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Das Zelten ist des Papis Lust

DAS ZELTEN IST DES PAPIS LUST

Familie Stegemann erobert Italien

Eine turbulente Urlaubskomödie

von Frank Michael Jork

Der Umfang dieses Buchs entspricht 155 Taschenbuchseiten.

Während die Menschheit sich anschickt, den Weltraum und den Mond zu erobern, gibt es für Familie Stegemann aus Berlin nur ein Thema: Der Familienurlaub 1969, diesmal im eigenen Auto. Ziel ist natürlich wie gehabt das Emmental, wo Helmuts Bruder Tommy mittlerweile heimisch geworden ist. Kaum am Ziel angekommen, eröffnen sich durch ein unvorhergesehenes Ereignis neue Möglichkeiten zur Feriengestaltung. Dass es natürlich wieder einmal alles andere als ein geruhsamer Urlaub wird, versteht sich dabei in dieser Familie eigentlich wie von selbst.

1

Mal eine offene Frage: Was halten Sie vom Campingurlaub? Wie bitte? Ich hab' mich wohl verhört. Finden Sie wirklich, dass das eine angenehme Art ist, seine Urlaubszeit zu verbringen? Es tut mir sehr leid, aber da kann ich Ihnen gar nicht zustimmen. Aber trösten Sie sich. Wie ich mit Erschrecken feststellen konnte, gibt es außer Ihnen genügend Leute, die sich wie Sie einbilden, dass so eine Ferienreise, bei der man seine Unterkunft zusammengerollt im Kofferraum und die liebe Familie auf den vier übrigen Sitzplätzen des Autos mit sich führt, eine feine Sache wäre. Man kann quer durch die Lande reisen, ist unabhängig, heute hier und morgen dort... und so ein Urlaub ist preiswert, um nicht zu sagen, billig. Den Hotels mit ihren horrenden Preisen dreht man eine lange Nase und trotzdem hat man einen rundum erholsamen und lustigen Urlaub. Diese Reden kenne ich.

Glauben Sie mir: Ich weiß es besser! Auch wenn meine Erfahrungen auf diesem Gebiet schon viele Jahre zurückliegen, so dürfte sich an den grundlegenden Bedingungen und vor allem Unannehmlichkeiten dieser Urlaubsform in den letzten vierzig Jahren nicht viel geändert haben.

Also, unter der Bedingung, dass Sie es nicht weitersagen, verrate ich Ihnen jetzt mal etwas. Meine Frau Christine hatte Recht gehabt. Ich gebe es ungern zu, aber es ist so. Ich hoffe, Sie erzählen es wirklich nicht weiter, und schon gar nicht meiner Frau. Sie hatte mich immer wieder gewarnt, hatte gebettelt und gedroht, geschmollt, geweint und geflucht. Kurzum, die ganze Palette der Möglichkeiten einer Ehefrau, ihren Willen durchzusetzen. Sie wollte keine Zeltferien.

Als ich zum ersten Mal mit dem Gedanken spielte, den nächsten Familienurlaub auf einem Zeltplatz zu verbringen, hatte ich gerade unser neues Auto vom Händler geholt. Das heißt, ganz neu war es nicht. Ein Jahr war es bereits alt, aber trotzdem freute ich mich darüber. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger stellte dieser Wagen an Platz und damit auch an Komfort und selbstverständlich auch in technischer Hinsicht eine Verbesserung um mindestens fünfhundert Prozent dar. Unser bisheriges Gefährt, ein winziger, uralter graubrauner Fiat, mit dem wahrscheinlich schon Julius Caesar über die Alpen gekommen war, um Germanien zu erobern, war einfach nicht mehr zu reparieren gewesen. Bei jedem Start gab es erst mal eine Abfolge der schreckenerregendsten Geräusche. Wie ein Kettenraucher nach dem Aufstehen hustete er, dann kam der Motor blubbernd in Gang und stotterte wie ein verlegener Jüngling beim ersten Rendezvous. Schließlich, wenn man auf den ersten Metern nicht allzu heftig aufs Gaspedal drückte, da er sich sonst hoffnungslos verschluckte, rollte er los und man konnte sich in den Straßenverkehr begeben.

Als ich dann eines schönen Vormittags im September mitten im Verkehr liegenblieb, weil der Wagen keinen Zentimeter mehr fahren wollte, war der Augenblick gekommen, wo die Trennung von der altersschwachen Blechbüchse endgültig nicht mehr aufzuschieben war. Christine, die, trotz immer wiederkehrender und anders lautender Kritik an dem kleinen Kerl aus offensichtlich sentimentalen Gründen hing (wir hatten den Wagen drei Jahre zuvor von ihrer Kusine Sigrid und deren Mann Günther erworben, also war er wohl für sie so eine Art Familienmitglied), machte mir zwar Vorwürfe, dass ich es übers Herz bringen wollte, einen Ersatz zu beschaffen. Aber schließlich sah auch Christine ein, dass wir schon aus familientechnischen Gründen neue Wege in unserem automobilen Lebensbereich beschreiten mussten, sofern man bei einem motorisierten Fahrzeug den Begriff schreiten anwenden kann.

Außerdem, ich gebe es offen zu, fühlte ich mich von ihm in meiner Ehre verletzt. Sie werden zugeben, dass eine Autopanne auf einer der zentralsten Kreuzungen am Kurfürstendamm in Berlin nicht gerade zu den Erlebnissen gehört, die man in guter Erinnerung behält. Das verbucht man eher als Peinlichkeit. Bei mir war das an diesem Tag jedenfalls so. In diesem Augenblick wünschte ich mir, ich hätte die Asphaltdecke anheben können wie unseren Teppich im Wohnzimmer, um mich darunter zu verstecken. Aber nicht einmal ein offener Gully war zu meiner Rettung weit und breit auszumachen.

Während ich also noch emsig damit beschäftigt war, den Motor mit Hilfe von sich abwechselnden Flüchen und inbrünstigen Gebeten wieder zum Anspringen zu bewegen, verdunkelte sich die Sonne auf meiner linken Seite. Ursache war der Verkehrspolizist, der am Straßenrand gestanden und meine Bemühungen beobachtet hatte, den störrischen Wagen wieder in Gang zu bringen. Schließlich hatte er sich von seinem Standplatz aus in Bewegung gesetzt, da er zu der Erkenntnis gelangt war, seines Amtes walten zu müssen. Er postierte sich an der Fahrerseite, beugte sich zu mir herunter und sprach mich durch das offene Fenster an.

„Wat hat denn der Kleene?“, fragte er jovial.

„Was soll er schon haben? Alt und klapprig ist er und offenbar will er nicht mehr.“

„Mmmh, denn müss’n wa Ihr Jefährt mal vonne Kreuzung runtaschieb’n“, verkündete der Ordnungshüter und Straßenverkehrsregler in perfektem Berlinerisch. Ich wollte schon aussteigen, als er hinzusetzte: „Bleib’n Se mal ruhich sitzen und lenken Se schön. Den Floh schaff’ ick schon alleene.“ Sprach’s und bewegte tatsächlich den Wagen mitsamt seinem Fahrer langsam vorwärts. Wir waren aber noch nicht weit gekommen, als hinter uns ein ungeduldiger Verkehrsteilnehmer lautstark seine Ungeduld bekundete.

Der Polizist drehte sich um und blickte scharf zu unserem Hintermann. „Sagen Se mal, Hupen is’ wohl Ihr Hobby, junger Mann?“

Der strenge Blick verfehlte seine Wirkung nicht. Sofort blieb das Signalhorn des nachfolgenden Wagens stumm. Der Polizist wandte sich wieder mir zu.

„Der kann von Jlück sagen, det ick jrade beschäftigt bin.“ Dann spuckte er in die Hände und setzte erneut an, mich und den Fiat an den Straßenrand zu schieben.

Christine staunte nicht schlecht, als ich eine halbe Stunde später vor unserem Tabakwarenladen, den wir vor einer Woche von der Vorbesitzerin Frau Laschke übernommen hatten, einem Taxi entstieg.

„Was bedeutet das denn? Wo ist denn unser Auto?“

Ich sah sie entnervt an. „Du stellst immer Fragen... Ich hatte eine Panne und der Wagen steht jetzt in einer Nebenstraße vom Kurfürstendamm. Und irgendwie musste ich schließlich nach Hause kommen.“

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, zu überlegen, ob wir es uns leisten konnten, einen neuen Wagen zu kaufen und welche Marke und welches Modell es sein sollte. Noch arbeitete ich in meiner bisherigen Stellung, während Christine den Tag über im Laden stand. Mit der Übernahme des Geschäfts war ein privater Umzug einhergegangen in die Wohnung neben dem Laden. Auch das hatte schon einiges gekostet. Aber obwohl wir einige Artikel direkt geliefert bekamen, mussten wir doch viele Sachen im Großmarkt selbst besorgen. Dazu war nun mal ein entsprechendes Fahrzeug von Nöten.

Ich kam schnell auf den Gedanken, dass es ein sogenannter Kombi sein müsste, hinten mit Klappe und Ladefläche. Dadurch, so ging mir durch den Kopf, hätte man aber auch ein ideales Gefährt, mit dem man zukünftig per Auto in den Familienurlaub würde fahren können. Hinten alles rein, Frau und Kinder verfrachtet, fertig. Die Kinder waren nun auch schon größer, so dass sie eine längere Fahrt, sagen wir mal in die Schweiz, besser würden verkraften können.

Sie erinnern sich sicherlich an meinen Bruder Thomas Stegemann, der zwei Jahre zuvor seine Zelte in der Heimat abgebrochen und in der Schweiz wieder aufgebaut hatte. Dadurch hatten wir bereits schon zweimal das Land des Käses, der Schokolade und der schneebedeckten Gipfel in den Ferien besucht. Da Tommy bei unserem letzten Aufenthalt vor ein paar Wochen keinen Zweifel daran aufkommen ließ, dass er vorhatte, für immer im Emmental zu bleiben, würden wir also auch zukünftig unseren Urlaub dort verbringen.

Beide Male hatten wir einen Teil der Strecke mit dem Flugzeug zurückgelegt. Aber mit einem Wagen, in dem man als vierköpfige Familie bequemer reisen konnte als in dem kleinen Fiat, würden wir uns das Geld für die teuren Flugkarten in Zukunft sparen können.

Diesen Aspekt fand ich besonders wichtig und er beflügelte meinen Entschluss zum Kauf eines neuen vierrädrigen Familienmitglieds eindeutig. Zufrieden grinste ich vor mich hin. Ich war doch wirklich ein schlaues Kerlchen. Doch dann verdunkelte sich mein Gesicht. Es fragte sich nämlich jetzt, wie die Anschaffung des Wagens zu finanzieren war.

Aber schneller und reibungsloser als ich es gedacht hatte, bekamen wir von unserer Bank das Signal, dass man uns beim Kauf eines neuen fahrbaren Untersatzes finanzielle Unterstützung gewähren würde, gegen entsprechende Verzinsung selbstverständlich.

Nun wurde es Zeit, sich für eine bestimmte Marke zu entscheiden. Natürlich war mir klar, dass ein Sportwagen nicht in Frage kam, so sehr ich es mir auch gewünscht hätte. Aber ich hatte selber schon im Vorfeld berücksichtigt, dass der Wagen eher den imaginären Stempel Familienkutsche würde tragen müssen. Doch zumindest schwebten mir dann eine elegante Farbe vor und auch eine umfangreiche technische Ausstattung. Bei letzterem hielt sich Christine mehr oder weniger zurück, während sie bei der Farbwahl ihre eigenen Vorstellungen hatte.

„Die technische Seite überlasse ich gerne dir. Davon verstehe ich sowieso nichts.“

„Das wiederum kann ich nicht verstehen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Darum muss man sich doch kümmern bei einem Autokauf. Dafür muss man sich zwangsläufig interessieren.“

„Wieso sollte ich?“, konterte Christine meine belehrenden Ausführungen. „Ich kann schließlich nicht Auto fahren.“

„Aber Schatz. Die technischen Details bestimmen schließlich den Fahrkomfort und damit auch die Bequemlichkeit. Wer bequem fährt, hat Freude am Fahren.“

„Jetzt redest du wie ein Reklameprospekt“, lachte Christine. „Oder wie jemand aus der Fernsehwerbung.“ Ich bedachte sie nur mit einem mitleidigen Blick. Was wusste denn ein führerscheinloses Geschöpf wie meine Frau über Autos und ihre unterschiedlichen Vor- und Nachteile. Aber sie lenkte dann von selbst ein.

„Na, ist schon gut. Ich weiß doch, wie gern du Auto fährst.“

Was hatte ich doch für eine verständige Frau. Leider beging ich den unverzeihlichen Fehler, sie beim Gang zum Autohändler mitzunehmen.

Wir hatten uns bei einer kleinen Familienkonferenz entschlossen, einen Volkswagen, Modell 1600 Variant zu kaufen und ich hatte bei einem Händler einen Termin vereinbart, um uns über das Angebot an gebrauchten, aber trotzdem neuwertigen Fahrzeugen dieses Typs zu informieren. Dieser Wagen würde uns durch die hintere Ladefläche gute Dienste leisten, wenn wir im Großmarkt Waren einkaufen wollten fürs Geschäft; andererseits bot er den vier Stegemanns bequem Platz für kleine und große Fahrten. Das stand nun schon mal fest, obwohl ich zugeben musste, im Autohaus kurze, aber um so sehnsüchtigere Blicke auf einen Karmann Ghia und vor allem auf den Porsche geworfen zu haben, als wir die Verkaufsausstellung der Firma Sommer und Co. betraten.

Christine bemerkte mein Seufzen und meinte nur ungerührt: „Papi, du bist über dreißig und hast ein Weib und zwei Kinder.“

Ich bedachte die Mutter der beiden soeben erwähnten Kinder mit einem beleidigten Gesichtsausdruck. „Das musst du doch so nicht laut sagen.“

Der Verkäufer, der mit verkaufsfördendem Lächeln auf uns zueilte, beendete das kleine Gefecht.

Nachdem ich ihm meinen Namen genannt hatte, steigerte er den Ausdruck auf seinem Gesicht von höflich-charmant auf entspannt-provisionsgewiss.

„Ah ja, die Familie Stegemann.“ Er deutete eine Verbeugung an und reichte erst Christine und dann mir die Hand zur Begrüßung. „Mein Name ist Sander. Wir hatten miteinander bereits telefoniert.“

Er geleitete uns zu einer Sitzgruppe, die zwischen den chromblitzenden Automobilen zwar etwas seltsam anmutete, aber die angenehme Atmosphäre dieses improvisierten Wohnzimmers sollte wahrscheinlich die zukünftigen Autobesitzer in eine entspannte Laune versetzen, was bei mir zweifellos gelang. Nachdem wir zwei Wagen in die engere Wahl gezogen hatten, war ich sogar so sehr entspannt, dass ich schließlich und endlich Christines Drängen nachgab und nicht das von mir favorisierte Exemplar wählte. Mir hätte zwar das rote Modell gefallen, aber meine Frau hatte, wie ich bereits sagte, so ihre ganz eigenen Vorstellungen von der äußeren Erscheinung unseres neuen Familienmitglieds.

Der Wagen, den wir schließlich kauften, war ein Jahr alt, hatte neuntausendsiebenhundert Kilometer auf den Reifen und war... babyblau. Ehe ich es begriff, hatten wir uns schon auf einer Probefahrt befunden, bei der ich beim besten Unwillen keine Nachteile entdecken konnte und somit bekam Christine ihre Wunschfarbe. Während ich meinen Namen unter den Kaufvertrag setzte, schielte ich noch einmal zu einem reizenden Cabriolet hinüber, einem roten Karmann Ghia, der gut zu mir gepasst hätte. Aber es ging eben nicht. Ich musste den Verstand sprechen lassen, nicht das Herz.

Erst als wir wieder zu Haus waren, kam mir die Tragweite dieser Entscheidung zu Bewusstsein. Die nächsten Jahre würde ich also hinter dem Steuer eines blauen, eines babyblauen Autos sitzen. Auf meine eigentlich eher rhetorische Frage, wie es nur dazu kommen konnte, da ich doch eindeutig schon vor unserem Besuch beim Händler angedeutet hatte, dass mir die Farbe Rot gut gefallen würde, bekam ich eine simple, aber vermutlich goldrichtige Antwort.

„Du liebst mich eben, Schatz.“

Ich sah meine Frau an, nickte nur stumm, aber sagte mir, dass sie absolut Recht hatte.

Unseren Fiat, der nicht mehr zu retten gewesen war, konnte ich noch für ein paar Mark an einen jungen Mann aus dem Nachbarhaus verkaufen. Er war ein begeisterter Bastler und hatte eine Garage gemietet, in der er dann an dem kleinen Floh herumbasteln wollte.

Drei Tage nach dem Vertragsabschluss bei Herrn Sander war es soweit, dass ich den Wagen in der firmeneigenen Werkstatt abholen konnte. Er war noch einmal gründlich auf Herz und Nieren (oder sagt man bei einem Auto auf Vergaser und Kolben?) geprüft worden, zugelassen, frisch gewaschen und aufgetankt. Mein Sohn Andreas freute sich riesig, dass ich ihn mitnahm, um unsere neue Familienkutsche in Empfang zu nehmen.

Also stiegen wir beiden Männer der Familie erwartungsfroh zuerst in die U-Bahn, vertrauten uns dann noch den Fahrkünsten eines Busfahrers an und gelangten endlich am Ziel an. Es war auch tatsächlich alles bereit und nach wenigen Minuten konnten wir schon hochbeglückt einsteigen.

„So ein schönes Auto hatten wir aber noch nie, Papi“, meinte Andi, nachdem er Platz genommen hatte. Ich nickte nur, ganz ergriffen von diesem feierlichen Moment, als ich zum ersten Mal den Schlüssel ins Zündschloss steckte, herumdrehte und das typische, leicht flatternde Motorengeräusch vom Heck des Wagens zu hören war.

Als wir dann auf dem Heimweg waren und Andi wie ein Hund seine Nase in den warmen Septemberwind steckte, blickte ich mich immer wieder verstohlen um. Ich wollte herausfinden, wie die anderen Verkehrsteilnehmer auf die für mich immer noch gewöhnungsbedürftige Farbe reagierten. Aber niemand sah sich nach uns um und schließlich war ich überzeugt davon, dass ich mich in diesem Wagen durchaus sehen lassen konnte. Außerdem versicherte mir Christine am Abend, nachdem wir unseren Laden geschlossen und die Kinder ins Auto gesetzt hatten, bei unserer Jungfernfahrt durch die Straßen unseres Viertels, dass die Farbe nicht babyblau wäre, sondern himmelblau. Nun ja, das klang schon annehmbarer. Und nach ein paar Tagen hatte ich auch tatsächlich kein Problem mehr damit. Vielmehr hatte ich das Gefühl, ich hätte nie im Leben einen anderen Wagen besessen und gefahren. Das würde im nächsten Sommer ein ideales Reisegefährt sein.



2

In den kommenden Wochen ging es hoch her bei uns. Ich öffnete nun immer morgens um sechs Uhr den Laden, um die ganz frühen Kunden auf ihrem Weg zur Arbeit vor allem mit Zigaretten und Zeitungen zu versorgen.

Christine sorgte inzwischen für das Frühstück und nahm mit den Kindern dazu in einem kleinen Hinterzimmer des Ladens Platz. Manchmal gelang es mir zwar auch für ein paar Augenblicke die Gesellschaft meiner Familie zu genießen, aber meistens war Kundschaft da, die natürlich wichtiger war. Daher schob Christine mir oft zwei halbe Schrippen und eine Tasse Kaffee in eine verdeckte Ecke hinter dem Verkaufstresen, damit ich nicht hungrig ins Büro fahren musste.

Eine zeitweilige Unterstützung hatte Christine in ihrer Großmutter, die natürlich schon Rente bekam und deshalb einmal im Jahr für vier Wochen aus Ostberlin zu Besuch kommen durfte. Jetzt war es wieder soweit. Wie abgesprochen kam sie ein paar Tage vor Christines dreißigstem Geburtstag zu uns.

Wir alle hatten unsere Tick-Tack-Oma (eine wortspielerische Bezeichnung auf die Tatsache, dass sie für Andi und Melanie und den Kindern ihrer anderen Enkel schon die Urgroßmutter war) von Herzen gern. Oma Hedwig war eine liebe, bescheidene Frau, die Zeit ihres Lebens hart gearbeitet hatte. Aber trotz ihrer mittlerweile zweiundsiebzig Jahre besaß sie immer noch eine beachtenswerte Vitalität. Das einzige, was ihr zu schaffen machte, war ihre nachlassende Sehkraft.

Christines Wiegenfest sollte groß gefeiert werden, wie es sich für einen runden Geburtstag gehörte. Das bedeutete auch, dass Tommy und Margit ihr Kommen zugesagt hatten. Das hatten wir natürlich gewusst. Aber wir hätten auch wissen müssen, dass Tommy wieder einmal für eine Überraschung in Form eines weiteren Gastes sorgen würde. Jedenfalls rollte kurz nach Geschäftsschluss einen Tag vor dem großen Familienfest nicht nur der gelbe Alfa mit dem schwarzen Dach vor den Eingang unseres Ladens, in seinem Kielwasser schwamm noch ein weißer Käfer hinterher, der ebenfalls ein Schweizer Nummernschild aus dem Kanton Bern trug.

Christine sah mich mit rollenden Augen an. „Dein Bruder!“, schnaufte sie nur, als aus dem VW ein kräftiger, junger Mann mit schwarzen Locken stieg, den Tommy auch gleich herbeiwinkte.

„Fritze, komm her!“, rief er mit so lautstarker Stimme, dass sich die Passanten, die um uns herum vermutlich an den heimischen Abendbrottisch eilten, erschrocken aufblickten. Ein paar neugierige Nachbarn aus den umliegenden Häusern steckten ihre Köpfe aus den an diesem milden Spätsommerabend noch geöffneten Fenstern ihrer Wohnstuben. Ja, für diejenigen Mitmenschen, die sich brennend dafür interessierten, was um sie herum vorging, war der Sommer immer eine gute Jahreszeit. Man konnte bis abends frische Luft in die Wohnung strömen lassen und konnte gleichzeitig immer mit einem Ohr dem Geschehen auf der Straße folgen, ohne neugierig zu wirken.

Christine wollte zwar so schnell wie möglich ins Haus, aber ich hatte beschlossen, der Nachbarschaft etwas zu bieten. Man soll immer nett zu seinen Kunden sein.

Nach der großen Umarmungszeremonie und dem großen, lautstarken Hallo zur Begrüßung kam es nun endlich zur Vorstellung des fremden jungen Mannes.

Tommy sprach dabei wohlweislich Christine zuerst an, weil er genau wusste, dass sie einen kleinen Augenblick lang ungehalten sein würde, dass er ohne Vorankündigung noch jemanden mitgebracht hatte.

„Ich weiß, ich hätte was sagen müssen, aber Fritze hat sich in letzter Minute sozusagen entschlossen, mitzukommen.“ Tommy versuchte also ganz offensichtlich, der zu erwartenden Standpauke zuvorzukommen und zog den zusätzlichen Gast nach vorn. Mit dem begeisterten Tonfall eines Markthändlers, der ein Sonderangebot anpries, sagte er dann: „Chrille, hier lernst du meinen guten Freund Fritz Schrader kennen. Fritze ist ein Gastschweizer wie ich auch. Er stammt eigentlich aus Kärnten. Und da er Berlin noch nicht kannte, hab ich ihn einfach mitgebracht.“

„Kärnten? Das liegt in Österreich“, klärte uns Christine unnötiger Weise auf, nahm dabei den resoluten Tonfall und Gesichtsausdruck meiner alten Geographielehrerin an, sah sich dann aber nach mir um, unsicher, ob sie mit ihrer Aussage Fritzes Heimat denn auch richtig auf ihrer geistigen Landkarte eingeordnet hatte. Sie erwartete meine Zustimmung, aber ich grinste nur höchst amüsiert.

Daraufhin war sie beleidigt. „Stimmt doch, oder nicht?“

„Vollkommen, Christine“, stimmte ihr Margit zu und sah mich streng an. „Lass di’ net ärgern“, sagte sie in ihrem charmanten Wiener Tonfall.

Tommy fuhr in der Präsentation seines Freundes fort. „Fritze ist der genialste Elektriker der Gegenwart.“

Das Genie lächelte verschämt und reichte Christine beinahe verschüchtert die Hand zur Begrüßung. „Aber Tommy, was red’st denn?“

„Fritze, und das ist meine liebe Schwägerin Christine, eine wahrhaft geniale Hausfrau und Mutter“, setzte Tommy inzwischen das miteinander bekanntmachen fort.

„Du bist heute so außerordentlich genial“, konterte Christine trocken, bekam aber trotzdem einen roten Kopf. Dann wandte sie sich dem unverhofften Gast zu. „Seien Sie uns herzlich willkommen, Herr…“

„Komm, nun sei nicht so formell, Schwägerin. Wir nennen ihn schlicht und ergreifend Fritze. Das machst du auch und damit gut.“

Wir beendeten für den heutigen Abend unser Straßentheater und gingen in unsere Wohnung.

„Dann wollen wir erst mal Abendbrot essen“, sagte ich, denn die Warterei auf unsere Gäste hatte mich hungrig gemacht. Margit wollte Christine behilflich sein, aber es war schon alles vorbereitet und der Tisch im Wohnzimmer war auch schon gedeckt. Es fehlte nur noch ein Gedeck für Fritze.

„Als nächstes müssen wir aber mal überlegen, wo Fritze schlafen soll“, verkündete Christine während des Essens. Wie immer dachte sie an das, was augenblicklich gerade das Wichtigste war.

Tommy blickte plötzlich verlegen in die Gegend. „Nun ja, wenn du schon das Thema anschneidest… Also Margit und ich gehen natürlich zu den Eltern.“

Christine sah ihn leicht süffisant an. „Davon bin ich ohnehin ausgegangen, dass ihr das tun werdet. Aber ich sprach von Herrn… von Fritz.“

„Siehst du, Tommy... i hab’s dir gleich g’sagt, du bist narrisch, einfach so ohne zu fragen den Fritz mitzubringen.“ Margits Stimme war voller Tadel.

„Also, das ist mir jetzt aber peinlich.“ Fritz rutschte mit sichtbarem Unbehagen auf seinem Stuhl herum.

Sofort erwachte Christines warmherzige Seite und sie tröstete ihn. „Nein, das muss dir nicht unangenehm sein“, sagte sie und legte ihre Hand auf seine Schulter, ...

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