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Das geheime Evangelium

Über Ian Caldwell

Ian Caldwell wurde 1976 in Washington, D.C., geboren. Sein Geschichtsstudium schloss er 1998 in Princeton ab. Er lebt mit seiner Ehefrau und seinem Sohn in Newport News, Virginia. Mit »Das letzte Geheimnis« hat er bereits einen internationalen Bestseller verfasst.

Wolfgang Thon lebt als freier Übersetzer in Hamburg. Er hat viele Thriller, u. a. von Brad Meltzer, Joseph Finder und Paul Grossman ins Deutsche übertragen.

Informationen zum Buch

»Meisterhaft … Das geheime Evangelium ist eine besondere Story – klug und dennoch ein Pageturner.« David Baldacci

Der griechisch-orthodoxe Priester Simon will sich in den Gärten von Castel Gandolfo heimlich mit dem Kurator einer Ausstellung treffen, die die Geschichte der Kirche verändern soll. Doch vor Ort findet er dessen Leiche. Schnell stellt sich heraus: Es war Mord – und Simon wird verdächtigt. Gleichzeitig wird in die Wohnung seines Bruders Alex eingebrochen. Alex versucht, einen Zusammenhang zwischen den Verbrechen herzustellen. Ist das geheime Evangelium, das ausgestellt werden sollte, der Grund? Alex ahnt, dass er der Wahrheit immer näherkommt, denn plötzlich wird er selbst gejagt.

Ein Vatikanthriller von einem internationalen Bestsellerautor.

Ian Caldwell

Das geheime
Evangelium

Thriller

Aus dem Amerikanischen
von Wolfgang Thon

FÜR MEREDITH —

ENDLICH.

Historische Anmerkung

Vor zweitausend Jahren machten sich zwei Brüder aus dem Heiligen Land auf den Weg, um die christlichen Evangelien zu verkünden. Sankt Petrus zog nach Rom und wurde der geistliche Stammvater der westlichen Christenheit. Sein Bruder Sankt Andreas reiste nach Konstantinopel und begründete das östliche Christentum. Die Kirche, die sie zu errichten halfen, blieb jahrhundertelang eine Einheit. Vor eintausend Jahren aber trennten sich Westen und Osten. Die Christen des Westens wurden Katholiken, angeführt vom Papst, dem Nachfolger des heiligen Petrus. Ostchristen wurden zu Orthodoxen, geführt von Nachfolgern des heiligen Andreas und anderen Aposteln, die man die Patriarchen nennt. Heutzutage bilden diese Konfessionen die beiden größten Kirchengemeinschaften der Welt. Zwischen ihnen existiert die kleine Gemeinschaft der katholischen Ostkirche, die sich den üblichen Einordnungen entzieht, indem sie den Traditionen der Ostkirche folgt, sich aber dem Papst unterstellt.

Dieser Roman spielt im Jahr 2004, als die Wiedervereinigung des Katholizismus und der Orthodoxie zum letzten Wunsch des sterbenden Papstes Johannes Paul II. wird.

Dies ist die Geschichte zweier Brüder. Beide sind katholisch: Priester der Westkirche der eine, der andere Priester der Ostkirche.

Prolog

Mein Sohn ist noch zu jung, um zu begreifen, was Vergebung ist. Weil er in Rom aufwächst, kommt es ihm vor, als wäre sie nicht schwierig: Fremde reihen sich in die Schlangen vor den Beichtstühlen im Petersdom ein, bis sie an der Reihe sind, um ihre Beichte abzulegen, und die roten Lämpchen oben an den Kabinen werden ein- und wieder ausgeschaltet, was signalisiert, dass der Priester im Innern mit einem Sünder fertig und für den nächsten bereit ist. Das Gewissen braucht gar nicht erst so beschmutzt zu werden wie lange benutztes Bettzeug oder dreckiges Geschirr, findet mein Sohn, denn schließlich kann man es viel schneller reinigen. Wenn er das Badewasser zu lange laufen lässt, sein Spielzeug herumliegt und zum Stolpern einlädt oder er mit verdreckter Hose aus der Schule nach Hause kommt, bittet Peter um Vergebung. Er verteilt seine Entschuldigungen wie ein Papst seinen Segen. Bis zur ersten eigenen Beichte meines Sohnes sind es noch zwei Jahre. Und das aus gutem Grund.

Kleine Kinder verstehen noch nicht, was Sünde ist. Schuld. Absolution. Priester vergeben Fremden so rasch, dass sich ein Junge nicht vorzustellen vermag, wie schwer es ihm eines Tages fallen wird, seinen Feinden zu vergeben. Er ahnt noch nicht, dass gewissenhafte Menschen manchmal außerstande sind, sich selbst zu verzeihen. Die schlimmsten Vergehen können vergeben werden – aber man kann sie nicht wieder ungeschehen machen. Ich hoffe, solche Sünden werden meinem Sohn für immer fremd bleiben – was meinem Bruder und mir selbst nicht gelang.

Schon bei meiner Geburt stand fest, dass ich Priester werden würde. Mein Onkel ist Priester, mein älterer Bruder Simon ist Priester, und ich hoffe, dass auch Peter eines Tages Priester sein wird. Ich habe niemals außerhalb des Vatikans gelebt, und Peter hat ihn ebenfalls noch kein einziges Mal verlassen.

Es gibt zwei Bilder, die sich die Welt vom Vatikan macht: Für die einen ist es der schönste Ort auf Erden: ein Tempel der Kunst und ein Museum des Glaubens. Für die anderen ist er die Brutstätte des Katholizismus, ein Staat von Priestern, die andauernd den Zeigefinger erheben. Unvorstellbar, dass ein Junge an diesem Ort hat aufwachsen können. Trotzdem war unser kleines Land schon immer voller Kinder. Alle haben Kinder: die apostolischen Gärtner, die apostolischen Arbeiter, die Schweizergarde. Als ich selbst noch ein Kind war, beschloss Papst Johannes Paul, dass die Gehälter der Familien mitwachsen sollten. Deshalb wurde der Lohn mit jedem Zuwachs, den es zu ernähren galt, erhöht. Wir spielten Verstecken in seinen Gärten, Fußball mit seinen Messdienern, und wir flipperten im Raum über der Sakristei seiner Basilika. Wir ließen uns zuerst von unseren Müttern in den vatikanischen Supermarkt und ins vatikanische Kaufhaus schleifen und begleiteten dann unsere Väter zur Tankstelle des Vatikans oder zur Bank. Unser Land war zwar kaum größer als ein Golfplatz, aber trotzdem taten wir dasselbe wie die meisten anderen Kinder. Simon und ich waren glücklich. Normal. Und auch sonst wie alle anderen Jungs im Vatikan. Außer in einem einzigen Punkt: Unser Vater war ein Priester.

Allerdings kein römisch-katholischer, sondern ein griechisch-katholischer Priester. Das heißt, er hatte einen langen Bart und trug ein anderes Priestergewand; statt einer Messe zelebrierte er die Göttliche Liturgie, und er hatte vor der Priesterweihe heiraten dürfen. Er sagte immer, dass wir Ostkatholiken Sendboten Gottes seien, Mittelsmänner, die dabei helfen könnten, Katholiken und Orthodoxe wieder zu vereinen. In Wahrheit kann man sich als Ostkatholik aber so vorkommen wie ein Flüchtling an der Grenze zwischen zwei feindseligen Großmächten. Vater versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn das belastete. Zur römisch-katholischen Kirche zählen weltweit eine Milliarde Menschen, zu unserer griechisch-katholischen Richtung nur ein paar Tausend Gläubige. So kam es, dass er der einzige verheiratete Priester in einem Land war, das von zölibatär lebenden Männern beherrscht wurde. Dreißig Jahre lang schauten die anderen Priester im Vatikan auf ihn herab, wenn er ihnen Dokumente den Berg hochbrachte. Erst ganz am Ende seiner Berufslaufbahn wurde er befördert, allerdings mit Engelsflügeln und Harfe.

Bald darauf verstarb meine Mutter. Krebs, sagten die Ärzte. Sie wussten es nicht besser. Meine Eltern waren einander in den sechziger Jahren begegnet, in jener kurzen Zeitspanne, als alles möglich schien. Sie haben immer in unserer Wohnung miteinander getanzt. Die Familie meiner Mutter war römisch-katholisch, seit über hundert Jahren schon brachte sie Priester hervor, die im Vatikan Karriere machten. Deshalb wurde meine Mutter enterbt, als sie einen bärtigen Griechen ehelichte. Nach Vaters Tod erzählte sie mir, wie seltsam es für sie sei, noch Hände zu haben, obwohl sie doch niemand mehr halten würde. Simon und ich bestatteten sie neben meinem Vater in einer Grabstelle hinter der vatikanischen Gemeindekirche. Ich habe so gut wie keine Erinnerungen an jene Zeit, ich weiß nur noch, dass ich Tag für Tag die Schule schwänzte, auf dem Friedhof saß und weinte. Die Arme hatte ich um meine Beine geschlungen. Irgendwann kam dann mein Bruder und brachte mich heim.

Wir waren noch Teenager, deshalb gab man uns in die Obhut unseres Onkels, eines vatikanischen Kardinals. Am besten beschreibt man ihn als jemanden, der das Herz eines kleinen Jungen hatte und es zusammen mit seinem künstlichen Gebiss in einem Glas verwahrte. Kardinal Lucio hatte als Präsident der apostolischen Verwaltung der Vatikanstadt die besten Jahre seines Lebens damit verbracht, den Staatshaushalt auszugleichen und die Angestellten des Vatikans an der Gründung einer Gewerkschaft zu hindern. Aus rein ökonomischen Gründen lehnte er den Gedanken, Familienzuwachs mit Gehaltserhöhungen zu vergelten, ab. Selbst wenn er genügend Zeit gehabt hätte, die verwaisten Kinder seiner Schwester großzuziehen, wäre er wahrscheinlich schon aus Prinzip dagegen gewesen. Deshalb hatte er nichts einzuwenden, als Simon und ich wieder in die Wohnung unserer Eltern zogen, um selbst für uns zu sorgen.

Ich war zu jung zum Arbeiten, deshalb verließ Simon für ein Jahr die Uni und suchte sich einen Job. Keiner von uns konnte kochen, nähen oder eine Toilette reparieren, also brachte Simon es sich selbst bei. Er war es, der mich morgens rechtzeitig für die Schule weckte und mir Geld für ein Mittagessen aushändigte. Er sorgte dafür, dass ich etwas zum Anziehen und etwas Warmes zu essen hatte. Ein guter Messdiener zu sein habe ich nur von ihm gelernt. In den finstersten Nächten seines Lebens geht jeder katholische Junge mit der Frage zu Bett, ob Geschöpfe wie wir wirklich den Lehm wert sind, aus dem Gott uns geformt hat. Aber er schickte Simon in mein Leben und in meine Dunkelheit. Es ist nicht so, dass wir gemeinsam unsere Kindheit bewältigt hätten: Er war es, der sie meisterte und mich dabei auf seinem Rücken trug. Ich konnte mich nie von dem Gefühl befreien, dass ich ihm mehr schuldete, als ich ihm in meinem ganzen Leben zurückgeben könnte. Mir blieb nur die Hoffnung auf Absolution. Wenn ich irgendetwas für ihn hätte tun können, hätte ich es getan.

Alles.

1. Kapitel

»Verspätet Onkel Simon sich?«, fragt Peter.

Unsere Haushälterin, Schwester Helena, fragt sich wahrscheinlich das Gleiche, während sie zusieht, wie der Seehecht in der Pfanne zerkocht. Mein Bruder wollte schon vor zehn Minuten da sein.

»Kein Problem«, sage ich. »Hilf mir einfach beim Tischdecken.«

Peter ignoriert mich. Er klettert auf seinem Stuhl herum, bis er schließlich auf ihm kniet, und verkündet: »Simon und ich gehen ins Kino, dann werde ich ihm den Elefanten im Bioparco zeigen und danach will er mir beibringen, wie die Marseille-Drehung geht.«

Schwester Helena legt vor dem Herd ein Tänzchen hin. Sie hält die Marseille-Drehung für einen Tanzschritt. Peter ist entsetzt. Er streckt einen Arm in die Luft wie ein Zauberer beim Hexen und sagt: »Nein! Das ist ein Dribbeltrick. Wie Ronaldo.«

Simon fliegt für eine Ausstellung aus der Türkei nach Rom, die von Ugo Nogara, einem gemeinsamen Freund, kuratiert wird. Die Vernissage in knapp einer Woche ist eine förmliche Angelegenheit, zu der ich normalerweise keine Einladung erhalten hätte, wenn ich nicht einmal mit Ugo zusammengearbeitet hätte. Aber unter diesem Dach leben wir in der Vorstellungswelt eines Fünfjährigen. Onkel Simon ist nach Hause gekommen, um Fußballunterricht zu geben.

»Das Leben besteht aus mehr«, sagt Schwester Helena, »als gegen einen Ball zu treten.«

Sie hat die Rolle der weiblichen Stimme der Vernunft übernommen. Als Peter elf Monate alt war, hat uns meine Frau Mona verlassen. Seitdem sichert diese wundervolle alte Nonne mein Überleben als Vater. Onkel Lucio hat sie mir ausgeborgt, ihm stehen ganze Heerscharen von ihnen zur Verfügung. Ich kann mir nur schwer vorstellen, was ich ohne sie machen würde, weil ich noch nicht einmal zahlen könnte, was eine aufgeweckte Jugendliche als Lohn erwartet. Glücklicherweise würde Schwester Helena Peter und mich um nichts auf der Welt im Stich lassen.

Mein Sohn verschwindet in seinem Zimmer und kehrt mit seinem Digitalwecker zurück. Mit der Direktheit, die ihm seine Mutter vererbt hat, stellt er ihn vor mir auf den Tisch und zeigt darauf.

»Liebling«, beruhigt ihn Helena, »bestimmt hat nur der Zug von Pater Simon Verspätung.«

Der Zug. Nicht der Onkel. Weil Peter nur schwer verstehen könnte, dass Simon manchmal das Fahrgeld vergisst oder sich von Gesprächen mit Fremden fesseln lässt. Mona war nicht einmal damit einverstanden, unser Kind nach ihm zu nennen, weil sie ihn so unberechenbar fand. Und das, obwohl mein Bruder die angesehenste Arbeit hat, auf die ein junger Priester hoffen kann – er ist Diplomat beim Staatssekretariat des Heiligen Stuhls, der Elite unserer katholischen Bürokratie. In Wahrheit braucht er so viel zermürbende Arbeit, wie er nur kriegen kann. Wie alle Männer des mütterlichen Zweigs meiner Familie ist Simon ein römisch-katholischer Priester, was bedeutet, dass er nie heiraten oder Kinder haben wird. Im Gegensatz zu anderen Priestern im Vatikan, die geradezu für die Kanzel und einen ausladenden Bauch geboren sind, hat er jedoch eine rastlose Seele. Gesegnet sei Mona, die dafür sorgte, dass unser Sohn mehr nach seinem zuverlässigen, gelassenen und zufriedenen Vater schlägt. Deshalb einigten wir uns bei der Namensgebung auf einen Kompromiss: In den Evangelien trifft Jesus auf einen Fischer namens Simon und gibt ihm den Namen Peter.

Ich zücke mein Handy und schicke Simon eine SMS: Bist Du in der Nähe? Währenddessen inspiziert Peter, was Schwester Helena in der Pfanne brät.

»Seehecht ist Fisch«, verkündet er aus heiterem Himmel. Er ist gerade in der Phase, in der er alles klassifizieren möchte. Außerdem hasst er Fisch.

»Simon liebt dieses Essen«, sage ich ihm. »Das haben wir immer gegessen, als wir noch Kinder waren.«

Eigentlich hatten Simon und ich dieses Gericht damals mit Dorsch und nicht mit Seehecht zubereitet. Aber das Gehalt eines alleinstehenden Priesters erlaubt keine großen Sprünge auf dem Fischmarkt. Außerdem erinnerte mich Mona bei den Einkäufen für Mahlzeiten wie dieser immer wieder daran, dass mein Bruder – der alle anderen Priester innerhalb dieser Mauern um Haupteslänge überragt – doppelt so viel isst wie ein gewöhnlicher Mann.

Ich muss jetzt oft an Mona denken; öfter als sonst. Die Ankunft meines Bruders scheint jedes Mal einen Schatten der Erinnerung daran mitzubringen, wie meine Frau von uns ging. Die beiden sind die Pole meines Lebens, und im Schatten des einen scheint sich immer auch der andere zu verbergen. Mona und ich kannten einander bereits in unserer Kindheit hinter den Mauern des Vatikans, und als wir uns später in Rom wiederbegegneten, erschien uns das wie der Wille Gottes. Aber wir mussten den zweiten Schritt vor dem ersten tun – Priester der Ostkirchen müssen noch vor ihrer Ordination heiraten oder ganz darauf verzichten. Rückblickend betrachtet hätte Mona vielleicht noch mehr Zeit benötigt, um sich darauf einzustellen. Als Frau im Vatikan zu leben ist nicht leicht. Ein Leben als Frau eines Priesters ist sogar noch schwerer. Mona arbeitete weiterhin in Vollzeit, fast bis zum Tag ihrer Niederkunft mit unserem blauäugigen Baby, das einen Bärenhunger hatte und niemals schlafen wollte. Mona gab ihm so häufig die Brust, dass ich oft einen leeren Kühlschrank vorfand, den Mona vermutlich leer gegessen hatte, um wieder zu Kräften zu kommen.

Erst später wurde mir klar, dass der Kühlschrank leer war, weil sie nicht mehr einkaufen ging. Das war mir nicht aufgefallen, weil sie auch aufgehört hatte, regelmäßig zu essen. Sie betete weniger, sang seltener mit Peter. Schließlich verschwand sie drei Wochen vor dem ersten Geburtstag unseres Sohnes. Ich entdeckte ein Pillenfläschchen, das hinten in einem Schrank unter einem Becher versteckt war. Ein Arzt des medizinischen Dienstes des Vatikans erklärte mir, dass sie wohl versucht hatte, mit einem Neuanfang aus ihrer Depression herauszufinden. Er meinte, wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben. Also warteten Peter und ich auf ihre Rückkehr. Warteten und warteten.

Heute behauptet er, sich an sie erinnern zu können. Diese Erinnerungen sind jedoch nur Details von Fotos, die in der Wohnung verteilt sind. Er koloriert sie mit den Erkenntnissen, die er aus Fernsehshows und Zeitschriftenanzeigen gewonnen hat. Ihm ist noch nicht aufgefallen, dass die Frauen in unserer griechischen Kirche keinen Lippenstift und kein Parfum benutzen. Bedauerlicherweise scheint seine Wahrnehmung der Kirche römisch-katholisch geprägt zu sein: Wenn er mich anschaut, sieht er einen einsamen Priester, alleinstehend und zölibatär. Die Widersprüchlichkeit seiner eigenen Identität wird ihm erst noch bewusst werden. Aber er erwähnt seine Mutter immer wieder in seinen Gebeten. Man hat mir berichtet, dass sich Johannes Paul genauso verhielt, als er in jungen Jahren seine Mutter verlor. Diese Vorstellung beruhigt mich.

Endlich klingelt das Telefon. Schwester Helena lächelt, als ich eilig das Gespräch annehme.

»Hallo?«

Peter beobachtet mich mit gespannter Aufmerksamkeit.

Ich bin darauf gefasst, den Lärm einer U-Bahn-Station, oder schlimmer noch, eines Flughafens zu hören. Aber nichts dergleichen. Die Stimme am anderen Ende klingt schwach und wie aus weiter Ferne.

»Simon?«, frage ich. »Bist du es?«

Er scheint mich nicht zu hören. Der Empfang ist schlecht. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass er dem Zuhause näher ist, als ich vermutet hatte. Auf dem Terrain des Vatikans kommt es oft zu Verbindungsabbrüchen.

»Alex?«, höre ich ihn fragen.

Er sagt wieder etwas, aber ich höre nur ein Rauschen in der Leitung. Mir dämmert, dass er einen Abstecher zu den Vatikanischen Museen gemacht haben könnte, um Ugo Nogara zu besuchen, der mit Hochdruck an den Vorbereitungen für seine große Ausstellung arbeitet. Ich würde es Peter niemals ins Gesicht sagen, aber es sähe ihm ähnlich, sich auf dem Weg zu uns noch um einen anderen Menschen zu kümmern.

»Sim«, frage ich, »bist du im Museum?«

Hinten am Esstisch vergeht Peter vor Ungewissheit. »Ist er bei Herrn Nogara?«, flüstert er Helena zu.

Am anderen Ende der Leitung geschieht etwas. Plötzlich beginnt es zu rascheln, woraus ich schließe, dass es windig ist. Er ist im Freien. Hier in Rom stürmt es ebenfalls.

Einen Moment lang ist er wieder klar zu verstehen.

»Alex, du musst mich abholen kommen.«

Beim Klang seiner Stimme läuft es mir kalt den Rücken hinunter.

»Was ist los?«, frage ich.

»Ich bin in Castel Gandolfo. In den Gärten.«

»Das verstehe ich nicht«, erwidere ich. »Was machst du da?«

Es fängt wieder an zu rascheln, und ich höre ein eigenartiges Geräusch aus dem Hörer. Es klingt, als würde mein Bruder stöhnen.

»Bitte, Alex«, sagt er, »komm sofort. Ich bin jetzt … in der Nähe des Osttores, hinter der Villa. Du musst noch vor der Polizei hier eintreffen.«

Mein Sohn ist wie erstarrt und schaut mich an. Ich sehe, wie ihm die Papierserviette vom Schoß rutscht und durch die Luft segelt wie die weiße Papstkappe. Auch Schwester Helena schaut dabei zu.

»Bleib, wo du bist!«, bitte ich Simon und drehe mich von Peter weg, damit er den Ausdruck in meinen Augen nicht sehen kann. In der Stimme meines Bruders höre ich etwas, das ich, soweit ich mich erinnere, noch nie an ihm wahrgenommen habe: Furcht.

2. Kapitel

Gegen den nordwärts ziehenden Sturm fahre ich nach Castel Gandolfo. Wütend prasseln die Regentropfen herab und hüpfen auf dem Kopfsteinpflaster wie Flöhe. Als ich die Autobahn erreiche, wird die Windschutzscheibe zur Trommel, auf die der Himmel eindrischt. In beide Fahrtrichtungen verlangsamen die Autos ihr Tempo und fahren auf die Seitenstreifen. Als sich das Ensemble roter Rücklichter vor mir wieder lichtet, schweifen meine Gedanken zurück zu meinem Bruder.

Als Kind gehörte Simon zu der Sorte Jungs, die sogar noch im Gewitter auf einen Baum kletterten, um eine entlaufene Katze einzufangen. An einem Strand in Kampanien sah ich ihn eines Nachts einmal mitten in einen Schwarm fluoreszierender Quallen schwimmen, um ein Mädchen zu retten, das von einer starken Strömung erfasst worden war. Eines Winters, er war fünfzehn und ich elf, ging ich zu ihm in die Sakristei im Petersdom, wo er Messdiener war. Er wollte mit mir zu einem Friseur in der Stadt, aber als wir gerade im Begriff waren, den Dom zu verlassen, sahen wir einen Vogel durch ein Fenster in den Dom hineinfliegen und dann ganz hoch hinauf, bis er in sechzig Metern Höhe hörbar auf einem Balkon landete. Irgendetwas trieb Simon dazu, nachzuschauen, also rannten wir die unzähligen Stufen hinauf, bis wir schließlich oben eine schmale Marmorbrüstung erreichten. Sie führte einmal um den Hochaltar herum und nur das Geländer trennte uns vom Abgrund. Auf der Brüstung saß die Taube. Sie flatterte und spuckte kleine Tröpfchen roten Blutes. Simon ging hinüber und fing sie ein. In dem Moment schrie jemand: »Stopp! Nicht näher kommen!«

Auf der anderen Seite der Kuppel beugte sich ein Mann übers Geländer. Er starrte mit geröteten Augen zu uns herüber. Plötzlich rannte Simon los, in seine Richtung.

»Nein, signore!«, schrie er. »Tun Sie das nicht!«

Dann hob der Mann sein Bein über das Geländer.

»Signore!«

Doch selbst wenn Gott Simon Flügel gegeben hätte, wäre er nicht mehr rechtzeitig gekommen. Der Mann beugte sich vor und ließ los. Wir sahen ihn wie einen Stein durch den Petersdom fallen. Ich hörte, wie unten ein Fremdenführer sagte: »… Bronze aus dem Pantheon entwendet …«, während der Mann noch fiel. Inzwischen sah er nicht mehr größer aus als eine Wimper. Schließlich hörte man einen Schrei und konnte sehen, wie das Blut in alle Richtungen spritzte. Ich setzte mich, weil meine Beine nachgaben.

Mein Leben lang habe ich mich gefragt, warum Gott jenen Vogel durch das Fenster schickte. Vielleicht sollte es Simon lehren, was für ein Gefühl das ist, wenn man machtlos ist. Unser Vater starb im darauffolgenden Jahr, deshalb war es vielleicht eine Lehre, die keinen Aufschub duldete. Aber das Letzte, was mir von diesem Tag in Erinnerung blieb, bevor die Bediensteten alle Besucher aus der Kirche scheuchten, ist das Bild von Simon auf der Brüstung, mit ausgestreckten Armen, erstarrt, als wollte er den Vogel wieder in die Luft heben. Als wäre es nichts anderes, als eine Vase zurück ins Regal zu stellen. Am Nachmittag weihten die Priester den Petersdom wieder, so wie sie es jedes Mal tun, wenn ein Pilger gesprungen ist. Aber niemand kann ein Kind wieder in den alten Zustand zurückversetzen. Als zwei Wochen später unser Chorleiter einen Knaben ohrfeigte, weil er den richtigen Ton nicht getroffen hatte, sprang Simon aus unseren Reihen hervor und schlug zurück. Die Proben wurden für drei Tage unterbrochen. In dieser Zeit versuchten meine Eltern mit aller Macht, Simon zu einer Entschuldigung zu bewegen. Er hatte sein ganzes Leben lang mustergültigen Gehorsam gezeigt, aber jetzt erklärte er, er würde eher aus dem Chor austreten, als sich zu entschuldigen. Hier erkenne ich den Ursprung der Verhaltensmuster, die uns zu den Männern machten, die wir sind. Alles, was ich über meinen Bruder weiß, lässt sich aus diesem Ereignis ableiten.

In den zehn Jahren zwischen Simons Studienbeginn und dem Anfang seiner Ausbildung im diplomatischen Dienst herrschten in Italien schwere Zeiten. Die Bombenattentate und die Morde, wie wir sie in unserer Kindheit erlebten, hatten zwar fast gänzlich aufgehört, aber es gab in Rom hitzige Proteste gegen eine abgewirtschaftete Regierung, die unter der Last ihrer eigenen Korruption zusammenbrach. Auf der Uni protestierte Simon zusammen mit den Studenten. Im Seminar demonstrierte er aus Solidarität mit den Arbeitern. Als er schließlich in den diplomatischen Dienst aufgenommen wurde, ging ich davon aus, dass diese Zeiten vorbei waren. Doch dann beschloss Johannes Paul vor drei Jahren, im Mai 2001, nach Griechenland zu reisen.

Es war das erste Mal seit dreizehn Jahrhunderten, dass ein Papst in unsere Heimat reiste, und unsere Landsleute waren über sein Erscheinen nicht erfreut. Fast alle Griechen sind orthodox, und Johannes Paul wollte das Schisma zwischen unseren Kirchen beenden. Simon fuhr hin, um es mit eigenen Augen zu sehen. Hassgefühle sind etwas, das mein Bruder nie verstehen konnte. Von unserem Vater hatte er eine Gleichgültigkeit gegenüber historischen Schuldzuweisungen geerbt, die für mich protestantisch wirkt. Die Orthodoxen werfen den Katholiken vor, ihnen in jedem Krieg von den Kreuzzügen bis hin zum Zweiten Weltkrieg geschadet zu haben. Sie beschuldigen die Katholiken, Orthodoxe aus ihrer angestammten Kirche in eine neue Hybridform des Katholizismus zu locken. Die bloße Existenz des Ostkatholizismus gilt manchen Orthodoxen als Provokation – aber trotzdem begriff Simon nicht, warum sein eigener Bruder, ein griechisch-katholischer Priester, ihn bei seiner Reise nach Athen nicht begleitete.

Der Ärger fing bereits vor Simons Ankunft in Griechenland an. Als sich herumgesprochen hatte, dass Johannes Paul seinen Fuß auf griechischen Boden setzen würde, läuteten griechisch-orthodoxe Klöster die Totenglocken. Zu Hunderten trieb es protestierende Orthodoxe mit Bannern auf die Straßen hinaus, auf denen Erzhäretiker oder Gehörnter Römischer Dämon geschrieben stand. Die Zeitungen brachten Storys von heiligen Ikonen, die zu bluten begonnen hatten. Sogar ein nationaler Trauertag wurde ausgerufen. Simon hatte es arrangiert, in der alten griechisch-katholischen Pfarrei meines Vaters schlafen zu können. Als er dort eintraf, stellte er fest, dass orthodoxe Reaktionäre die Türen mit Farbe besprüht hatten. Er erzählte, dass die Polizei ihm keine große Hilfe war. Endlich hatte mein Bruder den Underdog gefunden, dessen Verteidigung seine Lebensaufgabe werden sollte.

In jener Nacht stürmte eine kleine Gruppe orthodoxer Hardliner in die Kirche und unterbrach die Liturgie. Sie begingen den großen Fehler, dem Gemeindepfarrer seinen Talar auszuziehen und auf dem Antimensium herumzutrampeln, jenem geweihten Tuch, mit dem ein Tisch zum Altar wird.

Mein Bruder ist fast zwei Meter groß. Sein Verantwortungsgefühl gegenüber den Schwachen und Hilflosen wird von dem Bewusstsein, größer und stärker als alle anderen zu sein, noch gefördert. Simon erinnert sich vage daran, einen Orthodoxen aus dem Kirchenraum gestoßen zu haben, um den griechisch-katholischen Priester zu schützen. Der Orthodoxe behauptete, Simon habe ihn auf den Boden geschleudert. Die griechische Polizei sagte, er hätte dem Mann den Arm gebrochen. Simon wurde verhaftet. Sein neuer Arbeitgeber – das Staatssekretariat des Heiligen Stuhls – musste sich einschalten, um seine sofortige Rückkehr nach Rom auszuhandeln. Deshalb konnte Simon auch nicht mit eigenen Augen sehen, wie Johannes Paul denselben Feindseligkeiten mit viel größerem Erfolg begegnete.

Die griechisch-orthodoxen Bischöfe ließen es sich nicht nehmen, Johannes Paul vor den Kopf zu stoßen. Er beklagte sich nicht. Sie beleidigten ihn. Er verteidigte sich nicht. Sie forderten, dass er sich für Verfehlungen der Katholiken entschuldigte, die Jahrhunderte zurücklagen. Und Johannes Paul entschuldigte sich im Namen von einer Milliarde lebender und ungezählter verstorbener Katholiken. Die Orthodoxen waren davon so angetan, dass sie sogar einverstanden waren, zu tun, was sie bisher verweigert hatten: im Gebet neben ihm zu stehen.

Ich hatte immer gehofft, dass sich Johannes Pauls Verhalten in Athen positiv auf Simon ausgewirkt hatte. Eine weitere Lektion, die ihm der Himmel geschickt hatte. Damals war Simon ein anderer Mensch geworden. Das rede ich mir jedenfalls ein, während ich von Rom aus nach Süden fahre – ins Auge des Sturms.

* * *

In der Ferne taucht Castel Gandolfo auf: eine langgezogene Anhöhe, über die sich die eigentümliche Steppe aus zahllosen Golfplätzen und Gebrauchtwagenläden an den südlichen Ausläufern Roms ausbreitet. Vor zweitausend Jahren war dies der Spielplatz der Imperatoren. Die Päpste haben hier zwar erst seit wenigen Jahrhunderten ihre Sommerresidenz, aber immerhin schon lange genug, um das Gebiet als offizielle Erweiterung unseres Landes zu bezeichnen.

Beim Umfahren des Hügels sehe ich einen Mannschaftswagen der Carabinieri am Fuße des Abhangs stehen. Es sind italienische Polizisten von der Grenzwache, die eine Zigarette rauchen, solange der Sturm wütet. Aber da, wo ich hinwill, gelten keine italienischen Gesetze. Von der Gendarmerie des Vatikans ist im prasselnden Regen nichts zu sehen, und ihre Abwesenheit sorgt dafür, dass sich das beklemmende Gefühl in meiner Brust zu lösen beginnt.

Ich parke meinen Fiat dort, wo der Hügel in Richtung Albaner See ausläuft. Bevor ich aussteige und in den Regen hinausgehe, wähle ich eine Telefonnummer. Nach dem fünften Klingeln meldet sich barsch eine Stimme.

»Sie wünschen?«

»Kleiner Guido?«, frage ich.

Er schnaubt. »Und Sie sind …?«

»Alex Andreou.«

Guido Canali ist eine alte Sandkastenbekanntschaft – der Sohn eines vatikanischen Turbinenmechanikers. Eine bessere Arbeit, als im päpstlichen Milchbetrieb auf dem Hügel Mist zu schaufeln, hatte Guido in diesem Land nicht gefunden, in dem man sich für die meisten Jobs ausschließlich durch Blutsverwandtschaft mit jemandem qualifiziert, der bereits in dem Beruf arbeitet. Er ist immer auf der Suche nach einer Zuwendung. Und obwohl es kein Zufall ist, dass sich unsere Wege getrennt haben, könnte ich jetzt Unterstützung gebrauchen.

»Den kleinen Guido gibt’s nicht mehr«, sagt er. »Mein alter Herr ist letztes Jahr gestorben.«

»Das tut mir leid.«

»Dann sind wir jetzt schon zu zweit. Welchem Umstand verdanke ich deinen Anruf?«

»Ich bin vor Ort und du könntest mir einen Gefallen tun. Kannst du das Tor für mich öffnen?«

Er klingt so überrascht, dass ich vermutete, er hat keine Ahnung von Simon. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. Wir handeln einen Deal aus: zwei Eintrittskarten für die kommende Ausstellung. Guido weiß nämlich, dass ich über meinen Onkel Lucio an Karten herankomme. Sogar der selbstgenügsamste Faulpelz unseres Landes will sehen, was mein Freund Ugo erarbeitet hat. Nachdem ich das Telefonat beendet habe, folge ich einem dunklen Pfad den Hügel hinauf bis zu unserem Treffpunkt, wo sich das Heulen des Windes zu jenem schrillen Pfeifen steigert, das ich beim Telefonieren mit Simon im Hintergrund gehört hatte.

Zunächst bin ich überrascht und dann erleichtert, nicht durch Anzeichen von Ärger begrüßt zu werden. Wenn ich früher meinen Bruder von der Polizei abholen musste, war er immer in irgendwelche Unruhen verwickelt gewesen. Aber hier waren keine Dörfler als Streikposten zu entdecken, ebenso wenig wie Angestellte des Vatikans, die für höhere Gehälter demonstrierten. Der päpstliche Sommerpalast am nördlichen Ende des Dorfes sieht verlassen aus. Die beiden Kuppeln des vatikanischen Observatoriums ragen von seinem Dach empor wie die Beulen am Kopf der Zeichentrickfiguren, die Peter sich im Fernsehen anschaut. Hier scheint alles in Ordnung zu sein. Genau genommen rührt sich gar nichts.

Ein Privatweg führt vom Palast zu den päpstlichen Gärten. Am Gartentor sehe ich die Glut einer Zigarette wie ein Irrlicht vor einer schwarzen Faust schweben.

»Guido?«

»Verdammt schlechter Zeitpunkt für einen Besuch«, sagt die Zigarette. Dann fällt sie in eine Pfütze und erlischt. »Komm mit.«

Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, sehe ich, dass er genauso aussieht wie der verstorbene große Guido: ein platt gedrücktes Boxergesicht, dazu ein breiter, krummer Rücken. Die körperliche Arbeit hat einen Mann aus ihm gemacht. Die Verwaltung des Vatikans wimmelt von Mitarbeitern, die Simon und ich schon als Kinder gekannt haben, aber mein Bruder und ich sind fast die einzigen Priester. Wir leben in einem Kastensystem, in dem die Männer voller Stolz an die Stelle ihrer Väter und Großväter treten, die vor ihnen die Böden gewienert oder die Möbel repariert haben. Trotzdem kann es hart sein, ehemalige Spielkameraden in höhere Positionen aufsteigen zu sehen. Ich kenne den Tonfall in seiner Stimme, als Guido das Metallschloss öffnet, auf seinen Lieferwagen zeigt und sagt: »Einsteigen, Pater.«

Die Tore sollen das Gesindel draußen halten und die Hecken vor neugierigen Blicken schützen. An die Seiten unseres Territoriums grenzen italienische Dörfer, aber man kann sie nicht sehen. Der Hügelkamm mit einer Länge von fast achthundert Metern ist der private Vergnügungspark des Papstes. Sein Anwesen in Castel Gandolfo ist größer als der gesamte Vatikan, aber hier lebt fast niemand – nur ein paar Gärtner, Arbeiter und der alte jesuitische Astronom, der tagsüber schläft. Die wahren Einwohner sind eingetopfte Fruchtbäume und Pinienalleen, hektargroße Blumenbeete und Marmorstatuen, die von heidnischen Herrschern zurückgelassen wurden und jetzt in den Gärten aufgestellt sind, um Johannes Paul bei seinen sommerlichen Spaziergängen zu erfreuen. Von hier oben überblickt man den See und kann sogar das Meer sehen. Bei unserer Fahrt über den unbefestigten Pfad ist weit und breit keine andere Menschenseele zu sehen.

»Wohin wolltest du?«, fragt Guido.

»Setz mich einfach bei den Gärten ab.«

Er zieht eine Augenbraue hoch. »Bei diesem Wetter?«

Der Sturm wütet. Mein seltsames Anliegen hat Guido hellhörig gemacht. Er schaltet das Funkgerät an, um zu hören, ob irgendwas geredet wird. Aber da ist auch nichts.

»Mein Mädel arbeitet da hinten«, sagt er und löst einen Finger vom Lenkrad, um in die Richtung zu zeigen. »In den Olivenhainen.«

Ich erwidere nichts. Ich führe ab und zu Neuankömmlinge meines alten Seminars hier herum, deshalb würde ich mich bei Tageslicht ganz gut in der Gegend zurechtfinden. Aber in der Dunkelheit und bei diesem strömenden Regen kann ich nur noch das kleine Stückchen Straße vor uns im Scheinwerferlicht erkennen. Als wir den Gärten näherkommen, sind weder Transporter, noch Polizeiwagen, und auch keine Gärtner mit Taschenlampen zu sehen, die durch den Regen stapfen.

»Sie treibt mich in den Wahnsinn«, sagt Guido und schüttelt den Kopf. »Aber Alex, einen Hintern hat das Mädchen!« Er pfeift.

Je weiter wir in diese Schatten hineinfahren, desto mehr dämmert mir, dass irgendetwas richtig schiefgelaufen ist. Simon muss allein im Regen unterwegs sein. Zum ersten Mal kommt mir der Gedanke, er könnte einen Unfall gehabt und sich verletzt haben. Allerdings sprach er am Telefon von der Polizei und nicht von der Ambulanz. Ich lasse in meiner Erinnerung noch einmal unser Gespräch ablaufen und suche nach etwas, das ich falsch verstanden haben könnte.

Guidos Transporter biegt in eine Straße ein, die durch die Gärten führt, und erreicht schließlich den Rand einer Lichtung.

»Das ist weit genug«, sage ich. »Ich steige hier aus.«

Guido schaut sich um. »Hier?«

Ich habe die Tür schon geöffnet.

»Vergiss unsere Abmachung nicht, Alex!«, ruft er. »Zwei Karten für die Eröffnung.«

Aber ich bin zu sehr abgelenkt, um zu antworten. Als Guido weg ist, hole ich mein Handy heraus und rufe Simon an. Die Netzabdeckung hier ist so lückenhaft, dass es keine zuverlässigen Verbindungen gibt. Trotzdem kommt es mir einen Moment lang vor, als hörte ich ein anderes Handy klingeln.

Ich bewege mich auf den Klang zu und wedele mit dem Strahl meiner Taschenlampe in die Dunkelheit. Am Abhang wurden ausgedehnte Stufen angelegt, drei monolithische Terrassen, die hintereinander in die Richtung des fernliegenden Meeres hinabsteigen. Jeder Zentimeter ist mit Blumen bepflanzt, zu Kreisen in Oktagonen angeordnet, die wiederum von Quadraten eingefasst werden. Kein Blütenblatt, wo es nicht hingehört. Hier oben dehnt sich der Raum grenzenlos. Was mich schrecklich beunruhigt.

Ich bin drauf und dran, Simons Namen in den Wind hinauszurufen, als etwas in mein Blickfeld kommt. Von hier, der obersten Terrasse aus, erkenne ich einen Zaun. Es ist die östliche Grenze des päpstlichen Anwesens. Kurz vor dem Tor streift der Strahl meiner Taschenlampe etwas Dunkles. Es ist eine vollständig in Schwarz gekleidete Gestalt. Der Wind greift nach den Schößen meiner Soutane, als ich darauf zulaufe. Der Boden ist uneben, die Erde umgegraben und die Graswurzeln strecken sich aus wie Spinnenbeine.

»Simon«, rufe ich zu ihm hinüber. »Bist du okay?«

Er antwortet nicht, bewegt sich nicht einmal.

Ich stolpere auf ihn zu und versuche, in den Schlammpfützen nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Abstand zwischen uns verringert sich. Noch hat er kein Wort gesagt.

Schließlich stehe ich vor ihm, fasse ihn, frage: »Bist du okay? Sag schon – ist alles in Ordnung?«

Er ist durchnässt und blass. Das nasse Haar klebt an seiner Stirn, wie einer Puppe aufgemalt. Seine schwarze Soutane spannt sich über seinen straffen Muskeln wie das Fell eines Rennpferds. Soutanen sind die altmodischen Gewänder, die früher einmal von allen römisch-katholischen Priestern getragen wurden, bevor schwarze Hosen und Jacketts in Mode kamen. In der Dunkelheit wirkt die aufragende Gestalt meines Bruders nahezu gespenstisch. »Was ist los?«, frage ich wieder, weil er mir noch immer nicht geantwortet hat.

Er blickt abwesend und mit schmalen Augen zu Boden.

Ein langer, schwarzer Mantel liegt im Schlamm. Der Übermantel eines römisch-katholischen Priesters. Eine Greca, die ihren Namen ihrer Ähnlichkeit mit der Soutane griechischer Priester verdankt. Sie verdeckt etwas Klobiges darunter.

Ich bin nicht im Mindesten auf den Anblick vorbereitet, der sich mir bietet. Am Ende der Wölbung sind ein Paar Schuhe sichtbar.

»Mein Gott«, flüstere ich. »Wer ist das?«

Simons Stimme ist brüchig.

»Ich hätte ihn retten können«, sagt er.

»Tut mir leid. Ich verstehe überhaupt nichts. Was ist hier los?«

Wieder ziehen diese Schuhe meine Blicke auf sich. In einer der Sohlen ist ein Loch. Mich beschleicht ein eigenartiges Gefühl, das mich zutiefst verstört. Der Wind hat einzelne Papiere gegen den hohen Zaun geblasen, der das päpstliche Anwesen von der Grenzstraße trennt. Der Regen lässt sie wie Pappmaschee am Drahtgitter kleben.

»Er hat mich angerufen«, murmelt Simon. »Ich wusste, dass er in Schwierigkeiten steckte. Ich kam, so schnell ich konnte.«

»Wer hat dich angerufen?«

Aber allmählich begreife ich den Sinn seiner Worte. Ich weiß jetzt, warum ich so ein eigenartiges Gefühl hatte. Das Loch in diesen Schuhsohlen ist mir vertraut.

Ich trete einen Schritt zurück. Mein Magen zieht sich zusammen. Ich balle die Fäuste.

»A… aber wie …?«, stammele ich.

Plötzlich tauchen Lichter auf der Gartenstraße auf und bewegen sich in unsere Richtung. Paarweise. Sie scheinen zu Vehikeln nicht größer als Golfwagen zu gehören. Beim Näherkommen entpuppen sie sich als Polizeifahrzeuge.

Die Gendarmerie des Vatikans.

Ich knie mich auf den Boden. Meine Hände zittern. Auf dem Boden neben dem Körper liegt eine Aktentasche. Der Wind zerrt weiter an den Papieren, die noch darin stecken.

Die Gendarmen fangen an, in unsere Richtung zu laufen und brüllen barsch, wir sollen von der Leiche wegbleiben. Aber ich beuge mich vor und tue, was mir jede Faser meines Körpers befiehlt. Ich muss es mit eigenen Augen sehen.

Als ich Simons Greca beiseiteziehe, schaue ich in die weit aufgerissenen Augen des Toten. Sein Mund ist zusammengezogen und von innen drückt die Zunge gegen seine Wange. Das Gesicht meines Freundes ist zu einer stumpfen Grimasse verzogen. In seiner Schläfe ist ein schwarzes Loch, aus dem ein rosafarbener Fleischfetzen heraushängt.

Über uns ziehen die Wolken vom Meer. Simon legt seine Hand auf mich und zieht mich zurück. »Geh zurück«, sagt er.

Aber ich kann meinen Blick nicht abwenden. Ich sehe, dass die Anzugtaschen nach außen gestülpt sind. Ein Streifen nackter, weißer Haut, wo eine Armbanduhr gewesen sein muss.

»Gehen Sie da weg, Pater«, sagt ein Gendarm. Schließlich drehe ich mich um. Der Gendarm hat ein Gesicht wie ein Lederhandschuh. An seinen kleinen Pupillen und dem Schnee seiner weißen Haare erkenne ich ihn als Inspektor Falcone, den Chef der vatikanischen Gendarmerie. Er ist der Mann, der immer neben dem Wagen von Johannes Paul läuft.

»Wer von Ihnen ist Pater Andreou?«, fragt er.

Simon tritt einen Schritt vor und sagt: »Das sind wir beide. Ich bin es, der sie angerufen hat.«

Ich starre meinen Bruder an und versuche, das alles zu begreifen.

Falcone zeigt auf einen seiner Offiziere. »Gehen Sie mit Spezialagent Bracco. Erzählen Sie ihm alles, was Sie gesehen haben.«

Simon gehorcht. Er greift in der Tasche seiner Greca nach Geldbörse, Telefon und Ausweis, lässt den Mantel aber über der Leiche liegen. Bevor er dem Offizier folgt, sagt er: »Dieser Mann hat keine nahen Verwandten. Ich muss sicherstellen, dass er eine anständige Beerdigung bekommt.«

Falcone runzelt die Stirn. Das ist eine seltsame Aussage. Aber da sie von einem Priester kommt, lässt er sie gelten.

»Pater«, sagt er. »Kannten Sie diesen Mann?«

Simon antwortet mit tonloser Stimme. »Er war mein Freund. Sein Name war Ugolino Nogara.«

3. Kapitel

Der Polizist führt Simon ein Stück abseits, außer Hörweite, um sich ein paar Fragen beantworten zu lassen, und ich beobachte die anderen Gendarmen dabei, wie sie die Lichtung absperren. Einer untersucht den zweieinhalb Meter hohen Zaun neben der öffentlichen Straße, um herauszufinden, wie jemand von außen in diese Gärten eindringen konnte. Ein anderer blickt zur Überwachungskamera hoch. Die meisten Gendarmen waren vorher bei der Stadtpolizei von Rom tätig. Sie sehen, dass Ugos Uhr gestohlen wurde, dass seine Geldbörse verschwunden ist und dass jemand seine Aktentasche aufgerissen hat. Trotzdem vertiefen sie sich in die Details, als würde irgendetwas nicht zusammenpassen.

Die Bewohner dieser hügeligen Gegend lieben den Heiligen Vater heiß und innig. Anwohner erzählen Geschichten von Päpsten, die an ihre Türen klopften, um sich zu vergewissern, ob auch jede Familie im Dorf ein Huhn im Topf habe. Manche der Alten wurden nach Papst Pius benannt, weil er deren Familien in Kriegszeiten vor allem Unheil behütete. Es sind nicht die Mauern, die diesen Ort beschützen, sondern die Dorfbewohner. Ein Raubüberfall an diesem Ort scheint absolut ausgeschlossen zu sein.

»Waffe!«, höre ich einen der Polizisten rufen.

Er steht am Eingang eines Tunnels, einem gewaltigen Durchgang, der für einen römischen Kaiser gebaut worden war, damit er für seine Verdauungsspaziergänge einen überdachten Pfad hatte. Zwei andere Gendarmen zockeln, von ein paar Gärtnern geführt, auf den Eingang zu. Man hört ein Schnaufen. Etwas Großes stürzt um. Aber was auch immer die Gendarmen finden – es ist nicht die erhoffte Waffe.

»Fehlalarm«, bellt einer von ihnen.

Ich spüre ein Flattern in der Brust und schließe die Augen. Eine Woge von Emotionen überkommt mich. Ich habe schon früher Menschen sterben sehen. In dem Krankenhaus, in dem Mona als Krankenschwester arbeitete, salbte ich die Kranken und betete für die Sterbenden. Trotzdem fällt es mir nicht leicht, dieses Gefühl zu unterdrücken.

Ein Gendarm kommt und macht Fotos von den Fußabdrücken im Schlamm. Der ganze Garten ist jetzt voller Polizisten. Aber ich richte meine Blicke wieder auf Ugo.

Warum hatte er so einen besonderen Platz in meinem Herzen? Seine Ausstellung wird ihn jetzt in Rom posthum zum Stadtgespräch machen, und ich darf behaupten, dazu beigetragen zu haben. Was mich aber am meisten für ihn eingenommen hat, waren seine Unvollkommenheiten. Die Brille, die er nicht reparierte, weil ihm die Zeit dafür fehlte. Die Löcher in seinen Sohlen. Seine Unbeholfenheit, die sich in Nichts auflöste, wenn er über sein großes Projekt zu reden begann. Sogar seine neurotische, unheilbare Trinkerei. Für ihn zählte nichts auf der Welt als seine Ausstellung, und ihr widmete er jeden seiner Gedanken. Er existierte nur für ihre Zukunft. Das war der Grund für meine Zuneigung. Das wird mir jetzt klar. Für seine Ausstellung hegte Ugo echte Vatergefühle.

Simon kommt zurück, gefolgt von dem Gendarmen, der ihn befragt hat. Die Augen meines Bruders glänzen feucht. Ich erwarte, dass er etwas sagt, aber stattdessen ergreift der Gendarm das Wort:

»Sie können jetzt gehen, Hochwürden.«

In diesem Augenblick wird der Leichensack gebracht. Keiner von uns rührt sich. Zwei Gendarmen legen Ugo darauf und ziehen den Sack an den Seiten stramm. Der Reißverschluss macht ein Geräusch wie zerreißende Seide. Als sie ihn gerade wegtragen wollen, ruft Simon: »Halt!«

Die Polizisten wenden sich um.

Simon streckt eine Hand in die Höhe und sagt:

»Wende mir dein Ohr zu, o Herr, und höre!«

Beide Gendarmen senken den Leichensack wieder ab. Jedermann in Hörweite – jeder Polizist, jeder Gärtner, jedermann, gleich welchen Standes – fasst sich an den Kopf, um die Kopfbedeckung abzunehmen.

»Demütig bitte ich Dich«, sagt Simon, »dass Du Gnade erweisest der Seele Deines Dieners Ugolino Nogara, den Du aus dieser Welt abberufen und aufgenommen hast in Dein Reich des Friedens und der Herrlichkeit. Durch Christus, unseren Herrn. Amen.«

Im Stillen ergänze ich jene zwei unentbehrlichen griechischen Wörter – jenes knappste und stärkste aller christlichen Gebete:

Kyrie eleison.

Herr, erbarme dich.

Die Mützen werden wieder aufgesetzt. Von neuem wird der Leichensack angehoben. Alles geht weiter seinen Gang.

In meinem Herzen spüre ich eine schmerzhafte Leere.

Ugo Nogara ist von uns gegangen.

* * *

Als wir beim Fiat angekommen sind, lässt Simon das Handschuhfach aufspringen und tastet darin herum. Mit schwacher Stimme fragt er: »Wo sind meine Zigaretten?«

»Die habe ich weggeworfen.«

Mein Handy zeigt an, dass Schwester Helena zweimal angerufen hat. Peter muss vor Sorge außer sich sein. Aber die Netzabdeckung hier reicht nicht für eine Verbindung.

Simon kratzt sich vor Verlangen am Hals.

»Wir besorgen dir welche, sobald wir zurück sind«, beschwichtige ich ihn. »Was ist da passiert?«

Er stößt Luft aus einem Mundwinkel wie ein Wölkchen unsichtbaren Qualms. Ich bemerke, dass er die rechte Hand gegen seinen rechten Oberschenkel presst.

»Bist du verletzt?«, frage ich.

Er schüttelt den Kopf, wechselt aber mit schmerzverzerrtem Gesicht die Position seiner Beine. Mit der Linken greift er in den rechten Ärmel seiner Soutane und tastet in der Umschlagsmanschette herum, die Priester wie Taschen benutzen. Er sucht schon wieder nach Zigaretten.

Ich drehe den Schlüssel im Schloss. Als der Fiat zu Leben erwacht, beuge ich mich vor und küsse den Rosenkranz, den Mona vor langer Zeit einmal an den Rückspiegel gehängt hat. »Wir sind bald zu Hause«, sage ich. »Wenn du reden willst, lass es mich wissen.«

Er nickt, aber er sagt nichts. Er trommelt mit den Fingern gegen seine Lippen und starrt zu der Lichtung hinüber, auf der Ugo sein Leben verlor.

* * *

Wir wären schneller in Rom, wenn wir Elefanten über die Alpen trieben. Der alte Fiat meines Vaters läuft nur noch auf einem einzigen seiner ursprünglichen zwei Zylinder. Heutzutage haben Rasenmäher mehr Pferdestärken. Die Senderauswahl des Autoradios ist bei 105 FM, Radio Vatikan, eingerostet, wo gerade der Rosenkranz gesendet wird. Simon nimmt die Perlenkette vom Rückspiegel ab und beginnt, sie durch seine Finger gleiten zu lassen. Die Stimme im Radio sagt: … gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes … Diese Worte bilden den Auftakt für die üblichen Gebete – ein Vaterunser, zehn Ave Maria, ein Ehre sei dem Vater –, und die Gebete versetzen Simon in einen Zustand tiefer Nachdenklichkeit.

»Warum sollte ihn jemand ausrauben?«, frage ich, als ich die Stille nicht mehr ertragen kann.

Ugo besaß so gut wie nichts, was sich zu stehlen lohnte. Er trug eine billige Armbanduhr. Und der Inhalt der Geldbörse, die er bei sich hatte, hätte kaum für ein Zugticket zurück nach Rom gereicht.

»Ich weiß es nicht«, antwortet Simon.

Das einzige Mal, als ich Ugo mit einem Geldbündel gesehen habe, war am Flughafen, als er nach einer Geschäftsreise Geld umtauschte.

»Seid ihr mit demselben Flugzeug zurückgeflogen?«, frage ich.

Sie hatten beide in der Türkei gearbeitet.

»Nein«, antwortet Simon wie aus weiter Ferne. »Er ist schon vor zwei Tagen gekommen.«

»Was hat er hier zu tun gehabt?«

Mein Bruder schaut mich an, als versuche er, den Sinn meiner Worte zu begreifen.

»Er hat seine Ausstellung vorbereitet«, sagt Simon.

»Und warum ist er in den Gärten herumspaziert?«

»Das weiß ich nicht.«

Es gibt eine Handvoll Museen und archäologischer Stätten in diesen Hügeln im italienischen Staatsgebiet, die das Anwesen des Papstes umgeben. Ugo könnte hier geforscht haben, vielleicht hat er sich auch mit einem anderen Kurator getroffen. Die Außenanlagen wären jedoch beim Aufziehen eines Sturms geschlossen worden, dann hätte Ugo irgendwo Schutz suchen müssen.

»Die Villa in den Gärten«, sage ich. »Vielleicht wollte er dorthin.«

Simon nickt. Die Stimme im Radio sagt: Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: »Heil dir, König der Juden!«

Der nächste Gebetszyklus beginnt, und Simon stimmt ein, lässt kleine Schmutzkrümel auf den Rosenkranzperlen zurück, als er sie mit dem Daumen bewegt. Er war als Priester nie ein Pedant, aber er ist immer sauber und ordentlich gewesen. Während der Schmutz an seiner Hand trocknet, betrachtet er die spinnwebartigen Risse, die sich darin ausbreiten, und die Schmutzbrocken, die vom Rosenkranz abgerieben werden.

Mir fällt ein, dass wir beide schon einmal so saßen, kurz nach Peters Geburt, in der Nacht, in der ich Simon zum Flughafen gefahren habe, zu seinem ersten Auslandsposten. Wir hörten Radio und schauten den Flugzeugen zu, die mit Kondensstreifen über uns in den Himmel glitten wie Engel. Mein Bruder glaubte, dass Diplomatie Gottes Werk sei und religiös verbrämter Hass am Verhandlungstisch vergehen würde. Als er den Posten im für ihn wenig attraktiven Bulgarien akzeptierte, wo nicht mal einer von hundert Menschen katholisch ist, schüttelte Onkel Lucio den Kopf und meinte, Simon könnte ebenso gut in Israel für die Schweinefleischlobby arbeiten. Aber drei von vier Bulgaren sind orthodoxe Christen, und seit der Reise meines Bruders nach Athen hatte er es sich zum Ziel gesetzt, die Wiedervereinigung der beiden größten Kirchen der Welt voranzubringen. Solcher Idealismus war schon immer die größte Sünde meines Bruders. Priester werden in unserem Staatssekretariat entsprechend ihrer Dienstzeit befördert. Bischof wird man in zehn, Erzbischof in zwanzig Jahren – was erklärt, warum so viele der weltweit einhundertfünfzig Kardinäle dem Sekretariat entstammen. Denen, die den Ansprüchen nicht gerecht werden, stehen meist die eigenen guten Absichten im Weg. Lucio hatte ihn bereits gewarnt: Ein Maharadscha muss sich entscheiden, entweder seine Leute anzuführen oder hinter seinem Elefanten sauberzumachen. In seiner Metapher waren Mona, Peter und ich die Elefanten. Simon musste sich von uns lösen, bevor ihn sein Verantwortungsgefühl ausbremste.

Aber dann ging Simon in die Türkei und Gott gab ihm einen neuen Pflegefall: Ugo Nogara. Ein verlorenes Schaf. Eine empfindsame Seele, die sich damit abmühte, auf der Karriereleiter höherzusteigen. Ich kann gut nachfühlen, wie meinem Bruder jetzt zumute sein muss. Eine Verzweiflung, die sich nicht sehr von dem unterscheidet, was ich empfinden würde, wenn Peter etwas zustieße.

»Ugo ist jetzt an einem besseren Ort«, erinnere ich ihn.

Das ist die Haltung, die zwei Jungen geholfen hat, über den Tod ihrer Eltern hinwegzukommen. Denn das Leben ist größer als der Tod und der Frieden größer als das Leid. Aber Simon ist noch zu aufgewühlt, um Ugos Tod zu verwinden. Anstatt den Rosenkranz Perle für Perle mit dem Daumen zu bewegen, umschließt er ihn mit der ganzen Hand.

»Wonach hat dich der Gendarm gefragt?«, erkundige ich mich.

Unter seinen Augen haben sich Falten gebildet. Ich vermag nicht zu sagen, ob er nur das Gesicht verzieht, weil er in der Entfernung etwas erkennen will, oder ob die paar Jahre im Sekretariat diesen Mann schon mit Anfang dreißig so gezeichnet haben.

»Nach meinem Telefon«, antwortet er.

»Weshalb?«

»Um zu sehen, wann Ugo mich angerufen hat.«

»Was sonst noch?«

Er starrt auf das Telefon in seiner Hand. »Ob ich noch jemand anderen in den Gärten gesehen habe.«

»Hast du?«

Er wirkt völlig gedankenverloren und antwortet nur knapp: »Niemanden.«

Mir geht alles Mögliche durch den Kopf. Im Herbst wird es still in Castel Gandolfo. Der Papst verlässt seine Sommerresidenz und kehrt in den Vatikan zurück, weshalb die Schweizergarde und die Gendarmerie ihre Posten von dem Gelände abziehen. Die für Touristen interessanten Ecken sind abends verlassen, weil der letzte Zug in Richtung Rom schon nachmittags vor fünf fährt. Falls hier die Taschendiebe so sind wie in Rom, werden sie aggressiver, sobald sie kein leichtes Spiel mehr haben. Sekundenlang verfolgt mich das Bild von Ugo im Regen auf dem menschenleeren Rathausplatz, wie er von einem Räuber erledigt wird.

»Gleich auf der anderen Straßenseite ist eine Wache der Carabinieri«, sage ich. »Warum hat Ugo nicht um Hilfe gerufen?«

»Ich weiß es nicht.«

Vielleicht hat er sie sogar gerufen. Aber sie könnten sich geweigert haben, die Grenze zum Vatikan zu übertreten. Und falls Ugo die vatikanische Notrufnummer 112 angerufen hat, hätte ich Zweifel, ob sie hier funktioniert.

»Was hat er dir am Telefon erzählt?«, frage ich.

Simon hebt eine Hand. »Bitte, Alex, ich brauche noch ein bisschen Zeit.«

Er zieht sich in sich selbst zurück, so als ob die Erinnerung an das Telefongespräch besonders schmerzhaft wäre. Simon muss schon auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt gewesen sein, als ihn der Anruf erreichte. Vielleicht ließ er seinen Fahrer auch gleich einen Umweg fahren, aber es hatte nicht mehr gereicht.

Ich weiß noch, dass er damals gleich nach Hause geflogen kam, nachdem ich ihn angerufen und berichtet hatte, dass ich von Mona verlassen worden war. Er entschied sich, so lange zu bleiben, bis ich mich wieder wie ein Mensch fühlte. Es dauerte sechs Wochen. Lucio flehte ihn an, zur Botschaft zurückzukehren. Simon unterstützte mich dabei, ganz Rom mit Flugblättern zu überziehen. Er half mir, alle Verwandten und Freunde anzurufen und kümmerte sich um Peter, während ich kopflos die Straßen durchstreifte und die Orte aufsuchte, an denen ich mich in meine Frau verliebt hatte. Später, als er wieder nach Bulgarien zurückgekehrt war, quoll unser Briefkasten von Umschlägen über, die an Peter adressiert waren und Fotos enthielten, die Simon überall in der Hauptstadt gemacht hatte: ein Mann, dem ein Windstoß das Toupet vom Kopf blies, ein Akkordeonspieler mit einem Äffchen, ein Eichhörnchen in einem Berg von Esskastanien. Die Fotos tapezierten die Wände von Peters Zimmer. Das Ritual des Briefevorlesens verhalf mir mit meinem Sohn zu einem neuen Anfang. So verstand ich, was Lucio gemeint hatte. Während Simon Fotos schoss, machten weniger begabte Priester Karriere. Schließlich ließ ich Simon wissen, dass Peter und ich die Kurve gekriegt hatten. Und keine Briefe mehr, bitte.

Wir tauchen allmählich in die bunten Lichter der Großstadt ein. Simon bewegt wieder die Augen, betrachtet durch die Frontscheibe die Straßenzüge. Es ist jetzt über einen Monat her, dass er diese Wege zum letzten Mal gesehen und die Luft Roms geatmet hat. Eigentlich wollten wir heute Nacht seine Heimkehr feiern.

»Hast du gesehen, ob eines der Gartentore offen war?«, frage ich leise. Er scheint mich nicht zu hören.

* * *

Das Mietshaus im Vatikan, in dem Simon und ich aufgewachsen sind und in dem ich immer noch mit Peter wohne, wird Belvedere-Palast genannt, weil man in Italien jede Behausung Palast nennen kann. Der Unsrige ist ein Kasten aus Ziegelsteinen, den der Papst vor hundert Jahren bauen ließ, weil er es leid war, in seinen privaten Treppenhäusern Hausfrauen und Kindern zu begegnen. Belvedere heißt »Schöne Aussicht«, aber die haben wir eigentlich nicht, denn auf der einen Seite liegt der vatikanische Supermarkt und auf der anderen das vatikanische Parkhaus. Es ist eben eine Angestelltenunterkunft.

Wir leben in der obersten Etage gegenüber den Barmherzigen Brüdern vom Heiligen Johannes von Gott, die im Erdgeschoss die Vatikan-Apotheke betreiben. Von den wenigen Fenstern aus können wir die Rückseiten der Gemächer Johannes Pauls im Apostolischen Palast sehen, der diese Bezeichnung in jeder Hinsicht verdient. Im engen Hinterhof tut ein Gendarm, wozu Gott vatikanische Polizisten bestimmt hat: Er überprüft die Parkgenehmigungen der abgestellten Autos. Wir sind zu Hause.

»Soll ich Bruder Samuel um ein Päckchen Zigaretten bitten, damit du rauchen kannst?«, frage ich, während wir die Treppe hinaufsteigen.

Simons Hand zittert. »Nein, weck ihn nicht auf. Drinnen muss ich irgendwo noch einen Vorrat haben.«

Ein weiterer Gendarm, der uns auf der Treppe begegnet, kommt nicht umhin, Simons ungepflegtes Erscheinungsbild zur Kenntnis zu nehmen. Er schaut allerdings respektvoll beiseite.

Ich bleibe stehen.

»Gendarm!« Ich drehe mich auf dem Treppenabsatz um. »Was tun Sie hier?«

Er schaut zu mir hoch, ein Kadett mit den Augen eines Kindes.

»Patres …« Er knetet seine Dienstmütze. »Es gab einen Zwischenfall.«

Simon verzieht das Gesicht. »Was meinen Sie mit Zwischenfall?«

Aber da renne ich schon die Treppe hinauf.

Die Wohnungstür steht offen. Drei Männer drängen sich in meinem Wohnzimmer. In der Küche liegt ein umgestoßener Stuhl, auf dem Boden ein zerbrochener Teller mit Essen.

»Wo ist Peter?«, schreie ich. »Wo ist mein Sohn?«

Die Männer wenden sich um. Es sind die Barmherzigen Brüder von nebenan, die nach ihrem Arbeitstag in der Apotheke immer noch weiße Laborkittel über ihren schwarzen Ordensgewändern tragen. Einer von ihnen deutet den Flur hinunter zu den Schlafzimmern, sagt aber nichts.

Ich bin verwirrt. Im Flur ist eine Anrichte umgestoßen. Auf dem Holzparkett liegen Papiere verstreut. Unschuldig und zerbrechlich schaut mich von unten die Ikone des Christuskindes an, die meinem Vater gehört hatte. Ihre Einfassung aus rotem Ton ist bei dem Sturz zu Bruch gegangen. Hinter der Schlafzimmertür hört man das Schluchzen einer Frau.

Schwester Helena.

Ich stoße die Tür auf. Da hocken die beiden auf dem Bett. Peter sitzt eingekuschelt in Helenas Armen auf ihrem Schoß. Ihnen gegenüber, auf dem Bett, in dem Simon als Junge geschlafen hatte, sitzt ein Gendarm und macht Notizen.

»… größer, glaube ich«, sagt sie. »Aber ich konnte ihn nicht richtig erkennen.«

Der Gendarm schaut abrupt zu Simon auf, der hinter mir den Raum betreten hat. Er wirkt riesig und ist vom Sturm zerzaust.

»Was ist passiert?«, frage ich und stürze mich vorwärts. »Seid ihr verletzt?«

»Babbo!«, sagt Peter und windet sich aus Helenas Armen, um zu mir zu kommen.

Sein Gesicht ist gerötet und verschwollen. Kaum liegt er in meinen Armen, beginnt er wieder zu weinen.

»Oh, dem Himmel sei Dank!« Schwester Helena steht vom Bett auf, um mich zu begrüßen.

Peter zittert. Ich streichele ihn und schaue nach, ob er verletzt ist.

»Ihm ist nichts passiert«, flüstert Helena.

»Was ist hier los?«

Sie legt die Hand über ihren Mund. Die Tränensäcke unter ihren Augen sind schlaff. »Ein Mann ist hereingekommen.«

»Was? Wann?«

»Wir saßen gerade in der Küche beim Abendbrot.«

»Das verstehe ich nicht. Wie ist er hereingekommen?«

»Ich weiß nicht. Wir hörten ihn an der Tür. Und dann war er schon drinnen.«

Ich wende mich an den Gendarmen. »Haben Sie ihn gefasst?«

»Nein. Aber wir kontrollieren jeden, der versucht, die Grenze zu überqueren.«

Ich drücke Peter an mich. Also hat der Polizist auf dem Parkplatz nicht die Parkgenehmigungen überprüft.

»Was wollte er?«, frage ich ihn.

»Das überprüfen wir gerade«, antwortet der Gendarm.

»Wurde in anderen Wohnungen etwas gestohlen?«

»Nicht, dass wir wüssten.«

Ich habe noch nie von einem Einbruch in diesem Haus gehört. Kleinkriminalität kommt in unserem vatikanischen Städtchen so gut wie gar nicht vor.

Peter schmiegt sich an meinen Hals und flüstert: »Ich musste mich im Schrank verstecken.«

Ich streiche über seinen Rücken und frage Helena: »Kam er Ihnen irgendwie bekannt vor?«

Die Stadt ist klein. Helena lebt in einem Konvent, aber Peter und ich kennen fast jeden, der hinter diesen Mauern lebt.

»Ich habe ihn vorher noch nie gesehen, Hochwürden«, sagt sie. »Er hat so laut an die Tür geschlagen, dass ich Peter aus seinem Stuhl genommen und hierhergetragen habe.«

Ich stutze: »Er hat an die Tür geschlagen?«

»Und geschrien, und an der Klinke gerüttelt. Als er reinkam, hatte ich Peter noch auf dem Arm. Es ist ein Wunder, dass wir es noch rechtzeitig ins Schlafzimmer geschafft haben.«

Mein Herz pocht. Ich wende mich an den Gendarmen. »Also war das gar kein Einbruch?«

»Wir wissen nicht, was es war, Hochwürden.«

»Hat er versucht, Ihnen etwas zu tun?«, frage ich Helena.

»Wir haben die Schlafzimmertür abgeschlossen und uns im Wandschrank versteckt.«

Ich schaue an mir herunter und merke, dass mein Sohn die bleiche, schlammbespritzte Gestalt seines Onkels anstarrt. Auf beiden Gesichtern zeigt sich der Schock.

»Peter«, sage ich und streichle seinen steifen Rücken. »Es ist vorbei. Du bist in Sicherheit. Es wird nichts Schlimmes mehr passieren.«

Aber er und Simon sind in ihrer Angst wie erstarrt. Sie betrachten einander mit ihren blauen Augen. Der Blick meines Bruders hat etwas Animalisches, das er vergeblich zu kontrollieren versucht.

»Schwester Helena«, wiederhole ich flüsternd. »Hat er versucht, einem von euch etwas anzutun?«

»Nein. Er hat uns ignoriert. Wir konnten von hier aus hören, wie er sich in der Wohnung bewegt hat.«

»Was hat er gemacht?«

»Es klang, als ob er in Ihr Zimmer gegangen ist. Er hat Ihre Namen gerufen.«

Ich presse Peter an mich und berge seinen Kopf an meiner Schulter.

»Wessen Namen?«

»Ihren und den von Pater Simon.«

Ich bekomme eine Gänsehaut. Ich spüre, wie der Gendarm mich anstarrt, um meine Reaktion zu beobachten.

»Hochwürden«, sagt er. »Können Sie vielleicht etwas Licht in diese Sache bringen?«

»Nein, ganz sicher nicht.« Ich wende mich an Simon. »Fällt dir irgendetwas ein?«

Der Blick meines Bruders wirkt abwesend. »Wann ist das passiert?«, fragt er.

Seine Stimme hat einen beunruhigenden Unterton. Ein Gedanke drängt sich mir auf, der im ersten Moment abwegig erscheint, dann aber blitzartig von mir Besitz ergreift. Ich frage mich, ob dieser Angriff etwas mit dem zu tun haben könnte, was Ugo zugestoßen ist. Vielleicht ist die Person, die Ugo umgebracht hatte, nach dem Mord hierhergekommen.

»Es geschah nur ein paar Minuten nachdem Pater Alex gegangen war«, sagt Helena.

Castel Gandolfo ist fast dreißig Kilometer von hier entfernt. Die Fahrzeit beträgt eine dreiviertel Stunde. Eine einzelne Person hätte kaum beide Angriffe bewerkstelligen können. Ich wüsste auch gar nicht, warum. Das Einzige, was uns mit Ugo verbindet, ist die Arbeit, die wir in seine Ausstellung gesteckt haben.

Simon zeigt zum Wandschrank. »Wie lange seid ihr da drin gewesen?«

»Superlange«, antwortet Peter dankbar. Wenigstens einer kümmert sich auch um sein Leid.

Aber Simons Blicke wandern zum Fenster.

»Länger als fünf Minuten?«, frage ich, weil ich spüre, was mein Bruder wirklich wissen will.

»Viel länger.«

Dann war der Gendarm also nicht ehrlich zu uns. Von der Tür unserer Wohnung bis zur Grenze läuft man in nur einer Minute. Heute Nacht wird man an den Eingängen niemanden mehr fassen.

Der Gendarm klappt sein Notizbuch zu und steht auf. »Unten wartet ein Wagen auf Sie, Schwester. Sie sollten nicht im Dunkeln zu Fuß nach Hause gehen.«

»Vielen Dank«, antwortet Helena. »Aber ich werde heute Nacht hier bleiben. Dem Kleinen zuliebe.«

Der Gendarm öffnet die Tür ein Stückchen weiter. »Aber Ihre Priorin erwartet Sie. Ihr Fahrer steht im Flur und geht mit Ihnen nach unten.«

Schwester Helena ist eine willensstarke alte Nonne, aber sie will nicht, dass Peter sieht, wie sie der Polizei widerspricht. Sie gibt ihm einen Gutenachtkuss. Ihre altersfleckigen Hände zittern, als sie sie an seine Wangen legt.

»Ich rufe Sie später noch mal an«, sage ich. »Ich habe noch ein paar Fragen.«

Sie nickt, sagt aber nichts mehr. Peter verkriecht sich tiefer in meine Arme, als sie geht. Seine kleinen Fäuste umklammern den Saum des Fußballtrikots, das er ständig trägt. Sein roter Latz ist von nicht ganz getrockneten Tränen benetzt. Während ich ihn in den Armen wiege, sehe ich den Koffer, der gegen die Tür des Wandschrankes geschoben ist. Schwester Helena war wahrscheinlich als Erste aus dem Schrank gekommen, um die Polizei anzurufen. Sie hatte Peter wohl sicherheitshalber zurückgelassen. Also muss mein Sohn eine halbe Stunde im dunklen Schrank gehockt haben.

Ich spüre, wie er an meinem Hals hechelt und mir fällt auf, dass seine übliche Schlafenszeit schon um eine halbe Stunde überschritten ist. Schon allein daran, wie schwer er in meinen Armen wird, kann ich spüren, wie erschöpft er sein muss. »Möchtest du was trinken?«, flüstere ich.

Wir machen uns auf den Weg in die Küche und er zeigt auf den zerbrochenen Teller auf dem Küchenfußboden. »Das war ich«, sagt er. »Aus Versehen.«

Ich stelle den umgefallenen Stuhl wieder auf. Helena muss Peter geradezu vom Stuhl gerissen haben, mit seinen zwanzig Kilogramm. Ich hole eine Fanta Orange aus dem Regal, die besonderen Gelegenheiten vorbehalten ist. Es ist Peters Lieblingsgetränk, seit er gesehen hat, wie Kardinal Ratzinger es in der Stadt in der Cantina Tirolese getrunken hat. Während er sich über den Plastikbecher hermacht, werfe ich über seine Schulter hinweg einen Blick auf das Durcheinander im Flur. Es erstreckt sich bis zu meinem Zimmer und setzt sich dann, warum auch immer, in Peters Zimmer fort. Der Anblick bestätigt den Ablauf, an den sich Helena erinnert.

»Draußen stürmt es«, sagt Peter, als er wieder aus dem Orangensee auftaucht. Ich nicke beiläufig. Vielleicht denkt er an den Mann da draußen – den Eindringling, der nicht gefasst wurde. Der Gendarm kehrt von der Inspektion meines Zimmers zurück. Als er an der Tür von Peters Zimmer vorbeigeht, kommt Simon heraus. Der Gendarm fragt ihn etwas. »Nein«, antwortet mein Bruder. »Mein Neffe hat schon genug durchgemacht. Das reicht erst mal für heute.«

»Babbo?«, fragt Peter.

Ich sehe ihn an, er wartet auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit. »Ja?«

»Ich habe gefragt, ob das Auto nicht gefahren ist bei dem Regen?«

Ich brauche einen Moment, bis ich begreife, was er meint. Er wundert sich, warum Simon und ich so spät nach Hause gekommen sind. Warum Helena und er ganz allein waren, als der Mann kam.

»Wir … wir hatten einen Platten.«

Der Fiat bleibt oft liegen. Peter ist zur Autorität geworden, wenn es um Ölverluste oder schadhafte Lichtmaschinen geht. Manchmal fürchte ich, er könne zu einem wandelnden Lexikon der Missgeschicke werden.

»Okay«, sagt er und schaut zu, wie sein Onkel hinter den Gendarmen die Tür schließt.

Jetzt gehört die Wohnung wieder uns. Als sich Simon neben seinen Neffen setzt, reicht allein schon seine Größe, um Peter zu beruhigen. Der Junge setzt sich auf Simons Stuhllehne wie ein Schmetterling auf einen Ast in der Sonne.

»Sie kommen morgen wieder«, ist alles, was Simon einfällt.

Ich nicke. Aber das, was wir jetzt klären müssen, können wir nicht vor Peter besprechen.

Mein Bruder legt seine riesige Hand auf den Kopf seines Neffen und wuschelt durch sein Haar. Von seiner Soutane rieselt getrockneter Schlamm.

»Musstet ihr den Wagen hochheben?«, fragt Peter.

»Was?«

»Als ihr den Reifen gewechselt habt.«

Simon und ich tauschen einen Blick.

Simon murmelt nur: »Ich habe einfach einen …« Er schnipst mit den Fingern.

»Wagenheber?«, ergänzt Peter.

Er nickt und steht abrupt auf. »Peter, ich muss mich ein bisschen saubermachen, okay?« Dann schaut er mich an und ergänzt: »Ubi dormiemus?«

Lateinisch. Wir hoffen, dass Peter es nicht versteht. Es heißt: »Wo werden wir schlafen?«

Also sind wir einer Meinung. Dass wir hier womöglich nicht sicher sind.

»In der Kaserne der Schweizergarde?«, schlage ich vor. Nach den Gemächern Johannes Pauls ist das der sicherste Ort in unserem Land.

Simon nickt und stapft zur Dusche, wobei er, so gut er kann, sein Hinken zu kaschieren versucht.

Als er weg ist, bitte ich Peter, seinen Lieblingspyjama zu holen. Dann fahre ich unseren Computer hoch und warte ungeduldig, bis mir der alte Rechner meine E-Mails an Ugo herausfiltert. Mir ist unbehaglich. Ich lausche die ganze Zeit auf Geräusche aus dem Treppenhaus.

Zwei Dutzend Nachrichten werden angezeigt. Sie stammen alle aus diesem Sommer. Die letzte, von vor zwei Wochen, ist die, die ich gesucht habe. Als ich sie wieder lese, traue ich meinen Augen kaum. Vermutlich kann ich im Moment nicht mehr klar denken. Als ich das vertraute Geräusch des Wasserschwalls höre, der durch die Rohre schießt, drucke ich die Mail aus und lasse das Papier zusammengefaltet in meiner Soutane verschwinden. Dann gehe ich zu Simon in das Schlafzimmer, das Mona und ich miteinander geteilt haben. Als ich eintrete, hält er gerade seine schmutzige Soutane über den Wäschesack, den unsere Mutter einmal mit dem Spruch aus Genesis 1,4 bestickt hat: Gott schied das Licht von der Finsternis. Simon sieht noch aufgewühlter aus als vorhin. Ich empfinde genauso. Mir dämmert jetzt, dass Peter in Gefahr war. Und dass Schwester Helena vielleicht sein Leben gerettet hat.

»Wer könnte das gewesen sein?«, flüstere ich.

Simon zieht eine meiner Kommodenschubladen ganz heraus und sucht dann in der Öffnung nach seinen Notzigaretten. Auf dieser Kommode hatte unser Vater immer zwei Aschenbecher stehen, weil ihm einer nicht reichte. Bevor Johannes Paul es untersagte, war Rauchen der Nationalsport im Vatikan. Aber Simons Gesichtsausdruck entspannt sich nicht, als er endlich findet, was er gesucht hat. Die Schublade will nicht zurück in die Führung, deshalb rüttelt er an ihr, bis sich die ganze Kommode bewegt.

»Was wollen die gerade von uns?«, frage ich.

Er nimmt das Handtuch ab und steigt in seine Unterwäsche. Jetzt sehe ich, warum er sein Bein so geschont hat. Die Haut ist lila verfärbt. Etwas war rings um seinen Oberschenkel gebunden gewesen.

»Sag es nicht«, meint er, als er bemerkt, dass ich es gesehen habe.

Wenn Männer aus dem Sekretariat in die Welt der Cocktailempfänge und der mehrgängigen Abendessen eintauchen, haben viele das Gefühl, die Idee der Priesterschaft zu verraten. Also greifen sie zu den alten Gegenmitteln. Die einen geißeln sich selbst. Die anderen tragen ein Büßerhemd oder Ketten. Und einige tun, was Simon getan hat, und binden sich ein Cilicium um den Oberschenkel. Das sind schnell wirkende Arzneien gegen die Annehmlichkeiten des diplomatischen Dienstes. Aber er sollte es besser wissen. Unser Vater hat uns die griechische Art gelehrt: Fasten, beten und auf dem kalten Boden schlafen.

»Wann hast du …?«, fange ich an.

»Hör auf«, bellt er. »Lass mich erst mal etwas anziehen.«

Unsere Nerven liegen blank. Wir sollten rasch verschwinden.

Peter erscheint in der Tür mit einem Bündel Dinosauriernachtwäsche auf dem Arm. »Reicht das?«, fragt er.

Simon steigt schnell in den Wandschrank.

»Komm, Peter«, sage ich und führe ihn zurück in die Küche. »Wir warten hier auf Onkel Simon.«

4. Kapitel

Die Kaserne der Schweizergarde liegt an der Straße, in der sich auch unsere Wohnung befindet. Außenstehende sind nicht zugelassen, aber Simon und ich haben viele Nächte in diesen Sälen verbracht, nachdem unsere Eltern gestorben waren. Die Rekruten ließen uns bei ihren Trainingsläufen mitmachen; wir durften in den Kraftraum und waren bei ihren Grillpartys dabei. Unter diesen Dächern habe ich mir meinen ersten Kater zugezogen. Die meisten unserer alten Freunde sind zu neuen Abenteuern zurück in die Schweiz geflogen, aber die übrigen sind Offiziere geworden. Nachdem die Kadetten am Empfang kurz mit ihren Vorgesetzten telefoniert haben, werden wir durchgewinkt.

Ich bin überrascht, wie jung die neuen Hellebardenträger aussehen. Sieht man einmal von ihrer obligatorischen Dienstzeit zu Hause bei der Schweizer Armee ab, scheinen sie direkt vom Gymnasium zu kommen. Früher waren das einmal die Männer in unserem Land, die ich am meisten bewunderte. Jetzt sind es schlaksige Burschen, zehn Jahre jünger als ich.

Die Kaserne besteht aus drei langgestreckten Gebäuden, die durch alleenartige Innenhöfe voneinander getrennt sind. Neuzugänge werden in dem Gebäude untergebracht, das direkt an der Stadtgrenze zu Rom liegt. Das Gebäude der Offiziere, auf das wir zusteuern, liegt an der Rückseite des Apostolischen Palastes. Wir nehmen den Fahrstuhl nach oben und klopfen an die Wohnungstür meines engsten Freundes bei der Garde, Leo Keller. Seine Frau Sophia öffnet die Tür.

»O Alex, wie furchtbar«, sagt sie. »Ich kann gar nicht glauben, was passiert ist. Komm rein, komm rein.«

Nachrichten verbreiten sich schnell in der Kaserne.

»Darf ich das Baby fühlen?«, ruft Peter. Bevor Sophia antworten kann, legt er bereits beide Hände auf ihren schwangeren Bauch.

Ich will ihn schon wegziehen, aber sie lächelt und legt ihre eigenen Hände über seine. »Baby hat Schluckauf«, sagt sie. »Kannst du es spüren?«

Sie ist eine hübsche Frau, schlank, wie Mona es war, und mit der gleichen Körperhaltung. Sogar ihr Haar erinnert mich an meine Frau: Es hat einen Schieferton, der von der römischen Sonne so aufgehellt wurde, dass er manchmal rings um ihr Gesicht einen rötlichen Schimmer besitzt, als wären ihre Haare Stahlwolle, die sich jeden Moment entzünden könnte. Leo und sie haben vor einem Jahr geheiratet, aber ich ertappe mich immer noch dabei, wie ich sie anstarre und etwas zu sehen glaube, was nicht da ist. Die Erinnerungen an Mona, die sie in mir wachruft, und das Verlangen, das ein Mann nach seiner Frau empfindet, lassen mich erröten. Außerdem macht sie mir die Einsamkeit bewusst, die ich sonst so gut zu unterdrücken vermag.

»Kommt, setzt euch hin, ihr drei«, sagt sie. »Ich hole euch was zu essen.« Aber dann scheint ihr etwas anderes in den Sinn zu kommen. »Ah, ah ja, ich sehe schon, nein.« Sie schaut über meine Schulter hinweg zu Simon. »Ich bleibe mit Peter hier. Ihr Patres geht runter etwas trinken.«

Sie hat in seinen Augen gelesen.

»Danke, Sophia«, sage ich. Dann knie ich mich vor Peter hin. »Ich bin gleich zurück und bringe dich ins Bett. Benimm dich, okay?«

»Komm jetzt«, flüstert Simon und zupft an meiner Soutane. »Lass uns gehen.«

Die Kantine der Schweizergarde befindet sich im Erdgeschoss der Kaserne. Es ist ein düsterer, verliesartiger Ort, der immer etwas vernebelt wirkt und von ein paar strengen Kronleuchtern kaum aufgehellt wird. Die Wände sind mit lebensgroßen Wandbildern dekoriert, die die glorreiche Vergangenheit dieser fünfhundert Jahre alten Armee darstellen, aber erst zu Lebzeiten Johannes Pauls gemalt wurden. Sie haben etwas so Peinliches, Karikaturenhaftes an sich, dass man annehmen kann, der Künstler, der Derartiges im Schatten der Sixtinischen Kapelle anfertigte, glaubte vermutlich noch an das Fegefeuer.

Simon und ich steuern einen Tisch in der Ecke an. Uns steht der Sinn nach Stärkerem als Wein. Wegen seiner Größe muss sich Simon beim Trinken ordentlich ins Zeug legen, um überhaupt eine Wirkung zu verspüren. Etwas anderes als Wein gibt es hier jedoch nicht, deshalb hat er seinen ersten kleinen Kelch bereits intus, als ich frage: »Warum sollte irgendjemand hinter uns her sein?«

Er reibt mit dem Daumen über das geriffelte Glas des Kelches, der wie eine Handgranate gestaltet ist. Seine Stimme klingt düster. »Wenn ich herauskriege, wer Peter das angetan hat …«

»Glaubst du wirklich, es könnte etwas mit dem zu tun haben, was Ugo zugestoßen ist?«

Er ist sehr aufgewühlt. »Ich weiß es nicht.«

Ich hole den Mail-Ausdruck aus meiner Tasche und schiebe ihn über den Tisch.

»Hat er so etwas jemals zu dir gesagt?«

Er braucht ein paar Sekunden, um den Text zu lesen. Dann schiebt er das Papier wieder in meine Richtung und verzieht das Gesicht.

»Meinst du, es könnte wichtig sein?«

Er lehnt sich zurück und füllt sein Glas erneut. »Wahrscheinlich nicht.« Mit dem Finger deutet er auf das Datum der Nachricht. Sie ist zwei Wochen alt.

Ich lese sie noch einmal.

Lieber Ugo,

tut mir leid, das zu hören. Aber ich glaube, Sie sollten von jetzt an lieber jemand anderen um Hilfe bitten. Ich kann Ihnen mehrere andere Schriftenforscher empfehlen, die qualifizierter sind als ich, Ihre Fragen zu beantworten. Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie daran interessiert sind. Gutes Gelingen für die Ausstellung!

Alex

Darunter steht der Text von Ugos Nachricht, auf die ich geantwortet hatte. Das sind die letzten Worte, die er mir geschrieben hat.

Pater Alex – Wir haben ein Problem. Dringend. Habe versucht, Sie anzurufen, aber Sie sind nicht drangegangen. Bitte setzen Sie sich sofort mit mir in Verbindung, bevor die Sache publik wird.

– Ugo

»Er hat dir gegenüber nichts davon erwähnt?«, frage ich.

Simon schüttelt trübsinnig den Kopf. »Aber verlass dich drauf«, sagt er. »Ich finde heraus, was los ist.«

In seiner Stimme schwingt die Überheblichkeit des Sekretariats mit. Geh zur Seite und überlass es uns, die Welt zu retten.

»Wer konnte wissen, dass du heute Nacht in der Wohnung sein würdest?«, frage ich.

»In der Nuntiatur wusste jeder, dass ich zur Ausstellung zurückfliegen wollte.« Die Nuntiatur ist die diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls. »Aber«, fügt er hinzu, »ich habe ihnen nicht gesagt, wo ich wohnen würde.«

Sein Tonfall lässt vermuten, dass ihn das ebenfalls beschäftigt. Es gibt für den Vatikan ein kleines Telefonbuch, in dem die privaten und die dienstlichen Telefonnummern der meisten seiner Beschäftigten einschließlich meiner Nummer aufgelistet sind. Adressen werden jedoch nicht angegeben.

»Und wie«, frage ich, »hätte irgendjemand so schnell von Castel Gandolfo hierherkommen können?«

Simon lässt sich Zeit mit der Antwort. Er rollt das Glas zwischen den Handflächen. »Wahrscheinlich hast du recht. Das hätten sie nicht geschafft.«

Aber er klingt nicht sehr überzeugt, so als sagte er es nur, um mich zu beruhigen.

In der Ferne läuten Kirchenglocken die zehnte Nachtstunde. Die Schichtablösung beginnt. Wir schauen zu, wie die Gardepatrouillen von ihrem Dienst zurückkehren und in den Raum strömen wie Wasser in ein Flutbecken. Es wird bald klar, dass wir uns hier nicht vom Schrecken der Nacht erholen können. Während ihrer Schicht haben sie die Nachrichten mitbekommen, die aus Castel Gandolfo durchsickerten. Simon und ich sind auf eine Weise zu Berühmtheiten geworden, die wir nicht vorhergesehen hatten.

Der erste Mann, der sich neben uns setzt, ist mein alter Freund Leo. Wir haben uns im Frühling kennengelernt, in meinem dritten Jahr im Seminar. Es war bei der Beerdigung nach dem einzigen anderen Mord auf vatikanischem Boden, an den ich mich erinnern kann. Ein Mitglied der Schweizergarde hatte in der Kaserne seinen Vorgesetzten umgebracht und danach die Dienstwaffe gegen sich selbst gerichtet. Leo war damals als Erster am Tatort eingetroffen.

Mona und ich hatten ihn danach, während des folgenden Jahres, das er brauchte, um sich zu erholen, betreut. Wir begleiteten ihn sogar zu Dates mit Frauen, die nicht sonderlich erpicht auf einen unterbezahlten Ausländer waren, dessen Eid ihn daran hinderte, über die Erlebnisse zu reden, die ihn verfolgten. Als Mona ging, war es dann Leo, der Simon dabei unterstützte, mir beizustehen. Als er in diesem Frühling Sophia heiratete, war ich zunächst dazu ausersehen, die beiden zu trauen, bis schließlich Kardinal Ratzinger ihnen die Ehre und diesen Dienst erwies. Nach all den Jahren voller Seelenqualen werden wir jetzt beide Söhne haben. Ich freue mich, heute Abend sein Gesicht zu sehen. Unsere Freundschaft ist die zweier Überlebender.

Simon hebt sein Glas einen Zentimeter hoch, um Leo zu begrüßen. Eine Handvoll Kadetten folgt ihrem Anführer an unsere Tafel. Schon bald machen Wein und Bier die Runde. Gläser werden klirrend aneinandergestoßen. Nach Stunden erzwungener Reglosigkeit regen sich Münder und Arme nun umso lebendiger. Normalerweise sprechen die Männer hier Deutsch, aber sie wechseln ins Italienische, damit wir an der Unterhaltung teilnehmen können. Sie sehen in uns nichts anderes als die Freunde ihres Anführers, deshalb beginnen sie, einander Fragen zu stellen, die einen geradezu grotesken militärischen Inhalt haben.

»Welches Kaliber hatte die Munition?«

»Stirn oder Schläfe?«

»Hatte der Schuss genug Durchschlagskraft?«

Dann erklärt Leo ihnen, wer seine Gäste sind, und das ändert alles.

»Sind Sie der, dessen Wohnung überfallen wurde?«, fragt mich einer der Männer neugierig.

Ich ahne allmählich, wie sich diese Geschichten durch die Vatikanstadt verbreiten werden. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es hier für Simon gefährlich werden kann. Männer des Sekretariats müssen sich aus Skandalen heraushalten.

»Haben die Gendarmen jemanden erwischt?«, frage ich.

Es entsteht Verwirrung, auf welches Ereignis ich mich beziehe, bis Leo antwortet. »Nein. Bei keinem der beiden Vorkommnisse.«

»Hat einer von meinen Nachbarn irgendetwas gesehen?«

Leo schüttelt den Kopf.

Der Mord an Ugo jedoch ist es, der die Männer besonders fesselt.

»Ich habe gehört, sie würden niemanden seine Leiche sehen lassen«, meint einer der Kadetten.

Ein anderer fügt hinzu: »Ich habe gehört, irgendetwas stimmte nicht damit. Etwas mit seinen Händen oder Füßen.«

Sie irren sich. Ich habe Ugos Leiche mit eigenen Augen gesehen. Aber noch bevor ich etwas sagen kann, machen andere Männer geschmacklose Witze über Stigmata. Simon schlägt mit der Faust auf den Tisch. »Das reicht!«

Sofort herrscht Ruhe. In ihrer Welt verkörpert er absolute Autorität – er ist groß, schlägt einen Befehlston an und ist überdies auch noch ein Priester. Mir wird klar, dass er mit seinen dreiunddreißig Jahren auf sie sogar alt wirken könnte.

»Ist herausgekommen, wie jemand in den Garten eindringen konnte?«, erkundige ich mich.

Die Männer schnattern durcheinander wie ein ganzer Ententeich. Nein, lautet die einhellige Überzeugung.

»Also hat niemand etwas gesehen?«, hake ich nach.

Schließlich rückt Leo damit heraus. »Ich habe etwas gesehen.«

Alle am Tisch verstummen.

»Letzte Woche«, sagt er, »in meiner letzten Schicht bei Sankt Anna. Da wollte jemand mit seinem Fahrzeug hereinkommen.«

Sankt Anna ist ein Grenzübergang neben der Kaserne. Dort sind rund um die Uhr Männer der Schweizergarde postiert, um aus Rom hereinkommende Fahrzeuge zu überprüfen. Während der dritten Wache ist der Zugang jedoch verschlossen. Nachts darf niemand in unser Land hinein.

»Es war um null dreihundert«, fährt Leo in militärischem Ton fort. »Ein Lkw blinkt mich mit seinen Scheinwerfern an. Ich winke ab, aber der Fahrer steigt aus.«

Die Männer verziehen das Gesicht. Das entspricht nicht den Vorschriften. Fahrer müssen das Fenster herunterkurbeln und sich ausweisen.

»Ich gehe also hin«, erzählt Leo. »Vizekorporal Frei gibt Deckung. Der Fahrer hat einen italienischen Führerschein und auch einen Passierschein. Ratet, wer den Schein unterschrieben hatte?«

Er wartet. Die Männer sind noch so jung, dass sie es aufregend finden, darüber zu spekulieren.

»Unterschrieben«, löst Leo das Rätsel auf, »hatte Erzbischof Nowak.«

Pfiffe ertönen. Antoni Nowak ist als rechte Hand Papst Johannes Pauls der hochrangigste Priestersekretär der Welt.

»Ich sage Vizekorporal Frei, dass er oben anrufen soll, um die Unterschrift zu bestätigen«, fährt Leo fort. »Währenddessen werfe ich einen Blick auf die Ladefläche.« Er beugt sich vor: »Und da hinten steht ein Sarg. Er ist mit einem Laken zugedeckt und oben steht was Lateinisches drauf. Fragt mich nicht, was es heißt. Aber unter dem Laken steht ein großer Sarg aus Metall. Und ich meine wirklich groß.«

Alle Hellebardenträger am Tisch bekreuzigen sich. Jeder Mann in der Kaserne denkt an das Gleiche, wenn er von einem Metallsarg hört. Wenn ein Papst stirbt, wird er in einem dreifachen Sarg bestattet. Der erste ist aus Zypressenholz, der letzte aus Eiche, der mittlere aber ist aus Blei gefertigt.

Die Gesundheit Johannes Pauls gibt Anlass zu großer Sorge. Er ist schwach. Er kann nicht gehen. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Der Kardinalstaatssekretär ist der zweitmächtigste Mann am Heiligen Stuhl. Er hat gegen die Verschwiegenheitspflicht verstoßen, als er erklärte, dass ein Rücktritt möglich sei, falls sein Gesundheitszustand den Papst daran hindern sollte, sein Amt weiter auszuüben. Es sei eine Gewissensfrage, ob er zurücktritt. Seitdem kreisen die Journalisten wie die Geier über dem Vatikan, einige haben sogar den Einwohnern Geld für Hinweise aller Art geboten. Ich frage mich, warum Leo so eine Geschichte vor einer so unreifen Zuhörerschaft wie dieser hier ausbreitet.

Aber er beantwortet meine Frage selbst: »Und wer sitzt wohl auf der Bank neben dem Sarg? Auf seinem Ausweis steht der Name: ›Nogara, Ugolino‹.« Leo pocht leise mit den Knöcheln auf den Tisch. »Eine Minute später bekommen wir den Rückruf. Erzbischof Nowak bestätigt den Passierschein. Der Lkw fährt weiter, und das ist das letzte Mal, dass ich den Sarg oder Nogara zu sehen bekommen habe. Jetzt erklär mir doch mal jemand, was das zu bedeuten hat.«

Es hört sich an wie eine Gespenstergeschichte. Ein Wachtraum, der sich in den dunklen Stunden der dritten Wache eingeschlichen hat. Diese Männer hier sind abergläubisch.

Noch bevor jemand etwas erwidern kann, steht Simon auf. Er murmelt etwas, das klingt wie »ich bin krank«, vielleicht auch »das macht mich krank«. Dann verlässt er ohne Gruß oder Entschuldigung die Kantine.

Ich stehe auf und folge ihm. Ich fühle mich angeschlagen. Leos Geschichte hat Ugos Tod um eine neue, ungeahnte Dimension erweitert. Den Leuten von der Schweizergarde ist es entgangen, weil die Zeiten vorbei sind, in denen jedes Mitglied der römisch-katholischen Kirche nach ein paar Schuljahren Latein konnte. Aber mein Vater ließ seine Söhne sowohl Griechisch als auch Latein lernen, und deshalb weiß ich, welche Worte Leo auf der Sargumhüllung gesehen hat. Es ist ein Gebet:

Tuam Sindonem veneramur, Domine, et Tuam recolimus Passionem.

Im Dunkeln konnte sich Leo wohl nur einen ungefähren Eindruck von der Größe des Kastens verschaffen, denn dieser Sarg war viel zu groß für einen Papst. Ich weiß es, weil ich ihn einmal mit eigenen Augen gesehen habe.

Ich weiß, was Ugo versteckt hat.

5. Kapitel

Vor siebenhundert Jahren ist in einem kleinen Ort in Frankreich erstmals eine ganz besondere christliche Reliquie aufgetaucht. Niemand weiß, wo sie herkam und wie sie gerade dorthin gelangte. Allmählich, wie es bei allen Reliquien der Fall ist, kam sie in immer wohlmeinendere Hände. Sie gelangte in den Besitz der regionalen Herrscherfamilie. Und schon bald brachten sie sie in ihre Hauptstadt am Rande der Alpen.

Turin.

Das Grabtuch von Turin soll das Tuch sein, in dem Jesus Christus bestattet wurde. Auf seiner Oberfläche befindet sich ein geheimnisvolles, nahezu fotografisches Bildnis eines Gekreuzigten. Es lag fünf Jahrhunderte lang in einer Seitenkapelle des Turiner Doms. Dort nahm man sich seiner mit großer Sorgfalt an und schützte es, indem man es in jedem Jahrhundert nur wenige Male öffentlich ausstellte. Im Laufe eines Jahrtausends hat es die Stadt nur zweimal verlassen: einmal, als die Königsfamilie vor Napoleon flüchtete, und dann während des Zweiten Weltkriegs. Jene zweite Reise führte es in ein Bergkloster in der Nähe von Neapel, wo das Tuch in einem Versteck aufbewahrt wurde.

Auf dem Weg in das Kloster durchquerte das Grabtuch auch Rom. Das war bis jetzt das einzige Mal in der Geschichte.

Die meisten Reliquien werden in speziellen Behältnissen verwahrt, die Reliquiare genannt werden. 1997, also vor sieben Jahren, zerstörte ein Brand im Dom fast das Grabtuch in seinem Silberreliquiar. Danach wurde ein neues Behältnis konstruiert, ein luftdichter Kasten aus Flugzeugaluminium, der das Tuch rundum schützen soll. Es ist kein Zufall, dass der neue Kasten einem sehr großen Sarg ähnelt. Über dem Kasten befindet sich ein Überwurf aus einem goldenen Gewebe, das mit dem traditionellen lateinischen Gebet für das Grabtuch bestickt ist: Tuam Sindonem veneramur, Domine, et Tuam recolimus Passionem.

Wir ehren Dein Grabtuch, o Herr, und gedenken Deiner Leiden.

Ich bin mir so sicher, dass ich mein Leben dafür geben würde: Was Leo auf der Ladefläche des Lkw gesehen hat, war die bekannteste Reliquie unserer Religion, die Krönung der historischen Ausstellung, die Ugo Nogara zu seinen Ehren, zu Ehren des Grabtuchs, zusammengestellt hatte.

* * *

Ich wollte Ugo Nogara kennenlernen, weil ich Wert darauf legte, alle Freunde Simons zu kennen. Die meisten Priester sind gute Menschenkenner, nicht jedoch mein Bruder. Er hatte die Gewohnheit, obdachlose Männer zum Abendessen einzuladen. Er verabredete sich mit Mädchen, die noch mehr Silberlöffel klauten, als es die Obdachlosen taten. Eines Abends, als er den Nonnen in der vatikanischen Suppenküche half, fingen zwei Betrunkene an zu streiten, und einer von beiden zog ein Messer. Simon ging dazwischen und umfasste die Klinge mit der Hand. Er weigerte sich, sie wieder loszulassen, bis die Gendarmen eintrafen.

Am nächsten Morgen befand Mutter, dass es Zeit für eine Therapie war. Der Psychologe war ein alter Jesuit mit einer Praxis, die nach feuchten Büchern und Nelkenzigaretten roch. Auf seinem Schreibtisch stand ein signiertes Bild von Pius XII., jenem Papst, der gesagt hatte, dass Freud ein Perverser sei und Jesuiten nicht rauchen dürften. Meine Mutter fragte, ob ich draußen warten solle, aber der Doktor sagte, es sei nur ein informelles Vorgespräch, und falls Simon eine Behandlung benötige, würde auch sie draußen warten müssen. Deshalb nutzte meine Mutter tränenüberströmt die einmalige Gelegenheit, um sich zu erkundigen, ob es eine medizinische Bezeichnung für Simons Problem gebe. Denn in allen Zeitschriften stehe immer nur der Begriff »Todeswunsch«.

Der Jesuit stellte Simon ein paar Fragen und ließ sich dann zeigen, wo sein Daumenansatz wieder an die Handfläche genäht worden war. Schließlich sagte er zu meiner Mutter: »Signora, sagt Ihnen der Name Maximilian Kolbe etwas?«

»Ist das ein Spezialist?«

»Er war ein Priester in Auschwitz. Die Nazis ließen ihn sechzehn Tage lang hungern, bevor sie ihn vergifteten. Kolbe meldete sich freiwillig für diese Bestrafung, um das Leben eines ihm völlig fremden Mannes zu retten, der sonst umgebracht worden wäre. Würden Sie sagen, dass Sie ein solches Verhalten beunruhigt?«

»Ja, Pater. Ganz genau. Gibt es bei Ihnen einen Fachbegriff für Männer wie Kolbe?«

Und als der Jesuit nickte, lächelte meine Mutter unwillkürlich ein bisschen.

»Bei uns, signora«, sagte der Doktor, »nennen wir solche Leute Märtyrer. Und was Maximilian Kolbe anbetrifft – ihn nennen wir den Schutzheiligen dieses Jahrhunderts. Ein Todeswunsch ist nicht dasselbe wie die Bereitschaft, zu sterben. Beruhigen Sie sich. Ihr Sohn ist einfach nur ein ungewöhnlich guter Christ.«

Ein Jahr später wurde Mutter ihre größte Sorge los – dass sie Ihren Sohn überleben könnte. Das Letzte, was sie zu mir sagte, bevor sie starb, war – außer »ich liebe dich« – »Alex, bitte pass auf deinen Bruder auf«.

Als es so weit war, dass Simon das Priesterseminar beendete, sah es so aus, als würde er niemanden mehr brauchen, der auf ihn aufpasste. Er wurde gefragt, ob er Diplomat des Vatikans werden wolle. Eine solche Einladung erhalten jedes Jahr nur zehn von vierhunderttausend katholischen Priestern. Es bedeutete, an der exklusivsten kirchlichen Adresse außerhalb des Vatikans zu studieren – der Päpstlichen Diplomatenakademie. Sechs der acht Päpste vor Johannes Paul waren vatikanische Diplomaten, und vier von ihnen absolvierten die Akademie. Deshalb ist es außer beim Konklave in der Sixtinischen Kapelle wohl an keinem anderen Ort wahrscheinlicher, dass dort ein zukünftiger Papst anwesend ist. Falls Simon im diplomatischen Dienst bliebe, stünden ihm grenzenlose Möglichkeiten offen. Er musste es nur vermeiden, das Familiensilber herzuschenken.

Dennoch war es eine unerwartete Option für meinen Bruder. Es gibt zwei Dutzend Abteilungen in der Verwaltung des Heiligen Stuhls, und mein Bruder hätte im Falle einer Anstellung bei den meisten anderen Abteilungen zu Hause bleiben können. In den alten Gefilden unseres Vaters, dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen, hätten ihn alle gern gesehen. Er hätte auch ein Zeichen setzen und sich der Kongregation für die orientalischen Kirchen anschließen können, die für die Rechte der Ostkirchen eintritt. Onkel Lucio waren, wie den meisten anderen Kardinälen im Vatikan, neben seinem eigentlichen Zuständigkeitsbereich noch einige weitere Verpflichtungen angetragen worden. Deshalb hatte er auch ein paar eigene Vorschläge: die Kongregation für den Klerus, oder die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse. Dort hätte er Simon dabei unterstützen können, die Karriereleiter zu erklimmen. Unter allen Beweggründen, die Simon haben konnte, den Dienst im Sekretariat nicht anzutreten, war der schwerwiegendste Grund die Verknüpfung unserer Familiengeschichte mit der seines Vorgesetzten, dem zweiten Mann an der Spitze des Vatikans, Kardinalstaatssekretär Domenico Boia.

Boia trat sein Amt zu einer Zeit an, als die kommunistische Herrschaft in Osteuropa zusammenbrach. Nach Jahren des erzwungenen Atheismus hinter dem Eisernen Vorhang erwachte die orthodoxe Kirche zu neuem Leben, und Johannes Paul versuchte, einen Friedenszweig zu reichen – nur um dann festzustellen, dass ihm dabei sein neuer Staatssekretär in die Quere kam. Kardinal Boia misstraute der orthodoxen Kirche, die sich vor tausend Jahren vom Katholizismus abgespalten hatte – unter anderem auch wegen unterschiedlicher Auffassungen über die päpstliche Macht.

Für die Orthodoxen ist der Papst, genau wie die neun Patriarchen, die ihrer Kirche vorstehen, nur ein besonders ehrenwerter Bischof – Erster unter Gleichen –, aber keine Großmacht, und auch nicht unfehlbar. Boia kam das gefährlich radikal vor. So begann ein stilles Ringen, in dem der zweitmächtigste Mann im Vatikan den Papst vor seinen eigenen guten Absichten zu schützen versuchte.

Seine Eminenz war dafür verantwortlich, dass die diplomatischen Beziehungen zu den Orthodoxen um Jahre zurückgeworfen wurden. Einer seiner beflissensten Gehilfen war ein amerikanischer Priester namens Michael Black, der einmal ein Protegé meines Vaters gewesen war. In Simons Augen gab es keine andere Behörde, die die Feindseligkeit gegen die Ideale meines Vaters so sehr verkörperte wie das Sekretariat. Aber anstatt seine Einladung abzulehnen, schien er sie als ein Zeichen anzusehen. Gott wollte, dass er das Werk unseres Vaters fortsetzte und an seiner statt versuchte, die Kirchen wieder zu vereinen. Und das Sekretariat war der Ort, den er dafür bestimmt hatte.

Die anderen studierten an der Akademie Englisch, Spanisch oder Portugiesisch, Simon jedoch lernte die slawischen Sprachen der Orthodoxen. Er sagte Washington ab, um nach Sophia zu gehen, die Hauptstadt des orthodoxen Bulgariens. Dort harrte er aus, bis in Ankara ein Posten frei wurde, bei derselben Nuntiatur, an der Michael Black gerade arbeitete.

Ich begriff, dass Simon die Fackel unseres Vaters weitergetragen hatte, aber was er damit zu tun gedachte, das wusste er meiner Meinung nach selbst nicht. Dann rief mich Onkel Lucio an – eine Woche bevor ich Ugo zum ersten Mal begegnete.

»Alexander, bist du dir darüber im Klaren, dass dein Bruder seiner Arbeit nicht nachkommt?«

Davon wusste ich nichts.

Lucio schnalzte mit der Zunge. »Er wurde abgemahnt, weil er ohne Angabe von Gründen verschwunden ist. Und weil er mit mir nicht darüber spricht, würde ich es schätzen, wenn du herausfinden könntest, warum er das tut.«

Simon entschuldigte sich mit Büropolitik: Michael Black hätte ihn aus Boshaftigkeit angeschwärzt. Trotzdem tauchte mein Bruder eine Woche später unerwartet in Rom auf.

»Ich bin mit einem Freund hier«, sagte er.

»Welchem Freund?«

»Er heißt Ugo. Wir haben uns in der Türkei kennengelernt. Komm und iss heute mit uns bei ihm zu Abend. Er würde dich gerne kennenlernen.«

In meinem ganzen Leben war ich noch nicht in einer Wohnung wie der von Ugolino Nogara gewesen. Die meisten Familien, die für den Papst arbeiten, mieten kircheneigene Wohnungen irgendwo in Rom. Meine Eltern hatten das Glück, mit Lucios Hilfe einen Platz im Angestelltenquartier innerhalb der Stadtmauern zu ergattern. Hier bei Ugo aber sah ich mit eigenen Augen, wie die andere Hälfte lebte. Nogaras Wohnung lag im Apostolischen Palast, gleich an der Ecke, wo die Vatikanischen Museen an die Vatikanische Bibliothek angrenzen. Als Simon die Tür öffnete, lief Peter gleich begeistert in Simons Arme, meine Blicke wanderten aber sofort in den Raum hinter ihnen. An den Wänden befanden sich keine Fresken, und auch die Decken waren nicht in Gold gearbeitet, aber die Wohnung war so langgezogen, dass man sie mit Paravents in kleinere Räume gegliedert hatte, so wie die Kardinäle es einst bei Konklaven zu tun pflegten. Von der Westseite aus hatte man einen Blick in den Innenhof, wo die Gelehrten aus der Vatikanischen Bibliothek in einem abgeschiedenen Café an ihren Getränken nippten. Schaut man jedoch nach Süden, durch die Baumwipfel hindurch, bildeten die Dächer eine Gerade zur Kuppel des Petersdoms.

Von irgendwo aus den Tiefen der Wohnung tönte eine laute Stimme.

»Aha! Das sind bestimmt Pater Alex und Peter. Kommt rein, kommt rein.«

Ein Mann kam mit ausgestreckten Armen auf uns zugaloppiert. Bei seinem Anblick suchte Peter gleich Schutz bei mir und umklammerte meine Beine. Ugolino Nogara hatte das Format eines kleinen Bären und einen heftigen Sonnenbrand, der seine Haut leuchten ließ. Seine Brille wurde nur mit Klebeband zusammengehalten. In seiner Hand schwappte ein Glas Wein über, und nachdem er mich auf beide Wangen geküsst hatte, sagte er als Erstes: »Ich hole Ihnen erst einmal etwas zu trinken.«

Womit er schon einiges von sich preisgegeben hatte.

Simon nahm Peter sanft bei der Hand und lockte ihn fort, indem er ihm ein Geschenk aus der Türkei in Aussicht stellte. Ich blieb allein mit dem Gastgeber zurück.

»Sie sind ein Kollege meines Bruders bei der Nuntiatur, Doktor Nogara?«, fragte ich, während er mir ein Glas einschenkte.

»O nein«, antwortete er lachend. Er deutete auf das Gebäude auf der anderen Seite des Innenhofes. »Ich arbeite bei den Museen. Ich war gerade in der Türkei, um die letzten Vorbereitungen für meine Ausstellung zu treffen.«

»Ihre Ausstellung?«

»Die Ausstellung, die im August eröffnet wird.«

Er winkte ab, als ob mir Simon bestimmt davon erzählt hätte. Aber zu jenem Zeitpunkt wusste noch niemand davon, und es gab auch noch keine Gerüchte über die Eröffnungsgala, den Empfang in der Sixtinischen Kapelle.

»Wie haben Sie sich denn kennengelernt?«, fragte ich.

Nogara lockerte seinen Schlips. »Ein paar Türken haben in der Wüste den armen Kerl gefunden, der wegen eines Hitzschlags das Bewusstsein verloren hatte.« Er nahm die Brille ab und zeigte mir das Klebeband. »Mit dem Gesicht nach unten.«

»Sie haben Ugos vatikanischen Pass entdeckt«, rief Simon, der gerade wieder auf dem Weg zu uns zurück war. »Deshalb haben sie mich in der Nuntiatur angerufen.

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