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Jay Desmond - Das harte Dutzend

Alfred Bekker

Jay Desmond - Das harte Dutzend

Western-Roman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Das harte Dutzend

Western von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

1

Zwei Dutzend Reiter kamen in langsamen Tempo die Main Street von Roswell entlang. Die Männer waren gut bewaffnet. Winchestergewehre steckten in den Scubbards,

Revolvergriffe ragten aus den tiefgeschnallten Holstern. Hier und da war zusätzlich noch eine Shotgun zu sehen. Einige der Reiter trugen Patronengurte um die Schultern. Staub bedeckte die Kleidung. An der Spitze dieser finsteren Meute ritt ein Mann mit schwarzem Bart. Er trug einen Anzug mit Schleife. An der Seite hing ein Colt, in dessen elfenbeinfarbenen Griff ein Name eingraviert war. DARREN McCALL - in großen Buchstaben.

McCall zügelte in der Nähe des McMillan-Stores die Zügel. Neben ihm ritt eine dunkelhaarige Schönheit - die einzige Frau in dem Pulk von Reitern. Sie trug ein Reitkleid und fächelte sich mit ihrem Hut Luft zu.

"Ist das dieses Nest namens Roswell?", fragte sie mit deutlicher Verachtung in der Stimme.

McCall lachte.

"Jetzt ist Roswell noch ein Rattenloch. Aber das wird sich bald ändern... Wenn hier erst einmal alles mir gehört!"

Er trat seinem Gaul in die Weichen.

Die Meute bewegte sich weiter die Straße entlang. Die Passanten auf der Main Street blieben stehen, blickten teils neugierig, teils angstvoll zu den Fremden hinüber.

"Ich hoffe, es gibt hier auch 'ne Möglichkeit sich volllaufen zu lassen und preiswert ein paar nette Girls aufzugabeln!", meinte ein Rothaariger im langen Saddle Coat. Er trug statt eines Hutes eine staubbedeckte Südstaatenmütze.

McCall lachte dreckig.

"Du kommst hier sicher auf deine Kosten, Mort! Das garantiere ich dir!"

"Darauf werde ich zurückkommen, Boss!", meinte Mort. Einige der anderen Männer lachten rau.

Schließlich erreichten sie das Hotel.

Es war das einzige in der Stadt und Abe Martinson, der Besitzer, hatte schon so manches Mal daran gedacht aufzugeben.

Die Männer stiegen ab, banden ihre Pferde an die Querstange vor dem Eingang.

"Ich weiß nicht, ob ich mich in diesem Nest wohlfühlen werde", meinte die Dunkelhaarige.

McCall grinste schief. "Du kannst ja weiterreiten, Francine!"

Unter den Männern brandete Gelächter auf. Francine wurde dunkelrot. "Wie habe ich mich bloß je mit dir einlassen können, Darren!", zischte sie.

McCall tätschelte gönnerhaft ihr Hinterteil. "Bis jetzt ist es dir nicht schlecht bei mir gegangen. Besser jedenfalls, als in dem drittklassigen Bordell in Wichita, in dem ich dich aufgegabelt habe!" McCall machte seinen Männern ein Zeichen. "Mort, Bugley und Norman - ihr kommt mit. Und du natürlich auch, Francine..." Er grinste sie an. In seinen Augen blitzte es.

McCall und sein Gefolge betraten die Eingangshalle des Hotels.

Abe Martinson, ein kleiner, schmächtiger Mann mit grauen Haaren, stand hinter dem Tresen und sah die Ankömmlinge mit offenem Mund an.

McCall trat an ihn heran.

"Wohnt hier zur Zeit jemand im Hotel?", fragte er.

"Ja, ein Mann namens Smith. Er kam heute mit der Postkutsche."

"Schmeißen Sie ihn hinaus!", forderte McCall.

"Wie bitte?"

"Sie haben richtig verstanden. Werfen Sie diesen Smith aus seinem Zimmer. Ich brauche das ganze Hotel für meine Männer - bis auf Weiteres."

Martinson starrte McCall an wie ein exotisches Tier. McCall lächelte zynisch. Er griff in das Innere seiner Jacke, holte ein Bündel mit Dollarscheinen heraus. "Im übrigen bezahle ich im Voraus", fügte er hinzu und knallte dem Hotelier das Geld auf den Tresen. Ein Ruck ging durch dessen schmächtigen Körper. Mit zitternden Fingern nahm er die Dollars, steckte sie ein.

"Brook!", rief er. "Brook, verdammt nochmal, wo steckst du?" Die Stimme des Hoteliers klang heiser. Einen Augenblick später kam der Gehilfe des Hoteliers durch eine Hintertür herein. Er war groß und kräftig. Sein Gesicht wirkte aufgeschwemmt. Die verwaschene Latzhose, die er trug, war von Flicken übersät. Er musterte stirnrunzelnd McCall und sein Gefolge. Dann stierte er Francine an. Sie verzog nur das Gesicht.

"Geh nach oben und sag dem Gentleman von Nr. 5 Bescheid, dass wir ihm das Zimmer doch nicht geben können", befahl Martinson.

"Aber... ich habe doch gerade erst sein Gepäck hinaufgetragen!"

"Dann wirst du es jetzt wieder hinunterbringen und vor die Tür stellen, Brook."

"Wenn Sie meinen, Chef."

"Du siehst doch, dass die Gentlemen hier alle Räume brauchen. Wie lange werden Sie bleiben?"

"Mal sehen ", sagte McCall. "Eigentlich habe ich vor, länger hier zu bleiben..." Er grinste breit, entblößte dabei zwei Reihe blitzender Zähne. "Du wirst dir jedenfalls 'ne goldene Nase dabei verdienen!"

Brook war inzwischen die Treppe hinaufgegangen. Wenig später kehrte er zurück.

"Was ist los?", fragte Martinson.

"Mr. Smith.... Er will das Zimmer nicht räumen!"

"Was?"

"Er sagt, er hätte ein Recht darauf!" Martinson begann zu schwitzen. Er wandte sich an McCall.

"Meinen Sie nicht, dass Sie vielleicht auf ein Zimmer verzichten könnten?"

McCall steckte sich eine Zigarre in den Mund, biss die Spitze ab und zündete sie sich an. Das Streichholz riss er dabei über das Holz des Tresens.

"Mal aus dem Fenster geschaut?", fragte er dann. "Für meine Männer wird es so schon eng genug." Er wandte sich an Mort. "Sieh zu, dass du das regelst, Mort!" Der Mann mit der Südstaatenmütze nickte.

"No Problome, jefe!", knurrte er, überprüfte kurz den Sitz seines Colts und stieg dann die Treppe hinauf.

"Er ist lange in Mexiko gewesen", murmelte McCall. "Mort spricht schon besser Spanisch als Englisch." Dann deutete McCall auf Francine. "Sagen Sie Ihrem Gehilfen, dass er für die Lady hier ein Bad bereiten soll."

In diesem Moment war ein Schuss aus dem Obergeschoss zu hören.

Francine zuckte zusammen. McCall lachte. "Auf Mort ist Verlass!", grinste er.

Die anderen Männer lachten rau.

Aber ihr Lachen erstarb, als Augenblicke später ein Mann die Treppe hinunterschritt. Es war nicht Mort. Er war jung, etwa Mitte zwanzig. Er trug eine dunkle Lederweste und ein weißes Hemd. Der Revolver hing tiefgeschnallt an der linken Seite. Seine Hand berührte den Griff.

"Mr. Smith!", stieß Martinson hervor. Smith' Gesicht blieb unbewegt. Seine Lippen waren ein dünner Strich.

Die Augen wurden schmal, als er den Fuß der Treppe erreicht hatte. Er stand seitlich da, so dass sein Colt nicht zu sehen war. "Haben Sie den Kerl mit der komischen Mütze geschickt?", fragte er an McCall gewandt. Smith hatte gleich begriffen, wer hier der Boss war.

"Habe ich", knurrte McCall grimmig.

"Er war nicht schnell genug."

"Was Sie nicht sagen."

"Hat doch für Sie auch sein Gutes. So braucht zumindest schonmal einer Ihrer Männer kein Zimmer!"

"Ich stopf ihm das Maul, Boss!", meldete sich einer der anderen Männer aus McCalls Gefolge zu Wort.

"Versuch's ruhig, Norman!", ermunterte McCall ihn. Blitzartig riss Norman seinen Colt heraus. Genau damit hatte der Mann, der sich Smith nannte, früher oder später gerechnet. Er war schneller, vielleicht hatte er sogar schon vorher seinen Colt gezogen, so genau war das nicht zu sehen. Smith feuerte sofort. Norman hatte keine Chance. Der erste Schuss erwischte ihn, noch ehe er seinen Revolverhahn überhaupt gespannt hatte. Die Kugel drang in den Kopf ein, genau zwischen den Augen. Wie nach einem Faustschlag wurde der Kopf zurückgerissen. Norman taumelte rückwärts, ohne noch zum Schuss zu kommen. Smith' zweiter Schuss durchdrang seinen Oberkörper und nagelte ihn förmlich gegen die Holzwand. In der selben Sekunde hatte auch McCall seine Waffe gezogen und sofort abgefeuert. Der erste Treffer erwischte Smith am linken Arm. Smith wollte die Waffe herumreißen, aber der Arm gehorchte ihm nicht mehr. Entsetzen breitete sich in seinen Zügen aus, während McCall ihn dann mit dem zweiten Schuss in der Herzgegend erwischte. Sein weißes Hemd färbte sich rot. Die Waffe entfiel Smith. Er klammerte sich an das Treppengeländer. Der dritte Schuss traf ihn im Gesicht. Smith rutschte am Geländer herunter. Dann wandte McCall sich dem Hotelier zu.

"Sie haben mitgekriegt, dass dieser Smith zuerst gezogen hat!"

Martinson nickte nur. Er war kreidebleich geworden.



2

"Nicht hier!"

Die Abwehr der blonden Dorothy Willard war nur gespielt. Clay Braden hatte von hinten die Arme um sie gelegt.

Sie befanden sich im McMillan-Store, um ein paar Besorgungen zu machen. Slim Davis, der Gehilfe, war soeben aus dem Raum gegangen - aber es konnte nur eine Frage von Augenblicken sein, dass der Junge zurückkehrte.

Dorothy hielt seine Hände fest. "Du wirst dich noch gedulden müssen, bis wir zurück auf der Sundance Ranch sind", hauchte sie.

Clay Braden grinste breit.

"Aber das wird mir schwerfallen..."

"Als Marshal und Barbesitzer in einer Person bist du für viele ja sowieso schon unmöglich, aber was meinst du, was die Leute von dir denken, wenn du jetzt anfängst, unschuldigen Frauen in aller Öffentlichkeit an die Wäsche zu gehen..."

"U n s c h u l d i g?", echote er. "Damit kannst du dann ja wohl kaum dich selbst meinen!"

"Ach, nein?"

"Ein Sundance Ranch-Girl und unschuldig!"

"Manche der Kerle, die mich besuchen, finden meine Art von Unschuld durchaus reizvoll!", lachte sie.

"Lass uns ins Marshal Office gehen."

"Und was ist mit Archie?"

"Meinen Assistant Marshal kann ich ja zu einer offiziellen Runde durch die Stadt verdonnern..."

In diesem Moment erstarrte Clay mitten in der Bewegung. Und das hatte weniger mit Slim Davis zu tun, der genau in diesem Moment wieder den Raum betrat, als mit den Schussgeräuschen.

"Das war hier ganz in der Nähe!", stellte Dorothy fest. Clay nickte. "Warte hier", wies er sie an. Dann lief er hinaus auf die Straße.

Weitere Schüsse waren zu hören. Die Geräusche kamen aus der Richtung von Martinsons Hotel, schräg gegenüber. Zwei Dutzend Pferde waren davor festgemacht worden. Die Reiter lungerten vor dem Hotel herum. Die Schüsse hatten sie elektrisiert. So viel Kundschaft dürfte Martinson seit einer Ewigkeit nicht gehabt haben!, ging es Clay durch den Kopf. Er spurtete über die Main Street.

Die Männer erstarrten, als sie den Sternträger sahen. Sie waren verunsichert.

Clay ging zwischen ihnen hindurch. Keinen von ihnen hatte er schon einmal in Roswell gesehen.

Dann stieß er die Tür zur Eingangshalle des Hotels auf. Der Colt war schon in seiner Hand, der Hahn zurückgezogen... Zwei Tote lagen im Raum.

Alle Anwesenden erstarrten. Die Männer von draußen drängten ebenfalls ins Innere.

Clay sah sich die beiden Toten an.

Dann wandte er sich an Martinson. "Was war hier los?", fragte er den Hotelier. Alles in allem erschien ihm der als der unabhängigste Zeuge. Martinson schwieg. Seine Lippen waren aufeinander gepresst.

"Sagen Sie es schon!", forderte McCall. "Sagen Sie, wie's war."

Martinson deutete auf den toten Smith. "Der Mann dort hat zuerst gezogen... Oben ist wohl noch ein Toter."

"Mein Name ist Darren McCall", riss der Anführer der Gruppe das Wort an sich. Er blies dem Sheriff Zigarrenrauch entgegen und deutete dann auf Smith' Leiche. "Dieser Mann dort hat auf meinen Kumpel geschossen. Leider war ich nicht schnell genug, um ihm das Leben zu retten." Einer der anderen Kerle grinste breit und hässlich.

"Wenn Sie wollen, schwören wir das auch alle gerne vor einem Gericht!", lachte er.

"Es war Notwehr!", mischte sich einer der anderen ein.

"Für Notwehr haben Sie reichlich viele Kugeln verbraucht, McCall!", stellte Clay fest. "Ich möchte nicht, dass es weiteren Ärger gibt!"

"Das liegt auch nicht in meinem Interesse."

"Freut mich zu hören, Mr. McCall."

Clay stellte fest, dass die dunkelhaarige Schönheit in McCalls Schlepptau ihn unverhohlen musterte. Ihre Augen blitzten. "Willst du mich dem Marshal nicht vorstellen, Darren?", fragte sie.

McCall beachtete sie nicht weiter. "Ich werde mich hier in der Gegend niederlassen", verriet er an Clay gerichtet.

"Es wäre also nicht schlecht, wenn wir uns gut verstehen würden."

"Solange Sie sich an die Gesetze halten, sehe ich da kein Problem."

McCall lachte, blies Clay dann eine Rauchwolke entgegen.

"Klingt ziemlich kleinkariert, was Sie da sagen, Marshal. Gesetze sind für die Schwachen. Die Starken machen sich ihre Gesetze selber!"

Clay blieb gelassen. "Solange Sie hier in Roswell sind, werden Sie diesen Grundsatz vergessen müssen." In diesem Moment sprang die Tür auf.

Archie Wayne, der Assistant Marshal stürmte herein. Der alte Mann hielt eine Schrotflinte im Anschlag. Um mit einem Colt umzugehen, war er zu ungeschickt, aber mit seiner Schrotflinte war es für ihn fast unmöglich daneben zu treffen. Offenbar hatte auch er die Schüsse gehört, während er im Marshal Office gesessen und seine Zeitung gelesen hatte.

"Alles in Ordnung, Clay?", fragte er.

"Wie man's nimmt", erwiderte Clay mit Blick auf die Toten. Clay wandte sich zum Gehen.

"Vielleicht sieht man sich ja mal", hauchte ihm die schöne Dunkelhaarige zu.

Eine hübsche Frau!, musste Clay anerkennen.

Aber es war klar, dass sie zu McCall gehörte.

Und Clay dachte nicht im Traum daran, die Lage noch zusätzlich zu komplizieren.



3

Clay traf Dorothy vor dem McMillan-Store wieder. Sie deutete zu der McCall-Meute auf der anderen Straßenseite hinüber. "Diese Männer gefallen mir nicht", meinte sie.

"Mir auch nicht. Kaum in der Stadt und schon gibt's Tote."

"Das kann ja heiter werden..."

"Es hat diesen Smith erwischt", murmelte Clay nachdenklich.

"Diesen undurchsichtigen Gunslinger, von dem du mir erzählt hast?", vergewisserte sich Dorothy.

Clay nickte. "Ja, und ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass sein wahrer Name nicht Smith ist..." Er fasste Dorothy bei den Schultern. "Ich werde erstmal in der Stadt bleiben müssen, um diese Meute zu beobachten..." Clay wandte sich an Archie Wayne, der der sich im McMillan-Store etwas Kautabak besorgt hatte und jetzt noch einmal misstrauisch zum Hotel hinüberschaute, bevor er sich auf den Gaul schwang.

"Wie wär's, wenn du ein bisschen hier in der Nähe bleibst und diese Meute im Auge behältst, Archie?", meinte Clay.

"Genau das wollte ich dir auch schon vorschlagen", nickte Archie.



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