehen mussten, dass die Jugendzeit vorbei war. Die Schuld an den Beschwerden gab er dem Stress und dem Umstand, dass keine Zeit mehr blieb, Sport zu treiben.

Ratamo behielt den Wein lange auf der Zunge, klopfte mit dem Fuß im Takt von J. J. Cales »No Time« auf das Sofakissen und überlegte, wie unglaublich schnell die letzten zwanzig Jahre vergangen waren. Das Medizinstudium, die Hochzeit, Nellis Geburt, die Jahre als Virusforscher in der EELA, die entsetzlichen Erlebnisse im Sommer 2000, der Tod seiner Frau Kaisa, die Polizeischule, das kurze Zusammenleben mit Riitta Kuurma, die Arbeitsstelle bei der Sicherheitspolizei und die schwierigen Ermittlungen. In den letzten sechs Jahren bei der SUPO hatte er unendlich mehr bedrückende Erfahrungen gesammelt als in den reichlich dreißig Jahren davor. Dabei war er mit jedem Jahr ernster geworden. Wenn das so weiterging, bestand die Gefahr, dass er ein humorloser Zyniker wurde. Vielleicht sollte er zur Abwechslung einmal an seine Gesundheit denken, bald eine Auszeit nehmen und sich in aller Ruhe Gedanken über seine Zukunft machen.

Er fragte sich, was in Finnland heutzutage falsch lief, wenn so viele Menschen derart verschlissen wurden, dass sie, so wie er, entweder einen langen Urlaub, Psychopharmaka oder eine Therapie brauchten. Und viele kamen gar nicht mehr dazu, rechtzeitig innezuhalten, sondern fielen mitten in der Arbeit tot um.

Die Klingel unterbrach Ratamos düstere Gedankengänge. Er steckte das letzte halbe Lachsbrot in den Mund und warf einen Blick auf die Uhr – die Jungs kamen zu früh. Ihm war bei dem, was da auf ihn zukam, etwas mulmig. Nach langem Zureden hatte er schließlich eingewilligt, seinen eine Weile zurückliegenden Geburtstag mit seinen beiden besten Freunden zu feiern. Als Geburtstagskind, das im Mittelpunkt des Geschehens stand, fühlte er sich so unwohl, dass er nicht einmal in Erwägung gezogen hatte, eine große Party zu organisieren. Durch die Wohnungstür hörte man, wie Lapa Väisälä im Treppenflur irgendetwas mit lauter Stimme erklärte.

Ratamo hatte die Tür noch gar nicht richtig aufgemacht, da drückte ihm schon ein zwei Meter großer blonder Mann eine Flasche Calvados Père Magloire X.O. in die Hand. »Mit der Erfahrung von vierzig Jahren – Arto Ratamo«, sagte Timo Aalto, der seit den Teenagerjahren den Spitznamen Himoaalto trug, in feierlichem Ton.

Lapa Väisälä holte eine kleine Pappschachtel aus der Tasche und zog einen Zettel und ein Fläschchen heraus. »Ratamo1 – entzündungslinderndes und schleimlösendes Hustenkraut. Ratamo verhindert das Bakterienwachstum und dämpft Juckreiz.« Grinsend überreichte er Ratamo die Flasche mit dem Naturprodukt.

Auch Ratamo musste lachen, als er den Beipackzettel las.

»Ratamo ist eine zählebige, fast überall gedeihende Pflanze, die viele nur für lästiges Unkraut halten. Ratamo ist jedoch eine wertvolle Heilpflanze.«

Eine Stunde später saßen die drei nach der Sauna in Handtücher gewickelt und ermattet im Wohnzimmer und kühlten sich ab. Himoaalto verschlang eine auf dem Saunaofen erhitzte Grillwurst, Lapa Väisälä las irgendeinen Flyer, Ratamo fuhr sich mit der Hand durch die kurz geschnittenen schwarzen Haare, um sie irgendwie in eine Form zu bringen, und alle drei tranken Bier.

Gebrochen wurde das Schweigen schließlich von Lapa Väisälä: »Wir wollen mit Niina und den Kindern auf eine Insel in den Schären vor Turku ziehen, nach Rymättylä.«

Ratamo sah ihn verblüfft an. Lapa Väisälä war der Letzte, von dem er gedacht hätte, dass er sich danach sehnte, die Hektik in Helsinki gegen die Ruhe auf dem Lande einzutauschen. Und seine Frau Niina konnte er sich unmöglich in Gummistiefeln vorstellen, sie erinnerte ihn eher an eine wandelnde Produkt-Präsentation.

»Ich habe eine Stelle im Ambulatorium von Naantali bekommen, und Niina ist in der Uniklinik für Innere Krankheiten in Turku untergekommen«, fügte Väisälä zu seiner Rechtfertigung hinzu.

»Wir alle haben ja in den letzten Jahren eine Kursänderung vorgenommen«, sagte Ratamo, und Schweigen senkte sich über das Zimmer. Himoaalto wirkte irritiert und Väisälä verlegen.

Schließlich lenkte Himoaalto das Gespräch auf die vor einem Monat zu Ende gegangene Fußball-WM, und die Stimmung wurde sofort ungezwungener. Während des Turniers hatten sie fast jeden Abend in ihrem eigenen WM-Studio bei Ratamo gesessen, denn hier schaltete niemand den Fernseher aus, weil abgewaschen werden sollte.

So waren ihre Gespräche immer, dachte Ratamo, über ernste Dinge wurde nie geredet. Im Laufe der letzten Jahre war Väisäläs Mutter an Alzheimer erkrankt, Himoaalto, der gerne und viel trank, hätte fast seine Familie kaputt gemacht, und er selbst hatte erfahren, dass der vor zwei Jahren gestorbene Tapani Ratamo gar nicht sein biologischer Vater war. Von anderen Widrigkeiten ganz zu schweigen. Vielleicht genügte es, dass sie alle drei über die Angelegenheiten der beiden anderen und auch ihre Probleme Bescheid wussten. Vielleicht verband das Schweigen sie miteinander.

Ratamo zog ein T-Shirt mit dem Text »Keine Macht den Drogen e. V.« an, trank einen Schluck kaltes Bier, biss in eine Grillwurst mit reichlich Senf und griff nach dem Flyer, den Väisälä mitgebracht hatte. »Erntefest der Bürgervereine von Ost-Helsinki auf dem Sportplatz Herttoniemi am 6. August: Bratwurst und kalte Getränke, Verkaufsbasar, Flohmarkt und finnische Meisterschaften im Absurden Fünfkampf.«

»Das habe ich letzte Woche von einem Patienten bekommen«, verkündete Väisälä, noch bevor Ratamo fragen konnte.

Auch Himoaaltos Interesse war geweckt. »Da gehen wir hin?«

Ratamo lachte schallend. »Die fünf Disziplinen sind: Schnurrbartziehen, Küherufen, Dreckweitwurf, Mückentöten und Blutdoping.«

»Das ist ein Blutwurstwettessen, das Blutdoping«, erklärte Väisälä.

»Schauvorführungen gibt es in den Disziplinen Ballett der über hundert Kilo Schweren, Stabgymnastik und Dialektreden«, las Ratamo vor.

Timo Aalto warf sein Handtuch auf die Sofalehne und griff nach seinen Hosen. »Da müssen wir unbedingt hin. Und wenn dieser Absurde Fünfkampf nicht der Knaller ist, gehen wir in die neue Mückenkneipe«, schlug er vor und erntete fragende Blicke.

»Na, die neue Kneipe von Matti Mukke meine ich.«

4

Moskau, Sonntag, 6. August

Eine Fliege summte direkt am Ohr von Major Rodion Jarkow, aber er dachte nicht einmal daran hinzusehen, geschweige denn, nach dem Insekt zu schlagen. Er stand in Habachtstellung vor General Korolkow, dem Chef des FSB, des Inlandsgeheimdienstes der Russischen Föderation, und hörte dessen leiser, aber wütender Stimme zu. Die Sonnenstrahlen, die durch die Fenster im achten Stock des FSB-Hauptquartiers am Lubljanka-Platz hereindrangen, blendeten Jarkow so, dass er nicht richtig sah, wie wütend der General war. Der Schweiß rann in die Falten seines Doppelkinns, und er verfluchte den Idioten, der kürzlich auf die Idee gekommen war, dass die Geheimdienstoffiziere auch im Büro Uniform tragen mussten.

Schließlich griff General Korolkow nach dem Wasserglas, und Jarkow erhielt die Gelegenheit, in seinem Bericht fortzufahren. »Wir wissen nur, dass Otto Forsman im Besitz eines Dokuments sein könnte, das eine unmittelbare und außerordentlich ernste Gefahr für die russische Sicherheit darstellt. In den Archiven finden sich im Laufe der Jahre jede Menge Eintragungen, die das besagen. Die Bedrohung durch das Dokument ›Schwert des Marschalls‹ hat im Laufe der letzten fünfundsechzig Jahre jeder Generalsekretär der Kommunistischen Partei und jeder KGB-Chef erwähnt. Aber jetzt haben wir zum ersten Mal eine Notiz entdeckt, aus der hervorgeht, in wessen Besitz …«

»Ein seit 1944 gesuchter Mann wird in Helsinki gefunden, aber ihr schafft es nicht, ihn umzubringen, und zu allem Überfluss gelingt es ihm auch noch, zu verschwinden, einem achtzigjährigen Greis!«, unterbrach ihn General Korolkow in scharfem Ton.

»Dieser Forsman hat irgendwie … erfahren, was ihm bevorsteht, und ist aus seiner Wohnung geflohen, bevor das Alpha-Kommando zuschlagen konnte. Der alte Mann konnte auf dem U-Bahnhof verschwinden, als man versuchte, die Liquidierung mit dem Messer vorzunehmen. Wir werden Forsman natürlich finden, er …« Jarkow klatschte sich instinktiv aufs Gesicht, als die Fliege auf seiner breiten Nase landete.

Die Antwort befriedigte General Korolkow nicht. »Warum wurde dieser Forsman gerade jetzt gefunden? Oder besser gesagt, erst jetzt.«

Jarkow witterte die Gelegenheit, sich selbst zu loben. »Das war das Ergebnis beharrlicher Arbeit. Eine beträchtliche Anzahl von Dokumenten, die in den vierziger Jahren von den Finnen für geheim erklärt worden waren, ist seit einigen Jahren öffentlich zugänglich. Ich habe Dutzende Männer angewiesen, sie zu analysieren, und in der letzten Woche hatten wir Glück: Wir fanden in finnischen Mannschaftsverzeichnissen aus der Kriegszeit eine Notiz, in der zwei Soldaten erwähnt werden, in deren Besitz sich das Original des Dokuments ›Schwert des Marschalls‹ zuletzt befand. Also im Juli 1944. Einer der Männer ist tot, und der andere ist Otto Forsman. Er und sein Sohn Eerik Sutela werden seitdem observiert, und die Wohnungen der beiden Männer wurden gründlichst durchsucht. Bei Forsman zu Hause wurde nichts gefunden, aber in Eerik Sutelas Wohnung in London konnten wir einen Brief fotografieren, den Forsman ihm geschickt hat. Darin wird gesagt, wo das ›Schwert des Marschalls‹ versteckt ist: Forsman verweist in seinem Brief auf Kartenkoordinaten, die sein Sohn kennt. Sutela will heute Abend nach Helsinki fliegen und hat sich schon ein Visum für eine Reise nach Russland besorgt …«

»Warum zwingt ihr diesen Sutela nicht, uns zu sagen, wo das Dokument ist?«, fragte der General aufgebracht.

»Sutela hat Kontakt zur finnischen Sicherheitspolizei aufgenommen, und der Vater seiner verstorbenen Frau arbeitet beim MI6 der Briten. Wenn man Sutela entführt, würde das die Neugier der anderen wecken. Es ist leichter und sicherer, Sutela zu folgen und ihm dann hier in Russland das Dokument wegzunehmen.«

»Was ist dieser Otto Forsman für einer?«, fragte der General verärgert, obwohl auf seinem massiven Schreibtisch ein dicker Ordner über Forsman lag.

»Geboren in der finnischen Provinz, die heute zu Russland gehört, im Zweiten Weltkrieg hat er gegen uns gekämpft, jetzt ist er pensionierter Beamter des finnischen Innenministeriums. Ein Kind, seit Anfang der siebziger Jahre geschieden, spricht perfekt Russisch … Am interessantesten ist, dass Forsman seit Jahrzehnten unter psychischen Problemen leidet. Es kann sehr wohl sein, dass sich der Mann all das, was er seinem Sohn geschrieben hat, nur ausgedacht hat.«

General Korolkow schien allmählich besänftigt zu sein, er entspannte sich auf seinem Sessel. »Was genau enthält dieses ›Schwert des Marschalls‹?«

Jarkow senkte den Blick. Am liebsten hätte er gefragt, wie es denn möglich war, dass nicht einmal der Chef des FSB wusste, was sich hinter dem Begriff »Schwert des Marschalls« verbarg. Aber das konnte er natürlich nicht tun.

»Wir wissen nur, dass dieses Dokument möglicherweise eine extreme Gefahr für die Sicherheit Russlands darstellt. Das ›Schwert des Marschalls‹ und sein Besitzer Otto Forsman müssen gefunden und beide müssen … vernichtet werden. Über den Inhalt des Dokuments gibt es noch keine genauen Informationen, aber wir wollen jeden einzelnen Hinweis auf Finnland in den Archiven ausgraben. Glaubt man Gerüchten, dann enthüllt das ›Schwert des Marschalls‹ viele Fälle von Völkermord, zum Tod von Millionen Menschen führende …«

»Sie sollten in dieser Sache Erfolg haben, das wäre am besten für Sie, Major Jarkow. Sofern Sie Chef des Ermittlungsdirektorats bleiben wollen.« Der General sprang auf. »Existiert dieses Dokument mit Sicherheit? Ist diese … Bedrohung real?«

»Offen gesagt, Herr General, wir wissen es nicht«, erwiderte Jarkow. »Entweder Forsman ist verwirrt, oder er besitzt äußerst gefährliche Informationen.«

General Korolkow straffte sich und war um einen möglichst offiziellen Ton bemüht. »Die Ereignisse in Finnland haben derzeit in der Welt mehr Gewicht als sonst, weil das Land den EG-Vorsitz innehat. Dieses Dokument muss mit allen Mitteln und in aller Stille gefunden werden. Der Befehl kommt von der allerhöchsten Ebene.«

Jarkow verließ das Arbeitszimmer des FSB-Chefs und wischte sich auf dem düsteren Flur den Schweiß von der Stirn. Er war garantiert der größte Pechvogel auf der ganzen Welt. Warum zum Teufel musste ein Fall, der seit 1940 ungelöst war, gerade in seiner Zeit als Chef des Ermittlungsdirektorats aktuell werden? Und warum musste der Fall ausgerechnet mit Finnland zusammenhängen? Nur bei Ermittlungen, die mit diesem Land in Verbindung standen, war er selbst zuständig. Er verfluchte seinen weißmeerkarelischen Großvater und seinen Vater, der ihn gezwungen hatte, Finnisch zu lernen und zu studieren.

Der Schlüssel drehte sich im Aufzugsschloss, und kurz danach verfolgte Jarkow, wie die Stockwerknummern aufleuchteten. Er schaute in den Spiegel. Die Uniform spannte über dem Bauch, und die dunkle Haarsträhne, die er über die kahle Stelle gekämmt hatte, war auf die Schläfe heruntergerutscht. Er hatte auch schon mal besser ausgesehen.

Die Tür des Aufzugs öffnete sich, und Jarkow sah Jelena, die Aufsicht im riesigen unterirdischen Archiv des FSB, die alle Kerberos nannten. Er schenkte der Frau sein schönstes Lächeln und fragte, ob sie feurige oder ausgeglichene Liebhaber bevorzugte. Jelena schnaufte und rümpfte die Nase. Das waren für einen routinierten Spieler vertraute Signale. In ein paar Monaten würde er Jelena zu allem überreden können, was er wollte, da war sich Jarkow ganz sicher. Allerdings ödete es ihn langsam an, ständig die Frauen im Kopf zu haben.

Jarkow schloss die Augen, als sich vor ihm die endlosen Flure des Archivs auftaten. Ihm graute schon bei dem Gedanken an die Unmenge von Arbeit, die in dieser unwirtlichen, kalten und staubigen Kammer auf ihn wartete. Er ging den von hohen Regalen mit Dokumenten flankierten Flur entlang, bis er den überladenen Tisch seines Arbeitsplatzes erreichte und sich auf den Stuhl fallen ließ. Hatte er etwa dafür Jura studiert und dann jahrelang rund um die Uhr fleißig gearbeitet? Und wenn er nun bei diesem Auftrag versagte, der nicht von General Korolkow, sondern von noch weiter oben kam?

Man sollte sich über Kleinigkeiten nicht beklagen, dachte Jarkow und trank seinen kalt gewordenen Tee. Er verdiente beim FSB nicht schlecht, und die geldwerten Vorteile waren angenehm. Wenn es ihm gelänge, den verschwundenen Finnen und das »Schwert des Marschalls« zu finden, könnte es gut sein, dass er befördert wurde. Dann wäre er imstande, Valentina das Eigenheim an der Borowskoje Chaussee zu kaufen. Sein gegenwärtiges Gehalt reichte dafür nicht aus, weil Valentina beschlossen hatte, wegen Mischa zu Hause zu bleiben. Irgendetwas musste ihm einfallen, und zwar bald, sie konnten nicht endlos lange mit Valentinas Eltern zusammen in einer Zweizimmerwohnung von fünfzig Quadratmetern wohnen.

Jarkow griff widerwillig nach dem obersten Ordner des Stapels auf seinem Tisch. Die Aufgabe erschien übermächtig. Er verbrachte in dem Archiv schon Tage damit, die Hinweise auf Finnland zu prüfen, die seine Mitarbeiter gefunden hatten. Aber kein einziger hatte neue Informationen zum »Schwert des Marschalls« enthalten. Durch die Ordner des FSB und seiner kurzlebigen Vorgänger FSK, MB und AFB hatte er sich schon bis zum Jahr 1991 zurück gekämpft, nun wollte er in das Meer der Informationen eintauchen, die der KGB in seiner fünfundvierzigjährigen Geschichte gesammelt hatte.

Die Stunden flossen dahin, und Jarkows Augenlider wurden immer schwerer. Die Stille war so vollkommen, dass er das Ticken seiner Armbanduhr und seinen eigenen Puls hörte. Er öffnete eine neue Mappe, warf einen kurzen Blick auf den Stempel »UNITSCHTOSCHEN« (zu vernichten) und wurde etwas munterer, als er sah, dass die nächste Eintragung aus dem Frühjahr 1983 vom KGB-Chef Viktor Tschebrikow stammte.

»Kekkonen, Urho Kaleva. Präsident Kekkonen ließ mich Auszüge aus einer Kopie des Dokuments Schwert des Marschallslesen und verbrannte sie dann. Kekkonen versicherte, es gebe von dem Dokument keine anderen Kopien, und ich glaubte es ihm – Präsident Kekkonen hat im Verlauf der Jahrzehnte wiederholt seine Zuverlässigkeit bewiesen. Ich habe Generalsekretär Andropow über den Inhalt des Dokuments unterrichtet. Niemand weiß, wo oder bei wem sich das Original befindet.«

Jarkow knallte die Mappe auf den Tisch und fuhr sich durch die Haare. Warum zum Henker verriet auch Tschebrikow mit keinem Wort, was das »Schwert des Marschalls« enthielt? Schritte klapperten auf dem Flur, das Geräusch kam immer näher und sorgte dafür, dass sich Jarkow auf seinem Stuhl aufrichtete. Er tat so, als wäre er in die Unterlagen vertieft, wiegte aber den Kopf im Rhythmus der Hüften von Leutnant Olga Gusarowa.

»Herr Major. Uns ist in Finnland ein Durchbruch gelungen, wir haben Otto Forsmans Anwältin gefunden«, verkündete Olga Gusarowa, und auf Jarkows Gesicht erschien ein Lächeln, das verriet, wie erleichtert er war.

5

Helsinki, Montag, 7. August

Der viel zu schnell dahinrasende Zug schwankte heftig, und Arto Ratamo wusste, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Er stieß mit dem Kopf gegen das Abteilfenster und sah den Fluss, der tief unten schimmerte und sich am Grunde der Schlucht dahinschlängelte. Plötzlich spürte er, wie der Zug entgleiste. Einen Augenblick schwebte er in der Luft, dann begann der Absturz. Im Fallen wurde der schwere Stahlkoloss noch schneller, der Boden kam immer näher, gleich würde der Zug aufprallen, Panik bohrte sich in seinen Kopf wie …

»Ist alles in Ordnung, mein Junge?« Jussi Ketonen verpasste Ratamo, der sich im Bett hin und her wälzte, eine kräftige Ohrfeige. »Der Kerl schläft mitten am Tag, und im Zimmer stinkt es wie im Nachtquartier der Heilsarmee.«

Ratamo gelang es, ein Auge einen Spalt zu öffnen; er richtete den Oberkörper auf und versuchte die Zunge zu lösen, die am Gaumen klebte. Die Zigarillos vom Vorabend hatten im Mund einen Geschmack wie Schlacke und in den Schläfen ein Hämmern hinterlassen. Bilder schossen ihm durch den Kopf: Der Schmutzweitwurf beim Absurden Fünfkampf, das Wortgefecht, das Lapa Väisälä in der Kneipe vom Zaun gebrochen hatte …

»Was zum Teufel ist denn los? Du müsstest doch mit Nelli und Marketta im Ferienhaus sein«, murmelte Ratamo. Ketonen holte in einem Bierglas Wasser aus der Küche, stellte es auf Ratamos Nachttisch und zerrte die Gardinen am Schlafzimmerfenster auf. »Ich habe Arbeit für dich. Wollen wir nicht Mittag essen gehen, ins ›Sikala‹, dann erkläre ich dir die ganze Geschichte. Ich lade dich ein«, sagte Ketonen großspurig und schob die Hände unter die Hosenträger über seinem gewaltigen Bauch.

Ratamo trank das Wasserglas in einem Zuge aus. Er wischte sich die Mundwinkel ab, konnte nun auch das andere Auge öffnen und musterte den Exchef der Sicherheitspolizei wie den Patienten einer geschlossenen Abteilung. »Du brauchst gar nicht noch mehr zu erzählen. Das ist meine erste Urlaubswoche seit Jahren, in der ich mal allein bin, und es gibt nichts und niemanden auf der Welt, der sie unterbrechen könnte. Und du bist außerdem Rentner.«

Er stand ächzend auf, zog den Bademantel an, rieb sich die Schläfen und schlurfte in die Küche. Im Kopf rauschte es fürchterlich, vermutlich streifte sein Blutdruck schon am Morgen die Risikogrenze. Er schob sich eine Tablette Diurex in den Mund und spülte sie mit Wasser hinunter. Verglichen mit seinen normalen Nächten hatte er so lange geschlafen wie ein Fürst, aber der chemische Schlaf war nicht wirklich erholsam.

Es ärgerte ihn, dass es Ketonen schon gelungen war, seine Neugier zu wecken. Jussi würde nie jemanden zum Essen einladen, wenn nicht irgendetwas Wichtiges im Gange war. Der Mann war knausriger als ein Spielautomat.

Ketonen kam zu Ratamo in die Küche und fuhr sich verlegen durch die grauen Haare. »Nun reg dich mal nicht gleich auf. Der Begriff Arbeit war schlecht gewählt, es geht eher um eine Urlaubsreise. Eine kostenlose Fahrt nach Lappland«, sagte er beruhigend und hob dabei Kleidungsstücke auf, die auf dem Fußboden herumlagen.

Ratamos Interesse wurde immer stärker, aber ein Magenkrampf zwang ihn, sich hinzusetzen. Er fühlte sich plötzlich so schwach, dass er zum äußersten Mittel greifen musste – zur »Auferstehung«. Er mixte aus zwei Eiern, Chilipaste Sambal Oelek und Ingwerpulver eine Brühe mit einem stechenden Geruch, holte ein paarmal tief Luft und kippte die ganze Mixtur auf einmal hinunter. Das Zaubergetränk wirkte fast sofort, sein Blut kam so in Wallung, dass es in den Ohren dröhnte, und der Puls hämmerte sogar in den Augen.

»Dieses Wunder, dass du mich zum Mittagessen einlädst, darf ich mir nicht entgehen lassen«, ächzte Ratamo und nahm seine zerknitterten Jeans vom Stuhl. Wenig später gingen die beiden Männer im Sonnenschein am Park Vuorimiehenpuistikko vorbei zum Restaurant »Seahorse«, bekannt auch als »Sikala«.

Die an die Stirnwand des Restaurants gemalten schwarzen Seepferdchen begrüßten die beiden neuen Gäste ebenso wie der vertraute Portier. Das Restaurant war bis auf den letzten Platz gefüllt mit Leuten, die zu Mittag aßen. Es dauerte einen Augenblick, bis Ratamo einen separaten Tisch entdeckte, an dem sich eine Gruppe redseliger Männer in Schlips und Kragen gerade zum Aufbruch rüstete.

»Woche dreiunddreißig, Montag«, las Ketonen feierlich aus der Tageskarte mit den günstigen Angeboten vor: »Hackbraten mit Kartoffelbrei, Hähnchenschnitzel mit Chili-Paprika-Gemüse oder gebratene Strömlinge.«

»Wollen wir nicht doch lieber à la carte bestellen, wenn du schon mal zum Essen einlädst?«, sagte Ratamo und genoss Ketonens erschrockene Miene. »Ich werde wohl als Vorspeise ›Vorschmack‹ und als Hauptspeise gebratenen Zander nach der Art von Marschall Mannerheim nehmen.«

»Mach keine Scherze, Mensch, das sind ja die teuersten Gerichte auf der Karte. Solche Preise wird doch wohl niemand aus eigener Tasche bezahlen«, erwiderte Ketonen, nahm Ratamo die à la carte-Speisekarte weg und drückte ihm dafür die Tageskarte in die Hand.

»Ich bezahle es ja auch nicht aus eigener Tasche, da du mich doch einlädst«, sagte Ratamo, winkte den Kellner heran und gab seine Bestellung auf. Ketonen schüttelte den Kopf und entschied sich für die gebratenen Strömlinge und ein großes Glas fette Buttermilch.

Es vergingen ein paar Minuten, in denen Ketonen Ratamo grimmig anschaute und mit ungläubigem Gesichtsausdruck die exklusive Speisekarte in der Hand drehte. Er beruhigte sich erst, als die riesige Portion Strömlinge serviert wurde.

Ketonen angelte sich mit der Gabel einen Fisch, schaufelte einen Berg Kartoffelbrei darauf und jonglierte die Portion in den Mund. »Der in England lebende Sohn meines alten Bekannten Otto Forsman beabsichtigt eine Wanderung ins russische Lappland zu unternehmen, in die Nähe von Petsamo. Angeblich handelt es sich um eine kombinierte Dienst- und Vergnügungsreise; dieser Eerik Sutela will irgendeinen historisch bedeutsamen Ort besuchen. Er braucht dich offen gesagt als Kindermädchen: Sutela ist Historiker und kein Wanderer, der sich in der Einöde auskennt. Otto Forsman hat mich seinem Sohn empfohlen, aber ich werde doch in meinem Alter nicht mehr in der Sommerhitze irgendwo durch die russische Wildnis stiefeln. Und meine Kondition ist nicht mehr das, was sie mal war, der Rücken wird immer schlimmer.« Ketonen versuchte mit vollem Mund ein paar Mitleidspunkte zu sammeln.

»Petsamo ist Finnland und nicht Russland, an dieser Tatsache ändert auch die Verlegung der Grenze nach dem Krieg nichts«, erwiderte Ratamo und verschlang eine Gabel voll Vorschmack.

Ketonen hörte auf zu kauen, seine Verblüffung schien übertrieben. »Das ist genau die Haltung, die zu Kriegen führt. Sowohl die Juden als auch die Palästinenser haben immer im jetzigen Israel gelebt, Kosovo ist immer ein Teil Serbiens gewesen, und die Iraker haben Kuwait nur wieder mit ihrem Land vereinigt. Man müsste doch nun begreifen, dass kein Volk irgendeine Region für alle Zeiten bewohnt. Staaten kommen und gehen, und Grenzen werden mal hierhin, mal dorthin verlegt. Petsamo gehörte auch nur reichlich zwanzig Jahre zu Finnland, vom Dorpater Frieden 1920 bis zum Waffenstillstand von 1944.«

»Na ja, Karelien jedenfalls ist ein Teil Finnlands«, knurrte Ratamo. Er war wirklich nicht in der Stimmung, mit jemandem einen Disput zu führen.

Ketonen stopfte sich einen weiteren Strömling in den Mund. »Lass es dir wenigstens mal durch den Kopf gehen. Die Reise wird nicht lange dauern, alle Kosten werden übernommen, und du kannst in einer tollen Landschaft mit der Spinnangel auf Lachs gehen. Du musst nur ab und zu ein Auge auf diesen Eerik Sutela haben, und ansonsten kannst du machen, wozu du Lust hast. Du würdest mir einen großen Gefallen tun.«

»Wieso haben Vater und Sohn unterschiedliche Familiennamen?«, fragte Ratamo, während sein Zander serviert wurde.

Neidisch schaute Ketonen zu, wie Ratamo es sich schmecken ließ, und wischte mit einer Scheibe Roggenbrot die Reste des Kartoffelbreis von seinem Teller. »Eerik hat aus irgendeinem Grund den Familiennamen seiner Mutter bekommen. Aber soweit ich mich entsinne, ist Ottos Frau schon bald nach der Geburt des Sohnes abgehauen, und Eerik blieb bei seinem Vater. Das ist schon so lange her, dass ich mich nicht mehr an alles genau erinnere. Damals habe ich Otto allerdings ziemlich oft getroffen, wir haben in den sechziger Jahren zur gleichen Zeit neben der Arbeit Jura studiert. Otto saß in der Hauptabteilung Polizei im Innenministerium und ich in der Zentrale der Kriminalpolizei. In der Fakultät waren wir beide älter als die anderen und fühlten uns ein wenig als Außenstehende. Ich habe von Otto gute Ratschläge für mein Studium bekommen, er hatte zwei Jahre vor mir angefangen.«

Ratamo fiel auf, dass Ketonen den direkten Blickkontakt mied. »Irgendetwas an der Sache ist faul. Warum hat Otto Forsman seinem Sohn angeblich dich als Begleiter für die Reise nach Lappland empfohlen? Weshalb braucht dieser Sutela dabei einen ehemaligen SUPO-Mitarbeiter?«

»In der russischen Wildnis ist das Wandern nicht unbedingt ein Kinderspiel. Vor allem dann, wenn irgendetwas Überraschendes passiert«, antwortete Ketonen. »Ich glaube, Otto Forsman will nur jemanden bei seinem Sohn haben, der weiß, was zu tun ist, wenn etwas schiefläuft.«

»Zwei Kaffee und die Rechnung«, sagte Ketonen hastig, als der Kellner kam, um die Teller abzuräumen. Er wollte Ratamo nicht auch noch einen Nachtisch bezahlen.

Ratamo wischte sich die Mundwinkel ab und beobachtete seinen Exchef. Der schien ihm irgendwelche Informationen vorzuenthalten. Sie hatten so viele Jahre zusammengearbeitet, dass er Jussi gut genug kannte.

»Na gut, ich erzähle es dir. Du erfährst es ja sowieso bald«, fuhr Ketonen fort und seufzte laut. »Die Schwester vom Pflegedienst, die Otto Forsman betreut, wurde letzten Montag in Kamppi mit dem Messer umgebracht. Die Polizei hat herausgefunden, dass die Frau an dem Morgen bei Forsman gewesen ist. Man hat versucht, Otto zu erreichen, und dabei stellte sich heraus, dass er verschwunden ist. Otto war immer ein einsamer Wolf, es kann gut sein, dass er einfach nur verreist ist. Woher soll man das wissen? Aber die Helsinkier Kriminalpolizei ermittelt in der Angelegenheit, und du brauchst dich nicht darum zu kümmern. Wie ich gehört habe, weist nichts darauf hin, dass Ottos Verschwinden und der Tod dieser Schwester miteinander zusammenhängen.«

»Natürlich hängen die miteinander zusammen, zum Teufel noch mal. Jemand wird umgebracht, und der andere verschwindet, und das am selben Tag …«

Ketonen klopfte mit dem Knöchel auf den Tisch. »Otto Forsman ist blind. Es dürfte ziemlich unwahrscheinlich sein, dass Otto die Frau umgebracht hat, indem er mit einem Messer nach ihr geworfen und sie am Hals getroffen hat. Und du kannst ja jederzeit jemand von der SUPO bitten, in der Angelegenheit ein wenig nachzuforschen, wenn du mir nicht glaubst.«

Der Kellner brachte den Kaffee, und Ratamo beobachtete mit einem Lächeln Ketonen, der die zusammengefaltete Rechnung ganz langsam wie ein Pokerfuchs öffnete.

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