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Das infernalische Zombie-Spinnen-Massaker

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Kennen Sie auch das Gefühl, wenn man gerade einschläft und plötzlich zuckt – als würde man fallen und dann fängt man sich in letzter Sekunde ab? Nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssten, normalerweise ist es nur der Parasit, der Besitz von Ihnen ergriffen hat und sich nun festbeißt.

Das muss ich wohl genauer erklären, aber das wird etwas dauern. Und Sie versprechen mir bitte, dass Sie deswegen nicht gleich ausrasten. Mein Name ist übrigens David Wong. So steht es vorne auf dem Cover. Aber wenn Ihnen das nichts sagt – umso besser. Das hieße nämlich, Sie haben mein letztes Buch nicht gelesen, das mich, offen gesagt, nicht im besten Licht darstellt. Also: Willkommen, lieber Leser! Ich freue mich über die Möglichkeit, Sie davon zu überzeugen, dass ich kein Scheißkerl bin. Dafür müssen Sie aber den nächsten Absatz überspringen, denn nur so lernen Sie mich völlig vorurteilsfrei kennen.

Wenn Sie wissen, wer ich bin, haben Sie wahrscheinlich das vorige Buch gelesen, und ich weiß, was Sie jetzt denken. Darauf kann ich nur antworten: „Ficken Sie sich selber.“ Stellen Sie Ihre E-Mail-Hasstiraden und Shitstormphantasien ein. Und nehmen Sie zur Kenntnis, dass Sie sich mit Klagen oder Sammelklagen an die juristische Abteilung des Verlages zu richten haben, nicht an mich. Und überhaupt: sucht euch die entsprechende Adresse gefälligst selber raus, ihr gierigen Schweinepriester.

Jetzt aber zurück zu unserer Geschichte. Ich entschuldige mich für meine harschen Worte. Sie werden sehen, das ist für gewöhnlich nicht meine Art.

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Also, wenn Sie wissen wollen, wie krank diese Stadt wirklich ist, hören Sie mir zu: Letzten Sommer bin ich mit meinem Freund John losgezogen, um seinen Geburtstag zu feiern. Spät nachts, als wir einigermaßen betrunken waren, fuhren wir aus der Stadt raus, hin zum alten Wasserturm, um da runterzupinkeln. Das ist eine Art Ritual und schon seit 20 Jahren fester Bestandteil von Johns Geburtstag (er hat damit angefangen, als er fünf wurde, was eigentlich mehr über seine Eltern aussagt als über John). Diesmal war es etwas Besonderes, denn der alte Wasserturm sollte, so hieß es, abgerissen werden und ein neuer, moderner gebaut werden, und es sah nicht danach aus, als wäre dort auch eine Plattform zum Runterpissen vorgesehen, denn die guten alten Zeiten sind endgültig vorbei. In dieser Welt ist kein Platz mehr für Männer. Egal. Jedenfalls war es zwei Uhr morgens, und wir pissten abwechselnd vom Turm – gleichzeitig geht nicht, wir wurden ja nicht von Wölfen großgezogen –, und als ich dran war und den unbeschreiblichen Augenblick genießen wollte, wo der lange Strahl meines Urins sich mit der Erde unter mir verband, entdeckte ich plötzlich in der Ferne das Licht von Scheinwerfern. Mehrere, drüben am Highway, nur eine Viertelmeile von da entfernt, wo ich gerade pisste. Das genügte, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, denn das ist keine vielbefahrene Strecke, zu keiner Tageszeit, und vor allem nicht in den frühen Morgenstunden eines ganz normalen Wochentags. Als die Scheinwerferlichter näher kamen, sah ich, dass sie zu einem Konvoi schwarzlackierter Militärfahrzeuge gehörten.

Ich blinzelte und schrie: „Ist das eine Invasion oder so was? Ich bin viel zu betrunken, um die zurückzuschlagen.“

Hinter mir sagte John: „Schau dir mal den an. Den letzten, ganz hinten …“ Mein Strahl versiegte abrupt, weil ich auf keinen Fall pissen kann, wenn jemand mit mir redet. Mein Blick fing die hinteren Scheinwerferlichter ein, und ich sah, dass sie langsam hin und her schwenkten – der Wagen schien außer Kontrolle geraten zu sein. Dann krachte es auch schon, und das Ding verkeilte sich leise knirschend in einem Telefonmast.

Der übrige Konvoi fuhr einfach weiter.

Noch ehe ich den Reißverschluss zuhatte, stieg John die Leiter runter. Ich folgte ihm lallend und protestierend, und irgendwie gelang es uns, dabei nicht abzustürzen. John sprang in meinen rostigen Ford Bronco, und ich schaffte es gerade noch auf den Beifahrersitz, ehe wir schon an Maisfeldern vorbei die Straße runterrasten. John hielt den Bronco im Tarnmodus, Lichter aus.

Wir fanden den kaputten Truck (der wie ein Geldtransporter aussah, an dem man die Nummernschilder abgeschraubt hatte) am Straßenrand. Der rauchende Kühlergrill vermittelte den Eindruck, als wolle er den Holzmast fressen. Wir waren allein, es war still, und keiner aus dem Konvoi schien nach dem verunglückten Wagen sehen zu wollen. Doch ich war damals zu betrunken, um das seltsam zu finden. Vorsichtig näherten wir uns dem Wagen. John steuerte direkt auf die Fahrertür zu, wahrscheinlich um zu sehen, ob der Fahrer verletzt war. Er spähte von außen durchs Fenster, riss die Tür auf und blieb dann wie angewurzelt stehen.

„Was? Was ist los, John?“

John zeigte keine Reaktion.

Ich sah nervös den Highway runter und fragte noch mal: „Was ist denn? Ist er tot?“

Wieder keine Reaktion.

Ich kam näher und schaute widerwillig auf den Fahrersitz. Jetzt war ich an der Reihe, mit offenem Mund dazustehen und den Gestank des auslaufenden Frostschutzmittels einzuatmen. Zuerst dachte ich, der Fahrersitz sei leer, was nicht allzu verwunderlich gewesen wäre – der Fahrer hätte immerhin vor unserer Ankunft benommen wegtaumeln können. Aber der Platz war nicht leer. Auf dem Fahrersitz saß G.I. Joe. Ihr wisst schon, eine dieser 15 cm großen Actionfiguren. Sie war halb verdeckt vom Sicherheitsgurt. Irgendwer hatte sie damit umwickelt.

John und ich standen da, kämpften gegen den Wodka-Rausch an und versuchten uns beide einen Reim auf das zu machen, was wir da sahen. Aber auch nüchtern machte die Sache keinen Sinn. Hier hatte ein Fahrer seinen Truck an einen Mast gesetzt, und bevor er abgehauen war, war es ihm wichtig gewesen, einen Spielzeugsoldaten auf dem Fahrersitz zu platzieren und anzuschnallen. Warum nur? Damit die Sanitäter dachten, die Toy Story sei wahr geworden?

John zog den Zündschlüssel ab und schloss die Fahrertür. Er blickte sich um, suchte offenbar immer noch den Fahrer, aber weit und breit war niemand zu sehen. Dann ging er um den Wagen herum und klopfte mit der Faust gegen die gepanzerte und fensterlose Hintertür. Dabei rief er: „Hey, ist da irgendwer drin? Sieht aus, als hätte sich der Fahrer beim Unfall in G.I. Joe verwandelt.“ Keine Antwort.

Nüchtern wären wir niemals so dämlich gewesen zu glauben, dass uns irgendjemand in diesem unheimlichen, schwarzen, gepanzerten Truck ohne Kennzeichen für unsere Hilfe dankbar sein könnte. Wir wären stattdessen auf ein paar mit MGs bewaffnete Typen gefasst gewesen, aber weil das nicht der Fall war, machte sich John unerschrocken daran rauszufinden, mit welchem Schlüssel die Hecktür aufging. Nach einem Dutzend ungeschickter Versuche fand er schließlich einen, der passte, und zog langsam die Tür auf.

Niemand war zu sehen.

Auf dem Boden stand eine Kiste. Sie war tarnfarbengrün gestrichen und ungefähr so groß wie eine Werkzeugkiste. Es hätte aber auch eine Lunchdose für jemanden sein können, der bei der Arbeit immer unglaublich hungrig ist. Im Deckel befand sich ein einfacher Griff. An den Seiten war sie geriffelt, sie wirkte massig und wehrhaft. Es gab kein sichtbares Schloss oder einen Riegel, nicht einmal eine gute Stelle, an der man ein Stemmeisen hätte ansetzen können. Auf der Vorderseite prangten in gelber Farbe mir unbekannte Zeichen, die mich an ägyptische Hieroglyphen erinnerten.

John stieg in den Truck und schnappte sich die Kiste. Ich folgte ihm unbeholfen und schlug mir dabei das Schienbein an der Stoßstange an, während ich flüsterte: „John! Nicht! Lass es!“

Drinnen merkte ich, dass wir nicht alleine waren. Die Geheimkiste wurde von weiteren sechs G.I.-Joe-Figuren bewacht. Sie trugen winzige schwarze Uniformen und Gesichtsmasken und richteten ihre Sturmgewehre auf uns. Alle klar, wir hatten es also mit. G.I. Joe und dem Geheimauftrag Cobra zu tun. Zumindest das schien Sinn zu machen.

John griff sich die Kiste und sprang hinaus in die Nacht, ohne meiner gelallten Warnung auch nur die geringste Beachtung zu schenken.

Wenn sich wer fragt, was genau John im Inneren des Trucks erwartet hat: „scheißviel Kohle“ nicht, auch wenn diese Antwort auf der Hand zu liegen scheint. Aber wir sind keine Kriminellen. Wenn wir in dem Truck Geld gefunden hätten, säckeweise meinetwegen, dann hätten wir das Ding abgesperrt und die Bullen gerufen. Nein, die Sache war viel komplizierter.

John hatte nicht die geringste Ahnung, was wir da drin finden würden, und deswegen hat er die Tür aufgemacht. Es gibt zwei Sorten von Menschen: Die einen sehen Schlösser und Verbotsschilder und denken: „Wenn es so fest verschlossen ist, heißt das, es ist gefährlich und geht mich nichts an.“ Aber die anderen sagen: „Wenn es so wahnsinnig geheim ist, muss ich wissen, was es ist.“ Zu denen gehört John. Das ist der einzige Grund, warum er dieser abgefuckten Stadt noch nicht den Rücken gekehrt hat. Wenn ihr nicht kapiert, was ich mit abgefuckt meine: Ich denke dabei nicht an unsere Arbeitslosenrate, die selbstverständlich unglaublich hoch ist, nein, die Geschichte mit diesem Truck – das war kein Einzelfall.

Vor sechs Jahrhunderten, als die vorkolumbischen Eingeborenen sich hier niedergelassen haben, gaben sie der Gegend einen Namen, der in ihrer Sprache „Mund des Schattens“ bedeutete. Später tauchten die Irokesen auf, metzelten jeden Mann, jede Frau und jedes Kind dieser ersten Stämme nieder und nannten den Ort, frei ins Englische übersetzt, Mal im Ernst – zur Hölle mit diesem Kaff. Als der französische Entdecker Jacques Marquette die Gegend 1673 erforschte, markierte er sie auf seiner Karte mit einem schwarzen Klecks, der so aussah, als hätte der Teufel Dünnschiss gehabt.

1881 gab es ein Minenunglück. Ein Trupp Bergarbeiter wurde bei der Explosion verschüttet. Als die Retter sich zu ihnen vorgearbeitet hatten, trafen sie zuerst auf einen kohlenstaubschwarzen Jungen, der vor den Trümmern ausharrte. Er begrüßte sie mit den Worten: „Grabt sie nicht aus. Sie haben mich zurückgelassen, um euch zu sagen, dass sie die Mine selbst in die Luft gesprengt haben, damit das, was sie da drin gefunden haben, nicht rauskann. Also lasst es einfach sein. Hey du, mit der Spitzhacke? Wäre nett von dir, wenn du mir damit den Schädel einschlägst. Vielleicht erwischst du bei dem Schlag auch den blauen Augapfel, der im Inneren meines Schädels sitzt und mich unentwegt anstarrt.“

Seitdem ging es nur noch bergab.

In dieser Stadt spazieren drei Freunde in eine dunkle Gasse, und nur zwei kommen am anderen Ende wieder raus. Diese beiden werden sich nicht mehr an den Dritten erinnern. Letztes Jahr kam ein fünfjähriger Junge ins Krankenhaus. Ihm sollte ein Gehirntumor entfernt werden. Und wenn die Gerüchte stimmen, entnahm der Chirurg seinem Schädel keinen „Tumor“, sondern einen Ball mit peitschenden Tentakeln. Dieser stürzte sich zuerst auf den Chirurgen und vergrub sich in dessen Augenhöhle. Zwei Minuten später lag der Arzt zusammen mit zwei Schwestern tot im OP, ihre Schädel waren von innen blitzblank ausgeräumt. Und es ist nur deshalb ein „Gerücht“, weil im selben Augenblick zwei Männer in Anzügen erschienen, ihre offiziell aussehenden Ausweise zückten und die Leichen mitnahmen. In der Zeitung hieß es am nächsten Tag, alle seien an einer Sauerstoffflaschenexplosion gestorben.

Aber John und ich kennen die Wahrheit. Wir waren nämlich dort. Das sind wir meistens. Touristen kommen hierher, weil sie gehört haben, dass diese Stadt „heimgesucht“ wird. Aber das umschreibt unsere Situation nur unzureichend. Wir sind verseucht. So sieht es aus. John und ich haben uns der Sache angenommen, wissen Bescheid und verfolgen sie mit demselben Ernst, mit dem ein besonders gut aussehender Häftling versucht, seiner Vergewaltigung zu entgehen. Mein Gott, was für ein grauenhafter Vergleich. Tut mir leid. Was ich meine ist – es ist eine Art Selbstschutz. Wir haben es uns nicht so ausgesucht, wir haben nur gewisse Talente, die uns, bildhaft gesprochen, auf dieselbe Stufe mit diesem neuen Typen im Zellenblock stellen, der mit seinem schlanken, unbehaarten Körper von hinten wie eine Frau aussieht. Und obwohl er ein unglaublich realistisches Titten-Tattoo auf dem Rücken trägt, hat er vielleicht nicht das Verlangen, jemals einen Penis zu berühren, aber das wird früher oder später passieren, selbst wenn er nur damit beschäftigt ist, sie panisch von sich wegzuschlagen. Heilige Scheiße, jetzt rede ich immer noch davon! *

Das war jedenfalls der Grund, warum John in den Truck geschaut hat, und das war auch der Grund, warum er die Kiste mitgenommen hat, ohne zu wissen, ob der Inhalt wertvoll, giftig, radioaktiv oder alles zusammen war. Irgendwann haben wir die Kiste aufgekriegt, und angesichts des Inhalts hatten diese Typen nicht annähernd für genügend Sicherheitsmaßnahmen gesorgt. Aber diese Geschichte muss noch ein wenig warten. Oh, und wenn ihr nun denkt, was für ein Zufall, dass der Truck ausgerechnet in dem Augenblick verunglückt, als John und ich beim Geburtstagspissen sind – keine Sorge, das war kein Zufall. Alles wird irgendwann einen Sinn ergeben. Oder vielleicht auch nicht.

Und jetzt spulen wir mal zum 3. November vor, genau …


* John – bitte diesen Absatz löschen, bevor es an den verlag geht.

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VOR DEM AUSBRUCH „Ich bin nicht verrückt“, sagte ich mit irrem Tonfall zu meinem Gerichtspsychiater.

Ihn schien unsere Sitzung zu langweilen. Das führte leider dazu, dass ich was Verrücktes tun und ihn damit beeindrucken wollte. War das seine Strategie? Wollte er mich zu so etwas anstacheln? Ich dachte: Vielleicht sollte ich ihm sagen, dass ich der einzige Mensch auf dem Planeten bin, der sein komplettes Skelett gesehen hat.

Oder ich könnte wahlweise was erfinden. Der Therapeut, dessen Namen ich in seiner Anwesenheit ständig vergaß, sagte: „Sie glauben, es geht hier darum, mich davon zu überzeugen, dass Sie nicht verrückt sind?“

„Nun … ich bin ja nicht unbedingt freiwillig hier.“

„Sind Sie der Meinung, dass Sie die Sitzungen nicht brauchen?“

„Ich verstehe, warum der Richter sie verfügt hat. Immerhin besser als eine Gefängnisstrafe.“

Er nickte. Ich interpretierte es als Aufmunterung weiterzusprechen. Mann, Psychologie ist doch echt ein Kinderspiel. Also sagte ich: „Vor ein paar Monaten habe ich mit Pfeil und Bogen auf einen Pizzaboten geschossen. Ich war betrunken.“

Pause. Keine Reaktion vom Doc. Er war um die 50, doppelt so alt wie ich, sah aber aus, als könne er mich beim Basketball immer noch austricksen. Er hatte graue Haare, frisierte sie wie George Clooney in den 1990er Jahren und war einer von jenen Typen, deren Leben genau so verläuft, wie sie es sich vorgenommen haben. So einer hatte noch nie mit Pfeil und Bogen auf Pizzafahrer gezielt. So viel war sicher.

„Okay, ich war nicht betrunken. Ich hatte nur ein Bier. Aber mir war so, als wolle der Typ mich und meine Freundin Amy bedrohen. Das Ganze war ein Missverständnis.“

„Er hat angegeben, Sie hätten ihn bezichtigt, ein Monster zu sein.“

„Es war dunkel.“

„Die Nachbarn haben gehört, wie Sie ihn angeschrien haben. Ich zitiere aus dem Polizeibericht: ‚Fahr zurück zur Hölle, du gottlose Kreatur, und sag Korrok, dass ich noch verdammt viele Pfeile übrig habe.‘“

„Nun … das ist aus dem Zusammenhang gerissen.“

„Also glauben Sie an Monster.“

„Nein. Natürlich nicht. Es war … mehr als Metapher gemeint.“

Dr. Bob Tennet, richtig, jetzt fiel es mir wieder ein, so hieß der Mann vor mir, verzog keine Miene. Auf dem Tisch vor ihm stand die Wackelkopffigur eines Baseballspielers der St. Louis Cardinals. Ich schaute mich im Zimmer um und sah, dass ein Rest der letzten Halloween-Deko noch am Fenster klebte: eine Pappkürbislaterne, aus deren gezacktem Maul eine Spinne kroch. Der Doc hatte nur fünf Bücher im Regal stehen. Ich fand das unglaublich. Selbst ich besaß mehr Bücher und hatte keinen Doktortitel. Dann fiel mir auf, dass sie alle von ihm geschrieben waren. Sie hatten lange Titel wie Der Wahnsinn der Massen: Entschlüsselung der Dynamik von Gruppenparanoia und Ein Mensch ist klug, die Menschheit ist dumm: Eine Analyse von Massenhysterie und Gruppendenken. Sollte ich mich geehrt oder beleidigt fühlen, dass ich zu einem Weltklasse-Experten zum Thema „Warum die Leute an dämliche Scheiße glauben“ geschickt worden war?

„Sie wissen aber, dass das Gericht diese Sitzungen nicht verfügt hat, weil Sie an Monster glauben?“, fragte er.

„Klar. Sie wollen sichergehen, dass ich nicht noch mal mit Pfeil und Bogen auf jemanden schieße.“

Er lachte. Das überraschte mich, weil ich davon ausging, dass einem Therapeuten so was während der Sitzung verboten war.

„Das Gericht will sicherstellen, dass Sie keine Gefahr für sich oder andere darstellen. Und obwohl ich weiß, dass Ihnen Ihre Intuition etwas anderes sagt, glauben Sie mir, das Ganze wird einfacher, wenn Sie unsere Sitzungen nicht als Prüfung betrachten, die Sie bestehen müssen.“

„Aber wenn ich wegen einem Mädchen oder einem geklauten Bierkasten auf jemanden geschossen hätte, wäre ich jetzt nicht hier. Ich bin hier wegen der Monster-Geschichte. Weil ich so bin, wie ich bin.“

„Wollen Sie sich mir anvertrauen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Sie kennen doch die Geschichten, die in der Stadt kursieren. Hier verschwinden immer wieder Leute, sogar Polizisten. Aber ich kann Realität von Einbildung unterscheiden. Ich arbeite, ich habe eine Freundin, leiste meinen Teil und bin nützlich … Okay, vielleicht nicht nützlich, aber ich denke, wenn man zusammenrechnet, was ich von der Gesellschaft bekomme und was ich ihr als Bürger zurückgebe, kommt es auf null raus. Und ich bin nicht verrückt. Mir ist schon klar, dass das jeder von sich behaupten kann. Aber ein Verrückter kann nicht ‚normal‘ vortäuschen, oder? Der Punkt ist doch, wenn man verrückt ist, kann man verrücktes Zeug nicht mehr von normalem unterscheiden. Also, nein, ich glaube nicht, dass die Welt voller Monster ist, die sich als Menschen oder Geister verkleiden, oder dass es Schattenwesen gibt. Ich glaube nicht, dass unser geliebtes * ein heulendes Pandämonium ist. Ich erkenne voll und ganz an, dass nur ein Geisteskranker all diese Dinge glauben kann. Also glaube ich nicht daran.“

Bumm. Therapie beendet.

Dr. Tennet sagt kein Wort. Hol ihn der Teufel. Mir kommt’s so vor, als sitze ich seit Ewigkeiten hier? Mann, ich bin groß darin, nicht mit Leuten zu reden.

Nach einer Minute oder so sagte ich: „Nur … um ganz sicher zu sein – was hier gesprochen wird, bleibt unter uns, oder?“

„Solange ich damit kein Verbrechen decke, trifft das zu.“

„Kann ich Ihnen etwas zeigen? Ein Video auf meinem Handy? Habe ich selber aufgenommen.“

„Wenn es Ihnen wichtig ist.“

Ich holte mein Telefon raus, blätterte durchs Menü und fand endlich das 30-sekündige Video, das ich einen Monat zuvor bei dem 24-Stunden-Burrito-Imbiss bei mir um die Ecke aufgenommen hatte. Ich hielt es hoch, damit er es sehen konnte.

Es war Nacht. Vor dem Eingang stand ein ausgeblichener Picknicktisch, eine alte, rostige Tonne als Mülleimer und eine Tafel, auf der mit abwaschbarer Farbe die Preise angeschrieben waren. Leute, hier gibt es zweifellos die besten Burritos, die man im Umkreis von sechs Blocks um vier Uhr morgens bekommen kann.

Aber darum ging es nicht. Die pixelige Aufnahme – meine Handykamera taugt bei schwachem Licht einen Dreck – fing nämlich das Leuchten von Scheinwerfern ein. Ein schwarzer SUV fuhr vor. Dann sah man einen jungen Asiaten in Hemd und Krawatte aussteigen. Er ging gemächlich um das winzige, orangefarbene Gebäude herum, nickte dem Jungen hinter der Theke zu, öffnete die niedrige Tür im hinteren Bereich und trat ein.

Nach ungefähr 10 Sekunden bewegte sich die Aufnahme langsam und wackelig in Richtung Tür. Eine Hand verdeckte für den Bruchteil einer Sekunde die Szenerie – es war meine – ich öffnete die Tür. Im Inneren befanden sich ein paar Kartons mit der Aufschrift GROSSE DECKEL und PAPIERTÜTEN, WEISS, MITTEL, ein Besen, ein Wischmop und ein Eimer.

Der Asiat war verschwunden. Es gab keinen weiteren Ausgang.

Das Video war vorbei.

„Sie haben’s gesehen, oder? Der Typ geht rein, kommt nicht mehr raus, ist aber auch nicht mehr drin. Er ist nicht im Burrito-Imbiss. Er ist auch nicht davor. Er ist einfach weg“, sagte ich.

„Sie halten das für einen Beweis für etwas Übersinnliches.“

„Ich habe den Typ seitdem ein paarmal in der Stadt gesehen. Das ist kein Burrito-Bermuda-Dreieck, das Passanten verschluckt. Der Typ ist direkt und absichtlich dort hingegangen, um danach irgendwo anders wiederaufzutauchen. Und ich wusste, dass er kommen würde, deshalb war ich da. Er macht das nämlich jede Nacht so. Immer zur selben Uhrzeit.“

„Sie halten es für eine Art geheime Pforte?“

„Keine physische. Da ist keine Klappe im Boden oder so. Wir haben nachgesehen. Nein, es ist eine Art … Wurmloch. Ich weiß auch nicht. Und das ist auch gar nicht der Punkt. Mir geht es nicht darum, dass da eine äh … magische Burrito-Pforte ist, sondern um die Tatsache, dass der Typ wusste, dass sie da ist und wie man sie benutzt. Solche Leute gibt es hier in dieser Stadt.“

„Und Sie halten diese Menschen für gefährlich.“

„Herrgott noch mal, ich werde nicht mit Pfeil und Bogen auf ihn schießen. Wieso lässt Sie das so kalt?“

„Es ist Ihnen wichtig, dass ich Ihnen glaube.“

Da fiel mir auf, dass er alle seine Fragen in Behauptungen verpackte. Gab es nicht bei Alice im Wunderland eine Figur, die das machte? Hat Alice diesem Wesen eine gescheuert?

„Okay, das Video könnte gefälscht sein. Daran können Sie natürlich glauben. Und wissen Sie was? Wenn ich das auch einfach glauben könnte, wenn ich dafür bezahlen könnte, das einfach zu glauben – ich würde mein gesamtes Vermögen dafür hinblättern. Und wenn Sie mir sagen, dass Sie einfach nur in mein Hirn reingreifen müssen, um den Glauben an diese ganzen Dinge abzuschalten, dann würde ich die Zustimmung dazu sofort und hier auf der Stelle unterschreiben. Sogar dann, wenn ich Ihnen als Dank dafür erlauben muss, dass Sie mir, sagen wir mal, mit einem von diesen Gummigeschossen, wie sie bei Demos verwendet werden, in die Eier schießen dürfen. – Aber das kann ich nicht.“

„Das muss sehr frustrierend für Sie sein.“

Ich schnaubte. Ich schaute zwischen meinen Knien hindurch auf den Boden. Auf dem Teppich war ein verblichener brauner Streifen zu sehen, und ich fragte mich, ob hier ein Patient während einer der Sitzungen auf den Boden gekackt hatte. Ich fuhr mir mit den Händen durch die Haare und spürte, wie sich meine Finger anspannten und zogen. Schmerz fuhr mir in den Schädel.

Hör auf damit.

„Ich verstehe, dass Sie das sehr aufregt. Wir können das Thema wechseln, wenn Sie möchten“, sagte er.

Ich setzte mich auf und atmete tief durch.

„Nein. Wir sind hier, um darüber zu sprechen, oder?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, es ist Ihnen wichtig.“

Ja, so wie der Schnecke das Salz wichtig ist.

„Es ist Ihre Entscheidung“, schob er nach.

Ich seufzte, dachte kurz nach und sagte: „Es ist ne ganze Weile her. Eines Morgens, als ich ins Bad ging, um mich für die Arbeit frisch zu machen…“

… stellte ich die Dusche an, aber das Wasser blieb einfach mitten in der Luft stehen.

Ich meine nicht, dass das Wasser in der Luft hing und nicht mehr weiterfloss. Das wäre ja krank. Nein, die Strahlen verhielten sich ungefähr bis 30 cm unterhalb der Düse völlig normal, dann teilten sie sich und spritzten zur Seite, als würde der Wasserstrahl auf etwas Festes treffen. Als würde jemand eine unsichtbare Hand unter den Duschkopf halten, um die Temperatur zu testen.

Ich stand nackt vor der Dusche und starrte verwirrt dorthin. Okay, ich bin schon unter normalen Umständen nicht der Allerhellste, aber um 6 Uhr morgens hat mein Hirn einen IQ von ungefähr 65. Ich dachte deshalb, es müsse irgendwie mit den Leitungen zu tun haben. Ich glotzte dämlich auf den unterbrochenen, schirmförmigen Wasserstrahl und widerstand dem Impuls, die Hand nach der Stelle auszustrecken, an die das Wasser nicht gelangen konnte. Langsam stieg Angst in mir hoch. Ich bekam eine Gänsehaut. Ich sah an mir hinunter und blinzelte, als würde ich an einem meiner Schamhaare eine Notiz finden, die das alles erklärte. Aber da war keine.

Dann hörte ich, wie sich der Wasserstrahl veränderte und mit ihm der Klang, mit dem er auf die Fliesen plätscherte. Ich sah hoch. Der Teil des Strahls, der am weitesten von mir entfernt war, wurde langsam wieder normal, das Wasser floss in einem sanften Bogen an dem unsichtbaren Hindernis vorbei. Erst als der Strahl wieder völlig normal war, kapierte ich, was das bedeutete: Das unsichtbare Ding, das dem Wasser im Weg gewesen war, hatte sich wegbewegt und kam auf mich zu.

Ich sprang zurück und zwar so schnell, dass ich dachte, der halb zurückgeschobene Duschvorhang wäre aufgrund meiner schnellen Bewegung so aufgebauscht. Aber dem war nicht so. Der Vorhang fiel nicht gleich wieder in sich zusammen. Er blieb ausgebeult, weil etwas Unsichtbares dagegendrückte. Ich wich zurück, und der Handtuchhalter bohrte sich mir schmerzhaft in den Rücken. Dann hing der Duschvorhang wieder wie gehabt, das Bad war leer und nur noch das statische Geräusch des gegen die Fliesen spritzenden Wassers war zu hören. Ich stand wie erstarrt da, mein Herz schlug so schnell, dass mir schwindlig wurde. Langsam streckte ich eine Hand aus und griff tastend nach dem Vorhang, genau an die Stelle, die das unsichtbare Ding durchquert hatte …

Nichts.

Ich beschloss, das Duschen sein zu lassen, stellte das Wasser ab, drehte mich zur Tür und –

Sah etwas. Oder beinahe. Aus dem Augenwinkel nahm ich ein dunkles, flitzendes Etwas wahr, eine schwarze amorphe Gestalt, die durch die Tür und aus meinem Blickfeld entschwand. Wie ein Schatten, aber der Mensch dazu fehlte.

Ich kann es nicht länger als eine Zehntelsekunde gesehen haben, aber ich habe es gesehen, und die Erinnerung daran hat sich unauslöschbar in mein Gehirn eingebrannt. Ich sah dieses schwarze Wesen, in seiner Gestalt einem Mann nicht unähnlich, ehe es sich auflöste wie ein einzelner Tropfen dunkler Lebensmittelfarbe, der als schmales Rinnsal im Abfluss verschwindet.

Und mir war so, als hätte ich das nicht zum ersten Mal gesehen.

„… Also ich dachte, ich hätte dort etwas gesehen. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich war da nichts.“

Ich ließ mich in den Sessel sinken und verschränkte die Arme.

„Das ist eine Ihrer Angstquellen. Erlebnisse dieser Art, verbunden mit dem Gefühl, nicht darüber sprechen zu können, ohne dafür abgestempelt zu werden, das sind typische Symptome.“

Ich starrte aus dem Fenster auf meinen Bronco, der auf dem Parkplatz vor sich hin rostete. Das Metall wollte unbedingt wieder zu Staub werden. Zurzeit war auch sein Leben nicht einfach.

„Wer bezahlt diese Sitzungen eigentlich?“, fragte ich.

„Für die Bezahlung sind Sie verantwortlich. Aber wir haben gestaffelte Tarife.“

„Großartig.“

Er dachte einen Augenblick nach und sagte dann: „Würde es Sie beruhigen, wenn ich Ihnen sage, dass ich an Monster glaube?“

„Vielleicht würde es mich beruhigen, aber für die Leute, die Psychiatern ihre Zulassungen erteilen, kann ich nicht sprechen“, entgegnete ich.

„Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Es ist doch so, dass wegen Ihres … Hobbys Leute an Sie herantreten, richtig? Menschen, die glauben, sie hätten Geister oder Dämonen in ihren Wohnungen?“

„Manchmal.“

„Okay, hier meine These: Wenn Sie diesen Menschen erzählen, dass die Quelle ihrer Angst gar nicht übersinnlicher Natur ist, sind sie alles andere als erleichtert, richtig? Das bedeutet, sie wollen, dass das Klopfen auf ihrem Dachboden ein Geist ist und nicht ein Eichhörnchen, das in den Kamin geraten ist.“

„Ja, schätze schon.“

„Das heißt also, dass Angst einfach nur eine andere Form von Unsicherheit ist. Was die Menschen am meisten wollen ist, recht zu behalten. Selbst wenn sie dabei ins eigene Verderben rennen. Wenn wir überzeugt davon sind, dass um die nächste Ecke Monster lauern, um uns in der Luft zu zerreißen, wären uns die Monster tatsächlich lieber, als vor anderen falschzuliegen und in ihren Augen dumm dazustehen.“

Ich sagte nichts, sondern sah mich bei dem Mistkerl nach einer Uhr um. Es gab keine.

„Als ich vor ein paar Jahren bei einer Konferenz in Europa zugegen war, rief mich meine Frau an und behauptete beharrlich, die Wände unserer Wäschekammer würden pulsieren. Dieses Wort hat sie gebraucht. Als wäre die Wand lebendig. Sie sprach von einem Summen, einer Energie, die sie spürte, sobald sie den Raum betrat. Ich sagte ihr, dass ich den Verdacht habe, dass es an der Verkabelung liegen könne. Sie wurde … aufbrausend und war ziemlich erregt. Drei Tage später, direkt vor meiner Heimkehr, rief sie wieder an. Es sei schlimmer geworden, sagte sie. Jetzt drang aus den Wänden ein hörbares Brummen. Sie könne nicht schlafen. Sie höre es, sobald sie das Haus betrete. Sie spüre diese Vibration, es sei so, als wolle gleich etwas Unnatürliches über unsere Welt hereinbrechen. Also flog ich am nächsten Tag nach Hause, wo ich sie völlig aufgelöst vorfand. Ich verstand sofort, warum mein Vorschlag mit dem Verkabelungsproblem sie so beleidigt hatte – wir hatten es mit etwas Lebendigem zu tun. Etwas Gewaltigem. Und obwohl ich völlig erschöpft war, Jetlag hatte und mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, musste ich in die Garage rennen, Werkzeug holen und die Wände aufreißen. Raten Sie, was ich gefunden habe.“

Ich sagte nichts.

„Raten Sie!“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich’s wissen will.“

„Bienen. Ein gigantischer Bienenstock hatte sich dort eingeniestet, er reichte vom Boden bis zur Decke. Hunderttausende, vielleicht Millionen.“

Sein Gesicht hellte sich auf, als er diese lustige Geschichte erzählte. Warum auch nicht. Er wurde ja schließlich dafür bezahlt.

„Also ging ich los, holte mir Handschuhe, einen Hut, wickelte mir einen Schal meiner Frau ums Gesicht und spritzte Wasser auf die Bienen. Damit tötete ich Tausende. Erst später fiel mir ein, dass Bienen ziemlich wertvoll sind. Dann kam ein Imker vorbei und entfernte den Stock vorsichtig, ohne etwas dafür zu verlangen. Ich schätze, er hätte mir sogar Geld gegeben, wenn ich nicht so viele umgebracht hätte.“

„Hmm.“

„Verstehen Sie?“

„Ja, Ihre Frau glaubte, es sei ein Monster. Aber es waren nur Bienen. Und auch mein kleines Problem lässt sich damit erklären – wahrscheinlich auch Bienen. Alles nur Bienen. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.“

„Ich fürchte, Sie haben mich falsch verstanden. An diesem Tag ist ein sehr mächtiges, sehr gefährliches Monster Realität geworden. Fragen Sie mal die Bienen.“

* Der Name der Stadt, in der diese Geschichte spielt, bleibt Ungenannt, um nicht den lokalen Fremdenverkehr zu fördern.

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VOR DEM AUSBRUCH „Kannst du mich sehen?“, fragte ich.

Die sommersprossige Rothaarige auf meinem Bildschirm sagte „Jap“. Amy Sullivan hatte ihre Haare zu Zöpfen geflochten, was ich mag, und trug ein riesiges, ironisches T-Shirt mit einem schlechtgezeichneten Adler und einer amerikanischen Flagge drauf, das ich hasste. Es sah an ihr aus wie ein Zelt.

Sie fragte: „Wie war die Therapie?“

„Lieber Himmel, Amy. Du kannst doch nicht ein Gespräch mit deinem Freund anfangen, indem du ihn fragst, wie seine Sitzung mit dem Gerichtspsychologen gewesen ist. Man nähert sich langsam an.“

„Oh, sorry.“

„Das ist ein empfindliches Thema.“

„Okay, vergiss es.“

„Kommst du zu Thanksgiving nach Hause?“

„Jap. Du vermisst mich, oder?“

„Du weißt doch, dass ich allein so schlecht funktioniere.“

Nach einem Schluck Tee sagte sie: „Kommst du denn klar? Nicht nur wegen der Therapie, sondern der ganzen … Situation?“

„Deine Zimmergenossin ist nicht da, oder?“

„Nein.“

„Okay. Ja, alles okay. Alles easy.“

„Das hat mir Angst gemacht, letzte Nacht“, sagte sie.

„Ich weiß.“

„Ist lange her, dass so was passiert ist.“

„Ich weiß.“

„Wenn so etwas wieder geschieht –“

„Dann schieße ich wieder mit Pfeil und Bogen. Das hab ich dir gesagt.“

„Hast du mit deinem Therapeuten darüber gesprochen?“

„Langsam, Amy.“

„Na ja, ich bin einfach neugierig.“

„Wie hab ich’s nur geschafft, eine Frau zu finden, die ein noch größeres Konversationsgenie ist als ich selbst?“

Sie nahm einen Schluck aus ihrer Teetasse, die außerhalb des Bereiches stand, den ich einsehen konnte. Die Tasse musste sie auf ihrem linken Handgelenk balancieren. Das heißt, auf dem verbliebenen Stummel, wo ihre linke Hand eigentlich hätte sein sollen. Als Teenager, damals kannten wir uns noch nicht, hatte sie einen Autounfall gehabt. Der Unfall hatte sie nicht nur ihre Hand, sondern auch ihre Eltern gekostet und ihr chronische Rückenschmerzen und eine in den Rücken implantierte Titanstange beschert. Sie weigerte sich, eine Handprothese zu tragen, weil sie fand, dass die „gruselig“ aussehen. Aber wenn man mich fragt – mit einer Titanstange im Rücken und einer Roboterhand wäre sie zu mehr als 10 Prozent ein Cyborg – was ich ehrlich gesagt ziemlich sexy finde.

Amy und ich haben uns auf der Highschool „kennengelernt“, im Sonderunterricht für „verhaltensauffällige“ Teenager. Wir gehörten da beide eigentlich gar nicht hin; sie war dort, weil sie ein Schmerzmittel nicht vertragen und einen Lehrer gebissen hatte, und ich bin wegen einem Missverständnis dort gelandet (ein Schläger hatte es auf mich abgesehen und mich so lange gequält, bis ich ausrastete und ihm die Augen ausriss – wie Kinder halt so sind). Unsere Bilderbuchromanze begann, indem wir uns fünf Jahre lang komplett ignorierten. Während dieser Zeit kannte ich sie nur unter einem fiesen Spitznamen, den ihr irgendein Arschloch verpasst hatte. Dann wurden John und ich eines Tages gefragt, ob wir nicht ausfindig machen könnten, weshalb und wie sie verschwunden war. Es war keine große Sache, wir haben nur ein paar Tage gebraucht, um der Geschichte auf den Grund zu gehen. (Sie war von Monstern entführt worden.)

Sie stellte ihren Tee ab und sagte: „Und wie ist er so, dein Psychiater?“

„Genau wie im Film, Amy. Sie bringen einem zum Reden und warten dann darauf, dass man verkündet, man hätte eine Erleuchtung.“ Ich dachte kurz nach und fuhr dann fort: „Und es war kein Psychiater, sondern eine Psychiaterin. Sie ist ungefähr 22 und vollbusig. Sie hat aus allem eine sexuelle Anspielung gemacht und gemeint, eine Therapie sei eine sehr praxisbezogene Angelegenheit. Dann hat sie mir zwischen die Beine gefasst, und wir haben es eine Zeitlang auf dem Schreibtisch getrieben. Und dann war die Sitzung auch schon um.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Hab ja gesagt, es ist wie im Film. Analtherapie VI.“

Sie seufzte und nahm noch einen Schluck von ihrem Tee. „Dann vermisst du mich ja doch nicht so sehr.“

„Warte mal … ist es uns nicht erlaubt, mit anderen Sex zu haben? Ich glaube, das haben wir nie zu Ende diskutiert, sorry.“

Sie antwortete nicht, lachte auch nicht, also sagte ich: „Ach komm, wenn einer von uns beiden rumvögeln wollte, hättest du es viel leichter als ich. Ich bin der Spinner, der Monster sieht und Pizzaboten erschießt. Du bist die hübsche Rothaarige. Du könntest ins Wohnheim der Jungs runtergehen und sagen: ‚Ich bin eine Frau. Ich will Sex‘, und 20 Typen würden Schlange stehen mit Rosen und dem ganzen Quatsch. Ich muss dafür ackern.“

„Warum sagt ihr Typen immer so was? Frauen haben’s ganz genauso schwer.“

„Das ist lächerlich. Jede Bar ist voll mit Typen, die flachgelegt werden wollen, und Mädchen, die diese ganzen notgeilen Typen verzweifelt abwehren. So ist es nun mal, das ist die Natur der Dinge. Mädels haben’s leichter.“

„Das ist Unfug. Zu heterosexuellem Sex gehören ein Mann und eine Frau. Das bedeutet, dass Männer und Frauen genau die gleiche Menge an Sex haben. Und das bedeutet, dass es auf jeder Seite gleich viele Schlampen und Verzweifelte gibt.“

„Das … kann nicht stimmen.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Rechne mal nach.“

„Und ja, um auf den Punkt zu kommen, ich vermisse dich.“

„Ich weiß.“

„Niemand da, der mir die Filme versaut.“

Amy hatte eine übermenschliche Begabung dafür, in einem Film den einen Fehler zu finden, der es einem unmöglich macht, ihn je wieder richtig super zu finden. Während eines George-Lucas-Marathonwochenendes sagte sie zu mir, wenn Indiana Jones einfach nur zu Hause geblieben wäre, dann hätte Jäger des verlorenen Schatzes genau das gleiche Ende gehabt – die Nazis hätten die Lade geöffnet und wären im Feuer geschmolzen. Dann stoppte sie bei Das Imperium schlägt zurück den Film an der Stelle, wo eine Figur Lukes Schiff als „X-Wing“ bezeichnet. Sie sagte, das sei unmöglich, das Schiff könne auf keinen Fall „X-Wing“ heißen, und der Name schon deshalb nicht vom Buchstaben X abgeleitet sein, weil eine Spezies in einer fernen Galaxie diesen Buchstaben noch nie zuvor gesehen haben kann. Verdammt, jetzt stelle ich sie wie eine dämliche Klugscheißerin dar.

Zur Webcam gewandt, sagte ich: „Wie läuft dein Unterricht? Haben sie euch schon beigebracht, wie man Computerviren programmiert? Ich wüsste nämlich ein paar Leute, denen ich welche schicken möchte.“

„Wenn du mit ‚Virus‘ ein Programm meinst, dass versehentlich dein ganzes Betriebssystem einfriert, wenn du versuchst, es hochzufahren, dann zählt wohl alles dazu, was ich bisher programmiert habe. Oh, und wusstest du, dass man das Telefonsystem mit einer Captain-Crunch-Pfeife hacken kann?“

„Ähmm, das ist Hacker-Slang oder …?“

„Nein, die Telefone in den 1970er Jahren funktionierten anhand von Tönen. Töne in verschiedenen Frequenzen, die an eine Art Schaltzentrum weitergeleitet wurden. Dort gaben die Signale gewissermaßen an, wer wohin telefonierte, und so wurden auch die Gebühren erhoben. Ob es sich um ein Orts-, Fern- oder Auslandstelefonat handelte, erkannte das System alleine durch den damit verbundenen Signalton. Es gab da diesen Hacker namens John Draper, der rausfand, dass die kleinen Plastik-Spielzeugpfeifen, die sie als Gimmick den Frühstücksflocken von Captain Crunch beilegten, genau die Frequenz hatten, mit der das Telefonsystem die Gebühren für ein Telefonat begrenzte. Zwei Jahre lang telefonierte er weltweit kostenlos, weil er mit seiner Spielzeugpfeife bei jedem Telefonat in den Hörer pfiff.“

„Scheiße noch mal, das probier ich aus. Das ist genau der Mist, den sie am College unterrichten sollten.“

„Ähm, seitdem haben sie die Telefonsignale geändert.“

„Oh.“

Wir schwiegen einen Augenblick, und dann sagte sie: „Warte mal kurz, ich versuche einen Weg zu finden, um das Gespräch wieder auf deine Therapie zu bringen.“

„Ich liebe dich“, sagte ich.

„Ich weiß“, sagte sie.

„Übrigens ist morgen Gruppensitzung. Ich muss mich wahrscheinlich vorher enthaaren.“

„Pfui.“

„Sorry.“

„Aber vielleicht sollte ich mich nicht beschweren, immerhin sitze ich ohne Höschen vor einer Webcam.“

„Ach, echt?“, fragte ich.

„Willst du sehen?“

„Ja. Ja!“

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VOR DEM AUSBRUCH Auf der Erde gibt es eine Spinne, die so groß ist wie ein Teller, also 30 cm, wenn man die Beine dazuzählt. Sie wird Goliath-Vogelspinne genannt, oder von denen, die sie tatsächlich gesehen haben, auch „Goliath-Fucking-Vogelspinne“.

Sie frisst nicht nur Vögel – sondern in erster Linie Ratten und Insekten –, aber sie heißt trotzdem „Bird-Eating Spider“, weil die Tatsache, dass sie Vögel fressen kann, das Wichtigste ist, was man über sie wissen muss. Wenn man einer dieser Kreaturen begegnet, sieht, wie dieses Viech aus dem Schrank oder der Suppenschüssel krabbelt, sagt garantiert sofort jemand: „Hey, pass bloß auf, dieses Ding kann verdammt noch mal Vögel fressen.“

Ich weiß nicht, wie sie die Vögel fangen. Ich weiß, dass die Goliath-Fucking-Vogelspinne nicht fliegen kann, denn wenn sie es könnte, würde sie anders heißen. Wir würden sie siezen, denn dann wäre sie die dominante Spezies auf diesem Planeten. Keiner von uns würde das Haus verlassen, ohne dass es vorher eine Goliath-Fucking-Vogelspinne erlaubt hätte.

Ich habe so ein Ding schon mal live gesehen, und zwar im Zoo, als ich noch zur Highschool ging. Ich war 15, hatte das Gesicht voller Pickel und wurde täglich dicker. Mit offenem Mund starrte ich auf dieses Monster, das die Glaswand seines Terrariums hochkrabbelte. So groß wie meine beiden Hände zusammen. Die Jungs um mich herum kicherten und schubsten sich gegenseitig und irgendein Mädchen hinter mir quiekte. Aber ich hab keinen Ton von mir gegeben. Ich konnte nicht. Nur eine Glasscheibe trennte dieses Geschöpf von mir. Noch Monate später habe ich nachts die Ecken meines Zimmers beobachtet, Ausschau gehalten, ob nicht doch irgendwo haarige Beine so dick wie mein Finger hinter einem Stapel Comics oder Videospielen hervorlugten. Ich stellte mir vor – nein, ich erwartete –, Spinnweben so dick wie Angelschnüre in meinem Schrank zu finden, übersät mit Klumpen von halbverdauten Spatzen. Oder Spinnenköttel in meinen Schuhen, kleine mit Federn gespickte Scheißhaufen. Oder pinkfarbene Spinneneier mit Babyspinnen in ihrem Inneren, so groß wie Golfbälle. Und selbst jetzt, zehn Jahre später, mit 25, schaue ich immer noch unter die Bettdecke, bevor ich mich reinlege, weil ein Teil meines Unterbewusstseins noch immer nach den riesigen Spinnen sucht, die im Schatten lauern.

Ich erzähle das alles, weil die Goliath-Spinne das Erste war, was mir in den Sinn kam, als ich nachts im Bett aufwachte, weil mich etwas ins Bein biss.

Ich spürte ein Zwicken an meinem Knöchel wie bohrende Nadeln. Die Goliath-Fucking-Vogelspinne sprang aus dem Nebel meiner Schlafphantasie, als ich die Decke zurückschlug.

Es war dunkel.

Das Licht war aus. Der Wecker war aus. Alles war aus.

Ich setzte mich auf und schielte auf meinen Knöchel. Irgendwas bewegte sich unter dem Laken. Ich schwang mein Bein aus dem Bett und spürte ein Gewicht, das an meinem Knöchel hing, so schwer wie eine Bierdose.

Panik überfiel mich. Ich trat mit dem Bein in die kühle Luft meines dunklen Schlafzimmers und versuchte ächzend das kleine bissige Ding abzuschütteln. Es flog quer durchs Zimmer und streifte dabei einen Strahl Mondlicht, der durch die Jalousien hereindrang. In diesem kurzen Moment sah ich gliedrige Beine aufblitzen – viele Beine – und einen Schwanz, ferner ein Rückenschild wie bei einem Hummer. Das ganze Ding war so groß wie ein Schuh und tiefschwarz.

Was zur Hölle –

Die Kreatur, die mein panischer Geist „Spinne“ nannte – obwohl sie eindeutig nicht zu den Arachniden oder irgendeiner anderen auf der Erde heimischen Spezies gehörte –, flog quer durch den Raum, schlug gegen die Wand und landete hinter dem Wäschekorb. Ich sprang aus dem Bett, suchte panisch mit den Augen den Raum ab und tastete mich mit den Händen an der Wand entlang. Ich blinzelte und versuchte meine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, immer auf der Suche nach irgendeiner Art Waffe. Mit den Händen durchwühlte ich das Zeug, das auf meinem Nachttisch stand und sah dann, dass etwas unter einer Ausgabe der Entertainment Weekly hervorragte. Abgerundet und länglich – der Griff eines Messers? Ich schnappte es mir und warf es und kapierte erst, als es in der Luft war, dass es mein Asthma-Inhaliergerät war. Ich tastete weiter und griff nach dem Gegenstand, der mir am schwersten erschien – ein Glas mit Nacho-Soße.

Ich nahm eine Bewegung an der Fußbodenleiste wahr und schleuderte das Glas vor Anstrengung keuchend dorthin. Ein Schlag folgte und das Klirren von zerbrochenem Glas. Dann Stille. Ich nahm die neue Tischlampe, die Buntglasskulptur eines Truthahns, die mit einer nackten Glühbirne bestückt war. Ein Geburtstagsgeschenk von John. Ich riss das Kabel aus der Wand, packte den Truthahn am Hals und holte damit wie ein Quarterback beim Baseball aus, der mitten im Wurf fotografiert wird.

Die Spinne (?) jagte über den Boden, zur Tür raus und ins Wohnzimmer. Sie hatte überall Beine, lief auf einem halben Dutzend davon, während das andere halbe Dutzend wie Dreadlocks in die Höhe stand, als ob das Ding immer laufen können müsste, selbst auf dem Rücken. Der Anblick ließ mich erstarren – eine grauenhafte, lähmende Urangst, wie sie sich nur bei einer Begegnung mit etwas vollkommen Fremdem einstellt. Ich senkte die Lampe und zwang mich, einen Schritt nach vorne zu machen. Ich versuchte halbwegs ruhig zu atmen. Als ich einen Blick auf mein Bein riskierte, sah ich einen roten Streifen, der vom Biss abwärts bis zu meinen Füßen verlief.

Der kleine Scheißkerl.

Ich spürte Hitze und dann Taubheit, die mein Bein hochkrochen. War das kleine Monster giftig, oder lag es nur am Schock, gebissen worden zu sein? Ich ging drei Schritte Richtung Tür und schon beim vierten hinkte ich.

Laaaaaangsam spähte ich ins Wohnzimmer. Hier war es nicht so dunkel, weil die Straßenlaternen von draußen bleiche Kringel auf den Boden zeichneten, durchbrochen von den Schatten der windzerzausten Bäume. Keine Spur von einer Spinne. Ich hörte ein kratzendes Rascheln aus Richtung der Küchenfliesen zu meiner Linken und fuhr herum –

Der Hund.

Molly trottete verschlafen auf mich zu, eine kniehohe, rötliche Gestalt, gekrönt von zwei Augen, in denen sich das Mondlicht bläulich spiegelte. Ich sah den matten Schein eines wedelnden Schwanzes hinter ihr. Sie sah mich direkt an, wunderte sich, warum ich wach war, wunderte sich, warum ich nach Angstschweiß roch, und wollte wissen, ob ich irgendetwas zum Fressen für sie bereithielt. Ich sah zur Vordertür. Drei Meter Teppich trennten uns. Ich spielte mit dem Gedanken, Molly ins Auto zu packen und zu John zu fliehen, um uns dort neu zu formieren. Dann könnten wir morgen gemeinsam mit einer Flinte und etwas Weihwasser zurückkommen.

Noch nie waren meine Füße so nackt gewesen. Meine kleinen nackten Zehen sahen für dieses Spinnending wahrscheinlich aus wie die Ohren eines Schokohasen. Wo waren meine Schuhe? Ich fuchtelte mit der Truthahnlampe herum und machte einen wackligen Schritt – mein gebissenes linkes Bein war eingeschlafen. Nur mit Willenskraft zwang ich es dazu, noch bis zur Tür durchzuhalten.

Ein Schrei, hinter mir.

Ich zuckte zusammen, fuhr herum und kapierte, dass es mein Telefon war. John brüllte „TEEEEEEEEXT!! SCHEEEEEIIIIISSSSSE!!“ Das war mein SMS-Empfangston. John hatte ihn irgendwann aufgezeichnet, und ich hab nie rausgekriegt, wie man das ändert. Ich schnappte mir das Telefon vom Couchtisch – es war eine Nachricht ohne Text mit einem angehängten Foto. Ich öffnete das Bild …

Ein Penis.

Schnell klickte ich es weg. Was, verdammt noch mal…?

Wieder schrie das Telefon in meiner Hand. Diesmal ein Anruf. Ich nahm ab.

„Dave! Sag nichts, hör zu. Du hast ein Bild bekommen. MACH ES NICHT AUF. Ich hab’s an die falsche Nummer geschickt.“

„Herrgott noch mal, John. Hör mal –“

„Mann, bist du außer Atem?“

„John, ich –“

Das Telefon rutschte mir aus den Fingern, weil sie es plötzlich nicht mehr halten konnten, und fiel zu Boden. Ich machte einen Schritt darauf zu, noch einen, und das Zimmer begann vor meinen Augen zu schwanken. Ich verlor das Gleichgewicht –

NEIN, NEIN, DU DARFST NICHT FALLEN, NICHT DA RUNTER, WO DAS DING IST!

Ich schlug mit dem Gesicht auf dem Teppich auf. Mein linkes Bein bestand aus 20 Kilo totem Gewicht. Mein rechtes Bein kribbelte jetzt auch – Panik pumpt Gift mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch Adern. Ich warf den Arm herum und fand den Couchtisch, an dem ich mich festkrallte. Ich versuchte mich hochzuziehen, hatte aber zu wenig Kraft dazu.

Wieder fiel ich flach auf den Boden. Ich spürte nicht mal, wie ich mit der Schulter aufschlug.

„HILFE! HILFT MIR IRGENDJEMAND!“, kreischte ich. Mir fielen die Namen meiner Nachbarn nicht ein. „HIIIIIIILFEEE!“

Mein letzter Schrei mündete in ein jämmerliches Krächzen.

Das Telefon brüllte wieder los.

Ich kratzte das letzte bisschen Energie in meinem rechten Arm zusammen und griff nach dem Telefon, das 10 Meilen weit weg zu sein schien. Ich legte meine eingeschlafenen Finger drauf und zog es dann über den Teppich zu meinem Gesicht. Es war so schwer wie ein Sack Zement. Die Hand zu bewegen fühlte sich an wie der Versuch, auf dem Jahrmarkt ein Kuscheltier mit einer metallenen Klauenhand aus einem Spielautomaten zu fischen. Die Nachricht war von John.

„JOHN!“, schrie ich wie von Sinnen. Mit meiner plumpen Klauenhand befingerte ich die Tasten und mühte mich, meinen Kopf vom Boden zu heben.

Der Bildschirm schaltete um, ein Bild erschien.

Der Penis!

Mein Arm versagte. Mein Kopf fiel auf den Boden, das Rückenmark war völlig ausgeschaltet. Ich starrte auf ein Stück Teppich und sah Wollmäuse aus Hundehaar, die sich auf der anderen Seite des Zimmers unter dem Fernsehschränkchen sammelten. Ich konnte nicht wegsehen und hatte nicht mal mehr genügend Muskelkraft, um die Augen zu schließen.

Hören konnte ich aber noch, und ich vernahm ein leises Rascheln auf dem Teppich. Unzählige kleine Füße huschten über die Auslegeware. Harte, schwarze, vielgliedrige Beine waren zu sehen. Die Spinne füllte mein komplettes Sichtfeld aus und befand sich gerade mal 20 Zentimeter vor meinen Augen. Beine überall. Die Hälfte davon mit Nacho-Soße überzogen.

Das Maul der Kreatur war so groß wie meines, gesäumt von spitznadeligen Mundwerkzeugen. Lippen teilten sich, und ich sah mit Abscheu, dass es eine pinkfarbene Zunge hatte, genau wie ein Mensch. Es krabbelte auf mein Gesicht zu.

Die Spinne war meine Welt, ihre vielen schimmernden Beine erstreckten sich bis an beide Enden des Horizonts. Ich konnte die Geschmacksknospen auf ihrer sich windenden Zunge zählen, konnte ihren feuchten Gaumen erkennen. Auf ihrem Rückenschild glänzte eine Art Schleim. Zwei ihrer Beine berührten meinen Mund. Es kitzelte.

Eine riesige, pelzige Nase schob sich in mein Gesichtsfeld wie die struppige Schnauze des Allmächtigen. Molly war endlich neugierig genug, um von der Küche rüberzukommen.

Ihre Nase zuckte, als sie den Geruch von Nacho-Soße wahrnahm. Sie leckte an der Spinne und kapierte, dass ihr kühnster Hundetraum endlich wahr geworden war: in Käsesoße getunkte Beute. Mit einem kurzen Schnappen und einem Ruck mit dem Kopf riss sie dem Monster vier Beine aus und kauerte sich auf den Boden, um sie zu knacken und zu fressen.

Die Spinne kreischte schrill, was meine Knochen vibrieren ließ. Sie verschwand so schnell, dass ich nicht mitbekam, in welche Richtung.

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VOR DEM AUSBRUCH Gelähmt.

Blieb das jetzt so? Ich stellte mir vor, wie das Gift meine Wirbelsäule in Brei verwandelte. Molly sah mich mit stiller Verachtung an, weil ich so faul zu sein schien. Sie nagte weiter an ihren abgetrennten Spinnenbeinen und kapierte endlich, dass hinter der knackigen Schale nicht viel Fleisch verborgen war. Sie ließ sich nieder, klemmte die Spinnenbeine unter ihre Pfoten und begann vorsichtig den Käse abzulecken.

Ich lag dort endlos lange – in Wahrheit war es etwa eine Stunde –, und irgendwann spürte ich im Halbschlaf, dass es in meinem Oberkörper zu kribbeln begann. Es fühlte sich an, als sei ich auf einem Ameisenhügel gelandet. Jedenfalls kehrte das Gefühl in meinen Körper zurück. 20 Minuten später merkte ich, dass ich meine Finger bewegen konnte, und noch eine halbe Stunde danach saß ich aufrecht auf dem Sofa und wiegte meinen pochenden Kopf in den Händen. Ich konzentrierte meine gesamte mentale Energie darauf, alle Gedanken daran auszuschalten, was die Spinne mit meinem gelähmten Körper vorgehabt hatte.

Der erste Schritt wäre wohl, Eier zu legen …

Hey, Moment mal. Die Spinne. Sie könnte ja immer noch hier sein. Scheiße.

Drei Sekunden später stand ich auf der Veranda und spähte durch die Vordertür in mein eigenes Wohnzimmer. Keine Spur von der Spinne, aber andererseits war es auch stockdunkel drinnen, und ich hatte die Straßenlaterne im Rücken, also war alles, was ich in dem kleinen Fenster sehen konnte, die Spiegelung meines eigenen dummen Gesichts. Meine Haare sahen aus, als hätte ich sie mit einer wütenden Katze gekämmt. Ich wollte nach meinem Handy greifen und erinnerte mich daran, dass es im Wohnzimmer auf dem Boden lag.

Ich riss die Tür auf, rannte rein, rollte mich ab, schnappte mir das Telefon und rannte wieder raus, die Tür hinter mir zuschlagend. Ich wählte Johns Nummer. Seine Mailbox schaltete sich ein:

„Hier ist John. Wenn Sie anrufen, weil Sie den Rest meiner Gitarre gefunden haben, bringen Sie sie einfach vorbei. Und sorry für den Vorleger. Hinterlassen Sie eine Nachricht.“

Das tat ich nicht. Auch mitten in der Woche war John um diese Uhrzeit mariniert und komatös. Ich sah mich stattdessen in der Nachbarschaft um, mein nervöser Atem war in der Novemberluft kaum zu sehen. Warum war mein Haus das einzige, in dem der Strom ausgefallen war? Ich starrte aufs Handy, wählte aber keine Nummer. Es müsste ein Wort für das Gefühl geben, wenn man dringend Hilfe braucht, aber niemand da ist, den man anrufen kann, weil man nicht beliebt genug ist, um Freunde zu haben, nicht reich genug für Angestellte und nicht mächtig genug für Lakaien. Es ist ein ziemlich fieser Cocktail aus Machtlosigkeit, Einsamkeit und der plötzlichen und krassen Erkenntnis, für die Gesellschaft völlig nutzlos zu sein.

War ich am Arsch?

Neben der Eingangstür lehnte ein Besen, mit dem ich vor ein paar Tagen einen toten Vogel von der Veranda gefegt hatte. Ich hielt ihn wie einen Speer vor mich und ging wieder rein. Molly streifte an mir vorbei, wahrscheinlich um direkt vor meine Autotür zu kacken, damit ich auf jeden Fall reintrat, wenn ich das nächste Mal zur Arbeit fuhr. Ich machte einen Schritt ins Zimmer und scannte den Boden –

Die Spinne fiel auf meinen Kopf, zuckende Beine verfingen sich in meinen Haaren. Ich ließ den Besen fallen und riss die Hände hoch, während das Monster über mein Ohr hinweg auf meine Schulter kroch. Ich spürte kratzige kleine Beine auf meinem Gesicht und am Hals. Ich packte den Körper der Spinne, der harte Panzer knackte unter meinen Händen. Ich versuchte sie von mir wegzureißen, aber es ging nicht, irgendwie waren die Füße mit mir verhakt. Mein Hemd – und meine Haut – dehnten sich, als ich zog. Ich bekam das Ding nicht von meiner Schulter weg. Ich hörte ein Kreischen wie von einem Teekessel und merkte, dass ich so hysterisch schrie.

Riesenhaft hatte ich die spitzen Beißwerkzeuge vor Augen. Dann schoss der Schmerz in meinen Schädel. Plötzlich sah ich auf dem rechten Auge nichts mehr und war mir sicher, der Scheißkerl hatte meinen Augapfel herausgerissen. Ich schrie auf vor Wut und umfasste mit beiden Händen ein Bündel Beine und zog mit aller Kraft daran. Dann spürte ich etwas Feuchtes und merkte, dass eines der Monsterbeine noch immer an meiner Schulter hing. Aber das Biest hatte sich gelöst, und jetzt hielt ich das verdammte, sich windende und nach mir schnappende Ding in den Händen. Es versuchte mich zu beißen.

Panisch sah ich mich mit meinem gesunden Auge nach einem Behälter um, in dem ich das Ding einsperren konnte.

Wäschekorb! Schlafzimmer!

Ich rannte ins Schlafzimmer. Ich stieß den Plastikkorb um und leerte die Klamotten aus. Ich warf das Biest rein und drehte den Korb um. Es war gefangen. Ich fegte das Zeug von meinem Nachttisch und legte es auf den Korb, um ihn zu beschweren. Sah gut aus. Aber der Korb hatte Löcher, und die Spinne streckte eines ihrer Beine nach draußen. Sie konnte nicht rauskriechen, aber wahrscheinlich würde sie sich irgendwann freibeißen. Also musste ich aufpassen.

Schwer atmend ließ ich mich aufs Bett fallen. Mein Gesicht war feucht und klebrig. Unter Schmerzen hob ich vorsichtig die Hand an mein Gesicht, in der Erwartung, einen matschigen Augapfel auf meiner Wange zu spüren. Ich zuckte zusammen, als ich das Auge betastete. Ich spürte raue Haut, die unter meinen Fingern brannte. Es fühlte sich an, als wäre dort alles aufgerissen und wund. Ich blinzelte und testete, ob ich mit dem Auge noch sehen konnte, und es funktionierte sogar ein wenig. Ich schaute nach unten und wollte mein Handy aus der Tasche holen, stieß aber einen angewiderten Laut aus.

Das herausgerissene schwarze Spinnenbein klebte immer noch an meinem Hemd. Ich zerrte daran, aber es ging nicht weg. Denn es steckte in mir, war irgendwo eingehakt und hatte sich in mein Fleisch eingegraben wie eine Zecke. Sobald ich daran zog, wölbte sich meine Haut wie ein Zelt. Ich riss das Hemd auf und quetschte die Haut mit zwei Fingern zusammen, um es mir besser ansehen zu können. Ich konnte nicht genau erkennen, wo das abgetrennte Bein aufhörte und die Haut meiner Schulter begann. Ich zog und zerrte und drehte. Es war, als wollte ich mir einen meiner eigenen Finger ausreißen.

Mittlerweile war ich ganz schön angepisst. Ich stampfte vom Schlafzimmer in die Küche und riss dort verschiedene Schubladen auf, bis ich ein Teppichmesser fand. Molly kam hinterhergetrottet, weil sie wahrscheinlich dachte, ich würde mir einen Snack machen und sie würde was abbekommen.

Ich zog mein Hemd aus, schnappte mir einen langen Holzlöffel und steckte ihn mir quer zwischen die Zähne. Ich stieß die Spitze des Cutters genau an der Stelle in meine Haut, wo das Bein mit ihr verwachsen zu sein schien, und begann zu stochern. Ich stöhnte und fluchte und biss mich im Löffelholz fest. Ein dicker Tropfen Blut lief meine Brust hinab wie Kerzenwachs.

Es dauerte 20 Minuten. Am Ende hielt ich das 15 cm lange, vielgliedrige Bein in der Hand. An einem Ende war es mit blutiger Haut und Fett verklebt. Das ist mal ein Teil von mir gewesen, dachte ich, während ich feuchte Küchentücher auf die Wunde drückte. Das Blut auf meinem Bauch sah aus wie eine Fingerzeichnung. Ich legte das Monsterbein in eine Plastikdose, lehnte mich an die Küchentheke, schloss die Augen und atmete ein paarmal tief durch.

Ich wollte gerade Richtung Schlafzimmer gehen, als es an der Tür klopfte. Ich erstarrte, beschloss, nicht aufzumachen, und dachte dann aber plötzlich, es könnte John sein.

Im Schlafzimmer sah ich kurz nach dem gefangenen Biest: Es hatte mittlerweile zwei Beine durch die Öffnungen geschoben, aber es nicht geschafft, sich durchzubeißen. Ich ging wieder zurück ins Wohnzimmer, stieß mir dabei den Fuß am Couchtisch und riss die Tür auf –

Vor mir stand ein Polizist.

Ein junger Typ. Ich kannte ihn, er hieß Franky Irgendwas. Er war mit mir auf der Highschool gewesen. Ich nahm Haltung an und sagte: „Wie kann ich Ihnen helfen, Officer?“

Ich sah, wie sein Blick zu meinem Oberkörper wanderte, wie er den roten Wattepfropf aus Küchentüchern, den ich immer noch auf die offene, blutende Wunde presste, fixierte, und dann spürte ich ihn auf meinem Gesicht. Franky betrachtete mein zugeschwollenes Auge und das aufgeschürfte und blutverkrustete Augenlid, während seine Hand auf dem Schaft seiner Pistole ruhte, in jener Habachtstellung, die Polizisten so gerne einnehmen.

„Wer ist noch im Haus, Sir?“, setzte er an.

„Alles in Ordnung. Ich meine, niemand. Ich wohne alleine hier. Also, meine Freundin wohnt hier mit mir, aber sie ist grade weg. Sie ist an der Uni. Also nur ich. Alles ist in Ordnung. Ich hatte nur Ärger mit, äh, etwas, äh, das in mein Haus gekommen ist. Eine Art … Tier.“

„Kann ich reinkommen, Sir?“

Auf diese Frage gab es keine richtige Antwort, weil er eindeutig dachte, dass ich hier irgendwo eine Prostituierte gemeuchelt haben musste. Ich trat wortlos beiseite. Diese „Sir“-Scheiße irritierte mich. Er war so alt wie ich. Ich war mit diesem Typen während der Schulzeit auf Partys gegangen. Ich hatte gesehen, wie er mit Unterwäsche auf dem Kopf Flaschendrehen gespielt und sich zum Affen gemacht hatte.

Burgess, dachte ich. So heißt er. Franky Burgess.

Er ging an mir vorbei, und ich sagte: „Ich würde ja Licht anmachen, aber der Strom ist ausgefallen. Muss eine Sicherung rausgehauen haben oder so was.“

Er warf mir einen Blick zu, der mir verriet, dass ich ihm gerade eine ganz neue Perspektive auf meinen Geisteszustand eröffnet hatte. Das konnte ich genau an seinem Gesicht ablesen, denn das Licht im Wohnzimmer war an.

„Oh, Mann“, stammelte ich. „Jetzt ist der Strom ja wieder da.“

Ich blinzelte. Brannte das Licht schon die ganze Zeit?

Das Zimmer war ein völliges Chaos. Ich meine, es war vorher schon chaotisch gewesen, aber jetzt hatte sich das Blut, das auf den Teppich getropft war, mit einem alten Kaffeefleck vermischt, und von dort aus, wo wir standen, konnten wir ziemlich gut in die Küche sehen, wo die Schubladen offen standen, eine Küchenrolle auf den Boden gefallen war und sich ein Stapel Plastikdeckel aus dem Schrank ergossen hatte. Noch ein paar Schritte weiter, und er würde das Schlafzimmer sehen, wo es aussah, als wäre eine Bombe explodiert. Oh, und dann war da noch unter einem umgedrehten, mit allerlei Krempel beschwerten Plastikwäschekorb ein Alien-Spinnenmonster gefangen.

Der Polizist ging in die Küche, und ich folgte ihm. Ich hörte ein Krabbeln aus dem Schlafzimmer und sah, wie die Spinne hartnäckig versuchte, sich zwischen den Plastikstreben aus seinem Wäschekorbgefängnis zu befreien. Der Cop beachtete das nicht. Er schaute auf den blutigen Cutter auf der Theke, warf dann wieder einen Blick auf mich und meine verschiedenen blutenden Wunden. Ich trat lässig zurück und blieb vor der Schlafzimmertür stehen, wo ich mich gegen die Tür lehnte, als wollte ich ihm mit meinem Körper die Sicht auf das Zimmer versperren.

„Jahh, das“, sagte ich und nickte Richtung Cutter. „Ich hab mich ein paarmal geschnitten, keine große Sache. Ich wollte … dieses Ding loswerden. Ich glaube, es war ein Opossum oder so was. Ich konnte es nicht genau sehen, es hatte sich übel an mir festgebissen.“

Er blickte an mir vorbei in mein Schlafzimmer und sagte: „Können Sie beiseitetreten, Sir?“

Fuck. Soll ihm das Ding doch das Auge ausbeißen, ist ja nicht mein Problem. Geh nur rein, Franky.

Ich ging zur Seite, und Frankyboy trat ins Schlafzimmer.

Er verschaffte sich einen Überblick über das Schlachtfeld und schaute dann schließlich auf den umgedrehten Korb. Fünf kleine, gepanzerte Beine wanden sich um die Plastikstreben. Der Cop sah lässig weg und inspizierte uninteressiert meinen Schrank. Schließlich sah er mich wieder an.

„Dann haben Sie es also umgebracht?“

Das Biest war direkt vor ihm im Korb. Klar und deutlich zu sehen. Kiefer schnappten nach dem Plastik, ein Geräusch, wie wenn ein Hund an einem Knochen nagt. Es hatte bereits einige Beine komplett durch den Korb geschoben und versuchte jetzt seinen Körper durchzuzwängen. All das bemerkte Officer Burgess überhaupt nicht.

Er sieht es nicht.

„Äh, nein, ich hab versucht, es zu fangen.“

Das Ding hatte den Kopf schon halb durch den Korb gezwängt. Franky schaute nach unten. Sah aber nichts. Sah, verdammte Scheiße, wieder nur mich an.

„Haben Sie heute Nacht getrunken, Sir?“

„Ein paar Bier, am Abend.“

„Haben Sie etwas eingenommen?“

„Nein.“

„Können Sie mir sagen, welchen Tag wir heute haben?“

Die Spinne hatte ein Drittel ihres Körpers durch den Korb gepresst. Ein dicker Teil ihres Rückenpanzers war mittlerweile schon zwischen den Plastikstreben eingekeilt. Vier Beine arbeiteten an dem Problem.

„Donnerstag Na … äh, ich meine, mittlerweile Freitag früh, 4. November, glaube ich. Mein Name ist David Wong, ich stehe in meinem Schlafzimmer und bin nicht high.“

„Ihre Nachbarn sind besorgt. Sie haben Lärm von hier gehört …“

„Wachen Sie mal auf, weil Sie grade ein Tier beißt.“

„Wir sind nicht zum ersten Mal hier, oder?“

Ich seufzte. „Nein.“

„Sie haben diesen Korb mit einem Gewicht beschwert.“

„Ich habe es Ihnen ja schon gesagt, ich wollte es fangen –“

„Nein, der Korb war Ihr Versuch, es zu fangen. Ich glaube, er ist beschwert, weil Sie dachten, sie haben es gefangen.“

„Was? Nein. Es war dunkel. Ich –“

Das Monster schob gerade den dicksten Teil seines Panzers durch die Streben und war zur Hälfte draußen. Die schwierigere Hälfte.

„Ist es möglich, dass Sie sich all diese Schnitte selbst zugefügt haben? Mit diesem Messer dort?“

„Was? Nein. Ich –“

Nein, habe ich nicht …

„Warum starren Sie immer wieder da runter?“

Ich trat einen Schritt zurück aus dem Zimmer.

„Ohne Grund.“

„Sehen Sie da irgendetwas, Mr Wong?“

Ich richtete meinen Blick auf den Bullen. Ich schwitzte wieder.

„Nein, nein.“

„Haben Sie heute Nacht irgendetwas gesehen?“

Ich antwortete nicht.

„Denn auch das wäre nicht das erste Mal, nicht wahr?“

„Das war … nein. Mir geht’s gut. Alles prima.“

Ich konzentrierte mich darauf, nicht zum Korb zu schauen. Das Kauen hatte aufgehört.

Ich hielt es nicht mehr aus und sah nach unten.

Es war weg.

Ich spürte, wie mein Darm weich wurde und sah mich im Zimmer um, an der Decke – ich konnte es nirgends entdecken.

Der Cop drehte sich um und verließ das Zimmer.

„Warum kommen Sie nicht mit mir, Mr Wong, und ich bringe Sie in die Notaufnahme.“

„Was? Nein, nein, mir geht’s gut. Die Schnitte sind nicht schlimm.“

„Für mich sehen sie nicht so klein aus.“

„Nein, nein, alles gut. Nehmen Sie ruhig in Ihren Bericht auf, dass ich eine Behandlung abgelehnt habe. Mir geht’s gut.“

„Haben Sie Familie hier in der Stadt?“

„Nein.“

„Niemanden? Eltern, Tanten, Onkel?“

„Lange Geschichte.“

„Irgendeinen Freund, den wir anrufen können?“

„Am besten wohl John.“

Ich sah mich überall nach der Spinne um, hatte aber keine Ahnung, was ich tun sollte, wenn ich sie fand.

„Wissen Sie was, Sie rufen ihn an, und ich bleibe hier bei Ihnen, bis er da ist. Leiste Ihnen Gesellschaft. Falls das Tier zurückkommt.“

Mir fiel absolut nichts ein, was den Typen dazu bewegen konnte, sich einfach zu verpissen, außer ihn zu verprügeln und ihn dadurch zu zwingen, mich in den Knast zu werfen, was auch keine gute Lösung war.

Der Bulle kann bleiben, solange er will, dachte ich. Solange er nicht zum Geräteschuppen geht.

Franky, der Bulle, drehte sich in diesem Augenblick zu mir um und sagte: „Ich schau mich mal draußen um.“

Ich ließ ihn zur Hintertür rausgehen, bot ihm aber nicht an, ihm zu folgen. Wahrscheinlich wollte er einen Spaziergang durch den Hof machen, um sicherzugehen, dass da keine Leiche lag. Sollte er ruhig. Sobald er außer Sichtweite war, ging ich durch die Küche zurück ins Wohnzimmer und dann ins Schlafzimmer. Ich schaltete das Licht an, kontrollierte die Decke und sah überall sonst nach. Keine Spinne. Ich hörte das gedämpfte Geräusch von Schritten auf dürrem Laub und sah den Cop draußen, wie er mit seiner Taschenlampe am Fenster vorbeiging. Dann rannte ich ins Bad und wischte mit einem feuchten Waschlappen das getrocknete Blut ab. Ich klebte mir ein Pflaster auf meine Schulter und säuberte das Augenlid, zuckte allerdings bei jeder Berührung zusammen. Wieder ging ich ins Schlafzimmer, immer auf der Suche nach dem Monster, und schaute sogar in den Wäschekorb, falls das Ding aus irgendeinem Grund zurückgekehrt war. Ich zog ein Hemd an und versuchte meine Haare zu bändigen. Vielleicht schaffte ich es ja, wie ein halbwegs normaler Bürger auszusehen, und der Bulle bekam das Gefühl, mich alleine lassen zu können, und haute einfach wieder ab.

Bevor er fragt, ob er den Werkzeugschuppen sehen kann.

Ich nahm mein Telefon vom Bett und rief ein letztes Mal bei John an. Es klingelte dreimal und dann –

„Hallo?“

„John? Ich bin’s.“

„Was? Wer?“

„Wir haben ein Problem.“

„Kann es bis morgen nach der Arbeit warten?“

„Nein. Da ist etwas in meinem Haus. Ein –“

Ich sah mich nach dem Bullen um.

„Ein Tier. Es hat mir ein Stück aus dem Bein gebissen und sich dann auf mein Auge gestürzt.“

„Echt? Hast du’s umgebracht?“

„Nein. Es versteckt sich irgendwo. Es ist klein.“

„Wie klein?“

„Wie ein Eichhörnchen. Aber gebaut wie ein Insekt. Viele Beine, vielleicht zwölf. Es hatte ein Maul wie –“

Ich drehte mich um und entdeckte den Bullen in der Schlafzimmertür.

Ich nickte in Richtung Telefon und sagte: „Das ist John. Er ist schon auf dem Weg.“

„Gut.“ Er machte eine Geste Richtung Hintertür. „Haben Sie einen Schlüssel zu dem Geräteschuppen draußen?“

Ich steckte das Telefon weg, ohne mich von John zu verabschieden.

„Äh, nein. Hab ich verloren. Ich meine, ich war da seit Monaten nicht mehr drin.“

„Ich habe einen Bolzenschneider im Kofferraum. Wissen Sie was, ich mache das Schloss für Sie auf.“

„Nein, nein, das ist nicht nötig.“

„Ich bestehe darauf. Sie wollen doch schließlich wieder Ihr Gartenwerkzeug benutzen. Hab ich recht? Dann können Sie auch endlich das ganze welke Laub zusammenrechen.“

Er glotzte mich an, ich glotzte dämlich zurück. Mann, das wurde ja immer besser. Plötzlich wünschte ich mir, die Spinne würde runterspringen und diesen Typen fressen.

„Vielleicht habe ich doch noch einen Schlüssel.“

„Gut, dann holen Sie ihn.“

Ich ging in die Küche zurück und nahm den Schuppenschlüssel vom Nagel neben der Hintertür, wo er die ganze Zeit gut sichtbar gehangen hatte. Franky, der Bulle, ließ mich zum Schuppen vorausgehen und blieb dabei immer ein paar Schritte hinter mir, so dass er mich erschießen konnte, falls ich beschloss, mich in rasender Wut auf ihn zu stürzen. Ich hielt den Schlüssel hoch und atmete tief ein. Dann steckte ich ihn ins Vorhängeschloss, und es schnappte auf. Ich zog die Tür zum Geräteschuppen ein wenig auf und drehte mich zu Franky.

„Also, die Sachen da drin … ich äh, sammle Dinge. Es ist ein Hobby, das ist alles. Und soweit ich weiß, ist das alles legal.“

Obwohl man sagen könnte, manches davon ist, äh, importiert.

„Könnten Sie reingehen und zur Seite treten, Sir?“

Er öffnete den kleinen Schuppen und stach mit dem Strahl seiner Taschenlampe in die Dunkelheit. Ich hielt den Atem an. Zuerst leuchtete er direkt auf den Boden, weil da eine Leiche liegen könnte. Aber da war keine, zumindest nicht im Augenblick. Stattdessen erhellte er die Graskruste auf dem Rad meines Rasenmähers. Dann ließ er das Licht der Taschenlampe auf die Metallregale an den Wänden wandern. Es traf auf ein Glasgefäß, etwa so groß wie eine Farbdose, und durchleuchtete die trübe Flüssigkeit darin. Officer Franky Burgess starrte das Glas an und wartete darauf, dass seine Augen erkannten, was er da sah. Irgendwann würde ihm dämmern, dass es ein ziemlich weit ausgebildeter Fötus war, mit einem faustgroßen Kopf, dessen Augen geschlossen waren. Der Fötus hatte weder Arme noch Beine, sondern der Torso war durch einen mechanischen Apparat ersetzt worden, der sich ringelte wie der Schwanz eines Seepferdchens.

Ich stieß ein kratzendes Lachen aus und sagte: „Ha, ja, das, das hab ich von ebay. Ist ne Requisite aus einem Film.“

Der Cop sah mich an. Ich sah weg.

Er leuchtete wieder ins Regal. Neben dem Glas stand eine Ameisenfarm. Die Tunnel zwischen den Glasscheiben ergaben das sauber und sorgfältig gegrabene Wort HILFE.

Daneben stand meine alte Xbox. Er ließ das Licht einen halben Meter nach unten wandern auf das nächste Regalfach und streifte dort einen Stapel Zeitschriften, bemerkte aber nicht, dass obenauf eine alte, verblichene Ausgabe der Times lag, deren Cover eine Meute von Geheimdienstlern zeigte, die einen Halbkreis um den toten Bill Clinton bildeten. Überschrieben war das Foto mit den riesigen, knallroten Worten WER WAR ES? Neben den Zeitschriften stand eine rote, völlig verstaubte Kitzel-mich-Ernie-Plüschpuppe. In dem Augenblick, als das Licht auf sie fiel, schaltete sich ihre Sprachbox ein, und sie sagte mit einer Cartoon-Stimme: „Ha ha ha! Dreißig Zentimeter, wenn er erigiert ist!“

„Äh, die ist kaputt“, murmelte ich.

Franky, der Bulle, richtete den Strahl auf das nächste Objekt, ein Weckglas mit einer verdrehten, pinkfarbenen Zunge in klarer Flüssigkeit. Daneben stand genau das gleiche Weckglas, nur schwammen darin zwei menschliche Augen, die einen verhedderten Schwanz von Nerven und Blutzellen hinter sich herzogen. Franky bemerkte nicht, dass die Augen dem Lichtstrahl folgten. Neben den Weckgläsern stand eine alte Batterie aus meinem Ford Bronco, überzogen von schwarzem Ruß. Der Lichtstrahl wanderte auf den Boden, wo ich einen roten Plastikbenzinkanister aufbewahrte, neben einem alten CRT-Computermonitor mit einem Bildschirm, der von einer Kugel zerschmettert worden war. Daneben war das eine Ding, das der Bulle auf gar keinen Fall sehen sollte. Die Kiste.

Wir hörten, wie das Laub hinter uns raschelte.

„Hey, was gibt’s?“ Der Cop und ich drehten uns um und entdeckten eine dunkle Gestalt, deren rechte Hand von dem orangefarbenen Licht einer Zigarette erhellt wurde: John. „Hi Franky. Dave, sorry, dass ich dir diese ganzen Bilder von meinem Schwanz geschickt hab. Ich hoffe, du hast dir nicht deshalb das Auge ausgestochen?“

Der Cop richtete die Taschenlampe auf John – um sicherzugehen, dass er nicht bewaffnet war? John trug ein Flanellhemd und eine schwarze Baseballmütze, auf der groß CAP stand.

Franky, der Bulle, bedankte sich bei John, dass er gekommen war. Hoffentlich ging er jetzt endlich aus dem Schuppen, denn jede Minute, die er hier herumstand, machte mich nervöser. Mein Auge und meine Schulter pochten. Der Wind drehte sich, und ich nahm wahr, dass John nach Alkohol roch.

Der Bulle fuhr wieder herum und leuchtete mit seinem Lichtstrahl auf den Boden. Das Licht fiel auf die Kiste – und ich meine die Kiste, die tarnfarbene Kiste, die wir in dem schwarzen Truck ohne Nummernschild gefunden hatten. Sie sah wichtig aus. Sie sah aus wie etwas, in das man reinschauen will, wenn man dafür Sorge trägt, dass alle in Sicherheit sind. Franky nickte in Richtung der Kiste.

„Was ist in der grünen Kiste?“

„Weiß ich nicht.“

Was ja auch irgendwie stimmte.

„Haben wir gefunden. Sie werden sie nicht aufkriegen“, sagte John.

Aus das stimmte. Franky würde sie nicht aufkriegen.

„Sie können sie mitnehmen und im Fundbüro bei der Polizei abgeben“, schlug ich vor.

Der Cop schaltete die Taschenlampe aus und bat dann John, mit ihm ins Haus zu kommen, damit sie sich kurz unterhalten konnten. Dann deutete er mit der Taschenlampe Richtung Schuppen und sagte zu mir: „Wollen Sie hier vielleicht alles wieder abschließen, solange ich mich mit John unterhalte?“

Ich antwortete, dass sei eine gute Idee, und ihre Schuhe wühlten sich durchs raschelnde Laub, bis sie zum Licht meiner Hintertür kamen. Ich verschloss den Geräteschuppen und ließ das Vorhängeschloss einrasten. Dann atmete ich erleichtert auf. Die Erleichterung dauerte ungefähr vier Sekunden. Genauso lang brauchte ich nämlich, um zu kapieren, dass John und Franky, der Bulle, jetzt bei der Killerspinne im Haus waren. Ich rannte zurück und sah, wie sich John und Franky in meinem Wohnzimmer leise unterhielten, so dass ich sie nicht verstehen konnte. Ich schätze, der Cop bat John, auf mich aufzupassen und ihn anzurufen, falls ich noch mehr Zeichen des Wahnsinns zeigte. Ich rückte näher und konnte undeutlich hören, wie John sagte: „… war ziemlich deprimiert in letzter Zeit …“, und ich fragte mich, was für ein Bild John da wohl gerade von mir zeichnete.

Ich suchte die Küche nach der Spinne ab, auch die oberen Ablagen. Keine Spur. Ich schloss ein paar der offenen Schubladen und Schränke und versuchte ein wenig aufzuräumen. Ich war schon aus der Küche raus, als ich wieder umkehrte, weil mir einfiel, dass Schränke ein perfektes Versteck für das kleine Mistding wären. Morgen früh würde ich mein Müsli rausnehmen, und das Scheißding würde sich auf mich stürzen. Konnte ich die Schränke jetzt durchsuchen, ohne Frankys Aufmerksamkeit zu erregen? Besser abwarten. Stattdessen kontrollierte ich das Schlafzimmer, wieder unter dem Vorwand aufzuräumen. Ich schaute unter die Decken und unters Bett. Ich schob die Klamotten im Schrank herum und sah hinter der Tür nach. Keine Spinne.

Als ich wieder rauskam, standen John und der Cop vorne auf der Veranda – das war ein Fortschritt. John dankte ihm fürs Vorbeikommen und sagte, dass er hoffe, Franky würde mich in seine Gebete mit einschließen, weil ich das gerade wirklich gut gebrauchen könne. Mein Leben sei derzeit wirklich chaotisch und ich ein totaler Loser, der mit Gewichts-, Geld- und Alkoholproblemen zu kämpfen habe, von den Erektionsstörungen ganz zu schweigen. Ich beschloss dazwischenzugehen, ehe John mich noch schlimmer diffamierte.

Der Cop lief gerade rückwärts in Richtung seines Autos, als John sagte: „… und seine Freundin ist nicht da, und sie hat nur eine Hand. Sie hat sie bei einem Unfall verloren. Du kannst dir vorstellen, was das für Probleme nach sich zieht.“

Franky versuchte verzweifelt, dem Gespräch zu entkommen, und sprach in das kleine Funkgerät an seiner Schulter, um in der Polizeistation zu melden, dass hier alles unter Kontrolle sei. John und ich sahen ihm nach, als er ging. Dann hörten wir ein Krabbeln und sahen die verfluchte Spinne an unseren Schuhen vorbeirennen. Sie verschwand in der Dunkelheit und schoss direkt auf den Cop zu.

Ich sprang von der Veranda und fuchtelte mit den Händen herum. „Warte! Franky! Officer Burgess! Warten Sie!“

Der Polizist blieb abrupt vor dem Streifenwagen stehen und drehte sich zu mir um. Ich öffnete den Mund, aber die Worte blieben in meiner Kehle stecken. Ein paar dünne, schwarze Beine erschienen auf Frankys linker Schulter und berührten seinen blanken Nacken. Und er merkte überhaupt nichts.

Hinter mir sagte John: „Franky! Franky! Nicht bewegen, Mann! Da sitzt was auf dir drauf!“

Franky legte wieder seine Hand an den Griff seiner Waffe und blickt entsetzt von John zu mir und zurück, als ob sich sein Problem gerade verdoppelt hätte.

„Franky! Mach so!“ John wischte sich über seine eigene Wange, als würde er eine Fliege verscheuchen. „Im Ernst, da sitzt was auf deinem Gesicht!“

Franky, der überhaupt nichts kapierte, tat nichts dergleichen. Er setzte an zu sagen, dass wir nicht näher kommen sollten. Ich holte aus und wollte mich auf das kleine Monster stürzen. Und verfehlte es. Franky machte irgendwas, das mich keuchend in die Knie gehen ließ. Eine Art Hieb gegen den Hals, und verdammt, der saß.

Ich sah hoch und versuchte Franky zum zweiten Mal zu warnen, und zum zweiten Mal brachte ich kein Wort raus. Die Spinne krabbelte weiter auf Frankys Brust, und dann vergrub sie sich in einer schnellen Bewegung in seinem Mund.

Franky fuhr zurück und warf sich auf den Boden, wobei sein Kopf dumpf gegen die Tür des Streifenwagens schlug. Seine Hände verkrallten sich in seinem Mund, er keuchte, würgte und zuckte. Ich wich zurück und kroch auf den Arschbacken rückwärts durch die Blätter. John trat vor und schrie: „Franky! Franky! Hey!“

Franky reagierte nicht. Seine Arme krampften wild wie bei einem Epileptiker.

John fuhr zu mir herum und sagte: „Wir müssen ihn ins Krankenhaus bringen!“

Ich saß matt im Gras und sehnte mich danach, einfach wieder reinzugehen und mich unter meiner Decke zu verkriechen. John riss beide Hintertüren des Polizeiautos auf und schob dann seine Hände unter Frankys Schultern.

„Dave! Hilf mir!“

Ich kam auf die Beine und packte Frankys Knöchel. Wir bugsierten ihn auf den Rücksitz des Streifenwagens, und John kroch bei der anderen Tür wieder raus. Dann setzte John sich hinters Steuer, und ich schlüpfte auf den Beifahrersitz. John hantierte an den Armaturen, bis er den richtigen Schalter fand und ihn umlegte. Das „Uiuiui“ der Sirene durchschnitt die Nacht. John legte den Gang ein und raste die Straße runter. Rot und blau spiegelten sich die Drehlichter des Polizeiwagens in den Fenstern der Nachbarschaft. Wir nahmen ungebremst eine Kreuzung. Ich schnallte mich an und stemmte mich mit den Händen ab.

„Dieses Ding ist in mein Haus gekommen, John! Es war in meinem Haus!

„Ich weiß, ich weiß.“

„Ich bin aufgewacht, und das Ding hat mich gebissen. In meinem Bett, John!“

Wir bogen um die Ecke, vorbei an einem geschlossenen Restaurant, auf dessen Schaufenster mit weißer Schuhcreme „Zu verkaufen“ geschrieben stand. Dann folgte die rußige Fassade eines Baumarkts, der letztes Jahr abgebrannt war, ein Wohnwagenparkplatz, ein Gebrauchtwagenhändler, ein 24-Stunden-Porno-Buchladen und ein schmuddliges Motel ohne Ruhetage, weil viele arme Leute dort dauerhaft wohnten.

„Es war in meinem Haus, John! Verstehst du mich? Franky konnte es nicht mal sehen. Es saß auf seinem Gesicht, und er konnte es nicht sehen. Es war in meinem Haus.

Ich spürte, wie mein Körper gegen die Türverkleidung gepresst wurde. Räder quietschten. John kratzte wie bei einer Verfolgungsjagd um die Kurve. Zwei Blocks weiter befand sich das Parkhaus des Krankenhauses; dahinter sah man die erleuchtete Fassade der Krankenstation. Ich schaute durch das Drahtgitter, das uns von Franky trennte. Er lag mit offenen Augen reglos auf dem Rücksitz. Seine Brust hob und senkte sich, also war er zumindest noch nicht tot.

„Fast da, Mann! Durchhalten, okay?“

Ich drehte mich zu John.

„Es ist in seinen Mund gekrochen! Hast du das gesehen?“

„Ich hab’s gesehen.“

„Meinst du, die können ihm helfen? Denkst du wirklich, Ärzte können da was machen?“

Er fuhr quietschend auf den Parkplatz und folgte einem Schild, auf dem NOTAUFNAHME stand. Wir kamen ruckartig auf der Auffahrt zur Unfallstation zum Stehen, rissen die Hintertür auf, zogen Franky raus und zerrten ihn unbeholfen auf Glastüren zu, die sich vor uns automatisch öffneten. Kaum waren wir drin, da kamen auch schon Krankenpfleger auf uns zu und bellten Fragen, auf die wir keine Antworten wussten. Irgendjemand kam mit einer Bahre an.

John begann zu reden und erzählte den Jungs, dass der Cop eine Art Anfall gehabt habe, dass ihm etwas in der Kehle stecke und dass sie dort mit der Untersuchung beginnen müssten.

Aus dem Augenwinkel konnte ich das Blitzen weiterer roter und blauer Lichter sehen – ein Streifenwagen bog schnell auf den Parkplatz ein. Sie hatten wahrscheinlich gesehen, wie John und ich mit einem Affenzahn durch die Stadt gerast waren, und waren uns gefolgt. Die Krankenpfleger rollten Franky weg, und ein dritter Typ kam dazu, wahrscheinlich ein Arzt, und prüfte seine Reflexe. Ich wollte John den zweiten Streifenwagen zeigen, aber er hatte ihn schon bemerkt, und wir gingen nach draußen.

„Denkst du, wir sollten noch bleiben?“, fragte er.

„Glaube nicht. Bin eh schon auf Bewährung.“

„Dave, die werden uns holen. Die werden wissen wollen, was passiert ist.“

„Nein, ich glaube nicht, dass das so ein großes Ding ist. Wahrscheinlich schicken sie uns eine nette Karte, weil wir Franky ins Krankenhaus gebracht haben. Los, komm.“

Wir gingen zu Fuß los, weil es sicher nicht besonders schlau war, mit dem gestohlenen Streifenwagen zurückzufahren. Als wir um die Ecke vom Parkplatz bogen, schoss ein zweites Polizeiauto an uns vorbei. Es hielt ruckartig neben Frankys Wagen, und zwei Polizisten stiegen aus und gingen rein. Wir liefen schweigend über ein Rasenstück und überquerten bei einer gelb blinkenden Ampel die Straße. Dann gingen wir über den dunklen Parkplatz eines chinesischen Restaurants namens Panda Buffet, das unseres Wissens nach kein Pandafleisch anbot. Dahinter lag eines der vielen verlassenen Grundstücke der Stadt, nämlich das deprimierende Zwillingsgebäude der alten Tuberkulose-Station, die seit den 1960er Jahren geschlossen war; die grauen Ziegel waren moosgrün.

John zündete sich eine Kippe an und fragte: „Und was denkst du, was das war?“

Ich antwortete nicht. Ich merkte, dass ich unablässig die dunklen Flächen der Parkbuchten nach Schatten und Bewegungen abscannte und dass mich meine Schritte unbewusst eilig zu den Lichtkegeln der nächsten Straßenlaternen lenkten. Wir gelangten zu einem Reifenhandel mit einem drei ...

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