Logo weiterlesen.de
Der Berg der Kelten

Für meine Vorfahren

Für meine Familie

Besonders für meine Eltern, für Regina und für Patrick, in Liebe

image

VORWORT

Der Fürstengrabfund vom Glauberg in Oberhessen hat die kleine Ortschaft mittlerweile über die Grenzen des Wetteraukreises bekannt gemacht. Laufende Forschungen haben die überregionale Bedeutung des Ortes für die in Hessen um 400 v. Chr. ansässigen Stämme erwiesen, einem Volk, das man heute als Kelten kennt. Welche Geschichte sich jedoch hinter den Knochen und Scherben, der Statue und den Waffenfunden verbirgt, darauf hat die Wissenschaft bisher keine befriedigende Antwort finden können. Und vielleicht wird sie nie gefunden werden.

Die Kelten vom Glauberg haben keine eigenen schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Keine Römer oder Griechen haben über diesen Ort jenseits der Alpen geschrieben, der so weit ab ihrer mediterranen Heimat lag. Aus diesem Grund können uns nur die toten Gegenstände, die Archäologen aus der Erde bergen, Hinweise auf das Leben unserer Vorfahren geben und lassen damit Wissenslücken, die nur die Fantasie schließen kann.

In diesem Wissen ist dieser Roman entstanden und ich habe viel Fantasie gebraucht, um diese Geschichte zu kreieren, die sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Grabfund auf den Glauberg enthält und doch frei erfunden ist. Dafür nutzen konnte ich nur den archäologisch belegten Hintergrund, auf dem diese fiktive Geschichte aufbaut. Sie könnte so oder ähnlich vor 2400 Jahren stattgefunden haben, lässt sich aber mit keinem Fund beweisen. Ebenso erfunden sind die Namen aller Handelnden. Nur einzelne geografische Bezeichnungen beruhen auf vermuteten Überlieferungen, die jedoch genau wie alle bekannten und verwendeten Fakten im Nachwort zusammengefasst sind.

Im Grunde müsste ein solcher Roman dem Fantasy-Genre zugeordnet werden, denn obwohl er von tatsächlich existierenden Völkern handelt, sind viele Details des keltischen Lebens in Ermangelung genauer Funde oder fremder Schriftquellen bis heute unbekannt. Die Wissenschaft liefert jedoch ständig neue Ergebnisse und sorgt dafür, dass alte Theorien korrigiert und überarbeitet werden müssen. Deshalb darf dieser Roman auf keinen Fall als wissenschaftliche Arbeit gesehen werden. Er ist ein Prosatext, der unterhalten soll – und einen Eindruck schaffen, wie das Leben gewesen sein könnte, vor 2400 Jahren in Hessen.

PROLOG

Der Bote jagte durch den Eingang der Fürstenhalle. Die seit Jahren erhaltenen Rituale der Begrüßung, die von jedem Neuankömmling erwartet wurden, streiften nur kurz seinen Geist, bevor er die Tür krachend in den Rahmen fallen ließ und in die Räumlichkeiten stürmte.

Wer die Stille wahrnahm, musste sich fragen, ob es in diesem Haus überhaupt noch Leben gab. Dabei sollte doch längst der Rat zusammengerufen sein! Die langgezogene Halle, in deren offenem Dachgebälk der Wind sein Lied sang, war das vielleicht imposanteste Bauwerk ihrer kleinen Siedlung – und eines der wenigen, das schon fertiggestellt worden war. Das mit Wällen umfriedete Areal hoch oben auf dem Hang eines steilen Hügels glich mehr denn je einer Baustelle, obgleich vor dem Winter wenigstens die Wohnbehausungen hatten fertiggestellt sein sollen.

Die Geister im Wind sangen nun schon von aufziehendem Schnee, der das Hügelland viel früher ereilte als die fruchtbaren Auen am Fuße der Gebirge. Und der Bote glaubte, sie die Lieder jener Schlacht, deren Blut noch im Fell seines Pferdes klebte, mit sich tragen zu hören.

Der Mann, der am Ende der Halle auf einem reich verzierten Stuhl thronte, hatte daran sichtbar keinen Anteil genommen. Sein langes Hemd aus blauer Wolle war mit kunstvoll gewebten Borten geschmückt, an welchen keine unebene Stelle Abnutzung verriet. Ein goldener Halsring schmiegte sich an sein Schlüsselbein, der selbst von Weitem im Schein der Talglichter glänzte.

Den Mund schon zum Gruß geöffnet, stürzte der Bote in den Raum hinein, die Hand erhoben. Dann aber erstarrte er in der Bewegung. Vor ihm breitete sich eine leere Halle aus. Mehrere Bänke, die für einen Beraterstab aus gut und gern zwanzig erfahrenen Kriegern, Schamanen und Alten herbeigeschafft worden waren, standen nutzlos an die Wände geschoben. Eine einzige Talglampe stand neben einem Trinkgefäß auf dem mächtigen Eichenholztisch im hinteren Zentrum des Raumes. Die Sklavin, die sich dort niedergelassen hatte, diente lediglich der Bewirtung zweier Männer, von welchen einer der Fürst war.

Verwundert sah der Bote sich um. Wo war der Rat? Hatte die Leibwache, die draußen am Eingang ihren Dienst verrichtete, ihn nicht soeben gewarnt, sein Fürst beriete sich mit seinen Vertrauten? Die bekannten Gesichter, die der junge Mann demnach erwartet hatte, waren nicht zu sehen. Stattdessen blickte er in die verärgerte Miene einer Person, die er anscheinend in seiner Rede unterbrochen hatte. Und die für ihn nahezu fremd war.

Der Fürst selbst hatte bei der Ankunft des Boten nur verwundert den Kopf gehoben. Dem Mann, der an seiner Seite stand, schenkte er ein beruhigendes Nicken, bevor dem Boten wieder einfiel, weshalb er überhaupt hierher geritten war.

„Mein Fürst“, begann er ohne Umschweife und machte sich nicht mehr die Mühe, über einen angemessenen Gruß nachzudenken, den er dem Fremden hätte schenken können. Dessen Kleidung ließ wenig Schluss auf seinen Stand zu. Von Gestalt war er eher klein und hager gebaut. Seine Geburt mochte zwanzig oder auch fünfundzwanzig Jahre zurückliegen. Das glatte, nahezu alterslose Gesicht erschwerte eine genaue Schätzung. Dafür löste sein Anblick in dem Boten ein merkwürdiges Gefühl aus. Er vermochte es nicht recht zu beschreiben. War es der Ausdruck, der Glanz, der über der Miene des Fremden lag, als stände er über allen Anwesenden, ja selbst über dem Fürsten, in dessen Adern göttliches Blut floss?

Große Götter, dachte der Bote sich, bewirtet unser Herrscher nun schon Feen in seinen Hallen? Dieser Gedanke hatte seinen Geist halb im Scherz gekreuzt, doch kaum dass er stumm ausformuliert worden war, traf den jungen Mann ein Blick des Fremden, der ihn unweigerlich zurückweichen lassen wollte. Als hätte er direkt in seinen Kopf gesehen.

Endlich aber besann der Bote sich auf das Wesentliche und versuchte, den merkwürdigen Eindruck beiseitezuschieben. „Mein Fürst“, setzte er aufs Neue an. „Mein Fürst, Garimos hat seine Drohung wahr gemacht! Die Wolfsleute sind vor acht Tagen in einer der nördlichen Siedlungen eingefallen! Wir haben sie vorerst zurückschlagen können, aber sie haben Rache geschworen! Und wir haben außerhalb der Feste nicht genug Männer versammelt, um sie ein zweites Mal abwehren zu können!“

Der Fürst nickte, nahezu ungerührt, als hätte er diese Nachricht längst erwartet. Einen kurzen Blick mit dem fremden Berater tauschend, gab er zurück: „Dann geschieht es ganz so wie erwartet. Gut so!“

Verständnislos blickte der Bote ihn an. Die Ruhe seines Herrschers hätte ihm Sicherheit spenden sollen, doch – warum genau, das wusste er selbst nicht – pflanzte sie vielmehr eine Beklommenheit in seinen Magen, die er so nicht kannte. „Werdet Ihr Truppen aussenden?“, hakte er nach. „Mir wurde gesagt, Ihr wolltet Euch heute – das heißt, jetzt gerade – mit dem Rat darüber besprechen.“

„Oh, das tue ich! Alle, die zur Entscheidung im Krieg vonnöten sind, befinden sich in diesem Raum. Unser Freund …“, er nickte dem Mann an seiner Seite zu, ohne den Blick von dem Boten zu nehmen, „… hat ausreichend Vorsorge getroffen. Wir brauchen nicht mehr zu tun, als die Krieger, nach denen er gesandt hat, auszuschicken!“

„Aber …“ Der Bote verstand noch immer nicht. „… Wollt Ihr denn kein Hilfegesuch zum Glauberg schicken?“

„Wozu?“ Die Miene des Fürsten blieb ungerührt. Doch je länger der junge Mann hinsah, umso mehr schien es ihm, als verdüsterte sich dessen Antlitz – kaum merklich – in Gedanken an ihren mächtigen Verbündeten, der noch in jedem Krieg Hilfe gesandt hatte. Hilfe, die häufig den entscheidenden Ausschlag gegeben hatte.

Der Fürst schien den Gedanken zu teilen, und sein Gesicht gefror nun gänzlich. Nur ein dünnes Lächeln untermalte seine Worte: „Diesmal brauchen wir Dhalaitus’ Hilfe nicht. Unsere eigene Mannesstärke genügt vollkommen, um die Feinde abzuwehren.“

„Also habt Ihr einen anderen Stamm um Hilfe gebeten?“

„Warum kümmert es Euch?“, zischte der Fürst plötzlich. „Seid gewiss, junger Mann, dass die Götter unserem Stamm beistehen, wie sie es immer getan haben! Mit ihrer Hilfe werden wir auch diesmal den Sieg über die Wolfsleute erringen, ganz ohne einen Krieger des Glaubergs!“ Diesen Worten folgte eine Geste, die den Boten wortlos zum Gehen aufforderte. Dem jungen Mann lag noch eine Erwiderung auf den Lippen. Der Blick des Fürsten verriet ihm jedoch, dass er zu weit gegangen war.

Der Bote wandte sich zum Gehen. Er wusste, dass ihm die Worte des Fürsten alle Sorgen hätten nehmen sollen, doch so war es nicht. Warum nur fiel es ihm so schwer, diesem Mann zu vertrauen, der sie bisher sicher durch alle Schlachten geführt hatte?

Der Bote versuchte, nicht daran zu denken, als er die Tür der Halle aufstieß. Sein Fürst hatte einen Plan, das sollte ihm genügen. Er würde den Männern, die in den östlichen Siedlungen ausharrten, berichten, was er ihnen versprochen hatte. Das war seine Aufgabe, nichts anderes.

Damit verließ er die Halle, hinaus in den Abend, der schon graute. Ihn begleitete der Blick des Fremden, der in seinen Rücken stach, als hätte er ihn völlig durchschaut.

1

Eine Sturmböe peitschte die Holunderbüsche in Richtung Boden. Die Gewitterwolken, die sich am vergangenen Tag vor das Abendrot geschoben hatten, wehten wehrlos in Richtung Süden, getrieben von der ruhelosen Macht des Windes und unfähig, noch einen einzigen Tropfen Regen fallen zu lassen. Bedrohlich nah drückte der Wind die Bäume des Waldes zur Seite. Zu leicht war es anzunehmen, Taranis selbst trachtete danach, jenes alte Land auf ewig hinauf in die Höhen des Himmels zu wehen – und mit ihm einen einsamen Reiter.

Mit geducktem Oberkörper saß Hahles auf dem Rücken seines Hengstes. Die Haut über seinen Handgelenken hatte sich von der Anspannung, die es ihn kostete, sich gegen den Wind auf dem Pferd zu halten, bereits weiß verfärbt. Während der Sturm eine seiner blonden Haarsträhnen auf sein Gesicht presste, schickte er einen Fluch gen Himmel. Vier Tage hätte ihn die Heimreise kosten sollen, vier ganze Tage nur hatte er eingeplant, um in seine Heimat zurückzukehren. Doch während er nun mit Mühe dem Sturm zu trotzen versuchte, zweifelte er daran, überhaupt noch vor dem übernächsten Morgengrauen den schmalen Gebirgszug überquert zu haben, der in seiner vollen Höhe noch vor ihm lag. Er hatte ja so bequem sein müssen, die Abkürzung zu wählen, anstatt der großen Handelsstraße zu folgen, die zwei Tage mehr Weg, doch dafür weit bessere Bedingungen bot. So ritt er nun einen Pfad entlang, der überwiegend von örtlichen Kaufleuten und Hirten genutzt wurde, die selten zu Pferde reisten. Zugewachsen und ausgetreten wurde jeder Strauch, der seine Äste tief hinabhängen ließ, zu einem Hindernis, das dem jungen Mann unweigerlich in Rücken oder Gesicht stach – wenn nicht gleich ein ganzer Baum quer über dem Weg lag.

Ein weiterer, heftiger Windzug zwang ihn zum Anhalten. Schon ein paar Mal hatte der eisige Sturm, der über Nacht aufgezogen war, ihn beinahe vom Pferderücken geworfen. Und nun, da er spürte, wie widerwillig sein Hengst nur noch vorwärts lief, hatte er eingesehen, dass der Kampf gegen den Sturm keinen Zweck mehr hatte. Hahles zog die Zügel seines Pferdes an, bevor er sich ein wenig nach vorne neigte und vorsichtig hinunterglitt.

Das Land vor ihm war von derselben unberührten Schönheit wie der gesamte Weg, den er in den vergangenen Tagen zurückgelegt hatte. Meilenweit erstreckten sich Wälder, von wilden Wiesen und Bachläufen unterbrochen, über eine hügelige Landschaft, schmiegten sich an steile Hänge, die nach Westen hin zunahmen und immer unwegsameres Gelände boten.

Die Umgebung glich in dieser Hinsicht Hahles’ Heimat. Im Gegensatz aber zu der Region, in der der junge Ebermann geboren war, war diese Gegend fast völlig unbewohnt, sodass der Wald die ihm geraubten Flächen für sich zurückgewinnen konnte. Die hügeligen Ländereien rund um den Glauberg dagegen waren trotz ihrer Unwegsamkeit so dicht besiedelt, dass man immer wieder kleine Gutshöfe und vereinzelte Dörfer fand, bevor sie in einer fruchtbaren Ebene ausliefen. Hier jedoch, in einer Gegend weit außerhalb des Einflussgebiets vom Glauberg, lebte beinahe niemand mehr.

Obgleich er sich an der Grenze zum Niemandsland zu befinden schien, war Hahles das Gebiet wohlbekannt: Hier lebten die Widderleute. Ihr Stamm war nicht einmal annähernd so zahlreich wie der der Eberleute, jenem Volk, dem Hahles entstammte. Doch es war ein uralter Pakt, der die beiden Völker verband. Seit Generationen erzählte man sich die Geschichte des Gottes Uedhor, des Herren des Wassers, der dem hügeligen Land unzählige Quellen zum Geschenk gemacht und ihm damit Leben eingehaucht hatte. Riesige Wälder und fruchtbare Ebenen waren aus seiner Macht gediehen – allein als Brautpreis für einen menschlichen Fürsten, dessen Tochter er in Liebe verfallen gewesen war.

Die Geschichte erzählte, Uedhor habe ihr in der Nacht ihres Eherituals zwei Söhne gezeugt, die nach ihrer Mannweihe das Land unter sich aufgeteilt hatten. Mehr Jahre als das Sonnenjahr Tage zählte waren seitdem vergangen, doch die Nachfahren dieser Götterkinder herrschten noch heute über das Land, das sich Uedhoreiba nannte, das Land des Wassers. Das war es, was die Eberleute seit Generationen überliefert hatten, wie ein Stück Land zur Heimat zweier Völker geworden war, lange vor ihrer Zeit. Und bei jeder Reise, die Hahles zu den Widderleuten unternahm, musste er daran denken.

Der junge Mann war zu Handelszwecken oft über die Vogelberge in diese Region gereist. Rohstoffe wie die Erzbrocken, die man vom Gebirgsboden sammelte, und die Bronze, die die Widderleute in kunstvolle Formen gossen, hatten die Völker früher schon gegen Feinde im Krieg verteidigen müssen. Und Hahles bezweifelte, dass sich daran etwas ändern würde.

Die alten Geschichten hingen wie ein Richtschwert über den Völkern. Das Land Uedhoreiba, das die Ahnväter von Widder- und Eberleuten unter sich aufgeteilt hatten, war längst nur noch ein Teil des Gebiets, das sich im Einfluss der beiden Stämme befand. Die Vogelberge im Osten und das dahinterliegende Hügelland, das die Eberleute nur als Raino bezeichneten, waren von den Uedhor-Erben in langen Kriegen erobert worden. Während aber Dhalaitus, der Herrscher der Eberleute, seinen Einfluss längst über die fruchtbaren Auen Uedhoreibas und die Vogelberge ausgedehnt hatte, knüpfte der Widderfürst Eburatos in dem dahinterliegenden Gebirge Handelsbeziehungen gen Osten und Süden. Das Bündnis zwischen den Völkern hatte schon manchem Feind den Einzug in die begehrten Ländereien verwehrt, die seinen Stämmen Wohlstand und ein gutes Leben verschafft hätten. Auf dem Glauberg war vor Kurzem erst die Nachricht eingetroffen, dass ein neuer Fürst den kühnen Versuch wagen wollte, die Uedhoreiba für sich zu gewinnen.

Im Moment jedoch beschäftigte Hahles der Krieg wenig. Als Gesandter seines Vaters Ihlain, ein für seine Kunstfertigkeit weit bekannter Schmied, war er nach Osten über die Vogelberge gereist, um einem Händler der Widderleute einige persönlich für ihn angefertigte Schwerter zu überbringen. Hahles’ Vater hegte schon seit Langem ein freundliches und gut gepflegtes Geschäftsverhältnis mit dem ehemaligen Krieger, sodass es dem Schmied eine Freude war, seinen Sohn immer wieder persönlich in jenes entlegene Dorf am Rand der Vogelberge zu schicken – noch lieber, da dieser begann, die Beziehungen zwischen den Familien auf besondere Weise zu vertiefen.

Ein Name schwebte für kurze Zeit durch Hahles’ Gedanken, den er sogleich wieder vertrieb. Die Vergangenheit war nicht wichtig, solange er für seinen Vater einen Auftrag zu verrichten hatte. Denn außer seinem Sohn würde Ihlain niemandem die entsprechende Bezahlung für seine Werkstücke anvertrauen.

Dieser „Obolus“, wie der Widdermann jene Bezahlung zu nennen pflegte, war es auch, der Hahles in diesem Moment die größten Sorgen bereitete. Gut verborgen in einem doppelt gewebten Beutel aus Leinen, trug er unter seinem Wollmantel drei faustgroße Stücke von purem Gold. Hahles vermochte nicht zu sagen, wo der einfache Händler und Viehzüchter solche Unmengen des wertvollen und hochgeschätzten Metalls erhielt. Doch ein Händler hatte ihm eines Tages einmal anvertraut, dass der Dorfvorsteher der kleinen Siedlung es selbst zu einem hohen Preis einem anderen Volk, weiter im Osten, abgekauft hatte. Gold gegen Schwerter. Es fiel Hahles bei jedem neuen Handel schwerer zu glauben, dass ein einzelnes Schwert so viel wert war wie das Material, das nötig war, um einen Fürsten gottgleich zu schmücken.

Die Sturmböen hatten nicht nachgelassen. Der Wind drang kalt unter Hahles’ dünnen Mantel und jagte ihm einen Schauer den Rücken hinunter. Eine Hütte. Vier windgeschützte Wände mit einem wasserdichten Dach – das war es, was er sich wünschte. Doch es half nichts. Noch immer war er unter freiem Himmel.

Der Hengst an Hahles’ Seite schien zum Trost für ihn auch keinen großen Gefallen am kalten Wetter zu finden. Das kleine, robuste Tier mit einer Schulterhöhe von der Größe eines zwölfjährigen Kindes und seinem struppigen, beigebraunen Fell mit kastanienfarbenem Schweif und eben gleich gefärbter Mähne, schnaubte unwirsch an Hahles’ Seite. Die ständig wankenden und sich in ihre Richtung neigenden Büsche schienen das Tier allerdings kaum zu kümmern.

Mit Missfallen beobachtete Hahles, wie von Norden her der Wind neue Gewitterwolken herbeitrieb. Es verging kein langer Augenblick, bis diese auch in Strömen ihr Wasser auf das ungezähmte Land fallen ließen. In Gedanken fluchte Hahles in sich hinein. Es war bereits später Nachmittag. Weit und breit hatte er keine Schneise oder Lichtung am Rand der Handelsstraße ausmachen können, die sich wie eine Ader durch die endlosen Wälder schnitt – zumal er bei solch nasser Erde und feuchtem Holz wohl kein Feuer entfachen konnte.

Unwirsch zog sich Hahles die Kapuze seines Mantels so tief ins Gesicht, dass ihn der peitschende Regen dort nicht mehr erreichen konnte. Der Abend dämmerte allmählich. Der Regen ließ ein wenig nach, doch Hahles’ Kleidung war mittlerweile so durchnässt, dass es ihm schwerfiel, die Zügel seines Hengstes nicht zitternd fallen zu lassen. Während seine Gedanken wieder vor die warme Feuerstelle seines Vaters zurückwanderten, hielt der junge Mann plötzlich inne. Die nächtliche Dunkelheit hatte ihn fast eingeholt, doch selbst durch den nachlassenden Regen erkannte Hahles vor sich am Waldrand schummrig eine winzige Flamme.

Feuer! Ein Lagerfeuer! Ein kläglicher, kleiner Haufen brennenden Holzes im Kampf gegen den Regen! Misstrauisch stimmte ihn nur, welche Art Wanderer oder Reisender so lange in der Wildnis lagerte, um noch ein Feuer entzündet zu haben. Händler hatten beim hereinbrechenden Regen sicher gewagt, den kleinen Misthaufen auf der Erdstraße zu folgen, die zweifelsohne den Weg zu einem nahen Bauerngehöft weisen würden. Hahles überlegte selbst lange, ob er es ihnen gleich tun sollte. Der Regen wurde jedoch so stark, dass er ihm die Entscheidung abnahm.

Wegelagerer machen kein Feuer, das man aus der Ferne sehen kann, dachte er sich. Allerdings war er seit dem Mittag keiner anderen Menschenseele mehr begegnet. Die Gegend war größtenteils unbewohnt.

Sollte es wahrhaftig zu einem Kampf kommen, werde ich auch bestehen können! Mein Vater war mir mit dem Schwert ein guter Lehrer! Das nahm sich Hahles zum Schlachtruf. Er konnte nicht wissen, was die nahe Zukunft bringen sollte. Die Sorgen jedoch verdrängte er, als er sein Pferd beim Zügel packte und auf das kleine Lager zueilte.

Hahles sollte recht behalten, das Feuer war wahrhaftig kläglich. Zuckend kämpfte es unter einer breiten Lederdecke, die man in die Spitzen zweier stabiler Sträucher gespannt hatte, einen nahezu aussichtslosen Kampf mit dem Regen. Ein bratender Hase über seiner Flamme raubte ihm fast die letzte Kraft.

Hahles verlangsamte seine Schritte etwas, als er von Weitem die gut gelaunten Stimmen zweier Reisender vernehmen konnte. Es waren Männer, wohl kaum älter als fünfundzwanzig. Sie zeigten sich sichtlich erstaunt, als sie nach einem Moment endlich die Schritte eines Mannes mit einem Pferd wahrnahmen, der sich ihnen von dem Pfad her näherte. Während einer von ihnen – ein hochgewachsener, eher schlanker Mann mit kurz geschorenen, dunklen Haaren und einem struppigen Kinnbart – ihn misstrauisch von ferne musterte, erhob sich sein Gefährte. Es war ein Krieger – dies erkannte Hahles an Schwert und Messer in seinem Gürtel – mit langem dunkelblonden Haar und einem kantigen, reifen Gesicht, der ihrem unerwarteten Gast nun ein paar Schritte entgegen ging.

„Besuch? So früh am Abend? Wer seid Ihr?“ Der Mann sprach den Dialekt der südlichen Widderleute. Hahles war erleichtert, als er feststellte, dass er den Mann nahezu problemlos verstand. Sich mit Händen und Füßen zu verständigen, hätte ihm an einem solchen Abend gerade noch gefehlt!

Hahles trat ein Stück näher an den fremden Mann heran, zog seine Kapuze so weit aus dem Gesicht, dass man dieses erkennen konnte, und antwortete dem Fremden: „Ich bin Hahles, Sohn des Schmieds Ihlain vom Glauberg. Habt Ihr an Eurem Feuer noch Platz für einen durchnässten Reisenden?“ Hahles näherte sich dem Mann auf etwa zwei Fuß, bevor er seine Kapuze gänzlich vom Kopf zog und den Krieger bittend ansah. Dieser tauschte noch einen fragenden Blick mit seinem Gefährten, und erst als dieser zögerlich nickte, antwortete er: „Nun gut … dann seid uns willkommen, Hahles, Sohn des Ihlain vom Glauberg!“

Der Mann wandte sich von Hahles ab und ging zügig zurück zu seinem Platz am Feuer. Er ließ dem Gast Zeit, seinen Hengst mit den Zügeln an einen Baum zu binden – wobei dieser feststellte, dass auch seine Gastgeber zu Pferd gereist waren. Nur waren es vier solcher Tiere, die nun gemeinsam mit dem Hengst am Waldrand grasten. Als Hahles sich endlich zu den beiden Männern ans Feuer gesellen konnte und mit Wohlgefallen spürte, wie die sanfte Wärme der Glut durch die durchnässte Kleidung an seine Haut drang, sagte jener Mann, der ihn empfangen hatte: „Wollt Ihr Euer Schwert nicht ablegen? Sicher ist es beim Sitzen recht unbequem!“

„Ihr tragt das Eure doch auch“, erwiderte Hahles und musste dabei feststellen, dass auch der andere Mann mit den dunkleren Haaren bewaffnet war. Hahles’ Gegenüber ignorierte seinen Einspruch und entgegnete ihm: „Von uns habt Ihr nichts zu befürchten, Hahles. Aber wir ziehen es vor, in solchen Stunden nicht unbewaffnet zu sein.“

„Ich ebenso. Man kann ja nie wissen, wem man noch begegnet!“

Diese Aussage unterstrich er mit einem scharfen Lächeln, das sein Gegenüber zögern ließ. Der Mann mit den dunkelblonden Haaren zog die Augenbrauen in die Höhe und musterte Hahles einen Moment eindringlich, bevor er mit den Schultern zuckte. „Nun gut.“ Hahles war verunsichert. Er vermochte nicht zu sagen, ob er den beiden nun trauen sollte oder ob sie es waren, die ihm misstrauten. Im Gegensatz zu ihm hatten sie sich nicht vorgestellt, schienen also keinen Gefallen daran zu finden, ihn ihre Namen wissen zu lassen. Sie scheinen etwas im Schilde zu führen. Ich fürchte, ich habe mir keine guten Gefährten für diese Nacht gewählt!

Hahles war noch in seinen Gedanken versunken, als er auf einmal den dunkelblonden Mann fragen hörte: „Was führt Euch hierher, zu den Widderleuten, wenn Ihr vom Glauberg kommt?“

„Geschäfte. Für meinen Vater.“

Wieder zog der Mann die Augenbrauen in die Höhe, was Hahles den Eindruck vermittelte, dass man sich über ihn lustig machen wollte. Es verging noch ein weiterer Moment in Schweigen, bis Hahles zögerlich fragte: „Ich habe gesehen, dass Ihr mit vier Pferden gekommen seid. Darf ich fragen, wo sich Eure beiden Gefährte aufhalten?“

„Es ist nur einer. Das andere Pferd hat er jemandem abgekauft. Er wird gleich zu uns kommen“, antwortete ihm der Dunkelblonde. „Ihn …“, er senkte seine Stimme, „… ihn drängte ein kleines Bedürfnis, wenn Ihr versteht, was ich meine.“ Hahles nickte verstehend. Als er keine weiteren Fragen mehr stellte, begannen seine Gastgeber schließlich, den Hasen, den sie zuvor gebraten hatten, vom Feuer zu nehmen und vorsichtig zwischen sich aufzuteilen. Hahles für seinen Teil bekam kein Stück davon ab und bediente sich nach erstem Zögern an seinem eigenen kargen Rest Proviant, den er im Mantel bei sich trug. Im Grunde hatte er jagen wollen, sich eine kleine Mahlzeit für diesen Abend fangen, doch im steten Regen des vergehenden Tages hatte er keine Gelegenheit mehr gefunden. Sein Abendessen bestand nun aus ein paar Nüssen und einem Rest Pökelfleisch.

Das gleichmäßige Kauen und stetige Abbeißen überbrückte die sonst wohl peinliche Stille ihres Mahls. Hahles war es unbehaglich. Der dunkelhaarige Mann an der Seite des Dunkelblonden hatte seit Hahles’ Ankunft kein einziges Wort mehr gesagt. Schweigend und mit einer Mischung aus Misstrauen und Missfallen in den Augen beäugte er den ungebetenen Gast. Und je länger Hahles die beiden Männer beobachtete, die nun in einem unverständlichen Dialekt zu reden begonnen hatten, desto mehr gewann er den Eindruck, dass er wohl unpassender nicht hätte erscheinen können.

Augenblicke vergingen. Hahles konnte sich allmählich nicht mehr vorstellen, dass den Gefährten der beiden Männer ein so großes Bedürfnis gequält hatte. Diesen im Gegenzug schien es ganz recht zu sein, ihren dritten Reisenden nicht an ihrer Seite zu haben. Hahles wusste allmählich nicht mehr, ob es nicht doch besser war, auf der Stelle sein Bündel zu packen und sich außer Reichweite zu bringen.

Als er den Mienen seiner Gastgeber wieder begegnete, hatte sich in ihnen eine gewisse Entschlossenheit breitgemacht, die Hahles missfiel. Schon zuvor hatte er bemerkt, dass ihr Gespräch an Erregtheit gewonnen hatte. Verstanden hatte er kein Wort.

Behutsam legte er den Rest Proviant zurück in sein Bündel und wollte es gerade verschnüren, als er auf einmal Schritte hörte. Stapfend und nur wenig auf Ruhe bedacht bahnte sich ein hellblonder Mann von vielleicht dreiundzwanzig Jahren seinen Weg durch das Dickicht des nahen Waldrandes. Zu Anfang blickte er noch erheitert zu seinen Freunden. Sichtlich zufrieden rief er seinen beiden Gefährten etwas in jener fremdartigen Sprache zu, während er einen Ast beiseite schob, sich duckte – und sein Lächeln plötzlich verebbte.

Mit einer Mischung aus Überraschung und Skepsis sah er von Hahles zu seinen beiden Gefährten, wandte seinen Blick wieder zurück und warf den beiden sichtlich entgeistert einige Worte entgegen, die Hahles abermals nicht verstehen konnte. Er erhielt Antwort. Aus den Zügen des dunkelblonden Mannes konnte Hahles erkennen, dass dieser den so plötzlichen Ärger seines überrumpelten Gefährten nicht gutzuheißen schien. Der dritte Mann warf Hahles einen misstrauischen Blick entgegen, bevor er sich zögerlich auf ein Stück untergelegte Decke sinken ließ.

Hahles hatte längst nicht mehr vor, bei diesen Männern die Nacht zu verbringen. Nur des Anstands wegen stellte er sich ein weiteres Mal vor, bereits unauffällig darum bemüht, seine Habe zusammenzuräumen. Der hellblonde Mann, der als Letzter zu ihnen gestoßen war, beäugte Hahles misstrauisch, obgleich dieser nicht zu sagen wusste, ob der Fremde auch wirklich in der Lage war, ihn überhaupt zu verstehen.

Zu Hahles’ Erleichterung lenkte der Dunkelhaarige die Aufmerksamkeit seines Gefährten sofort wieder auf sich. Schon war Hahles aufgestanden. Die Situation ließ ihn hoffen, er könnte sich einfach aus der Runde entfernen, ohne dass irgendjemand davon Kenntnis nahm. Doch dann plötzlich stutzten die Männer.

Ein Rascheln drang aus dem Wald, lauter als dass es sich um ein kleines Tier handeln könnte. Vorsichtig standen die drei Krieger auf. Einen Moment lang lauschten sie in die Nacht hinein, unsicher darüber, was ihnen begegnen würde.

Plötzlich hallte ein Schrei zwischen den Bäumen wider. Die Stimme trug den Schatten erstickender Panik und einen Hauch aufkommender Hoffnung, abgeschwächt durch irgendetwas, das den Schall zu bremsen vermochte. Dann erschien ein Gesicht zwischen den Bäumen, keine zwanzig Fuß von Hahles entfernt. Er konnte gerade noch erkennen, wie eine Gestalt, an Händen und Füßen gefesselt, einem Tier gleich durch den Schlamm robbte, seinen Knebel ausspuckte und ihn anschrie: „Hilf mir! Bitte! Du musst mir helfen!“

Die Stimme gehörte einem Mann, einem der Eberleute! Es kostete Hahles keinen Gedanken. Wie aus einem Reflex heraus, packte er den Schwertknauf an seinem Gürtel. Es gelang ihm gerade noch, die Waffe herauszuziehen, wollte sie gegen den Widdermann schlagen, der ihm am nächsten war, doch es war schon zu spät.

Ein Schmerz, stumpf und pochend, durchzuckte Hahles’ Schädel mit einer solchen Wucht, dass ihm übel wurde. Er verlor sein Schwert aus den Händen. Wie durch einen Schleier spürte er noch das Knie, das sich in seinen Magen bohrte, bevor er nach hinten taumelte, das Gleichgewicht verlor. Dann wurde vor seinen Augen alles schwarz.

image

Die ganze Welt war ein einziges Gemisch aus grauschwarzen Farbschlieren. Hahles’ Kopf schmerzte mit einer solchen Unbarmherzigkeit, dass die Übelkeit augenblicklich zurückkehrte, sobald er ein Auge öffnete. Er konnte nicht denken. Jeder einzelne Gedanke schien eine solche Mühe zu kosten, dass es angenehmer war, zurück in traumlosen Schlaf zu fallen. Hahles wollte nicht denken, er wollte schlafen.

Wie aus einem weit entfernten, leeren Raum drangen verwaschene Stimmen an seine Ohren. Zwei Männer. Laute, die ihm bekannt waren, er konnte verstehen, was sie sagten. Als sprächen sie durch einen Schleier in die Dunkelheit, hörte er einen von ihnen mit unterdrücktem Zorn raunen: „Wie konnte dieser Idiot nur zulassen, dass sich der Schamane befreit! Ich dachte eigentlich, wir hätten es mit jemandem zu tun, der weiß, was er tut!“

„Umso besser, dass alles doch noch schnell verlaufen ist!“, hörte Hahles eine zweite Stimme erwidern. „Jetzt sind wir dieses Bürschchen wenigstens los! Ich hatte schon befürchtet, er belästigt uns noch die ganze Nacht!“

„Wenn ich ihn abgewiesen hätte, hätte er doch gleich Verdacht geschöpft!“

„Nicht unbedingt. Scheinbar war er doch nicht auf der Suche nach unserem gefesselten Knaben! Was hatte er eigentlich noch bei sich?“

„Du wirst es kaum glauben! Drei dicke, faustgroße Stücke Gold!“

Das Gold! Etwas begann sich in Hahles zu regen. Das Gold … das Gold seines Vaters. Die Worte des zweiten Mannes lenkten Hahles’ Aufmerksamkeit zurück. „Kaum zu glauben … das ist ein ganzes Vermögen …“ Er hielt einen Moment inne. „Wir werden sie aber nicht mitnehmen!“

„Bist du verrückt geworden?“ Aus der Stimme des ersten Mannes sprach ein Gemisch aus Ungläubigkeit und Entsetzen. „Was glaubst du, was wir uns davon kaufen können? Alles! Essen! Waffen! Land! Die Freiheit!“

„Ich weiß. Aber wir werden ihm keinen weiteren Grund geben, uns zu folgen! Wenn wir scheitern und auffliegen, bleibt keine Zeit mehr, irgendetwas mit dem Gold zu kaufen!“

Das Gold! Hahles musste irgendetwas tun, um das Gold zurückzuholen! Aber was hatte er da gehört? Sie wollten es ihm überlassen … ihm …? Hahles konnte nicht mehr denken. Von Neuem legten sich Schatten vor seine Augen und der Nebel schickte ihn zurück in eine tiefe, schwarze Bewusstlosigkeit.

2

Die kühle Luft über dem Glauberg war von Frühnebeln durchzogen. Von Norden her trug der Wind den Duft dessen, was die Bewohner der Siedlung seit Langem erwartet hatten: Den Sommer.

Der Glauberg war ein gewaltiger, sich nach Nordosten hin länglich erstreckender Hügel in einer Talsenke am Rande der Vogelberge. Eingesäumt von Wäldern und wilden Wiesen hatten die Ahnen der Eberleute vor weit über hundert Jahren mit dem Bau der Siedlung begonnen, wo deren Vorfahren bereits Ruinen ihrer Häuser hinterlassen hatten. Heute verlief sie vom Westhang bis in das Tal hinein.

Die Kuppe, die zu einem Plateau abgeflacht war, hatte man mit einer Mauer aus Stein und Holzpfosten geschützt. Wer sich im Leben Ansehen, Macht oder das Vertrauen der Mächtigen angeeignet hatte, siedelte dort mit seiner Familie. Handwerker und Bauern jedoch, die sich dem Schutz der hohen Krieger unterstellten, hatten ihre Häuser am nordwestlichen Hang des Glaubergs zu errichten. Nur zum Markt zog es sie alle in das Zentrum des Plateaus, seit Jahren bereits auch Händler aus weiten Teilen des Landes.

Die Siedlung erblühte. Wald hatte den Feldern weichen müssen. Nur am östlichen Rand des Plateaus, jenseits der Wälle, hatte man nicht gewagt, die Bäume zu fällen. Denn die Schamanen waren sich sicher gewesen, dass Götter in diesem Wald lebten und der Glauberg ihres Schutzes bedurfte. Betrat man das Plateau, schien es manchmal, als kehre man zurück in die Vergangenheit. Schon die Ahnen der Eberleute hatten diesen Ort als heilig erkannt. Es war die Göttin des Berges selbst, die aus den Tiefen des Gesteins ihr heiliges Wasser aus Quellen nach außen sandte. Und Dhalaitus’ Vater war es gewesen, der es am Nordhang des Berges in einem beinahe fünfhundert Fuß messenden Reservoir aufgefangen hatte.

Das Reservoir gehörte den Menschen, doch die Quelle war der Ort der Götter. Nur die weisesten, ältesten Schamanen hatten das Privileg inne, in dem von eigenen Annexwällen geschützten Areal um das Wasserbecken zu siedeln und über die Wohnstatt der Quellgeister zu wachen.

Am Südhang hingegen siedelten die Wächter eines anderen Mysteriums aus älterer Vergangenheit. Knapp ein Dutzend glatt gehauener Baumstämme hatten schon die Ahnen des Glaubergs in einer besonderen Anordnung dort in die Erde gerammt. Geweiht waren sie einer der höchsten keltischen Göttinnen, der Mondgöttin, markierten deren Wenden ebenso wie ihren Aufgang zu Winterbeginn und dem ihres gottgleichen Bruders der Sonne zur Wintersonnenwende. Die Legenden erzählten, dass jeder Baumstamm zu Ehren eines großen Helden aufgestellt worden war, eines Helido, der sich Zeit seines Lebens so verdient gemacht hatte, dass er anstatt wiedergeboren zu werden in die Reihen der Götter aufgestiegen war. Den Größten von ihnen waren jene Stämme geweiht, die die höchsten Jahresfeste markierten. Die Schilde mit ihren Totems hingen an den Baumstämmen und sollten somit auf ewig an ihre Heldentaten erinnern. Dazwischen lagen ihre Grabmäler, gewaltige Grabhügel, in die ihre Ahngeister an den hohen Feiertagen zurückkehrten, um den Lebenden mit ihrem Wissen beizustehen.

Der Eberfürst Dhalaitus strebte selbst danach, in ihre Reihen einzukehren. Das munkelte man auf dem Glauberg. Dort wollte an diesem Tag aber niemand über den Tod dieses Mannes spekulieren. Die Siedlung erwachte nur langsam. Fast niemand bemerkte, dass es schon jemanden gab, der ihnen allen vorausgeeilt war.

Mit heftigen Schritten stieg Dunaan die Stufen zum Haus des Fürsten hinab. So verärgert wie sie war, hegte sie keinerlei Interesse, auf den jungen Mann zu warten, der vergeblich mit ihr Schritt zu halten versuchte.

Dunaan kümmerte Borigennos’ Anwesenheit nicht im Geringsten. Sie schnaufte nur wütend, als ihr der jüngste Bruder des Fürsten Dhalaitus hinterherrief: „Dunaan, verdammt! Jetzt warte doch wenigstens auf mich!“

Dunaan dachte nicht daran. Sie sah keinen Sinn darin, noch weiter mit dem Einundzwanzigjährigen zu diskutieren, dessen Sturheit ihrer eigenen gleich kam.

„Dunaan, bitte!“ Borigennos hatte sie nun doch eingeholt. Sie erkannte sein markantes Gesicht mit den scharfen Wangenknochen, den hellbraunen Augen und den langen roten Haaren, die ihm locker auf den Schultern hingen. Ein kluger Mann, wie sie immer empfunden hatte. Vielleicht an diesem Tag aber klug genug, um ihren Zielen im Wege zu stehen.

Der Trotz stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie sich ruckartig zu Borigennos umwandte und den Krieger anfauchte: „Was bitte‘? Was soll ich tun? Was willst du von mir? Willst du mir sagen, dass ich wieder zur Vernunft kommen soll? Dass es zu riskant ist? Dass eine Frau wie ich für eine solche Mission ungeeignet ist?“

Dunaan funkelte Borigennos wütend an, bis dieser endlich Worte gefunden hatte. Er schien sich missverstanden zu fühlen. „Dunaan!“ Seine Stimme war ruhiger geworden. „Dunaan, verstehst du nicht, auf was du dich einlassen willst? Du willst ganz allein mit ein paar Männern wie ein Späher in die Linien der Hirschleute reiten, nur um zu sehen, wie ihre Lage aussieht? Dunaan, das ist Wahnsinn!“

„Wahnsinn?“ Dunaan trat so nah an Borigennos heran, dass sie ihm beinahe ins Gesicht spuckte. „Derselbe Wahnsinn, den Dutzende Krieger schon vor mir begangen haben!“

„Das waren aber Freiwillige! Einfache Krieger, im Kampf meist nicht von großem Nutzen. Sie haben sich aus freiem Willen geopfert, und sie haben sich ihre Ehre damit verdient. Aber du, Dunaan! Du kannst dich nicht einfach kopfüber in den Tod stürzen, nur weil du damit beweisen willst, wie wagemutig du bist!“ Borigennos fasste sie sacht an den Schultern, und als er nun in ihre Augen sah, erkannte sie in ihnen zum ersten Mal seit dem Beginn dieses Krieges echte Sorge. „Ich bitte dich! Ich weiß, was die Männer über dich erzählen. Ich weiß, wie sie reden, und ich kann verstehen, dass es dich kränkt. Aber ist es das wert? Ist dieses Geschwätz es wert, dass du dafür dein Leben lässt?“

Dunaan hielt einen Moment inne. Ein Gewirr aus Gedanken blockierte ihren Kopf. Dieser Zustand war gefährlich. Er unterdrückte auch ihren Trotz und ihre Wut. Sie gestand sich widerwillig ein, dass Borigennos recht hatte.

Beinahe ein Monat war vergangen, seit ein Späher von einem gut sechshundert Mann starken Trupp Krieger vom Stamm der Hirschleute berichtet hatte, der schlagartig seine Heimat verlassen hatte. Dhalaitus hatte im Grunde schon lange geahnt, dass Bhalitatix, der Fürst dieses Stammes an den Grenzen zu Uedhoreiba, nicht mehr lange untätig beobachten würde, wie die Bewohner des Glaubergs in Wohlstand und Fülle lebten. Das Land und seine Fruchtbarkeit waren es, die schon lange die Gier von Bhalitatix auf sich gezogen hatten. Und der letzte, ungewöhnlich harte Winter war ihnen Grund genug für diese Verzweiflungstat gewesen. Sie wollten sich endlich im fruchtbaren Gebiet der Eberleute festsetzen.

Die Eberleute waren ein mächtiges Volk, seit Jahrzehnten siegreich in vielen Kriegen. Doch der zurückliegende Winter, in dem Dhalaitus’ Kriegerheer durch Hunger und Krankheit dezimiert worden war, hatte selbst Dhalaitus dazu gezwungen, im Angesicht der Bedrohung nach Hilfe zu senden. Drei Söhne hatte die Mutter des Fürsten zur Welt gebracht. Dem Erstgeborenen war die Chance verwehrt geblieben, vom Rat der Eberleute zum neuen Fürsten bestimmt zu werden. Zum Erstaunen aller Schamanen hatte er in der großen Prüfung versagt, in der die Götter seine Macht als Fürst legitimiert hätten. Und manchmal vermutete Dhalaitus, dass er dem sogar freiwillig nachgeholfen hatte. Statt die Fürstenwürde zu tragen, hatte Bhranag sich selbst zum Führer eines Teils des Heeres und Vorsteher einer großen Siedlung weit im Westen Uedhoreibas gemacht. Loyal und seinem Bruder treu ergeben, war der bereits alternde Mann mit seinen knapp vierzig Jahren Dhalaitus mit vollem Heer zur Hilfe geeilt. Er bot die Übermacht, die dem Fürsten den entscheidenden Vorteil bringen sollte.

Bhranag war zum Glauberg gereist und hatte seine Tochter Dunaan mit sich genommen. Der langsam in die Jahre kommende Heerführer war Zeit seines Lebens ein geachteter und mächtiger Mann gewesen. Doch selbst Dunaan bemerkte schon, wie die Zeit an ihm nagte. Es lag nahe, dass dieser Krieg der letzte sein würde, in welchem Bhranag seine Männer selber anführen konnte. Es würde Zeit werden, seine Stellung als Heerführer abzutreten – an das einzige Kind, das seine Frau ihm jemals geschenkt hatte.

Dunaans dünne, mädchenhafte Figur erweckte nur schwerlich den Eindruck, dass sie überhaupt ein Schwert halten konnte. Doch Dunaan sollte eine Heerführerin werden. Bhranag hatte sie niemals unter Druck gesetzt, hatte von ihr nie verlangt, in seine Fußstapfen zu treten. Je mehr aber die Männer begannen, über sie zu spotten und ihre Kampfeskraft in Frage zu stellen, desto mehr erwachte in ihr verbitterter Ehrgeiz.

Sie konnte diese Position niemand anderem geben. Sie würde damit jeglichen Respekt verlieren, den sie sich Zeit ihres Lebens angeeignet hatte. Das war es nicht wert! Um sich zurückzuziehen, war es längst zu spät. Dunaan konnte es nicht riskieren, ihre Ehre zu verlieren und damit alles bloßzustellen, was ihr Vater Zeit seines Lebens verteidigt hatte. Entweder sie würde sich im Angesicht des Feindes beweisen können oder sie würde wenigstens zu ihren Ahnen in das Jenseits eingehen – mit dem Gefühl, kein Feigling gewesen zu sein.

Mit diesen Gedanken vor Augen sah Dunaan nun Borigennos an. Sie wusste, was ihn drängte, was ihn dazu brachte, sie zurückzuhalten und mit allen Mitteln von dem Gedanken abzubringen, sich den Spähern anzuschließen. Es war eines der größten Wagnisse, das sie in den siebzehn Jahren ihres Lebens hatte eingehen müssen. Und wenn sie daran dachte, sich vor den höhnenden Kriegern ihres Vaters zurückzuziehen – jene, die nur darauf warteten, sie bloßzustellen – wusste sie, dass sie keine Wahl mehr hatte.

„Verzeih mir, Borigennos.“ Dunaans Stimme war etwas sanfter geworden. Sie konnte erkennen, wie eine leichte Windbö ihrem Freund die Haare vor das Gesicht wehte. Mit einer unwirschen Handbewegung schob er sie hinter die Ohren. Borigennos war immer ihr Gefährte gewesen, ihr Freund. Obwohl sein Verwandtschaftsgrad dem eines Onkels entsprach, war er doch immer der große Bruder gewesen, den Dunaan sich an ihrer statt als Bhranags Erstgeborenen gewünscht hatte. Es schmerzte sie zu sehen, welche Sorge sie Borigennos bereitet hatte. Im Grunde hatte er ja recht – es war Wahnsinn.

„Ich kann nicht mehr zurück. Ich werde gehen. Verzeih mir! Verzeih mir, dass ich euch allen damit so große Sorgen bereite. Aber ich habe keine Wahl.“ Borigennos senkte den Blick und presste die Lippen aufeinander. Sein Nicken kam widerwillig. „Ich weiß“, antwortete er ihr. „Es wird vielleicht keine passendere Gelegenheit mehr geben, deinen zukünftigen Männern zu beweisen, wie stark und kühn du wirklich bist. Wenn ich dich nicht halten kann, dann werde ich dir nicht im Weg stehen!“

Ein Lächeln huschte über Dunaans Lippen. Es war Frühling, der Beginn allen Lebens. Sie sollten jetzt keinen Krieg führen müssen! Behutsam legte sie eine Hand auf Borigennos’ linke Schulter und drückte sie sanft, als sie zu ihm sagte: „Ich danke dir!“

Dann ging sie. Borigennos überfiel, da er sie durch das hohe Gras des Plateaus laufen sah, ein unbeschreibliches Gefühl von Hilflosigkeit. Er wollte sie nicht gehen lassen. Sie war seine Nichte, seine Schwester, der fehlende Teil seiner Seele. Er würde das Wissen nicht ertragen können, sie in den Tod geschickt zu haben.

Sie war so schlank. Die antrainierten Muskeln der letzten Wochen zeichneten sich fremdartig dominant unter dem dünnen Leinenstoff ihrer tunikaartigen Bluse ab. Sie waren ein scharfer Kontrast zu den Konturen ihrer so schmalen Taille, der beinahe knabenhaften Hüfte, deren Umrisse sich fast ganz unter dem weiten Schnitt der an ihren Knöcheln geschürten Reiterhosen verloren. Frauen pflegten so etwas für gewöhnlich nicht zu tragen. So wie vieles, das Dunaan besaß. Oder das Dunaan tat. Sie wollte mit allen ihr möglichen Mitteln ein Krieger sein, eine Heerführerin. Und Borigennos zweifelte nicht einmal daran, dass es ihr eines Tages gelingen würde.

Doch noch war sie nicht soweit. Nicht jetzt. Und eben deshalb wollte er sie nicht gehen lassen – zumindest nicht allein.

„Dunaan!“ Mit einem Mal war Borigennos jegliche Vernunft egal. Von dem plötzlichen Entschluss wie beflügelt, eilte er seiner Nichte hinterher, welche sich zu ihm umgedreht hatte. Sie schwieg, bis er ihre Seite erreicht hatte. „Ich komme mit dir!“

Erstaunt blickte Dunaan auf. „Du willst was?“

„Ja!“ Sein Tonfall wurde bestimmender. „Ich lasse dich nicht alleine gehen! Wenn es denn sein muss, will ich wenigstens in dem Glauben sterben, alles getan zu haben, um dein Leben zu retten!“

Einen Augenblick lang starrte Dunaan Borigennos nur fassungslos an. Er spürte, dass seine Nichte irgendetwas zu ihm sagen wollte. Doch noch bevor es ihr gelungen war, verschluckte sie die unausgesprochenen Laute und fiel ihrem jungen Onkel um den Hals.

„Wir reiten schon heute“, sagte sie dabei. „Glaubst du, Dhalaitus wird es billigen, wenn du so kurzfristig von seiner Seite weichst?“

Sie lösten sich voneinander.

„Ich unterstehe dem Kommando deines Vaters. Dhalaitus hat zwar angedroht, er würde mich nach diesem Krieg zu seinem zweiten Heerführer ernennen, aber ich glaube, Bhranag und er werden für diese wenigen Tage auf mich verzichten können.“

„Und wenn du nicht wiederkehrst?“ In diesem Moment war nun Dunaan die Besorgte. Borigennos für seinen Teil zuckte nur unbeeindruckt mit den Schultern. „Ich werde nicht sterben, nicht als Späher. Das würde sich nicht gut machen, wenn ich vor unsere Ahnen treten muss, ohne einmal auch nur einer einzigen, richtigen Schlacht beigewohnt zu haben!“

Dunaan grinste schräg. Sie kannte Borigennos. Im Grunde würde ihn die Angst nicht weniger quälen als sie selbst. Doch er würde sich wohl eher von einem der Hirschleute töten lassen, als ihr dies einzugestehen. Trotz allem fühlte Dunaan sich plötzlich sehr sicher, als sie sich an der Seite von Borigennos auf den Weg den Glauberg hinab machte. Es würde wenigstens ein Verbündeter da sein, der sie auf dieser Mission begleitete. Und auch, wenn es ihr noch nicht wirklich bewusst wurde, verspürte sie in ihrem Inneren auf einmal einen gewissen Hauch von Zuversicht.

Was in diesem Augenblick weder Dunaan noch Borigennos ahnten, war, dass man sie beobachtet hatte. Mit nachdenklicher Miene war es der Fürst selbst, der aufrecht an einem kunstvoll verzierten Stuhl lehnte und den beiden jungen Menschen schweigend hinterhersah. Dhalaitus hatte einen solchen Augenblick kommen sehen. Der große Hauptraum seines Hauses, der mit einer Länge von beinahe dreißig Fuß schon immer als Versammlungs- und Empfangssaal sämtlicher Angelegenheiten gedient hatte, war an diesem Morgen offen gewesen, als Dhalaitus ihn betreten hatte. Und eine Person, welche die Wachen ohne Widerrede einließen, konnte nur zu seinen engsten Vertrauten gehören.

Tiefe Falten lagen in Dhalaitus’ Stirn, als er über den beinahe menschenleeren Raum blickte, mit seinen elf geschnitzten Stühlen, fünf an jeder Raumseite und einer frontal gegenüber des Eingangs. Sein Platz, der Rest für Gäste und Berater. Seine Nichte Dunaan war diesen Morgen Seite an Seite mit ihrem Vater und Borigennos, dem jüngsten der drei Brüder, in das Haus des Fürsten gestürmt. Schon seit Anbruch des Tages hatte wohl der Streit zwischen Borigennos und Bhranag getobt: Eine Diskussion darüber, dass Dunaan es sich in den Kopf gesetzt hatte, gemeinsam mit Dhalaitus’ Spähern in das Lager der Hirschleute zu reiten.

Bhranag war noch immer hier. Der alternde Heerführer saß müde auf einem der Stühle zu Dhalaitus’ Linken, den Kopf in eine Hand gestützt, den Blick nach draußen gerichtet. Bhranag war schon älter als achtunddreißig Jahre. Gedankenverloren wackelte er an einem losen, fauligen Zahn, den er wohl als Dritten diesen Monat noch verlieren würde. Dhalaitus stimmte es traurig, wie sein älterer Bruder seinen eigenen Krieg mit dem Alter focht. Denn es waren nicht nur seine Haut erschlafft und seine Haare ergraut. Bhranag war alt geworden. Trotz seiner bärengleichen Statur, die schon immer seine geringe Körpergröße von gerade fünfeinhalb Fuß hatte nichtig werden lassen, war es noch immer eine Aura stillen Respekts, die ihn umgab – das Wesen des Anführers, des Kriegsherren. Doch Dhalaitus wusste, viele Jahre würde er nicht mehr unter ihnen weilen.

Dhalaitus selbst war kaum achtundzwanzig Jahre alt. Er und Borigennos waren die Söhne des zweiten Mannes ihrer verstorbenen Mutter, einer großen Frau, die schon vor ihrem Tod zum Teil ihrer Stammeslegenden geworden war. Sie hatte so lange gelebt, dass sie noch ihre erste Enkelin hatte Laufen sehen können, bevor die Götter sie zu sich geholt hatten. Zu diesem Zeitpunkt aber waren zwei ihrer Söhne bereits alt genug gewesen, um ihre Nachfolge anzutreten, zwei Erben, deren Blutlinie bis auf den Gott Uedhor zurückreichten. Das Urteil, wer von ihnen nun über das Land des Wassers herrschen sollte, war dem Rat der Eberleute und den Schamanen überlassen worden, die letztendlich den Jüngeren, Dhalaitus, erwählt hatten. Im Gegensatz zu Bhranag hatte er in der großen Prüfung, in der sich jeder Fürst vor den Göttern zu beweisen hatte, nicht versagt. Auch wenn er noch heute vermutete, dass Bhranag der Entscheidung nachgeholfen hatte. Vielleicht zu Recht. Denn auch wenn Dhalaitus wusste, dass die Götter manchmal zu seinem älteren Bruder sprachen, hätte dieser doch immer mit Unwohlsein die großen Rituale angeleitet, deren Führung dem Fürsten oblag. Bhranag kannte und ehrte die Götter. Aber er befasste sich lieber mit den Menschen – auch wenn er sich dafür der Herrschaft seines kleinen Bruders unterstellte.

Somit war er an diesem Morgen mit seiner Tochter und seinem nur wenig älteren jüngsten Bruder zu Dhalaitus gekommen. Im Grunde hatte Bhranag kaum Zuspruch für die Idee seiner Tochter finden können. Er fürchtete das Geschehen und hatte Angst um sie. Doch eigentlich, damit war Dhalaitus sich sicher, war es die Bewunderung ihrer Kühnheit, die Bhranag zur Zustimmung in dieser Sache verleitet hatte. Borigennos war empört darüber gewesen. Dhalaitus wusste von der brüderlichen Zuneigung, die der junge Mann für seine Nichte empfand, und er konnte ihm nicht verdenken, dass er ihr Leben mit allen Mitteln schützen wollte.

Es wirkte unpassend, als Dhalaitus auf einmal mit einer Frage die Stille durchbrach: „Du willst sie wirklich einfach so gehen lassen, Bhranag?“

Langsam wandte der Angesprochene sich zu seinem Bruder um. Mit einer Mischung aus Zweifeln und Müdigkeit antwortete er: „Sag mir, was ich sonst tun soll? Sie ist erwachsen! Sie hat sich in den Kopf gesetzt, das Erbe anzutreten, das ihr zusteht. Irgendwann wird sie sich mit derselben Leichtsinnigkeit in den Kampf stürzen müssen, wie es alle jungen Krieger einmal tun. Und ich bin mir sicher, ich habe sie in siebzehn Jahren genug gelehrt, dass sie auch lebend von diesem Unternehmen zurückkehren wird.“

Dhalaitus nickte schweigend. „Es scheint so. Es wundert mich, dass du bei all deiner Sorge nicht versucht hast, sie von diesem Gedanken abzubringen!“

„Hast du es denn versucht, Dhalaitus? Du bist der Fürst, ihr Onkel. Es lag auch in deiner Macht, sie aufzuhalten!“

„Ja. Aber ich glaube, wenn sie sich selbst diese Prüfung setzt, um damit den Respekt ihrer Männer zu gewinnen, dann wird es vielleicht eine gute Entscheidung gewesen sein.“

„Siehst du!“ Bhranag richtete seinen Oberkörper auf und rückte dabei das Eberfell zurecht, das er sich um die Schultern gelegt hatte. „Genau darum geht es. Sie ist erwachsen. Andere Frauen gebären in diesem Alter ihr erstes Kind. Sie muss selbst für sich entscheiden, was gut ist. Oder glaubst du wahrhaftig, ich schicke meine eigene Tochter in den Tod?“

Dhalaitus antwortete nicht. Ihm missfiel, welche Anschuldigungen man aus seinen Worten hatte lesen können. Denn an manchen Tagen fiel es ihm noch immer schwer zu glauben, dass er und nicht Bhranag zum Fürsten gewählt worden war. Er war ein guter, ein fähiger Mann. Und in diesem Augenblick überfiel Dhalaitus wie schon so oft der Gedanke, ob Bhranag von ihnen beiden nicht der bessere Anführer der Eberleute gewesen wäre – die Rituale hin oder her.

„Ich weiß, an was du gerade denkst!“ Bhranags Worte rissen Dhalaitus so jäh aus seinen Gedanken, dass er fast aufschreckte, als sein Bruder weitersprach: „Und ich sage dir, in dem Moment, da unsere Leute dich zum Fürsten und höchsten Schamanen aller Eberleute ernannten, haben sie den Richtigen zum Anführer gemacht.“ Bhranag erhob sich von seinem Stuhl und trat an Dhalaitus heran. Dieser entgegnete tonlos: „Du hast dich von Anfang an dagegen gestellt.“

„Dhalaitus, ich bin ein Krieger. Ich mag vielleicht sogar von mir behaupten, dass ich der bessere Kämpfer von uns beiden bin.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Berg der Kelten. Die Herrscher des Glaubergs" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen