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David - ein Torso

Gerhard R. Jörns

David - ein Torso


Meinen fernen Freunden!


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1.

 

 

David - Jonathan stöhnt auf. Dieser Brief! Wieso kommt jetzt dieser Brief? Nach fast vierzig Jahren?

Wie aus einem Kaleidoskop tauchen die Bilderfolgen in ihm auf, Erinnerungsfetzen, Bruchstücke, Überbleibsel, Fragmente: ein Torso aus einem früheren Dasein, fremd, fern - und vergessen. Oder doch nicht ganz, sagt er sich, denn dann wären ja auch nicht solche starken Gefühle damit verbunden, wie sie ihn jetzt heimsuchen.

Es zieht in ihm, es zerrt ihn hinunter, er fühlt sich immer mehr hinein gerissen in bodenlose Tiefen wie in einem Mahlstrom; Edgar Alan Poe kommt ihm spontan in den Sinn, vielleicht hatte er dessen Novelle auch damals gelesen, zu jener Zeit, die längst vergangen ist. Der Mahlstrom in dieser Geschichte hatte alles nach unten gezogen und vernichtet, das ganze Schiff mit allem Leben, unausweichlich, unbezwingbar, ohne eine Chance auf Rettung! Nur ergeben und gefasst konnte man es hinnehmen, hinabgerissen zu werden; das war die einzige Möglichkeit, die übrig geblieben war. Denn alles war verloren: der Untergang, die Katastrophe! Das schreckliche Ende! Wie dann auch im wirklichen Leben!

 

Jonathan stöhnt erneut auf wie ein angeschossenes Wild. Sein Lebensschiff: Zieht es auch immer mehr, immer tiefer, immer schneller seinen unausweichlichen Todeskurs in finstere Tiefen, unrettbar, unwiederbringlich, in schlimme Not oder sogar in das absolute Verloren-Sein? Jetzt?

Was ist bloß los? Er versteht sich nicht. Warum zieht es ihn so tief hinab? Es ist doch nur ein Brief, ein alter, sehr alter Brief genau genommen, ja, das wohl, und er ist auch irgendwie besonders, sehr eigenartig, wie aus einer anderen Welt, fast wie aus dem Jenseits erscheint er ihm für einen Moment, ja, oder eben wie aus einer fremden Zeit, aus einem anderen Leben, das er gar nicht kennt.

Oder das er nicht mehr kennt, weil er es vergessen musste? Jonathan ist verwirrt.

Gestern Mittag hatte dieser Brief im Kasten gelegen und seitdem lässt er ihn nicht mehr los.

Jonathan schlägt die Hände vors Gesicht, schließt die Augen und senkt den Kopf auf die Tischplatte. Aber nichts verschwindet. Viel heller strahlen nun jedoch seine inneren Bilder:

 

David, als er das erste Mal die Mannschaftsmesse betrat und Jonathan mit festem Handschlag begrüßte: „Hallo, ich bin der neue Messejunge, man nennt mich David“;

als Jonathan ihn mit dem Fernglas von der Brückennock auf Steuerbordseite herunter erstaunt kurz betrachtete und bewunderte;

die linke Brustwarze von David, rosa, fast lieblich, als er kokett den Träger des Unterhemdes hinunter schob während eines ihrer übermütigen Trinkgelage und dazu Davids betrunkenes Kichern.

Und dann die knallharte, leicht gelbliche Billardkugel aus Elfenbein, die er immer als Handschmeichler in der Hosentasche trug und nicht selten stundenlang durch die Innenseite seiner linken Hand gleiten ließ und manchmal mit verblüffender Akrobatik blitzschnell über die Finger auf der Außenhand flitzen lassen konnte. Eine sanfte, spielerisch wirkende Vertrautheit deutete sich dabei an, eine ungewöhnliche Verbindung, so als sei dieser Miniatur-Spielball ein untrennbarer Bestandteil seiner gesamten Erscheinung.

Oder wie er immer wieder von Eldorado fantasierte, dem sagenumwobenen, unermesslich reichen, mythischen Goldland, in dem das große Glück der Menschen zu finden sei. Sie waren mit dem Motorschiff ‚Adolf Hofberger‘ weit ins Orinoko-Delta eingedrungen und David erzählte berauscht von seinen Gedanken über gigantische Goldschätze wie das Goldfloß vom Bergsee Guatavita, mit dem Bootsladungen an Gold und Edelsteinen dem Sonnengott geopfert worden seien und dass dieser Reichtum irgendwo dort im Orinoko-Gebiet von Venezuela oder Kolumbien auf seine Entdeckung warte. Aber vielleicht sei Eldorado ja gar nicht der legendäre See, sondern ein riesiger goldener Tempel oder gar eine vor Jahrhunderten im Urwald versunkene Stadt mit goldenen Dächern…

 

Es ist noch da, ja, es ist so vieles wieder zurück: der salzige Geschmack auf der Zunge, der Gestank der Schwerölabgase aus dem nahen Maschinenraum oder dem Schornstein oder beidem, die tropische Hitze außerhalb der Kajüte, gleich jenseits der Tür; ohne Airconditioning war es kaum auszuhalten, man trug so wenig Kleidung, wie es gerade noch möglich war. Und dann die lästerlichen Reden gegen die Welt der Erwachsenen. Nichts blieb aus, alles wurde niedergemacht, nur man selbst durfte existieren.

Welch wunderbare, stolze, jugendliche Überheblichkeit!

Es gab nur sie beide, in jedem einzelnen Augenblick, den sie miteinander erlebten, es gab kein Davor oder Danach, alles war so herrlich weit weg in ihrer Vorstellung, wie ja auch sie beide real weit fort gefahren waren von allem, das bislang ihr Leben ausgemacht und bestimmt hatte. Und nun world-wide Tramp! Nichts Festes war für sie geblieben, sie glitten, sie rutschten dahin und ließen sich treiben, voller Lust; berauschende Jugendlichkeit mitten auf dem Atlantik, immer neu übersprühende Lebensfreude, wenn sie Grenzen überschritten: Staatsgrenzen, Verhaltensgrenzen, Liebesgrenzen, Denkbarrieren!

„Ich will am liebsten immer nur rumgeilen!“, war für David ein zentraler Spruch! Wie oft hatte Jonathan ihn gehört! Und dabei hatte er dann jedes Mal daran gedacht, wie fremd sich diese Worte aus Davids Mund anhörten, so als kämen sie gar nicht von ihm, sondern seien Bestandteile eines fremden Textes, den ihm andere geschrieben hatten und den er nun mit Leben und Wahrheit zu füllen versuchte.

Aber vielleicht schwebte ihm ja auch lediglich eine bestimmte Rolle vor, mit der er vor sich und auch vor Jonathan in diesem draufgängerischen Seefahrer-Milieu ein rühmliches Selbstbild präsentieren konnte. Sexuelle Lust stand eigentlich im Verständnis von beiden für Lebenslust: Es war nur das falsche, beschränkte Wort für einen durchaus zutreffenden Inhalt. Denn dieser Junge wirkte so grenzenlos heiter und lebensfroh. David verkörperte für Jonathan das pralle, lustvolle, wunderschöne Dasein.

„Jeder will mit dem Messejungen spielen“, hatte der Bootsmann, den sie beide wegen seiner wuchtigen Gestalt Panzer nannten, einmal beim Bier in der Messe gesagt und dabei anzüglich, ja geradezu schmierig gegrinst. Aber der einzige, zu dem David nach der Backschaft jeden Abend ging, war zu Jonathan in die Kammer, den alle nur Jonny nannten. Sie rauchten und tranken und quatschten in vorgetäuschtem Expertengebaren über die vielen heißen, langhaarigen Bräute in den Häfen.

 

Jonathan fällt jetzt langsam nach und nach wieder so Etliches ein, das ihre verwirrende gemeinsame Zeit betraf.

 

Als sie in Freetown in Sierra Leone zusammen an Land gegangen waren, wollten sie sich als Erstes die viel zu langen Haare schneiden lassen. Das fand mitten auf einer staubigen, lärmenden Straße statt. Der schwarze Frisör hatte an einem vergammelten Brett mit rostigem Draht eine größere Spiegelscherbe befestigt und sie beide auf Holzkisten davor gesetzt. Davids dickes, gelocktes Blondhaar erweckte großes Aufsehen. Immer mehr Passanten blieben stehen und näherten sich neugierig, steckten die Köpfe zusammen und tuschelten anfangs aufgeregt miteinander. In wenigen Minuten hatte sich eine größere Anzahl Schwarzer versammelt, es mögen recht schnell vierzig oder fünfzig gewesen sein, und je mehr zusammenstanden, desto zahlreicher wurde die Menge. Bald war die gesamte Straße überfüllt und jede Art von Personenverkehr kam zum Stillstand. Immer näher schob sich die Menge voran und umschloss die beiden Jugendlichen und ihren albern kichernden Frisör wie eine Insel in einem dunklen Meer. Niemand sprach ein einziges Wort oder gab irgendeinen Laut von sich. Trotz der vielen Menschen herrschte eine gespenstische, fast atemlose, ja andächtige Stille.

Als jedoch plötzlich eine größere Locke auf den Boden fiel, seufzten gleichzeitig offenbar Hunderte von Menschen auf. Jonathan bekam es immer mehr mit der Angst zu tun, er begann zu zittern und wagte vor Anspannung fast kaum noch zu atmen, zu unwirklich erschien ihm diese beklemmende Situation. Eine weitere große Strähne fiel zu Boden und noch eine und noch eine, stets begleitet von den stöhnenden Schmerzlauten der Menge. In Jonathans Kehle bildete sich ein Kloß, den er kaum hinunter schlucken konnte, sein Herz raste, die Gesichtszüge erschienen ihm wie erstarrt. Er wollte hier weg, bloß weg, immer weg!

Seine Position zu David ermöglichte ihm nur die Sicht auf dessen Nacken und Rücken. Der aber saß aufrecht und blickte offenbar frei geradeaus direkt in die vor ihm stehende Menge hinein. Er schien in diesem Moment nicht von Fleisch und Blut zu sein, sondern erweckte den Eindruck, als habe er sich in eine steinerne Skulptur verwandelt. Jonathan fragte sich: Sollte es so sein, dass David dieses absurde Geschehen um sie herum gar nicht bemerkte oder es vielleicht sogar genoss?

Er bewegte sich keinen Millimeter, geradezu erstarrt schien er den weiteren Ablauf dieses bizarren Geschehens abzuwarten, ja, so als hätte er alle Zeit der Welt und nichts könnte ihn innerlich berühren oder gar ängstigen, wie es bei Jonathan der Fall war.

Der schwarze Haarkünstler tanzte wie ein Derwisch weiterhin kichernd und unentwegt schnippelnd um seinen versteinert wirkenden Kunden herum. Auch er schien vollkommen unberührt von der sonderbaren Lage, in der sie sich befanden.

Plötzlich nahm Jonathan aus einem Augenwinkel heraus eine schnelle Bewegung wahr. Ein schwarzer Arm aus der ersten Reihe zuckte nach vorn und griff blitzschnell nach einer dicken Strähne. Nun ging es mit einem einzigen Mal wie von Zauberhand, dass sich immer mehr Hände zum Boden hin streckten und die abgeschnittenen Haare von David wie auf Kommando geradezu gierig aufklaubten.

Und dann ging der Wahnsinn erst richtig los. Ein Geschrei hob an und eine Unruhe machte sich breit und suchte vollkommen unerwartet den Platz heim, als hätte jemand die Menschen mit einem Mal in einen anderen, ganz und gar fremden und ungewohnten Bewusstseinszustand katapultiert.

Etliche Leute begannen sich zu raufen, versuchten selbst in den Besitz der Haare zu gelangen, zogen und zerrten aneinander, kreischten und fluchten, andere suchten schnell mit ihrer Beute das Weite, wobei manche an den Strähnen zu riechen oder zu schnüffeln schienen wie manche Leute anderswo vielleicht an den frischen Blüten von Rosen. Sieben oder acht Männer allerdings versuchten jetzt, den tänzelnden und wie irre abgehackt gackernden Figaro zur Seite zu drängen und an Davids Kopfhaar zu ziehen.

Jonathan musste nicht überlegen, er griff mit fester Hand nach Davids Oberarm, um ihn fortzuziehen. Aber es geschah etwas anderes, als er beabsichtigt hatte. David stand einfach von seiner Kiste auf. Er war nicht groß, nur etwa hundertsiebzig Zentimeter Körperhöhe. Aber als er da nun so stand, völlig unbeeindruckt von den Zumutungen, deren Ziel er ja jetzt war, scheinbar gelassen oder auch ein wenig entrückt, da stoppte Jonathan seine Absicht ruckartig und staunte wieder einmal über seinen doch reichlich sonderbaren Bordkameraden.

David stand einfach nur da und schaute nirgendwo hin, aber sein Blick ging auch nicht nach innen, wie man das ja bei manchen Menschen beobachten kann, die in ihre Gedanken versunken sind. Sondern die Augen waren leer wie die einer uralten Statue. Der Kopf war leicht nach links gewendet, aufrecht und fest inmitten all des verrückten Getöses um sie herum. Auch die zudringlichen Schwarzen verhielten staunend und gafften mit offenem Mund auf die scheinbar reglose Gestalt mit dem Goldhaar vor ihnen, die allein in der herunterhängenden linken Hand die elfenbeinerne Billard-Kugel hingegeben und sanft zu kneten schien.

Endlich, nach Minuten, wie es schien, ‚erwachte‘ der Messejunge wieder zum Leben. Seine Mundwinkel zuckten leicht und hoben sich dann ein wenig, die Lider weiteten sich und die Augen füllten sich wieder mit blitzendem Leben. Und auch die Schultern hoben sich und spannten, und er sagte laut, in Gelächter ausbrechend: „Ja los, weg hier!“

Und dann drängten sie sich beide schnell durch die überraschte Menge und flitzten davon, so schnell sie nur konnten; sie glaubten, sie müssten rennen, als wäre der Teufel persönlich hinter ihnen her. Der Haarkräusler nämlich fühlte sich um seinen verdienten Lohn gebracht und schrie Zeter und Mordio. Und tatsächlich konnten sie einige Gestalten erkennen, die ihnen zu folgen versuchten.

Sie schlugen einen Haken nach links in eine Seitengasse und kauerten sich kurz entschlossen hinter einen Bretterstapel. Als die tapsenden Schritte nackter Fußsohlen verhallten und das ferne Geschrei abgeebbt war, erhoben sie sich, klopften den rötlichen Straßenstaub von Hose und Hemd, grinsten dreist und hieben sich gegenseitig kräftig auf die Schultern; jetzt war David wieder ganz der alte und sie hielten nach einer passablen Bierbar Ausschau.

 

Und dann dieses Besondere, für ihn nicht Fassbare! Jene andere Begebenheit kommt Jonathan postwendend ebenfalls wieder in den Sinn, die Sache, die ihn so lange beschäftigt hatte, damals und auch später.

 

Es handelte sich um dieses eine, seltsame Erlebnis mit sich selbst, diese wenigen Sekunden nur, die dennoch so eine eigenartige Wirkung in ihm hinterlassen hatten. Es ging um etwas, das er sich selbst nicht erklären konnte, vermutlich deswegen, weil er sich damit vor sich selbst schämte; es ging um etwas Eigenes, Tiefes und – wie er fürchtete – um etwas sehr Unheiliges. Er glaubte damals, in David einen Freund gefunden zu haben, einen, auf den man sich verlassen konnte und mit dem man gern die tiefsten Gedanken teilte, eine ehrliche, offene Nähe ermöglichte und erfuhr, ohne Falschheit, Lügen und Betrug.

Es waren glutheiße Tage und Nächte in den Kalmen gewesen, windstillen Zonen knapp nördlich des Äquators. Der Erste Offizier hatte den Aufbau des provisorischen Schwimmbades angeordnet: Ein Holzbohlenkäfig wurde auf das Vordeck montiert, mit Segeltuch verkleidet und mit Seewasser vollgepumpt, ein Badespaß für die Crew auf hoher See.

Jonathan stand als Ausguck auf der Brücke, hinter sich die Abendsonne, als David vom ‚Pool‘ über das Vordeck herunter kam und nach achtern schritt, ja, er ging nicht, es war ganz anders, Jonathan erschien es erhabener, irgendwie, ja, er mochte sagen einzigartig, eben eher ein Schreiten als bloß ein Gehen. Jonathan richtete ohne Überlegung sofort das Fernglas auf die Gestalt an Deck und hielt ganz und gar erschrocken die Luft an.

Er war gebannt von dem, was er da erkannte. Das hatte er noch niemals so gesehen – und er hatte es bei David ja auch gar nicht erwartet, nicht einmal im Ansatz. Was er da sah, diese braungebrannte, fast nackte Gestalt, mochte er einfach nur als herrlich und als auf eine fremdartige Weise schön bezeichnen.

Welch profane, fast schon kümmerliche Worte! Nahezu jeder Jugendliche mit siebzehn ist herrlich und schön, hatte er sich hinterher einzureden versucht. Aber das hier war etwas ganz anderes. Es war so sehr anders, weil es ihn selbst betraf. Jonathan war erschüttert, er hatte etwas erblickt, das viel mehr war, als er es erwarten konnte in dieser absonderlichen Welt, in der sie lebten.

David war für diese wenigen Sekunden kein Freund oder Kamerad oder gar nur Mensch, er war wie eine Erscheinung, die Jonathan auf eine unerklärliche Art und Weise ergriff. Sein Anblick wirkte wie ein Ruf aus einer anderen Welt an ihn, nein, nicht aus einer jenseitigen Welt, aus einer fantasierten oder gar himmlischen Sphäre oder vielleicht einer Celluloid-Welt nach der Art von Hollywood, oh nein, für den klitzekleinen Moment einer vagen Ahnung erschien es Jonathan, als sei hier einer sichtbar geworden, den er schon lange kannte, sehr lange, und der vielleicht älter war als Jonathan selbst, und doch dabei so jung und ewig, ewig froh.

Jonathan mochte den Blick nicht wenden, so sehr hatte er sich an sein Schauen verloren. „Drei Strich Backbord“, erklang fünf Meter von ihm entfernt das Kommando des Wachoffiziers an den Rudergänger, der es sofort wiederholte und Jonathan aus seinem Bann zurückholte in die nüchterne Welt des schnöden und simplen Seins.

Es waren nur Sekunden, und doch war es wie ein Ereignis mit einer Dauer von Tagen oder Wochen, denn so tiefgreifend war es, was hier mit ihm geschehen war. Er hatte diesen Vorfall, so kurz er auch andauerte und so nebensächlich er eigentlich erschien, lange Zeit nicht mehr vergessen können, im Grunde genommen niemals. Es war etwas aufgerissen worden in ihm, was er nicht zu deuten vermochte. Denn er schämte sich vor sich selbst, er schrieb sich ‚falsche‘ Wünsche zu, er fürchtete, erbärmliche und schmachvolle Absichten in sich zu tragen, für die er sich verachten müsste, wollte er sie jemals bejahen.

So dachte er damals und auch noch lange, lange Zeit danach. Es war eine Angst vor sich selbst, die ihn auf ihre Weise lähmte und nicht weiterkommen ließ in seiner Beziehung zu seiner eigenen, tief verwurzelten Sehnsucht.

Und dennoch war es sehr klar und eindeutig, es war die Süße, der Rausch, die pralle Lust am Leben, es war… es war… einfach nur die Jugend, die er wahrgenommen hatte: seine Jugend, so schön, so harmonisch, so vollkommen, so einmalig, so betörend, in diesem einen, einen Augenblick: ‘Verweile doch, du bist so schön!‘

 

Und wieder fällt ihn der Schmerz an, der gestern mit dem Brief gekommen war, der ihm das unauflösbare Weh der Vergänglichkeit und des unausweichlichen Verlusts in die Erinnerung ruft.

 

Und er rückt die Szene in seiner kleinen Kammer an Bord vor das Auge der Erinnerung. Sie hatten die kleine Back schon vollgestellt mit geleerten Bierflaschen der Hamburger Überseemarke `St.-Pauli-Girl‘. Es ging natürlich wieder um ihr hormongeschwängertes Thema Eins. Sie wollten doch so viel entdecken, die Mädchen, die Frauen, die Lust und projizierten all das, was sie bereits wussten und erlebt hatten, auf fantasierte Bilder und was sie damit anstellen könnten. David lachte von Herzen, so natürlich, so unverfälscht, bisweilen sprach er zwar mit einigen festen, wohl auch derben Worten, doch im Grunde war er ohne Arglist und Bosheit, seine Wünsche schienen ehrlich und sauber, er äußerte einfach das natürliche Verlangen seines jungen Lebens.

Die strahlenden Augen blitzten, er lachte glucksend und ließ kokett wie eines dieser fantasierten Mädchen einen Träger seines weißen Unterhemdes den Arm hinunter gleiten, bis seine leicht vorgewölbte rosa Brustspitze sichtbar wurde, warf leicht den Kopf in den Nacken und drängte verführerisch schmunzelnd seine halbe Brust nach vorn. Jonathan hatte fasziniert auf dieses Locken reagiert und musste schlucken. Bot David sich ihm hier an? Oder war dies lediglich eine schelmenhafte Scharade?

Es blieb ihm immer ein Rätsel, ob sein Freund ihm in der leichten Trunkenheit scheinbar im Spaß etwas hatte signalisieren wollen, was er im Ernst nicht zu offenbaren wagte. Oder war ungewollt hier ein Zug an ihm zum Vorschein gekommen, der sich unter normalen Umständen niemals an die Oberfläche gewagt hätte?

 

Es blieb zwar die Andeutung eines tabuisierten Wunsches, gleichwohl ging sie Jonathan niemals mehr aus dem Gedächtnis, sein ganzes Leben lang nicht, genau wie auch jene spontane, ungewollte Berührung, als sich David von hinten über Jonathan beugte, um mitzulesen, was in seinem Taschenbuch stand und dabei ganz kurz mit seiner weichen Wange die seines Kameraden berührte. Oh wie süß, welch herrliche, lebensvolle Süße, die unmittelbar Jonathans gesamten Körper erfasste, in allen, auch den feinsten Verästelungen, und ihn darüber hinaus weit in seine ganze Existenz hinein erfasste, ihn packte und nie mehr losließ. Er war und blieb für immer ergriffen von dieser sanften, zarten Berührung, ganz und gar, für alle Zeit. Wie sonderbar!

Nur einmal hatte er in seinem Leben später etwas Ähnliches erlebt. Es war nach der Geburt seines einzigen Kindes, als er nach dem Stillen mit seinen Lippen einen Tropfen von Hannes Brust einfing. Da war er auch so elektrisiert vom spontanen Lebensglück, das alles in ihm liebevoll berührte, und das war auch so süß, genauso, lebenssatte Muttermilch, und er hatte damals auch sofort den Vergleich vor Augen mit jener kurzen, zarten Berührung von einst.

 

Jonathan war allerdings nicht immerzu eingehüllt in den warmen, weichen Kokon ihrer Freundschaft. Bisweilen gelang es ihm durchaus, sich zurück zu nehmen und das Treiben um David herum distanzierter zu beobachten. Mit Verwunderung stellte er dabei oftmals fest, wie die Mienen der anderen Kameraden an Bord sich erhellten, sobald David auftauchte, wie sie sich bemühten, in seine Nähe zu gelangen oder wie sie mit ihren Blicken an seinen Lippen hingen; er bemerkte, wie sie sich aufrichteten und kraftvoller, lebendiger wirkten und sah ihre Augen glänzen, sogar der sonst so finstere, alte Bootsmann lächelte entspannt und vielleicht auch ein wenig froh. Ein jeder schien bezaubert. Und sprach nicht aus mancher Miene vielleicht auch ein verhülltes Begehren?

Dabei tat David nichts Besonderes. Er erfüllte seine Aufgaben so wie alle anderen auch, nicht besonders pflichteifrig, eben nur so, wie man es im Allgemeinen auch erwarten konnte. Mehr nicht! Er trat allen durchaus freundlich entgegen und beteiligte sich an ihren Gesprächen. Aber er drängte sich nie auf oder gar in den Vordergrund. Sein Verhalten ließ wenig Bemühen erkennen, den anderen zu gefallen. Er war eher zurückhaltend.

Nur im Umgang mit Jonathan öffnete er sich stärker. Jonny gestand es sich erst nicht ein, aber später, als alles längst vorbei war, wurde ihm dann doch seine heimliche Hoffnung bewusst, er möge bitte mehr sein für David, er möge wichtig sein für ihn, herausgehoben aus der Namenlosigkeit, ein wenig mehr - zumindest das – als alle anderen. Allerdings kämpfte er nicht um David, zog nicht gespreizt und aufgebläht dessen Aufmerksamkeit auf sich. Er wartete einfach und David kam von selbst, ja, er suchte ihn, nur ihn, und wollte mit ihm zusammen sein. Was immer sie dann auch gemeinsam taten, es schien im Grunde kaum von besonderer Bedeutung, vielmehr ihre Gemeinsamkeit, das Zusammensein war es, das er wohl suchte.

Hätten sie überhaupt trinken oder kiffen müssen, um berauscht zu sein? War es nicht eher so, dass sie bereits berauscht waren, an sich und mit sich?

Wie von langen, unsichtbaren Gummibändern gezogen, schnurrten sie täglich immer wieder zueinander, sobald sie sich länger voneinander entfernt hatten. Jonny ahnte wohl bald, dass sich mit der Zeit zwischen ihnen etwas anbahnen würde, das ihn niemals wieder loslassen konnte. Und so kam es ja dann auch.

 

Noch Jahre danach, als sie schon längst getrennt voneinander waren, suchte er nach David, in der Außenwelt und in sich. Aber er blieb ihm immer ein Rätsel, wie er ja auch sich selbst stets ein Rätsel geblieben war. Nirgends hatte er ihn je wieder gesehen.

Und hatte er nicht auch in Hanne, der wunderschönen Hanne, seinen David gesucht?

Es war Liebe, so gesteht er sich heute. David war Jonnys erste große Liebe geworden, und seine einzige. In allen, die danach kamen, hatte er jedes Mal ihre Wiederauferstehung erhofft. Oh ja, er hatte später das Verliebt-Sein und die Liebe erlebt und genossen, das sehr wohl, mehrfach, und oft hatte er geglaubt, er sei damit so herrlich glücklich, so berauscht vom erfüllten Dasein. Und dennoch: Irgendwo hielt ihn etwas fest, das ihn davon abhielt, ganz davon zu fliegen. Kein Liebeserlebnis löste ihn jemals von seiner beklommenen Schwere und Tiefe.

Deutliche Er-Lösung brachte kurzfristig nur ein chemischer Rausch. Er flüchtete damit dann in Gedanken zurück an jene kleine, am Boden festgeschraubte Back in seiner Kammer, in der sie sich so oft getroffen und miteinander getrunken, geraucht und gelästert hatten.

 

So billig und schlicht, ja ernüchternd und kalt dieser Ort auch in der Wirklichkeit vielleicht gewesen war, knapp fünf Quadratmeter groß, für ihn, Jonny, war er wie eine große Gebärmutter, ein paradiesischer Raum, in dem er sich ohne jeden Zwang entfalten konnte. Und er mochte sich so gerne seinem Gast öffnen damals, sich ihm mitteilen über sein Heiligstes, seine Tiefen und auch über seine schlimmen Gedanken und Gefühle. Wie gern hätte er dabei David ergriffen, ihn an sich gedrückt, um mit ihm eins zu werden, nicht um ihn zu verschlingen, sondern um ihn in sich herein zu nehmen, vielleicht um mit ihm zu verschmelzen, um ihn für sich für immer zu bewahren. Nur David, nur diesen Einzigen. Und darum war seine kleine Kammer kein nüchterner, sondern ein zauberhafter, ein verzauberter Ort.

 

Und jetzt ist dieser Brief von David gekommen, aus jener wunderbaren Zeit. Und die war Ende der siebziger Jahre. Und bis heute waren mittlerweile fast vierzig weitere Jahre vergangen und dieses Schreiben an ihn wirkt wie eine drastische, umwälzende Konfrontation.

 

Wer seinerzeit nicht zur Wache eingeteilt worden war, werkelte an Bord als sogenannter Tagelöhner. Und die hatten nach Arbeitsschluss viel Zeit. Der Chefsteward verkaufte in seinem kleinen Lagerraum zweimal in der Woche zollfreie Zigaretten und Alkoholika an die Besatzung, immer am Dienstag und Donnerstag. Ölauge, ein durchgeknallter, einäugiger Reiniger aus der Maschinengang, feierte zum zehnten Mal auf dieser dreimonatigen Reise zwischen Afrika und der Karibik seinen Geburtstag. Er hatte sich unter lautem Hallo am Nachmittag kräftig eingedeckt. Zwar gab es pro Mann nur eine Flasche Hochprozentiges, aber dann standen auf der Back in seiner Kammer doch wenigstens fünf Flaschen mit kanadischem Whisky. Er hatte sich bei der ‚Proviantaufnahme‘ eben ein bisschen helfen lassen.

Schon gleich nach dem Abendessen leerte sich die Mannschaftsmesse ungewöhnlich schnell und etliche der Tagelöhner quetschten sich in Ölauges privates Refugium. Sie schlossen die schweren Stahlschotts, die zur Brücke hin führten, um etwaigen Lärm zu dämpfen, und dann gossen sie ein und immer schnell wieder nach.

„Wat mook wi nu woll?“, forderte Ölauge die Meute heraus.

„Jetzt saufen wir die Back voll, wie immer!“, dröhnte der bullige Bootsmann Panzer.

„Ja! Genau! Ein halber Brand ist gar kein Brand“, kreischte ein neuer Maschinen-Assi schlau, und Tim Scarface, der Schiffs-Zimmermann, pflichtete stotternd bei: „Nicht total be-be-besoffen ist rausgeschmissenes Ge-Geld!“, wobei er sich beim letzten Wort mit der flachen Hand klatschend auf die Stirn schlug, was er immer vollführte, wenn er das hängende Wort schneller heraus bekommen wollte.

Es wurde wieder sehr schnell so, wie es immer kam: Im Nu war die Bande sternhagelvoll. Aufgeregtes Gegröle, das Krachen von Kajütenschotts und das Splittern von Glas kündigten den fortgeschrittenen Zustand hochgradiger Trunkenheit an. Aus dem allgemeinen Stimmengewirr ließ sich von Jonathans Kammer aus vor allem Panzers dröhnender Bass vernehmen.

„Los jetzt, auf zu den Junggraden, die werden heute entjungfert!“

Vielstimmiges Johlen, Pfeifen und Gelächter begleiteten diesen Aufruf, schwere Schritte trampelten den Steuerbordgang entlang und wendeten sich auf die andere Schiffsseite zu in Richtung Heck.

Jonathan erstarrte vor Schrecken. Er ahnte, was auf sie zukam. Soeben hatte David seine Backschaft in der Messe beendet, alles wetterfest gemacht und aufgeräumt und war nun zu ihm in die Kammer gekommen. Auch er hatte Panzers Rufen gehört, sich sogleich erhoben und mit dem Rücken zur Koje gestellt.

Da krachte das Schott auch schon auf und der kleine Raum füllte sich augenblicklich mit den lallenden und wankenden Gestalten. Eine leichte, plötzliche Bewegung des Schiffes brachte Scarface aus dem ohnehin bereits bedenklich angeschlagenen Gleichgewicht. Seine vom Kinn quer über das ganze Gesicht zum rechten Ohr hin verlaufende Narbe leuchtete knallrot wie ein Alarmsignal. Mit vorgebeugtem Oberkörper schoss er den Kopf voran und irre kichernd auf die untere Koje zu und knallte mit voller Wucht gegen deren Holzverkleidung. Mit einem letzten, müden Japsen verabschiedete er sich von dieser Nacht und sank besinnungslos auf den Boden.

Die Gang lachte lauthals los, die Männer brüllten begeistert "Bravo" und versuchten vergebens, sich aneinander festzuhalten, was allerdings den besonderen Umständen entsprechend vollkommen misslang: Alle purzelten wild durcheinander, quietschten, kreischten und gackerten wie auf dem Hühnerhof. Sie wollten sich wohl am liebsten über sich selbst totlachen. Mitten auf dem wild johlenden Menschenhaufen saß Panzer wie auf einem Thron aus lauter Leibern und wippte mit seinem dicken Hintern auf und nieder, während Ölauge unter ihm wie ein Irrer krakeelte. Der Bootsmann hatte acht Jahre bei der Fremdenlegion im algerischen Sidi bel Abbès verbracht. Er sprang mühsam auf die Beine und brüllte unverständliche französische Militärkommandos, die klangen wie „Attention!“ und „Garde-à-vous!“.

Seine feixende und geifernde Meute tobte und stöhnte unter ihm in gespieltem Schmerz. Langsam erhoben sich die Gestrauchelten oder halfen sich gegenseitig wieder auf die Beine. Mit einem wüsten Schlenker seines rechten Armes wischte Panzer Jonathan zur Seite, der wie zur Salzsäule erstarrt vor seinem Holzspind stand, und grinste schmierig zu David hinüber. Auch alle anderen nahmen ihn ins Visier. Karies-Meyer bleckte sein schadhaftes Gebiss und fuhr sich genüsslich mit der Zunge über die rissigen Lippen.

Er fing als Erster an und rief lüstern: „Hose runter“ und alle anderen fielen sofort in einen gemeinsamen, sich zum Stakkato steigernden Sprechgesang ein: „Ho-se run-ter, Ho-se run-ter, Hose runter, Hose runter, Hoserunter, Hoserunter, Hoserunterhoserunterhoserunter…“

Panzer hob den Arm, schrie dröhnend: „Silence!“, drehte sich halb um und zeigte mit spitzem Zeigefinger auf Jonathan:

„Jonnylein, du Warzenschwein mit Scheiß am Bein, du wirst heute unser erstes braves Mädchen sein“, wisperte er mit leisem Singsang.

Jonathan schrie entsetzt aus Leibeskräften: „Nein, nein, das nicht, hört doch auf mit dem verdammten Scheiß! Bitte, bitte nicht!“ Aber sie hatten ihn schon an Armen und Beinen ergriffen, mit einem Ratsch das Hemd aufgerissen, die ...

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