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Der Blutkelch

Peter Tremayne

Der Blutkelch

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Irmhild und Otto Brandstädter

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

HAUPTPERSONEN

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

EPILOG

ANMERKUNG ZU DEN HISTORISCHEN QUELLEN

SCHWESTER FIDELMAS ABENTEUER IN CHRONOLOGISCHER REIHENFOLGE

 

Dank gebührt in besonderem Maße

David R. Wooten

in Charleston, South Carolina, USA,

der seit zehn Jahre unermüdlich als Direktor der I

nternational Sister Fidelma Society

und Herausgeber ihres Magazins The Brehon

sowie als ihr Webmaster wirkt.

 

… Abba, Pater! Omnia tibi possibilia sunt. Transfer calicem hunc a me

 

Abba, mein Vater, es ist dir alles möglich, nimm diesen Kelch von mir

 

Markus 14,36

Vulgata, latein. Übersetzung des Hieronymus, 5. Jh.

 

Hic est enim calix sanguinis mei

 

Denn dies ist der Kelch meines Blutes

 

Frühmittelalterliche lateinische Messe

HAUPTPERSONEN

 

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks, ihr Gefährte

 

BEI BINGIUM

 

Huneric, ein Jäger und Fremdenführer

Bruder Donnchad von der Abtei Lios Mór

 

AUF DER BURG CASHEL

 

Colgú, König von Muman, Fidelmas Bruder

Ségdae, Abt von Imleach und Oberster Bischof von Muman

Bruder Madagan, sein Verwalter

Caol, Hauptmann der Nasc Niadh, der Leibwache des Königs

Gormán, ein Krieger in der Leibwache

Brehon Aillín, ein Richter

 

IN CILL DOMNOC

 

Bruder Corbach

 

IN DER ABTEI LIOS MÓR

 

Iarnla, Abt von Lios Mór

Bruder Lugna, sein rechtaire oder Verwalter

Bruder Giolla-na-Naomh, der Schmied

Bruder Máel Eoin, der bruiged oder Herbergswart

Bruder Gáeth, ehemals anam chara (Seelenfreund) von Bruder Donnchad

Bruder Seachlann, ein Arzt

Bruder Donnán, scriptor, Bibliothekar

Bruder Echen, der echaire oder Stallmeister

der Ehrwürdige Bróen, ein betagtes Mitglied der Gemeinschaft

 

Lady Eithne auf An Dún, Mutter von Bruder Donnchad

 

Glassán, der Erste Baumeister

Gúasach, sein Pflegesohn und Lehrling

Saor, ein Zimmermann und Gehilfe des Baumeisters

 

IN FEAR MAIGHE

 

Cumscrad, Stammesfürst der Fir Maige Féne

Cunán, sein Sohn und Hilfsbibliothekar

Muirgíos, ein Lastkahnführer

Eolann, ein Kahnschiffer

 

Uallachán, Stammesfürst der Uí Liatháin

Bruder Temnen, Bibliothekar von Ard Mór

KAPITEL 1

Schneetreiben hatte eingesetzt. Die schweren nassen Flocken schlugen ihnen kalt ins Gesicht, blieben hängen, nahmen ihnen die Sicht auf den Pfad neben dem Fluss und legten sich als weitere Schicht auf die bereits dick verschneite Landschaft. Die niedrigen Berge, die sie zu beiden Seiten des Stroms umgaben, verschwanden unter dem weißen Leichentuch, schon seit Wochen waren sie unter der Schneelast begraben. Kein Vogel ließ sich hören, noch sonst ein Tier, es hatten wohl alle beizeiten Unterschlupf gesucht. Über dem Heideland und den Bäumen hing eine merkwürdige Stille, selbst ihre Tritte dämpfte der Schnee, der dicht und weich unter ihren Füßen lag. Nur der Strom zu ihrer Rechten machte sich mit stetem Rauschen und Grollen bemerkbar, während er sich seinen dunklen, breiten und strudelreichen Weg durch die weiße Umgebung bahnte.

»Ist es noch weit?«

Der große, bärtige Mann, der voranging, verlangsamte nicht seine gleichmäßigen Schritte. »Nicht mehr weit!«, rief er, ohne den Kopf zu wenden. Seit sie die kleine Siedlung verlassen hatten, hatte sein Begleiter, der ihm nacheilte, schon mehrfach die gleiche Frage gestellt. Er war von schmächtiger Statur, etwa dreißig Jahre alt und hatte die dunkelbraune Wollkutte eines Mönchs um sich gezogen. Nicht zum ersten Mal hatte der große, stämmige Führer im warmen Jagdmantel aus Dachsfell geduldig auf die Frage geantwortet, während sie auf dem Uferpfad dahinstapften. Es war später Nachmittag, und erst kurz zuvor hatte es zu schneien begonnen. Ehe noch die Landschaft im Flockenwirbel verschwand, hatte der Mönch besorgt zu den grauen Schneewolken hochgeschaut, die den Himmel im Osten verdeckten. Sie hatten sich düster drohend über der Bergkette zusammengeballt und verkündet, dass der Tag zur Neige ging und weiterer Schneefall bevorstand.

»Werden wir dort sein, bevor es dunkel ist?«, fragte er besorgt und versuchte, die schweren Flocken fortzuwischen, die ihm an Brauen und Lidern hafteten. Das Licht schien unwirklich, auch war es spürbar kälter geworden.

»Auf alle Fälle«, bestätigte ihm sein Führer. Dann lachte der Mann plötzlich vor sich hin und spöttelte mit seiner kehligen Stimme: »Sei unbesorgt, kleiner Bruder, dein Gott wird dich doch selbst in so einer Gegend wie der unsrigen auch nach Einbruch der Nacht beschirmen, oder nicht?«

»Mir kommt es lediglich darauf an, dass ich da, wo wir hinwollen, noch etwas sehen kann.« Seine Erwiderung klang steif, als müsste er sich verteidigen.

»Für einen von deinem Glauben ist es schon seltsam, gerade dort etwas sehen zu wollen.«

Der Mönch blieb ihm die Antwort schuldig, und der Jägersmann zuckte gleichmütig die Achseln. Es ging ihn ja nichts an, warum dieser fremde Pilger um seine Dienste als wegekundiger Führer gebeten hatte. Eigentlich war es Pater Audovald gewesen, der ihm aufgetragen hatte, dem Fremdling den Weg zu weisen. Pater Audovald war der betagte Priester der dem heiligen Martin geweihten Kapelle. Man achtete ihn als Vorsteher der kleinen Siedlung Bingium an den Ufern des großen Flusses Renos. Er hatte Huneric gesagt, er wisse auch nur, dass dieser Mann früh am Morgen angekommen sei. Der Fremde sei auf einem der schweren, stromabwärts fahrenden Lastkähne angereist, sei an Land gegangen und habe nach einem Wegekundigen gefragt. Man hatte ihn zu Pater Audovald gebracht, und der hatte Huneric beauftragt, den Neuankömmling dorthin zu geleiten, wo er hinwollte.

Huneric stand im Ruf, ein Jäger zu sein, der jeden Fußbreit in den Wäldern und Hügeln entlang des Stroms kannte. Er hatte mehrfach den fremdländischen Mönch verstohlen beäugt und abzuschätzen versucht, woher er eigentlich war. Der Pilger war aus dem Süden gekommen, so viel wusste er. Trotz der Winterzeit war das Gesicht sonnengebräunt, aber der Mann hörte sich nicht so an und sah auch nicht so aus, als stamme er aus den südlichen Ländern am Mittelmeer. Die braunen Wangen hatten Sommersprossen, und das Haar, soweit Huneric es ausmachen konnte, war kupferfarben. Der Fremdling sprach fließend Latein, das war die Sprache, in der sie sich verständigen konnten, wenn es auch ein gepflegtes und altertümliches Latein war, verglichen mit der ungehobelten Umgangssprache, der sich Huneric bediente, wenn er mit den Galliern Handel trieb.

Der Pfad wand sich ein wenig landeinwärts und führte auf ein Waldstück zu. Lediglich der Umstand, dass der Schnee an den Rändern höher lag als in der Mitte, ließ erkennen, dass sie sich auf einem Weg befanden. Hin und wieder trat Huneric auf eine ältere, überfrorene Schneeschicht, die mit heftigem Knacken einbrach. Die Bäume boten wenigstens einigen Schutz vor den eisigen Schneeflocken, auch schien der Schneesturm abzuebben, sobald sie unter den weit ausladenden Zweigen waren. Sie kamen leichter voran. Doch der Wald war kaum mehr als ein Gehölz, so war ihnen nur eine kurze Verschnaufpause vom Schneetreiben vergönnt.

»Wir müssen die Nava überqueren, gleich da vorn vor uns«, erklärte der Führer und befreite seinen Mantel vom Schnee mit Bewegungen ähnlich wie ein Hund, der sich Wasser aus dem Fell schüttelt. »Sie fließt rasch in den großen Fluss, den Renos, die Strömung ist reißend und voller Gefahren. Gottlob, gibt es eine alte Holzbrücke. Dort können wir rüber.«

»Noch ein Fluss, über den wir müssen?«, fragte der Pilger angstvoll stöhnend.

»Er ist nicht so breit wie der Renos. Ein alter Mann hat mir mal erzählt, dass die Gallier, die hier lebten, bevor die Leute von meinem Stamm kamen, den Fluss die Nava nannten, in ihrer Sprache bedeutete das so viel wie ›der wilde Fluss‹. Wir sind an der Mündung der Nava in den Renos«, erläuterte er noch unnötigerweise, denn das war dem Mönch bereits klargeworden.

Als sie aus dem Gehölz traten, hatte es aufgehört zu schneien, doch die Wolken hingen tief, dunkel und dräuend. Unversehens standen sie am Ufer eines schmaleren Gewässers, über das eine lange, wacklige Holzbrücke führte. Weiß und wütend schoss das Wasser darunter hin. Aufgewühlt und hoch aufsprühend stürzte es sich mit donnernder Gewalt in den breiten Strom und schuf dabei Strudel und Stromschnellen, die mit einem Boot zu durchqueren gewiss waghalsig war.

Der Fremdenführer blieb einen Moment stehen. »Der Renos windet sich durch die Höhenzüge, wie du siehst, und wendet sich hier mit fast scharfer Kehre nach Norden. Er durchzieht das Land wie eine breite Straße. Im Altertum haben die römischen Legionen ihre Via Ausonia, die Bingium mit der Stadt Augusta Treverorum verband, hier an den Ufern des Stroms gebaut. Um die Straße zu sichern, wurde am Zusammenfluss ein Kastell errichtet.«

»Doch wo ist die Nekropole?«, erkundigte sich der Mönch ungeduldig. »Ist es noch weit bis zu der Nekropole?«

Nachdenklich runzelte Huneric die Stirn und fragte sich wiederum, woher kommt der Mensch bloß und warum will er eine längst aufgegebene Nekropole der Römer sehen?

»Die Überreste der römischen Begräbnisstätte liegen hinter der Baumgruppe dort drüben am anderen Ende der Brücke. Es ist also nicht mehr weit. Los, aber nimm dich in Acht, wenn du über die Brücke gehst. Durch den Schnee dürfte der Holzbelag schlüpfrig sein.«

Die Warnung war mehr als berechtigt. Ein- oder zweimal kam der Mönch fast zu Fall, und nur sein Griff zum Geländer konnte ihn davor bewahren, auf den vom Schneematsch nassen Planken in voller Länge hinzuschlagen. Kaum hatte er die Brücke hinter sich, kehrte sein Vertrauen zu Huneric zurück, und er folgte ihm durch den knöcheltiefen Schnee. Die Schneeschicht hatte nicht alle Anzeichen einer ehemaligen Wohnsiedlung überdeckt. Mauerreste ließen ein verfallenes Kastell erahnen. Die großen Lücken in der Befestigung waren vermutlich entstanden, weil die Ortsansässigen Steine herausgebrochen und zu neuen Behausungen anderswo verwendet hatten. Ebenso waren Begrenzungen einer ehemals angelegten Straße auszumachen.

Huneric strebte einem weiteren Waldstück zu, dessen dunkles Laubwerk etwas Unheimliches an sich hatte. Der Mönch blickte hoch zu den Bäumen, die sich in ihrer Masse zu einem Festungswall auftürmten. Wie eine undurchdringliche Mauer standen sie vor ihnen, umrankt von Brombeergestrüpp, als hätte die Natur ihre eigene Abwehr gegen Eindringlinge geschaffen. Huneric kannte jedoch einen Durchschlupf durch diese Schutzwand. Eiben und immergrüne Steineichen waren leicht zu erkennen, auch waren dem Mönch die Stechpalmen vertraut mit der grünen Rinde der jungen und den glatten grauen Stämmen der älteren Bäume. Sie alle wiesen mit ihren stachligen Blättern Tiere zurück, die Zweige und Triebe abweiden wollten. Hoch oben in den Bäumen, die ihr Laub im Winter abgeworfen hatten, fielen ihm sonderbare runde, dunkle Klumpen auf. Zunächst dachte er, es seien Vogelnester, besann sich aber, dass es schmarotzende Mistelbüsche waren.

Er bemerkte plötzlich, wie seltsam still es in diesem Wald war. Am Schneefall, der alle Geräusche auslöschte, konnte es nicht liegen, zu schneien hatte es inzwischen aufgehört. Nirgendwo war eine Fährte zu erkennen, weder vom Wolf noch vom Fuchs. Auch das Rauschen der strömenden Gewässer war verstummt. Er grübelte eine Weile und schob schließlich das Fehlen natürlicher Geräusche auf die eisige Witterung. Dennoch liefen ihm kalte Schauer über den Rücken.

»Sind wir bald in der Nekropole?«, fragte er zaghaft.

Huneric drehte sich um, und seine Miene ließ erkennen, wie sehr er mit dem Fremdling mitfühlte. »Nur noch wenige Schritte, mein Freund«, antwortete er aufmunternd.

Und tatsächlich, nach wenigen Schritten standen sie auf einer größeren Lichtung, die von dem dichten Gürtel der Bäume und Sträucher begrenzt war und über die sich die ausladenden mächtigen Äste wie ein Zeltdach wölbten. Die Lichtung war voller niedriger kleiner Hügel, zerbröselnder Steinmonumente und Stelen, die meisten von ihnen von allerlei Gewächsen überwuchert.

Huneric trat beiseite und ließ den Mönch in die Runde schauen.

»Hier ist der Ort, an dem die römischen Legionäre, die das Kastell bewachten, ihre Toten begruben«, verkündete er mit einer Art Besitzerstolz. »Das ist die Nekropole, die sie vor vielen Jahrhunderten angelegt haben.«

In der kalten Luft sah man deutlich den Atem des erregten Glaubensbruders. »Du weißt doch, wonach ich hier suche?«

»Nach den Gräbern der Bogenschützen der Ersten Kohorte«, bestätigte ihm sein Führer. »Komm, folge mir.«

Er ging zu einem Gräberfeld mit aufrecht stehenden Grabsteinen. Vor einem blieb er stehen und kratzte mit bloßen Fingern Moos aus der vertieften Inschrift.

»Ist das der Stein, den du suchst?«

Der Mönch hockte sich vor der Steinplatte nieder, blickte angestrengt auf die lateinische Inschrift und flüsterte den Namen, den er entzifferte, vor sich hin. Sein Atem ging heftig, und er nickte.

»Das ist der Name, den ich suche«, erwiderte er befriedigt.

Er rutschte noch näher an den Grabstein heran.

»Er stammte aus Sidon, steht da«, bemerkte Huneric, stolz darauf, dass er die Worte lesen konnte, wie Pater Audovald es ihn gelehrt hatte, und nickte, als der Mönch ergänzte: »Er war ein Mann aus Sidon, das ist im Lande der Phönizier.« Dann las der Fremde laut den restlichen Text der Inschrift: »… miles ex-signifer cohortis primae sagittariorum hic situs est. Ehemals Bannerträger der Ersten Kohorte der Bogenschützen, und das ist sein Grab.«

Einigermaßen erstaunt beobachtete Huneric, wie der Mönch in seine Umhängetasche griff und ein Holztäfelchen hervorholte. Er nahm einen dünnen Stylus aus Knochen und klappte das aus zwei Teilen bestehende Täfelchen auf. Im Inneren war ein Wachsfeld, das er erst mit der Wärme seiner Hände geschmeidig machen musste. Dann übertrug er sorgsam die fünf lateinischen Zeilen der Inschrift auf sein Schreibtäfelchen, klappte es zu und steckte es mit dem Stylus zurück in die Tasche. Schweigend stand er noch eine Weile vor dem Gedenkstein.

»Ich danke dir«, sagte er bedrückt. »Von mir aus können wir nach Bingium zurückkehren.«

Huneric konnte seine Verwunderung nicht verbergen. »Ist das alles, was du hier sehen wolltest?«

»Es genügt mir.«

»War dieser Römer einer deiner Vorfahren? Hast du eine so lange Reise unternommen, nur um eine kurze Inschrift zu lesen?«

Der Mönch lächelte gequält und schüttelte den Kopf. »Nein, mein Vorfahr war er nicht.«

»Wer war er dann?«, bedrängte ihn Huneric. »Warum war er so bedeutend, dass du diese Reise aus deinem Land, wo immer es liegen mag, unternommen hast, bloß um auf eine Steinplatte zu schauen, unter der er begraben liegt?«

»Warum er so bedeutend war?« Der Mönch schaute Huneric tieftraurig an. Der Jäger glaubte schon, er würde in Tränen ausbrechen, so hager und blutleer war sein Gesicht. »Weil der Mann« – mit einer Armbewegung wies er zum Grab hin –, »weil jener Mann vielleicht der Vater einer Lüge gewesen ist, die die Welt verändert hat.«

 

Der Sommer war noch nicht zu Ende, doch die Luft war dumpf und kühl. Abt Iarnla zog seinen Stuhl näher an die Feuerstelle heran, auf der ein paar Holzscheite qualmten. Wärme verbreiteten sie nicht, nur grauer Rauch stieg auf, und sie zischten, feucht wie sie waren. Unwillig fuhr der Abt den Klosterbruder an, dessen Aufgabe es war, Holz herbeizuschaffen, um die Abtstube zu heizen. »Das Holz ist nass, Bruder Gáeth!«

»Verzeih, Vater Abt«, stammelte der Mann. »Das Schilfdach über dem Holzschuppen ist undicht, wir haben es eben erst bemerkt. Bestimmt ist Regen durchgekommen, und da ist das Holz nass geworden und …«

Abt Iarnla schnitt ihm mit einer heftigen Bewegung der linken Hand das Wort ab. »Mox nox, in rem«, brummelte er. Wörtlich hieß das: »Bald ist es Nacht, komm zur Sache«. Er nutzte das Bild, um zum Ausdruck zu bringen, dass er sich keine langen Entschuldigungen anhören wollte Der Holzträger spürte den scharfen Tadel, zog den Kopf ein und murmelte, er wolle sofort losgehen und trockene Scheite holen. Bruder Gáeth war ein hoch aufgeschossener Mann mit wenig ansprechenden Gesichtszügen. Er blickte ständig niedergeschlagen drein, und schon tat es dem Abt leid, ihn gerügt zu haben. Alle wussten, Bruder Gáeth war nicht von sonderlicher Geistesstärke, und seine Lateinkenntnisse waren dürftig. Iarnla zwang sich zu einem Lächeln. »Sobald du trockenes Holz gefunden hast, bring es her, mich fröstelt.« Gehorsam bewegte sich Bruder Gáeth zur Tür und öffnete sie.

Auf der Schwelle stand ein großer Geistlicher mit bleichem, fast hagerem Gesicht und hellblauen Augen. Er hatte die Hand erhoben, als wollte er eben anklopfen. Bruder Gáeth trat rasch beiseite und verbeugte sich ehrfurchtsvoll, denn er hatte Bruder Lugna vor sich, den rechtaire, den Verwalter der Abtei Lios Mór. In der Weisungsgewalt unterstand er nur dem Abt.

Das erschreckte Aufatmen des Klosterbruders war nicht zu überhören, und so drehte sich der Abt um. »Ah, tritt ein, Bruder Lugna«, rief er und wies auf einen Armstuhl ihm gegenüber an der Herdstelle. »Ich muss mit dir reden.«

Bruder Lugna war Mitte dreißig. Sein strohblondes Haar war zu einer corona spina, der römischen Tonsur, geschnitten, womit er sich zu den aus Rom kommenden Regeln bekannte. Sein Abt hingegen trug die Tonsur des heiligen Johannes, die die irischen Glaubensmänner bevorzugten. Die Miene des Verwalters war zu einer unnahbaren Maske erstarrt. Er kam herein, ließ den Holzbeschaffer hinausgehen und schloss die Tür. Dann setzte er sich auf den ihm vom Abt gewiesenen Stuhl und verharrte in Schweigen.

Abt Iarnla war ein Mann in vorgerückten Jahren. Sein Haar war silbergrau, in den braunen Augen lag eine gewisse Traurigkeit. Seinem Äußeren war abzulesen, dass er unbeschwert und müßiggängerisch gelebt hatte. Er zeigte auf das qualmende Feuer und erklärte mürrisch: »Das Holz ist nass.«

Sein Verwalter nickte zerstreut. »Ich habe den tugatóir, den Dachdecker, schon gerügt, weil er sich nicht um das Dach des Holzschuppens gekümmert hat.« Sein Ton verriet, dass ihn eigentlich etwas anderes beschäftigte.

Der Abt schaute ihn nachdenklich an. »Ich habe dich zu mir gebeten, Bruder Lugna, weil ich gehört habe, dir mache der Zustand von Bruder Donnchad Sorgen. Oder ist es mehr der Ehrwürdige Bróen, der dich bekümmert? Im refectorium soll er heute früh verkündet haben, ihm sei gestern Nacht ein Engel vor seinem Fenster erschienen.«

Bruder Lugna zog die Mundwinkel herab. »Der Ehrwürdige Bróen ist sehr betagt und hat betrüblicherweise nicht mehr alle Sinne beisammen. Echte Sorgen mache ich mir um Bruder Donnchad, und das tun wir alle hier in der Gemeinschaft.«

»Reisen und Erlebnisse, wie sie Bruder Donnchad vom Schicksal bestimmt wurden, können selbst bei dem Stärksten ihre Spuren hinterlassen«, suchte der Abt zu erklären.

Der Verwalter schürzte die dünnen Lippen, ehe er erwiderte: »Sein Verhalten versetzt die gesamte Klostergemeinschaft, und mich nicht weniger in Unruhe. Bevor er mit Bruder Cathal ins Heilige Land aufbrach, soll er in sich gekehrt gewesen sein und sich Gefühlsaufwallungen hingegeben haben. Oft habe er sich allein in stundenlange Meditationen versenkt.«

»Liegt das nicht in der geistlichen Natur unserer Berufung? Warum sollte es uns bekümmern, wenn er jetzt weiterhin solchen Neigungen nachhängt?«, wandte der Abt lächelnd ein.

»Ich habe jeden Respekt davor, dass sich Bruder Donnchad mit Hingabe dem Glauben und seiner Gelehrsamkeit widmet. Dennoch, seine sonderbaren Launen sind es, die uns zu denken geben. Seit seiner Rückkehr aus dem Heiligen Land vergräbt er sich in finstere Kontemplationen. Mitunter lässt er seine Mitbrüder eine unbeherrschte Launenhaftigkeit spüren. Besonders Bruder Gáeth leidet darunter, der früher sein anam chara – sein Seelenfreund – war, wie es heißt.« Er verzog das Gesicht und fuhr fort: »Merkwürdig, dass ein Gelehrter wie Bruder Donnchad sich ausgerechnet Bruder Gáeth zum Seelenfreund erwählt hatte. Allerdings hat man mir berichtet, seine Haltung gegenüber Bruder Gáeth sei jetzt völlig anders als früher.«

Der Abt lehnte sich in seinem Armsessel zurück und faltete die Hände. Beide Zeigefinger blieben ausgestreckt, ihre Spitzen berührten sich, und in der Haltung brachte er sie an die Lippen.

»Wenn ich mich recht erinnere, hast du dich unserer Gemeinschaft angeschlossen, kurz nachdem Donnchad und Cathal sich auf Pilgerfahrt begeben hatten. Schade, dass du sie damals nicht mehr kennengelernt hast. Da lagen die Dinge ganz anders.« Er machte eine Pause und holte Luft. »Überlegen wir einmal, was geschehen ist. Donnchad hat seinen leiblichen Bruder, der auch sein Bruder in Christo war, verloren. Ich sehe noch vor mir, wie die beiden in die Abtei eintraten. Sie waren junge Burschen, stammten aus der Burg über der Furt, die nur wenige Meilen flussabwärts liegt.«

»Ihre Geschichte ist mir nicht unbekannt, stehen wir doch unter der Schirmherrschaft ihrer Mutter, Lady Eithne auf An Dún«, merkte der Verwalter ungerührt an.

»Das ist mir durchaus gegenwärtig. Sie ist eine sehr fromme adlige Dame und eine standfeste Verteidigerin des Glaubens. Darüber hinaus lässt sie unserer Gemeinschaft stets ihren Schutz angedeihen.« Abt Iarnla wollte sich von seinen Erinnerungen nicht abbringen lassen. »Ihre Söhne, Cathal und Donnchad, waren außerordentlich kluge Köpfe, Bruder Cathal wurde sogar einer unserer besten Lehrer. Leider wurden ihm seine Klugheit und sein Gelehrtenfleiß zum Verhängnis. Maolochtair, der Stammesfürst der Déisi, der über das Land herrschte, auf dem unsere Abtei steht, neidete ihm sein Wissen und seine Kenntnisse. Deshalb erhob er Klage gegen ihn beim König in Cashel und beschuldigte Cathal, sich magischer Künste zu widmen.«

»Von der Geschichte habe ich auch gehört. Aber wir wissen alle, Maolochtair war alt und damals bereits geistesverwirrt«, wandte Bruder Lugna ein.

»Das stimmt durchaus. Doch wer wagte es schon, etwas gegen ihn vorzubringen? Hatte er nicht vor über dreißig Jahren dem Gatten von Lady Eithne nahegelegt, dieses Land, auf dem die Abtei gebaut wurde, unserem Gründervater, dem Heiligen Carthach, zu übereignen? Wir mussten Maolochtair respektieren, obwohl, offen gesagt, sein Geisteszustand tatsächlich nicht mehr der beste war. Er war voller Misstrauen sowohl gegen seine eigene Familie als auch gegen seine Freunde, wähnte, sie alle wollten ihm übel. Wir versuchten Bruder Cathal in Sicherheit zu bringen und übertrugen ihm die Leitung der Kirche und Gemeinde von Sean Raithín, der alten Bergfestung nördlich von hier. Doch Maolochtair ließ nicht locker und verfolgte ihn auch dort mit seinen Anschuldigungen.

Der verwirrte Stammesfürst setzte beim König in Cashel durch, dass man Cathal gefangennahm, während die gegen ihn erhobenen schweren Vorwürfe überprüft wurden. Der König musste sich ihm beugen, weil Maolochtair mit seiner Großtante verheiratet war. Nur Schwester Fidelma, der Schwester des Königs, war es zu verdanken, dass alle Verdächtigungen gegen Cathal ausgeräumt wurden. Sie riet, den Beschuldigten freizusprechen und ihn mit seinem Bruder, Donnchad, aus dem Bereich des rachsüchtigen Alten weit wegzuschicken, bis der sich aus den irdischen Gefilden verabschiedet hätte.«

»Ich habe die Geschichte bereits aus Lady Eithnes Mund gehört«, knurrte Bruder Lugna, der seine Gereiztheit kaum verbergen konnte. »Fünf Jahre sind es her, seit Cathal und sein Bruder Donnchad zu ihrer Pilgerfahrt ins Heilige Land aufbrachen. Bald nach ihrer Abreise ist Maolochtair an delirium tremens gestorben.«

»Doch unseren geliebten Brüdern gelang es, das Heilige Land zu erreichen. Was für eine Freude muss sie erfüllt haben, Jerusalem zu erblicken und durch die Straßen zu schreiten, in denen Unser Herr einst wandelte.« Der Abt lächelte vor sich hin, schien sich dieses Freudengefühl auszumalen.

»Leider währte die Seligkeit nicht lange«, unterbrach Bruder Lugna. »Auf der Rückreise erlitten sie Schiffbruch vor Süditalien.«

»Aber unsere Brüder haben überlebt«, warf der Abt ein.

»Überlebt? In der Tat, sie gehörten zu den wenigen, die das rettende Ufer erreichten, als ihr Schiff auseinanderbrach. Die meisten Mitreisenden, auch die gesamte Mannschaft, sind in den aufgewühlten Wogen umgekommen.«

»Immerhin wurde Cathal von den Bürgern der Stadt, bei der sie an Land kamen, mit offenen Armen aufgenommen … Wie hieß sie doch? Tarentum? Ah ja, Tarentum war’s. Man hat ihn so herzlich willkommen geheißen, dass er beschloss, dort zu bleiben. Und bald erhoben ihn die Leute zum Bischof jener Stadt.«

Bruder Lugna schniefte abschätzig. »Was sie gewonnen haben, haben wir verloren. Sein Bruder vermisst ihn sehr und seine Mutter Lady Eithne nicht minder, noch immer trauert sie um ihn wie um einen Toten. Wenigstens Bruder Donnchad sah es als seine Pflicht an, hier zu uns nach Lios Mór zurückzukehren.«

Der Abt betrachtete seinen Verwalter nachdenklich. »Wirfst du Bruder Cathal seine Entscheidung vor? Bist du der Ansicht, Bruder Donnchads Zustand ist darauf zurückzuführen, dass ihn der Entschluss seines Bruders bedrückt, in Tarentum zu bleiben und dort Bischof zu werden?«

Der hagere Geistliche streifte den Abt mit einem kalten Blick. »Das hat nichts mit Tadeln oder Vorwürfen zu tun. Cathal ist in Tarentum geblieben, weil er sich von Christus berufen fühlte, ihm dort zu dienen. Dennoch ist es eine Tatsache, dass er dort geblieben ist. Lady Eithne empfindet es als Verrat, dass er nicht zurückgekehrt ist. Sie hat es mir selber gesagt. Und auch Donnchad, sein Bruder, meint, es wäre seine Pflicht gewesen, nach Hause zu kommen.

Letzterem war eine erstaunliche Heimreise beschieden. Zunächst wandte er sich nordwärts nach Rom, ich habe dort selbst studiert. Dann besuchte er unsere Brüder in Lucca und zog weiter zum berühmten Kloster Bobbio. Schließlich kam er hier an, umgeben von einem Glorienschein.« Der Verwalter erhob voller Stolz die Stimme. »Wie vielen unserer Brüder ist eine so herrliche Pilgerfahrt vergönnt? Schon allein die Sohlen seiner Sandalen berühren zu dürfen, mit denen er über eben die Erde und die Steine geschritten ist, auf denen unser geheiligter Erlöser gewandelt ist …, schon allein das würde jedem von uns ein Hochgefühl vermitteln.«

Abt Iarnlas schwermütige Miene blieb unbewegt, nur kurz zuckte es um seine Mundwinkel. »Ich habe da meine Zweifel, ob wir das wirklich so empfinden würden, Bruder Lugna«, sagte er schlicht. »Ich bin sicher, Bruder Donnchad hat auf seiner Heimreise vom Heiligen Land so manches Paar Sandalen verschlissen. Die Sandalen, mit denen er durch die Straßen lief, durch die der Heiland einstmals geschritten ist, dürfte er längst gegen derberes Schuhwerk vertauscht haben.«

Bruder Lugna runzelte die Stirn und betrachtete misstrauisch den Abt. Er war sich nicht sicher, ob der sich über ihn lustig machte. Doch über Abt Iarnlas Gesicht huschte kein verschmitztes Lächeln, überhaupt fehlte dem Mann der Sinn für Humor. Der Verwalter hob die Schultern und stellte seinen Verdacht hintan.

»Was ist deiner Meinung nach der Grund für die Schwermut, in die Bruder Donnchad seit seiner Rückkehr verfallen ist?«, setzte der Abt das Gespräch fort.

»Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Bruder Donnchad hat kaum versucht, sich wieder in die Gemeinschaft einzugliedern. Die meiste Zeit verbringt er in seiner Zelle und ist völlig in irgendwelche altertümliche Handschriften versunken, die er mitgebracht hat. Bücher sind das, deren Sprache und Zeichen ich nicht kenne. Er brütet darüber, als ob er darin etwas Bestimmtes suche. Oft kommt es vor, dass er den Ruf zu den Mahlzeiten im refectorium versäumt, in letzter Zeit erscheint er sogar nicht einmal zur Messe.«

»Wir reden nicht zum ersten Mal über sein seltsames Betragen«, stimmte ihm der Abt zu. »Ich nehme an, du hast auch mit Bruder Gáeth darüber gesprochen.«

»Das habe ich, doch Bruder Gáeth kann sich nicht erklären, warum Bruder Donnchad ihn neuerlich als seinen anam chara von sich weist. Man hat mir versichert, sie wären vor der Pilgerfahrt die engsten Freunde gewesen. Abgesehen davon, dass mir eine solche Beziehung ungesund vorkommt, erfahre ich jetzt, Bruder Donnchad habe Bruder Gáeth strikt untersagt, sich ihm auch nur zu nähern.«

»Was mag der Grund dafür sein?«, grübelte der Abt laut.

»Da eben liegt der Kern des Rätsels, denn ein wirklicher Grund lässt sich nicht finden. Wenn sich Bruder Donnchad nicht gegen jedermann in der Gemeinschaft so seltsam verhielte, würde ich es für löblich halten, dass jenes sonderbare Verhältnis beendet ist. Doch Bruder Donnchads Betragen verschlimmert sich. Er hat sogar aufgehört, die Gottesdienste in der Kapelle zu besuchen, und weigert sich, das irgendwie zu erklären. Erst vor ein paar Tagen hat er sich einen ganzen Tag lang von der Abtei entfernt, ohne anzugeben, wo er sich aufgehalten hat. Auch hat er seit gestern nichts mehr gegessen, und seine Zellentür hält er fest verschlossen, obwohl das gegen den bei uns geltenden Brauch verstößt.«

»Auf deine Bitte hin hat Lady Eithne ihn doch aber zweimal in seinem verstörten Zustand aufgesucht.«

»Ja. Ich hatte sie darum gebeten. Ich meinte, es gehört zu den Aufgaben meines Amts, ihr das nahezulegen.«

»Was hat ihr Besuch bei ihm erbracht?«

»Gestern Abend war Lady Eithne eine kurze Zeit allein mit Bruder Donnchad. Ich begegnete ihr an der Pforte. Sie war äußerst erregt. Man sah ihr an, dass sie sich bei der Begegnung mit ihm der Tränen nicht hatte enthalten können. Für mich steht fest, wir müssen etwas unternehmen. Die in der Abtei geltenden Regeln müssen eingehalten werden. Viele unserer Brüder sind wegen Bruder Donnchad beunruhigt und wissen nicht recht, wie sie sich verhalten sollen. Anarchie greift um sich. Ich benötige deine Autorität, um Zucht und Ordnung aufrechtzuerhalten.«

Abt Iarnla nickte. »Und doch geht es in erster Linie um Bruder Donnchad. Er ist nicht nur ein weithin anerkannter Gelehrter, für die jüngeren Brüder ist er ein Held, anderen ist er ein Vorbild …«

»Und das alles wegen seiner glücklich überstandenen Pilgerfahrt ins Heilige Land«, brachte es der Verwalter auf den Punkt. »Gerade wegen seines Ansehens wirkt sich sein Benehmen so verderblich auf die Abtei aus. Es darf so nicht weitergehen.«

Der Abt richtete sich auf und kam zu einem Entschluss. »Ich stimme dir zu, Bruder Lugna. Es ist meine Schuld, ich habe Bruder Donnchads Verhalten mit zu großer Toleranz geduldet. Dass ich so lange gezögert habe, kann ich nur mit meinem Respekt vor seinen Leistungen entschuldigen. Ich werde mit ihm sprechen und von ihm verlangen, sich den in unserem Gemeinwesen herrschenden Regeln anzubequemen.«

Unvermittelt erhob sich Abt Iarnla von seinem Sitz, und überrascht tat Bruder Lugna es ihm gleich. Es wurde kein weiteres Wort gewechselt, während sie den Raum verließen. Draußen begegneten sie Bruder Gáeth, der, hochrot im Gesicht, sich mit einem Armvoll trockener Scheite für die Abtstube abmühte. Er drückte sich an die Wand, um sie vorbeizulassen, doch sie würdigten ihn keines Blickes.

Sie gingen über den mit Steinplatten ausgelegten Innenhof, in dessen Mitte man einen Springbrunnen über einer natürlichen Quelle angelegt hatte, und wandten sich einem neuen dreistöckigen Steingebäude zu. Es befand sich am Rande der Abtei-Umfriedung. Zwei seiner grauen Mauern bildeten sogar einen Eckpunkt des Klostergeländes. Unmittelbar dahinter fiel das Land steil ab zu den düsteren Wassern des An Abhainn Mór, des Großen Flusses, der auch die Nordgrenze der Besitzungen der Abtei Lios Mór bildete. Das Gebäude hob sich von den übrigen Bauten ab, die bis auf die Kapelle alle aus Holz errichtet waren. Doch sah man in der Abtei Anzeichen reger Bautätigkeit; man war dabei, die älteren Holzbauten durch Steinhäuser zu ersetzen.

Für einen ältlichen und beleibten Geistlichen bewegte sich Abt Iarnla recht behende. Ohne auch nur einmal nach Luft zu ringen, betrat er das Gebäude und stieg die Treppen hinauf, die in die oberen Stockwerke führten. Bruder Lugna eilte ihm hinterher. Am anderen Ende des Korridors im Obergeschoss befand sich eine Tür zu dem cubiculum, dem Schlafraum, den Bruder Donnchad bewohnte. Abt Iarnla blieb davor stehen, klopfte aber nicht an, wie man es erwartet hätte. Er griff zur Klinke und drückte sie nieder, doch die Tür öffnete sich nicht. Sie war verschlossen.

Gereizt trat der Abt einen Schritt zurück und hob die Faust; dreimal schlug er heftig gegen die dunkle Türfüllung.

»Öffne, Bruder Donnchad! Ich bin es, Abt Iarnla.«

Er wartete einige Augenblicke, doch drinnen regte sich niemand.

Hinter ihm hüstelte Bruder Lugna nervös. »Wie ich dir gesagt habe, dieses ungehörige Benehmen legt er permanent an den Tag. Er antwortet einfach nicht auf unsere inständigen Bitten, uns zu öffnen.«

Der Abt schnaubte erbost, hob erneut die Faust und hämmerte gegen die Tür. Dann hielt er inne und rief laut: »Dein Abt steht draußen, Bruder Donnchad. Er gebietet dir, ihm deine Tür zu öffnen.«

Wiederum blieb eine Antwort aus. Der Abt schaute grimmig drein, und hellrote Flecken auf seinen Wangen deuteten an, dass er sich verhöhnt fühlte.

»Bruder Donnchad, wenn du nicht öffnest, lasse ich die Tür aufbrechen.«

Da das Schweigen andauerte, wandte sich der Abt Bruder Lugna zu. »Hol Bruder Giolla-na-Naomh her.«

Der Verwalter hastete fort, um den Schmied der Abtei zu holen, während der Abt ungeduldig wartete.

»Brich die Tür auf!«, befahl der Klosterherr ohne jede weitere Erklärung, sobald der Schmied erschien.

Bruder Giolla-na-Naomh war ein großer muskulöser Mann, dessen Statur zu seinem Beruf passte. Seine kräftige Gestalt und seine Bereitwilligkeit, körperlich schwere Arbeit zu leisten, hatten ihm bald seinen Namen »Diener der Heiligen« eingebracht. Wie er wirklich hieß, wusste niemand mehr. Der Schmied stellte keine Fragen, sondern blickte nur prüfend auf die Tür. Er bedeutete den anderen, ihm Platz zu machen, drehte sich mit dem Rücken zur Tür, suchte sicheren Stand auf dem linken Bein und schlug mit aller Kraft nach hinten aus. Mit dem rechten Fuß traf er genau das Schloss. Das Holz splitterte, und die Tür schwang nach innen auf. Das schmiedeeiserne Schloss hing noch einen Moment im Türpfosten und fiel dann laut scheppernd zu Boden.

»Du kannst gehen«, sagte Abt Iarnla zu dem Schmied, während er über die Schwelle trat. »Bruder Donnchad, ich habe dich gewarnt …« Doch im gleichen Moment verstummte der Abt. Sein Verwalter drängte sich hinter ihn und schaute ihm über die Schulter.

Ein Fenster ließ genügend Licht in den Schlafraum fallen, sodass sie das cubiculum überblicken konnten. Der Bewohner des Raums ruhte auf einer hölzernen Bettstatt. Wie im Schlaf lag er dort, unbeweglich und still.

Bruder Lugna schob sich an dem wie versteinert dastehenden Abt vorbei zum Bett, beugte sich hinunter und berührte das Gesicht des Liegenden. Hastig zog er die Hand zurück, als hätte er sich verbrüht, drehte sich zum Abt um und sagte tonlos: »Bruder Donnchad ist tot.«

»Attende Domine, et miserere …«, stimmte der Abt leise die Bitte um Gottes Erbarmen an.

Es wunderte ihn, dass Bruder Lugna den Toten auf die Seite drehte, sodass sein Rücken sichtbar wurde. Ein paar Augenblicke starrte der Verwalter darauf und ließ danach den Leichnam in seine ursprüngliche Lage gleiten.

Der Abt unterbrach sein Gebet und fragte: »Wonach suchst du, Bruder Lugna? Glaubst du, er hat sich selbst das Leben genommen?«

Der Verwalter richtete sich auf. Alle Farbe war ihm aus dem bleichen Gesicht gewichen, und er wirkte verstört.

»Er und sich selbst umgebracht? Es ist wohl kaum einer imstande, sich selbst ein Mordwerkzeug zweimal in den Rücken zu stoßen, danach ins Bett zu klettern und sich niederzulegen«, war die trockene Antwort.

Auch das rötliche Gesicht des Abts wurde leichenblass. Er schlug das Zeichen des Kreuzes.

»… lux perpetua luceat eis, qui erant in poenis tenebrarum …«, begann er zu murmeln, »… lass das ewige Licht denen scheinen, die in der Pein der Finsternis waren.«

KAPITEL 2

»Läuft es darauf hinaus, dass du dem Glauben entsagen willst, Fidelma?« Ségdae, Abt von Imleach, war aufgebracht.

Fidelma stand vor dem Abt in jenem Privatgemach, das immer, wenn er zu Besuch im Palast von Cashel weilte, für ihn zur Verfügung stand. Aufgrund seines kirchlichen Amts als Oberster Bischof von Muman wurde Ségdae stets mit gebührendem Respekt behandelt, wenn er seinen König aufsuchte.

»Ich entsage nicht dem Glauben, ich will nur mein Leben als Nonne aufgeben«, erwiderte Fidelma in aller Ruhe.

Abt Ségdae betrachtete sie mit Argwohn. »Ich kann das nicht gutheißen. Ich weiß, du hast seit Jahren Bedenken …«

Sie hob eine Hand, um ihn unterbrechen zu dürfen, und er gewährte es ihr.

»Damals, als ich an der Hohen Schule von Brehon Morann Recht studierte, was meine Leidenschaft ist, war mein Bruder nicht König von Muman, und ich war auf Unterstützung angewiesen, solange ich mir nicht einen Ruf als Anwältin, als dálaigh bei Gericht, erworben hatte. Mein Vetter, Abt Laisran von Darú, hatte mir geraten, in das Kloster der heiligen Brigid in Cill Dara einzutreten, die brauchten jemand mit Rechtskenntnissen. Vor ein paar Jahren schon habe ich mir den Staub des frommen Hauses von den Sandalen geschüttelt, die Gründe sind dir sehr wohl bekannt.«

Abt Ségdae zuckte mit den Schultern.

»Ein fauler Apfel bedeutet nicht gleich, dass die ganze Ernte schlecht ist«, bemerkte er.

Über Fidelmas Gesicht huschte ein Lächeln, aber wirklich spaßig war ihr nicht zumute.

»So gesehen gibt es reichlich viele faule Äpfel um uns herum, denn in den letzten sieben Jahren oder so, in denen ich mich in der Rechtsprechung übe, sind mir mehr davon untergekommen, als ich aufzählen kann, selbst im Palast des Heiligen Vaters in Rom. Seit ich von Cill Dara fort bin, habe ich mich hier am Hof meines Bruders in Cashel aufgehalten, habe ihm und seinem Königreich und selbst dem Hochkönig gedient, so gut es in meinen Kräften stand, wenn mein Können gefragt war. Die Kirche bedarf meiner kaum, um den Glauben zu stärken. Recht und Gesetz hingegen könnte ich weit dienlicher sein.«

»Was schlägst du also vor?«

»Nach all den Jahren, in denen ich nicht mehr wirklich eine Schwester der Gemeinschaft war, möchte ich nicht länger als Nonne gelten, weder dem Namen nach noch in praxi. Es war für mich nur eine Sicherheitsgarantie in einer unsicheren Welt. Jetzt braucht mich eher mein Bruder, damit ich ihm mit Rat und Tat zur Seite stehe und wir gemeinsam Rechtsfragen, die im Königreich auftauchen, klären.«

Der Abt runzelte die Stirn. »Ich nehme zur Kenntnis, was du sagst, Fidelma. Ich nehme es zur Kenntnis, und es beunruhigt mich. Hat das Ganze etwas mit Bruder Eadulf zu tun?«

Fidelma errötete. »Mit Eadulf? Wie kommst du darauf?« Es klang abwehrend.

Der Abt lehnte sich zurück und sah sie eindringlich an.

»Es ist niemandem entgangen, Fidelma, dass ihr beide seit eurer Rückkehr vom Konzil zu Autun und seit den Schwierigkeiten, mit denen ihr es nach der Abreise vom Hafen von Naoned zu tun hattet, getrennt lebt. Was ist der Grund?«

»Es ist …, es sind rein persönliche Gründe«, wich sie aus.

Der Abt schüttelte betrübt den Kopf. »Alles, was das Wohlbefinden der Schwester des Königs betrifft, was sie dazu bringt, sich von der frommen Schwesternschaft zu lösen, darf mich als oberster geistlicher Ratgeber des Königs nicht unberührt lassen.«

»Meine Entscheidung hat nichts mit Eadulf zu tun.« Verärgert blieb sie bei ihrer Aussage. »Ich hatte in Cashel zu tun, und Eadulf wollte eine gewisse Zeit in der Bruderschaft des heiligen Ruan nördlich von hier verbringen, um in Ruhe einiges zu durchdenken. Das ist alles.«

»Wirklich alles?«

»Was sollte sonst sein?«, fragte sie gereizt.

Abt Ségdaes Stimme klang besorgt. »Das versuche ich gerade herauszufinden, mein Kind. Kaum, dass ihr beide nach Cashel zurückgekehrt wart, ging Eadulf in die Abtei des heiligen Ruan und du bliebst hier bei eurem Sohn Alchú …«

»Ist an meinem Verlangen, bei meinem Sohn zu sein, etwas falsch?«, fragte sie ungehalten.

Der Abt ignorierte ihren heftigen Ton und blieb gelassen. »Dann suchst du mich auf und eröffnest mir, dass du nach all den vielen Jahren aus der Gemeinschaft des Klosters auszutreten wünschst. Wenn ich da denke, dass die Dinge etwas miteinander zu tun haben, darfst du mir das nicht verübeln.«

Beklommenes Schweigen war die Folge.

»Wir kennen uns beide lange genug, Fidelma«, begann der Abt erneut. »Dir ist ein scharfer Verstand gegeben, und deine Fähigkeit, Dinge zu hinterfragen, kommt dir als Anwältin sehr zugute. In deinem Beruf bist du so manches Mal gezwungen, Grundlehren des Glaubens in Zweifel zu ziehen. Der Glaube aber lässt sich nicht immer so ergründen, dass du eine rationale Antwort erhältst – das eben macht den Glauben aus, er ist keine Wissenschaft, nicht etwas, das durch Beweise erhärtet werden kann, so, wie es deine Gesetzesbücher verlangen oder der logische Sachverstand.«

Er sah, wie Fidelma die Lippen störrisch zusammenpresste.

»Ich habe dir gesagt, dass ich zum Glauben stehe«, entgegnete sie leise. »Ich stelle den Glauben nicht in Frage.«

»Hast du mit deinem Bruder, dem König, darüber gesprochen?«

»Ich habe es getan, ja. Ich habe Colgú, meinem Bruder, als Rechtsberaterin gedient, habe auch dir und anderen Äbten gedient, wenn bei Konventen der Kirche Rat verlangt wurde. Colgú verlässt sich immer mehr auf mich und meine Überlegungen. Es ist allgemein bekannt, dass Baithen, der Oberste Brehon von Muman, an der Auszehrung leidet und den Wunsch geäußert hat, sich aus der beruflichen Verantwortung zurückziehen zu dürfen.«

In Abt Ségdaes Augen widerspiegelte sich Erstaunen.

»Du strebst danach, Oberster Brehon in deines Bruders Königreich zu werden?«

»Danach streben ist das eine«, erwiderte sie unverblümt und streckte das Kinn leicht vor. »Ich glaube sogar, dass der Rat der Brehons mir in meinem Streben nach besagtem Amt gewogen ist.«

»Baithen hatte den Rang eines ollamh, den höchstmöglichen Rang in der Rechtsprechung. Du aber …«

»Ich habe den Rang eines anruth, den zweithöchsten nach dem ollamh. Das hat selbst dem Hochkönig genügt, wenn es darum ging, mich in rechtlichen Fragen zu konsultieren, und den Gebietskönigen sowieso.«

»Es ging mir beileibe nicht um mangelnde Anerkennung, meine Tochter«, erwiderte Ségdae. »Es ist nur, dass es im Rat der Brehons von Muman manch andere gibt, die über den Rang eines ollamh verfügen. Was würden die denken, wenn man sie übergeht und dein Bruder dich in das Amt beruft? Würde es nicht heißen – ah, sie ist die Schwester des Königs, und uns übergeht man einfach. Würde man mit einer solchen Entscheidung nicht Zwietracht im Königreich säen?«

Herausfordernd blickte Fidelma ihn an. »Wenn meinem Bruder die Ernennung gefällt, sehe ich nicht, weshalb sich sein Volk dagegen stellen sollte.«

Abermals wiegte der Abt nachdenklich sein Haupt. »Manchmal setzt du mich in Erstaunen, meine Tochter.«

»Ich bin gekommen, um dir meine Absicht mitzuteilen, den Dienst im Kloster aufzugeben und in Zukunft nur noch Anwältin zu sein, ohne andere Interessen im Hinterkopf haben zu müssen. Ich frage dich als Obersten Bischof des Königreiches, habe ich deinen Segen oder nicht?«

»So einfach ist das nicht«, erwiderte der Abt entschieden. »Ich muss mich diesbezüglich beraten; ich muss mit deinem Bruder, dem König, reden. Um ehrlich zu sein, ich bin mir nicht sicher, ob ich von dem Sachverhalt in seiner Gänze unterrichtet bin.«

»Ich habe nichts Unwahres gesagt.«

»Ich habe nicht gemeint, dass du mir etwas Unwahres gesagt hättest, sondern nur, dass du mir etwas vorenthalten hast, das mir möglicherweise geholfen hätte, deine Überlegungen besser zu verstehen. Vielleicht gestehst du dir das selbst nicht ein.«

Sie schniefte verächtlich. »Das, was für meine Entscheidung wesentlich ist, habe ich dir nicht verheimlicht, und wenn dir das nicht genügt, kann ich es nicht ändern. Mit deinem gütigen Einverständnis gehe ich jetzt, Ségdae, aber lass mich das eine festhalten – ich habe dich von dem, was ich zu tun gedenke, in Kenntnis gesetzt, und ganz gleich, ob ich deinen Segen habe oder nicht, ich lasse mich davon nicht abbringen.«

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verließ das Gemach.

Abt Ségdae saß etliche Augenblicke regungslos da und starrte auf die Tür, die sie hinter sich zugeschlagen hatte. Dann seufzte er tief.

»Hast du das gehört?«, fragte er leise.

Der Vorhang, der über der türähnlichen Absperrung hing und das Gästezimmer vom Schlafbereich trennte, wurde zur Seite gezogen.

Der Verwalter des Abts kam zum Vorschein. Bruder Madagan war ein großer Mann mit hageren, ernsten Gesichtszügen und dunklen, grüblerischen, tiefliegenden Augen.

»Ja.«

»Und was sagst du dazu?«

»Es widerstrebt mir, einen freilebenden Vogel in einen Käfig zu sperren.«

Der Abt runzelte die Stirn, verstand dann aber, was sein Verwalter zum Ausdruck bringen wollte, und lächelte ihn an.

»Wir wissen seit vielen Jahren, dass Fidelma eine eigenständige Persönlichkeit ist. Sie lässt sich von niemandem in ihre Angelegenheiten hineinreden. Wenn sie von der Richtigkeit dessen, was sie sich vorgenommen hat, überzeugt ist, wird man nichts mehr machen können.«

»Genau so ist es.«

»Aber was, wenn sie den falschen Weg geht?«, fragte der Abt. »Haben wir nicht die Pflicht, sie von ihm abzubringen?«

»Besser, sie wählt ihn sich selbst, als dass man ihr einen Weg vorschreibt, über den sie sich ärgert und den Ärger an den Menschen auslässt, die ihn ihr aufgeschwatzt haben. Wenn es der falsche Weg ist, wird sie recht bald selbst dahinterkommen und umkehren. Wenn es aber der richtige Weg ist … Warum sollten wir sie nicht einfach ermutigen?«

»Du bist jederzeit ein guter Ratgeber, Bruder Madagan. Ich frage mich, ob sie weiß, dass die meisten aus dem Rat der Brehons für Brehon Aillín vom Stamm der Eóghanacht Glendamnach als zukünftigen Obersten Brehon plädieren.«

»Ich glaub nicht, dass sie das in ihren ehrgeizigen Plänen stört.«

Eine Weile saß Abt Ségdae gedankenverloren da. Dann verzog er das Gesicht. »Ich kann mich nicht des Gefühls erwehren, dass da etwas nicht stimmt. Ich glaube, hinter ihrer Entscheidung, sich vom Kloster zu trennen, steckt mehr als der bloße Ehrgeiz, sich beruflich voll und ganz der Rechtsprechung zu widmen.«

»Meinst du, es hat mit der Trennung von Fidelma und Bruder Eadulf zu tun?«

Der Abt veränderte seine Sitzposition.

»Manchmal denke ich, dass diese esoterischen Theologen vielleicht recht haben, wenn sie uns weismachen wollen, dass für die, die ihr Leben ganz Gott weihen, das Zölibat das Beste ist. Manchmal führen enge Bindungen innerhalb der Gemeinschaft zu Komplikationen.«

»Fidelma und Eadulf haben doch aber nicht nur ihre Liebe und Zuneigung füreinander über Jahre hinweg bewiesen, sondern auch gemeinsam an der Aufklärung vieler mysteriöser Vorgänge gearbeitet. Ich erinnere dich nur daran, wie sie mir geholfen haben, als Bruder Mochta und die Reliquien des heiligen Ailbe verschwunden waren und …«

»Niemand verdankt Fidelma und Eadulf mehr als ich selbst«, fiel Abt Ségdae ihm mit Nachdruck ins Wort. »Ich bin mir sehr wohl bewusst, wie sehr ich in ihrer Schuld stehe. Und gerade aus diesem Gefühl heraus mache ich mir Sorgen. Wenn es zwischen den beiden zu irgendwelchen Problemen gekommen ist, und einiges in Fidelmas Erklärung hier spricht dafür, dann muss ich alles mir Mögliche tun, um ihnen zu helfen.«

»Und was schwebt dir vor?«

»Ich werde mich noch einmal mit dem König beraten. Von Abt Iarna in Lios Mór haben uns beunruhigende Nachrichten erreicht, vielleicht bieten die sich als eine Wende an.« Er hielt inne und schmunzelte dann erleichtert vor sich hin. »Doch, genau das werde ich tun.«

 

Colgú, König von Muman, dem größten und im äußersten Südwesten gelegenen der fünf Königreiche von Éireann, fuhr sich mit einer Hand durch das üppige rote Haar und schaute seine Schwester sorgenvoll an.

»Eins verstehe ich nicht«, meinte er. »Abt Ségdae ist im Recht, wenn er von dir eine Erklärung verlangt, weshalb du die klösterliche Gemeinschaft verlassen willst.«

»Und ich habe ihm geantwortet«, hielt sie dagegen. Erregt war sie vor ihrem Bruder, der in seinem Privatgemach saß, auf und ab gegangen und blieb jetzt stehen. »Er sollte sich mit dem, was ich gesagt habe, zufriedengeben und sich nicht um meine Privatangelegenheiten kümmern.«

»Du hast ihm deine Gründe genannt, aber du musst auch verstehen, dass du und Eadulf seit eurer Rückkehr von den Bretonen Anlass zur allgemeinen Verwunderung gebt.« Fidelmas Lippen wurden dünn wie ein Strich, und ihre Augen funkelten wütend. Der König wartete erst nicht, bis der Sturm losbrach, sondern fuhr fort: »Du weißt, dass es so ist, und es ist nur allzu verständlich, dass man herumdeutelt, weshalb du gerade jetzt zu diesem Entschluss gekommen bist.«

Ein, zwei Augenblicke konnte man den Eindruck haben, Fidelma würde sich in ihrem Zorn nicht bezähmen. Doch dann ließ sie sich mit einem Stoßseufzer in einen Armsessel gegenüber ihrem Bruder sinken.

»Es hat nichts damit zu tun«, sagte sie ruhig. »Zumindest nicht unmittelbar.«

Colgú mochte seine hitzköpfige Schwester sehr, und ihre augenscheinliche Trennung von Eadulf hatte ihn in den letzten zwei Wochen zunehmend beunruhigt. Er hatte für den Angelsachsen aus Seaxmund’s Ham längst eine tiefe Zuneigung gefasst, und es stimmte ihn traurig, mit ansehen zu müssen, dass die Beziehung zwischen seiner Schwester und Eadulf offensichtlich einen Riss bekam.

»Magst du mir sagen, wo das Problem liegt?«, fragte er leise.

Sie bewegte eine Schulter, eine Andeutung von Achselzucken, schwieg aber.

»Seit unsere Eltern tot sind, du warst damals noch klein, hast du mir immer deine Sorgen und Nöte anvertraut«, redete er ihr zu.

»Was mich betrifft …«, fing sie unwirsch an. Sie hielt inne, rang mit sich und sprach in gemäßigtem Ton weiter. »Wenn du es unbedingt wissen musst, Eadulf beschäftigt das Problem, wie er sein Leben als Mönch in Zukunft gestaltet. Er hat viele Lehren von Rom verinnerlicht, und nach unserer Rückkehr schwebte ihm vor, einer Gemeinschaft beizutreten und dort zu bleiben. Er wollte nicht auf die Dauer in meine Klärung von Rechtsfragen mit eingebunden sein. Er wollte, dass wir zur Ruhe kommen und Klein-Alchú im christlichen Geist aufziehen.«

Colgú nickte nachdenklich. »Hat er sich dafür entschieden?«

»Du weißt, er ist ein heller Kopf, aber er macht sich was vor. Er will nicht wahrhaben, dass er für ein Leben in weltferner Versenkung und Frömmigkeit nicht geeignet ist. Diesbezüglich ist er starrköpfig. Ein Leben solcher Art wird ihm bald über – das weiß ich genau.«

»Und wegen dieser Meinungsverschiedenheiten zwischen euch hat er dich verlassen und sich zur Klostergemeinschaft des heiligen Rúan hingezogen gefühlt?«

»Ein Wort gab das andere«, gestand Fidelma. »Dann hab ich ihm gesagt, er solle gehen. Besser, er kommt bald selbst dahinter, als missgestimmt weiterzumachen wie bisher.«

Ihr Bruder verzog spöttisch das Gesicht.

»Du hast ihm gesagt, er solle gehen? Einem Mann wie Eadulf sagen, was er zu tun habe?«, murmelte er vor sich hin.

»Du weißt genauso gut wie ich, dass es unser Vetter Laisran war, der mich seinerzeit überredete, Nonne zu werden«, erinnerte ihn Fidelma. »Ich bin nicht gewillt, mich der Aufgabe zu verschreiben, den Glauben zu verbreiten, ich möchte eher um Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit im Sinne des Gesetzes ringen, um den Willen, danach zu leben. Was mich betrifft, so stehen Recht und Ordnung an erster Stelle, der Glaube an zweiter. Deshalb habe ich mich entschlossen, den Schleier wieder abzulegen und mich voll und ganz den Pflichten eines Brehon zu widmen.«

Ihr Bruder schmunzelte. »In der Erwartung, dass ich dich, wenn der Rat nächste Woche zusammenkommt, zum Obersten Brehon ernenne?«

Zornesröte stieg ihr ins Gesicht.

»Ich werde mich hüten, dich dahingehend zu beeinflussen. Du weißt, welche Arbeit ich geleistet habe; der Ruf, den ich mir erworben habe, ist mein bester Anwalt.«

»Und was hat Eadulf dazu gemeint?«

»Wie schon gesagt, er wollte, dass ich davon ablasse und mich mit ihm in die Abtei des heiligen Rúan zurückziehe. Ich habe ihm deutlich zu verstehen gegeben, wenn es ihm nur darum ginge, dann müsste er alleine gehen. Er müsste meine Wünsche respektieren.«

»Und Eadulfs Wünsche? Müssen die nicht respektiert werden?«

»Das ist nicht das Gleiche.«

»Nicht das Gleiche?«, fragte Colgú betroffen.

»Seit Erreichung des Wahlalters, des amsir togú, ist Recht das Einzige, was mich wirklich interessiert. Deshalb habe ich alles daran gesetzt, dass mir unsere Pflegeeltern erlaubten, an der Hohen Schule von Brehon Morann zu studieren. Vielleicht, wenn ich nicht auf unseren Vetter, Abt Laisran, gehört hätte …«

»Wenn, Fidelma? Was dann?« Ihr Bruder konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. »Du bist die Letzte, die mit dem ›Wenn‹-Spiel anfangen darf. Hast du nicht früher immer gesagt, mit einem ›Wenn‹ könntest du Tara und den ganzen Palast des Hochkönigs in einer Flasche unterbringen?«

Fidelma stand der Sinn nicht nach Humor; sie winkte ab.

»Es ändert nichts an der Lage der Dinge. Ich möchte mich mit Leib und Seele für die Rechtspflege einsetzen. Es ist ein Gebiet, das mich seit meiner Kindheit beschäftigt, das ich studiert habe und auf dem ich meine Fähigkeiten bewiesen habe. Es bleibt dabei, ich trenne mich von dem Kloster, egal, ob mit oder ohne Abt Ségdaes Segen.«

»Und egal, ob mit oder ohne Einverständnis deines Mannes?«

Fidelma blickte ihren Bruder fest an, ihre Augen blitzten bedrohlich. »Wenn es nicht anders geht, dann auch ohne sein Einverständnis.«

Beide schwiegen. Colgú erhob sich zögernd und ging hinüber zum Feuer, verharrte dort und schaute in die Flammen, mit einer Hand am Steinsims abgestützt. Schließlich wandte er sich halb über die Schulter hinweg Fidelma zu.

»Also gut. Ich will dir nicht vorenthalten, dass ich die Sache mit Abt Ségdae besprochen habe. Du bist eine viel zu gute Anwältin, als dass man dein Talent brachliegen lassen dürfte. Das bedeutet aber nicht, dass ich dein Streben, Oberster Brehon zu werden, besonders unterstützen werde. Ich werde mich neutral verhalten. Der Rat der Brehons mag die Entscheidung fällen.«

Fidelma strahlte ihn an. »Ich stelle mich dem, der Rat wird gewiss richtig entscheiden.«

Colgú krauste streng die Stirn. »Seine Entscheidung bleibt abzuwarten, aber sie gilt. Derweil gibt es leider Wichtigeres zu bedenken.«

Fidelma war bereits auf dem Weg zur Tür; sie blieb stehen und schaute erwartungsvoll zurück.

»Es existiert da eine Bedingung, auf die Abt Ségdae und ich uns geeinigt haben und die mit dir zu tun hat.«

»Eine Bedingung?« Fidelma kam wieder in die Mitte des Raums und blickte ihren Bruder argwöhnisch an.

»Dir ist die Abtei von Lios Mór wohlbekannt.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

»Selbstverständlich. Ich habe in der Abtei in unerheblichen Fragen Gericht gehalten, als Bruder Cathal in Abwesenheit von Abt Iarnla dem Haus vorstand.«

»Du kennst aber Abt Iarnla?«

»Ja, wenn auch nicht allzu gut. Ich bin ihm nur kurz begegnet.«

»Heute früh haben Abt Ségdae und ich einen Boten von ihm empfangen. Er bittet um Hilfe.«

Fidelma zog eine Augenbraue in die Höhe. »Worum geht es?«

»Du wirst dich erinnern, dass du vor ein paar Jahren über Anwürfe befunden hast, die gegen Bruder Cathal und Bruder Donnchad von Lios Mór erhoben wurden.«

»Ja. Maolachtair, der Stammesfürst der Déisi, sah in jeder Ecke eine Verschwörung. Doch er war alt, wenngleich es niemand wagte, ihn laut für nicht zurechnungsfähig zu erklären. Er beschuldigte Cathal und seinen Bruder der Verschwörung, ihn stürzen zu wollen. Cathal und sein Blutsbruder Donnchad entstammten einer Adelsfamilie der Déisi. Ich riet ihnen, auf Pilgerreise zu gehen und zu günstigeren Zeiten zurückzukehren. Sie zogen ins Heilige Land, und während ihrer Abwesenheit starb Maolachtair. Ich kann mich gut erinnern. Donnchad soll seit Anfang des Sommers wieder in der Abtei sein, während Cathal sich wohl entschieden hat, in einer Stadt südlich von Rom zu bleiben.«

»Genau so ist es. Bruder Donnchad ist nach Lios Mór zurückgekehrt.«

»Und worin besteht Abt Iarnlas Problem?«

»Man hat Bruder Donnchad gestern tot in seiner Zelle gefunden. Mit zwei Dolchstichen im Rücken. Er lag auf seinem Bett, als ruhte er, die Tür jedoch war von innen verschlossen. Die Abtei ist in Aufruhr.«

Die Nachricht machte Fidelma betroffen.

»Ségdae und ich haben eine Botschaft gesandt«, fuhr Colgú fort, »in der wir zusichern, dass du dich morgen auf den Weg nach Lios Mór machst.«

Fidelma konnte ihre Erregung nicht verbergen. In den letzten Wochen hatte sie nichts gefunden, das ihren Geist hätte herausfordern können, und sie hatte sich ziemlich gelangweilt. Zwar stieß es ihr schuldbewusst auf, dass sie ihr tägliches Spielen mit Alchú als nichtig abtat, doch im Wesentlichen kümmerte sich ja Muirgen um das Kind. Fidelma war ausgeritten, war gelegentlich schwimmen gegangen, aber sie musste sich eingestehen, dass das alles ohne Eadulf wenig Spaß machte. Sie hatte sogar Brehon Baithen gefragt, ob es irgendwelche Gerichtsverfahren gab, die sie übernehmen konnte. Bei der Gelegenheit hatte sie erfahren, dass Colgús Oberster Brehon krank war und sein Amt aufzugeben gedachte. Das bedeutete, dass der König und sein Rat der Brehons in achtzehn Tagen zusammentreffen würden, um eine Entscheidung über den Nachfolger zu fällen, und Fidelma war entschlossen, selbst für dieses Amt zu kandidieren. Kein Wunder, dass sie jetzt ganz erpicht darauf war, mit einer Untersuchung von größerer Tragweite betraut zu werden, denn gelang ihr die Klärung des Falles, konnte das ihren Ruf nur festigen.

»Ich danke dir, Bruder, dass deine Wahl auf mich gefallen ist«, sagte sie mit einem glücklichen Lächeln.

»Es war, ehrlich gesagt, nicht meine Wahl«, gab Colgú zu. »Abt Iarnla hat ausdrücklich um deinen Beistand gebeten«, erklärte er verdrießlich. »Er erinnerte sich deiner und dass du das Problem mit Maolochtair zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst hattest.«

»Trotzdem freue ich mich«, erwiderte Fidelma keineswegs entmutigt.

»Lass uns über die Bedingung sprechen, die Ségdae und ich dir stellen, ehe du die Aufgabe übernimmst. Als wir Abt Iarnla dein Kommen zusagten, gingen wir davon aus, dass du mit der Bedingung einverstanden sein würdest.«

»Bedingung? Meine Kandidatur für den Rat der Brehons ziehe ich auf keinen Fall zurück«, erklärte sie entschieden.

»Das habe ich auch nicht erwartet. Die Bedingung ist, dass dich jemand auf dieser Mission begleitet.«

Ihr Gesichtsausdruck verdunkelte sich zusehends.

»Nach all der Zeit vertraust du nicht meiner Erfahrung?«, fragte sie in scharfem Ton.

»Im Gegenteil, deiner Erfahrung vertraue ich sehr wohl. Es sind deine Gefühlsaufwallungen, denen ich manchmal nicht traue.«

»Wen drängst du mir für das bevorstehende Unternehmen auf?«, fragte sie aufgebracht.

»Jemand, mit dem du in der Vergangenheit gut zusammengearbeitet hast und dem mein Königreich verpflichtet ist. Ich habe Bruder Eadulf gebeten, herzukommen. Er wird noch heute Nachmittag hier sein.«

Stumm stand Fidelma vor ihrem Bruder. Colgú beobachtete, wie sich die auf sie einstürmenden Gefühle auf ihrem Gesicht abzeichneten, ehe die Beherrschung Oberhand gewann.

»Ich hätte nie gedacht, dass du als Kuppler fungierst«, stellte sie ironisch fest.

»Das tue ich auch nicht, Schwester«, erwiderte Colgú und setzte sich wieder. »Ich dachte nur, in einer Angelegenheit wie dieser, in der die Gemeinschaft von Lios Mór von dunklen, übernatürlichen Kräften spricht, müsste ich die in meinen Augen Geeignetsten hinschicken, um eine rasche Klärung herbeizuführen. Willst du leugnen, dass du und Eadulf in der Vergangenheit gemeinsam und mit Erfolg an der Lösung ähnlicher Probleme gearbeitet habt?«

»Das streite ich nicht ab. Aber offensichtlich willst du nicht wahrhaben, was ich dir über Eadulf gesagt habe.«

»O doch, ich habe es sehr wohl verstanden, Fidelma.«

»Er wird nicht darauf eingehen«, erklärte sie entschieden. »Er wird nicht kommen.«

»In dem Falle bist du von der Bedingung entbunden und kannst dich allein auf den Weg machen.«

Fidelma zögerte. Die Worte ihres Bruders klangen, als zweifelte er nicht im Geringsten an Eadulfs Erscheinen.

»Wir werden ja sehen.«

Später, als sie allein in ihrem Zimmer war, ließ sich Fidelma alles noch einmal durch den Kopf gehen. Sie musste sich eingestehen, dass sie hoffte, Eadulf würde kommen. Aber er konnte sehr dickköpfig sein, und bei ihrer letzten Auseinandersetzung war sie ausgesprochen bissig zu ihm gewesen. Sinnend starrte sie in das schwelende Feuer und sah die Bilder des Abschieds vor sich. Er hatte sie als anmaßend bezeichnet, ihr vorgeworfen, es ginge ihr vorrangig um ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen, sie würde selten oder gar nicht an die Belange anderer denken. Er war sogar so weit gegangen, zu sagen, dass sie Meinungen und Auffassungen anderer nicht toleriere. Das war nun wirklich übertrieben. Sie kannte ihre eigenen Fehler.

Als Eadulf ihr Eigenliebe vorhielt und dass sie auf andere herabsah, hatte sie die Beherrschung verloren und ihm gesagt, er möge gehen. Es stimmte, dass sie Unwissenheit und falschen Stolz bei anderen nicht duldete, aber was ihren eigenen Stolz betraf … Dass sie von ihrem Wissen in Rechtsfragen überzeugt war und sich nicht scheute, andere mit ihren Kenntnissen herauszufordern, hielt sie nicht für Stolz. Dummköpfe ertrug sie nur schwer, und sie ließ sie es spüren. Das war kein Hochmut. Ungerechtfertigten Stolz oder Wichtigtuerei konnte man ihr nicht nachsagen. Nur wenn sie es mit jemandem zu tun hatte, der sie nicht als ebenbürtig behandelte, sah sie sich gezwungen, ihn daran zu erinnern, dass sie den zweithöchsten Grad erworben hatte, der an Hohen Schulen des Rechtswesens vergeben wurde. Und wenn auch das nicht zu dem nötigen Respekt führte, verwies sie darauf, dass sie die Tochter und die Schwester eines Königs war. Es war ein Leichtes, von anderen an die Wand gedrückt zu werden, und sie war entschlossen, bei allem, was sie als Beschneidung ihrer Eigenständigkeit empfand, zurückzuschlagen. Sollte das wirklich anmaßend und hochmütig sein, wie Eadulf es genannt hatte?

Fidelma seufzte. Sie war sich dessen bewusst, dass sie versuchte, ihre Fehler zu rechtfertigen, und das machte sie nur noch gereizter. Gleichzeitig versuchte sie, mit ihren Gefühlen für Eadulf klarzukommen. Er war der zweite Mann, dem sie gestattet hatte, an ihrem Leben teilzuhaben. Der erste war ein junger Krieger namens Cian gewesen, der ihre Sinne als Mädchen geweckt und sie dann brutal wegen einer anderen sitzengelassen hatte. Sie war gerade erst achtzehn gewesen, als sie den hübschen Krieger aus der Leibgarde des Hochkönigs, der Fianna, kennenlernte. Cians Werben um sie war oberflächlich geblieben und hatte in ihr einen Aufruhr sich widerstreitender Gefühle bewirkt. Lange hatte die Erinnerung an Cian sie verfolgt, bis sie ihm auf einem Schiff mit Pilgern wieder begegnete, und erst die Geschehnisse dort hatten sie die Torheit des bittersüßen Schmerzes dieses Liebeserlebnisses in jungen Jahren erkennen lassen.

Und Eadulf? Eadulf war völlig anders als Cian. Als sie ihn das erste Mal erlebte, das war auf der großen Synode gewesen, die König Oswy in Streoneshalh anberaumt hatte, mochte sie ihn nicht, aber als die Ratsversammlung zu Ende ging, musste sie sich zögernd eingestehen, dass er ihr ein Freund geworden war. Es dauerte lange, bis sie begriff, dass Partnerschaft in der Ehe sich auch auf Freundschaft gründen konnte. Selbst dann war sie noch auf der Hut gewesen, hatte erst auf das Jahr und den Tag einer Probeehe bestanden, wie es bei ihren Leuten Sitte war. Sie war gemäß dem Gesetz des Cáin Lánanmus Eadulfs ben charrthach gewesen, und gemeinsam konnten sie sehen, wie sich ihr Zusammenleben gestaltete. Sie schätzte seine Intelligenz; hatte er doch einmal sogar die Verteidigung vor Gericht für sie übernommen, als man sie des Mordes beschuldigt und er ihre Schuldlosigkeit nachgewiesen hatte. Sie vertraute ihm. Gemeinsam hatten sie vieles durchgestanden. Es schmerzte sie, als er nicht verstehen wollte, wie viel ihr der Beruf und die Rechtsprechung bedeuteten, und aus ihrem Verletztsein heraus hatte sie auf seinen Vorschlag, sich aus Cashel zurückzuziehen, sich einer frommen Gemeinschaft anzuschließen und sich nur in religiöse Gedankengänge zu vertiefen, sehr heftig reagiert.

Bekümmert wiegte sie sich hin und her.

Und dann war da noch ihr gemeinsamer Sohn, der kleine Alchú. Sie dachte an das, was sie damals nach seiner Geburt vor gut drei Jahren empfunden hatte, und fühlte sich schuldig. Sie hatte sich anfangs innerlich gegen die Geburt ihres Sohnes gewehrt. Sie hatte sich durch das Kind in ihrem Wirken eingeengt gefühlt und sich nicht an die neue Art von Verantwortung gewöhnen wollen. Als man sie dann gebeten hatte, in der großen Abtei von Finnbarr eine Serie von Morden aufzuklären, hatte sie sich wundervoll frei gefühlt, doch kaum kehrte sie nach Cashel zurück, schlug das um in Depression. Sie liebte ihr Kind, bekannte sich leidenschaftlich zu ihm. Zu leidenschaftlich? Nach seiner Geburt hatte sie sich mit allen möglichen selbstzerstörerischen Gedanken herumschlagen müssen. Das war sogar so weit gegangen, dass sie in Frage stellte, ob sie reif für eine Ehe war … mit wem auch immer.

Und Eadulf? Ihre Gedanken kehrten wieder zu ihm zurück. Sie machte sich Sorgen um ihn. Schon immer hatte sie beschäftigt, dass nach dem geltenden Recht in ihrem Land ihre Ehe nicht standesgemäß war. Fidelma stammte aus königlichem Haus, und Eadulf hatte als Fremdländischer nicht die gleichen Standesrechte. Belastete das Eadulf immer noch? Ihr war bewusst, dass sie sich ein Leben ohne Eadulfs Beistand nicht vorstellen konnte, ohne die Toleranz, mit der er ihrem unbeherrschten Temperament begegnete, das, wie sie zugeben musste, ihr größter Fehler war. Wenn sie mit sich ehrlich ins Gericht ging, so waren ihr Eadulfs Liebe, seine Freundschaft und seine Duldsamkeit eine Wohltat. Vielleicht hatte sie das alles als zu selbstverständlich hingenommen, und als er ihr vor ein paar Wochen seinen Entschluss mitgeteilt hatte, Cashel zu verlassen … ja, da war es zu einem erbitterten Wortgefecht gekommen. Nach seinem Weggang hatte sie sich seltsam isoliert und einsam gefühlt, und sie hatte versucht, dem mit ihrem entschiedenen Streben zu begegnen, sich fortan völlig den Fragen des Rechts zu verschreiben.

Sie hatte das Bedürfnis, sich bei Eadulf wegen ihrer mangelnden Beherrschung zu entschuldigen, hatte aber gleichzeitig das Gefühl, im Recht zu sein. Sie brauchte die Freiheit, ihren eigenen Weg im Leben zu gehen. Es ging ihr nicht darum, zu dominieren, sie wünschte sich eine unterstützende Partnerschaft. Würde Eadulf eine Entschuldigung als Nachgeben auffassen? Ihr Widerstreit der Gefühle machte sie vollends wirr.

Schritte vor der Tür rissen sie aus ihren Betrachtungen.

Sie wusste sofort, wer es war. Ein freudiges Lächeln umspielte ihre Lippen. Verbergen konnte sie es nicht mehr, denn schon klopfte es, und sie rief: »Komm herein, Eadulf!«

Unschlüssig blieb er auf der Schwelle stehen.

Entgegen aller Bedenken stand Fidelma auf und ging ihm mit ausgestreckten Händen entgegen.

»Du hast mir gefehlt«, sagte sie einfach.

»Du mir auch«, entgegnete er etwas linkisch, und sie fielen sich in die Arme. Sie löste sich, trat einen Schritt zurück und suchte seinen Blick.

»Zuallererst musst du wissen, dass ich Abt Ségdae um seinen Segen für meinen Austritt aus der Schwesternschaft gebeten habe.«

Sein Gesicht blieb reglos, und er schwieg einen Moment.

»Mir war klar, dass du das tun würdest, nachdem du dich einmal dazu entschlossen hattest. Ich vermute, du bist dir sicher, dass du es so und nicht anders möchtest.«

Sie ging zu ihrem Stuhl an der Feuerstelle zurück.

»Mach die Tür zu, Eadulf. Komm und setz dich.« Sie wartete, bis er Platz genommen hatte. »Ich bin mir sicher, ja«, sagte sie kurz und bündig. »Ich muss es einfach tun.«

»Das Ansehen einer Nonne darf man nicht so leichthin aufgeben«, stellte Eadulf bedrückt fest.

»Du weißt, dass es mich nie danach verlangt hat, eine Neubekehrte des Glaubens zu sein, zu predigen oder zu lehren und meine Tage in Abgeschiedenheit und Andacht zu verbringen. Ich bin Anwältin. Eadulf. Darin sehe ich meine Lebensaufgabe.«

»Aber Angehöriger einer klösterlichen Gemeinschaft zu sein verleiht einem Sicherheit und auch einen Rang in der Gesellschaft«, gab er zu bedenken. Der Einwurf geschah halbherzig, hatten sie doch das Thema schon viele Male diskutiert.

Ihre Augen blitzten auf. »Ich bin eine Prinzessin der Eóghanacht. Ich bin eine dálaigh an den Gerichtshöfen der fünf Königreiche. Du weißt, dass ich eines solchen Status’ längst nicht mehr bedarf.«

Eadulf nickte bedächtig. »Und sehr bald wirst du das Amt des Obersten Brehon in deines Bruders Königreich beanspruchen.«

»Wer hat dir das gesagt?«, fragte Fidelma hitzig.

Eadulf lächelte kurz, aber ohne innere Bewegung. »Wenn ich von dir etwas gelernt habe, dann, wie man eine logische Schlussfolgerung zieht. Als ich hörte, dass Brehon Baithen krank ist und dass der Rat der Brehons demnächst zusammenkommt, um über den Nachfolger zu befinden, na ja …« Er hob nur vielsagend die linke Schulter. »Hat Abt Ségdae dir seinen Segen erteilt?«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Nicht gleich. Er hat den Verdacht, mein Entschluss könnte etwas mit uns beiden zu tun haben.«

Eadulf zog die Augenbrauen zusammen. »Mit uns? Ich kann dir nicht folgen.«

»Weil wir uns vorübergehend getrennt haben, glaubt er …« Jetzt war sie es, die mit den Schultern zuckte.

»Er sucht nach Ursache und Wirkung. Das ist nur logisch.«

»Aber er trifft nicht ins Schwarze«, entgegnete Fidelma. »Wie auch immer, egal, ob ich sein Einverständnis habe oder nicht, und egal, ob ich das Amt als oberster Rechtsratgeber meines Bruders bekleiden werde oder nicht, ich sehe meine Berufung in der Rechtssprechung, und dabei bleibt es.«

»Es war töricht, zu glauben, ich könnte dich ändern«, gab Eadulf zu. »In den letzten Wochen ist mir aufgegangen, dass der Grund für die meisten Probleme in unserer Welt in dem Verlangen besteht, andere Menschen ändern zu wollen, sie zu bedrängen, sie möchten so denken wie man selbst, sich so verhalten wie man selbst. Quid existis in desertum videre … hominem mollibus vestitum?«

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