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Das siebte Kreuz

Über Anna Seghers

Netty Reiling wurde 1900 in Mainz geboren. (Den Namen Anna Seghers führte sie als Schriftstellerin ab 1928.) 1920-1924 Studium in Heidelberg und Köln: Kunst- und Kulturgeschichte, Geschichte und Sinologie. Erste Veröffentlichung 1924: »Die Toten auf der Insel Djal«. 1925 Heirat mit dem Ungarn Laszlo Radvanyi. Umzug nach Berlin. Kleist-Preis. Eintritt in die KPD. 1929 Beitritt zum Bund proletarisch- revolutionärer Schriftsteller. 1933 Flucht über die Schweiz nach Paris, 1940 in den unbesetzten Teil Frankreichs. 1941 Flucht der Familie auf einem Dampfer von Marseille nach Mexiko. Dort Präsidentin des Heinrich-Heine-Klubs. Mitarbeit an der Zeitschrift »Freies Deutschland«. 1943 schwerer Verkehrsunfall. 1947 Rückkehr nach Berlin. Georg-Büchner-Preis. 1950 Mitglied des Weltfriedensrates. Von 1952 bis 1978 Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR. Ehrenbürgerin von Berlin und Mainz. 1978 Ehrenpräsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR. 1983 in Berlin gestorben.

Romane: Die Gefährten (1932); Der Kopflohn (1933); Der Weg durch den Februar (1935); Die Rettung (1937); Das siebte Kreuz (1942); Transit (1944); Die Toten bleiben jung (1949); Die Entscheidung (1959); Das Vertrauen (1968). Zahlreiche Erzählungen und Essayistik.

Sonja Hilzinger, geboren 1955, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Publizistik. Promotion 1985, Habilitation 1997. Sie ist Privatdozentin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Mainz, lebt in Berlin und arbeitet als freie Autorin und Hochschullehrerin. Herausgeberin der zwölfbändigen Werkausgabe Christa Wolfs sowie der Edition »Inge Müller. Daß ich nicht ersticke am Leisesein. Gesammelte Texte« (2002). Zahlreiche Veröffentlichungen, u. a. zum Werk von Anna Seghers: »Das siebte Kreuz« von Anna Seghers. Texte, Daten, Bilder (Hg., 1990), Anna Seghers (2000).

Informationen zum Buch

Dieser Roman, der zuerst 1942 in englischer Sprache, kurz darauf im mexikanischen Exilverlag El Libro Libre in deutscher Sprache erschien, machte die Autorin weltberühmt. Er wurde zu einem Bestseller. Der Stoff wurde 1942 in einer Comic-Fassung und in der Verfilmung des österreichischen Emigranten Fred Zinnemann 1944 in den USA populär, noch bevor der Roman seine Leser in Deutschland erreichte. Von allen Werken der Seghers ist er unumstritten das bekannteste.

Er wendet ein populäres, in der trivialen Unterhaltungskunst gern benutztes Erzählmuster an:

eine Fluchtgeschichte. Sieben Gefangene sind aus dem KZ Westhofen entflohen. Sie haben die längst und eindeutig gegen sie entschiedene Machtfrage neu gestellt. Mit ihrer Flucht unterlaufen sie ihre Ohnmacht und nehmen für ihre Selbstbehauptung äußerste Bewährungsproben ihrer physischen und psychischen Kräfte auf sich. Aber nur einem von ihnen gelingt die Flucht.

Sie habe mit dieser Fluchtgeschichte, sagte Anna Seghers, die Struktur des ganzen Volkes aufrollen wollen. Aus der Perspektive des sozialen Romans schafft sie die bedeutendste analytische Darstellung der nationalsozialistisch formierten Gesellschaft. Der Roman zerlegt die Motive der funktionierenden Mitmacher, der kalkulierenden Karrieristen, der eingeschüchterten früheren Oppositionellen, der Funktionsträger des Regimes und derjenigen, die dem Flüchtling helfen. Das Nachwort zur Entstehung und zur Rezeption macht deutlich, inwiefern Anna Seghers versuchte, einem Weltzustand, den sie keineswegs beschönigt, so etwas wie eine Hoffnung abzutrotzen, und wie das Gelingen des Romans damit zu tun hat, daß die Suggestion der Hoffnung ständig ihre Widerlegung mit sich führt.

Anna Seghers

Das siebte Kreuz

Ein Roman
aus Hitlerdeutschland

Dieses Buch ist den toten und lebenden Antifaschisten Deutschlands gewidmet

Anna Seghers

Personenverzeichnis

Georg Heisler geflüchtet aus dem Konzentrationslager Westhofen
 
Wallau
Beutler
Pelzer
Belloni
Füllgrabe
Aldinger
ebenfalls geflüchtet
 
Fahrenberg Lagerkommandant von Westhofen
Bunsen Leutnant in Westhofen
Zillich Scharführer in Westhofen
 
Fischer
Overkamp
Polizeikommissare
 
Ernst ein Schäfer
Franz Marnet Georgs früherer Freund, Arbeiter in den Höchster Farbwerken
Leni Georgs frühere Freundin
Elli Georgs Frau
Herr Mettenheimer ihr Vater
Hermann ein Freund von Franz, arbeitet in den Griesheimer Eisenbahnwerkstätten
Else seine Frau
Fritz Helwig Gärtnerlehrling
Dr. Löwenstein ein jüdischer Arzt
Madame Marelli Schneiderin für Artistenkostüme
 
Liesel Röder
Paul Röder
Jugendfreunde von Georg
 
Katharina Grabber Röders Tante, Eigentümerin einer Garage
Fiedler Arbeitskollege von Röder
Grete seine Frau
Dr. Kreß
Frau Kreß
Reinhardt Fiedlers Freund
Eine Kellnerin
Ein holländischer Schiffer, der allerlei riskiert

Erstes Kapitel

Vielleicht sind in unserem Land noch nie so merkwürdige Bäume gefällt worden wie die sieben Platanen auf der Schmalseite der Baracke III. Ihre Kronen waren schon früher gekuppt worden aus einem Anlaß, den man später erfahren wird. In Schulterhöhe waren gegen die Stämme Querbretter genagelt, so daß die Platanen von weitem sieben Kreuzen glichen.

Der neue Lagerkommandant, er hieß Sommerfeld, ließ alles sofort zu Kleinholz zusammenschlagen. Er war eine andre Nummer als sein Vorgänger Fahrenberg, der alte Kämpfer, »der Eroberer von Seeligenstadt« – wo sein Vater noch heute ein Installationsgeschäft am Marktplatz hat. Der neue Lagerkommandant war Afrikaner gewesen, Kolonialoffizier vor dem Krieg, und nach dem Krieg war er mit seinem alten Major Lettow-Vorbeck auf das rote Hamburg marschiert. Das erfuhren wir alles viel später. War der erste Kommandant ein Narr gewesen, mit furchtbaren, unvoraussehbaren Fällen von Grausamkeit, so war der neue ein nüchterner Mann, bei dem sich alles voraussehen ließ. Fahrenberg war imstande gewesen, uns plötzlich alle zusammenschlagen zu lassen – Sommerfeld war imstande, uns alle in Reih und Glied antreten und jeden vierten herauszählen und zusammenschlagen zu lassen. Das wußten wir damals auch noch nicht. Und selbst wenn wir es gewußt hätten! Was hätte es ausgemacht gegen das Gefühl, das uns übermannte, als die sechs Bäume alle gefällt wurden und dann auch noch der siebte! Ein kleiner Triumph, gewiß, gemessen an unserer Ohnmacht, an unseren Sträflingskleidern. Und doch ein Triumph, der einen die eigene Kraft plötzlich fühlen ließ nach wer weiß wie langer Zeit, jene Kraft, die lang genug taxiert worden war, sogar von uns selbst, als sei sie bloß eine der vielen gewöhnlichen Kräfte der Erde, die man nach Maßen und Zahlen abtaxiert, wo sie doch die einzige Kraft ist, die plötzlich ins Maßlose wachsen kann, ins Unberechenbare.

Zum erstenmal wurden an diesem Abend auch unsere Baracken geheizt. Das Wetter hatte gerade gedreht. Ich bin heute nicht mehr so sicher, ob die paar Scheite, mit denen man unser gußeisernes Öfchen fütterte, wirklich von diesem Kleinholz waren. Damals waren wir davon überzeugt.

Wir drängten uns um das Öfchen, um unser Zeug zu trocknen und weil der ungewohnte Anblick des offenen Feuers unsere Herzen aufwühlte. Der SA-Posten drehte uns den Rücken zu, er sah unwillkürlich durch das vergitterte Fenster hinaus. Das zarte graue Gefusel, nicht mehr als Nebel, war plötzlich zu einem scharfen Regen geworden, den einzelne heftige Windstöße gegen die Baracke schlugen. Und schließlich hört auch ein SA-Mann, sieht auch ein gargekochter SA-Mann den Einzug des Herbstes nur einmal in jedem Jahr.

Die Scheite knackten. Zwei blaue Flämmchen zeigten uns an, daß auch die Kohlen glühten. Fünf Schaufeln Kohlen waren uns zugebilligt, die nur auf Minuten die zugige Baracke anwärmen konnten, ja nicht einmal unser Zeug fertigtrocknen. Wir aber dachten jetzt daran noch nicht. Wir dachten nur an das Holz, das vor unseren Augen verbrannte. Hans sagte leise, mit einem schiefen Blick auf den Posten, ohne den Mund zu bewegen: »Das knackt.« Erwin sagte: »Das siebte.« Auf allen Gesichtern lag jetzt ein schwaches merkwürdiges Lächeln, ein Gemisch von Unvermischbarem, von Hoffnung und Spott, von Ohnmacht und Kühnheit. Wir hielten den Atem an. Der Regen schlug bald gegen die Bretter, bald gegen das Blechdach. Der Jüngste von uns, Erich, sagte mit einem Blick aus den Augenwinkeln, einem knappen Blick, in dem sich sein ganzes Inneres zusammenzog und zugleich unser aller Innerstes: »Wo mag er jetzt sein?«

I

Anfang Oktober fuhr ein gewisser Franz Marnet von dem Gehöft seiner Verwandten, das zu der Gemeinde Schmiedtheim im vorderen Taunus gehörte, ein paar Minuten früher als gewöhnlich auf seinem Fahrrad ab. Franz war ein mittelgroßer, stämmiger Mensch, an die Dreißig, mit ruhigen, wenn er so unter den Leuten herumging, fast schläfrigen Zügen. Jetzt aber, auf seinem liebsten Wegstück, der steilen Abfahrt zwischen den Feldern bis zur Chaussee, lag auf seinem Gesicht eine starke einfache Lebensfreude.

Vielleicht wird man später nicht verstehen, wieso Franz vergnügt sein konnte in der Haut, in der er steckte. Er war aber gerade vergnügt, er stieß sogar einen leisen glücklichen Schrei aus, als sein Fahrrad über zwei Erdwellen huppelte.

Morgen sollte die Schafherde, die seit gestern bei den Mangolds das Nachbarfeld düngte, auf die große Apfelbaumwiese seiner Verwandten getrieben werden. Deshalb wollten sie heute mit der Apfelernte fertig werden. Fünfunddreißig knorpelige Geäste, kraftvoll hineingewunden in die bläuliche Luft, hingen dick voll Goldparmänen. Sie waren alle so blank und reif, daß sie jetzt im ersten Morgenlicht aufglänzten wie unzählige kleine runde Sonnen.

Franz bedauerte aber nicht, daß er die Apfelernte versäumte. Er hatte lange genug bloß für ein Taschengeld mit den Bauern herumgebuddelt. Dafür hatte er noch froh sein können nach all den Jahren Arbeitslosigkeit, und der Hof seines Onkels – eines ruhigen, ganz ordentlichen Menschen – war immer noch hundertmal besser gewesen als ein Arbeitslager. Seit dem 1. September fuhr er endlich in die Fabrik. Das war ihm aus allen Gründen lieb, auch den Verwandten, weil er den Winter über als zahlender Gast wohnen blieb.

Als Franz an dem Nachbargehöft, den Mangolds, vorbeifuhr, richteten die gerade Leiter und Stangen und Körbe an ihrem mächtigen Mollebuschbirnbaum. Sophie, die älteste Tochter, ein starkes, fast dickes, aber nicht plumpes Mädchen, mit ganz feinen Fuß- und Handgelenken, sprang als erste auf die Leiter, wobei sie Franz etwas zurief. Er verstand sie zwar nicht, drehte sich aber kurz um und lachte. Das Gefühl überwältigte ihn, dazuzugehören. Schwächlich fühlende, schwächlich handelnde Menschen werden ihn schwer verstehen. Ihnen bedeutet Dazugehören eine bestimmte Familie oder Gemeinde oder Liebschaft. Für Franz bedeutete es einfach zu diesem Stück Land gehören, zu seinen Menschen und zu der Frühschicht, die nach Höchst fuhr, und vor allem, überhaupt zu den Lebenden.

Als er um Marnets Gehöft herum war, konnte er über das freie, sacht abfallende Land auf den Nebel hinuntersehn. Etwas tiefer, unterhalb der Landstraße, öffnete gerade der Schäfer seinen Pferch. Die Herde schob sich heraus und schmiegte sich sofort dem Abhang an, still und dicht wie ein Wölkchen, das bald in kleinere Wölkchen zerfällt, bald sich zusammenzieht und aufplustert. Auch der Schäfer, ein Mensch aus Schmiedtheim, rief Marnets Franz etwas zu. Franz lächelte. Ernst der Schäfer, mit seinem knallroten Halstuch, war ein ganz frecher, unschäferischer Bursche. In den fröstlichen Herbstnächten kamen aus den Dörfern mitleidige Bauerntöchter in sein fahrbares Hüttchen. Hinter dem Rücken des Schäfers fiel das Land ab in gelassenen weitatmigen Wellen. Wenn man den Rhein auch jetzt von hier aus nicht sieht, da er noch fast eine Eisenbahnstunde weg ist, so ist es doch klar, daß diese weiten, ausgeschwungenen Abhänge mit ihren Feldern und Obstbäumen und tiefer unten mit Reben, daß der Fabrikrauch, den man bis hierherauf riecht, daß die südwestliche Krümmung der Eisenbahnlinien und Straßen, daß die glitzernden schimmrigen Stellen im Nebel, daß auch der Schäfer mit seinem knallroten Halstuch, einen Arm in die Hüfte gestemmt, ein Bein vorgestellt, als beobachte er nicht Schafe, sondern eine Armee – daß das alles schon Rhein bedeutet.

Das ist das Land, von dem es heißt, daß die Geschosse des letzten Krieges jeweils die Geschosse des vorletzten aus der Erde wühlen. Diese Hügel sind keine Gebirge. Jedes Kind kann sonntags zu Kaffee und Streuselkuchen seine Verwandten im jenseitigen Dorf besuchen und zum Abendläuten zurück sein. Doch diese Hügelkette war lange der Rand der Welt – jenseits begann die Wildnis, das unbekannte Land. Diese Hügel entlang zogen die Römer den Limes. So viele Geschlechter waren verblutet, seitdem sie die Sonnenaltäre der Kelten hier auf den Hügeln verbrannt hatten, so viele Kämpfe durchgekämpft, daß sie jetzt glauben konnten, die besitzbare Welt sei endgültig umzäunt und gerodet. Aber nicht den Adler und nicht das Kreuz hat die Stadt dort unten im Wappen behalten, sondern das keltische Sonnenrad, die Sonne, die Marnets Äpfel reift. Hier lagerten die Legionen und mit ihnen alle Götter der Welt, städtische und bäuerliche, Judengott und Christengott, Astarte und Isis, Mithras und Orpheus. Hier riß die Wildnis, da, wo jetzt Ernst aus Schmiedtheim bei den Schafen steht, ein Bein vorgestellt, einen Arm in der Hüfte, und ein Zipfelchen seines Schals steht stracks ab, als wehe beständig ein Wind. In dem Tal in seinem Rücken, in der weichen verdunsteten Sonne, sind die Völker gargekocht worden. Norden und Süden, Osten und Westen haben ineinandergebrodelt, aber das Land wurde nichts von alledem und behielt doch von allem etwas. Reiche wie farbige Blasen sind aus dem Land im Rücken des Schäfers Ernst herausgestiegen und fast sofort zerplatzt. Sie hinterließen keinen Limes und keine Triumphbögen und keine Heerstraßen, nur ein paar zersprungene Goldbänder von den Fußknöcheln ihrer Frauen. Aber sie waren so zäh und unausrottbar wie Träume. Und so stolz steht der Schäfer da, so vollkommen gleichmütig, als wüßte er all das und stünde nur darum so da, und vielleicht, wenn er auch nichts davon weiß, steht er wirklich darum so da. Dort, wo die Chaussee in die Autobahn mündet, wurde das Frankenheer gesammelt, als man den Übergang über den Main suchte. Hier ritt der Mönch herauf zwischen Mangolds und Marnets Gehöft, hinein in vollkommene Wildnis, die von hier aus noch keiner betreten hatte, ein zarter Mann auf einem Eselchen, die Brust geschützt mit dem Panzer des Glaubens, gegürtet mit dem Schwert des Heils, und er brachte die Evangelien und die Kunst, Äpfel zu okulieren.

Ernst der Schäfer drehte sich nach dem Radfahrer um. Sein Halstuch wird ihm schon zu heiß, er reißt es ab und wirft es auf das Stoppelfeld wie ein Feldzeichen. Man könnte glauben, das sei eine Geste vor tausend Augenpaaren. Aber nur sein Hündchen Nelli sieht ihn an. Er nimmt seine unnachahmbar spöttisch-hochmütige Haltung wieder auf, aber jetzt mit dem Rücken zur Straße, mit dem Gesicht zur Ebene, dahin, wo der Main in den Rhein fließt. Bei der Mündung liegt Mainz. Das stellte dem Heiligen Römischen Reich die Erzkanzler. Und das flache Land zwischen Mainz und Worms, das ganze Ufer war bedeckt von den Zeltlagern der Kaiserwahlen. Jedes Jahr geschah etwas Neues in diesem Land und jedes Jahr dasselbe: daß die Äpfel reiften und der Wein bei einer sanften vernebelten Sonne und den Mühen und Sorgen der Menschen. Denn den Wein brauchten alle für alles, die Bischöfe und Grundbesitzer, um ihren Kaiser zu wählen, die Mönche und Ritter, um ihre Orden zu gründen, die Kreuzfahrer, um Juden zu verbrennen, vierhundert auf einmal auf dem Platz in Mainz, der noch heute der Brand heißt, die geistlichen und weltlichen Kurfürsten, als das Heilige Reich zerfallen war, aber die Feste der Großen lustig wie nie wurden, die Jakobiner, um die Freiheitsbäume zu umtanzen.

Zwanzig Jahre später stand auf der Mainzer Schiffsbrücke ein alter Soldat Posten. Wie sie an ihm vorüberzogen, die Letzten der Großen Armee, zerlumpt und düster, da fiel ihm ein, wie er hier Posten gestanden hatte, als sie eingezogen waren mit den Trikoloren und mit den Menschenrechten, und er weinte laut auf. Auch dieser Posten wurde zurückgezogen. Es wurde stiller, selbst hierzuland. Auch hierher kamen die Jahre 33 und 48, dünn und bitter, zwei Fädchen geronnenes Blut. Dann kam wieder ein Reich, das man heute das Zweite nennt. Bismarck ließ seine inneren Grenzpfähle ziehen, nicht um das Land herum, sondern quer durch, daß die Preußen ein Stück ins Schlepptau bekamen. Denn die Bewohner waren zwar nicht gerade rebellisch, sie waren nur allzu gleichgültig wie Leute, die allerhand erlebt haben und noch erleben werden.

War es wirklich die Schlacht von Verdun, die die Schulbuben hörten, wenn sie sich hinter Zahlbach auf die Erde legten, oder nur das fortwährende Zittern der Erde unter den Eisenbahnzügen und Märschen der Armeen? Manche von diesen Buben standen später vor den Gerichten. Manche, weil sie sich mit den Soldaten der Okkupationsarmee verbrüdert, manche, weil sie ihnen unter die Schienen Lunten gelegt hatten. Auf dem Gerichtsgebäude wehten die Fahnen der Interalliierten Kommission.

Daß man die Fahnen eingeholt hat und gegen die schwarzrotgoldene vertauscht, die das Reich damals noch hatte, das ist noch längst keine zehn Jahre her. Selbst die Kinder haben sich neulich daran erinnert, als das hundertvierundvierzigste Infanterie-Regiment zum erstenmal wieder mit klingendem Spiel über die Brücke zog. War das abends ein Feuerwerk! Ernst konnte es hier oben sehen. Brennende, johlende Stadt hinter dem Fluß! Tausende Hakenkreuzelchen, die sich im Wasser kringelten! Wie die Flämmchen darüberhexten! Als der Strom morgens hinter der Eisenbahnbrücke die Stadt zurückließ, war sein stilles bläuliches Grau doch unvermischt. Wie viele Feldzeichen hat er schon durchgespült, wie viele Fahnen. Ernst pfeift seinem Hündchen, das ihm das Halstuch zwischen den Zähnen bringt.

Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht uns.

II

Wo der Feldweg in die Wiesbadener Chaussee einmündete, stand ein Selterwasserhäuschen. Franz Marnets Verwandte hatten sich jeden Sommerabend geärgert, daß sie das Häuschen nicht rechtzeitig gepachtet hatten, das durch den großen Verkehr eine wahre Goldgrube geworden war.

Franz war früh von zu Hause abgefahren, weil er am liebsten allein fuhr und nicht gern in das dicke Rudel Radfahrer geriet, das aus den Taunusdörfern jeden Morgen nach den Höchster Farbwerken fuhr. Darum verdroß es ihn etwas, daß einer seiner Bekannten, Anton Greiner aus Butzbach, an dem Selterwasserhäuschen auf ihn wartete.

Sofort war die starke, einfache Lebensfreude aus seinem Gesicht verschwunden. Es wurde gleichsam eng und trocken. Denselben Franz, der vielleicht bereit war, sein ganzes Leben ohne Wenn und Aber herzugeben, verdroß es auch, daß Anton Greiner nie an diesem Häuschen vorbeifahren konnte, ohne etwas springen zu lassen, da er ein nettes, treues Mädel in Höchst hatte, dem er nachher das Schokoladentäfelchen oder das Tütchen Drops zustecken würde. Greiner stand schräg, so daß er den Feldweg im Auge hatte. Was ist denn heut mit ihm los? dachte Franz, der mit der Zeit ein feines Gefühl für den Ausdruck von Gesichtern bekommen hatte. Er merkte jetzt, daß ihn Greiner aus einem bestimmten Grund ungeduldig erwartete. Greiner sprang auf sein Rad und schloß sich Franz an. Sie eilten sich, um nicht in das Rudel hineinzukommen, das immer dichter wurde, je mehr es bergab ging.

Greiner sagte: »Du, Marnet, heut früh ist was passiert.«

»Wo? Was?« sagte Franz. Immer, wenn man bei ihm Überraschung vermutete, bekam sein Gesicht einen Ausdruck schläfriger Gleichgültigkeit.

»Marnet«, sagte Greiner. »Heut früh muß was passiert sein.«

»Was schon?«

»Weiß ich doch nicht«, sagte Greiner, »aber passiert ist sicher was.«

Franz sagte: »Ach, du spinnst. Was soll denn schon passiert sein, so früh am Tag.«

»Weiß ich doch nicht, was. Aber wenn ich’s dir sag, kannst du Gift darauf nehmen. Etwas ganz Verrücktes muß passiert sein. So was wie am 30. Juni.«

»Ach, du spinnst ja –«

Franz starrte geradeaus. Wie der Nebel da unten noch dick war! Rasch kam ihnen die Ebene entgegen mit Fabriken und Straßen. Um sie herum ein Gefluch und Geklingel. – Einmal wurden sie in zwei Rudel auseinandergerissen, motorisierte SS, Heinrich und Friedrich Messer aus Butzbach, Greiners Vettern, die auch zur Schicht fuhren.

»Nehmen die dich nicht mit?« fragte Franz, als sei er auf Antons Bericht nicht weiter neugierig.

»Dürfen die gar nicht, die haben nachher Dienst. Also, du meinst, ich spinne –«

»Aber wieso kommst du denn drauf –«

»Weil ich spinne. Also: Meine Mutter, die muß doch heut wegen der Erbschaft nach Frankfurt zum Rechtsanwalt. Und da ist sie mit ihrer Milch zur Kobisch rüber, weil sie zur Milchablieferung nicht dasein kann. Und der junge Kobisch, der war gestern in Mainz, da bestellt er selbst seinen Wein für die Wirtschaft. Da haben sie gesoffen, und es ist spät geworden, und er hat erst heut ganz früh heimgemacht, da ist er nicht durchgelassen worden bei Gustavsburg.«

»Ach, Anton.«

»Was? Ach?«

»Da ist doch längst gesperrt, bei Gustavsburg.«

»Franz, der Kobisch ist doch nicht auf den Kopf gefallen. Da wär eine scharfe Kontrolle gewesen, hat der Kobisch gesagt, und Posten auf den Brückenköpfen und dabei ein Nebel. Bevor ich da einen anremple, hat der Kobisch gesagt, und man macht mir die Blutprobe und ich hab Alkohol und adjö mein Führerschein, da setz ich mich lieber zurück ins Goldne Lämmchen in Waisenau und trink noch einen Schoppen.«

Marnet lachte.

»Franz, lach nur. Meinst du, sie hätten ihn zurückgelassen nach Waisenau? Die Brücke war gesperrt. Wenn ich’s dir sag, Franz, etwas liegt in der Luft.«

Sie hatten die Abfahrt hinter sich. Rechts und links war die Ebene kahl bis auf die Rübenfelder. Was sollte in der Luft liegen? Nichts als der goldne Sonnenstaub, der über den Häusern von Höchst ergraute und zu Asche wurde. Franz kam es trotzdem vor, ja, er wußte plötzlich, daß Anton Greiner recht hatte. Etwas lag in der Luft.

Sie klingelten sich durch die engen vollen Straßen. Die Mädchen kreischten und schimpften. An den Straßenkreuzungen, an den Werkeingängen gab es einzelne Karbidlampen, die man zufällig heut, vielleicht wegen des Nebels, zum erstenmal ausprobierte. Ihr hartes und weißes Licht vergipste alle Gesichter. Franz streifte ein Mädchen, das wütend knurrte und den Kopf nach ihm drehte. Es hatte über das linke, dünne, durch einen Unfall entstellte Auge ein Haarbüschel gezogen, sehr in Eile, denn wie ein Fähnchen bezeichnete dieses Haarbüschel die Wunde, anstatt sie zu verdecken. Ihr gesundes, fast schwarzes Auge traf eine Sekunde lang Marnets Gesicht und wurde ein wenig starr. Ihm war es, sie hätte mit einem Blick tief in ihn hineingesehen, bis zu der Stelle, die er sogar vor sich selber verschloß. Und das Gehupe der Feuerwehr auf der Mainseite, das verrückte grelle Karbidlicht, das Geschimpfe der Menschen, die ein Lastauto gegen die Mauer quetschte, war er an all das noch immer nicht gewöhnt, oder war es heut anders als sonst? Er suchte nach einem Wort oder einem Blick, den er danach auslegen konnte. Er war vom Fahrrad abgestiegen und schob es. Er hatte im Gedränge längst beide verloren. Greiner und das Mädchen.

Greiner stieß noch einmal zu ihm. »Drüben bei Oppenheim«, sagte ihm Greiner über die Schulter; er mußte sich dabei so stark seitlich beugen, daß ihm das Rad fast weggerissen wurde. Sie hatten weit auseinanderliegende Eingänge. War die erste Kontrollstelle passiert, dann konnten sie sich auf Stunden nicht wiedersehen.

Marnet witterte und lauerte, aber weder im Umkleideraum noch im Hof, noch auf der Treppe konnte er irgendeine Spur, irgendein noch so geringes Zeichen einer anderen Erregung finden als der gewöhnlichen alltäglichen, zwischen dem zweiten und dritten Sirenenzeichen, nur daß es etwas unordentlicher herging, etwas mehr krakeelt wurde – wie jeden Montagmorgen. Franz selbst, während er ganz verzweifelt nach einem noch so geringen Anzeichen einer noch so verschütteten Unruhe suchte, zwischen den Worten und selbst in den Augen, schimpfte genauso wie alle andern, stellte dieselben Fragen nach dem vergangenen Sonntag, machte dieselben Witze, dieselben zornigen harten Griffe beim Umkleiden. Wenn ihn jetzt jemand belauert hätte mit der gleichen Beharrlichkeit wie er die anderen, dieser andere wäre genauso enttäuscht über Franz gewesen. Franz bekam sogar einen Stich von Haß gegen alle diese Menschen, die überhaupt nicht merkten, daß irgend etwas in der Luft lag, oder es gar nicht merken wollten. War überhaupt etwas geschehen? Greiners Erzählungen waren meistens das reine Getratsche. Falls ihn sein Vetter Messer nicht anhielt, bei ihm, Franz, herumzuschnüffeln. Hat er mir denn was anmerken können, dachte Franz. Was hat er denn überhaupt erzählt? Tratsch und nochmals Tratsch. Daß dieser Kobisch sich beim Weinhandel angesoffen hat.

Mit dem letzten Sirenenzeichen rissen seine Gedanken ab. Da er erst kurz im Betrieb war, empfand er immer noch vor dem Arbeitsbeginn eine große Gespanntheit, fast Angst. Und das Anschnurren der Riemen zitterte ihm bis in die Haarwurzeln. Jetzt hatte der Riemen schon sein helles endgültiges Surren. Franz hatte seinen ersten, zweiten, fünfzigsten Griff längst hinter sich, sein Hemd war durchgeschwitzt. Er atmete leicht auf. Seine Gedanken verknüpften sich wieder, wenn auch nur locker, weil er haargenau ausstanzte. Franz hätte nie anders gekonnt als genau arbeiten, mochte auch der Teufel sein Arbeitgeber sein.

Sie waren hier oben fünfundzwanzig. Wartete Franz auch hier in der Stanzerei gequält auf ein Zeichen von Erregung, es hätte ihn seiner Natur gemäß doch auch heute verdrossen, wenn von seinen Schablonen eine ungenau ausgefallen wäre. Nicht nur wegen der Beanstandung, die ihm schaden konnte, sondern einfach wegen der Schablonen selbst, die genau sein mußten, selbst heute. Dabei dachte er: Oppenheim hat der Anton gesagt, das ist doch das Städtchen zwischen Mainz und Worms. Was soll denn ausgerechnet dort Besonderes passieren?

Fritz Messer, der Vetter Anton Greiners, zugleich hier oben sein Vorarbeiter, trat kurz neben ihn, trat zum nächsten. Wenn er sein Motorrad eingestellt, seine Tracht im Spind hatte, war er ein Stanzer unter Stanzern. Bis auf den vielleicht auch nur für Franz spürbaren Beiklang in seiner Stimme, als er Weigand rief. Weigand war ein älteres, haariges Männchen, mit dem Spitznamen Holzklötzchen. Jetzt war es gut, daß sein Stimmchen so hell und dünn schnurrte wie der Riemen. Wie es den Abfallstaub aufsaugte, sagte es, ohne den Mund zu bewegen: »Weißt du schon, im KZ? In Westhofen.« Franz sah von oben herunter in den klaren, fast reinen Augen des Holzklötzchens jene winzigen hellen Pünktchen, auf die er so furchtbar gewartet hatte: als brenne tief innen im Menschen ein Feuer und als sprühten nur die letzten Fünkchen aus den Augen heraus. Franz dachte: endlich. Das Holzklötzchen war schon beim nächsten.

Franz verschob behutsam sein Stück, setzte auf den markierten Strich an, drückte den Hebel herunter, noch mal, noch mal und noch mal, endlich, endlich und noch mal endlich. Wenn er nur jetzt einfach weglaufen könnte zu seinem Freund Hermann. Plötzlich setzten seine Gedanken wieder ab. Irgend etwas an dieser Nachricht ging ihn noch ganz besonders an. Irgend etwas, was in der Nachricht enthalten war, wühlte ihn ganz besonders auf, hatte sich in ihm festgehakt und nagte, ohne daß er noch wußte, warum und was. Also ein Lageraufstand, sagte er sich, vielleicht ein ganz großer Ausbruch. Da fiel ihm ein, was ihn daran besonders betraf: Georg – Was für ein Unsinn, dachte er fast sofort, bei einer solchen Nachricht an Georg zu denken. Georg war vielleicht nicht mehr dort. Oder, was ebenso möglich war, er war tot. Aber in seine eigne Stimme mischte sich Georgs Stimme, von fern und spöttisch: Nein, Franz, wenn was passiert in Westhofen, dann bin ich nicht tot.

Er hatte wirklich die letzten Jahre geglaubt, an Georg zu denken wie an alle übrigen Gefangenen! Wie an irgendeinen von tausend, an die man mit Wut und Trauer denkt. Er hatte wirklich geglaubt, ihn und Georg verknüpfe längst schon nichts anderes mehr als das feste Band einer gemeinsamen Sache, einer unter den Sternen der gleichen Hoffnung verbrachten Jugend. Nicht mehr das andre, schmerzhafte, tief ins Fleisch einschneidende Band, an dem sie beide damals gezerrt hatten. Diese alten Geschichten seien vergessen, hatte er sich fest eingebildet. Georg war doch ein anderer geworden, wie auch er, Franz, ein anderer geworden war – Er erwischte auf eine Sekunde das Gesicht seines Nebenmanns. Hatte das Holzklötzchen dem auch etwas gesagt? War es denn möglich, daß der dann noch weiterstanzte, behutsam Stück für Stück einlegte? Wenn dort wirklich etwas geschehen ist, dachte Franz, dann ist der Georg dabei. Und dann dachte er wieder: wahrscheinlich ist überhaupt nichts geschehen, und auch das Holzklötzchen hat nur gequatscht.

Als er in der Mittagspause in die Kantine kam und sich sein Helles bestellte (denn er aß nur abends mit seinen Verwandten warm, von denen er Brot und Wurst und Schmalz für den Mittag bezog, weil er sich einen Anzug zusammensparen wollte nach der langen Arbeitslosigkeit; aber auf wie lange mochte ihm denn vergönnt sein, diesen Anzug überhaupt zu tragen, und wenn es langte, eine Jacke mit Reißverschluß), da hieß es an der Theke: Das Holzklötzchen ist verhaftet. Einer sagte: »Wegen gestern. Da war es stark besoffen und hat allerhand zum besten gegeben –« Nein, deshalb nicht, hieß es, es muß etwas andres sein – Was andres? Franz zahlte und lehnte sich gegen die Theke. Weil plötzlich alle ein wenig leiser sprachen, gab es ein sonderbares Gezisch: Holzklötzchen, Holzklötzchen – »Hat sich die Zunge verbrannt«, sagte jemand zu Franz, sein Nebenmann Felix, ein Freund Messers. Er sah Franz scharf an. Auf seinem regelmäßigen, beinahe schönen Gesicht lag ein Ausdruck von Belustigung. Seine starken blauen Augen waren für ein junges Gesicht zu kalt. »Woran verbrannt?« fragte Franz. Felix zuckte mit Schultern und Brauen, er sah aus, als unterdrücke er ein Lachen. Wenn ich nur jetzt sofort zu Hermann könnte, dachte Franz wieder. Aber es gab keine Möglichkeit, Hermann vor Abend zu sprechen. Plötzlich entdeckte er Anton Greiner, der sich zur Theke durchzwängte. Anton mußte sich unter irgendeinem Vorwand eine Passagiergenehmigung verschafft haben, weil er sonst gar nicht in diesen Bau, nicht einmal in die Kantine hereinkam. Warum sucht er immer gerade mich, dachte Franz, warum will er immer gerade bei mir erzählen?

Anton faßte ihn an den Arm, ließ aber sofort wieder los, als ob in dieser Bewegung etwas Auffälliges liege, stellte sich zu Felix und goß sein Helles herunter. Dann kam er zu Franz zurück. Er hat doch brave Augen, dachte Franz. Vielleicht ist er ein bißchen beschränkt, aber doch aufrichtig. Und zu mir zieht es ihn, wie es mich zum Hermann zieht – Anton faßte Franz untern Arm und erzählte, wobei ihm der Schluß der Mittagspause, der allgemeine Aufbruch zustatten kam: »Drüben am Rhein in Westhofen sind welche durchgegangen, eine Art Strafkolonne. Mein Vetter erfährt das doch. Und sie sollen die meisten schon wieder geschnappt haben. Das ist alles.«

III

Wie lange er auch über die Flucht gegrübelt hatte, allein und mit Wallau, wie viele winzige Einzelheiten er auch erwogen hatte und auch den gewaltigen Ablauf eines neuen Daseins, in den ersten Minuten nach der Flucht war er nur ein Tier, das in die Wildnis ausbricht, die sein Leben ist, und Blut und Haare kleben noch an der Falle. Das Geheul der Sirenen drang seit der Entdeckung der Flucht kilometerweit über das Land und weckte ringsum die kleinen Dörfer, die der dicke Herbstnebel einwickelte. Dieser Nebel dämpfte alles, sogar die mächtigen Scheinwerfer, die sonst die schwärzeste Nacht aufgeblendet hatten. Jetzt gegen sechs Uhr früh erstickten sie in dem watteartigen Nebel, den sie kaum gelblich färbten.

Georg duckte sich tiefer, obwohl der Boden unter ihm nachgab. Er konnte versinken, bevor er von dieser Stelle wegdurfte. Das dürre Gestrüpp sträubte sich ihm in den Fingern, die blutlos geworden waren und glitschig und eiskalt. Ihm schien es, als sänke er rascher und tiefer, er hätte nach seinem Gefühl bereits verschluckt sein müssen. Obwohl er geflohen war, um dem sichern Tod zu entrinnen – kein Zweifel, daß sie ihn und die andern sechs in den nächsten Tagen zugrunde gerichtet hätten –, erschien ihm der Tod im Sumpf ganz einfach und ohne Schrecken. Als sei er ein andrer Tod als der, vor dem er geflohen war, ein Tod in der Wildnis, ganz frei, nicht von Menschenhand.

Zwei Meter über ihm auf dem Weidendamm rannten die Posten mit den Hunden. Hunde und Posten waren besessen von dem Sirenengeheul und dem dicken nassen Nebel. Georgs Haare sträubten sich und die Härchen auf seiner Haut. Er hörte jemand so nahe fluchen, daß er sogar die Stimme erkannte: Mannsfeld. Der Schlag mit dem Spaten, den ihm vorhin Wallau über den Kopf gegeben hatte, tat ihm also schon nicht mehr weh. Georg ließ das Gestrüpp los. Er rutschte noch tiefer. Jetzt kam er überhaupt erst mit beiden Füßen auf den Vorsprung, der einem an dieser Stelle Halt gab. Das hatte er damals auch gewußt, als er noch die Kraft gehabt hatte, alles mit Wallau vorauszuberechnen.

Plötzlich fing etwas Neues an. Erst einen Augenblick später merkte er, daß gar nichts angefangen hatte, sondern etwas aufgehört: die Sirene. Das war das Neue, die Stille, in der man die scharf voneinander abgesetzten Pfiffe hörte und die Kommandos vom Lager her und von der Außenbaracke. Die Posten über ihm liefen hinter den Hunden zum äußersten Ende des Weidendamms. Von der Außenbaracke laufen die Hunde gegen den Weidendamm, ein dünner Knall und dann noch einer, ein Aufklatschen, und das harte Gebell der Hunde schlägt über einem anderen dünnen Gebell zusammen, das gar nicht dagegen aufkam und gar kein Hund sein kann, aber auch keine menschliche Stimme, und wahrscheinlich hat der Mensch, den sie jetzt abschleppen, auch nichts Menschliches mehr an sich. Sicher Albert, dachte Georg. Es gibt einen Grad von Wirklichkeit, der einen glauben macht, daß man träume, obwohl man nie weniger geträumt hat. Den hätten sie, dachte Georg, wie man im Traum denkt, den hätten sie. Wirklich konnte das ja nicht sein, daß sie schon jetzt nur noch sechs waren.

Der Nebel war noch immer zum Schneiden dick. Zwei Lichtchen glänzten auf, weit jenseits der Landstraße – gleich hinter den Binsen, hätte man meinen können. Diese einzelnen scharfen Pünktchen drangen leichter durch den Nebel als die flächigen Scheinwerfer. Nach und nach gingen die Lichter an in den Bauernstuben, die Dörfer wachten auf. Bald war der Kreis aus Lichtchen geschlossen. So was kann es ja gar nicht geben, dachte Georg, das ist zusammengeträumt. Er hatte jetzt die größte Lust, in die Knie zu gehn. Wozu sich in die ganze Jagd einlassen? Eine Kniebeuge, und es gluckst, und alles ist fertig – Werd mal zuerst ruhig, hatte Wallau immer gesagt. Wahrscheinlich hockte Wallau gar nicht weit weg in irgendeinem Weidenbusch. Wenn das der Wallau einem gesagt hatte: werd mal zuerst ruhig – war man immer schon ruhig geworden.

Georg griff ins Gestrüpp. Er kroch langsam seitlich. Er war jetzt vielleicht noch sechs Meter von dem letzten Strunk weg. Plötzlich, in einer grellen, in nichts mehr traumhaften Einsicht, schüttelte ihn ein solcher Anfall von Angst, daß er einfach hängenblieb auf dem Außenabhang, den Bauch platt auf der Erde. Ebenso plötzlich war es vorbei, wie es gekommen war.

Er kroch bis zum Strunk. Die Sirene heulte zum zweitenmal los. Sie drang gewiß weit über das rechte Rheinufer. Georg drückte sein Gesicht in die Erde. Ruhig, ruhig, sagte ihm Wallau über die Schulter. Georg schnaufte mal, drehte den Kopf. Die Lichter waren schon alle ausgegangen. Der Nebel war zart geworden und durchsichtig, das reine Goldgespinst. Über die Landstraße sausten drei Motorradlampen, raketenartig. Das Geheul der Sirene schien anzuschwellen, obwohl es nur ständig ab- und zunahm, ein wildes Einbohren in alle Gehirne, stundenweit. Georg drückte sein Gesicht wieder in die Erde, weil sie über ihm auf dem Damm zurückliefen. Er schielte bloß aus den Augenwinkeln. Die Scheinwerfer hatten nichts mehr zum Greifen, sie wurden ganz matt im Tagesgrauen. Wenn nur jetzt nicht der Nebel gleich stieg. Auf einmal kletterten drei den äußern Abhang herunter. Sie waren keine zehn Meter weit. Georg erkannte wieder Mannsfelds Stimme. Er erkannte Ibst, an seinen Flüchen, nicht an der Stimme, die war vor Wut ganz dünn, eine Weiberstimme. Die dritte Stimme, erschreckend dicht – man konnte ihm, Georg, auf den Kopf treten –, war Meißners Stimme, die immer nachts in die Baracke kam, die einzelnen aufrief, ihn, Georg, zuletzt vor zwei Nächten. Auch jetzt schlug Meißner nach jedem Wort die Luft mit etwas Scharfem. Georg spürte das feine Windchen. Hier unten rum – gradaus – wird’s bald – dalli.

Ein zweiter Anfall von Angst, die Faust, die einem das Herz zusammendrückt. Jetzt nur kein Mensch sein, jetzt Wurzel schlagen, ein Weidenstamm unter Weidenstämmen, jetzt Rinde bekommen und Zweige statt Arme. Meißner stieg in das Gelände hinunter und fing wie verrückt zu brüllen an. Plötzlich brach er ab. Jetzt sieht er mich, dachte Georg. Er war auf einmal vollständig ruhig, keine Spur von Angst mehr, das ist das Ende, lebt alle wohl.

Meißner stieg tiefer hinunter zu den anderen. Sie wateten jetzt in dem Gelände herum zwischen Damm und Straße. Georg war für den Augenblick dadurch gerettet, daß er viel näher war, als sie glaubten. Wäre er einfach auf und davon, sie hätten ihn jetzt im Gelände geschnappt. Sonderbar genug, daß er sich also doch, wild und besinnungslos, eisern an seinen eigenen Plan gehalten hatte! Eigene Pläne, die man sich aufstellt in den schlaflosen Nächten, was sie für eine Macht behalten über die Stunde, wenn alles Planen zunichte wird; daß einem dann der Gedanke kommt, ein andrer hätte für einen geplant. Aber auch dieser andre war ich.

Die Sirene stockte zum zweitenmal. Georg kroch seitlich, rutschte mit einem Fuß aus. Eine Sumpfschwalbe erschrak so heftig, daß Georg vor Schreck das Gestrüpp losließ. Die Sumpfschwalbe zuckte in die Binsen hinein, das gab ein hartes Rascheln. Georg horchte, gewiß horchten jetzt alle. Warum muß man gerade ein Mensch sein, und wenn schon einer, warum gerade ich, Georg. Alle Binsen hatten sich wieder aufgestellt, niemand kam, schließlich war ja auch nichts geschehen, als daß ein Vogel im Sumpf herumgezuckt hatte. Georg kam trotzdem nicht weiter, wund die Knie, ausgeleiert die Arme. Plötzlich erblickte er im Gestrüpp Wallaus kleines, bleiches, spitznasiges Gesicht – Plötzlich war das Gestrüpp übersät mit Wallaugesichtern.

Das ging vorbei. Er wurde fast ruhig. Er dachte kalt: Wallau und Füllgrabe und ich kommen durch. Wir drei sind die besten. Beutler haben sie. Belloni kommt vielleicht auch durch. Aldinger ist zu alt. Pelzer ist zu weich. Als er sich jetzt auf den Rücken drehte, war es schon Tag. Der Nebel war gestiegen. Goldnes kühles Herbstlicht lag über dem Land, das man hätte friedlich nennen können. Georg erkannte jetzt etwa zwanzig Meter weg die zwei großen flachen, an den Rändern weißen Steine. Vor dem Krieg war der Damm einmal der Fahrweg für ein entlegenes Gehöft gewesen, das längst abgerissen war oder abgebrannt. Damals hatte man vielleicht das Gelände angestochen, das inzwischen längst versoffen war, samt den Abkürzungswegen zwischen Damm und Landstraße. Damals hatte man wohl auch die Steine vom Rhein heraufgeschleppt. Zwischen den Steinen gab es noch feste Krumen, längst hatten sich die Binsen darübergestellt. Eine Art Hohlweg war entstanden, den man auf dem Bauch durchkriechen konnte.

Die paar Meter bis zu dem ersten grauen, weiß geränderten Stein waren das böseste Stück, fast ungedeckt. Georg biß sich in dem Gestrüpp fest, ließ erst mit einer Hand los, dann mit der andern. Wie die Zweige zurückschnellten, gab es ein feines Schürfen, ein Vogel zuckte auf, vielleicht schon wieder derselbe.

Wie er dann in den Binsen hockte auf dem zweiten Stein, war’s ihm zumut, als sei er plötzlich dorthin geraten und ungeheuer rasch, wie mit Engelsflügeln. Hätte er nur jetzt nicht so gefroren.

IV

Daß diese unerträgliche Wirklichkeit ein Traum sein müsse, aus dem man alsbald erwache, ja, daß dieser ganze Spuk nicht einmal ein schlechter Traum sei, sondern nur die Erinnerung an einen schlechten Traum, dieses Gefühl beherrschte Fahrenberg, den Lagerkommandanten, lange nachdem ihm die Meldung schon erstattet war. Fahrenberg hatte zwar scheinbar kaltblütig alle Maßnahmen getroffen, die eine solche Meldung erforderte. Aber eigentlich war es nicht Fahrenberg gewesen, denn auch der furchtbarste Traum erfordert keine Maßnahmen, sondern irgendein andrer hatte sie für ihn ausgeknobelt, für einen Fall, der nie eintreten durfte.

Als die Sirene eine Sekunde nach seinem Befehl losheulte, trat er vorsichtig über eine elektrische Verlängerungsschnur –

ein Traumhindernis – weg, ans Fenster. Warum heulte die Sirene? Draußen vor dem Fenster war nichts: die rechte Aussicht für eine nicht vorhandene Zeit.

Kein Gedanke daran, daß dieses Nichts immerhin etwas war: dicker Nebel.

Fahrenberg wachte dadurch auf, daß Bunsen an einer der Schnüre hängenblieb, die aus dem Büroraum in den Schlafraum gezogen waren. Er fing plötzlich zu brüllen an, selbstverständlich nicht gegen Bunsen, sondern gegen Zillich, der gerade Meldung erstattet hatte. Aber noch brüllte Fahrenberg nicht, weil er die Meldung verstand, die Flucht von sieben Schutzhäftlingen auf einmal, sondern um einen Alpdruck loszuwerden. Bunsen, ein ein Meter fünfundachtzig hoher, an Gesicht und Wuchs auffällig schöner Mensch, drehte sich nochmals um, sagte: »Entschuldigen«, und bückte sich, um den Stöpsel wieder in die Kontaktbüchse zu stecken. Fahrenberg hatte eine gewisse Vorliebe für elektrische Leitungen und Telefonanlagen. In diesen beiden Räumen gab es eine Menge Drähte und auswechselbare Kontakte und auch häufig Reparaturen und Montagen. Zufällig war die letzte Woche ein Schutzhäftling namens Dietrich aus Fulda entlassen worden, Elektrotechniker von Beruf, gerade nach Fertigstellung der neuen Anlage, die sich nachher als ziemlich vertrackt erwies. Bunsen wartete, nur in den Augen unverkennbare, aber in keinerlei Mienenspiel nachweisbare Belustigung, bis sich Fahrenberg ausgebrüllt hatte. Dann ging er. Fahrenberg und Zillich blieben allein –

Bunsen zündete sich auf der äußeren Schwelle eine Zigarette an, machte aber bloß einen einzigen Zug, dann schmiß er sie weg. Er hatte Nachturlaub gehabt, eigentlich ging sein Urlaub erst in einer halben Stunde zu Ende, sein zukünftiger Schwager hatte ihn mit dem Auto aus Wiesbaden herübergebracht.

Zwischen der Kommandantenbaracke, einem festen Gebäude aus Ziegelsteinen, und der Baracke III, auf deren Längsseite ein paar Platanen gepflanzt waren, lag eine Art Platz, den sie unter sich den Tanzplatz nannten. Hier im Freien bohrte sich einem die Sirene erst richtig ins Hirn. Blöder Nebel, dachte Bunsen.

Seine Leute waren angetreten. »Braunewell! Nageln Sie die Karte an den Baum da. Also: Beitreten! Herhören!« Bunsen schlug die Zirkelspitze in den roten Punkt »Lager Westhofen«. Er beschrieb drei konzentrische Kreise. »Jetzt ist es sechs Uhr fünf. Fünf Uhr fünfundvierzig war der Ausbruch. Bis sechs Uhr zwanzig kann ein Mensch bei äußerster Geschwindigkeit bis zu diesem Punkt kommen. Steckt also jetzt vermutlich zwischen diesem und diesem Kreis. Also – Braunewell! Abriegeln die Straße zwischen den Dörfern Botzenbach und Oberreichenbach. Meiling! Abriegeln zwischen Unterreichenbach und Kalheim. Nichts durchlassen! Untereinander Verbindung halten und mit mir. Durchkämmen können wir nicht. Verstärkung wird erst in fünfzehn Minuten dasein. – Willich! Unser äußerster Kreis berührt an dieser Stelle das rechte Rheinufer. Also: abriegeln das Stück zwischen Fähre und Liebacher Au. Diesen Schnittpunkt besetzen! Fähre besetzen! Posten auf die Liebacher Au!«

Noch war der Nebel so dick, daß die Ziffern auf seiner Armbanduhr leuchteten. Er hörte schon das Hupen der motorisierten SS, die das Lager verlassen hatte. Jetzt war die Reichenbacher Straße gesperrt. Er trat dicht vor die Karte. Jetzt stand der Posten schon auf der Liebacher Au. Was man tun konnte für die ersten Minuten, war getan. Fahrenberg hatte inzwischen die Meldung an die Zentrale durchgegeben. Unbequem mußte dem Alten jetzt die Haut sitzen, dem Eroberer von Seeligenstadt. Seine eigne dagegen – Bunsen spürte, wie gut sie ihm saß, seine Haut, wie auf Maß gemacht vom Schneidermeister Herrgott! Und das Glück wieder! Die Schweinerei passiert während seiner Abwesenheit, aber er kommt ein klein wenig zu früh, gerade recht, um mitzumachen. Er horchte durch das Sirenengejaul nach der Kommandantenbaracke, ob der Alte seine zweite Portion Wut ausgetobt hatte.

Zillich war mit seinem Herrn allein. Er behielt ihn im Auge, während er am Telefon herumstöpselte – direkter Anschluß an die Zentrale. Diesen verdammten Dietrich aus Fulda sollte man morgen wieder einsperren für diese Sudelarbeit. Zillich hatte die wachste Empfindung, wie die Zeit vertan wurde durch dieses idiotische Gestöpsel. Kostbare Sekunden, in denen sich sieben Pünktchen immer weiter und rascher entfernten, in eine uneinholbare Unendlichkeit. Schließlich kam die Zentrale, und er erstattete seine Meldung. Fahrenberg hörte sie daher in zehn Minuten zum zweitenmal. Sein Gesicht behielt zwar den Ausdruck unbestechlicher Härte, der ihm längst aufgezwungen war, obwohl dazu Nase und Kinn etwas zu kurz waren, aber der Unterkiefer rutschte ab. Gott, der ihm jetzt auch in den Sinn kam, konnte unmöglich zulassen, daß diese Meldung wahr sei, sieben Häftlinge aus seinem Lager auf einmal entflohen. Er starrte Zillich an, der ihm mit einem schweren finsteren Blick erwiderte, voll Reue und Trauer und Schuldbewußtsein. Denn Fahrenberg war der erste Mensch gewesen, der ihm vollkommen vertraute. Zillich wunderte sich nicht, daß einem immer dann etwas in die Quere kam, wenn es aufwärtsging. Hatte er nicht noch im November 1918 diesen ekelhaften Schuß bekommen? War ihm nicht sein Hof zwangsversteigert worden, einen Monat bevor das neue Gesetz herauskam? Hatte ihn nicht das Weibsstück damals wiedererkannt und ihn ein halbes Jahr nach der Stecherei ins Kittchen gebracht? Zwei Jahre lang hatte ihm Fahrenberg hier Vertrauen geschenkt bei dem, was sie unter sich Abrahmen nannten – die Zusammenstellung der Strafkolonne aus ausgesuchten Häftlingen und die Auswahl der Begleitmannschaft.

Auf einmal läutete der Wecker, den Fahrenberg nach alter Gewohnheit auf dem Stuhl neben seinem Feldbett stehen hatte: sechs Uhr fünfzehn. Jetzt hätte Fahrenberg aufstehn sollen und Bunsen sich zurückmelden. Der gewöhnliche Tag hätte beginnen sollen, Fahrenbergs gewöhnlicher Tag, das Kommando über Westhofen.

Fahrenberg fuhr zusammen. Er zog den Unterkiefer ein. Dann zog er sich mit ein paar kurzen Griffen fertig an. Er fuhr mit der feuchten Bürste über sein Haar, er putzte sich die Zähne. Er trat neben Zillich, sah auf den schweren Nacken herunter und sagte: »Die kriegen wir rasch wieder.« Zillich erwiderte: »Jawohl, Herr Kommandant!« Dann sagte er: »Herr Kommandant – –« Er machte ein paar Vorschläge, im großen ganzen dieselben, die nachher durch die Gestapo ausgeführt wurden, als kein Mensch mehr an Zillich dachte. Seine Vorschläge zeigten überhaupt einen klaren und scharfen Verstand.

Auf einmal unterbrach sich Zillich, beide horchten. Weit draußen hörte man einen feinen dünnen, zunächst unerklärlichen Ton, der aber die Sirene übertönte und die Kommandos und das neue Scharren der Stiefel auf dem Tanzplatz. Zillich und Fahrenberg sahen sich in die Augen. »Fenster«, sagte Fahrenberg. Zillich öffnete, der Nebel kam in das Zimmer und dieser Ton. Fahrenberg horchte kurz hin, dann ging er hinaus, Zillich mit ihm, Bunsen wollte gerade die SA abtreten lassen, da entstand eine Unruhe. Man schleifte den Schutzhäftling Beutler gegen den Tanzplatz, den ersten eingefangenen Flüchtling.

Das letzte Stück vor der noch nicht abgetretenen Mannschaft rutschte er allein. Nicht auf den Knien, sondern seitlich, vielleicht weil er einen Tritt abbekommen hatte, so daß sein Gesicht nach oben gedreht war. Und als er jetzt unter ihm wegrutschte, merkte Bunsen, was es mit diesem Gesicht auf sich hatte. Es lachte nämlich. Wie der Eingebrachte jetzt dalag in seinem blutigen Kittel und mit Blut in den Ohren, schien er sich förmlich in einem stillen Lachen zu winden mit seinem großen blanken Gebiß.

Bunsen sah weg von diesem Gesicht auf Fahrenbergs Gesicht. Fahrenberg sah herunter auf Beutler. Er zog die Lippen von den Zähnen, so daß es einen Augenblick aussah, als ob sie einander anlachten. Bunsen kannte seinen Kommandanten, er wußte, was jetzt nachkam. In seinem eigenen jungen Gesicht ging das vor, was immer dann vorging, wenn er wußte, was jetzt kam. In Bunsens Gesicht, dem die Natur die Züge eines Drachentöters gegeben hatte oder eines gewappneten Erzengels, entstand, indem sich die Nasenflügel ein wenig blähten, die Mundwinkel ein wenig zuckten, die furchtbarste Verheerung.

Es kam aber jetzt zu gar nichts.

Von der Lagereinfahrt her wurden die Kriminalkommissare Overkamp und Fischer zur Kommandantenbaracke geleitet. Sie blieben beide stehen bei der Gruppe Bunsen-Fahrenberg-Zillich, sahen, was los war, sagten rasch was einer zum andern. Dann sagte Overkamp, ohne jemand ausdrücklich anzusprechen, mit ganz leiser Stimme, die aber vor Wut gepreßt klang und vor Anstrengung, diese Wut zu beherrschen: »Das soll die Einlieferung vorstellen? Gratuliere. Da könnt ihr schleunigst ein paar Spezialärzte herbeitrommeln, daß sie dem Mann da seine paar Nieren und Hoden und Ohren zusammenflicken, damit er uns noch mal vernehmungsfähig wird! Schlau, schlau, gratuliere.«

V

Jetzt war der Nebel so hoch gestiegen, daß er als niedriger flockiger Himmel über den Dächern und Bäumen stand. Und die Sonne hing matt und blieb wie eine Lampe in Mullvorhängen über der huppligen Dorfgasse von Westhofen.

Wenn bloß der Nebel nicht gleich steigt, dachten die einen, daß uns die Sonne nicht noch was versticht kurz vor der Lese. Wenn nur der Nebel rasch steigen wollte, dachten die andern, daß wir noch das fehlende Stichelchen abkriegen.

Solche Sorgen hatten in Westhofen selbst nicht viele. Sie waren kein Weindorf, sie waren ein Gurkendorf. – Etwas abseits an dem Weg, der von der Liebacher Au zur Landstraße führte, lag die Essigfabrik Frank. Hinter dem breiten, sauber ausgestochenen Graben lagen die Felder bis zum Fabrikweg. Weinessig und Senfe, Matthias Frank Söhne. Dieses Schild hatte ihm Wallau eingeprägt. Wenn Georg aus den Binsen heraus war, mußte er drei Meter ungedeckt weiterkriechen, dann im Graben, und zwar im linken Winkelarm längs der Felder.

Als er den Kopf aus den Binsen herausstreckte, stand der Nebel so hoch, daß er die Baumgruppe freigab hinter der Essigfabrik, und da Georg die Sonne im Rücken hatte, schien die Baumgruppe von selbst aufzuflammen in einem eignen jähen Feuer. Wie lange war er schon gekrochen? Sein Zeug glitschte mit der Erde zusammen. Könnte er einfach liegenbleiben, niemand würde ihn finden. Keine andre Unruhe würde um ihn entstehen als ein bißchen Krächzen und Flattern. Ein paar Wochen Geduld, dann deckt eine Kruste gefrorenen Schnees mühelos, was übrigbleibt. Siehst du, Wallau, wie einfach das ist, deinen tüfteligen Plan kaputtzumachen? Wallau hatte ja nicht geahnt, wie schwer sein Körper war, den er jetzt nachziehen mußte, die Ellenbogen gestemmt auf das ungedeckte Stück. Als ob er den ganzen Sumpf mitschleifte. Es pfiff von der Liebacher Au her. Es pfiff zurück, so erschreckend nah, daß Georg in die Erde biß. Krabbel! hatte ihm Wallau geraten, der ja den Krieg erlebt hatte und die Ruhrkämpfe und die Kämpfe in Mitteldeutschland und überhaupt alles, was zu erleben war. Daß du immer weiterkrabbelst, Georg. Nur nicht glaubst, daß du entdeckt bist. Viele sind erst dadurch entdeckt worden, daß sie sich eingebildet haben, sie wären’s schon, und dann irgendeinen Unsinn machten.

Georg sah zwischen den welken Stauden über den Grabenrand. So nah stand der Posten – wo der Weg über dem Gurkenfeld in die Landstraße mündete –, so bestürzend nah, daß Georg gar nicht erschrak, sondern in Wut geriet. So greifbar nah stand er da auf seinen zwei Beinen gegen die Ziegelmauer, daß es die größte Qual war, sich zu verstecken, anstatt gegen ihn anzuspringen. Langsam ging der Posten den Weg ab, an der Fabrik vorbei zur Liebacher Au – in seinem Rücken, in der grauen und braunen Unendlichkeit zwei glühende Augenpunkte. Georg dachte, der Posten müßte sich umdrehn nach dem mühlenartigen Geklapper, das sein Herz jetzt machte, wo es doch selbst in der Todesangst noch viel stiller schlug als ein Vogelflügel. Georg rutschte im Graben weiter, fast bis zur Wegstelle, wo der Posten noch eben gestanden hatte. Wallau hatte ihm noch erklärt, daß dort der Graben unter dem Weg durchführte. Ob und wie der Graben dann weiterlief, das hatte Wallau selbst nicht gewußt. An dieser Stelle hatte auch seine Voraussicht aufgehört. Georg kam sich erst jetzt vollkommen verlassen vor. Ruhig – nur noch das Wort blieb ihm im Ohr, der bloße Klang, ein Amulett aus Stimme. Dieser Graben, sagte er sich, läuft unter der Fabrik durch, wird den Abfluß aufnehmen. Er mußte abwarten, bis der Posten gedreht hatte. Jetzt blieb der Posten am Ufer stehn, pfiff. Von der Liebacher Au pfiff es zurück. Georg begriff jetzt den Abstand zwischen den Pfiffen, überhaupt begriff er jetzt viel. Jeder Punkt in seinem Gehirn war besetzt, jeder Muskel war angestrengt, jede Sekunde war ausgefüllt, ungemein dicht war das ganze Leben, atemlos und eng. Wie er dann in dem stinkigen, scharf riechenden Abfluß steckte, wurde ihm plötzlich flau, weil dieser Graben ja gar nichts war zum Durchkriechen, sondern bloß um darin zu ersticken. Und er wurde zugleich ganz rasend, weil er doch keine Ratte war und das kein Ort für ihn zum Abgehn. Da war es aber vor ihm schon nicht mehr pechschwarz, sondern ein Gewitter von Wasserkringelchen. Zum Glück war das Fabrikgelände nicht groß, vielleicht vierzig Meter breit. Wie er herauskam, jenseits der Mauer, stieg das Feld etwas an zur Landstraße, und ein Weg führte schräg hinauf. In dem Winkel zwischen Mauer und Feldweg gab es einen Abfallhaufen. Georg konnte nicht weiter, er mußte sich hinhocken und auskotzen.

Da kam ein alter Mann durch die Äcker, der hatte zwei Eimer an einem Strick über der Schulter, um beim Fabrikwart Hasenfutter zu holen, in Westhofen hieß er das Zimthütchen. Schon sechsmal war dieser alte Mann auf seinem kurzen Weg angehalten worden. Er hatte sich jedesmal ausgewiesen. Gottlieb Heidrich aus Westhofen, genannt das Zimthütchen. Also war wieder mal was passiert im KZ, dachte das Zimthütchen, wie es beim Heulen der Sirenen ganz langsam mit seinen Hasenfuttereimern über den Acker kam; so was wie im vorigen Sommer, als ihnen einer von diesen armen Teufeln ausrücken wollte, und sie haben ihn abgeknallt. Bloß die Sirene hatte noch fertiggeheult, wie er schon abgeknallt gewesen war. Früher war hier solcher Unfug nie gewesen. Daß sie einem grade das KZ vor die Nase pflanzen mußten. Allerdings, jetzt wurde etwas verdient hier in der Gegend, wo sonst ein Herumgekrusche gewesen war. Jedes bißchen erst auf den Markt fahren. Ob es denn wahr war, daß man später das Gelände in Pacht bekam, das all die armen Teufel dahinten ausbuddeln mußten, wo es kein Wunder war, daß sie ausrückten. Und der Pachtpreis sollte niedriger liegen als drüben in Liebach.

Das dachte das Zimthütchen, drehte sich aber nochmals um, weil es wissen wollte, aus welchem Grund dieser unglaublich verdreckte Mensch da am Feldweg hockte an einem Abfallhaufen. Wie es sah, daß er bloß kotzte, war es zufrieden, weil das ein Grund war.

Georg aber hatte das Zimthütchen gar nicht gesehen. Er ging weiter. Er hatte zuerst gegen Erlenbach gewollt, weitab vom Rhein. Jetzt wagte er nicht, die Chaussee zu überqueren. Er änderte also seinen Entschluß, wenn man das noch Entschluß nennen konnte, den äußersten unverrückbaren Zwang eines Augenblicks. Er trottete über den Acker mit eingezogenen Schultern, mit gesenktem Kopf, gefaßt auf Anruf, auf Schüsse. Er stieß mit der Fußspitze in die lockere Erde, gleich, gleich, mein Schatz. Sie werden rufen, dachte er, dann knallt es, und ganz gewaltig zog es ihn in den Knien, sich einfach niederzuwerfen. Dann fiel ihm ein: sie werden mir bloß in die Beine knallen, mich lebend abschleppen. Er schloß die Augen. Er spürte, vermischt mit dem kühlen feinen Morgenwind, ein Übermaß an Trauer, dem kein Mensch gewachsen ist. Er stolperte weiter, da stutzte er. Vor seinen Füßen auf dem Feldweg lag ein grünes Bändchen. Er starrte es an, als sei es soeben vom Himmel auf den Acker gefallen. Er hob es auf.

Da stand aus dem Acker gewachsen ein Kind vor ihm in einer Ärmelschürze, mit einem Scheitel. Sie starrten einander an. Das Kind sah weg von seinem Gesicht auf seine Hand. Er zog das Kind an seinem Zopf und gab ihm sein Band.

Da lief das Kind weg zu der alten Frau, seiner Großmutter, die plötzlich auch auf dem Weg stand. »Jetzt bekommst du nur noch Bindfädchen in den Zopf, ätsch«, sagte die alte Frau und lachte. Zu Georg sagte sie: »Der könnt man jeden Tag ein frisches Bändelchen an den Zopf binden.« – »Schneiden Sie ihr doch den Zopf ab«, sagte der. »Nee, nee«, sagte die alte Frau. Sie begann ihn zu mustern. Da rief das Zimthütchen von der Essigfabrik, die noch dicht hinter ihnen war: »Schublädchen!« So hieß nämlich die alte Frau bei allen Leuten in Westhofen, weil sie ihr Leben lang immer Krimskrams bei sich hatte, nützlichen und unnützen, was man gerade wollte, Heftpflaster und Bindfaden und Hustenbonbons. Jetzt fuchtelte sie mit ihrem dürren Arm über den Feldweg nach dem Zimthütchen hin, mit dem sie mal früher getanzt und den sie mal früher beinahe geheiratet hatte, und um ihren zahnlosen Mund, um ihre verschrumpelten Bäckchen entstand die schreckliche Lebhaftigkeit, mit der ganz alte Leute schäkern, als höre man gleich die Geripplein beim Tanz klingeln.

Aber das Zimthütchen, als es den fremden, fürchterlich verdreckten Mann, der vielleicht doch zur Essigfabrik gehörte, mit der alten Frau und dem Kind wegtrotten sah, beruhigte sich ganz und gar über irgend etwas, das doch noch in ihm genagt hatte. Georg selbst, hinter den beiden, fühlte sich, wenn auch nur auf Minuten, bei den Lebenden aufgenommen. Aber der Feldweg führte nicht nur nach dem Dorf, wie Georg geglaubt hatte, er gabelte sich in zwei Wege, einen nach dem Dorf, einen nach der Chaussee. Die alte Frau hatte das Zopfband in eine ihrer Rocktaschen gestopft zu all ihrem übrigen Krempel, und sie führte das Kind, das das Weinen verbiß, am Zöpfchen neben sich. Sie brabbelte: »Haben Sie den Spektakel gehört vorhin, ui, ui! Wie das getutet hat. Jetzt ist’s ruhig. Sie haben ihn. Der hat nichts zu lachen. Ui, ui!« Sie kicherte und jammerte. An der Weggabelung blieb sie stehen. »Der Nebel ist auf! Guck!«

Georg sah sich um. Wirklich, der Nebel war gestiegen, rein und klar erglänzte der blaßblaue Herbsthimmel. »Ui, ui«, machte die alte Frau, weil zwei, nein, schon drei Flieger aus dem Himmelsblau herabfielen, scharf aufglänzend, und dicht über der Erde, über den Dächern von Westhofen und dem Sumpf und den Feldern, tiefe enge Kreise zogen.

Georg ging dicht an der alten Frau, die ihr Enkelkind führte, nach der Chaussee zu.

Sie gingen, ohne jemand zu treffen, zehn Meter auf der Chaussee. Die alte Frau war verstummt. Sie schien alles vergessen zu haben, Georg und das Kind und die Sonne und die Flieger, brütete nach über Sachen, die früher passiert waren, als noch kein Georg geboren war. Georg hält sich ganz dicht, möchte sie gern am Rock festhalten. Wirklich ist das ja nicht, nur im Traum geht er mit der alten Frau, die er am Rock festhält, aber sie merkt es gar nicht. Er wird gleich aufwachen, Lohgerber wird in der Baracke herumbrüllen –

Rechts begann eine lange, mit Scherben besetzte Mauer. Sie gingen ein paar Schritte längs der Mauer, dicht hintereinander, Georg zuletzt. Plötzlich, ohne Hupen, war ihnen ein Motorrad im Rücken. Wenn sich die alte Frau jetzt umdrehte, mußte sie glauben, Georg hätte die Erde verschluckt. Das Motorrad sauste vorbei. »Ui, ui«, grunzte die alte Frau, aber sie trottete weiter, Georg war nicht nur aus ihrem Weg, sondern auch aus ihrem Gedächtnis verschwunden.

Georg lag jenseits der Mauer, seine Hände waren blutig von den Scherben, die linke Hand war unter dem Daumen eingerissen, und auch sein Zeug war eingerissen bis auf das Fleisch.

Ob sie jetzt abstiegen und ihn holten? Aus dem niedrigen roten Ziegelhaus mit den vielen Fenstern kamen Stimmen, viele helle und tiefe, und dann wieder ein ganzer Chor rascher Knabenstimmen. Welches Wort wollten sie ihm denn noch einprägen, welchen Satz in seiner Todesstunde? Aus der entgegengesetzten Richtung fuhr ein Motorrad an, aber es fuhr vorbei gegen das Lager Westhofen. Georg spürte keine Erleichterung, sondern erst jetzt den Schmerz in der Hand – er hätte sie überm Gelenk abbeißen mögen.

Vor der linken Schmalseite des roten Gebäudes, einer landwirtschaftlichen Schule, lag ein Gewächshaus, Haupttür und Treppe lagen auf dieser Schmalseite, dem Gewächshaus gegenüber. Zwischen der Straßenfront der Schule und der Mauer lag ein Schuppen. Georg betrachtete den Schuppen, der ihm die übrige Aussicht versperrte. Er kroch hinüber. Drin war es still und dunkel. Es roch nach Bast. Seine Augen konnten bald die dicken Bastwuschel unterscheiden, die an der Wand hingen, allerlei Geräte, Körbe und Kleidungsstücke. Da jetzt nichts mehr von seinem Scharfsinn abhing, sondern alles nur noch von dem, was man Glück nennt, wurde er kalt und ruhig. Er riß sich einen Fetzen herunter. Er verband sich die linke Hand mit den Zähnen und mit der rechten Hand. Er nahm sich Zeit zu wählen: eine dicke braune Jacke aus Manchestersamt mit Reißverschluß, er stülpte sie über das Zeug aus Blut und Schweiß. Er guckte auch nach den Schuhnummern. Lauter feine gute Stücke. Nur heraus konnte er nicht. Er sah durch eine Ritze in der Bretterwand. Menschen hinter den Fenstern und Menschen im Treibhaus. Jetzt kam jemand die Treppe herunter, ging in das Treibhaus hinüber. Vor der Tür blieb er stehen, drehte sich nach dem Schuppen zu. Jemand rief aus einem der Fenster, und der Mensch ging wieder ins Schulhaus. Jetzt war es still. Auf den Scheiben glänzte die Sonne und auf den Metallteilen einer Maschine, die halb verpackt neben der Treppe lag.

Georg sprang plötzlich gegen die Tür und zog den Schlüssel ab. Er lachte vor sich hin. Er setzte sich mit dem Rücken zur Tür auf den Boden. Er betrachtete seine Schuhe. Zwei, drei Minuten dauerte dieser Zustand, das letzte Zurückweichen in sich selbst, wenn draußen alles verloren ist, und man pfeift darauf. Wenn sie jetzt kamen, sollte er mit der Hacke losschlagen oder mit dem Rechen? Was ihn weckte, wußte er selbst nicht, jedenfalls nichts Äußeres, vielleicht der Schmerz in seiner Hand, vielleicht ein Rest von Wallaus Stimme in seinem Ohr. Er steckte den Schlüssel wieder hinein. Er guckte durch den Türspalt. Auf die Chaussee über die Mauer konnte er nicht zurück. Zwischen dem mit Scherben bespickten Mauersims und dem Himmel zog sich bräunlich der Ausläufer eines Weinbergs; so durchsichtig war die Luft, daß man die Spitzchen der Rebstöcke zählen konnte, der obersten Reihe, die über den blaßblauen Saum herausstand. Wie er nun stumpf hinaussah auf die obere Rebstockreihe, da kam ihm plötzlich ein Rat, von einem, den er nicht kannte, denn das wußte Georg nicht mehr, ob es Wallau selbst gewesen war an der Ruhr oder ein Kuli in Schanghai oder ein Schutzbündler in Wien, der der Gefahr dadurch entgangen war, daß er einen merkwürdigen Gegenstand auf die Schulter genommen hatte, der die Aufmerksamkeit von ihm ablenkte, weil eine solche Last dem Weg einen Zweck gibt und den Träger ausweist. Ihn, Georg, in seinem Schuppen, eine Türspalte offen auf die mit Scherben bespickte Mauer, erinnerte dieser Ratgeber daran, daß schon einmal einer seinesgleichen auf diese Weise entkommen war aus einem Haus in Wien oder einem Gehöft im Ruhrgebiet oder einer gesperrten Gasse in Tschapei. Wußte er auch nicht, ob das Gesicht dieses Ratgebers Wallaus vertraute Züge hatte oder gelb war oder braun, seinen Rat verstand er: Pack das Maschinenteil auf neben der Treppe. Raus mußt du ja, vielleicht gelingt es nicht, aber was andres gibt es auch nicht. Deine Lage ist zwar besonders verzweifelt, aber auch meine damals. –

Ob man ihn überhaupt bemerkt hatte oder für den Angestellten der Maschinenfabrik hielt oder für den, dessen Jacke er trug, er kam zunächst durch zwischen Treibhaus und Treppe, kam durch das Hoftor auf den Weg vor der feldgerichteten Seite der Schule. In seiner linken Hand, die zugepackt hatte, war der Schmerz so stark, daß er minutenlang sogar alle Furcht betäubte. Georg ging weiter auf dem Weg, der parallel zur Chaussee an ein paar Häusern vorbeiführte, die alle auf die Felder sahen, aus den obersten Fenstern vielleicht bis zum Rhein. Die Flieger brummten noch immer, aus dem Dunst war der Himmel durchgeblaut, es war wohl bald Mittag. Georg brannte die Zunge, das harte verkrustete Zeug brannte ihm zwischen Haut und Jacke, er hatte einen qualvollen unbezähmbaren Durst. Auf seiner linken Schulter wippte er leicht das Maschinenteil, an dem ein Firmenschild baumelte. Er wollte das Ding gerade absetzen und sich verschnaufen, als er gestellt wurde.

Wahrscheinlich war es eine der beiden Motorradstreifen, die ihn von der Chaussee aus in der Lücke zwischen zwei Häusern bemerkt hatte: die Umrisse eines unverdächtigen, durch die Felder stapfenden Mannes, eine Last auf der Schulter, vor dem stillen Mittagshimmel. Sie stellte ihn, weil sie jeden stellte, ohne besonderen Argwohn. Sie winkte ihm auch gleich ab, als Georg sich mit dem Firmenschild auswies. Vielleicht hätte Georg seinen Weg ruhig fortsetzen können bis Oppenheim und noch weiter – so riet ihm auch jener Beistand, der ihm aus der Baracke geholfen hatte. Georg hörte ja selbst die leise dringliche Stimme, die weiter, weiter rief. Der Anruf des Postens war ihm aber ins Herz gefahren. Er schleppte plötzlich sein Maschinenteil ab, möglichst weit weg von der Chaussee, feldeinwärts gegen den Rhein zu, nach dem Dorf Buchenau. Je stärker sein Herz vor Angst schlug, desto leiser wurde die Stimme, die ihm von dem Feldweg abriet, bis sie schließlich ganz übertönt war von seinem wilden Herzklopfen und dem Mittagsläuten von Buchenau. Ein helles bittres Läuten, ein Armesünderglöckchen. Ein glasiger Himmel über das Dorf gestülpt, in das er jetzt einzieht. Er ahnt es selbst schon: eine Falle. Er passiert zwei Posten, die ihn anglotzen. Er spürt ihre Blicke im Rücken. Kaum ist er auf der Dorfgasse, da hört er hinter sich einen Pfiff, einen feinen Pfiff, der ihm durch und durch geht.

Das Dorf ist plötzlich in Aufruhr. Pfiffe von einem Ende zum andern. Kommando: »Alles in die Häuser!« Die großen Tore knarrten. Georg stellte sein Maschinenteil ab, er schlüpfte durchs nächste Tor hinter einen Holzstapel. Das Dorf war eingekreist. Es war kurz nach Mittag.

Franz war gerade in Griesheim in die Kantine gekommen. Er hatte gerade erfahren, daß das Holzklötzchen verhaftet war. Und nun packt Anton sein Handgelenk und sagt, was er weiß.

In diesem Augenblick klopfte Ernst der Schäfer an Mangolds Küchenfenster. Sophie machte auf und lachte. Sie war rund und stark, aber mit feinen Gelenken. Die Sophie möchte ihm seine Kartoffelsuppe wärmen, seine Thermosflasche sei kaputt. Er sollte doch drin mitessen, sagte Sophie. Die Nelli könnte doch achtgeben.

Seine Nelli, sagte Ernst, sei kein Hund, sondern ein Engelchen. Aber er habe nun mal ein Gewissen, und er sei nun mal dafür bezahlt. »Sophie«, sagte Ernst, »bring mir doch die Kartoffelsuppe heiß auf den Acker, Sophie, guck mich doch nicht so an. Wenn du mich so anguckst mit deinen kleinen goldigen Äugelchen, das geht mir durch und durch.«

Er ging über die Felder zu seinem Karren. Er suchte sich einen sonnigen Fleck, breitete seine Lage Zeitungen aus, darüber seinen Mantel. Hockte sich hin und wartete. Er sah Sophie vergnügt entgegen. Wie die Äpfelchen, dachte er, so was Rundes, so was Aufgegangenes und mit feinen, feinen Stielchen.

Sophie brachte ihm seine Suppe und von ihren Kartoffelklößen mit Birnschnitzen. Sie waren zusammen in Schmiedtheim in die Schule gegangen. Sie setzte sich neben ihn. »Komisch«, sagte sie. »Was?« – »Daß gerad du der Schäfer bist.«

»Das haben die mir neulich auch gesagt, da unten«, sagte Ernst. Er deutete auf Höchst. »Sie sind doch ein starker junger Mann, da sind Sie doch zu was andrem von der Natur bestellt.« Ernst wechselte unglaublich schnell sein Gesicht und den Klang seiner Stimme aus, so daß er bald der Meier vom Arbeitsamt war, bald der Gerstl von der Arbeitsfront, bald der Bürgermeister Kraus von Schmiedtheim, bald er selbst, Ernst, aber der nur selten. »Warum überlassen Sie Ihren Platz nicht einem älteren Volksgenossen? – Da habe ich gesagt«, fuhr Ernst fort, nachdem er rasch ein paar Löffel Suppe verschluckt hatte, »in meiner Familie ist das Schäferhandwerk erblich seit den Tagen von Wiligis.« – »Von was für ’nem Willi?« fragte Sophie. »Das haben die mich da unten auch gefragt«, sagte Ernst und verdrückte seinen Kloß mit den Birnschnitzen. »Ihr habt wohl damals in der Schule alle nicht aufgepaßt. Dann haben sie mich gefragt, warum ich nicht verheiratet bin, wo andre doch verheiratet seien, und sie hätten einen Nachwuchs, und sie verdienen ihr Brot viel saurer.« – »Was hast du denn da gesagt?« fragte Sophie ein bißchen heiser. »Ach«, sagte Ernst unschuldig, »ich hab gesagt, der Anfang sei ja schon gemacht.« – »Wieso?« sagte Sophie gespannt. »Weil ich schon verlobt bin«, sagte Ernst mit niedergeschlagenen Augen, wobei ihm doch nicht entging, daß Sophie ein wenig bläßlich und schlapp wurde. »Ich bin verlobt mit dem Mariechen Wielenz aus Botzenbach.« – »Ach«, sagte Sophie mit gesenktem Kopf, und sie strich über ihren Beinen den Rock zusammen, »die ist doch noch ein Schulkind, die Mariechen Wielenz aus Botzenbach.« – »Macht nichts«, sagte Ernst, »ich seh meiner Braut gern beim Heranwachsen zu. Das ist auch eine lange Geschichte, die erzähl ich dir mal.« Sophie knickerte an einem Halm herum. Sie zog ihn glatt und dann zwischen den Zähnen durch. Sie sagte spöttisch-traurig vor sich hin: »Verliebt, verlobt, verheiratet –« Und Ernst, der seinen Spaß an ihr hatte und dem gar nichts entging, weder ihre Gemütsbewegung noch das Herumgezuck ihrer Hände, stellte die zwei Teller übereinander, nachdem er sie abgeleckt hatte, und er sagte: »Danke, Sophie. Wenn du alles so gut kannst wie Klöße machen, dann ist mit dir kein Mann geuzt. Guck mich doch mal an, willst du mich wohl angucken. Wenn du mich so anguckst mit deinen zwei Äugelchen, dann könnt ich da das Mariechen mindestens für ewig vergessen.«

Er sah Sophie nach, als sie mit ihren Tellern davonklapperte, dann rief er: »Nelli!« Das Hündchen sauste ihm gegen die Brust, dann stellte es seine Pfoten auf Ernsts Knie und sah ihn an, ein schwarzes Bündelchen unbedingter Ergebenheit. Ernst stipfte sein eigenes Gesicht gegen die Schnauze, er rieb Nellis Kopf zwischen seinen beiden Händen in einem Anfall von Zärtlichkeit. »Nelli, weißt du auch, wen ich am liebsten hab, weißt du denn auch, Nelli, wie die heißt, die mir am besten gefällt unter allen weiblichen Personen auf der ganzen Welt und in meinem ganzen Bekanntenkreis? Sie heißt Nelli.«

Währenddessen hatte der Schulwart der Darré-Schule Mittag ausgeschellt – fünfzehn Minuten nach dem richtigen Mittag. Der kleine Helwig, ein Gärtnerlehrling, lief zuerst in den Schuppen, um aus dem Portemonnaie seiner Manchestersamtjacke zwanzig Pfennig zu holen. Die war er einem Schüler schuldig für zwei Lose von der Winterhilfslotterie. Das ganze Jahr über hielt die Schule Kurse ab, hauptsächlich für die Söhne und Töchter der Bauern aus den umliegenden Dörfern. Aber die Schule hatte auch ein Versuchsgut, auf dem nicht nur die Schüler arbeiteten, sondern auch ein paar Gärtner und Lehrlinge in den üblichen Verträgen.

Der Lehrling Helwig, ein blondes hochgeschossenes Bürschlein mit aufgeweckten Augen, durchsuchte zuerst erstaunt, dann ärgerlich, dann aufgeregt den ganzen Schuppen nach seiner Jacke. Diese Jacke hatte er sich vorige Woche angeschafft, kurz nach seinem ersten Mädchen. Er hätte sie sich noch nicht anschaffen können, wenn er nicht eine kleine Prämie bei einem Wettbewerb verdient hätte. Er rief seine Kameraden herbei, die schon beim Mittagessen saßen. Der helle Speisesaal mit den blankgescheuerten Holztischen war wie immer fast festlich geschmückt mit den Blumen des Monats und mit frischem Laub, das auch um die Hitler-, Darré- und Landschaftsbilder an der Wand gewunden war. Helwig meinte zuerst, die Kameraden hätten ihm einen Streich gespielt. Sie neckten ihn nämlich, weil er die Jacke etwas zu groß gekauft hatte und weil sie ihn um sein Mädchen beneideten. Die jungen Burschen mit ihren frischen, offenen Gesichtern, in denen knabenhafte und männliche Züge genauso durcheinander spielten wie auf Helwigs Gesicht, beruhigten ihn jetzt und halfen ihm gleich suchen. Da gab es denn bald ein Geschrei: »Was sind denn das für Flecke?« Und einer schrie: »Mir hat man das Futter rausgerissen!« – »Da war einer drin«, sagten sie, »deine Jacke, Helwig, ist gestohlen.« Der Junge verbiß das Weinen. Jetzt kam auch die Aufsicht aus dem Eßsaal. Was denn die Bengels hier anstellen? Helwig erzählte bleich vor Wut, seine Jacke sei gestohlen. Man rief einen aufsichtführenden Lehrer und den Schulwart. Jetzt wurde die Tür weit aufgemacht. Da sah man Flecke an den Kleidern und das gerissene Futter an einer alten Jacke, die ganz von Blut verspritzt war.

Ach, wenn man aus seiner Jacke auch nur das Futter herausgerissen hätte! In Helwigs Gesicht waren keine männlichen Züge mehr. Es war ganz kindlich vor Zorn und Kummer. »Wenn ich den finde, schlag ich ihn tot!« verkündete er. Es tröstete ihn auch gar nicht, daß Müller jetzt seine Schuhe vermißte. Der war der einzige Sohn von reichen Bauern und konnte sich neue kaufen. Für ihn aber hieß es jetzt wieder sparen und sparen.

»Beruhige du dich jetzt mal, Helwig«, sagte dann der Direktor selbst, den der Schulwart sofort vom Familienmittagstisch geholt hatte, »beruhige dich und beschreib deine Jacke, so genau du kannst. Dieser Herr hier von der Kriminalpolizei kann sie dir nur wieder beschaffen, wenn du sie genau beschreibst.« – »Was war in den Taschen?« fragte der freundliche fremde kleine Herr, als Helwig mit seiner Beschreibung endete, wobei er nach den Worten »auch innere Reißverschlüsse« schlucken mußte. Helwig dachte nach. »Ein Portemonnaie«, sagte er, »mit einer Mark zwanzig, ein Taschentuch, ein Messer –« Man las ihm alles noch einmal vor und ließ ihn unterschreiben. »Wo kann ich mir die Jacke abholen?« – »Das wirst du hier noch erfahren, mein Junge«, sagte der Direktor.

Das war zwar kein Trost für den kleinen Helwig, aber immerhin eine Verklärung des Unglücks, daß sein Jackendieb doch kein gewöhnlicher Dieb war. Dem Schulwart, kaum daß er vorhin den Schuppen besichtigt hatte, war gleich der Zusammenhang aufgegangen. Er hatte bloß noch den Direktor gefragt, ob er anrufen sollte.

Als Helwig herunterkam – gleich nach ihm hatte der Müller seine Schuhe beschreiben müssen –, da war das ganze Terrain zwischen Schule und Mauer schon abgesperrt. Die Stelle war schon markiert, an der Georg über die Mauer gesprungen war und Spalierobst zerschlagen hatte. Posten standen vor der Mauer und vor dem Schuppen. Und Lehrer und Gärtner und Schüler drängten sich vor der Absperrung. Man hatte die Mittagspause verlängern müssen; die Erbsensuppe mit Speck in den großen Kübeln hatte eine Haut bekommen.

Ein älterer Gärtner arbeitete, offenbar unberührt von der ganzen Aufregung, ein paar Meter von der Absperrung weg an einer Wegregulierung. Er war aus dem gleichen Ort wie der kleine Helwig. Und der – sein zornig bleiches Gesicht war inzwischen rot geworden, und eifrig und wichtig gab er auf alle Fragen Antwort – blieb neben dem alten Gärtner noch mal stehen, vielleicht gerade, weil der ihn gar nichts fragte. »Ich soll meine Jacke wiederbekommen«, sagte der kleine Helwig. »So«, sagte der Gärtner. »Ich hab sie ganz genau beschreiben müssen.« – »Und hast du sie ganz genau beschrieben?« fragte der Gärtner Gültscher, ohne von seiner Arbeit aufzusehen. »Gewiß, ich hab doch gemußt«, sagte der Junge. Der Schulwart klingelte zum zweitenmal Mittag. Im Speisesaal ging es von neuem los. Es war auch schon hier ein Gerücht, daß in Liebach und Buchenau die Hitler-Jugend mitsuchen durfte. Der kleine Helwig wurde ausgefragt. Jetzt war er aber schweigsam. Er schien gegen einen neuen, stilleren Anfall von Kummer zu kämpfen. Dabei fiel ihm dennoch ein, daß in der Jacke auch eine Mitgliedskarte der Buchenauer Turner gesteckt hatte. Ob er das nachträglich noch melden sollte?

Was würde der Dieb mit der Karte machen? Er konnte sie einfach an einem Streichholz verbrennen. Aber woher nimmt ein Flüchtling ein Streichholz? Er konnte sie einfach zerfetzen und in irgendeinen Abort werfen. Aber kann denn ein Flüchtling einfach wo hineingehen? Ach, einfach die Schnipsel irgendwo in die Erde getreten, dachte der Junge sonderbar beruhigt. Er machte dann einen Umweg und ging nochmals an dem alten Gärtner vorbei. Er hatte auf diesen Mann, der aus seinem Ort war, soviel und sowenig geachtet, wie junge Menschen auf alte Menschen achten, die schon immer mal da waren und höchstens mal zwischendurch sterben. Er blieb auch jetzt ohne Grund hinter dem Alten stehen, der an der Wegregulierung seine Zwiebeln versetzte. Der kleine Helwig war bei der Hitler-Jugend und in der Gärtnerei gut angeschrieben und kam überall ganz gut vorwärts. Er war ein kräftiger, offener, anstelliger Junge. Daß jene Männer, die man im Lager Westhofen einsperrte, da hineingehörten wie Irre ins Irrenhaus, davon war er überzeugt.

»Du, Gültscher«, sagte er. »Was« – »Ich hab auch meine Mitgliedskarte in der Jacke gehabt.« – »Na, und?« – »Ob ich das noch hinterher anmelden soll?« – »Du hast ja alles angemeldet, du hast ja gemußt«, sagte der Gärtner.

Er sah jetzt zum erstenmal an dem Jungen hinauf und sagte: »Mach dir keine Sorgen, du kriegst deine Jacke wieder.« – »Ja, meinst du?« sagte der Junge. »Sicher. Sie werden ihn ganz bestimmt fangen, eher heut als morgen. Wieviel hat sie denn gekostet?« – »Achtzehn Mark.« – »Das war dann schon was Ordentliches«, sagte Gültscher, als wollte er den Kummer des Jungen nochmals auffrischen, »da wird sie ja allerlei aushalten. Du wirst sie tragen, wenn du mit deinem Mädchen gehst. Und der«, er deutete unbestimmt durch die Luft über Land, »der wird dann schon längst, längst tot sein.« Der Junge runzelte die Stirn. »Na, und?« sagte er plötzlich grob und patzig. »Gar nichts«, sagte der alte Gültscher, »überhaupt gar nichts.« Warum hat er mich denn eben noch mal so angesehen, dachte der kleine Helwig.

VI

In dem Hof, in dem Georg sich hinter dem Holzstapel versteckt hatte, waren kreuz und quer Wäscheseile gespannt. Aus dem Haus kamen zwei Frauen, eine alte und eine mittlere, mit einem Waschkorb. Die alte sah stramm und hart aus, die jüngere ging vornübergebeugt mit müdem Gesicht. Wären wir doch zusammengeblieben, Wallau, dachte Georg – ein neuer, wilderer Lärm kam vom Rand des Dorfes gegen die Gasse –, du hättest mich jetzt angesehen –

Die beiden Frauen befühlten die Wäsche. Die alte sagte: »Sie ist zu naß, wart mit dem Bügeln.« Die jüngere sagte: »Sie ist bügelrecht.« Sie begann die Wäsche in den Korb zu legen. Die alte sagte: »Sie ist viel zu naß.« Die jüngere sagte: »Sie ist bügelrecht.« – »Zu naß«, sagte die alte. Die jüngere sagte: »Jeder nach seiner Art. Du bügelst gern trocken, ich bügel gern naß.« In fliegender, fast verzweifelter Eile wurden die Seile geleert. Und draußen das Dorf in Alarm! Die jüngere Frau rief: »Da, horch doch nur!« Die alte sagte: »Ja, ja.« Die junge rief, und der Klang ihrer Stimme war zum Zerspringen hell: »Horch, horch!« Die alte sagte: »Ich bin noch immer nicht schwerhörig. Schieb mal den Korb her.«

In diesem Augenblick trat aus dem Haus ein SA-Mann in den Hof. Die jüngere sagte: »Wo kommst denn du auf einmal wieder her, gestiefelt und gespornt. Aus dem Wein doch nicht.«

Der Mann schrie: »Seid ihr denn verrückt, ihr zwei Weiber? Jetzt bei der Wäsche! Man muß sich schämen. Im Dorf hat sich einer versteckt aus Westhofen. Wir suchen alles ab.« Die jüngere rief: »Ach, etwas ist immer. Gestern der Erntedank und vorgestern für die Hundertvierundvierziger, und heute für den Flüchtling zu fangen und morgen, weil der Gauleiter durchfährt. Na, und die Rüben? Na, und der Wein? Na, und die Wäsche?« Der Mann sagte: »Halt ’s Maul.«

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