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Dein Crack ist in der Post

MIKE POWER

DEIN CRACK
IST IN DER POST

WIE DAS INTERNET DIE WELT
DER DROGEN REVOLUTIONIERT

Übersetzung aus dem Englischen
von Markus Bennemann

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Inhalt

Zum Umgang mit Quellen

Ich habe mich im gesamten Buch nach besten Kräften bemüht, meine Quellen zu anonymisieren, besonders bei Personen, die mich ausdrücklich darum gebeten haben. Beim Zitieren aus Onlineforen wie denen von erowid.org habe ich die Namen der Teilnehmer und ihre Beiträge so wiedergegeben, wie sie dort gepostet wurden.

Vorwort

Die einzige Konstante in der Internet-Drogenszene ist der Wandel – ein Wandel, der sich so rasant vollzieht, dass er schwer zu begreifen und unmöglich zu beherrschen ist.

Seit dieses Buch im Mai 2013 in Großbritannien erschienen ist, haben die symbiotischen Prozesse, die sich auf den Gebieten der Chemie, der Technologie und der Gesetzgebung abspielen, nicht aufgehört, evolutionären Druck aufeinander auszuüben. Überall in Europa und den USA haben die Behörden weiter versucht, den Chemikern, Konsumenten und Hackern auf den Fersen zu bleiben, und in Großbritannien hat das dazu geführt, dass viele, wenn nicht sogar die meisten der Drogen, die in diesem Buch erwähnt werden, mittlerweile verboten sind oder zumindest vorläufig in den Katalog der kontrollierten Substanzen aufgenommen wurden.

Doch wie in jener ersten Ausgabe beschrieben (und vorhergesagt), hat es jedes Mal, wenn eine Droge der absurd langen Liste chemischer Substanzen hinzugefügt wurde, deren Einnahme gesetzlich verboten ist, nur ein paar Tage gedauert, bis ein neuer legaler Ersatzstoff auf dem Markt erschienen ist. Statt die Menschen dazu zu bringen, keine Drogen mehr zu nehmen, haben die staatlichen Reaktionen im Gegenteil dazu geführt, dass der Markt nur noch anpassungsfähiger und experimentierfreudiger geworden ist.

In ihrem jüngsten Weltdrogenbericht haben auch die Vereinten Nationen das ungewöhnlich schnelle Wachstum des Problems bestätigt: »Während schon immer mit zuverlässiger Regelmäßigkeit neue schädliche Substanzen in der Drogenszene aufgetaucht sind«, heißt es dort, »zeigt sich das internationale System zur Suchtstoffkontrolle von der Geschwindigkeit und Kreativität des Phänomens erstmals überfordert.«

Heute sind mehr legale Drogen auf dem Markt, als man sich beim Abfassen der ersten weltweiten Drogengesetze je hätte träumen lassen. In den entsprechenden UN-Konventionen von 1961 und 1971 sind nur 234 verbotene Substanzen aufgeführt, während allein in den vergangenen vier Jahren insgesamt 243 neue legale Rauschmittel von den Behörden erfasst wurden. 56 dieser Substanzen sind zwischen Januar 2013 und Oktober 2013 aufgetaucht, als die Aktualisierungen für diese neue Ausgabe des Buches bereits abgeschlossen waren.

Eine weitere bedeutende Entwicklung in diesem Zeitraum hat mit Silk Road zu tun, jener Schwarzmarktplattform im Internet, auf der Dealer und Konsumenten aus der ganzen Welt in verschlüsselter Form miteinander kommuniziert haben, um mithilfe der anonymen Onlinewährung Bitcoin und des internationalen Postversands ihre Drogengeschäfte abzuwickeln.

Im Kapitel Dein Crack ist in der Post berichte ich als erster Autor von einer längeren Reise entlang jener »Seidenstraße«, doch im Oktober 2013 wurde die Website geschlossen und ihr mutmaßlicher Betreiber verhaftet. Wie nicht anders zu erwarten war, ging wenige Wochen später eine neue, schwerer zu überwachende Seite in Betrieb, zusammen mit ungefähr einem Dutzend neuer anonymer Drogenumschlagplätze.

In dieser überarbeiteten Ausgabe des Buches folgt auf dieses ein neu hinzugefügtes Kapitel, das die aktuellen Entwicklungen nachzeichnet und auch ein exklusives Interview mit dem Betreiber der neuen Silk-Road-Website enthält. Höchstwahrscheinlich wird jedoch auch das nicht genügen, um mit den Ereignissen mithalten zu können, und bis dieses Buch gedruckt und an die Buchhandlungen ausgeliefert ist, wird sich in der Beziehung wohl noch einiges getan haben.

Wir haben uns heute alle damit abgefunden, dass das Internet unseren Alltag und unser gesellschaftliches und seelisches Leben in einer Weise verändert hat, die die unvernetzte Vergangenheit wie einen weit zurückliegenden Traumzustand erscheinen lässt. Gleichzeitig müssen wir aber einsehen, dass das digitale Zeitalter zu grundlegenden Veränderungen im weltweiten Drogenverhalten geführt hat und dass die herkömmlichen Modelle zur Drogenbekämpfung unter den heutigen Umständen nicht mehr anwendbar und sogar kontraproduktiv sind.

Eine rationalere Antwort auf den Konsum von Drogen würde darin bestehen, die vorhandenen Verbote nicht noch stärker auszuweiten, sondern stattdessen die Schäden zu minimieren, denen Drogenkonsumenten ausgesetzt sind. Wir müssen das Internet – und seine Gründungsprinzipien der Zusammenarbeit und Kommunikation – vielmehr zur Entwicklung von neuen Ideen und Strategien nutzen, mit denen sich der nicht zu gewinnende Krieg gegen Drogen beenden lässt.

Mike Power
London
Februar 2014

Einleitung: Drogen in den Zeiten des Internets

Im Jahre 2011 sind 49 brandneue psychoaktive Drogen erfunden und im Internet zum Verkauf angeboten worden, wo sie auf vollkommen legale Weise von neugierigen Kunden erworben wurden. 2012 gab es 57 neue Drogen, die man im Onlinehandel kaufen konnte. Die empfohlene Dosierung war nicht immer genau angegeben und manchmal wesentlich geringer als bei den Partydrogen, die die Käufer sonst zu sich nahmen; die Wirkung war nicht erforscht – und trotzdem gab es kein Gesetz, mit dem sich der Verkauf dieser Drogen verhindern ließ. Kaum mehr als zehn Jahre zuvor sind neue psychoaktive Drogen noch nicht auf diese Weise erhältlich gewesen. Es handelte sich dabei um ganz andere Drogen als jene, die Konsumenten bisher gewohnt waren – wie Heroin, Kokain und Ecstasy. Ihre Namen bestanden aus verwirrenden Abfolgen von Zahlen und Buchstaben, wie 6-APB, 5-MeO-DMT oder 3-MeO-PCP, die nicht nach Partydrogen, sondern eher nach Laborchemikalien klangen. Doch sie wurden von ganz normalen Leuten genommen, und auf der ganzen Welt tauschte man sich auf ebenso unverhohlene Weise über die eigenen Erfahrungen mit den Stoffen aus, wie sie verkauft wurden.

Wie nahezu jede andere Branche ist auch der Drogenhandel durch das Internet revolutioniert worden. Für eine wachsende Zahl von Menschen stellt es heute den ersten Anlaufpunkt dar, wenn es darum geht, an Freizeitdrogen oder an Informationen über solche Drogen zu gelangen – besonders wenn sie angesichts der rasanten Vermehrung neuer Substanzen den Überblick verloren haben. Chemiker, Konsumenten und Kriminelle verwenden allesamt das Internet, um riesige Informationsmengen miteinander auszutauschen und die Möglichkeiten globalisierter Herstellungsprozesse für sich zu nutzen. Die in der Regel vollkommen unerprobten Substanzen sind Teil eines internationalen Onlinemarkts, dessen Abläufe zu schnell und zu komplex geworden sind, als dass sie von irgendeinem Staat der Erde noch wirklich kontrolliert werden könnten. Willkommen bei Drogen 2.0, der schönen neuen Welt der unkontrollierbaren Substanzen – einem anarchisch freien Markt, auf dem die Gesetzgeber dem Einfallsreichtum der Drogenköche und Internethändler immer einen Schritt hinterher sind. Wie ist es zu alldem gekommen?

Zu einem gewissen Teil wurde die Entwicklung durch eine Story beschleunigt, die ich 2009 in der britischen Presse herausbrachte. In meinen Artikeln berichtete ich als Erster über das Aufkommen und die Ausbreitung von Mephedron, einem Ersatzstoff für Ecstasy und Kokain, der aus der alternativen Drogenszene hervorgegangen war, die sich im Internet gebildet hatte. Mephedron wurde zur ersten neuen Droge seit Ecstasy, die in den Schlagzeilen der Weltpresse landete und sowohl im britischen und amerikanischen Parlament als auch in vielen anderen Ländern zu Anfragen führte.

Illegale Drogen, einschließlich LSD in den 1960ern, Heroin in den 1980ern und Ecstasy in den 1980ern und 1990ern, sorgen immer wieder für Beunruhigung in der Öffentlichkeit, wobei die mit ihrem Konsum verbundenen Freuden und Gefahren für gewöhnlich dazu führen, dass sich Konsumenten und Gesetzgeber in einander entgegengesetzten Lagern wiederfinden. Mephedron jedoch war vollkommen legal. Toxikologen zufolge war die neue Droge »zwei winzige chemische Veränderungen von Ecstasy entfernt«. Diese Veränderungen waren absichtlich vorgenommen worden, nämlich zur Umgehung der Drogengesetze. Mephedron stellte alle gewohnten Hierarchien auf den Kopf und sorgte bei vielen Konsumenten für beträchtliche Verwirrung, weil sie aufgrund der Legalität der Droge annahmen, sie müsse harmlos sein.

Die mühelos erhältliche und enorm populäre Substanz stellte in dem Sinne die erste Massendroge »zum Downloaden« dar, dass sie anfänglich ausschließlich übers Internet bezogen werden konnte, was für einen Massenartikel ungewöhnlich ist. Sie verbreitete sich auf die gleiche Weise wie ein virales Video, eines jener amüsanten YouTube-Filmchen, das man durch einen Mausklick weiterleitet – nur handelte es sich in diesem Fall um eine Designerdroge. Durch das Aufkommen der Substanz wurden die Karten in jeder Hinsicht neu gemischt. Mephedron war der Scheidepunkt, an dem sich die lichtscheue Onlinedrogenszene plötzlich mit weit aufgerissenen Augen und vom Konsum verspannten Kiefern mitten auf den Straßen Großbritanniens wiederfand, von wo sie sich in die ganze Welt ausbreitete. Das schnelle und über jede politische Etikette hinweggehende Verbot der neuen Droge in Großbritannien bewirkte keineswegs, dass sie dort, im Rest der EU oder in den USA verschwand; es sorgte einfach nur dafür, dass das Geschäft von Gangstern übernommen wurde, die die Droge nur zu gern in ihr Sortiment aufnahmen, und trieb die heimlichen Drogenchemiker zu weiteren Erfindungen an.

Aufgrund der großen Medienaufmerksamkeit, die Mephedron auf sich zog, und der dadurch ausgelösten Massenhysterie dauerte es nur ein paar Wochen, bis auf sämtlichen Kanälen über den neuen Drogentrend der sogenannten »Legal Highs« berichtet wurde. Die Zeitungsredakteure und Abgeordneten waren schockiert, doch die Situation war ebenso absehbar wie unausweichlich gewesen – wenn man wusste, wo und wonach man suchen musste, und wenn man schon lange genug mit der Suche beschäftigt war.

Die Onlineszene um die »Research Chemicals« bildet den Ausgangspunkt dieser Geschichte, und aus ihr ging auch Mephedron hervor. Während Ecstasy, Kokain, Amphetamine, Marihuana und Beruhigungsmittel seit Jahrzehnten, Jahrhunderten oder, im Fall von Cannabis, seit Jahrtausenden von Menschen konsumiert werden und bereits häufig Gegenstand teurer Tierversuche und klinischer Studien waren, gibt es bei Research Chemicals keine oder höchstens eine verschwindend kurze Tradition menschlichen Gebrauchs. Diese neuen Drogen wirken in der Regel bereits ab winzigen Dosen, die sich im einstelligen oder zweistelligen Milligrammbereich bewegen (zum Vergleich: Eine übliche Dosis Ecstasy wiegt ein Achtel Gramm, also 125 Milligramm).

Bis ungefähr zum Jahr 2007 wurden solche Substanzen nur von ein paar Tausend selbst ernannten »Psychonauten« konsumiert, die sie zur Erforschung ihres »inneren Raums« einsetzten. Diese Kenner stöberten in wissenschaftlicher Literatur oder warfen manchmal auch nur einen Blick auf molekulare Strukturformeln, um mehr über die Wirkung der Stoffe herauszufinden, und tauschten sich dann in Onlineforen über ihre Erlebnisse aus. Heute werden Research Chemicals vermutlich von mehreren Hunderttausend Menschen konsumiert. Mephedron hat gezeigt, wie unter den richtigen sozialen, kulturellen und technischen Bedingungen eine dieser neuen und vollkommen unerprobten Substanzen aus der Sphäre der Psychonauten in den Mainstream hinüberschwappen kann, um dort Millionen begeisterte, wenn auch wesentlich schlechter informierte Konsumenten zu gewinnen.

Am Sonntag, dem 17. Juni 2012, postete ein Teilnehmer namens Clapham Boy im Drogenforum der Londoner Szenewebsite urban75.com unter der Überschrift »6-APB-Pulver und etwas MXE« folgende Zeilen:

»Was ich so unglaublich finde, ist, dass man heute einfach nur ins Internet gehen muss, sich dieses Zeug vollkommen legal bestellen kann (ich habe gerade noch zehn Gramm MXE bekommen, bevor Einfuhr und Verkauf verboten wurden, und in ein Gramm 6-APB investiert, nachdem ich [hier] einen Beitrag darüber gelesen hatte) und es am nächsten Tag mit Zustellbescheinigung geliefert bekommt. Das macht das Ganze so viel einfacher, als wenn man sich erst einen halbwegs anständigen Dealer suchen muss, der einen nicht komplett verarscht, wie es in meinen jüngeren Tagen der Fall war. Lustigerweise hatte ich schon vor ein paar Jahren von »Legal Highs« gehört, aber gedacht, sie würden nichts taugen, und mich nicht weiter damit beschäftigt. Erst als ich vor ein paar Monaten einen Artikel in der i-Zeitung* gelesen habe, dachte ich: ›Das hört sich spaßig an‹, und habe auf Google danach gesucht … Die ganze Situation erscheint total verrückt und lässt die Drogengesetze ganz schön alt aussehen … Ich gehe davon aus, dass 6-APB bald verboten wird, daher werde ich vorher besser noch einen kleinen Vorrat anlegen und mich dann zurücklehnen und abwarten, welche neuen Legal Highs hergestellt werden, um die verbotenen zu ersetzen.«1

Die lockere, fast schon ex-und-hopp-artige Haltung, mit der Clapham Boy an den Konsum von neuen, wirkstarken Drogen herangeht, ist heute weitverbreitet, dennoch ist es eine Sichtweise, mit der die Vertreter von Polizei und Politik nur selten in Berührung kommen. Durch die zentrale Rolle, die soziale Netzwerke im Alltag der neuen Generation von Drogenkonsumenten spielen, werden herkömmliche Studien und staatlich finanzierte Umfragen zu Einstellungen und Konsummustern in ihrer Aussagekraft immer mehr durch die unvermittelten Stimmen der Konsumenten selbst infrage gestellt.

Die von Clapham Boy erwähnten chemischen Substanzen, MXE und 6-APB, sind erst seit wenigen Jahren auf der Straße erhältlich, und beide wurden im Internet zum Leben erweckt. MXE steht für Methoxetamin, das eng mit dem illegalen Anästhetikum Ketamin verwandt ist: Ein paar kleine Veränderungen an der Molekülstruktur von Ketamin haben genügt, um daraus eine Substanz zu machen, die in den meisten Ländern legal ist. Beide Drogen sind in der Lage, die Konsumenten auf eine bizarre innere Reise zu schicken und sie in imaginäre Sphären abtauchen zu lassen, in denen sich Geist und Körper voneinander trennen und die Grenzen der gemachten Erfahrungen nur durch die eigene Vorstellungskraft definiert werden. Methoxetamin mag vielleicht körperlich nicht zur Abhängigkeit führen, kann jedoch so verlockend auf die Psyche wirken, dass manche Konsumenten in Onlineforen davon berichten, wie sie sich mehrere Tage am Stück damit berauscht haben, mit verheerenden Folgen. Die Substanz wirkt bereits ab einer sehr kleinen Dosis von nur zehn Milligramm. Jedes Gramm des Stoffes enthält also bis zu 100 wirksame Dosen und hat bis zum Verbot der Droge im Jahre 2012 knapp 15 Euro gekostet – was auf einen Preis von umgerechnet 15 Cent pro Trip hinausläuft. Von 2010 bis 2012 wurde Methoxetamin vollkommen legal auf Hunderten von Websites zum Verkauf angeboten.

Die andere Droge, 6-APB, ähnelt MDMA, dem Wirkstoff von Ecstasy. Sie kostet ungefähr 40 Euro pro Gramm und führt einen weitgehend ähnlichen Zustand wie Ecstasy herbei – sie wirkt leicht halluzinogen, euphorisierend und emotional entgrenzend; die Konsumenten fühlen sich fröhlicher und offener und können Musik besser genießen. Jedes Gramm enthält etwa zehn wirksame Dosen. In Großbritannien war die Substanz, die wie Methoxetamin zuvor praktisch noch nie in der menschlichen Geschichte Verwendung gefunden hatte, bis Mitte 2013 vollkommen legal. Auch in Deutschland wurde sie erst im Juli 2013 dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.

Bis dahin brauchte man nicht mehr als eine Internetverbindung und eine Kreditkarte, um diese Drogen zu kaufen – und dabei handelt es sich bei den bisher erwähnten nur um zwei der potenten legalen Rauschmittel, die seit dem Verbot von Mephedron im Jahre 2010 auf den Markt gekommen sind. Die Chemiker lassen sich so schnell neue Stoffe einfallen, dass die Gesetzgeber schlichtweg nicht hinterherkommen: Aufputschmittel, Beruhigungsmittel, psychedelische Drogen, Cannabis-Substitute, Substanzen mit heroinähnlicher Wirkung – die chemische Büchse der Pandora steht sperrangelweit offen.

Wo sind diese und die Hunderte anderer neuer Drogen hergekommen? Wie wurden sie erfunden und hergestellt? Wie können so vollkommen unerprobte und unregulierte Substanzen den gesetzlichen Verboten entgehen? Wieso sind die Menschen bereit, sie zu nehmen? Und was passiert, wenn das menschliche Bedürfnis nach veränderten Bewusstseinszuständen auf die virtuellen Einkaufsmöglichkeiten des Internets trifft? Vor vier Jahren habe ich mich auf die Suche nach den Antworten zu diesen Fragen gemacht.

Mein eigenes Interesse an Drogen ging auf viele vergnügliche Erfahrungen zurück, die ich mehr als 20 Jahre zuvor gemacht hatte, als in Großbritannien zum ersten Mal Ecstasy auf der Bildfläche erschien. Meine Reaktion auf die Droge und die dazugehörige Kultur, wie auch die von allen Menschen, dich ich kannte, wich deutlich von dem ab, was in den Medien darüber berichtet wurde. Was die Redakteure der Boulevardblätter als moralische Bedrohung betrachteten, sahen wir als positive moralische Entscheidung: Von der aggressiven und frauenfeindlichen Atmosphäre geschmackloser Nachtclubs abgestoßen und von einer Politik enttäuscht, der zufolge so etwas wie eine Gesellschaft nicht existierte**, tanzten wir auf Wiesen und in Lagerhallen zu Musik, deren Texte oft zu Einigkeit und Frieden aufriefen. Solche utopischen Wunschvorstellungen waren wohl kaum extremer und sicherlich weit weniger fragwürdig als die kulturelle Gegenposition, die suggerierte, Gewalt und trunkene Rüpelhaftigkeit seien nicht nur akzeptabel, sondern alldem sogar vorzuziehen.

Wie ich herausfand, war in den seither vergangenen Jahrzehnten die Drogenkultur wesentlich komplexer geworden, weiter verbreitet – und auch sehr viel gefährlicher. Das Bild, das die Medien von Drogen und ihren Konsumenten zeichneten, war jedoch immer noch genauso grell und fehlerhaft wie zu meiner Jugend, und ich hielt mich für qualifiziert, mir die Drogenkultur und ihre Geschichte genauer anzusehen und über meine Erkenntnisse zu berichten, um so ein getreueres Bild der Wahrheit zu zeichnen.

Um diese Welt zu erkunden, diese alternative Untergrundszene in der Welt der Drogenkonsumenten, die selbst schon eine Subkultur darstellte, habe ich mich in Dutzenden dem Thema Drogen gewidmeten Onlineforen angemeldet. Ich habe so herausgefunden, welche neuen Substanzen auf dem Markt waren und wo sie herstammten, in chemischer, historischer und geografischer Hinsicht. Ich habe nach Bezugsquellen für diese Drogen gesucht und sie überprüft. Ich habe mich in Interviews und langen Gesprächen mit Konsumenten und Dealern über die Wirkung der Drogen informiert. Ich habe mich mithilfe von verschlüsselten und anonymisierten Internetverbindungen in zwielichtigen Onlineforen herumgetrieben und mich als international agierender Großeinkäufer für Drogen ausgegeben, die mal legal, mal illegal waren. Indem ich so tief in jene Welt vordrang, konnte ich Informationen sammeln, die in der herkömmlichen Berichterstattung über Drogen in der Regel fehlen – und die immer fehlen, wenn es um die neuen Drogen und die damit verbundene Szene geht.

Auch mit Dutzenden von Toxikologen, Ärzten, Krankenpflegern, Chemikern und Polizisten habe ich mich getroffen oder Gespräche geführt, um zu erfahren, wie sich das Phänomen auf ihr Leben und ihre Arbeit auswirkt.

Während ich diesen neuen gesellschaftlichen Trend in den vergangenen vier Jahren beobachtete und dokumentierte, zeichnete sich immer deutlicher ab, dass ich Zeuge der Anfänge eines grundlegenden Wandels im Verhalten vieler Drogenkonsumenten wurde. Kürzer formuliert: Der Verkauf und Konsum neuer Drogen nimmt zu, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich daran etwas ändern wird. Dieses Buch schildert die Umwälzungen, zu denen es in der Drogenkultur gekommen ist, und macht ihre Ursachen und Folgen deutlich. Es verfolgt die Ereignisse bis zum ersten bekannten Drogenkonsum der Weltgeschichte zurück, erläutert die historischen Wurzeln moderner Drogenverbote, beschäftigt sich mit dem dramatischen Erscheinen psychedelischer Drogen auf der Bildfläche, als Drogen zum ersten Mal die Popkultur veränderten, und erklärt, wie in jüngerer Zeit das Internet für vollkommen neue Verhältnisse gesorgt hat. Ich untersuche, wie es zu dieser seltsamen Situation gekommen ist – in der hochpotente Drogen legal im Internet verkauft werden –, und zeige, wie neue Netztechnologien es sogar möglich machen, verbotene Drogen wie Heroin, Crack, Crystal Meth, LSD und Ecstasy auf geheimen Websites zu kaufen, ohne sich dabei ernsthaft sorgen zu müssen, entdeckt zu werden. Und schließlich stelle und beantworte ich die Frage, ob die Drogen den Krieg gegen Drogen gewonnen haben.

Seit 2009, als Mephedron immer beliebter wurde, haben sich viele Teile des Drogenmarkts abgespalten und verkleinert, und durch diese neue Vielfalt entstehen viele neue Gefahren sowie die dringende Notwendigkeit zu handeln. Es gibt keinen sicheren Weg in die Zukunft – aber die Möglichkeit, zum vorherigen Zustand zurückzukehren, besteht schlichtweg nicht mehr. Der Geist ist sozusagen aus dem Reagenzglas entwischt.

Doch zumindest auf diesen Seiten können wir ein wenig an der Uhr drehen und zunächst ein Stück in die Vergangenheit reisen, zurück zum ersten verbürgten Moment der Weltgeschichte, an dem ein Mensch mithilfe von Drogen absichtlich seinen Bewusstseinszustand verändert hat. Denn wenn auch die Kultur und die gesellschaftlichen Gegebenheiten sich wandeln mögen, die Neuropharmakologie sowie das menschliche Bedürfnis nach Transzendenz, geistiger Anregung – oder Betäubung – bleiben im Grunde unveränderlich.

* Die Kompaktausgabe der britischen Tageszeitung The Independent.

** Anspielung auf einen Ausspruch Margaret Thatchers, die 1987 in einem Interview sagte: »There is no such thing as society.«

1.  Vom Feld ins Labor

Die Frau befand sich irgendwo im Bezirk Pang Mapha, 50 Kilometer vom Flusslauf des Saluen entfernt, als die Wirkung der Droge einsetzte. Ungefähr im Jahre 9000 v. Chr. kaute in der im Nordwesten Thailands gelegenen Phimaen-Höhle, deren Name »Geisterhöhle« bedeutet, eine Ureinwohnerin der Region auf einer Mischung aus Betelnüssen, Betelblättern und gelöschtem Kalk herum, schob sich den bitter schmeckenden Klumpen in die Backe und nahm über ihr Zahnfleisch die stimulierenden Alkaloide auf, die er enthielt. Die durchgekauten Reste spuckte sie schließlich aus, und genau auf diesen Klumpen ausgelutschten pflanzlichen Materials stieß der amerikanische Archäologe Chester F. Gorman, als ihn Mitte der Sechzigerjahre eine Expedition in das Gebiet führte. Fast 11000 Jahre später also wurde so das früheste Beispiel für den Konsum psychoaktiver Substanzen entdeckt, das aus der Weltgeschichte belegt ist.1

Um zur ersten verbürgten psychedelischen Erfahrung zu gelangen und damit gleichzeitig zum ersten Fall, in dem sich überhaupt jemand in schriftlicher Form zur Wirkung von Drogen äußert, müssen wir etwa 6300 Jahre in die Zukunft springen. Irgendwann um das Jahr 2700 v. Chr. nämlich hielt der chinesische Kaiser Shennong seine Erfahrungen mit der Einnahme von Cannabis fest: »Medizinisches Cannabis. Hör auf zu essen. Lass los. Iss mehr. Du wirst weiße Geister umherwandeln sehen. Und wenn du genug davon isst, wirst du wissen, wie man mit den Göttern spricht.«2 Der Kaiser Shennong, dessen Name »Göttlicher Bauer« bedeutet, ist ein Held der chinesischen Mythologie, der auch heute noch von den Vertretern der traditionellen Medizin des Landes verehrt wird. Er gilt als Vater der chinesischen Heilkunst und Arzneikunde und soll den Chinesen den Ackerbau beigebracht haben. In seinem oben zitierten Arzneibuch wird pflanzliches Cannabis auch als Heilmittel aufgeführt. In der Forschung wird die Stelle allgemein als frühste Erwähnung der medizinischen Eigenschaften der Hanfpflanze betrachtet.

Der experimentierfreudige Herrscher beschränkte sich bei seinen Selbstversuchen aber nicht auf Cannabis. Um ihre Giftigkeit zu erproben – oder, anders gesehen, ihre Kräfte –, verzehrte Shennong ebenso Hunderte anderer Pflanzen, und einmal soll er sogar 70 verschiedene Gifte an einem einzigen Tag eingenommen haben. Doch was er mit seinem Geist und seinem Körper anstellte, interessierte die damalige Obrigkeit nicht. Das angeborene Bedürfnis des Menschen nach dem Genuss von Substanzen, die ihm bei der Erforschung seines Geistes, der Entspannung oder dem Sammeln neuer Erkenntnisse und Erfahrungen helfen, wurde nicht immer durch Gesetze reguliert.

Geschichtliche Belege für den Konsum von Pflanzen und Naturstoffen mit bewusstseinsverändernder Wirkung gibt es praktisch in jedem Winkel der Welt. Tee, Kaffee und Koka, Tabak und Betel, Guarana und Kath sind allesamt natürliche Stimulanzmittel, die auf das zentrale Nervensystem wirken, und sie alle werden bereits seit Jahrtausenden zu diesem Zweck konsumiert. Zur Herbeiführung veränderter Bewusstseinszustände – ob diese nun psychedelischer, sedierender oder rauschhafter Natur sind – haben die Menschen schon Dutzende von verschiedenen Pilz-, Marihuana-, Kakteen-, Samen- und Rindenarten verwendet, ebenso wie den Milchsaft, der in den Fruchtkapseln mancher Blumen enthalten ist. Seit den Anfängen der Geschichte hat man Pflanzenspezialisten und Medizinmännern aufgrund ihres Wissens um die Wirkung solcher Substanzen besondere Achtung entgegengebracht, vor allem in vorindustriellen Gesellschaften. Bei ihrer Arbeit vermischten sich die modernen Tätigkeiten eines Psychiaters oder Allgemeinmediziners mit denen des Priesters und Magiers.

Heute herrschen in den meisten Ländern der Erde strenge Verbote, was den Gebrauch von bewusstseinsverändernden Substanzen angeht, dennoch nehmen etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung solche als illegal eingestuften Drogen zu sich. Die Reise, die uns an diesen seltsamen Punkt der Geschichte geführt hat, war erstaunlich kurz: Gesetze zur Regelung des Drogenkonsums gibt es erst seit weniger als 150 Jahren. Die meisten Stoffe, die heute als Party- oder Freizeitdrogen konsumiert werden, dienten irgendwann einmal seriösen Zwecken. Die um 1900 besonders beliebten Drogen Kokain und Opium etwa wurden damals noch hauptsächlich als Arzneimittel verwendet, und die ersten Drogengesetze wurden verfasst, damit die Menschen nicht von diesen Arzneimitteln abhängig wurden oder sich aus Versehen damit umbrachten. Die Zahl der Drogen, die an der Wende zum 20. Jahrhundert missbräuchlich konsumiert wurden, war verschwindend gering, und diese Drogen waren durchweg pflanzlicher Herkunft. Psychedelische Drogen lagen zu jener Zeit ausschließlich in Form von natürlichen Erzeugnissen vor: Marihuana, psilocybinhaltige, »magische« Pilze sowie, in Übersee, Meskalin, wie es im Peyote-Kaktus und in anderen Kakteenarten zu finden ist. Die beiden letzteren Drogen wurden in den Agrargesellschaften Lateinamerikas hauptsächlich zu religiösen oder rituellen Zwecken verwendet; sie wurden selten in fremde Länder ausgeführt oder überhaupt als Handelsware angeboten und waren daher keinesfalls leicht erhältlich. Diese Tatsache spiegelt sich auch in den Drogengesetzen jener Zeit wider: Der größte Teil der frühen Drogengesetzgebung zielte nicht auf die Unterbindung des Gebrauchs als Genuss- oder Rauschmittel ab, da dieser damals noch nicht in bedeutendem oder bedrohlichem Ausmaß existierte.

1929 erließ das Deutsche Reich das erste umfassende Drogengesetz. Dieses »Opiumgesetz« verbot den Handel mit Opium, Morphin, Heroin, Kokain, Ekgonin und Indischem Hanf. Bereits 20 Jahre zuvor hatte die internationale Opiumkonferenz in Shanghai stattgefunden, wo auf Initiative der USA und Großbritanniens die Einführung eines Opiumverbots debattiert wurde, das diese beiden Länder dann auch frühzeitig einführten. So wurde das erste Antidrogengesetz Großbritanniens bereits im Jahre 1908 verabschiedet.

Das Deutsche Reich jedoch nahm an dieser Konferenz nicht teil, und so war dort bis zum Ersten Weltkrieg der Handel mit Drogen nicht geregelt. Im Zuge des Versailler Vertrags musste das Deutsche Reich aber nach seiner Niederlage die Internationale Opiumkonvention von 1912 ratifizieren, und 1920 trat eine entsprechende Verordnung in Kraft.3 Die Initiative hierzu stammte von der »Internationalen Vereinigung für den Kampf gegen das Opium in Peking und England«, und das Gesetz sah Gefängnisstrafen von bis zu sechs Monaten und Geldstrafen von bis zu 10000 Mark vor. Doch erst das Greifen des Opiumgesetzes von 1929 entzog Ärzten und Apothekern die Möglichkeit, Opium sowohl zu medizinischen als auch zu Genusszwecken auszugeben. Erstmals wurde der Gebrauch von Kokain und auch Cannabis sanktioniert. Der Besitz dieser Stoffe zum Eigenverbrauch, wie auch der von Opiaten, war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht strafbar.4

Die britische Dangerous Drugs Act von 1920 ging noch weiter als das deutsche Gesetz und machte für die Herstellung, die Ein- und Ausfuhr, den Besitz, den Verkauf sowie die Abgabe von Opium, Kokain und Morphium eine amtliche Zulassung nötig. Zu jener Zeit war das Abfassen von Drogengesetzen ein Kinderspiel und erst recht ihre Durchsetzung. In juristischer Hinsicht ist das Verbieten einer ausschließlich in pflanzlicher Form vorliegenden Droge eine einfache Sache, selbst wenn manche Menschen ein solches Verbot vom philosophischen Standpunkt aus für schwer zu rechtfertigen halten. Doch dieser Zustand war nicht von Dauer, da sich die Herstellung von Drogen bald unauflösbar mit den Möglichkeiten der organischen Chemie verbinden würde.

Opium, Magic Mushrooms, meskalinhaltige Kakteen, Marihuana und, zu einem geringeren Grad, Kokain sind ihrem Wesen nach allesamt natürliche Drogen. Sie werden aus pflanzlichen Quellen extrahiert oder aufbereitet, und abgesehen von Kokain ist zur Herstellung von keiner dieser Drogen der Einsatz von Laborgeräten nötig. Der Wirkstoff von Kokain wird aus Kokablättern extrahiert, dieses Extrakt wird erst verdichtet und dann mit einer Säure kombiniert, die für eine schnellere Aufnahme durch den Körper sorgt, wobei sich die molekulare Zusammensetzung des Wirkstoffs jedoch kaum verändert. Alle anderen oben aufgeführten Drogen werden einfach gesammelt und dann gegessen oder geraucht. Sie können allerdings nur unter bestimmten geografischen und klimatischen Bedingungen ohne größeren Aufwand angebaut werden, und ihre Verarbeitung findet meist in den Anbauländern statt.

Synthetische Drogen hingegen werden in Laboren hergestellt, und bei jeder von ihnen besteht stets die Möglichkeit, eine Variante zu erschaffen; das macht es schwierig, umfassende Verbote gegen sie auszusprechen, da immer wieder eine leicht veränderte und damit neue Struktur hervorgebracht werden kann. Organische Chemiker, die mit auf Kohlenstoff basierenden Verbindungen arbeiten, können beinahe jede natürliche Verbindung kopieren, einschließlich all jener Wirkstoffe, die in traditionellen pflanzlichen Drogen enthalten sind.

Im frühen 19. Jahrhundert glaubte die Forschung nicht daran, dass es möglich sei, auf künstlichem Wege chemische Stoffe zu erzeugen, die in lebenden Organismen vorkommen. Diese Annahme wurde jedoch im Jahre 1828 durch den deutschen Chemiker Friedrich Wöhler widerlegt, als ihm die synthetische Herstellung von Harnstoff gelang, einem natürlichen Bestandteil des menschlichen Urins. »[D]iese Untersuchung hat das unerwartete Resultat ergeben, dass bei der Vereinigung von Cyansäure mit Ammoniak Harnstoff entsteht, eine auch insofern merkwürdige Tatsache, als sie ein Beispiel von der künstlichen Erzeugung eines organischen, und zwar sogenannten animalischen Stoffes aus unorganischen Stoffen darbietet«, schrieb er in den Annalen der Physik und läutete damit die Geburtsstunde der organischen Chemie ein.5

Sämtliche synthetische Strukturen der organischen Chemie werden heutzutage auf die gleiche Weise im Labor zusammengesetzt, wie ein Bauherr ein Haus errichtet. Grundlegende chemische Bausteine – die Elemente – werden im Labor zusammengefügt, indem sie unter kontrollierten chemischen und physikalischen Bedingungen dazu gebracht werden, mit anderen Stoffen zu reagieren. Dabei werden Hitzegrad, Säuregehalt, Mangel oder Überschuss an Wasser oder Luft sowie hundert andere Zustände und Verfahren eingesetzt, um neue Verbindungen herzustellen. Vom späten 19. und frühen 20. Jahrhundert bis zum heutigen Tag haben pharmazeutische Chemiker stets dieselben Gesetzmäßigkeiten genutzt, um aus vorhandenen Medikamenten Varianten mit noch besserer Wirkung und geringeren Nebenwirkungen abzuleiten, jedoch auch, um Mittel herzustellen, auf die noch kein Patent besteht und die sich deshalb vermarkten und mit Profit verkaufen lassen. Als der Chemiker Charles Romley Alder Wright 1874 im Londoner St.-Mary’s-Krankenhaus zum ersten Mal Diacetylmorphin künstlich herstellte (heute als Diamorphin oder Heroin bekannt), war er auf der Suche nach einem Mittel zur Entwöhnung von Morphiumsüchtigen. Er brachte Morphin mit einem Reaktanten namens Essigsäureanhydrid zusammen und ließ beides für ein paar Stunden köcheln. Durch die dabei erfolgende Reaktion wurde dem tragenden Morphingerüst eine neue chemische Gruppe, eine sogenannte funktionelle Gruppe, angehängt.

Es gibt viele funktionelle Gruppen in der organischen Chemie, und jede wirkt sich anders darauf aus, wie der Körper eine Droge verarbeitet und welche Empfindungen damit einhergehen. Im Falle des Morphins machte das Anfügen von zwei Strukturen, die jeweils aus zwei Kohlenstoff-, drei Wasserstoff- und einem Sauerstoffatom bestehen und als Acetylgruppe bekannt sind, die Droge besser fettlöslich, wodurch der Wirkstoff leichter die Blut-Hirn-Schranke überwinden konnte. Die Blut-Hirn-Schranke schützt das zentrale Nervensystem vor fremdartigen und somit potenziell schädlichen Substanzen und hält so für das Gehirn ein stabiles Milieu aufrecht. Große Moleküle können diese Schranke nur schwer passieren, und auch das Eindringen von Molekülen mit hoher elektrischer Ladung wird durch sie gehemmt. Moleküle, die nicht fettlöslich sind, lässt die Barriere überhaupt nicht zum Gehirn durch. Die Potenz einer Droge verhält sich proportional zu ihrer Affinität und Wirkstärke, also dem Maß, wie gut sie sich an einen bestimmten Hirnrezeptor bindet und eine Reaktion in Gehirn und Körper hervorruft. Durch den Zusatz dieser funktionellen Gruppe erschuf Alder Wright eine Droge mit völlig neuer Wirkung: Heroin, das schneller ins Gehirn vordringt und stärkere Glücksgefühle auslöst als sein Ausgangsmolekül Morphin. Auch zur Abhängigkeit führt die neue Verbindung schneller.

Indem man die chemische Formel von Drogen verändert, und sei es auch nur auf scheinbar unbedeutende Weise, kann man ihre Wirkung justieren, verstärken, erweitern, abschwächen oder sonstwie modifizieren, und die Potenz einer Substanz lässt sich erhöhen oder verringern, indem man ihr funktionelle Gruppen anfügt. Dieser chemische Prozess nennt sich Ringsubstitution, da dabei fremde Elemente mit den chemischen Ringstrukturen der Ausgangsdroge verknüpft werden (siehe Seite 60–63). Die dadurch entstehenden Drogen nennen sich Derivate, analoge Drogen, Analogstoffe oder einfach nur Analoge und sind im Grunde nichts anderes als legale Versionen von verbotenen Drogen, die durch das bewusste Anfügen oder Entfernen von chemischen Bausteinen so verändert wurden, dass sie wieder zum Verkauf angeboten werden können.

Dieser Prozess des Erfindens oder Aufstöberns von legalen Varianten verbotener Drogen setzte praktisch zeitgleich mit der Schaffung der ersten länderübergreifenden Drogengesetze ein. Die Tinte auf dem 1912 unterzeichneten Internationalen Opiumabkommen war kaum trocken, da kamen schon Dibenzoylmorphin und Acetylpropionylmorphin auf den Markt – legale Alternativen zu den neuerdings nur noch unter strengen Auflagen erhältlichen Stoffen Morphium und Heroin; sie können als die ersten Designerdrogen der Geschichte betrachtet werden oder auch als die ersten Analogdrogen zu verbotenen Rauschmitteln.

Im präpsychedelischen Zeitalter blieb der Drogenkonsum in Europa und den USA einer Subkultur aus Junkies, Proleten, Künstlern und Adligen vorbehalten und fand kaum Eingang in die Allgemeinkultur. In den 1940ern und 1950ern jedoch traten neue Halluzinogene auf den Plan, bald gefolgt von neuen Stimulanzien; beide Stoffarten sollten starken Einfluss auf die Populärkultur haben und dafür sorgen, dass Drogen im Mainstream ankamen. Gleichzeitig wurde es durch die Rolle, die das Labor bei ihrer Herstellung spielte, viel schwieriger, Gesetze gegen ihren Gebrauch zu erlassen.

Psychedelische Drogen tauchten plötzlich, unerwartet und auf dramatische Weise in der westlichen Kultur auf, und ihr Aufkommen zog lang anhaltende Folgen nach sich.

Am 16. April 1943 traf der Schweizer Wissenschaftler Albert Hofmann die eigentümliche Entscheidung, ein weiteres Mal einen Stoff zu synthetisieren, an dem er bereits fünf Jahre zuvor in den Laboren des Sandoz-Konzerns in Basel geforscht hatte. Im Jahre 1938 hatte der Chemiker eine Reihe von Verbindungen hergestellt, die mit den Alkaloiden des Mutterkorns verwandt waren, von denen sich manche als nützliches Mittel zur Minderung des Blutverlusts bei der Geburt erwiesen hatten. Das Mutterkorn ist eine Art Pilz, der Getreidearten wie Roggen befallen kann, und sein Verzehr kann zu Krämpfen, deliriumsartigen Zuständen, Irrsinn und dem Absterben von Fingern und Zehen führen, weil sich durch das Gift des Pilzes die Venen verengen und die Extremitäten von der Blutversorgung abgeschnitten werden. Im Mittelalter wurden solche Vergiftungen als göttliche Strafe betrachtet und nicht als schlichte chemische Folge des Verzehrs von verdorbenem Brot.

Mit seiner Forschung an diesen Alkaloiden versuchte Hofmann, ein sogenanntes Analeptikum zu entdecken, das zur Anregung des Atemzentrums genutzt werden könnte, und wie es auf dem Gebiet üblich ist, stellte er zahlreiche leicht unterschiedliche Varianten des Ausgangsstoffes her – in diesem Fall Lysergsäure –, wobei er ein Verfahren namens Struktur-Wirkungs-Beziehung anwendete. »Ich hatte die Synthese dieser Verbindung mit der Absicht geplant, ein Kreislauf- und Atmungsstimulans (Analeptikum) zu gewinnen. Vom Lysergsäurediethylamid konnten die Eigenschaften eines solchen Anregungsmittels erwartet werden, weil es im chemischen Aufbau Ähnlichkeit mit dem damals schon bekannten Analeptikum Nicotinsäurediethylamid (›Coramin‹) aufweist«,6 schrieb der Chemiker.

Hofmanns erste Erfahrung mit der neuen Droge war keineswegs beabsichtigt: Er nahm versehentlich eine mikroskopisch kleine Menge des Stoffes über die Fingerspitzen auf. Da er sich seltsam fühlte, verließ er das Labor und fuhr mit dem Fahrrad nach Hause. In der folgenden Woche beschrieb er das Erlebnis wie folgt:

»Vergangenen Freitag, 16. April 1943, musste ich mitten am Nachmittag meine Arbeit im Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl, befallen wurde. Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte Fantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht empfand ich als unangenehm grell – drangen ununterbrochen fantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser Zustand.«    

Im Unklaren darüber, wie die Substanz in ausreichender Menge in seinen Körper gelangt sein könnte, um solche außergewöhnlichen Wahrnehmungen hervorzurufen, wiederholte Hofmann ein paar Tage später das Experiment gezielt und hielt seine Erfahrungen in seinem Laborjournal fest. Im Eintrag vom 19. April 1943 beschreibt er, säuberlich mit Uhrzeiten versehen, den Verlauf seines Selbstversuchs:

19. IV./16.20:

»0,5 cc. von 1/2-promilliger wässeriger Tartrat-Lösg. v. Diethylamid peroral = 0,25 mg Tartrat. Mit ca. 10 cc. W. verdünnt geschmacklos einzunehmen.

17.00:

Beginnender Schwindel, Angstgefühl. Sehstörungen. Lähmungen, Lachreiz.«

Die von Hofmann präparierte Lösung enthielt die nicht gerade kleine Dosis von einem Viertel Milligramm LSD, und wie der Chemiker später berichtete, konnte er die letzten Worte des Eintrages nur noch mit großer Mühe niederschreiben: »Schon jetzt war es mir klar, dass Lysergsäurediethylamid die Ursache des merkwürdigen Erlebnisses vom vergangenen Freitag gewesen war, denn die Veränderungen der Empfindungen und des Erlebens waren von gleicher Art wie damals, nur viel tiefgehender.« Wieder fuhr er mit dem Fahrrad nach Hause, ließ sich diesmal zur Sicherheit aber von seiner Laborantin begleiten.

Mit Hofmanns Einnahme des geschmacklosen weißen Pulvers begann die psychedelische Ära, ebenso wie die Ära des Konsums von synthetischen Spaß- und Freizeitdrogen, die bis heute andauert. LSD ist eine so potente Substanz – wirksam schon ab einer Dosis von nur einem Zehntel Milligramm –, dass sie einen Drogenkonsum ungekannten Ausmaßes möglich machte. Ein einziges Gramm genügt, um 10000 Menschen auf den Trip zu schicken. Abgesehen von kulturellen Aspekten war es diese Potenz und das sich daraus ergebende Potenzial für glänzende Profite, die maßgeblich für den großen Aufschwung sorgten, den die Drogenkultur später erleben sollte.

Zunächst wurde Hofmanns Schöpfung jedoch von Psychiatern eingesetzt, die überzeugt waren, mithilfe von LSD ließen sich die Geheimnisse des menschlichen Bewusstseins entschlüsseln, insbesondere die von geistigen Erkrankungen, einschließlich der Schizophrenie. Tatsächlich leitet sich der erste klinische Begriff, mit dem die Wirkung von psychoaktiven Drogen beschrieben wurde – psychotomimetisch –, von der Annahme ab, die Substanzen würde eine vorübergehende Psychose auslösen. Zu jener Zeit konnten die Forscher in Europa und den USA diese potenten neuen Stoffe nach Belieben an psychiatrischen Patienten ausprobieren, denn da sie nicht als normale Medikamente galten, mischten sich die Behörden nicht ein. In Großbritannien zählte der 2010 verstorbene Psychiater Ronald Sandison zu den frühen Pionieren in der klinischen Anwendung von LSD. Nachdem er 1952 die Sandoz-Labore in der Schweiz besucht hatte und dabei auch Hofmann begegnet war, nahm Sandison eine Stellung am Powick-Krankenhaus in Worcestershire an und begann dort mit radikalen, von der Regierung finanzierten Versuchen zur klinischen Wirksamkeit des Stoffes. Insgesamt wurden 683 Patienten der Klinik rund 13000 Mal mit LSD behandelt, wofür viele von ihnen im Jahre 2002 Entschädigungszahlungen vom National Health Service, dem britischen Gesundheitssystem, erhielten.

In den USA experimentierten die Army und die CIA im Rahmen des abscheulichen, über Jahrzehnte dauernden Projekts MKUltra mit LSD als Wahrheitsserum und setzten nichts ahnende Probanden unter Drogen, um in jenen Zeiten des Kalten Krieges die Herrschaft über ihren Geist zu gewinnen.

Anfangs waren psychedelische Drogen nur einer kleinen Elite aus Forschern, Reisenden und neugierigen Abenteurern zugänglich. In der Mitte des Jahrhunderts begannen dann Künstler und Intellektuelle, sich für die bewusstseinserweiternden Substanzen zu interessieren. Zunächst befriedigten sie ihren Erlebnishunger mit pflanzenbasierten psychedelischen Drogen. Später benutzten sie dazu Laborerzeugnisse.

Autoren der Beat Generation wie William Burroughs und Allen Ginsberg befreiten – oder verzerrten – ihren Geist mithilfe von LSD wie auch mit jeder anderen chemischen Droge, die sie auftreiben konnten, einschließlich Peyote, Meskalin und dem in Urwaldlianen enthaltenen DMT, das zu den außergewöhnlichsten Halluzinogenen der Welt zählt. In Burroughs’ und Ginsbergs Buch The Yage Letters beschreibt Burroughs seine Suche nach der mysteriösen Yage-Liane, von der er gehört hatte, sie könne von der Heroinsucht heilen und verleihe telepathische Kräfte (sie vermag keins von beidem). Burroughs hatte in einem Aufsatz von Richard Evans Schultes, dem Vater der modernen Ethnobotanik, von den Kräften des aus der Pflanze hergestellten Gebräus gelesen. Er hatte im Grunde keine Ahnung, worum es sich bei der Droge handelte, machte sich jedoch mutig auf den Weg nach Lateinamerika, um mehr darüber herauszufinden. Seine Odyssee begann im Januar 1953 mit einer Hämorrhoiden-OP im schwülen Panama City; einen Monat später reiste er in ein vom Regen geplagtes Bogotá weiter, wo er den Universitätsprofessor Dr. Schindler aufsuchte (Burroughs’ Deckname für Schultes in dem Buch). Schindler schickte den Autor nach Putumayo, in den Süden des Landes, wo er einen curandero, einen Schamanen, aufsuchen sollte. Seine weitschweifige Route führte ihn nach Cali, Armenia, Popayán und in die an der Grenze zu Ecuador gelegene Stadt Pasto, in der er über die Leprakrankheit nachsann, sowie nach Puerto Limón, in der Nähe von Mocoa, wo er seinen Informationen zufolge einen brujo, einen Medizinmann, aufstöbern konnte. Er hüpfte in ein Kanu nach Puerto Assis, wo ihm bei einem Stelldichein im Urwald von einem jungen Mann die Unterhose gestohlen wurde. Danach wurde Burroughs verhaftet und zurück nach Bogotá geschickt, da sein Touristenvisum aufgrund eines Tippfehlers abgelaufen war. Unbeirrt kehrte er auf seiner abenteuerlichen Suche einmal mehr in den Urwald zurück, und es dauerte noch bis zum 15. April, bis er nach einem Malariaanfall Ginsberg endlich schreiben konnte: »Bin wieder in Bogotá. Habe eine Kiste Yage bei mir.«7

(Wenn Burroughs sich heute in den N,N-Dimethyltryptamin-Himmel schießen wollte, denn so heißt der in der Liane enthaltene Wirkstoff, müsste er nur die folgenden Worte googeln: »DMT Liane kaufen«, und er würde sie schon ein paar Tage später in den Händen halten können. Und wenn der Autor in irgendeiner alternativen Quantendimension heute noch am Leben wäre und die Dinge ausnahmsweise mal etwas vorsichtiger angehen wollte als sonst, könnte er sich der Aufmerksamkeit der Behörden einfach dadurch entziehen, dass er auf eines der potenten DMT-Analoge ausweicht, die man in den USA im Internet kaufen kann und von denen viele dort nicht ausdrücklich als kontrollierte Substanzen gelten. Er könnte online bezahlen, dann würde die Droge schon am nächsten Tag in seinem Briefkasten landen. Und wenn er seine offenkundige lebenslange Todessehnsucht befriedigen wollte, hätte er bis zum Januar 2011 eine noch potentere Substanz aus derselben Familie namens 5-MeO-DMT bestellen können, die bis dahin in den USA noch legal war: Ein paar in einer Glaspfeife gerauchte Milligramm hätten genügt, und er hätte den dem Tode ähnlichsten und vom Bewusstsein der Leere erfülltesten Zustand erlebt, der möglich ist, ohne dass man tatsächlich seinen letzten Atemzug tut.)

Das Jahr 1955 markierte einen weiteren Meilenstein in der Geschichte der psychedelischen Drogen. Am 23. Juni jenes Jahres bekam der für J. P. Morgan arbeitende amerikanische Investmentbanker R. Gordon Wasson in einer kleinen Lehmhütte im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca von einer cuandera – einer Schamanin – namens Eva Mendez ein Dutzend kleiner Pilze in die Hand gedrückt (später kam heraus, dass sich hinter dem Decknamen die bekannte Heilerin María Sabina verbarg). Wasson aß die Pilze. Was der Banker nicht wusste: Die cuandera hatte ihm Psilocybin gegeben, eine chemische Substanz mit dem Namen 4-Phosphoryloxy-N,N-dimethyltryptamin oder, knapper ausgedrückt, 4-PO-DMT. Die natürlich vorkommende Substanz Psilocybin wird von Hunderten verschiedenen Pilzarten in vielen Breiten der Welt produziert. Ihr Ausgangsstoff, Tryptamin, bildet die Grundlage für eine der zwei großen Gruppen chemischer Substanzen, die psychedelische oder visionsartige Erlebnisse beim Menschen auslösen können. Geschickte Chemiker können aus der Grundform des Tryptamin Tausende verschiedene Varianten herstellen.

Die Wirkung von Drogen, die mit Tryptamin verwandt sind, ähnelt grob gesagt den Erlebnissen, die durch den Verzehr von Magic Mushrooms hervorgerufen werden. Zu den typischen Effekten zählen mit offenen oder auch geschlossenen Augen wahrgenommene Halluzinationen, in denen oft geometrische Muster vorkommen, Heiterkeit, Verblüffung, verzerrte Höreindrücke sowie bei einigen wenigen Unglücklichen in endlosen Gedankenschleifen auftretende existenzielle Ängste und blanke Panik. In einem Artikel der Zeitschrift Life vom 13. Mai 1957 sagte Wasson, seine Expedition zu den Magic Mushrooms habe für ihn den Höhepunkt seiner lebenslangen Suche nach einer Antwort auf die Frage bedeutet, welche Verbindung zwischen der Mythologie und Giftpilzen besteht. Was auch seine Absichten gewesen sein mögen und was seine ursprünglichen Motive (Verschwörungstheorien gibt es zu diesem Punkt zuhauf), es ist ihm auf glänzende Weise gelungen, Millionen von Menschen zu überzeugen, sich ebenfalls auf diese natürliche psychedelische Erfahrung einzulassen. Er schrieb:

»Wir waren so hellwach wie noch nie und sahen Traumbilder, ob unsere Augen geöffnet oder geschlossen waren. Sie traten aus der Mitte unseres Blickfeldes hervor und entfalteten sich dabei, in einem Moment rasend schnell, im nächsten langsam, stets genau in dem Tempo, den unser Wille ihnen befahl. Sie leuchteten in lebhaften Farben, die jedoch stets miteinander harmonierten. Zunächst erschienen künstlerische Motive, wie sie Teppiche, Textilien, Tapeten oder das Zeichenbrett eines Architekten schmücken. Dann verwandelten sich die Muster zu Palästen mit Höfen, Arkaden, Gärten – strahlende Paläste, die über und über mit bunten Steinen bedeckt waren.

Dann sah ich ein der Sagenwelt entsprungenes Ungeheuer, das eine königliche Kutsche zog. Später war es, als hätten sich die Wände unseres Hauses aufgelöst und mein Geist sei ins Freie geströmt. Ich schwebte in der Luft, unter mir bergige Landschaften, über deren Hänge Kamelkarawanen gemächlich dahinzogen und die sich dann Stufe für Stufe bis ganz hinauf in den Himmel auftürmten.»8

Solche psychedelischen Erlebnisse unterschieden sich beträchtlich von den meisten durch Drogen herbeigeführten Zuständen, die den Menschen aus den westlichen Gesellschaften bis dahin zugänglich gewesen waren. Opiate und Kokain haben eine beruhigende oder euphorisierende Wirkung und verleihen ein Gefühl der erhöhten Energie und Zuversicht. Bei der Einnahme von bewusstseinserweiternden Drogen hingegen kommt es zugleich zu einer ontologischen Ex- und Implosion. Ihre Wirkung auf den Geist ist nicht leicht in Worte zu fassen und lässt sich tatsächlich nur wirklich verstehen, wenn man sie selbst erlebt hat. Und die Erlebnisse mit solchen Drogen scheinen dazu anzutreiben, diese Erfahrungen zu beschreiben, zu dokumentieren, mitzuteilen und mit anderen zu besprechen, in der Regel, weil sie so neuartig und verblüffend waren. Die Drogen machen nicht körperlich abhängig, haben aber eine so tiefgehende Wirkung, dass viele Konsumenten diese erneut erleben wollen.

Wasson etwa war so überwältigt, dass er nur drei Tage später zurückkehrte, um die Erfahrung zu wiederholen:

»Ich wiederholte das gleiche Erlebnis im selben Zimmer mit derselben cuandera, statt Bergen sah ich Flussmündungen, klares Wasser, das durch endlose Schilfflächen in ein grenzenloses Meer floss, beschienen vom weichen Licht der niedrig stehenden Sonne. Diesmal erschien mir eine menschliche Gestalt, eine Frau in Eingeborenenkleidern, die aufrecht am Ufer stand und übers Wasser blickte, rätselhaft, schön, einer Skulptur ähnlich, nur dass sie atmete und in bunten Farben gewobene Gewänder trug. Mir schien sich eine Welt darzubieten, zu der ich nicht gehörte und zu der ich mir keine Kontaktaufnahme erhoffen konnte. Dort war ich nun und schwebte im Raum, ein geisterhaftes Auge, unsichtbar, körperlos, sehend, doch selbst ungesehen.«

In jenem Jahrzehnt übte die psychedelische Droge Meskalin eine große Faszination auf viele Intellektuelle, Chemiker und andere wissbegierige Menschen aus. Ihr Wirkstoff wurde im Jahre 1897 zum ersten Mal von dem deutschen Pharmakologen Arthur Heffter aus dem Peyote-Kaktus isoliert. 1919 gelang dann dem österreichischen Chemiker Ernst Spath die künstliche Nachbildung im Labor. Meskalin, mit wissenschaftlichem Namen 3,4,5-Trimethoxyphenethylamin, ist jene Droge, die den Autor Aldous Huxley dazu bewog, Die Pforten der Wahrnehmung zu schreiben, einen 1954 erschienenen Klassiker der psychedelischen Literatur. Ihr chemisches Rückgrat besteht aus Phenethylamin, der Grundsubstanz der zweiten großen Gruppe von Stoffen, die Halluzinationen und mystische Erfahrungen bei Menschen auslösen. Phenethylamin kann durch einen erfahrenen Chemiker ebenso leicht verändert werden wie der Grundstoff Tryptamin, und auch von dieser Substanz können zahllose andere halluzinogene Stimulanzien abgeleitet werden.

Meskalin, das von Eingeborenenvölkern seit Langem zu religiösen und wahrsagerischen Zwecken eingesetzt wird, kommt in der Natur in Hunderten verschiedenen Kakteenarten vor, die überall auf dem amerikanischen Doppelkontinent und in weniger großer Vielfalt auch auf den Inseln der Karibik wachsen. Durch das Anfügen von anderen chemischen Stoffen an das Grundgerüst von Phenethylamin verändert dies seine subjektive Wirkung und verursacht bei Menschen, die es sich zu sich nehmen, Halluzinationen sowie eine Vielzahl außergewöhnlicher Empfindungen. Oft wird in diesem Zustand die natürliche Welt, wie auch beinah alles andere, als etwas Wunderbares und Erstaunliches wahrgenommen, der Umgang mit Freunden wird als vergnüglicher und vertrauter empfunden, und in der Endphase der Wirkung stellt sich ein Gefühl des inneren Friedens ein, das häufig mit tiefer Nachdenklichkeit einhergeht.

Die Gesetzgeber der Welt haben dafür gesorgt, dass den meisten Menschen diese Erfahrung versagt bleibt, obwohl Meskalin bereits seit Jahrtausenden verwendet wird und seine Wirkung auf traditionelle Nutzer in verschiedenen Langzeitstudien untersucht und als größtenteils harmlos oder sogar heilsam eingestuft wurde.

Eine der ersten und unterhaltsamsten Veröffentlichungen zum Gebrauch von natürlich vorkommendem Meskalin erschien 1898 in The Contemporary Review, einer der ältesten Zeitschriften Englands, gegründet im Jahre 1866. Havelock Ellis war ein britischer Arzt und Sozialreformer, der für seinen radikal objektivistischen Ansatz in der Sexualforschung bekannt wurde. In seinem ersten medizinischen Lehrbuch ging es um Homosexualität, und obwohl manche seiner Positionen aus heutiger Sicht anachronistisch oder sogar anstößig erscheinen – so schreibt er zum Beispiel vollkommen teilnahmslos über Beziehungen zwischen Knaben und erwachsenen Männern und trat später als Eugeniker auf –, bieten seine Schriften doch einen unerschrockenen Blick auf die verborgenen Aspekte des bürgerlichen Lebens im Viktorianischen Zeitalter. Er bewegte sich in Kreisen, aus denen später die Fabian Society hervorging, Englands erster politischer Thinktank.

In seinem 1898 im Contemporary Review veröffentlichten Essay, »Mescal, a New Artificial Paradise«9, setzte sich Ellis auf ähnlich moderne und unvoreingenommene Weise mit der Welt der psychoaktiven Drogen auseinander. Er beschäftigt sich darin zum ersten Mal mit dem Thema Meskalin und liefert eine plastische Beschreibung der Erfahrung, die Aldous Huxleys Gedanken zu der Materie um beinah ein halbes Jahrhundert vorausgehen. Als Forschungslabor setzte Ellis seinen eigenen Körper ein, und seine Arbeit war weder illegal, noch spielte sie sich im Verborgenen ab. Am Karfreitag des vorhergehenden Jahres hatte Ellis in seiner Wohnung im Londoner Gerichtsviertel um ungefähr halb drei Uhr nachmittags mehrere der knollenartigen Triebe des Peyote-Kaktus ausgekocht und das bittere Gebräu getrunken. Bald darauf begann er zu halluzinieren.

Er beschrieb, wie in sanfter Weise freundliche und edelsteinartig glänzende Traumbilder auf ihn eindrangen. Fremdartig verschlungene Blütenblätter und durchscheinende Schmetterlingsflügel legten sich wie Blumengebinde über seinen Blick, entfalteten und verformten sich vor seinen Augen, aber auch dahinter, denn wie er sagte, machte es keinen Unterschied, ob seine Augen offen oder geschlossen waren. Jede Farbe des Spektrums war vorhanden, in verschwenderischem Überfluss, und noch während er sich an dieser glorreichen ästhetischen Überdosis erfreute, verwandelten sich die Traumbilder aufs Neue, wurden zu Porzellan und Spitze, zu jenen kunstvoll geschnitzten Holzgittern, die in den alten Gebäuden Kairos als Fenster dienen, zu hoch aufragenden Urformen der Architektur, wie man sie von den Maori kennt.

Als die Zeit verging und die Wirkung der Droge nachließ, konnte er keinen Schlaf finden und beschäftigte sich wie besessen mit seinen Beinen und den Schatten an der Wand. Dreizehn Stunden später schlug er sein Notizbuch zu, nachdem er sämtliche Erlebnisse des Tages darin festgehalten hatte. Bald machte er Freunde mit der Droge bekannt, die von erstaunlichen Visionen und »einem sehr ausgeprägten Gefühl des Wohlbefindens« berichteten.

Fast sechzig Jahre später, am Freitag, dem 2. Dezember 1955, zur Mittagszeit, hatte ein angesehenes Mitglied des britischen Establishments ein ähnliches Erlebnis wie Ellis. Zwei gut gekleidete Männer mit so geschliffen sauberer Aussprache, dass man Glas damit hätte schneiden können, saßen in einem karg eingerichteten britischen Nachkriegswohnzimmer. Für einen der Männer sollte das auch so bleiben. Der andere Mann jedoch war kurz davor, Zeuge einer erlesenen ästhetischen Verwandlung und einer verblüffenden Verzerrung der Zeitwahrnehmung zu werden, die seine Weltsicht über viele Jahrzehnte hinaus verändern würde. Zwischen den Männern stand ein Mikrofon, und vor ihnen hatte ein Fernsehteam seine Kameras aufgebaut, um das Ereignis für die Panorama-Magazinreihe der BBC festzuhalten. Die Sendung markiert den Zeitpunkt, an dem psychedelische Drogen aus dem Labor und der Klinik den Weg hinaus in die Mainstreamkultur fanden.

Der zur damaligen Liberal Party gehörende Parlamentsabgeordnete Christopher Mayhew legte die Fingerspitzen zusammen und lehnte sich mit schrecklich anzusehendem, unbehaglichem Elan im Sessel zurück, während die Kameras der BBC jede seiner Bewegungen aufzeichneten. Er bereitete sich darauf vor, eine hohe, 400 Milligramm starke Dosis puren Meskalin-Hydrochlorids verabreicht zu bekommen. Der Zeiger der Uhr rückte auf Mittag. »Ich fühle mich gegenwärtig in bester körperlicher Verfassung und vollkommen bei Verstand. Und jetzt werde ich die Droge nehmen«, verkündete Mayhew in seinem steifen weißen Kragen, das Haar ordentlich mit Brillantine zurückgekämmt. Eine Stunde später war die Substanz ins Hirn des Politikers vorgedrungen, und seine Vorhänge, einst von nüchternem Blau, schienen sich in ein blühendes, prachtvolles Wirrwarr ineinanderfließender Farben verwandelt zu haben. Der Abgeordnete fand den Anblick sehr hübsch. Auf seinem Gesicht, eben noch eine angespannte Grimasse gespielter Selbstbeherrschung, erstrahlte ein freudiges Grinsen, dem er nicht recht Herr werden konnte. Jener Freund, der ihm die Droge gegeben hatte, trug den fabelhaften Namen Humphrey Fortescue Osmond und war ein Psychiater mit progressiven Ansichten, der sich seinen Platz in der Geschichte der Drogen sicherte, indem er das Wort »psychedelisch« erfand, das aus dem Altgriechischen übersetzt »die Seele offenbarend« bedeutet und von Osmond in einem Briefwechsel mit seinem bekannteren Bruder im Geiste Aldous Huxley geprägt wurde. Heute würde man Osmond als Drogendealer einstufen, doch zu jener Zeit waren die Trips, die er andere schmeißen ließ, legal.

Man betrachtete sie auch nicht als Trips, sondern als Medikamente: In den 1950ern behandelte Osmond viele Alkoholiker erfolgreich mit LSD, bis die Droge verboten wurde. Mayhew befand sich also in besten Händen, auch wenn Osmond dann ein bizarres Interview mit ihm führte, in dem der Abgeordnete unter dem Einfluss der Droge überzeugt war, durch die Zeit zu reisen. »Da, jetzt bin ich wieder fort«, sagte er. »Auf meiner Zeitebene. Ich bin über lange Zeiträume fort, aber Sie werden nicht merken, dass ich fort war.«

Ähnlich wie man einen Geisteskranken nach dem Namen des amtierenden US-Präsidenten oder Premierministers fragen würde, um seinen Zustand zu überprüfen, bat Osmond Mayhew immer wieder, den folgenden mysteriösen Satz zu wiederholen: »Um zu gedeihen, benötigt eine Nation eine sichere und verlässliche Versorgung mit Holz.« Der Abgeordnete bekam den Satz nicht sehr oft hin, und während die Zeit fortschritt (und fortschritt und fortschritt), wirkte Mayhew sehr zufrieden mit sich, wenn er ihn doch einmal richtig aufsagte. Sich ein noch seltsameres Erlebnis für einen Erstkonsumenten von Meskalin auszudenken, würde nicht wenig Zeit und Erfindungsreichtum erfordern.

Der Blick des Abgeordneten war abwechselnd wachsam und wie verzückt, und selbst in der alten Schwarzweißaufnahme ist zu erkennen, wie seine Augen angesichts der Pracht seiner Umgebung immer wieder erstaunt aufleuchten und ein Ausdruck heiterer Verwunderung auf Mayhews Miene tritt, als es ihm nicht gelingen will, ein paar einfache Zahlen zu addieren. Besonders bezaubernd ist mitanzusehen, wie er mit dem schüchternen und doch strahlenden Grinsen eines bei seinem Spiel gestörten Jungen reagiert, als die Realität sich vor seinen Augen aufzulösen beginnt und er gleichzeitig hundert minus drei rechnen soll. In einer späteren Phase des Interviews richtet sich Mayhew direkt an die Kamera, seine Pupillen matte, gespenstisch ausdruckslos wirkende Kreise von tiefstem Schwarz, und wechselt auf zermürbende Weise zwischen vernünftigen Sätzen und verwirrtem Gefasel hin und her, während er über Raum und Zeit philosophiert. »Es gibt keine absolute Zeit, keinen absoluten Raum, das sind nur Dinge, die wir der Umwelt aufzwingen«, sagt er in beschwörendem Ton, als sei er kurz davor, entweder zu einer wichtigen psychedelischen Erkenntnis zu gelangen oder aber komplett den Verstand zu verlieren.

Es dürfte sich um einen der eigenartigsten Fernsehbeiträge handeln, der je aufgenommen wurde, doch leider wurde er nie gesendet, wenn auch später die schottische Technoband The Shamen Teile davon verwendete. Die BBC holte sich Rat bei einer Auswahl von Priestern, Philosophen und verschiedenen anderen Denkern und Mystikern, die Mayhews beseligende Einblicke in die Ewigkeit als wertlos abtaten. Mayhew selbst nahm ihre fehlerhaften Argumente auf brillante Weise auseinander und verteidigte den Vorrang des persönlich Erlebten, als er sich in dem Dokumentarfilm »LSD: The Beyond Within« später noch einmal mit dem Experiment auseinandersetzte. »Die Psychiater und auch der gesunde Menschenverstand, sie alle haben danach gesagt: ›Das ist Unsinn. Du kannst diese Erfahrungen [der sich zur Ewigkeit ausdehnenden Zeit] nicht gemacht haben. Wie der Film zeigt, war nicht genug Zeit dazu. Du hattest nicht genug Zeit, um sie zu machen.‹ Und die Psychiater haben ihr Urteil abgegeben, und ich habe es akzeptiert. Sie haben gesagt, ich hätte einfach die Symptome dessen gezeigt, was sie die Auflösung des Ego nennen, und auch das habe ich so hingenommen. Gleichzeitig hatten sie diese Erfahrung ja nicht gemacht.«

Der psychedelische Ausflug des Abgeordneten stellt einen der ersten live geschilderten »Tripberichte« dar, bei denen Konsumenten von psychoaktiven Substanzen ihre Erlebnisse darlegen, um andere zu informieren, zu warnen oder auch nur zu amüsieren. Kein Labor kann da mithalten und auch kein in der Petrischale gezüchtetes Hirngewebe – der Geist ist das Reagenzglas, in dem die Reaktion stattfindet, und Mayhews Erfahrungen bereiteten vielen anderen Neugierigen den Weg, die es ihm gleichtaten. Die Tatsache, dass ein angesehener britischer Politiker und ein international anerkannter Forscher zu dieser haarsträubenden geistigen Expedition aufbrachen, sagt sehr viel darüber aus, wie weit sich das dysfunktionale Modell der Drogenbekämpfung, das heute weltweit vorherrscht, von der offeneren offiziellen Haltung früherer Zeiten entfernt hat.

Nach seiner Erfindung blieb LSD mehr als 20 Jahre lang legal, weil es vorwiegend von Psychiatern, Forschern und anderen seriösen Wissenssuchenden eingesetzt wurde. Die frühen Konsumenten der Droge, begonnen mit James D. Watson und Francis Crick, die im März 1953 den Basiscode des Lebens knackten, als sie sich mit einer kleinen Dosis LSD im Blut die Doppelhelix des DNA-Moleküls vorstellten, haben die Gesellschaft auf eine Weise geformt, die vor dem Aufkommen der Substanz undenkbar gewesen wäre.

Nachdem es in den 1940ern und 1950ern seinen Weg aus den psychiatrischen Kliniken und anderen medizinischen Einrichtungen gefunden hatte, wurde LSD in den 1960ern zur ersten Substanz, die im Westen den Drogenkonsum auch den Massen ermöglichte. Das von Ellis verzehrte Meskalin war natürlichen Ursprungs gewesen und mithilfe echter Peyote-Kakteen hergestellt worden. Das von Huxley, Osmond und Mayhew verwendete Hydrochlorid stammte zwar nur aus dem Labor, war aber dafür synthetisch – und die Dosis lag bei 400 Milligramm. LSD begann bereits ab 100 Mikrogramm zu wirken – was bedeutete, dass jedes Milligramm zehn wirksame Dosen enthielt und jedes Gramm des Pulvers ungefähr 10000. Ein einziges kleines Labor konnte genug LSD produzieren, um Millionen von Menschen auf den Trip zu schicken.

In den USA hatte die Droge ihren Weg aus den Kliniken auf die Straße auf ähnliche Weise gefunden wie in Großbritannien. Der Autor Ken Kesey und die Harvard-Professoren Timothy Leary und Richard Alpert gehörten zu den Apologeten der Substanz, von der sie glaubten, sie würde das menschliche Bewusstsein in ein neues Zeitalter führen. Owsley Stanley, der anspruchsvollste und produktivste LSD-Koch der Welt, der in den 1960ern den größten Teil der amerikanischen Westküste mit LSD versorgte, hat behauptet, er habe keineswegs so viel Acid hergestellt, weil er die Welt verändern wollte, sondern weil es nahezu unmöglich sei, keine enormen Mengen der Droge zu produzieren, wenn man erst einmal mit ihrer Synthese begonnen habe. Der Zeitpunkt war gekommen, an dem künstliche, im Labor hergestellte Drogen pflanzenbasierte Stoffe von ihrem Platz als meistgenutzte Freizeitdrogen verdrängten – mit der Ausnahme von Marihuana.

Marihuana stellte in den 1960ern sowohl für die Konsumenten als auch für die Gesetzgeber die ultimative Einstiegsdroge dar. Im frühen 20. Jahrhundert war die Droge vor allem innerhalb der neuen schwarzen städtischen Unterschicht der USA verbreitet gewesen und später dann innerhalb der weißen Gegenkultur der Beatniks, die mit ihrem Konsum verbundene Denk- und Verhaltensweisen aus der Jazzära übernahmen. Gegen Marihuana gerichtete Gesetze waren in den USA ursprünglich aufgrund des Zustroms mexikanischer Einwanderer um die Jahrhundertwende entstanden, die die Pflanze als Freizeitdroge nutzten. Die begeisterte Aufnahme der Droge durch weiße, gebildete Jugendliche und Studenten aus der Mittelschicht sowie ihre gedankliche Verknüpfung mit der sich vor Vietnam und dem Kriegsdienst drückenden Gegenkultur der Hippies trugen jedoch dazu bei, dass das Establishment zur der Überzeugung gelangte, der Konsum von Drogen stelle eine hochgradige Bedrohung für die Gesellschaft dar.

In der zweiten Hälfe der 1960er-Jahre wurden die Straßen und Radiofrequenzen mit psychedelisch inspirierten Eindrücken und dem dazugehörigen Sound praktisch überflutet. 1965 brachten die Beatles eine Anspielung auf ihre erste LSD-Erfahrung in ihrem Nummer-eins-Hit Help unter, und zwar in der sonderbaren Textzeile: »Now I find I’ve changed my mind and opened up the doors.«* Der größte Teil der englischen Bevölkerung hatte keine Ahnung, worum es sich bei der Droge handelte oder dass sie überhaupt existierte oder dass die Beatles sie konsumiert hatten. Den Beatles ging es ursprünglich genauso, da ihnen ihr Zahnarzt die Droge bei einem Abendessen ohne ihr Wissen in die Drinks gemischt hatte.10 Doch LSD fand schon bald Eingang in die Kultur, machte den genussmäßigen Gebrauch von Drogen in jener Zeit und darüber hinaus zu etwas Weitverbreitetem, wenn nicht sogar Normalem, und revolutionierte auf beiden Seiten des Atlantiks die Jugendkultur, die Geschlechterrollen, die Musik und die Kunst. Wie es Bob Dylan in seinem berühmten Song ausdrückte: Die Zeiten änderten sich. In Westeuropa und in den USA waren Drogen im alltäglichen Leben plötzlich allgegenwärtig.

1966 wurde LSD in den USA und Großbritannien verboten, 1971 auch in Deutschland (trotzdem ist die Substanz in der Bundesrepublik auch heute noch das am häufigsten konsumierte Halluzinogen). Während der britischen Debatte zu dem Verbot bewiesen selbst die biederen Lordrichter ein eigenartiges Interesse an der Droge, und der ehrenwerte Lord Saltoun etwa erkundigte sich: »Darf ich den edlen Lord fragen, ob es sich bei LSD-25 um die Droge handelt, durch die man sich daran zu erinnern vermag, was bei der eigenen Geburt passiert ist?«11 Er erhielt eine markige Replik von Lord Stonham: »Meine Lords, meiner Meinung nach verhilft einem der herbeigeführte halluzinatorische Effekt nicht dazu, sich auf solche Weise an Vergangenes zu erinnern, sondern bewirkt vielmehr, dass man vergesslich wird und sich einbildet, man sei anders und befinde sich woanders, als es den Tatsachen entspricht. Nun ist natürlich LSD nicht die einzige Substanz, die zu derartigen Sinnestäuschungen führen kann: Ich habe Leute gekannt, die nach vier Gläsern Bier gedacht haben, sie könnten fliegen.« Die Lords brachten keinerlei evidenzbasierten Gründe für das Verbot der Droge hervor; sie bezogen sich lediglich auf Zeitungsberichte über Fälle, in denen Menschen nach der Einnahme von Häusern oder in Seen gesprungen waren, sowie auf einen Meinungsbeitrag aus dem British Medical Journal, in dem es hieß, die Droge sollte genauso verboten werden, wie es bereits bei Amphetamin geschehen war.

LSD, Meskalin und Psilocybin wurden allesamt in jenem Jahr verboten, obwohl es nur wenige Beweise für ihre gesundheitliche Schädlichkeit gab – Bier hingegen blieb legal. In den USA wurde LSD bundesweit mit der Verabschiedung der Staggers-Dodd Bill im Jahre 1968 verboten, mit der der Food, Drug and Cosmetic Act ergänzt wurde.

In den 1960ern war eine weitere synthetische Droge in einem näher zur Arbeiterklasse hin gelagerten Umfeld beliebt geworden: Speed. Abgesehen von Alkohol und Nikotin stellten Amphetamine die ersten Drogen dar, die in Großbritannien im großen Maßstab zu Genusszwecken konsumiert wurden.

Während der 1930er und 1940er waren Amphetamine von Ärzten häufig gegen Erschöpfung verschrieben worden, eine Tatsache, die zu einem gewissen Grad die grauenhaft fidele und unerbittlich geschwätzige Darstellung des britischen Landsers in den Filmen der Zeit erklären könnte, denn im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurden insgesamt mehr als 70 Millionen Amphetamintabletten von britischen Soldaten geschluckt. Obwohl die Tabletten auch bei Hausfrauen beliebt waren, die kurz mal der Schufterei entfliehen oder Gewicht verlieren wollten, wurden sie in jenen Tagen noch selten zu Vergnügungszwecken eingesetzt, und die Beschaffung fand entweder über Diebstähle aus Fabriken oder das Abzweigen von legal verschriebenen Pillen statt.

Seit dem Ende der Wehrpflicht im Jahre 1960 breitete sich in Großbritannien die in den Arbeitervierteln der großen Industriestädte entstandene Mods-Bewegung immer mehr aus. Die adrett gekleideten Arbeiterkinder, die ihr angehörten, wehrten sich gegen die Sparsamkeit der Nachkriegsjahre mit demonstrativem Konsum und kauften sich ihre maßgeschneiderten Anzüge und ausländischen Motorroller auf Pump. Sie brachten zusammen, woraus seither der typische Tugendkatalog einer jeden Jugendkultur besteht: sexuelle Freizügigkeit, neumodische Drogen, nächtelanges Tanzen zu Musik mit fremdartigen, möglicherweise sogar afrikanischen Rhythmen sowie eine umfassende und unheilsame Ablehnung jeder Art von Autorität. Alkohol betrachteten sie als die Droge der Alten, der Spießigen, der schlecht Angezogenen sowie all jener, die nicht so stylish tanzen konnten wie sie, und verschafften den Medien den ersten hausgemachten Drogenskandal der Nachkriegszeit. Die britische Regierung beeilte sich, Amphetamine bereits im Jahre 1964 zu verbieten, was jedoch nur zu einem noch schnelleren Anstieg des Konsums sowie zu höheren Preisen führte, nachdem die Verfügbarkeit des Stoffs um 25 Prozent gesunken war.

In der Mitte der 1970er-Jahre war die Droge bei Discogängern im Norden Englands beliebt, die fanden, dass der metronomische Takt von klassischem amerikanischem Soul noch stärker in die Beine ging, wenn man diese verbotenen Pillen und Pülverchen intus hatte. Auch Punks liebten Speed, dessen Steigerung der Aggressivität und vermeintlichen Gedankenschärfe gut zu ihrem stakkatoartigen Anti-Funk-Sound, ihren presslufthammerartigen Trommelrhythmen und ihren mit drei Akkorden auskommenden Hasstiraden passte. Mit einer Line des wunderbaren Puders in der Nase machte ihre verächtliche Zurückweisung der Hippiesehnsucht nach Liebe, Frieden und Selbstverwöhnung noch mehr Sinn, und auch den damaligen Vertretern des Progressive Rock und ihren mittelalterlich angehauchten Märchenwelten erteilten sie mit dem Konsum eine deutliche Absage. Von den späten 1970ern bis zu den späten 1980ern (und abgesehen von einem kurzen, katastrophalen Flirt mit Heroin in der letzteren Dekade) musste sich Großbritanniens Drogenszene mit diesem mageren chemischen Angebot von Munter- und Müdemachern, Acid (also LSD) und Hasch begnügen. Für diejenigen, die über das nötige Kleingeld verfügten, gab es allerdings auch noch Kokain.

In Pulverform hatte Kokain erstmals in den 1970ern weite Verbreitung in den USA gefunden und wurde unter Musikern und Reichen ungefähr zur selben Zeit zum Muss, als sich die allgemeine LSD-Benebelung zu lichten begann. In den Discos der Zeit, wie New Yorks angesagtem Studio 54, traten sich mit unverschnittenem Koks vollgestopfte Promis gegenseitig auf die Füße, während im wesentlich unkonventionellerem »Loft« der DJ David Mancuso die Tänzer in einer fast zeremoniell wirkenden urbanen Umgebung auf Pilgerfahrten ins Licht mitnahm, die oft die ganze Nacht dauerten und bei denen LSD den bevorzugten Reiseproviant darstellte. Trotz aller Unterschiede ähnelten sich die Drogenkonsumenten an solchen Orten in vieler Hinsicht – verschiedene sexuelle Orientierungen waren dort meist genauso vertreten wie verschiedene Rassen, und überall herrschte die gleiche Musikbegeisterung. Das Kokain, aus dem diese Zusammenkünfte ihre Energie schöpften, brachte dem kolumbianischen Drogenhändler Pablo Escobar bis zum Jahre 1989 ein geschätztes Gesamtvermögen von drei Milliarden Dollar ein, und so glamourös die Partys auch gewesen sein mögen: Die mehreren Tausend Kolumbianer, die von den Drogenschmugglern abgeschlachtet wurden, hatten dagegen nicht viel davon. In den 1980ern trat dann Crack auf den Plan, die stärkere, rauchbare Form der Droge, die an den sozialen Brennpunkten wütete, wo sie aufgrund ihres niedrigen Preises und ihrer starken Wirkung unzählige Abnehmer fand. Als statt psychedelischer Substanzen immer öfter harte Drogen konsumiert wurden, wuchsen auch mit dem Drogenkonsum einhergehende Probleme wie Abhängigkeit, Überdosen und Kriminalität.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Drogengesetze immer schärfer geworden, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Sie wurden vordergründig geschaffen, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen, und es ist unmöglich zu behaupten, dass viele der Drogen, die heute weltweit verboten sind, bei exzessivem Gebrauch nicht zu Abhängigkeit, gesundheitlichen Schäden und anderen Problemen führen. Von einem gewissen Standpunkt aus ließe sich aber auch argumentieren, dass die Verbote genauso viel mit bestimmten Moralvorstellungen und dem Bedarf nach nüchternen und gefügigen Arbeitskräften zu tun hatten wie mit Schutz.

Heute gibt es drei Abkommen der Vereinten Nationen, in denen die internationalen Drogengesetze festgelegt sind: das Einheitsabkommen über Betäubungsmittel von 1961, die 1971 verabschiedete Konvention über psychotrope Substanzen (von der ein Entwurf bereits 1969 veröffentlicht wurde und als Vorlage für spätere amerikanische und britische Drogengesetze diente) sowie das Übereinkommen gegen den unerlaubten Verkehr mit Suchtstoffen und psychotropen Stoffen von 1988, das allgemein gebräuchliche Chemikalien mit Verboten belegt, die zur Herstellung und Synthese illegaler Drogen verwendet werden können. Die allermeisten UN-Mitgliedsstaaten haben diese drei Abkommen unterzeichnet und sind damit per Gesetz verpflichtet, die Herstellung, Verbreitung, den Kauf, Verkauf und Besitz der mehreren Hundert Substanzen strafrechtlich zu verfolgen, die in dem Abkommen aufgeführt sind, sollten diese zu anderen als wissenschaftlichen oder medizinischen Zwecken verwendet werden.

In Großbritannien wird der gesetzliche Umgang mit Drogen durch zwei Parlamentsbeschlüsse geregelt, und zwar durch den Medicines Act von 1968 und den Misuse of Drugs Act von 1971. Es ist der letztere Beschluss, auf den sich der Staat bei der Verfolgung von Drogenkriminalität normalerweise bezieht, und er verbietet die Herstellung, die Verbreitung und den Gebrauch von Hunderten jeweils mit Namen aufgeführten chemischen Substanzen. Das Gesetz teilt die Stoffe in drei Kategorien ein, C, B und A, wobei die Strenge der Strafe proportional zur veranschlagten Gefährlichkeit der Substanzen zunimmt.

In Deutschland wird der Gebrauch von Drogen heute durch das Betäubungsmittelgesetz kontrolliert. Das Opiumgesetz, das ab Anfang 1930 in Kraft gewesen war, hatte eher einer Verwaltungsvorschrift geglichen, die kaum eine harte Strafverfolgung zum Ziel hatte. Im Zuge der Studentenbewegung der Sechzigerjahre gewann in Deutschland Cannabis wieder an Popularität, und die Medien berichteten mit hoher Frequenz über den Konsum durch die rebellierende Jugend.

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