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Das Zeitloch

Das Zeitloch

Tja, es ist wie immer ein schöner Tag, Herbst, und jedes Mal wenn ich durch die Fasanenstraße radle, auf dem Bürgersteig natürlich, an dem Kino vorbei komme, doch endlich einmal absteige, vor der Industrie und Handwerkskammer, denn ich fahre wie immer diese Einbahnstraße in der falschen Richtung, schiebe weiter bis zur Akademie der Künste und sitze endlich vor der Musikschule wieder auf meinem Rad. Sekundengenau im Rhythmus strample ich Richtung 17. Juni, fühle mich stark, obwohl ich weiß, dass von hier an für uns weniger passieren wird, Pfeife drauf, denn es ist mir fast egal, und ich bin sowieso nur auf dem Weg ins Studio, am Reichstag vorbei, nachdem ich den Tiergarten in seiner ganzen Pracht genossen habe. Volle Töne, Blätter in allen Farben, zivilisierte Soldaten, Spaziergänger, Schönheiten, Schnüffler, die allen hinterher rennen, junge Leute und alle wissen, es ist mal wieder soweit.

Eine Stunde Radio, und ich bin natürlich stolz, ein Band aufzulegen, das ich von einem jungen, großen, dunkelhaarigen, schlanken, braunäugigen ohne Akzent deutsch sprechenden langbeinigen Zeitgenossen erhalten habe.

Er stand nicht in der Gruppe aller gay couples vor der Siegessäule, ist auch nicht den Lastwagen entsprungen, deren Beifahrerrinnen diesen Weg, wenn die Sonne untergeht zu einem für Fahrradfahrer unerreichbaren Flash dekorieren.

Nein, Bred habe ich wie viele Spaziergänger ganz einfach am Landwehrkanal getroffen, hinter dem Laternenmuseum, irgendwann, bei einer dieser zahlreichen Übungen, mit der Kamera unterwegs, irgendeiner Befragung oder der Aufforderung, etwas Ungewöhnliches zu machen.

Bred, super gut aussehend, fiel natürlich sofort auf und nachdem ich das improvisierte Questionaire abgelassen hatte fragte er mich, ob ich einmal etwas für ihn machen könnte. Warum nicht, denn man hat ja sowieso nicht viel zu tun, und Bred, Ok warum nicht?

Also, seitdem treffe ich ihn fast regelmäßig, lebe fast schon von ihm und seinen unkonventionellen Ideen. Bred, Musiker, Künstler und jemand, der eben dort nicht zu ungewöhnlich ist, drückt mir seitdem ständig eine Kostprobe seiner Künste in die Hand. Verwöhnt mich mit Goethe in Technostyle, Heine in Jazz, eigenen Kompositionen, Gedichten, Rhythmen, erstaunt durch ungewöhnliche Klangbilder, die ich in unserem bürgernahen Radio abspielen kann und die mir zu einer interessanten Sendung verholfen haben.

In diesem Sinne rase ich durch den Tiergarten, spiele mit jedem, passiere gut einstudierte Bilder, Situationen, Kamerateams, Politiker, Techniker auf dem Weg zur Arbeit, Künstler und Musiker und bin fast schon auf der Höhe des Potsdamer Platzes mit meiner Message von Bred, das Land der Dichter und Denker auf seine Art zu vertonen, eine Odyssee zu wagen, in einem Bereich, der für uns jahrzehntelang nur mit Vorbehalten zu passieren war.

Weil heute ein ganz besonderer Tag ist, und die unermüdlichen Anstrengungen Breds, durch das Reich der Träume zu preschen, einen gewissen Höhepunkt erreicht haben, denn er ist der Ansicht, dass man ihn nicht wie einen wilden Völkerstamm nach Noten zähmen sollte, was alle in Erstaunen setzte, so Uni nah, und alle sind natürlich auf seiner Seite, solche Gedanken haben zu können, bestätigt er diese Rede heute, schmeißt mich fast vom Rad mit seinen Ansprüchen, denn heute treffen wir uns und er überreicht mir nicht wie sonst eine Mini Disc oder ein Video Band, das ich beruhigt abspielen kann, sondern ist der Meinung, sich mal von einer ganz anderen Seite vorstellen zu müssen.Tja, also während ich so auf ihn zu radle, zur richtigen Zeit am verabredeten Platz bin, hält er mir eine Mappe entgegen, eine Mappe mit Erzählungen. Keine Musik, Poems oder Gedichte, nein dieses mal Texte und Geschichten.

Also, nachdem er mich so überlistet hat, ich von den kühnsten Träumen der deutschen Literatur natürlich nur aus reiner Liebe und Lust auf die Sprünge zu helfen geworfen bin, sollte ich auch realistisch sein, denn was er mir hier in die Hand drückt ist Realität. Eine Realität, die Bred erschaffen hat und die wie alles ziemlich einzigartig ist.

Eigenwillig, ichbezogen, wie Musiker eben sind, jetzt Bred als Künstler zu sehen, Künstler, als schreibenden Künstler natürlich, nicht dass er Bilder zeigen würde, Fotos, weil er tatsächlich nur von sich spricht noch Autoportraits machen würde, nein, Bred behauptet steif und fest, ein anderes Bild erschaffen zu haben, ein Bild einer Großstadt, die jeder kennt, die noch nicht einmal auf unserem Kontinent liegt, die jeden in ihren Bann zieht, über die man nur solche und solche Sachen hören, lesen und sehen kann, die ein zweifelhaftes Image hat, immer präsent ist, deren Anblick alle, die es nicht gewohnt sind, schon in eine fast ängstliche Faszination versetzen kann, die eine andere Form der Perspektive schafft, und die jeden erschrecken läßt, der näher hinsieht, sich über Bauwerke und Buildings setzt, oder unterdrückt und den Blick einfach nur auf den Bürger lenkt.

Selfconcerned, ichbezogen, Bred und dieses Kunststück, das er wirklich fertig gebracht hat, ein Grund mehr, ihn im Tierpark zu treffen. Bred und seine Version, Leute zu sehen, über Kulturen zu sprechen, Bilder, die er erschaffen hat, zu beschreiben, unermüdlich, mutig und in der Ichform, die ich nun vorlesen soll in meiner Sendung, aber denke, dass sie besser zu lesen ist.

Grove

Grove Street war heute unser Ziel. Living area würden Amerikaner sagen. Mittelstand, durchsetzt von Universität, jungen Leuten, auch Neuankömmlinge, und alle haben zumindest eines gemeinsam: Man ist für Kunst und Kultur aufgeschlossen.

Es ist Samstag im Sommer in der Village und wir konnten sicher sein, gute Bilder zu machen. Also wieder sind wir mit Vinys Pick up Track durch die Stadt gekurvt und sind gerade dabei, den rechten Winkel zu installieren, ihn aufzustellen und das Papier anzutackern, die Reflektoren dazu zu stellen und schon sind die ersten Neugierigen da, "what are you guys doing there...?”

Der letzte Rest des Hintergrunds war zu diesem Zeitpunkt wichtiger als auf solche existenziellen Fragen einzugehen. Dominique versuchte es mit Charme, um nicht von vorne herein zum Ungetüm zu werden, das diese friedliche Wohngegend durchleuchtet. Aber zum Glück gehört diese Gegend zu den zivilisierten Distrikten und deshalb gab es auch keinen Massenauflauf während ich das Studio mit Dominiques Hilfe zusammensetzte.
Sommer in der Village, aber noch erträglich. Nicht so heiß, dass man lieber zu Hause bei der Aircondition bleiben sollte, um der feucht heißen Luft zu entgehen, sondern richtig schön sommerlich warm, so dass man bequem in Shorts unterwegs sein konnte und die langen Hosen auch nicht zu warm waren. Aber wie die Village eben so mal ist, man könnte es auch zu den typischen Merkmalen zählen, sieht man hier wohl die meisten Leute in kurzen Hosen und auch Männer unterwegs, die ihre Beine zeigen und es als Komfort betrachten, relaxt und sportlich ungezwungen diese Mode zu kultivieren.

Auch Mutter mit Kind und schon wieder mit einem dicken Bauch genauso mit zum Straßenbild gehören wie das gay oder lespian couple, die diese Veranlagung dann auch offen zur Schau stellen.

Verliebt zu sein wie man es so gewohnt sein kann als Junge und Mädchen auch möglich ist, um die großzügigen Möglichkeiten des Zusammenlebens zu tolerieren. Gut drauf zu sein, zumindest etwas Interessantes darzustellen oder zu machen. Ganz normal ist, eben gut situierter Weltbürger werden zu wollen, auf jedem Gesicht abzulesen ist und wenn ich jetzt mal so ganz schnell und kurz auf die Kontaktbögen sehe, so könnte ich sagen, und zumindest in Amerika ist dies ein ernst zu nehmendes Wort, sie sehen sehr europäisch aus.

Keine superlangen Fingernägel oder toupierten Haare habe ich hier aufgenommen, sondern Shorts und T Shirts, Polo Shirt und sogar kombiniert mit Jacketts. Ansonsten Jeans, Freizeitkluft mit Hemd oder ab und zu tatsächlich noch einmal eine Kollegin in weiten hellen Hosen, die um den Stand zu signalisieren, ein typisches Zeichen aus ihrem Berufsleben macht, so tut, als ob sie in die Kamera sieht.

Tube Ross sich in Jeans und hochgekrempelten Ärmeln und seinem Motorrad in mein Studio begibt, und Paul Morris sich mit Freundin und freiem Oberkörper und Turnhose fotografieren lässt, als Construction Worker hier sein Zeichen hinterlässt, sicherlich etwas fehl am Platze, was Integration in der Village betrifft, und ja nur als Zeichen dient für alles das, was man sonst noch so unter dem Begriff vereint.

Dann drei junge Mädchen aus dem Bred College, die nachdem sie das Kreuz auf dem Hintergrund gefunden hatten, das Dominique so malerisch gezeichnet hatte, damit alle auf der gleichen Linie stehend fotografiert werden können, einen riesigen Luftsprung machten. Die Arme in die Luft warfen, lachten und aus lauter Übermut noch einmal für ein Bild in der Luft posierten.

Ward Jenny und Bruce mit sich und zumindest mit ihren Nachnamen eigentlich nur Werbung machen wollten, aber keinen Satz parat hatten, wie die Luftspringer, die noch auf die Model Releasen "jump on it” schreiben konnten.

Nein, bei ihnen war es das Restaurant, in das man kommen sollte und eben so standen sie dann auch relaxed mit Händen in den Hosentaschen da. Selbst wenn man in Shorts gekleidet ist und wie ein Matcho mich anlächelt zusammen mit einer gut aussehenden Blondine, die sich aus Verbundenheit zu ihm und der gemeinsamen Fotoaktion am Arm einhängt natürlich die Sportlichkeit der Shorts unterstreicht, und Sabrine als Bar Tender und schicker Sonnenbrille, Hawai Hemd und etwas weiteren kurzen Hosen zusammen mit Nurenn, der reisenden und Eis lutschenden Bekannten ein weites Spektrum übrigläßt.

Es ist Samstag in der Village und nicht jeder denkt, dass ein gut bürgerliches Bild die Village repräsentiert. In Bermudas, halblang bis zu den Knien und sie mit Faltenrock, weißem Hemd und über die Schulter geworfenem Pulli, lächelnd und natürlich mit Handtasche, das wäre das, was als erstrebenswert zu erwähnen wäre.

Lieber etwas sophisticated wie Paul Hoffmann und Mecan Gillen, die mit nach hinten verschränkten Armen, Paul in super sexy Satin Shorts in schwarz weiß neben Mecan in Safari halblangen Hosen ,so taten, als wenn sie fast auf mich springen würden. Das verhaltene smile in dieser Pose in ihrem Gebiet, nicht zu weit von der Christoffer Street, ihre Sonnenbrillen, denn bei uns Deutschen weiß man ja nie so genau, Mokassins ohne Socken und click, das war‘s dann in meinem Studio.

Wahrscheinlich war es dann so gegen Mittag und kurz vor Ladenschluss, denn ich sehe hier einige Portraits, die ich mit den beliebten Plastiktaschen oder Körben machte. Der Rhythmus des Tages sich natürlich auch bei meinen Portraits bemerkbar macht. Allgemein bekannt natürlich auch die Pflege der vielen Hunde, deren Besitzer keine Zeit haben, mit ihnen auf die Straße zu gehen und der Service mir auf diese Weise auch ein eindrückliches Bild hinterlassen hat.

Im Rollstuhl zusammen mit der Pflegerin genauso zu den gewöhnlichen Bildern gehört wie mit dem Kinderwagen oder dem Fahrrad auf den rechten Winkel zu kommen, um ein Bild von sich machen zu lassen.
Sie in langen Bermudashorts und er in Shorts, etwas kürzer im Poloshirt und sie mit hellem Hemd, die Hände in den Hosentaschen, um mich dann an zulachen. Kann ja schließlich jeder!

Seine Partnerin liebevoll im Arm zu halten ohne Shorts in Jeans und für ein Bild zu lächeln auch zu dem normalerem gehört. Dann Dominique zu sehen mit allen Releasen für die Adressen, die er dieses Mal verlässlich richtig aufgeschrieben hatte, mir aber trotzdem später verbot, die Bilder von ihm zu zeigen, da er zumindest einer der wenigen war, der mir die Copyrights nicht schriftlich überließ und mich schon auf die Idee brachte, ihn mit schwarzem Streifen zu dekorieren, um zumindest die Bilder, bei denen er nur zufällig mit dabei stand, benutzen zu können.

Clack, dann wieder ein Bild mit einem gay coupel, Arm in Arm, ein Bild, das sicher im Rest des Staates auf Widerstand stoßen würde, ähnlich wie ein nackter Busen öffentlich gedruckt nicht zu dem gehört, was man in den Staaten sehen sollte.

Dann arbeiteten wir weiter. Ich belichtete Film, machte ein Portrait nach dem anderen, painters, teachers, auditors, musican, attorney, computer programmer, shiny und glossy cosmetogisten, dancer, students und sogar einen Herrn mit deutschem Namen, William Baum, textile manufacturer, was immer er damit sagen wollte, denn bei den vielen falschen Adressen angaben war ich mir nicht mehr so sicher.

Peter Sullivan als lawyer und als Bezeichnung "hangover picture” gefolgt das eines Bar Tenders, um weiter zu den Designern zu kommen und bis hin zu Architekten, für die Grove Street in der Village ein Ausflug mit unserem Studio wert war.

Bei einem Blick auf die Releasen fiel natürlich auf, dass wenig die Titel mitgenannt wurden. Zu signieren als Diplom Ingenieur oder Doktor so gut wie nie zu sehen war, lediglich unter der Angabe Profession eingetragen waren Namen wie Coburn Britton vom St. Luke‘s Place signiert als Schriftsteller, was dann unweigerlich auf das Ende des Tages schließen ließ.

Und Lacky Luke, der einsame Cowboy nach solch einem Shooting an diesem ereignisreichen Tag zwischendurch doch auch einmal ganz schön ist.

Als Abspann für diesen Fototag in der Grove Street könnte man dann anhand der Adressen sagen: Lynn Feehr malte, Nigel Bernald war chef, Linda Franklin wäre consultant, aus der Grove Street natürlich, Jill Rubin als social worker, Wim Breberg war credit analyst für Scott Taylor, aus der library Jana Allen, um dann alles bei Viny auf den Pick up Track zu laden...

Namen nur Namen, wenn Herr Liebhut vom Broadway schon casting director war, aber ich war ja noch nicht fertig, und weiterhin das Vergnügen Realität, wie sie in der Village vor meinen Augen auf mich zukam, aus ihrem Kontext und ihrem Umfeld zu heben, in meinem Studio, das wie ein rechter Winkel auf der Straße stand.
Wie sehr wir euch lieben zu zeigen, mit ausgestreckten weit offenen Armen, in einer weißen Bluse mit dunklem Faltenrock auch jeder verstehen kann wie man es möchte, und danach einen Sprung auf dem nächsten Bild zu sehen einer jungen Dame, die zwar mit Sonnenbrille, aber mit fast erhobener Faust der linken Hand und dem herzzerreißenden Schrei der Kamera entgegensprang, wahrscheinlich nur zu der wilden Imagination und meinem falsch abgepassten Druck auf den Auslöser zustande gekommen war.

Ganz in weiß dazustehen, für New York natürlich nicht ganz das ist, was man vermuten würde.
Er glatzköpfig mit verschränkten Armen auf der linken Seite während sie sich wahrscheinlich darüber amüsiert, hier auf meinem rechten Winkel auch mit zu machen, ganz ungezwungen da zu stehen, zu posieren, wie man es in den etwas älteren Modejournalen gesehen hätte, mit einer Hand in die Hüfte gestemmt und einem durch gedrückten Rücken, zu mir wie zum Publikum zu sprechen.

Oder dann dieses Bild, schüchtern mit geschlossenen Beinen, unschuldig fast schon, aber doch mindestens Dreißig, brav in das Auge des Apparates zu sehen, was für diese Gegend und an diesem Tag zu unserer Zeit auch ziemlich ungewohnt aussah.

Endlich wieder alle Klamotten in Ordnung zu haben, aus der Reinigung zu kommen und seinen Anzug in der Hand zu haben, lässig cool und sportlich in Turnhose und Sportdress auf meinem Winkel zu stehen, noch einmal den Lebensstandard der Village bestätigt, hier zu wohnen ungezwungen und ihre Toleranz zu genießen.
Und noch einmal ein Bild eines Kollegen, auf dem Fahrrad ins Studio gerollt, auf der Mittelstange seinen kleinen Sohn sitzend, relaxed, und man könnte fast sagen "wie bei uns” mit dem kleinen Seiteneffekt, dass sein kleiner Sohn einen leicht asiatischen Einschlag hat.

Auffällig, weil in dieser New Yorker Gegend weniger Farbige oder Asiaten anzutreffen sind und die Mehrzahl der Bevölkerung europäisch weiß ist. Frau Phillips mit ihren Töchterchen mal guten Tag sagen wollte, hi. Und noch ein tolles Foto gemacht zu haben, so selbstverständlich ist, wie das Bild dreier Tänzerinnen, die in Leggings und Sporttasche schnell vorbei gehuscht sind, clack, ein Bild mehr und dann alle schnell zum Training gingen.

Grove Street und bezeichnend für alles, was nachher passierte mit mir oder den Bildern, allen Adressen. Dominique war der erste, der von mir in der Village fotografiert wurde. Das erste Bild des Projekts war er, er der mir nicht die Rechte zugestehen wollte, Bilder mit ihm zu veröffentlichen. Dominique, der aus meiner Sicht so dermaßen versagte, einige Tage durch das schludrige Aufzeichnen der fotografierten Personen nur den New York construction diente.

Halt so schlimm war es doch nicht. Einige Male hat Dominique doch alles richtig notiert. Also als zweites Bild in der Grove Street kam dann der rechte Winkel, das Studio ganz alleine, ohne Personen, Assistenten, Fotografen, so, wie es in der Straße stand und als nächstes und letztendlich drittes Bild der Motorradfahrer mit seiner Maschine, an der er wahrscheinlich in jeder freien Minute herumbastelt. Diesen Zustand als Bild drei zu bezeichnen schlimm genug ist.

Natürlich könnte man sich im Grabe umdrehen oder zu Lebzeiten versuchen, hier weg zu kommen. Aber Rosamond Pack aus der Morton Street und Profession Messanger hat alles auf den ersten Blick richtig erkannt, und so wundert es mich dann, im nach hinein auch nicht, wenn Lisette Dennis aus den Brooklyn Hights immer noch auf dem rechten Winkel steht, mir schon einmal Gesicht und Brust liebevoll mit Enthaarungscreme eingeschmiert hat, trotzdem hier noch einmal auftaucht, als Profession garments angibt und ich sie auch noch fotografiere.

Tja, die Straße hat es so an sich. Nachdem ich schon den Casting Direktor aufgenommen habe, mich immer noch frage, in welchem Film ich mich befinde? Es ist in der Village so Uni nah ja auch wirklich kein Problem, in das weite Feld der Sprache einzutauchen. So machte ich die Bekanntschaft und das Portrait von Dorothy Noland, die als teacher of second language english angibt, Hester Irene Brown als Schriftsteller der Meinung ist: "I‘m a n'ev   do well black sheep of the family with the novel:" Living with a dying jaguar”. Und je länger ich über diese Spracheigenschaften nachdenke froh bin, niemand zu sehen, der als Farbiger überkreuz mitlachen möchte, uns zu verstehen, zu wissen was wir nun eigentlich meinen, hier sein Zuhause hat, Grove.

Aus der blauen Kiste

Jetzt wird es fast schon Zeit, die blaue Kiste tatsächlich einmal zu öffnen.

Zumindest die Kontaktbögen durch zu sehen, alle Negative zu ordnen und endlich Vergrößerungen zu machen. Vergrößerungen aller Bilder, die ich in New York jedes Mal, wenn Dominique arbeitete, entwickelte, beschrieb und beschriftete.

Das heißt, wenn nicht gerade Lorin da war, Lorin, japanisch, und bei einem Art Cancel beschäftigt. Sie war eine der Wenigen, die sich darüber wunderte, dass ich als Deutscher überhaupt nach New York gekommen bin. Einen Kopf kleiner als ich, nice and handy, modern für eine japanische Frau und voll mit Geschichten über all das, was ihrem Volk während Pearl Harbour passierte.

Sie wohnte in Midtown in einer kleinen Wohnung und war natürlich immer überrascht, mich in der Loft zu sehen. Neue Deutsche und Japaner in Amerika, das schien eine Rechnung zu sein, die irgendwie nicht aufging. Unmöglich fand sie, dass ich sie auch noch fotografiert habe und noch unverständlicher war für sie die Tatsache, dass ich in Chinatown Bilder gemacht hatte.

Brring, da war es mal wieder Zeit, die Filme zu wässern, eine Beschäftigung, die mich von nun an weiterhin verfolgte. Neben der täglichen Muppet Show, die immer mit überraschenden Star Interviews auftrumpfte und Lorin, die ihren midtown spirit verbreitete und sich mehr und mehr zu jemandem entwickelte, mit dem man nicht so richtig rechnen konnte.

Zugegebener Weise waren andere Sachen in ihrer Umgebung wichtiger und sie kam sich schon fast etwas außenstehend vor, Downtown zu gehen, mit Artisten umgeben zu sein, wo doch für alle klar war, dass es Uptown gehen musste, um erfolgreich zu sein. Es für besonders chic anzusehen, das Leben hier zu kennen für sie nicht ganz richtig war, außer ihrem Job, der sie nach ihrer Meinung schon in die falsche Richtung zog, jetzt auch noch Bekannte hier zu haben, aber ich war einmal bei ihr zu Hause, der muffigen Wohnung in ihrem lustlosen Block und ich musste eine Erholung für sie gewesen sein.

Jetzt habe ich es endlich geschafft. Die Box ist offen und ich habe den ganzen Packen mit fotografierten New Yorkern in der Hand. Eines muss man sagen, es scheint allen Spaß gemacht zu haben. Jeder war erfreut, porträtiert und für diese Stadt im Bild festgehalten zu werden, für New York gerade zu stehen oder sich etwas lustiges einfallen zu lassen.

Um das Image ist ja jeder besorgt, und die, ich würde sagen, drei bis viertausend Portraits zeigen schon einen ganz guten Schnitt der Persönlichkeiten aus dieser Zeit.

Natürlich kann man je nach Location einfach feststellen, wer hier lebt. Ich brauche nicht ganz banal zu sagen, dass man jemanden aus der Wallstreet gegenüber jemandem aus Chinatown allein vom hinsehen erkennen konnte.
Oder für jeden Europäer verständlich, Harlem farbig ist, schwarz und nicht weiß, obwohl Herr Stuyvesant von hier aus diese Stadt gegründet haben soll, und zumindest rund um die Kirche nur zweistöckige Häuser stehen.

Die Leute von der 42th St., dem Theater Distrikt, kann man auch leicht erkennen, genauso wie die Shopper und Business Leute von der 57sten Straße. Und wer denkt, Studenten nicht richtig platzieren zu können, der kennt sich eben nicht aus.

Schwieriger ist es dann bei all den uniformierten wie Postlern, Express Service, Polizisten, die auch gerne für New York Model standen.Geistliche verschiedener Religionen bis hin zur Straßenreinigung. Leute, die man in allen Gegenden der Stadt antreffen kann.

Lower East Side

 

Natürlich kann man es auch auf die Spitze treiben. Auf der einen Seite zu denken, New York und seine Einwohner im besten Licht zu zeigen, sich anzustrengen und alles im Positivem zu sehen, aber trotzdem zu versuchen, real zu bleiben und keine Schein und Glamour Welt zu präsentieren natürlich seine Grenzen hat.

Auf der einen Seite zu wissen, dass zum Beispiel die Lower East Side genauso mit dazu gehört wie andere Distrikte auch, es Zugegebenerweise nicht so toll hier aussieht und man die Fantasie, an einem lohnenswerten Platz zu sein, auch nur teilen kann, wenn man jung ist und versucht, hier endlich auf eigenen Füßen zu stehen.

Oder wenn man nach einem deutschen Rockstar suchen würde, der früher oder später an Aids zugrunde geht, angeblich zumindest, oder nach einem deutschen Fotografen, der durch die Staaten gereist ist und die großartigsten Bilder gemacht hat, bestaunen will, sich nicht scheut, ständig auf Emigranten zu stoßen oder Neuankömmlinge kennen zu lernen, der kann diesen Teil New Yorks kennen lernen als erstes Anlaufziel, erste Wohnung und Punkt, um sich einzuarbeiten.

Schon immer kamen hier die ersten Emigranten an, alle die weniger betuchten, die Amerika als Zeichen sahen, neu anzufangen und auf eine faire Chance hofften, Geld zu verdienen.
Sicherlich ein bekannter Gedanke, den man bis zu einem gewissen Alter träumen kann. Wenn ich zu mir sage: Grenze, so ist es sicherlich die Grenze dessen gewesen, dass man hier öffentlich auftreten konnte, um Fotos zu machen und Adressen zu sammeln.

Wenn ich durch die Releasen sehe, dann ist klar, dass außer ein paar Artisten und Studenten niemand so richtig eine Berufsbezeichnung angeben konnte oder wollte.

Einzig der Name wichtig war und das auch nur in begrenztem Maße. Charles Rosa, Jose Singer Marylin VI oder Elisa Lebon, um nur einige zu nennen. Fernsehanstalten würden sich einfach W ABC und vertreten durch Lyon Ramon nennen, und dann dürfte auch dem Letzten klar sein, dass man hier zumindest auf dem Scheidepunkt steht.
Sich "Lights” zu nennen irgendwie noch durchging, denn da wusste ja schließlich jeder, was damit gemeint war, oder Sie etwa nicht?

Und um der Sache den richtigen Drive zu geben, kam Herr Wenzel, seines Zeichens Polizist, stellte sich auf den Hintergrund, um aufgenommen zu werden.

Die Waffe und sein Gürtel deutlich tiefer als seine Taille, stemmte er seine rechte Hand auf die Hüfte, den ...

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