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Der Falke von Malta

*

Edok hatte es ungewöhnlich eilig, die Taverne zu verlassen. Das Schankmädchen wunderte sich, dass der junge Mann, der doch gerade erst gekommen und einen Krug Wein bestellt hatte, den Raum schon wieder verließ, ohne seinen Becher auch nur angerührt zu haben. Neben dem noch vollen Weingefäß lagen einige Münzen auf dem Tisch. Er hatte den Wein verschmäht, doch seine Bezahlung war mehr als großzügig.

Kopfschüttelnd sah die junge Frau noch einen Moment zu der mittlerweile wieder geschlossenen Tür, dann wandte sie sich wieder anderen Gästen zu. Nur aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass sich eine schlanke Gestalt, die einen weiten Mantel trug und mit einer Kapuze ihr Gesicht in tiefen Schatten hüllte, von einem Tisch in der hinteren Ecke erhob und den Raum ebenfalls verließ.

Draußen angekommen, wurde Edok von einem angenehm warmen Wind empfangen. Am Himmel konnte er keine einzige Wolke erspähen. Das helle Licht der Sterne wies ihm den Heimweg durch Rabat. Die Gassen des maltesischen Städtchens lagen verlassen vor ihm. Dennoch hatte der junge Mann das Gefühl, verfolgt zu werden. Immer wieder blieb er kurz stehen, um in die Nacht hineinzulauschen. Beim letzten Mal hatte sein Verfolger offensichtlich nicht richtig aufgepasst, denn Edok hatte aus einer Nebengasse noch einige Schritte auf der steinigen Straße gehört.

Der junge Malteser atmete tief durch, dann begann er zu rennen. Einen Augenblick später hörte er einen lauten Fluch hinter sich. Edok beschleunigte seine Schritte, aber schon nach wenigen Augenblicken spürte er Seitenstiche und Schmerzen in den Oberschenkeln. Die Nervosität der letzten Tage und die Angst vor dem, was kommen könnte, setzte ihm so zu, dass er sich wie ein alter Mann fühlte. Endlich bog er in die Straße ein, in der sein kleines Häuschen lag. Das alte Flachdachhaus war mehr eine Baracke als ein wirkliches Haus, aber Edok war stolz auf seinen Besitz. Schon bevor er geboren worden war, hatten seine Eltern hier gewohnt. Rabat hatte die Eroberung durch die Araber nahezu unbeschadet überstanden, ebenso wie verschiedene Plünderungen durch byzantinische Streifscharen in den letzten Jahren.

Edok riss die Tür zu seinem Domizil auf und warf sie hinter sich wieder zu. Sofort legte er den Riegel vor und stemmte sich von innen gegen die Tür. Keinen Augenblick zu früh, denn ein Stoß von außen ließ die Tür in den Angeln erzittern. Edok drückte mit aller Macht von innen dagegen, aber von außen schien jemand mit der Schulter immer wieder gegen die Holztür zu rammen. Endlich, nach vier, fünf Schlägen, hörte der Fremde auf einmal auf. Edok blieb noch einen Augenblick direkt vor der Tür stehen, dann ließ er sich auf den Boden sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen. Tränen rannen ihm zwischen den Fingern hindurch. Wie hatte es nur so weit kommen können?

Es dauerte einen Moment, bis der junge Mann sich wieder beruhigt hatte. Dann erhob er sich, atmete tief durch und sah sich in dem einzigen Raum des kleinen Hauses um. Seine wenige Habe war von jemandem durchwühlt worden. Die beiden Obergewänder, die er besaß, lagen zerfetzt auf dem Boden. Seine Bettstatt war zerstört und der kleine Tisch, der in der Mitte des Raumes gestanden hatte, war entzwei getreten worden. Edok starrte die Verwüstung mit offenem Mund an. In diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er verschwinden musste, wenn er überleben wollte. Der junge Mann hastete zu einer kleinen Truhe, die in der hintersten Ecke des Raumes stand und von einigen anderen Gegenständen gut verdeckt war. Die Einbrecher hatten es offenbar nicht geschafft, die Truhe zu öffnen, denn das Schloss war unversehrt. Nervös fingerte Edok den Schlüssel hervor, den er immer an einer Kette um den Hals bei sich trug. Endlich schaffte er es, die Finger so ruhig zu halten, dass er die Truhe öffnen konnte. Er entnahm ihr einige Schriftstücke, einen kleinen Beutel mit Geldmünzen und ein langes, fremdartig besticktes Obergewand.

Edok wollte sich gerade einem kleinen Loch in der Erde neben der Feuerstelle zuwenden, das er als Aufbewahrungsort für Lebensmittel verwendete, als er vom Flachdach lautes Poltern hörte. Von dem Innenraum des kleinen Hauses ging eine steinerne Treppe hinauf aufs Dach. Der junge Mann verharrte in seiner Bewegung und starrte die Treppe hinauf. Ein Schatten erschien am oberen Ende des Aufganges. Edok setzte zum Sprung an und floh in Richtung Haustür. Verzweifelt versuchte er die Tür aufzureißen, doch sie war fest verriegelt. Panisch fingerte der junge Mann an dem Riegel herum und schaffte es endlich, ihn zurückzuschieben. Aber die Tür ließ sich nicht öffnen. Es war, als hielt jemand von außen den Türgriff fest umschlossen, um zu verhindern, dass Edok das Haus verlassen konnte. Wütend heulte der junge Mann auf. Er warf sich herum, in dem Versuch herauszufinden, wo genau sein Jäger sich befand. Doch es war bereits zu spät. Direkt vor ihm stand eine Gestalt in einem weiten Mantel, das Gesicht im tiefen Schatten einer großen Kapuze. Leise fragte Edok: „Warum?“

Dem jungen Mann war, als legte der Fremde seinen Kopf leicht schief. Für einen Augenblick verrutschte die Kapuze des Eindringlings, aber die Dunkelheit im Raum verwehrte Edok einen Blick in das Gesicht des Mannes. Dann kam der Schmerz. Der Krummdolch des Fremden bohrte sich tief ins Herz des jungen Maltesers. Mit sterbendem Blick brach Edok auf der Schwelle seines Hauses zusammen. Nachdem der Mann den Dolch aus dem Körper des Toten gezogen hatte, verschränkte er die Arme des jungen Mannes vor dessen Körper. Von dem Blut, das stoßweise aus dem Körper des Sterbenden drang, ließ der Fremde sich nicht abhalten.

Noch einen winzigen Augenblick starrte er in die leblos werdenden Augen des jungen Maltesers. Dann flüsterte er: „Wer Gott herausfordert, wird durch ihn bestraft.“

*

Sarim erwachte mit dröhnenden Schmerzen im Kopf. Er wälzte sich auf seinem Lager für eine Weile hin und her, bemüht, eine Position zu finden, in der ihm sein rebellierender Magen und der schmerzende Kopf nicht so sehr zusetzten. Endlich setzte der junge Mann sich auf und rieb seine Schläfen mit den Zeigefingern. Leise stöhnend verfluchte Sarim den Alkohol, dessen Genuss zwar von Mohamed und Allah verbotenen war, aber sein Freund Malek schaffte es immer wieder, ihn zu dieser Untat zu verleiten. Der Hilfskoch des Emirs war ein bekennender Anbeter Allahs, so wie Sarim. Doch im Gegensatz zu seinem Freund betrachtete Malek den Genuss von Wein und stärkerem Rauschgetränk als medizinisch notwendige Maßnahme, die mit gewisser Regelmäßigkeit sein musste. Sagten die Schriften der alten Kalifen nicht, dass der Genuss von Medizin nicht gegen das Gesetz des Propheten verstößt?

Mit einem Stöhnen auf den Lippen quälte Sarim sich auf die Beine. Im ersten Moment schwankte er bedenklich, doch dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Wie war er gestern Abend nach Hause gekommen? Hatte ihn jemand gesehen? War womöglich jemand auf ihn aufmerksam geworden? Wenn ein Höfling ihn in seinem Zustand gesehen hätte, wäre das für sein Ansehen und seinen Ruf in der Stadtwache des Emirs alles andere als förderlich.

Langsam, ganz behutsam einen Fuß vor den anderen setzend, bewegte er sich zu dem bronzenen Wasserbecken, das unter dem Fenster stand und bis zum Rand gefüllt war. Zuerst griff er nach dem Wasserkrug neben dem Becken und setzte das Tongefäß direkt an die Lippen. Erst als er den Krug fast bis zur Hälfte geleert hatte, setzte er das Gefäß wieder ab. Mit einer Hand wischte er sich das herablaufende Wasser vom Kinn. Dann griff er mit beiden Händen in das Becken, formte mit den Händen einen Trichter und schöpfte das erfrischende Nass mehrmals in sein Gesicht. Nachdem er dies dreimal wiederholt hatte, fühlte er sich soweit sicher auf den Beinen, dass er begann, sich zu entkleiden, um sich am ganzen Körper zu waschen.

Noch immer schmerzte sein Kopf und das Sonnenlicht, welches durch das weit geöffnete Fenster hereinschien, machte ihm ziemlich zu schaffen. Mit zusammengekniffenen Augen suchte er nach einem frischen Lendenschurz und dem mit einem Edelstein besetzten Dolch, der ein Abzeichen seines Ranges als Hauptmann der Stadtwache war. Nachdem er die Zeremonienwaffe endlich unter einem verschwitzten und beschmutzten Obergewand gefunden hatte, band er sich den Gürtel mit der Dolchscheide um und zog den Dolch kurz heraus, um sicherzugehen, dass die Schneide geschärft und gereinigt war.

Langsam bewegte er sich wieder zu seinem Lager und setzte sich auf den Rand des Bettes. Leise murmelte er: „Allah il Allah. Du weißt schon, warum du deinen Dienern das Rauschgetränk verbietest.“

Zaghaft, als wolle der Störenfried die Ruhe nur widerwillig unterbrechen, klopfte es an der Tür zu Sarims Gemach. Als Hauptmann der Stadtwache war Sarim im Palast des Emirs untergebracht, damit er und die anderen höherrangigen Mitglieder der Wache sofort einsatzbereit waren, wenn sie gebraucht wurden. Nach einem leisen Fluch und einem kräftigen Räuspern, damit man ihm seinen Zustand nicht direkt im ersten Moment anmerkte, rief Sarim: „Wer da?“

Die Tür öffnete sich einen Spalt weit und ein Knabe, der zur Dienerschaft des Emirs gehörte, schob seinen Kopf durch die schmale Öffnung.

„Mein Herr möge die Störung verzeihen.“ Es klang fast wie ein Betteln. Sarim lächelte freudlos. Welchen bemitleidenswerten Diener hatte er gestern in seinem Zustand halber Besinnungslosigkeit wieder wegen einer Nichtigkeit angeschrien, dass der Junge an der Tür so eine Angst vor ihm hatte?

„Tritt ein“, murmelte Sarim und unterstrich seine Aufforderung mit einer müden Geste seiner Hand.

Vorsichtig öffnete der Knabe die Tür ganz und trat ein. Dann schloss er sie hinter sich und starrte auf seine Füße, wobei er nervös von einem Bein aufs andere trat. Sarim sah den Knaben kurz an. Der Junge kam ihm bekannt vor, er konnte aber nicht sagen, woher. Nach einem Moment der Stille fragte der Hauptmann freundlich: „Wie lauten die Befehle unseres Herrn?“

Der Diener schluckte nervös. Dann antwortete er mit zitternder Stimme: „Der Emir befiehlt, dass Ihr Euch zur Mittagsstunde im Thronsaal einfinden sollt.“

Lächelnd erhob Sarim sich, die schnelle Bewegung schon im nächsten Moment wieder bereuend. Doch da er sich vor dem Diener keine Blöße geben wollte, ging er auf den Jungen zu, bemüht, nicht zu schwanken.

„In welcher Sache will unser Herr mich sprechen?“

Der Knabe hob beide Hände in einer Geste der Unwissenheit und sah sich nervös im Raum um, wobei er es vermied, Sarim direkt anzusehen.

„Schon gut. Ich werde da sein.“

Der Diener verneigte sich und wollte den Raum gerade verlassen, als Sarim nachdenklich fragte: „Wie lange ist es noch zur Mittagsstunde?“

„Nicht mehr ganz zwei Stunden, mein Herr.“

Sarim nickte. Das Gesicht des Knaben blieb undurchdringlich. Nachdem Sarim ihm noch einen Blick zugeworfen hatte, um herauszufinden, was der Diener wohl denken mochte, entließ er ihn mit einer knappen Handbewegung. Er hatte etwas mehr als eine Stunde Zeit, die Folgen des gestrigen Abends zu beseitigen. Der Einzige, der jetzt noch helfen konnte, war Malek.

*

Zunächst suchte Sarim nach einer vorzeigbaren Tracht. Schließlich entschied er sich für das Gewand der Palastwächter. Zwar war er heute nicht im Dienst, aber er sollte vor dem Emir erscheinen. Und nach seinem Fehlverhalten in der letzten Nacht erschien es ihm sinnvoll, seinen Herrn daran zu erinnern, dass er zwar gelegentlich auch ein Übel darstellen konnte, nämlich immer dann, wenn jemand ihn verleitete, zu viel „Medizin“ zu trinken, aber in aller Regel ein zuverlässiger Diener des Emirs war.

Keine halbe Stunde nachdem Sarim von dem Wunsch des Herrschers von Malta, ihn zu sprechen, erfahren hatte, war er auf dem Weg zu Malek. Seine Schritte führten ihn direkt in die Palastküche, wo er den Hilfskoch zu finden hoffte.

Den Herrschersitz in Mdina als Palast zu bezeichnen, wirkte auf Sarim jedes Mal etwas überzogen, kannte er doch von seinen Reisen die Paläste der Kalifen in Mekka, Granada und auf Sizilien. Die Festung von Mdina konnte keinesfalls mit einem dieser Herrschersitze konkurrieren. Aber auf der anderen Seite musste man sich auch eingestehen, dass der Sitz des Emirs im Vergleich zu den armseligen Häusern in der Unterstadt doch noch immer ein Palast war.

In Gedanken noch immer Vergleiche mit anderen Prunkbauten ziehend, bog Sarim um die Ecke eines Botenganges, der direkt in den Vorraum der Küche mündete und stieß mit einem schwitzenden, gehetzt wirkenden, jungen Mann zusammen. Beide gingen zu Boden. Sarim hatte das Gefühl, sein Kopf würde explodieren. Leise fluchend rappelte er sich, immer noch an den Folgen des Gelages der letzten Nacht leidend, auf und betrachtete das Wesen, mit dem er zusammengestoßen war. Sein Blick fand den seines Freundes Malek, der wie ein Käfer auf dem Rücken lag und schnaufend versuchte, aufzustehen. Nach einem kleinen Augenblick, den Sarim brauchte, um wieder einen klaren Gedanken fassen und seine Kopfschmerzen zur Seite schieben zu können, brach er in lautstarkes Gelächter aus. Erst jetzt machte sich Erkennen in dem Gesicht seines Freundes breit. Malek schaffte es, sich unter Anstrengung all seiner Kräfte auf die Seite zu rollen und hochzustemmen.

Während sich Sarim, der sich noch immer Lachtränen aus den Augen wischte, gegen die Wand gelehnt langsam in die Hocke herabließ, ging Malek auf die Knie und richtete seinen Oberkörper auf. Dann hielt er schnaufend inne und maulte Sarim an: „Was wütest du hier durchs Haus wie ein Sandsturm in der Wüste?“

„Der Emir hat nach mir schicken lassen“, murmelte Sarim nachdenklich. Seine gute Laune war auf einen Schlag wieder verschwunden.

Ächzend und stöhnend stand Malek endgültig auf. Wenn er mit seinen fast zwei Metern stand, erschien Sarim gar nicht so korpulent. Aber die tägliche Nähe zum Essen, die Angewohnheit jeden Leckerbissen zu schätzen und keiner Versuchung ernsthaft widerstehen zu können, hatten in den letzten Jahren dazu geführt, dass ihm die schnelleren Bewegungen immer schwerer fielen und sein Gang immer schleppender wurde. Mittlerweile machten die Bediensteten der Küche hinter vorgehaltener Hand schon Scherze darüber, dass man mit dem Schweiß, den Malek an einem Tag absonderte, genug Flüssigkeit hätte, um eine verdurstende Seele in der Wüste zu retten. Das Wissen um seine eigene Unzulänglichkeit hatte Malek zu einem einsamen Menschen gemacht. Nur der Freundschaft zu Sarim, die schon seit Kindertagen bestand, hatte die körperliche Veränderung des Koches nichts anhaben können.

Malek betrachtete seinen Freund Sarim einen Moment, der so vor der Wand hockend etwas verloren wirkte.

„Was denkst du, was er von dir will?“

„Ich habe keine Ahnung. Meinst du, jemand hat bemerkt, dass wir …?“

„Machst du Scherze?“ Maleks Stimme klang aufmunternd. „Wir haben zusammengesessen und gegessen. Dann haben wir unseren Mägen etwas Gutes getan.“

„Ich weiß, was wir getan haben. Mich interessiert, ob noch jemand etwas davon weiß.“

Malek sah seinen Freund erstaunt an. Dann schüttelte er langsam den Kopf.

„Das wäre schlecht, mein Bruder. Der Emir ist ein Mann, der dem Glauben eine große Bedeutung beimisst und eine sehr extreme Auslegung der Gebote des Propheten liebt.“

„Das tue ich auch“, brummte Sarim ungehalten.

„Natürlich. Weshalb du auch schon die für den heutigen Tag vorgeschriebenen Gebete eingehalten hast.“

Maleks Erwiderung klang belanglos, triefte aber vor Ironie und Sarkasmus. Ergeben breitete Sarim beide Arme aus. Dann murmelte er leise: „Was tue ich jetzt?“

„Nichts.“ Die Antwort Maleks kam entwaffnend schnell und einfach. Dann fügte der Koch hinzu: „Ich werde dir gleich einen Trank geben, der dich von dem pelzigen Geschmack auf deiner Zunge und dem Gestank aus deinem Rachen befreit. Anschließend wirst du eine kräftige Mahlzeit zu dir nehmen, damit dein Gang wieder sicherer wird. Und dann wirst du vor den Emir treten.“

Sarim nickte langsam. Dann flüsterte er: „Es wäre eine große Schande, wenn …“

„Er wird dich nicht vom Hof verweisen, Sarim. Du bist ein Hauptmann seiner Wache. Deinen Lebenswandel kennt man bei Hofe zur Genüge. Trotzdem hast du es in diese Position geschafft. Also muss unser weiser Emir etwas an dir gefunden haben, was deinen Aufstieg gerechtfertigt hat. Wahrscheinlich hat er einfach einen Auftrag für dich.“

„Deine Worte in Wahrheit und Allahs Segen, ich fürchte, ich werde beides heute benötigen.“

„Um Allahs Segen solltest du bitten, wenn wir dich auf deine Audienz vorbereitet haben. Jetzt wirst du mich erst einmal begleiten.“

Ohne ein weiteres Wort folgte Sarim seinem Freund in den Küchentrakt des Herrscherhauses. Sofort schlug ihm ein Geruch nach Kräutern, Gewürzen, Fleisch und Fisch entgegen. Die Gerüche der einzelnen Speisen, die hier zubereitet wurden und nur darauf warteten, dem Emir und seinen Günstlingen vorgesetzt zu werden, vermischten sich zu einem Sammelsurium exotischer Düfte, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen würden. Doch Samir war für derartige Empfindung heute unempfänglich. Schon allein der Gedanke, etwas zu essen, ließ seinen Magen rebellieren.

Malek führte ihn durch einige Räume, in denen die Diener mit der Zubereitung des Mittagmahls für den Hof beschäftigt waren. Fluchend und schimpfend stolperten Köche zwischen den Küchenhelfern hin und her, erteilten Befehle, bearbeiteten Fleisch, Gemüse und andere Nahrungsmittel mit Messern und Gewürzmühlen oder schmeckten ihre Kreationen ab. Das bunte Treiben im Küchentrakt erinnerte Sarim jedes Mal aufs Neue an einen Haufen Ameisen, die scheinbar ziellos durcheinander krabbelten. Und doch waren diese kleinen Wesen, ebenso wie die Mitglieder der Küchenmannschaft, in der Lage, jeden Tag aufs Neue unglaubliche Leistungen zu vollbringen.

Endlich kamen sie in einen kleinen Saal, in dem einige Tischreihen mit Bänken davor standen. Hier aßen für gewöhnlich das Küchenpersonal und die Dienerschaft, weit weg von den Sälen, in denen der Emir mit seiner Gefolgschaft und den Gesandten anderer Herrscher tafelte. In dem Saal herrschte eine friedliche Stille, nur zwei Diener ganz hinten im Raum waren damit beschäftigt, die letzten Spuren des Morgenmahls zu beseitigen.

Sarim ließ sich schnaufend an einem Tisch nieder und legte das Gesicht stöhnend in beide Hände.

„Die Kopfschmerzen vergehen. Bleib einen Moment hier sitzen, ich bringe dir gleich, was du brauchst.“

Sarim nickte und legte den Kopf einen Moment in den Nacken, bevor er ihn einmal von links nach rechts kreisen ließ. Dann setzte er sich möglichst gerade hin, faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und starrte die Holzplatte an.

Ein Auftrag. Für gewöhnlich ließ der Emir seine Wache nicht zu einer Audienz antreten, wenn er einen Auftrag zu vergeben hatte. In einem solchen Fall erhielt Sarim normalerweise eine Nachricht, sich bei dem Obersten der Wache zu melden. Der Oberste übergab dann die Weisung des Emirs.

Schon nach einem kurzen Augenblick kehrte Malek mit einem Tablett zurück. Auf diesem stapelten sich zwei frische Fladenbrote, ein großes Stück Käse, einige Oliven und eine Holzschüssel mit etwas Brei darin. Außerdem hatte er einen Becher dabei, dessen Inhalt dampfte und stark nach Kräutern roch. Malek stellte das Tablett vor Sarim ab und ließ sich auf der Bank gegenüber nieder. Als Sarim nach dem Becher griff, ihn hochhob und an dem Inhalt roch, verzog er leicht angewidert das Gesicht.

„Das wird dir gut tun. Nur ein Aufguss auf einige Kräuter.“

„Wenn es so schmeckt, wie es riecht, werde ich meinen Mageninhalt gleich vom Boden aufsammeln dürfen“, brummte Sarim voller Ekel.

„Du solltest es probieren“, murmelte Malek. Dann machte er eine Geste, als wollte er Sarim beim Trinken unterstützen.

„Ist ja gut“, grummelte Sarim und nahm einen großen Schluck, wobei er sich Zunge und Gaumen verbrühte. Der junge Soldat stellte den Becher wieder ab und griff nach einem dünnen Fladenbrot, von dem er ein Stück abriss und in den Brei tunkte. Die ersten Bissen fielen ihm schwer, doch nachdem er ein paar Happen gegessen hatte, spürte er plötzlich den Hunger. Es dauerte nicht lange und Fladenbrote, Käse, Oliven und ein großer Teil des Breis waren vertilgt. Auch den Becher mit dem Kräutertrank hatte er schließlich vollständig geleert. Sarim konnte nicht genau sagen, zu welchem Zeitpunkt seiner Mahlzeit die Kopfschmerzen aufgehört hatten, aber als er nach dem Essen einen Becher Wasser trank bemerkte er plötzlich, dass das bohrende und pochende Gefühl im Kopf einer angenehmen Leichtigkeit gewichen war. Gestärkt erhob Sarim sich und klopfte seinem Freund anerkennend auf die Schulter.

„Danke, Malek.“

„Gern. Und nun solltest du dich beeilen. Ich nehme an, die Zeit deiner Audienz ist nicht mehr so weit entfernt.“

Sarim nickte und verließ schnellen Schrittes den Küchentrakt. Kopfschüttelnd sah Malek ihm hinterher, erhob sich leise schnaufend und folgte dem Freund langsam. Auf ihn wartete noch allerhand Arbeit. Der Emir würde nicht auf sein Essen warten wollen. Schon gar nicht, weil einer der Hilfsköche säumig gewesen war.

*

Dreizehn Schemel waren in einem vollkommenen Kreis aufgestellt worden. Jeder von ihnen war besetzt und die Männer, die hier zusammenkamen, diskutierten leise, jeder mit seinem Nachbarn. Erst als sich ein Mann mit weißem Vollbart, weißem schulterlangen Haar und ehrfurchtgebietenden Gesichtszügen erhob, kehrte Ruhe ein. Der alte Mann, der offenbar das anerkannte Oberhaupt der Gruppe war, hob eine Hand, um die anderen zur Ruhe zu mahnen. Doch diese Geste war unnötig, denn es war schon so still, dass man die Geräusche des Palastes deutlich jenseits der verriegelten Flügeltür hören konnte. Endlich begann der Weißhaarige zu sprechen. Seine Stimme klang leise und er sprach bedächtig, jedes Wort wohl überlegt.

„Jeder von euch weiß, warum wir uns heute hier versammelt haben. Es sind Dinge geschehen, die unserer Sache wenig zuträglich sein könnten.“

Allgemeines Nicken war die einzige Reaktion auf die Worte des Alten. Nach einer kurzen Kunstpause fuhr er fort: „Im Prinzip interessiert der Tod eines Maltesers den Emir nicht weiter. Dennoch werden wir dafür sorgen, dass der Mord an unserem Bruder aufgeklärt wird. Wir müssen wissen, wer dahintersteckt.“

„Vor allem müssen wir aufpassen, dass wir uns dabei nicht selbst verdächtig machen“, warf einer der Anwesenden murmelnd ein. Einige andere nickten. Der Weißhaarige neigte ebenfalls zustimmend den Kopf, während sein Blick spöttisch milde auf demjenigen ruhte, der es gewagt hatte, ungefragt zu reden.

„Ich habe den Emir dazu bewegt, jemand ganz Besonderes mit der Aufklärung dieses Mordes zu betrauen. Einen Mann, bei dem wir uns darauf verlassen können, dass er kaum in der Lage sein wird, etwas zu finden, dass uns belasten könnte.“

„Wer soll das sein?“ Der wesentlich jüngere Mann, der dem Blick des alten Anführers nun schon eine ganze Weile standhielt, hatte ebenso ruhig und beherrscht gesprochen wie sein Gegenüber.

Der Alte zog eine Augenbraue in die Höhe. Dann erklärte er langsam: „Der Emir wird einen Hauptmann seiner Wache mit der Aufklärung betrauen. Einen Mann, der bekannt dafür ist, dem Wein zugeneigt zu sein und die Gebote des Propheten nur halbherzig zu befolgen. Wenn wir ihn auf unsere Seite ziehen können, und das nehme ich an, dann ist er die perfekte Wahl. Und selbst wenn nicht, alle Ergebnisse seiner Ermittlungen werden über meinen Tisch gehen, bevor der Emir davon erfährt. Wenn dieser Trunkenbold tiefer graben sollte, als wir es wollen, werden wir es wissen, noch bevor er eine Schaufel ansetzen konnte.“

Wieder erntete der Alte allgemeines Nicken, diesmal auch von dem jungen Mann, der es gewagt hatte, ihn herauszufordern. Nachdem er jedem Einzelnen seiner Brüder kurz in die Augen geschaut hatte, fragte der Alte nachdenklich: „Hat einer von euch eine Erklärung für das, was da geschehen ist?“

Noch immer herrschte absolutes Schweigen. Wieder war es der junge Mann, der als Erster sprach: „Entweder war es nur ein ganz normaler Mord oder unser Bruder wurde entlarvt. In diesem Fall könnte auch uns Gefahr drohen.“

„Hat einer von euch etwas gehört, das geeignet wäre, uns zu beunruhigen?“, fragte der Alte weiter, ohne direkt auf die Worte seines jungen Gegenübers einzugehen. Allgemeines Kopfschütteln war die Antwort.

„Wir sollten dennoch die Augen offen halten. Wenn einer von euch etwas Verdächtiges bemerkt, möchte ich auf der Stelle unterrichtet werden. Unsere Freunde wollen wir damit noch nicht beunruhigen.“

Zustimmendes Gemurmel wurde laut. Der Alte ließ die Gruppe einen kleinen Moment gewähren, dann hob er wieder beide Hände in die Höhe. Sofort verstummte das Stimmengewirr.

„Es ist mitten am Tag und jeder von uns hat Aufgaben, denen er nachgehen sollte. Wir treffen uns wieder in vier Tagen zur ursprünglich vereinbarten Stunde. Verlasst den Raum einzeln und durch unterschiedliche Ausgänge. Wir wollen nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen.“

Langsam löste sich die Gruppe auf. Die einen verließen den Saal durch eine unscheinbare Tür, die in den Garten führte, andere durch die große Flügeltür, wieder andere gingen durch einen kleinen Geheimgang, der in den Dienstbotentrakt des Palastes führte.

Nach einigen Momenten waren nur noch der Weißhaarige und der junge Mann im Raum. Die beiden Männer schätzten sich einen Augenblick lang mit den Augen ab. Dann erhob sich der Jüngere und deutete eine leichte Verbeugung an. Anders als sein wesentlich älteres Gegenüber trug er nicht die Tracht der hohen Hofbeamten, sondern das Abzeichen der Armee. Seine dunklen Haare fielen bis auf die Schultern herab und ein schwarzer gepflegter Bart zierte sein Kinn. Der muskulöse Oberkörper zeichnete sich selbst unter dem Obergewand, das er trug, gut sichtbar ab.

„Ich hoffe, du weißt, was du in dieser Sache tust.“

„Hast du Zweifel an meinen Entscheidungen?“ Die Stimme des Alten klang ruhig und beherrscht, doch der kalte Unterton ließ keinen Zweifel daran, dass er über die unterschwellige Kritik seines Gesprächspartners nicht erfreut war.

Dieser hielt dem Blick des Weißhaarigen stand, setzte ein beinahe sanftes Lächeln auf und erklärte leichthin: „Glaub mir, wenn ich diese hätte, hätte ich sie bereits selbst aus dem Weg geschafft.“

Der alte Mann zog eine Augenbraue in die Höhe und stieß ächzend die Luft aus. Mit sich überschlagender Stimme erwiderte er: „Ist das eine Drohung? Du vergisst dich!“

„Ruhig, mein Bruder. Wir wollen doch kein Aufsehen erregen. Dieser Palast hat Augen und Ohren, die zuweilen auch durch Türen und Wände sehen und hören können. Und nein, es ist keine Drohung. Eher die Feststellung einer Tatsache. Glaub nicht, unseren Freunden wären die Entwicklungen hier verborgen geblieben.“

„Was soll das heißen?“, die Stimme des Alten, die noch vor kurzem sicher und fest geklungen hatte, ähnelte jetzt mehr einem Flüstern.

„Ich habe Nachricht von einem der Abgesandten unserer Stadt. Er hat von den Geschehnissen der letzten Nacht gehört und möchte wissen, wie wir darauf zu reagieren gedenken.“

„Und was wirst du ihm antworten?“

„Dass du die Situation im Griff hast. Das hast du doch oder, mein Freund?“ Eisige Kälte schwang in der Stimme des jungen Mannes mit und mit einem Mal wurde dem Älteren klar, dass er es hier nicht nur mit einem einfachen Mitglied seiner Verschwörergruppe zu tun hatte. Seine eigenen Pläne hatten ihn eingeholt und drohten, ihn zu überrennen.

„Ich habe die Situation im Griff.“

„Wie gesagt, das will ich hoffen. Um unser beider Willen.“

Nach diesen Worten machte der junge Mann auf der Stelle kehrt und verließ den Raum. Der Weißhaarige sah ihm einen Moment hinterher, bis die Tür sich hinter ihm schloss. Dann ließ er sich auf seinen Stuhl sinken und fuhr mit beiden Händen durch seine schulterlangen Haare. Auf was hatte er sich da nur eingelassen?

*

Sarim beeilte sich, die Gänge und Flure des Bedienstetentraktes hinter sich zu lassen und in den offiziellen Bereich des Palastes zu gelangen. Der Emir wartete nicht gern, wenn er einen seiner Untergebenen zu sich befahl. Und Sarim hatte nicht vor, den Herrscher zu verärgern. Der Herr von Malta war bekannt dafür, dass er zuweilen jähzornig werden konnte und dann waren diejenigen, die für diesen Ausbruch verantwortlich waren, ihres Lebens nicht mehr sicher.

Sarim erreichte den Flur, in dem Bittsteller und Abgesandte anderer Herrscher warten mussten, wenn sie den Emir zu sprechen wünschten. Mehrere bewaffnete Mitglieder der Wache waren anwesend, um für einen reibungslosen und friedlichen Ablauf zu sorgen.

Sarim steuerte durch die Menge der Wartenden direkt auf einen der Männer zu, die vor der großen Flügeltür postiert waren, die in den Audienzsaal des Herrschers führte. Als der Mann den Hauptmann erkannte, straffte sich sein Körper noch ein wenig mehr, als es ohnehin schon der Fall gewesen war. Sarim nahm mit einer gewissen Genugtuung wahr, dass der Respekt der Männer, die vom Rang her unter ihm standen, nach wie vor groß war.

Bei dem Krieger angekommen, nickte er ihm kurz zu, dann blieb er einen Moment stehen und sah sich im Raum um. Schließlich, nach einem Augenblick des Schweigens, erklärte er leise: „Der Emir hat mich wissen lassen, dass er mich zu sprechen wünscht.“

Der Soldat sah seinen Vorgesetzten verwirrt an. Dann murmelte er, ebenso leise: „Der Herr ist nicht hier. Er hat angeordnet, dass für die nächsten zwei Stunden niemand zu ihm vorzulassen ist.“

Sarim zog eine Augenbraue in die Höhe. Wie passte sein Befehl, sich bei seinem Herrscher einzufinden, zu dieser Anordnung? Der Wache war anzusehen, dass er hin und her schwankte, zwischen der Angst, den Emir oder seinen Hauptmann zu verärgern. Zwar wäre der Ärger des Emirs wesentlich unerfreulicher, doch auch Samir konnte einem Untergebenen das Leben zur Hölle machen, wenn er wollte.

Das Gemurmel in dem langen Flur, der sich immer mehr zu füllen schien, verstummte schlagartig, als ein Mann in einem feinen langen Gewand, mit schulterlangem weißen Haar und schweren Goldketten um den Hals eintrat. Der goldene Schlüssel, den der Neuankömmling weithin sichtbar an seinem Gürtel trug, kennzeichnete ihn als den Kammerherrn des Emirs. Sarim sah dem Vertrauten seines Herrn entgegen und spürte eine Gänsehaut über seinen Rücken laufen, als der kalte, undurchdringliche Blick des hohen Beamten ihn erfasste und nicht mehr loszulassen schien. Tatsächlich stellte er schnell fest, dass der Kammerherr offenbar zu ihm wollte, denn der alte Mann schob sich durch die wartenden Menschen direkt auf Sarim zu. Bei dem Hauptmann angekommen, neigte der Beamte leicht den Kopf zur Begrüßung. Da Sarim Teil des Militärs war und außer seinem Befehlshaber nur noch der Emir über ihm stand, war der Kammerherr nicht wirklich höher gestellt als er. Andererseits stand der Kammerherr dem Emir sehr nah und es war allgemein bekannt, dass Ibn Saif nach dem Emir wohl der mächtigste Mann des kleinen Emirats war.

Der alte Mann, dessen Ausstrahlung und Gegenwart Sarim mehr als unangenehm war, blieb vor dem Hauptmann stehen und betrachtete ihn kurz von oben bis unten. Diese Geste wehrte nicht lang genug, um die Autorität Sarims vor seinen Männern dadurch zu untergraben, aber doch in einem Ausmaß, das Sarim spüren ließ, was der andere von ihm hielt. Die beiden Soldaten, die in unmittelbarer Nähe standen, hielten für einen Augenblick die Luft an. Sarim hatte das Gefühl, die Zeit würde stehen bleiben, während er den Blick des Mannes, den er von allen Vertrauten des Emirs am wenigsten einschätzen konnte, erwiderte.

„Der Emir wünscht dich zu sprechen, Sarim, Hauptmann der Wache“, erklärte der Kammerherr mit ruhiger Stimme. Sarim spürte, dass da ein Unterton war, den er allerdings überhaupt nicht einordnen konnte.

„Das habe ich bereits vernommen. Aus diesem Grund bin ich hier.“ Sarim bemühte sich, nicht nervös zu wirken. Doch die Ruhe, die Ibn Saif ausstrahlte, und die Art, wie er auftrat, verwirrten ihn.

Das Lächeln, das über die Züge des alten Beamten glitt, brachte ihn endgültig aus der Fassung.

„Folge mir, Hauptmann. Der Emir erwartet dich.“

Ohne ein weiteres Wort drehte der Kammerherr auf dem Absatz um und bahnte sich wieder einen Weg durch die Menge. Sarim beeilte sich, ihm zu folgen. Die beiden Männer schritten wortlos nebeneinander her. Ibn Saif führte Sarim um mehrere Ecken, durch Gänge, in denen der Hauptmann nur wenige Male zuvor gewesen war. Mit wachsender Verwirrung erkannte Sarim, nicht zuletzt an den immer üppigeren Teppichen auf Böden und an den Wänden, dass sie sich den Privatgemächern des Herrschers näherten. Schließlich blieb Ibn Saif vor einer großen Flügeltür stehen. Die Soldaten, die links und rechts von der Tür standen, waren keine normalen Wachen, die unter Sarims Befehl gestanden hätten. Bei den Männern hier handelte es sich um eine handverlesene Gruppe, die der Emir selbst ausgewählt hatte und die nur dem Herrscher persönlich Rechenschaft schuldig waren.

Ibn Saif blieb stehen und nickte einem der beiden Soldaten zu. Dann wandte er sich an Sarim: „Tritt ein. Der Emir wartet.“

„Was erwartet mich dort drin?“ Schon im nächsten Moment biss Sarim sich auf die Lippen. Er hatte seine Gedanken laut ausgesprochen und das vor einem Mann, bei dem er spürte, dass er ihm nicht gerade wohl gesonnen war.

Das Lächeln, das über die Züge des alten Mannes glitt, jagte dem Hauptmann wieder einen Schauer über den Rücken. Leise, fast schon drohend, antwortete der Kammerherr: „Das liegt an dir, Hauptmann.“

Nach diesen Worten nickte er dem Soldaten, der ihnen am nächsten stand, noch einmal zu und entfernte sich. Sarim atmete tief durch. Dann öffnete die Wache die Tür. Sarim trat ein und schaute sich neugierig in dem Raum um. Es war eine Art Empfangszimmer. In dem großen Saal standen mehrere Sessel, drei große Holztruhen, die geschlossen waren, und zwei Tische, an denen mehrere Stühle zum Sitzen einluden. Doch der Emir war nirgendwo zu entdecken. Sarim wartete einen Moment, dann öffnete sich im hinteren Bereich des Raumes eine Tür, deren Rahmen nicht von dem Rest der Wand zu unterscheiden gewesen wäre.

Durch die Tür trat ein junger Diener, der auf Sarim zuging und sich kurz vor ihm verneigte. Dann erklärte er freundlich: „Der Emir kommt in wenigen Augenblicken.“

Sarim nickte nur und ließ den Prunk, von dem dieser Raum erfüllt war, noch einen Moment auf sich wirken.

Schon kurze Zeit später öffnete sich die Tür erneut und diesmal war es tatsächlich der Emir, der den Raum betrat. Sarim legte beide Hände auf die Knie und neigte den Oberkörper weit nach vorn. Schnellen Schrittes kam der Herrscher auf seinen Hauptmann zu.

Sarim war erstaunt, als der Emir murmelte: „Erhebe dich. Ich habe dir Wichtiges zu sagen und ich erwarte, dass keines meiner Worte diesen Raum verlässt.“

„Mein Herr befiehlt, sein treuer Diener gehorcht“, erklärte Sarim verwirrt, als er sich wieder aufrichtete.

Erst jetzt erkannte er, dass der Emir große dunkle Augenringe hatte. Offenbar schlief der Herrscher schlecht. Die im Allgemeinen schon recht blasse Gesichtsfarbe des Emirs wirkte noch heller als sonst. Sarim erschrak regelrecht, als er seinem Herrn ins Gesicht blickte. Was auch immer den Herrscher Maltas bedrückte, es waren offenbar große Sorgen.

„Ich habe dich ausgewählt, weil du in der Vergangenheit bereits gute Dienste geleistet hast. Wenn du mit dem, womit ich dich beauftragen will, Erfolg hast, bin ich sogar bereit, über die eine oder andere Verfehlung in jüngster Vergangenheit hinwegzusehen.“

Sarim schluckte schwer. Da er keinen Ton herausbrachte, nickte er nur leicht.

Ohne auf die Reaktion seines Untergebenen zu achten, fuhr der Emir fort: „Ich weiß nicht, ob du bereits von den Geschehnissen in Rabat gehört hast?“

Es klang eher wie eine Frage, als eine Feststellung, weshalb Sarim schnell antwortete: „Was für Geschehnisse, mein Herr?“

Sarim wurde neugierig. Normalerweise interessierte der Emir sich nicht sonderlich für das, was in der Unterstadt vor sich ging. Seitdem eine nicht unbeträchtliche Zahl der Malteser sich dem Wunsch des Herrschers, sie mögen zum Islam übertreten, widersetzt hatte, schien auch er sein Interesse an ihnen verloren zu haben.

„Ein Malteser wurde in seinem Haus ermordet.“

„War er wohlhabend?“, fragte Sarim nachdenklich.

„Einen Mord aus Habgier kann man ausschließen. Der junge Mann lebte in eher ärmlichen Verhältnissen.“

„Dann wird es ein Streit gewesen sein. Vielleicht liebte er die Frauen etwas zu sehr und ein wütender Ehemann traf ihn in Begleitung der falschen Frau an.“

Ein Lächeln glitt über die Züge des Emirs.

„Glaubst du, wenn ich eine dieser Erklärungen für möglich gehalten hätte, hätte ich dich rufen lassen?“

Die Worte des Emirs klangen milde, aber Sarim konnte die leise Drohung nicht überhören. Er beschloss für sich, erst einmal abzuwarten, was genau der Emir von ihm wollte.

„Nein, Hauptmann, so einfach liegt der Fall hier leider nicht. Der Tote war ein unwichtiger junger Mann, den ich nicht kenne, und der auch sonst weder Titel noch ernsthaften Besitz hat.“

„Entschuldige die Frage, mein Herr. Aber warum ist sein Tod dann eine Angelegenheit, um deren Aufklärung Ihr Euch persönlich kümmert?“

Der Emir seufzte leise. Sein Blick war ernst, als er Sarim direkt in die Augen sah.

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