Logo weiterlesen.de
Davidstern und Weihnachtsbaum

Impressum

Mit 27 Abbildungen

ISBN 978-3-746-68143-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Dieses Buch erschien 1992 im Forum Verlag, Leipzig. Bei Aufbau Taschenbuch erstmals als überarbeitete Neuauflage 2006 erschienen; Aufbau Taschenbuch ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z. B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Preuße & Hülpüsch Grafik Design unter Verwendung eines Fotos oben: Stadtgeschichtliches Museum, Leipzig, „Synagoge in der Gottschedstraße“, unten: Menora, Buchmalerei, Spanien um 1300

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Wie dieses Buch entstand

Der Junge aus der Fregestraße

Post aus Israel

»Meistens weine ich. Heute geht’s.«

Unbekannter Widerstand

In Frankfurt

Erinnerungssplitter

Dokumente eines Lebens

Pogrom in Borna

Der Nobelpreisträger

Jahre im Versteck

»Ich betrachte mich immer noch als Flüchtling.«

Das Foto

An der Parthe

Das Versäumnis

Eine Leipzigerin

Vererbte Vorurteile

Hools

Begegnung mit Neonazis

»Ihr Judenschweine! Ihr müßtet den Rosentalteich aussaufen!«

Im Waldplatzviertel

Der Panther

Erinnerungen eines Friseurs

Das ehemalige Warenhaus M. Joske & Co

Schocken

Leipziger Ware

Stühle

Das Israelitische Krankenhaus

Die alte Frau aus meiner Kirche

»Deine Mutti ist Jüdin!«

Die Mutter, die keine war

»Hitler hat mich zum Juden gemacht!«

Der Friedhof im Johannistal

»Wer läßt die Blumen wachsen?«

Kinderheime

Als Kind im Lunapark

Karten aus Theresienstadt

»Man kann nicht schildern, wie es wirklich war!«

»Vergnügungsfahrt«

»Leipzig ist meine Heimat geworden.«

»Mit diesem Judenbalg spielst du nicht!«

In Leipzig überlebt

In Israel

Jerusalem

Ein Tag in Haifa

Das Fest

Nachwort

Bildnachweis

Der Autor bedankt sich herzlich bei allen Leipzigerinnen und Leipzigern, die früher in dieser Stadt lebten oder heute noch hier zu Hause sind und die bereit waren, von ihren schweren Lebensjahren zu erzählen. Nur dadurch wurde dieses persönliche Zeitdokument möglich.

Der jüdische Mensch von heute ist der innerlich ausgesetzteste Mensch unserer Welt. Die Spannungen des Zeitalters haben sich diesen Punkt ersehen, um an ihm ihre Kraft zu messen. Sie wollen erfahren, ob der Mensch ihnen noch zu widerstehen vermag, und erproben sich am Juden.

Wird er standhalten? Wird er in Stücke gehen? Sie wollen durch sein Schicksal erfahren, was es um den Menschen ist. Sie machen Versuche mit dem Juden, sie versuchen ihn.

Besteht er’s? ...

Martin Buber, September 1933

Wie dieses Buch entstand

Das Wort »Jude« hörte ich als Kind zum erstenmal durch ein Erlebnis meines Vaters. Von Lemberg kam er 1944 als Soldat der Wehrmacht zutiefst erschüttert nach Hause. Er war an einem Ghetto oder Lager vorbeigekommen. Hinter dem Zaun stand ein alter Mann und bettelte meinen Vater um Wasser oder Brot an. Im Angesicht der SS mußte mein Vater dem Alten diesen Wunsch versagen. Er sah dort vermutlich noch Schlimmeres, denn meine Mutter erzählte mir, daß er geweint und ihr gesagt habe: »Wenn sich das rächt, was da im Osten mit den Juden geschieht, dann wird es furchtbar für Deutschland.«

Leider lebte mein Vater nicht mehr, als ich in einem Alter war, wo mich die Einzelheiten interessierten.

Als ich von den Verbrechen erfuhr, fragte ich meine Mutter, was sie denn gedacht habe, als damals die ersten Juden weggebracht worden seien. Ja, man dachte, sie kämen an einen bestimmten Ort, eine Insel quasi, um zu leben und zu arbeiten. Es waren die Fragen eines Kindes, das nichts verstand, an meine Mutter, die es auch nicht verstand und hilflos mit den Fakten konfrontiert war.

Dann hörte ich das Wort »Jude« im Kindergottesdienst. Schließlich wurde Jesus sogar »der Juden König« genannt. Mich beschäftigte als kleiner Junge, warum er sich als Gottes Sohn alles gefallen ließ und nicht kurz vor der Kreuzigung die Soldaten hinwegfegte ...

Als Kind erfuhr ich von folgender Begebenheit, die einer Tante von mir widerfuhr: Die Schwester meiner Mutter wurde auf ihrer Hochzeitsreise 1937 an der Grenze am Bodensee als einzige zur Kontrolle aus dem Bus geholt. Sie hatte dunkles Haar und ein Gesicht, das jene »Rassenkenner« als typisch jüdisch einstuften. Sie war aber keine Jüdin und wird verständlicherweise an jenem Tag darüber froh gewesen sein ...

Ich wurde 1944 geboren. Meine Mutter wollte mich auf dem Standesamt als Berndt mit dt eintragen lassen. Da sagte der Beamte: »Das geht nicht! Das ist jüdisch!«

Vermutlich war alles, was ihm nicht gefiel, seinerzeit einfach jüdisch.

Anfang der sechziger Jahre lernte ich als zweiten Beruf Buchhändler. Bei den Lehrgängen in Leipzig sagte ein Teilnehmer aus Dresden in einem Gespräch: »Das war schon schlimm, was der Hitler gemacht hat, aber die Verjudung mußte ja auch aufhören.«

Als Student hatte ich eine Freundin, deren Vater jüdischer Herkunft war und in Deutschland überlebte. D. erzählte, daß sie mitten auf der Tanzfläche stehengelassen wurde, weil sie auf eine gezielte Frage – wegen ihres Aussehens – ihre jüdische Herkunft zugab.

1967 war ich mit einem Freund in Polen. In einem Klub lernten wir eine westdeutsche Reisegruppe kennen. Sie fuhren am nächsten Tag nach Auschwitz. Der Leiter, ein sozialdemokratischer Lehrer, lud uns ein mitzukommen. Es war eine politisch bunt zusammengewürfelte Gruppe. Das zeigte sich ganz konkret auf der Hinfahrt. Im hinteren Teil des Busses gab es eine lautstarke Auseinandersetzung. Verlegen erklärte uns der Leiter: »Es gibt einige, die nichts zu dem Kranz geben wollen.«

Der Kranz mit einer Schleife, auf der Versöhnung stand, wurde am Mahnmal niedergelegt. Ein Pfarrer sprach einige Sätze. Wind kam auf und wedelte die Versöhnung weg. Der Pfarrer strich die Schleife wieder glatt. Dann wurde ein Foto für die Kreiszeitung geschossen. Ich erhielt ein Exemplar. Auf dem Bild war eine andächtige Gruppe am Gedenkstein zu sehen, ein Text berichtete über die erschütternde Begegnung mit Auschwitz ...

Ich las Bücher, sah Filme über das unglaubliche Geschehen, und je mehr ich erfuhr, desto unfaßbarer wurde es. Irgendwann wollte ich wissen: Und wie war es hier in Leipzig? Was geschah in meiner Heimatstadt?

Gibt es noch Zeugen?

1985 sprach ich den damaligen Chef der »Leipziger Blätter« an, ob sie einen Beitrag zu diesem Thema bringen würden. Helmut Richter war sofort einverstanden, obwohl diese Frage in der DDR weitestgehend tabu war.

Ich begann mit Recherchen und stellte zu meinem großen Erstaunen fest, daß es nach 1945 in keiner Publikation einen Überblicksartikel zur regionalen jüdischen Geschichte in Deutschland gegeben hatte. Die letzte solide Veröffentlichung schrieb Walter Eck für die Zeitschrift »Leipzig« im Jahre 1927. In der Zeit des Nationalsozialismus erschien im berüchtigten Theodor Fritsch Verlag Leipzig ein entsprechend tendenziöses Buch von Johannes Hartenstein: »Die Juden in der Geschichte Leipzigs«.

Wegen meines geplanten Beitrages nahm ich Kontakt mit der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig auf. Dort gab es Verwunderung, daß jemand über dieses Thema schreiben wollte. Ich wurde gefragt, wer mich beauftragt habe. Mit der Zeit glaubte man mir jedoch, daß die Recherchen im Selbstauftrag geschahen, und es entwickelte sich zum damaligen Vorsitzenden Eugen Gollomb ein Vertrauensverhältnis, das ich mit seinem Nachfolger Aron Adlerstein und Detlef Zellner vom Vorstand fortführen konnte.

Eugen Gollomb war weder Leipziger noch Deutscher von Geburt. Er wuchs in Łódź auf und kam als polnischer Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft. 1940 hieß es dann: »Juden vortreten!« Damit begann für Eugen Gollomb ein jahrelanger Leidensweg.

»Wie kann man das überhaupt überleben?« fragte ich ihn einmal.

»Wir wollten unbedingt die Niederlage der Feinde erleben! Auch der Glaube hat geholfen. Ohne Glauben sind viele in den Freitod gegangen. Natürlich gab es auch Zweifel ... Kann denn möglich sein, daß es einen Gott im Himmel gibt?«

1944 gelang ihm mit Kameraden etwas außerordentlich Seltenes: die Flucht aus einem Nebenlager vom KZ Auschwitz. Gollomb schlug sich zu den Partisanen durch und wurde bei der polnischen Volksarmee Offizier. Aus dem rassisch Verfolgten war ein antifaschistischer Kämpfer und schließlich Befreier geworden. Im ehemaligen Schlesien lernte er eine junge Frau kennen, und so passierte, woran er wohl nie dachte: Der polnische Jude heiratete eine Deutsche und wurde 1946 selbst Deutscher.

Gollomb nahm eines Tages aus der Schublade seines Schreibtisches eine Broschüre. Auf der Titelseite war der Leipziger Hauptbahnhof zu sehen. »Mein Leipzig« hieß das Buch und der Autor Simson Jakob Kreutner. Auf der Rückseite lief das Bahnhofsfoto um, und ich sah hebräische Schriftzeichen. In der Sprache seiner alten und neuen Heimat hatte ein ehemaliger Leipziger seine Erinnerungen aufgeschrieben, die vor allem ein Bild vom Leben der frommen Ostjuden in der Messestadt zeichneten. Dieses Bändchen, für das zu DDR-Zeiten keine Genehmigung vom Rat des Bezirkes zum Vertrieb erteilt wurde, erschien in Jerusalem.

1992 kam das Buch in erweiterter Form in Leipzig heraus. Über meinen ersten Kontakt mit Simson Jakob Kreutner bis zu seinem ersten Besuch Leipzigs nach über fünfzig Jahren und über die inzwischen gewachsene Freundschaft schrieb ich ausführlich im Vorwort zu »Mein Leipzig«.

Im September 1986 erschien im Heft 9 der »Leipziger Blätter« mein Beitrag »Juden in Leipzig«. Ich versuchte, einen groben Überblick ihrer Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart zu geben, schrieb über die bedeutenden Leistungen für die Messestadt Leipzig und über das Leid jüdischer Lebensläufe ...

Dabei war mir wichtig zu zeigen, daß es »die Juden« nicht gab, sondern arme und reiche Menschen und einen großen Mittelstand. Manche waren streng orthodox, andere liberal. Wieder andere wurden Protestanten oder Katholiken, Atheisten oder Marxisten. Und: Es gab riesige Unterschiede zwischen deutschen Juden und den Ostjuden aus Galizien, Rußland oder Polen. Auch Hochmut auf deutsch-jüdischer Seite kam vor und die völlige Verkennung der politischen Situation, daß sich die Repressalien Hitlers nicht gegen die deutschen Juden richten würden – von denen doch Tausende im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten.

Die Resonanz auf diesen Beitrag war groß. Leipziger sprachen mich an, die interessiert dieses Stück Geschichte unserer Stadt zur Kenntnis nahmen. Ich hoffte, durch den Artikel auch mit zurückgezogen lebenden Leipziger Juden in Kontakt zu kommen. Ich wußte, daß außerhalb der Gemeinde, die zu diesem Zeitpunkt noch einundvierzig Mitglieder hatte, einige in der Stadt lebten, die aus unterschiedlichsten Motiven nicht dazugehörten. Dafür gab es nicht nur religiöse Gründe, sondern auch Angst, sich wieder zur Jüdischen Gemeinde zu bekennen.

Dann kam die erste Reaktion von »draußen«. Der ehemalige Leipziger Rolf Kralovitz rief mich aus Köln an. Er freute sich, daß dieses Thema endlich in Leipzig öffentlich gemacht wurde, und erzählte aus seinem Leben. Im Verlauf des Gesprächs sagte er, daß er vor einigen Jahren erblindet sei. Ein Spätschaden seiner erlittenen KZ-Haft sei nicht ausgeschlossen. Nach seiner Erblindung, so scheint es, hat sich sein Erinnerungsvermögen noch potenziert. Es ist unglaublich, welche genauen Beschreibungen er von Menschen, Häusern und Straßen liefern konnte. Irgendwann im Laufe des einstündigen Telefonats kam das Gespräch auf alte Leipziger Adreßbücher, die ich besitze. Er bat mich, eines zu holen und ihm vorzulesen, was bei »Kralovitz« stehe ...

Kralovitz, Martha, Frau, C 1, Fregestr. 22

Das war seine Mutter.

Nun sollte ich bei »Burgheim« nachschlagen.

Burgheim, Hedwig, Seminarleiterin i. R., C 1, Wettinerstr. 9 III

Das war seine Tante, die bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten das Fröbel-Seminar in Gießen leitete.

Seine Mutter, Schwester und Tante brachten die Nazis um. Auch sein Vater, der versuchte, der Familie die Ausreise nach Ungarn zu ermöglichen, wurde Opfer des nazistischen Rassenwahns.

Dann sollte ich im Adreßbuch unter »Fetermann« nachsehen.

Fetermann, Max, Hdlvertr., C 1, Färberstr. 16 H II

Das war der Vater seines besten Freundes. Diese Familie konnte Deutschland noch verlassen.

Die Eintragungen in den Adreßbüchern sind oft die einzige Erinnerung, der einzige Beleg dafür, daß diese Menschen in Leipzig lebten. Die Informationen aus den braunen Bänden (genannt wird immer der jeweilige Haushaltvorstand) werden deshalb immer wieder in diesem Buch auftauchen.

Mit Rolf Kralovitz blieb ich in Kontakt. Er lud mich ein, nach Köln zu kommen. Ich war natürlich an seinem reichen Fundus über das Leben der Leipziger Juden interessiert und reichte einen Antrag beim Ministerium für Kultur, Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel, ein.

Von der Redaktion der »Leipziger Blätter« erfuhr ich inzwischen, daß eine Bestellung aus dem Politbüro vorlag. Ich wußte, wer sich dafür interessierte: Hermann Axen war Leipziger jüdischer Herkunft. Eugen Gollomb fragte mich seinerzeit scherzhaft: »Warum machen Sie nicht ein Interview mit Axen?«

In Berlin wurde mein Antrag geprüft, zu Studienzwecken den ehemaligen Buchenwald-Häftling Rolf Kralovitz in Köln zu besuchen.

Die Reise wurde genehmigt.

Ich schreibe dies in einer Extra-Zeile, weil es bekanntlich 1987 nichts Selbstverständliches war! Somit verdanke ich meine erste Reise in die Bundesrepublik Deutschland einem ehemaligen Leipziger!

Mit seinem Bericht beginnt dieses Buch, das von den Überlebenden erzählt, die durch die Hölle der Konzentrationslager gingen, denen die Flucht rechtzeitig gelang oder die als Teil einer sogenannten »privilegierten Mischehe« (mit einem nichtjüdischen Partner) den Wahnsinn überstanden. Auch von den Spuren der Opfer soll erzählt werden, auf die ich bei meinen Recherchen stieß – eine Collage jüdischen Lebens in Deutschland ... getreu der jüdischen Weisheit: Erinnerung bringt die Erlösung, Vergessen hält sie auf.

Der Junge aus der Fregestraße

Mit Rolf Kralovitz im Gespräch

»Wie komme ich vom Bahnhof aus zu Ihnen?« fragte ich am Telefon Rolf Kralovitz. »Ganz einfach«, antwortete er, »Sie nehmen sich ein Taxi und sagen unsere Straße. Wenn Sie angekommen sind, klingeln Sie bei uns. Dann kommt meine Frau und bezahlt das Taxi.«

Das waren für einen Bürger der DDR beruhigende Informationen bei seinen unsicheren Schritten auf dem Asphalt des Westens.

Der Empfang war herzlich. Das Ehepaar lebte in einer schönen Wohnung in einem gutbürgerlichen Haus der Jahrhundertwende. Bücher dominierten die Räume.

Es schien mir unvorstellbar, daß Rolf Kralovitz nicht sehen konnte. Seine Augen blickten so wach und fröhlich, daß ich immer den Eindruck hatte, er sähe mir genau ins Gesicht.

Seine Frau Brigitte war die Tochter des Schriftstellers Walter Meckauer und lernte mit ihren Eltern die Leiden des Exils kennen. Ihr Vater starb 1966 in München. Zum 50. Jahrestag der Bücherverbrennung im Jahre 1983 wurde eine Walter-Meckauer-Plakette gestiftet, die seitdem alljährlich an Personen oder Institutionen vergeben wird, die sich besonders für die Werke verfolgter und vergessener Autoren engagieren.

Schließlich begann unser Gespräch, und Rolf Kralovitz erzählte, was er als Kind und Jugendlicher in Leipzig und im KZ Buchenwald erlebt hat ...

Sie sind 1925 in Leipzig geboren. Waren Ihre Vorfahren auch schon Leipziger?

Mein Vater war Ungar, aber meine Mutter war Leipzigerin. Auch meine Großmutter wurde in Leipzig geboren. Sie hatte neun Geschwister und stammte aus der Familie Bucky. Die Grabsteine meiner Urgroßeltern stehen noch auf dem Jüdischen Friedhof an der Berliner Straße. Mein Großvater Martin Burgheim kam aus Breslau nach Leipzig und heiratete hier Lina Bucky. Sie hatten drei Töchter: Dorothea, Hedwig und Martha, meine Mutter. Dorothea studierte am Leipziger Konservatorium unter Arthur Nikisch und wurde Pianistin. Sie ging rechtzeitig nach New York. Hedwig war eine der ersten Studentinnen an der Hochschule für Frauen in Leipzig, die von Henriette Goldschmidt begründet wurde. 1918 ging Hedwig nach Gießen, wo sie bis 1933 das Fröbel-Seminar leitete. Nachdem sie ihres Amtes enthoben war, gründete sie in Leipzig eine jüdische Haushalts- und Kindergärtnerinnenschule, die die Nationalsozialisten in der November-Pogromnacht 1938 zerstörten. Hedwig Burgheim wurde 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Ihr zu Ehren verleiht die Universitätsstadt Gießen alljährlich die Hedwig-Burgheim-Medaille an eine Person, die sich in besonderer Weise um die Verständigung zwischen den Menschen in ihrem Sinne verdient gemacht hat.

Meine Mutter Martha lernte im Seidengeschäft ihres Onkels Theodor Bucky am Thomaskirchhof. Dessen Sohn war übrigens der weltbekannte Röntgenologe Professor Gustav Bucky, der Erfinder einer Blende für Röntgengeräte, die nach ihm benannt wurde. Er war mit Albert Einstein eng befreundet.

Sie wohnten im Leipziger Waldstraßen-Viertel. Dort lebten besonders viele jüdische Familien. Wie kam man mit den anderen Leipzigern aus?

Bis die Nazis kamen, durchaus gut. Meine Großeltern zogen genau 1900 mit ihren drei Töchtern in die Fregestraße 22. Später wohnten auch wir, das heißt meine Eltern, meine Schwester und ich, in dieser Wohnung im ersten Stock links. Zu der Nachbarfamilie auf derselben Etage hatten wir ein recht gutes Verhältnis. Auch mit allen übrigen Hausbewohnern. Die Schreibers im dritten Stock waren hochanständige Leute. Sie waren evangelisch. Wir haben uns gut verstanden, und als die Repressalien begannen, haben sie uns wissen lassen, daß sie das in keiner Weise billigten.

Haben Sie als Kind schon die Erfahrung gemacht, daß Sie wegen Ihrer Abstammung als etwas Besonderes angesehen wurden?

Mit zwei Jungen aus unserem Haus, Klaus und Martin, die in meinem Alter waren, spielte ich oft auf dem Hof. Einmal hatte einer mich nicht verstanden und fragte: »Was hast du gesagt?« Daraufhin meinte ich: »Wieso verstehst du mich nicht? Ich hab’ doch einen deutschen Mund!« Und ich bekam zur Antwort: »Du hast keinen deutschen Mund, du bist ein Jude.« Dann haben sie mich verhauen. Da merkte ich zum erstenmal, daß sie mich nicht voll als einen der Ihren akzeptierten, obwohl ich genauso sächsisch sprach wie sie.

Sie waren Schüler in der Israelitischen Schule in der Gustav-Adolf-Straße?

Ja, aber die ersten Jahre ging ich in die normale 40. Volksschule. Vom Religionsunterricht war ich dort natürlich befreit. Dafür hatten wir jüdischen Religionsunterricht bei einem Kantor der Synagoge Gottschedstraße.

Wie war das Weihnachten, stand da ein Tannenbaum bei der Familie Burgheim-Kralovitz im Wohnzimmer?

Selbstverständlich. Wir waren eine liberale Familie. Wir hatten einen Weihnachtsbaum mit Kerzen, Lametta und Schokoladenkringeln. Meine Großmutter, mit der wir ja zusammen wohnten – mein Großvater war schon 1923 gestorben –, kaufte, wie es damals noch üblich war, jedes Jahr im November alle Zutaten für die Weihnachtsstollen. Dann kam der Bäcker mit seinem Trog und knetete den Teig für eine größere Anzahl von Stollen unterschiedlichen Gewichts. Für meine Schwester Annemie und mich wurde je eine kleine Extrastolle geformt. Anschließend ging der Bäcker mit dem vollen Blech auf dem Kopf zur Backstube und brachte ein paar Stunden später das duftende Gebäck zurück. Ich erinnere mich, als ich noch klein war, kam einmal ein richtiger Weihnachtsmann zu uns. Ich hatte vor ihm eine wahnsinnige Angst und hab mich an die Wand gedrückt. Es gab viele jüdische Familien, die Weihnachten nicht feierten, sondern statt dessen das Chanukka-Fest1. Es fällt zeitlich in die Nähe von Weihnachten. In meiner Klasse in der jüdischen Schule fragte mich mal ein Junge: »Was hast du zu Chanukka bekommen?« Ich sagte: »Gar nischt!« Da meinte er: »Das kann nicht sein, jeder kriegt was zu Chanukka.« – »Ich nicht!« – »Kriegst du nie was geschenkt?« – »Doch«, sagte ich, »zu Weihnachten!« Da war er sehr erstaunt.

Aber Sie hatten Ihre Bar Mizwa?

Ja natürlich, in der großen Synagoge in der Gottschedstraße. Ich bin einer der letzten, der dort Bar Mizwa2 wurde. Am 13. August 1938 wurde ich vom Gemeinderabbiner Dr. Gustav Cohn zusammen mit zwei anderen Jungs, Hacker und Triebwasser, eingesegnet.

Können Sie sich erinnern, wann Ihre Familie nach der Machtübernahme durch die Nazis zum erstenmal diffamiert wurde?

Ja, dazu fällt mir eine Geschichte ein. Das muß ungefähr 1935 passiert sein. Wir bekamen morgens vom Bäcker Bienert aus der Waldstraße immer die Brötchen gebracht. Abends hängten wir einen Stoffbeutel außen an die Wohnungstür, und morgens tauschte den ein Bäckerjunge gegen einen gefüllten aus. Eines Morgens fehlten die Brötchen. Meine Mutter ging mit mir in die Bäckerei und sagte: »Wir haben heute gar keine Brötchen bekommen.« Da meinten die Bienerts, es täte ihnen furchtbar leid und sie wüßten gar nicht, wie sie uns das sagen sollten. Es stellte sich heraus, daß unsere Nachbarin, mit der wir vorher doch immer ein recht gutes Verhältnis hatten, am Morgen den Bäckerjungen abgefangen und ihm gesagt hatte: »Juden brauchen keine Brötchen!« Die Frau Bienert weinte fast, als sie uns das erzählte. Sie packte mir eine ganze Tüte Schnecken mit Zuckerguß ein und wollte damit etwas gutmachen, wofür sie gar nichts konnte.

1938 spitzte sich die Situation für die Juden in Deutschland dramatisch zu. Es begann mit der sogenannten Polenaktion am 27./28. Oktober. Sind Ihnen von diesen Tagen Bilder erinnerlich?

In Leipzig wurden ein paar tausend Juden polnischer Nationalität verhaftet und an die Grenze gebracht, egal, ob sie durch Heirat Polen geworden waren und das Land noch nie gesehen hatten, ob sie seit Jahrzehnten in Deutschland lebten, hier in der zweiten Generation geboren waren oder ob sie erst vor wenigen Jahren einwanderten. Die Menschen konnten nur leichtes Gepäck mitnehmen und wurden auf dem Hauptbahnhof in einem dafür reservierten Wartesaal gesammelt und von Polizisten bewacht. Sonderzüge brachten sie – auch aus den anderen Städten des Reichsgebietes – an die polnische Grenze. Viele mußten tagelang im Niemandsland warten, bis sie nach Polen eingelassen wurden. Wer sich in Leipzig vor der Verhaftung hatte retten können, flüchtete ins polnische Generalkonsulat in der Wächterstraße. Im Konsulatsgebäude und im dazugehörigen Garten hielten sich Hunderte von Menschen auf. Es regnete furchtbar, und man errichtete im Garten ein großes Zelt. Ich war von Anfang bis Ende der Aktion mit dabei, um zu helfen und die Leute mit Lebensmitteln und anderen Dingen zu versorgen.

Frau Koch, die diese Hilfsaktion mit leitete, brachte uns – das heißt ein paar Jungen aus meiner Klasse – in eine Villa, um von dort Decken und Liegestühle abzuholen. In der Nordstraße gab es die jüdische Bäckerei Schmeidler, die Tag und Nacht Brote buk. Wir haben die Brote auf den Bahnhof geschafft, in die Züge hineingereicht und auch welche in die Wächterstraße gebracht. Das Konsulat war exterritoriales Gebiet, und so griff die Polizei nicht ein. Nach etwa drei Tagen verkündete der Generalkonsul: »Sie können jetzt alle nach Hause gehen. Es passiert Ihnen nichts mehr.« Da sagte jemand: »Ach, ist das schön. Nun haben wir alles überstanden.« Und ein anderer antwortete pessimistisch: »Was heißt denn überstanden?! Wir sind jetzt staatenlos!«

Das passierte also knapp zwei Wochen vor dem Novemberpogrom?

Ja. Es gab schon so manche Anzeichen für die kommende »spontane Volkswut«, zum Beispiel auch die Verordnung, daß auf die Schaufensterscheiben »Jüdisches Geschäft« mit weißer Farbe geschrieben werden mußte, eine deutlich vorbereitende Kennzeichnung. Ich bin als Dreizehnjähriger mit dem Fahrrad durch die Hainstraße gefahren und habe das dort zum erstenmal an einem Schuhgeschäft gesehen. Das hat mich sehr geärgert. Ich bin abgestiegen und habe aus meiner Fahrradbremse den Gummi herausgenommen. Damit versuchte ich, diese diskriminierenden Worte abzukratzen. Sehr bald aber kam aus dem Laden ein aufgeregter Herr, der zu mir sagte: »Hör sofort damit auf! Das muß da stehenbleiben!«

Der Novemberpogrom leitete eine neue Etappe der Rechtlosigkeit für die jüdischen Bürger ein. In der Sprache der Täter hieß er verharmlosend und zynisch »Reichskristallnacht«. Wie erlebten Sie den 9. und 10. November 1938?

Ich war Mitglied im jüdischen Sportverein Schild. Im Winter hatten wir an jedem Mittwochabend Training in der Turnhalle der Carlebach-Schule. Daniel Katzmann, mein Klassenlehrer, war auch Trainer des Sportvereins. Als wir am 9. November ankamen, empfing uns Herr Katzmann mit ernster Miene und sagte nervös: »Geht bitte sofort wieder nach Hause. Irgend etwas – ich weiß nicht genau, was – ist gegen die Juden geplant. Das Restaurant Zehner und noch andere jüdische Lokale haben vorsorglich bereits geschlossen.« Ich ging aber nicht nach Hause, sondern zu einer Massenveranstaltung auf dem Markt. Dort waren von den Nazis mehrere Särge mit ihren »alten Kämpfern«, die sie aus den Gräbern von verschiedenen Friedhöfen zusammengeholt hatten, aufgebaut worden, um sie an diesem 9. November bei Fackelschein zu feiern und anschließend auf dem Ehrenhain des Südfriedhofs gemeinsam beizusetzen. Am Morgen des 10. November bin ich wie immer mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Weil die Israelitische Schule in der Gustav-Adolf-Straße nicht mehr ausreichte, die vielen jüdischen Schüler aufzunehmen, die nicht mehr auf andere Schulen gehen durften, waren wir seit einiger Zeit in mehreren Klassenzimmern der katholischen Schule in der Alexanderstraße untergebracht. Ich trug mein Fahrrad in den Keller und sah, daß dort kaum Räder standen. Irgend jemand sagte mir: »Heute ist keine Schule. Die Synagogen brennen. Bei Bamberger & Hertz brennt es, und alle jüdischen Geschäfte haben sie zertrümmert.« Da bin ich mit meinem Fahrrad losgefahren und habe mir alles angesehen. Als ich vor der brennenden Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße stand, bekam ich eine fürchterliche Wut. Ich begriff nicht, was das alles sollte. Dann bin ich weiter durch die Stadt, sah die Scherben auf den Straßen und fuhr zur Carlebach-Schule. Beim Haupteingang waren sie nicht reingekommen, weil das Schutzgitter heruntergelassen war. Die rechts daneben befindliche Toreinfahrt aber hatten sie mit Äxten aufgeschlagen. Ich bin um die Ecke in die Färberstraße. Dort befand sich in einem Haus die Ahawas-Thora-Synagoge mit der Talmud-Thora-Schule, in der die orthodoxen Kinder noch zusätzlich zur normalen Schule Unterricht hatten. Als ich ankam, warfen SA-Leute gerade die Thorarollen aus dem Fenster im ersten Stock. Die Thora, das Heiligste! –

Ich war entsetzt. Ein Mann in Räuberzivil und SA-Stiefeln kam auf mich zu und sagte leise: »Hau ab hier!« Ich dachte, er wolle mich wegjagen, aber vielleicht wollte er sogar, daß mir nichts passiert. Ich bin dann zu meinem Freund Heinz Fetermann in die Färberstraße 16 gefahren. Die wohnten im Hinterhaus. Ich habe geklingelt, aber niemand öffnete. Ich klingelte noch einmal, da kam jemand von oben heruntergehuscht, es war die Schwester von Heinz. »Komm rauf, wir sind auf dem Dachboden!« Dort saß nicht nur die Familie Fetermann, sondern noch etwa zehn andere verängstigte Menschen. Sie hatten sich hier versteckt, weil sie wußten, daß auch die jüdischen Wohnungen demoliert wurden. Ich erzählte ihnen alles, was ich in der Stadt gesehen hatte. Nun bekam ich auch ein Gefühl der Angst. Bisher war es nur Wut gewesen. Am frühen Nachmittag fuhr ich endlich nach Hause. Meine Mutter war schon in heller Aufregung: »Gott sei Dank, daß du da bist!« Und an meinen ersten Satz erinnere ich mich noch ganz genau: »Ich bleibe nicht in Deutschland! Wir müssen auswandern!«

Aber das ging ja nicht so einfach ...

Nein, leider nicht. Mein Vater war in Budapest und versuchte, uns nachkommen zu lassen. Das klappte aber nicht. Meine Mutter hatte durch ihre Heirat die ungarische Staatsangehörigkeit bekommen. Auch meine Schwester und ich waren – obwohl wir in Leipzig geboren wurden und nie in unserem Leben in Ungarn waren – ungarische Staatsangehörige. Nach den ungarischen Gesetzen verloren wir sie zwar später wieder, da wir nie dort gelebt hatten, trotzdem verhalf uns diese nicht ganz geklärte Staatsangehörigkeit zu einer gewissen Hilfe durch das ungarische Konsulat in Leipzig. Eine Ungarin namens Gitta Heinig, die dort arbeitete, riet uns im November 1938, sofort eine ungarische Fahne an unserer Wohnungstür anzubringen. Meine Mutter nähte am gleichen Tag eine kleine rotweißgrüne Flagge und hängte sie hinter die Milchglasscheibe unserer Tür. Möglicherweise hat uns das geholfen, als die SA in unserem Viertel jüdische Wohnungen demolierte. Noch am selben Tag kamen einige Männer in unsere Wohnung, um sich hier zu verstecken. Es war nämlich eine Verhaftungswelle angelaufen. Die Gestapo nahm viele männliche Juden ab sechzehn Jahren fest und brachte sie in die Konzentrationslager.

Wurde aus Ihrem Bekanntenkreis auch jemand verhaftet?

Ja, zum Beispiel der Schauspieler Harry Walden, ein guter Freund unserer Familie. Als er in Buchenwald war, kam seine Frau verzweifelt zu uns und wußte keinen Rat, wie sie ihren Mann dort wieder rauskriegen könnte. Damals gab es noch die Möglichkeit, jüdische Häftlinge freizubekommen, etwa dann, wenn einer im Ersten Weltkrieg als Soldat Auszeichnungen erhalten hatte oder wenn man eine Einwanderungsgenehmigung in ein anderes Land vorweisen konnte. Eines Tages kam sie freudig erregt und sagte: »Ich habe für ihn eine Schiffskarte bekommen. Nach Schanghai, wo man ohne Visum einwandern kann.« Er wurde tatsächlich entlassen. Ich sehe ihn noch in unserem Wohnzimmer auf der Ofenbank sitzen, kahlgeschoren und seltsam wortkarg. Plötzlich fragte er meine Mutter: »Was ist’n das für ein Zimmer? Hier war ich noch nie.« Und da sagte meine Mutter ganz erstaunt: »Noch nie? So oft warst du schon hier!«

Wurden eigentlich zwischen 1933 und 1938 auch schon viele Juden verhaftet?

Bereits ab 1933 wurden natürlich Juden verhaftet, vor allem, wenn sie sich innerhalb der KPD, SPD oder auch in anderen Parteien bis hin zum Zentrum betätigt hatten und den Nazis darum nicht paßten. Ab 1935 begannen dann die Verhaftungen wegen sogenannter »Rassenschande«, und im Frühsommer 1938 wurde im gesamten Deutschen Reich in der sogenannten »Asozialenaktion« eine große Anzahl von Juden verhaftet und in die Konzentrationslager gebracht. Während des Novemberpogroms 1938 fanden dann die Massenverhaftungen jüdischer Männer statt, die nach Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau eingeliefert wurden. Zum Glück sind aus dieser Aktion die meisten nach einigen Wochen oder Monaten wieder entlassen worden. Viele konnten danach noch auswandern. Direkt am Pogromtag sind auch Menschen von der SA ermordet worden, so etwa Dr. Felix Cohn, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt in der Frankfurter Straße, den man während der Zertrümmerung seiner Praxis erschlagen hat. Auf dem Jüdischen Friedhof an der Berliner Straße befindet sich sein Grab. Auf dem Stein steht der Todestag: 10. November 1938.

Bei Kriegsbeginn am 1. September 1939 mußten sich alle männlichen Juden, vom Jugendlichen bis zum Greis, die entweder polnische Pässe oder früher einmal die polnische Staatsangehörigkeit besessen hatten und mit der »Polenaktion« im Oktober 1938 nicht weggekommen waren, bei der Ausländerpolizei melden. Sie wurden sofort verhaftet, in die Riebeckstraße gebracht und nach einiger Zeit in die Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen eingeliefert. Diese Menschen starben dort massenweise. Fast täglich kamen Telegramme des Lagerkommandanten an die Familie mit der Mitteilung, daß der Häftling Soundso an Herzschlag verstorben sei und daß man die Urne gegen Gebühr anfordern könne. Im hinteren Teil des Jüdischen Friedhofs Berliner Straße befindet sich ein Urnengräberfeld aus dieser Zeit. Für einen jüdischen Friedhof etwas Ungewöhnliches, denn der Ritus verbietet die Verbrennung. Übrigens haben damals die Beerdigungen der in Leipzig verstorbenen Juden meist nicht mehr auf dem Neuen Friedhof, sondern wieder auf dem Alten Friedhof Berliner Straße stattgefunden. Sie wurden oft aus den Fenstern der in unmittelbarer Nachbarschaft befindlichen Häuser durch laute antisemitische Zurufe gestört. Als die empörten Trauergäste den damaligen Leiter der Jüdischen Gemeinde, Dr. Fritz Grunsfeld, baten, doch irgend etwas dagegen zu unternehmen, meinte der resigniert: »Da kann man leider gar nichts machen.«

Wie verhielten sich die Leipziger Juden nach dem Novemberpogrom?

Zunächst einmal wie gelähmt. Alles war demoliert, die Männer waren in den Konzentrationslagern, und keiner wußte, wie es weitergehen sollte. Man war sich jetzt klar darüber, daß ein normales Leben für Juden in Deutschland nicht mehr möglich sein würde. Deshalb versuchte nun eigentlich jeder, eine Auswanderungsmöglichkeit zu finden. Vielen gelang es, noch herauszukommen, aber vielen eben leider auch nicht. Bis zum Kriegsbeginn waren es ja nur noch zehn Monate, und nach dem September 1939 wurden die Chancen für ein Verlassen des Landes immer geringer. Meine Tante Hedwig Burgheim versuchte es über das amerikanische Generalkonsulat in Berlin, aber durch die Quotenregelung – nur eine bestimmte Anzahl deutscher Juden wurde pro Jahr in die USA gelassen – hatte sie keine Chance. Meine Mutter versuchte, mich mit einem Kindertransport nach England zu bringen oder nach Dänemark. Sie schrieb auch an meine Großmutter väterlicherseits, die in Konstantinopel lebte, und wir beantragten 1939 noch die Auswanderung nach Amerika – es klappte nichts, wir kamen nicht aus Deutschland heraus. Ich besitze einen Brief, den meine Mutter um diese Zeit an ihre Schwester Dorchen nach New York schrieb. Darin heißt es unter anderem: »Ich hatte jetzt mein Leben sehr oft satt, aber – man darf sich nicht unterkriegen lassen, man hat ja Pflichten an seinen Kindern. Am 15. Juni ist Rolly dreizehn Jahre alt geworden! Wo ist die Zeit hin? Über seine Zukunft mache ich mir sehr viel Sorgen. Nach Palästina will er nicht, aber nach Amerika. Wäre es Dir nicht möglich, dort eine Familie zu finden, die den Jungen aufnehmen und erziehen würde? Ich darf natürlich gar nicht an eine Trennung denken, aber was hilft’s, es geht doch heute allen Eltern so, alle müssen die Kinder ins Ausland geben!«

Wie war der Alltag nach dem November 1938?

Wir hatten einige Wochen keine Schule. Mein Lehrer Daniel Katzmann war, wie die meisten anderen Lehrer, im KZ. Er wurde etwa im Januar 1939 aus Buchenwald entlassen, weil er als Soldat im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz erhalten hatte. Nach dem Pogrom gab es für Juden keine Möglichkeiten der beruflichen Existenz mehr. Immer neue Verordnungen wurden verkündet. Alle jüdischen Geschäfte mußten geschlossen bleiben und wurden, wie es damals hieß, »arisiert«. Verboten war von nun an, in Theater, Kinos und Konzerte zu gehen. Auch die Führerscheine mußten abgegeben werden.

Konnten sich die gläubigen Juden von Leipzig nach dem Pogrom noch an einem Ort zum gemeinsamen Beten versammeln?

Die zwei großen Synagogen in der Gottschedstraße und in der Otto-Schill-Straße hatte die SA ja niedergebrannt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Davidstern und Weihnachtsbaum" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen