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Der Dreizehnte

Friedrich Gerstäcker

Der Dreizehnte

Eine unheimliche Geschichte





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der dreizehnte

 

Im Hotel de Pologne in P. saß eine fröhliche Gesellschaft von jungen und älteren Leuten am Silvesterabend beisammen, und als die Mitternachtsstunde heranrückte, wurden die leeren Weinflaschen hinausgeschafft, und eine mächtige Bowle dampfte bald inmitten des runden Tisches, ihr süßes Aroma durch das wohl durchwärmte Zimmer sendend. An der einen Wand stand eine gewaltige alte Schlaguhr in ihrem Nussbaumgehäuse, und der Zeiger deutete fast schon auf die zwölfte Stunde.

»Jetzt die Gläser gefüllt!«, rief da ein junger, blühender Mann, ein Arzt, den Schöpfer ergreifend und das dampfende Getränk in die ihm dargereichten Gläser gießend. »Das neue Jahr darf uns auch nicht eine Sekunde Zeit abgewinnen, und wohlgerüstet wollen wir’s empfangen. «

»Halt – da fehlt noch ein Glas!«, sagte der ihm gegenüber Sitzende, ein junger Jurist.

»He, ein Glas her, Kellner!«, rief der Arzt. »Unser Assessor Holler schwimmt sonst trocken ins neue Jahr hinein.«

»Bitte um Verzeihung, Herr Doktor«, verteidigte sich aber der Kellner, »ich habe dreizehn Gläser auf den Tisch gestellt.«

»Dreizehn?«, lachte der Hauptmann von Hisko, der neben dem Doktor saß. »So sind wir wirklich dreizehn heute beisammen?«

»Wahrhaftig!«, bestätigte der Doktor Malwitz, der die Kameraden rasch überzählt hatte. »Dreizehn; und hier neben der Bowle steht auch das fehlende Glas!«

»Würfel her!«, rief da der Hauptmann. »Zum Henker auch; wenn einer von uns dieses Jahr abfahren muss, wollen wir wenigstens wissen, wer es ist.«

»Ja, Würfel! Würfel!«, tobten die lustigen Gesellen, rasch auf den Scherz eingehend. »Wir wollen den dreizehnten auswürfeln!«

»Aber erst den Gruß ans neue Jahr!«, rief mahnend der Doktor. »Die Uhr hat ausgehoben. Geht sie pünktlich?«

»Auf die Sekunde!«, versicherte der Kellner, indem er die verlangten Würfel auf den Tisch legte.

»Also aufgepasst!«

Die Männer waren aufgestanden, und die gefüllten Gläser in der Hand, schauten sie schweigend zur Uhr hinüber, deren Zeiger gerade auf zwölf rückte. In atemloser Stille horchten sie auf den ersten Schlag – und auch draußen auf der Straße schien alles der nächsten Minute entgegenzulauschen.

Da, in demselben Moment, in dem die Uhr zum Schlagen aushob, donnerte ein Schuss vom alten Schloss herüber, und: »Prosit Neujahr! Prosit Neujahr!«, jubelten die Zecher einander fröhlich zu, die Gläser klirrten aneinander, und lautes, wildes Leben schien in dem einen Augenblick die Stadt aus tiefem Schlag geweckt zu haben.

Vom Turm bliesen die Stadtmusikanten einen Choral, der eigen und wunderbar gegen die noch forttönenden Böllerschüsse des Schlosses abstach; auf der Straße, ja aus den Fenstern heraus riefen die Leute einander ihr freundliches »Prosit Neujahr!« auf und nieder. Hell erleuchtete, von Lichtern strahlende Räume wurden der dunklen heiligen, geheimnisvollen Nacht geöffnet. War es doch, als ob jeder das Bedürfnis fühle, in dieser Minute – der Schwelle eines neuen Zeitabschnitts für ihn – nur wenigstens einen flüchtigen Blick zu den Sternen zu werfen, und manches wenn auch rasche, doch tief gefühlte Gebet stieg mit dem einen Blick zum Himmel auf.

Und bleibt es nicht ein wichtiger Abschnitt unseres Lebens, ein Jahr, ein ganzes langes Jahr? – Wie viele zählen wir, selbst von der Wiege bis zum späten Grab? Dem längsten Alter sind es immer nur wenige, und von den wenigen ist ein jedes Jahr ein weiterer Schritt dem Grab entgegen, das vielleicht schon jetzt dicht vor uns liegt. Erleben wir das nächste neue Jahr? – Ist unsere Uhr nicht schon vielleicht in diesem abgelaufen, dass wir den Sand, der uns noch hier zubleiben gestattet, nach Körnern zählen könnten?

Wir wissen es nicht, denn wohltätig verhüllt dichte Nacht der Zukunft Walten unserem fragenden, forschenden Blick. Den Schleier können, sollen wir nicht lüften, und Gott hat das sehr weise eingerichtet. Darum aber erfüllt auch eine solche Stunde unser Herz – wir mögen noch so ruhig dem unbekannten Jenseits dort entgegenschauen – mit einem eigenen, geheimnisvollen Reiz, und unwillkürlich fast stimmt der Moment uns ernst. Nicht allein ein neues Jahr beginnen wir ja auch mit all seinen Sorgen und Freuden, auch von dem alten müssen wir Abschied nehmen, und manches brachte dieses uns doch – ob froh, ob trübe –, auf dem noch die Erinnerung gern verweilt.

Wohl mochten auch manchem der lustigen Schar, während der Choral draußen vom Turm tönte und das Krachen der Geschütze die unmittelbare Nähe der bedeutungsvollen Stunde verkündete, ähnliche Gedanken durch die Seeleblitzen. Aber all diese ernsten Bilder schwanden im Nu, als die Mahnung verhallt war und die Gläser frisch gefüllt worden waren.

»Glückaufdenn für ein neues, frisches Leben!«, rief der Hauptmann, das seinige hoch schwingend. »Und allen fidelen Kumpanen diesen Becher!«

»Sie sollen leben, hoch!«, jubelten die anderen nach.

»Und jetzt die Würfel!«, fuhr der Hauptmann fort. »Das ist gerade die rechte Stimmung, in der wir uns befinden! Etwas Choral draußen, etwas Böllerschüsse und ringsum erleuchtete Fenster mit glücklichen, fröhlichen Menschen! Dem allen fehlt nur noch das Mystisch-Geheimnisvolle – denn die ganze Sache wird ein klein wenig zu öffentlich getrieben –, und dazu sollen uns die Würfel helfen.«

»Hören Sie einmal, lieber Hauptmann«, sagte da ein anderer der Gäste, ein Buchhändler Merz, der jenem gegenüber saß; »ich dächte, wir ließen das Würfeln sein; es kommt mir beinahe ein wenig wie Frevel vor, und gerade in der Neujahrsnacht –«

»Frevel? Bah!«, lachte aber ein Herr von der Bielden, sein leeres Glas wieder der Bowle entgegenhaltend. »Eine Frage an das Schicksal steht einem jeden frei; ob aber das auch antwortet, ist eine andere Sache! Hallo, Doktor, noch einmal gefüllt! Ihre Mischung ist ganz vortrefflich, und mögen Sie dieses ganze nächste Jahr keine schlechteren Rezepte verschreiben und administrieren! Als Präsident der Versammlung haben Sie aber auch den Vortritt. Fangen Sie an!«

»Und wollen wir wirklich würfeln, wer von uns –«

»Dieses Jahr abfährt?«, unterbrach ihn lachend der Assessor. »Allerdings! Und das braucht nicht einmal aus Übermut zu geschehen. Wir treten dabei gleich jenem albernen Vorurteil der Masse entgegen, indem wir ihr beweisen, wie unsinnig die Furcht vor der Zahl Dreizehn ist.«

»Das ist recht, Holler!«, rief ihm von der Bielden zu. »Wir wollen einen Klub der Dreizehner konstituieren, wie wir hier beisammen sind, und während wir einen auswürfeln, bleibt der zugleich für das ganze nächste Jahr Präsident.«

»So bin ich’s auch zufrieden«, stimmte Malwitz bei. »Der Deutsche tut nicht gern etwas ohne einen Zweck, ohne ein bestimmtes Ziel, und da wir das jetzt glücklich gefunden haben, mögen wir beginnen.«

»Gegen die löbliche Absicht, jenem ungereimten Vorurteil entgegenzutreten, habe ich nicht das Mindeste«, nahm da noch einmal Merz das Wort; »aber wenn wir es so nur nicht auf die verkehrte Weise anfangen. Ich weiß nicht, ob dieHerren von jenem Schiffsreeder in Amerika gehört haben, der, um das ebenso alberne Vorurteil gegen den Freitag – besonders bei den Seeleuten – zu zerstören, ein besonderes Schiff zu diesem Zweck bauen ließ. Der Kiel dazu wurde an einem Freitag gelegt, sämtliche Arbeiter bekamen jeden Freitag ihren Lohn, das Schiff musste ebenfalls an einem Freitag vom Stapel laufen, wurde Freitag, getauft und ging natürlich an einem Freitag in Seeund – wunderlicherweise hat man nie wieder etwas von ihm gehört; ja man weiß nicht einmal, wo und wann es mit Mann und Maus zugrunde gegangen ist. Dass danach jenes Vorurteil natürlich nur noch mehr gefestigt wurde, versteht sich ganz von selbst, und der gute Zweck wurde nicht allein verfehlt, sondern das Übel noch viel schlimmer gemacht, als es je gewesen ist.«

»Das war zwar ein Unglück«, lachte der Hauptmann, »kann uns hier aber nicht passieren.«

»Etwas Ähnliches doch!«, sagte Merz. »Ich setze den Fall, dass zufällig der Ausgewürfelte stürbe – würde die ganze Stadt dann nicht schreien: Seht ihr! Da habt ihr den Frevel! – Und wäre die Dreizehn von da an nicht verpönter als je? Denn dass eine solche Neuigkeit die Runde durch alle Zeitungen machte, können Sie sich denken.«

»Dann beweisen wir ihnen das nächste Jahr, dass es doch blanker Unsinn ist, denn zum zweiten Mal würde nicht gerade der Ausgewürfelte sterben; es wäre sonst ein zu fabelhafter Zufall!«, rief der Assessor.

»Aber es ist doch möglich!«, beharrte Merz.

»Möglich hin, möglich her!«, lachte der Hauptmann, die Würfel ergreifend.

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