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Der Duft

Über Karl Olsberg

Karl Olsberg promovierte über Anwendungen Künstlicher Intelligenz. Er war Unternehmensberater, Marketingdirektor eines TV-Senders, Geschäftsführer und erfolgreicher Gründer mehrerer Start-ups. Heute arbeitet er als Schriftsteller und Unternehmer und lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Bislang erschienen im Aufbau Taschenbuch seine Thriller »Das System«, »Der Duft«, »Schwarzer Regen«, »Glanz« sowie »Die achte Offenbarung«.

Mehr vom und zum Autor unter: www.karlolsberg.de

Informationen zum Buch

Marie Escher ist intelligent, systematisch und diszipliniert – sie hat gute Chancen, erste weibliche Partnerin bei einer internationalen Unternehmensberatung zu werden. Doch in ihrem neuen Projekt geht von Anfang an alles schief. Es kommt zu einem heftigen Streit, der in einer blutigen Auseinandersetzung endet. Unterstützt nur von ihrem unerfahrenen und chaotischen Kollegen Rafael, muss Marie herausfinden, was mit der Firma ihres Auftraggebers, einem Hersteller von biologischen Schädlingsbekämpfungsmitteln, nicht stimmt. Ihre Suche führt sie in die Wildnis Afrikas, wo sie mit den Abgründen menschlicher Grausamkeit konfrontiert wird – und mit ihrer eigenen traumatischen Vergangenheit.

Gewidmet den letzten Berggorillas, dem Andenken ihrer mutigen Beschützerin Dian Fossey und den Menschen, die in ihrem Namen weiterkämpfen.

www.gorillafund.org

Der Mensch ist
dem Menschen ein Wolf

Thomas Hobbes

Prolog

Joan Ridley schreckte aus dem Schlaf. Ihr Herz pochte heftig. War da ein Schrei gewesen? Sie setzte sich auf. Durch die dünnen Vorhänge fiel das schwache, bläuliche Licht der Dämmerung. Draußen war nur das tägliche Morgenkonzert des Waldes zu hören: der Gesang der Vögel, hin und wieder unterbrochen vom klagenden Ruf eines Adlers, dem Kreischen der Meerkatzen oder dem Trompeten eines Elefanten.

Sie lauschte eine Weile, während sich ihr Puls allmählich beruhigte. Sie musste geträumt haben. Sie streckte sich auf der dünnen, von der allgegenwärtigen Feuchtigkeit klammen Matratze aus und versuchte wieder einzuschlafen. Sie hatte heute einen langen Weg vor sich: Sie wollte Gruppe8 suchen, die sie schon eine ganze Weile nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Zuletzt war die zwölfköpfige Berggorillasippe an den Hängen des Sabinyo-Vulkans gesehen worden, der das Dreiländereck zwischen dem Kongo, Ruanda und Uganda markierte.

Sie schwang sich aus dem Bett, zog sich die braungrün gefleckte Tarnkleidung über, zögerte kurz, griff dann nach dem Halfter mit Revolver am Haken neben der Tür und legte ihn an. Sie hatte schon länger keine Leopardenspuren mehr in der Nähe gefunden, und es war höchst unwahrscheinlich, dass eines der scheuen Tiere sie angriff, aber es schadete nicht, vorsichtig zu sein.

Die Karisoke-Forschungsstation lag still im Morgennebel. Die meisten der schlichten Hütten standen leer. Die Gründerin der Station, die legendäre Gorillaforscherin und Naturschützerin Dian Fossey, hatte bis zu ihrer Ermordung dort gelebt, wo jetzt Joans Hütte stand. Während des Bürgerkriegs in Ruanda war die ursprüngliche Station zerstört worden, doch Joan hatte gemeinsam mit einer Gorillaschutz-Organisation für den Wiederaufbau gesorgt. Dennoch hatte hier nie wieder die frühere Betriebsamkeit geherrscht, denn seit Dian Fosseys Tod war das wissenschaftliche Interesse an den Berggorillas erlahmt. Ihr Verhalten galt als hinlänglich erforscht, ihr genetischer Code war gespeichert. Sie waren nur noch eine von vielen bedrohten Tierarten, die zumindest in den Archiven der Wissenschaft überleben würde. Nur zwei Studenten, die mehr aus Abenteuerlust denn aus wissenschaftlicher Notwendigkeit an einer Langzeitstudie der Gorilla-Bewegungen im Gebiet des Virunga-Massivs teilnahmen, schliefen noch in einer der aus Wellblech und Holz zusammengezimmerten Behausungen.

Joan ließ die beiden schlafen, ging zum Hühnerpferch und holte sich zwei Eier, die sie in der kleinen Kochhütte zu einem Omelett briet. Dann packte sie ihre Ausrüstung zusammen: Feldstecher, digitale Videokamera, Diktiergerät, eine Feldflasche mit Wasser und zwei Riegel Kraftnahrung für den Notfall. Währenddessen zogen Bilder eines wirren Traums durch ihren Kopf: Ein Gorilla, groß wie King Kong, hatte sie über die Vulkanhänge verfolgt und war dann von Hunderten von Menschen mit Macheten zerstückelt worden.

Sie schüttelte den Kopf, um das Bild zu verdrängen, und nahm einen Schluck von ihrem starken Kaffee. Die Einsamkeit hier oben hatte manchmal unangenehme Begleiterscheinungen. Trotzdem würde sie ihren Arbeitsplatz mit keinem anderen auf der Welt tauschen wollen. »Sanfte Riesen« hatte ihr Vorbild Dian Fossey sie genannt, und Joan liebte die Tiere fast wie ihre eigene Familie. Ihrer Meinung nach waren sie die freundlichsten und sympathischsten Lebewesen auf dem Planeten. Ihre Forschungsarbeit über den Humor der Berggorillas war in Fachkreisen oft belächelt oder gar verhöhnt worden. Doch sie hatte inzwischen genügend Videobeweise gesammelt, um zu zeigen, dass Gorillas sehr wohl Schabernack miteinander trieben und eine Gefühlsäußerung zeigten, die man durchaus als Lachen interpretieren konnte.

Nicht zum ersten Mal überlegte sie, was aus der Erde geworden wäre, wenn nicht Homo sapiens, sondern die Gorillas die Weltherrschaft errungen hätten. Sie war überzeugt, dass die Welt eine bessere gewesen wäre. Wenn es einen Gott gab, dann hatte er bei der Auswahl der dominanten Spezies einen gravierenden Fehler gemacht.

Sie trank den Kaffee aus, spülte das Geschirr ab und trat aus der Kochhütte. Der Karisimbi, mit gut 4500 Metern der höchste Gipfel des Virunga-Massivs, lag im Nebel verborgen. An seinen Hängen hatte Joan gestern am Spätnachmittag noch einmal kurz Kontakt mit Gruppe 5 gehabt, einer der an Menschen gewöhnten Gruppen, die in der Saison mehrmals pro Woche Besuch von Touristen bekamen.

Sie sah die Touristen mit gemischten Gefühlen. Fast täglich durchquerten sie in kleinen Gruppen die Station, fotografierten sich gegenseitig neben Dian Fosseys Grab und starrten Joan manchmal an, als hielten sie sie ebenfalls für eines der letzten Exemplare einer aussterbenden Spezies. Trotz aller Ermahnungen waren sie oft viel zu laut, ließen ihren Unrat im Lager herumliegen und trampelten durch den Urwald wie eine Horde Elefanten. Andererseits war der Gorilla-Tourismus eine der wichtigsten Devisenquellen Ruandas und hatte der Gegend um den »Parc National des Volcans« relativen Reichtum beschert. Dadurch war das Problem der Wilderei, gegen das Dian Fossey so unermüdlich gekämpft hatte, stark zurückgegangen, und der Gorillabestand hatte sich in den letzten zwei Jahrzehnten wieder leicht erholt. Es war Monate her, dass Joan eine Fangschlinge hatte entfernen müssen. Es schien, als hätten seltene Lebewesen nur dann noch eine Überlebenschance, wenn sie den Menschen als Urlaubsattraktion dienten.

Der Schrei, den sie vorhin zu hören geglaubt hatte, drängte sich in ihre Gedanken und verursachte ein ungutes Gefühl in ihrem Magen. Albern eigentlich – sicher war es nur ein Rest des wirren Traums gewesen. Doch sie würde keine Ruhe finden, bis sie sich davon überzeugte, dass der Silberrücken Cato und seine Gruppe wohlauf waren. Sie beschloss, einen kurzen Abstecher zu den Hängen des Karisimbi zu machen und nach dem Rechten zu sehen, bevor sie sich auf die Suche nach Gruppe 8 machte.

Sie ging zügig, aber nicht hastig. Auch wenn sie dem schmalen Pfad zum Karisimbi schon hundert Mal gefolgt war, wusste sie, wie gefährlich Eile sein konnte. Einerseits gab es mehrere steil abfallende Stellen, und schon ein einziger Fehltritt auf dem von der Feuchtigkeit schlüpfrigen Grund konnte einen Absturz mit Knochenbrüchen zur Folge haben. Andererseits bestand immer die Gefahr, unversehens mit einem der Büffel zusammenzustoßen, die morgens oft reglos im Unterholz standen. Jahr für Jahr kamen mehr Menschen durch Zusammenstöße mit den leicht reizbaren und enorm starken Tieren um, als durch Angriffe von Löwen oder anderen Großkatzen. Hier im Hochwald, wo es sonst nur scheue Bergleoparden gab, waren sie die mit Abstand gefährlichsten Lebewesen. Joans Pistole würde sie vor einem wütenden Büffel kaum schützen können.

Die Sonne erhob sich rasch über die Baumkronen. Ihre Strahlen flirrten durch das lichte Laub des Hochwaldes und vertrieben den Morgennebel. Doch Joan hielt sich nicht mit der Betrachtung der herrlichen Natur auf. Eine unerklärliche innere Unruhe, die mit jedem Schritt zuzunehmen schien, trieb sie voran.

Nach einer halben Stunde erreichte sie den Berghang, an dem sie Gruppe 5 zuletzt beobachtet hatte. Die Wiese war leer, der Dung abgekühlt. Die Gruppe hatte für die Nacht sicher den Schutz des Dickichts weiter oben aufgesucht.

Joan hielt einen Moment inne, um ihren Puls zu verlangsamen und Atem zu schöpfen. Sie durfte ihre wissenschaftliche Professionalität nicht verlieren. Offenbar machte sie die lange Einsamkeit nervöser, als sie sich eingestand. Vielleicht war es Zeit, mal wieder ein paar Wochen zu ihren Eltern nach Atlanta zu fahren, um etwas Abstand zu gewinnen. Sie atmete tief durch, doch das beklemmende Gefühl in ihrer Brust wollte nicht weichen.

Sie sah sich einen Moment um. Für jemanden, der sich schon so lange mit Gorillas beschäftigte wie Joan, war es ziemlich leicht zu erkennen, was die Familie aus dreizehn Tieren hier getrieben hatte. Sie waren etwa zwei bis drei Stunden an dieser Stelle geblieben, hatten gefressen und geruht, bevor sie in der Abenddämmerung aufgebrochen waren, um einen besser geschützten Schlafplatz zu suchen. Einer der Büsche war ziemlich übel zugerichtet: Abgebrochene Zweige und Blätter lagen herum, Spuren des Imponiergehabes eines der jungen Schwarzrücken. Abgeknickte Äste an einem niedrigwüchsigen Baum zeigten, dass hier die beiden Jungtiere der Gruppe herumgeklettert waren. Schließlich entdeckte Joan die Stelle, an der die Gruppe die Wiese verlassen hatte, und folgte ihrer Spur weiter den Hang hinauf.

Das erste, was sie wahrnahm, war der Geruch. Der ekelhafte, metallische Geruch von Blut, gemischt mit dem Gestank in höchster Not ausgeschiedener Exkremente. Dann hörte sie das Summen der Fliegen.

Ihre Kehle schnürte sich zusammen, als ihr klar wurde, dass sich ihre schlimmsten Ahnungen bestätigten. Sie zwang sich, die Zweige eines dichten Gebüschs beiseitezuschieben.

Es war eines der Weibchen. Joan hatte sie Lucy getauft, weil sie immer ein bisschen dominant und frech gewirkt hatte – so wie die Figur in den Peanuts-Comics. Lucy lag unter hoch aufragenden Farnen auf dem Rücken. Ihre leeren Augen starrten hinauf in das lichtdurchflutete Blätterdach. Der intelligente, beinahe verschmitzte Ausdruck, der in diesen Augen gelegen hatte, war für immer verschwunden.

Joan verscheuchte die Fliegen, die sich auf Lucys schrecklich zugerichtetem Körper niedergelassen hatten. Das schwarze, seidige Haar war blutverklebt. Hals und Brust wiesen mehrere tiefe Fleischwunden auf. Ein ganzes Stück ihrer Schulter sowie ein Teil des linken Unterarms fehlten.

Das Entsetzen raubte ihr den Atem. Sie hatte Fotos von Gorillakadavern gesehen, die von den Macheten der Wilderer brutal verstümmelt worden waren, aber keiner der Körper war so zerfetzt gewesen. Die Wunden waren nicht glatt, sondern unregelmäßig und ausgefranst. Es sah aus, als habe jemand mit einem nicht mehr scharfen Dolch oder einem spitzen Dorn brutal auf den Gorilla eingestochen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie einen klaren Gedanken fassen konnte. Was war hier geschehen? Wo war der Rest von Gruppe 5? Wieso hörte sie keine aufgeregten Rufe, kein erregtes Brusttrommeln? Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und zwang sich, der Spur weiter zu folgen.

Wenige Minuten später hatte sie die schreckliche Gewissheit: Kando, Lisa, Jenny und Mira, die vier übrigen Weibchen, die beiden Jungtiere Benni und Bob, sogar der mächtige Silberrücken Cato – sie alle lagen verstreut über eine Fläche von mehreren hundert Quadratmetern, auf die gleiche bestialische Weise zugerichtet. Die Leichen von zwei der jungen Schwarzrücken, die sie als Jojo und Alfred erkannte, fand sie auf merkwürdige Weise ineinander verschlungen, als hätten sie noch im Tod die Nähe zueinander gesucht und sich zum Trost umarmt. Tom und Jerry, ebenfalls junge Männchen, lagen nicht weit davon entfernt auf dem Bauch. Eine Blutspur führte durch das Blattwerk, es sah so aus, als hätten sie sich noch schwer verletzt vom Ort des Grauens fortschleppen wollen.

Joan ging mit steifen, beinahe roboterhaften Schritten zwischen den Kadavern umher. Ihre Augen nahmen die Bilder auf, aber ihr Gehirn weigerte sich, sie zu verarbeiten. Sie war wie betäubt. Das, was hier geschehen war, passte nicht in ihren Kopf.

Es war undenkbar, dass die Katastrophe einen natürlichen Ursprung hatte. Kein Lebewesen des Waldes wäre in der Lage gewesen, einer gesunden Gorillagruppe etwas Derartiges anzutun. Es gab nur eine Lebensform, die zu solcher Grausamkeit fähig war.

Joan spürte kaum die Tränen auf ihren Wangen. Sie betrachtete den entsicherten Revolver in der Hand, aber es gab kein Ziel, an dem sie ihre ohnmächtige Wut hätte auslassen können. Sie war fast froh, dass die Verantwortlichen für dieses Verbrechen offenbar nicht mehr in der Nähe waren, denn sie hätte sich des Mordes schuldig gemacht, wäre sie einem der Wilderer begegnet.

Gorillas waren schon früher auf grausame Weise von Menschen getötet worden. Sie hatten sich in den Schlingen der Wilderer verfangen und sich üble Verstümmelungen zugezogen, an deren Folgen einige verendet waren. Erwachsene Tiere hatte man erschossen, um ihre Jungen in Zoos zu verschleppen. In einigen seltenen Fällen waren Gorillas mit Wilderern oder mit Hirten aneinandergeraten, die ihre Rinder verbotenerweise in die Randbezirke des Nationalparks getrieben hatten. Joan hatte einmal Fotos eines Silberrückens gesehen, der während des ruandischen Bürgerkriegs von den Splittern einer Armeegranate getötet worden war. Aber nichts von alldem reichte an die sinnlose Gewalt heran, die hier gewütet hatte.

Es war einfach unfassbar. Eine ganze Familie ausgelöscht. Dreizehn Tiere. Für den Fortbestand der Berggorillas war das eine Katastrophe.

Als sie die Fundorte der Leichen auf der Suche nach Spuren der Mörder noch einmal abging, fiel ihr auf, dass es nur zwölf Tiere waren. Onkel Sam, der älteste der Schwarzrücken, fehlte. Offenbar war er dem Massaker entkommen. Vielleicht war er rechtzeitig geflohen, oder er hatte sich schwer verletzt davonschleppen können und lag nun irgendwo in einem Gebüsch und verendete qualvoll. Sie musste ihn finden!

Joan zwang sich, das Grauen zu verdrängen und sich auf diese Aufgabe zu konzentrieren. Ihr war übel. Ihre Hände zitterten, und ihre Knie fühlten sich an, als seien sie aus Gummi, aber sie schaffte es irgendwie, aufrecht stehen zu bleiben. Schließlich fand sie Blutspuren an den niedrigen Büschen und Farnen. Vorsichtig folgte sie der Spur den Berg hinauf.

Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit Gruppe 5. Sie war damals erst ein paar Wochen in Karisoke gewesen und hatte sich ziemlich ungeschickt angestellt. Statt durch lautes Zweigeknacken auf sich aufmerksam zu machen, hatte sie sich an die Gruppe angeschlichen, um sie ungestört zu beobachten. Sie hatte damals geglaubt, das Verhalten der Gorillas auf diese Weise besser studieren zu können. Doch sie war der Gruppe zu nahe gekommen, und Sam hatte sie sehr schnell hinter einem Busch entdeckt. Das daraufhin losbrechende Spektakel hatte sie bis ins Mark erschüttert. Die ganze Gruppe hatte sich hinter dem Silberrücken versammelt, der mit lautem Gebrüll auf sie losgegangen war. Joan hatte sich, ihr Ende vor Augen, auf dem Boden zusammengekauert. Doch Cato, der Menschen offenbar nicht für eine ernste Bedrohung hielt, hatte ganz dicht vor ihr innegehalten, verächtlich geschnaubt und sich dann abgewandt. Er hatte ihr ein für alle Mal gezeigt, dass Gorillas ein Anschleichen nicht tolerierten. Joan hatte diesen Fehler nicht noch einmal gemacht.

Die Blutspur führte in ein Dickicht aus Farnen und Bambus. Etwas wie ein heiseres Röcheln drang daraus hervor. Joan verharrte. Was sollte sie tun? Sich einem verletzten Gorilla zu nähern, war extrem gefährlich. Aber sie konnte Sam nicht einfach in dem Gebüsch verenden lassen!

Vorsichtig bog sie einige große Farnwedel beiseite. Dahinter erstreckte sich eine breite Spur niedergedrückter Pflanzen und abgebrochener Bambusstauden bis zu einem großen Busch, dessen Blattwerk eine natürliche Höhle formte. Darin hockte Onkel Sam, nur etwa ein Dutzend Meter entfernt. Seine Augen waren geweitet. Um die schwarzen Pupillen waren rötlich-weiße Ränder zu erkennen. In seiner Hand hielt er etwas, das wie ein welkes Bananenblatt aussah. Nein, es war ein Stück Stoff – vielleicht ein Kleidungsfetzen von einem der Mörder. Der Gorilla bleckte die Zähne und ließ ein kehliges Knurren ertönen, verhielt sich ansonsten aber ganz ruhig.

Langsam näherte Joan sich dem Tier bis auf etwa acht Meter, wobei sie leise, beruhigende Worte murmelte. Auch Sams Fell war blutverklebt, aber sie konnte nicht erkennen, wie schwer seine Verletzungen waren. Offene Fleischwunden waren nicht zu sehen.

Plötzlich sprang er auf, stieß ein durchdringendes Brüllen aus und rannte auf Joan zu.

Einen Moment war sie zu erschrocken, um zu reagieren. Das Tier konnte nicht sehr schwer verletzt sein, denn es bewegte sich behände und ohne erkennbare Beeinträchtigung. Ihr wurde klar, dass es völlig verstört sein musste. Gorillas waren eigentlich sehr friedliche Lebewesen, aber das Vertrauen, das Joan mit der Gruppe über viele Monate aufgebaut hatte, war sicher durch die Wilderer zerstört worden. Der Gorilla musste sie für einen grausamen Feind halten.

Sie wusste, sie würde gegen das Tier, das mehr als doppelt so schwer war wie sie und über messerscharfe Reißzähne verfügte, keine Chance haben. Onkel Sam würde sie töten.

Ein Schuss fiel.

Sam hielt mitten in seinem Angriff inne und starrte sie verwundert an. Joan wurde erst nach einer Sekunde klar, dass sie selbst vor Schreck in die Luft geschossen hatte.

Sie wartete nicht, bis der Gorilla sich von seinem Schock erholt hatte, sondern drehte sich um und rannte den Abhang hinab. Hinter sich hörte sie das Brechen von Zweigen und das Keuchen und Knurren des wütenden Tieres. Erneut schoss sie in die Luft, aber diesmal ließ sich der Gorilla nicht aufhalten. Er stieß nur einen langgezogenen Wutschrei aus. Er war jetzt so nah, dass Joan glaubte, seinen Atem im Nacken zu spüren.

Sie stolperte, schlug hin, rappelte sich auf. Sie hatte keine Chance, Onkel Sam zu entkommen, der sich in seiner vertrauten Umgebung viel schneller und sicherer bewegen konnte. Aber sie würde lieber sterben, als ihren Revolver gegen den letzten Überlebenden der Gruppe 5 zu richten und selbst zur Mörderin an einem dieser großartigen Geschöpfe zu werden.

Plötzlich gab der Boden unter ihr nach. Hinter einer Wand aus hohen Farnen fiel der Hang steil ab. Sie stürzte, überschlug sich ein paar Mal. Der Revolver glitt ihr aus der Hand. Sie rollte seitwärts den Abhang hinunter und schlug schließlich mit dem Kopf hart gegen einen großen Brocken aus verwittertem Basalt, der aus den Farnen aufragte. Sie hörte einen triumphierenden Schrei hoch über sich. Dann wurde es dunkel um sie.

1.

Das neue Projekt begann mit einem Chaos. Als Marie Escher pünktlich um halb sieben am Flughafen Berlin-Tegel eintraf, wurde ihr sorgfältig geplanter Tagesablauf über den Haufen geworfen. Ein Systemabsturz in Frankfurt hatte dafür gesorgt, dass die Anzeigetafeln in leuchtendem Gelb massenhaft Verspätungen und Flugausfälle verkündeten. Der Flughafen war überfüllt mit Geschäftsleuten in dunklen Anzügen, die mit ihren Reisetrolleys im Schlepp ratlos durch die Gänge irrten oder in langen Schlangen vor den Informationsschaltern ausharrten.

Na schön. Marie hätte nicht kurz davor gestanden, als erste Frau zum Partner der Unternehmensberatung Copeland & Company gewählt zu werden, wenn sie nicht in der Lage gewesen wäre, mit solchen Schwierigkeiten umzugehen. Der Termin mit ihrem neuen Klienten Daniel Borlandt, dem Vorstandschef der Oppenheim Pharma AG in Frankfurt, war erst um 14.00 Uhr.

Sie ging in die überfüllte »Senator Lounge« für besonders gute Lufthansa-Kunden, um sich dort über die Situation zu informieren. Die Frau am Empfang hatte dieselben schulterlangen, pechschwarzen Haare wie Marie, jedoch nicht ihren sehr hellen Teint, der ihr als Kind den Spitznamen »Schneewittchen« eingetragen hatte. Mit einem professionellen Lächeln verkündete sie, die Maschine habe etwa eine Stunde Verspätung.

Marie wog ihre Alternativen ab. Wie sie die Lufthansa kannte, konnten aus der einen Stunde Verspätung leicht zwei oder drei werden, oder die Maschine wurde ganz gestrichen. Besser, sie setzte auf Sicherheit und nahm den ICE.

Auch der Zug hatte fast eine Stunde Verspätung, und so kam sie erst knapp vor dem Treffen in Frankfurt an. Ihr Teamkollege Konstantin Stavras empfing sie am Haupteingang der Firmenzentrale. Er war hochgewachsen und sehr schlank, mit buschigen Augenbrauen und stark abstehenden Ohren. Er hatte ein warmes, freundliches Lächeln aufgesetzt.

Auch Marie freute sich, ihn zu sehen. Sie hatte bisher noch kein gemeinsames Projekt mit ihm gehabt, aber Konstantin galt als brillanter Analytiker und sehr gewissenhafter Berater. Er war mit dem Auto aus Düsseldorf gekommen und hatte nicht mehr als den einkalkulierten einstündigen Stau auf der A3 bei Köln erlebt, sodass er als einziges Teammitglied pünktlich um 10.00 Uhr eingetroffen war.

»Will kann nicht kommen«, sagte Konstantin. »Alle Flüge von London nach Frankfurt sind gestrichen worden.«

Will Bittner war der für den Kunden Oppenheim AG verantwortliche Partner bei Copeland und auf diesem Projekt Maries Vorgesetzter. Normalerweise hätte er also das Gespräch mit Borlandt geführt. Nun musste Marie diesen Part übernehmen, aber sie hatte bereits mit dieser Möglichkeit gerechnet und sich auf der Zugfahrt darauf vorbereitet.

»Was ist mit Rico Kemper?«, fragte sie.

»Der ist vor einer Viertelstunde gelandet und sitzt im Taxi. Müsste gleich da sein.«

Konstantin führte sie in einen Konferenzraum auf der Vorstandsetage im vierten Stock des schmucklosen Verwaltungsbaus, den man ihnen für den Tag zur Verfügung gestellt hatte. Aus dem Fenster sah man mehrere zweistöckige Gebäude mit Labors und Büros sowie zwei langgezogene Hallen, in denen vermutlich Produktionsanlagen und Lagerräume untergebracht waren. Trotz einiger Bäume und Grünstreifen wirkte die ganze Anlage grau und unansehnlich. Ein undefinierbarer, leicht unangenehmer Geruch wehte von draußen herein. Marie war sich nicht sicher, ob er vom Werk der Oppenheim AG oder den benachbarten Industrieanlagen herrührte.

»Ich hab uns schon mal Kaffee organisiert«, sagte Konstantin und schenkte ihr auf ihr Nicken hin eine Tasse ein.

In diesem Moment betrat Rico den Teamraum. Er hatte ein fein geschnittenes, sonnengebräuntes Gesicht und sorgfältig manikürte Hände. Marie kannte ihn von einem gemeinsamen Training und war von seiner leicht arroganten Ausstrahlung irritiert gewesen. Aber er hatte einen guten Ruf in der Firma, da er bereits zwei Folgeprojekte akquiriert hatte, und stand kurz vor der Beförderung zum Projektleiter.

Er knallte seinen Aktenkoffer auf einen der Arbeitstische. »Sorry, Leute. So ein Chaos habe ich noch nie erlebt!«

»Ja, ich weiß«, sagte Marie. »Ich bin auch erst seit einer Viertelstunde hier.«

»Worum geht’s hier eigentlich?«, fragte Rico. »Ich hatte noch nicht die Zeit, in die Unterlagen zu schauen.«

Marie fragte sich, was er wohl während der Wartezeit am Flughafen gemacht hatte. Wahrscheinlich hatte er sich die ganze Zeit mit irgendwelchen überforderten Mitarbeiterinnen der Lufthansa herumgestritten.

»Die Oppenheim AG steckt in ziemlichen Schwierigkeiten«, erklärte sie. »Die Patentfristen der beiden wichtigsten Produkte laufen demnächst aus, und die Firma hat in der Vergangenheit viel zu wenig Forschung betrieben. Die haben sich anscheinend auf den Erfolgen der Vergangenheit ausgeruht und stehen jetzt kurz vor einem Umsatzeinbruch. Die Börse weiß das natürlich, und der Kurs ist entsprechend gefallen. Oppenheim gilt als Übernahmekandidat.«

»Na toll. Ein echter Saustall!«, kommentierte Rico. »Da haben wir ja alle Hände voll zu tun!«

»Stimmt es, dass Borlandt früher Projektleiter bei Copeland war?«, fragte Konstantin.

Marie nickte. »Ich glaube, Will und er haben damals gleichzeitig angefangen. Er hat dann irgendwann ein Projekt bei Merck gehabt, ist dort als Vertriebsdirektor abgeworben worden und später Vertriebsvorstand geworden. Oppenheim hat ihn vor ein paar Monaten als Vorstandschef geholt, damit er die Firma wieder in die Profitabilität führt. Aber das wird nicht einfach.« Sie sah auf die Uhr. »Wir müssen los!«

Zu dritt legten sie den kurzen Weg bis zu Daniel Borlandts Büro zurück.

Borlandt begrüßte sie mit einem breiten Lächeln und einem festen Händedruck. Er hatte sehr kurzes Haar und eine leicht schiefe Nase, was ihm ein verwegenes, aber nicht unsympathisches Äußeres verlieh. Seine hellgrünen Augen blickten aufmerksam in die Runde.

»Will Bittner lässt sich entschuldigen«, sagte Marie. »Leider wurden sämtliche Flüge von London nach Frankfurt gestrichen.«

»Ja, ich hab von dem Chaos am Flughafen gehört«, sagte Borlandt, während sie sich an den Besprechungstisch in seinem großzügigen, holzgetäfelten Büro setzten. »Wir hatten heute Morgen auch einen Computerausfall. Wahrscheinlich irgendein Virus, der mal wieder das halbe Internet lahmlegt.«

Sie begannen das Meeting mit einer kurzen Vorstellungsrunde. Borlandt erzählte, wie er Will kennengelernt hatte. Marie hätte fast gegrinst, als sie erfuhr, dass er sich auf seinem ersten Projekt einen peinlichen Rechenfehler geleistet hatte, der erst in der Vorstandspräsentation aufgefallen war. Mit seinem Charme und seiner Redegewandtheit hatte sich Will damals aus der Affäre gezogen.

»Ich hätte nie geglaubt, dass der mal Partner wird«, sagte Borlandt mit einem verschmitzten Lächeln. »Nun ja, das ist lange her. Heute sitzen wir auf verschiedenen Seiten des Tisches, und ich muss zugeben, ich kann die Unterstützung von Copeland gut gebrauchen. Ich nehme an, Sie haben sich die Unterlagen angesehen, die ich Will geschickt hatte?«

Marie nickte. Sie erläuterte kurz ihre Eindrücke.

»Sie haben sehr schnell verstanden, worum es hier geht«, sagte Borlandt. »Die Oppenheim AG steht mit dem Rücken zur Wand. Sollte es uns nicht gelingen, den Aktienkurs in den nächsten Monaten mindestens zu stabilisieren, sind wir reif wie Fallobst für eine feindliche Übernahme. Das Problem ist: Unsere Kosten sind viel zu hoch. Andererseits haben wir einen ziemlich mächtigen Betriebsrat. Es wird nicht einfach, einen Personalabbau durchzusetzen.«

»Sollen wir eine OOP machen?«, fragte Marie. Die Abkürzung stand für »Optimierung der operativen Prozesse« – eine schöne Umschreibung für ein Kostensenkungsprogramm.

Borlandt schüttelte den Kopf. »Nein. Wir wissen auch so, dass wir einen viel zu großen Verwaltungsapparat haben. Wir brauchen einen kurzfristigen Befreiungsschlag, der frisches Geld in die Kasse bringt, damit unsere mittelfristigen Maßnahmen greifen können. Wir haben da eine Tochtergesellschaft, die nicht wirklich zu unserem Kerngeschäft passt. Ich möchte, dass Sie sich diese Firma genau anschauen und mir sagen, welches Zukunftspotenzial sie hat und ob es Sinn macht, sich jetzt von ihr zu trennen.«

»Um welche Tochtergesellschaft geht es?«, fragte Marie. »Croptec? Biokinetics? Olfana?«

»Croptec bewegt sich in einem hart umkämpften Markt, aber die haben wenigstens ein paar brauchbare Produkte und machen Gewinn. Biokinetics ist unser einziger echter Hoffnungsträger – wenn wir den verkaufen, glaubt niemand mehr an die Zukunft der Oppenheim AG. Der naheliegendste Verkaufskandidat ist aus meiner Sicht Olfana.«

»Was genau machen die denn?«, fragte Rico.

»Natürliche Schädlingsbekämpfung. Angesichts der ganzen Umweltdiskussion ist das wahrscheinlich ein Wachstumsmarkt. Problematisch ist, dass die Firma bisher kaum marktreife Produkte hat und eine Menge Geld in die Forschung investiert, sodass sie hohe Verluste einfährt. Ich möchte, dass Sie herausfinden, wie groß ihr Zukunftspotenzial ist und was ein realistischer Verkaufspreis wäre. Ich habe den Geschäftsführer Dr. Scorpa schon über Ihren Besuch in Kenntnis gesetzt. Er ist nicht unbedingt begeistert, dass ihm jemand auf die Finger schauen wird, also gehen Sie bitte behutsam mit ihm um!«

»Das werden wir«, sagte Marie.

»Wir werden Ihnen in etwa zwei Wochen einen Zwischenbericht vorlegen«, sagte Rico.

Marie warf ihm einen finsteren Blick zu. Es war ihre Aufgabe als Projektleiterin, das Vorgehen abzustimmen, nicht seine.

Borlandt nickte. »Eine gute Idee. Meine Assistentin wird Ihnen einen Termin nennen. Ich wünsche viel Erfolg!«

Das Firmengebäude von Olfana in Dreieich, etwa zwanzig Minuten vom Sitz der Oppenheim AG entfernt, war ein zweistöckiger grauer Zweckbau auf dem Gelände eines stillgelegten Werkes. Außerdem waren hier eine Spedition, ein Reifenhandel, ein Baumarkt und mehrere Handwerksunternehmen untergebracht. Das Firmenschild neben dem Hauseingang war so klein, dass sie es fast übersehen hätten.

Dr. José Scorpa, ein elegant gekleideter, dunkelhäutiger Mann Mitte fünfzig, begrüßte sie knapp mit leicht südländischem Akzent und einem charmanten Lächeln, das besonders Marie galt. Sein Aftershave war etwas zu großzügig aufgetragen.

Scorpas Büro wirkte in dem tristen Bau überraschend modern und elegant. An den Wänden hingen abstrakte Ölgemälde, auf dem exquisiten Schreibtisch stand ein teurer Designcomputer. Eine hübsche Sekretärin fragte nach ihren Getränkewünschen. Marie bestellte ein Mineralwasser, Rico einen Latte macchiato und Konstantin eine Cola.

»Herr Borlandt hat gesagt, Sie seien hier, um unser Zukunftspotenzial zu bewerten«, sagte Scorpa, während sie sich an den großzügigen Konferenztisch setzten. Seine dunklen Augen musterten sie aufmerksam. »Was genau kann ich denn für Sie tun?«

»Vielleicht erklären Sie uns zuerst, was Olfana eigentlich macht«, sagte Rico, bevor Marie dazu kam, die Frage zu beantworten. Er hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt.

»Olfana entwickelt Methoden zur biologischen Schädlingsbekämpfung.«

»Aha. Und was genau sind das für Methoden?«

»Wir verwenden Geruchsstoffe. Es ist seit Langem bekannt, dass sich Tiere mit bestimmten Gerüchen fernhalten lassen. Denken Sie an Anti-Mücken-Kerzen. Mäuse und Ratten beispielsweise verabscheuen den Geruch von Katzenurin. Menschen leider auch. Deshalb arbeiten wir hier zum Beispiel daran, die Moleküle zu isolieren, die von Nagetieren wahrgenommen werden, von Menschen jedoch nicht. So könnte man auf den Einsatz von Rattengift weitgehend verzichten.«

»Und das funktioniert?«, fragte Rico mit unverhohlener Skepsis.

»Die meisten Menschen haben leider vergessen, wie wichtig der olfaktorische Sinn für unser Leben ist«, sagte Scorpa in herablassendem, beinahe mitleidigem Tonfall. »Vielleicht kennen Sie das: Ein bestimmter Duft steigt Ihnen in die Nase, und plötzlich haben Sie eine Szene klar vor Augen, die Jahre oder Jahrzehnte zurückliegt. Gerüche prägen sich in unserem Gedächtnis viel tiefer und länger ein als irgendeine andere Sinneswahrnehmung. Und sie beeinflussen uns auch stärker, als wir wahrhaben wollen. Nicht umsonst sagt man: ›Den kann ich nicht riechen.‹«

»Was ist denn der Vorteil Ihrer Methode?«, fragte Marie.

»Es gibt viele Vorteile. Geruchsstoffe sind zum Beispiel vollkommen umweltverträglich und schädigen keine Lebewesen.«

»Aber ist das nicht auch recht aufwendig und teuer?«, fragte Rico.

Scorpa schüttelte den Kopf. »Nicht unbedingt. Gerüche bestehen aus einer Mischung ganz bestimmter Moleküle. Wenn man einmal weiß, wie sie chemisch aufgebaut sind, ist es meist relativ leicht, sie zu synthetisieren. Ein Nachteil von Duftstoffen gegenüber Gift ist, dass sie flüchtig sind und ihre Abschreckungswirkung allmählich verlieren. Aber wir arbeiten hier an speziellen Trägermaterialien, mit denen wir das Problem lösen.«

»Warum macht Ihre Firma dann Verluste?«

Marie seufzte innerlich. Wenn Rico Diplomat geworden wäre, hätte es vermutlich längst einen dritten Weltkrieg gegeben.

Scorpa versteifte sich. »Ich habe mir gleich gedacht, dass Sie nicht gekommen sind, um etwas über Olfana zu lernen«, sagte er. »Sie wollen lediglich Ihre Vorurteile bestätigt bekommen. Sie glauben, wir versenken hier Geld in sinnloser Forschung an Nischenprodukten, für die es nie einen großen Markt geben wird. Wahrscheinlich hat unser neuer Vorstandsvorsitzender längst vor, Olfana zu schließen, und braucht nur noch jemanden, der ihm diese Entscheidung mit Zahlen untermauert.« Er beugte sich vor und senkte die Stimme. »Aber eins sage ich Ihnen: Ich werde um diese Firma kämpfen. Sollten Sie Ihre Absicht, Olfana zu schließen, weiterverfolgen, werde ich Ihnen und Ihrem Auftraggeber die Hölle heiß machen!«

»Dr. Scorpa, es ist nicht unsere Absicht …«, begann Marie, doch Rico fiel ihr wieder mal ins Wort.

»Wir lassen uns nicht einschüchtern«, sagte er, lauter als nötig. »Copeland & Partner hat den Auftrag bekommen, diese Firma auf ihr Potenzial hin zu untersuchen, und das werden wir auch tun!«

Scorpa verschränkte die Arme vor der Brust. »Glauben Sie, der Name Copeland & Partner beeindruckt mich? Ich weiß sehr wohl, dass Berater wie Sie über Leichen gehen, dass Ihnen das Schicksal der Mitarbeiter, die sie wegrationalisieren, völlig egal ist. Deshalb hat mein alter Freund Franz Wullenweber von der Gewerkschaft auch ein ziemlich finsteres Gesicht gemacht, als er erfuhr, dass Sie hier im Haus sind. Wir lassen uns nicht so einfach auf dem Altar der Börse opfern!«

Marie erschrak. Wullenweber war der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats. Wenn Scorpa ihn gegen das Projekt aufhetzte, würde es verdammt ungemütlich werden. »Dr. Scorpa, bitte verzeihen Sie, wenn hier der Eindruck entstanden ist, wir hätten bereits ein Urteil über Olfana gefällt«, sagte sie und bedachte Rico mit einem eisigen Blick. »Das ist selbstverständlich nicht der Fall. Unser Auftrag ist es, das Zukunftspotenzial Ihrer Firma objektiv zu bewerten.«

»Gut, dann tun Sie das«, sagte Scorpa. Er holte einen Ordner aus einem Aktenschrank und knallte ihn auf den Konferenztisch. »Hier, das sind die Bilanzen und Gewinn- und Verlustrechnungen der letzten fünf Jahre. Und jetzt lassen Sie mich bitte meine Arbeit machen.« Er öffnete die Tür und rief nach seiner Assistentin. »Judith, würden Sie den Herrschaften bitte ihren Raum zeigen.«

Marie fühlte, wie der Zorn ihr die Röte ins Gesicht trieb. Sie bedankte sich bei Scorpa und folgte ihren beiden Teammitgliedern aus dem Raum.

2.

Judith Meerbusch, Scorpas Sekretärin, führte sie zu einem Büro am Ende des Flurs. Es bot ihnen drei Schreibtische und einen kleinen Besprechungstisch, auf dem ein Tablett mit einer Kaffeekanne und einer Glaskaraffe Mineralwasser sowie Tassen und Gläsern bereitstand. »Wie gewünscht haben wir Ihnen auch einen Internetzugang eingerichtet«, sagte sie. »Ich hoffe, es ist alles zu Ihrer Zufriedenheit?«

»Ja, vielen Dank, Frau Meerbusch!« Marie war froh, endlich die Tür hinter der Sekretärin zu schließen. Sie musste unbedingt ein ernstes Wort mit Rico sprechen. Doch sie war noch viel zu zornig, um die Ruhe und Professionalität auszustrahlen, die sie als Projektleiterin brauchte.

»Sag mal, was war denn gerade mit dir los?«, fragte stattdessen Konstantin. »Was du da eben abgezogen hast, war hochgradig unprofessionell! Voll auf Konfrontationskurs zu gehen! Wir können froh sein, wenn es uns gelingt, wieder eine Arbeitsbeziehung zu Scorpa aufzubauen.«

Marie verspürte eine grimmige Genugtuung darüber, dass er aussprach, was sie dachte. Doch sie bereute das Gefühl augenblicklich. Sie durfte sich nicht von ihren Emotionen kontrollieren lassen.

»Ich bin auf Konfrontationskurs gegangen? Das sehe ich aber anders!«, rief Rico. »Na gut, ich war vielleicht nicht besonders einfühlsam. Aber ich habe lediglich die Wahrheit gesagt und mich von diesem Scorpa nicht einschüchtern lassen. Den Konfrontationskurs hat er eingeschlagen, nicht ich! Der wusste doch von Anfang an genau, warum wir da sind. ›Mein Freund Wullenweber‹. Das war doch alles sorgfältig vorbereitet. Und ihr seid auf seine Beleidigte-Leberwurst-Masche reingefallen! Ich sage euch, wenn wir es bei dem mit Freundlichkeit versuchen, beißen wir auf Granit!«

»Vielleicht hast du recht, und Scorpa wollte von Anfang an auf eine Konfrontation hinaus«, entgegnete Konstantin. »Dann ist es umso dümmer, ihm dafür ausreichend Anlass zu bieten! Er hat uns aus seinem Büro geworfen und hatte reichlich Grund dazu. Es wird verdammt schwierig werden, ihn dazu zu bewegen, uns die nötigen Informationen zu geben.«

»Bewegen? Den kannst du höchstens zur Kooperation zwingen! Unsere einzige Chance ist, uns Rückendeckung von Borlandt zu holen und mit Härte gegen diesen Typen vorzugehen!«

Für Marie war es nun an der Zeit einzugreifen. Sie durfte nicht zulassen, dass die beiden sich in einen ernsthaften Streit hineinsteigerten. »Schluss jetzt! Dass wir gleich wieder zu Borlandt laufen, kommt überhaupt nicht in Frage. Die Kommunikation mit Scorpa übernehme ab sofort ich allein.« Sie war immer noch wütend, aber ihre Stimme blieb ruhig und bestimmt. Eine Projektleiterin konnte sich ihre Teammitglieder nicht immer aussuchen. Wenn sie Partnerin werden wollte, musste sie auch in einer so schwierigen Lage souverän bleiben und ihre Autorität wahren.

Sie beschloss, sich Rico später noch einmal in Ruhe vorzunehmen und ihm klarzumachen, dass er mit seinem Verhalten nicht nur ihre, sondern auch seine Zukunft bei Copeland aufs Spiel setzte. Jeder Projektleiter erstellte regelmäßig Leistungsbeurteilungen, sogenannte Project Performance Assessments, für seine Berater. Diese Bewertungen bildeten einen wichtigen Bestandteil bei der Festlegung der Jahresboni und der zukünftigen Aufstiegschancen. Marie hasste es, dieses Instrument als Druckmittel zu benutzen, aber in Ricos Fall würde ihr wohl nicht viel anderes übrig bleiben.

Sie bauten ihre Laptops auf und beschäftigten sich den Rest des Tages mit den Bilanzen und Gewinn- und Verlustrechnungen der Firma. Dabei fanden sie heraus, dass Olfana eine Forschungsstation irgendwo in Afrika unterhielt, die beträchtliche Kosten verursachte. Allein die Reisekosten des Managements lagen im sechsstelligen Bereich. Sie würden sich die Sache auf jeden Fall noch genauer ansehen müssen, ob Scorpa das wollte oder nicht.

Gegen halb acht sah Marie auf die Uhr. »Ich glaube, wir machen für heute Feierabend.«

»Einverstanden«, sagte Konstantin.

»Geht ruhig schon ins Hotel, ich bleibe noch ein bisschen«, sagte Rico. »Ich will noch mal die Veränderung der Eigenkapitalquote in den letzten Jahren durchrechnen. Ich nehme mir später ein Taxi.«

Marie zuckte mit den Schultern. Es war nicht unüblich, dass Copeland-Beraterteams bis abends um zehn oder elf Uhr arbeiteten. Sie hatte von dieser Praxis nie viel gehalten. Irgendwann ließ die Arbeitsproduktivität stark nach, und man begann, Fehler zu machen. Ein bisschen Entspannung am Abend als Ausgleich war mittelfristig wesentlich wirksamer als das Arbeiten bis zur totalen Erschöpfung. Gerade heute fühlte sie sich nicht danach, noch länger zu bleiben. Außerdem wusste sie, dass Ricos übertriebener Einsatz nur seine Art war, sich gegen ihre Autorität aufzulehnen. Jetzt nicht zu gehen, hätte er ihr wiederum als Schwäche ausgelegt.

»Viel Spaß noch«, sagte Konstantin grinsend, als sie den Teamraum verließen.

Das Hotel, eine alte Villa mit nur wenigen, dafür aber exklusiven Gästezimmern, lag etwas außerhalb der Stadt am Rand eines Wäldchens. Marie achtete bei der Auswahl ihrer Unterkunft immer darauf, dass sich in der Nähe eine Gelegenheit zum Joggen befand. Unternehmensberater stiegen in der Regel in den besten Hotels ab. Diese Praxis wurde von Betriebsräten oft als unnötiger Luxus kritisiert, doch der Lebensstil eines Beraters war alles andere als luxuriös. Ständig unterwegs zu sein, jeden Werktag in einem Hotelzimmer aufzuwachen, war kein Vergnügen. Eine Unterbringung in einem guten Hotel machte die Sache zumindest etwas erträglicher.

Das Zimmer war geräumig, in warmen Farben gestaltet und behaglich eingerichtet. Trotzdem strahlte es die neutrale Leere eines Raumes aus, in dem niemand wirklich lebte. Marie stellte eine Tüte Milch, einen plastikverpackten Fertigsalat und eine Laugenbrezel, die sie unterwegs in einem Supermarkt gekauft hatte, auf den Tisch. Sie hatte es sich angewöhnt, abends nach dem Joggen auf dem Zimmer nur eine Kleinigkeit zu essen.

Sie zog ihr Sportzeug an und verließ das Hotel. Die Herbstluft war angenehm frisch. Wie immer dauerte es nicht lange, bis der Rhythmus des Laufens sie entspannte und ihren Kopf leerte. Sie dachte an ihre Wut auf Rico und suchte in ihrem Inneren nach der Ruhe und Kraft, die ihr auch früher schon geholfen hatten, ihre Emotionen zu unterdrücken. Sie durfte sich nicht gehen lassen, niemals die Kontrolle über sich verlieren. Sie durfte auf keinen Fall so werden wie ihre Mutter.

Ihre Gedanken glitten unfreiwillig zurück zu jenem Tag, als sie zum ersten Mal gespürt hatte, dass etwas nicht stimmte. Sie war fünf Jahre alt gewesen. Die nette Psychologin hatte sie später gebeten, die Szene so zu erzählen, als sei sie einem fremden Kind zugestoßen:

Das kleine Mädchen läuft in die Küche. Die Mutter steht am Herd. Sie hat eine rot-weiß karierte Schürze umgebunden. Sie lächelt.

»Guck mal, Mama!«, ruft das kleine Mädchen und schwenkt ein Blatt Papier in der Hand. »Hab ich für dich gemalt!«

Die Mutter nimmt das Bild in die Hand. Es ist eine krakelige Kinderzeichnung, ein Strichmännchen mit einem viel zu großen Kopf. Die Augen sind unregelmäßig, wie Kartoffeln, der Mund nur ein schmaler Strich. Ein paar Zacken auf dem Kopf sind die Haare. Eckige Ohren stehen von den Seiten ab.

Die Mutter lächelt nicht mehr. Ihre Augen sind groß. Sie starrt das kleine Mädchen an. »Wo … wo hast du das gesehen?«, fragt sie leise.

Das Mädchen versteht die Frage nicht. Es weiß nicht, warum seine Mutter sich nicht freut, warum ihr Tonfall so seltsam ist.

»Wo hast du diesen Mann gesehen?« Die Stimme ihrer Mutter ist schrill, vorwurfsvoll.

Das Mädchen fängt an zu weinen. Es spürt, dass es etwas Schlimmes gemacht hat, aber es weiß nicht, was. »Das … das ist kein Mann«, stammelt es. »Das bist du, Mama!«

Die Mutter schüttelt den Kopf. Tränen laufen über ihre Wangen. »Nein, das bin nicht ich«, flüstert sie. Und dann, lauter, wütend: »Das bin nicht ich!« Sie zerknüllt das Bild und wirft es in den Mülleimer.

Das kleine Mädchen läuft weinend aus der Küche. Es wird kein Bild mehr malen, weder für seine Mutter noch für irgendjemanden sonst. Nie wieder.

Marie wusste noch, dass ihre Mutter später zu ihr gekommen war und sich entschuldigt hatte, aber sie konnte sich nicht mehr genau daran erinnern. Sie wusste nur, dass dieses schreckliche Gefühl, etwas Schlimmes getan zu haben, irgendwie schuld zu sein an allem, was danach geschehen war, sie nie mehr losgelassen hatte.

Sie merkte, dass sie vor Erregung zu schnell gelaufen war, und verringerte ihr Tempo. Keuchend erreichte sie das Hotel. Als sie ihr Zimmer betrat, hatte sich ihr Puls wieder normalisiert. Sie schaltete einen Nachrichtensender ein. Während sie den Salat aß, verfolgte sie ohne großes Interesse einen Bericht über die bevorstehende Gipfelkonferenz in Saudi-Arabien, die den jahrzehntelangen Palästina-Konflikt endgültig beilegen sollte. Neben den USA und Israel würde die gesamte Arabische Liga einschließlich Syrien, Iran und natürlich der Palästinenser daran teilnehmen. Hinzu kamen Afghanistan, Pakistan, Indien, China und Russland. Die Konferenz fand unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen auf Einladung des Saudischen Königshauses statt. Doch der Kommentator erklärte, ihr Zustandekommen sei in erster Linie den unermüdlichen Bemühungen des neuen US-Präsidenten Zinger zu verdanken.

Zwar glaubte kaum ein politischer Beobachter, bei der Konferenz könne tatsächlich ein Durchbruch erzielt werden. Aber allein die Tatsache, dass zum ersten Mal wirklich alle direkt und indirekt beteiligten Parteien an einem Tisch sitzen würden, war ein großartiger Erfolg und weckte neue Zuversicht, einen der schwierigsten und gefährlichsten Konflikte der Welt vielleicht eines Tages doch noch friedlich beilegen zu können.

Der hoffnungsvolle Tonfall des Berichts konnte Maries trübe Stimmung nicht aufhellen. Sie schaltete den Fernseher aus, duschte und ging ins Bett.

Dunkle Träume suchten sie in der Nacht heim. Träume, in denen Rico sie auslachte, sie dann packte, festhielt, an sich presste. Im Traum war sie plötzlich schwach wie ihre Mutter. Sie versuchte, sich gegen Ricos starke Arme zu wehren, doch es ging nicht. Sie weinte an seiner Brust, während er ihr Haar streichelte, und es fühlte sich schrecklich gut an.

Am nächsten Morgen wachte sie verspannt und mit Kopfschmerzen auf. Sie nahm eine Tablette, zog sich an und ging in den kleinen Frühstücksraum. Konstantin saß schon dort und begrüßte sie freundlich. Rico frühstückte offenbar lieber allein auf dem Zimmer.

Gegen Viertel nach acht saßen sie zu dritt im Teamraum. Während die Laptops hochfuhren, sagte Marie: »Rico, ich würde dich gern unter vier Augen sprechen.«

»Wieso, was ist denn?«

»Ich geh’ mir einen Kaffee holen«, sagte Konstantin. »Wie lange braucht ihr?«

»Fünf Minuten.«

Konstantin nickte und verließ den Raum.

»Also, was ist?« Ricos Tonfall war bewusst gelangweilt.

»Du weißt genau, was ist.« Maries Stimme war ruhig. »Ich erwarte, dass du dich in das Team einordnest und Disziplin zeigst. Keine unabgestimmten Einwürfe in Gesprächen, keine Attacken gegen das Management. Wenn ich das Gespräch führe, hältst du dich zurück. Ist das klar?«

»Du verbietest mir den Mund?«

Marie registrierte zufrieden, dass Rico nicht wie sonst herablassend, sondern vorsichtig klang.

»Ja, das tue ich, bis ich die nötige Sorgfalt in deinem Umgang mit Klientenmitarbeitern erkenne, insbesondere mit solchen, auf deren Mitarbeit und Unterstützung wir angewiesen sind.«

»Marie, ich sage dir noch mal, dieser Dr. Scorpa …«

Marie hatte schon als kleines Mädchen gelernt, wie unhöflich es war, jemanden zu unterbrechen. Deshalb tat sie es nur selten. Doch Rico musste verstehen, dass sie keinen Spaß verstand. »Ich will keine Widerrede hören«, sagte sie scharf. »Du tust, was ich dir sage, verstanden?«

Rico verschränkte die Arme vor der Brust. »Sonst?« Seine Mundwinkel zuckten spöttisch.

»Sonst bist du draußen!«

Marie wusste nicht so genau, ob sie die Drohung im Ernstfall würde umsetzen können. Es stand einer Projektleiterin nicht zu, über den Einsatz ihrer Mitarbeiter zu bestimmen – dafür war die zentrale Personaleinsatzplanung, das sogenannte »Staffing«, zuständig. Doch sie konnte sich an Will Bittner wenden und ihn bitten, zu veranlassen, dass Rico aus dem Team genommen wurde. Selbst wenn das nicht geschah, vielleicht, weil niemand sonst verfügbar war, würde es zumindest sein Ansehen bei Copeland erheblich beeinträchtigen und seine Karrierechancen reduzieren.

Rico sagte einen Moment lang nichts, musterte sie nur mit ausdrucksloser Miene. Dann nickte er langsam und wandte sich seinem Laptop zu.

Marie nahm sich wieder den Aktenordner vor, den Scorpa ihr gegeben hatte. Doch es gab nicht viel, was sie aus den Zahlen ablesen konnte, außer, dass die Firma Verluste machte und kein klarer Trend in Richtung Gewinnzone erkennbar war. Ohne Informationen darüber, woran Olfana gerade forschte und welche neuen Produkte wann auf den Markt kommen würden, konnte sie ihren Auftrag nicht erfüllen.

Sie beschloss, Scorpa noch einmal um ein Gespräch zu bitten. Frau Meerbusch informierte sie, dass ihr Chef auf Geschäftsreise und erst am Montag wieder im Hause sei. Sie ließ sich einen Termin für elf Uhr geben und nutzte den Rest des Tages, um im Internet Informationen über geruchsbasierte Schädlingsbekämpfung zu recherchieren.

3.

»Hier also ist es passiert.« Lieutenant Bob Harrisburg sah das Misstrauen in den Augen des Sergeants, der ihm kaum bis zum Kinn reichte. Die Vorbehalte, die kaum verhohlene Abneigung waren deutlich zu spüren. Der Soldat fragte sich offensichtlich, warum man statt eines forensischen Spezialisten der Militärpolizei so einen tumben Riesen von der Army Intelligence, dem Militärischen Aufklärungsdienst der US-Streitkräfte, geschickt hatte.

»Das sieht man ja wohl.« Der Sergeant wirkte ungeduldig, nervös. Er wollte hier nicht sein.

Harrisburg nickte. Die groben, ockerfarbenen Wände des Raums waren voller Einschusslöcher. Tische und Stühle waren umgeworfen und zersplittert, aber man konnte noch ihre frühere Anordnung erkennen – drei Reihen mit drei Tischen, an denen je zwei Kinder gesessen hatten. An der Wand hing eine große Tafel, in der Mitte zerborsten. Arabische Schriftzeichen waren in weißer Kreide darauf gemalt.

Das Blut war zu dunkelbraunen Flecken eingetrocknet. Sie waren überall: auf dem Boden, an den Wänden, auf Tischen und Stühlen. Als habe jemand damit begonnen, den Raum dunkel anzustreichen, sei aber nicht fertig geworden.

Harrisburg schloss die Augen. Er versenkte sich einen Moment in sich selbst, blendete die Geräusche der Stadt aus, den Geruch des Todes, der immer noch über diesem Raum lag. Stattdessen hörte er die Schreie der Kinder, sah, wie sie in Panik durcheinander liefen, sich unter den niedrigen Holztischen zu verstecken versuchten, wie sie sich weinend zusammenkauerten und nach ihren Müttern riefen. Er sah in die entsetzten Augen der Lehrerin, die später in der Ecke des Raums gefunden worden war, durchsiebt von vierzehn Kugeln aus amerikanischen Schnellfeuerwaffen.

Er sah den Raum aus der Sicht der Soldaten, die hier eingedrungen waren. Es mochte sein, dass sie geglaubt hatten, einen Terroristen zu verfolgen. Aber es war unmöglich, dass sie nicht gewusst hatten, was sie taten, als sie das Feuer eröffneten.

Vierzehn Kinder, zwischen acht und zehn Jahren alt, und die Lehrerin waren gestorben. Nur drei Schüler, die durch die gegenüberliegende Tür aus dem Raum geflohen waren, hatten überlebt, einer davon mit einer Kugel im Rücken.

Was hier geschehen war, blieb einfach unfassbar. Unvorstellbar. Unmöglich.

»Hören Sie, wir sollten uns hier nicht so lange aufhalten«, sagte der Sergeant. »Sie wissen, die Bevölkerung ist noch immer aufgebracht. Das Gebäude ist gesichert, aber …«

Aufgebracht? Was für ein seltsames Wort. Der Vorfall war wie eine Schockwelle durch Bagdad gelaufen, durch das ganze Land und weit darüber hinaus. Amerikaner hatten unschuldige Kinder niedergemetzelt! Die Informationsabteilung des Pentagon hatte alles getan, um es so darzustellen, als hätten Islamisten die Kinder als Schutzschild benutzt. Dennoch hatte es überall auf der Welt tagelange Massendemonstrationen gegen die US-Truppen gegeben. Ein Autobombenanschlag, bei dem eine Militärstreife verletzt wurde, war von der Bevölkerung bejubelt worden. Die irakische Regierung hatte eine offizielle Protestnote verfasst.

Teile der arabischen Welt waren in Aufruhr. All die Aufbauarbeit der letzten Jahre, das mühsam erarbeitete Vertrauen der Menschen waren in Sekunden zerstört worden.

Dass drei der vier an dem Vorfall beteiligten Soldaten ebenfalls in diesem Raum gestorben waren, getötet von ihren eigenen Kameraden, milderte den Zorn der Massen kein bisschen. Und doch war gerade das für Harrisburg das größte Rätsel – und der Grund, warum man ihn, einen Offizier der Abteilung für psychologische Aufklärung, zur Untersuchung des Vorfalls hierher geschickt hatte.

Dies war kein gewöhnlicher Fall eines Übergriffs von Soldaten auf die Zivilbevölkerung, wie er in jeder Besatzungsarmee immer wieder vorkam. Harrisburg wusste, dass der Stress permanenter Todesangst Menschen zu Gewaltexzessen treiben konnte. Angst war ein noch grausameres Motiv als Rache. Aber ein solches Blutbad gegen unschuldige, unbewaffnete Kinder war beispiellos. Und warum hatten sich die Soldaten gegenseitig attackiert?

Man hätte es vielleicht noch erklären können, wenn einer der Soldaten durchgedreht und dann von seinen Kameraden getötet worden wäre. Doch die Untersuchung der Waffen und Kugeln hatte eindeutig ergeben, dass alle vier Waffen des Trupps leer gefeuert worden waren, und zwar anscheinend wahllos sowohl auf die Kinder als auch auf die eigenen Kameraden. Einen solchen Vorfall hatte es in der Geschichte des US-Militärs noch nicht gegeben.

»Können wir jetzt bitte endlich gehen?«

Harrisburg betrachtete den Sergeant, Afroamerikaner wie er selbst, mit dünnem Oberlippenbart und Tapferkeitsabzeichen auf der Uniform. Der Mann hatte keine Angst vor den Iraki. Er fürchtete sich vor dem, was hier geschehen war.

Harrisburg nickte stumm und folgte ihm zurück zu dem gepanzerten Militärfahrzeug, das auf dem Schulhof wartete.

»Was ist Ihre Meinung, Sir?«, fragte der Sergeant, als sie durch die Straßen Bagdads zurück zum Hauptquartier rollten.

Harrisburg schwieg.

»Sir?«

Wie die meisten Menschen war der Sergeant zu ungeduldig, um auf eine wohlüberlegte Antwort zu warten. Die Leute, mit denen Harrisburg zu tun hatte, hielten ihn anfangs für zu dumm, um schnell zu antworten. Später dann, nachdem sie ihn etwas näher kennengelernt hatten, glaubten sie, er sei einfach unhöflich. Nur wenige kannten ihn gut genug, um zu wissen, dass er niemals eine Antwort gab, ohne ihr die Zeit zur Reife zu geben.

»Etwas sehr Ungewöhnliches ist hier vorgefallen«, sagte er, als der Sergeant längst jede Hoffnung auf eine Antwort aufgegeben hatte und geradeaus auf die nun wieder feindlichen Straßen starrte.

Der Sergeant reagierte nicht. Für ihn musste diese Antwort trivial klingen. Aber sie war es nicht.

»Ich möchte noch einmal mit Reeves sprechen«, sagte Harrisburg, als sie die Kaserne erreicht hatten. Früher waren hier Saddam Husseins Truppen stationiert gewesen. Es gab einen ausgedehnten Gefängniskomplex, in dem man Jordan Reeves, den einzigen amerikanischen Überlebenden des Vorfalls, untergebracht hatte – isoliert von den anderen Soldaten, die wegen Trunkenheit im Dienst oder anderer vergleichsweise harmloser Delikte einsaßen.

Reeves sah nicht auf, als Harrisburg die Zelle betrat. Er saß mit angezogenen Knien auf seiner Pritsche, die Arme um die Schienbeine geschlungen. Er war hochgewachsen, fast so groß wie Harrisburg, aber weniger muskulös, eher drahtig, wie ein Marathonläufer, und seine Haut war etwas heller.

»First Private Reeves?«

Reeves drehte den Kopf, sah jedoch Harrisburg nicht an, sondern starrte an die Wand neben ihm. Seine Augen wirkten abwesend, als sei er in einem Tagtraum gefangen.

»Wie viele Kinder waren in dem Klassenraum, als sie eintraten?« Er kannte natürlich die Antwort. Die Frage sollte nur bewirken, dass sich Reeves auf das Geschehen in dem Schulgebäude konzentrierte. Eine Faktenfrage half ihm dabei, die Situation mit einer gewissen Distanz zu betrachten.

»Siebzehn, Sir.« Seine Stimme war leise, fast flüsternd.

»Woher wissen Sie das? Haben Sie die Kinder gezählt, als Sie eintraten?«

»Nein, Sir. Ich habe es erst später erfahren. Wir … wir haben vierzehn Kinder getötet. Nur drei haben überlebt.« Er sagte das tonlos, ohne erkennbare Emotion.

»Waren Erwachsene im Raum?«

»Ja, Sir. Die Lehrerin. Wir haben sie ebenfalls erschossen. Vierzehn Kugeln, Sir, soweit ich weiß.«

»Sonst niemand? Keine Männer?«

»Nein, Sir.«

»Wer hat zuerst geschossen?«

»Ich weiß es nicht, Sir.«

»First Private Reeves, sehen Sie mich bitte an!«

»Sir, ich bin nicht mehr First Private Reeves, Sir. Nur noch Reeves.«

»Jordan, sehen Sie mich an!«

Es schien Reeves Mühe zu machen, seinen Gesprächspartner zu fokussieren. Seine Augen zitterten hin und her, fast, als sei er blind. Er stand immer noch unter Schock.

»Was ist passiert, Jordan?«

»Wir haben einen Attentäter verfolgt, Sir. Er hatte eine Schnellfeuerwaffe und gab Schüsse auf unsere Patrouille ab. Er floh in die Schule. Wir folgten ihm, und dann waren wir in dem Klassenraum.« Wieder diese tonlose, neutrale Stimme, als berichte er darüber, was er in einem Film gesehen oder irgendwo gelesen hatte.

»War der Verdächtige noch im Klassenraum, als Sie eintraten?«

»Nein, Sir. Er muss durch die gegenüberliegende Tür entkommen sein.«

»Warum haben Sie ihn nicht weiter verfolgt? Warum sind Sie in dem Raum geblieben und haben um sich geschossen?«

Reeves’ Augen waren geweitet. Plötzlich brach seine Stimme. Es klang, als weine er, aber es flossen keine Tränen. »Ich weiß es nicht, Sir. Verdammt, ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern. Wir sind gerannt, die Treppen hinauf. Corporal Miller war vor mir. Er ist plötzlich stehen geblieben. Und dann …« Reeves umschlang seine Beine noch fester, als könne er sich dahinter verstecken. Er wippte langsam vor und zurück.

Harrisburg ließ ihm Zeit.

Nach einer Minute des Schweigens fuhr Reeves unvermittelt fort: »… und dann war plötzlich alles rot.«

»Sie meinen, alles war voller Blut?«

»Nein, Sir. Es war, als sei die Welt plötzlich rot. Etwas war in mir. Wut. Zorn. Es gibt kein passendes Wort dafür.« Er schüttelte langsam den Kopf.

So weit waren sie bisher noch nicht gekommen. Behutsam fasste Harrisburg nach. »Zorn? Sie meinen, Sie waren wütend auf die Kinder?«

»Nein … das heißt, ja, ich glaube, ich war schrecklich wütend, aber nicht auf die Kinder …«

»Auf was dann?«

»Auf alles, Sir. Ich war … einfach wütend auf alles. Es … es war, als ob …«

Harrisburg wartete.

»… als ob etwas in mir wäre. Als ob ich nicht mehr ich selbst wäre.«

»Sie meinen, eine Art Dämon oder so?«

»Ja, Sir. Ein Dämon. Das ist es, was ich meinte.«

»Jordan, es gibt keine Dämonen.«

»Ja, Sir. Ich weiß das. Aber so war es. Als ob ein Dämon in mir wäre.«

»Jordan, glauben Sie, dass der Dämon auch ihre Kameraden befallen hat?«

Reeves überlegte einen Moment. Dann nickte er. »Ja, Sir. Ich glaube, das könnte man sagen.«

4.

Marie öffnete die Tür zu ihrem Apartment am Prenzlauer Berg in Berlin. Sie unterdrückte den Impuls, »Hallo« zu rufen, zog den nassen Trenchcoat aus und stellte die Laptoptasche und den kleinen Reisekoffer ab. Der Regen prasselte gegen die schrägen Studiofenster, die bei besserem Wetter einen schönen Blick über die umliegenden Straßen freigaben.

Der Anrufbeantworter blinkte nicht. Sie öffnete den Kühlschrank. Gina, das portugiesische Mädchen, das hier sauber machte, hatte alles besorgt, was Marie ihr aufgetragen hatte, nur hatte sie statt der bestellten halbfetten Milch wieder mal Vollmilch gekauft. Pummelig und lieb, wie Gina war, hatte sie es vermutlich absichtlich getan – Marie war in ihren Augen dürr wie eine Bohnenstange und musste dringend aufgepäppelt werden. Dabei lag sie nur knapp unter ihrem Idealgewicht.

Sie ging in die kleine Küche und goss sich ein Glas Cola light ein. Dann betrat sie das geräumige, in eleganter Schlichtheit eingerichtete Wohnzimmer, das von einem Steinway-Flügel vor den bodentiefen Fenstern beherrscht wurde. Sie ignorierte das Instrument und setzte sich mit ein paar aus dem Internet ausgedruckten Unterlagen in den Sessel vor dem Fernseher. Er war in den letzten vier Wochen nicht mehr eingeschaltet worden. Vielleicht sollte sie sich mal wieder ein Fußballspiel ansehen, überlegte sie. Hertha spielte morgen gegen Stuttgart. Früher hatte sie sich immer für Fußball begeistern können – eine Leidenschaft, die sie mit ihrem Vater teilte. Doch seit geraumer Zeit war sie einfach nicht mehr dazu gekommen.

Warum nur kam ihr das Apartment plötzlich so kalt und leer vor, beinahe fremd? Sie hatte doch auch vorher schon alleine hier gelebt.

Es riecht anders, fiel ihr plötzlich auf. Sie hatte es schon beim Aufschließen der Tür gemerkt. Arnes Geruch fehlte.

Ein Stich ging durch ihre Brust, und eine Sekunde spielte sie mit dem Gedanken, ihn anzurufen. Nach dem Ärger der letzten Tage hätte sie seinen einfühlsamen Trost und seine Unbekümmertheit gut gebrauchen können. Aber das wäre ihm gegenüber unfair gewesen. Schließlich hatte sie mit ihm Schluss gemacht. In einem kleinen Café am Hackeschen Markt hatte sie ihre Beziehung beendet, klar und sachlich, wie man einen Mietvertrag kündigt.

Er war natürlich aus allen Wolken gefallen, hatte versucht, sie umzustimmen, sie bekniet, ihrer Liebe noch eine Chance zu geben. Was denn der Grund sei, was er falsch gemacht habe, hatte er wissen wollen.

Gar nichts hatte er falsch gemacht. Sie waren nur nicht füreinander bestimmt, das war alles. Er wünschte sich nichts mehr als eine Familie, Kinder, eine fürsorgliche Mutter, das hatte er oft genug angedeutet. Es war etwas, das sie ihm nicht geben konnte. Also hatte sie die Konsequenz gezogen. Sie wollte nicht warten, bis das Thema bei ihnen zu ernsthaften Konflikten führte, bis sie beide immer frustrierter wurden, immer mehr Opfer füreinander bringen mussten, nur um dann doch am Ende im Streit auseinanderzugehen.

Er hatte natürlich protestiert. Er habe sie nie unter Druck gesetzt, habe immer gewartet, bis sie soweit sei. Er sei auch bereit, für sie auf seine Wünsche ganz zu verzichten.

Aber genau das war es, was sie nicht wollte. Sie sollten beide auf ihre Art glücklich werden können. Wenn dafür eine Trennung notwendig war, dann war das schmerzhaft, aber der einzig richtige Weg. Wie eine Spritze, die man sich geben ließ, um Schlimmeres zu verhüten.

Er war über die kaltblütige Logik ihrer Argumentation zuerst verblüfft, dann verärgert gewesen. Schließlich war er aus dem Café gestürmt. Sie hatte mit Anrufen gerechnet, mit unangemeldeten Besuchen zu Hause oder dem Versuch, sie am Flughafen abzufangen. Doch nichts dergleichen war geschehen. Arne hatte seit jenem Nachmittag vor vier Wochen kein Wort mehr mit ihr gesprochen.

Sie stand auf und wischte sich die Tränen mit einem Küchentuch ab, verärgert über sich selbst. Sie setzte sich wieder und versuchte, sich auf die Unterlagen zu konzentrieren.

Nach einer Weile schreckte sie hoch, lauschte. Ehe sie sich daran hindern konnte, rief sie: »Arne?« Nur Stille und das leise Trommeln des Regens gegen die schrägen Dachfenster antworteten ihr.

Ihr Herz pochte. Sie versuchte die Panik niederzukämpfen, die in ihr aufkeimte. Da war nichts. Sie hatte nichts gehört. Höchstens ein Geräusch von der alten Frau Hettwig in der Wohnung unter ihr. Es gab keinen Grund, Angst zu haben. Was immer es war, das sie beunruhigte, es existierte nur in ihrer Fantasie.

Der Drang nachzusehen war übermächtig. Aufzustehen, alle Türen und Schränke zu öffnen und ganz sicher zu gehen, dass dort niemand auf sie lauerte. Doch sie durfte dem Drängen nicht nachgeben, die Schleusen nicht öffnen.

Sie schloss die Augen, um die Tränen zurückzuhalten. Ihr wurde plötzlich bewusst, wie sehr ihr Arne fehlte. In seiner Gegenwart hatte sie sich sicher gefühlt. Sie hatte ihn mehr gebraucht, als sie sich eingestanden hatte.

Eben, schalt sie sich selbst. Du hast ihn nur benutzt, um deine idiotische irrationale Angst zu unterdrücken. Das ist keine Basis für eine Beziehung. Was du brauchst, ist nicht Arne. Was du brauchst, ist ein Psychiater.

Doch die Ärzte hatten ihr schon als Kind nicht helfen können. Genauso wenig wie ihrer Mutter.

Mit zitternden Händen griff sie nach ihrem Glas Cola, nahm einen Schluck. Sie dachte sich eine achtstellige Zahl aus und zerlegte sie im Kopf in ihre Primfaktoren. Allmählich verlangsamte sich ihr Puls.

Sie versuchte, sich wieder mit den Unterlagen zu beschäftigen, doch sie konnte sich nicht konzentrieren. Schließlich gab sie auf, schminkte sich ab und legte sich in das viel zu große Bett. Sie lag lange wach, bis das rhythmische Getrommel des Dauerregens sie schließlich in den Schlaf lullte.

Nach einem leichten Frühstück am nächsten Morgen rief sie ihren Vater an, der mit seiner zweiten Frau in einer Villa am Wannsee wohnte. Sie hatte Glück: Er war gerade nicht auf Konzertreise.

»Hallo Papa.«

»Hallo, Kleines! Ist schon eine Weile her, dass du angerufen hast!« Es lag kein Vorwurf in seiner Stimme, nur Neugier.

»Ich hatte ein bisschen Stress in letzter Zeit.«

»Hast du Probleme? Kann ich helfen?«

»Nein, nein, ich hab alles im Griff.«

Er kannte sie zu gut. »Du klingst nicht so. Warum kommst du nicht mit Arne heute Nachmittag mal vorbei, und wir reden über alles?«

»Ich bin nicht mehr mit Arne zusammen.«

»Das ist es also!«

»Nein, das ist es nicht. Eigentlich ist es gar nichts, jedenfalls nichts, bei dem du mir helfen kannst. Aber ich komme gern vorbei. Passt dir drei Uhr?«

»Perfekt. Ich freue mich auf dich. Bis nachher!«

Maries Vater lächelte breit, als er seiner Tochter die Tür öffnete. Wie immer trug er dunkle Kleidung, die einen starken Kontrast zu seiner schlohweißen Mähne bildete. Seine langen Arme umfingen sie, als wolle er sie nicht mehr loslassen.

Auch Irene lächelte und umarmte Marie. Sie war gut einen Kopf kleiner als ihr Mann und hatte im Gegensatz zu ihm eine eher rundliche Figur, was jedoch ihrer Schönheit keinen Abbruch tat. Mit ihren fast fünfzig Jahren war sie immer noch eine stattliche Erscheinung, und ihre Stimme war noch fast genau so kräftig und melodisch wie zu den Zeiten, als sie umjubelt auf den Bühnen der Welt gestanden hatte.

»Wie geht es dir?«, fragte ihr Vater. »Siehst ein bisschen blass aus um die Nase!« Dieser Spruch war ein altes Ritual zwischen ihnen: Ihr Vater wusste so gut wie sie, dass ihr blasser Hauttyp angeboren war und nichts mit mangelnder Frischluft zu tun hatte, aber er zog sie immer noch gern damit auf.

Sie grinste. Es war schön, so herzlich empfangen zu werden. Sie ließ sich von Irene in den Wintergarten führen, wo eine riesige Platte mit erlesenen Torten und Kuchenstücken auf sie wartete. Die Menge hätte bequem gereicht, um das gesamte Orchester ihres Vaters zu versorgen. Es war seine Art, ihr zu zeigen, wie sehr er sich über ihren Besuch freute.

Der Duft frisch gebrühten Kaffees gab Marie das Gefühl, zu Hause zu sein, auch wenn ihr letzter Besuch schon ein paar Monate zurücklag. Begeistert nahm sie sich ein großes Stück Fruchttorte und lud einen ordentlichen Schlag Sahne darauf. Jemand, der sie nicht näher kannte, hätte bei ihrer Erscheinung kaum vermutet, dass sie Süßes liebte. Aber sie hatte sich eben gut im Griff und konnte genießen, ohne zu übertreiben. Hin und wieder eine kalkulierte Sünde machte das Leben erst lebenswert und war ohnehin viel sinnvoller als das ewige Auf und Ab zwischen maßlosen Fressorgien und qualvoller Diät, das so viele ihrer Geschlechtsgenossinnen durchlitten. Alles, was man dazu brauchte, war ein bisschen Selbstdisziplin.

Die Torte schmeckte herrlich, ebenso wie der Kaffee, den Irene mit der Cafetière gemacht hatte. Die Anspannung der letzten Tage fiel allmählich von Marie ab. Sie erzählte, dass sie kurz vor der Partnerwahl stand und alles vom Erfolg des jüngsten Projektes bei Olfana abhing.

»So ein Affenheini!«, rief ihr Vater, als sie ihm von Ricos Verhalten erzählte. Irene brachte schnell die Kaffeekanne in Sicherheit, bevor er sie mit seinen ausladenden Gesten umwerfen konnte. Als Dirigent war er es gewohnt, mit den Armen zu »sprechen«. Er konnte sie mit äußerster Präzision bewegen, aber wenn er erregt war, neigte er zu heftigen, unkontrollierten Schwüngen.

Marie seufzte. »Mach dir keine Gedanken. Mit dem werde ich schon fertig.«

Ihr Vater nickte. »Ja, das wirst du bestimmt. Du warst schon immer enorm zäh und hast dich nicht unterkriegen lassen.«

Sie schwiegen beide einen Moment, in Erinnerungen versunken. Auch wenn sie sich eine Weile nicht gesehen hatten, waren sie sich immer noch so nah, wie es nur zwei Menschen sein können, die gemeinsam großes Leid ertragen haben. Seine Worte taten gut, und Marie spürte, wie der unbeugsame Optimismus, der ihren Vater antrieb, auf sie übergriff. Seine Impulsivität und Kreativität hatte sie zwar nicht geerbt, dafür aber seine Begabung für Harmonie und Rhythmus und seinen analytischen Verstand. Musik ist Mathematik, und Mathematik ist Musik, sagte er immer. Im Grunde sind es nur zwei verschiedene Ausdrucksformen desselben Prinzips.

Marie hatte natürlich eine erstklassige musikalische Ausbildung genossen und im Alter von vierzehn Jahren einen Jugend-Musikwettbewerb in der Kategorie Klavier gewonnen. Doch sie spielte nur noch selten auf dem Steinway, den ihr Vater ihr zum achtzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Der logische Aufbau der Kompositionen hatte sie stets noch mehr fasziniert als ihr Klang.

Nach einem exzellenten Abitur hatte sie begonnen, Mathematik zu studieren, war jedoch nach vier Semestern auf Anraten ihres Vaters auf Betriebswirtschaft umgeschwenkt. »Von der Theorie kann niemand leben«, hatte er gesagt, und sie hatte es eingesehen. Das BWL-Studium war qualvoll langweilig gewesen. Die Vorlesungen über lineare Optimierung, statistische Verfahren oder Spieltheorie, die ihren Kommilitonen den Schweiß auf die Stirn trieben, waren ihr trivial vorgekommen. Doch die Verbindung zwischen der reinen Schönheit mathematischer Modelle und ihrer Anwendung in der Praxis, die das Betriebswirtschaftsstudium durchzog, hatte sich als interessant und hilfreich erwiesen. In ihrem Beruf als Unternehmensberaterin konnte sie diese Verbindung nutzbringend anwenden.

»Wollen wir ein wenig spazieren gehen?«, fragte ihr Vater, als Marie das zweite Stück Obsttorte verputzt hatte.

Sie nickte. Etwas Bewegung würde ihr nach der Schlemmerei gut tun. Ein Besuch im Fitnesscenter am späteren Abend würde ein Übriges dazu beitragen, die überschüssigen Kalorien wieder loszuwerden.

»Was haltet ihr davon, mal wieder in den Zoo zu gehen?«, schlug Irene vor.

»Hast du Lust?«, fragte ihr Vater.

Marie war seit Ewigkeiten nicht mehr dort gewesen. Als Kind hatte sie Zoobesuche geliebt. Sie hatte sich immer vorgestellt, wie es wäre, in die fernen Länder zu reisen, in denen Krokodile, Leoparden und Kängurus lebten, und den Tieren dort in ihrem natürlichen Lebensraum zu begegnen – für sie damals ein verlockender, aber auch irgendwie unheimlicher Gedanke. Bei der Erinnerung musste sie jetzt lächeln. »Okay, warum nicht?«

Am Samstagnachmittag war der Zoo natürlich nicht eben leer, zumal die Sonne immer wieder die Wolkendecke durchbrach.

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