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Das schönste Kind

Das schönste Kind

 

Maler Müllers hatten schöne Kinder.

Da war die lustige kleine Lotte mit ihren dunklen Augen und der zarten weißen Haut, da war Felix, der aussah wie ein Prinzchen, so blond und fein, und Alfred und Frieda, die Zwillinge, die Papa Müller schon so oft als Engelein abgemalt hatte.

Nur der Älteste, der Christian, der war anders. Von ihm konnte kein Mensch behaupten, dass er schön sei, denn er war ein langer, magerer Junge, hielt sich ein wenig vornüber, wusste nie recht, wo er mit seinen schlottrigen Armen hin sollte, und hatte ein blasses Gesicht mit einer großen, schiefen Nase.

Seine Haare waren weder glänzend braun und lockig wie Alfreds, Friedchens und Lottens Haare, noch waren sie goldig blond und zarter als gesponnene Seide, wie Felix sie hatte – so recht unscheinbare, fahle Jungenshaare waren es, drum wurden sie auch nur immer wieder kurz geschoren, dass sie aussahen wie ein Mausepelzchen; mit solchem Haar brauchte Frau Müller sich wirklich keine Mühe zu geben. Es nützte auch gar nichts, den Christian hübsch anzuziehen, wie die andern Kinder.

„Er sieht doch immer aus wie ein Hungerleider“, sagte der Papa und lachte.

Er lachte fast jedes Mal, wenn er Christian ansah und wusste es gar nicht, dass dem Jungen sein Lachen weher tat als Ohrfeigen. Das war seit dem Tage, wo Christian einmal in Papas Atelier – so nennt man eines Malers Arbeitsstube – geschlichen war: Da hatte er lange still gestanden vor dem schönen Bilde von der Weihnachtsnacht, auf dem zwei Englein mit Alfreds und Friedas Gesichtern durchs Dach des Stalles guckten, gerade aufs Christkind hernieder.

„Papa“, hatte er dann ernsthaft gesagt, „mal’ mich doch auch einmal.“

Der Vater hatte eifrig weiter gepinselt, ein ganz spaßiges Gesicht gemacht und den Kopf geschüttelt. „Kann ich nicht, Junge.“

„O, Papa, du?“

„Na, ja, denn – nächstens brauche ich vielleicht einmal einen rechten Fratz, dann kommst du an die Reihe; nun fort mit dir, Bursch, du bringst mich sonst noch ans Lachen mit deinem wehleidigen Angesicht, und ich bin hier gerade so schön im Zuge.“

Ja, Christian hatte sich fortgemacht, so schnell er nur konnte, aber seitdem war’s, dass es ihm weh tat bis ins Herz hinein, wenn der Vater ihn ansah und lachen musste.

Die Mutter lachte nicht über ihn; sie ärgerte sich eher, wenn er ihr in den Weg kam. Sie war selbst so schön, und all die Kinder waren schön, und sie mochte nun einmal nicht gern etwas Hässliches ansehen – warum musste der Christian auch so sein? – In Müllers Hause wurde viel vom Schönsein gesprochen, viel mehr als in anderen Häusern, und jedes der Kinder wusste genau, was das Schönste an ihm war.

Vom Gutsein wurde gar nicht gesprochen bei Müllers. Jeder tat, was ihm gefiel, so lange er es durchsetzen konnte. Und da gab es dann oft Zank und harte Worte.

Morgens gefiel es Papa bis in den Tag hinein zu schlafen; wenn er dann Frühstück haben wollte, so war keins da für ihn, weil es Mama gefallen hatte, zwei Stunden vor dem Spiegel zu sitzen und ihr wundervolles Haar zu flechten – bald so und bald so – und weil es Lotte und Felix inzwischen gefallen hatte, den Kaffeerest auszutrinken, die Brötchen zu verspeisen und mit Papas Wurstende kochen zu spielen. Dann sollte schnell Mittagsbrot gemacht werden, denn der Vater schalt und ging ins nächste Gasthaus, aber in einer Stunde wollte er wiederkommen und Essen haben.

Doch wo war unterdessen das Hausmädchen?

Es hatte ihr gefallen, einen Umweg vom Markt durch die Schloss-Allee zu machen, und da stand sie nun und hielt ein Schwätzchen mit ihrer besten Freundin. Das Herdfeuer war erloschen und weder Fleisch noch Gemüse im Hause.

Zum Glück kam dann meistens gerade der Christian aus der Schule – Alfred und Frieda brauchten längere Zeit zum Heimweg, es gefiel ihnen eben, auf dem Paradeplatz den Soldaten noch ein bisschen zuzusehen. Der Christian konnte famos Feuer anzünden, das war ein Gutes an ihm, und laufen konnte er auch ordentlich mit seinen langen Beinen! Er jagte in die Allee, sobald die Flammen prasselten, er fand richtig die Schwatz-Amanda, trug ihr das Gemüsenetz, half ihr Salat lesen, und während Mama noch ein paar Rosen in ein Glas stellte, damit der Esstisch doch ein wenig hübsch wäre, trug Christian schon die dampfenden Kartoffeln ins Zimmer – just zur Zeit, denn eben kam der Vater und wollte auch sofort etwas essen.

Christian mochte wohl auch hungrig sein, aber Mama hatte gerade den Gedanken, weil sie heute vor zwölf Jahren Papa zum ersten Mal begegnet sei, müsste man den Tag eigentlich ein bisschen feiern.

„Christian, lauf in den Weinkeller an der Grünstraßenecke und hole uns eine Flasche Sekt, und weißt du, bei Schamprotz bringst du mir dann zwei Crême-Schnittchen mit, aber mit rosa Zuckerguss, hörst du, die sehen so niedlich aus.“

Papa lachte und Christian lief. Bis er wiederkam, waren auch die andern zu Hause, hatten sich zu Tisch gesetzt und geschmaust, was sie nur konnten. Es fand sich nicht mehr viel für den mageren Christian, er tunkte die letzte Sauce mit einem Stück Brot ab, das war ja fast so gut wie Fleisch, ein wenig Salat war da auch noch, und die kalten Kartoffeln schmeckten ihm ganz gut dazu.

Er war schon leicht zufrieden und lachte tüchtig mit, als der Champagnerpfropfen abflog und Mama das eine süße Schnittchen in sechs winzige Bröckchen teilte, von denen jedes Kind und auch der Papa eins in den Mund bekamen; Christian meinte, heute sei’s einmal wunderhübsch zu Hause gewesen, weil niemand über Tisch gescholten und keins der Kinder etwas verschüttet oder zerbrochen hatte. Er mochte es so gern, wenn alles friedlich und hübsch ordentlich zuging, drum war er auch die Hälfte seines Lebens daheim beim Aufräumen.

Ach, und ordentlich wollte es doch nie werden! Die Kinder und die Eltern waren immer in irgendeiner Eile, und dann wurde, hast du nicht gesehen, das Unterste zu oberst gekehrt, und nachher hatte man wieder alles verloren.

„Christian!“, hieß es dann. „Wo hast du meine seidne Schürze gelassen?“

„Junge, sofort schaffe mir die Terpentinflasche, heute Morgen stand sie noch hier neben der Teekanne. Du wirst sie natürlich wieder weggekramt haben.“

„Christian, Lotte sagt, du hättest meine Schulmappe gehabt, was fällt dir ein, dummer Bengel?“

„Christian, wo ist mein Schlüsselbund?“

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