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Den lass ich gleich an

Über Katharina Peters

Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reiseleiterin und in der Gastronomie. Heute schreibt sie und lebt mit ihrer Tochter auf einem kleinen Bauernhof im Allgäu. Ihre ersten beiden Romane »Du mich auch. Ein Rache-Roman« (atb 2746-5) und »Das bisschen Kuchen« (atb 2827-1) waren große Erfolge.

Informationen zum Buch

Die alleinerziehende Fotografin Lulu hat völlig vergessen, wie es sich anfühlt, eine Frau zu sein. Kein Wunder: Mutterpflichten und Job fressen sie auf, und die Männer sind eins, zwei, drei verschwunden, wenn sie von Lulus Tochter erfahren. Dann mischt sich auch noch ihre Mutter ein und bucht einen Urlaub in einem Pauschalparadies auf Mallorca: für Familien ein Traum, für eine Single-Frau leider die Hölle. Hier lernt sie Alex kennen, der es wert scheint, der Männerwelt noch eine letzte Chance zu geben – und dem sie sicherheitshalber vorenthält, dass es sie nur im Paket mit Lotte gibt. Aber warum verdrückt sich Alex immer in den besten Momenten? Verbirgt er etwas vor ihr? Und wie zum Teufel verheimlicht man eine achtjährige Tochter?

Die Presse zu »Du mich auch«:

»Köstliche Lektüre für die herbstliche Badewanne – entspannend, lustig und herzerwärmend.«  Rheinische Post

»Sehr komisch und manchmal herrlich fies, jedenfalls ein Riesenspaß.«  Aachener Zeitung

Ellen Berg

Den lass ich gleich an

(K)ein Single-Roman

Dieses Buch widme ich allen Müttern, den wahren Heldinnen des Alltags.

Kapitel 1

Sie haben genug vom Single-Frust?

Und wie.

Sie suchen Ihren Traummann?

Her damit!

Lulu klickte auf das große rosarote Herz, das auf ihrem Laptop pulsierte. Sofort zerfiel es in unzählige kleine Herzchen. In Zeitlupe schwebten sie davon.

So, liebes Schicksal, nun servier mir mal den Richtigen, dachte Lulu. Sende mir ein Zeichen. Heute geht es um alles. Ungeduldig sah sie zu, wie sich die elektronische Wundertüte öffnete.

Sie haben null Flirtmessages.

Wie bitte? Vier Wochen lang trieb Lulu sich nun schon auf diesem Flirtportal herum. Anfangs hatte sie einen wanderbegeisterten Rentner und einen verklemmten Mathematikstudenten weggeklickt, seitdem war nichts mehr passiert. Null Flirtmessages. Der Offenbarungseid an der Männerfront.

Fassungslos starrte Lulu auf ihren Laptop. Am liebsten hätte sie ihn so lange geschüttelt, bis er doch noch einen Mann ausspuckte. Dann klickte sie ihr Profil an. Gut, das Foto wirkte vielleicht etwas zu brav. Es zeigte sie in ihrer alten, ausgebeulten Lieblingsjeans und einem verwaschenen T-Shirt mit dem Aufdruck »Mama ist die Beste«. Aber ihre Selbstbeschreibung klang doch ganz vielversprechend: Kennwort: Mutter sucht Schraube. Alter: Anfang dreißig. Hobbys: Fotografie und Kochen. Vor allem aber: humorvoll, lebenslustig, begeisterte Mutter eines Kindes.

Das Kennwort hatte sie sich zusammen mit ihrer Freundin Sabrina ausgedacht. »Immer schön ehrlich sein«, hatte die nach dem dritten Glas Wein gekichert. »Irgendwann erfährt der Typ ja sowieso, dass du nur im Doppelpack mit Kind zu haben bist. Mutter sucht Schraube – das passt!«

Ach, Sabrina, dachte Lulu, du hast es gut. Du musst nicht in trüben Datingportalen fischen. Sabrina war ein rasend attraktiver, kinderloser Single. Bei ihr standen die Männer Schlange. Mehrmals hatte sie versucht, den einen oder anderen Herrn an Lulu durchzureichen. Leider ohne Erfolg.

Lulu hatte schon alles ausprobiert. Wirklich alles. Flohmärkte, Über-dreißig-Partys, Open-Air-Konzerte, Kuppeleinladungen besorgter Freunde, die ihr todsichere Kandidaten präsentierten – sogar ein Blind Date hatte sie hinter sich. Doch es war sinnlos. Auf dem Highway der Herzen war sie eine Geisterfahrerin. Als hätte ihr jemand ein Schild um den Hals gehängt: »schwer vermittelbar«. Sobald sie nämlich gestand, dass sie alleinerziehende Mutter war, verschwanden diese Steinzeittypen eins, zwei, drei wieder in ihrer Höhle.

Hajo, ein athletischer Bankkaufmann, hatte Lulu rundheraus gesagt, dass ihm Kinder zu anstrengend seien. Steffen, ein zerstreuter Nerd, hatte was von »Also echt jetzt, Verantwortung ist nicht mein Ding irgendwie« gemurmelt, und Jan-Friedrich, ein geschiedener Lehrer, hatte erklärt, er wolle nicht auch noch in seiner Freizeit von Kindern belästigt werden. So weit die magere Ausbeute. Von Ralf ganz zu schweigen, der Kinder vollkommen überflüssig fand. Um diese Enttäuschungen zu verkraften, hätte Lulu einen emotionalen Airbag gebraucht. Doch wo, bitte, gab es den?

Sie haben null Flirtmessages.

Immer noch stand der Satz auf dem Display. Das Orakel hatte gesprochen. Also würde Lulu heute Abend mit Mike ausgehen.

Sie wusste, dass Mike ein schwerer Fall war. Ein wandelndes Flirtportal sozusagen: Suche Frau to go. Aber vielleicht war es ja ein Zeichen, dass sich niemand auf Lulus Profil gemeldet hatte. Vielleicht wollte ihr das Schicksal noch eine Chance geben, eine Chance aus Fleisch und Blut. Und vielleicht war dieser Mike ja gar nicht der aalglatte Aufreißer, für den ihn alle hielten.

Seufzend klappte Lulu den Laptop zu. Wäre auch nur irgendein männerähnliches brauchbares Wesen aus den ewigen Jagdgründen des Internets aufgetaucht, sie hätte das Date mit Mike abgesagt. Doch das Urteil war eindeutig: Mike und kein anderer. Immerhin, er war gutaussehend, charmant und hatte ein Funkeln im Blick, das eine ganze Menge versprach.

Fröstelnd verkroch sich Lulu in ihren Bademantel. War Mike der Mann, auf den sie gewartet hatte? Sehnlichst, mit der ganzen Hoffnung ihres ziemlich verschrammten Herzens? Sie schluckte. Vor einer Woche hatten sie sich kennengelernt, bei einem beruflichen Termin. Es hatte ganz schön geknistert, und sie hatten ihre Handynummern ausgetauscht. Eine ganze Woche war verstrichen, bevor seine SMS eingetrudelt war.

Morgen Essen in der Olive? Acht Uhr? Kuss, Mike.

Das war gestern Abend gewesen. Die ganze Nacht hatte Lulu kein Auge zugetan. Wieder und wieder hatte sie ihr Handy vom Nachttisch geangelt und die SMS gelesen. Wieder und wieder hatte sie auf das Display gestarrt, das im Dunkel der Nacht wie ein Leuchtfeuer strahlte: Abend, Essen, Olive, Kuss. Kuss? Merkwürdig. Sie waren sich noch nicht nähergekommen. Sie siezten sich sogar. Aber das konnte sich schnell ändern.

Jetzt war es sieben Uhr morgens, Zeit zu handeln. Entschlossen griff sie nach ihrem Handy.

Hallo Mike. Nette Idee. Bis später dann, schrieb sie zurück.

Bloß keine allzu große Begeisterung zeigen. Den Ball flachhalten. Die Wahrheit aber war: Am liebsten hätte sie Limbo getanzt. Sie hatte ein Date! Und Herzklopfen. Schluckbeschwerden. Ein Date? Wie ging das noch mal?

Ein greller Schrei durchschnitt die Luft. »Achtuuuung – UFO!«

Mit einem tollkühnen Sprung landete ihre Tochter Lotte auf der Couch. Ihre dunklen Locken bildeten einen aparten Kontrast zum quietschrosa Pyjama, auf dem kleine Äffchen herumturnten.

»Hallo, unbekanntes Flugobjekt«, sagte Lulu, während Mike sich im morgendlichen Grau des anbrechenden Tages auflöste. »Gut geschlafen, mein Schatz?«

»Ich habe geträumt. Dass ich auf einem Schiff bin, mit lauter Piraten. Und dass ich mit ihnen über das große, blaue Meer fahre. Zu einer Insel mit Palmen und Papageien.«

Ein Urlaub am Meer war, abgesehen von einer Katze, Lottes sehnlichster Wunsch. In den Wellen toben, Sandburgen bauen, Muscheln sammeln. Doch dafür reichte das Geld einfach nicht. Und für eine Katze war zu wenig Zeit.

»Mama, was machst du eigentlich heute?«, fragte Lotte, während sie die Couch zum Trampolin umfunktionierte.

Es war immer wieder erstaunlich, wie viel Energie schon am frühen Morgen in einer Achtjährigen stecken konnte.

»Ich? Na, was ich immer mache«, gähnte Lulu. »Ich bringe dich zur Schule, knipse irgendwas, und dann hole ich dich aus dem Hort ab.«

Lulu war Fotografin. Im Grunde war sie sogar eine Künstlerin. Aber da sich leider niemand für Gräser im Gegenlicht interessierte, verdiente sie ihr Geld mit Werbeaufnahmen. Joghurt, Schokoriegel, Waschpulver – ihr war alles recht. Hauptsache, sie konnte die Miete bezahlen.

»Sonst machst du nichts?«

Mindestens so erstaunlich wie Lottes Energie war ihre Intuition. Sie hörte auf zu hopsen und betrachtete Lulu mit Kennermiene. Als ob sie ahnte, dass dies kein Tag wie jeder andere werden würde.

Zärtlich strich Lulu ihrer Tochter eine Haarsträhne aus dem Gesicht und drückte sie an sich. Sie war heilfroh, dass nichts an Lotte dem Mann ähnelte, der sie einst schnöde verlassen hatte. Einfach so, Lotte war noch ein Baby gewesen.

»Was ich sonst mache? Mal sehen …«, antwortete sie gedehnt.

Mike verschwieg sie besser erst einmal. Lotte war zwar der Meinung, dass ihre Mutter endlich einen Ersatzpapa mit nach Hause bringen sollte. Doch sobald ein Anwärter auf diesen Traumjob auch nur in ihre Nähe kam, wurde es kompliziert. Dann spielte Lotte die Staatsanwältin: »Mag er Kinder? Kann er Nintendo spielen? Geht er mit mir auf den Spielplatz? Wird er ein guter Papa?«

Ein geheimdienstliches Verhör war ein Kaffeekränzchen gegen Lottes Fragen. Also behielt Lulu lieber für sich, was das Schicksal beschlossen hatte: Mike und Lulu aufeinander zurasen zu lassen wie zwei führerlose Lokomotiven.

Der Countdown lief. Lulu meinte, das Ticken einer riesigen Uhr zu spüren, deren Sekundenzeiger sie vorwärtsschubste. Schlaftrunken wankte sie ins Badezimmer und betrachtete sich im Spiegel. Dunkle Locken fielen ihr in die Stirn und verdeckten halb die blauen Augen. Sie wirkte immer noch mädchenhaft. Selbst jetzt, am frühen Morgen, sah man ihr die fast vierzig kaum an.

Natürlich hatte sie geschummelt bei ihrem Flirtprofil. Was denn sonst? Anfang dreißig klang nun mal besser als Ende dreißig. Kochen konnte sie auch nicht besonders. Aber Kochen als Hobby kam gut an bei solchen Portalen, hatte Sabrina gesagt. Schließlich schummelten alle.

Heute Abend jedoch half kein Schummeln. Heute Abend würde Mike sie aus nächster Nähe scannen, Millimeter für Millimeter. So, wie die Natur und ein wechselvolles Schicksal sie geschaffen hatten. Noch einmal überprüfte Lulu ihr Spiegelbild. Doch ja, wenn man genau hinschaute, sah man schon die eine oder andere Sorgenfalte und den müden Zug um die Augen, der auf ein stressiges Leben schließen ließ. Sie lächelte sich Mut zu. Wenn sie lächelte, sah man ihre allerliebsten Grübchen, und aus den Sorgenfalten wurden Lachfalten.

Du lieber Himmel, Lulu, das wird schon, sprach sie sich Mut zu. Das Restaurant Olive ist bestimmt in ein Meer von Kerzenlicht getaucht. Sei froh, dass Mike dich nicht in eine Imbissbude eingeladen hat. Neonlicht macht einen grünen Teint und gräbt selbst in Pfirsichhaut tiefe Gletscherspalten. Die teuren Lokale dagegen haben kosmetische Beleuchtung, den eingebauten Weichzeichner. Merke: Je reicher die Gäste, desto gnädiger das Licht. Und Mike stand ohne Frage am oberen Ende der Nahrungskette. Er war der Chef einer Werbeagentur und musste sich um seine Miete garantiert keine Sorgen machen.

Lulu sah auf die Uhr. Die Zeit verging viel zu langsam. Nein, sie verging viel zu schnell. Einerseits konnte sie es kaum erwarten, Mike zu treffen. Andererseits hatte sie keinen blassen Schimmer, wie sie sich verhalten sollte. Was erwarteten Männer eigentlich beim ersten Abend? Die selbstbewusste Powerfrau? Das anschmiegsame Weibchen? Einen Vamp? Das waren Schicksalsfragen, die keine Frauenbeauftragte jemals beantwortet hatte. Außerdem war Lulu weder eine Powerfrau noch ein Weibchen noch ein Vamp. Nur eine ziemlich überforderte alleinerziehende Mutter, die nicht mal auf einem Flirtportal punkten konnte.

Ein Date war in ihrer Situation der Sechser im Lotto. Da hätte sie eigentlich ein paar Tage gebraucht, um sich angemessen vorzubereiten. Denn um ehrlich zu sein: Sie war ein bisschen aus der Übung.

Wie in Trance absolvierte Lulu das übliche Morgenprogramm. Sie duschte extra heiß, fönte ihre Locken zu einem wilden Etwas, dann schlüpfte sie in eine bequeme Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Darüber zog sie wie immer ihre olivfarbene Anglerweste mit den hundert kleinen Taschen. Praktisch und bequem, wie alles, was Lulu in ihrem übersichtlichen Kleiderschrank hatte. Für größere Schönheitsaktionen blieb ihr sowieso keine Zeit. Immerhin waren noch ein Tomatenrührei für Lotte sowie ein doppelter Espresso und ein Keks für sie selbst drin.

Zehn Minuten später bereute Lulu das Frühstück schon. Ein Müllwagen parkte ihren uralten Golf ein. Als die Müllmänner endlich abgerückt waren, verabredeten sich alle Ampeln der Stadt, auf Rot zu schalten, sobald Lulu angerast kam. Und als sie endlich vor Lottes Schule hielt, war der Tank leer. Nachdem sie die letzten Tropfen aus dem Reservekanister hineingeschüttet hatte, zierte ihre Anglerweste ein dicker Benzinfleck. Das waren Tage, die man am besten aus dem Kalender strich.

Mit quietschenden Reifen parkte sie eine halbe Stunde später vor dem Fotostudio. Sie war verschwitzt, ihre Frisur hatte sich zu einem feuchten Gekringel aufgelöst, und sie roch nach Benzin. Außer Atem riss sie die Tür zum Studio auf.

Heute war der Tag der Scheuermilch. Es war ein funkelnagelneues Produkt mit dem verheißungsvollen Namen »Fit & Ex«. Eine heiße Kampagne sollte es werden – so stand es im Briefing: gut gelaunt, frisch, sexy. Als hätten alle Frauen nur auf diese Scheuermilch gewartet, um darin zu baden.

Lulu schaute sich im Studio um. Es war ein weitläufiger, weißgestrichener Raum, den ein Gewirr von Lampen und Kabeln durchzog. Ein überirdisch hübsches Model wartete bereits in einer blitzblanken Küchenkulisse. Wie eine typische Hausfrau sah das Mädchen nicht gerade aus. Sie war höchstens siebzehn und trug ein Minikleid von Gucci. Aber so war das eben in der Werbung: tarnen und täuschen, was das Zeug hielt. Im richtigen Leben ging das leider nur auf Flirtportalen.

Missmutig sah Lulu an sich herab. Ihre Jeans stammte aus einem Second-Hand-Shop, die Anglerweste hatte sie vom Flohmarkt. Und ihre betagten schwarzen Sneakers waren nur deshalb noch schwarz, weil sie die Dinger regelmäßig mit einem dicken schwarzen Filzstift auffrischte. So sahen Frauen aus, die sich mit Scheuermilch abgeben mussten. Aber wen interessierte das schon?

Lulu holte ihre Kamera aus dem Rucksack und hängte sie sich um den Hals. Der Countdown für den großen Abend mit Mike lief währenddessen unerbittlich weiter. Warum hatte sie nicht längst ihre Low-Carb-Diät angefangen? Warum war sie seit Wochen nicht beim Friseur gewesen? Über den abgeblätterten Nagellack auf ihrem linken großen Zeh wollte sie lieber erst gar nicht nachdenken.

Mike musste vollkommen verrückt sein, ausgerechnet sie zum Essen einzuladen. Sie war eine graue Maus. Oder gefiel ihm gerade das? Er war ein Bild von einem Mann und konnte jede haben. Vielleicht brauchte er einfach mal Abwechslung. Etwas Naturbelassenes, Echtes, keine hochgezüchtete Superschönheit. Ja, so musste es sein.

Das Studio war völlig überfüllt. Stylisten polierten die Edelstahlspüle und trugen Blumenarrangements hin und her, Beleuchter schraubten an den Lampen herum. Gleich drei Make-up-Artisten umflatterten das Model, zogen den Lippenstift nach, toupierten die blonde Mähne, stäubten Puder auf das beneidenswert glatte Gesicht.

Einmal noch siebzehn sein, ging es Lulu durch den Kopf. Einmal noch jung, straff und cellulitefrei. Dann verwarf sie den Gedanken wieder. Schließlich hatte sie auch was zu bieten: Erfahrung, Reife und … ja, was eigentlich außer jeder Menge Selbstzweifel?

Sie bahnte sich einen Weg zu ihrem Assistenten Philipp, der gerade eine Schale Obst präparierte. Philipp war ein begnadeter Spezialist für das kamerataugliche Aufhübschen von Nahrungsmitteln. Noch das schlappste Endivienblatt konnte er mit Motoröl und Haarspray in einen appetitlichen Salat verwandeln.

»Mensch, Lulu, du bist so was von zu spät«, flüsterte er ihr zu.

»’tschuldigung, schneller ging’s nicht. Mein Chauffeur hat seinen freien Tag.«

Philipp grinste. »Dann gib wenigstens jetzt Gas, alle warten auf dich!«

Lulus Assistent war gerade mal zwanzig, ein magerer Junge mit Pferdeschwanz und Nickelbrille. Er trug nie etwas anderes als eine schwarze, abgeschabte Lederhose und ein weißes T-Shirt. Trotz seines jugendlichen Alters schaffte er es immer wieder, seine schützende Hand über Lulu zu halten. Schon mehrfach hatte er sie gerettet, wenn sie wieder einmal zu spät kam. Auch heute. Vorsorglich hatte er ihr Stativ aufgebaut und verschiedene Objektive bereitgelegt.

»Du bist wunderbar«, flüsterte Lulu zurück. »Mein Fels in der Brandung.«

»Dann halt dich gut fest, die nächste Welle kommt bestimmt«, raunte Philipp ihr zu. »Die Auftraggeber haben schon dreimal nach dir gefragt.«

Unauffällig deutete er auf zwei Herren, die sich zum Verwechseln ähnlich sahen: schwarze Anzüge, schwarze T-Shirts, schwarze Streberbrillen, Dreitagebart. Von weitem hätte man sie für Zwillinge halten können. Gelangweilt tranken sie Espresso, während sie auf ihren Smartphones herumtippten.

Waschechte Werbefuzzis eben, dachte Lulu, es lebe das Klischee. Was wussten solche Männer schon von ihrem aufreibenden Leben? Immer auf dem Sprung, immer in Hetze? Dauernd trug sie irgendwelche Zettel bei sich: Donnerstag: 16 Uhr Kinderarzt, Freitag: Wandertag, wetterfeste Schuhe für Lotte kaufen!!!, Montag: Elternabend! Allein das wäre ein Fulltimejob gewesen. Daneben musste sie den Haushalt schmeißen, einkaufen und wenigstens einigermaßen gesunde Sachen kochen, unermüdlich wie das Duracell-Häschen. War es ein Wunder, dass sie manchmal tagelang dasselbe T-Shirt trug? Und dass Pünktlichkeit nicht gerade ihre Stärke war?

»Ich hol dir einen Kaffee, siehst ziemlich mitgenommen aus«, schlug Philipp vor. »Na, ich krieg dich schon hin, schließlich bist du ein koffeinbetriebenes Genie!«

Philipp war nicht nur Lulus Assistent, er war auch ihr Depressionsbetreuer, ihr Mädchen für alles und der beste Coach unter der Sonne.

»Ein Platz im Himmel ist dir sicher«, erwiderte Lulu dankbar.

Sie atmete tief durch, während in ihrem Kopf das Hilfe-ich-hab-ein-Date-Programm weiterlief. Beine rasieren, Gesichtsmaske, was noch? Nicht nur, dass sie nichts Anständiges anzuziehen hatte. Ihr wurde flau bei dem Gedanken an das Darunter. So etwas wie verheißungsvolle Dessous besaß sie nicht. Sollte sie ihre figurformende Wäsche anziehen und riskieren, beim Nahkampf auszusehen wie eine Presswurst? Sollte sie das rosa Wäscheset mit den hüpfenden Kängurus anlegen? Oder sich noch schnell ein Nichts aus schwarzer Spitze kaufen? Dann hätte allerdings jede Speckrolle ihren Soloauftritt.

»Hier, doppelter Espresso, dröhn dir das Zeug auf ex rein«, riss Philipps Stimme sie in die Wirklichkeit zurück. »Du weißt ja: Fit & Ex. Und dann los!«

Lulu schlürfte brav die bittere Brühe und marschierte mit federnden Schritten in die Küchendeko.

Die beiden Herren in Schwarz musterten sie mit diesem Blick, den Lulu schon kannte. Einmal hinschauen und gleich wieder vergessen. Für solche Typen war sie als Frau quasi unsichtbar.

»Ach, Sie sind die Fotografin?«, fragte einer der beiden und deutete auf die Kamera, die auf ihrer Brust baumelte, direkt neben dem Benzinfleck. »Wurde aber auch Zeit. Haben Sie das Briefing bekommen?«

»Klar.« Lulu holte einen Belichtungsmesser aus ihrer Anglerweste. »Gut gelaunt, frisch, sexy.«

»Was man von der da nicht gerade behaupten kann«, flüsterte der Typ seinem Kollegen zu, gerade laut genug, dass Lulu es hören konnte. Das war gemein. Sie straffte ihre Schultern und reckte das Kinn vor. Von so einem ließ sie sich doch nicht den Schneid abkaufen.

»Guten Morgen!«, rief sie dem Model zu. »Hast du dich schon mit Fit & Ex angefreundet?«

»Na klar!«

Sofort kam Bewegung in das Mädchen. Wie in Ekstase riss es eine giftgrüne Flasche hoch und presste sie an sich wie einen Schoßhund. Auch das tat keine Hausfrau, aber es sah umwerfend aus. Die Herren in Schwarz ließen ihre Espressotassen sinken und murmelten freudig erregt.

»Wahnsinn«, schwärmte Lulu, während sie ein Foto nach dem anderen schoss, »nur noch ein bisschen mehr Rumms!«

»Wie, Rumms?«, fragte das Model.

Lulu antwortete nicht. Wieso denke ich überhaupt über Wäsche nach?, durchzuckte es sie. Körperliche Aktivitäten sind am ersten Abend streng verboten. Die gusseiserne Regel: Kein Sex beim ersten Date! Aber man kann nie wissen … Auf jeden Fall sollte ich die Bodylotion mit dem Vanilleduft nehmen. Vanille riecht so sinnlich.

Sie ließ ihre Kamera sinken. »Das ist die ultimative Bodylotion, äh – Scheuermilch! Sie macht dich glücklich! Zeig es mir!«

Als Lulu um sieben Uhr abends wieder in ihrem Badezimmer stand, befand sie sich in einem Zustand kompletter Auflösung. Sie musste sich am Waschbecken festhalten, um nicht einfach auf die Fliesen zu kippen. Kein Wunder. Nur schlappe zwei Kekse und viel zu viel Kaffee hatte sie herunterbekommen an diesem Schicksalstag.

Mach dich nicht lächerlich, ermahnte sie sich. Du bist fast vierzig, kein hysterischer Teenager. Und doch fühlte sich ihr Herz keinen Tag älter als fünfzehneinhalb an. Ein Abend mit Mike, das war vielleicht die Chance, auf die sie so lange gewartet hatte. Fragte sich nur, wie sie einen Womanizer wie Mike für sich gewinnen könnte.

Dreimal hatte sie sich schon umgezogen. Lulu besaß eine beeindruckende Sammlung verwaschener Jeans, ausgeleierter Jogginganzüge und Motto-T-Shirts, aber Garderobe für ein Date? Fehlanzeige. Das gebatikte Kleid aus ihrer Hippiephase war ebenso in die Ecke geflogen wie Sabrinas knallenge rote Lederleggins, die plötzlich drei Nummern zu klein waren. Jetzt probierte sie den schwarzen Hosenanzug an, den sie vor einigen Jahren zur Beerdigung ihres Vaters getragen hatte. Genauso sah der Anzug aber auch aus: sehr schwarz, sehr trostlos. Als wollte sie ihre letzten Hoffnungen auf einen Mann zu Grabe tragen.

Lulu seufzte. Was tun? Ein letztes Mal durchwühlte sie ihren Kleiderschrank. Dann gab sie es auf. Sie hatte nichts, um sich als Weibchen oder Vamp zu verkleiden, deshalb entschied sie sich für eine einigermaßen saubere Jeans und ein graues T-Shirt mit dem Aufdruck »It’s a girl!«, das sie mit einer Kette von Lotte aufpeppte. Es war ein Geburtstagsgeschenk ihrer kreativen Tochter und bestand aus Schmetterlingsnudeln, die Lotte auf einen Nylonfaden gereiht hatte. Nicht gerade glamourös, aber originell.

Skeptisch stellte sie sich vor den Spiegel. Wohlmeinende Freunde nannten Lulu ein Vollweib, doch sie machte sich keine Illusionen über ihre Figur. Schließlich hatte sie täglich spindeldürre Hungerhaken vor der Kamera, lauter Mädchen, die das Einmaleins an ihren Rippen abzählen konnten. Sabrina wiederum fand Lulus Figur »aufregend erotisch« und prophezeite die Rückkehr der Kurven. Die hatte gut reden. Sie selbst war dünn wie ein Bleistift.

Mit einem beherzten Ruck zog Lulu den Bauch ein und den Reißverschluss der Jeans zu.

Was kam als Nächstes? Ach ja, ein Hauch Make-up konnte nicht schaden. Dummerweise besaß sie nur zwei Lippenstifte, die sie nie benutzte. Mit zitternden Fingern zog sie die Lippen nach. Kirschrot? Sie rubbelte die Farbe wieder ab. Koralle? Ja, Koralle ist besser. Kirsche macht alt.

Als sich die Badezimmertür einen Spaltbreit öffnete, schrak Lulu unwillkürlich zusammen. Nun kam die Stunde der Wahrheit: Wie sag ich’s meiner Tochter? Dass Mami einen Ausflug in die kinderfreie Zone macht?

Lottes Gesicht gefror zu einem einzigen Vorwurf, als sie ihre Mutter musterte. Mit kindlichem Scharfsinn begutachtete sie die Kette und die geschminkten Lippen.

»Gehst du etwa weg?«, fragte sie.

»Überraschung!«, trällerte Lulu. »Ich habe eine Verabredung. Mit einem sehr, sehr sympathischen Mann.«

Lotte verzog den Mund. »Soso. Du hast ein Date. Mag er Kinder? Kann er Nintendo spielen? Geht er mit mir …«

»Schätzchen, das weiß ich alles noch nicht«, kürzte Lulu das Fragespiel ab.

»Und? Wird er mein neuer Papa?« So leicht ließ sich Lotte nicht aus dem Konzept bringen.

»Erst muss ich herausfinden, ob er – – ob er nett ist.«

»Aber nimm nicht so’n Doofen wie letztes Mal«, warnte Lotte. »Der hat immer gesagt, ich soll spielen gehen.«

Lulu erinnerte sich nur zu gut an Ralfs Reaktion auf Lotte. Es war zwei Jahre her, dass er Interesse an Lulu gezeigt hatte. Doch nachdem Lotte sein frischgebügeltes Hemd mit ihren Nutellahänden geschmückt hatte, war erst sein Lächeln verschwunden, dann er selbst. Sie hatte nie wieder etwas von ihm gehört.

»Ich checke Mike in Ruhe durch«, versprach Lulu. »Dann gehört er dir.«

»Und warum machst du dich nicht hübsch für ihn?«

Lulu war wie vor den Kopf geschlagen.

»Aber – bin ich denn nicht hübsch?«

Lotte stemmte die Arme in die Hüften und schüttelte ihren dunklen Lockenkopf. Mit ihren acht Jahren hatte sie bereits einen ausgeprägten Sinn für Mode, wenn sich ihr Geschmack auch dramatisch von dem ihrer Mutter unterschied. Obwohl Lulu ihr immer wieder praktische Latzhosen hinlegte, bestand Lotte darauf, in rosa Kleidchen und Ballerinaschuhen zur Schule zu gehen. Und statt der Spielzeugautos, die Lulu ihr ins Kinderzimmer stellte, bevorzugte Lotte Barbiepuppen. So viel zum Thema feministische Erziehung.

»Wenn man ein Date hat, zieht man ein Kleid mit einem Ausschnitt an und gaaanz hohe Schuhe, Mama«, sagte Lotte altklug. »Du siehst aus, als ob du den Keller aufräumen willst.«

Oha. Wie war das noch? Kindermund tut Wahrheit kund? Trotzdem. Das ging zu weit.

»Ich bin eben keine Barbiepuppe«, giftete Lulu. »Ich bin eine hart arbeitende Mutter und keine Tussi, die den ganzen Tag shoppen geht und sich die Fingernägel lackiert.«

Lotte schmollte stumm. Dann verfinsterte sich ihre Miene noch mehr.

»Und was mache ich heute Abend?«

Lulu hockte sich hin und schlang die Arme um ihre Tochter. »Du verbringst den Abend mit deiner geliebten Oma.«

Unwillig machte Lotte sich los. »O nee. Warum denn? Hab ich was angestellt?«

»Komm schon, Oma hat dich sehr, sehr lieb!«, beteuerte Lulu und richtete sich auf. Wieder musste sie Halt am Waschbecken suchen. Kaum zu glauben, was Mike anrichtete. Allein die Vorstellung, wie sich sein funkelnder Blick auf sie heften würde, verwandelte ihre Beine in verkochte Spaghetti.

»Aber ich darf nicht mal Oma sagen. Immer nur« – Lotte verdrehte die Augen – »Gill! Dabei heißt sie in Wirklichkeit Gisela.«

»Die Abkürzungen sind Familientradition«, erklärte Lulu. »Ich heiße ja auch eigentlich Marie-Luise und du Charlotte. Wart’s ab, das wird ein toller Mädelsabend. Ehrlich.«

Beim Wort »ehrlich« spürte sie einen Stich in der Magengrube. Immer hatte sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie ausging, so selten sie es auch tat. Lotte war ihr Goldschatz, ihr Ein und Alles. Und diesen Goldschatz ließ sie heute allein mit einer Großmama, die alles andere als ein Kinderfan war. Keine angenehme Vorstellung, doch es musste sein.

Kostspielige Babysitter konnte sich Lulu nicht leisten. Manchmal sprang Philipp ein, der für Lotte so etwas wie ein großer Bruder war. Allerdings hatte Philipp nicht oft Zeit. Seine Abende verbrachte er meist am Laptop, um sich mit anderen Computerfreaks über die neuesten Hackerprogramme auszutauschen.

Also war Oma dran. Und später? Besser nicht drüber nachdenken, welche Komplikationen ein Leben zu dritt bereithielt. Erst einmal musste Lulu diesen Abend überstehen. Das war genug emotionaler Hochleistungssport für den Moment.

Lotte schraubte einen der Lippenstifte auf und zu. »Mädelsabend. Verstehe. Du hast Spaß, und ich muss in den Kinderknast.«

»Schatz, ich habe sogar deinen Lieblingspudding gekauft!«, versuchte es Lulu zur Abwechslung mit Bestechung. »Den, der eigentlich viel zu süß für deinen empfindlichen Magen ist. Heute habe ich eine Ausnahme gemacht.«

»Toll.«

Lulu wartete ab, bis Lotte zurück ins Wohnzimmer getrottet war, dann schloss sie die Badezimmertür. Ihr war schwindelig. Sie hatte sich für die figurformende Wäsche entschieden und konnte kaum atmen. Außerdem hatte Lottes Bemerkung ihren letzten Rest Selbstbewusstsein zerstört. Ihre Tochter hatte ja recht. Lulu sah nicht nach einem Date aus. Aber sie besaß nun mal keine atemberaubenden Kleider. Wozu auch? Normalerweise mussten ihre Klamotten nur eines sein – praktisch.

Es war Lichtjahre her, dass sie sich ernsthaft Gedanken um ihr Äußeres gemacht hatte. Zuletzt hatte sie es als Teenager mit Miniröcken versucht. Dann kam die Rockerphase mit Nietenjeans und Netzhemden, gefolgt von einem Hippie-Intermezzo und Jahren, in denen sie nur noch wahllos Schnäppchen aus dem Ausverkauf trug. Seit sie Mutter war, hatte sich das Thema Stil sowieso erledigt. Da Lotte von Anfang an dazu neigte, sich mehrmals am Tag zu erbrechen und ihre feuchte Nase an Lulu abzuwischen ebenso wie ihre klebrigen Hände, musste die Kleidung preiswert und kochfest sein. Später dann spielplatztauglich sowie resistent gegen Fingerfarben, Klebstoff und Schokolade.

Lulu hatte nie begriffen, wie manche Frauen es schafften, Kinder und Klamotten unter einen Hut zu bringen. Die sahen selbst nach einem langen Tag in Küche, Sandkasten und Kinderzimmer noch so aus, als seien sie gerade einem Modemagazin entstiegen.

Nach einigem Nachdenken beschloss Lulu, wenigstens so etwas wie scharfe Schuhe anzuziehen. Todesmutig schlüpfte sie in ein Paar Lackpumps, die ihr eine Moderedakteurin nach einem Fotoshooting geschenkt hatte. Die Pumps waren klatschmohnrot und hatten schwindelerregend hohe Absätze. Etwas unsicher stöckelte Lulu eine Weile hin und her, bis sie plötzlich einknickte und gegen den Badezimmerschrank taumelte. Die Schuhe waren viel zu groß!

Models hatten riesige Füße, weil sie mindestens ein Meter achtzig groß sein mussten. Lulu dagegen brachte es gerade mal auf einen Meter achtundsechzig und hatte eine Schuhgröße, mit der sie auch in der Kinderabteilung fündig wurde. Kurzerhand stopfte sie die Pumps mit Toilettenpapier aus. Der alte Modeltrick. Dann zog sie die Dinger wieder an. Nun hatte sie den Gang eines angetrunkenen Seemanns, aber mit etwas gutem Willen konnte man das als sexy durchgehen lassen. Sie strich ihr T-Shirt glatt und schaute in den Spiegel.

»Du hast ein Date mit dem Wahnsinn auf zwei Beinen«, flüsterte sie ihrem totenblassen Gegenüber im Spiegel zu. »Mach was draus!«

Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer angstvollen Grimasse. Bisher hatte sie noch jedes ihrer raren Dates versemmelt. Kurz nach Lottes Geburt war sie mit einem riesigen Stillbusen zu einem Rendezvous erschienen. Prompt war die Milch eingeschossen, und sie hatte die Flucht ergreifen müssen, als auf ihrem T-Shirt zwei dunkle, kreisrunde Flecke erschienen. Ein anderes Mal hatte ein Mann Reißaus genommen, weil sie vergessen hatte, den Windeleimer zu leeren, und ein infernalischer Gestank die Wohnung durchzogen hatte.

Die traurige Krönung war jene Nacht gewesen, als sich nach einer Party endlich mal ein Mann in ihr Bett verirrt hatte. Damals war Lotte vier gewesen. Mitten in der Nacht war sie aufgewacht und hatte weinend und schreiend den Eindringling vertrieben, der ihre Mami »gewürgt« hatte. Kein Wunder, dass Lulu seither allein geblieben war.

War das eigentlich normal, dass sie so grässliches Lampenfieber hatte? Sie brauchte dringend etwas, das sie aufbaute.

Lulu ging in die Küche, kramte in ihren CDs und legte ihre Lieblingsmusik auf. Barry White, »You’re the First, the Last, My Everything«. Der fetzige Discosound der Siebziger war jetzt genau richtig. In dieser Musik konnte man planschen wie in einem Whirlpool.

Sie machte ein paar Tanzschritte, soweit das überhaupt möglich war in den High Heels. Schon besser. Immer schön mit dem Po wackeln, sagte Sabrina immer, das befreit die Mitte und entspannt das Sonnengeflecht. Lulu wackelte, Lulu befreite sich. Entspannend war das Ganze jedoch nicht. Mittlerweile war sie so aufgeregt, dass sie feuchte Hände und eiskalte Füße hatte.

In diesem Moment klingelte es. Lulu hastete in den Flur. Sie hatte ihrer Mutter etwas von einem beruflichen Termin erzählt. Dass es um Leben und Tod in Sachen Männer ging, hatte sie lieber verschwiegen. Ihre Mutter verstand sich nämlich bestens darauf, einen Mann zu zerlegen, bevor er überhaupt einen Schritt in Lulus Leben setzte.

Auf dem Weg zur Tür schaute Lulu zu Lotte, die versunken auf der Couch saß und eine Kinderkassette hörte. Süßes Lottchen.

Fast acht Jahre wohnte Lulu schon in dem kleinen Appartement. Sie hatte es gelb gestrichen, gelb wie der Sonnenschein. Die Barbies, Dinos und Elektronikspiele, die überall herumlagen, sorgten für einen Hauch von Chaos.

Lulu liebte diese Wohnung, auch wenn sie vor den gestrengen Augen ihrer Mutter natürlich nicht bestehen konnte. Vielleicht hätte ich aufräumen sollen, dachte sie. Mutter mag keine Unordnung. Aber immerhin ist es eine gemütliche Unordnung, beruhigte sie sich.

Lulus Mutter war eine Perfektionistin. Mütterliche Kompetenz hatte sie mit Löffeln gefressen, was so viel hieß, dass sie einfach alles besser wusste. Obwohl Lulu fast vierzig war, verging kein Treffen ohne Vorhaltungen zu Themen wie Kindererziehung, Kochrezepten oder dem richtigen Umgang mit Männern. In allem war ihre Mutter Expertin. Im Winter konnte es passieren, dass sie Lulu anrief und fragte, ob sie auch schon ihren dicken Wollmantel aus dem Schrank geholt hatte. Sie nannte es Mutterliebe, Lulu nannte es Kontrollzwang.

Schon hörte man eilige Schritte auf der Treppe.

Lulu hatte die Tür kaum geöffnet, als sie schon ein lachsfarbenes Seidentuch umwehte. Eine Wolke Parfum nahm ihr den letzten Atem. Für eine Frau Anfang sechzig war Gill eine höchst dynamische Erscheinung. Etwas zu dynamisch für Lulus Geschmack. Eine gütige, pummelige Oma mit grauem Knoten und Brille wäre ihr manchmal lieber gewesen. Doch ihre Mutter war gertenschlank, frisch blondiert und eindeutig hyperaktiv.

Noch bevor Lulu ein Wort sagen konnte, legte Gill auch schon los. »Kind, muss das gerade heute sein? Du weißt, ich liebe Lotte über alles, aber ich spiele ungern den Last-Minute-Babysitter. Gerade komme ich vom Seidenmalkurs, und heute Abend wäre mein Literaturzirkel dran gewesen.« Missgelaunt wickelte sie sich aus ihrem Tuch.

»Danke, Mutter, dass in deinem Terminkalender noch ein winziges Plätzchen frei war«, erwiderte Lulu.

Gill hatte den ironischen Unterton nicht überhört. »Also, bitte. Ich habe mein eigenes Leben. Bis dein Vater starb, habe ich mich aufgeopfert. Nun bin ich mal an der Reihe.«

Über mangelnde Abwechslung konnte sich Gill in der Tat nicht beklagen. Nachdem ihr Mann ohne jede Vorwarnung einem Herzinfarkt erlegen war, hatte sie beschlossen, alles mitzunehmen, was das Leben einer unternehmungslustigen älteren Dame zu bieten hatte. Neben Seidenmalkursen und Literaturzirkeln gönnte sie sich Kräuterworkshops, Brotbackwochenenden, Kundalini-Yoga und hin und wieder eine Bildungsreise. Ihr Leben war durchgeplant wie das eines Topmanagers. Für Lotte blieb wenig Zeit. Viel zu wenig, fand Lulu.

Sie lachte bitter. »Schon klar. Du kannst den ganzen Tag Seide bemalen und schlaue Bücher lesen. Ich kann froh sein, wenn ich überhaupt mal fünf Minuten für mich habe.«

Eigentlich wollte Lulu gerade heute keinen Streit anfangen. Aber es ging ihr nun mal gewaltig auf die Nerven, wenn ihre Mutter das zur Schau stellte, was sie ihren »gesunden Egoismus« nannte. Gesund war was anderes, fand Lulu.

»Vergiss nicht: Es war deine Entscheidung, Lottes Vater gehen zu lassen«, sagte Gill spitz. »Jetzt bist du eben eine alleinerziehende Mutter. Weil du es so wolltest.«

Das war eine ziemlich herzlose Bemerkung, denn Lulu war damals vor vollendete Tatsachen gestellt worden: entweder den Erzeuger von Lotte mit anderen Frauen teilen – oder allein leben. Bernd war notorisch untreu. Ein Vorstadtcasanova, der auf nichts verzichten wollte, schon gar nicht auf seine erotischen Eskapaden. Nichts für Lulu.

Sie sah auf die Uhr. Halb acht. Falls sie sich auf dieses Scharmützel einließ, war Mike längst beim Dessert angelangt, bis sie die Olive erreichte. Oder mit der Kellnerin durchgebrannt. Also beließ sie es bei einem Rückzugsgefecht.

»Bernd hatte Testosteron für mehr Affären, als das Jahr Wochen hat, das weißt du so gut wie ich. Egal, ich muss los.«

Gill schwieg verstimmt. Kritisch nahm sie Lulu in Augenschein, vom korallenroten Mund bis zu den schwindelerregenden Lackpumps.

»Sag mal, ist das wirklich ein beruflicher Termin?«, fragte sie. »Nach deinem Lippenstift zu schließen, sieht es eher so aus, als ob du verzweifelt auf Männerfang gehst.«

»Mutter!«, zischte Lulu.

»Mama hat ein Date!«, kam es fröhlich von der Couch.

Lotte hatte wie immer alles mit angehört, auch wenn sie angeblich in die neuesten Abenteuer des einzigen sprechenden Elefanten der Welt vertieft war. »Weißt du was, Oma? Ich kriege bald einen neuen Papa, dann musst du uns nicht mehr besuchen!«

Gill erstarrte. Selbstverständlich liebte sie Lotte über alles. Leider konnte sie diese wunderbaren Gefühle nie richtig zeigen.

»Liebes, nenn mich bitte nicht Oma. So alt bin ich schließlich auch nicht. Außerdem finde ich es ziemlich vorlaut, dass …«

Jetzt fehlte nur noch, dass Gill eine Standpauke über Rabenmütter losließ, die rund um die Uhr arbeiteten und ihre Kinder vernachlässigten. Panik stieg in Lulu hoch. Wenn sie nicht auf der Stelle zum Endspurt ansetzte, musste sie den Abend absagen.

»Lottes Lieblingspudding steht im Kühlschrank«, sagte sie schnell. »Vielleicht liest du ihr vor dem Einschlafen noch was vor?«

Gill zog die Augenbrauen hoch. »Vorlesen? Ich nehme doch an, dass sie ihre Kinder-CDs bevorzugt.«

Für weitere Diskussionen war es zu spät. Lulu bestellte ein Taxi, dann eilte sie zu Lotte. Heftig umarmte sie das Mädchen, das auf einmal schrecklich zart und zerbrechlich aussah.

»Nicht vergessen: Du bist für mich der wichtigste Mensch auf der Welt«, flüsterte sie Lotte ins Ohr. »Oma steckst du doch lässig in die Tasche. Sie ist ein Eiszapfen, stimmt. Lass ihn einfach schmelzen. Und überhaupt: Morgen Nachmittag gehen wir Eis essen, ja?«

Lotte nickte ergeben. »Ooo-kay …«

Nachdem sich Lulu ihren unförmigen Rucksack mit der Aufschrift »Rettet den Regenwald« geschnappt hatte, warf sie ihrer Mutter einen flehenden Blick zu. Sei nicht so furchtbar streng, sagte dieser Blick. Mach Lotte glücklich, nur dieses eine Mal.

Dann flüsterte sie: »Kann später werden.«

Gill zog geräuschvoll die Luft durch die Nase ein. »Genug Komödie gespielt. Wer ist er?«

»Wir kennen uns vom Job«, antwortete Lulu, während sie nervös mit der Nudelkette spielte. »Er hat mich zum Essen eingeladen. Unverzeihlicherweise hat er vergessen, dich um Erlaubnis zu fragen. Und wenn du gestattest, leiste ich mir jetzt einen kleinen Rest Privatleben.«

Wieder sah sie auf die Uhr. Zehn vor acht. Der Countdown war so gut wie runtergezählt.

»Frag ihn unbedingt, ob er Kinder mag!«, rief Lotte vom Sofa herüber.

»Klar, was sonst?«, rief Lulu zurück.

Dann marschierte sie davon, tapfer wie ein kleiner Soldat, der Haus und Hof hinter sich lässt, um in den Krieg zu ziehen. »Love is a battlefield«, summte sie vor sich hin. Sie hatte sich fest vorgenommen, nach langer, langer Zeit endlich einmal wieder siegreich vom Schlachtfeld zu gehen.

Als das Taxi vor der Olive hielt, piepste Lulus Handy. Es waren zwei Nachrichten gekommen.

Die erste lautete: Freu mich auf Sie, Mike.

Die zweite: Lotte hat sich gerade übergeben. Was tun?

Kapitel 2

Die Olive war überirdisch elegant. Es war die Sorte Lokal, wo schon die Vorspeise so viel kostete wie das Fastfood-Menü einer Kleinfamilie. Die Wände leuchteten matt in dunklem Violett, auf den weißgedeckten Tischen schimmerte Silberbesteck. In den Ecken standen riesige Vasen mit magentafarbenen Lilien, die einen betörenden Duft verströmten.

Lulu konnte sich nicht erinnern, jemals in der Olive gewesen zu sein, dennoch empfing sie der Patron wie seine beste Freundin.

»Ah, cara mia, du siehst phantastisch aus heute Abend«, gurrte er, während er einen Handkuss andeutete. »Hast du reserviert?«

Lulu schüttelte den Kopf. Seit der SMS ihrer Mutter konnte sie nicht mehr klar denken. Wenn es Lotte schlechtging, war Lulus Platz bei ihrem Kind. Aber falls sie jetzt das Date absagte, entging ihr die vielleicht letzte Chance, jemals bemannt durchs Universum zu fliegen.

Die Alternative stand ihr nur allzu deutlich vor Augen. Grau und öde würde sie sein, die Zeit zwischen Einzelbett und Bahre, und die einzigen Stimmungsaufheller blieben Schokolade und Prosecco. Das Schlimmste aber war: Sie würde vergessen, wie das geht mit einem Mann. Was? Na, das eben.

Nein, sie musste den Gedanken an Lotte irgendwie wegparken und sich ganz auf Mike konzentrieren. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass Lotte in hohem Bogen hinausbeförderte, was zu süß, zu fett oder ein Chemikaliencocktail war.

Lulu hatte deswegen schon mehrfach den Kinderarzt konsultiert.

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