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Der Bettler, der Glück bringt

Hans Fallada

Der Bettler, der Glück bringt

Die schönsten Geschichten

Mit einem Nachwort von Birgit Vanderbeke

Impressum

Textgrundlage für die Erzählungen dieser Ausgabe:

Hans Fallada. Gute Krüseliner Wiese rechts und 55 andere Geschichten. Herausgegeben von Günter Caspar. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1. Auflage 1991.

Der vorliegende Text wurde in Interpunktion und Orthographie den Regeln der Rechtschreibreform von 2006 angepasst.

ISBN 978-3-8412-0476-9

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke der

Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung eines Fotos von ullstein bild

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

http://www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Frühe Geschichten

Der Trauring

Länge der Leidenschaft

Gauner-Geschichten

Geschichten und Geschichtchen

Bauernkäuze auf dem Finanzamt

Kubsch und seine Parzelle

Mutter lebt von ihrer Rente

Einbrecher träumt von der Zelle

Warum trägst du eine Nickeluhr?

Wie Herr Tiedemann einem das Mausen abgewöhnte

Der Gänsemord von Tütz

Ein Mensch auf der Flucht

Der Pleitekomplex

Das Groß-Stankmal

Fröhlichkeit und Traurigkeit

Frühling in Neuenhagen

Mit Metermaß und Gießkanne

Der Bettler, der Glück bringt

Wie vor dreißig Jahren

Die geistesgegenwärtige Großmutter

Schuller im Glück

Gute Krüseliner Wiese rechts

Geschichten aus der Murkelei

Geschichte von der kleinen Geschichte

Geschichte vom Mäusecken Wackelohr

Geschichte vom Unglückshuhn

Geschichte vom verkehrten Tag

Geschichte vom getreuen Igel

Geschichte vom Nuschelpeter

Geschichte vom Brüderchen

Geschichte vom goldenen Taler

Geschichte vom unheimlichen Besuch

Geschichte von der gebesserten Ratte

Geschichte von der Murkelei

Eine späte Geschichte

Der Heimkehrer

Nachwort. Von Birgit Vanderbeke

Frühe Geschichten

Der Trauring

1

Die Leute gehen aufs Feld zum Kartoffelaushacken. Es ist später Herbst, in der letzten Nacht hat es schon ein wenig gefroren. Nun bei Sonnenaufgang blinkt überall Frühreif. Obwohl sie frieren, gehen sie nur langsam, zuhinterst zottelt der Feldunterinspektor, die Hände tief in die Taschen gebohrt.

Verdrossen lauscht er auf das Geschnatter der Weiber, er hat in der letzten Nacht schlecht geschlafen, seine Schulden haben ihn wachgehalten. Alles Grübeln aber hat nichts geholfen: Diese kleine Summe, diese dreißig, vierzig Mark lassen sich nicht auftreiben, es findet sich nun einmal kein Weg. Wenn er Hofinspektor wäre! Man kann ganz gut einmal ein paar Zentner Roggen vom Boden verschwinden lassen, ohne dass einer etwas davon merkt. Aber so …, verfluchtes Leben! Er gähnt, dann spuckt er aus.

Die Kolonne ist auf dem Kartoffelschlag angelangt. Das Kraut steht schwarzbraun und nass da, der Boden ist lehmig feucht. Unterinspektor Wrede teilt jedem seine Dämme zu, natürlich gibt es wieder Streit und Gezanke unter den Weibern, er kümmert sich nicht darum, er setzt sich auf die Wagendeichsel. Die erste Hacke blinkt in der Sonne, auf dem Felde wird es stiller, die Arbeit hat begonnen. Langsam kriechen die gebeugten Gestalten am Boden hin.

Wrede will rauchen, aber er merkt, dass er seinen Tabakbeutel vergessen hat. Eine dumpfe Wut regt sich in ihm gegen dieses Leben, das so trostlos einförmig ist, dem man rettungslos verfiel, eine Wut, die nach einem Ausweg sucht. Er stürzt hinter die Leute. Wo er eine liegengebliebene Kartoffel sieht, erhebt er ein großes Geschimpf, aber das hilft nichts, die Wut wächst in ihm.

Er muss zurück zum Kastenwagen, die ersten Körbe werden ausgeschüttet, er hat Marken zu verteilen. Er stellt sich auf die Deichsel und passt auf, dass die Körbe ordentlich voll sind. Er wird der Bande schon zeigen, woher der Wind weht, keiner bekommt eine Marke, der den Korb nicht randvoll hat. Sollen die etwa vergnügt sein, wenn ihm speiübel ist? Er spuckt auf alles.

Da kommt die Uteschen. Das ist auch so ein Aas: Die denkt, weil sie jung verheiratet und hübsch ist, hat sie es nicht nötig. Ein paarmal hat er ihr heimlich Kartoffelmarken zugesteckt, aber sie soll nicht glauben, dass sie ihm deswegen auf der Nase tanzen kann. Außerdem ist sie verliebt in ihren Kerl.

Aber es lässt sich nichts sagen, der Korb ist voll. Nachdenklich sieht er den Knollen nach, die in den fast noch leeren Kasten poltern, er sieht die Frau an, die hochgereckt, die schwere Kiepe weit über dem Kopf, dasteht, und sein Auge bleibt auf der Hand haften, die, zwischen Kasten und Korbrand eingeklemmt, mit Erde beschmutzt, eine für Landarbeiterinnen zierliche Form hat.

Da blinkt zwischen den rollenden Kartoffeln etwas auf. Wrede macht eine Bewegung, will sprechen. Und steht wieder still. Die Frau hebt den leeren Korb aus dem Wagen, er gibt ihr eine Marke, sie geht.

Er steht wieder ganz still da, sein Gesicht ist seltsam heiß geworden, die Stirn zog sich zusammen – denkt er sehr über etwas nach? Plötzlich tut er einen Schrei, springt wie ein Unsinniger in den Kasten, mit beiden Füßen zwischen die Kartoffeln und brüllt: »Welches Aas schmeißt hier Steine zwischen die Kartoffeln?«

Er bückt sich, er wirft weit ins Feld hinein Knollen und Erde, seine Hände suchen fieberhaft. Die Leute lachen untereinander, halblaute Spottreden fliegen von einem zum andern: »Nun ist er ja wohl ganz mall geworden.« – »Seine Marie hat gestern Abend nicht gewollt.« – »So ein Aas, das nichts kann wie Leute schikanieren, sollte man mit der Hacke vor den Schädel hauen.«

Wrede ist wieder aus dem Kasten gestiegen. Er schreit noch einmal: »Wenn ich jemand erwische, der Steine zwischen die Kartoffeln tut, jage ich ihn vom Felde, versteht ihr das!«

Aber dies zu rufen war schon schwer. Ihm ist sehr warm, sein Herz scheint ganz voll zu sein. Er weiß gut, er muss den Vormittag weiter schimpfen, denn er darf keinen Verdacht erregen. Er muss schimpfen, obwohl er nun seine Schulden bezahlen kann.

Er kann seine Schulden bezahlen!

2

Es ist Feierabend geworden. Martha Utesch steht in der Küche und rührt ihren Schweinen warmen Schrotbrei an. Sie taucht die Arme bis zu den Ellenbogen in das warme Gemenge, um heil gebliebene Kartoffeln noch zu zerdrücken. Schmeichelnd empfindet sie die sämige Glätte des Tranks auf der Haut. Ein Gefühl von unbestimmter Leere taucht in ihr auf, das vage dämmernde Bewusstsein eines Verändertseins: Sie zieht langsam ihren rechten Arm aus dem Brei und betrachtet ihn. Völlig ist er von einer dicken Schicht weißgelben Schrots umgeben. Zögernd nimmt sie den andern Arm zur Hilfe, hebt ihn aus dem Eimer, die linke Hand streicht über die Handwurzel der rechten. Sie sieht darauf hin. Dann über den Handrücken, der sacht rosig aus dem abrinnenden Schrot auftaucht. Dann über die Fingerwurzeln … »Es ist unmöglich«, flüstert sie. Und jetzt tut sie einen Schrei. Sie wirft beide Hände gegen den Kopf, sie sieht nichts mehr, ihr Körper beugt sich nach vorn.

Der Hobel in der Werkstatt wird mit einem Ruck still. Tischler Utesch zieht die Tür auf und fragt: »Hast du gerufen, Martha?«

Sie wendet langsam, zögernd das Gesicht gegen den Mann, sie kommt von weit her, als sie sagt: »Nein. Nichts. Das Schrot war zu heiß, ich habe mich verbrannt.«

Er steht im Türrahmen und betrachtet sie. Ein Schein der Petroleumlampe lässt das Gold in ihrem Haar aufleuchten, das zarte Rosa ihres Gesichtes vertieft sich zu Rot: »Es war nichts, Willem«, wiederholt sie, steht auf, fasst die Eimer und läuft in den Stall zu den beiden Schweinen. Sie gießt den Trank in den Trog, die Schweine schlabbern und schmatzen.

Beim Buddeln muss ich ihn verloren haben, in der Erde, denkt sie. Es hat keinen Zweck, ihn zu suchen, ich bin mit den Knien darüber weggerutscht, er liegt im Boden. Was soll ich tun? Höchstens beim Nacheggen kommt er nach oben, aber wer sieht solch kleines Ding? Was soll ich tun?

Sie fasst die Eimer, wendet sich zur Tür, stellt sie wieder hin.

Willem darf nie etwas erfahren. Er glaubte nicht, dass er in der Erde liegt. Der Schäfer in Zülkenhagen hat den Ring besprochen, da war Willem von seiner Eifersucht geheilt. »Solange du den Ring trägst, gehörst du mir. Hat ein andrer ihn, gehörst du ihm. Ziehe ihn nie, auch nur im Spaß, vom Finger.« Er glaubt daran. Es ist gut, dass ihn die Erde hat, vielleicht glaubte auch ich daran.

Ihr Gesicht ist noch vertiefter geworden.

Ich muss mir einen andern machen lassen. Es wird schwer sein. Schon mit dem Geld. Und dann, weil es kein Fabrikring ist. Bis dahin …

Sie kommt in die Küche zurück. Nebenan stöhnt wieder der Kurzhobel. Sie greift das Beil und schlägt Kleinholz. Der Kurzhobel wird still. Wilhelm fragt: »Haust du jetzt Holz?«

»Alles ist nass«, sagt sie. »Dies Schlackerwetter.« Sie schlägt zu.

Wie ungeschickt ist Martha, denkt Utesch. So ungeschickt ist Martha doch sonst nicht. Schon sieht er eine Hand, die sich rötet, rötet. Alles ist Blut.

»Da habe ich mich gehauen«, sagt Martha, weiß geworden. Sie betrachtet zweifelnd, mit zitternder Lippe die Hand, die nur noch Blut ist.

Er macht einen Schritt zu ihr. »Warum haust du nach Feierabend Holz? Kann ich das nicht tun?«

»Lass! Lass!«, ruft sie und springt gegen die Kammer. »Ich verbinde mich schon.«

Dann sitzen sie beim Abendessen. Wilhelm sieht immer auf die weiß umwickelte Hand. »Mit dem Buddeln ist es nun vorbei. Schade, wir hätten das Geld brauchen können.« Nach einer Weile: »Und der Ring? Hast du ihn abgetan?«

Martha lacht. »Der sitzt! Der geht nicht runter. Der bleibt. Fühle mal!« Und sie führt seine Finger über den dicken Verband.

3

Das Ehepaar Utesch schlief. Frau Utesch wanderte durch die Räume des Traums, geheimnisvoll geführt von einem, den sie nicht sah, vor dem ihr doch angst war. Plötzlich war der Führer verschwunden, sie fühlte ihn nicht mehr, allein stand sie in einer purpurfarbenen Röte, und ihre Angst wuchs.

Plötzlich hörte sie eine Stimme schreien, wilde, ungefüge Schreie in das Nichts rufen. Zuckend zog sich die Welt zusammen. Gegen den Schein der Morgenröte blinkte die erste Hacke, das Kartoffelkraut triefte nass, auf einem Wagen tobte Wrede und schrie.

Frau Martha war wach. »Der hat den Ring! Der!«, flüsterte sie und lauschte in die Nacht, ob sie die schreiende Stimme noch höre. Alles war still. Aber die schwarze Stille schwoll und schwoll, die Stille rief und rief.

Martha Utesch stand auf, an der Tür lauschte sie noch einmal zurück zu dem schlafenden Mann, auf der schweigenden Dorfstraße stand sie, schlug den Weg zum Gute ein.

»Der hat den Ring! Der!«

Seltsamer Weg durch die Nacht, die ohne Stern ist! Die Telegrafendrähte summen, sie summen nur eine Melodie. Fährt der Wind in schon herbstlich raschelnde Blätter, rascheln sie nur die Worte: »Der hat den Ring! Der!« Einer geht vor ihr, den sie nicht sieht, der sie doch führt, vor dem ihr angst ist.

Plötzlich sieht sie den alten Zülkenhäger Schäfer. Er bespricht den Ring, er legt seine altersfleckige Hand, die gekrümmt ist, auf sie. »Diesem Ring gehört dein Leib. Bewahrst du ihn, bewahrst du dich. Gibst du ihn fort, gibst du dich fort.«

Und wieder der Wind und das Drähtesummen in der Nachtschwärze.

4

Auch Wrede schläft nicht. Er hat den Ring geputzt, er hat den Stempel untersucht, er denkt daran, wie er seinen Fund wird am besten verkaufen können. Ihn an einen Freund zu schicken wäre zu gefährlich, die Postdamen sind neugierig, alles wäre entdeckt. Und in eine Stadt fahren, selbst wenn er Urlaub bekäme, ist zu teuer.

Jedenfalls, nun hat er ihn. Er lässt das Licht der Taschenlampe aufblitzen, der rötlich gelbe Schein des Dukatengoldes erglänzt sanft, gegen den Marmor des Nachttischs schlägt er den Ring und hört mit Entzücken den weichen hellen Klang, den nur Gold hat.

Auch er beginnt zu träumen. Diese wenigen Gramm Gold im Werte von dreißig, vierzig Mark scheinen der Schlüssel zu sein zu allen Toren der Welt. Er sieht sich weit fort von hier, in Berlin fährt sein Auto vor dem besten Hotel vor, der Portier grüßt würdig, die Kellner knicken. Er steht im Hotelzimmer, hier türmt sich schon sein Gepäck, in die weiten Ledersessel ist alles Bunte von Weiberkleidern gegossen, ein Mixer bereitet Getränke, der Raum ist voll wie ein Vogelhaus von Weibergeschrei und Gelächter. Jemand klopft.

Jemand klopft …

Wrede fährt auf. Der Ring entfällt ihm, der Ring rollt, rollt, dreht sich klingend irgendwo im Dunkeln, ist still. Noch einmal ein Klang, ist still. »Wer ist denn da?« Klopfen gegen die Scheibe. »Wer ist denn da?« Nichts. Wieder Klopfen. Angst befällt ihn. Sind die Wachtmeister schon da? Mit zitternder Stimme fragt er: »Sind Sie das, Hofmeister? Ist etwas krank im Stall?«

Eine Stimme ruft verklingend: »Ich!«

Er steht lauschend. Plötzlich begreift er, er reißt das Fenster auf, er schreit: »Wer ist ich? Was ist ich? Alle sind ich. So ein Blödsinn!«

Die bebende Stimme: »Geben Sie mir meinen Ring wieder, Herr Wrede. Bitte.«

»Wer ist denn das? Ist das die Marie? Mädel lass mich schlafen. Jetzt ist nicht Mai, nicht einmal die Katzen haben jetzt Raunzzeit.«

»Bitte geben Sie mir meinen Ring wieder, Herr Wrede.«

»Aber  – nein, wahrhaftig, das ist die Martha Utesch! Na, Martha, ist denn da dein Wilhelm mit einverstanden, dass du nachts an fremde Fenster gehst?«

»Geben Sie mir meinen Ring wieder. Es wird nicht gut sonst, Herr Wrede.«

»Wenn’s denn sein muss, Martha. Hopp, ein Bein aufs Fensterbrett. Ich zieh dich hoch. Nur nicht zipp, Martha.«

Seine schweißnassen Finger tasten blind nach dem bleich geahnten Gesicht, er fühlt es, er fühlt die Wärme der Schulter, der Brust. »Komm, Martha!«

Stille. Lange Stille. Dann ganz leise: »Ich will kommen, wenn Sie mir meinen Ring wiedergeben, Herr Wrede.«

Auch er bleibt lange still. Dann polternd, mit einer Anstrengung: »Lass jetzt mit dem Quatsch nach. Entweder oder. Ich schmeiße das Fenster zu.«

»Ich gebe Ihnen fünfzig Mark für den Ring. Ich kaufe ihn Ihnen ab.«

Ganz rasch: »Hast du es da, das Geld?«

»Nur zwanzig. Das andere bringe ich nächste Woche.«

»Gib!«

»Erst den Ring.«

»Gib!«

»Hier …«

Er fühlt den Schein, er nimmt ihn. Er lacht auf: »Sone verrückten Weiber! Nun zahlen sie mir schon. Das geht über die Marie!«

Das Fenster fliegt zu. Verzweifelter Heimweg durch die Nacht.

5

Als die Nacht vergangen war, hatte sich Wrede dafür entschieden, alles nur geträumt zu haben. Fragte man ihn, er würde von nichts wissen. Er betrachtete, was ihm geschehen, sicher blieb, diese Frau war kein Aas, sondern weich. Und Butter soll man kneten. Wozu einen Ring verkaufen, den man behalten konnte? Sie sollte ihr bisschen Geld wie Wasser aus dem Leibe schwitzen!

Trotzdem beunruhigte es ihn, dass er Martha Utesch nicht auf dem Kartoffelacker sah. Warum war sie zu Haus geblieben? Hatte sie mit ihrem Mann geredet? Oder fürchtete sie sich? Gleichviel, er blieb entschlossen, seinen Griff nicht locker werden zu lassen. Kam sie nicht, ging er zu ihr, die Abende waren lang und dunkel. Das Aufblitzen ihres Ringes würde sie hinlocken, wohin er wollte.

Da horchte er auf. Auch die Buddler sprachen von Martha Utesch. Man wusste schon, warum sie fehlte. Über Nacht war sie von Haus fort gewesen, ihr Mann war erwacht, das Bett an seiner Seite fand er leer. Er hatte auf sie gewartet. Der Streit zwischen der Heimkommenden und dem Wartenden war laut geworden, hatten die in ihrem Morgenschlaf gestörten Nachbarn die Worte nicht gehört, die man gewechselt hatte, so waren sie doch nicht zu ungelenk, welche zu erfinden. Jedenfalls war sicher, dass selbst der Mann schon gemerkt hatte, dass seine Frau mit dem jungen Nagel aus dem Grunde ging. Sie hatte nicht sagen wollen, wo sie gewesen, aber das konnte selbst solch verliebten Ehekater nicht dumm machen. Hatte sich nicht der junge Nagel schon vor ihrer Hochzeit mit ihr abgegeben? Der Mann hätte sie nur ordentlich prügeln sollen, aber heute waren die Männer ja viel zu schlapp. Ordentlich Keile für eine Frau, das war grade, was sich gehörte.

Auch Wrede bedauerte, dass es nicht zu Schlägen gekommen war. Hätte der Mann doch schließlich nur für ihn seine Frau mürbe geschlagen. Je unmöglicher die Verhältnisse wurden, umso höher würde der Preis sein, der für diesen Ring zu erzielen war. Und schließlich war es noch gar nicht sicher, dass, gab man ihn wirklich her, die Frau ihn bekam. Vielleicht war der Mann der bessere Käufer. Konnte man den Ring nicht von Nagel aus dem Grunde haben? Und hatte man den Kies, so haute man in den Sack und war fort. Mochten sich die andern die Schädel zerschlagen, es war nicht schwer, sich auszurechnen, dass die meisten Schläge auf die Frau fallen würden.

Neben dem Wunsche nach Geld, nach sehr viel Geld, war es die Gier nach Rache an der jungen Frau, die Wrede immer weiter vor trieb. Er fühlte wieder die Weichheit ihrer Schulter, sie hatte gezögert, zu ihm zu kommen. Selbst der hohe Preis dieses Ringes war im ersten Augenblick ihr gering erschienen neben der Abneigung vor ihm. Und grade da er in solchem Nachtbesuch nichts Besonderes sah, war ihm diese Anstellerei empörend. Martha – was hieß Martha Utesch? War sie etwa zu gut dafür? Oder er ihr zu schlecht? Sie sollte Geld schwitzen. –

Am Abend lehnte er die Stirn gegen die erhellte Scheibe des Tischlerhauses. Er sah hinter den Gardinen einen einsamen Schatten, der bewegungslos hockte. War sie es? War sie allein? Oder war es der Tischler? Und sie schon erneut nach dem Gute unterwegs?

Eine Hand berührte seine Schulter. »Wenn Sie Utesch suchen, Herr Inspektor, der ist im Krug. Aber er ist ja wohl schon halb dun.«

Wrede fuhr zusammen. Der zu ihm sprach, war der Sattler Hinz, das Dorfradio. »Ja, ich suche Utesch, wir haben da was zu machen. Dun sagen Sie. Nun, ich will sehen, vielleicht lässt sich noch mit ihm reden. Sonst trank der Utesch doch nicht?«

Der Sattler zockelte nebenher. Die Nachtgeschichte war gewachsen, sie hatte Gestalt bekommen. Der Tischler hatte seiner Frau den Ring abreißen wollen, weil sie ihn geschändet, er war nicht von der Hand gegangen, da hatte er ihn mit dem Schnitzmesser heruntergeschnitten. Das Geschrei der Frau war fürchterlich gewesen. Sie hatte die Hand verbinden müssen. Niemand wusste, was nun kam. Zu Ende war das noch nicht.

Obwohl das Erfundene an dieser Geschichte nicht schwer zu unterscheiden war, graute Wrede doch ein wenig. Er hörte die Frau schreien. Ihre Stimme, als sie um ihren Ring bat, war zage, verhalten und klein gewesen. Nun schrie sie. Und immer der Ring. Selbst aus diesem Lügengewebe glänzte er hervor, funkelnd, neu verräterisch. Einen Augenblick überkam ihn unechtes Mitleid mit der Frau, er wollte umkehren, ihr den Ring freiwillig zurückgeben. Es blieb unausführbar, da Hinz neben ihm ging. Bis zur Schenkentür brachte ihn der Schwätzer.

6

Die Gaststube war düster und fast leer. In einem Winkel hantierte der mufflige Wirt mit einem Putzlappen an seinem Bierapparat, später verschwand er. In einer andern Ecke, über der eine trübe Lampe brannte, saß ein einsamer Gast vor einer Flasche Korn, die Stirn in die Hand gestützt, bewegungslos: Wilhelm Utesch.

Wrede trat an diesen Tisch, sagte »Guten Abend« und setzte sich. Langsam sah Utesch zu ihm hinüber, mit dem haftenden leeren Auge des Trunkenen, das schwer wie ein Tierblick ist und in das langsam nur wie ein trübes Licht Erkennen trat. »Sind Sie’s, Herr Inspektor?«, fragte er, und die übertrieben deutliche Aussprache jedes Wortes bewies die trunkene Zunge, die sich nicht verraten wollte. »Auch noch so spät unterwegs?«

»Ich war schon bei Ihnen in der Wohnung, Meister. Wollte mal hören, ob Sie morgen nicht Zeit haben, zu uns aufs Gut zu kommen. Wir haben da eine Sache.«

»Zeit? Zeit? Ich habe Zeit.« Wieder hob sich der gerötete Blick, traf die Flasche. Utesch schenkte sich umständlich ein Glas voll, sah suchend über den Tisch, machte eine gießende Bewegung mit der Flasche, hielt inne.

»Ja so, trinken Sie auch einen?«

»Ich sage nicht nein. Päplow, mir ein Glas.« Wrede nahm die Flasche, bediente sich selbst. »Na, denn Prost, dass unsre Kinder lange Hälse kriegen.« Sie tranken. Sofort schenkte Wrede wieder ein. Der Trunkene saß still, den Blick vor sich auf dem buntkarierten Tischtuch. Endlich begann er: »Also auch noch so spät unterwegs. Ja, die jungen Leute …« Er pfiff, ein kümmerliches Lächeln ging um seinen Mund. Er sprach hastig, undeutlich, über den Tisch zu dem andern gebeugt: »Das will ich Ihnen sagen, Herr Inspektor, man kann es den jungen Leuten nicht verdenken. Was hält sie? Aber wenn man erst verheiratet ist, dann sage ich: Schluss!«

Er presste die Hand zusammen, dass die Knochen knackten. Wrede meinte: »Natürlich. Arbeitspferde gehören feierabends in den Stall und nicht auf die Koppel.«

»Das ist ein Wort«, rief Utesch plötzlich lebhaft. »Das ist ein Wort wie aus der Bibel.« Er sank wieder in sich zusammen.

»Trinken wir noch einen!«

Und nachdem sie getrunken hatten, schenkte Wrede wieder voll.

Der Betrunkene flüsterte: »Aber wenn eines verheiratet ist und ist nachts fort und kommt wieder und man fragt’s: wo bist du gewesen? und es lächelt bloß, das ist Verrat, Herr Inspektor! Das nenne ich blutschänderischen Verrat.«

Er hielt inne, wie zusammenschreckend, den Blick aufmerksam, wie erwacht, auf sein Gegenüber geheftet. »Sie wissen alles, Herr Inspektor. Natürlich wissen Sie alles. Nur ich weiß nichts.« Nun ganz langsam: »Wo ist die Frau gewesen, frage ich Sie, Herr Inspektor, wo um alles in der Welt ist nachts um zwei Uhr die Frau gewesen?«

»Ich weiß nichts, Meister. Ich höre nicht auf das, was die Leute sagen.«

»Sie wissen es. Jeder weiß es. Wenn es mir nur einer sagen könnte …« Er hielt grübelnd inne, sein Gesicht belebte sich von einer Idee. »Trinken wir!«

»Und noch einen.«

»Wird das nicht zu viel?«

»Wie kann das zu viel werden, junger Mann? Eine Flasche habe ich schon allein getrunken, und ehe ich betrunken werde, kann ich noch eine trinken. Also trinken wir!«

»An mir soll’s nicht liegen«, sagte Wrede und trank, indem er sich darüber klar war, dass der Betrunkene die unsinnige Idee hatte, ihn betrunken zu machen, um ihn aushorchen zu können.

Aber der andere war schon wieder weit fort. »Am Abend vorher hat sie sich in die Hand gehauen mit dem Beil. Blut ist über ihren Ring geflossen. Was bedeutet das? Man müsste wissen, was es bedeutet. Aber man weiß nichts.«

Auch dem Inspektor kam ein Gedanke. Er griff in die Westentasche. Er zog die Hand zurück. »Also trinken wir noch einen.«

Und der andere echote: »Trinken wir noch einen!«

Sie tranken. »Wo ist die Frau gewesen, Herr Inspektor?«

»Ich weiß es nicht, Meister.«

»Sie wissen es nicht. Wie sollen Sie es wissen? Niemand weiß es. Jeder ist allein. Und jeder tut alles für sich allein.« Utesch taumelte hoch, langsam und tastend ging er zur Hoftür, hielt inne. »Ich komme gleich wieder.« Und war fort.

Wrede sah um sich: Die Stube war düster und leer. Eine späte Fliege erhob sich mit einem Schwung, summte, und alles war still. Wrede zog den Ring aus der Tasche, verborgen in die hohle Hand betrachtete er ihn. Er war breit und schwer, aus einem rötlichen alten Dukatengold, mit tausend feinen Hammerschlägen genetzt, für einen Menschen gearbeitet, der noch glaubt, dass die Dinge einen Sinn in sich tragen.

Aus der Hosentasche riss Wrede einen Bindfaden. Er knüpfte ihn um den Ring, band das andere Ende des Fadens an einen Westenknopf, steckte den Ring wieder in die Tasche. Er stand auf, ging hin und her. Als Utesch eintrat, saß er schon wieder.

Die Nachtluft hatte den Tischlermeister noch betrunkener gemacht. Er kam kaum auf seinen Stuhl, er sprach nicht mehr, er lallte nur noch. Wrede goss ein.

»Es ist sternenklar, Meister. Ob es Frost gibt?«

Und das Echo: »Ob es Frost gibt?«

»Trinken wir«, sprach Wrede.

»Trinken wir«, sagte der andere und rührte sich nicht.

Da griff Wrede in die Tasche. Auf den Rand des Tisches legte er den Ring, weit davon sichtbar seine Hände. »Trinken wir, Meister«, wiederholte er und stieß sein Glas um. Es klirrte gegen die Flasche. Der trübe Blick suchte nach der Ursache des Geräuschs. Er wurde schrecklich wach. Er sah das kleine blitzende Rund drüben, jenes unverkennbare, das ihm allein Gewähr für Treue war. Der Meister machte aus aller Trunkenheit heraus einen Tigersatz um den Tisch. Alles stürzte zusammen. An der Schnur glitt der Ring zurück hinter das Jackett. Nichts war da.

»Was kommt Sie an, Utesch?«, schrie Wrede. »Sind Sie ganz betrunken geworden?«

»Der Ring«, flüsterte der andere leise, »es war der Ring.«

»Was für ein Ring? Was reden Sie von einem Ring? Wo soll er sein?«

Der andere stand vor ihm. Noch hielt die Wirkung des Schreckens an. Klar drang der Blick in Wrede. »Der Ring! Dort auf der Tischkante lag er. Sie haben ihn. Ich sage, Sie haben ihn.« Er griff Wrede an die Brust. Der stieß ihn stark zurück. »Sie schwatzen. Wie sollte ich Ihren dämlichen Ring haben?«

Aus dem Fallen richtete der andere sich auf. Stammelnd wieder sagte er: »Sie haben ihn! Jeder hat ihn. Alle haben den Ring. Nur sie hat ihn nicht.« Er stand grübelnd. Plötzlich schrie er noch einmal: »Nun weiß ich es: Sie hat ihn nicht.«

Utesch sprang gegen die Tür, riss sie auf, war fort in die Nacht. Über den Dorfplatz brüllte Wrede in Angst: »Meister, kommen Sie. Sie sollen den Ring haben.«

Alles blieb still. Niemand kam. Niemand hörte.

7

In dem Zimmer ist es dunkel und still, nichts rührt sich, kein Mondlicht fällt durch die zerbrochenen Scheiben, denn der Mond ist noch nicht aufgegangen. Etwas Dunkleres lehnt sich gegen die Hausmauer, lauscht in das Zimmer, lange, zieht sich plötzlich zurück.

Ein Geräusch wird hörbar, jemand kommt gelaufen. Er prallt gegen den Vorgartenzaun, tastet umher, findet das Gatter offen, eilt den Gartensteig hinauf, rüttelt an der Haustür. Sie ist verschlossen, gibt nicht nach. Eine Weile steht Wrede still, überlegend. Dann nähert er sich dem Fenster, will dagegen klopfen, stößt gegen eine Scherbe, die klirrend herunterfällt. Er erschrickt, er steht lauschend, er lauscht gegen die Stube, in der sich nichts rührt. Eine zähe lange Stille scheint aus dieser Stube zu dringen, wie etwas Hartnäckiges, Böswilliges.

Schließlich entschließt er sich. Er ruft leise: »Utesch!« Nichts. Und noch einmal: »Meister Utesch!« Nein, nichts. Nur von Augenblick zu Augenblick ein Windstoß in dem raschelnden Herbstgebüsch.

Er ruft noch einmal angstvoll: »Martha! Martha Utesch!« und bricht in die Knie, als eine Hand sich auf seine Schulter  legt, eine Stimme flüstert: »Still! Still doch! Hören Sie nicht?«

So, die Knie in der kühlen Gartenerde, unter der Hand des Geheimnisvollen, lauscht er, und nun meint er, weit drinnen im Haus etwas stöhnen zu hören, kurz stöhnen zu hören.

Plötzlich versteht er. »Der Hobel! Utesch ist in der Werkstatt?«

Der andere: »Er macht ja wohl ihren Sarg.« Und mit einer schrecklichen Neugierde: »Er hat sie ja wohl umgebracht, Herr Inspektor?«

Wrede steht wieder. »Hören Sie zu, Hinz. Laufen Sie, was Sie können, zum Wachtmeister. Ich werde hier Posten stehen, dass Utesch nicht ausreißt.«

Der andere zögert.

»Laufen Sie!«

Hinz verschwindet; ist fort, untergetaucht in der Schwärze.

Langsam nähert sich Wrede dem Fenster. Er befühlt es. Ein Flügel steht offen, er neigt sich in die Stube, ein Streichholz flammt auf.

Er sieht …, er sieht …, dort liegt etwas Weißes, allein, ausgestreckt, etwas, das nicht mehr greifen kann, das schlaff geworden ist, doch zugreifen möchte, o du guter Gott! Eine Hand! Eine Hand allein!

Und dort das Dunkle, Verhüllte, unter den Rändern eines Tuches sind schwere zähe Teiche hervorgequollen  … Das Streichholz erlischt.

Wrede greift in die Tasche, in die Schwärze des Zimmers wirft er den Ring, er hört ihn klirren, klingen mit dem weichen hellen Klang, den nur Gold hat.

Da stürzt Wrede fort in die Nacht, in die Stille der Felder, wo nur der Laut des Windes ist oder einmal das Rascheln eines Tieres. Keine Menschen. Hier aber ist Stille, lange Stille.

Und jetzt kommen die Lichter, die Leute und die Polizei.

Länge der Leidenschaft

1

Er trat ein, und Ria begriff sofort, dass sie sich vollkommen geirrt hatte, dass ihr Vater im Recht gewesen war, diesen subalternen Schreiber, wie sie ihn verächtlich genannt, zu sich ins Haus zu bitten, dort einige seiner einsamen Abende zu verplaudern.

Er verbeugte sich vor der Mutter und küsste ihre Hand, er sprach einige rasche lächelnde Worte zum Vater, nun stand er vor ihr, ihre Hände streiften, ihre Blicke begegneten sich. Sie senkte den ihren, von einer ihr unfasslichen Verlegenheit befangen, und, als sie ihn wieder erhob, redeten die andern, von irgendwelchen Arbeitersachen natürlich, und natürlich hatte et denselben Standpunkt wie der Vater.

Irgendwie war Ria enttäuscht und, indes sich Verlegenheit und Enttäuschung zu einer Gereiztheit in ihr verdichteten, musterte sie den Sprecher neben sich, fand den glattgeschorenen, bartfreien Kopf lächerlich klein, die Gestalt zu lang und dünn, Hände und Knöchel schon übertrieben schmal und wiederholte sich, die Lippen vorschiebend: »Subalterner Schwätzer!«

Sein Blick sprang zu ihr über, hinter den großen Brillengläsern ging um die Augen solch Lächeln auf, dass klar ward, er habe sie erraten. Er hob die Schulter ein wenig, unbeirrt sprach er zum Vater weiter von den Exmissionsklagen, mit denen die renitenten Arbeiter aus ihren Wohnungen zu jagen seien, und plötzlich schienen ihr seine Stimme und seine Worte von einer rätselhaften Zweideutigkeit getränkt: Dies sprach er und meinte ein anderes, und dies andere meinte er für sie, vielleicht auch für jene, die obdachlos auf der Straße liegen sollten, doch vor allem für sie. Sie verstand nichts.

Später saßen sie einander am Schachbrett gegenüber. Er spielte rasch, leicht, mit einer sprunghaften Plötzlichkeit, die sie nie seine Pläne erraten ließ. Ehe sie noch zog, rief er: »Wenn Sie diesen Zug machen, sind Sie matt«, und sie fühlte seinen Fuß neben dem ihren. Er schmiegte sich fest an, unmissverständlich, sie fühlte die Wärme seines Beines an ihrer Wade, und diese Wärme stieg ihr in die Wangen. Verwirrt fragte sie: »Welchen Zug soll ich nicht tun?« und zog ihren Fuß zurück.

»Diesen nicht«, sagte er, machte den Zug, den sie hatte tun wollen, und fing ihren Fuß zwischen den seinen ein. Sein Blick traf sie, er war völlig kalt, grausam und wissend, ein Blick, vor dem sie erbebte.

»Ich bin zu müde, um zu spielen«, und sie stieß mit der Hand gegen das Brett, dass die Figuren durcheinanderrollten. Einige fielen zur Erde, er bückte sich, hob sie auf, und seine Hand fasste ihr Bein.

Nie war sie so schamlos berührt worden. Ihr Zorn wurde stark, fast laut sagte sie: »Lassen Sie das, ich sage es meinen Eltern.«

»Soll ich es ihnen sagen?«, fragte er zurück und machte einen Schritt auf die Patience legenden Eltern zu.

Sie sah ihn an, und wieder hatte sie das Gefühl, als habe er etwas ganz anderes gesagt, weit über den Klang seiner Worte hinaus, ein tieferer Sinn schien verborgen, über die Worte hinaus, etwas, das sie anging und vielleicht das ganze Leben anging, seine Zweifelhaftigkeit, seine Unsicherheit, sein Verrinnendes.

Sie machte eine Geste, die Hände flach zu erheben. Sie ließ es. »Mama, Herr Martens möchte sich verabschieden«, sagte sie.

2

Lange lag Ria in ihrem Mädelbette wach. Nun er fern war, nun nicht mehr sein Blick, seine Hand, sein Lächeln auf sie wirkten, wuchs ihr Zorn. Für wen hielt er sie, dass er die Frechheit hatte, sie so zu behandeln? Etwa für eine Dirne? Nie, nie hatte es ein Mann gewagt, sie so anzusehen, sie so anzufassen. Sie dachte an die Küsse, die sie einmal, ein einziges Mal, einem Freunde ihres Bruders nach einem Tanz erlaubt. Aber diese Küsse waren etwas kindlich Sanftes gewesen gegen diesen Blick, dieses Anfassen, dieses Treten.

Sie war auf dem Lande aufgewachsen, sie hatte die Tiere gesehen, sie wusste, die Dorfmädel hatten ihre Verhältnisse, und ein uneheliches Kind war weder etwas Seltenes noch ein Rätsel für sie. Aber das waren die Dorfmädel! Verwechselte er sie etwa mit jenen? Sie, die Tochter eines Rittergutsbesitzers, sollte sich so behandeln lassen von einem simplen Schreiber ihres Vaters!

Sie wollte es ihm sagen! Nicht noch einmal sollte er es wagen, so die Augen vor ihr aufzuschlagen. Sie würde es allein mit ihm ausmachen, ohne die Eltern, sie würde zu ihm aufs Büro gehen, und sie würde ihm unzweideutig sagen, dass seine Tage hier auf Baumgarten gezählt seien, wenn er noch einmal …

Morgens erwacht, verschob sie die Ausführung ihres Entschlusses. Doch dann, als ihr Vater nach dem Essen in seinen Jagdwagen stieg, die Mutter schlief, sah sie sich plötzlich auf dem Weg über den Hof. Noch an der Bürotür zögerte sie und klopfte schon, und sein »Herein« rief sie.

Er war nicht allein. Nie hatte sie daran gedacht, dass er bei diesem Besuche nicht allein sein könnte. Rauchend stand er mit dem Dorflehrer am Fenster, wandte nicht den Kopf und fragte nur: »Nun?«, alles blieb still, und nach einer Weile: »Was ist los?«, und wandte sich zu ihr, die noch in der Tür stand.

Nein, selbst jetzt war er nicht verwirrt, nicht einmal überrascht schien er. »Gnädiges Fräulein wünschen?«

Kaum kam er näher, er nahm ihre Hand nicht, er verbeugte sich nur.

»Ein paar Frachtbriefe«, sagte sie.

Er ging an einen Schrank. »Und was für welche? Eil oder gewöhnliche?«

Sie zögerte, sie fand sich nicht zurecht. War dies der von gestern Abend? Der Lehrer hatte sich nach einer Verbeugung fortgewandt, er drehte ihnen den Rücken, sah zum Fenster hinaus.

»Ach, geben Sie mir von jeder Sorte einen!«, rief sie ungeduldig. All dies war lächerlich, beschämend, so verkehrt.

»Bitte schön«, sagte er, reichte sie ihr und sah sie an. Sie griff zu, wollte gehen, da fragte er sanft und unschuldig: »Damit Sie von jeder Sorte einen haben, vielleicht noch einen Tierfrachtbrief?«

Wieder kam ihr Zorn, sie sah ihn an. Und bemerkte im gleichen Augenblick, dass sie verloren war, dass nichts umher ihr Lachen zurückhalten konnte, schon brach es los und, die Briefe zusammenknitternd, rief sie, vor Lachen erstickt: »Von jeder Sorte einen!«

Auch er lachte, seine Stimme erklang: »Verschwinden Sie, Wehrer der Knaben. Geschwinde verändern Sie das Lokal.«

Die Tür klappte, sie waren allein, sie waren still. Das noch festgehaltene Lächeln glich sich aus auf ihren Gesichtern, wurde weggewischt, und mit zitternder Stimme sagte sie: »Wie kommen Sie zu dieser letzten und größten Unverschämtheit, den Wille hinauszuschicken? Was soll er von uns denken?«

Er beugte sich vor, er flüsterte: »Mädel, kleines, dummes Mädel.« Sie wich zurück, sie ging Schritt für Schritt von ihm fort, sie murmelte flehend: »Rühren Sie mich nicht an! Fassen Sie mich nicht an! Sie sollen mich nicht anfassen.«

Sein Arm legte sich um sie, seine Lippen berührten die ihren, unter diesem Druck öffnete sich ihr Mund. »O du«, flüsterte sie.

3

Sie trafen sich bald hier, bald dort, bald da, hinter den Gewächshäusern, im Baumgarten, auf dem Gutshofe, im Krämerladen, nachts und tags im Park. Einmal glaubten sie in der Ferne Rias Vater zu sehen und flüchteten durch Erlen und Weiden, wo überall Wasser sickerte, um in einem Kartoffelfelde atemlos haltzumachen, durch dessen schwarzbraunes, herbstnasses Kraut ein Hühnerjäger hochbeinig stapfte. Oft war es nur ein flüchtiges Wort, das sie tauschen konnten, ihre Hände streiften sich im Vorübergehen, die Augen grüßten einander, und immer wieder kam eine Stunde, da seine Küsse sie überschwemmten, sie atemlos machten, da seine Hand sich weiter verirrte … Sie machte sich los aus seinem Arm, zum hundertsten Male wiederholte sie ihm, dass kein Mann sie ohne Eheverspruch haben würde.

Er war neben ihr, er erzählte ihr von den Frauen, die durch sein Leben gegangen waren, er lächelte ihnen zu, im Erinnern grüßte er sie wieder und wieder. Sie zogen dahin, sie entschwanden, neue drängten herzu, und ihr Stolz empörte sich dagegen, auch einmal eine von allen diesen gewesen zu sein. Er lächelte, er maß ihr die kleine Weile der Leidenschaft, die lange Weile des Lebens ab, er hob seine Hand, er zeigte sich naiv eingebildet, dass keine all dieser Frauen sich im Bösen von ihm getrennt, und plötzlich schien ihr aus dem lachenden Glück seiner Worte ein trüber, welker Geruch von getrockneten Rosenblättern aufzusteigen, die zwischen alten Briefen liegen. Eine namenlose Trauer erfasste sie, dieser neben ihr schien nie die eine Stunde zu meinen, sondern alle andern noch, nie nur sie zu lieben, sondern alle Frauen vor ihr ebenso und jene, die kommen würden, desgleichen. Sie tastete nach seiner Hand, wie sich zu halten an ihr, sich zu überzeugen, dass er doch war, wenigstens fleischlich da war bei ihr, und entmutigt zog sie die ihre wieder zurück, da sie bedachte, wie wenig solche Fleischlichkeit bedeute.

Und dann kamen wieder seine Küsse.

4

Eines Nachts klopfte er an ihre Tür.

Er stand draußen, er verlangte, dass sie öffne, er bat nicht, er befahl. Zitternd lauschte sie in das Schlafzimmer der Eltern hinunter, durch die Tür fragte sie ihn, wie er in das verschlossene Haus gekommen, sie flehte ihn an, wieder zu gehen.

Dann meinte sie, unten ein Geräusch zu hören, sie schloss auf, er huschte herein, er nahm sie in seine Arme. Noch einmal wehrte sie sich in der irren, wahnsinnigen Angst des jungen Mädchens, sie beschimpfte ihn, sie schrie, dass sie ihn hassen werde, ewig hassen werde danach.

Und eine Sekunde kam, da die Welt stille zu stehen schien, alles lauschte, alles hielt den Atem an, und sie sank, sank endlos. Plötzlich aber strömte sie, auf einem unendlich glücklichen, feierlichen Strom des Lebens strömte sie dahin: so viel Wimpel, so viel frohes Gewehe grüner Baumzweige, solch purpurne Zelte und freudige Vögel. Sie warf ihre Arme um seinen Hals, dichter zog sie ihn an sich, und das kleinste Tagesding hatte seinen Sinn bekommen, und das lange Warten und das Wehren und die Qual – alles voll Sinn.

Nun trafen sie sich jede Nacht. Er kam spät an die Hintertür, sie wartete schon, an der Hand zog sie ihn die dunkle Stiege hinauf, auf Strümpfen, dann war die milde weiße Helligkeit ihres Mädelzimmers da, und die Feste begannen. Oft unterbrachen sie sich, lauschten hinab in das Haus, verfolgten den Schritt eines Dienstmädchens, der endlos lange vor Rias Tür zu verharren schien, und aufatmend sahen sie sich in die vor Glück leuchtenden Gesichter.

Nebeneinanderliegend, den Kopf in den Arm des andern geschmiegt, erzählten sie sich aus ihrem Leben. Er tat die Weite seines wechselvollen Daseins auf, Städte waren da, fremde Lande, er fuhr auf Schiffen, arm war er gewesen und reich wieder geworden, um, sich nach Ruhe sehnend, in diesem stillen Winkel sie zu finden.

Sie begriff nichts, sie fragte. Hatte sie nicht vor seinem Engagement seine sämtlichen Zeugnisse gesehen, sie geprüft, dem Vater selbst zu ihm geraten? Hatte er denn nicht immer, wie sie auch, auf dem Lande gelebt?

Er lächelte nur, plötzlich waren die Straßen voll eines endlosen Zuges von Automobilen, sie schlüpften hindurch, sie bargen sich in einem stilleren Lokal, eine Musik ertönte, fremde, betörend schöne Frauen tanzten, und ein buntgekleideter Neger schritt mit einem Marschallstab würdig auf und ab.

Furcht wollte Ria um jenen, der bei ihr lag, fassen, etwas stimmte nicht: Wer war er denn? Und sie sah das ruhende, tiefe Glück seines Gesichtes, sie begriff, dass er um diese ihre Liebe gelitten hatte wie sie; wie hatte sich der rohe Forderer von damals, der rücksichtslose Erbeuter, der Held so vieler Frauen derart verwandeln können? Er war ein glückliches Kind, und seine Liebe war neu, als habe er nie geliebt. Er wusste nichts von einem Gestern, einem Morgen, sie heute glücklich zu machen war alles, was in sein Denken reichte.

Sie gaben sich bei jeder Trennung das Wort, in der nächsten Nacht zu pausieren, einmal auszuschlafen, und dann lag sie wach, von toller Sehnsucht nach ihm, bis endlich doch um Mitternacht ein Kiesel ihre Scheibe traf, sie hinabeilte, ihn zu sich hinaufzog, vierzehn Tage lang, jede Nacht.

5

Er hatte ein Telegramm bekommen, er musste nach Berlin. Von ihrem Vater erbat er Urlaub, sie trafen sich wie jede Nacht, sie schliefen nicht, aber übermorgen würde er ja zurück sein. Hinter der Gardine verborgen, sah sie seinen Wagen vorüberfahren, sie bewegte den weißen Stoff und sah sein Gesicht freudig erglänzen.

Diese Tage ruhte sie tief. Erwachte sie, war etwas Leichtes durch ihre gestaltlosen Träume geweht, ein Geschmack wie von tiefbesonntem, blühendem Sommertag füllte ihre Mundhöhle, ihre ganze Gestalt federte und tanzte.

Der Wagen kam leer von der Bahn zurück, hatte er den Zug versäumt? Ein, zwei Tage vergingen über qualvollem Warten, ihr Vater begann unruhig zu werden, war Martens verunglückt? Nichts, keine Zeile, kein Wort, keine Nachricht von ihm.

Sie erinnerte sich genau der Vormittagsstunde, da ihr Vater bleich, gebeugt zum Frühstückstisch kam. Draußen regnete es, ein feiner strichweiser Regen fuhr pausenlos über die Scheiben, als der Vater ihr erzählte, der Landjäger habe nach Martens gefragt. Möglichkeit war da, dass er ein steckbrieflich verfolgter Hochstapler sei, der abseits auf dem Lande eine Atempause gesucht. Doch blieb unverständlich, wie er auf den Tag genau von dem Zugriff der Behörde erfahren, so dass er sich ihm entziehen konnte. Unsicher war alles: Zufall konnte das Ausbleiben sein, zufällig Namensgleichheit und flüchtige Ähnlichkeit vorliegen. Schriebe er doch!

»Ich habe ihm nie getraut«, sagte Ria kurz, und sie sagte vielleicht die Wahrheit. Den sie liebte, er war ihrem Wesen fremd geblieben, der sie ganz erfüllte, aus einer andern, lockenderen Welt war er gekommen, er hatte sie ihr nur gezeigt, nie würde sie dies leichtere Land betreten.

Sie zürnte ihm nicht einmal. Dies war seine Art wohl, ihm auferlegt und oft nicht leicht, wie es ihre Art war, im Gleichmäßigen zu verharren, in der Stille, im tatenlosen Abseitsleben.

Doch, sie zürnte ihm. Dass er fortging, dass er ein Hochstapler war, was wäre darüber zu zürnen gewesen? Aber dass er fortschlich von ihr, ohne ihr ein Wort zu sagen, dass er nicht einmal ihr traute, dies war Bitternis und blieb’s.

Dann kam ein Telegramm von ihm, aus einer kleinen südlichen Stadt, er kehre nicht zurück, die Schlüssel folgten. Sie trafen ein, nun saß an dem bekannten Bürofenster, dessen Anblick schon ihr Lust gemacht, ein Revisor, der die Bücher prüfte.

Es erwies sich, dass die Buchführung musterhaft in Ordnung bis vierzehn Tage vor seiner Flucht, dann nichts, keine Buchung, Belege durch alle Schiebladen zerstreut, ein völliges Aufhören jeder Arbeit. Chaos.

Als der Vater ihr dies zornbebend erzählte, wandte sich Ria ab und lächelte. Wie sie einander glichen! Hatte nicht auch sie jede Arbeit von sich geschoben, jene vierzehn Tage lang, da das Glück sich selig auf der obersten Kimmung der kristallhellen Woge hielt, lachend ausspähend nach fruchtschweren Gestaden?

Aber auch hier blieb ungewiss, ob er ein Schuft und Liebender oder nur ein Liebender gewesen. Unterschlagungen konnten begangen sein, man wusste es nicht, man würde es nie feststellen können. Und wieder zürnte sie ihm, dass auch dies sogar unsicher geblieben, vielleicht war er ehrlich, vielleicht ein Dieb, nie würde sie etwas von ihm wissen.

Als die Sachen des Hochstaplers, wie ihr Vater ihn nur noch nannte, zusammengepackt wurden, ging sie mit. Zum ersten Mal betrat sie sein Zimmer, auf dem Waschtisch lag die Nagelbürste noch, wie er sie aus der Hand gelegt, die vielen Fläschchen nötigten ihrem Vater ein verächtliches Schnaufen ab. Dann fielen die Kofferdeckel zu, die Sachen kamen auf den Boden, und der Nachfolger zog ein.

Und nun begann die graue, lang hingehaltene Eintönigkeit des stillen Landlebens, die sie vorher so froh gemacht. Vorher, ehe jener gekommen war, ehe das Glück da gewesen. Sie zählte die Stunden, prüfend sah sie den kommenden Tagen ins Gesicht, und keiner versprach auch nur eine Minute solch ungemeiner Seligkeit, wie sie genossen, die Winde wehten so zwecklos, Sonne schien ohne Sinn. Sie hätte sich gern vergessen, aber kein Mann war erreichbar, dem der Verspruch solchen Sichvergessens zu glauben gewesen, sein Nachfolger hinkte, war fett und zog den Schnupfen in der Nase hoch.

Wie grau war das Leben!

6

Plötzlich kam ein Brief von ihm. Sie hielt ihn in der Hand, noch verständnislos, über dem kleinen Rechteck in der Hand erglühte sie, als habe er selbst sich über sie geneigt und ihre Lippen aufgetan.

Er schrieb aus einer fernen Stadt. Sie las die Zeilen, dann kam die Unterschrift, sie saß da, hatte sie etwas gelesen, hatte er etwas geschrieben? Gut, er dachte an sie. Und weiter? Er sehnte sich. Und weiter? Kein Wort, warum er gegangen, kein Wort, was er trieb. Sie stieß den Brief von sich, sie würde nicht antworten, tief versteckte sie ihn zwischen altem Papierkram, nach Jahren würde sie ihn wiederfinden und kaum noch wissen, wer dies schrieb.

Sie las den Brief wieder und wieder. Eine starre Zähigkeit wuchs in ihr, ihn verstehen zu wollen, und langsam begriff sie, dass er sich vielleicht wirklich nicht verstellte, nichts ausließ, nicht log. Flucht, Unterschlagung, Diebstahl, dies waren Dinge des äußeren Seins, ihr Leben war ihre Liebe. Was hätten sie denn sonst gemeinsam gehabt, was wussten sie sonst voneinander, was wollten sie eines vom andern wissen?

Leben war grau, aber in aller Buntheit baute er abseits an einem ungeheuer farbigen Strand das schillernde Zelt ihrer Liebe auf, die täglichen Dinge blieben draußen.

Sie schrieb ihm. Er schrieb. Sie schrieb ihm. Einerlei, auch er tat nichts mehr. Sie hatte sich getäuscht, er war nichts anderes wie die andern. Er schrieb. Sie schrieb. Er schrieb nicht mehr.

7

Eines Winterabends im Dunkeln kam ihr auf der Chaussee ein Mann entgegen, er trat dicht an sie heran, ihr wurde angst, er legte die Hand auf ihre Schulter: Er war es.

Sie hielten einander fest, atemlos vor Glück sahen sie einander in die Augen. »Dass du da bist.« – »Wie ich dich liebe.«

Alles war vergessen, was dazwischenlag. Erschaudernd erinnerte sich ihr Körper wieder des Griffes dieser Hand, ihre Lippen kosteten den lang entbehrten Mund, an seiner Brust kam sie zur Ruh.

»Dass du da bist!« Und: »Warte hier. Wenn es im Dorf still geworden ist, hole ich dich.«

Sie ging von ihm, sie drehte sich um, wieder lief sie in seine Arme. Vor ihren Augen glänzte aller Purpur der längst versunkenen Wintersonne. Langsam sanken mit einer täppischen Verhaltenheit die Bäume aufeinander zu, und sie erinnerte sich, dass er über sie gebeugt dagestanden hatte, ihre Stirn mit Schnee reibend. »Es ist die Freude«, murmelte sie, »du warst zu lange fort.«

Und gierig sah sie in dies Gesicht, das ihr das schönste der Erde war, es schien bleicher geworden, schmaler, aber die Augen lächelten in einer sanften, traurigen Freude wie je.

Sie ging von ihm. Sie holte ihn. Sie verschloss ihn in ihrem Zimmer, er blieb Tage dort und Nächte, sie saß gesittet am Tisch, sie ging mit der Mutter zu Kranken, vielleicht klopfte unterdes einer an seiner Tür und er, aus seinem Schlaf heraus, rief ein Herein?

Sie fragte ihn nichts, es war nichts mehr zu fragen, war er doch da. Und doch war alles verändert gegen ehemals. In jenen vierzehn Tagen: nur die Einwilligung ihres Vaters, und alles hätte im Hergebrachten geendet.

Nun wusste auch sie zutiefst, stets und für je war dies unmöglich geworden, abseits von allen, gegen jeden hatten sie ihre Liebe, ganz war sie nun jenes Märchen geworden, das er wohl von je gewollt.

Heller, lohender und reiner wehte die Flamme ihrer Liebe gegen den Himmel empor. Sie hielten sich fester in den Armen, denn jede Stunde konnte das Ende sein, sie wussten um dieses Ende für immer. Immer wieder holten sie sich ein, glitt das eine ermüdet fort, fing es das andere mit seinem Blick, und der suchende, flehende Blick ließ alles wieder neu erstehen. Sie wussten von keiner Ermüdung, Schlaf war Vergessen und Vergessen war Tod, eines an das andere geschmiegt, wiegte das Atmen der nahen Brust wie eine gläserne Dünungswelle, eine sanft verschleierte Helligkeit. Und wieder der Blick. Und wieder die Liebe.

8

Eines Nachts, sie kam spät von einer Gesellschaft auf ihr Zimmer, sie schloss auf, er war fort. Sie meinte erst, sie habe sich geirrt. Hatte sie die Tür nicht verschlossen? War er in einem andern Zimmer? Nein, nein, er war fort, ohne eine Zeile, ohne eine letzte Umarmung.

Sie setzte sich auf die Kante ihres Bettes, dieses Bettes, das noch den Abdruck seines Leibes trug. Dies war das Ende, sie hatte immer um dieses Ende gewusst, nun galt es, mutig zu sein. Sie hatte einen Traum geträumt, wie ihn kaum je eine träumte. Sie hatte den untadelhaften Geliebten gehabt, der bei ihr nur von ihr gewusst, der nie ein böses Wort gesprochen, einen zweideutigen Witz gemacht. Seine Liebe war so neu und jung gewesen, er war gegangen, ehe sie alt geworden war.

Was sitze ich hier? Sie schreckte hoch. Vielleicht ist er auf der Straße, hinten auf der Chaussee, wartet auf mich. Vielleicht hat er wieder fliehen müssen. Immer auf der Flucht. Du Armer.

Sie suchte ihn die ganze Nacht. Das weiche Gehen durch Schnee, auf den immer vor ihrem Schritt der kleine Blendkreis der Taschenlampe leuchtete, beschäftigte ihr Herz. Einmal meinte sie seine Spuren gefunden zu haben, dann verloren sie sich zwischen andern. Dieses endlose Suchen, die stete Möglichkeit, gleich tauche er auf, lege seinen Arm um sie, ermatteten sie aufs äußerste. Als sie umkehrte, nach Haus ging, war ihr nicht klar, sie ging von ihm fort. Aber später dann, nach tiefem, traumlosem Schlaf erwacht, wusste sie: Er war dort und sie hier, alles war aus.

Später entdeckte sie, dass ihr bisschen Geld fehlte. Mit einer freudigen Rührung dankte sie ihm, dass er ihre Liebe nicht durch eine Bitte um Geld erniedrigt hatte, all das war draußen geblieben. Nur die Liebe …

Oder hatte er gehofft, sie werde den Dieb verachten, so den Liebenden leichter entbehren können? Er war längst über alle Verachtung hinaus. Sie atmete, sie lebte, sie liebte, das waren Funktionen ohne Fragen, überlegte sie, ob sie atmen sollte?

Ihm ging es wohl schlecht. Er hatte da draußen zu kämpfen und, wie seine Liebe abseitig gewesen war, war es wohl auch sein Leben. Sicher, ihm würden andere Frauen kommen, aber immer neu würde mit jeder von ihnen seine Liebe sein, sie nahmen ihr nichts. In ihrer Nähe würde er stets wieder der sein, der er gewesen.

Noch später wurde entdeckt, dass seine Sachen fehlten. Der Boden war erbrochen, die Koffer waren fort, Landjäger kamen, suchten nach dem, der dem Dieb mit Gespann Hilfe geleistet haben musste, ihr blieb die Bitternis, in jener Schneenacht hinter falschen Fußspuren hergeirrt zu sein, indes er auf raschem Wagen ihr längst entflohen. Ihr blieb die Bitternis, nun nicht mehr zu wissen, war er um ihrer Liebe willen zurückgekommen oder nur um seiner Sachen willen.

Sie sah ihn, kaum frei von ihren Armen, über dunkle Böden schleichen, Schlösser probieren, Schlüssel feilen. Sie sah ihn die Dichte ihrer Ermattung berechnen, in ihren Sachen wühlen, Abdrücke von ihrem Schlüsselbund nehmen  – und der Auffahrenden wandte er lächelnd das unveränderte Gesicht seiner Liebe zu.

Vielleicht hatte er sie nie geliebt.

9

Die Kreise, die ein ins Wasser geworfener Stein um sich zieht, verebben, jedes Erlebnis verwischt. Die Tage gingen dahin und wurden zu Wochen, aus den Wochen wurden Monate, und wenn Ria die Erinnerung an den beschwor, der ihr Geliebter gewesen, machte es ihr immer mehr Mühe, sich seines Gesichtes zu erinnern, seiner Gebärden, der Art, wie er sprach. Schon verwechselte sie ihn mit den andern. Hatte sie nicht vielleicht nur darum geglaubt, er sei ungemein, da er der erste Mann gewesen, den sie erkannt? Vielleicht vermochte jeder Mann das zu erregen, was er erregt?

Sie sah wieder um sich, die langsam und lässig gewordenen Bewegungen wurden wieder straff, sie willigte ein, vom Gut fortzugehen, mit den Eltern eine Badereise zu machen. Er würde doch nicht mehr kommen, und verfehlte er sie, sein Pech.

In einer kleinen Hafenstadt hatten sie ein paar Stunden auf ihren Dampfer zu warten. Sie schlenderten über Steinpflaster, in dessen Spalten Gras wuchs, an Backsteingiebeln sahen sie hoch, strichen um Kirchen und suchten ein wenig ihre Schulkenntnisse über Gotisch und Romanisch hervor, sie besahen jeden Hut und jedes Kleid, und so entging auch ein seltsames Gefährt ihrer gelangweilten Aufmerksamkeit nicht, ein großer, blau gestrichener, mit Holz beladener Wagen, den keuchend zehn oder zwölf Kerle an Gurten vorwärtszogen. Zwei Männer in Uniform gingen säbelklirrend nebenher.

»Sträflinge auf Außenarbeit«, erklärte der Vater.

»Vater!«, rief sie. »Vater!«

Dort neben der Deichsel zog er, selbst in dieser hässlichen Tracht unverkennbar er. Unter der schirmlosen Sträflingsmütze das bleiche, ermattete Gesicht, die Schulter gegen den Gurt gestemmt, und nun, mit einem feigen, hurtigen Blick zum Wärter, beugte er sich nach einem Zigarettenstummel, fasste ihn im Vorwärtsgehen, schob ihn in den Mund.

Ihr Auge störte ihn, er sah sie, die am Wege stand, eine rasche Bewegung machte er, wie zur Flucht, und sein kalter, wissender Blick gestand ihr alles, dass dies nun sein Leben sei, dass auch dies das Leben sei und dass er immer darum gewusst.

»Vater!«, rief sie. »Vater!«

»Wirklich, das muss Martens sein«, sagte der verblüfft.

10

Sie wartete, nun wartete sie wieder auf ihn, nichts konnte es für ihn geben, als zu ihr zu kommen, sobald er frei. Monate machten ein Jahr und noch eines: kein Zeichen von ihm. Es war, als habe sie einen Ruf gegen die Welt getan und warte und warte auf die Antwort. Sie kam nicht.

Sie spann ein verzweifeltes Lügengewebe, sie fuhr heimlich in jene Stadt, sie sah wieder den blauen Holzwagen mit den Sträflingen, ihn sah sie nicht. Sie fasste all ihren Mut, sie fragte im Gefängnisbüro nach Martens. Nie war ein Martens dort gewesen. Der Ruf kam nicht wieder.

Wo weilte er? War er sehr oben oder tief unten? War es fassbar, dass er, während sie hier Tag für Tag das gleiche eintönige Leben führte, Gefahren bestand, floh, betrog, überlistete, gefangen ward und immer, immer unsäglich um sie litt und an sie dachte?

Dann einmal, in irgendeiner Stunde, hielt sie einen Brief von ihm in der Hand. Sie las ihn und wusste: Nun war alles vorbei. Nie hatte sie ihn so kläglich klein gesehen. Er bat um ihre Hand, sie wollten gemeinsam fliehen, die heißen Worte auf dem Papier, die ihr Blut wild machen sollten, waren ausgerechnet von einem kalten Wissenden. Er hatte nicht an sie, er hatte an ihr Geld gedacht.

Der letzte unsinnige Schritt eines Menschen vor dem Selbstmord, dachte sie und zerknüllte das Papier. Sie las es nie wieder, sie vergaß ihn wirklich.

11

Sie heiratete. Sie lebte ruhig und glücklich mit ihrem Mann, sie bekam Kinder. Sie hatte Interessen, sie war reich, sie wusste nichts mehr von jener Jungen, die sie gewesen.

Auf der Straße über ihre Schulter hin sprach eine Stimme: »Ria.«

Sie fuhr herum, es war das alte junge Gesicht von je, lächelnd mit dem Wissen einer Liebe, die immer da war und immer da sein wird.

Sie gingen nebeneinander, nur von jenen ersten Zeiten sprachen sie, da sie noch miteinander Schach gespielt, da er nachts auf ihr Zimmer geschlichen. Ihre Stimmen bebten. Ein voller, betäubender Sommer schlug sich vor ihnen auf, immer noch standen an einem bunten Meer purpurne Zelte, fern, fern von allem Leben. Ihre Hände fassten sich. »Dass wir uns lieben!« – »Dass wir uns lieben!«

Sie trafen sich viele Male, dies war nicht das Abenteuer, es war das eigentliche Leben, Mann und Kinder waren nur Schale gewesen, dieses war Kern und Herz.

Er entschwand, er kam wieder. Er bettelte um einen Teller Suppe an ihrer Tür, er ging stumm mit einem lächelnden Blick an ihr vorüber, sie hatte ihn auf einer Operettenbühne tanzen gesehen, ihr vorbeijagendes Auto warf einem Steinschläger, der er war, Staub ins Gesicht.

Er war überall und nirgends, er war hier und dort, er war oben und unten. Sie vergaß ihn nicht mehr, sie wusste, sie würde ihn nie vergessen. Er war alles gewesen, um das sie gelebt hatte, alles andere hatte keinen Sinn gehabt.

Sie wurde sehr alt und sehr duldsam. Eines Tages sah sie ihre jüngste Tochter in den Anlagen mit einem Mann. Sie ging vorbei, die beiden bemerkten sie nicht. Ihr Herz wirbelte einmal wild auf. Er war es, jung, seltsam, bezaubernd, wie in ihren ersten frühen Tagen ging er dort mit ihrem Mädelkinde.

Sie wollte sich wehren, dann lächelte sie. Und in diesem Lächeln lag alles: Wissen und Verzeihen, Vergessen und Lieben und die lange, lange Länge ihrer Leidenschaft.

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