Logo weiterlesen.de
Der Doppelgänger

Friedrich Gerstäcker

Der Doppelgänger

Eine Goldgräbergeschichte





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der Doppelgänger

 

Hoch oben in den kalifornischen Bergen, an einem Bach, der seine Wasser etwa eine Stunde von dort in den Mokelumne ergoss, stand ein kleines Lager von Goldwäschern, das wie gewöhnlich aus der wunderlichsten Mischung von Menschen und Zelten zusammengesetzt war.

Niemand dachte natürlich an eine regelmäßige Aufstellung der verschiedenen Wohnungen, und wo eine stattliche Eiche Schatten gegen die Mittagssonne und eine zufällige Erhöhung trockenen Boden bei eintretendem Regenwetter versprach, da wurde das Zelt von dessen Eigentümern aufgeschlagen, ja dieser einmal genommene Lagerplatz wurde nicht einmal streng festgehalten, sondern oft gewechselt, je nachdem die Besitzer weiter oben oder unten am Bach Lohn für ihre Erdarbeiten zu finden hofften.

Weshalb der kleine, reizend gelegene Bach mit seinem kristallhellen Bergwasser »Teufelsbach« getauft worden war, wusste niemand. Die Indianer hatten ihn früher in ihrer bilderreichen Sprache das Diamantauge genannt – und nannten ihn in der Tat noch so. Unter den eingewanderten Fremden war aber der Name Devil’s Creek gängig geworden, und wie es mit solchen Benennungen geht, er hing einmal an dem Ort und ließ sich jetzt nicht mehr abschütteln.

In allen jenen dichtbewaldeten Bergen, in denen jetzt der Boden von Tausenden von Menschen nach dem edlen Metall durchwühlt wurde, hätte man aber wohl kaum ein romantischer gelegenes Plätzchen finden können als dieses Lager, in dem die bunten Zelte unordentlich verstreut teils unter dichtem Gebüsch, teils unter den riesigen Bäumen der Waldung standen. Nach dem Mokelumne zu fiel dabei der Hügel schroff ab und gestattete eine herrliche Fernsicht gen Norden auf hintereinander sich auftürmende Gebirgsrücken, die bis jetzt vielleicht noch nie der Fuß eines Weißen betreten hatte. Aber auch ihre Zeit kam, und wie jetzt die goldgierige Bevölkerung von Osten und Westen hereindrückte, breiteten sich die Menschenmassen langsam, aber sicher nach allen Seiten aus, und die Zeit war nicht mehr fern, wo sie den roten Sohn der Wälder, der dieses schöne friedliche Land seine Heimat nannte, weit in die Schneegebirge hinaufdrücken mussten, um dort sein Leben kümmerlich zu fristen oder unterzugehen. Was lag den Weißen daran, wenn sie nur Gold fanden?

Und was für ein buntes Gemisch von Kräften hatte sich hier gesammelt! Da kam nichts darauf an, welchem Stand die Goldwäscher früher angehört hatten, welchem sie vielleicht später einmal wieder angehören würden. Da kümmerte sich niemand um den Grad der Bildung, den der Nachbar oder der Arbeitsgefährte besaß und der sonst in jedem wilden Land im gewöhnlichen Ansiedlerleben immer eine gewisse Grenze zieht, sodass nur die recht eng zusammenhalten, die sich auch an Bildung näher stehen. Hier galten nur die Kraft und die Arbeitsfähigkeit des Einzelnen, und Handwerker und Edelleute, Künstler und frühere Tagelöhner, Kaufleute und Gelehrte – alles mischte sich bunt und ungescheut durcheinander. Wenn man nur den Namen dessen wusste, mit dem man zu verkehren hatte; das andere war Nebensache und kümmerte niemanden.

Fünf Zelte standen also hier oben am Devil’s Creek, nur von Deutschen zu dreien und vieren, das größte sogar von sechs Arbeitern bewohnt, und in den letzten Tagen war noch ein neuer Landsmann hinzugekommen, der sich aber die kurze Zeit seines Aufenthalts von den Übrigen ziemlich zurückgehalten hatte und wenig mit ihnen verkehrte. Sein Name war Schütz, und seinem ganzen Wesen und Benehmen nach hatte er in Deutschland bessere Zeiten gesehen, als sie ihm hier Spitzhacke und Schaufel bringen konnten. Nichtsdestoweniger arbeitete er tüchtig – wenn auch immer allein – und war freundlich und gefällig gegen seine Nachbarn, wo sich ihm irgend Gelegenheit dazu bot, ohne sich aber je ihren fröhlichen und oft sehr lauten Abendgesellschaften anzuschließen. Er saß dann still und allein vor seinem Zelt bei einem flackernden Feuer und las entweder oder starrte auch nur, vor sich hinträumend, in die Flamme.

Am Anfang versuchten die anderen Deutschen, die das für Schüchternheit hielten, ihn davon abzuziehen, und forderten ihn auf, zu ihnen herunterzukommen. Aber er wich ihren Einladungen freundlich, doch bestimmt aus, und man ließ ihn zuletzt seinen eigenen Weg unbelästigt verfolgen. Hatte doch jeder hier in den Minen das Recht, zu tun, was ihn eben freute!

Dass sich die Übrigen indessen nicht durch den mürrischen »Einsiedler«, wie er bald allgemein hieß, in ihrer Geselligkeit stören ließen, verstand sich wohl von selbst, und Abend für Abend versammelte sich die Schar um die lodernden Feuer, um sich teils mit Kartenspiel und Trinken, teils mit vaterländischen Gesängen die lange Nacht zu verkürzen – und diese Gesellschaft müssen wir uns doch ein wenig näher betrachten.

In dem einen Zelt lagerten drei junge Deutsche zusammen: ein Zinngießer Bollenheck, ein junger Edelmann, Baron Köllern, und ein heruntergekommener Kaufmann oder Reisender namens Steinert. Im Nachbarzelt schliefen ein junger Arzt, Doktor Meier, ein früherer Bedienter oder Lakai einer Herrschaft – denn er wusste immer viel von großen Diners zu erzählen – namens Pauig und ein Apotheker Rostiz.

Außer diesen waren noch ein paar Maurer aus Hannover, ein Schiffskoch Reutler, ein Bäcker, ein Schmiedegeselle, ein Schreiber, ein polnischer Schneider und verschiedene andere Individuen, die keinem bestimmten Stand anzugehören schienen – oder auch zu bescheiden waren, ihn zu nennen. Kurz, es blieb eine bunte, gemischte Gesellschaft, die sich hier in den schönen Bergen zusammengefunden hatte, nur mit dem einen festen Ziel vor sich: Gold!

S

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Doppelgänger" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen