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Das Wettermädchen

1993 in Osnabrück geboren, wuchs Sina Alschner zusammen mit ihrer jüngeren Schwester im ländlichen Schledehausen auf. Papier und Stift wurden bereits früh zu ständigen Begleitern. Die Liebe zum geschriebenen Wort zog sich durch den Deutsch-Leistungskurs sowie das begonnene Literaturstudium an der Universität in Erfurt.

Nach einer Vielzahl kleinerer Texte ist das „Wettermädchen“ ihre erste große Veröffentlichung, eine Fortsetzung ist in Arbeit. Die angehende Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste im Bereich Bibliothek lebt mit ihrem Partner in Iserlohn, dem Tor zum Sauerland.

1

„Es geht ihr nicht besser“, die Stimme des Doktors geistert in meinem Kopf umher. Es geht ihr nicht besser. Gemeint hat er: Es wird nie wieder besser werden!

„Erzähl mir etwas!“, sagt sie mit leiser, angestrengter Stimme und ihre mattblauen Augen sehen mich an. Sie sind mal so strahlend, hell und aufmerksam gewesen. Nun muss sie sie schließen, schon wenige Minuten des Sehens strengen sie an und ihr Atem geht flach. Ich sehe dabei zu, wie sich ihr Brustkorb hebt und senkt. „Erzähl mir von dem Wettermädchen!“ Sie lässt die Augen geschlossen, aber ihr schmaler Mund formt sich zu einem leichten Lächeln, und dann erzähle ich von dem Wettermädchen, dessen Haare vom Wind verweht wurden, der so kühl und aufgebracht war wie das tiefste Innere ihrer Seele.

„Ilena zog den Kragen ihres grünen Wollpullis höher, es fröstelte ihr. Der Wind schien zu toben, verwüstete ihr kastanienbraunes Haar und wirbelte ihr Laub entgegen – aber das störte sie nicht. Das Wetter passte in diesem Moment, denn sie war zornig und erfüllt von Wut, die sie nicht auszudrücken vermochte. „Wut ist nichts, was du zum Ausdruck bringen solltest!“, hatte Tante Elvira ihr in der Kindheit irgendwann gesagt und seitdem musste Ilena jedes Mal an diese Worte denken.

Worüber sie verärgert war? Über ihre beste Freundin Emily, über ihre verkorkste Klassenarbeit und über ein Versprechen, das sie ihrer Tante niemals hätte geben dürfen.

„Komm, setz dich zu mir auf den Teppich!“, hatte Tante Elvira gesagt und die weißen Haare gestreichelt. Was für ein Tier das wohl mal gewesen sein mochte? hatte Ilena sich gefragt und sich auf das weiche Fell gesetzt. Irgendwie war ihr bei der Situation nicht ganz wohl.

Tante Elvira hatte die Augen auf sie gerichtet und schließlich in ruhigem Ton gesagt: „Mein Kind, versprich mir, dass du niemals nach deiner Herkunft suchen wirst.“

Wie hatte Ilena dieses Versprechen nur geben können? Sie war jetzt 17 Jahre alt, bald würde sie endlich auf eigenen Beinen stehen, endlich nach ihrer wirklichen Identität suchen können. Wieso nur hatte sie nach zweiminütigem Schweigen die Hand ihrer Tante umschlossen und leise gesagt: „Ich schwöre es!“ Und warum in aller Welt hatte sie das Gefühl, dass sie das Versprechen nicht würde brechen können?

Als sie die Haustür öffnete, schlug ihr die Leere der Wohnung entgegen, die sie nur allzu gut kannte. Nie war jemand zu Hause, wenn sie nachmittags vom Familienbesuch zurückkam, und wenn doch mal jemand da war, dann höchstens ihr schrecklicher Pflegevater, auf den sie auch durchaus verzichten konnte. Er war schrecklich, launisch, manchmal schlug er sie. Nie so, dass man etwas von seinen Schlägen sehen konnte, aber spüren konnte man sie.

Sie stellte ihre Schuhe in den kleinen Schuhkasten neben der Tür, hing ihre Jacke an einen Haken und legte ihren Schal in die oberste Schublade. Alles musste ordentlich sein, darauf legte ihre Pflegemutter großen Wert. Ilena betrat die Küche durch die feine weiße Tür, die ebenso penibel sauber war: kein Krümel vom Frühstück auf dem kleinen Küchentisch, kein schmutziges Geschirr, das herumstand.

Sie zog einen kleinen Topf aus dem Küchenschrank, stellte ihn auf den Herd und drehte die Platte auf eine mittel hohe Stufe. Dann ging sie in die kleine Abstellkammer, öffnete eine neue Flasche Apfelsaft und schüttete ihn zusammen mit einigen Gramm ihrer leckeren Gewürzmischung in den Topf. Ein warmes Getränk konnte sie jetzt sehr gut gebrauchen. Wenn es ihr schlecht ging, machte sie sich immer ein warmes Getränk. Manchmal kochte sie einen Tee, manchmal eine heiße Schokolade und seit neustem einen Apfelpunsch. Während das Getränk heiß wurde, suchte Ilena nach einem kleinen Leckerbissen, wurde aber nicht fündig.

Ihre Pflegeeltern hatten selten einmal etwas zum Knabbern im Haus, nur ab und zu mal ein wenig Gebäck oder eine Tüte Gummibärchen. Alkohol war dafür zu Genüge vorhanden. Wenn Ilena eine Party veranstalten würde, wie es ihre Klassenkameraden manchmal taten, dann würden auf jeden Fall alle genug zu Trinken bekommen; doch Ilena spielte nicht einmal mit dem Gedanken.

Sie trank kaum Alkohol und sie verabscheute es, wenn andere Menschen total betrunken waren. Ihr Pflegevater war der schlimmste Fall. Nach Außen hin tat er, als wäre alles in Ordnung, versteckte seine Sucht. Selbst seine Frau schien davon nichts mitzubekommen, aber die war ja auch fast nie da. Georg, so hieß ihr Pflegevater, arbeitete Schichtweise und verbrachte dazwischen viel Zeit im Wohnzimmer. Er saß in seinem großen Ohrensessel, eine Flasche Bier oder ein Glas Whiskey in der Hand und schaute sich irgendwelche blödsinnigen Filme im Fernsehen an.

Doch auch ihre Klassenkameraden tranken manchmal zu viel, redeten dann nur noch Schwachsinn und benahmen sich absolut daneben. Meistens ging sie dann und wollte nicht dabei bleiben, wenn die Besoffenen zu Kotzen begannen.

Sie hielt die Hand über den Topf, fand ihren Punsch warm genug und schüttete ihn in eine große blaue Tasse mit einem Engel darauf. Sie war ein Geschenk von Emily gewesen.

Den Topf stellte sie direkt in die Spülmaschine, dann ging sie mit dem Getränk in ihr Zimmer im ersten Stock. Ihr Zimmer war klein, eine Wäschekommode aus dunklem Holz stand darin, ein kleiner Schreibtisch und ihr Bett, ebenfalls aus dunklem Holz. Über dem Schreibtisch gab es ein schräges Fenster, von dem sie in den grauen Himmel sehen konnte. Ihr Bettbezug war gestreift, in mehreren Grüntönen. Sie setzte sich darauf, hielt den dampfenden Punsch in der Hand und dachte an Emily.

„Man, Ilena! Ich will dir doch gar nichts Böses. Ich will einfach nur nicht, dass er dich verletzt, und das wird er!“, Emily hatte versucht, nach ihrer Hand zu greifen, doch Ilena hatte sie weggezogen. „Und wie kommst du darauf?! Timo ist der liebste Mensch, den es nur gibt!“, hatte sie ihre Freundin angefaucht und begonnen, aufgebracht im Zimmer umherzuwandern. Erst der Besuch bei ihrer Tante und dann benahm sich auch ihre beste Freundin plötzlich seltsam. Wie kam sie darauf, Timo zu unterstellen, dass er Ilena nur ausnutzte?

„Ilena, Schatz, bitte. Jetzt setz dich erstmal wieder hin und hör mir ganz genau zu, ja.“ Emily hatte neben sich aufs Sofa geklopft. Kirschrot war es, weil es zu Emily passte. Ihr Schal, der die Länge der Niagarafälle hatte, war farblich darauf abgestimmt. Auch sonst war Emily ein sehr roter Mensch, vom Lippenstift auf ihren vollen Lippen bis zu dem Paar hoher Stiefel, das bei ihr im Schrank stand. So hatte Ilena sie kennen gelernt und so würde sie wohl auch immer sein.

„Ich möchte mich nicht setzen, danke, und zugehört habe ich auch schon lange genug. Du bist doch nur eifersüchtig! Weil ich endlich den Menschen fürs Leben gefunden habe und deine Beziehung mit Phillip ein absolutes Chaos war!“ Ihre Freundin hatte große Augen gemacht, sie dann geschlossen, tief durchgeatmet und Ilena ruhig angeblickt. „Wenn du das so siehst. Ich wollte dir nur helfen!“

Emily schrie nicht, Emily war nicht schlecht gelaunt, Emily brachte nichts aus der Ruhe. Nie. „Ja, das sehe ich so!“, hatte Ilena gezischt, die alte knautschende Zimmertür ihrer Freundin aufgerissen und war durch den Flur zur Haustür gelaufen. Sie hatte sich nicht noch einmal umgedreht, obwohl sie den Blick der Freundin im Rücken hatte spüren können.

Sie waren sich doch sonst immer einig, Ilena stellte die leere Tasse auf die Kommode und zündete ein Räucherstäbchen an. Selbst wenn sie mal nicht einer Meinung waren, standen sie darüber und sagten einfach: „Hey, können wir auch nicht ändern!“ Dann grinsten sie sich an, Emily legte ihren Arm um Ilenas Schultern und sie gingen los, um darauf einen alkoholfreien Cocktail im „Alten Ochsen“ zu trinken. Emily bestellte Cherry Colada, schob den Strohhalm zwischen ihre roten Lippen und setzte sich mit überschlagenen Beinen auf einen Barhocker.

Diesmal war es Ilena zu ernst und es schien ihr, dass auch Emily das so sah, sonst wäre sie ihr doch nachgelaufen, oder?

Timo, ihr Timo und sie verletzen? Nie im Leben! Sie hatte keine Ahnung, wie Emily auf so etwas kam und es verletzte sie, wie ihre beste Freundin über ihren Freund dachte. Was hatte sie gegen Timo? Oder war sie etwa tatsächlich eifersüchtig? Darauf, dass Ilena mit dem hübschesten Typen der Schule zusammen war, oder darauf, dass sie so viel Zeit mit ihm verbrachte? Als Emily mit Phillip zusammen gewesen war, hatte sie auch mehr mit ihm, als mit Ilena gemacht, das war doch nun wirklich nicht so schlimm gewesen.

Seufzend öffnete sie ihre Zimmertür und ging die schmale Treppe hinunter, um das Abendessen zu kochen und auf ihre Pflegeeltern zu warten. Sie würde schnell essen, wie immer, und dann noch mit etwas mit Timo unternehmen. Schließlich war Freitag.

„Komm her, Süße!“, Timo klopfte mit den Händen auf seine Oberschenkel, um ihr zu verstehen zu geben, sich zu setzen. Lächelnd schob sie sich zwischen Torben und Thorsten durch, zwei schlaksigen Jungen aus Timos Klasse. Seine Oberschenkel waren weich und warm, schienen Ilena zu begrüßen, als sie sich setzte. Sie hoffte, dass sie nicht zu schwer war. Timo zog sie ein Stückchen näher an sich heran, legte eine Hand locker auf ihre Hüfte und strich mit der anderen sanft über ihr rechtes Bein, während er mit Kai, dem Fünften im Bunde, diskutierte.

„Ich habe doch schon tausendmal gesagt, dass wir das knicken können. Das werden meine Eltern niemals erlauben!“, Kai verdrehte genervt die Augen und lehnte sich in seinem bequemen Drehstuhl zurück. Sie saßen gemeinsam in Kais Wohnzimmer, das Ilena so groß erschien wie das gesamte Haus ihrer Pflegefamilie. Sie war das erste Mal bei Kai zuhause. Natürlich hatte sie schon vorher gehört, wie reich er war, gesehen wie er mit seinem silbern-blauem Hybridauto vor die Schule vorgefahren war, aber erst durch Timo hatte sie Kontakt zu ihm bekommen. Er war nett, sehr nett. Sie hatte vermutlich einfach zu viele Vorurteile gegen diesen reichen Schnösel gehabt.

Kai war zwar in eine reiche Familie hineingeboren worden, entzog sich dem Geld aber so gut es ging. „Am liebsten möchte ich direkt nach dem Abi eine Weltreise machen, mit nichts als ein wenig Zeug zum Schlafen dabei und mich von hier nach dort treiben lassen“, hatte er ihr bei ihrem letzten Treffen im „Alten Ochsen“ erzählt.

Nein, er war ganz anders als erwartet.

„Ey, komm schon, Mann! Als ob die das nicht erlauben. Ich dachte dein Vater wäre nächstes Wochenende in Chile? Und deine Mutter trifft sich doch samstagabends eh immer mit ihren Waschweibern!“ Die anderen lachten und Kai schüttelte seufzend den Kopf: „Das sind ihre Freundinnen vom Fitnesscenter und außerdem heißt das noch lange nicht, dass sie’s erlauben.“

Jetzt schaltete sich auch Thorsten in die Unterhaltung mit ein: „Kai, mach dich mal locker. Die kriegt doch, selbst wenn sie zuhause ist, davon nichts mit. Schließlich liegt noch der Garten zwischen deinem und ihrem Haus.“ Die anderen drei nickten zustimmend und Ilena bedauerte Kai ein wenig. Vermutlich war es nicht einfach, der Junge mit den besten Feiermöglichkeiten zu sein, und so wie die Anderen ihn gerade bedrängten.

Timo hatte vor lauter Argumentieren aufgehört, ihren Oberschenkel zu streicheln und starrte Kai nun genauso begierig an, wie die anderen Beiden. Raubtiere, die auf ihr Futter warteten.

Wenigstens von einem Blick kann ich Kai befreien, dachte Ilena und drehte ihren Kopf zu Timo. Sie legte ihre Hand an seine Wange und sorgte so dafür, dass sein Blick zu ihr wanderte, ehe sie ihre Lippen sanft auf seine legte.

Emily hatte einfach so Unrecht! Timo war so sanft, so liebevoll. Unvorstellbar, dass er ihr etwas vorspielte oder sie absichtlich verletzen könnte. Vorsichtig löste er seine Lippen von ihren und schaute sie mit seinen blauen Augen an. Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, lächelte verschmitzt und wandte sich dann wieder an Kai: „Die Party wäre ideal! Rede doch wenigstens mal mit deinen Eltern.“

Ilena sah, wie Kai den Widerstand aufgab, nickte und ihr dann einen raschen Blick zuwarf.

„Na, wenn das geklärt ist: Wollen wir noch zusammen ins Tuch?“, lachte Torben und stand auf, wobei er ein wenig unbeholfen wirkte. Wie ein Giraffenkind, für das die Beinchen einfach zu lang sind. Mit seinen 1,96 m war er aber auch ziemlich groß und dass er auch noch sehr schlank war, verhalf auch nicht gerade zu einem besonders kraftprotzenden Eindruck.

Auf Tanzen hatte Ilena Lust. „Na los, Leute“, lachte sie und sprang von Timos Schoß, „sonst macht das Tuch zu, ehe wir da sind!“

Es war voll, wie immer, aber in einer der gemütlichen Sofaecken fanden die fünf Jugendlichen noch ein Plätzchen. „Mensch, dahinten ist ja Christian!“, rief Torben, noch ehe er sich gesetzt hatte und lief eilig in Richtung Tanzfläche. Ilena wollte sich auch nicht setzen. Viel zu wenig Bewegung hatte sie in letzter Zeit gehabt, wenn man von ihrem empörten Hin- und Herlaufen bei Emily absah.

„Was haltet ihr davon, ein wenig Tanzen zu gehen, anstatt sich hier gleich wieder in die Ecke zu schmeißen?“ Sie schaute abwartend in die Runde, ließ den Blick von Timo über Kai zu Thorsten und wieder zurück zu Timo wandern. „Ne du“, sagte dieser und ließ sich auf eines der schwarz glänzenden Sofas fallen, „ich will erst noch ein wenig sitzen, Süße, ich hatte einen anstrengenden Tag.“ Auch Thorsten schüttelte den Kopf, während er es sich neben Timo bequem machte. Kai schaute kurz aufs Sofa, lächelte dann und schob Ilena zur Tanzfläche.

Es war nicht ihre Lieblingsmusik, die gespielt wurde, aber es war eben eine Disco. Hauptsache sie konnte tanzen.

Sonst war sie oft mit Emily hier. Bevor sie Timo kennen gelernt und bevor sie sich gestritten hatten. Dann ließen Emily und sie die Fetzen fliegen. Es war nichts Ungewöhnliches, dass sie auf den grauen Marmorsäulen, die die Tanzfläche umgaben, tanzten oder die wildesten, unpassendsten Headbangings hinlegten. Beide in hohen Stiefeln oder Riemchensandalen. Emily in einem roten Oberteil und kurzem Rock, Ilena in Jeans.

Jetzt hier ohne sie zu tanzen war ungewohnt, fast ein wenig beängstigend. Vorsichtig bewegte sie sich im Takt der Musik, an Headbanging dachte sie nicht im Traum. Kai bewegte sich ähnlich zaghaft wie sie, schien aber Freude an der Bewegung zu haben.

Die Tanzfläche ließ nur wenig Spielraum offen, so dass die Beiden eng nebeneinander tanzen mussten. Als eine aufgetakelte Blondine über ihre eigenen, riesig hohen Schuhe stolperte und Ilena zur Seite drückte, lag sie direkt in Kais Armen. „Wow, nicht ganz so stürmisch bitte!“, lachte dieser und stellte sie mit einer schwungvollen Bewegung wieder auf die Beine. In dem Moment kamen auch Thorsten und Timo von der Seite und nach einem seltsamen Blick in Richtung Kai, den Ilena nicht deuten konnte, sagte er: „Du wirst doch wohl nicht meine Kleine anmachen?“

Während die zwei Jungen sich neckten, legte Timo ihr die Hände auf die Hüften und bewegte sich in ihrem Rhythmus weiter.

Er war anders als Kai. Er schien auf der Tanzfläche geboren zu sein. Kam Ilena aus dem Takt, brauchte er nur leicht die Hände zu bewegen und schon regelte ihr Becken alles weitere. Es war ein irres Gefühl von einem tanzenden Gott gehalten zu werden und Ilena schloss die Augen, um sich von dem Gefühl ein wenig erfüllen zu lassen.

Als sie die Augen wieder öffnete, konnte sie sehen, dass mindestens ein Dutzend hübscher Frauen zu ihnen herüberschaute. Einige blickten hingerissen zu Timo, bewunderten seine Schönheit, seine Perfektion, aber ein paar Wenige starrten Ilena an und in ihren Blicken lagen Neid und Hass. Ich kenne diese Frauen und Mädchen doch gar nicht, dachte Ilena, erschrocken darüber, wie schnell Menschen hassen können.

„Hass ist kein Gefühl, das du zum Ausdruck bringen solltest!“, würde ihre Tante jetzt sagen, und dieses Mal gab sie ihr sogar Recht.

Sie lenkte ihren Blick auf die Bar zu ihrer Rechten und beobachtete, wie der Barkeeper mit einem jungen Burschen sprach, der ihm in einer schnellen Bewegung etwas zusteckte. Geld? Drogen? Ilena wusste es nicht, aber wenigstens war sie von den bösen Blicken der fremden Mädchen abgelenkt. Sie malte sich aus, wie der junge Bursche durch jeden Club der Stadt zog und seine Drogen vertickte. An Reiche, an Abhängige, an Neugierige. Sie hatte schon oft Bücher über Drogen gelesen und Filme darüber gesehen. Drogen waren etwas Abscheuliches, aber vielleicht konnten manche Menschen die Realität einfach nicht mehr ertragen, hielten es in ihr nicht mehr aus. Dann brauchten sie eine Möglichkeit, ihr zu entkommen.

Ilena war rundum glücklich mit Timo und zufrieden in dieser Realität. Niemals wollte sie in eine andere Welt abtauchen. Nur hier tanzen, Timo an ihrem Rücken spüren, Thorsten und Kai lachen sehen und einfach genießen.

Sie wünschte sich solche Momente einfach festhalten und immer wieder zu ihnen zurückkehren zu können.

„Schlaf gut, meine Süße!“, Timo hatte Ilena bis zu ihrer Haustür gebracht und stand nun, die Hände in den Taschen vergraben, vor ihr. Ilena ließ ihren Blick über sein makelloses Gesicht mit der geraden, schmalen Nase gleiten. Sie betrachtete die leichten Lachfalten an seinen Augen. „Wieso guckst du so?“, fragte er sie und zog eine Hand aus der Hosentasche, um ihr eine ihrer braunen Strähnen hinters Ohr zu schieben. Sein Haar war dunkler als ihres, fast schon schwarz.

„Ich gucke dich eben gerne an, bevor ich schlafen gehe“, Ilena sog noch einmal die durchdringende Farbe seiner blauen Augen auf, ehe sie sich umdrehte und im Hausflur verschwand. Sie hörte, wie er die Stufen vor dem Haus hinab stieg und lehnte sich mit einem wohligen Seufzer an die Tür. Der Geschmack seiner Lippen lag noch auf ihren und es fühlte sich so gut an. Der Abend war trotz der komischen Frauen sehr spaßig gewesen, vor allem als Torben und Christian darum gewettet hatten, wer sich am meisten auf der Tanzfläche blamieren kann. Ihre Darbietung hatte allen anderen, die Bescheid wussten, eine wahre Freude bereitet. Besonders die irritierten Blicke der umstehenden Nicht-Eingeweihten waren unbeschreiblich belustigend gewesen.

Jetzt stand Ilena alleine im Hausflur und rekapitulierte jede schöne Berührung von Timo. Er war den ganzen Abend aufmerksam und liebevoll mit ihr umgegangen und hatte sie wie immer nach Hause begleitet, obwohl er ganze 30 Minuten Fußweg entfernt wohnte. Ihre Vorfreude auf die Feier bei Kai am kommenden Wochenende stieg, und mit einem wohligen Lächeln machte sie sich auf ins Bett.

2

Ilena lief mit einer Kiste Cola durch den Raum. Kai hatte sie gebeten, ihm beim Transport der Getränke zu helfen und sie war froh, dass sie so erst mal ums Trinken herum kam. Sie hatte keine Lust, den überwiegend älteren Freunden zu erklären, warum sie Alkohol verabscheute.

„Hey Süße! Soll ich dir helfen?“ Timo kam ihr entgegen und streckte seine Arme nach der Kiste aus. Sie übergab sie ihm dankend. „Nur noch eine Kiste aus dem Keller. Bis gleich!“ Sie schickte ihm einen gehauchten Kuss und schob sich an zwei Mädchen aus seiner Klasse vorbei. Es waren schon viele Leute gekommen, viel mehr als je zu einer Feier von Ilenas Klassenkameraden. Kai hatte einen Keller und das gesamte Erdgeschoss eines zweistöckigen Hauses für sich. Im Obergeschoss wohnten drei Studenten in einer Wohngemeinschaft, die an diesem Abend auch mit einigen Kommilitonen vor Ort waren. Sie hatte die jungen Männer nur kurz im Vorbeigehen gesehen. Langsam stieg sie die steinernen Stufen hinunter, die linke Hand ließ sie über das Geländer gleiten. Im Keller war es feucht-kühl und es roch leicht modrig. Sie öffnete die Tür zum Getränkeraum und starrte die letzte Kiste, gefüllt mit Mischbier, an. Sie wollte noch nicht hinauf. Timo hatte oben seine ganzen Kumpels, bei denen er vom einen zum anderen rannte, eine Flasche Bier in der Hand. Also setzte Ilena sich auf die große weiße Kühltruhe, die an der Wand stand, zog die Knie ans Kinn und starrte aus dem kleinen Kellerfenster. Es war noch früh, vielleicht gerade siebzehn Uhr und der Himmel war hell, aber von leichten Wolken durchzogen. Wenn es noch weiter zuzog, würde es bald regnen.

Wäre Emily hier, könnten die beiden Mädels gemeinsam nach oben gehen, alkoholfreie Cocktails trinken und wenn jemand fragte, würde Emily sagen, dass es Stil hätte. Dann würde sie den Strohhalm zwischen die kirschroten Lippen schieben und mit den Augen klimpern. Jeder Kerl wird bei so einem Augenaufschlag schwach.

Das war allerdings auch nicht immer von Vorteil, wie man an ihrer Beziehung mit Phillip hatte sehen können. Von wegen Liebe! Für ihn war sie doch nur die Vorzeigefreundin gewesen. Da Emily aber nicht bereit war, vor der Ehe Sex zu haben, war er zum Vögeln zu anderen Mädchen gelaufen. Oft war Emily weinend an die Tür gekommen, wenn Ilena sie besuchte. Bis ihr Stolz schließlich gegen die Liebe überwiegte und sie Phillip vor die Tür gesetzt hatte. Ilena hatte aufgehört zu zählen, wie oft er bis dahin fremdgegangen war.

Mit Emily hätte sie jetzt kein blödes Gefühl bei der Feier. War sie etwa schon so abhängig von ihr? Sie lachte leise und rutschte langsam von der Truhe. Sie konnte sich ja nicht ewig dort verstecken.

In ihrer kurzen Abwesenheit war die Anzahl der Gäste oben um das Dreifache gestiegen und Ilena brauchte einige Sekunden, bis sie Timo entdeckte. Er stand neben einer Blondine aus seinem Jahrgang, einer ziemlich eingebildeten Zicke, wie Ilena schon mitbekommen hatte, aber leider auch ebenso hübschen. Die Beiden schienen sich angeregt zu unterhalten und auf einmal hatte sie es eilig zu ihm zu kommen. Eifersucht war schon etwas Seltsames.

Auf halbem Weg hielt Kai sie auf: „Ilena! Schön, dass du mir geholfen hast. Möchtest du was trinken? Ich kann dir einen Cocktail mischen.“ Er lächelte sie schüchtern an und sie wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen. Andererseits drängte es sie zu ihrem Freund. „Gerne. Alkoholfrei bitte!“ Sie folgte Kai zu einer kleinen Theke in einer Ecke des Raumes. Zu ihrem Wunsch, ohne Alkohol, hatte er nichts gesagt, schien sogar erleichtert. Während er den Cocktail mischte, beobachtete sie Timo, der immer noch im Gespräch mit dem Blondinchen war, lachte und dabei seine geraden Zähne zeigte. Es war laut in dem Raum. Die sich unterhaltenden Gäste versuchten, die recht laute Musik noch zu übertönen.

„Hier!“, Kai stellte das schöne Cocktailglas mit rötlichem Inhalt auf den Tresen und lächelte, „Wie war die Physikarbeit?“ Aufmerksam von ihm, dachte sie und steckte sich den Strohhalm zwischen die Zähne – bestimmt nicht halb so elegant wie Emily – aber sie wollte nicht quatschen, sondern zu Timo. „Habe zum Glück noch eine vier bekommen. Du, ich gehe eben zu Timo, ja?“, sie lächelte ihm noch einmal zu und lief dann mit dem Cocktail durch den Raum.

Den schuldbewussten Blick, den er ihr nachwarf, sah sie nicht mehr.

Der Abend wurde sehr lustig. Ilena tanzte viel und der DJ, den die Jungen engagiert hatten, legte großartig auf. Timo war fast immer an ihrer Seite und nur hin und wieder erwischte sie sich dabei, ihm eine Unterhaltung mit einem schönen Mädchen zu missgönnen. Sie selbst hatte ein paar anregende Gespräche mit Klassenkameradinnen von ihm und als er sie irgendwann hoch in Kais Zimmer führte, war ihre Stimmung auf einem Höhepunkt.

„Komm her, Süße!“, Timo zog sie zu sich aufs Bett, „Wir sind total ungestört hier.“ Ilena blickte in seine schönen Augen und ließ den Blick zu seinen vollen Lippen wandern. Sein Mund verzog sich zu einem schiefen Grinsen, ehe er seine Lippen behutsam auf ihre legte. Erst war der Kuss vorsichtig, dann fordernd, berauschend. Wie unglaublich er ist, dachte Ilena und ließ sich in den Kuss fallen. Seine Hand wanderte suchend ihren Rücken hinunter und schob sich unter ihr T-Shirt. Warme Hände, die gleichzeitig rau und weich waren. „Wie? Die können doch nicht beides sein!“, hatte Timo gelacht und seine Hände betrachtet, aber sie waren nun mal so. Jetzt streichelten sie Ilenas Haut, wärmten ihr Herz.

Sie strichen behutsam über ihren Rücken, hinauf und hinunter. Dann ließ er sie seitlich an ihren Hüften, an ihrer Taille entlang gleiten, bis hoch zum Brustkorb. Dabei hörte er nicht auf, sie zu küssen. Ilena fühlte die Wärme, die von ihm ausging und drückte sich näher an ihn. Seine Hände glitten ihren Bauch wieder hinunter und fassten den Saum ihres T-Shirts. Vorsichtig begann er, es nach oben zu schieben. Ilena hielt im Kuss inne. Wollte sie das? Klar, im BH hatte er sie schon öfter gesehen, trotzdem fand sie den Gedanken unangenehm, in Kais Bett zu liegen, während es vom Bass vibrierte.

Timo schien ihre Unsicherheit nicht zu bemerken, als er den Kuss unterbrach, um ihr das T-Shirt über den Kopf zu ziehen. Er hatte die Zimmertür abgeschlossen, dennoch hatte Ilena das Gefühl, bei etwas Unerlaubtem erwischt zu werden. Timo warf das T-Shirt zur Seite und legte seine Lippen wieder auf ihre. Nur kurz, dann wanderte sein Mund zwischen ihrem Busen entlang und weiter bis zu ihrem Bauchnabel. Sie musste kichern, am Bauch war sie einfach unglaublich kitzelig. Er grinste, während er weiterküsste, bis die Jeans ihn stoppte.

Sie stoppte ihn genau vier Sekunden lang, in denen er seine Lippen auf ihre legte und die Finger seiner rechten Hand zu ihrem knalligen Gürtel wanderten. Als hätte er schon tausende Gürtel geöffnet, zog Timo die Schnalle auf. Dann war der Knopf dran, der Reißverschluss. Zeitgleich liebkoste er mit der anderen Hand die Haut an ihrer Taille. Ihre Gefühle, ihr Kopf, alles rebellierte. Sie spürte die Lust durch ihren Körper rauschen, ein Verlangen, das sie in seiner Nähe schon öfter verspürt hatte. Doch dann hörte sie unter sich die Stimmen und die Musik.

„Nein Timo!“, sagte sie und wollte die Hose wieder schließen, doch er hielt ihre Hände mit seinen auf. „Wieso Süße? Ich habe abgeschlossen. Niemand stört uns. Wünscht du dir das hier nicht auch?“ Seine Stimme war leise und weich und ein wohliger Schauer überlief Ilena. Trotzdem arbeitete ihr Kopf immer mehr und schob das Verlangen in den Hintergrund. Was tat sie hier überhaupt? Timo hatte getrunken. Sie waren in einem fremden Haus, in einem fremden Zimmer – und von Verhütung wollte sie gar nicht erst anfangen. „Kai hat hier auch Kondome“, sagte Timo lächelnd mit einem Griff in den Nachtschrank, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Ilena starrte auf die hellblaue Verpackung in seiner Hand und plötzlich schossen ihr Emilys Anschuldigungen in den Kopf. Mit einem Mal war all die Leidenschaft verschwunden, die Stimmen und der Bass ausgeblendet.

„Nein, Timo, ich möchte das hier und heute nicht!“ Sie versuchte zu lächeln, doch eine Stimme in ihrem Kopf begann schon Emilys Worten Nachdruck zu verleihen.

In Timos Blick lag etwas, das Ilena so nicht an ihm kannte und nicht wirklich identifizieren konnte. Es war, als wäre er genervt. Trotzdem legte er seine Hand vorsichtig an ihre Wange und sagte leise: „Ich wünsche es mir.“

„Aber doch nicht hier! Wir können auch… irgendwann anders.“ Ilena fragte sich, ob sie prüde und verklemmt war, aber sie fand kein Argument, es an diesem Ort zu dieser Zeit zu tun.

„Wir können doch auch einfach wieder runtergehen und weiter mit den anderen feiern“, schlug sie vor, während sie die Hose schloss und nach ihrem T-Shirt griff. „Haben wir nicht schon genug gefeiert?“, Timo zog sie wieder an sich, ehe sie das T-Shirt überziehen konnte. Seine kräftigen Bauchmuskeln drückten sich gegen ihren Körper. Ilena hielt inne und schaute ihm direkt in die Augen, ehe sie fragte: „Timo, liebst du mich eigentlich?“

Die Verblüffung in seinem Gesicht verriet das Gegenteil von dem, was er sagte: „Natürlich.“ Emilys Worte hämmerten in Ilenas Kopf: „Gut, dann können wir ja jetzt nach unten gehen.“ Sein Schweigen, während Ilena sich anzog, war eigentlich Erklärung genug, doch Ilena bohrte nach: „Es tut mir Leid, aber ich glaube, so funktioniert das nicht mit uns.“

Sie wollte, dass er widersprach, dass er sagte wie sehr er sie liebte und dass Sex unwichtig sei, aber stattdessen sagte er schroff: „An mir liegt’s ja wohl nicht. Ich hab‘ doch keinen Bock mit einer zusammen zu sein, die so nervig ist und nicht mal würdigt, was sie von mir haben könnte. Meine Güte, glaubst du nicht, ich könnte jede haben?! Dich rumzukriegen war das Einfachste auf der Welt!“

Ilena sprang auf. Wortlos verließ sie das Zimmer.

Die Temperatur lag zu hoch für diesen Herbstmonat und Ilena war zu warm gekleidet, der Mantel ließ sie fast schwitzen. Sie lief den leeren Gang entlang, der zu den Gleisen führte. Gleis 4 befand sich ganz am Ende, dort wo die Lampe an der Decke nur noch flimmerte. Das Gespräch mit Timo und der zu dunkle Gang ließen sie trotz Hitze erzittern. Sie war wütend und traurig. Wie konnte er nur so sein?

Ilena stieg die unebenen Steinstufen zum Bahnsteig hinauf und blickte in einen grauen Himmel. Voll von überlasteten Wolken, dachte sie und schaute sich auf dem Bahnsteig um. Er war überdacht, sodass sie wenigstens geschützt wäre, wenn es zu Regnen beginnen würde. Kein Mensch war dort, auch nicht auf der gegenüberliegenden Seite.

Sie ließ sich auf einer Bank in der Mitte des Bahnsteigs nieder und zog die Knie an. Timos Worte hatten sie hart getroffen, verletzt. Wieso hatte sie vorher nicht gesehen, wie er war? Warum hatte sie sein Spiel nicht durchschaut? Es machte sie unendlich wütend, wie er sie benutzt hatte, wie er über sie dachte, wie dumm sie war. Sie registrierte das Donnergrollen kaum, welches das Unwetter ankündigte.

Sie hatte ihrer besten Freundin nicht geglaubt, sie vor den Kopf gestoßen, und jetzt musste sie die Konsequenzen tragen. Ob Emily ihr verzeihen würde? In dem Moment, in dem sie ihren Kopf auf die Knie drückte, öffnete der Himmel seine Schleusen. Dicke Regentropfen fielen auf die Schienen, ließen das Eisen glänzen. Es war so still auf dem kleinen Bahnhof, dass Ilena die Regentropfen aufprallen hören konnte, und sie hob den Kopf wieder. Sie starrte hinaus, über die sich färbenden Bäume in den grauen Himmel. Ein schwarzer Vogel, vermutlich eine Krähe, flog durch ihr Blickfeld. Er schlug kräftig mit den starken Flügeln gegen den Regen an.

Auf einmal schallte das Geräusch des Lautsprechers über den Bahnhof, um einen Zug auf Gleis 3, der anderen Seite des Bahnsteiges, anzukündigen. Ilena zuckte zusammen, ließ ihre Beine von der Bank sinken und drehte sich um. Kein Mensch auf dem Bahnsteig, außer ihr selbst. Das Rattern des einfahrenden Zuges durchbrach das leise Plätschern des Regens. Zwei Türen der Bahn öffneten sich und aus der Tür nahe Ilena stieg ein älteres Ehepaar aus. Der Mann brauchte lange zum Aussteigen. Er hielt sich mit einer Hand am Griff im Inneren des Zuges fest und lehnte sich mit der anderen auf einen Krückstock. Seine Frau half ihm, hakte seinen Arm unter und ging langsam mit ihm über den Bahnsteig zur Treppe. Wenn sie die beiden vor zwei Stunden gesehen hätte, hätte sie an Timo gedacht und sich vorgestellt, wie sie beide wohl später zusammen wären. Immer noch füreinander da, sich liebend für immer.

Eine reine Wunschvorstellung! Jetzt dachte sie auch an Timo, aber daran wie dumm sie gewesen sein musste, um zu glauben, das würde ewig halten. Ilena beobachtete, wie das Ehepaar Stufe für Stufe aus ihrem Blickfeld verschwand, dann erst bemerkte sie den jungen Mann.

Sie erschrak nicht, obwohl er direkt neben ihr stand. Sein Gesicht war vom Kragen seines grauen Mantels leicht verdeckt und er trug einen Hut, der sie an die Filme aus den zwanziger Jahren erinnerte. Trotzdem konnte sie seine schmale Oberlippe sehen, eine ebenso schmale Nase und Bartstoppeln. Er hatte die Hände in den Taschen seiner Anzughose vergraben und stand einfach nur da, starrte in den grauen Himmel und schien auf den Zug zu warten, so wie sie. Sie nahm seinen Geruch war, er roch nach Waschmittel und nach Gewürzen. Nach Gewürzen aus einem fremden Land, er roch gut.

Sie sog die Luft tief ein, um mehr von dem fremden, wohligen Geruch aufnehmen zu können, und da drehte er sich zu ihr um. Sie hätte geschockt sein müssen, vielleicht hätte sie sogar schreien sollen, doch die sonnenblumengelben Augen, die sie ansahen, fesselten ihre Glieder, ihr Denken. Wie wunderschön, dachte sie – und mehr nicht. Wie eine Sonne strahlten die Augen, verführerisch wie an einem hellen Junitag. Sie wollte fragen, wer er war, was er mit seinen Augen gemacht hatte, aber sie konnte nicht. Unglaublich schien die Macht, die von ihm ausging, eine Spannung, die sich zwischen ihnen aufbaute.

„Ich habe es gewusst“, sagte der Fremde und seine Lippen bewegten sich dabei kaum. Sie wollte fragen, was er gewusst hatte, aber da drehte er sich abrupt um und lief die steinerne Treppe hinunter in den Gang und verschwand.

„Nein! Warte…“, ihre leisen Worte wurden nicht mehr gehört.

Irgendwann war der Zug gekommen, die Mitfahrenden hatten wild durcheinander geredet, aber es waren nur Hintergrundgeräusche für Ilena gewesen. Sie sah die ganze Zeit nur die Sonnenaugen vor sich und hatte den Geruch von milden Gewürzen in der Nase. Wo bist du hin, schöner Fremder? dachte sie voller Sehnsucht. Nicht ein Mal dachte sie an Timo und auch an nichts anderes. Der junge Mann nahm ihren Geist komplett ein.

Um ein Haar hätte sie auch noch ihre Haltestelle verpasst, sprang aber gerade noch rechtzeitig durch die zugehende Tür auf den nassen Bahnsteig. Kurze zehn Minuten Fußweg und schon stand sie im kühlen, leeren Hausflur. Ein Glück! Der Pflegevater wäre der Letzte gewesen, den sie jetzt hätte sehen wollen. Sie pellte sich aus ihren nassen Klamotten, der kurze Fußweg war lang genug bei Regen, und hing alles in den Trockenraum. Vorher beschnupperte sie die Kleidungsstücke, aber an keinem war etwas von dem würzigen Geruch hängen geblieben. Sie stieg die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf, legte sich in Unterwäsche aufs Bett und starrte an die himmelblaue Decke. Verlor sich darin, flog durch den Himmel, landete auf einer weißen Wolke, sah in eine wunderschöne gelbe Sonne, roch Zimt und Koriander, lauschte einer leisen Melodie, die nach Abenteuer und gleichzeitig nach Wärme klang. Sie ließ sich treiben von der Musik, weit durch den Himmel, spürte die warmen Strahlen der Sonne, kuschelte sich in die weiche Wolke, die gleichzeitig eine unglaubliche Stärke besaß, sog die Luft in tiefen Atemzügen ein – und erwachte.

Sie saß kerzengrade im Bett, atmete heftig. War der Mann vielleicht nur Einbildung gewesen? Ein Sinnbild, weil sie von Timo loskommen wollte? Doch wäre er dann so real gewesen? So fremdartig vertraut? Konnte man sich so etwas einbilden?

Erschöpft ließ sie sich ins Kissen zurücksinken und schlief traumlos bis zum nächsten Morgen.

3

„Und? Hast du schon einen Wunsch für deinen achtzehnten Geburtstag?“, fragte Margret, ihre Pflegemutter, mit ihrer hohen, fast piepsigen Stimme. Ilena dachte darüber nach. Im Moment hatte sie eigentlich nur den Wunsch, endlich weg zu kommen. Endlich raus aus ihrem alten Leben und weit, weit weg. Am liebsten nach Schweden, in die Wildnis an ein Haus am See, und vielleicht den fremden Mann mit dorthin nehmen? Sie seufzte leise. „Ah, etwas Größeres?“, brummte Georg, der ihren Seufzer vernommen hatte. Ausnahmsweise hatte er keine Fahne. Ilena lächelte entschuldigend und überlegte, was sie antworten konnte, damit die beiden Ruhe gaben. „Ein Laptop wäre nicht schlecht“, sagte sie zögernd, obwohl ihr ein Computer eigentlich recht egal war. Sie würde ihn eh nicht bekommen!

Georg zog die Augenbrauen hoch und Margret schenkte Tee nach, das Gespräch war beendet.

So sah das Frühstück meistens aus, wenn Georg besoffen war, war es noch schweigsamer. Da fiel Ilena etwas ein, das sie gerne tun würde an ihrem Geburtstag: den gesamten Alkoholvorrat von Georg entsorgen.

Nachdem sie den Tisch abgeräumt und das Wohnzimmer gesaugt und entstaubt hatte, nahm Ilena ihren Mantel vom Haken und verließ das Haus. Sie lief die Straße entlang, die noch feucht vom Regen war, aber jetzt in heller Sonne lag. Ilena schlug den Weg zu ihrer Tante ein. Der Herbst umgab sie in vollem Rot und Braun und wärmte ihre Seele. Sie wünschte sich, den Geruch des Fremden noch einmal in der Nase zu haben. Er war so wunderbar gewesen und hatte ihren Wunsch nach Veränderung bestärkt.

Sie klopfte viermal an die helle Haustür ihrer Tante und wartete, dass Fiona aufmachte. Fiona war die Pflegerin, die sich um Tante Elvira kümmerte. „Guten Morgen, Ilena!“, begrüßte die junge Frau sie und schenkte ihr ein warmes Lächeln. Ilena mochte Fiona, sie war immer herzlich und aufrichtig. Sie folgte ihr durch den Hausflur in die Küche, in der ihre Tante am Tisch saß und einen Kaffee trank. Es sah aus, als würde sie aus dem Fenster in den kleinen Garten schauen.

„Setz dich, meine Kleine!“, sagte Tante Elvira ohne sich umzudrehen und wartete, bis Ilena sich auf den Stuhl neben sie gesetzt hatte. „Wie war deine Feier gestern?“, fragte sie lächelnd, ehe sie einen Schluck aus der Tasse nahm und Ilena antwortete knapp, dass es nicht das war, was sie sich vorgestellt hatte. Ihre Tante zog nachdenklich die Augenbrauen hoch und drehte den Kopf in ihre Richtung, fragte jedoch nicht weiter nach. Sie erkannte besser als jeder andere, wann jemandem nach Reden zumute war und wann nicht.

„Noch ein paar Tage und dein Geburtstag steht vor der Tür. Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, was du geschenkt haben möchtest?“ Ilena seufzte, schon wieder wurde ihr diese Frage gestellt. „Ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Schenk mir einfach ein wenig Geld, aber nicht zu viel, ja! Ich werde es sparen und dann ausgeben, wenn ich das Bedürfnis danach habe. Jetzt gerade bin ich wunschlos glücklich.“ Ilena lächelte, obwohl sie wusste, dass ihre Tante es nicht sehen konnte: „Wollen wir ins Wohnzimmer gehen? Da ist es gemütlicher.“ Ihre Tante nickte und erhob sich. Sie ging die kurze Strecke ohne Fionas Hilfe und Ilena schloss die Tür hinter ihnen. Während sie sich auf einen der bequemen Sessel setzte, machte Tante Elvira sich auf dem weißen Teppich Platz.

„Was ist das für ein Tier gewesen?“, fragte Ilena. Ihre Tante strich gedankenverloren über das weiche Fell und ließ sich mit der Antwort Zeit: „Ein Pferd.“ Ilena starrte auf das weiße Fell und erinnerte sich an die Schönheit von Lipizzanern, den edlen weißen Pferden. Es konnte kein anderes gewesen sein, denn welches Pferd hatte schon ein so reines, weißes Fell? Ilena wollte nicht darüber nachdenken, ob das Pferd wegen des Felles hatte sterben müssen, also fragte sie nach dem Wohlbefinden ihrer Tante und wie sie mit ihrem Bild vorankäme. Elvira arbeitete nur mit zwei Farben an einer riesigen Leinwand. Sie malte ein Bild, ohne zu sehen, was sie malte und das beeindruckte Ilena immer wieder aufs Neue.

„Gestern, gestern Abend hatte ich plötzlich einen Schub und habe gemalt, was das Zeug hält“, das Lächeln ihrer Tante war so voller Freude, dass Ilena sie am liebsten sofort in die Arme geschlossen hätte, „Fiona sagt, dass es wirklich gut ist. Möchtest du es sehen?“

Die Beiden erhoben sich und gingen wieder in die Küche. „Fiona? Helfen Sie uns bitte ins Kunstzimmer“, bat Tante Elvira und Fiona unterbrach die Aufräumarbeiten, um die Beiden die Treppe nach oben zu begleiten. Das Bild war in gelb und olivgrün gestaltet und als Ilena es das letzte Mal gesehen hatte, war an einer Ecke ein Wald zu sehen gewesen und an einer anderen Ecke eine riesige Sonne. Als sie das Bild nun wieder betrachtete, stockte ihr der Atem.

In der Mitte des Bildes sah sie die Schemen eines Menschen, komplett in olivgrün, verwischte Konturen und dennoch klar zu erkennen. Die Gesichtskonturen kräftig in derselben Farbe, und dann kamen die Augen: große, sonnenblumengelbe Augen!

„Und?“, ihre Tante starrte unverändert die Leinwand an, aber ihre Stimme ließ darauf schließen, dass sie Ilenas Verwirrung spürte, „Was sagst du?“ Ilena trat näher an das Bild heran, zögerte und berührte es mit den Fingern. „Es ist wunderschön!“

Genau das war es, es war das wunderschöne Abbild des Unbekannten vom Bahnhof. In voller Lebensgröße und so einzigartig großartig, dass es Ilena erschauerte. Wie konnte ihre Tante etwas zeichnen, das Ilena gesehen hatte?

4

„Happy Birthday to you. Happy Birthday to you. Happy Birthday liebe Ilena! Happy Birthday to you.“ Ilenas Pflegeeltern grinsten sie über den Rand ihres Geburtstagskuchens an.

Fünf Tage waren seit der Sache mit Timo vergangen und sie war ihm so gut es ging aus dem Weg gegangen. Stattdessen hatte sie versucht mit Emily zu sprechen, diese war allerdings für vier Tage in Bayern gewesen und somit nicht erreichbar.

Ihren Geburtstag hatte Ilena komplett vergessen, zumal sie jede Nacht von den sonnenblumengelben Augen geträumt hatte.

Sie lächelte und öffnete den Briefumschlag, der an ihrem Platz lag, während die Pflegemutter den Kuchen anschnitt.

- Wir wünschen dir alles Gute zur Volljährigkeit und viel Spaß in London! Margret und Georg -

„London? Ihr bezahlt mir den Schulausflug nach London?“, stieß Ilena überrascht hervor. Mit solch einem großen Geschenk hatte sie nicht gerechnet. Margret schien von ihrer Überraschung begeistert zu sein und ließ gleich verlauten, wie sie auf die Idee gekommen waren und was Ilena für London alles bräuchte. Der Pflegevater sagte wie immer gar nichts, sondern bediente sich am Kuchen.

Die Londonfahrt war vom Englischleistungskurs geplant und wurde als freiwilliger Exkurs für die Jahrgänge 12 und 13 angeboten. Ilena hatte von Anfang an Lust gehabt mitzufahren, hätte aber niemals genug Geld dafür gehabt.

Während ihre Pflegemutter redete und redete, war sie in Gedanken schon am London Tower und der St. Paul’s Cathedral.

Ilenas Geburtstag war ein ganz gewöhnlicher Donnerstag, an dem sie wie immer mit dem Bus zur Schule fuhr. Der Bus war proppenvoll und Ilena wurde zwischen der Schultasche eines Grundschülers und einer älteren Dame eingeklemmt. Doch an diesem Morgen störte es sie nicht. Die Sonne leuchtete hell, als würde sie sich über die Londonreise genauso freuen wie Ilena.

Das Erste, was sie sah, als sie aus dem Bus stieg, war ein riesengroßer Strauß roter Herzluftballons. Kurz darauf erschien Emilys Gesicht dazwischen und ihre Freundin begann „Happy Birthday“ anzustimmen.

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