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Das brennende Meer

Erik Eriksson

Das brennende Meer

Liebe und Krieg

Band 1

(1799-1819)

Übersetzt aus dem Schwedischen

von Else Ebel

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Der Sturm

Sie hatten mit einer steifen Brise aus Norden oder Nordosten gerechnet, aber das war an und für sich nichts Besonderes. Der Wind wehte häufig aus dieser Richtung, und sie segelten dann die ganze Strecke schräg gegen die unruhige See bis hin nach Signilskär. Sie wurden nass und sie mussten Wasser schöpfen, aber das hatten sie schon oft erlebt. Die Post musste ja ihren Bestimmungsort erreichen, raues Wetter durfte dabei kein Hindernis sein. Sturm war ein Grund für eine Verspätung, gewöhnliches Herbstwetter jedoch nicht.

Also machten sie sich auf den Weg, die vier Männer, die die Auslieferung der Post auf die Inseln besorgten; sie kamen aus Byholma am Åländischen Meer, ihr kleines Postboot, die Märla, war sechs Meter lang, hatte Sprietsegel und Fock, es war ein offenes Boot mit breiten Borden aus Kiefernholz, ohne schützendes Deck. Am 14. November 1799 ruderten sie bei Tagesanbruch aus dem Posthafen von Grisslehamn, ganz in der Nähe ihres Heimatdorfs. Am Himmel fanden sich keinerlei beunruhigende Zeichen, es klärte sich auf. Als sie Loskär außerhalb des Hafenbereichs erreicht hatten, hissten sie die Segel.

Sie kamen nur langsam voran, mussten etwas abfallen, der Nordwind hatte auf Nordost gedreht und drehte weiter. Nils Nygren, der Schiffsführer auf dem Boot, sagte zu seinen Kameraden, dass sie, so wie er die Sache einschätze, zwischen zwei Fahrtrouten wählen könnten. Entweder könnten sie gegen den Wind in Richtung Åland segeln und dann kreuzen oder im Windschutz auf der Landseite bis zur Poststation auf Eckerö rudern. Oder sie konnten einige lange Schwenker hinaus aufs Meer machen, zuerst nach Südosten und dann nach Nordwesten, um dann vom offenen Meer her nach Signilskär und Eckerö zu gelangen.

»Wir gewinnen Zeit, wenn wir aufs Meer hinaussegeln«, sagte einer der Männer im Boot. »Und wir haben das ja schon häufig gemacht«, bestätigte das älteste Besatzungsmitglied.

»Ich glaube, der Wind hat sich gelegt, und die Wolken sehen harmlos aus«, fügte der vierte Mann der Besatzung hinzu.

»Verstehe ich das richtig, wenn ich annehme, dass ihr alle aufs Meer hinauswollt?«, fragte Nils Nygren.

Die Männer nickten; Nils, der am Steuer saß, sagte nichts mehr, weil es nicht nötig war. Er blickte nach hinten, um festzustellen, wo seine Landmarken lagen: der Telegrafenmast auf dem Aussichtsberg oberhalb von Grisslehamn, die Kiefern auf Skatudden, die helle Landzunge von Loskär.

Dann wanderte sein Blick wieder auf das Meer hinaus. Dort gab es nichts, wonach man sich richten konnte, auf lange Sicht hin nicht. Aber er wusste, wo bald Land in Sicht kommen würde, flache graue Inseln, Felsenklippen, die kaum vom Wasser zu unterscheiden waren, dunkle Wolken für jemanden, der sich nicht auskannte, aber sichere Anhaltspunkte für diejenigen, die hier von Kindheit an gesegelt waren.

Nils Nygren war am Meer geboren. Er war Bauer und Fischer, vertraut mit Booten, und er war zuverlässig, war von seinen Nachbarn zum Schiffsführer auf dem Postboot gewählt worden.

Er war sich der Verantwortung bewusst, blieb an den Tagen vor den Seereisen nüchtern, sehr zum Erstaunen vieler Leute. Er beratschlagte gerne mit der Besatzung, fasste jedoch – wenn erforderlich – seine Beschlüsse allein. Auf See konnte immer etwas Unerwartetes eintreffen, und dann galten die Befehle des Schiffsführers.

Am Abend vor jeder Seereise ging Nils zum Strand hinunter und sah sich um, er blieb eine Weile dort stehen und beobachtete die Wolken. Gelegentlich überfiel ihn dabei ein gewisses Unbehagen, auch wenn der Wind beständig war und der Himmel Gutes versprach. Dieses unerklärliche Gefühl hielt dann meistens den ganzen Weg durch den Wald nach Hause an.

An solchen Abenden saß Nils eine Weile mit seinen Kindern Johanna und Lars zusammen, ehe sie zu Bett gingen. Seine Ehefrau Maria war mit anderen Dingen beschäftigt, er wollte mit seinem Sohn und mit seiner Tochter allein sein, ehe sie einschliefen.

Jetzt war wieder einer dieser Abende gewesen, an denen er zusammen mit seinen Kindern auf den Einbruch der Dunkelheit gewartet hatte. Sie hatten über die Dinge gesprochen, die sich im Laufe des Tages ereignet hatten, und sie hatten zusammen in der Bibel das Kapitel über die Arbeiter im Weinberg gelesen.

Dann brach der Morgen an und es wurde Abschied genommen. Als das Postboot draußen auf See war, dachte Nils an die Kinder, er sah sie vor sich und empfand Freude darüber, ehe er dieses Bild wieder aus seinem Kopf gleiten ließ.

Der Wind kam jetzt von Backbord. Wenn alles wie geplant lief, würden sie gegen den Wind segeln und gegen zehn Uhr vormittags drehen können. Nils besaß keine Uhr, aber er kannte die Tageszeiten und das Licht, er rechnete im Kopf, schätzte die Fahrtgeschwindigkeit, nahm an, dass sie gegen zwei oder spätestens drei Uhr in Signilskär sein müssten. Die Fahrt ging nun gut vonstatten, sie bekamen nur wenig Wasser ins Boot. Die Männer schöpften hin und wieder, die Fahrt war jedoch voll unter Kontrolle, die Seile, die den Mast abstützten, waren hart gespannt, die Wassertropfen spritzten von dem aufgeblähten Segel ab, aber das Tuch konnte viel aushalten, das wusste Nils.

Um halb zehn veränderte der Himmel seine Farbe, und das ging schnell. Die blauen Flecken zwischen den Wolken schienen nun pechschwarz, der Horizont wurde durch niedrige Regenwolken verwischt, der Wind nahm an Stärke zu, die Wellenkronen zischten weiß auf und ergossen sich in das Boot.

Als das Unwetter hereinbrach, hatte die Märla die Stelle erreicht, an der Nils Nygren in Richtung der kleinen åländischen Inseln bei Signilskär hatte abdrehen wollen. Er hatte begriffen, dass die Lage jetzt ernst geworden war, aber er war immer noch davon überzeugt, dass alles gut gehen würde; wenn nur der Wind seine Richtung beibehielt, dann konnte er sicher unter dem Wind segeln und hinter den Inseln Schutz finden, vielleicht sogar den Hafen von Signilskär erreichen.

Der Wind blies weiterhin aus nordöstlicher Richtung, es schien fast so, als ob er sich gegen Ost drehte, was den letzten Teil der Fahrt erschweren würde. Außerdem war der Wind böig und nahm ständig an Stärke zu, jetzt wurde es für die Männer schwierig, das Wasser, das über die lange Bootsreling hereinschwappte, hinauszubefördern. Sie schöpften, aber es nützte nichts. Sie waren völlig durchnässt, mühten sich mit den Schöpfkellen ab, schlugen sich die Knöchel blutig, aber nichts half gegen die schweren Brecher, die sich über das Boot ergossen.

Nils Nygren saß achtern auf der Ruderbank und hielt mit beiden Händen die Ruderpinne umfasst. Die kleine versiegelte Tasche mit der Post hatte er zwischen die Beine gestellt. Sie war mit einer Leine gesichert, damit die Brecher und die schlingernden Bewegungen sie nicht über Bord spülen konnten, trotzdem hatte Nils sie fest zwischen beide Knie geklemmt. Als der vordere Teil des Bootes unter eine mächtige Woge tauchte, presste Nils seinen ganzen Körper gegen die Posttasche. Und auch als das Boot gegen die donnernden Wassermassen nicht mehr ankam, behielt er die Tasche fest im Griff.

Es war fast ein Uhr. Der Sturm hielt den ganzen Tag und den Abend über an. Nach Mitternacht flaute er ab, und bei Tagesanbruch hatte sich das Meer wieder beruhigt.

Die Frauenklippe

Johanna wurde davon wach, dass jemand sie anstieß, wahrscheinlich der ältere Bruder ihrer Mutter, der aufgestanden war, um auf dem Hof seine Notdurft zu verrichten. Es war dunkel, aber sie erkannte die Hausbewohner, auch ohne hinzusehen, denn die Geräusche blieben sich gleich. Onkel Filip ging unsicher, er stolperte und brummelte vor sich hin, nachdem er sich mühsam von der Küchenbank hochgezogen hatte. Dann konnte sie das Plätschern hören, denn er hatte die Tür offen gelassen und stand direkt draußen davor. Es klang, als ob das Pferd in den Schnee platschte, dasselbe hohle Geräusch und derselbe scharfe Geruch.

Als Filip zurück in die Küche kam, brachte er den Geruch mit herein. Er legte sich wieder hin, und Johanna rückte näher zur Wand hin, denn sie wollte sich möglichst weit von ihm entfernen. Aber die schmale Wandbank, auf der sie schlief, stand direkt neben seiner Schlafbank. Wenn er den Arm ausstreckte, konnte er sie erreichen, und manchmal tat er das mitten in der Nacht.

Johannas Eltern schliefen zusammen mit dem kleinen Bruder in der Kammer neben der Küche. Die anderen schliefen in der Küche, die beiden Brüder ihrer Mutter, die alte Mutter ihres Vaters und Johanna selbst. Es kam manchmal vor, dass irgendein Tagelöhner über Nacht blieb, oder jemand, der mit dem Postboot mitfahren wollte, und auch diese Besucher schliefen dann in der Küche, denn dort gab der Herd Wärme.

Jetzt war es spät im Herbst, und der Morgen war lang und dunkel. Johanna war während der Nacht aufgewacht und hatte auf den Sturm gehorcht, doch der hatte jetzt nachgelassen, und Johanna war erleichtert, da ihr Vater ja mit dem Postboot unterwegs war. Er wurde am Vormittag zurückerwartet, dann würde es wieder einen Monat dauern, bis er das nächste Mal hinaus musste.

Manchmal herrschte eine unruhige Stimmung, wenn er aufbrechen musste. Vater selbst zeigte sich nie beunruhigt. Johanna war sicher, dass er sich nie vor irgendetwas fürchtete. Nein, diejenige, die ängstlich war, war Johannas Mutter Maria. Sie sagte zwar nichts, aber Johanna spürte die gedrückte Stimmung. Ein einziges Mal hatten sie darüber gesprochen, und da hatte Maria zu ihrer Tochter gesagt, dass diese Unruhe die ewige Bürde der Frauen sei.

»Wir sind es, die warten und wachen müssen«, hatte Maria gesagt. »Wir Frauen haben das im Blut, wir, die wir zuhause bleiben, während die Männer ausfahren.«

Johanna hatte ihre Mutter nicht gefragt, was sie eigentlich damit meinte. Sie konnte nicht mit Worten ausdrücken, was sie dachte, aber sie fühlte, dass ihr Vertrauen entgegengebracht worden war, ihre Mutter hatte mit ihr gesprochen wie mit einer erwachsenen Frau, obwohl sie nur ein kleines Mädchen war. Damals war es zeitig im Frühjahr gewesen, das Eis auf dem Meer war noch nicht richtig aufgebrochen, und das Postboot hatte sich um mehrere Tage verspätet. Jetzt war wieder so eine unruhige Zeit.

Das erste graue Tageslicht drang durch das Fenster neben Johannas Schlafbank. Als sie die Schritte ihrer Mutter in der Küche hörte, drehte sie sich um, setzte sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

Onkel Filip schnarchte laut nebenan auf seiner Küchenbank.

Johanna stand auf, zog sich die Strümpfe, die Strickjacke und den Rock an. Ihre Mutter hatte inzwischen Feuer im Herd entfacht, die kleinen Stücke Birkenrinde, die Maria in die Glut gesteckt hatte, die vom Abend vorher noch da war, hatten schon Feuer gefangen.

»Der Wind hat sich gelegt«, murmelte sie, als sich Johanna neben sie hockte.

»Vater kommt wohl bald?«, fragte Johanna.

»Bestimmt kommt er bald«, antwortete Maria. »Würdest du bitte Wasser holen.«

Es war ein freundlicher Befehl, keine Frage. Johanna erhob sich sofort und ging hinaus. Sie blieb einen Augenblick stehen, atmete tief ein, betrachtete das graue Tageslicht, das durch die Espen, die ihr Laub verloren hatten, auf den Hofplatz fiel. Man konnte die Wellen vom Strand her hören, aber das war immer so gewesen, das Meer lag direkt hinter dem Gehölz, das Sausen der Kiefernwipfel und das Brausen der Wellen gegen die Felsen und Kiesstrände waren der ewige Gesang der Küste. Johanna achtete nicht auf diese ständige Musik. Wenn sie plötzlich verstummt wäre, vielleicht wäre ihr die Stille dann aufgefallen.

Nachdem sie zu Mittag gegessen hatten, kam die Sonne heraus. Johannas Großmutter Magdalena hatte ein Tischgebet gesprochen, das niemand von ihnen kannte, vielleicht hatte sie es selbst gemacht. Sie murmelte, als sie es sprach, aber Johanna verstand Wörter wie Trost, Gnade und Boot. Vielleicht handelte das Gebet von Seeleuten, Johanna meinte es zu verstehen.

Nachdem sie abgeräumt und die Teller abgewaschen hatten, wusste Johanna, dass die Mutter jetzt sagen würde, dass sie nun dem Vater entgegen gehen sollten, zu sehen, ob er gekommen sei, irgend so etwas. Sie fühlte, es war unvermeidlich.

»Willst du mitkommen?«, fragte Maria, als sie begann, sich ihren Schal um den Kopf zu binden. Johanna hatte sich schon angezogen. Sie lächelte ihrer Mutter zu, sagte jedoch nichts.

Sie gingen auf einem alten ausgetretenen Pfad durch den Wald nach Skatudden. Sie hielten sich im Schutz des niedrigen Strandwaldes, der Pfad schlängelte sich zwischen verkrüppelten Kiefern und Wacholderbüschen hindurch. Sie gaben einen guten Schutz ab gegen den starken Wind und das Schneetreiben während des Winters, wenn jemand die Anhöhe bei Skatudden aufsuchen und aufs Meer hinausschauen wollte. Die Postboote fuhren ja auch dann, wenn das Eis dünn war, wenn es lag, aber noch nicht trug. Trug es, wurden die Posttouren mit dem Schlitten gemacht, die Post musste immer ausgeliefert werden, es gab immer jemanden, der wartete, sich Sorgen machte, Ausschau hielt und nach Osten blickte. Skatudden war die Klippe der besorgten Frauen am Åländischen Meer.

Nach dem stürmischen Tag war der Himmel im Osten jetzt hell, die Sicht war gut, die Wellen hatten runde Kämme, der Wind hatte sich gelegt.

Maria und Johanna standen eine ganze Weile schweigend nebeneinander oben auf Skatudden. Sie konnten das Land auf der anderen Seite erahnen, einen dünnen abgebrochenen Landstreifen am Horizont, einzelne Inseln, ein großes Segelschiff weit im Südosten.

Sie hielten jedoch Ausschau nach einem kleinen Boot, einem unauffälligen Segel, einem Punkt auf der unendlichen Meeresfläche. Langsam ließ Johanna ihre Blicke am Horizont entlanggleiten, sie ließ sich Zeit, sie glich ihrer Mutter, ließ ihre Augen jeden Meeresmeter absuchen, jede noch so entfernte Welle, sie näherte ihren Blick dem Land, teilte das Meer in kleine Stücke, suchte, ohne zu finden.

Sie begann noch einmal von vorn. Aber sie fand kein kleines Boot. Trotzdem wollte sie nicht aufgeben.

»Wir sollten uns vielleicht im Posthaus in Grisslehamn erkundigen«, sagte Maria.

Johanna war noch nie im Posthaus gewesen. Es war ein großes und schönes Gebäude, hatte zwei Stockwerke, ein Mansardendach, eine hohe Steintreppe vor der Haustür, viele Räume. Es war wie ein Schloss. In den Märchen gab es Schlösser, das wusste Johanna, dieses Haus hier glich einem Schloss, so wie sie es sich vorstellte.

Sie gingen durch die Gartentür und bogen dann zum linken Flügel hin ab, der Waschhaus genannt wurde. Dort drinnen schien irgendeine Arbeit ausgeführt zu werden, man hörte scharrende Geräusche, so als ob etwas über den Boden rutschte.

Maria klopfte, aber niemand antwortete. Sie klopfte noch einmal, und als auch diesmal keine Antwort erfolgte, schob sie die Tür auf und schaute hinein. Ein Mann in einer dunkelblauen Uniformjacke und eine Frau in einem gestreiften Rock schoben einen großen Waschbottich über den Boden, sie wurden von dieser Tätigkeit voll in Anspruch genommen.

»Guten Tag, Entschuldigung«, rief Maria.

Der Mann blickte auf, nickte und setzte seine Arbeit fort. Maria wartete, Johanna war draußen vor der Tür stehen geblieben. Endlich schien der Bottich an seinem Platz zu sein, denn sowohl der Mann als auch die Frau blickten Maria an.

»Ich bin Maria vom Hof Nygården«, sagte sie, »mein Mann ist Nils Nygren, der erste Mann auf dem Postboot.«

»Ah ja, dann weiß ich«, sagte der Mann.

»Wir kennen uns ja«, sagte die Frau in dem gestreiften Rock.

»Ja, natürlich, du bist doch Birgitta Olsdotter aus Tomta?«

»Das ist richtig, ich arbeite jetzt hier, meistens in der Küche, aber ich verrichte auch einen Teil anderer Arbeiten wie die Wäsche hier. Wir haben gerade einen neuen Waschbottich aufgestellt, das war ziemlich schwer, aber Sigurd ist stark.«

Sie lächelte dem Mann in der blauen Jacke zu, und er lächelte zurück, es war ein kurzes, schiefes Lächeln. Johanna fand, dass er etwas verlegen aussah, so wie der jüngere der beiden Brüder ihrer Mutter aussehen konnte, wenn er gelobt wurde.

»Wir kommen, um nachzufragen, ob man etwas von dem Postboot gehört hat«, sagte Maria.

»Am besten sprichst du mit dem Postmeister«, antwortete Birgitta. »Geht in den Flur und klopft dort an die rechte Tür«.

»Kann ich das denn einfach tun, störe ich nicht?«, fragte Maria.

»Nein, das ist ja dienstlich, dein Mann ist ja Postmann, frag nur.«

Maria tat, was ihr gesagt worden war, doch sie klopfte sehr zögernd an die Tür.

Sie kamen in ein großes helles Zimmer mit hoher Decke. Johanna bemerkte einen grünen Kachelofen, ein mit Büchern gefülltes Regal, Stühle mit geschwungenen Beinen, Kerzenleuchter. Sie hätte sich alle diese seltsamen Dinge gerne länger angeschaut, aber dazu war keine Zeit, denn der grauhaarige Mann, der Postmeister genannt wurde, erhob sich von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch. Er ging auf Maria zu, gab ihr die Hand und machte eine ganz leichte Verbeugung, gab dann auch Johanna die Hand. Maria machte einen Knicks, Johanna tat es ihr nach.

»Ich verstehe euer Anliegen«, sagte er und sah jetzt sehr ernst aus.

»Weiß man etwas über das Boot?«, wollte Maria wissen. »Wir haben heute Vormittag eine Nachricht über die Telegrafenstation erhalten«, antwortete der Postmeister. »Eine Nachricht … ja, heute Vormittag ist das gewesen.«

Der grauhaarige alte Mann nickte, runzelte die Stirn, offenbar versuchte er zu verbergen, dass er gerade im Begriff war, etwas zu sagen, sich jedoch mitten im Satz eines anderen besonnen hatte.

»Wir warten noch auf weitere Information«, sagte er.

»Ja, dann danken wir.«

Der Postmeister reichte Maria wieder die Hand und betrachtete dann Johanna mit einem traurigen Lächeln.

»Mein kleines Mädchen«, murmelte er.

Er begleitete seine beiden Gäste in den Flur hinaus, öffnete die Haustür, stand einen Augenblick da, ehe er sie wieder zumachte.

Als Maria und Johanna über den Hofplatz gingen, wurden sie von Birgitta Olsdotter eingeholt.

»Habt ihr etwas erfahren?«, wollte sie wissen.

»Nein, wir kommen heute Abend oder morgen Vormittag wieder«, antwortete Maria.

»Wenn du willst, kann das Mädchen hierbleiben und warten«, schlug Birgitta vor. »Ich kümmere mich unterdessen um sie.«

Gottvertrauen

Johanna saß auf der Holzbank drinnen im Waschhaus. Unter dem Waschkessel brannte das Feuer, ein kleiner, rußiger Wasserkessel mit Deckel und Pfeife stand auf einem Dreifuß und wurde von der Glut der kleinen Feuerstelle in der Kaminwand erwärmt. Birgitta stand hinter dem Waschtrog, der Dampf wärmte, kräuselte aber zugleich auch ihre Haare, auf ihrer Stirn hatten sich Schweißtropfen gebildet.

»Wir machen uns jetzt eine Tasse Kaffee, das haben wir verdient, nicht wahr«, flüsterte sie.

Johanna lächelte, doch sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie hatte noch nie Kaffee getrunken und konnte sich nicht richtig entscheiden, ob sie dieses seltsame Getränk, von dem sie schon gehört hatte, mögen würde.

»Du trinkst doch Kaffee!?«, flüsterte Birgitta.

»Ja, danke«, antwortete Johanna.

»Mit Zucker«, sagte Birgitta.

Sie öffnete einen Wandschrank hinter der Waschbütte, nahm zwei etwas angeschlagene Tassen heraus, ein kleines Papierpäckchen und einen Löffel. Sie legte das Päckchen neben Johanna auf die Bank und wickelte es aus. Es enthielt eine flache Dose und ein Stück Zucker. Birgitta öffnete die Dose und hielt sie Johanna hin.

»Riech mal«, flüsterte sie.

Johanna schaute in die Dose und sah dort etwas, das sie an zusammengeklebte kleine schwarze Graupen erinnerte. Sie sog vorsichtig die Luft ein. Der Duft war stark, er stach ihr in die Nase, und sie zog den Kopf wieder ein wenig zurück.

»Siehst du«, sagte Birgitta, »das ist wie ein kleines Abenteuer, gefährlich und herrlich zugleich.«

Johanna nickte, sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

»Das hier bleibt unter uns beiden«, murmelte Birgitta.

Johanna nickte wieder. Birgitta begann, den Kaffee zu kochen. Vorsichtig schüttete sie einen Teil der schwarzen Körner in den Kessel, schob die Glut mit dem Feuerhaken etwas zusammen und setzte den Kessel auf den Dreifuß über dem kleinen Gluthaufen.

»Es gab eine Zeit, als uns die Herren in Stockholm verboten hatten, Kaffee zu trinken«, flüsterte Birgitta. »Reuterholms Spione konnten kommen und den, der Kaffee kochte, gefangen nehmen.«

»Verboten, warum denn?«, wollte Johanna wissen, und jetzt flüsterte sie ebenfalls.

»Keine Ahnung«, sagte Birgitta. »Die denken sich alles Mögliche aus, aber man muss gehorchen, auch heutzutage gibt es Polizisten und Spione. Dieser Reuterholm soll verschwunden sein, aber der neue König ist auch nicht so leicht zu verstehen. Man spricht auch von einem neuen Kaffeeverbot, aber darum kümmern wir uns nicht. Die Hausfrau hier trinkt auch Kaffee, wenn es keiner sieht.«

Das Wasser kochte. Birgitta nahm den Kessel herunter, gab ein paar Tropfen kaltes Wasser hinzu, ehe sie eingoss. Dann nahm sie das kleine Zuckerstück, wickelte es in ein Stück Stoff und zerstieß es mit dem Stiel eines hölzernen Löffels, wickelte das Tuch wieder aus und sammelte den zerstoßenen Zucker in ihrer hohlen Hand.

»Hier, nimm das, er wird dann nicht zu bitter«, sagte sie und schüttete die Hälfte des Zuckers in Johannas Tasse. »Und trink vorsichtig, verbrenn dich nicht, puste.«

Johanna wartete, bis Birgitta getrunken hatte, dann machte sie es genauso, schlürfte und schluckte. Der Kaffee war stark und bitter und kratzte im Hals.

»Riech, mach die Augen zu und trink langsam«, sagte Birgitta. Sie hatte aufgehört zu flüstern. Vielleicht hatte der Kaffee ihre Vorsicht verjagt.

»Merkwürdig«, murmelte Johanna.

»Was ist merkwürdig?«

»Es zieht in den Kopf, mir wird irgendwie schwindelig.«

»Genau, es wird einem ein bisschen leicht zumute von dem Duft. Wir Frauen können das Vergnügen genießen, die Männer verstehen nichts vom Kaffee, sie saufen stattdessen ihren elenden Branntwein.«

Johanna hatte nur an dem Kaffee genippt. Die Tasse war nicht groß, trotzdem hatte sie die Hälfte noch übrig. Sie nahm noch einen kleinen Schluck. Sie hatte gesehen, dass Birgitta hin und wieder mit dem Löffel in ihrer Tasse rührte. Jetzt tat sie das ebenfalls. Sie erwischte ein Stückchen Zucker am Boden der Tasse, das sich nicht aufgelöst hatte. Nachdem sie es verrührt hatte, schmeckte der Kaffee weniger bitter.

Wir Frauen, hatte Birgitta gesagt.

»Hast du noch irgendetwas von dem Boot gehört?«, fragte Johanna.

»Ja, vielleicht.«

»Und was hast du gehört, Birgitta?«

»Dass die Leute ein gekentertes Boot gesehen haben.«

»Wo denn?«

»Vor Signilskär, sie haben es von der Telegrafenstation aus gesehen, da haben sie ja Feldstecher. Sie haben gesehen, dass das Boot voll Wasser im Meer herumtrieb, aber Menschen haben sie nicht gesehen.«

»War es das Postboot, das sie gesehen haben, waren sie sich dessen sicher?«

»Ja, sie haben gesagt, dass sie sicher seien.«

»Aber keine Menschen?«

»Nein, das Boot war voll Wasser und ohne Besatzung.«

»Sie sind bestimmt irgendwo bei einer Insel an Land geschwommen, sie sind sicher davongekommen, Vater ist ein guter Schwimmer, das habe ich selbst gesehen.«

Birgitta schlug die Augen nieder und saß eine Weile schweigend da.

»Ja, so ist es wohl gewesen«, sagte sie. »Sie sind irgendwo an Land geschwommen und kommen bald zurück.«

Als Johanna über den Hofplatz vor dem Posthaus ging, war sie davon überzeugt, dass ihr Vater es geschafft hatte. Und als sie an der kleinen Holzbrücke an dem Graben, der zur Sköthusbucht führte, angelangt war, blieb sie einen Augenblick stehen, lehnte sich an das Brückengeländer und blickte hinunter auf die schwarze Wasserfläche und hin zu den alten Schuppen, in denen einige der Bauern aus dem südlichen Teil von Grisslehamn ihre Boote liegen hatten. Es sah friedlich aus, alles wirkte geordnet und unbeschwert.

Sie hatte den halben Weg nach Byholma zurückgelegt, als sie bemerkte, dass ihr jemand über den Acker rechts von Västergården entgegenkam. Es war dunkel, aber sie glaubte, denjenigen, der da herankam, an seinem Gang erkennen zu können. Sie verlangsamte ihre Schritte und ließ den vorläufig noch Unbekannten näher kommen. Als er noch ungefähr zehn Meter von ihr entfernt war, sah sie, dass es Ruben war, der jüngere der beiden Brüder ihrer Mutter.

»Hast du etwas erfahren?«, fragte er.

»Man hat das Boot gesehen«, antwortete Johanna. »Die Männer sind noch nicht da, wahrscheinlich sind sie zu einer der Inseln in der Nähe von Signilskär geschwommen.«

»Lass uns hoffen und glauben«, sagte Ruben.

Mehr wurde zunächst nicht gesagt. Ruben ging langsamer, sie gingen nebeneinander auf dem dunklen Weg.

»Wie am See Genezareth«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Als Jesus den Sturm sich legen hieß und über das Wasser ging. Alles ist für uns möglich, wenn wir nur glauben.«

»Und als er tausenden von Menschen Speise gab, das war auch am See von Genezareth«, sagte Johanna.

»Gottvertrauen«, sagte Ruben, »handelt von Überzeugung und von der Hoffnung, die nicht stirbt. Auch die Jünger waren ja Fischer.«

»Ich weiß, dass er lebt«, sagte Johanna.

»Wir können heute Abend ein wenig lesen, wenn du willst.«

»Ja, das können wir.«

Ruben hatte Johanna das Lesen gelehrt. Die Bibel war ihr erstes Lesebuch gewesen. Sie hatten jedoch nur im Neuen Testament gelesen und meist über das, was sich am See Genezareth zugetragen hatte. Sie erkannten sich selbst wieder in den Geschichten über Boote und Fischerei, die einfachen Menschen, die täglichen Einschränkungen, das war ihr eigenes Leben.

Als Johanna und Ruben nach Hause kamen, hatten die Hofleute schon zu Abend gegessen. Maria stellte Brot und Milch für die Tochter heraus, setzte sich mit ihr vor den Herd, wo das Feuer glühte und wo ein geteerter Span brannte und etwas Licht in der Küche verbreitete.

Johanna wiederholte, was sie schon mehrfach erzählt hatte. Ihr Vater war an Land geschwommen, hatte sich auf eine der Inseln gerettet, es war nur eine Frage der Zeit, bis man im Posthaus benachrichtigt wurde. Sie war sich ihrer Sache ganz sicher, sie berichtete mit Überzeugung, und ihre Mutter glaubte, dass die Rettung sogar auf irgendeine Weise bezeugt worden war, dass Johanna etwas erfahren hatte, was Anlass zu Hoffnung gab. Das mit Wasser vollgelaufene Postboot geriet in den Hintergrund, das, was eigentlich eine Bestätigung für das Unglück war, wurde jetzt eher zu einem Beweis dafür, dass es den Männern wirklich gelungen war, sich zu retten. Das Boot war ja leer, also musste sich die Besatzung irgendwo anders befinden.

Am Abend lasen Ruben und Johanna aus dem Matthäusevangelium vor, über die Wunder am See von Galiläa. Sie wechselten sich im Vorlesen ab, die Übrigen in der Küche hörten zu.

Es war dunkel im Haus, aber Maria hatte Holz in das Feuer im Herd gelegt, und die Flamme erhellte den Raum. Johanna saß mit der Bibel direkt neben dem Herd, sie ließ die zuckenden Flammen auf die geöffneten Buchseiten fallen. Sie las langsam, betonte Silbe für Silbe.

»Als Jesus am Ufer des Sees von Ga-li-lä-a entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, seinen Bruder, wie sie das Netz in den See warfen; sie waren nämlich Fischer.«

Als Johanna fertig war, saß sie eine Weile schweigend da. Der ältere der beiden Brüder ihrer Mutter, Filip, war eingeschlafen; er schnarchte leise vor sich hin, er hatte Branntwein getrunken. Das tat er jeden Tag. Auch Ruben trank, aber er wurde dann lustig und sang Lieder. Wenn Filip trank, wurde er böse und müde. Johanna ging ihm lieber aus dem Weg, wenn der Vater nicht zuhause war. Es war natürlich der Vater, der auf dem Hof Nygården das Sagen hatte, die unverheirateten Brüder der Mutter waren als Tagelöhner gekommen, wurden jedoch Familienmitglieder, als ihre Schwester in den Hof einheiratete.

Jetzt schnarchte Filip auf seiner Schlafbank, er lag mit offenem Mund auf dem Rücken. Er seufzte ein paar Mal tief auf, wischte sich mit der Hand über den Mund, ohne aufzuwachen, drehte sich auf die Seite und wurde ein wenig leiser.

»Wie groß ist der See Genezareth?«, fragte Johanna. »Ist er so wie das Åländische Meer?«

»Ich weiß es nicht genau«, antwortete Ruben, vielleicht ist er kleiner, denn es ist ja ein See.

»Aber Jesus ist jedenfalls quer darübergegangen«, sagte die Großmutter.

»Vielleicht nicht ganz drüber«, sagte Ruben.

»Er machte, was er wollte, der See war für ihn kein Hindernis. Aber auch die Russen haben sich von dem Meer nicht abhalten lassen, als sie herübergekommen sind«, meinte die Großmutter.

»Das war wohl etwas anderes«, sagte Maria.

»Warum hat Gott die Russen nicht daran gehindert«, sagte die Großmutter. »Für Gott ist doch alles möglich, und trotzdem konnten die Russen herkommen und hier alles verwüsten, ganz Singö haben sie brachgelegt, diese Gottlosen. Ich weiß es, denn meine eigene Mutter war dabei, als sie ein kleines Mädchen war.«

»Was haben die Russen denn mit ihr gemacht?«, wollte Johanna wissen.

»Sie musste zusehen, wie sie die Höfe niedergebrannt und alle Tiere geschlachtet haben, auf Singö stand kein einziges Haus mehr. Sie haben den Leuten die Kleider vom Leib gerissen, so dass sie mitten im Winter völlig nackt im Wald leben mussten. Das ist passiert, nachdem König Karl gestorben war, und es kann wieder passieren. Kürzlich erst standen wir mit den Russen im Krieg, und sie werden sich sicher dafür rächen wollen, dass König Gustav ihre Kriegsschiffe zerschossen hat.«

In der Küche war es wieder still. Sie hatten Großmutter Magdalena schon oft über die Verwüstungen, die die Russen angerichtet hatten, erzählen hören, aber sie wurden jedes Mal wieder unangenehm berührt, denn alle wussten, dass die Russen nicht weit weg waren. Und jetzt herrschte in Europa ja wieder Unfriede. Die großen Länder befanden sich miteinander im Krieg. Konnte Schweden sich dieses Mal heraushalten?

Es war warm in der Küche, doch Maria legte trotzdem zwei trockene Scheite Birkenholz auf das verglimmende Feuer, um die Wärme über Nacht zu halten und um Glut für das Feuer am nächsten Morgen zu haben. Die Großmutter hatte sich schon in ihr Bett ganz hinten in der Küche neben der Kammer gelegt, der kleine Bruder Lars war aufgeblieben und hatte zugehört, aber er war dann, den Kopf an die Knie seiner Mutter gelehnt, eingeschlafen. Jetzt weckte sie ihn, er war zu schwer, um in die Kammer getragen zu werden, wo er neben den Eltern schlief.

Lars war sechs und ziemlich klein für sein Alter. Johanna hatte versucht, ihm die Buchstaben beizubringen. Er machte Fortschritte, zeichnete mit Holzkohle und schrieb kurze Wörter auf flache Steine, die er am Strand gesammelt hatte. Einige dieser Steine hatte er auf dem Hof in einer Reihe ausgelegt. Wenn es regnete, wurden die Steine abgewaschen, aber bald hatte Lars neue Wörter darauf geschrieben, die allerdings oft nicht leicht zu deuten waren. Johanna war diejenige, die am besten verstand, was Lars sagen wollte.

Jetzt war Lars aufgestanden, er rieb sich die Augen und stolperte nach draußen, um Wasser zu lassen, ehe er sich hinlegte. Johanna folgte dem Bruder, er stand an der Hauswand, und sie machte einen Bogen um ihn herum, ging weiter in die Büsche, wo sie sich hinhockte.

Lars stand immer noch da, als sie zurückkam. Er ergriff ihre Hand, und sie merkte, dass er hier draußen noch etwas sagen wollte, ehe sie wieder hineingingen.

»Ist es sicher?«, fragte er.

»Ja, es ist ganz sicher«, antwortete Johanna.

»Woher weißt du das?«

»Ich fühle es, und ich vertraue auf Vater, er verlässt uns nicht.«

Lars drückte Johannas Hand. Er glaubte seiner Schwester, sie hatte für gewöhnlich recht, wenn sie sagte, dass sie das richtige Gefühl habe.

Sie würde nie die Unwahrheit sagen.

Wörter über das Meer

Der Morgen war kalt. Johanna erwachte, ehe es richtig hell geworden war, sie stand auf und fachte das Herdfeuer an, begann die Dinge hervorzuholen, die zum Frühstück gehörten, die Schalen für die Milchsuppe, Brot und Salz.

Als sie nach Grisslehamn zum Posthaus aufbrach, wurde es endlich hell. Sie hatte ihre Mutter gefragt, und sie waren sich einig: Es war am besten, wenn Johanna allein ging, sie hatte Birgitta kennengelernt und war gut behandelt worden. Jetzt galt es, mehr in Erfahrung zu bringen.

Im Waschhaus war niemand zu sehen. Johanna klopfte; als sie keine Antwort erhielt, öffnete sie die Tür, aber es war niemand dort.

Dann ging sie zu dem großen Haus hinüber; vielleicht gab es dort einen kleinen Seiteneingang. Sie suchte, fand jedoch keine Tür. Sie kehrte um, zögerte, sollte sie es wagen, am Haupteingang zu klopfen?

Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis geöffnet wurde. Birgitta stand da, lächelte und bedeutete Johanna hereinzukommen.

»Komm nur, hab keine Angst«, rief sie, »hier den Weg in die Küche, du bist eingeladen, komm nur.«

Johanna trat ein, Birgitta gab ihr einen leichten Klaps auf die Wange, das war ungewohnt für Johanna, denn zuhause berührte man einander nicht auf diese Art.

Sie gingen durch eine weitere Tür nach links und gelangten in die Küche. Doch dies war eine andere Art von Küche als die, die Johanna von den alten Höfen in Byholma her kannte. Dort aß man in der Küche, kam zusammen, arbeitete und schlief, weil es dort warm war. Diese Küche jedoch diente nur der Zubereitung von Speisen. Das Posthaus verfügte über ein besonderes Speisezimmer, oft übernachteten auch Reisende im Haus. Viele Leute wurden hier verköstigt; dafür sorgten die beiden Hausmägde. Johanna hatte Birgitta ja schon kennen gelernt, jetzt traf sie auch Laura Persdotter, die ältere der beiden Mägde.

»Ich habe schon von dir gehört«, sagte Laura, während sie Johanna die Hand hinstreckte.

Johanna knickste und wusste nicht, was sie sagen sollte. Laura war im selben Alter wie Johannas Mutter, sie trug eine hellblaue Bluse und eine dunkelblaue Schürze über dem langen grauen Rock. Sie lächelte nicht, als sie Johanna begrüßte, sah ihr jedoch in die Augen, hielt ihre Hand einen Augenblick fest.

»Herzlich willkommen«, sagte sie und klang jetzt etwas freundlicher.

»Danke«, war alles, was Johanna herausbrachte.

»Wie alt bist du?«, fragte Laura.

»Nach Neujahr werde ich vierzehn«, antwortete Johanna.

»Für dein Alter bist du recht groß.«

Johanna lächelte, knickste etwas, sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

»Du kannst mit mir hinauf zur Telegrafenstation gehen«, sagte Birgitta, »ich muss nachher mit dem Essen für die beiden Telegrafisten dorthin, dann kannst du fragen, ob weitere Nachrichten über das Postboot, die Männer und deinen Vater eingetroffen sind.«

»Irgendetwas haben sie bestimmt erfahren«, sagte Laura.

»Es ist ein klarer Morgen, die Sicht scheint gut zu sein«, sagte Birgitta.

»Schaut nach den Kachelöfen, ehe ihr geht«, sagte Laura. Johanna begleitete Birgitta hinaus zum Holzschuppen, der unterhalb des Waschhauses lag. Das zersägte Birkenholz war schon gespalten und geschichtet, sie nahmen jeder eine Last Holz und gingen in das große Haus zurück. Sie begannen im Kontorraum. Der Postmeister saß hinter seinem Schreibtisch, ein anderer Mann saß ihm gegenüber auf einem herangezogenen Stuhl, sie unterhielten sich über irgendetwas und beachteten die Holz bringenden Dienerinnen nicht; später erfuhr Johanna, dass der Besucher der Postschaffner Anders Nyström war.

Johanna stand ganz still da. Sie betrachtete den Kachelofen, die merkwürdigen grün schimmernden Fliesen, die in allen Farben schillernde Spiegelfläche, die ihr eigenes Gesicht verzerrt wiedergab, die Möbel im Raum, das Fenster. Sie berührte die glatte Fläche mit den Fingerspitzen, es fühlte sich an wie Eis oder Glas, jedoch glatter und gleichzeitig etwas unwirklich.

Der Postmeister hob den Blick und bemerkte die Frauen. Er lächelte Johanna zu, nickte, ohne etwas zu sagen, und setzte seine Unterhaltung mit dem Mann am Schreibtisch fort.

Sie holten noch mehr Holz, trugen es hinein zu den übrigen Kachelöfen im Haus, in den Schlafzimmern, im Esszimmer, im Raum, in dem die drei Kinder des Hauses mit ihrer Lehrerin saßen. Die Kinder betrachteten Johanna neugierig, die sowohl vor der Lehrerin als auch vor den Kindern einen Knicks gemacht hatte. Es waren zwei Mädchen von vielleicht neun oder zehn Jahren und ein Junge von etwa sieben. Er lachte auf, als Johanna knickste, und sie merkte, dass sie etwas falsch gemacht hatte.

»Kinder, wir machen jetzt weiter«, sagte die Lehrerin.

Ihre Schüler gehorchten sofort; sie widmeten sich wieder ihren Aufgaben. Johanna konnte weißes Papier und Tintenfässer erkennen, sie hörte das kratzende Geräusch, als drei Gänsefedern langsam schwere Buchstaben formten, Schnörkel und Grundstriche. Sie meinte, den Geruch von Tinte, Kenntnissen und Einsichten spüren zu können, es war eine andere Welt als ihre eigene.

Hinter der Gartentür bogen sie nach links ab, folgten dem Pfad zwischen den Ahornbäumen nach oben in den Wald, erhaschten einen Blick auf das Meer, gingen den kurzen Sandstrand entlang, ehe die Steigung zum Aussichtsberg begann.

Das letzte Stück war richtig steil. Und dort oben auf einem kleinen Felsen lag die Telegrafenstation. Johanna erblickte ein seltsames Gebäude. Eine kleine Hütte mit vier groben Masten, die aus dem Dach ragten; sie waren hoch, mit Seilen nach allen Richtungen hin befestigt. Oben zwischen den Masten befanden sich Reihen aus großen viereckigen Platten, und von diesen Platten aus verliefen dünne Drähte durch Löcher im Dach der Hütte nach unten.

Drinnen gab es ein sehr kleines Fenster, der Raum war nur notdürftig erhellt. Johanna sah, dass dort ein Mann auf einem Stuhl saß. Er hatte sein Gesicht gegen etwas gepresst, das aus der Wand ragte, gegen ein blankes Rohr, und er hielt ein Auge gegen einen Ring gedrückt, der sich am Ende des Rohrs befand.

»Willkommen«, murmelte der Mann, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen.

»Ich habe Johanna Nygren mitgebracht«, sagte Birgitta. »Sie ist bei uns zu Besuch.«

»Willkommen, Johanna«, sagte der Mann.

»Danke.«

»Ich heiße Sven Niklasson.«

»Kannst du etwas erkennen?«, fragte Birgitta.

»Die Sicht ist ausgezeichnet«, antwortete Sven. »Ich habe heute schon einige Mitteilungen empfangen, und es kommen sicher noch mehr.«

»Johannas Vater war mit auf dem Postboot, das in den Sturm geraten ist«, sagte Birgitta.

»Hmm«, murmelte Sven.

Birgitta begann, die mitgebrachten Speisen aus dem Korb zu nehmen. Sie stellte sie auf einen kleinen Wandtisch im Raum.

»Möchtest du einmal gucken?«, fragte Sven.

Johanna antwortete nicht, da sie glaubte, Sven spreche mit Birgitta. Als Birgitta nicht reagierte, war sie zunächst erstaunt und dann etwas unschlüssig.

»Komm«, sagte Sven und winkte mit der Hand in Johannas Richtung. Sie ging zu Sven. Er fasste sie an der Schulter, rutschte etwas von dem Rohr weg, das aus der Wand ragte, schob sie näher heran und zeigte darauf.

»Schau in das Fernrohr«, sagte er.

Johanna setzte sich auf den Stuhl, streckte sich etwas, um auf gleicher Höhe mit dem Fernrohr zu sein, drückte ihr Auge vorsichtig gegen den Ring, sah etwas Verschwommenes, Flimmerndes, Unverständliches.

»Was siehst du?«, fragte Sven.

»Ich weiß nicht.«

»Warte einen Augenblick, es wird langsam deutlicher, es dauert immer eine Weile, wenn man nicht daran gewöhnt ist.«

Johanna wartete, sah das, was undeutlich gewesen war, jetzt etwas weniger verschwommen. Die Konturen wurden deutlicher, ein Bild trat hervor, kleine Vierecke in Reihen übereinander, verschwommen, um sie herum zitterte es, aber sie sah auf jeden Fall etwas.

»Wie viele Vierecke kannst du erkennen?«, fragte Sven.

Johanna zählte langsam, zählte noch einmal.

»Fünf Stück«, sagte sie.

»Und wie sind sie zueinander angeordnet?«

»Rechts stehen zwei übereinander, unten in der Mitte ist eines, und zwei mit einem kleinen Loch in der Mitte befinden sich auf der linken Seite.«

»Ausgezeichnet«, sagte Sven. »Du hast deine erste Beobachtung gemacht, mein Mädchen, du kannst dich jetzt Signalistin nennen, wenn du willst.«

Er schob Johanna beiseite, nahm ihren Platz ein und saß eine Weile schweigend da.

»Ja, es stimmt, was du gesagt hast«, sagte er dann, »jetzt werde ich denen auf Signilskär mitteilen, dass wir ihre Nachricht erhalten haben.«

Sven verließ seinen Platz am Fernrohr, ging quer durch den Raum zu einer Stelle, an der ein ganzes Bündel Drähte aus den kleinen Löchern im Dach kam. Die Drähte waren an Tasten befestigt, Holzklappen und Rahmen, ganz hinten befand sich ein großer eiserner Griff.

Sven drückte langsam einige der Tasten nach unten, dann noch ein paar. Als er die Einstellungen beendet hatte, drückte er den Griff mit dem Fuß hinunter. Die Tasten wurden alle gleichzeitig gestreckt, von oben kamen Geräusche, die sich anhörten, als ob ein Bündel Holzstücke gegeneinander geschlagen wurde, schnell, dann war es wieder still.

»Jetzt wissen sie, dass wir ihre Nachricht erhalten haben«, sagte Sven, »ich habe dieselbe Botschaft zurückgesendet, das macht man so. Jetzt werden wir sehen, ob noch mehr kommt.«

Er ging wieder zurück zu seinem Fernrohr, drückte das Auge gegen den Ring, atmete durch die Nase. Johanna konnte seine langsamen, zischenden Atemzüge hören.

»Das kann dauern,« murmelte Sven. »Die Signalarbeit besteht hauptsächlich aus Warten, Stunde um Stunde.«

»Wie lange kannst du denn hier sitzen, ohne dass dir die Augen weh tun?«, wollte Johanna wissen.

»Wir sind hier zwei Leute, die einander abwechseln. Harald kommt jeden Augenblick zurück, er ist nur für einen Moment nach draußen gegangen.«

»Weißt du etwas über das Postboot?«, fragte Johanna. »Sie haben es geborgen, aber Menschen waren nicht an Bord, das ist alles, was ich weiß. Die Tasche war noch da, die Post war feucht, aber unbeschädigt.«

»Vater hat sich in Sicherheit gebracht«, sagte Johanna voller Überzeugung.

»Lass es uns hoffen.«

Sven sah müde aus oder eher betrübt.

Als sie zurückgingen, war es windig, die niedrigen Wipfel der Kiefern schwankten hin und her.

Johanna wandte sich um und betrachtete das Telegrafenhäuschen. Jetzt sah sie auch das Fernrohr, das herausragte und in eine Holzverkleidung eingebaut war. Es war erstaunlich, wie weit man mit dem Fernrohr sehen konnte. Die Telegrafenstation auf Signilskär war von hier aus mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen, aber mit Hilfe des Fernrohrs konnte man die Zeichen auf der Signaltafel dort deuten.

Sie gingen schweigend nebeneinander her. Johanna hatte noch die kleinen, zitternden Vierecke vor Augen, die sie durch das Fernrohr gesehen hatte.

Es waren Zeichen, und sie erzählten etwas, was nur der Eingeweihte verstehen konnte; es erinnerte an Wörter in einem Brief, allerdings auf eine andere Weise, diese Wörter flogen über das Meer wie nichts, so als ob es keine Entfernung gäbe. Es war schwindelerregend, es war kaum zu verstehen, obwohl sie es mit eigenen Augen gesehen hatte.

Als sie ins Posthaus zurückgekommen waren, setzten sie sich wieder in die Küche.

»Du hast gesagt, dass du bald vierzehn wirst«, sagte Laura.

»Ja, zwei Wochen nach Neujahr«, antwortete Johanna.

»Wir brauchen im Posthaus eine Kleinmagd, wäre das etwas für dich?«

Johanna wusste nicht, was sie antworten sollte, Arbeit, richtige Arbeit, vielleicht bezahlte, eigenes Geld. Es kam viel auf einmal auf sie eingestürmt.

Sie sind wie wir

Als Johanna das Posthaus verließ, hatte es sich eingetrübt, und der Wind wehte vom Meer her. Sie steckte die Hände in die Ärmel ihrer Jacke, ballte die Fäuste zusammen, ging mit gesenktem Kopf und hatte das Umschlagtuch bis unter das Kinn gezogen. Sie ging zum Hafen hinunter.

Ein Stück vom Strand entfernt standen drei Männer um ein umgedrehtes Boot herum. Sie bearbeiteten den Kiel, hämmerten und schlugen. Johanna blieb in einiger Entfernung stehen und sah zu. Einer der Männer nickte, sie kannte ihn, es war Magnus Eriksson vom Hof Södergården in Byholma. Die anderen waren ihr unbekannt, sie nahm an, dass es die Postzusteller aus Tomta, dem nächsten Dorf südlich von Grisslehamn, waren.

Der Bootskiel bestand aus einer langen, breiten Planke, die mit einer Eisenschiene beschlagen war. Johanna hatte solche Boote schon gesehen, sie wusste, dass es ein Eisboot war. Sie brachten es wohl für den Winter in Ordnung.

»Habt ihr etwas gehört?«, fragte Johanna.

»Nein, nichts Neues«, antwortete Magnus vom Hof Södergården.

»Ja, das war ja dein Vater«, murmelte einer der Männer aus Tomta.

»Er war ein tüchtiger Mann«, sagte der andere.

Sie drehten das Boot um. Es hatte niedrige Freiborde, der Steven war mit Blech verstärkt.

Er war ein tüchtiger Mann, hatte der eine gesagt, aber Johanna machte sich nicht die Mühe, ihm zu widersprechen. Die Schweine befanden sich noch draußen in einem Pferch, die alte Sau und drei Ferkel. Es war Johannas Aufgabe, sie bis zur Schlachtung zu versorgen, zuzusehen, dass sie zu fressen hatten; das bedeutete, Wasser in den Trog zu schütten, wenn es nicht regnete, und Futter im Spätherbst, wenn sie sich nicht mehr selbst von dem ernähren konnten, was sie aus der Erde wühlten.

Jetzt harkte sie unter den Eichen unten an der Heuwiese. Sie sammelte Eicheln und Eichenblätter in Haufen zusammen, füllte sie in einen Spankorb und wenn der Korb halbvoll war, trug sie ihn nach Hause. Der Boden war lehmig, ihre Schuhe wurden nass, die langen braunen Strickstrümpfe wärmten kaum, wenn sie feucht waren.

Sie leerte den Korb in der Scheune aus; dort gab es eine Bütte mit einem Holzdeckel für das Schweinefutter: Laub, Kartoffelschalen, Erbsenschoten, Dinge, die übrig blieben und die trotzdem verwendet werden mussten.

Als der letzte Korb ausgeleert war, legte sie den Deckel auf und blieb einen Augenblick stehen, um sich auszuruhen. Da hörte sie, wie sich jemand hinter ihr in der Dunkelheit bewegte. Sie wandte sich um, erkannte den Geruch und wusste, dass es Filip war. Sie trat einen Schritt zurück, er kam auf sie zu und packte sie am Handgelenk, war ganz nahe, er roch ungewaschen, und der Branntweingestank schlug ihr entgegen.

Sie zog und zerrte, und es gelang ihr, sich loszureißen. Sie machte schnell ein paar Schritte rückwärts zur Tür hin, drehte sich um, lief über den Hofplatz und machte nicht eher Halt, als bis sie die Haustür erreicht hatte.

Den Rest des Tages versuchte sie, ihm auszuweichen.

Abends gab es gebratenen Salzhering und Roggenbrot, Johanna und ihr Bruder tranken Milch, die Älteren tranken Wasser, die Brüder ihrer Mutter einige Schnäpse, und sogar die Großmutter nippte etwas am Branntwein. Johanna spürte wieder den ekelhaften Geruch, den Filip, der ihr gegenübersaß, verbreitete. Der Tisch war schmal und lang, und sie waren nur einen guten Meter voneinander getrennt. Er sah sie an, glotzte, und obwohl sie den Blick auf den Tisch geheftet hatte, wusste sie, wie seine dunkelbraunen, schadhaften Zähne aussahen, wenn er damit die Essensreste einsaugte, diesem Geräusch konnte sie nicht entgehen, auch wenn sie nicht hinsah.

Ruben saß auf derselben Seite des Tisches wie Johanna. Der Platz rechts am Kopfende war leer, das war Vaters Platz. Johanna blickte mehrere Male zum Platz des Vaters hin, und Filip beobachtete sie dabei.

»Er kommt nicht mehr«, sagte er.

»Das weißt du doch nicht.«

Johannas Antwort kam schnell, sie sprach mit lauter, scharfer Stimme, betonte jedes Wort.

»Einbildung«, murmelte Filip.

Mehr wurde diesmal nicht gesagt. Johanna fühlte einen Hass in sich aufsteigen, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Sie blickte hinunter auf ihren Teller und wusste, dass Filip grinste. Alle saßen stumm da. Nach einer Weile brach Ruben das Schweigen.

»Wir werden eines der Ferkel schon jetzt schlachten«, sagte er.

Johanna warf einen verstohlenen Blick auf Lars. Sie wusste, dass ihr kleiner Bruder das Schlachten nicht mochte. Im letzten Jahr hatte er sich gedrückt, aber das hatte nur Johanna bemerkt, er war noch so klein gewesen, dass niemand seine Hilfe verlangt hatte. Jetzt sah Johanna, dass Lars dem Gespräch am Tisch nicht weiter zuhören wollte, er sank ein wenig in sich zusammen, wand sich so, als ob er aufstehen und gehen wollte, aber das hätte sich nicht geschickt.

Vielleicht hatten die Onkel auch Lars‘ abweisenden Ausdruck bemerkt. Das war provozierend, der Junge sollte natürlich wie alle anderen bei der Arbeit helfen. Er war noch ein Kind, aber etwas konnte er doch schon tun, und er durfte am Tisch keine Grimassen ziehen, wenn die Erwachsenen über die notwendigen Verrichtungen auf dem Hof sprachen, die Alltagsarbeiten, die Essen auf den Tisch brachten.

»Es wird Zeit, dass Lars mithilft«, sagte Filip. »Er kann sich um das Blut kümmern. Dafür braucht man nur eine sichere Hand, das ist nicht schwer.«

»Ja, gut«, sagte Ruben. »Morgen Vormittag geht es los, nicht wahr, Lars?«

Er blickte Lars an, der nicht antwortete, sondern niedergeschlagen und etwas verwirrt aussah.

»Antworte deinem Onkel«, sagte Maria.

»Morgen Vormittag«, wiederholte Ruben.

Der Morgen war grau und diesig, aber es war windstill, so wie es oft im November ist, wenn der Nebel vom Meer kam.

Johanna war diesmal nicht als Erste aufgestanden. Als sie hinausging, sah sie, dass Lars schon draußen auf dem Hofplatz war. Er kniete dort und war mit irgendetwas beschäftigt; als Johanna kam, hörte er auf, erhob sich und verschwand im Haus.

Sie warteten, bis es hell wurde, gaben dem Pferd Heu, reparierten Geräte, Johanna melkte die beiden Kühe, sie frühstückten. Dann gingen die beiden Brüder ihrer Mutter zusammen mit Lars hinunter zum Schweinepferch. Der Junge bat, eine andere Arbeit verrichten zu dürfen, aber niemand hörte auf ihn, warum sollte er nicht die Arbeit ausführen, die ihm zugeteilt worden war?

Sie wählten das größte Ferkel aus, jagten es in eine Ecke des Pferches, was eine ganze Weile dauerte, Filip fiel hin, schlug sich den Ellbogen auf, wurde wütend, schrie Lars an zuzupacken. Als sie das Ferkel gefangen hatten, schleiften sie es nach vorne, hielten es am Schwanz und an den Ohren fest.

Die Schlachtbank war im Pferch aufgestellt. Ruben drückte den Kopf des Ferkels hinunter, Filip reichte Lars den Eimer, hob die Axt und schlug sie dem Ferkel hart auf den Kopf. Das Tier zuckte, zitterte, blieb still liegen. Filip schnitt ihm die Kehle durch, befahl Lars, die Schüssel darunter zu halten.

Lars stand wie versteinert da, das Blut floss auf die Erde. Filip schrie Lars an, er fluchte und brüllte. Lars weinte, aber er rührte sich nicht. Da schlug Filip ihm mit der Hand ins Gesicht. Der Junge fiel um, Filip nahm die Holzschale, drückte sie unter den Kopf des Ferkels und ließ das Blut, das noch übrig war, hineinfließen, rührte gleichzeitig mit einem Holzstück darin herum. Der Boden war klebrig und dunkelrot, es war viel verloren gegangen.

Lars lag noch auf dem Boden und schluchzte, die Onkel kümmerten sich nicht um ihn. Als das Blut versiegt war, standen sie noch da, Filip rührte die ganze Zeit über, ließ die letzten Tropfen in die Schale tropfen.

Dann hoben sie das Ferkel auf einen Karren und zogen ihn in die Scheune, wo das erhitzte Wasser wartete. Jetzt sollte das Ferkel abgebrüht werden. Das Zerlegen konnte dann bis zum nächsten Tag warten.

Sie arbeiteten schweigend und schnell mit dem kochend heißen Wasser, gossen es über das behaarte Ferkel, schabten es mit scharfen Holzstücken ab, entfernten die Haare und die äußere Haut, legten die glatte Schwarte frei. Es kümmerte sie nicht, dass Lars verschwunden war.

Nach einer guten Stunde spülten sich die beiden Männer in der Wassertonne an der Hausecke ab. Dann gönnten sie sich einen Schluck, den zweiten an diesem Tag. Sie unterhielten sich über das Ferkel, darüber, was man davon behalten wollte und was sofort frisch an das Posthaus verkauft werden sollte.

Johanna war bereit, ihrer Mutter zu helfen. Sie hatte schon öfters Tiere ausgeweidet, im letzten Jahr hatte sie sich dabei in den Finger geschnitten, die Wunde war nur langsam verheilt. Sie hatte noch eine Narbe am Zeigefinger der linken Hand.

Als sie um die Mittagszeit auf den Hofplatz hinausging, blieb sie bei den Büschen stehen, wo Lars runde Steine vom Strand nebeneinander gelegt hatte. Johanna sah, dass er etwas geschrieben hatte. Sie beugte sich nieder, las Buchstaben und Wörter: »SIE SIND WIE WIR«, stand dort.

Vier kurze Wörter, mit Kohle auf die abgeschliffenen Steinflächen geschrieben, eine unregelmäßige Reihe, eine Botschaft.

Johanna überlegte, wo Lars sein könnte, sie wollte ihn fragen, was er mit diesen Wörtern meinte. Sie suchte ihn drinnen im Haus, fragte Maria, aber auch sie wusste nicht, wo der Junge war.

Spät am Abend, als es dunkel war, kam Lars nach Hause. Sie hatten ihn im Wald und am Strand gesucht. Sie hatten sogar in der Nachbarschaft gefragt.

Als er kam, sagte er nichts. Johanna fragte, aber er wollte nicht antworten. Unter Schweigen aßen sie eine verspätete Abendmahlzeit. Ehe sie schlafen gingen, trat Johanna wie immer noch einmal auf den Hof hinaus; sie wartete dort auf Lars, und als er kam, fragte sie ihn, was die Wörter bedeuteten.

»Sie sind doch genau wie wir«, flüsterte er.

Jetzt verstand Johanna, was er meinte. Die Art, wie er flüsternd die Wörter betonte, führte dazu, dass sie verstand.

Mägde und Herrinnen

Seit dem Sturm waren nun fünf Tage vergangen. Johanna zählte genau mit, aber sie war nicht beunruhigt, sie hatte von Männern erzählen hören, die wochenlang verschollen gewesen waren, Gegenwind, Eis und Sturm ausgesetzt. Aber sie waren zurückgekommen, einige zu Fuß aus abgelegenen Orten, an denen das Boot gestrandet war.

Natürlich würden sie wiederkommen, es war erst fünf Tage her, lange Tage sicherlich und lange Nächte mit bösen Träumen und Zweifeln, trotz alledem aber erst fünf Tage und nicht einmal eine Woche, nichts im Vergleich zu einem ganzen Jahr.

Johanna versuchte auf verschiedene Art und Weise, die Zeit, die vergangen war, zusammenzuziehen. Mehrere Male hatte sie sich auf den Weg nach Skatudden gemacht, sich jedoch dann anders entschlossen. Es kam ihr wie eine Niederlage vor, dorthin zu gehen, es würde bedeuten, Unruhe zu zeigen, den Befürchtungen nachzugeben.

Am Nachmittag des fünften Tages war sie draußen bei den Kühen gewesen, hatte sie zum zweiten Mal an diesem Tag gemolken, es waren fünf Liter geworden, nicht mehr. Ein Teil davon wurde getrunken und für die Milchsuppe benötigt, der Rest war für das Butterfass bestimmt.

Als Johanna gerade wieder ins Haus gehen wollte, sah sie ihre Mutter aus dem Wald kommen. Johanna blieb stehen und wartete auf sie, sie sah, dass sie ein wenig zögerte, so als ob sie niemanden treffen wollte. Da ging Johanna ihr entgegen.

»Warst du im Wald, Mutter?«, fragte sie.

Maria blickte weg, nickte und ging weiter. Johanna gesellte sich zu ihr, aber sie merkte, dass ihre Mutter etwas zu verbergen suchte.

»Oder warst du draußen auf Skatudden?«, fragte Johanna weiter

Maria seufzte und gab keine Antwort, und Johanna verstand.

»Hast du etwas gesehen, Mutter?«, fragte sie.

»Nein, nichts.«

»Es sind jetzt fünf Tage vergangen.«

»Vielleicht sind sie tot, ich fühle, dass mich alle Hoffnung verlässt.«

»Ich glaube bestimmt, dass sie zurückkommen.«

»Ja, mein Mädchen, du hast ein starkes Gottvertrauen, aber ich kann die Hoffnung nicht länger aufrechterhalten.«

Sie waren fast zuhause, sie sprachen nicht mehr, sie gingen langsam. Maria ergriff die Hand ihrer Tochter. Johanna sah, dass ihre Mutter die andere Hand vor das Gesicht hielt und sich mit einem Zipfel ihres Blusenärmels die Augen trocknete. Sie merkte, dass ihre Mutter weinte. Aber sie gingen schweigend über den Hofplatz bis an die Haustür.

Jetzt war es zwischen Johanna und ihrer Mutter besprochen: Johanna sollte die Schweine füttern, einmal am Tag die Kühe melken und soviel es ging, im Haushalt mithelfen, wenn sie von ihrer Arbeit im Posthaus zurückkam.

»Wir wollen sehen, wie es läuft«, sagte Maria. »Du weißt, dass ich dich jetzt, wo Vater nicht mehr da ist, brauche.«

Sie hörte, wie schlimm das klang und milderte es sofort ab, hustete etwas, als ob sie etwas in die falsche Kehle bekommen hätte.

»Ja, jetzt, wo Vater weg ist«, versuchte sie.

»Ich verspreche, dass ich tun werde, was ich kann«, sagte Johanna.

Sie hatte eine frisch gebügelte Schürze und ihren besten Rock an, als sie ging, und trug die blaue Bluse unter der Jacke. Die Schuhe waren geschwärzt. Das helle Haar hatte sie zu einem Knoten im Nacken zusammengebunden. Maria hatte ihr ein blaugestreiftes Kopftuch aus grobem Leinen geliehen.

Als Johanna die Küche des Posthauses betrat, war Laura dort zusammen mit einer älteren Frau, die Johanna bis jetzt noch nicht gesehen hatte. Sie war elegant gekleidet, trug eine Spitzenbluse und einen weiten dunklen Rock, die Haare waren mitten auf dem Kopf in einer Doppelrolle aufgesteckt. Man sah, dass sie nicht zur Dienerschaft gehörte.

»Das hier ist unsere neue Kleinmagd Johanna«, sagte Laura zu der Unbekannten.

»Das ist nett, mein Mädchen«, sagte die elegante Frau und streckte die Hand aus.

Johanna ergriff sie und knickste. Die unbekannte Frau lächelte sie an, sah freundlich aus, vielleicht ein wenig müde. Johanna merkte, dass sie nach irgendetwas Fremdem roch, nach Blumen, vielleicht nach Rosen, sie wusste es nicht.

»Ich habe der gnädigen Frau von dir erzählt«, sagte Laura.

»Ja«, sagte Johanna.

»Laura wird dir sagen, was deine Aufgabe sein wird und wie viel Lohn du zu erwarten hast«, sagte die Frau, die mit ›Gnädige Frau‹ angeredet wurde, weiter. Dann lächelte sie wieder müde und verließ die Küche. Johanna hatte immer noch diesen Blumenduft in der Nase.

»Jetzt hast du die Herrin kennen gelernt«, sagte Laura nach einer Weile. »Sie sollte eigentlich mit Frau Postmeister angeredet werden, aber wir sagen immer ›Gnädige Frau‹, wenn wir mit ihr sprechen.«

Johanna nickte, ohne etwas zu sagen.

»Und mich kannst du Laura nennen.«

Johanna errötete und machte einen kleinen Knicks. Sie hatte sich nicht erinnert, ob sie Laura mit du angeredet hatte, jetzt wusste sie es jedoch besser.

»Ja, Laura«, murmelte sie.

»Und jetzt trinken wir Kaffee, ehe du anfängst zu arbeiten.«

Johanna nickte wieder und begriff, dass sie gehorchen musste. Die Frau Postmeisterin bestimmte vielleicht im Haus, aber hier in der Küche hatte Laura das Sagen.

Birgitta hatte die ganze Zeit über geschwiegen. Jetzt schenkte sie den Kaffee ein, der schon fertig gewesen war, als Johanna die Küche betreten hatte.

»Leg ab«, sagte sie. Johanna nahm das Kopftuch ab und zog die Strickjacke aus. Sie setzten sich an den Tisch am Fenster und tranken schweigend ihren Kaffee, teilten sich ein kleines Stück süßes weißes Brot.

»Du bekommst hier Essen und jetzt zu Beginn zehn Schilling die Woche«, sagte Laura. »Wir werden sehen, wie du dich machst, und möglicherweise bekommst du dann mehr.«

»Danke«, antwortete Johanna; sie hatte verstanden, dass es hier nichts mehr zu diskutieren gab, da die Hausfrau und Laura es schon festgelegt hatten.

»Und wenn wir ausgetrunken haben, wird Birgitta dir das Haus zeigen, sodass du die Räume siehst und einiges lernst, was du wissen musst.«

Johanna murmelte noch einmal ein Dankeschön.

Das Haus war wirklich groß; außer der Küche gab es noch elf Räume und den langen Flur, der quer durch das Haus verlief und es in zwei Hälften teilte. Im oberen Stockwerk befanden sich vier Gästezimmer und ein riesengroßer Raum mit einem Steinfußboden, in dem niemand wohnte. Es gab überall Kachelöfen und große Fenster, die Möbel glänzten, die Betten waren breit und mit schönen Decken und weichen Kissen versehen.

Die Gnädige Frau saß mit einer Zeitung vor dem wärmenden Feuer im linken Eckzimmer, das zur Seeseite hin lag, als Birgitta und Johanna leise vorbeigingen. Der Postmeister befand sich in seinem Kontor, die Kinder hatten Schulstunde im rechten Eckzimmer, das offenbar als Klassenzimmer benutzt wurde und in dem die Gouvernante ihr Bett stehen hatte. Die vier Gästezimmer im oberen Stockwerk standen derzeit leer, aber es wurden demnächst Gäste erwartet, Reisende auf dem Weg nach Åland.

Dann setzte Birgitta ihre Führung fort. Sie gingen auf den Hofplatz hinaus, sahen in die Remise, in den Stall, in den Milchschuppen und das Waschhaus, das Johanna ja schon kannte.

Als sie in das große Haus zurückkehrten, hatten die Kinder gerade Pause. Birgitta stellte Johanna der Gouvernante vor, einer großen, mageren, dunkelhaarigen Frau von ungefähr dreißig, die ein freundliches Lächeln zeigte.

»Ich heiße Margareta«, sagte sie. »Wir haben uns ja schon gesehen, als du neulich Holz gebracht hast, nicht wahr?«

»Ja«, antwortete Johanna.

»Wir haben geschrieben, glaube ich, die Kinder und ich.«

»Das habe ich gehört.«

»Gehört, wie meinst du das?«

»Ich habe gehört, wie es gekratzt hat, als die Kinder geschrieben haben, und ich habe das weiße Papier gesehen.«

»Aha, das ist interessant. Kannst du denn schreiben?«

»Etwas kann ich schon.«

»Und dann kannst du sicher auch lesen?«

»Ja, aber meistens die Bibel.«

»Möchtest du gerne irgendetwas anderes lesen?«

»Ja, ich glaube schon, wenn ich etwas hätte.«

»Ich kann dir etwas zeigen. Wir können uns weiter darüber unterhalten, wenn der Unterricht zu Ende ist, falls du dann noch da bist.«

»Ich bleibe jetzt hier, ich arbeite hier.«

»Dann komm später, wenn du mit der Arbeit fertig bist.«

In den nächsten Stunden nahm Johanna Heringe aus; das hatte sie schon oft zuhause getan. Sie saß auf einem Hocker vor dem Milchschuppen. Birgitta half in der ersten Stunde mit, sie unterhielten sich die ganze Zeit über, das war ungewohnt für Johanna. Zuhause auf dem Hof war Arbeit mit Schweigen verbunden.

Sie aßen in der Küche zu Mittag, die drei Mägde und der Knecht Sigurd, der vom Hafen, wo er an der Überprüfung der Boote teilgenommen hatte, heraufgekommen war. Es gab Erbsensuppe, gebratenen Hering und Roggenbrot. Sigurd bekam einen Schluck Branntwein zum Essen, die Frauen tranken Wasser.

Nach dem Essen scheuerte Johanna die Diele und den Speisesaal. Sie tat ein wenig Seife ins Wasser, das gab einen guten Geruch; zuhause wurde zweimal im Jahr mit Wasser und Sand gescheuert.

Nach dem Kaffee gegen vier sagte Laura, dass Johanna früher Schluss machen könne, da es ihr erster Tag war. Im Übrigen war nicht vorgesehen, dass sie genauso lange arbeiten sollte wie die anderen, denn sie hatte ja auch zuhause noch etwas zu tun.

Ehe sie das Posthaus verließ, suchte Johanna Margareta auf. Sie befand sich auf ihrem Zimmer und war mit Papieren und Büchern in der Ecke des Raums, die als Klassenzimmer diente, beschäftigt.

»Setz dich«, sagte Margareta und wies auf einen der Stühle an dem kleinen Tisch, an dem ihre Schüler zu sitzen pflegten.

Sie setzte sich Johanna gegenüber, lächelte und betrachtete ihren Gast, ohne etwas zu sagen. Johanna lächelte zurück, konnte ihren Blick aber nur einen Augenblick auf Margareta gerichtet halten, dann senkte sie verlegen die Augen und fühlte sich unsicher.

»Du hast gesagt, dass du lesen kannst«, sagte Margareta. »Hier hast du eine Seite aus einer Zeitung. Kannst du mir daraus etwas vorlesen?«

Sie schob Johanna einen großen Bogen Papier hin und drehte ihn um. Es wimmelte nur so von Buchstaben und Wörtern auf dem Papier, von Zeilen und Spalten, großen und kleinen. Johanna betrachtete sie, es war so viel, sie wusste nicht, worauf sie ihren Blick richten sollte.

»Hier kannst du beginnen«, sagte Margareta und zeigte auf eine Zeile.

Johanna sah den Text an, begann die Überschrift zu lesen.

»An Stock…holms Mägde.«

Sie sah zu Margareta auf, die wieder lächelte. Johanna las weiter.

»Ihr seid Menschen genauso wie die Gnädige Frau. Ihr seid aus demselben Stoff ge…macht, es ist eine weitaus größere Kunst, eine or…dent…liche Magd zu sein als eine or…dent…liche Herrin.«

Hier machte Johanna eine Pause. Sie hatte den Anfang des Textes geschafft; es stand noch viel mehr da, sie hatte mit den Buchstaben gekämpft und nicht darüber nachgedacht, was sie gelesen hatte.

»Das hat ja gut geklappt«, sagte Margareta. »Lies es noch einmal.«

Johanna begann wieder von vorn, und jetzt ging es glatter. Sie blieb nicht stecken, und sie konnte auf den Inhalt achten.

»Es handelt von dir«, sagte Margareta. »Aber lies weiter.«

Johanna las den ganzen Artikel durch: Es war schwerer, eine Magd zu sein als eine vornehme Dame. Dass so etwas in der Zeitung stehen konnte! Aber es war schon amüsant, doch wahrscheinlich ziemlich unverschämt.

Die Zeiten ändern sich

Johanna hatte schon in aller Frühe, ehe sie ins Posthaus gegangen war, die Kühe gemolken. Sie kam gerade rechtzeitig zum Morgenkaffee. Sie tranken jeder eine Tasse Kaffee, nahmen jedoch kein Brot dazu. Laura hatte gesagt, sie müssten sparsam damit umgehen; sie hatten zwar ausreichend Mehl, aber verschwenden dürften sie es nicht.

»In Stockholm sollen die armen Leute schon hungern«, sagte sie. »Ich habe von jemandem, der mit einem der Reisenden gesprochen hat, gehört, dass die Leute ein Lagerhaus draußen vor der Stadt aufgebrochen haben, und dass Soldaten dorthin kommandiert worden sind.«

»Auf Nygården haben wir nur halb so viele Säcke mit Mehl, wie wir sonst hatten«, sagte Johanna.

»Wenigstens haben wir Kaffee«, sagte Birgitta.

»Solange der Vorrat reicht«, murmelte Laura. »Sie führen ja auch auf dem Meer Krieg, und dann schießen sie auf die Schiffe, die den Kaffee bringen.«

»Wer führt denn alles Krieg miteinander?«, fragte Johanna.

»England und Russland und Frankreich, nehme ich an«, sagte Laura.

»Ist Schweden auch dabei?«

»Nein, zumindest im Augenblick nicht, und wir können nur hoffen, dass der Frieden bestehen bleibt, denn Krieg bringt nur Unglück.«

»Meine Großmutter hat von den Russen erzählt.«

»Ja, die wollen wir nicht noch einmal hier haben.«

»Meine Großmutter sagt, dass sie den Leuten von Singö alles abgenommen und jedes Haus niedergebrannt haben.«

»Sie haben auch in Byholma Höfe niedergebrannt«, sagte Birgitta. »Mein Großvater hat erzählt, dass die Kosaken am schlimmsten gewesen sind, und sie hatten Pferde dabei. Sie haben einen Mann mit einem Strick festgebunden und ließen ihn hinter dem Pferd herlaufen. Als er ihnen den Weg nicht zeigen wollte, haben sie ihn blutig geschlagen.«

»Gott bewahre uns vor den Kosaken«, sagte Laura.

»Kosaken?«, sagte Johanna, »was sind das eigentlich für welche?«

»Sie sind eine Art Reitervolk«, antwortete Laura. »Sie tragen Pelze, die voller Läuse sind. Sie haben einem Mann auf Singö die Kleider abgenommen und ihm dafür einen Kosakenkittel gegeben, und dann musste er ihn wohl oder übel anziehen, denn er war ja völlig nackt, der Arme. Aber dieser Kittel bestand mehr aus Läusen als aus Stoff, und er wurde von diesen Kosakenläusen fast aufgefressen.«

Johanna hatte Wasser geholt. Als sie gerade mit dem Eimer auf dem Weg zurück ins Haus war, erblickte sie ein paar Männer, die auf dem Weg vor dem Hoftor entlanggingen. Durch das Küchenfenster konnte sie dann erkennen, dass es drei gut gekleidete Herren waren, ein älterer und zwei junge, und außerdem Sigurd, der ihnen offenbar den Weg zeigte. Er ging mit kleinen schnellen Schritten voran, und zog die Mütze ab, ehe er die Türe öffnete. Der Postmeister kam ihnen auf dem Flur entgegen. Johanna konnte die Stimmen durch die Küchentür vernehmen, dann verschwanden die Geräusche; Johanna vermutete, dass sie in das Kontor gegangen waren.

Ein paar Minuten später kam Laura in die Küche. Sie erzählte, dass sie unerwartet Besuch von ein paar Herren erhalten hätten, die sich auf dem Weg nach Stockholm befänden; sie wären gerade mit dem Schiff aus Åland angekommen; sie wären hohe Beamte, ihr Wagen hätte sich verspätet, vielleicht würden sie übernachten.

Laura bat Johanna, in drei Gästezimmern die Kachelöfen anzuheizen. Holz lag dort schon, es war trocken und fein gespalten, außerdem Birkenrinde. Johanna nahm ein brennendes Talglicht in einem Kerzenhalter mit, fachte damit das Feuer an, und bald knisterten die Flammen in allen drei Kachelöfen.

Der Wagen kam nicht, die Gäste blieben. Es wurde spät, der ältere Gast hatte sich schon gegen neun Uhr hingelegt, aber die beiden jüngeren saßen zusammen mit Margareta in dem kleinen Salon neben dem Speisezimmer. Der Postmeister entschuldigte sich bald, die Frau des Hauses hatte sich ebenfalls schon zurückgezogen. Die drei jungen Leute blieben auf, sie hatten sich viel zu erzählen.

Johanna servierte Wein und süßes Kleingebäck, außerdem dünne Scheiben Roggenbrot mit Käse. Die Herren wählten das Gebäck, Margareta zog den Käse vor.

Sie redeten über die große Welt, über den Krieg und über Bonaparte. Johanna hatte den Namen schon gehört und wusste, dass er Frankreichs Herrscher war, nicht König, denn in Frankreich hatten sie keinen, sie hatten den König erschlagen, das hatte ihr Vater gesagt. Mehr wusste sie nicht.

Sie ging zwischen Küche und Salon hin und her. Gelegentlich blieb sie stehen und beschäftigte sich mit Tassen und Gläsern, machte sich an den Holzspänen zu schaffen, sah nach dem Feuer, ging mit Gläsern und Flaschen zum Tisch zurück. Sie wollte gerne zuhören, deshalb fand sie Vorwände, um bleiben zu können. Man kümmerte sich nicht um sie. Offenbar war es üblich, die Dienerschaft im Zimmer zu haben, eine kleine stille Magd war wie ein Stuhl oder ein Schreibtisch, sie war da, aber sie störte niemanden.

»Petersburg ist eine phantastische Stadt«, sagte der kleinere der beiden Männer. »Die Paläste sind großartig, eine solche Pracht sieht man nirgendwo sonst, ja, es sei denn in Paris.«

»Sind Sie in Paris gewesen, mein Herr?«, fragte Margareta.

»Es war mir vergönnt, die französische Hauptstadt zu besuchen«, antwortete der Mann.

»Jetzt werden wir jedoch auch unsere russischen Freunde besser kennen lernen«, sagte der größere Mann.

»Sind das denn unsere Freunde?«, wollte Margareta wissen.

»Tempora mutantur«, antwortete der Mann. »Die Zeiten ändern sich, das müssen wir begreifen, jetzt geht es um die Sicherheit des Reiches.«

»Und wir wissen ja nicht, ob wir uns auf England verlassen können«, sagte der andere Mann.

»Alles ändert sich«, sagte Margareta. »Der Meinung bin ich auch, wir stehen am Anfang einer neuen Zeit. Ich glaube, dass Bonaparte uns den Weg zeigen wird. Die Zeit der Unterdrückung ist in Europa vorüber, jetzt kommt eine neue Freiheit für alle, die nicht im Reichtum geboren sind.«

»Na ja«, murmelte der kleine Mann. »Die französischen Ideen sind schnell verflogen, sie sind wie trockenes Laub im Wind. Unser König schätzt Bonaparte nicht, und ich denke wie er.«

»Aber man muss doch zugeben, dass diese Gedanken trotzdem sehr zählebig sind«, antwortete Margareta. »Die Idee von Freiheit und Gleichheit scheint fortzuleben.«

»Das ist jetzt vorbei«, sagte der Mann, der in Paris gewesen war.

In dieser Nacht blieb Johanna in der Mägdekammer neben der Küche. In ihrem Abendgebet bat sie Gott, dass er sie ihren Vater bald wiedersehen lassen möge. Darum betete sie jeden Abend, und sie war immer noch davon überzeugt, dass der Vater lebte.

Am nächsten Morgen kam der Wagen und holte die drei Besucher ab. Johanna machte die Gästezimmer sauber, nahm neue Bettlaken heraus, machte die Betten, holte Holz. Nach der Mittagspause fegte sie den Boden des Speisezimmers. Margareta schaute herein, sie suchte ein Buch im Regal des Salons und hatte Johanna gehört, jetzt wollte sie nur guten Tag sagen.

»Du hast gestern Abend alles sehr gut gemacht«, sagte sie.

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