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Das tibetische Orakel

Eliot Pattison

DAS
TIBETISCHE
ORAKEL

Shan ermittelt

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Thomas Haufschild

Bild

Für meine Mutter

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Karten

Danksagung

Erster Teil: Salz

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Zweiter Teil: Asche

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Dritter Teil: Stein

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Vierter Teil: Knochen

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Anmerkung des Verfassers

Glossar der fremdsprachigen Begriffe

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne ...

Karte 1
Karte 2

Danksagung

Viele der Informationen und Anregungen, die diesem Buch zugrunde liegen, verdanke ich den stillen, vertraulichen Gesprächen, die ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre mit zahlreichen Tibetern und Chinesen führen durfte. Manche dieser Leute sind dafür ein beträchtliches Risiko eingegangen, und ich werde ihnen immer zu Dank verpflichtet sein. Für ihren weisen Rat und unerschütterlichen Rückhalt bedanke ich mich von ganzem Herzen bei Natasha Kern, Michael Denneny und Kate Parkin. Ein besonderer Dank gebührt außerdem Ed Stackler und Lesley Kellas Payne.

ERSTER TEIL
Salz

Kapitel Eins

»Siebe den Sand, um die Saat des Universums zu finden.«

Die Stimme, die durch die Nacht an Shan Tao Yuns Ohren drang, glich dem Wind, der über das Gras strich. »Laß sie den Ursprungsort erreichen, und pflanze sie ein«, sagte der Lama, während Shans Blick sich von dem weißen Sand in seiner hohlen Hand zu dem leuchtenden Halbmond hob. Er wußte, daß Gendun, sein Lehrer, Shans eigenen Ursprungsort meinte, das Brachfeld seiner Seele, das der Lama auch als Shans Ausgangspunkt bezeichnete. Doch in einer solchen Nacht konnte Shan sich einfach nicht des Eindrucks erwehren, daß Tibet selbst der wahre Ursprungsort war, daß das weite, entlegene Land den Anfang der Welt darstellte, wo der Planet – und die Menschen – niemals aufhörten, Gestalt anzunehmen, und wo die höchsten Berge, die stärksten Winde und die zerklüftetsten aller Seelen sich stets gemeinsam entwickelt hatten.

Drei Meter von ihnen entfernt saß Shans alter Freund und früherer Mithäftling Lokesh am Flußufer, ließ die Perlen der Gebetskette durch die Finger gleiten und sagte leise ein Mantra auf, das sich kaum vom Rauschen des Wassers abhob. Shan atmete den duftenden Rauch der Wacholderzweige ein, die sie mitgebracht und entzündet hatten, und sah eine Sternschnuppe über den fernen niedrigen Schimmer am Himmel fliegen, der als einziges Anzeichen darauf hindeutete, daß der Horizont von schneebedeckten Berggipfeln gesäumt wurde. Es schien, als könnte man mit ausgestreckter Hand den Mond berühren. Falls es auf der Erde einen Ort und eine Zeit gab, um Seelen wachsen zu lassen, dann gewiß das Hier und Jetzt: eine eiskalte mondhelle Frühlingsnacht im wilden tibetischen Hochland.

Wie aus einigem Abstand verfolgte Shan, daß Gendun sanft Shans Finger öffnete und seine Hand zum Mond emporhob, dann wieder senkte und schließlich umdrehte, so daß der Sand in das kleine Tongefäß fiel, das sie aus ihrer Klause mitgenommen hatten, die fünfzehn Kilometer entfernt lag.

»Lha gyal lo«, flüsterte eine Stimme auf Shans anderer Seite. Sie gehörte Shopo, dem Herrn der Einsiedelei, und zitterte vor Inbrunst. »Den Göttern der Sieg.« Sie waren bei Einbruch der Dunkelheit am Fluß eingetroffen, und erst jetzt, nachdem die Lamas und Lokesh zwei Stunden lang mit den nagas, den Wassergottheiten, gesprochen hatten, war Gendun zu dem Schluß gelangt, Shan solle anfangen, den besonderen weißen Sand einzusammeln.

»Lha gyal lo!« antwortete eine aufgeregte Stimme auf halber Höhe des Abhangs in ihrem Rücken. Es war einer der vier dropkas, der tibetischen Nomaden, die sie zum Fluß begleitet hatten und nun Wache standen und nervös die dunkle Landschaft beobachteten. Gendun und Shopo waren rechtlose Mönche bei einem verbotenen Ritual, und die Zahl der Patrouillen hatte in letzter Zeit deutlich zugenommen.

Ohne die Bewegung auch nur vorausgeahnt zu haben, tauchte Shan die Hand erneut ins Wasser, und als er sie herauszog, war sie abermals mit dem weißen Sand gefüllt. Im Halbdunkel sah er, daß Lokeshs Augen sich weiteten und erwartungsvoll funkelten, während Shan langsam die Bewegungen wiederholte, die Gendun ihm gezeigt hatte. Er wusch den Sand im Mondlicht und leerte dann seine Hand in das Gefäß.

Genduns Gesicht legte sich lächelnd in kleine Falten. »Jedes der Körner ist die Essenz eines Berges«, sagte der Lama, als er Shans Hand ein weiteres Mal ins Wasser tauchte. »Mehr bleibt nicht übrig, wenn der Berg seine Hülle abgelegt hat.« Shan hatte diese Worte im Verlauf der letzten beiden Monate bestimmt ein dutzendmal gehört. Immer wieder waren er und seine Gefährten in die Nacht aufgebrochen, um an Orten, die nur Shopo und die Hirten kannten, Sand einzusammeln. Jeder der hohen Gipfel am Horizont würde zu solch einem Korn reduziert werden, wenn der Zeitpunkt dafür komme, erläuterte Gendun, und genauso würde es allen Bergen, allen Kontinenten und allen Planeten ergehen. Alles würde enden, wie es einst begonnen hatte: als winziger Same, und das Menschengeschlecht in all seiner Herrlichkeit könne sich niemals mit der Macht vergleichen, die sich in einem einzigen Sandkorn spiegele. Die Worte sollten ihn das Wesen der Vergänglichkeit lehren, wußte Shan, und den nagas Respekt bezeugen, von denen sie den Sand entliehen.

Er vernahm ein fernes Trommeln, und der Mond schien sogar noch näher zu rücken, während Shan die nächste Handvoll Sand aus dem Fluß holte. Er streckte den Arm nach dem Gefäß aus, erstarrte aber mitten in der Bewegung, weil ein hektischer Aufschrei die Stille durchbrach.

»Mik iada! Vorsicht! Lauft!« Es war einer der dropka-Wächter auf dem Grat über ihnen. »Das Feuer! Löscht das Feuer!«

Shan hörte hastige Schritte auf dem Geröllhang und sah dort im Mondschein die Silhouetten zweier Männer, während er im selben Moment begriff, daß das Trommeln nicht nur in seinem Kopf existierte. Es war das Geräusch eines schnellen Helikopters im Tiefflug, wie es meistens dann erklang, wenn die Öffentliche Sicherheit tibetische Lagerplätze stürmte.

Einer der Posten, der eine schwarze Wollmütze trug, rannte zum Ufer, rüttelte vergeblich an Lokeshs Schulter, lief weiter zu Shan und zerrte ihn am Kragen. »Ihr müßt diesen Gott erneuern!« rief der Mann. »Laßt uns fliehen!«

Shan ließ sich auf die Beine ziehen, warf einen Blick in Richtung des Hubschrauberlärms und erschrak, denn die Lamas lächelten nur und bezeugten dem Fluß weiterhin ihre Ehrerbietung. Gendun und Shopo waren daran gewöhnt, für die Ausübung ihres Glaubens eine Verhaftung zu riskieren. Und obwohl Shan und der dropka wegen der immer häufigeren Spähtrupps beunruhigt sein mochten, war für Gendun nur ein einziges Mysterium von Belang: das Rätsel um die Formung und Stärkung der Seele.

»Falls das die Öffentliche Sicherheit ist, wird man Soldaten auf der Kammlinie absetzen und uns umzingeln!« stöhnte der Wächter und trat das kleine Feuer aus. »Sie werden Maschinengewehre haben und außerdem Geräte, mit denen sie in der Nacht sehen können.«

Shan nahm den Posten mit der schwarzen Mütze argwöhnisch in Augenschein, denn diese Bemerkungen über chinesische Waffen und Taktiken klangen nicht nach einem gewöhnlichen Hirten. Dann erkannte Shan auf einmal, daß er den Mann noch nie gesehen hatte und der Fremde gar nicht zu ihrer Eskorte gehörte.

Gendun hob einen Finger an die Lippen und deutete auf das Wasser. »Da sind nagas«, stellte er ruhig fest.

»Der Sand wird nichts nutzen, falls man euch verhaftet«, flüsterte Shan und legte Gendun die Hand auf die Schulter.

»Da sind nagas«, wiederholte der Lama.

»Es ist doch nur Sand«, widersprach der Fremde und schaute gequält in Richtung des Helikopters, der sich näherte. Die Öffentliche Sicherheit verfügte über ganz eigene Methoden, jemanden das Wesen der Vergänglichkeit zu lehren.

Während Gendun sich wieder dem Wasser zuwandte, stand Lokesh plötzlich an der Seite des Fremden und zog ihn von dem Lama weg. »Wir erschaffen mit diesem Sand etwas Wunderbares«, flüsterte der Alte, dessen weiße Bartstoppeln im Mondlicht glitzerten. Er legte dem Mann beide Hände auf die Schultern, um sicherzugehen, daß der junge Tibeter ihm zuhörte und ihn ansah. »Wenn wir fertig sind, wird es die Welt verändern.«

Der Mann mit der schwarzen Mütze schaltete eine Taschenlampe ein und richtete den Strahl auf Lokeshs Gesicht, als bezweifle er, den alten Tibeter richtig verstanden zu haben. Dann wurde der Rotorenlärm übermächtig laut. Der Fremde schaltete das Licht aus und warf sich zu Boden. Kurz darauf war die Maschine vorbeigeflogen. Sie hatte den Berggrat überquert, war aber zu schnell gewesen, um Soldaten absetzen zu können.

Der Mann mit der Mütze schaltete die Lampe wieder ein, murmelte etwas vor sich hin und warf einen anklagenden Blick auf die anderen Wachen, die sich mit einfältigen, beinahe peinlich berührten Mienen hinter Lokesh versammelt hatten. Nacheinander leuchtete er alle Gesichter ab und hielt schließlich bei Shan inne, um ihn stirnrunzelnd zu mustern. »Ihr sollt ein Artefakt abliefern«, sagte er zu Lokesh und klang dabei sehr ungeduldig. Die Lampe blieb auf Shan gerichtet.

»Das stimmt«, bestätigte Lokesh. »Wir treffen Vorbereitungen für die Reise.« Er wies auf die beiden Lamas, die immer noch zu dem dunklen Fluß sprachen.

»Vorbereitungen?« spottete der Mann. »Was habt ihr denn während der letzten beiden Monate getrieben? Ihr trefft keine Vorbereitungen, ihr schlagt Wurzeln! Ihr werdet noch alles zunichte machen!«

Shan trat neben Lokesh und drückte die Lampe des Mannes nach unten. »Die Überbringer des Artefakts waren einverstanden, daß die Lamas über die angemessene Art der Rückführung entscheiden würden.« Er wußte nun, daß der Fremde, genau wie diejenigen, die das heilige Artefakt in Shopos Einsiedelei gebracht hatten, ein purba war, ein Angehöriger der geheimen tibetischen Widerstandsbewegung.

»Du willst sagen, Drakte war einverstanden.«

»Drakte ist einer von euch«, stellte Shan fest. Er und Lokesh kannten Drakte seit fast einem Jahr. Damals hatte der Tibeter den Gefangenen des Arbeitslagers geholfen, in dem zu jener Zeit auch Shan und sein Freund ihre Strafe verbüßten. Vor zwei Monaten hatte Drakte sie unterwegs abgefangen und zu Shopos versteckter Klause geführt. »Wir werden aufbrechen, wenn die Lamas und Drakte dazu bereit sind. Er kommt, um uns den Weg zu zeigen. Höchstens noch ein paar Tage.«

»Wir haben keine paar Tage mehr«, klagte der purba. »Und rechnet nicht mit Drakte. Er hält seine Verabredungen nicht ein.«

»Wird er vermißt?« Shan registrierte auf Höhe der Taille eine Ausbuchtung unter der Jacke des Mannes und drehte sich zu Gendun um. Falls die Lamas glaubten, der Fremde trage eine Waffe, würden sie darauf bestehen, daß er seiner Wege ging.

Der purba zuckte die Achseln. »Er war nicht da, wo er sein sollte.«

»Und statt seiner bist du gekommen?«

»Nein. Aber ich habe gehofft, ihn in dieser Einsiedelei zu finden. Es gibt Neuigkeiten. Und ich habe etwas mitgebracht, worum er gebeten hatte. Er sagte, die Lamas würden es benötigen. Er sagte, falls wir nicht einwilligen würden, es zu holen, würde er eben selbst gehen, notfalls den ganzen Weg bis nach Indien.« Der purba ließ einen langen schmalen Sack von seiner Schulter gleiten und holte daraus eine knapp fünfzig Zentimeter lange Bambusröhre hervor, die Lokesh begierig in Empfang nahm.

»Was für Neuigkeiten?« fragte Shan.

Bevor der Mann antwortete, deutete er auf einen der Hirten und dann auf die Hügelkuppe, von wo aus die Wächter die jenseits gelegene Straße beobachtet hatten. Der dropka lief den Hang hinauf. »Ein Mann wurde getötet. Ein Beamter, in Amdo«, sagte er und bezog sich damit auf die einzige Ansiedlung dieser Region. Bis nach Amdo waren es ungefähr hundertfünfzig Kilometer. »Die Öffentliche Sicherheit wird das gesamte Umland absuchen und Leute in Gewahrsam nehmen. Im Zuge der Verhöre wird man von der Einsiedelei erfahren.« Er schaute, wiederum stirnrunzelnd, zu den Lamas. »Ihr nennt das, was ihr da tut, vielleicht heilig, aber die werden es ein Verbrechen gegen den Staat nennen.« Er machte einen Schritt auf Gendun zu, als wolle er noch einmal versuchen, ihn wegzuziehen, doch ein Nomade mit Schaffellweste trat vor und hob warnend eine Hand.

»Habt ihr auch nur die geringste Vorstellung davon, wie gefährlich das ist?« Der purba ballte und öffnete fortwährend die Fäuste. Er schien es mit ihnen allen gleichzeitig aufnehmen zu wollen. »Niemand hat uns davor gewarnt, daß ihr so leichtsinnig durch die Berge laufen würdet. Ihr könntet alle im Gefängnis landen. Und wofür? Man kann die Chinesen nicht mit Sand und Gebeten bekämpfen.«

Lokesh stieß ein heiseres Lachen aus. »Ich kenne die chinesischen Gefängnisse«, sagte der alte Tibeter. »Manchmal sind Sand und Gebete der einzige Weg.«

Der purba musterte Shan mit wütendem Blick. »Du bist der berühmte Chinese, der Tibetern aus der Klemme hilft. Du weißt es besser und läßt es dennoch zu.«

Shan sah zu Gendun und Shopo hinüber. »Falls diese Lamas darum bitten würden, daß ich mir Steine in die Taschen stopfe und mich in den Fluß stürze«, sagte er dann leise, »würde ich mich bei ihnen bedanken und hineinspringen.«

»Lha gyal lo«, flüsterte der dropka mit der Weste, als wolle er Shan anspornen.

Lokesh berührte den Krieger am Arm. »Wenn man noch so jung ist, fällt es schwer, diese Dinge zu verstehen. Du solltest mit uns zu der Einsiedelei zurückkehren und es mit eigenen Augen sehen.«

»Im Gegensatz zu Drakte befolge ich meine Befehle«, herrschte der Mann ihn an. »Ich werde anderswo gebraucht.«

Lokesh hielt die Bambusröhre hoch. »Dann sieh es dir jetzt an«, sagte er und zog eine aufgewickelte Stoffbahn aus dem Behälter. Als Lokesh sie entrollte, erkannte Shan, daß es sich um ein altes thangka handelte, eines der Stoffgemälde mit Motiven des tibetischen Buddhismus.

Der purba richtete die Lampe auf das Gemälde, verzog das Gesicht und wich einen Schritt zurück. Einer der dropka-Wächter stöhnte laut auf. Es war das von Schwertern, Speeren und Pfeilen umrankte Abbild eines grimmigen Dämons, um dessen Stierkopf eine Kette aus menschlichen Schädeln hing und der einen Kelch voller Blut hielt. Die abgezogenen Häute der Opfer lagen zu seinen Füßen. Lokesh betrachtete die Darstellung mit zufriedenem Lächeln und winkte den purba näher heran.

»Sieh genau hin«, sagte der alte Tibeter und wies auf den Kopf der furchteinflößenden Gestalt. »Das ist es, was wir tun. Auf diese Weise gewinnen wir, ohne Gewalt anzuwenden. So wird das Artefakt zurückgebracht, und so wird diese Gottheit erneuert. Denn dies ist es, was aus ihm wird.«

»Aus wem?« fragte der purba, dessen zornige Stimme inzwischen auch leicht verwirrt klang.

Shan glaubte im trüben Licht so etwas wie Überraschung auf Lokeshs Antlitz wahrzunehmen, als wäre die Erklärung ganz offensichtlich. Dann deutete der alte Tibeter von dem schädelbekränzten Dämon auf Shan. »Aus unserem Freund. Unserem Shan.«

Der Bann dieser Worte ließ den purba und die dropkas verstummen, und sie alle starrten Shan verunsichert an. Shan hingegen suchte in Lokeshs Miene nach einer Antwort, aber sein Freund lächelte lediglich erwartungsvoll zurück, als habe er Shan ein großes Geschenk gemacht.

Plötzlich zerriß ein weiterer verzweifelter Schrei die Stille. Der Posten kam hektisch den Abhang heruntergerannt. »Eine Patrouille! Kriecher!« rief er. Damit waren die Soldaten des Büros für Öffentliche Sicherheit gemeint. Der purba und Shan liefen zur Kammlinie hinauf und erspähten von dort aus einen Mannschaftswagen, der sich noch einen knappen Kilometer entfernt befand und langsam in ihre Richtung kam.

»Dieser Hubschrauber hat uns entdeckt«, sagte der purba. »Letzten Monat haben sie Infrarotgeräte benutzt, um einen alten Eremiten aufzuspüren, der nur nachts seinen Unterschlupf verließ, um zu beten.«

Unten am Fluß hatten drei der dropkas sich im Halbkreis vor den Lamas aufgestellt, als wollten sie den Kriechern mit ihren Knüppeln entgegentreten. Der vierte, der Mann mit der Schaffellweste, stand ein Stück abseits und starrte in das schwarze Wasser. Als der purba zielstrebig auf die Lamas zuging, fuhr der Hirte herum, stürzte sich auf ihn und stieß ihn zu Boden. Dann sprang er genauso abrupt wieder zurück. In seiner Hand lag eine große Automatikpistole.

»Du Narr!« zischte der purba. »Wir müssen sie wegbringen! Wir können uns nicht auf einen Kampf mit den Kriechern einlassen!«

Beschämt blickte der Nomade auf die Pistole. Er hielt sie sehr unbeholfen und hatte die Finger nur um den Griff gelegt, ohne den Abzug zu berühren. »Siehst du den Mann da drüben?« fragte er und nickte in Richtung Gendun, der immer noch mit dem Fluß sprach. »Meine Mutter lebt in dem Zelt bei der Einsiedelei. Sie nennt ihn den Lama des Reinen Wassers. Weißt du, warum? Nicht nur, weil die Mistkerle vom Büro für Religiöse Angelegenheiten ihm niemals etwas anhaben konnten, sondern weil er seine Gelübde schon vor mehr als fünfzig Jahren abgelegt hat, noch vor der Invasion. Bevor die Chinesen unser Land überfallen und für immer verändert haben. Er ist nie ins Exil gegangen, wurde nie gefangen. Seine Worte sind nicht vergiftet, sagt meine Mutter, denn sie entspringen einer Quelle, die die Chinesen nie entdeckt haben.« Der Mann sprach langsam und in ehrfürchtigem Ton, als habe er die Patrouille der Kriecher wieder vergessen. Hinter ihm knieten zwei der Hirten sich ans Flußufer und fingen an, Kieselsteine einzusammeln.

»Ich brauche meine Waffe«, knurrte der purba, der immer noch ausgestreckt am Boden lag. Shan sah, daß er Angst hatte. Traditionell denkende Tibeter haßten die purbas bisweilen ebensosehr wie die Chinesen. »Wir müssen die Lamas von hier wegschaffen.«

Der dropka schüttelte den Kopf. »Ich konnte nie etwas aus meinem Leben machen«, sagte er mit dumpfer Stimme. »Die Chinesen haben mich nicht zur Schule gehen lassen. Ich durfte nicht reisen. Ich konnte nie einen Beruf erlernen oder mir eine Anstellung suchen. Ich bin wie ein kleiner verkümmerter Baum, der nie wachsen wird, und er dort, der Lama des Reinen Wassers, er ist wie der hoch aufragende Überlebende eines Waldes, in dem alles andere dem Erdboden gleichgemacht wurde.«

Er schaute lächelnd zu Gendun und wandte sich dann wieder dem purba zu. Seine Miene verhärtete sich. »Ich will dir verraten, wie wir Männer wie ihn beschützen«, sagte er und warf die Pistole ins schwarze Wasser. Die beiden Hirten am Ufer standen auf, traten an seine Seite und zogen Schleudern aus ihren Taschen. »Wir haben von anderen gehört, wie man das macht. Wir werden ihre Suchscheinwerfer zerschießen und einen Steinhagel auf sie niedergehen lassen. Mit etwas Glück werden sie uns gar nicht sehen. Chinesische Soldaten sind nachts ziemlich schreckhaft. Sie haben Geschichten über Dämonen gehört.« Er warf einen Blick auf das thangka, das Lokesh immer noch in der Hand hielt, und dann auf Shan. »Die Lamas müssen das Gefäß füllen«, sagte er zu dem purba, »und danach begleitest du sie zurück. Mein jüngerer Bruder kennt den Weg.« Er deutete auf den vierten Nomaden. »Falls wir die Patrouille nicht aufhalten können, weißt du bestimmt am besten, wie man den Soldaten entkommt.«

Als der Mann die Schleuder hob, zitterte seine Hand. »Erneuert den Gott«, flüsterte er Shan zu. Dann verschmolzen er und seine Begleiter mit den Schatten.

Während Shan dem purba auf die Beine half, blickte dieser den Nomaden in die Dunkelheit hinterher, und auf seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Wut und Respekt. »Dieses Artefakt«, sagte er tonlos. »Ich habe gehört, es handelt sich bloß um ein kleines Stück Stein.«

Die Ereignisse dieser Nacht gingen Shan während des langen Rückwegs zur Einsiedelei nicht mehr aus dem Kopf und beschäftigten ihn auch noch, als er sich ruhelos auf seinem Strohlager umherwälzte und vergeblich auf Schlaf hoffte. Kurz vor Tagesanbruch suchte er die lhakang auf, die heilige Stätte der Klause, und ließ sich mit übergeschlagenen Beinen vor dem Altar nieder. Darauf stand, flankiert von Butterlampen, ein rissiger hölzerner Buddha, vor dem ein gezacktes Stück Stein lag. Es war fünfzehn Zentimeter lang und besaß eine gekrümmte Oberfläche, in deren Mitte man einen verblaßten roten Kreis erkennen konnte, letztes Überbleibsel des dort einst aufgemalten Auges. Nur ein Stück Stein. Doch genau dafür hatten die dropkas letzte Nacht ihr Leben riskiert. Genau deswegen wurde laut Lokesh aus Shan ein Dämon, genau deswegen waren die purbas so verärgert, daß Shan und seine Freunde noch in der Einsiedelei verweilten, und genau deswegen hatten sie überhaupt erst solche Anstrengungen auf sich genommen, um Shan dorthin zu bringen.

Er und Lokesh hatten sich auf dem Rückweg von einer Pilgerreise zum südwestlich gelegenen Berg Kailas befunden, waren dabei abgeschiedenen Pfaden gefolgt und hatten manchmal sogar gewagt, sich für ein oder zwei Stunden von einem Lastwagen in Richtung Zentraltibet mitnehmen zu lassen. Eines Abends wurde der Laster, in dem sie saßen, plötzlich durch einen Pferdewagen gestoppt, den man quer auf die Straße gestellt hatte. Mehrere junge Männer sprangen zwischen den umliegenden Felsen hervor und rannten nicht etwa auf den Fahrer, sondern auf die Ladefläche zu und umringten Shan und Lokesh, bevor die beiden auch nur an eine Flucht denken konnten. Shan erkannte Drakte sofort wieder, einen hochgewachsenen schlanken Tibeter mit einer doppelt geschwungenen Narbe auf der Stirn. Die Verletzung stammte von einem Überfallkommando der Kriecher, das sich die Schlagstöcke mit Stacheldraht umwickelt hatte.

»Wir haben nach euch gesucht.« Drakte bedachte die beiden Männer mit einem verdrießlichen Blick, als wären sie ihm absichtlich aus dem Weg gegangen.

»Wir waren auf einer Pilgerfahrt«, erklärte Lokesh fröhlich. »Und nun kehren wir nach Hause zurück, nach Lhadrung.«

»Nein, das werdet ihr nicht«, widersprach der purba. Dann redete er kurz mit dem Fahrer und gab ihm eine khata, einen Gebetsschal. Der Mann fuhr weiter, und Drakte bedeutete ihnen, in einen kleineren Lastwagen einzusteigen, der hinter einem großen Felsen zum Vorschein kam.

Drei Tage lang rollten sie durch die zerklüfteten Berge und Täler nordwestlich von Lhasa, umgingen auf Straßen, die kaum mehr als ausgetretene Wildwechsel waren, die Stadt Shigatse, fuhren dann nordwärts durch kleine öde Dörfer und weiter auf die Changtang-Hochebene, bevor sie sich bei der Bergbaustadt Doba nach Osten wandten. Abends am Lagerfeuer sprach Drakte über seine geliebte Changtang und viele andere Dinge, aber niemals über den Anlaß oder das Ziel dieser Reise. Am vierten Tag wurden sie in einer Schlucht bereits von einem berittenen dropka mit zwei weiteren Pferden erwartet. Drakte sah Shan mit seltsam sehnsüchtigem Blick hinterher.

»Ihr tut dies für uns alle«, sagte der junge purba zum Abschied. »Wenn es soweit ist, werde ich kommen, um euch den Weg zu zeigen«, versprach er, und Shan glaubte, in seinen Augen so etwas wie Freundschaft aufflackern zu sehen.

Der Ritt dauerte zwei Tage. Auch der dropka verlor kein einziges Wort über ihren Bestimmungsort, bis sie schließlich einen hohen windumtosten Bergrücken erklommen und in einer kleinen Senke einige halbzerfallene Gebäude aus festgestampfter Erde und Steinen sahen. Drei der größten Bauten hatte man mit Sperrholz, Blechen und Pappe provisorisch wieder instand gesetzt. Im Innern des gedrungenen Steinhauses, das die lhakang beherbergte, stießen sie auf Gendun. Zusammen mit einem Lama mittleren Alters und einer Frau saß er am Altar vor dem gezackten Auge und las in langen schmalen Textblättern, den losen Seiten eines traditionellen Lehrbuchs. Gendun, den Shan zuletzt vor mehr als vier Monaten gesehen hatte, Hunderte von Kilometern entfernt im westlichen Kunlun-Gebirge, begrüßte ihn mit einem heiteren Lächeln und bedeutete den beiden Neuankömmlingen, sich auf die freien Plätze neben ihm zu setzen, als hätte man ihre Ankunft erwartet. Erst mehr als zwei Stunden später, während man ein Mahl aus gerösteter Gerste und Buttertee zubereitete, stellte Gendun ihnen Shopo und Nyma vor, eine stämmige Frau von etwa dreißig Jahren.

Nyma platzte sogleich mit einer aufgeregten Begrüßung heraus. »Wir haben so lange gewartet«, rief sie, »und nun seid ihr endlich gekommen. All diese Jahre.« Sie seufzte laut auf.

»Jahre?« fragte Shan verwirrt und musterte das ledrige Gesicht und die breiten Schultern der jungen Frau. In anderer Kleidung hätte er sie für eine dropka gehalten. »Die purbas haben uns erst letzte Woche gefunden.«

Die Nonne lachte und deutete auf die lhakang. »Es ist vor vielen Jahrzehnten verlorengegangen – es wurde gestohlen und als Trophäe außer Landes geschafft.«

»Das Auge?« fragte Shan, dem einfiel, was er auf dem Altar gesehen hatte. »Dieses abgebrochene Stück Stein?«

Nyma nickte begeistert und schaffte es kaum, ihre Gefühle zu bändigen. »Es stammt von der Gottheit, die unser Tal beschützt. Erst vor fünf Jahren ist es nach Tibet zurückgekehrt, und erst vor ein paar Wochen wurde es aus Lhasa befreit«, sagte sie, als habe der Stein sich im Gefängnis befunden. »Wir haben gewußt, daß er sein Auge zurückbekommen muß, und wir waren ganz sicher, daß es irgendwann heimkehren würde. Bislang konnte niemand ihm den Weg weisen. Jetzt haben wir euch. Was er alles sehen wird«, fügte sie unheilvoll hinzu. »Und was er dann tun wird!«

Nach dem Essen an jenem ersten Abend erklärte Shopo, daß drei Monate zuvor ein Orakel im Tal von Yapchi, wohin das Artefakt gehörte und wo bis zu diesem Zeitpunkt noch niemand von seiner Entdeckung wußte, verkündet hatte, das Auge könne nur von einem tugendhaften Chinesen zurückgebracht werden, einem ganz bestimmten Chinesen mit reinem Herzen. Als Gendun davon erfuhr, befand er sich auf dem Weg nach Lhadrung. Er änderte sofort die Richtung und machte sich auf die Suche nach den Deutern des Orakelspruchs, denn ihm war klar, welcher Chinese damit gemeint sein mußte.

Shan bedrängte die Lamas nicht mit Fragen. Die Geschichte von dem Stein mußte auf eigene Weise zum Vorschein kommen. Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, daß es für die Dinge, die Tibetern am wichtigsten waren, meistens keine Worte gab, und selbst wenn sie Worte fanden, scheuten sie sich davor, diese auszusprechen. Für Leute wie Gendun und Lokesh stellten Worte tückische, unzulängliche Dinge dar, mit deren Hilfe die Menschen nur sehr dürftige Verbindungen knüpfen konnten. Falls das Auge tatsächlich eine große Bedeutung besaß, würde man Shan nicht über das eigentliche Artefakt belehren, sondern darüber, wie man es gedanklich erfassen sollte, wie sich das Auge in sein ganz persönliches Bewußtsein eingliedern ließ.

Seitdem waren viele Wochen vergangen, und Shan wünschte sich immer noch, er könnte es besser verstehen. Das Steinauge schien ihn zu verspotten und sprach auch weiterhin den Teil des alten Shan an, der einfach nicht sterben wollte, den Ermittler, der andauernd Fragen stellen mußte. Wieso waren die Tibeter gewillt, für diesen Stein zu sterben?

Draußen erklang eine aufgeregte Stimme, gefolgt von einer weiteren. Shan eilte sofort zur Tür. Die Frau, die sich mit ihrem Bruder um die Einsiedelei kümmerte, eine dropka mittleren Alters, stand oben auf dem Kamm und wies über die Gebäude hinweg zum gegenüberliegenden Hang. Einige der Nomaden, die in zweihundert Metern Entfernung ein Zelt aufgeschlagen hatten, waren in ihre Rufe eingefallen. Shan lief zur Rückseite des Hauses und entdeckte zu seiner Erleichterung eine vertraute Gestalt in einem langen braunen Gewand.

Es war Nyma. Sie hatte die Klause letzte Woche verlassen, um den besonderen zinnoberroten Sand zu holen, den man nur an einer bestimmten Quelle unweit der hohen Gletscher finden konnte. Auf ihrem Weg den Pfad hinunter drehte und wiegte Nyma sich die ganze Zeit. Sie glaubte sich unbeobachtet und tanzte. Sie tanzte vor lauter Freude, spürte Shan, weil sie den letzten Sand brachte.

Als die Bewohner der Einsiedelei sich wenig später im Kreis mit ihr niedersetzten und den Beutel Sand betrachteten, den sie vom Gletscher geholt hatte, konnte Nyma gar nicht mehr aufhören zu lächeln. »Der Bach war gefroren«, sagte sie, um zu erklären, weshalb die Reise einige Tage länger als erhofft gedauert hatte. »Also habe ich mich hingesetzt und gewartet.« Langsam und feierlich nahm sie mit beiden Händen den Hut ab, unter dem sie ihre Zöpfe auf dem Scheitel festgesteckt hatte, legte ihn zu Boden und verschränkte die Hände im Schoß. »Am zweiten Tag kam ein warmer Wind auf, und das Eis fing an zu schmelzen. Am dritten Tag öffnete sich genau vor mir ein Loch, gerade groß genug, daß meine Hand hindurchpaßte.«

Shan ließ den Blick über die drei Männer schweifen, die mit ihm hier saßen. Auf Lokeshs Gesicht lag das für ihn typische schiefe Grinsen, das nur deswegen schief war, weil der Stiefel eines Kriechers ihm vor vielen Jahren den Kiefer gebrochen hatte. Gendun lächelte und nickte erst Nyma, dann Shan würdig zu, als wolle er bestätigen, daß nun endlich die entscheidende Nacht bevorstand und daß ungeachtet aller Qualen im restlichen Tibet ihr kleiner entlegener Außenposten sich im Einklang mit dem Universum befand.

Neben ihnen saß Shopo in einer verschlissenen kastanienbraunen Robe, der hier in dieser illegalen Einsiedelei lebte, seit man ihn vor zwanzig Jahren aus seinem Kloster vertrieben hatte. »Alles hat sich gut gefügt«, stellte er heiter und gelassen fest. Nymas Sand war der perfekte Beitrag zur Vervollständigung der Arbeit und fiel dank der Achtung, die sie dem Berg erwiesen hatte, nur um so machtvoller aus. Sie hatte sich den roten Sand nicht einfach genommen, sondern abgewartet, bis das Eis geschmolzen war und der Berg ihr von sich aus den Zugang ermöglicht hatte.

Shopo nahm den Beutel und schüttete dessen Inhalt respektvoll in ein Tongefäß. Als er dieses emporhob, kam ein hochgewachsener Mann mit schmalem traurigem Gesicht um die Ecke des nächstgelegenen Gebäudes. Er trug einen großen Ledersack über der Schulter, in dem sich Yakdung befand, den er heute gesammelt hatte und der ihnen als Brennstoff diente. Sein Name lautete Tenzin; er war schon bei Shans und Lokeshs Ankunft in der Einsiedelei gewesen. Ausdruckslos starrte Tenzin das Tongefäß an, legte eine Hand an sein gau, das silberne Gebetsamulett, das um seinen Hals hing, nickte dann und ging weiter auf die Hütte zu, in der er das Brennmaterial lagerte.

»Lha gyal lo!« rief Shopo freudig gen Himmel. »Den Göttern der Sieg!« Er stand von der Decke auf, hielt das Gefäß sorgsam mit beiden Händen und brachte es in das niedrige Steinhaus, das ein halbes Dutzend Meditationszellen und die lhakang der Klause beherbergte. Shan und die anderen folgten ihm. Mit einer stummen Verneigung vor dem Buddha auf dem Altar an der Rückwand stellte Shopo das Gefäß auf ein Brett aus Zedernholz neben zehn gleichartige Tiegel und mehrere lange schmale Bronzetrichter. Dann wandte er sich mit ehrfürchtiger Miene dem vielfarbigen, mehr als zwei Meter durchmessenden Kreis in der Mitte des Steinbodens zu.

Man nannte es den Vajrabhairava, den Diamantenen Schrecken; es stellte eines der seltensten aller Mandalas dar, jener komplizierten Sandbilder, die seit Jahrhunderten Bestandteil tibetischer Rituale waren. Es hatte Shan zunächst eingeschüchtert, als Gendun erklärte, daß sie ein Wesen anrufen würden, das zu den wildesten aller tibetischen Gottheiten zählte. Nun beobachtete er, wie die dropka innehielt und das Gesicht verzog, als sie das alte thangka des Diamantenen Schreckens sah, das Lokesh in der lhakang aufgehängt hatte. Manch einer wäre wohl auf den Gedanken gekommen, Shan und seine Freunde hätten einen Pfad der Dämonen und der Zerstörung eingeschlagen, aber Shan hatte gelernt, daß grausige Bilder wie dieses von den Lamas als Symbole höherer Wahrheiten genutzt wurden, und verstand es inzwischen, in der Darstellung nicht etwa Gewalt, sondern Hoffnung zu erkennen. Der Diamantene Schrecken war eine Inkarnation der Weisheit, die letztere annahm, um den Herrn des Todes herauszufordern, wenn dieser einen Menschen zu sich holen wollte, der noch keine Erleuchtung gefunden hatte.

Anfangs hatten Shan und Nyma jeden Tag stundenlang zugehört, wie Gendun das komplexe Mandala Zentimeter für Zentimeter aus dem Gedächtnis beschrieb und gleichsam mit dem Mund nachmalte. Vor einem Monat hatten Shopo und Gendun dann schließlich mit Kreide ein verflochtenes Muster auf den Steinboden gezeichnet und damit die Grundlage für die weitere Arbeit geschaffen. Es war drei Jahrzehnte her, daß Gendun unter Anleitung eines neunzigjährigen Lama geholfen hatte, dieses besondere Bild anzufertigen, doch er konnte sich noch ganz genau an alle Einzelheiten erinnern. Das Mandala umfaßte Dutzende von Symbolen, die jeweils entstanden, indem man Sandkorn um Sandkorn langsam durch den chakpa rieseln ließ, den dünnen, knapp dreizehn Zentimeter langen Trichter. Jedes Bild, ja sogar jede Farbe war ein eigenes Symbol, und mit jedem Symbol war eine Lehre verknüpft. Shan betrachtete den sinnbildlichen Palast im Zentrum, der in vier kunstvolle Quadranten aufgeteilt war. Der weiße Osten enthielt das Rad des Dharma, der gelbe Süden wunscherfüllende Edelsteine, der rote Westen den Lotus der Reinheit und der grüne Norden ein brennendes Schwert.

Die Freude der Tibeter verlieh Shan neuen Auftrieb. Nach einer Viertelstunde ging er zu dem Kreis aus Erde auf einem Felsvorsprung oberhalb der Gebäude, in dem er während der vergangenen Wochen viele Stunden in Meditation zugebracht hatte. Gendun würde wollen, daß er an diesem letzten Tag über die Lehre des Sandes nachsann, aber Shan fühlte sich auf einmal viel zu lebendig, viel zu froh über die Gewißheit, daß er nach einem Leben voller Zerreißproben endlich seinen Platz auf dieser Welt gefunden hatte.

Er schaute den Wolken hinterher und ließ seine Zufriedenheit die Furcht zurückdrängen, die er im Angesicht des Steins verspürt hatte. Dann stellte er an sich eine ungewohnte Nervosität fest, weil heute abend nicht etwa er Genduns chakpa füllen würde, während der Lama das Mandala malte, sondern Gendun vielmehr den chakpa für ihn, damit Shan die Abbilder der Wolken und Berge am Rand des Kreises erschaffen konnte.

Stundenlang hatten die Lamas ihn gelehrt, wie er beim Auftragen des Sandes die Hände halten und seinen Geist konzentrieren mußte, bis Shan spürte, daß es weniger darum ging, ein Werkzeug zu benutzen, als vielmehr ein Gebet darzubringen. Danach hatten sie gemeinsam das Muster geübt, das Shan mit weißem Sand entlang des äußeren Kreisrands erschaffen würde.

»Folge dem Bogen, den eine Lerche im Flug beschreibt«, hatte Gendun erklärt und dabei den langen anmutigen Gleitflug zwischen zwei Flügelschlägen des Vogels gemeint. Als Shan daraufhin auf seltsame Weise aufgeregt und traurig zugleich wirkte, hatte der Lama seine Verwunderung zum Ausdruck gebracht.

»Es ist nichts«, hatte Shan geflüstert und die plötzlichen Erinnerungen wieder verdrängt. Sein Vater hatte einst fast die gleichen Worte benutzt, in nahezu identischem Tonfall von Vögeln, Weiden und dem Wind gesprochen und dabei mit seinem Pinsel Muster in die Luft gemalt, um Shan die ersten chinesischen Ideogramme beizubringen.

Unvermittelt begriff Shan, daß jemand neben ihm saß. Er wandte den Blick von den Wolken ab und schaute in Genduns gütiges Gesicht.

»Wir werden auf Berge steigen müssen«, stellte der Lama lakonisch fest. Er saß mit übergeschlagenen Beinen im Lotussitz, als wäre er aus einer Meditationszelle herbeigezaubert worden. Seine Worte stellten eigentlich eine Frage dar: ob Shan bereit sei, nicht etwa für das Mandala, sondern für die Reise, zu der sie im Anschluß aufbrechen würden und die überhaupt erst der Anlaß für das Mandala gewesen war. So wie andere Leute zur Vorbereitung einer beschwerlichen Fahrt Vorräte zusammenstellen und Landkarten studieren würden, hatten die Lamas Shan, Lokesh und Nyma systematisch mit Bildern des Diamantenen Schreckens gestärkt. Oder sogar, wenn man Lokeshs beklemmender Andeutung glauben durfte, Shan darauf vorbereitet, das Werk des Diamantenen Schreckens zu verrichten.

»Ich bin bereit für die Berge, Rinpoche«, sagte Shan und sprach ihn damit als ehrwürdigen Lehrer an.

Gendun musterte ihn mit funkelndem Blick. Meistens benötigten die beiden keine Worte, um sich zu verständigen. »Und du wirst nicht nur auf Dungfladen achtgeben müssen«, fügte der alte Lama hinzu.

Shan sah seinen Lehrer verwirrt an. »Ich dachte, Tenzin würde hierbleiben, Rinpoche«, sagte er. Tenzin hatte während der letzten zwei Monate kein einziges Wort gesprochen, doch sein bekümmertes, seelisch gebrochenes Gemüt kam Shan bekannt vor; ihm war nicht entgangen, daß die dropkas dem Mann geraten hatten, sich von den Straßen fernzuhalten. Er war aus dem Gulag geflohen, hatte Shan erkannt. Noch ein Flüchtling, der versuchte, wieder zum Leben zu erwachen und den Funken im Innern zu finden, den so viele so lange hatten auslöschen wollen.

»Er geht nach Norden. Jemand ist gestorben.«

Shans Lächeln verschwand vollends.

»Nein«, fügte Gendun schnell hinzu. »Nicht auf diese Weise«, sagte er und meinte damit, daß es sich nicht um eines jener geheimnisvollen Gewaltverbrechen handelte, von deren Aufklärung der alte Shan, der Ermittler aus Peking, regelrecht besessen gewesen war. »Es hat nichts mit dem Stein oder einem von uns zu tun. Er geht einfach nur nach Norden, und ich mache mir Sorgen um ihn.«

Wenngleich Tenzin für gewöhnlich mit ihnen aß und einen Anteil der Hausarbeit übernahm, hatte er sich von Shan ferngehalten und ihm keine Gelegenheit gegeben, ihn näher kennenzulernen. Zunächst war Shan sein Verhalten wie Reserviertheit vorgekommen, denn Tenzin besaß eine merkwürdig aristokratische Ausstrahlung, sogar wenn er seinen Dungsack trug. Mehr als einmal hatte Shan sich zudem gefragt, ob dem Mann durch Gendun oder Shopo als Bestrafung für irgendein Vergehen eine Buße auferlegt worden war. Männer wie er begingen auf der Flucht manchmal Gewalttaten, um nicht gefaßt zu werden. Gendun mochte ihn für den Mord an einem Wärter nicht verdammen, aber er würde sich sorgen, welchen Schaden eine solche Tat seinem inneren Gott zufügen könnte. Der hochgewachsene schweigsame Tibeter machte sich mit seinem Ledersack jeden Morgen bei Tagesanbruch auf den Weg und kehrte erst in der Abenddämmerung mit einer Ladung Yakdung wieder zurück, was für einen ganzen Tag Arbeit einen kargen Erlös bedeutete. Doch auch mit nur einem einzigen Sack pro Tag hatte er eine der kleineren Hütten bis zur Decke mit Brennstoff für die Einsiedelei gefüllt.

»Ich möchte ihm ja helfen, Rinpoche, aber ich weiß noch nicht, wie.«

Gendun nickte. »Mitunter fürchte ich, daß er den Weg aus den Augen verliert.« Der Lama meinte damit nicht, daß Tenzin sich verirren könnte, sondern bezog sich auf die Gefahr, während einer Wanderung durch die gefährliche Landschaft in tiefe Meditation zu versinken und sich der unmittelbaren Umgebung nicht mehr bewußt zu sein. Mönche, die allein in den Bergen unterwegs waren, brachen sich auf diese Weise bisweilen ein Bein oder gar den Hals.

Shan sah seinen Lehrer nachdenklich an. Gendun wußte etwas über den melancholischen Mann, das ihm verborgen geblieben war, oder spürte zumindest etwas, das Shan nicht registriert hatte. Tenzin war ihnen bei dem Mandala nie zur Hand gegangen, hatte dessen Erschaffung aber voll kindlicher Faszination verfolgt, Gendun und Shopo unentwegt mit Tee versorgt und alle Lampen nachgefüllt, sobald die dropkas Häute voller Butter brachten. Obwohl Shan nie gesehen hatte, daß er meditierte oder sich für das interessierte, was die Tibeter den Buddha in ihm nennen würden, mußte er nun an den täglichen Sack Dung denken. Den Sack zu füllen nahm zwei oder drei Stunden in Anspruch. Verbrachte Tenzin den Rest des Tages auf einem hohen Grat und meditierte? Einmal, erinnerte Shan sich, nachdem Shopo genau beschrieben hatte, wie man mit den Fluß-nagas sprach, war Tenzin mit schwarzem Sand für das Mandala zurückgekehrt und hatte diesen ehrfürchtig Gendun übergeben. Bei einer anderen Gelegenheit hatte Shan ihn mitten in der Nacht allein am Rand des Mandalas vorgefunden, die hohle Hand über das Abbild eines Einsiedlermönchs ausgestreckt, die Augen voller Tränen.

»Wenn ihm eine Zunge wächst, wird es besser«, sagte der Lama. »Vielleicht noch ein paar Monate.«

So beschrieb Gendun das Schweigen solcher gebrochenen Männer, und so hatte er in den ersten Wochen nach dessen Zeit im Gulag auch Shans dunkle Stille bezeichnet. Wenn der Mann irgendwann den Funken fand, der vor der Gefangenschaft und der Marter des Arbeitslagers einmal Tenzin gewesen war, würde diese Lebenskraft auch seine Zunge erreichen, und er wäre bereit, mit der Welt zu sprechen. Eventuell, dachte Shan, war das der Grund, aus dem Gendun ihn bat, sich um Tenzin zu kümmern: weil einst auch Shan, bevor er die Lamas traf, nur aus stummen, verwirrten Fragmenten bestanden hatte.

Siebe den Sand, um die Saat des Universums zu finden. Die Worte hallten in Shans Gedächtnis wider, als er vier Stunden später neben dem Mandala saß, mit dem Gefäß voll weißem Sand zu seinen Füßen. Die Sonne war untergegangen, und die letzte Nacht der Arbeit an dem Mandala hatte begonnen. Eine Fingerspitze berührte seinen Arm, leicht wie eine Feder.

»Es ist soweit«, sagte Gendun, zog einen chakpa aus dem Ärmel seines roten Gewands und streckte ihn Shan entgegen.

Shan zögerte. Aus dem dunklen Korridor, der zu der Kammer führte, drang ein Stöhnen. Es war der Wind, der mit dem bröckelnden Mauerwerk der Einsiedelei spielte und einen schaurigen Gleichklang mit dem Mantra erzeugte, das leise über Lokeshs Lippen drang. Der alte Tibeter saß neben Tenzin hinter ihnen an der Wand. Shan hob langsam die Hand und nahm den schmalen chakpa, der bereits mit dem weißen Sand gefüllt war. Dann reichte Gendun ihm noch einen zweiten, leeren Trichter, mit dessen Hilfe der Sand aus dem ersten chakpa herausgeklopft wurde. Shans Blick schweifte zu dem kleinen Holzaltar und dem gezackten Auge ab, dann wieder zurück zu dem Lama, verbunden mit einem Anflug von Schuldgefühl. Das Auge war da, allzeit wachsam. Doch Shan hatte von Gendun Disziplin gelernt, und das beinhaltete, daß er nicht an das geheimnisvolle Auge denken, sondern sich statt dessen in das Mandala vertiefen sollte. Seit jenem ersten Tag in der Einsiedelei hatte niemand mehr über das Auge gesprochen, abgesehen von Lokesh, der Shan eines Nachts unauffällig zugeflüstert hatte, er brauche sich keine Sorgen zu machen, denn wohin auch immer Gendun und der Stein sich begeben mochten, es würde sich um eine heilige Stätte handeln. Lokesh schien die bevorstehende Reise als eine Pilgerfahrt zu betrachten, in deren Verlauf heilige Männer einen heiligen Stein zurückbringen würden. Seiner Überzeugung nach würde die Welt sich notfalls teilen, um solchen Pilgern einen friedvollen Pfad zu bereiten.

Shan sah, daß Nyma soeben eine Flammenspur entlang des äußeren Rings abschloß, und beugte sich vor, um mit einer hauchdünnen Linie aus weißem Sand den Umriß einer Wolke zu beginnen. Er ließ zunächst den sandgefüllten chakpa und dann den leeren Trichter sinken, zog sie jedoch gleich wieder weg. Seine Hände zitterten. Niemand sagte ein Wort. Shan sammelte sich einen Moment lang, indem er den Palast im Zentrum des Kreises anstarrte, wo Weisheit und Mitleid herrschten. Mit ruhigeren Händen klopfte er behutsam gegen den Sand-chakpa und ließ einen weißen Faden auf den äußeren Rand des Mandalas herabrieseln. Das Klopfen seiner Metalltrichter verwandelte sich in eine winzige gedämpfte Glocke, ein Geräusch, das untrennbarer Bestandteil des allnächtlichen Rituals geworden war, und jeder Schlag kündete von einigen weiteren Samenkörnern, die in das von den Lamas geschaffene kleine Universum gepflanzt wurden.

Sobald Shan seine Aufgabe beendet hatte, nickte er Nyma zu, die nun das Muster fortführen und zinnoberroten Sand in Form eines Baumes hinzufügen würde. Dann stand er auf und trat von dem Kreis zurück, immer darauf bedacht, über den zarten Sandbildern nicht zu heftig zu atmen. Als er sich umdrehte, sah er, daß neben Lokesh ein Fremder hockte und leise auf ihn einredete. Der Mann trug eine auffallend fleckige Schaffellmütze und eine chuba, den dicken Schaffellmantel, der typisch für die Nomaden dieser kargen Landschaft war, aber er gehörte nicht zu den dropkas, die ihr Lager oberhalb der Klause aufgeschlagen hatten.

Plötzlich weiteten sich die Augen des Fremden. Er stand auf und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger anklagend auf Shan. Bei dieser Bewegung öffnete sich die chuba, und an seinem Gürtel war ein langes Messer zu sehen. Lokesh packte die Gebetskette fest zwischen zwei Fingern, um die gegenwärtige Stelle nicht zu verlieren, sprang auf und drückte mit seiner freien Hand den Arm des Mannes herunter, während Shan näher kam.

»Ihr seid verrückt«, murmelte der Fremde. Als er sich von Lokesh losreißen wollte, fiel die Fellmütze herunter. Sein Kopf war vollständig kahlgeschoren. Shan musterte das markante, grobknochige Gesicht des Fremden, die glatte Kopfhaut und den langen dünnen Schnurrbart. Dieser Mann war keiner der Hirten, sondern ein golok aus dem fernen Nordosten Tibets und somit Angehöriger des wahrscheinlich wildesten aller tibetischen Völker. »Er ist Chinese!« schimpfte der golok laut.

Shan drehte sich besorgt zu dem Mandala um. Nyma und die Lamas ignorierten den Mann.

»Das ist Shan«, widersprach Lokesh und hielt den Arm des Mannes weiterhin fest, als fürchte er, der golok würde Shan angreifen. »Er ist der Auserwählte.«

Der Eindringling sah kurz den alten Tibeter an und nahm Shan dann genauer in Augenschein. Sein Zorn wich offener Verachtung. »Der Auserwählte, der den Gott erneuern wird? Er ist ein Krimineller. Ein unbarmherziger Kerl, wie es heißt. All die anderen Chinesen hassen ihn.«

Lokesh warf Shan einen entschuldigenden Blick zu. »Kein Krimineller, sondern ein Häftling. Vier Jahre lao gai«, fügte er hinzu und bezog sich dabei auf die Zwangsarbeitslager Pekings. Bis letztes Jahr hatten Shan und Lokesh beide in der 404. Baubrigade des Volkes arbeiten müssen, einer der berüchtigtsten Strafkolonnen Chinas.

»Der Chinese«, sagte der golok und ließ seine Augen über Shans vielfach geflickten Mantel wandern, über die ausgetretenen Arbeitsstiefel und das ausgefranste Ende des Vinylgürtels, das an seiner Taille hervorragte, »sieht aus wie ein Krämer. Ein verkrachter Krämer«, fügte er mit einem Hohnlächeln hinzu und betrachtete dann stirnrunzelnd die anderen Anwesenden in der Kammer. »Es sollten purbas sein, echte Krieger. So werdet ihr es niemals schaffen. Ihr habt ja keine Ahnung!« sagte er überheblich und wandte sich wieder Shan zu. »Du könntest auf hunderterlei Weise sterben. Bessere als du haben es versucht und ihr Leben verloren.«

Shan hielt dem Blick des golok ruhig stand. Falls dieser Mann, der mit Sicherheit kein purba war, von ihren geheimen Absichten erfahren hatte, wie vielen anderen mochte dann wohl noch bekannt sein, daß sie das gezackte Auge zurückbringen würden? Wieso schien er mehr zu wissen als Shan? Und warum hatten die dropkas, die die Gebäude bewachten, ihn durchgelassen?

Lokesh seufzte. »Ja«, sagte er, als habe er derartige Warnungen zuvor schon gehört. Er nahm den Mann bei der Hand und zog ihn mit sich. »Du solltest den heiligen Kreis studieren«, forderte er ihn mit nachsichtiger Stimme auf. Die Worte klangen wie der Ratschlag eines Heilers, und Shan gelangte zu dem Schluß, daß es sich bei dem Mann um einen jener verbitterten, wütenden Tibeter handeln mußte, die von den älteren Nomaden zu der Klause gebracht wurden, um das Mandala zu erfahren und darüber nachzusinnen, wieviel stärker als Haß und Angst doch das Mitleid sein konnte.

Der golok legte den Kopf merkwürdig schräg und beäugte das Mandala, als würden die Lamas und der Kreis aus Sand ihm erst jetzt auffallen. Er runzelte die Stirn, ließ sich auf die Knie nieder und verneigte sich einmal kurz bis zum Boden, um widerwillig seinen Respekt zu bezeugen. Als er wieder aufstand, murmelte er überrascht etwas vor sich hin, denn sein Blick war auf den Altar gefallen. Mit schnellen Schritten ging er an dem Mandala vorbei, kauerte sich vor das gezackte Auge und starrte es an. Der Stein interessierte ihn mehr als alles andere.

Shan hatte während seiner Haftjahre mehrere goloks kennengelernt. Nein, kennengelernt hatte er sie genaugenommen nicht, denn sie hatten sich stets geweigert, mit ihm zu reden, und ihn immer nur mit der stummen Abneigung angestarrt, die für ihre Feinde reserviert war. Sogar viele der anderen Tibeter gingen ihnen aus dem Weg, denn die golok-Stämme galten seit Jahrhunderten als besonders wilde und brutale Banditenhorden. Hätte Shan nicht unter dem Schutz der Mönche aus seiner lao-gai-Baracke gestanden, würden die goloks versucht haben, ihn zu ermorden. Er wußte von zwei chinesischen Gefangenen, denen es nicht anders ergangen war: Einer wurde auf seiner Pritsche gefunden; in seinem Hirn steckte ein Schraubenzieher. Den anderen hatte man mit einem angeschliffenen Löffel kastriert. Während der ersten Zeit im Arbeitslager wäre Shan der Tod durch die Hand dieser Männer regelrecht gelegen gekommen. Aber das damals war ein anderer Shan gewesen, eine andere Inkarnation – nach den wochenlangen Verhören durch die Öffentliche Sicherheit wollte der Peking-Shan, der ins Lager kam, nur noch von dem ständigen Schmerz und der Angst erlöst werden.

Gendun drehte sich um und sah Shan erwartungsvoll an. Nyma hatte ihren Baum in dem Sandrad vollendet. Shan kehrte an die Seite des Lama zurück und nahm den chakpa voll weißem Sand entgegen. Er schloß kurz die Augen, beugte sich vor und klopfte erneut gegen den Trichter, um diesmal drei geschwungene Berge zu erschaffen. Shan arbeitete schweigend, während Nyma und die Lamas das nahezu vollständige Mandala betrachteten, der Wind heulend über das Dach strich, die Butterlampen flackerten und Lokeshs geflüstertes Mantra im Rhythmus der Brise an- und abschwoll. Shan konzentrierte sich mit Leib und Seele auf die Sandkörner, die aus dem chakpa rieselten. Sie schienen zu leuchten; weiß wie frischer Schnee, weiß wie die Gottheiten, die in den Wolken lebten. Als die Berge schließlich fertig waren, wich Shan zurück und nahm neben Lokesh und Tenzin Platz, während Shopo einen chakpa mit blauem Sand hob, um einen Mönch zu malen, der inmitten von Shans Bergen saß.

Shan bemühte sich, in Gedanken nicht von dem Mandala abzuschweifen, doch der golok schritt mittlerweile rastlos im Hintergrund der Kammer auf und ab, sah im einen Moment das gezackte Auge an und beugte sich gleich darauf vor, um Shan anzustarren. Shan wußte, was der Mann dachte, denn er selbst stellte sich diese Frage schon seit Wochen. Wieso Shan? »Weil du die Schliche der Dämonen kennst, die nicht wollen, daß die Gottheit wieder sieht«, hatte Nyma auf die Frage geantwortet und damit gemeint, daß er die Schliche der chinesischen Regierung kannte. »Es ist deine Belohnung«, hatte sie hinzugefügt. »Die Menschen wissen, wie du das Gleichgewicht wiederhergestellt hast, nachdem es gewaltsam gestört worden war. Du findest, was verloren wurde.«

Aber die Leute hier mußten doch eigentlich selbst wissen, wohin das Auge gehörte, hatte Shan eines Morgens zu der Nonne gesagt, als sie gemeinsam Wasser holen gingen. Nein, hatte Nyma mit runden traurigen Augen erwidert. Nachdem die Gottheit geblendet worden war, hatte sie sich tief ins Gebirge zurückgezogen. Das Tal von Yapchi, das ihr jahrhundertelang als Aufenthaltsort gedient hatte, war mehr als drei Kilometer lang, ungefähr halb so breit und auf drei Seiten von hohen Bergen umgeben, Bergen voller Spalten und Höhlen. Die Gottheit konnte überall stecken.

Noch vier weitere Male nahm Shan den chakpa mit weißem Sand, um Bilder von Wolken und Bergen zu erschaffen und dann den anderen bei der Arbeit an dem Rad zuzusehen. Jegliches Zeitgefühl löste sich auf. Tenzin entzündete schweigend neue Weihrauchstäbchen. Einen Moment lang prasselte Hagel auf das Blechdach. Lokesh sagte unentwegt das Mantra auf, bis es nicht mehr zu sein schien als lediglich eine weitere Klangfarbe des Windes. Der golok ließ sich mit übergeschlagenen Beinen vor dem Altar nieder und neigte und drehte fortwährend den Kopf, als wolle er einen besseren Blick auf das Auge erhaschen.

Shan ließ sich durch das seltsame Verhalten des golok nicht aus der Ruhe bringen. Er verspürte eine unvermutete Wärme und versuchte sich zu entsinnen, wann er zum letztenmal eine solche Zufriedenheit empfunden hatte. Das mußte Jahre vor seiner lao-gai-Haft gewesen sein, vor seiner Beförderung zum Generalinspekteur des Wirtschaftsministeriums, vor seiner Heirat mit einer leitenden Parteifunktionärin und der Arbeit für die Regierenden in Peking. Dies war eine wichtige Nacht, begriff er, eine Art Initiation, eine Nacht der Erkenntnis. Eine Nacht, so würde Lokesh es ausdrücken, in der sie alle sich ihren inneren Göttern nahe fühlten. Eine Nacht, in der er voller Überzeugung zu sich selbst sagen konnte, daß von allen Orten des Universums genau dieser hier für ihn bestimmt war, hier zwischen den Lamas, die vergessen konnten, daß seine chinesischen Landsleute eine Million Tibeter ermordet hatten, daß sie nach fünfzig Jahren noch immer in einem besetzten Land lebten; die all das Leid vergessen konnten, weil hier in dieser abgeschiedenen, vergessenen, windgepeitschten Einsiedelei ein paar ehrerbietige Seelen geduldig an der Vollendung eines Mandalas arbeiteten, das dem Mitleid und der Weisheit gewidmet war. Und nun, als sie mit dem letzten Durchgang der chakpa-Malerei begannen, brach für sie die perfekte Stunde dieser perfekten Nacht an.

Als Shan aufblickte und in Genduns Augen sah, stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Vielleicht hatte er zuviel in diese merkwürdige Rückgabe des Auges hineingedeutet, vielleicht ging es nur darum, Momente wie diesen zu bewahren, die Lamas und ihre Traditionen zu schützen, die Saat zu erhalten. Auf einmal konnte er sich nichts Wichtigeres auf der Welt vorstellen, als der Gottheit das Auge zurückzubringen.

Gendun neigte den Kopf in Richtung der Außenwand und lauschte. Der Wind wehte nun heftiger und rief einen langgezogenen dumpfen Ton von eigenartig metallischer Beschaffenheit hervor. Shan spürte eine hastige Bewegung, wandte den Blick von dem Mandala ab und sah, daß der golok sich aufrichtete und wachsam zur Tür schaute. Dann ertönte wieder der lange dumpfe Ton, diesmal etwas tiefer. Aus dem Korridor hörte Shan eilige Schritte. Der alte Nomade, der die lhakang bewachte, lief nach draußen.

Der Hirte und seine Schwester wechselten sich ab: Einer von ihnen befand sich stets in der Einsiedelei, der andere auf dem Berggrat im Westen, oberhalb des Tals, bewaffnet nicht etwa mit einem Gewehr, sondern einem alten verbeulten dungchen, einem der langen, spitz zulaufenden Hörner, wie sie in Tempeln gebräuchlich waren. Der golok stand auf und rannte zur Tür hinaus. Seine Hand lag auf dem Griff des langen Messers. Shan erhob sich und machte einen zögernden Schritt in die gleiche Richtung. Lokesh hielt mit dem Mantra inne und neigte lauschend den Kopf. Dann warf er Shan einen matten Blick zu und fuhr mit dem Gebet fort, allerdings ein wenig schneller als zuvor. Das Horn ertönte aufs neue, diesmal noch drängender, aber die Lamas ließen durch nichts erkennen, ob sie es gehört hatten. Womöglich waren die Kriecher hierher unterwegs. Sie könnten Maschinengewehre mitbringen. Sie würden ihre Schlagstöcke und Handschellen dabeihaben, um Verdächtige in ein lao-gai-Lager zu verfrachten, wo Gendun und Shopo als Mönchen ohne staatliche Lizenz eine Mindeststrafe von fünf Jahren gewiß war. Nichts davon konnte die Lamas ihres freudigen Moments berauben. Ihr Mandala war beinahe vollendet.

Der golok kehrte zurück. Er atmete schwer, packte Shopo an der Schulter und wollte ihn wegziehen, doch der Lama schien sich keinen Millimeter von der Stelle zu rühren, so als hätte er in den steinernen Bodenplatten der lhakang Wurzeln geschlagen. Der golok murmelte wütend etwas vor sich hin und versuchte es bei Gendun, wiederum ohne Erfolg. Shan ging bis zur Tür und horchte auf das metallische Rattern eines Helikopters oder das Hämmern von Kriecherstiefeln. Ihn würde man nicht als illegalen Mönch verhaften, sondern als lao-gai-Flüchtling, denn seine Freilassung aus dem Lager von Lhadrung war inoffiziell erfolgt, als dankbare Geste des Ortskommandanten. Die Kriecher müßten nur die eintätowierte Nummer auf seinem Arm überprüfen und würden herausfinden, daß Peking ihn zwar ins lao gai gesteckt, aber niemals seine Haftentlassung verfügt hatte.

Als das Hornsignal erstarb, wandte Shan sich zu dem beunruhigten golok um, der inzwischen laut fluchte. In seinem Blick lag Verwirrung und Angst, und seine Hand ruhte nach wie vor auf dem Messer. Shan fragte sich für einen Moment, warum der golok nicht einfach die Flucht ergriff. Dann trat er neben Lokesh und ließ sich langsam mit übergeschlagenen Beinen nieder, die Augen starr auf das Gemälde gerichtet. Die Lamas arbeiteten unbeirrt an dem Mandala weiter. Bald würde es wieder an der Zeit für Shans weißen Sand sein.

Plötzlich tauchte auch der Hirte wieder auf, der im Korridor gewacht hatte. Er rang nach Luft, aber seine Miene wirkte zufrieden. Der golok verstummte und wich in den Schatten der Wand zurück, die Hand weiterhin am Messer. Die stämmige Frau hatte den Posten auf dem Kamm verlassen und trat hinter ihrem Bruder ein, gefolgt von einem hochgewachsenen schlanken Mann, der sich am Türrahmen festhielt.

Mit verzerrtem Gesicht sah der Neuankömmling sich in der Kammer um. Shan erkannte die entstellte Stirn wieder, das geschwungene Narbengewebe über den Augen. Es war Drakte, der purba, der Lokesh und Shan bei dem dropka abgeliefert und versprochen hatte, er würde zurückkehren. Der vermißte Drakte. Doch es war ein bleicher, erschöpfter Drakte, ohne das harte stolze Funkeln in den Augen, das Shan sonst immer an ihm bemerkt hatte.

»Er kommt«, stieß Drakte heiser und gequält hervor. »Es bleibt keine Zeit.« Der junge Tibeter schien völlig ausgelaugt. Er hielt sich die rechte Hand an den Bauch und ging auf den Kreis am Boden zu, wobei sein Kopf unaufhörlich hin- und herschwang, als suche er etwas ganz Bestimmtes. Als er Tenzin im Schatten sitzen sah, hielt er kurz inne; dann richtete sein Blick sich auf Shan. »Nimm das Auge«, keuchte er. »Nimm das Auge und lauf.«

Nyma seufzte und fuhr mit der Arbeit fort, umriß mit ihrem chakpa einen Berg aus blauem Sand. Shan hingegen registrierte, daß Gendun den purba mit leicht geneigtem Kopf und verkniffenem Blick in Augenschein nahm, als habe Drakte etwas an sich, das der Lama nicht verstehen konnte.

Lokesh erhob sich und ging einen Schritt auf Drakte zu, der ihn mit ausgestrecktem Arm auf Abstand hielt.

»Es kümmert ihn nicht, wer sterben muß«, stöhnte der purba. »Er will den Stein finden. Er tötet, wofür er steht. Er tötet Gebete. Ich habe ihn töten gesehen. Man kann ihn nicht aufhalten. Lauft weg«, wiederholte er, und es klang wie ein Schluchzen. »Ihr könnt nur noch weglaufen. Rettet das Auge. Rettet euch selbst.« Bei diesen Worten sah er traurig Shan an. »Es tut mir leid«, klagte er, als sei er Shan etwas schuldig geblieben.

Shan wußte nicht, was er tun sollte, und trat an den Rand des heiligen Kreises. Er wollte die Hand ausstrecken und den purba stützen, wollte anbieten, im Nebengebäude gemeinsam eine Schale Tee zu trinken und in Ruhe Draktes Befürchtungen zu erörtern, als die dropka aufkeuchte, auf die Knie fiel und sich tief in Richtung der Tür verneigte. Der golok ächzte und rannte hinter den Kreis, auf den Altar zu. Nyma blickte auf, stieß einen gedämpften Schrei aus und vergaß ihren chakpa, so daß der blaue Sand sich auf dem Mandala zu einem kleinen Haufen türmte.

In der Türöffnung stand eine groteske zweibeinige Gestalt, deren enorme Statur den gesamten Rahmen ausfüllte. Ihr wilder, zorniger Blick hatte sich auf den purba gerichtet. Das ist ein Mann, dachte Shan, oder zumindest ist es mal einer gewesen. Er hatte sich so sehr an die tibetischen Geschichten über Dämonen gewöhnt, war so vertraut mit den Bemühungen der Lamas, sich ein Bild von den Gottheiten zu machen, daß er einen Moment lang bezweifelte, ob dieser Anblick real war. Der zweite dropka rief den Namen der heiligen Tara, der Beschützerin der Gläubigen, und warf sich zu Boden.

Der Kopf des Eindringlings besaß menschliche Form, wirkte mit den geschwärzten Wangen und dem schmierigen festen Haarknoten auf dem Scheitel aber irgendwie tierisch. Sein Kreuz war breiter als die Türöffnung, und so mußte er sich drehen und vorbeugen, um den Raum zu betreten. Ein Arm, der aus dem ärmellosen braunen Gewand ragte, war oberhalb des Ellbogens mit einer roten Schnur umwickelt und hielt einen mehr als schulterhohen Stab, der fast so dick wie Shans Bizeps war und in einem knorrigen Holzknoten endete.

Shopo stand auf und hielt dem Fremden wie zur Begrüßung die offene Handfläche entgegen, doch noch bevor der Lama das Wort ergreifen konnte, schlug der Mann Drakte mit seinem Stab in den Bauch und brüllte den purba an. Er sprach schnell und dermaßen laut, daß seine Stimme den Wind übertönte. Die dropkas hielten sich die Ohren zu. Die alten Schulen des tibetischen Buddhismus lehrten, daß es böse Mystiker gab, deren Machtworte einen zufälligen Lauscher versklaven konnten.

Der riesige schwarzgesichtige Eindringling schien jedoch weder die dropkas noch die Lamas zur Kenntnis zu nehmen. Er schrie mit seiner tiefen dämonischen Stimme weiterhin auf Drakte ein, stach mit dem Stab nach ihm und traf den jungen Tibeter an Bauch, Armen und Oberschenkeln. Shan bemühte sich vergeblich, die Worte zu verstehen. Sie waren tibetisch, aber ihre Bedeutung blieb ihm verborgen. Es konnte sich um Alttibetisch handeln wie in den uralten Lehren oder um einen der vielen Dialekte aus Tibets entlegenen Regionen. Lediglich einen Namen vermochte er herauszuhören: den von Yamantaka, dem Herrn der Toten.

Draktes Gesicht verlor das letzte bißchen Farbe. Die Wut, die kurz in seinen Augen aufgeblitzt war, wich gleich darauf der Angst. Er hob die Hand vor die Brust und trat zurück, um aus der Reichweite des Stabs zu gelangen, bis er plötzlich im Zentrum des zerbrechlichen Mandalas stand. Hektisch hielt Shan nach irgendeiner Waffe Ausschau, um den purba damit zu verteidigen. Drakte konnte unterdessen den Blick nicht von dem Dämon abwenden und fing an, mit bebenden Lippen das mani-Mantra zu rezitieren, die Anrufung des Mitfühlenden Buddhas.

Der Eindringling verstummte unversehens, starrte feindselig Drakte an und schüttelte mit kurzen abgehackten Bewegungen den Stab. Das einzige Geräusch im Raum war das Mantra des purba, das allmählich in leises Wimmern überging. Drakte begann wie in einer starken Brise zu schwanken. Shopo wandte sich ihm zu, und der junge Tibeter hob eine Hand, als wolle er um Hilfe bitten. Doch seine Hand zitterte und sank langsam wieder herab, und Shopo stöhnte auf. Shan folgte dem Blick des Lama zu dem Mandala und erschauderte. Es änderte sich vor ihren Augen: Die Farben vermischten sich, und eine dunkle Wolke breitete sich über das komplizierte Muster aus, als habe etwas Böses die Macht übernommen.

Shan war völlig entgeistert und konnte sich die Vorgänge der letzten paar Augenblicke nicht erklären. Fassungslos wurde er Zeuge, wie erst Nyma und dann die dropkas verzweifelt aufschrien und auf das wirbelnde Mandala zeigten. Die plötzliche Erkenntnis durchzuckte ihn wie ein Schmerz. Das war Blut. Aus Draktes rechtem Hosenbein lief dunkelrotes Blut, sammelte sich zu seinen Füßen und bedeckte das kostbare Mandala.

Shan machte einen zögernden Schritt nach vorn, dann noch einen. Er wollte die Hand ausstrecken und Drakte helfen. Der purba schien seine Absicht zu ahnen und drehte sich mit mattem, verwirrtem Blick zu ihm um. Im nächsten Moment jedoch verließ den schwankenden Mann die Kraft. Er sank auf die Knie und stürzte dann schwer aufs Gesicht.

Shan schaute kurz zur Tür. Der Dämon war verschwunden.

»Wie furchtbar!« rief die dropka mit lautem Schluchzen. »Es ist alles dahin.« Mit Tränen in den Augen starrte sie das Mandala an. Zwei Monate hatten sie daran gearbeitet. Das heilige Gemälde war verunreinigt und zerstört. Die Götter würden es verlassen – und mit ihm vielleicht auch die Menschen.

Lokesh lief an Shan vorbei, kniete sich neben Drakte und barg dessen Kopf in seinem Schoß. Das Gesicht des alten Tibeters verfinsterte sich, und mit leisem schnellem Murmeln stimmte er eine andere Art von Gebet an. Auch Lokesh war nun klar, was Shan bereits dem glasigen leeren Blick des jungen purba entnommen hatte. Drakte war tot.

Kapitel Zwei

»Dein Geist ist im Grunde Leuchten und Leere«, sprach Gendun leise und ließ sich neben der Leiche des jungen Tibeters nieder. »Er bildet eine große Ansammlung des Lichts jenseits von Geburt oder Tod.« Er hatte beim Anblick von Draktes Gesicht sofort den Bardo-Ritus angestimmt und rezitierte nun die uralten Worte, während die beiden dropkas den Toten ehrerbietig am Boden zurechtlegten. Es galt, keine Zeit zu verlieren. Die Tibeter glaubten, daß Drakte gegenwärtig einen Sturz in große Tiefen wahrnahm, einen brausenden Wind und das Aufblitzen leuchtender Farben. Er war auf den Verlust seines Körpers nicht vorbereitet gewesen und würde verwirrt sein.

»Rinpoche«, wandte Nyma sich wie betäubt an Gendun. »Das Mandala für …«

Der Lama hielt kurz inne und ließ den Blick über das zerstörte Mandala, das gezackte Auge und schließlich Tenzin schweifen, der ebenfalls an Draktes Seite geeilt war. Dann sah Gendun wieder den Toten an. »Hierhin hat der Mitfühlende Buddha uns gebracht«, fuhr er mit der Zeremonie fort. »Du wirst diesen Körper aus Fleisch und Blut verlassen und wissen, daß du in Frieden ruhst«, intonierte der Lama aus dem Gedächtnis und mit fast geschlossenen Augen.

Die dropkas brachten eine Decke und hoben den Leichnam darauf. Dann trugen Lokesh und Tenzin ihn langsam in die Nachbarhütte, während Gendun neben ihnen ging und weiterhin den Todesritus abhielt. Dort setzten sie Drakte in der traditionellen Haltung aufrecht an die Wand, und Nyma entzündete einige Butterlampen. Shan nahm für einen Moment neben dem Lama Platz. Das Herz schlug ihm immer noch bis zum Hals. Er versuchte verzweifelt zu begreifen, was sich da vor seinen Augen abgespielt hatte. Er stand auf, ging zur Tür und blickte hinaus. Der golok und die beiden Nomaden liefen nervös am Rand des kleinen Lagers auf und ab, und die dropka rief etwas in Richtung des fernen Zeltes, um die Hirten zu alarmieren. Shan schaute zurück in die Hütte. In dem trüben Licht sah es so aus, als würden Gendun und Drakte ein Gespräch führen.

In der lhakang fing Shopo inzwischen mit einer zweiten Zeremonie bei dem Mandala an. Nyma und Lokesh ließen sich zu seinen Seiten nieder, und der Lama wandte sich nacheinander an jedes der einzelnen Bilder des Sandgemäldes und bedachte es mit einem leisen Gebet, das wie eine Entschuldigung klang. Shan gesellte sich für eine knappe halbe Stunde zu ihnen. Als dann seine Verwirrung erneut einer großen Furcht wich, kehrte er zur Tür der zweiten Hütte zurück, wo Gendun beständig zu Drakte sprach. Shan starrte den Toten an und erinnerte sich an ihr erstes Zusammentreffen im Tal von Lhadrung, wo der Tibeter Speisen für die Familien der Häftlinge gesammelt hatte. Drakte war einst ein Mönch gewesen, bis man ihn aus seinem gompa, seinem Kloster, vertrieb, weil Pekings Büro für Religiöse Angelegenheiten die Zahl der aktiven Mönche streng limitierte. In einem anderen Zeitalter hätte Drakte sein ganzes Leben in der kastanienbraunen Robe verbracht und die Wege des Mitleids erforscht und gelehrt. Doch die Beherrscher der Welt, in der Shan und Drakte lebten, hatten dem jungen Tibeter verboten, in einem gompa zu sitzen und an der Weisheit der Lamas teilzuhaben.

Shan hatte irrtümlich geglaubt, sie könnten in ihrer verborgenen Einsiedelei sicher sein, hatte sich fälschlich tief in das Ritual verstricken lassen, obwohl doch in unmittelbarer Nähe große Gefahr drohte. Vielleicht hätte er nicht einmal in Gedanken zulassen dürfen, daß das Mandala und die damit verbundene Hoffnung ihn so sehr beschäftigten, daß kaum Platz für etwas anderes blieb. Schon oft hatte Shan die Lamas zu Männern wie Drakte sagen gehört, daß vordringlich Mitgefühl die Waffe ihres Kampfes sein müsse. Die Antwort fiel fast immer gleich aus: Falls sie versuchten, allein mit Mitgefühl für ihre Sache einzutreten, würden letztendlich alle Mitfühlenden tot sein.

Er ertappte sich dabei, daß er benommen durch die Landschaft wanderte, bis er schließlich seinen Meditationsort bei den Felsen erreichte. Der Mond verschwand hinter einer Wolke, und vor Shans innerem Auge spielte sich immer wieder die gleiche schreckliche Szene ab: Draktes Blut durchtränkte das Mandala, während der purba ihn hilflos anstarrte. Ruhelos musterte Shan den schwach erhellten Horizont, kehrte dann zu der Totenhütte zurück und wollte eintreten, aber die Tür war geschlossen. Als er näher kam, hörte er wieder den Bardo-Ritus, allerdings aus zwei Mündern, nicht nur aus einem. Die zweite Stimme gehörte weder Nyma noch Lokesh oder Shopo, die allesamt in der lhakang saßen. Jemand anders, ein Fremder, hatte sich dem Lama angeschlossen. Die zweite Stimme klang beinahe wie ein Echo von Genduns sanfter, erfahren vorgetragener Litanei, aber tiefer – es war die Stimme eines Mannes, der sich auf die alten Überlieferungen verstand, die Stimme eines Lehrers wie Gendun. Shopo hatte erzählt, daß bisweilen andere Lamas in die Einsiedelei kamen, um hier im geheimen zu meditieren. Möglicherweise kannte auch einer der dropkas aus dem Lager die Zeremonie. Shan zog sich zurück, um nicht zu stören. Aus irgendeinem Grund spürte er, daß er Draktes Leben erschwert hatte. Nun wollte er den Mann nicht auch noch im Tode behelligen.

Bei Tagesanbruch bat Shan die dropka, ihn zu dem Berggrat zu bringen und ihm zu zeigen, wo sie Drakte letzte Nacht zum erstenmal gesehen hatte. Schweigend folgte er ihr im grauen Licht des Morgens den steilen Serpentinenpfad hinauf, der die Einsiedelei mit der Außenwelt verband. Auf dem Kamm ließ die Frau sich bäuchlings nieder und schob sich behutsam voran, um das Tal zu überblicken, als rechne sie mit einem Hinterhalt. Nach einer Weile richtete sie sich wieder auf und winkte Shan heran, ohne jedoch auf ihn zu warten. Statt dessen folgte sie der Kammlinie im Laufschritt zweihundert Meter bis zum höchstgelegenen Punkt, wo man einen Steinhaufen aufgeschichtet hatte. Als Shan sie einholte, war sie eifrig damit beschäftigt, weitere Steine hinzuzufügen. Der untere Teil des Haufens war sehr alt und dick mit graugrüner Flechte bewachsen, doch während der letzten Wochen hatten die Hirten ihn täglich um mehrere Steine erweitert und auf knapp zwei Meter Höhe gebracht, um die Aufmerksamkeit der hiesigen Gottheiten zu erregen. Nun sammelte die Frau hastig und mit sorgenschwerer Miene zusätzliches Material ein. Wenn die dropkas in der Einsiedelei schon keine Waffen tragen durften, konnten sie auf diese Weise wenigstens den Beistand der Götter erflehen.

Im Gehen hob Shan einen großen Stein auf und legte ihn dicht unter der Spitze des Haufens ab. Das ledrige Gesicht der Frau verzog sich zu einem traurigen Lächeln. Schweigend schob sie das rote geflochtene Stirnband zurück, das sie stets trug, und holte den nächsten Stein.

»Ich muß immerzu daran denken, daß ich schuld bin«, sagte sie schließlich und schaute gehetzt ins Tal. »Vielleicht habe ich dieses Wesen, das ihn getötet hat, herbeigerufen. Als ich Drakte sah, habe ich sofort das Signal gegeben, noch bevor ich ihn erkannt hatte.« Sie starrte das Horn an, das auf einem Stück Stoff in der Nähe des Steinhaufens lag. »Womöglich hat mein dungchen es irgendwie angelockt.«

»Nein«, widersprach Shan und bemühte sich, überzeugter zu klingen, als er eigentlich war. »Dieses Wesen befand sich bereits auf der Spur von Drakte und dem Stein. Drakte ist hergekommen, um uns zu warnen.« Doch der purba hatte auch vorgehabt, ihnen bei der Reise mit dem Steinauge behilflich zu sein. Die letzten Worte des Mannes verfolgten Shan ebensosehr wie der Anblick des Bluts auf dem Mandala. Hatte Drakte sich bei Shan für irgendeinen Fehler entschuldigen wollen? Oder dafür, daß die Reise nun unmöglich sein würde? Vielleicht für beides, weil er den Dämon auf sie losgelassen hatte.

»Und er ist dafür gestorben«, sagte die Hirtin. Sie verzog gequält das Gesicht und hob eine Hand an die Brust, als sei etwas in ihrem Innern zerrissen. »Ich habe Drakte gekannt. Er wurde in dieser Gegend als Sohn eines Herdenbesitzers geboren. Seine Mutter war so stolz, als er Mönch wurde. Damals hat er beim Wiederaufbau der Einsiedelei geholfen. Er wußte immer genau, aus welchen Familien jemand in Haft saß, und sorgte dafür, daß den Angehörigen geholfen wurde. Drakte hat mir sogar Nachrichten von meinem Sohn überbracht, der in der Nähe von Lhasa eingesperrt ist, weil er vor Jahren mal einem Mönch Zuflucht gewährt hat.« Sie berührte ihr Stirnband. »Das hat er mir auch von meinem Sohn gebracht. Es wurde aus dem Gewand eines Mönchs geflochten, der im Gefängnis gestorben ist.«

Die Frau blickte in das Tal hinaus, über dem die ersten Strahlen der Morgensonne leuchteten. »Aber das Wesen, vor dem er uns warnen wollte, hat uns nichts getan«, stellte sie verwirrt fest. »Es hat ihn einfach nur ermordet und ist verschwunden. Es hätte den Stein nehmen können, doch das hat es nicht. Ich habe Drakte sagen gehört, es würde für den Stein töten. Wir haben gesehen, wie es statt dessen ihn getötet hat.« Sie sah Shan ins Gesicht. »Es wartet bestimmt irgendwo in den Bergen, um zurückzukehren. Jetzt, da es Bescheid weiß. Tötet es bloß nachts?«

Shan schüttelte bekümmert den Kopf. Dann wies er auf den Ausgang des Tals. »Wie konntest du Drakte im Dunkeln sehen? Du hast doch Signal gegeben, weil du ihn gesehen hast. War er allein?«

»Wir haben fast Halbmond. Ich habe in solchen Nächten schon oft bei unseren Herden gesessen und mit meiner Schleuder nach Wölfen und Schneeleoparden Ausschau gehalten. Wenn es nicht bewölkt ist, kann ich bei diesem Licht sehr weit sehen. Ich wußte, daß jemand sich näherte. Als er den Grund des Tals erreichte, konnte ich ihn deutlich erkennen, weil er einige kleinere Schneeflächen durchqueren mußte. Er war allein. Aber zuerst habe ich die Hunde gehört.«

»Die Hunde?«

»Unten aus dem Tal. Da an der Biegung bellten Hunde, obwohl ich dort in all diesen Wochen noch keinen Hund entdeckt hatte.« Sie wies auf mehrere große Felsvorsprünge in etwa anderthalb Kilometern Entfernung. »Also sah ich genauer hin. Im ersten Moment dachte ich, es könnte Tenzin sein.«

»Tenzin?« fragte Shan überrascht.

»Er geht nachts manchmal weg. Vor zwei Tagen zum Beispiel und einmal auch letzte Woche. Ich glaube, er sucht sich Orte, an denen er im Mondschein beten kann. Es gibt Gebete, die nur nachts gesprochen werden sollten, und Dinge, die man am besten nur dem Mond erzählt.« Die Frau sah Shan durchdringend an, schüttelte dann den Kopf und schaute wieder zurück ins Tal. »Ich habe überhaupt nicht mit Drakte gerechnet, sonst hätte ich keinen Alarm gegeben. Wenn er auf Hunde traf, blieb er immer stehen und sprach mit ihnen, also hätten sie nicht so laut gebellt. Und ich kannte seinen Schritt. Er ging immer gerade und stolz wie ein Krieger. Letzte Nacht aber hat er sich so seltsam verhalten, lief erst offen sichtbar durch das Mondlicht und blieb dann mehrere Male an Felsvorsprüngen stehen, als wolle er sich verstecken und jemandem auflauern.«

»Oder sich vergewissern, ob er verfolgt wurde.« Vor seinem inneren Auge ließ Shan Revue passieren, wie Drakte die Kammer betreten hatte, nur wenige Sekunden vor dem Eindringling. Nein, der purba war beim Anblick des riesigen Mannes mit dem Stab sichtlich erschrocken. Er hatte nicht mit ihm gerechnet, hatte keinen Verfolger erwartet. Es mußte einen anderen Grund für seine Pausen bei den Felsen gegeben haben, eine andere Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten.

»Als er am Ende den Hang hinaufkam und dich sah, was hat er da gesagt?«

»Als er den Grat erreichte, habe ich ihn erkannt und gewinkt. Er hat nichts gesagt, sondern nur auf die Einsiedelei gedeutet. Ich bin dann mit ihm nach unten gestiegen, weil ich doch das Hornsignal gegeben hatte und nicht wollte, daß die anderen sich Sorgen machen und mit Schwierigkeiten rechnen würden …« Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie hatte ihren Posten verlassen, um Bescheid zu geben, daß keine Gefahr drohte, und dadurch der eigentlichen Gefahr den ungehinderten Zutritt ermöglicht.

»Dieses Wesen war ein mächtiger Dämon, sonst hätten wir den Speer erkannt.« Ihre Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.

»Speer? Da war kein Speer?«

»Du konntest ihn natürlich nicht sehen, keiner von uns konnte das. Aber wir alle haben gesehen, wie Drakte erstochen wurde. Der Dämon hat uns vorgegaukelt, es sei ein einfacher Stab.«

Shan starrte die Frau an und überdachte ihre Worte, bis ihm auffiel, daß die dropka an ihm vorbeiblickte. Er drehte sich um und sah Shopo den Kamm überqueren und den Abstieg in das Tal beginnen. Über seiner Schulter lag ein Stoffbündel.

»Heiliger Buddha«, sagte die Frau in düsterem Tonfall. »Der Sand.« Sie berührte bei diesen Worten das gau, das um ihren Hals hing. »Er muß den Sand zu den nagas zurückbringen, den Wassergottheiten.«

»Aber bei Tageslicht können die Patrouillen ihn leicht entdecken«, sagte Shan beunruhigt und trat einen Schritt vor, als wolle er dem Lama nachlaufen und ihn aufhalten. »Man wird ihn noch verhaften. Kann er denn nicht warten?«

Die dropka sah Shan an und schaute dann flehentlich zu den Bergen jenseits des Tals, als würde sie die Götter fragen, warum man ihr einen solchen Chinesen aufgebürdet hatte. Sie schüttelte den Kopf. »Das ganze Blut. Und genau in dem Moment, als sie fast fertig waren, nach all diesen Wochen voller Gebete. Wenigstens hatte man es noch nicht abschließend geweiht«, sagte sie mit schwerer Stimme. Sie blickte zu der einsamen Gestalt, die in das leere Tal hinabstieg. »Normalerweise wäre Shopo nachher zu den nagas gegangen, um ihnen zu danken und zu berichten, welch einem wunderschönen Zweck ihre Gabe gedient hat, nämlich dem Beginn der Erneuerung eines Gottes. Stell dir nur vor, was er ihnen jetzt mitteilen muß«, flüsterte die Frau, und eine Träne rann über ihre Wange.

Einen Moment lang sah Shan dem Lama hinterher. »Falls da Hunde waren, hielten sich letzte Nacht vielleicht Hirten am Ausgang des Tals auf«, sagte er. »Jemand könnte sich auf die Suche nach ihnen machen und sie befragen. Ich muß bei Gendun bleiben, aber wir müssen wissen, was gestern da draußen passiert ist.«

Als die Frau nicht erkennen ließ, ob sie ihn gehört hatte, machte Shan sich auf den Rückweg zum Serpentinenpfad, während die verzweifelte dropka wieder anfing, Steine aufzuschichten. Vor dem Abstieg zur Einsiedelei blieb er stehen und ließ den Blick über die weite zerklüftete Landschaft schweifen. Hinter den niedrigen Felsgraten auf der anderen Seite des Tals sah er eine weitere, höhere Bergkette vor dem leuchtenden Blau des Himmels, deren schneebedeckte Gipfel in der Morgensonne blendend weiß erstrahlten. Genau so fühlte er sich. Ganz gleich, wie sehr er sich bemühte und wie hoch er auch kletterte: Immer wenn er einen neuen Gipfel erklomm, eine neue Erkenntnis gewann oder die Beziehung zu seinen Lehrern vertiefen konnte, ragte ein weiterer Berg vor ihm auf und verstellte ein neues Hindernis oder Geheimnis seinen Weg. Lokesh hatte dies einmal als den Kern von Shans Dasein beschrieben. »Dinge, die wir als unausweichliche Wendungen unseres Lebenswegs betrachten, sind für dich Rätsel, die ergründet und verstanden werden müssen. Das ist deine Art, dir selbst etwas beizubringen«, hatte sein Freund mit einem Anflug von Verwunderung hinzugefügt. Doch das beinhaltete, daß Shan dabei etwas lernte und sein Wissen erweiterte. Er hingegen hatte den Eindruck, immer wieder schonungslos erfahren zu müssen, wie wenig er doch wußte.

Als er sich nun in Richtung der Einsiedelei wandte, registrierte er eine Bewegung im Tal. Eine schwarze Gestalt rannte unglaublich schnell den Pfad entlang, so schnell, daß Shan abermals erschrak. War das etwa dieselbe unnatürliche Kreatur, die Drakte in der lhakang überfallen hatte? Er kauerte sich in das niedrige Gras und beobachtete ängstlich, wie tief unter ihm Shopo stehenblieb und der Gestalt entgegenblickte. Die dropka bei dem Steinhaufen stöhnte laut auf und nahm ihr Horn. Im nächsten Moment starrte sie verwirrt nach unten. Die alten Tibeter erzählten sich Geschichten von geheimnisvollen Läufern, genannt lunggompas, die pro Tag Hunderte von Kilometern zurücklegen konnten, indem sie ihren Körper darauf trainierten, jegliche Erschöpfung zu ignorieren.

Auf Höhe von Shopo verringerte die Gestalt kurz ihr Tempo und erklomm dann den Hang, auf dessen Kamm Shan stand und hinter dem die Einsiedelei lag. Die dropka ließ das Horn sinken. Der Fremde hatte den Lama mit dem Bündel Sand weder angegriffen noch anderweitig behelligt. Shan setzte sich auf einen Felsen am Wegesrand und wartete. Der Läufer, der einen schwarzen Trainingsanzug mit Kapuzenjacke trug, entdeckte Shan aus fünfzehn Metern Entfernung, wurde langsamer, näherte sich ihm schweigend und ließ sich im Lotussitz vor ihm nieder. Dann holte der Fremde eine Wasserflasche hervor, die an einem Gürtel unter dem Anzug hing, trank einen Schluck und schlug die Kapuze zurück.

Es war eine junge Tibeterin mit schmalem Gesicht und eindringlichen schwarzen Augen. »Sie müssen der Chinese sein.« Sie sprach mit ernster Stimme und atmete tief durch, wenngleich sie nicht nach Luft rang, womit nach einem so steilen Aufstieg eigentlich zu rechnen gewesen wäre. Nachdem sie ihn eine Weile betrachtet hatte, löste sie ihre beiden hochgesteckten Zöpfe, als sei ihr auf einmal ihr Aussehen wichtig. »Ich suche nach Drakte.«

»Sie sind eine purba«, stellte Shan fest.

»Ich bin Lehrerin«, gab die junge Frau scharf zurück.

»Hier sind aber keine Kinder«, merkte Shan ruhig an.

Die Frau musterte ihn mit kaltem, herausforderndem Blick. »Die Chinesen haben zu mir gesagt, geh zur Universität und werde Lehrerin, werde ein Vorbild für die tibetische Jugend.« Sie hielt seinem Blick gelassen stand. »Also bin ich auf die Universität gegangen. Sie sagten, trainier bei den Leichtathleten, damit wir eine tibetische Langstreckenläuferin bekommen, die an den chinesischen Meisterschaften teilnehmen kann. Ich habe in Peking Medaillen gewonnen und bin in meinen Heimatbezirk zurückgekehrt, um die gewünschte Musterbürgerin zu sein. Aber nach einem Jahr als Lehrerin sagte man mir, es dürfe keinen Unterricht auf tibetisch mehr geben, sondern nur noch die chinesische Sprache und chinesische Bücher. Und ich sagte, nein, ich werde die tibetischen Kinder in ihrer Muttersprache unterrichten, denn das ist es, was eine tibetische Musterbürgerin tun sollte.« Sie hob die Flasche und trank einen großen Schluck. »Eines Tages kam ich zu meiner Schule, und eine chinesische Lehrerin hatte meine Klasse übernommen. Mein Büro war leergeräumt, und sogar all meine Medaillen waren weg.« Sie schaute zu der Einsiedelei hinunter, dann wieder zu Shan. »Doch meine Beine habe ich behalten.«

»Und nun laufen Sie für die purbas

»Ich gelange an Orte, die weder per Pferd noch per Auto zu erreichen sind.«

»Eine purba lunggompa

Die Frau zuckte ungehalten die Achseln, als wolle sie nachdrücklich betonen, wie wenig seine geistreiche Bemerkung sie beeindruckte. Kurz darauf wandte sie sich in die Richtung um, aus der sie gekommen war.

»Werden Sie verfolgt?« fragte Shan.

»Ich muß mit Drakte sprechen«, sagte sie.

»Er ist …« Shans Zunge schien plötzlich wie gelähmt zu sein.

Die Frau wartete sein nächstes Wort gar nicht mehr ab, sondern stand auf und eilte mit langen Sprüngen den Hang hinunter, die Flasche noch immer in der Hand.

In der Totenhütte holte Shan sie wieder ein. Sie lehnte bleich an der Wand, hielt sich den Bauch und starrte den Leichnam an. Die Wasserflasche lag zu ihren Füßen, und der letzte Rest des Inhalts tröpfelte heraus. Lokesh und Tenzin saßen mit einer Schüssel Wasser und einem Lappen bei dem Toten und wuschen ehrfürchtig Draktes Glieder. Der Bruder der Frau auf dem Kamm entzündete Weihrauchstäbchen. Gendun saß im Schatten und setzte mit geschlossenen Augen leise die Bardo-Riten fort.

Shan hob die Wasserflasche auf. »Sollten Sie ihm eine Nachricht überbringen?« fragte er flüsternd.

Die Frau reagierte nicht. Sie ging zu dem Toten, kniete nieder und streckte langsam die Hand nach Draktes Gesicht aus, als wolle sie dessen Wange berühren. Im letzten Moment zog sie die Finger wieder zurück. »Wer?« fragte sie mit zittriger Stimme. »Wer hat gesehen, was passiert ist? Wer hat das getan?« Ihr Blick richtete sich auf Shan. Jeder wußte, wer purbas tötete.

»Wir alle haben mit angesehen, wie er getötet wurde«, sagte der dropka schaudernd. »Man hat ihn mit einem Fluch belegt, und sein Blut strömte aus dem Körper.«

»Nein«, widersprach Shan. »Niemand hat gesehen, wie er getötet wurde. Wir haben ihn lediglich sterben gesehen. Ein Fremder ist gekommen und hat ihn mit einem Stab in den Bauch geschlagen – allerdings nicht hart genug, um eine solche Blutung zu verursachen.« Er erwiderte den eisigen Blick der Frau, bis sie die Hand hob, um eine Träne wegzuwischen. »Unsere Wächterin vom Berggrat sagt, Drakte habe sich merkwürdig benommen und im Tal immer wieder angehalten«, fügte er sanfter hinzu. »Ich glaube, der Grund dafür war, daß man ihn bereits verletzt hatte.« Shan ging näher heran, kniete sich neben Lokesh und griff nach dem blutbefleckten Hemdschoß. Letzte Nacht war er zu schockiert gewesen, um die Leiche zu untersuchen. Nun brauchte er Gewißheit. Er hob das Hemd an und schlug es zurück, um den rechten Teil des Unterbauchs freizulegen. Dort klaffte eine zehn Zentimeter lange Wunde, von der aus eine Spur aus geronnenem Blut über die Hüfte nach unten verlief. Shan fiel wieder ein, wie unnatürlich hart ihm der Bauch des purba vorgekommen war, als er geholfen hatte, Drakte auf die Decke zu heben.

»Man hat ihn erstochen!« stöhnte die Frau.

»Aber nicht gestern abend«, sagte Shan und wies auf einige Fäden an den Wundrändern. Jemand hatte versucht, die Verletzung provisorisch zu vernähen. »Die Wunde ist schon älter und reicht bis tief in die Organe.« Die primitive Naht war aufgeplatzt, vermutlich durch die Schläge mit dem Stab.

Die Frau stieß ein wehklagendes Geräusch aus und brach dann unvermittelt ab. »Letztes Jahr«, sagte sie nach einem Moment mit bebender Stimme. »Als wir oberhalb eines Armeestützpunkts in den Felsen geklettert sind, hat Drakte sich an einer scharfen Kante den Arm aufgeschlitzt.« Sie schob Draktes linken Ärmel hoch, so daß man an seinem Unterarm eine grobe, etwa fünfzehn Zentimeter lange Narbe sehen konnte. »Als ich sagte, er soll zum Arzt gehen, hat er nur gelacht und behauptet, gute tibetische Ärzte seien schwer zu finden und in chinesischen Krankenhäusern würden einem Tibeter üble Dinge zustoßen. Also hat er die Wunde einfach selbst genäht. Bloß mit einer großen Nadel und ein paar Yakhaaren, die er sich von einem dropka geliehen hat, der gerade sein Zelt flicken wollte.«

Shan erinnerte sich daran, wie schwach Drakte bei seiner Ankunft gewirkt und wie er sich an die Wand gelehnt hatte, bevor er auf die Mitte des Raums zugewankt war. Die dropka-Wächterin sagte, er sei an Felsvorsprüngen stehengeblieben, als würde er nach jemandem Ausschau halten. Doch das war nicht der Grund für die Pausen gewesen, davon war Shan mittlerweile überzeugt. Drakte hatte innegehalten, um sich auszuruhen und Kraft zu sammeln, damit er die Einsiedelei erreichen würde. Den Angreifer glaubte der junge Tibeter längst abgeschüttelt zu haben, denn er hatte sich einige Stunden zuvor sogar Zeit genommen, die Wunde zu nähen.

Die purba-Läuferin beugte sich dicht zu Draktes Kopf vor und schien dem Toten etwas ins Ohr zu flüstern. Als sie sich wieder aufrichtete, liefen ihr noch mehr Tränen die Wangen hinunter. Shan mußte daran denken, wie sie oben auf dem Kamm ihre Frisur gerichtet hatte.

Schweigend saßen sie da und sahen Lokesh dabei zu, wie er behutsam das Blut von der Wunde wusch und den Hemdschoß darüber legte. Tenzin ging ihm weiterhin zur Hand und hielt die Wasserschüssel, aber dann erstarrte er plötzlich, keuchte vernehmlich auf, stellte mit zitternden Fingern die Schale ab und musterte erneut den Toten. Er wich zurück und lehnte sich an die Wand. Sein Gesicht war auf einmal vom Kummer gezeichnet. Der Blick der Läuferin verklärte sich, und sie schien die anderen zu vergessen. Ihr Arm hob sich von neuem, und dann fuhr sie mit einem Finger die lange geschwungene Narbe auf Draktes Stirn nach, legte ihm die hohle Hand auf die Wange und strich beiläufig ein weiteres Mal über die Narbe. Die Geste wirkte intim, wie ein Ausdruck der Zuneigung, den der Tote noch immer wiedererkennen würde.

»Du wärst so ein Lama gewesen«, hörte Shan sie flüstern. »Du wärst hundert Jahre alt geworden und hättest die wahre Lehre weitergegeben.« Sie legte ihm die Hand auf die Wange. »Wer werden die Alten sein, wenn eigentlich deine Zeit käme?« fragte sie den Leichnam. Langsam sank die Hand herab, und als die Frau sich umdrehte, klang ihre Stimme kühl und ruhig, obwohl ihr Tränen in den Augen standen. »Was meinst du damit, er wurde mit einem Fluch belegt?« fragte sie den dropka.

»Ein Dämon ist gekommen und hat Worte der Macht gesprochen«, warf jemand hinter Shan ein. Der golok stand im Eingang. »Wir kennen den Grund«, sagte er höhnisch zu Lokesh und Gendun. »Der Dämon will nicht, daß schon wieder ein Chinese das Auge nimmt.«

Shans Blick wanderte überrascht von dem golok zu Lokesh, den die Worte genauso zu verwirren schienen. Der alte Tibeter zuckte entschuldigend die Achseln, sah den Mann an und runzelte die Stirn. »Kein Dämon«, sagte er. »Ein dobdob. Falls es ein Dämon gewesen wäre, würde er zurückkommen und dich holen, weil du dich in der Nähe eines Toten so respektlos aufführst.«

Verblüfft starrte Shan seinen alten Freund an. Es sah Lokesh gar nicht ähnlich, jemanden zurechtzuweisen. Der golok tat mit theatralischer Geste, als würde er zusammenzucken, drehte sich um und verließ die Hütte.

Sie säuberten den Leichnam so gut sie konnten, entzündeten weitere Butterlampen und gingen hinaus. An der Tür zögerte Shan, weil er unbedingt mit Gendun sprechen und sicherstellen wollte, daß der Lama bereit sein würde, mit ihnen zu fliehen. Doch Gendun setzte unbeirrt den Bardo-Ritus fort und blickte inzwischen in eine der Flammen neben Drakte. Der Tibeter hatte fast sein gesamtes Leben in einem verborgenen Kloster zugebracht, das in eine Bergwand gemeißelt worden war, und vor Shan noch nie einen Chinesen kennengelernt. Das lag nun ein Dreivierteljahr zurück. Und erst vor vier Monaten hatte der Lama die Abgeschiedenheit seiner Klause zum erstenmal seit vielen Jahrzehnten verlassen. Vor allem an eines könne er sich in der Außenwelt nicht gewöhnen, hatte er Shan bekümmert anvertraut, nämlich daran, daß viele gute Menschen starben, ohne ihre Seelen darauf vorbereitet zu haben, so als hätten sie die Gabe der menschlichen Inkarnation nicht ernst genommen.

Als er nach draußen trat, stellte Shan erleichtert fest, daß der golok bei einem gedrungenen grauen Pferd stand und offenbar Reisevorbereitungen traf. Der dropka-Wächter hockte windgeschützt zwischen zwei der Gebäude an einem kleinen Feuer, bereitete Buttertee zu und warf besorgte Blicke zu dem Bergkamm, auf dem seine Schwester immer noch Steine aufschichtete. Lokesh, Shan und die purba-Läuferin nahmen neben dem Mann Platz, und er reichte jedem eine Schale Tee.

»Eines verstehe ich nicht«, sagte Shan zu Lokesh. »Du weißt, wer das letzte Nacht war? Ein dobdob, hast du gesagt. Diesen Begriff habe ich noch nie zuvor gehört.«

»Nicht wer, sondern was er war«, erwiderte Lokesh mit großen Augen. »Ein Mönchspolizist. Ein dobdob wacht über die Tugenden und fordert Respekt für die Lamas ein. Als ich noch ein Junge war, hatten alle großen gompas diese Männer, und als ich zum erstenmal einen davon zu Gesicht bekam, habe ich ihn ebenfalls für ein Ungeheuer gehalten. Die Wangen mit Asche geschwärzt. Das breite Kreuz. Sie legen sich unter ihren Gewändern manchmal besondere Bretter auf die Schultern, um übermenschlich groß zu wirken. Ich habe mich damals bei dieser ersten Begegnung hinter meinem Vater versteckt, bis der dobdob verschwunden war. Und seit mindestens vierzig Jahren habe ich keinen mehr gesehen«, fügte der alte Tibeter mit entrücktem Blick hinzu. Als früherer Bediensteter der Regierung des Dalai Lama hatte Lokesh nahezu sein halbes Leben im Arbeitslager verbracht. »Bei großen Zusammenkünften sorgten sie für Ordnung unter den niederen Rängen. Mit ihren Stäben und den Peitschen aus Yakleder verschafften sie den Vorschriften des Abtes Geltung und halfen den Mönchen, ihre Gelübde einzuhalten. Falls ein Novize vorlaut das Wort ergriff, brachte eine Kopfnuß mit dem Stab ihn schnell wieder zum Schweigen.«

»Aber hier?« fragte die purba. »Letzte Nacht? Das ist unmöglich. Es gibt sie nicht mehr.«

»Der Geist eines dobdob«, sagte der dropka, nicht ängstlich, sondern mit einer gewissen Ehrfurcht. »Er ist einfach aufgetaucht, hat Drakte bestraft und sich dann wieder verflüchtigt, so wie Geister es nachts eben tun. Er will uns nicht hier haben. Das nächste Mal«, sagte er trübsinnig zu der Läuferin, »wenn die purbas hier Wachposten brauchen, sollen sie gefälligst jemand anders fragen.«

»Sein Bauch wurde ihm nicht von einem Geist aufgeschlitzt«, sagte Shan. »Es war kein Geist, der ihn angegriffen und durch die Berge gehetzt hat.«

»Drakte hat uns gewarnt, er habe ihn töten gesehen«, flüsterte der Nomade. »Wir sahen den, von dem er gesprochen hatte, und kurz darauf war auch Drakte tot.«

Die purba sah in ihre Teeschale. »Die Läufer waren Draktes Idee«, sagte sie gedankenverloren, als schulde sie dem Toten einen Nachruf. »Er hat dafür gesorgt, daß ich andere trainieren konnte. Man sperrte ihn ein, weil er am Geburtstag des Dalai Lama eine Demonstration in Lhasa angeführt hat. An jenem Tag habe ich ihn kennengelernt, habe Lieder mit ihm gesungen und gesehen, wie die Soldaten ihn fortzerrten. Später habe ich ihn im Gefängnis besucht und ihn abgeholt, als er freigelassen wurde. Einen Monat lang hat er nichts anderes gemacht, als Nahrungsmittel zu sammeln und sie den Familien seiner Zellengenossen zu bringen.« Sie hob den Kopf. »Was wird mit ihm geschehen?« Ihr standen erneut Tränen in den Augen.

»Wir treffen die nötigen Vorkehrungen.« Der dropka legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter. »Auf einem Berggipfel oberhalb des heiligen Sees befindet sich ein durtro. Wenn es soweit ist, bringen wir ihn dorthin.«

Ein durtro. Der Hirte meinte einen Ort für Himmelsbegräbnisse, einen Totenplatz, an dem die ragyapas, die Leichenzerleger, die sterblichen Überreste zerteilen und an die Geier verfüttern würden. Drei Tage nach seinem Tod, wenn der Körper angemessen gesegnet war, würde man Drakte zum durtro tragen und in Stücke hacken, um ihn wieder in den Lebenskreislauf einzugliedern. Sogar seine Knochen würde man zerstampfen, damit die Vögel sie verzehren konnten.

»Laßt nicht zu, daß die Chinesen ihn holen«, bat die purba flehentlich. »Sie dürfen es nicht erfahren.«

Der dropka nickte ernst.

Die Frau sah zu Shan, wich seinem Blick aber sogleich wieder aus. »Ich heiße Somo«, sagte sie leise. Das war ihre Art, sich zu entschuldigen. Ungeachtet dessen, was sie von anderen Chinesen hielt, brachte sie ihm durch ihren Namen Vertrauen entgegen, weil auch Drakte dies getan hatte.

»Ich heiße Shan.«

Sie nickte. »Ich habe sogar schon von Ihnen gehört, als Sie noch im Gefängnis saßen.«

»Waren Sie mit Drakte in Lhadrung?« fragte Shan.

Somo schüttelte den Kopf. »Ich bin meistens in Lhasa geblieben. Er hat viel Zeit dort verbracht. Und in der Gegend nördlich von hier, wo er geboren wurde.«

»Wann waren Sie zuletzt mit ihm in Lhasa?«

»Zum letztenmal vor fast drei Monaten«, sagte die Frau vorsichtig. Vor etwas mehr als zwei Monaten hatte man das Auge in die Einsiedelei gebracht, und der eigentliche Diebstahl in Lhasa lag noch einige Wochen länger zurück. »Drakte hat erzählt, daß Sie den alten Lamas im Lager beigestanden sind. Da gab es einen alten Beamten aus der Regierung des Vierzehnten, dem Sie zur Freiheit verhelfen konnten.«

Lokesh stieß sein heiseres Lachen aus und sah Shan amüsiert an.

Somo musterte die beiden Männer einen Moment lang. »Sie?« fragte sie Lokesh ungläubig.

Der alte Mann nickte. »Ich wäre in diesem Gefängnis gestorben, aber Xiao Shan hat einen anderen Weg für mich aufgetan.« Xiao Shan. Kleiner Shan. Das war chinesisch; dennoch benutzte Lokesh manchmal diesen Ausdruck der Zuneigung aus Shans Kindheit, mit dem sich traditionell eine ältere Person an eine jüngere wandte.

Shan starrte in seine Schale. »Ich war schon tot, und sie haben mich ins Leben zurückgeholt«, sagte er und schaute zu der Hütte, wo Gendun immer noch bei Drakte saß. Die Bardo-Riten mußten vierundzwanzig Stunden rezitiert werden. In ihrem lao-gai-Lager hatten die ältesten Lamas sich nach dem Tod eines Häftlings in Vierstundenschichten abgewechselt und die Gebete aus dem Gedächtnis aufgesagt, sogar während der Strafarbeit im Straßenbau. Es mußten stets die Ältesten sein, weil den jüngeren Mönchen dank der Chinesen eine vollständige Ausbildung versagt geblieben war und sie daher nicht alle Worte kannten.

»Es gibt sonst niemanden«, sagte Lokesh, als habe er Shans Gedanken verfolgt. »Ich kenne bloß die erste Stunde der Zeremonie, und wir haben keinen Text, den wir ablesen könnten.«

»Letzte Nacht habe ich noch jemand anders gehört«, sagte Shan. »Wir können keinen ganzen Tag mehr abwarten.«

»Es gibt sonst niemanden«, wiederholte Lokesh.

Shan sah verwirrt zu der Totenhütte. Es stimmte. Er hatte niemanden gesehen. War es ein seltsames Echo gewesen? Oder hatte gar Drakte versucht, eine Verbindung zu Gendun herzustellen?

»Aber ihr dürft nicht bleiben«, protestierte Somo. »Wovor auch immer Drakte uns warnen wollte …« Sie warf Shan einen kurzen Blick zu. »Es ist zu gefährlich. Das hat er letzte Nacht doch selbst zu euch gesagt.«

Wie zur Antwort erhob Lokesh sich und ging in die kleine lhakang. Shan folgte ihm. Nyma saß dort vor dem Altar und betete mit leiser, nervöser Stimme. Es klang beinahe, als würde sie mit dem Auge streiten, das mittlerweile an der Vorderkante des Altars lag. Auf dem Boden darunter stand ein geöffnetes Holzkästchen, das mit einem Stück Filz ausgeschlagen war.

Als die Nonne Shan sah, leuchteten ihre Augen auf. Sie stellte sich neben den Altar und blickte ihm erwartungsvoll entgegen. Da Shan nichts tat, deutete sie auf das Kästchen.

»Hast du Angst, es zu berühren?« fragte Shan.

»Ja«, sagte die Nonne sogleich. »Ich habe es mit einem chakpa bis zum Rand geschoben«, erklärte sie, als könne man nicht mehr von ihr verlangen.

Lokesh seufzte und hob die Schachtel auf. Shan trat vor, warf der Nonne einen verunsicherten Blick zu und legte das gezackte Stück Stein hinein. Lokesh faltete den Filz darüber zusammen und schloß den Deckel.

»Aber wir haben noch Zeit«, sagte Shan. »Rinpoche wird erst spät in der Nacht fertig sein.«

Lokesh ging mit dem Kästchen wortlos nach draußen. Der golok befand sich ganz in der Nähe und zog soeben den Sattelgurt seines stämmigen Pferdes fest. Er wollte aufbrechen, und Shan hatte nie ganz begriffen, wieso der Mann überhaupt gekommen war. Dann jedoch wurde Shan entsetzt Zeuge, wie der golok zu einem braunen Pferd trat, das neben seinem eigenen stand, die Satteltasche öffnete und Lokesh die Hand entgegenstreckte, während im selben Moment Tenzin und einer der Hirten mit jeweils zwei weiteren Pferden am Zügel um die Ecke der hintersten Hütte bogen.

»Wir hätten im Morgengrauen aufbrechen müssen«, sagte der golok und bedeutete Lokesh mit ungeduldiger Geste, ihm das Kästchen auszuhändigen. »Habt ihr nicht zugehört? Der Mörder ist da draußen und will sich den Stein holen. Und ihr sitzt hier wartend herum wie alte Weiber.«

Shan warf Lokesh einen gequälten Blick zu, während der golok den Kasten in der offenen Satteltasche verstaute.

»Ich verstehe nicht allzuviel hiervon«, sagte sein alter Freund. »Aber ich weiß, daß wir uns auf den Weg machen müssen.«

»Was ist mit Gendun?« wandte Shan ein. »Er muß mit uns kommen.«

Lokesh schüttelte betrübt den Kopf. »Er muß vorerst bei Drakte bleiben. Er wird ihn zum durtro begleiten und danach zu uns stoßen, falls die Götter es erlauben.« Er drehte sich um, nahm etwas vom Sattel eines der Pferde und gab es Shan. Es war ein Filzhut mit breiter Krempe, Shans Reisehut.

»Ich bleibe auch bei Drakte«, verkündete Somo sonderbar trotzig. »Und ich werde dafür sorgen, daß eurem Lama nichts zustößt. Die Hirten aus dem Lager da oben schichten rund um die Einsiedelei kleine Haufen Yakdung auf. Heute nacht werden wir von Feuern umgeben sein.«

Als der dropka Shan die Zügel des braunen Pferdes reichte, trat der golok von seinem eigenen Reittier zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte sie alle nachdrücklich an, als hätten sie etwas vergessen. »Man hat mir eine Bezahlung versprochen«, sagte er mürrisch. »Ein Führer muß entlohnt werden. Dieser tote Junge sagte, man würde mich bezahlen. Bislang habe ich noch keinen einzigen Fen erhalten.«

Shan sah den Mann beklommen an. Der golok hatte endlich erklärt, weshalb er hergekommen war.

»Ich habe nichts«, sagte Nyma beunruhigt. »Drakte hatte auch nichts bei sich, abgesehen von einem alten Geschäftsbuch und der Schleuder eines Schäfers.« Sie hatten das zerfledderte Buch in einem Beutel an seinem Gürtel gefunden, mit Einträgen, die wie Kontobewegungen aussahen. »Er muß wohl gemeint haben, daß jemand an eurem Zielort …«

»Drakte wußte genau Bescheid«, fiel der golok ihr ins Wort. »Ich lege mich doch nicht mit den Patrouillen an, wenn dabei kein Gewinn für mich herausspringt.«

Somo griff in ihre kleine Gürteltasche, holte einen in Filz gewickelten Gegenstand daraus hervor und streckte ihn dem golok entgegen. »Hier«, sagte sie zögernd und schlug das Filztuch auf. Darin lag ein zierlicher Silberarmreif mit eingearbeitetem Lapislazuli. »Drakte hat ihn mir letzten Monat gegeben. Er würde wollen, daß eure Reise weitergeht. Deshalb hat er ja …« Sie wandte sich zu der Totenhütte um und beendete den Satz nicht.

Der golok griff nach dem Schmuckstück und betrachtete es stirnrunzelnd. »So etwas läßt sich nur schwer zu Geld machen, ohne eine verdammte Stadt aufzusuchen«, klagte er, obwohl er den Armreif bei diesen Worten einsteckte. »Und ich werde mich ziemlich lange nicht mehr in einer Stadt blicken lassen.«

Die purba-Läuferin griff noch einmal in ihren Beutel und brachte ein Taschenmesser mit vielen Klingen zum Vorschein, an dessen einer Seite sogar ein Löffel eingeklappt war. »Das habe ich für Drakte gekauft«, sagte sie mit mühsam beherrschter Stimme und gab es dem Mann.

Der golok nahm das Messer und die Zügel seines Pferdes mit beinahe einer einzigen Bewegung.

»Wir kennen nicht mal deinen Namen«, wagte Shan vorsichtig zu äußern. Er sah, daß Somo noch etwas in der Hand hielt: einen kleinen türkisfarbenen Stein. Ein weiteres Geschenk von Drakte, das sie allerdings anscheinend nicht hergeben wollte.

Der golok nahm Shan wiederum stirnrunzelnd in Augenschein. »Meine Mutter hat mich Dremu genannt«, sagte er, als hätte er in seinem Leben schon viele Namen besessen. Shan und Lokesh sahen sich besorgt an. Dremu war der Name des großen Braunbären, der einst ungehindert das tibetische Hochland durchstreifen konnte. Inzwischen hatten die Chinesen ihn fast ausgerottet. In der tibetischen Überlieferung galt er als Symbol übermäßiger und selbstzerstörerischer Gier, denn der Bär wühlte sich tief in die Bauten seiner Hauptbeute, der Murmeltiere, zog die betäubten Opfer heraus und häufte sie hinter sich auf, bis die gesamte Höhle zerstört war. Meistens kamen die Murmeltiere wieder zu sich und konnten fliehen, während der Bär noch grub, so daß er hungrig und noch viel wütender zurückblieb. Bisweilen bezeichneten die Tibeter auch die Chinesen mit diesem Begriff.

Als Tenzin und Nyma ihre Pferde zum Pfad führten, goß Shan eine Schale Tee ein und betrat die Hütte, in der Gendun bei dem Toten saß. Schweigend verharrte er einen Moment, bis der Lama den Kopf hob und ihn mit einem kleinen Nicken begrüßte. Nach einer weiteren Minute der Rezitation stand Gendun auf und entfernte sich von dem Leichnam.

Der Lama nahm die Schale und trank einige Schlucke, bevor er das Wort ergriff. »Er ist ohne Schmerz oder Angst gestorben«, verkündete Gendun mit Blick auf den Toten. Eine Stimme wie die des Lama hatte Shan nie zuvor gekannt. Genduns Worte kamen ihm oft nur flüsternd über die Lippen, aber dieses Flüstern war so klar und kraftvoll wie eine große Glocke. »Da war nur noch Traurigkeit, weil er wichtige Dinge unvollendet zurücklassen mußte. Er kann nur sehr schwer loslassen.« Die Tibeter glaubten, daß nach dem Tod eine Zeitspanne von bis zu mehreren Tagen folgte, während der ein Geist verwirrt war und das Ende seiner Inkarnation nicht akzeptieren konnte, so daß er versuchte, den verlorenen Körper neu zu beleben und unerledigte Aufgaben abzuschließen.

»Rinpoche«, sagte Shan, »das Steinauge liegt in der Satteltasche eines Pferdes.« Sein Blick ruhte auf dem Leichnam. »Aber ich kann das nicht ohne dich tun.«

»Drakte wird lernen, seinen Körper zurückzulassen, mein Freund. Du mußt das ebenfalls.«

»Drakte hat sein Leben verloren. Dieser dobdob könnte zurückkehren.« Shan wandte den Kopf, sah in eine der kleinen Flammen und empfand plötzlich nur noch Trostlosigkeit. Erst wenige Stunden vorher war er zu dem Schluß gelangt, es gäbe nichts Wichtigeres, als den Stein zurückzubringen, der ihm genau wie den Tibetern als eines der Samenkörner erschien, die eingepflanzt werden mußten, um Weisheit und Mitleid am Leben zu erhalten. Draktes Ankunft in der lhakang hatte alles verändert. Wenngleich Gendun und Lokesh ihm widersprechen und behaupten würden, Shan verleugne seine eigene Gottheit, mußte er das Rätsel um Draktes Tod lösen. Mochte die Rückkehr des Auges auch noch so wichtig sein, so gab es doch etwas, wofür er sogar seinen inneren Gott opfern würde, und das war die Sicherheit der alten Tibeter.

»Ein Tal voller Menschen hat seinen Gott verloren«, entgegnete Gendun. Er ließ die Worte einen Moment im Raum stehen, bis Shan ihm wieder in die Augen sah. »Dies wird deine größte Prüfung sein. Sieh nach vorn. Sieh in dich hinein, aber sieh nicht zurück. Du mußt aufhören, der Sucher zu sein, der du früher warst, und statt dessen der Sucher werden, der du sein möchtest.«

Sie hatten schon oft darüber gesprochen. Shans größte spirituelle Schwäche war seine Fixiertheit auf die Abläufe dessen, was Gendun als vergängliche, unwichtige Geheimnisse der Außenwelt bezeichnete, wo er doch eigentlich die Tiefen der eigenen Seele ergründen sollte.

»Du mußt aufhören, nach Fakten zu suchen, und ein Erforscher der Wahrhaftigkeit werden«, sagte Gendun. »Auf diese Weise werden Gottheiten erneuert.«

»Rinpoche, versuch nach dem durtro nicht, uns zu finden«, sagte Shan auf einmal. Gendun sah ihn an, und er errötete. Seine Worte klangen, als wolle Shan feilschen und Gendun ersuchen, wenigstens diesmal an die Gefahren zu denken, die er sonst immer ignorierte. »Du mußt nach Yerpa zurückkehren«, sagte Shan. Yerpa war das versteckte Kloster im Innern eines Berges oberhalb von Lhadrung, in dem Gendun einer Handvoll Mönche als oberster Lehrer vorstand. »Bitte.«

»Meine Stiefel.« Gendun nickte in Richtung seiner alten Arbeitsstiefel, deren Sohlen sich an den Zehen bereits ablösten. »Meine Stiefel sind müde«, sagte er, als würde er einwilligen. »Aber zuerst muß ich den irdischen Teil von Drakte der Erde wieder zurückgeben«, schloß er leise und schaute kurz zu dem Toten, bevor er sich wieder an Shan wandte. »Möge der Mitfühlende Buddha dich beschützen.«

Ein einzelnes, vertrocknetes braunes Blatt wehte zur Tür herein. Schweigend verfolgten sie, wie der Wind es wieder hinauszog, vorbei an den Gebäuden trug und dann hoch in die Luft wirbeln ließ, bis es außer Sicht verschwand. Beide starrten sie den leeren Fleck an, auf dem es eben noch gelegen hatte; dann – als wäre das Blatt ein Signal gewesen – drehte Gendun sich zu Drakte um und bedachte Shan mit einem letzten kurzen Blick, der auf seltsame Weise zugleich besorgt und hoffnungsvoll wirkte. »Nimm dich vor Staub und Luft in acht«, sagte er abschließend. Dann setzte er sich und stimmte erneut den Bardo-Ritus an.

Nimm dich vor Staub und Luft in acht. Es war einer von Genduns üblichen Abschiedsgrüßen, mit denen er ausdrücken wollte, man solle sich nur auf das tatsächliche Wesen dessen konzentrieren, was einem begegnete.

Aus irgendeinem Grund machte Shan an der Tür noch einmal kehrt. Gendun hielt inne und hob langsam den Kopf. Einen Augenblick herrschte absolute Stille, und Shan mußte gegen den Drang ankämpfen, sich neben Gendun zu setzen und nicht mehr von der Stelle zu rühren, bis die Zeremonie abgeschlossen sein würde.

»Der Gott, den du findest, Shan, wird der Gott sein, den du mit dir nimmst«, sagte Gendun ruhig, bevor er sich wieder Drakte widmete.

Als Shan nach draußen trat, bemerkte er, daß die Haare auf seinen Armen sich aufgerichtet hatten. Einen Moment lang verharrte er völlig reglos und sah seine Hände an. Sie zitterten. Langsam und mit unsicheren Schritten ging er zu seinem Pferd und ignorierte die aufgeregten Gesten des golok, der ihn zur Eile mahnte. Als er die Zügel nahm, drehte er sich zu Somo um, die in der Tür der lhakang stand. »Sie haben uns noch gar nicht verraten, welche Nachricht Sie Drakte überbringen wollten«, sagte er.

Die Läuferin runzelte die Stirn. »Es war eine purba-Botschaft.«

»Es ging um das Auge«, stellte Shan fest. »Ansonsten wären Sie nicht hergekommen.«

»Die Regierung durchkämmt die Berge nach nicht registrierten Lamas.«

»Nein. Das wußten wir bereits.«

Somo warf einen Blick auf die Totenhütte und kam dann widerstrebend an Shans Seite. »Also gut. Wir waren der Meinung, Drakte hatte keine Ahnung. Er mußte gewarnt werden, bevor er mit Ihnen in dieses Tal aufbrechen würde. Sie ziehen nach Norden, eine Stabseinheit aus Lhasa. Das war meine Nachricht. Eine kleine Einheit.« Sie biß sich auf die Lippe. »Ein Zug Soldaten, das wollte ich Drakte ausrichten.«

»Tut mir leid«, sagte Shan, »aber das verstehe ich nicht.«

»Ich schätze, es bedeutet, daß Sie sich nun beeilen müssen. Dieser golok kennt hoffentlich ein paar geheime Schleichwege.« Sie sah die Verwirrung in Shans Augen und blickte zu Nyma. »Niemand hat Ihnen von der Auseinandersetzung um dieses alte Steinauge erzählt? Es gibt noch andere Leute, die sich für die rechtmäßigen Eigentümer halten. Es wurde ihnen in Lhasa entwendet, und sie wollen es zurückhaben.«

»Wer?« fragte Shan mit einem flauen Gefühl im Magen.

Somo biß sich abermals auf die Lippe. Dann antwortete sie ganz langsam und in eisigem Tonfall. »Die 54. Gebirgsjägerbrigade der Volksbefreiungsarmee.«

Kapitel Drei

Sie ritten nicht wie erwartet nach Norden, sondern nach Westen und erklommen den hohen Grat am anderen Ende des langen Tals, um den Abstieg in Richtung der zweiten schneebedeckten Bergkette zu beginnen, die dahinter lag. Als sie sich oben auf dem Kamm befanden und das Tal, das zu der Einsiedelei führte, hinter ihnen zurückfiel, ließ Shan sein Pferd anhalten und sah, daß Dremu im Trab vorausritt, um den Weg zu erkunden. Er drehte sich nach der dropka um, die immer noch Steine aufhäufte, um die Lamas zu beschützen. Bis zu Shans Eintreffen hatte Gendun sich in seinem geheimen Kloster bei Lhadrung in Sicherheit befunden. Wäre Shan nicht gewesen, hätte der Lama sich vielleicht niemals schutzlos in die Außenwelt begeben müssen.

»Als wir hier angekommen sind, noch vor der Arbeit an dem Mandala, habe ich mit Shopo gesprochen«, sagte Lokesh neben ihm. Der alte Mann verfügte über die unheimliche Fähigkeit, in Shans Gefühlen wie in einem Buch lesen zu können. »Sie haben Gendun gar nicht gekannt. Er tauchte einfach hier auf, setzte sich in die lhakang und betrachtete stundenlang das Steinauge. Dann trank er mit Shopo einen Tee und sagte, er würde dieses Auge nun kennen und wissen, wer es zurückbringen mußte, so sicher, als hätte er es einem Verzeichnis zukünftiger Ereignisse entnommen. Shopo sagte, er selbst sei keineswegs davon überzeugt gewesen, aber Gendun habe sich nicht beirren lassen. Er wußte, daß du es sein würdest. Er sagte, du hättest nicht nur ein reines, sondern auch ein großes Herz, so groß, daß es dir eine Last sei.«

So groß, daß der Schmerz Shan beinahe überwältigte. Falls der Mörder es auf das Auge abgesehen hatte, blieb ihm keine andere Wahl, als es von den Lamas wegzubringen. Und nur so würde er den Mörder finden können. Er konnte die Lamas nur beschützen, indem er sie verließ.

Shan warf Lokesh einen unbehaglichen Blick zu. Der alte Tibeter lächelte, beugte sich wie ein schelmischer Onkel vor und zog Shan die Hutkrempe über die Augen. Dann ritt er auf ein paar Blumen zu. So reiste Lokesh immer: nicht in gerader Linie, sondern von Blume zu Blume oder von Felsen zu Felsen, um stehenzubleiben und die Formen der Natur zu untersuchen, die aus irgendeinem Grund seine Neugier erregt hatten. Shan sah dem golok hinterher, der dermaßen schnell davonritt, daß es fast wie eine Flucht wirkte. Er traute dem Mann nicht. Aber Drakte hatte ihm vertraut; zumindest wollte Dremu das Shan und die anderen glauben machen. Dremu wußte von dem Auge, doch keiner der Überlebenden kannte ihn. Offenbar hatte Drakte ihn gekannt, aber woher? Aus dem Gefängnis, schien die einzig logische Antwort zu lauten. Shan überprüfte den Sitz seiner Satteltasche und ließ zögernd das Pferd antraben.

Drei Stunden später erwartete Dremu sie auf dem ersten Kamm der zweiten Bergkette an einem gewundenen Ziegenpfad, der mitten durch einige Schneeflächen verlief. Die Luft dahinter schimmerte immer noch, wie schon aus einiger Entfernung, und als sie den Grat erreichten, erkannte Shan auch den Grund dafür.

»Lha gyal lo!« rief Lokesh, der hinter Shan folgte, mit kindlicher Ausgelassenheit, und deutete auf die riesige, flache türkisfarbene Ausdehnung, die unterhalb die Landschaft dominierte. »Lamtso!«

Shan starrte auf das ferne Gewässer. Es sah wie ein langes Juwel aus, dessen Einfassung aus Bergen bestand. Der Lamtso war einer von Tibets heiligen Seen, in dessen Tiefen bekanntlich wichtige nagas wohnten und an dessen Ufer die dropkas bevorzugt ihre Herden weiden ließen.

Aus einer Tasche, die an seinem Sattel hing, zog der golok eine große Plastikflasche hervor, die allerdings nicht mit Wasser, sondern mit bernsteinfarbenem chang gefüllt war, tibetischem Gerstenbier. Er öffnete sie nicht, sondern musterte kurz die Gesichter seiner Begleiter. »Wir übernachten dort«, verkündete er und wies auf den See. »Falls wir nicht noch lange herumtrödeln«, fügte er stirnrunzelnd und mit Blick auf Lokesh hinzu. Der golok hielt inne und suchte mit zusammengekniffenen Augen den Horizont hinter ihnen ab. Shan folgte seinem Blick zu dem Tal, das sie soeben durchquert hatten. Ein kleine Gruppe Reiter war dicht hinter ihnen und hatte ebenfalls angehalten und sich verteilt, anscheinend um sie nach hinten abzusichern.

»Diese dropkas sind wegen dir beunruhigt, Chinese«, sagte Dremu. »Sie wollen dir den Rücken freihalten, aber sie wissen nicht, womit sie rechnen müssen. Wie viele Tibeter bist du wert, Genosse?« fragte er mit bitterem Blick. Dann trieb er sein Pferd zum Galopp an und verschwand hinter einer Wegbiegung.

Nach einer Viertelstunde holten sie ihn ein. Er wartete an einem großen Felsvorsprung, hatte ein Bein über den Hals seines Pferdes gelegt und fast die halbe Flasche ausgetrunken. Als Nyma und Tenzin an ihm vorbeireiten wollten, hob er warnend die Hand. »Das würde ich lieber nicht tun.«

»Ich glaube, wir finden von hier aus allein zum See«, gab Nyma ungehalten zurück.

Dremu deutete nach unten. Über dem einfachen Weg, der durch die sanft wogenden Hügel zum See führte, hing eine Staubwolke. Shan griff in den Schnürbeutel an seinem Sattel, nahm sein abgewetztes Fernglas, richtete es auf die Wolke und seufzte. Dann reichte er den Feldstecher an die Nonne weiter.

»Die Armee!« keuchte Nyma.

»Ein Laster«, knurrte der golok. »Nicht mehr als fünf oder zehn Soldaten.«

Mit einem Gefühl der Beklemmung verfolgte Shan das sich nähernde Fahrzeug. Es war noch mehr als drei Kilometer entfernt und fuhr nicht auf sie, sondern auf den See zu. Dann jedoch hielt der Lastwagen an. Die Nonne schrie auf und duckte sich, als wolle sie sich hinter dem Pferdehals verstecken. »Ich habe etwas aufblitzen gesehen. Ich glaube, sie suchen die Berge mit Ferngläsern ab.«

Der golok sah sie finster an. »So machen die Soldaten das für gewöhnlich. Es könnte alles mögliche bedeuten. Vielleicht begleiten sie einen Geburtenkontrolleur«, sagte er und bezog sich damit auf die verhaßten Bürokraten, die die Einhaltung von Chinas Geburtenregelung überwachten. »Vielleicht jagen sie auch wilde Ziegen. Oder sie suchen etwas, das ihnen gestohlen wurde«, fügte er mit bedeutungsvollem Blick auf Shan hinzu und griff nach dem Fernglas. »Der Wagen ist in Grautönen lackiert. Das könnten Gebirgstruppen sein.« Es klang wie ein Fluch. »Da wären mir die verdammten Kriecher ja noch lieber.«

Shan wandte sich um. Lokesh hatte sich abermals ein Stück zurückfallen lassen und sein Pferd angehalten, um den Flechtenbewuchs eines Felsens anzustarren. Seit ihrer Pilgerfahrt suchte sein Freund immer häufiger nach eigenständigen Symbolen Buddhas – nach Naturelementen, welche die Form eines heiligen Gegenstands angenommen hatten. Mehr als einmal hatte er ein Kleidungsstück oder etwas Nahrung aus seinem Schnürbeutel zurückgelassen, um Platz für einen Stein zu schaffen, dessen Moosschicht wie ein heiliges Emblem geformt war, oder einen verwitterten Knochen mitzunehmen, der ihn an eine rituelle Gabe erinnerte.

Der golok deutete mit seiner Flasche auf den Schatten eines Felsüberhangs in dreißig Metern Entfernung. Nyma seufzte erleichtert auf und lenkte ihr Pferd zu der Öffnung.

Shan bezweifelte, daß auf dieser Welt noch irgendein anderes Land existierte, in dem es mehr Höhlen gab als in Tibet. Und mit Sicherheit hingen diese Höhlen nirgendwo dermaßen eng mit der Geschichte der Bevölkerung zusammen. Es gab Höhleneinsiedeleien, Höhlenschreine und sogar vollständige Klöster, die nur aus Höhlen bestanden. Guru Rinpoche, der berühmteste der alten Lehrer, hatte vor vielen Jahrhunderten angeblich überall im Land heilige Objekte und Schriften hinterlegt. Auch heute noch hielten die Tibeter nach vergessenen Höhlen Ausschau, in denen sich einige dieser Schätze befinden könnten. Es hieß, daß viele der regionalen Schutzgötter, die über die Täler und Berge wachten, sich jeweils eine Höhle als Heimstatt auserkoren hatten.

Obwohl der niedrige Eingang ziemlich breit ausfiel, verengte die Höhle sich schnell zu einem kleinen Tunnel. Die Pferde schienen zu begreifen, was von ihnen erwartet wurde, und liefen in den hinteren Teil der Kammer, sobald ihre Reiter abgestiegen waren. Lokesh traf ein und half Tenzin beim Lösen der Sattelgurte, während der golok und Nyma sich auf Felsen beidseits des Zugangs niederließen. Dremu hob seine Flasche und trank geräuschvoll, ohne einem der anderen einen Schluck anzubieten.

»Ihr habt gewußt, daß die Armee hinter dem Auge her ist«, sagte Shan zu Dremu und Nyma.

»Ich hab’s dir doch gesagt«, entgegnete der golok mit einem breiten Grinsen. Er hatte Shan lediglich gewarnt, er könne auf hunderterlei Weise sterben.

»Was will die Armee mit einem alten Steinauge?« fragte er Nyma.

»Auf der nördlichen Changtang wissen fast alle über die Armee und das Auge Bescheid.«

»Ich nicht. Und was Gendun anbelangt, bin ich mir auch nicht sicher.«

»Es ist vor langer Zeit geschehen. Im Zuge einer Invasion«, sagte Nyma mit zögernder Stimme.

»Soll das heißen, der Stein wurde vor fünfzig Jahren als eine Art Trophäe erbeutet?« fragte Shan und bezog sich dabei auf die Besetzung durch die Volksbefreiungsarmee.

»Nein, nicht während dieser Invasion«, seufzte Nyma.

Shan registrierte hinter sich eine Bewegung und sah, daß Lokesh an seiner Schulter stand.

»Es geschah im Jahr der Sumpfhäsin, als die chinesische Armee kam, um den Dreizehnten aus Tibet zu vertreiben«, erklärte Nyma. Sie meinte einen Überfall zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Shan erinnerte sich, daß 1903 Truppen nach Lhasa marschiert waren, um den dreizehnten Dalai Lama abzusetzen, und dabei eine blutige Spur durch Ost- und Nordtibet gezogen hatten.

»Es sind furchtbare Dinge passiert«, fuhr die Nonne mit zitternder Stimme fort. »Chinesische Soldaten unter dem Befehl eines Generals namens Feng haben gompas niedergerissen und die Mönche lebendig begraben, Hunderte von Mönchen. Feng den Schlachter hat man ihn damals genannt. Nach einigen Jahren konnte die tibetische Armee endlich eine wirksame Verteidigungsstrategie entwickeln und den General zurückdrängen. An der Türkisbrücke in Lhasa kam es zu einem grausamen Gefecht, als die tibetischen Soldaten den Kampfverband Lujun vertrieben. Die Lujuns waren die Eliteeinheiten der chinesischen Armee und wollten sich für die Demütigung rächen, wurden von den Generälen aber in die Heimat beordert, weil die Kaiserwitwe gestorben war und man in Peking mehr Soldaten benötigte, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Truppen marschierten entlang der alten Nordroute – der Changlam. Unterwegs zerstörten sie gompas und töteten alle Mönche und Nonnen, die sie zu fassen bekamen.« Nyma hielt kurz inne und betrachtete eine dunkle Wolke, die am Horizont aufgezogen war. »Sie befanden sich auf der Changlam, mehr als dreihundert Kilometer nördlich von Lhasa, als sie erfuhren, daß das Heimatdorf des tibetischen Befehlshabers, dem sie ihre Niederlage zu verdanken hatten, nur dreißig Kilometer westlich lag. Sie marschierten dorthin, und als sie herausfanden, daß die Dorfbewohner sich um verwundete Soldaten kümmerten, legten sie alles mit ihren Geschützen in Schutt und Asche. Nur ein einziges Haus blieb stehen.«

Die Nonne erhob sich und nahm die schwarze Wolke, die schnell immer näher kam, noch genauer in Augenschein. Auf einmal duckte sie sich und lief zum Rand des Felsüberhangs. Der golok rülpste in ihre Richtung und prostete ihr mit der Flasche zu.

Kurz darauf kehrte Nyma in die Höhle zurück. »Sie haben sich nicht vom Fleck gerührt«, verkündete sie. »Das ist gut, oder?«

Als niemand etwas erwiderte, setzte sie ihre Geschichte fort. »Dieses Dorf – oder vielmehr das Tal, in dem das Dorf lag – war die Heimat der Yapchi-Gottheit. Jahrhundertelang hatte sie dort in einer natürlichen Statue gelebt, einem Felsen, der wie ein sitzender Buddha geformt war. Irgendwann in grauer Vorzeit hatte man zwei Augen darauf gemalt, damit sie die Welt besser sehen konnte und damit die Bewohner des Tals nicht vergaßen, daß ihr nichts entging.«

»Und die Soldaten haben die Statue mitgenommen?« fragte Shan.

»Nicht direkt«, antwortete Nyma bekümmert. »Die tibetischen Soldaten sind alle durch das Sperrfeuer umgekommen, denn sie waren zu schwach, um zu fliehen. Die überlebenden Dorfbewohner rannten zu der Gottheit in der Mitte des Tals. Es waren ungefähr fünfzig, hauptsächlich Frauen, Kinder und alte Männer. Der chinesische Offizier der Lujuns lachte und rief, sie sollten sich ergeben. Falls sie bereit seien, als Gepäckträger zu dienen und die Ausrüstung seiner Leute bis zur chinesischen Grenze zu schleppen, würde er sie am Leben lassen. Als sie sich weigerten, schickte er zehn Soldaten mit Schwertern in die Menge. Sie schlachteten die Menschen wie Ziegen ab, hackten sie in Stücke und lachten dabei, als wäre es ein großer Spaß. Aus der Familie des tibetischen Befehlshabers blieb kein einziger am Leben.«

Plötzlich drehte sie sich um und starrte in die Dunkelheit im hinteren Teil der Kammer, als fühle sie sich aus dem Innern des Berges beobachtet. »Nur die wenigen, die sich zufällig nicht im Dorf aufhielten, entgingen dem Tod. Eine Karawane aus dem Ort war zu dem heiligen See gezogen. Und oben auf den Hängen befand sich ein Mädchen mit Schafen und sah alles mit an. Als sie versuchte, die Toten zu erreichen, wurde sie von den Soldaten bemerkt. Der Offizier ließ sie dabei zusehen, wie er die Gottheit mit einem Hammer in winzige Stücke zerschlug. Dann nahm er das einzige größere Fragment, das einzelne Auge, das chenyi«, sagte sie und meinte damit das rechte Auge. »Es sei Zeuge der heldenhaften Taten der Lujuns geworden, behauptete er, und er wolle es seinem General als Trophäe überreichen.«

Nymas Stimme erstarb, und ihr Blick wanderte erneut zu der drohenden Wolke. »Man befahl dem Mädchen, unter all den Toten ihre Mutter herauszusuchen, fesselte sie dann von Angesicht zu Angesicht an die Leiche und ließ sie liegen. Drei Tage später wurde sie dort von den Mönchen gefunden, die auf der anderen Seite des Bergs Yapchi in einem gompa lebten.«

Lange Zeit herrschte Schweigen, während Shan erst Nyma und dann die dunkle Wolke musterte.

»Und deine Leute haben die Ereignisse festgehalten«, sagte Lokesh über Shans Schulter hinweg.

»Das kleine Mädchen war meine Großmutter. Sie half, die anderen zu begraben. Bei uns werden die Toten nicht den Vögeln übergeben, sondern zurück in die Erde gelegt. Sie half, alle in einem großen Gemeinschaftsgrab zu bestatten. Als ich ein Kind war, ist sie häufig mit mir dorthin gegangen und hat mir auswendig die Namen der Toten aufgesagt.«

Der golok hatte eigentlich einen weiteren Schluck trinken wollen, als Nyma ihnen dieses Geheimnis verriet. Nun ließ er das Bier sinken und starrte es kurz an. »Diese Schweine«, sagte er, als wolle er die Nonne trösten, und packte die Flasche weg.

»Später haben die Leute sich auf die Suche nach dem chenyi-Stein gemacht«, fügte Nyma hinzu. »Viele Jahrzehnte lang wurde er in einem Armeemuseum bei Peking aufbewahrt. Ein Mann aus Yapchi ließ sich von den Lamas besondere Zauber geben und hat sich auf die Reise gemacht, um das Auge zurückzuholen, doch die Chinesen haben ihn als Spion erschossen. Als die Kommunisten kamen, verschwand der Stein, aber wir konnten herausfinden, daß Teile der Lujuns in die Volksbefreiungsarmee integriert wurden.«

»Als 54. Gebirgsjägerbrigade«, sagte Shan.

Nyma nickte. »Als man diese Brigade nach Tibet verlegte, behielten die Leute sie genau im Auge. Ein weiterer Mann aus dem Dorf ging los, um mit der Armee zu sprechen. Er wurde jedoch verhaftet und ins lao gai geschickt, wo er starb. Eine Sekretärin sah den Stein auf dem Schreibtisch des zuständigen Obersts in Lhasa liegen und gab Nachricht. Einige Monate später wurde ein Brief nach Lhasa geschickt, unterschrieben von allen Dorfbewohnern: eine Bitte um Rückgabe.

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