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Das ist eine Geschichte

Impressum

ISBN 978-3-8412-0730-2

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Februar 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG.

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Umschlaggestaltung hißmann, heilmann, Hamburg

unter Verwendung eines Motivs von plainpicture/neuebildanstalt/Luther

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Salomon-Weinreb-Straße 19

Martin Leber hörte Rigolettos Klagen.

»Teurer Engel! Ach, sieh meinen Jammer. Rede, rede, geliebte Tochter!«

Rede, flüsterte Martin Leber und sehnte sich nach einer Zigarette. Niemals rauchen im Wohnzimmer. Nie.

Ich rauche ja auch gar nicht, dachte Martin Leber und sehnte sich noch mehr nach einer Zigarette.

Gilda bittet ihren Vater um Vergebung.

»Ach, lass mich schweigen! Vergib uns beiden. Segne, segne deine Tochter.«

Selbst wenn er achtundvierzig Stunden das Fenster aufließe. Martina würde die Zigarette riechen.

Rigoletto leugnet das Offensichtliche.

»Oh mein Kind! Wenn du stirbst, wie verlassen wär ich hier! Ach, lass lieber mich sterben mit dir!«

Schreckliche Reime, dachte Martin Leber, und trotzdem richteten sich auf seinen Unterarmen die blonden Härchen auf. Sie blieben aufrecht, bis der Satz »Ha! jener Fluch des Alten!« verklungen war. Martin Leber beschwor das Bild des besinnungslos niedersinkenden Rigoletto herauf. Und das der toten Tochter, die sich für einen Taugenichts geopfert hat.

Ende, sagte er und ging zum Plattenspieler. Er wischte die Schallplatte sorgfältig mit einem Tuch ab, steckte sie in die Hülle und malte in die obere rechte Ecke der Hülle einen Strich. Dann zählte er alle Striche zusammen und kam auf einhundertzwei. Die Platte würde bald nicht mehr zu gebrauchen sein, so oft, wie er sie gehört hatte.

Wann habe ich bloß mit diesem Unsinn angefangen, auf den Schallplatten zu vermerken, wie oft ich sie höre? Eine überflüssige Frage, deren Antwort Martin Leber ziemlich genau kannte. Er hatte mit dieser Angewohnheit begonnen, als er mit den Recherchen anfing. Mit den Nachforschungen über Salomon Weinreb und dessen ganzer Mischpoke. Es war ihm plötzlich angemessen erschienen, die gleiche Akribie, mit der er die Suche nach der Geschichte dieser Weinrebs vorantrieb, auch in anderen Dingen walten zu lassen. Und gleichzeitig wollte er Martina ein wenig näher kommen. Die nichts mehr tun und anfassen konnte, ohne in endlose Wiederholungsschleifen zu verfallen. Die auf stetig gleichen Abläufen beharrte, als hätte sich bei ihr ein später Autismus eingestellt.

Er hatte geforscht, und sie hatte geputzt. In gewisser Weise hatte die Erbengemeinschaft dafür gesorgt, dass sie einander wieder annäherten. Inzwischen waren drei Ordner gefüllt mit all dem Kram über die Weinrebs und die Weizmanns und die Häuser hier in der Nachbarschaft. Über das Gut, die Eisenbahn, über die Parzellierung und den Verkauf. Ordentlich beschriftet und abgeheftet. Und offensichtlich hatte er in all diesen Wochen, Monaten, inzwischen Jahren am häufigsten »Rigoletto« aufgelegt. Einhundertzweimal, sechstausendachtzehn Minuten, vierkommaeinssiebenneun Tage.

Vor einigen Wochen hatte Martin Leber zu den Ordnern, die in seinem Regal standen, eine Datei im Computer angelegt, in der noch einmal akribisch verzeichnet war, was er inzwischen alles zu wissen glaubte. Es war ihm geradezu frivol vorgekommen, der Datei den Namen »Zeitstrahl_ein_Versuch« zu geben. Als käme es auf diesen Versuch an. Immerhin hatte ihm diese Arbeit die Angst vor dem Computer genommen, dem er nicht traute. Wo sind die Sachen, wenn ich den Computer ausschalte, fragte sich Martin Leber manchmal. Eine lächerliche Frage, aber sie beschäftigte ihn. Wenn er nachts hin und wieder durchs Haus lief, weil er nicht schlafen konnte, sah er die drei Ordner im Arbeitszimmer. Ihre weißen Rücken wurden durch die Straßenlaterne angeleuchtet und erhielten sogar einen besonderen Glanz durch das weiche gelbe Licht. Der Computer hingegen war nicht mehr als ein hässliches Möbelstück, das auf und unter seinem Schreibtisch thronte und in dem angeblich alles gespeichert war, was man ihm anvertraut hatte. Jedes Mal, wenn er den Computer anschaltete, erwartete Martin Leber eine Meldung, die ihm sagte, dass all das verschwunden war, was er aufgeschrieben hatte. Also druckte er den Zeitstrahl aus, wenn er etwas an der Datei geändert hatte. Inzwischen gab es siebzehn ausgedruckte Versionen. Eine Verschwendung von Material und Platz, eine Idiotie, die zu all den anderen Idiotien passte, auf die er im Laufe der Recherchen gekommen war.

Eine der siebzehn ausgedruckten Versionen enthielt einen Epilog. Es war der stümperhafte Versuch gewesen, sich eine Vorstellung von Salomon Weinreb zu machen, die über den Zeitstrahl hinausging. Eine Fleischundblutvorstellung. So etwas hatte er schon als Kind gemacht. Er hatte erforscht, wer den Straßen zu ihrem Namen verholfen hatte. In seinem Zimmer hatte auf dem Schreibtisch eine Holzkiste gestanden, in der alle Karteikarten steckten, auf denen er mit winziger Handschrift Kurzbiographien der Personen notiert hatte, die ihm in Warenberg oder anderswo als Namen von Straßen oder Plätzen oder Schulen begegnet waren. Und am Ende der Kurzbiographien hatte er sich meist an einer Beschreibung des Namensgebers versucht. Ernst Thälmann zum Beispiel hatte nach dieser Beschreibung ausgesehen wie Günther Simon, der Thälmann in dem DEFA-Film »Ernst Thälmann, Sohn seiner Klasse« ein Gesicht gegeben hatte. Woher sollte Martin Leber, ein Grundschüler noch, auch wissen, dass Thälmann und Günther Simon zwei völlig verschiedene Personen waren?

Salomon Weinreb. Der Straßenname war noch jung. Und gegen den Widerstand vieler im Ort durchgesetzt worden. Vorauseilenden Gehorsam und Anbiederei hatten die Leute den Verordneten unterstellt, die mehrheitlich für die Umbenennung der Wilhelm-Külz-Straße in Salomon-Weinreb-Straße stimmten. Da gab es die Erben schon, und ihre Ansprüche auf Entschädigung und Rückübertragung waren bekannt. Von Wilhelm Külz hatte Martin Leber nicht nur ein Bild, sogar eine Briefmarke mit dem Konterfei des Liberaldemokraten gehörte zu seiner Sammlung. Auf der sah Wilhelm Külz wie ein gütiger, aber strenger Lehrer aus. Mit einem schön gestutzten Bart und Ohren so groß, wie sie das Alter werden lässt. Als wäre das ganze Gewebe müde geworden und strebte der Erde zu. Des gleichen Vornamens wegen hatte Martin Leber damals in seinem Briefmarkenalbum Wilhelm Külz neben Wilhelm Pieck drapiert. Zwei gütig dreinblickende nette alte Männer mit großen Ohren.

Martin Leber hatte kein Bild von Salomon Weinreb gefunden und sich auch nicht getraut, jemanden von der Erbengemeinschaft zu fragen. Also hatte er sich selbst ein Bild gemacht. Und hatte es in seine Zeitstrahldatei geschrieben, um es in der nächsten Version wieder zu löschen. Ihm war aufgefallen, dass die Beschreibung Salomon Weinrebs offensichtlich stark vom jungen Ferdinand Lassalle inspiriert war. Er hatte Weinreb nur dicker gemacht. Bismarcks Altersstatur und Lassalles Jugendgesicht, so in etwa. Völlig albern. Ein fester, aber ordentlich dominanter Bauch, lockiges Haar, Schnurrbart und Koteletten, die Wangen glatt rasiert, große Ohren, die ein wenig abstehen. Als gehörten die zu einem wichtigen Mann dazu. Die großen Ohren. Eine Mischung aus russischem Dichter, aufgeklärtem Intellektuellen und jovialem Großvater. Die ganze Person zusammengestümpert und erklaut.

Als Weinreb nach Warenberg kam, war er fast fünfzig Jahre alt und Lassalle bereits seit acht Jahren tot. Aber es hatte Martin Leber geholfen, sich eine Vorstellung von dem Mann zu machen. Das nahm dem dieses Monströse, das ihm angedichtet wurde. Doch hilfreich war es nur für kurze Zeit. Dann wurde aus Salomon Weinreb wieder ein Schemen, eine Abstraktion mit Rückübertragungsansprüchen und Wiedergutmachungsforderungen im Gepäck.

In der vergangenen Woche hatte Martin Leber sich ein Buch besorgt. Über die Geschichte der Juden in Preußen im neunzehnten Jahrhundert. Er hatte gehofft, dort etwas über die Weinrebs zu finden. In dem Buch kamen die Weinrebs nicht vor. Stattdessen hatte Martin Leber erfahren, dass achtzehnachtundvierzig die Wachstumsrate der jüdischen Bevölkerung um zehn Prozent über dem Durchschnitt gelegen hatte. Das allein sagte nichts. Oder doch. Es sagte etwas. Sie hatten mehr Kinder bekommen in dieser Zeit. 257 000 Juden im Jahr achtzehnsechzehn und 400 000 im Jahr achtzehnachtundvierzig. Lebten auf dem Boden des Kaiserreiches. Das gab es noch nicht, später erst, aber den Boden gab es schon, das Gebiet. All das hatte Martin Leber aus einer seriösen Quelle erfahren. Er las nur in seriösen Quellen nach, bevor er etwas behauptete oder gar glaubte. Umso peinlicher war ihm sein Beschreibungsversuch einer historisch verbürgten Person. Er war Lehrer. Ein Lehrer, wie er im Buche stehen sollte. Gut aussehend, aber nicht aufregend, groß, aber nicht zu groß, offen, aber nicht anbiedernd. Manch eine Schülerin der Sekundarstufe II schien sogar ein wenig verliebt in ihn zu sein. Das lag vielleicht an seinen geradezu obszön blauen Augen und den mädchenhaft langen Wimpern. Inzwischen hatte sich Martin Leber eine Brille mit Fensterglas zugelegt. Die milderte den Eindruck dieser blauen Signalscheinwerfer ein wenig, und das passte ihm hin und wieder gut.

Also mehr Kinder, nicht weniger hatten die Juden damals bekommen. Das hatte Martin Leber irgendwie beruhigt. Er hatte sich bestätigt gefühlt, ohne dass er sagen konnte, worin. In Berlin hatte sich die Zahl der Juden in den Jahren achtzehnzweiundfünfzig bis achtzehneinundsiebzig verdreifacht. Es muss ihnen ganz gut gegangen sein in diesen Jahren. Vergleichsweise gut. Vielleicht war es diese Schlussfolgerung, die er so beruhigend fand. Weinreb hatte ja auch achtzehnzweiundsiebzig das Gut erworben. Mitten in dieser guten Zeit.

Später hatte Martin Leber in einem anderen Buch gelesen, es hätte nur an der Zuwanderung gelegen. Die Juden hätten in dieser Zeit weniger Kinder bekommen, aber es seien mehr von ihnen zugewandert. Daher die steigende Zahl. Auch das schien ihm eine beruhigende Information zu sein. Wenn mehr zugewandert waren, erhofften sie sich hier offensichtlich ein gutes Leben.

In vielen Städten verdoppelte sich in diesen Jahrzehnten die Zahl der Juden. Und sie hatten Karriere gemacht. Aus Hausierern und Trödlern waren Großhändler geworden. Das konnte man alles nachlesen.

Martin Leber hätte aus dem Stand einen dreistündigen Vortrag über all diese jüdischen Tellerwäschergeschichten halten können. Aber auch das war nicht wichtig. Manchmal, wenn sie sich bei Hedwig Gottwald trafen, um über die nächsten Schritte zu diskutieren, konnte er mit seinem ganzen angelesenen Wissen glänzen. Und wahlweise waren die Leute angetan, wenn ihnen dieses Wissen ein vermeintliches Argument lieferte, oder verärgert, wenn es ihnen nicht in den Kram passte. Martin Leber hatte sich angewöhnt, seine kleinen Vorträge, die er während dieser abendlichen Runden hielt, zuvor mit einer Dramaturgie zu versehen. Nicht zu viele gute und nicht übermäßig viel schlechte Nachrichten. Lauter Für und Wider. So ließ sich das ertragen. Und Hedwig machte sowieso aus Scheiße Gold, wenn es sein musste. Sie drehte und wendete die Dinge so lange, bis sie irgendwie passten. Sie gehörte noch zu jener Generation, der das in Fleisch und Blut übergegangen war. Ihm fiel es ein wenig schwerer. Anders gesagt, ihm widerstrebte es, sich solch unlauterer Methoden zu bedienen. Deshalb hatte er die Beschreibung Salomon Weinrebs auch wieder gelöscht. Sie war mit Hilfe unlauterer Methoden entstanden. Seine Schüler forderte er hin und wieder auf zu fabulieren. Um sie bei Laune zu halten. Aber sich selbst konnte er solcherart Geschichtsschreibung nicht gestatten.

Eigentlich haben wir alle unlautere Methoden im Gepäck, dachte Martin Leber und ging erneut zum Plattenspieler. Warum nicht noch einmal Rigoletto. Den Schluss konnte man gar nicht oft genug hören.

Ihn hatte die Sache gepackt. Die Neugier sozusagen. Als es anfing mit den ersten Verhandlungen, hatte er wissen wollen, wer diese Leute gewesen waren, die ihn und die ganze Nachbarschaft in solche Turbulenzen stürzten. Ihnen im Wortsinn den Boden unter den Füßen entzogen. Plötzlich war er mittendrin. Mit allem, was er besaß. Und das war nicht viel. Mittendrin. Ihm wurde noch heute ganz schwindelig, wenn er daran dachte.

»Ich schwanke nicht länger, die Liebe gebietet.« Welch eine dumme, sentimentale Kuh diese Gilda doch war. Aber keine hat aus der Dummkuh so gut eine leidende Göttin gemacht wie die Callas. Und italienisch klang alles sowieso wunderschön. Ob es diese Aufnahme noch auf Platte geben würde, wenn seine abgenutzt und nicht mehr zu gebrauchen war?

Martin Leber drehte den Ton lauter und stellte sich wieder ans Fenster. Die Grafs hatten Festbeleuchtung an, das Haus sah aus wie der klägliche Versuch einer Angebernummer. Alle Häuser hier sahen so aus. Manchmal fragte er sich, warum sie eigentlich so an diesen Hütten hingen. Als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Dabei stand sie ihnen doch seit neunundachtzig offen, die Welt. Fast sieben Jahre, in denen sie hätten reisen und sich einen neuen Platz zum Leben suchen können. Nicht die Grafs, die konnten das vorher schon tun und haben sich ausgerechnet für Warenberg entschieden. Lächerlich eigentlich. Aber er und die meisten anderen im Ort. Was hatte sie nur gehalten bis jetzt, dass sie immer noch hier waren und sich die Köpfe heißredeten, weil ihnen jemand das Recht streitig machte, ruhigen Gewissens hier zu sein? Da waren die Gefängnistüren aufgegangen, und sie alle waren in ihren Zellen geblieben, weil sie es sich schön gemacht hatten. Sah gar nicht mehr aus wie eine Zelle, plötzlich. Sie waren in die Baumärkte gestürmt und hatten die leer gekauft, um sich gut einzurichten. Genauso gut wie die im Westen.

Die Grafs kannten das alles schon. Sie kamen aus dem Westen und hatten große Pläne. Es wäre einfacher, das Haus abzureißen und neu zu bauen, anstatt diese Pläne umzusetzen. Aber ein Freund von denen war Architekt, und der hatte eine Zeichnung davon gemacht, wie es aussehen könnte, das Haus. Ein auftrumpfender Traum vom Anderssein. Damit brächten die Grafs einen ganz neuen Ton in die Siedlung. Den vom Andersseinwollen. Bisher hatten sie sich alle bemüht, ein wenig unterscheidbar, niemals aber anders zu sein. Das bewahrte den Frieden und die Zuversicht. Sie lebten schon so lange hier. Die meisten jedenfalls. Das schafft Vertrauen und Gelassenheit. Wenn niemand ausreißt. Wenn alle sich an die ungeschriebenen Gesetze halten. Wer ein bisschen reicher wurde, steckte das Geld in die Einrichtung, kaufte eine Küche von Poggenpohl und eine Ledergarnitur fürs Wohnzimmer. Zwei hatten sich einen Kamin gebaut, drei einen Wintergarten. Neue Türen und Fenster hatten sie fast alle.

Gleich nach der Wende hatte einmal in der Woche ein großes Auto auf dem Marktplatz gestanden, das ein kleines Beratungs- und Verkaufsbüro beherbergte. Hinter dem Schreibtisch saß ein Mann und erklärte den Leuten stundenlang die Vorteile neuer Fenster und Türen. Redete über das gestiegene Sicherheitsbedürfnis in dieser neuen Zeit, über Versicherungspolicen, die nicht mehr griffen, bliebe man bei der guten alten Holztür und den einmalverglasten Fenstern, über marodierende Diebesbanden, die sich bald breitmachen würden im angeschlossenen Territorium, um ihre Beutezüge zu veranstalten. Abgerüstete Russen, rachedurstige Polen, rumänische Banden. Widerständig ist kaum jemand geblieben. Irgendwann hatte Martin Leber die Geschichte von den marodierenden Türverkäufern in einem Roman gelesen. Die Episode war hängengeblieben, weil sie ihm so vertraute Bilder bescherte. Und weil es genauso abgelaufen war, hier in Warenberg.

Martin und Martina Leber waren die Ersten gewesen, die angefangen hatten, trotz aller Unsicherheiten eine Menge Geld in das Haus zu stecken. Gleich nach der Wende hatten sie damit begonnen. Das Geld hatte sich zwar beim Umtausch halbiert, doch es genügte für ein innen fast neues Haus. Und mit dem Außen musste man halt warten. Bis die ganze Geschichte geklärt war.

Manchmal schaute sich Martin Leber die Fotoalben seiner Eltern an, die auch schon hier in diesem Haus gewohnt hatten. VdN, alle beide. Eine Abkürzung, bei der man die Stimme etwas senkte und einen ernsten Blick aufsetzte. VdN, weißt du?

Verfolgte des Naziregimes hatten es ein wenig besser. In vielem jedenfalls. Seine Eltern durften in dieses Haus ziehen. Anfang der Sechziger. Sie kauften es von einem Mann, der es in den Dreißigern gebaut hatte, in jener Zeit, als das Land parzelliert wurde. Zerstückelt, um verkauft zu werden. Martha und Fritz Leber kauften das Haus, aber nicht den Boden. Den hätten sie nicht bekommen.

Es gab von fast jedem Gartenfest, das seine Eltern veranstaltet hatten, ein ganzes Fotoalbum. Immer im August fand dieses Fest statt. Ein Treffen der Widerständigen, die stetig älter und gebrechlicher wurden. Einmal zählten sie auf einem dieser Feste die Jahre zusammen, die sie in Konzentrationslagern verbracht hatten. Und kamen auf eine beachtliche Zahl.

Aber nun sind wir alle hier, hatte sein Vater gesagt, als die Anzahl der Jahre feststand. Und wir leben noch.

Darauf hatten sie Wodka getrunken und ein russisches Soldatenlied gesungen.

Seinen Eltern hätte die ganze Geschichte das Herz gebrochen. Dachte er manchmal. Und doch hätte er gern gewusst, wie sie sich verhalten hätten. Ob sie mit Hedwig Gottwald und gegen die Erben gekämpft oder eine namenlose Schuld auf sich genommen hätten. Sie waren beide fürchterliche Moralapostel gewesen. Das und ihre politische Verbohrtheit hatten ihm eine schwierige Kindheit beschert. Sehr schwierig. Die erste Westschallplatte, die er nach Hause brachte, musste er auf ihre Anordnung hin sofort wieder zurückbringen. Sein Freund hatte sich erst halbtot gelacht und ihn dann bedauert. Wie kann man nur so blöd sein, hatte er gefragt, und Martin Leber hatte sich für seine Eltern geschämt. Die am 7. Oktober aus jedem Fenster eine Fahne hängten. Abwechselnd die rote und die Staatsfahne. So wie bei ihnen hatte es hier nirgendwo ausgesehen am 7. Oktober. Immerhin hatten seine Eltern nicht zu jenen gehört, die einfach die Fahne gewechselt hatten und nun statt Hakenkreuz Hammer und Zirkel im Ährenkranz flaggten. Trotzdem waren sie ihm in ihrer Unerbittlichkeit, mit der sie an den ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden glaubten, auf die Nerven gegangen.

Aber er war in dem Haus geblieben. Hatte mit Martina erst oben in den beiden Zimmern gewohnt und dann das ganze Haus in Beschlag genommen, als die Eltern gemeinsam in ein Altersheim gingen. Um Platz zu machen für die jungen Leute, wie sie sagten. Hatte versprochen, das Haus in Schuss zu halten, und es im Rahmen seiner Möglichkeiten auch getan. Wenn man allerdings mit der Ansage groß geworden war, dass es kaum etwas Verwerflicheres als Diebstahl von Volkseigentum gab, war man im Instandhalten eines Hauses arg eingeschränkt gewesen. Wie anders als durch Diebstahl von Volkseigentum konnte man an all die Dinge kommen, die notwendig waren, um ein Haus instand zu halten?

Nach der Wende wollte er dann loslegen. Warte ab, ob irgendein Wessi kommt und Anspruch auf Grund und Boden erhebt, hatten die meisten gesagt. Und niemand dachte zu der Zeit daran, dass es nicht der Wessi sein würde, der etwas wollen könnte, sondern eine jüdische Erbengemeinschaft.

Das war ein Witz. In gewisser Weise. Man schaute monatelang argwöhnisch auf jedes Auto, das ein Nummernschild aus den alten Bundesländern hatte. War solch ein Wagen langsam durch die Straßen gefahren, standen die Leute hinter den Gardinen. Sie wussten bei jedem Nummernschild sofort, woher der Wessi kam. Celle, flüsterten sie, Dortmund, Saarbrücken. Sie schauten im Atlas nach, wo das lag, und versuchten sich ein Bild zu machen. Konnte es sein, dass von dorther das Unglück kam, mit der Forderung nach Rückgabe auf den Lippen, mit Vorstellungen von Entschädigung, die nie jemand würde bezahlen können in dieser piefigen kleinen Siedlung? Im Nachbarort, gerade mal vier Kilometer entfernt, lagen inzwischen auf zwei von drei Häusern Restitutionsansprüche. Dort brannte Tag und Nacht die Luft. Die Leute wurden verrückt. Einige jedenfalls. Martin Leber war wenige Wochen zuvor zu Besuch bei Freunden gewesen, die dort lebten. Die alte und neue Besitzerin ihres Hauses war über neunzig und hatte erklärt, sie wolle sich das Kaufangebot überlegen. Mehr als vierzigtausend können wir nicht, hatte der Freund gesagt, ein ehemaliger Kollege, der inzwischen im Ruhestand war. Wenn die Alte darauf nicht eingeht, ziehen wir hier fort. Zumindest muss ich nun nicht mehr am Fenster stehen und Angst vor jedem fremden Auto haben. Ich kam mir ja selbst schon völlig bescheuert vor, ein gelangweilter Rentner, der ständig am Fenster steht und sich hinter der Gardine versteckt.

Martina fand Gardinen spießig. Martin auch. Stattdessen wurden Vorhänge gekauft und aufgehängt. Ich hätte wissen müssen, dass wir so enden, hatte Martin Leber damals gedacht. Mit Vorhängen, die aus schweren, dunkel glänzenden Stoffen bestehen und deren Faltenwurf so exakt ist, dass jeder einzelne Vorhang aussieht, als sei er aus Stein gemeißelt.

Die Vorhänge flossen seit dem Tag, an dem sie angebracht worden waren – wenn man bei Steinvorhängen davon reden konnte –, noch einen halben Meter über den Boden. Staubfänger, die alle drei Monate gewaschen und gebügelt werden mussten.

Martin Leber wusste nicht, was mit seiner Frau passiert war. Sie hatte aus dem Haus einen glänzenden staubfreien Sarg gemacht. Alles stand an seinem Platz, nichts durfte verrückt werden. Außer meiner Frau, wenn ich mir diesen blöden Witz erlauben darf, dachte Martin Leber und starrte weiter auf das Haus der Grafs, obwohl es nichts zu sehen gab. Unvorstellbar, dass es Martina gelingen konnte, auch mit zwei Kindern ein Haus so aussehen zu lassen, als sei es eine Möbelausstellung. In den Kinderzimmern hatte das nicht geklappt. An denen scheiterte dann auch Martina Leber. Aber ihren Mann hatte sie dressiert, das ist wohl wahr. Martin Leber lief längst an den Teppichkanten entlang, damit der Perser, der kein Perser war, nicht zu sehr abgenutzt wurde. Wenn er den Geschirrspüler ausräumte, stellte er die benutzten Gläser in den hinteren Teil des Küchenschrankes und rückte die Gläser von hinten nach vorn. Das Gleiche machte er mit Tellern und Tassen. So wurde alles gleichmäßig abgenutzt und konnte später einmal im Dutzend nachgekauft werden.

Die Kinder waren widerständig geblieben. Aber auch sie hatten es schon bald nicht mehr gewagt, im Wohnzimmer irgendetwas liegen zu lassen. Das lag vielleicht daran, dass sie auch keine Kinder mehr waren, sondern inzwischen erwachsen. Noch nicht erwachsen genug, um ihr eigenes Leben führen zu können. Dafür reichte das Geld nicht. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie das Haus verlassen würden. Franka würde als Erste gehen. Nicht weil sie älter, sondern weil sie auf der Suche war. Nach einem Mann, einem Leben, einer Idee für sich, die möglichst wenig mit den Ideen zu tun hatte, die ihre Eltern bislang für sie entwickelt hatten. Studium, Auslandsaufenthalt, Arbeit, Kinder irgendwann, aber nicht jetzt, mitten in der Ausbildung. Franka kam nur noch an den Wochenenden her, zum Schlafen und Wäschewaschen. Bei wem sie in der Woche schlief, wusste Martin Leber nicht.

Und Georg? Der würde vielleicht hierbleiben. Hing an seiner Mutter, als sollte sie auf immer und ewig die wichtigste Frau in seinem Leben bleiben.

Vielleicht liegt es daran, dass meine Frau zu Hause ist, dachte Martin Leber. Den ganzen Tag ist sie zu Hause. Das ist doch eine uralte Geschichte, die man niemandem erzählen sollte. Es macht mich krank, Teil einer uralten Geschichte zu sein. Martin Leber hörte dem Flehen der schönen Maddalena zu und dachte an sein Elend:

»Ich liebe ihn. Er liebt mich. Oh Bruder, den darfst du nicht töten!«

Schlimm, wenn der eigene Bruder ein Auftragsmörder ist. Martin Leber war trotzdem auf Seiten von Sparafucile. Der tat nur seinen Job. Herzog erstechen, im Fluss versenken, Geld kassieren.

Ausgerechnet ich wohne auf Grund und lebe auf Boden, der einmal jüdisches Eigentum gewesen ist. Das ist ein Treppenwitz. Ich bin froh, dass meine Eltern nicht mehr leben.

Martin Leber ging in sein Arbeitszimmer. Das einzige Zimmer, das Martina nicht betreten und nicht putzen durfte. Es wäre eine Katastrophe, sie hier reinzulassen. Auf dem Schreibtisch lag ein kleiner Stapel Papiere, die er noch nicht an die richtigen Stellen in seinen Ordnern einsortiert hatte.

Es reicht entgegen anderer Auffassungen nicht aus, dass nur die Überzeugung des Richters von der Wahrheit einer vermuteten Tatsache nach der Art eines Prima-facie-Beweises erschüttert wird, mithin nur ein anderer Hergang des Geschehens plausibel dargestellt werden kann. Denn mit einem solchen anderen Hergang rechnet die gesetzliche Vermutung von vornherein.

Wie lange hatte er gebraucht, um diese verschwurbelte Sprache zu verstehen. Diese gedrechselten, aber doch so schwerfälligen Sätze, bei denen er immer an Karl Valentin denken musste. Wie der am Klavier sitzt und wieder und wieder die gleiche Abfolge von Tönen spielt. Wie komm ich hier raus?

Am Anfang hatte er sich ständig Fragen gestellt, an denen man verzweifeln konnte. Die ihn nachts wach hielten, tags ablenkten und glauben ließen, auch er würde nun langsam, aber stetig verrückt werden. Wie seine Frau. Nachdem er sich zwei Tage lang mit der Frage rumgeschlagen hatte, ob man Tatsachen vermuten könne, wie es in diesem Gerichtsbeschluss hieß. Ob eine Tatsache an sich nicht faktisch sei. In der Welt. Ob es nicht geradezu unmöglich wäre, sie nur zu vermuten.

Wenn man sich nur meine Frau anschaut, mein Leben mit meiner Frau. Alles faktisch. Kein Raum für Vermutungen. Hatte er gedacht und sich wieder und wieder im Kreis gedreht. Bis er sich das erste Mal in seinem erwachsenen Leben betrunken hatte. Dann war Ruhe im Kopf.

Salomon Weinreb

Lassalle nun wirklich nicht. Bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr sah ich aus wie ein Student. Schmal, staksig, mit langen, dünnen Fingern, die ich nie zur Ruhe bringen konnte. Immer klopften, kneteten, malten, fummelten sie rum, die Finger. Als führten sie ein Eigenleben. Ich hatte große graublaue Augen. Kulleraugen geradezu. Herzensbrecher seien das, behauptete meine Mutter gern. Alles an mir war dünn, sogar die Ohren waren es. Die Sonne konnte durch meine Ohrmuscheln scheinen, wenn sie flach stand und ich ihr den Rücken zuwandte. Dann brachte die Sonne meine Ohren zum Glühen, und ich sah aus wie ein kleiner Junge, der am Mustopf genascht hatte.

Er hat aus seinem Aussehen Kapital geschlagen, der schlaue Jude. So harmlos, wie mein Bruder aussah, mochte ihm kaum jemand einen scharfen Verstand unterstellen. Aber den hatte er. Ich hatte die Ideen und er genügend Wissen und Ausdauer, sie umzusetzen. Schon als Kind. Später hat uns das zu Wohlstand gebracht. Wenn es darum ging, andere von einer Idee zu überzeugen, war Salomon unschlagbar. Er konnte reden, dass den Leuten ganz wirr im Kopf wurde. Sie vergaßen schlichtweg ihre Einwände, ihr Widerstand wurde gebrochen, wenn Salomon ihnen in immer neuen Varianten die gleiche Idee erklärte. Am Ende waren sie der Meinung, es sei eigentlich ihr Einfall gewesen und Salomon Weinreb hätte ihnen nur noch ein paar Argumente geliefert, den Einfall in die Tat umzusetzen. Vielleicht hatte er das von unserem Vater geerbt, diesen natürlichen Charme. Denn unserem Vater war es gelungen, nach dem Emanzipationsedikt achtzehnzwölf die preußische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Obwohl es ihm an Geld für Stempel und Expeditionsgebühren fehlte. Er habe es, hat er uns später erzählt, nur durch wohlgesetzte Worte geschafft. Unsere Familie war arm, wir lebten vom Bettelbrot unserer Glaubensbrüder. Doch die Eltern waren der deutschen Sprache mächtig, und auch uns haben sie deutsch lesen und schreiben gelehrt. Alle Eltern wollen doch, dass es ihren Kindern besser geht. Und Bildung war unser Zugang zu jener Welt, die uns Juden auch damals nicht litt. Und so ist es immer geblieben. Deshalb verstehe ich Salomons Nachsicht nicht und nicht die seiner Nachfahren. Wir haben den Menschen nichts vergessen. Meine Nachfahren sehen keinen Grund zu verzeihen. Sie tragen meinen Namen nicht mehr. So ist das, wenn einem kein Sohn folgt, aber Weizmann ist auch ein guter Name.

Mir genügte diese Salomon-Weinreb-Straße nicht. Es ist nur eine kleine Straße, der man nicht mal richtig folgen kann, weil sie nach einem leichten Anstieg plötzlich eine Kehrtwende macht, als hätte sie es sich anders überlegt. Die Hauptstraße sollten sie nach uns benennen. Weinreb-Weizmann-Straße. Warum nicht? Wir haben diesen Ort geprägt, und am Ende haben sie uns dafür an den Kragen wollen. Ach, im Gegensatz zu meinem Bruder bin ich meine Wut nie losgeworden. Selbst als Toter nicht. Sie hat die Angst abgelöst, die ich im Leben immer gehabt habe. Um uns. Um uns Juden.

Salomon ging das Lernen leicht von der Hand, ich hatte meine Mühen. Wir lebten mit drei Sprachen, und Salomon sprach jede, als sei es die eine und einzige für ihn. Hebräisch, um die Thora zu studieren, Jiddisch im Alltag und Deutsch, um sich den Nichtjuden verständlich zu machen. Und unser Vater erwarb uns, um nicht weiter vom Bettelbrot leben zu müssen, mit großen Mühen eine Existenz, indem er sich als Kohlenhändler betätigte. Sein stattlicher Bart, der sich vom Kinn bis zu beiden Schläfen hochzog, die Wangen frei ließ und die schmalen Lippen ebenso, war morgens weiß und abends schwarz. Und manchmal, wenn er Salomon ansah, fing er an zu seufzen und hörte damit nicht auf. Dieses schmale Jüngelchen wird nie Kohlenhändler sein können, klagte er. Du musst lernen, Salomon, lernen. Advokat werden oder dergleichen. Aber woher das Geld nehmen?

Ja, unser Vater, der machte sich Sorgen. Dabei war ich zäh. Doch wer mochte mir das glauben? Mich machte mein Körper oft verlegen, es fehlte ihm an Fleisch und Muskeln. Von Bartwuchs konnte kaum die Rede sein, sosehr ich mich auch mühte und heimlich Mittelchen auf die Wangen strich, denen Wunderkraft nachgesagt wurde und die mir Schatten der Männlichkeit auf die Wangen malen sollten. Ich war und blieb ein Jüngelchen mit gutem Verstand. Das wohl. Mit bestem Verstand sogar, als sei dies Gottes Entschuldigung für den etwas misslungenen Entwurf meines Körpers gewesen.

Erst ab dem fünften Lebensjahrzehnt kam ein wenig Fleisch auf die Knochen. Aber nie genug, um als Autoritätsperson nur der Statur wegen zu gelten. Als wir das Gut kauften und anfingen, Landwirtschaft zu betreiben, mochte mir kein Mensch glauben, ich verstünde etwas davon. Eher sahen sie mich als Mann des Wortes. Was ich ja auch war. Ich beherrschte jede Überredungskunst und konnte verhandeln. Da hat mein Bruder recht. Zumal mich kaum jemand ernst nahm. Was will der Milchbart mir sagen, werden viele gedacht haben, wenn ich ihnen eine Geschäftsidee unterbreitet habe. Lassalle und Bismarck. Das ist witzig. Wirklich.

Tote reden nicht. Ich weiß. Aber ich muss mir auch keinen Reim darauf machen, wie wir in diese Geschichte hier geraten sind, mein Bruder Hermann und ich. Lässt man solche wie uns zu Wort kommen, ist dies meist ein Winkelzug. Faulheit, könnte man meinen. Oder Frechheit. Da versucht jemand eine Nähe zu vermitteln, die nicht vorhanden ist. Verständnis für etwas zu behaupten, was nicht zu verstehen ist. Tote sind tot. Wer etwas anderes sagt, bewegt sich auf dünnem Eis.

Aber wir Juden eignen uns gut für solche Experimente. Weil so viele von uns tot sind. Was man uns nicht alles erzählen lassen kann, ohne dass wir widersprechen könnten. Jetzt also wir. Aus gutem Grund? Schlechter Absicht?

Darüber habe ich nicht zu befinden, und es ist mir, ehrlich gesagt, erst einmal gleichgültig. Obwohl ich mich zu Lebzeiten nicht gern hab vereinnahmen lassen. Und ich muss mir das hier gut überlegen. Ob ich wahrhaftig möchte, dass sich jemand meiner Geschichte bedient. Eine Schickse, unter uns gesagt. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Meinem Bruder jedenfalls behagt es ganz und gar nicht.

Was heißt behagt? Ich bin wütend, da hat Salomon völlig recht. Es wäre besser gewesen, sie hätten uns damals und immer leben lassen, wie wir leben wollen, anstatt uns zu Leiden zu verdammen, aus denen dann später Romane gemacht werden. Mir ist egal, ob sie eine Schickse ist oder nicht. Sie soll die Finger von uns lassen. Salomon war zu Lebzeiten ein wenig eitel. Und jetzt, als Toter, ist er das noch immer.

Stimmt. Mir gefällt es vielleicht doch ein wenig, dieser ganzen Geschichte meinen eigenen Stempel aufzudrücken. Hermann fand mich nicht nur ein wenig, sondern fürchterlich eitel. Umso schlimmer für mich, dass mein Körper dieser Eitelkeit nicht genügte. Ich denke, man kann das hier erst einmal laufen lassen. Es ficht mich nicht allzu sehr an, für etwas herzuhalten, was sich vielleicht anders nicht erzählen lässt.

Tote haben keine Wut im Bauch.

Da spricht Salomon nicht in meinem Namen. Ich kann und will das nicht so stehen lassen. Die Wut sollte uns nie verlassen.

Ich jedenfalls habe sie nie verloren.

Ich lasse mich nicht in diese Geschichte reinziehen, weil ich wütend bin. Obwohl mir scheint, dass alle sich verrannt haben. Auch meine Nachfahren. Was wollen sie an diesem Ort, in diesem Land, mit diesen Leuten? Fast fünfzig Jahre nachdem die uns verjagt oder umgebracht haben? Warum bleiben sie nicht, wohin es sie getrieben hat? Jeder Erinnerung an früher so fern wie möglich. Warum kämpfen sie um die Chance auf eine bessere Vergangenheit?

Das ist Unsinn. Nicht unsere Nachfahren kämpfen um eine bessere Vergangenheit, sondern all diese Leute, die unseren Nachfahren erklären wollen, dass die kein Recht haben, etwas zurückzuverlangen. Die wollen eine bessere Vergangenheit. Anständige Vorfahren, eine gute Geschichte, die man gern erzählt.

Selbst wenn mein Bruder es nicht glaubt. Ich denke, wir werden schnell wieder aus dieser Geschichte verschwinden. Wir sind nur Mittel zum Zweck, und es gibt andere, die erzählen können. Konrad vielleicht, mein Ururenkel. Der müht sich, es allen recht zu machen. Ein sinnloses Unterfangen und für jemanden, der diese ganze Geschichte lesen soll, wahrscheinlich fürchterlich verwirrend. Aber gut, das ist alles nicht mein Problem. Soll die Schickse ihr Glück mit uns beiden versuchen. Ich werde verschwinden, wann es mir passt. Und sie allein lassen mit der Geschichte. Wie Hermann. Da bin ich mir sicher.

Salomon-Weinreb-Straße 20

Ich kann hier jederzeit wieder weg, dachte Ute Graf und haute wütend in die Tastatur. Nichts ging ihr heute von der Hand, dabei musste sie sich wirklich konzentrieren, um dieses Konzept fertig zu schreiben. Ich kann überall neu anfangen. Das sagte sie auch ihrem Mann immer wieder, wenn der anfing, Unsinn zu reden. Wir können hier jederzeit unsere Zelte abbrechen, sagte sie, und meist gab sie ihm nach diesem Satz einen Kuss, damit er es wirklich glaubte. Ihr Mann machte sich Sorgen. Das müsste er nicht tun, man war ja nicht darauf angewiesen, hier zu leben. Schön wäre es, auf jeden Fall, aber wenn das nicht mit dem Hauskauf klappt, finden sie etwas anderes. Sie hatten bisher immer etwas gefunden, was zu ihnen passte. Aber noch nie war es so gut gewesen wie hier in Warenberg. Vielleicht noch die Dachgeschosswohnung im Stadtzentrum. Anfang der Neunziger. Die kam der Erfüllung vieler Wünsche am nächsten. Zwei kleine Balkone, eine Terrasse, zweihundert Quadratmeter Wohnfläche, ein Raum, u-förmig geschnitten, glatte einhundertsechzig Quadratmeter groß. Das hatte Klasse und war trotzdem geeignet, sich wohl zu fühlen.

Ute Graf hatte diese Wohnung geliebt und viel Geld in die Einrichtung gesteckt. Sie hatte mit luftig blickdichten Vorhängen, die an einer gewagten Drahtseilkonstruktion hingen, in dem großen Raum einen Schlafraum abgeteilt. Das Doppelbett, so groß wie ein halbes Fußballfeld, die Bettwäsche, seidig und teuer. Eine Stereoanlage und, die Krönung vom Ganzen, eine Minibar. Das war so ziemlich das Dekadenteste, was Ute Graf jemals in ihrem Leben getan hatte. Diese Minibar in einem nur durch Vorhänge abgeteilten Schlafzimmer, in der es sogar ein kleines Eisfach gab und die mit Piccoloflaschen und Tannenzäpfle-Bier gefüllt war. Nie wieder hatte sich Ute Graf getraut, dermaßen auf den Putz zu hauen. Doch die ersten Jahre der neuen Zeit waren genau dafür gut. Sie hatten größenwahnsinnig gemacht und eine mit vielen fürchterlichen Wünschen gefüllte Leere entstehen lassen. Ute Graf war durch die Möbelläden gelaufen, um passende Schränke zu finden für eine Dachgeschosswohnung, die fast nur aus Schrägen und Fenstern bestand. Aber sie war in dieser Wohnung nicht zur Ruhe gekommen.

Nichts von all den gekauften Dingen hatte sich hier in dem Haus in Warenberg wiederverwenden lassen. Weder das Bett noch die Schränke, die Küche und auch nicht die Bücherregale. Einzig die Vorhänge mit filigranem Muster hatten einen Platz gefunden. Im oberen Schlafzimmer hingen sie an den Fenstern, und wenn Ute Graf sie im Sommer zuzog, zeichnete die Morgensonne bizarre Muster auf Fußboden und Bett. Als Ute Graf das erste Mal bei Morgensonne aufgewacht war, hatte es ihr fast den Atem geraubt, das Lichtspiel in ihrem Schlafzimmer zu sehen. Das Muster des Stoffs spiegelte sich sogar auf Philipps Gesicht, und das hatte ausgesehen, als zerflösse es oder verwandelte sich in ein seltsames Wesen. Halb Tier, halb Pflanze. Das war so ein Moment.

Ute Graf vermisste die Dachgeschosswohnung schon lange nicht mehr, aber es gefiel ihr, dass wenigstens die Vorhänge im Schlafzimmer noch von den fetten Jahren kündeten, die sie beide gehabt hatten. Und dieses Lichtspiel überzeugte sie einmal mehr davon, dass sie angekommen war.

Die Auftragslage war in diesen ersten Jahren nach der Wende gut gewesen. Gut genug für Dachgeschosswohnungen, Minibars und Sonderanfertigungen von Möbeln. Diese ganzen Ostbetriebe, die versucht hatten, den Kopf über Wasser zu halten und Marktwirtschaft zu lernen. Manch einer hatte es auch geschafft und einige mit Hilfe von Ute Graf. Sie war keine Abzockerin, bei Weitem nicht. Sie hatte ihre Aufgabe immer darin gesehen, den Betrieben, aus denen kapitalistische Unternehmen werden sollten, zu einer Chance zu verhelfen. Sie hatte ihre Hosenanzüge im Schrank gelassen und war in Jeans gestiegen, um den Leuten keine Angst zu machen. Dann hatte sie festgestellt, dass Hosenanzüge doch besser waren. Die Geschäftsführer, die kurz vorher noch volkseigene Betriebe geleitet hatten, wollten, dass sie die kompetente, alles wissende Beraterin aus dem Westen gab. Dass sie mit Worten um sich schmiss, die man im Osten noch nie gehört hatte. Die Männer, es waren immer Männer, ließen sich Begriffe wie Change-Management und Businessplan auf der Zunge zergehen wie Verheißungen, die ihnen zum Erfolg verhelfen würden. Nicht so die Belegschaften. Die hassten eine wie Ute Graf. Denen erschien sie wie der leibhaftige Teufel in Gestalt einer gut aussehenden langbeinigen Blondine. Die wussten nicht, dass in ihr eine Flower-Power-Revolutionärin steckte, die noch wenige Jahre zuvor bunte Wallekleider getragen und Perlen in die blonden Zöpfe geflochten hatte. Die Flugblätter verteilt und an den Werktoren des Kapitals versucht hatte, Arbeiter davon zu überzeugen, dass sie streiken müssten.

Ihr kam es in diesen ersten Jahren nach der Wende selbst ausgesprochen seltsam vor, einmal so gewesen zu sein. Schon während des Studiums, das sie noch als Feldstudie betrachtet hatte, um zu begreifen, wie Kapitalismus funktioniert, war ihr hin und wieder der Gedanke gekommen, dass sie das Zeug hatte, später einmal richtig Geld zu verdienen. Dass in ihr eher eine BWLerin steckte als eine Revolutionärin. Aber diesen Gedanken schob sie ganz weit hinten in eine Schublade. Eine Schublade in ihrem Kopf, die sie nicht zu öffnen gedachte. Sie wollte zusammen mit Philipp die Welt verändern. Eine BWL-Studentin und ein angehender Sozialarbeiter. Tolles Paar. Niemand außer ihr hatte darauf gewettet, dass sie beide zusammenbleiben. Im Gegensatz zu Philipp hatten wahrscheinlich die meisten Kommilitonen in Ute Graf schon die hosenanzugtragende Erfolgsfrau erkannt. Und in Philipp den ewig scheiternden Gutmenschen. Aber sie waren zusammengeblieben, und Philipp hatte sich einverstanden erklärt, Ute Graf machen zu lassen. Er würde immer und ewig versuchen, Menschen zu retten, und sie würde sich um den ganzen großen Rest kümmern. Geld, Wohnungen, jetzt vielleicht ein Haus in Warenberg, Pläne für die Zukunft, Designermöbel statt IKEA, Seidenvorhänge statt Nesselstoff, Geschirr aus der Königlichen Porzellanmanufaktur, Mülleimer von Manufactum.

Ute Graf taten Leute wie Ilse Bock, die ein paar Häuser weiter wohnte, leid. Die sich zu allen Problemen, die das Leben bereithielt, auch noch Sorgen darum machten, ob es richtig sei, sich gegen diese Rückübertragung zur Wehr zu setzen. Natürlich war es richtig. Was denn sonst?

Wir hängen nicht an dieser Scholle, dachte Ute Graf oft. Es gefiel ihr in Warenberg, die Siedlung war schön. Man spürte, dass hier etwas gewachsen war, eine Struktur hatte, ein Leben sozusagen. Sie hasste diese Neubausiedlungen, die alle wie eine Filmkulisse aussahen. Warenberg dagegen war wirklich ein Kleinod. Ein bisschen langweilig, aber ein Kleinod. Als sie sich vor zwei Jahren das Haus angeschaut hatte, war ihr klar, dass sie es versuchen wollte.

Es war kein schönes Haus, aber eines mit Potenzial. Dermaßen ruhig, für so etwas zahlte man anderswo schon jetzt Unsummen. Und der Platz am oberen Ende des Wendehammers war ideal. Das Wort Wendehammer hatte sie erst hier gelernt.

In ihrem Garten, also in dem Garten, der zu dem Haus gehörte, in dem sie mit ihrem Mann wohnte, stand ein Quittenbaum, der mindestens siebzig Jahre alt war. Sagte der Nachbar. Ein Mann, der früher als Gärtner gearbeitet hatte. Er sagte, er sei dabei gewesen, als Fritz Oberländer den Baum gepflanzt habe. Und da sei er gerade mal sechs Jahre alt gewesen. Ein siebzig Jahre alter Quittenbaum, der immer noch Früchte trug, stand also im Garten von Ute und Philipp Graf. Ihr war noch nie ein Quittengelee gelungen, weiß der Himmel, warum. Sie machte alles nach Buch, genau nach Buch, und das Gelee wurde jedes Mal zu flüssig. Jetzt verschenkte sie die Quitten in der Nachbarschaft. Das sorgte für gute Beziehungen. Ilse Bock zum Beispiel machte hervorragendes Quittengelee. Sie gab Ute Graf immer ein paar Gläser, als Dankeschön sozusagen für die Früchte. Und das Gelee war ausgezeichnet.

Ute Graf hatte Ilse Bock gefragt, ob sie nicht mal zuschauen könne, wenn die das Gelee machte. War der Frau nicht so recht, sie hatte ein bisschen rumgedruckst, es dauere ja so lange, ein Gelee zu machen, und langweilig sei es auch, aber ganz einfach, sie könne es aufschreiben, das Rezept. Ute Graf hatte verstanden und nicht drauf gedrängt, bei Ilse Bock in der Küche zu sitzen und ihr dabei zuzuschauen, wie sie aus den Quitten ein Gelee machte. So wichtig war es ihr auch wieder nicht. Und die drei, vier Gläser, die sie jedes Jahr bekam, genügten auch völlig.

Wir sind überhaupt keine Gelee-Esser, mein Mann und ich, sagte Ute Graf manchmal, wenn sie anderen davon erzählte. Wenn Besuch kommt, stelle ich dem das Gelee hin, und die meisten sind dann begeistert.

All das schaffte kleine Bindungen. An die Siedlung, an die Nachbarschaft. Trotzdem blieb Ute Graf dabei, dass man jederzeit wieder wegziehen könnte, käme es hart auf hart. Wenn die Weinrebs und Weizmanns vor Gericht gewönnen. Zum Beispiel. Der Vermieter des Hauses, in dem Ute und Philipp Graf wohnten, hatte gesagt, wenn die Weinrebs gewinnen, dann verkaufe er das Haus. Er würde auf jeden Fall verkaufen. Auch wenn sie nicht gewinnen, die Erben. Und das könnte er ja erst, wenn diese ganze Angelegenheit irgendwann einmal endgültig entschieden sei. Aber wenn er zahlen müsse an die Weinrebs, hatte der Vermieter gesagt, dann schaute er halt auch, dass er für Haus und Grundstück den höchsten Preis rausschlage. Damit für ihn etwas übrig bleibt. Ute Graf konnte das verstehen, aber sie hatte nach diesem Gespräch auch zu ihrem Mann gesagt: Wir zahlen nicht den höchsten Preis an unseren Vermieter. Das wäre ja dann so, als zahlten wir an diese Erbengemeinschaft, mit deren Ansprüchen wir nun wirklich gar nichts zu tun haben. Ute Graf war fuchsteufelswild geworden, als ihr Mann ansetzte, ihr zu widersprechen.

Philipp hatte irgendwann angefangen, ihr alle naselang erklären zu wollen, was Kollektivschuld sei. Er las geradezu ostentativ vor ihren Augen ein Buch über die Unfähigkeit zu trauern. Du meine Güte, hatte Ute Graf eines Abends gesagt, als sie ihren Mann mit diesem Buch im Sessel sitzen sah. Ich fühle mich wie früher, als wir uns ständig belehren und schulen lassen mussten, obwohl wir eigentlich nur die Gesellschaft verändern wollten.

Sie wusste im gleichen Moment, dass sie Schwachsinn von sich gab. Nur die Gesellschaft verändern wollen. Das war natürlich ein großes Anliegen, man wollte alles und alles auf einmal, und sie hatte sich damals bereitwillig die Abende um die Ohren geschlagen, um was über Trotzki, die permanente Revolution und weiß der Himmel was zu lernen. Jetzt aber versuchte ihr eigener Mann, sie zu verunsichern, indem er ihr erklärte, man hätte eine Verantwortung gegenüber diesen Weinrebs und gegenüber den Weizmanns auch. Zum Verwechseln ähnlich diese Namen, schon allein das machte Ute Graf fuchsteufelswild.

Haben wir etwa in der DDR gelebt? Ich bitte dich, hatte sie zu ihrem Mann gesagt, lass mal die Kirche im Dorf. Selbst wenn das alles so stimmt, wie die Erben es behaupten, ist es nicht unsere Verantwortung, ihnen Genugtuung für vergangenes Unrecht zu geben. Dieses Rad dreht doch niemand mehr zurück, hatte sie gesagt und war bei jedem Satz etwas lauter geworden. Und weil sie es hasste, lauter zu werden. Sie bekam dann immer eine ganz schrille Stimme, die ihr selbst in den Ohren weh tat. Deshalb hatte sie ihren Mann gefragt: Willst du mit mir vögeln? Und das hatte Philipp Graf ausreichend abgelenkt. Beim Vögeln hatte Ute Graf gedacht: Jetzt ficken wir uns den Juden aus dem Kopf. Das war kein guter Gedanke.

Salomon Weinreb

So bin ich ins Spiel gekommen und in dieses Buch geraten. Wolff wollte das Gehöft loswerden. Der Acker ringsum hatte gute Ernten gegeben. Jedes Jahr. Aber Acker ist nicht Stadt. Acker macht aus Leuten Bauern. Das ganze Getue verpufft, wenn man Bauer ist. Wolff war ein Großmaul, ich mochte ihn nicht sonderlich. Seine gespreizte Art zu reden, diese Angewohnheit, beim Reden immer ein wenig Luft durch die Nase entweichen zu lassen, als brauche jedes Wort mindestens zwei Wege, um den Kopf zu fliehen. Vielleicht war ich auch nur neidisch auf seinen Bart, der üppig spross und ihn älter und weiser erscheinen ließ.

Wolff hatte den Acker Tannenhof genannt. Vorher hieß der einfach nur Martenshof. Marten war der Bauer, dem das Stück Land, von dem ich hier rede, gehörte, bevor Wolff es erwarb. Ein bodenständiger Mann, dieser Marten, dem ein Kind nach dem anderen starb. Dann blieb die Frau im Kindbett liegen und wurde nicht wieder. Marten hatte es noch mit der Schwester der Frau versucht, doch die brachte nur Scherereien und keine Kinder. Deren hätte es aber bedurft, um den Hof weiter zu bewirtschaften. Marten wurde ein Sonderling. Das haben mir die Leute erzählt. Wolff wusste davon nichts. Der redete nicht mit den Menschen im Dorf. Die waren dem zu dumm, vermute ich. Wie gesagt, ich mochte ihn nicht, er war ein Großmaul.

Mir haben die Leute erzählt, der Marten sei nachts durchs Dorf geschlichen und habe mit Blut Pestzeichen an die Häuserwände gemalt. Rote Kreuze, denen man die Schrecken vergangener Zeiten ansah. Ich glaubte das nicht, und fragte man richtig nach, kamen die Leute auch mit Ausflüchten. Vielleicht sei es ja kein Tierblut gewesen und möglicherweise auch nicht das Pestzeichen. Ich denke, Marten war einfach nur ein bisschen verrückt geworden von all dem Kummer. So viele tote Kinder, da wird man verrückt. Ich weiß das. In meiner Familie, wenn ich mal die große und ganze nehme, gibt es reichlich tote Kinder.

Marten ist für die Geschichte, die ich erzählen möchte, überhaupt nicht wichtig. Kein bisschen. Ein verrückter, verzweifelter Bauer, der für sich entschieden hatte, das Land zu verlassen, in die Stadt zu gehen und dort seine toten Kinder zu vergessen. Ich kann nur hoffen, dass es ihm gelungen ist. Die Stadt heilt tatsächlich einige Wunden, das kann ich bestätigen. Mir ging es in der Stadt immer gut. Tatsächlich. Von meinen Nachfahren sind viele in die Welt gegangen. Nicht freiwillig, darüber wird noch zu reden sein. Aber wenn sie gehen mussten, dann in große Städte. Nie wieder haben sie es auf dem Land versucht mit ihrem Glück. Obwohl ich mir nicht ganz sicher bin. Es muss Nachfahren von mir geben, die in Australien leben und dort Pferde oder Schafe oder Rinder züchten. Aber das liegt denen nicht im Blut. Dessen bin ich gewiss.

Weizmanns, meine Linie, sind nach Australien gegangen. Zumindest ein Teil von ihnen. Weit genug fort, finde ich. Und Australien ist nicht schlecht. Konservativ, aber das waren wir in gewisser Weise auch. Salomon weniger. Und unter seinen Nachfahren muss es ein paar ganz revolutionäre gegeben haben. Die neunzehnneunzehn für die Räterepublik gekämpft haben. Wobei ich mir jetzt nicht sicher bin, ob ich da nicht was durcheinanderbringe. Aber es muss jemanden gegeben haben bei den Soldatenräten oder Kieler Matrosen. Salomon war so fürchterlich fortschrittsgläubig. Ich nicht. Ich habe nie darauf vertraut, dass der Fortschritt auch uns Juden meint. Ich wollte, dass wir uns rückversichern. Deshalb das Gut und die Landwirtschaft.

Wir haben auch auf dem Land versucht, die Stadt näher zu holen. Vielleicht, weil sie unsereinen besser beschützen konnte. Die Stadt bot Verstecke und lange ein ausreichendes Maß an Gleichgültigkeit. Auf dem Land waren wir wie Wild auf offenem Feld. Für jedermann sichtbar. Und ziemlich allein. Da hieß es nicht, die Juden sind unser Unglück, da hieß es, der Jude ist unser Unglück. Und der stand für alle Juden der Welt und hatte Namen, Adresse, Hof und Kinder, war Teil des ganzen dörflichen Geredes, dem niemand entkam.

Ach, ich weiß nicht. Darüber haben wir schon zu Lebzeiten gestritten. Ich fand es sicherer auf dem Land. Es hat uns ernährt, und wir haben einigen Leuten zu Lohn und Brot verholfen. Die meisten haben uns deshalb zumindest geduldet. Mehr war sowieso nie zu erwarten. Als gelitten, geduldet zu sein. Das scheint mir heute nicht anders. Wenn sich alle einig werden in Warenberg und niemand von etwas lassen muss, von dem er meint, es gehöre ihm, werden unsere Nachfahren geduldet sein. Die Zeiten sind gut und die Menschen zivilisierter geworden. Sie mögen uns auf eine höflichere Art und Weise nicht. Damit kann man sicher leben. Es sei denn, man hat noch immer diese Wut im Bauch.

Dass meine Erben – oder besser, die Erben meiner Erben – nun Martenshof zurückhaben wollen, aus dem später Tannenhof wurde und dann Gut Tannenhof, heißt nicht, dass sie plötzlich auf dem Land leben möchten. Sie werden fast alle bleiben, wo sie sind. In ihren großen Städten, verstreut in alle Winde, wie man so schön sagt. Einige aber wollen sich tatsächlich in Tannenhof niederlassen, das heute nicht mehr Tannenhof, sondern Warenberg heißt. Zumindest der Ort. Das Gut hat seinen Namen behalten.

Dorthin zurückzukehren gehört sich nicht. Für uns ist es ein Ort der Niederlage und Demütigung. Daran ändern auch die guten Erinnerungen der ersten Jahre nichts. Ich kann nicht verstehen, dass man sich dort wieder niederlassen möchte. Da muss man nicht einmal melodramatisch werden, um sein Unverständnis zu begründen. Die Jahre ab dreiunddreißig haben die ganzen Jahrzehnte davor ausgelöscht. Eine Idylle, die sowieso immer auf tönernen Füßen stand. Ein fragiles Glück, dem wir vertraut hatten, ohne uns ganz darauf zu verlassen.

Am 29. September dreiunddreißig war ich schon fünfunddreißig Jahre tot. Für meinen Enkelsohn, der Gut Tannenhof bewirtschaftete, spielte dieses Datum eine große Rolle. Für all meine Kinder und die Kinder meines Bruders. Für deren Kinder und die, die nach ihnen kamen, war das so. Obwohl sich die wenigsten von ihnen in der Landwirtschaft betätigt hatten. Um das Gut hatte sich nach mir nur mein Sohn Heinrich gekümmert und dann sein Sohn Gregor. So lange, bis er begann, in der Stadt sein Geld zu verdienen. Dreiunddreißig wollte Gregor anfangen, seinen Sohn Richard für die Arbeit auf dem Gut zu begeistern. Da war der gerade mal fünfzehn. Ein bisschen früh für Ackerbau und Viehzucht, finde ich. Aber es ging Gregor wohl eher darum, seinen Sohn mit dem geschäftlichen Teil des Ganzen vertraut zu machen.

Mich hatte Heinrichs Interesse für Vieh und Getreide immer verwundert. Er war ein wunderbarer Sohn. Ein draller Springinsfeld, aus dem später ein breitschultriger kräftiger Mann wurde. Meine Kulleraugen, Elinors Nase und Haare, die pragmatische Art seines Großvaters mütterlicherseits, Dinge zu erledigen und Probleme zu lösen. Schon als Junge klebte Heinrich an den Stiefeln des Gutsverwalters. Legte sich ein kleines Beet an und versuchte, darauf große Kartoffeln wachsen zu lassen.

Ich will eine neue reine Kartoffelrasse züchten, Vater, hat er einmal zu mir gesagt. Da war der Bengel dreizehn, und uns gehörte das Gut gerade erst ein Jahr. Seine Kartoffelrasse werde widerständig gegen alle Schädlinge sein, aber man müsse aufpassen, dass sich gutes nicht mit schwachem Saatgut vermische. So redete der Junge damals. Sah aus wie sechzehn, mit seinem für sein Alter etwas zu groß geratenen Körper, den immer schmutzigen Händen, die doppelt so breit waren wie meine. Hätte ich in die Zukunft schauen können, hätte ich ihm eine runtergehauen für die widerständige und reine Rasse. So kam mir das alles nur wie die Angeberei eines Dreizehnjährigen vor, der seinen Vater beeindrucken wollte. Aber ich konnte ihm nicht böse sein. Er war unser einziges Kind. Wir hatten schon nicht mehr geglaubt, dass es klappt. Meine Frau war dreiunddreißig und ich siebenunddreißig Jahre alt, als Heinrich geboren wurde. Davor nur Fehlgeburten. Elinor ist immer kleiner und trauriger geworden in diesen Jahren. Das ist Gottes Strafe, hat sie manchmal zu mir gesagt. Salomon, es ist bestimmt Gottes Strafe. Aber wofür? Wir mühen uns doch, gute Menschen zu sein.

Meine Frau. Elinor. Keine Schönheit, aber eine leuchtende Gestalt. Ihre Nase etwas zu groß, die Augen ein wenig zu weit auseinanderstehend, die Stirn ein bisschen zu hoch, das Kinn eine winzige Spur zu energisch, die Haare nicht zu bändigen, ein üppiger Oberkörper auf zu schmalem Becken und zu dünnen Beinen. Nichts passte an Elinor wirklich zusammen. Sie hatte von allem zu wenig oder zu viel. Aber der Gesamteindruck war so, dass niemand sie vergaß. Elinor war besonders. Und sie hatte mich erwählt, den weichen, etwas zu schwatzhaften, schmalfingrigen Salomon Weinreb.

Mein Bruder hatte zwei Töchter in die Welt gesetzt, Sarah und Esther. Und mein Bruder konnte es nicht lassen, vor sich herzutragen, dass er ein Jude ist. Sarah und Esther zur damaligen Zeit, in der so viele Juden ihren Kindern die deutschesten aller deutschen Namen gaben. Heinrich eben. Nur zum Beispiel. Der Ausdruck einer trügerischen Gewissheit, die uns später teuer zu stehen kam.

Darüber haben wir uns auch manchmal gestritten. Ich wollte nicht, dass wir so tun, als seien wir gar keine Juden. Uns hinter deutschen Namen verstecken. Wenn sich ein Neger weiß anmalt, bleibt er doch in den Augen der anderen ein Neger, habe ich zu Salomon gesagt, wenn er mir zu erklären versuchte, dass Sarah und Esther es allein ihres Namens wegen einmal schwerer haben würden. Welch ein Irrglaube, habe ich ihn einmal angeschrien. Wir hatten beide viel Wein getrunken, es war der Geburtstag von Esther, glaube ich.

Die anderen werden immer ein Gespür für unsere Rasse haben, sie werden uns riechen, wenn es ihnen passt, egal, welche Namen wir tragen. Wir sind das auserwählte Volk. Auserwählt, von allen und überall erkannt zu werden. Ob wir es wollen oder nicht. Das habe ich damals geschrien, wahrscheinlich mit schwerer Zunge und lauter, als gut für uns alle war. Aber Salomon glaubte, uns seien die Zeiten wohlgesinnt.

Achtzehnsechzig, als Heinrich geboren wurde, begann ein kleines goldenes Zeitalter für uns Juden. Selbst auf den Dörfern arbeiteten sich manche in die Mittelschicht oder wurden gar zur Oberschicht gezählt. Der Name Heinrich, das habe ich so als kleine Geste der Dankbarkeit an diese für uns gute Entwicklung empfunden. Als Heinrich zehn war, gab es kaum noch Juden, die sich ihren Lebensunterhalt erbetteln mussten. Das sah in meiner Kindheit ganz anders aus. Völlig anders.

Also nur Heinrich blieb wirklich in der Landwirtschaft. Alle anderen aus der Familie sind in die Stadt zurückgegangen. Wo wir hingehörten, wenn man es ehrlich betrachtet. Sie haben Kanzleien eröffnet, Arztpraxen und Handelshäuser. Die Mädchen haben geheiratet und sind Frau Rechtsanwalt oder Frau Doktor geworden. Ihre Männer hatten Erfolg in der Stadt. So wie mein Enkelsohn Gregor, der eine Bank gründete und ein Handelshaus, weil ihm die Landwirtschaft doch nicht so gefiel. Sie alle kamen jeden Sommer auf das Gut, bezogen dort ihre mehr oder minder schönen Sommersitze und blieben ein paar Wochen. Die Männer pendelten zwischen Dorf und Stadt, Erholung und Geschäft. Die Frauen blühten auf und machten sich in den Gärten und auf den Obstwiesen die Hände schmutzig. Am Abend waren die dann rot von den Kirschen oder schwarz vom Johannisbeersaft.

Ich war ein dünner, schmalfingriger, etwas schwatzhafter Deutscher jüdischen Glaubens, wie es korrekt heißt. Ich habe festgestellt, dass mir die korrekten Bezeichnungen nicht behagen. Hep-Hep gefällt mir besser. Tatsächlich. Wer uns das hinterherrief, machte eine klare Ansage. Hep-Hep, Jude! Dich kriegen wir noch. Und so ist es ja auch gekommen.

Aber dreiunddreißig war ich eben schon lange tot. Mir ist alles Mögliche erspart geblieben.

Wolff auch. Der Mann ist in die Stadt zurückgegangen, nachdem wir ihm achtzehnzweiundsiebzig Tannenhof abgekauft hatten. Und dort ging es ihm gut. Es war eine deutsche Stadt, und er hatte Erfolg. Die Zeiten änderten sich für unsereinen zwar ständig, doch man kann sagen, in den Jahren nach der Reichsgründung hatten wir es gar nicht so schlecht. Zwei Söhne vom Wolff sind Ärzte geworden, und einer wurde Rechtsanwalt. Vielleicht war Wolff deshalb ein Aufschneider. Und ließ es alle spüren.

Rings um den Hof Kiefernwälder, und er nennt das Gut Tannenhof. Damit war der verrückte Marten Geschichte. Wolff hat den Wald hinter dem großen Gutshaus mit Tannen aufforsten lassen. Um dem Namen gerecht zu werden. Als ob es Tannen gut im märkischen Sand hält. Aber Wolff wusste nichts von solchen Sachen. Hat sich jedoch immer aufgespielt, als wüsste er alles. Und das mag ja für den Kaufmann Wolff auch gestimmt haben.

Einige Tannen sind trotzdem gewachsen. Fünfzig Meter hinterm Gutshaus stehen sie in Reih und Glied und versperren die Sicht auf den Wald dahinter. Gut, das nehme ich zurück, es ist banal, zu behaupten, Bäume versperrten einem die Sicht auf den Wald. Ich fand dieses Sprichwort schon immer albern. Habe mich gern und viel mit Sprache befasst. Insofern wären für mich die Jahre ab neunzehndreiunddreißig interessant gewesen. Aber mehr noch die Neunziger. Eine zweite Reichsgründung sozusagen im späten zwanzigsten Jahrhundert. Der Krieg hatte geteilt, die Zeit geheilt, und alles wuchs wieder zusammen. So seltsam das klingen mag, aber jetzt wird in der Sprache der Gerichtsbarkeit noch einmal Abneigung niedergeschrieben. Wenn auch in anderer Form. Die beeindruckt mich. Mehr als die tödliche Direktheit der Dreißiger. Meine Nachfahren regten sich sicher auf, wüssten sie das. Die geraten andauernd in so eine Art wütende Verzweiflung oder verzweifelte Wut über all diese Schriftstücke, die von der Gerichtsbarkeit inzwischen über Gut Tannenhof und Warenberg verfasst wurden. Sätze, die einem die Tränen in die Augen treiben. Lächerliche Sätze, die jedes Sprachgefühl vermissen lassen.

Der Vortrag des Beklagten ist nicht geeignet, die gesetzliche Verfolgungsvermutung mit dem Mittel eines Beweises des Gegenteils zu widerlegen, da das bloße In-Frage-Stellen einer etwaigen Verfolgung seitens des Beklagten zur Führung des Beweises des Gegenteils und damit zum Ausschluss der Mitursächlichkeit des Nationalsozialismus beim Abschluss des Rechtsgeschäftes nicht ausreicht.

Mich fasziniert diese Sprache. Sie wird absurd, wenn man anfängt, sich zu streiten. Macht sich selbständig und uns zu Deppen. Allesamt. Nicht einmal die Anwälte machen eine gute Figur, wenn sie solche Sätze drechseln. Das bloße In-Frage-Stellen einer etwaigen Verfolgung. Da steckt doch mindestens ein Wort zu viel drin. Eine Verfolgung, die etwaig ist, muss ich ja wohl nicht mehr in Frage stellen. Etwaig – dieses Wort tut von allein, was mir da noch überlassen scheint. Aber ich will nicht kleinlich sein. Der Streit ließ sich nicht vermeiden. Obwohl wir stattdessen auch hätten reden können. Hätten wir? Ich nicht, das ist klar. Ich bin tot. Aber meine Nachfahren. Doch das sagt sich für einen wie mich leicht dahin. Vielleicht haben die Jahre dreiunddreißig bis fünfundvierzig auch alles Reden für immer und ewig unmöglich gemacht. Wen interessiert das heute noch?

Nachfahren, das habe ich schon zu Lebzeiten gedacht, ist auch ein sonderbares Wort. Als Verb so unbedeutend und nichtig. Und als Substantiv derartig schwergewichtig. Ich mag die neueren Begriffe lieber. Auch wenn meine Kinder und die Kinder meiner Kinder noch in der Schule Tuwort und Dingwort gelernt haben. Albern. Nachfahre ist bestimmt kein Dingwort. Nachfahre ist ein Substantiv.

Salomon und die Worte. Wäre ich nicht tot, trieben mir diese Auslassungen Tränen der Rührung in die Augen. Was er sich auch an Worten und Sätzen aufhalten konnte. Untertänigst. Nur als Beispiel. Natürlich habe ich manchmal in meinen Briefen untertänigst um etwas gebeten. Dass man die eine Sache prüfen und die andere erlauben möge. Schließlich waren wir ja Untertanen.

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