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Der Anruf kam nach Mitternacht

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PROLOG

Berlin

Es bedarf zwanzig Sekunden konstanten Drucks auf die Halsschlagader, um einen Menschen bewusstlos zu machen. Zwei Minuten länger, und der Tod ist unausweichlich. Simon Dance brauchte kein medizinisches Fachbuch, um ihm diese Fakten zu erklären – er wusste sie aus Erfahrung. Er wusste außerdem, dass die Garrotte nicht durchhängen durfte. Wenn die Schnur nicht straff gespannt war, wenn sie zuließ, dass auch nur ein kurzer Schwall kostbaren Bluts das Gehirn des Opfers erreichte, würde das den Kampf nur unnötig verlängern. Es machte den ganzen Prozess nachlässig, ja sogar gefährlich. Nichts war so brutal wie ein sterbender Mann.

Während er in der Dunkelheit hockte, wickelte Dance sich die Garrotte zwei Mal um die Hände und schaute auf das beleuchtete Zifferblatt seiner Uhr. Zwei Stunden waren vergangen, seitdem er das Licht ausgeschaltet hatte. Sein Attentäter war offensichtlich ein vorsichtiger Mann, der sichergehen wollte, dass Dance tief und fest schlief. Wenn der Kerl ein Profi war, wüsste er, dass die ersten beiden Stunden Schlaf die tiefsten waren. Jetzt war der Zeitpunkt, um zuzuschlagen.

Draußen auf dem Flur knarrte eine Stufe. Dance spannte sich an, dann erhob er sich langsam und wartete in der Dunkelheit neben der Tür. Er ignorierte das Pochen seines Herzens und spürte den vertrauten Adrenalinrausch, der seine Reflexe in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Er spannte die Garrotte zwischen seinen Händen.

Ein Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt. Dance hörte das metallische Klicken des Barts, der leicht über Metall schabte. Der Schlüssel wurde gedreht, und das Schloss öffnete sich mit einem leisen Geräusch. Langsam schwang die Tür auf, und das Licht aus dem Flur fiel in den Raum. Ein Schatten trat durch die Tür und wandte sich dem Bett zu, wo ein Mann zu schlafen schien. Der Schatten hob seine Arme. Drei Kugeln aus einem Schalldämpfer schlugen ins Kissen ein. Als die dritte Kugel traf, schlug Dance zu.

Er schlang die Garrotte um den Hals des Eindringlings und riss die Schnur nach hinten und oben. Sie spannte sich genau um die ungeschützteste Stelle der Halsarterie, direkt unter dem Kiefer. Die Waffe fiel zu Boden. Der Mann schlug um sich wie ein Fisch am Haken und riss panisch an der Garrotte. Er streckte die Arme nach hinten und versuchte, Dance im Gesicht zu kratzen. Seine Arme und Beine waren außer Kontrolle, zuckten und stießen in alle Richtungen. Dann gaben die Beine langsam nach und die Arme streckten sich ein letztes Mal aus, bevor sie schlaff wurden. Während Dance die Minuten zählte, spürte er die letzten Zuckungen des Körpers, die Krämpfe der verhungernden und absterbenden Gehirnzellen. Er hielt weiter fest.

Nach drei Minuten lockerte Dance die Garrotte, und der Körper sackte zu Boden. Dance schaltete das Licht ein und betrachtete den Mann, den er gerade getötet hatte.

Das fleckige Gesicht kam ihm vage vertraut vor. Vielleicht hatte er den Mann schon mal irgendwo auf der Straße oder im Zug gesehen, aber er kannte seinen Namen nicht. Schnell durchsuchte er seine Kleidung, fand aber nur Geld, einen Autoschlüssel und ein paar Werkzeuge, die zu seinem Handwerk gehörten: Ersatzmagazine, ein Messer, einen Dietrich. Ein namenloser Profi, dachte Dance und fragte sich spontan, wie viel man ihm wohl bezahlt hatte.

Er zog den Leichnam aufs Bett und warf die drei Kissen beiseite, die er unter der Bettdecke platziert hatte. Er schätzte die Körpergröße auf ungefähr einen Meter fünfundachtzig. Die gleiche Größe. Gut. Dance tauschte die Kleidung mit dem Toten; das war vermutlich unnötig, aber er war ein gründlicher Mann. Dann nahm er seinen Ehering ab und versuchte, ihn der Leiche auf den Finger zu schieben, aber er passte nicht über den Knöchel. Er ging ins Badezimmer, seifte den Ring ein und schaffte es schließlich, ihn auf den Ringfinger des Toten zu drücken. Dann setzte er sich und rauchte ein paar Zigaretten, während er überlegte, ob er irgendetwas vergessen hatte.

Die drei Kugeln natürlich. Er wühlte in den Kissen und dem Inlett und fand zwei der drei Kugeln. Die dritte steckte vermutlich irgendwo in der Matratze. Bevor er tiefer graben konnte, hörte er Schritte auf dem Flur. Hatte der Angreifer einen Komplizen? Dance hob die Waffe, zielte auf die Tür und wartete. Die Schritte gingen weiter und verklangen am Ende des Korridors. Falscher Alarm. Trotzdem, er sollte jetzt gehen; länger zu bleiben wäre dumm.

Aus der Kommodenschublade holte er eine Flasche Methanol. Das würde schnell brennen und keine Rückstände hinterlassen. Er goss es über die Leiche, das Bett und den davor liegenden Teppich. Das Zimmer hatte weder Rauchmelder noch eine automatische Sprinkleranlage – aus genau diesem Grund hatte Dance sich für dieses Hotel entschieden. Er stellte den Aschenbecher neben das Bett, sammelte die Habseligkeiten des Toten sowie die Methanol-Flasche ein und steckte alles in eine Mülltüte. Dann setzte er das Bett in Brand.

Mit einem Zischen erhoben sich die Flammen und hüllten innerhalb von Sekunden die Leiche ein. Dance wartete nur so lange, bis er sicher war, dass nichts Identifizierbares übrig bleiben würde.

Mit der Mülltüte in der Hand verließ er das Zimmer, schloss die Tür und ging den Flur hinunter zum Brandmelder. Er sah keinen Sinn darin, unschuldige Menschen zu töten, also durchschlug er die Scheibe und zog den Alarmhebel. Dann nahm er die Treppe ins Erdgeschoss.

Aus einer Allee auf der anderen Straßenseite beobachtete er, wie die Flammen aus seinem Fenster schlugen. Das Hotel wurde evakuiert, und die Straße füllte sich mit schläfrig aussehenden Menschen, die in Decken gewickelt waren. Innerhalb von zehn Minuten fuhren drei Löschzüge vor. Zu diesem Zeitpunkt war sein Zimmer bereits ein loderndes Inferno.

Das Feuer zu löschen dauerte eine Stunde. Eine Gruppe Schaulustiger gesellte sich zu den in der Kälte zitternden Hotelgästen, und Dance musterte ihre Gesichter und speicherte sie ab. Wenn er einen von ihnen wiedersehen würde, wäre er gewarnt.

Dann erblickte er durch eine dichte Menschentraube hindurch eine schwarze Limousine, die langsam die Straße hinaufkroch. Er erkannte den Mann auf dem Rücksitz. Also war die CIA hier. Interessant.

Er hatte genug gesehen. Es war schon spät, und er musste zurück nach Amsterdam.

Drei Straßen weiter warf er die Mülltüte mit der leeren Methanol-Flasche in einen Mülleimer. Damit war auch das letzte Detail erledigt. Er hatte getan, weshalb er nach Berlin gekommen war. Er hatte Geoffrey Fontaine getötet. Jetzt war es an der Zeit zu gehen. Pfeifend verschwand er in der Dunkelheit.

Amsterdam

Der alte Mann wurde morgens um drei Uhr mit Neuigkeiten geweckt: „Geoffrey Fontaine ist tot.“

„Wie?“, wollte der alte Mann wissen.

„Ein Brand in einem Hotel. Sie sagen, er hätte im Bett geraucht.“

„Ein Unfall? Das ist nicht möglich. Wo ist die Leiche?“

„In der Rechtsmedizin in Berlin. Sie ist sehr stark verbrannt.“

Natürlich, dachte der alte Mann. Er hätte wissen müssen, dass die Leiche nicht identifizierbar sein würde. Simon Dance hatte wie üblich hervorragende Arbeit geleistet, um seine Spuren zu verwischen. Also hatten sie ihn erneut verloren.

Aber der alte Mann hatte noch ein Ass im Ärmel. „Du hast mir gesagt, es gäbe eine amerikanische Ehefrau“, sagte er. „Wo lebt sie?“

„In Washington.“

„Ich werde sie beobachten lassen.“

„Aber warum? Ich habe dir gerade erzählt, dass der Mann tot ist.“

„Er ist nicht tot. Er lebt noch. Dessen bin ich mir sicher. Und diese Frau weiß, wo er ist. Ich will, dass sie beobachtet wird.“

„Ich werde meine Männer …“

„Nein. Ich werde eigene Männer schicken. Jemanden, auf den ich mich verlassen kann.“

Es entstand eine Pause. „Ich besorge dir ihre Adresse.“

Nachdem er aufgelegt hatte, konnte der alte Mann nicht wieder einschlafen. Fünf Jahre lang hatte er gewartet. Fünf Jahre lang hatte er gesucht. Dem Ziel so nahe zu kommen und dann doch wieder zu versagen! Jetzt hing alles davon ab, was diese Frau in Washington wusste.

Er musste geduldig sein und darauf warten, dass sie sich selbst verriet. Er würde Kronen schicken, einen Mann, der ihn noch nie enttäuscht hatte. Kronen hatte seine eigenen Methoden, um an Informationen zu kommen – Methoden, denen zu widerstehen äußerst schwierig war. Aber das war ja auch Kronens besonderes Talent – seine Überzeugungskraft.

1. KAPITEL

Washington

Es war schon nach Mitternacht, als das Telefon klingelte.

Durch den schweren Vorhang des Schlafs hörte Sarah es läuten. Der Klang wirkte unglaublich weit entfernt, als würde in einem Zimmer außerhalb ihrer Reichweite ein ferner Alarm ertönen. Sie kämpfte darum, aufzuwachen, war aber irgendwo in einer Welt zwischen Schlaf und Wachsein gefangen. Sie musste ans Telefon gehen; sie wusste, dass Geoffrey anrief, ihr Ehemann.

Den ganzen Abend über hatte sie darauf gewartet, Geoffreys Stimme zu hören. Es war Mittwochabend, und auf seinen monatlichen Reisen nach London rief Geoffrey immer am Mittwoch zu Hause an. Heute jedoch war sie schniefend und hustend früh ins Bett gegangen, ein Opfer der jüngsten Grippewelle, die Washington erwischt hatte. Es war die Influenza A-63 aus Hongkong, ein besonders unangenehmer Virus, den sie nun mit der Hälfte ihrer Kollegen in dem Mikrobiologielabor teilte. Eine Stunde lang hatte sie im Bett gesessen, gelesen und darum gekämpft, wach zu bleiben. Aber die Kombination aus einer Erkältungskapsel und dem aktuellsten Journal of Microbiology hatte schneller gewirkt als jede Schlaftablette. Innerhalb weniger Minuten war sie, noch mit der Brille auf der Nase, in die Kissen gesunken. Nur kurz ausruhen, hatte sie sich versprochen. Nur ein kleines Nickerchen … Am Ende hatte der Schlaf sich angeschlichen und sie hinterrücks überfallen.

Sie schreckte hoch und sah, dass die Nachttischlampe noch eingeschaltet war und die Fachzeitschrift quer über ihrer Brust lag. Das Zimmer war ein wenig unscharf. Sie schob ihre Brille zurecht und schaute auf die Uhr auf dem Nachttisch. Halb eins. Das Telefon war totenstill. Hatte sie nur geträumt?

Sie zuckte zusammen, als das Telefon erneut klingelte. Schnell nahm sie den Hörer ab.

„Mrs. Sarah Fontaine?“, erkundigte sich eine Männerstimme.

Das war nicht Geoffrey. Der Schreck zuckte wie ein Blitz durch ihren Körper. Irgendetwas stimmte hier nicht. Sie setzte sich auf und war mit einem Mal hellwach. „Ja, am Apparat“, sagte sie.

„Mrs. Fontaine, hier ist Nicholas O’Hara vom US-Außenministerium. Es tut mir leid, dass ich Sie um diese Uhrzeit anrufe, aber …“ Er hielt inne. Das Schweigen machte ihr am meisten Angst, denn es war zu absichtlich, zu geübt, ein strategisch platzierter Puffer, um sie auf den Schlag vorzubereiten. „Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten“, beendete er den Satz schließlich.

Ihre Kehle zog sich zusammen. Sie wollte schreien: Sagen Sie es mir einfach! Sagen Sie mir, was passiert ist! Aber alles, was sie herausbrachte, war ein Flüstern. „Ja. Ich höre.“

„Es geht um Ihren Ehemann, Geoffrey“, sagte er. „Es hat einen Unfall gegeben.“

Das ist nicht real, dachte sie und schloss die Augen. Wenn Geoffrey verletzt worden wäre, hätte ich es gespürt. Irgendwie hätte ich gewusst …

„Es ist vor ungefähr sechs Stunden passiert“, fuhr er fort. „In dem Hotel Ihres Mannes hat es ein Feuer gegeben.“ Eine weitere Pause. Dann fragte er mit Besorgnis in der Stimme: „Mrs. Fontaine? Sind Sie noch da?“

„Ja. Bitte, fahren Sie fort.“

Der Mann räusperte sich. „Es tut mir leid, Ihnen das mitteilen zu müssen, Mrs. Fontaine. Ihr Mann … er hat es nicht geschafft.“

Er gestattete ihr einen Moment der Stille, einen Augenblick, in dem sie darum kämpfte, ihre Trauer in sich zu halten. Es war ein dummer, irrationaler Akt des Stolzes, der sie dazu brachte, die Hand auf den Mund zu pressen, um das Schluchzen zu unterdrücken. Der Schmerz war zu privat, um ihn mit einem Fremden zu teilen.

„Mrs. Fontaine?“, fragte er sanft. „Geht es Ihnen gut?“

Endlich gelang es ihr, zitternd Luft zu holen. „Ja“, flüsterte sie.

„Sie müssen sich keine Gedanken über die … Vorkehrungen machen. Ich werde alle Einzelheiten mit unserem Konsulat in Berlin koordinieren. Natürlich wird es eine kleine Verzögerung geben, aber sobald die deutschen Behörden die Freigabe des Leichnams erteilt haben, sollte es keine …“

„Berlin?“, unterbrach sie ihn.

„Nun, es unterliegt ihrer Zuständigkeit, wissen Sie. Es wird einen vollständigen Bericht geben, sobald die Berliner Polizei …“

„Aber das ist nicht möglich.“

Nicholas O’Hara bemühte sich, geduldig zu sein. „Es tut mir leid, Mrs. Fontaine. Seine Identität ist bestätigt worden. Wirklich, es besteht kein Zweifel daran …“

„Geoffrey war in London“, rief sie.

Es folgte ein langes Schweigen. „Mrs. Fontaine“, sagte er schließlich mit irritierend ruhiger Stimme. „Der Unfall ist in Berlin passiert.“

„Dann hat man einen Fehler gemacht. Geoffrey war in London. Er kann unmöglich in Deutschland gewesen sein!“

Wieder entstand eine Pause, länger diesmal. Jetzt merkte sie, dass er verwirrt war. Sie drückte den Hörer so fest gegen ihr Ohr, dass sie ein paar Sekunden lang nichts hörte außer dem Klopfen ihres Herzens. Es musste sich um einen Fehler handeln. Ein verrücktes, dummes Missverständnis. Geoffrey musste noch am Leben sein. Sie sah ihn vor sich, wie er über die absurde Nachricht seines eigenen Todes lachte. Ja, sie würden gemeinsam darüber lachen, wenn er wieder nach Hause kam. Falls er wieder nach Hause kam.

„Mrs. Fontaine“, sagte der Mann schließlich. „In welchem Hotel ist er in London abgestiegen?“

„Im … im Savoy. Irgendwo hier habe ich die Telefonnummer … Lassen Sie mich nachschauen …“

„Ist schon gut, ich finde sie heraus. Lassen Sie mich ein paar Anrufe tätigen. Vielleicht sollten wir uns morgen früh treffen.“ Seine Worte waren mit Bedacht gewählt und vorsichtig, ausgesprochen in dem emotionslosen Ton eines Bürokraten, der gelernt hat, sich nichts anmerken zu lassen. „Können Sie in meinem Büro vorbeikommen?“

„Wie … wie finde ich das?“

„Kommen Sie mit dem Wagen?“

„Nein, ich habe kein Auto.“

„Dann schicke ich Ihnen jemanden vorbei.“

„Das ist ein Fehler, oder? Ich meine … Sie machen doch auch mal Fehler, oder nicht?“ Ein wenig Hoffnung, das war alles, worum sie ihn bat. Ein kleiner Strohhalm, an den sie sich klammern konnte. So viel könnte er ihr doch geben. Er könnte ihr ein klein wenig Güte zeigen.

Aber er sagte nur: „Wir sehen uns morgen früh, Mrs. Fontaine. So gegen elf.“

„Warten Sie bitte! Es tut mir leid. Ich kann nicht klar denken. Wie war Ihr Name noch mal?“

„Nicholas O’Hara.“

„Und Ihr Büro befindet sich wo?“

„Machen Sie sich darüber keine Gedanken“, erwiderte er. „Der Fahrer wird Sie hinbringen. Gute Nacht.“

„Mr. O’Hara?“

Sarah hörte das Freizeichen und wusste, dass er bereits aufgelegt hatte. Sofort wählte sie die Nummer des Savoy Hotels in London. Ein Anruf und die Sache wäre geklärt. Bitte, betete sie, als die Verbindung aufgebaut wurde, bitte, lass mich deine Stimme hören …

„Savoy Hotel“, sagte eine Frau am anderen Ende der Welt.

Sarahs Hand zitterte so stark, dass sie kaum den Hörer halten konnte. „Hallo. Mr. Geoffrey Fontaines Zimmer, bitte“, platzte sie heraus.

„Es tut mir leid, Ma’am“, sagte die Stimme. „Mr. Fontaine hat vor zwei Tagen ausgecheckt.“

„Ausgecheckt?“, rief sie. „Aber wo ist er hin?“

„Er hat uns kein Ziel genannt. Aber wenn Sie eine Nachricht hinterlassen möchten, leiten wir sie gerne an seine Wohnadresse weiter …“

Sie konnte sich nicht erinnern, ob sie sich überhaupt verabschiedet hatte, bevor sie auflegte. Sie starrte das Telefon an, als wäre es etwas Fremdes, etwas, das sie noch nie zuvor gesehen hatte. Langsam wanderte ihr Blick zu Geoffreys Kissen. Das große Doppelbett schien sich in die Unendlichkeit zu erstrecken. Sarah hatte sich immer auf einem kleinen Teil davon zusammengerollt. Selbst wenn Geoffrey nicht zu Hause war und sie das Bett für sich allein hatte, rührte sie sich nie von ihrem Platz.

Jetzt kam Geoffrey vielleicht nie wieder nach Hause.

Sarah blieb allein zurück in einem Bett, das zu groß war, in einer Wohnung, die zu still war. Sie erschauerte, als eine stumme Welle des Schmerzes sich in ihr erhob und in ihrer Kehle stecken blieb. Sie wollte verzweifelt weinen, doch die Tränen weigerten sich zu kommen.

Sie sank mit dem Kopf zuerst auf die Kissen. Sie rochen nach Geoffrey. Sie rochen nach seiner Haut und seinen Haaren und seinem Lachen. Sie umklammerte eines der Kissen mit ihren Armen und rollte sich in der Mitte des Betts zusammen, genau auf der Stelle, auf der Geoffrey immer lag. Das Laken war eiskalt.

Geoffrey käme vielleicht nie wieder nach Hause. Sie waren erst seit zwei Monaten verheiratet.

Nick O’Hara trank seinen dritten Kaffee aus und zerrte an seiner Krawatte, um sie zu lockern. Nachdem er in seinem zweiwöchigen Urlaub nur Badehosen getragen hatte, fühlte sich sein Schlips an wie ein Galgenstrick. Er war erst seit drei Tagen zurück in Washington und schon wieder gereizt. Ferien sollten dazu dienen, die Batterien aufzuladen. Deshalb war er auf die Bahamas geflogen. Er hatte zwei wunderbare Wochen damit verbracht, absolut nichts zu tun, außer halb nackt in der Sonne zu liegen. Er hatte die Zeit allein gebraucht, um sich selbst ein paar harte Fragen zu stellen und einige Entschlüsse zu fassen.

Aber der einzige Entschluss, zu dem er gekommen war, war, dass er unglücklich war.

Nach acht Jahren beim Außenministerium hatte Nick O’Hara die Nase voll von seinem Job. Er lief im Kreis wie ein Schiff ohne Ruder. Seine Karriere stockte, was nicht allein seine Schuld war. Stück für Stück hatte er seine Geduld für die politischen Spielchen des Staates verloren – er war nicht in der Stimmung zu spielen. Er machte jedoch weiter, weil er an seine Arbeit glaubte, an ihren intrinsischen Wert. Von Friedensmärschen in seiner Jugend zu Friedensgesprächen auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Aber Ideale, das hatte er erkannt, brachten einen nicht weiter. Verdammt, Diplomatie lief nicht über Ideale. Sondern, genau wie alles andere, über Protokolle und Politik gemäß der Parteilinie. Während er sein Protokoll perfektioniert hatte, hatte er das mit der Politik nicht so richtig hinbekommen. Es war nicht so, dass er es nicht konnte. Er wollte es nicht.

In dieser Hinsicht war Nick ein lausiger Diplomat. Unglücklicherweise stimmten diejenigen, die das Sagen hatten, ihm in diesem Punkt offensichtlich zu. Also war er auf diesen gottverlassenen Konsularposten in D. C. versetzt worden und musste frisch verwitweten Frauen schlechte Neuigkeiten überbringen. Das war keine sonderlich subtile Ohrfeige. Sicher, er hätte sich dem Auftrag verweigern können. Er hätte in seine bequeme Nische als Dozent an der American University zurückkehren können. Darüber hatte er nachdenken müssen. Ja, er hatte diese beiden Wochen allein auf den Bahamas gebraucht.

Was er nicht brauchte, war, zu all dem hier zurückzukehren.

Seufzend schlug er die mit Fontaine, Geoffrey H. beschriftete Akte auf. Eine Kleinigkeit hatte ihn schon den ganzen Morgen über gestört. Seit ein Uhr nachts hatte er auf den Computermonitor gestarrt und alles ausgegraben, was er in den umfangreichen Regierungsakten finden konnte. Er hatte außerdem eine halbe Stunde mit seinem Kumpel Wes Corrigan vom Konsulat in Berlin telefoniert. Frustriert hatte er sich schließlich ein paar ungewöhnlichen Quellen gewidmet. Was als Routineanruf bei einer Witwe begonnen hatte, um ihr sein Beileid auszudrücken, entwickelte sich langsam in etwas Kompliziertes. Ein Puzzle, für das Nick nicht alle Teile hatte.

Um ehrlich zu sein, gab es außer den bekannten Einzelheiten über Geoffrey Fontaines Tod kaum irgendwelche Teile, mit denen er spielen konnte. Unvollständige Puzzles gefielen Nick überhaupt nicht. Sie machten ihn wahnsinnig. Wenn es darum ging, nach weiteren Informationen, weiteren Fakten zu graben, konnte er unersättlich sein. Aber im Moment, als er die dünne Fontaine-Akte anhob, fühlte er sich, als hielte er eine Tüte voller Luft: nichts von Substanz außer einem Namen.

Und einem Toten.

Nicks Augen brannten. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und gähnte. Als er zwanzig und noch auf dem College gewesen war, hatte es ihm einen Kick versetzt, bis tief in die Nacht wach zu sein. Jetzt, mit achtunddreißig, machte es ihn nur übellaunig. Und hungrig. Um sechs Uhr am Morgen hatte er drei Donuts hinuntergeschlungen. Der Zuckerrausch, kombiniert mit Koffein, hatte gereicht, um ihn weitermachen zu lassen. Und jetzt war er zu neugierig, um aufzuhören. So war es immer, wenn er ein Puzzle vor sich hatte. Er war nicht sicher, ob ihm das gefiel.

Er schaute auf, als seine Bürotür geöffnet wurde. Sein Kollege Tim Greenstein schlenderte herein.

„Bingo! Ich habe es gefunden!“, sagte Tim. Er ließ eine Akte auf den Tisch fallen und schenkte Nick sein breites Grinsen, für das er berühmt war. Meistens galt dieses Grinsen seinem Computerbildschirm. Tim war ein Problemlöser, der Mann, den alle anriefen, wenn Daten nicht dort waren, wo sie sein sollten. Dicke Brillengläser verzerrten seine Augen – die Folgen eines Katarakts in seiner Kindheit. Ein buschiger schwarzer Bart verdeckte den Großteil seines Gesichts, mit Ausnahme der blassen Stirn und seiner Nase.

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich es finde“, sagte Tim und ließ sich in den ledernen Sessel vor Nicks Schreibtisch fallen. „Ich habe meinen Kumpel beim FBI ein wenig herumfischen lassen. Er hat nichts gefunden, also habe ich selber etwas nachgeforscht. Ich sage dir, es war nicht leicht, das aus den Verschlusssachen herauszuholen. Sie haben da so einen neuen Idioten, der darauf beharrt, alles nach Vorschrift zu machen.“

Nick runzelte die Stirn. „Du musstest damit durch die Sicherheitsabteilung?“

„Jupp. Da ist noch mehr, aber darauf konnte ich nicht zugreifen. Ich habe herausgefunden, dass die Company eine Akte über deinen Mann hat.“

Die Company war die interne Bezeichnung für die CIA. Nick klappte die Mappe auf und starrte den Inhalt erstaunt an. Was er sah, warf mehr Fragen auf als je zuvor. Fragen, für die es keine Antworten zu geben schien. „Was zum Teufel hat das zu bedeuten?“, murmelte er.

„Deshalb kannst du nichts über Geoffrey Fontaine finden“, sagte Tim. „Bis vor einem Jahr hat der Kerl nicht existiert.“

Nick riss den Kopf hoch. „Kannst du mir mehr besorgen?“

„Hey, Nick, ich glaube, wir betreten hier unbefugtes Gebiet. Diese Jungs von der CIA werden darüber nicht erfreut sein.“

„Dann sollen sie mich doch verklagen.“ Die CIA schüchterte Nick nicht im Geringsten ein. Nicht nach all den inkompetenten Männern, die er dort kennengelernt hatte. „Wie auch immer“, sagte er achselzuckend. „Ich mache nur meine Arbeit. Ich habe eine trauernde Witwe, erinnerst du dich?“

„Aber diese Fontaine-Sache geht ziemlich tief.“

„Du auch, Tim.“

Tim grinste. „Was ist los, Nick? Wirst du auf einmal zum Detektiv?“

„Nein. Ich bin nur neugierig.“ Mit finsterer Miene betrachte er den Stapel Arbeit auf seinem Tisch. Das war alles bürokratischer Unsinn – der Fluch seiner Existenz –, aber er musste erledigt werden. Dieser Fontaine-Fall lenkte ihn ab. Er sollte der trauernden Witwe einfach die Schulter tätscheln, ein paar tröstende Worte murmeln und sie nach Hause schicken. Dann sollte er die ganze Sache vergessen. Geoffrey Fontaine – oder wie auch immer sein echter Name lautete – war tot.

Aber Tim hatte Nicks Neugier angefacht. Er schaute seinen Freund an. „Okay, wie wäre es, wenn du ein paar Sachen über seine Frau herausfindest? Sarah Fontaine. Das könnte uns weiterbringen.“

„Warum machst du das nicht selbst?“

„Du bist derjenige mit dem nahezu unbegrenzten Computerzugriff.“

„Ja, aber du hast die Frau.“ Tim nickte in Richtung Tür. „Ich habe gehört, wie die Sekretärin ihren Namen notiert hat. Sarah Fontaine sitzt in diesem Augenblick in deinem Vorzimmer.“

Die Sekretärin war eine Frau mittleren Alters, mit grauen Haaren, porzellanblauen Augen und einem Mund, der permanent zu zwei schmalen Linien zusammengepresst war. Sie schaute gerade lange genug von ihrer Schreibmaschine auf, um Sarahs Namen zu notieren und sie zu bitten, auf der in der Nähe stehenden Couch Platz zu nehmen.

Auf dem Beistelltisch neben der Couch lag ein ordentlicher Stapel mit den üblichen Wartezimmerzeitschriften sowie ein paar Ausgaben von Foreign Affairs und World Press Review, auf denen noch der Adressaufkleber prangte: Dr. Nicholas O’Hara.

Als die Sekretärin sich wieder ihrer Tastatur zuwandte, ließ Sarah sich in die Kissen auf der Couch sinken und starrte ausdruckslos auf ihre Hände, die gefaltet in ihrem Schoß lagen. Sie hatte die Grippe noch nicht ganz abgeschüttelt, und ihr war immer noch kalt und elendig. Aber in den letzten zehn Stunden hatte sich eine gewisse Taubheit über sie gelegt, eine Schutzschicht, durch die sie alles, was sie sah und hörte, wie aus weiter Ferne wahrnahm. Selbst der körperliche Schmerz wurde von einer gewissen Dumpfheit begleitet. Als sie sich am Morgen den Zeh in der Dusche gestoßen hatte, hatte sie das Pochen zwar gespürt, aber es war ihr irgendwie egal gewesen.

Letzte Nacht, nach dem Anruf, hatte der Schmerz sie überwältigt. Jetzt war sie nur betäubt. Sie senkte den Blick und bemerkte zum ersten Mal, was für ein Durcheinander sie angezogen hatte. Nichts von dem, was sie trug, passte zusammen. Und doch hatte sie sich auf unterbewusster Ebene genau die Dinge herausgesucht, die ihr Trost spendeten: ihr grauer Lieblingsrock aus Wolle, ein alter Pullover, braune Schnürschuhe. Das Leben war für Sarah mit einem Mal beängstigend geworden. Sie musste sich vom Vertrauten trösten lassen.

Die Gegensprechanlage der Sekretärin summte und eine Stimme sagte: „Angie? Können Sie bitte Mrs. Fontaine hereinschicken?“

„Ja, Mr. O’Hara.“ Angie nickte Sarah zu. „Sie können jetzt hineingehen“, sagte sie.

Sarah setzte ihre Brille auf, erhob sich und betrat das Büro, an dem das Namensschild N. O’Hara hing. Kurz hinter der Tür blieb sie auf dem dicken Teppich stehen und schaute ruhig zu dem Mann auf der anderen Seite des Schreibtischs.

Er stand vor dem Fenster. Die Sonne schien durch die kahlen Bäume und blendete sie. Zuerst sah sie nur die Silhouette des Mannes. Er war groß und schlank und seine Schultern waren ein wenig zusammengesackt – er wirkte müde. Er löste sich vom Fenster, kam um den Schreibtisch herum und begrüßte sie. Sein blaues Hemd war zerknittert; eine nichtssagende Krawatte hing lose um seinen Hals, als hätte er daran gezogen.

„Mrs. Fontaine“, sagte er. „Ich bin Nick O’Hara.“ Sofort erkannte sie die Stimme vom Telefon wieder; die gleiche Stimme, die vor gerade einmal zehn Stunden ihre Welt zerstört hatte.

Er streckte ihr seine Hand hin, eine Geste, die Sarah als zu automatisch vorkam, nur eine Formalität, die er ohne Zweifel jeder Witwe angedeihen ließ. Aber sein Händedruck war fest. Als er sich ein wenig zum Fenster drehte, fiel das Licht auf sein Gesicht. Sie sah lange, schmale Züge, einen kantigen Kiefer, einen nüchternen Mund. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig, vielleicht ein wenig älter. Seine dunklen Haare waren an den Schläfen leicht ergraut. Unter den schieferfarbenen Augen lagen dunkle Ringe.

Er bedeutete ihr, auf dem Stuhl Platz zu nehmen. Sie setzte sich und bemerkte zum ersten Mal, dass sich noch eine dritte Person im Raum befand – ein Mann mit Brille und buschigem Bart, der still in einer Ecke saß. Sie hatte ihn vorher schon gesehen, als er durch das Vorzimmer gegangen war.

Nick setzte sich auf die Schreibtischkante und schaute sie an. „Das mit Ihrem Ehemann tut mir sehr leid, Mrs. Fontaine“, sagte er sanft. „Ich weiß, das muss ein fürchterlicher Schock sein. Die meisten Menschen wollen uns nicht glauben, wenn sie diesen Anruf erhalten. Ich hatte das Gefühl, Sie persönlich treffen zu müssen. Denn ich habe Fragen. Wie Sie mit Sicherheit auch.“ Er nickte zu dem bärtigen Mann. „Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn Mr. Greenstein dabei ist?“

Sie zuckte mit den Schultern und fragte sich kurz, warum Mr. Greenstein da war.

„Wir arbeiten beide für die Regierung“, fuhr Nick fort. „Ich im Bereich Konsulatsaufgaben des Außenministeriums. Mr. Greenstein ist von unserer Technikabteilung.“

„Ich verstehe.“ Zitternd zog sie den Pullover enger um sich. Der Schüttelfrost setzte wieder ein, und ihr Hals tat weh. Warum war es in Regierungsbüros immer so kalt? fragte sie sich.

„Geht es Ihnen gut, Mrs. Fontaine?“, fragte Nick.

Sie schaute ihn kläglich an. „In Ihrem Büro ist es sehr kalt.“

„Kann ich Ihnen einen Kaffee bringen lassen?“

„Nein danke. Bitte, ich möchte nur erfahren, was mit meinem Ehemann passiert ist. Ich kann es immer noch nicht glauben, Mr. O’Hara. Ich denke immer noch, dass irgendetwas nicht stimmt. Dass es sich um einen Fehler handelt.“

Er nickte mitfühlend. „Es ist eine übliche Reaktion, zu glauben, es handle sich um einen Fehler.“

„Wirklich?“

„Leugnung. Die macht jeder durch. Das ist es, was Sie im Moment fühlen.“

„Aber Sie bitten nicht jede Witwe in Ihr Büro, oder? Irgendetwas an Geoffrey muss anders sein.“

„Ja“, gab er zu. „Das stimmt.“

Er drehte sich um und nahm eine Akte von seinem Schreibtisch. Nachdem er ein wenig darin geblättert hatte, zog er ein Blatt mit Notizen heraus. Die Handschrift war ein kaum zu lesendes Gekritzel. Das muss seine Schrift sein, überlegte Sarah. Niemand außer dem Verfasser selbst könnte sie jemals entziffern.

„Nachdem ich Sie angerufen habe, Mrs. Fontaine, habe ich mich mit unserem Konsulat in Berlin in Verbindung gesetzt. Was Sie letzte Nacht gesagt haben, hat mich ausreichend irritiert, um noch einmal die Fakten zu überprüfen.“ Er hielt inne und wartete, bis sie ihn erwartungsvoll anschaute. Sie sah zwei ruhige Augen, die sie müde und besorgt musterten. „Ich habe mit Wes Corrigan gesprochen, unserem Konsul in Berlin. Folgendes hat er mir erzählt.“ Er schaute auf seine Notizen. „Gestern gegen acht Uhr abends Berliner Zeit hat ein Mann namens Geoffrey Fontaine im Hotel Regina eingecheckt. Er hat mit einem Travellerscheck bezahlt – die Unterschrift passte – und sich mit seinem Reisepass ausgewiesen. Ungefähr vier Stunden später, gegen Mitternacht, hat das Hotel die Feuerwehr gerufen. Das Zimmer Ihres Mannes stand in Flammen. Als sie das Feuer unter Kontrolle hatten, war der Raum komplett zerstört. Die offizielle Erklärung lautet, dass er beim Rauchen im Bett eingeschlafen ist. Ich fürchte, Ihr Ehemann ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.“

„Wie können Sie dann sicher sein, dass er es ist?“, platzte Sarah heraus. Bis zu diesem Moment hatte sie mit wachsender Verzweiflung zugehört. Aber Nick O’Hara hatte gerade zu viele andere Möglichkeiten ins Spiel gebracht. „Sein Reisepass hätte ihm von jemandem gestohlen worden sein können.“

„Mrs. Fontaine, lassen Sie mich zu Ende erzählen.“

„Aber Sie haben gerade gesagt, dass man die Leiche nicht identifizieren konnte.“

„Versuchen wir doch, logisch zu sein.“

„Ich bin logisch.“

„Sie sind emotional. Hören Sie, es ist normal, dass man als Witwe nach Strohhalmen greift, aber …“

„Ich bin noch nicht überzeugt davon, dass ich überhaupt eine Witwe bin.“

Er hob frustriert die Hände. „Okay, okay. Dann schauen Sie sich die Beweise an. Die harten Fakten. Erstens, man hat seinen Aktenkoffer in dem Zimmer gefunden. Er ist aus Aluminium und feuerfest.“

„So etwas hat Geoffrey nie besessen.“

„Der Inhalt hat das Feuer unbeschadet überstanden. Der Reisepass Ihres Mannes befand sich in dem Koffer.“

„Aber …“

„Dann ist da der Bericht des Rechtsmediziners. Ein Berliner Pathologe hat die Leiche – oder das, was von ihr übrig war – kurz untersucht. Auch wenn es keine Zahnunterlagen zum Vergleich gab, hat der Tote die gleiche Körpergröße wie Ihr Ehemann.“

„Das hat gar nichts zu sagen.“

„Und schließlich …“

„Mr. O’Hara …“

„Schließlich“, sagte er mit Nachdruck, „haben wir noch einen Beweis. Etwas, das wir an der Leiche selber gefunden haben. Es tut mir leid, Mrs. Fontaine, aber ich glaube, das wird Sie überzeugen.“

Mit einem Mal wollte sie sich die Ohren zuhalten und ihn anschreien aufzuhören. Bis zu diesem Moment hatte sie allen Beweisen widerstanden. Aber sie konnte ihm nicht länger zuhören. Sie ertrüge es nicht, alle ihre Hoffnungen in sich zusammenfallen zu sehen.

„Es war ein Ehering. Die Inschrift war noch lesbar. Sarah 2-14.“ Er schaute von seinen Notizen auf. „Das ist doch Ihr Hochzeitsdatum, oder?“

Alles verschwamm, als ihre Augen sich mit Tränen füllten. Schweigend neigte sie den Kopf. Die Brille rutschte ihr von der Nase und fiel ihr in den Schoß. Blind suchte sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch, doch da zauberte Nick O’Hara schon eine ganze Schachtel Kleenex aus der Luft.

„Nehmen Sie sich, was Sie brauchen“, sagte er leise.

Er sah zu, wie sie sich die Tränen abwischte und versuchte, sich würdevoll die Nase zu putzen. Unter seinen Blicken fühlte sie sich so ungelenk und dumm. Selbst ihre Finger verweigerten ihr den Dienst. Ihre Brille glitt von ihrem Schoß auf den Boden. Ihre Handtasche wollte sich nicht schließen lassen. In dem verzweifelten Wunsch, endlich von hier fortzukommen, sammelte sie ihre Sachen zusammen und erhob sich.

„Bitte, Mrs. Fontaine, setzen Sie sich wieder. Ich bin noch nicht ganz fertig“, sagte er.

Wie ein gehorsames Kind kehrte Sarah zu ihrem Stuhl zurück, setzte sich und starrte auf den Boden. „Wenn es um die Beerdigung geht …“

„Nein, darum können Sie sich später kümmern, nachdem wir den Leichnam zurückgebracht haben. Aber ich habe noch eine Frage an Sie. Es geht um die Reise Ihres Mannes. Warum war er in Europa?“

„Geschäftlich.“

„Was für Geschäfte?“

„Er war … Repräsentant der Bank of London.“

„Also ist er viel gereist?“

„Ja. Er war beinahe jeden Monat in London.“

„Nur in London?“

„Ja.“

„Erzählen Sie mir, warum er in Deutschland war, Mrs. Fontaine.“

„Ich weiß es nicht.“

„Sie müssen doch irgendeine Vorstellung haben.“

„Ich weiß es nicht“, wiederholte sie.

„War es typisch für ihn, Ihnen nicht zu sagen, wohin er reiste?“

„Nein.“

„Warum war er dann in Deutschland? Es muss einen Grund gegeben haben. Vielleicht andere Geschäfte? Andere …“

Sie schaute auf und sah ihn scharf an. „Andere Frauen? Das wollten Sie doch fragen, oder nicht?“

Er erwiderte nichts.

„Oder nicht?“

„Das ist ein plausibler Verdacht.“

„Nicht bei Geoffrey.“

„Bei jedem.“ Er schaute ihr direkt in die Augen. Sie weigerte sich, den Blick abzuwenden. „Sie waren gerade einmal zwei Monate verheiratet“, sagte er. „Wie gut kannten Sie Ihren Ehemann?“

„Wie gut ich ihn kannte? Ich habe ihn geliebt, Mr. O’Hara.“

„Ich spreche hier nicht von Liebe, was auch immer das bedeutet. Ich fragte, wie gut Sie den Mann kannten. Wer er war, was er tat. Wie lange waren Sie schon ein Paar?“

„Seit … ich schätze, es ist sechs Monate her. Da habe ich ihn in einem Coffeeshop in der Nähe meiner Arbeitsstelle getroffen.“

„Wo arbeiten Sie?“

„National Institutes of Health. Ich bin in der Mikrobiologieforschung tätig.“

„Was für eine Art von Forschung?“

„Bakterielle Genome … Wir teilen DNA … Warum fragen Sie danach?“

„Das sind geheime Forschungen.“

„Ich verstehe trotzdem nicht, warum …“

„Ist die Forschung geheim, Mrs. Fontaine?“

Sie starrte ihn an, erschrocken von seinem scharfen Ton. Ganz leise sagte sie. „Ja. Ein Teil davon.“

Er nickte und zog ein weiteres Blatt aus der Akte. Ruhig fuhr er fort: „Ich habe Mr. Corrigan in Berlin gebeten, den Reisepass Ihres Mannes zu überprüfen. Wann immer man in ein anderes Land reist, wird das Einreisedatum auf einer neuen Seite mit einem Stempel vermerkt. Der Reisepass Ihres Mannes wies mehrere Stempel auf. London. Shiphol, bei Amsterdam. Und zuletzt Berlin. Alle Daten lagen innerhalb der letzten Woche. Haben Sie irgendeine Erklärung, warum er gerade diese Städte besucht hat?“

Sie schüttelte verwirrt den Kopf.

„Wann hat er Sie zuletzt angerufen?“

„Vor einer Woche. Aus London.“

„Sind Sie sicher, dass er in London war?“

„Nein. Er hat mich direkt angewählt, ohne über eine Vermittlung zu gehen.“

„Hatte Ihr Mann eine Lebensversicherung?“

„Nein. Ich meine, ich weiß es nicht. Er hat nie etwas in der Art erwähnt.“

„Gibt es irgendjemanden, der von seinem Tod profitiert? Finanziell meine ich?“

„Ich glaube nicht.“

Er nahm ihre Antwort mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis. Dann setzte er sich wieder auf die Schreibtischkante, verschränkte die Arme vor der Brust und wandte für einen Moment den Blick ab. Sie sah förmlich, wie sein Gehirn die Informationen verarbeitete, die Puzzlestücke hin und her schob. Sie war genauso verwirrt wie er. Nichts von all dem ergab Sinn; nichts schien möglich zu sein. Geoffrey war ihr Ehemann gewesen, und nun fing sie an, sich zu fragen, ob Nick O’Hara womöglich recht hatte. Dass sie ihn nie wirklich gekannt hatte. Dass alles, was sie und Geoffrey geteilt hatten, ein Bett und ein Zuhause gewesen waren, aber niemals ihre Herzen.

Nein, das war alles falsch. Es war ein Verrat an seinem Andenken. Sie glaubte an Geoffrey. Warum sollte sie diesem Fremden vertrauen? Warum erzählte ihr dieser Mann all diese Dinge? Hatte er einen anderen Grund dafür? Plötzlich verabscheute sie Nick O’Hara aus vollem Herzen. Er schleuderte ihr aus ungenannten Gründen all diese Fragen an den Kopf.

„Wenn Sie dann fertig sind …“, sagte sie und erhob sich erneut.

Er zuckte zusammen, als hätte er vergessen, dass sie da war. „Nein. Bin ich nicht.“

„Ich fühle mich nicht gut. Ich würde gerne nach Hause fahren.“

„Haben Sie ein Foto von Ihrem Mann?“, fragte er abrupt.

Verblüfft von dieser plötzlichen Forderung, öffnete Sarah ihre Handtasche und holte ein Foto aus ihrem Portemonnaie. Es war ein guter Schnappschuss von Geoffrey, der auf ihrer dreitägigen Hochzeitsreise am Strand in Florida aufgenommen worden war. Seine strahlend blauen Augen schauten direkt in die Kamera. Seine Haare glänzten goldfarben, und die Sonne fiel in einem Winkel auf sein Gesicht, dass sie Schatten auf seine außergewöhnlich attraktiven Züge warf. Er lächelte. Von Anfang an hatte sie sich von diesem Gesicht angezogen gefühlt – nicht nur von seinem guten Aussehen, sondern von der Stärke und Intelligenz, die sie in seinen Augen gesehen hatte.

Nick O’Hara nahm das Foto und betrachtete es kommentarlos. Während sie ihn beobachtete, dachte sie, dass er Geoffrey so unähnlich war. Keine goldenen Haare, sondern dunkle, kein Lächeln, sondern eine sehr, sehr ernste Miene. Eine sorgenschwere Wolke schien über Nick O’Hara zu hängen, eine Wolke der Unzufriedenheit. Sie fragte sich, was ihm durch den Kopf ging, während er das Foto musterte. Er zeigte nur wenige Emotionen, und abgesehen von den Anzeichen seiner Müdigkeit konnte Sarah in seinem Gesicht nichts lesen. Seine Augen waren von einem ausdruckslosen, undurchdringlichen Grau. Er reichte das Foto kurz an Mr. Greenstein weiter, dann gab er es ihr schweigend zurück.

Sie schloss ihre Handtasche und sah ihn an. „Warum stellen Sie all diese Fragen?“

„Das muss ich. Es tut mir leid, aber es ist wirklich nötig.“

„Für wen?“, fragte sie angespannt. „Für Sie?“

„Und auch für Sie. Und vielleicht sogar für Geoffrey.“

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Das wird es, wenn Sie den Bericht der Berliner Polizei gehört haben.“

„Gibt es sonst noch etwas?“

„Ja. Es geht um die Umstände des Todes Ihres Ehemanns.“

„Aber Sie haben doch gesagt, es wäre ein Unfall gewesen.“

„Ich habe gesagt, es hätte wie ein Unfall ausgesehen.“ Während er sprach, beobachtete er sie eindringlich, als fürchtete er, die kleinste Veränderung in ihrer Miene zu verpassen, jedes Aufflackern in ihren Augen. „Als ich vor ein paar Stunden mit Mr. Corrigan gesprochen habe, hat es eine neue Entwicklung gegeben. Während der Routineuntersuchung des Feuers wurden auch die Rückstände aus dem Zimmer untersucht. Als sie die Reste der Matratze untersucht haben, haben sie eine Kugel gefunden.“

Sie starrte ihn ungläubig an. „Eine Kugel?“, fragte sie. „Sie meinen …“

Er nickte. „Sie glauben, Ihr Mann ist ermordet worden.“

2. KAPITEL

Sarah setzte an zu sprechen, aber ihre Stimme verweigerte ihr den Dienst. Wie eine Statue saß sie erstarrt auf ihrem Stuhl, unfähig sich zu bewegen, unfähig irgendetwas anderes zu tun als den Mann vor sich anzustarren.

„Ich dachte, das sollten Sie wissen“, sagte Nick. „Ich musste es Ihnen erzählen, weil wir jetzt Ihre Hilfe benötigen. Die Berliner Polizei braucht Informationen über die Aktivitäten Ihres Mannes, seine Feinde … Gründe, warum er umgebracht worden sein könnte.“

Sie schüttelte wie betäubt den Kopf. „Mir fällt nichts ein … Ich meine, ich weiß einfach nicht … Mein Gott!“, flüsterte sie.

Die sanfte Berührung seiner Hand auf ihrer Schulter ließ Sarah zusammenzucken. Sie schaute auf und sah die Besorgnis in seinen Augen. Er fürchtet, dass ich ohnmächtig werde, dachte sie. Er sorgt sich, dass ich mich auf seinen schicken, dicken Teppich übergeben und uns alle blamieren könnte. Irritiert schüttelte sie seine Hand ab. Sie brauchte niemandes einstudiertes Mitleid. Sie musste alleine sein – weg von den Bürokraten und ihren unpersönlichen Akten. Unsicher stand sie auf. Nein, sie würde nicht ohnmächtig werden. Nicht vor diesem Mann.

Nick griff nach ihrem Arm und drückte sie sanft zurück auf den Stuhl. „Bitte, Mrs. Fontaine. Noch eine Minute, mehr brauche ich nicht.“

„Lassen Sie mich los.“

„Mrs. Fontaine …“

„Lassen Sie mich los.“

Die Schärfte in ihrer Stimme schien ihn zu schockieren. Er ließ sie los, trat aber nicht zurück. Während sie dort saß, war sie sich der verschiedenen Aspekte seiner Anwesenheit bewusst – dem leichten Duft nach Aftershave und Müdigkeit, dem dumpfen Glanz seiner Gürtelschnalle, den zerknitterten Ärmeln seines Hemdes.

„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich wollte Sie nicht bedrängen. Ich habe mir nur Sorgen gemacht, dass Sie … nun ja …“

„Ja?“ Sie schaute in diese schiefergrauen Augen. Etwas, das sie darin sah – die Ruhe, die Stärke –, weckte in ihr den plötzlichen, allen Instinkten widersprechenden Wunsch, ihm zu vertrauen. „Ich werde nicht ohnmächtig, falls Sie das meinen“, sagte sie. „Bitte. Ich würde jetzt gerne nach Hause gehen.“

„Ja, natürlich. Aber ich habe noch ein paar Fragen.“

„Ich habe aber keine Antworten. Verstehen Sie das nicht?“

Er schwieg einen Moment. „Dann werde ich mich später bei Ihnen melden“, sagte er schließlich. „Wir müssen über die Vorkehrungen für die Überführung des Leichnams sprechen.“

„Oh. Ja. Der Leichnam.“ Sie stand auf und blinzelte eine neue Welle an Tränen zurück.

„Ich lasse Sie jetzt nach Hause bringen, Mrs. Fontaine.“ Er ging langsam auf sie zu, wie, um sie nicht zu verschrecken. „Das mit Ihrem Mann tut mir leid. Wirklich leid. Rufen Sie mich gerne jederzeit an, wenn Sie noch Fragen haben.“

Sie wusste, dass keines seiner Worte von Herzen kam, dass keines von ihnen wirkliches Mitgefühl enthielt. Nick O’Hara war ein Diplomat. Er sagte, was zu sagen er gelernt hatte. Was auch immer für eine Katastrophe geschah, das US-Außenministerium hatte immer die richtigen Worte parat. Vermutlich hatte er das Gleiche schon zu Hunderten anderer Witwen gesagt.

Jetzt wartete er auf ihre Reaktion, also tat sie, was von jeder Witwe erwartet wurde. Sie riss sich zusammen, streckte die Hand aus, um seine zu schütteln, und bedankte sich bei ihm. Dann drehte sie sich um und verließ das Büro.

„Glaubst du, sie weiß es?“

Nick starrte auf die Tür, die sich gerade hinter Sarah Fontaine geschlossen hatte. Dann drehte er sich um und sah Tim Greenstein an. „Weiß was?“

„Dass ihr Mann ein Spion war?“

„Verdammt, dass wissen ja nicht einmal wir.“

„Nick, mein Freund, diese ganze Sache riecht nach Spionage. Geoffrey Fontaine gab es bis vor einem Jahr überhaupt nicht. Dann taucht sein Name auf einmal auf einer Heiratslizenz auf, er hat eine nagelneue Sozialversicherungsnummer, einen Reisepass und was weiß ich nicht alles. Das FBI scheint überhaupt nichts über ihn zu wissen. Aber die CIA – die haben eine streng geheime Akte über ihn! Bin ich doof oder was?“

„Vielleicht bin ich der Doofe“, murmelte Nick. Er ging zu seinem Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. Dann sah er mit grimmiger Miene die Fontaine-Akte an. Tim hatte natürlich recht. Dieser Fall stank zum Himmel. Aber Spionage? Internationale Verbrechen? Ein ehemaliger Zeuge der Regierung, der sich vor dem Mob versteckte?

Wer zum Teufel war Geoffrey Fontaine?

Nick sackte zusammen und ließ den Kopf gegen die Rückenlehne seines Bürostuhls sinken. Verdammt, er war müde. Aber er bekam Geoffrey Fontaine nicht aus dem Kopf. Oder Sarah Fontaine.

Er war überrascht gewesen, als sie sein Büro betreten hatte. Er hätte eine etwas erfahrenere Frau erwartet. Ihr Ehemann war ein Geschäftsmann, der um die Welt reiste, ein Kerl, der durch London, Berlin und Amsterdam sauste. So ein Mann sollte eine Frau haben, die schlank und elegant war. Stattdessen war diese dünne, ungelenke Kreatur hier hereingekommen, die beinahe, aber nicht vollkommen hübsch war. Ihr Gesicht hatte zu viele Ecken und Kanten; hohe, scharfe Wangenknochen, eine schmale Nase, eine eckige ...

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