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Das Versprechen der australischen Schwestern

Informationen zum Buch

Schicksalhafte Jahre zwischen Sydney und Hamburg.

Drei Schwestern, zwei Kontinente: Jede der drei ist ihren Weg gegangen. Elsa arbeitet in Sydney, Mina hat nach Jahren endlich ihren heimlichen Verlobten William geheiratet, und Carola lebt glücklich mit Werner in Hamburg. Doch dann ist ihr aller Glück in Gefahr: Nicht nur ein Todesfall erschüttert die Familie in ihren Grundfesten, sondern es bricht auch der Erste Weltkrieg aus. Plötzlich leben Carola, Elsa und Mina in verfeindeten Ländern. Wird das Band, das die drei Schwestern zusammenhält, stärker sein als die Schatten des Krieges?

Das bewegende Leben der australischen Schwestern zwischen Krieg und Frieden.

Für Robyn und Deirdre

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Teil 1
Die drei Schwestern

Die Legende der drei Schwestern

Katoomba, Blue Mountains, 1905

Am Anfang der Zeit und lange danach lebten hier drei Stämme«, sagte Darri in ihrer Singsang-Stimme zu Mina. »Die Darug, die Gundungurra und die Wiradjuri. Sie alle haben in diesen Bergen heilige Orte, an denen ihre Ahnen leben und an denen sie sich immer wieder versammeln. Jeder Stamm hat natürlich seine eigenen heiligen Stätten. Die Darug, denen ich angehöre, wanderten im Winter nach Osten, bis zum Meer, und im Sommer zurück in die Berge. Die Gundungurra dagegen wanderten zum See Burragoran und weiter in den Süden. Und die Wiradjuri zogen meist nordwärts. So kam es dazu, dass sich die Stämme nur selten trafen. Wenn dies doch einmal der Fall war, kam es meist zu Auseinandersetzungen und Kämpfen, auch deshalb versuchten sie sich aus dem Weg zu gehen. Doch einmal waren die Darug und die Wiradjuri zur gleichen Zeit hier.«

Mina lauschte gebannt. Sie spürte, dass Darri ihr etwas Wichtiges mitteilen wollte.

»Bei den Darug gab es drei sehr schöne Schwestern. Meehni, Wimlah und Gunnedoo. Ihr Vater war ein mächtiger Zauberer. Eines Tages, als die drei an einer Quelle Wasser holen wollten, trafen sie auf drei Brüder aus dem Stamm der Wiradjuri, und verliebten sich ineinander. Doch das Stammesrecht erlaubte keine Heirat zwischen den beiden Clanen. Jedoch wollten die Brüder die drei unbedingt heiraten. Daher entschlossen sie sich, die Darug zu überfallen und die Mädchen zu rauben. Als sie zum Lager der Darug kamen und die Herausgabe der Mädchen forderten, weigerten sich die Darug und es kam zu einem Kampf. Der Stammesführer und Vater der drei Mädchen hatte so große Angst um seine Töchter, dass er sie in Stein verwandelte, um sie zu schützen.

Der Stammesführer und Vater der drei Mädchen hatte so große Angst um seine Töchter, dass er sie in Stein verwandelte, um sie zu schützen. Die drei Brüder waren entsetzt und versuchten um jeden Preis den großen Zauberer dazu zu bringen, Meehni, Wimlah und Gunnedoo wieder zurückzuverwandeln. Er stimmte unter der Bedingung zu, dass sich die Wiradjuri zurückziehen würden und versprächen, die drei Schwestern nicht mehr ›zu behelligen‹.«

Darri drehte sich um und zeigte zu dem Berg jenseits der Schlucht. Das Mondlicht fiel auf drei riesige Sandsteinsäulen, die eng beieinanderstanden.

»Die Brüder waren natürlich nicht mit dieser Forderung einverstanden und es kam erneut zu einem Kampf, bei dem der Vater der Mädchen, der große Zauberer, getötet wurde. Er war der Einzige, der die Macht hatte, die Schwestern zurückzuverwandeln. Dort stehen sie nun seit vielen Jahren und warten.

Die Legende sagt, dass es seitdem keine Kämpfe mehr zwischen den drei Stämmen gab, da Meehni, Wimlah und Gunnedoo über den heiligen Stätten der Darug, Wiradjuri und Gundungurra wachen.«

Nachdenklich starrte Mina auf die Felsformation auf der anderen Seite der Schlucht. Der Mond beschien die drei Gipfel, und je länger sie dorthin blickte, umso genauer meinte sie, die Umrisse der drei Schwestern erkennen zu können.

»Drei Schwestern. So wie Tutt, Elsa und ich«, murmelte sie.

Kapitel 1

Sydney, 1910

Elsa stand am Küchenfenster des alten Hauses in Glebe, einem Stadtteil von Sydney. Das Gewitter am Mittag hatte endlich die Luft gereinigt und die stickige, rauchige Wolke über der Stadt vertrieben. Fast schon konnte sie den würzigen Duft des Herbstes riechen. Dennoch spürte Elsa eine ungewohnte, beunruhigende Spannung in sich.

»Willst du nicht ins Bett gehen, Prinzessin?«, fragte Emilia. »Du solltest schlafen.«

»Und du?« Elsa blickte zu ihrer Großmutter.

»Ich schau noch mal nach Großvater«, sagte Emilia leise.

Elsa nickte. Der Sommer war ungewöhnlich heiß gewesen. In den Schlafzimmern im oberen Stockwerk des Hauses hatte die Luft gestanden, so dick und feucht, dass sie einem wie ein Vorhang vorkam, nur dass man sie nicht zur Seite hatte schieben können. Der achtzigjährige Großvater hatte zunehmend Schwierigkeiten gehabt, Luft zu bekommen, so dass er in den kleinen, luftigen Raum im Anbau neben dem Wohnzimmer gezogen war. Früher war dort unser Kinderzimmer gewesen, erinnerte sich Elsa. Lange war das her. Nach dem Tod der Mutter waren die Geschwister von den Großeltern liebevoll aufgenommen worden.

»Brauchst du Hilfe? Soll ich noch etwas tun?«, fragte Elsa.

»Nein.« Großmutter lächelte, aber das Lächeln erreichte nicht ihre Augen. »Geh ruhig zu Bett.« Sie schaute zur Tür, die zum Hof führte, als erwartete sie jemanden, dann schüttelte sie den Kopf, nahm den Krug mit Wasser und drehte sich um.

In diesem Moment öffnete sich die Tür mit dem leisen, vertrauten Quietschen und Allunga trat ein. Sie trug, wie so oft, keine Schuhe, ihre Schritte waren deshalb kaum zu hören. Großmutter drehte sich um, schaute in das dunkelhäutige Gesicht, aus dem das Weiß der Augen und die hellen Zähne hervorblitzten wie die Gischt auf den Wellen nach Sonnenuntergang. Ihre inzwischen grauen Haare hatte sie zu einem festen Zopf geflochten. Die Freude in Emilias Gesicht erlosch.

»Ich habe gerade gedacht, es wäre Darri«, sagte sie leise und fast schon entschuldigend. »Irgendwie habe ich heute den ganzen Tag über das Gefühl gehabt, Darri würde kommen.«

Bei diesen Worten lief Elsa ein Schauer über den Rücken. Darri war eine der vielen Aborigines-Mädchen gewesen, die Großmutter die ganzen Jahre über immer bei sich aufgenommen und beschäftigt hatte. Meistens blieben sie nicht sehr lange, denn Sesshaftigkeit war ihrem Wesen fremd. Nur Allunga lebte schon seit zwanzig Jahren bei den Lessings. Darri war der Familie lange Zeit verbunden geblieben – sie ging zwar fort, kehrte jedoch immer wieder zu ihnen zurück, nur um einige Wochen später wieder zu verschwinden. Doch seit zehn Jahren hatte sie keiner der Familie mehr gesehen und Elsa war sich sicher, dass die alte Aborigine nicht mehr lebte.

Allunga setzte sich zu Elsa an den Küchentisch und sie blickten Großmutter hinterher, die leise die Tür zu der kleinen Kammer geöffnet hatte. Die Petroleumlampe und ihr Strickzeug hatte sie mitgenommen.

»Wie sie nur auf Darri kommt?«, sagte Elsa und schüttelte den Kopf. »Nach all den Jahren.«

»Vielleicht spürt sie Darri.«

Elsa runzelte die Stirn. »Darri ist tot.«

»Was heißt das schon?« Allunga zuckte mit den Schultern.

»Das heißt, dass sie nicht mehr lebt.«

Allunga grinste. »Und was heißt das? Es bedeutet doch nur, dass ihr Herz nicht mehr schlägt, sie nicht mehr atmet. Ihre Hülle hat sich vermutlich aufgelöst, irgendwo werden ihre Knochen liegen – aber es sind nur Knochen und nicht Darri. Sie selbst, ihr Wesen, das war schon immer da und wird auch immer da sein.«

»Du meinst ihre Seele? Ist das wieder eine eurer Traumzeitgeschichten?«

Elsa hatte sich nie wirklich mit der Kultur der Aborigines auseinandergesetzt, und im Gegensatz zu ihrer Schwester Mina hatten sie die Legenden weder eingenommen noch besonders berührt, obwohl sie den Glauben der Aborigines an ihre Traumzeit respektierte, den nötigen Respekt hatte Großmutter ihr beigebracht.

Allunga nickte und rieb ihre rauen Hände. »Ja, ich weiß, du lächelst über unsere Ahnen, du verstehst nicht, wie wir denken.«

»Na, manchmal denke ich, dass ihr es auch nicht versteht. So wirklich erklären kannst du ja nicht, was die Traumzeit ist.«

»Richtig, Prinzessin.« Allunga war zu den Lessings gekommen, als Elsa noch fast ein Baby gewesen war. Sie war eine der wenigen außerhalb der Familie, die Elsas Kosenamen benutzen durften. »Es lässt sich nicht erklären und vieles aus unseren Geschichten ist im Laufe der Jahre verloren gegangen.«

Elsa biss sich auf die Lippen. Sie wusste, dass die Aborigines recht hatten, und dass die Weißen daran Schuld waren. Es gab kaum noch Stämme, und wenn dann nur im tiefen Outback, wo kaum jemand jemals hinkam. Viele Aborigines waren getötet worden – ob durch Waffen, durch Krankheiten, die die Weißen in das Land gebracht hatten, oder dadurch, dass sich ihr Land durch die Besiedlung so radikal verändert hatte, dass sie keinen Platz mehr zum Leben fanden.

Die ersten Siedler, meist Männer, hatten sich Aborigines-Frauen genommen und deshalb gab es viele Mischlinge. Doch sie fanden keine Heimat – sie gehörten nirgendwo wirklich dazu. Auch Allunga war so ein Mischling. Sie und ihre Schwester hatten einige Jahre in einer Mission gelebt, dort hatte Großmutter sie gefunden und mitgenommen. Von ihrer Mutter hatten Allunga und ihre Schwester nur wenig über die Traditionen und Geschichten gelernt, dennoch hatte ihre Schwester Allinga es nicht lange im Haushalt der Lessings ausgehalten – es hatte sie hinausgezogen, ohne zu wissen, wohin und weshalb.

»Hast du noch Kontakt zu deiner Schwester?«, fragte Elsa nun leise und schaute auf den Brief, der geöffnet vor ihr lag. Er war von ihrer eigenen Schwester Carola aus Deutschland. Allunga folgte dem Blick, wieder lächelte sie.

»Nicht so wie du zu Tutt«, sagte sie leise. »Aber ja, wir stehen in Verbindung.«

»Ihr schreibt euch?«

Nun lachte Allunga. »Natürlich nicht. Allinga kann noch weniger schreiben als ich. Aber wir … wir spüren uns. Über unsere Ahnen stehen wir in Verbindung. Und«, sie legte ihre Hand auf Elsas Arm, »bevor du glaubst, dass ich völlig übergeschnappt bin – manchmal sehen wir uns auch. Von Auge zu Auge.«

»Dann bin ich ja beruhigt.«

»Aber auch wenn du es nicht glaubst …«

»Ja, Allunga, ich weiß, ihr habt eure eigene Welt.« Nachdenklich kaute Elsa an ihrer Unterlippe. »Großmutter glaubt ja auch daran.« Sie hob den Kopf und schaute Allunga an. »Meinst du, deshalb hat sie sich heute an Darri erinnert?«

»Das kann gut sein. Vielleicht möchte Darri ihr etwas sagen. Oder vielleicht sucht sie auch nur die Nähe deiner Großmutter. Darri hatte eine enge Bindung zu ihr und auch zu deiner Mutter …«

»Ich weiß. Sie war hier, als Mama starb.« Elsa seufzte.

Allunga stand auf, füllte Elsas Becher mit Tee, nahm sich dann selbst einen der Emaillebecher, die an Haken über der Spüle hingen, schaufelte sich drei große Löffel Zucker hinein und goss Tee hinzu.

»Was schreibt Tutt?«, fragte sie und rührte nachdenklich in ihrem Becher.

Tutt war Carolas Kosename. Elsa konnte sich nicht an ihre Schwester erinnern, dafür war sie zu jung gewesen, als diese Australien verließ, dennoch hatten die beiden im Laufe der Jahre eine innige Beziehung über die Briefe, die sie regelmäßig austauschten, aufgebaut. Sogar ein Bild von Carolas Hochzeit stand auf Elsas Kommode und manchmal erwischte sich Elsa dabei, wie sie mit dem Bild sprach, so als könne ihre Schwester sie hören.

Vielleicht, dachte sie plötzlich, ist das ja so eine Verbindung, wie Allunga sie meint. Wenn man jemand in sein Herz geschlossen hat und ihm auf diese Weise immer nahe ist, hat man auch gedanklich eine enge Verbindung.

»Tutt ist ganz zerrissen«, sagte sie leise. »Sie hatte sich so auf uns gefreut, auf ihren ersten Besuch in Australien nach fast zwanzig Jahren. Aber sie kann einfach nicht kommen. Sie hasst Rud zu sehr.«

»Du sollst ihn doch nicht so nennen«, sagte Allunga und warf einen Blick über ihre Schulter zum Wohnzimmer. Doch die Tür zu der kleinen Kammer, in der Großvater schlief, blieb verschlossen. »Rudolph ist euer Vater.«

Elsa verzog das Gesicht. »Ja, aber er verhält sich nicht so. Tutt hat er damals zu seiner Schwester nach Deutschland geschickt, weil er hoffte, somit vorzeitig an sein Erbe zu kommen. Und auch jetzt, als sie uns endlich, endlich besuchen kommen wollte, ging es ihm nur um’s Geld. Jetzt, wo sie sich, wie er meint, reich verheiratet, versucht er an das Vermögen seiner Schwiegerfamilie zu kommen. Ich kann verstehen, dass sie sehr enttäuscht von ihm ist und es nicht über sich bringt, wieder nach Australien zurückzukehren. Das ist wirklich widerwärtig.« Bei den letzten Worten bebte ihre Stimme vor Zorn.

»Na, na, Prinzessin. So darfst du nicht reden und auch nicht denken. Rudolph ist ein armer Mann – und damit meine ich nicht das Geld, das er nicht hat. Er hat seine geliebte Frau verloren, nur zwei Tage nach der Geburt seines fünften Kindes. Er hat seine Farm verloren, er hat schließlich alles verloren. Er ist sehr einsam und hadert sicherlich mit dem Schicksal.«

»Sein Schicksal hat man auch selbst in der Hand.« Elsa streckte das Kinn vor. »Aber bei Rud sind immer die anderen Schuld. Wie er geschimpft hat, als Tutts Kabel kam und er begriff, dass er sie und ihren Mann nicht würde ausnehmen können …«

»Vielleicht hat er es gar nicht so gemeint, Prinzessin. Ich glaube, er leidet sehr darunter, dass ihr ihn so ablehnt. Nur dein Bruder Arthur hält noch zu ihm.«

»Das hat Rud sich doch selbst zuzuschreiben. All die Jahre hat er sich nicht um uns gekümmert. Was wäre wohl aus uns geworden, wenn es die Großeltern nicht gegeben hätte? Wahrscheinlich hätte er uns alle nach Deutschland verfrachtet.«

»Deiner Schwester geht es nicht schlecht dort.« Allunga lächelte und trank einen Schluck Tee. »Sie hat einen Mann gefunden und auf den Bildern, die sie schickt, sieht sie sehr glücklich aus.«

Elsa seufzte. »Ich wünsche es ihr so. Aber aus ihren Zeilen klingt das Heimweh. Hätte Rud sich nicht so unmöglich verhalten, wäre sie zu uns gekommen, und ich hätte sie endlich in die Arme schließen können.«

»Vielleicht kommt sie ja noch.« Ächzend stand Allunga auf, ging zur Kammer und holte von dort den Sauerteigansatz.

»Heute ist doch erst Dienstag«, sagte Elsa erstaunt, normalerweise wurde nur montags und samstags Brot gebacken.

»Ja, ich weiß. Aber ich habe das Gefühl, ich müsste mehr Brot backen, deshalb will ich den Teig noch füttern und schon eine Portion ansetzen. Dann geht es morgen früh ganz schnell.«

»Was ist denn morgen früh?«

»Das weiß ich nicht, Prinzessin, aber vielleicht bekommen wir überraschend Besuch. Irgendwie spüre ich so etwas.«

»Traumzeitintuition«, sagte Elsa spöttisch, aber dann stand sie auf und ging zu Allunga, die mit geübten Griffen den Teig teilte. Die eine Portion Vorteig tat sie in eine Schüssel, gab Mehl und etwas Salz hinzu. Den halben Vorteig füllte sie mit lauwarmem Wasser auf und bestäubte dieses mit Mehl, bevor sie das Leinentuch wieder über die Schüssel stülpte und diese vorsichtig zurück in die Vorratskammer trug.

»Kann ich dir helfen?«, fragte Elsa, hatte aber schon die Hände in den Teig getaucht und knetete ihn durch.

»Eigentlich solltest du längst im Bett sein.«

Allunga schaute aus dem Fenster. Die kleine Mondsichel stand hoch am Himmel. »Zunehmender Mond«, flüsterte sie. »Und schon so spät.«

Irgendwo heulte ein Hund auf, dann erklang lautes, böses Kläffen. Das waren Straßenhunde, die sich bestimmt um Abfälle stritten. Elsa legte den Kopf schief und lauschte – doch die Hühner im Stall blieben ruhig. Der alte Hahn und der Ganter, den Großvater eigentlich zu einem Weihnachtsfest gekauft hatte, es aber dann nicht über sich bringen konnte, ihm den Hals umzudrehen, waren besser als jeder Wachhund. Ihnen drohte keine Gefahr, dachte Elsa beruhigt. Langsam und gleichmäßig, so wie Großmutter es ihr beigebracht hatte, knetete sie den Teig.

»Du solltest wirklich ins Bett gehen, Prinzessin. Morgen musst du früh aufstehen.« Allunga drängte Elsa sachte zur Seite.

»Du musst doch auch ins Bett.« Elsa wischte sich die Hände ab, streckte den Rücken.

»Mach dir keine Gedanken um mich.« Allunga lächelte ihr zu.

»Gute Nacht, Allunga.« Elsa schaute durch das Wohnzimmer zu Großvaters Kammer. Sollte sie nachsehen, ob die Großmutter noch etwas brauchte? Würde sie wieder die ganze Nacht an seinem Bett wachen?

Doch Elsa wollte nicht stören, denn die Großmutter schlief oft des Abends ein, wenn sie bei ihm saß, nähte, strickte oder flickte und dabei in Erinnerungen schwelgte.

Langsam ging die junge Frau die Treppe nach oben. Die dritte und die neunte Stufe knarrten schon immer entsetzlich, automatisch machte sie einen großen Schritt darüber hinweg. Früher, als sie noch jünger gewesen war und sich manchmal abends heimlich hinausgeschlichen hatte, war das Wissen um die knarrenden Stufen sehr wichtig gewesen. Gelernt hatte Elsa es von ihren Tanten, die zum Teil noch hier gelebt hatten, als die verwaisten Enkel einzogen.

Damals hatten Mina und Elsa ein Zimmer mit Lina, ihrer nur zwölf Jahre älteren Tante, geteilt. Dann waren nach und nach alle ausgezogen, und andere wieder zurückgekommen. Die Familie war groß, neun Kinder hatte Emilia Lessing zur Welt gebracht, zwei inzwischen beerdigt. Und nun waren sie, die ersten Enkel, auch fast alle schon erwachsen. Der Jüngste, Billy, würde im September zwanzig werden. Er kam nur noch am Wochenende nach Hause. Arthur lebte und arbeitete schon einige Zeit in Brisbane, sie sahen ihn noch seltener. Mina war vor wenigen Wochen aus Wentworth Falls, einer kleinen Stadt in den Blue Mountains, zurückgekehrt. Lange hatte sie dort Tante Till im Haushalt geholfen.

Elsa grinste, als sie daran dachte, wie Mina unschlüssig im Flur gestanden und von einer Zimmertür zur nächsten geschaut hatte.

»Wo schläfst du?«, hatte sie Elsa gefragt.

»Immer noch in unserem alten Zimmer.«

»Wirklich?« Mina hatte die Tür zu dem Raum geöffnet und hineingespäht. »Es sieht alles noch so aus wie früher.« Ein leises Seufzen lag in ihrer Stimme. Es klang sehnsuchtsvoll.

»Dein Bett ist auch noch da.« Elsa hatte gegrinst.

»Ich sehe es.« Mina hatte sich umgedreht, Elsa fragend angeschaut. Und Elsa hatte zustimmend genickt. Obwohl einige der anderen kleinen Kammern inzwischen leer standen und nur noch als Gästezimmer dienten, teilten sich die beiden nun wieder das Zimmer.

»Es ist irgendwie der schönste Raum hier oben«, hatte Mina gemeint, sich auf den Fenstersitz gesetzt, die Beine angezogen und nach draußen geschaut. An klaren Tagen konnte man meinen, den Hafen zu sehen.

Leise öffnete Elsa nun die Tür, sie wollte ihre Schwester nicht wecken. Doch Mina saß am Schreibtisch, das Kinn in die Hand gestützt und starrte an die Wand.

»Du bist noch wach?« Elsa knöpfte ihre Bluse auf und kratzte sich ausgiebig am Hals. Großmutter bestand darauf, dass alle Kinder und Enkel, die bei ihr wohnten, von ihr gestrickte Unterhemden aus Schafwolle trugen, zumindest an kühlen Tagen.

Mina drehte sich um und kicherte. »Zieh es aus, schnell.«

»Es ist so schwer, sich nach dem Sommer wieder daran zu gewöhnen, aber Großmutter macht mir die Hölle heiß, wenn ich die Dinger nicht trage.« Elsa seufzte, schlüpfte aus ihren Sachen und zog sich das Nachthemd über den Kopf.

»Till hat mir gezeigt, wie man einen Seidenrand an den Halsausschnitt der Unterhemden heftet, ohne dass es großartig auffällt, dann juckt es nicht mehr so. Schau mal.« Sie warf ihrer Schwester ihr Unterhemd zu. »Ich kann dir das auch machen.«

Elsa bestaunte die feine Arbeit. »O ja, bitte. Das sieht so aus, als wäre es viel angenehmer zu tragen.« Sie legte das Wäschestück zusammen und gab es Mina zurück. »Warum bist du noch wach?«

»Ich habe versucht, einen Brief an Will zu schreiben.« Mina kniff die Augen zusammen. »Aber es will mir nicht gelingen.«

Elsa ließ sich auf ihr Bett fallen und streckte die Arme aus. »Warum das denn nicht? Vier Jahre lang habt ihr euch nur über Briefe austauschen können. Die ganze Zeit, die er in England studiert hat. Und jetzt, wo er quasi nur einen Katzensprung entfernt lebt, kannst du es nicht mehr?«

»Das ist es ja«, jammerte Mina. »Bis vor ein paar Monaten war er weit, weit weg. Für eine lange Zeit. Ich wusste nicht, ob ich ihn jemals wiedersehen würde. Irgendwie konnte ich ihm deshalb so viel mehr anvertrauen als jetzt, wo wir uns alle paar Tage sehen können. Zumindest theoretisch.«

»Ich dachte immer, du liebst ihn.« Elsa konnte den leicht spöttischen Klang in ihrer Stimme nicht verbergen. »Oh, mein liebster Will, ein Traum von einem Mann, ich liebe ihn so sehr«, säuselte sie. »Hast du das nicht immer gesagt?«

Mina kniff wütend die Augen zusammen. »Mach dich nicht lustig über mich«, zischte sie. »Du verstehst das nicht.«

»Nein«, sagte Elsa, nun wieder ernst, und setzte sich auf. »Ich verstehe es wirklich nicht. Erkläre es mir.«

»Wenn ich nur wüsste, wie ich es erklären soll … es ist, als hätte mir die Distanz mehr Offenheit gegeben. Er war so weit weg, fast schon nicht mehr real – nur in meinen Gedanken. Ich konnte ihm alles anvertrauen, es war nicht peinlich, weil ich ihn ja nicht am nächsten Sonntag in der Kirche sehen würde.«

Elsa runzelte die Stirn. »Ich glaube, jetzt verstehe ich dich doch. Er war so weit weg, dass es fast schon so war, als würdest du Tagebuch schreiben, nur dass das Tagebuch auch geantwortet hat.«

»Genau.« Mina nickte heftig. »Und die Antworten kamen ja auch nicht prompt, sie kamen manchmal erst Wochen später, da unsere Korrespondenz ja über Carola, über Deutschland, ging. Es war kein wirklicher Dialog.«

Jetzt kicherte Elsa. »Herrlich, wie ihr das Verbot, euch zu schreiben, umgangen habt. Er schrieb Tutt und sie schickte dir seine Briefe. Nur gut, dass Großvater das nicht weiß. Er hätte sich furchtbar darüber aufgeregt.«

Mina lachte. »Großvater hat nicht daran geglaubt, dass unsere Liebe die Zeit und die Entfernung übersteht.«

»Nein, ich glaube, er wollte euch auf die Probe stellen. Wenn ihr es schafft, trotz des Verbotes in Kontakt zu bleiben, und wenn eure Liebe diese Zeit übersteht, dann ist es wahre Liebe. So hat er gedacht. Großmutter hat mir erzählt, dass ihre Familie ihm und ihr ja auch verboten hatte, Kontakt zu haben und sie dennoch Wege gefunden haben, das zu umgehen.«

»Ja, ich weiß.« Nachdenklich kaute Mina auf ihrem Federhalter. »Und so habe ich es auch empfunden – als Probe. Auch für Will und mich.« Sie stockte.

»Liebt er dich nicht mehr?«, fragte Elsa erschrocken und stand auf, ging zu ihr und nahm sie in den Arm.

»Doch, ich glaube schon. Ich hoffe es zumindest. Aber … aber es ist so seltsam, es fühlt sich anders an als vor einem halben Jahr, als er noch nicht wieder da war. Es ist so, als könnten wir uns schreiben, aber nicht miteinander reden. Das heißt – jetzt kann ich ihm nicht einmal mehr schreiben.« Sie schluchzte auf. »Ich habe so Angst.«

»Wovor?« Elsa hockte sich hin.

»Weißt du, vielleicht war ich ja für ihn auch so etwas wie ein Tagebuch, jemand, dem er seine Gedanken, Hoffnungen und Wünsche anvertrauen konnte. Wir haben uns viel geschrieben und es schien ihm immer wichtig zu sein, jemanden aus der Heimat zu haben, jemand, der verstehen würde, wie seltsam er manche Dinge in England fand, wie fremd er sich dort fühlte. Ja, wir haben uns viel anvertraut, haben vielleicht auch mehr in dem anderen gesehen, als wirklich da ist …« Sie wischte sich über die Wangen. »Was, wenn er jetzt feststellt, dass er mich gar nicht wirklich liebt? Dass er sich in ein Traumbild von mir verliebt hat? Zwar ist er jetzt hier und ich bin hier und … es geht doch nicht? Was, wenn er gar keine Gefühle für mich hat?«

»Wieso glaubst du das?«, wisperte Elsa erschrocken.

»Ach, Elsa! Er hat in England studiert. Er sieht so gut aus, hat Manieren … er ist in jeder Hinsicht perfekt. Und ich? Ich habe die Schule beendet und dann als Kindermädchen gearbeitet. Was kann ich denn? Was stelle ich dar? Du wirst jetzt Sekretärin, Tante Molly ist Lehrerin, Tante Till war Krankenschwester, Tante Lily hat eine Schaffarm geleitet. Und ich? Ich bin ein Nichts. Wie soll er mich da lieben?« Nun liefen ihr die Tränen über die Wangen.

Elsa richtete sich auf, nahm ihre Schwester wieder in die Arme und lachte leise. »Und ich dachte, es wäre etwas Schlimmes. Nun sei doch nicht so unsicher. Natürlich liebt er dich. Das kann man jeden Sonntag in der Kirche beobachten – selbst wenn er predigt, lässt er dich kaum aus den Augen. Und sein Blick … der ist so zärtlich und leidenschaftlich zugleich. Wenn er dich nicht liebt, esse ich einen Wombat – mit Fell.«

»Ehrlich?«

»Ja, ganz sicher. Und nun wisch dir die Tränen ab. Den Brief kannst du morgen immer noch schreiben, dir wird schon etwas einfallen.« Elsa grinste, trat an die Waschkommode und putzte sich die Zähne, dann wusch sie sich das Gesicht ab und schlüpfte endlich unter ihre Decke. »Ich mache mir Sorgen um Großvater«, sagte sie leise. »Und um Großmutter. Sie sitzt immer noch bei ihm.«

»Ja, er sah heute schlecht aus, dabei ist es viel kühler und die Luft klarer geworden.« Auch Mina stieg in ihr Bett, löschte die Lampe. »Aber Großmutter hat doch ihren Sessel jetzt in dem Zimmer stehen. Manchmal glaube ich, sie schläft dort besser als im Bett.« Mina kicherte leise.

Im Dunkeln flüsterten die beiden – das konnten sie sich nicht abgewöhnen. Früher hatte der Großvater das Licht gelöscht und geschimpft, wenn er noch etwas aus den Zimmern hörte.

»Ja, du hast recht, aber vorher hat sie gesagt, dass sie Darri erwartet. Darri ist doch schon längst tot. Wird Großmutter jetzt tüddelig?«

»Darri …« Minas Stimme klang seltsam verklärt. »Das letzte Mal habe ich sie gesehen … lass mich überlegen … zehn Jahre muss das her sein. Damals habe ich Till in den Blue Mountains besucht.«

»Du wolltest nicht mitkommen nach Gleelong, das weiß ich noch.«

»Was du nicht weißt, ist, dass ich damals unbedingt zu Till und Joseph ziehen wollte.«

»Das bist du später doch auch.«

»Ja, aber nicht so. Ich wollte damals ganz dahin. Ich habe mir gewünscht, dass sie mich adoptieren, aufnehmen an Kindesstatt.«

»Weg von uns? Von Großmutter und Großvater?« Elsa setzte sich auf. »Das kann ich gar nicht glauben.«

»Doch! Ich hatte dort mein eigenes Zimmer, es gab ein Bad mit einer Badewanne und einem Ofen. Es war herrlich. Aber ich wollte das schon, bevor ich es auch nur gesehen hatte.«

»Warum?«

»Ich weiß nicht. Vermutlich, weil ich einmal nicht nur eine von vielen sein wollte. Ich wollte jemanden haben, der nur mich lieb hat. Und das war ja so dumm!«

»Wie seltsam.«

»Ja, das habe ich dann auch festgestellt. Weil Großmutter ja jeden von uns auf ganz eigene Weise liebt. Und ich hier viel mehr Privatheit hatte, als in Wentworth Falls. Dennoch war es gut, dass ich da gewesen bin, um genau das zu erkennen.«

»Und damals hast du Darri getroffen.« Elsa zog sich die Decke zum Kinn.

»Ja. Wie auch immer sie herausbekommen hat, dass ich zu Besuch kam. Keiner wusste es. Sie hat mich mitgenommen zu den »Drei Schwestern« und mir die Legende ihres Volkes erzählt.«

»Hm«, machte Elsa. »Allunga hat auch gerade wieder von den Traumpfaden gesprochen. Ich halte das für Humbug.«

»Weil du es nicht verstehst.«

»Verstehst du es denn?«

»Nein«, sagte Mina zögerlich. »Vom Kopf her nicht, aber in meinem Herzen, da fühle ich, dass es so etwas geben muss.«

»Bist du dir sicher, dass du einen Pastor heiraten willst?«

»Noch hat er mich ja nicht gefragt«, seufzte Mina.

Kapitel 2

Sydney, 1910

Ach, Carl, mein lieber Carl«, sagte Großmutter Emilia leise und beugte sich zu ihm vor. Sein Atem ging schwer. Er hatte die Augen nur kurz geöffnet, als sie das Zimmer betrat, doch Emilia war sich sicher, dass er wusste, dass sie da war und sie hören konnte.

»Ich weiß, es ist eine lange und manchmal auch schwere Lebenszeit gewesen. Was haben wir nicht alles zusammen durchgestanden – durchstehen müssen. Ich weiß, du bist erschöpft und müde, aber bitte geh noch nicht.« Sie seufzte, nahm das Strickzeug auf. Leise klapperten die Nadeln in der Stille der Nacht. Die Petroleumlampe auf dem Tischchen neben ihrem Stuhl flackerte und Emilia justierte den Docht.

»Ach, weißt du noch«, murmelte sie, »wie das auf der Lessing war? Manchmal mussten wir das Licht löschen, weil die Lampe zu heftig schaukelte. Das war so schön, damals mit dir über die Weltmeere zu segeln. Manchmal war es auch langweilig und hin und wieder schrecklich und gefährlich, aber ich habe die Zeit doch sehr genossen.« Sie dachte zurück an die ersten Jahre ihrer Ehe. Carl war Hochseekapitän gewesen, die C. G. Lessing war seine Brigg, die er in der Werft ihrer Familie hatte bauen lassen. Gegen den Willen der Familie hatten sie geheiratet und Emilia war mit ihm davongesegelt. Vier Kinder hatte sie auf den Reisen zur Welt gebracht, fünf weitere, nachdem sie sich in Sydney niedergelassen hatten.

»Es war eine gute Entscheidung gewesen, hierherzuziehen«, sagte sie nun und nahm einen neuen Faden auf, legte ihn über die Nadel. »Die Kinder mussten schließlich zur Schule gehen. Wie wichtig dir immer Bildung gewesen ist, wie sehr du immer auf deine Familie, auf den großen Dichter bedacht warst. Und ganz gut ist es geworden mit unseren Kindern, nicht wahr, Carl?«

Nur Susanna war als Kleinkind gestorben, etwas, was Emilia immer noch traurig machte. Sie war so herzig gewesen, so fröhlich, die kleine Susanna. Alle anderen Kinder hatten sie großgezogen. Der Tod von Minnie vor nunmehr fast zwanzig Jahren war ungleich schlimmer gewesen, denn sie hinterließ fünf kleine Kinder – Emilias erste Enkel.

»Du hast Rudolph immer abgelehnt, mein Lieber. Aber Minnie hat ihn geliebt, wirklich geliebt. Vermutlich hattest du mit deiner Ablehnung recht, doch wer weiß, ob er sich nicht zu seinem Guten entwickelt hätte, wenn Minnie noch leben würde?« Emilia seufzte. »Es ist schlimm, dass die Kinder ihn so ablehnen, aber verstehen kann ich sie schon. Gekümmert hat er sich nie, nur Vorhaltungen hat er ihnen und uns gemacht. Vor allem unserer armen Tutt. Ob sie ihre Wut überwindet, und uns doch noch einmal besuchen kommt? Ach, wie gerne würde ich sie wiedersehen, meine kleine Tutt. Jetzt ist sie schon verheiratet und wir kennen ihren Mann nicht, werden ihn vielleicht nie kennenlernen. Das macht mich ganz traurig.«

Carl bewegte seinen Kopf, grunzte leise, doch er öffnete nicht die Augen. Emilia sah ihn an.

»Brauchst du etwas? Soll ich dir zu trinken geben?« Sie lauschte, doch kein weiterer Laut kam über seine Lippen.

»Du schläfst nicht wirklich, das weiß ich«, sagte sie verschmitzt. »Du magst es, wenn ich mit dir spreche, das hast du mir immer wieder gesagt. Doch manchmal hatten wir es schwer miteinander. Wenn du auf großer Fahrt warst und ich mit den Kindern hier zurückblieb, dann war das oft nicht leicht. Ich habe mich immer und immer zurückgesehnt an Bord. Dort konnte man so herrlich schlafen, der Wellengang hat einen in den Schlaf gewiegt. Vermisst du das nicht auch manchmal? Und das beruhigende Klatschen des Wassers in der Bilge, das Flattern der Segel bei Flaute und das Donnern der Wellen bei hohem Seegang. Ach, war das schön.« Sie nickte und rückte die Brille zurecht, die sie seit einiger Zeit tragen musste. »Was habe ich mich gefreut, wenn du wieder da warst nach deinen großen Fahrten, aber dann fiel es uns hin und wieder schwer, uns aneinander zu gewöhnen. Doch wir haben es immer geschafft.«

Sie ließ das Strickzeug in den Schoß sinken und dachte an die vielen Reisen, die sie zusammen unternommen hatten. Später hatte er oft das eine oder andere ihrer Kinder mitgenommen, alle waren gerne an Bord gewesen. Alle außer Minnie. Minnie war das einzige ihrer Kinder, das sie in Deutschland geboren hatte, in Othmarschen auf dem Gut ihrer Eltern. Und Minnie war immer eine Landratte geblieben. Sie liebte es zu pflanzen und zu säen, die Früchte zu ernten. Als ihr Mann Rudolph die Farm in der Nähe von Liverpool kaufte, war Minnie selig gewesen – ihr Traum ging in Erfüllung. Doch leider währte er nicht lange.

»Ich weiß, wirklich begeistert bist du auch von Will Black nicht, Minas Beau. Aber«, jetzt lachte sie leise, »du hast es allen deinen Schwiegersöhnen schwer gemacht. Immer wolltest du nur das Allerbeste für die Mädchen. Ach ja, die Kinder, die lieben Kinder. Aber Will Black ist ein anständiger, ein gottesfürchtiger Mann. Und er liebt Mina von Herzen. Wusstest du, dass sie sich die ganze Zeit über geschrieben haben? Gegen dein und Rudolphs Verbot? Da warst du dir einmal einig mit Rudolph – Mina sollte Will nicht jahrelang hinterherhängen und -trauern. Doch ist er ihr treu geblieben. Ich wusste es. Die vielen Briefe von Tutt – die konnten nicht alle von ihr sein.« Wieder lachte sie leise. »Ich habe Mina das Geheimnis gelassen, denn ich glaube, sie ist furchtbar stolz darauf. Nun wirst du Will aber in dein Herz schließen und den beiden deinen Segen geben, nicht wahr? Morgen früh, wenn es dir besser geht, dann sagst du es ihr, ja? Sie macht sich so Sorgen, dass du die Verbindung missbilligst. Aber das tust du in Wahrheit doch gar nicht, Carl, oder?«

Wieder schwieg sie eine Weile, den Kopf zur Seite geneigt, als würde sie der Antwort ihres Mannes lauschen.

»Jetzt heiraten unsere Enkelinnen schon. Es ist kaum zu glauben, erst Tutt und bald sicher auch Mina. Elsa … nun ja, Elsa wird noch ihren Weg ins Leben finden müssen. Dabei ist sie so strebsam und fleißig. Aber in Herzenssachen scheint sie noch zurück zu sein. Seltsam, nicht wahr? Dabei ist sie bildhübsch, unsere Prinzessin. Und so klug, viel klüger als Mina, will es mir scheinen. Vielleicht ist Elsa ein wenig wie Molly, die hat ja auch nie geheiratet, obwohl sie etwas mit ihrem Professor hatte. Sie glaubt, wir wüssten es nicht.« Emilia lachte leise. »Wie sie sich da täuscht. Glaubst du, dass May und Lina noch heiraten werden? Immerhin ist May schon sechsunddreißig und Lina zweiunddreißig. Du warst gegenüber den wenigen Männern, die die beiden uns vorgestellt haben, immer sehr grantig. Dir ist auch keiner recht, aber sollen sie denn alleine bleiben?« Sie legte das Strickzeug zur Seite, strich über die faltige und altersfleckige Hand ihres Mannes. Die Haut war dünn wie Papier.

»Ich weiß, du meinst es immer nur gut, willst das Beste für sie. Ich bin froh, dass sich Till mit Joseph arrangiert hat. Eine glückliche Ehe, so wie wir beide, werden sie wohl nicht führen, aber manchmal reicht auch eine Zweckgemeinschaft. Mit Joan hat Till das, was sie sich am meisten wünschte – ein eigenes Kind. Und ich glaube, sie ist damit zufrieden.« Nachdenklich schaute sie zum Fenster. Noch war es dunkel, die Nacht schon weit fortgeschritten. Bald würde sich das erste, zarte Licht des Tages über den Himmel breiten.

»Weißt du, was seltsam ist, Carl? Den ganzen Tag musste ich an Darri denken. Immerzu hatte ich das Gefühl, dass sie heute kommt. Dumm von mir, nicht wahr? Darri ist schon lange nicht mehr unter uns. Aber es fühlt sich so an, als würde sie wieder zu uns kommen – so wie damals. Weißt du noch, wie sie aufgetaucht ist, als Minnie starb? Sie wusste, Minnie brauchte sie in dieser Zeit. Wir brauchten sie alle. Sie hat den Tod unserer Tochter erträglicher gemacht, milder. Verstehst du, was ich meine? Ist es dir auch so gegangen? Wir haben nie darüber gesprochen. Ich habe nun mit einigen Aborigines über ihre Traumzeitwelt gesprochen, darüber, dass alles immer da war und immer da sein wird. Das ist ein erschreckender, aber auch ein tröstlicher Gedanke, fast schon christlich, auch wenn sie nicht an Gott glauben. Aber die Ahnen, das sind ja die Seelen der Menschen – und die Hoffnung, dass sie doch immer noch bei uns sind … ach ja.« Sie drehte sich wieder zu Carl um, sah ihn an. Seine Brust hob und senkte sich nicht mehr, der rasselnde Atem war nicht mehr zu hören.

»Carl?«

Auf einmal öffnete er den Mund und ein Stoß Luft schien aus seinem Körper zu entweichen. Dann war nur noch Stille.

»Carl …«

Emilia griff nach seiner Hand, umfasste sie. Sie fühlte sich kalt an, leblos.

»Mein Carl.« Tränen stiegen ihr in die Augen, sie holte ein paar Mal tief Luft, hatte aber das Gefühl, ihr Hals wäre zugeschnürt. Dann ließ sie die Hand los, ging zum Fenster und öffnete es weit. Sie konnte von hier aus in Richtung Hafen blicken. Die Schwärze der Nacht löste sich gerade auf. Es war diese kurze Zeit zwischen Tag und Nacht, in der alles stillzustehen scheint, sich kein Lüftchen hebt. Die Nachtvögel hatten sich längst ihre letzten Rufe zugerufen, alle anderen schliefen noch. Schon bald würden die Magpies ihren durchdringenden Weckruf anstimmen. Und auch der Hahn im Hof würde den Tag willkommen heißen. Es war der fünfzehnte März 1910, der Tag, an dem Carl Gotthold Lessing starb.

Emilia wusste, dass binnen kurzem hektische Betriebsamkeit im Haus herrschen würde. Aber sie wollte noch eine Weile in Ruhe Abschied nehmen. Tränen standen in ihren Augen und ihr Magen krampfte sich zusammen. Vierundfünfzig Jahre war sie mit Carl verheiratet gewesen. Neun Kinder hatte sie von ihm empfangen und geboren. Er war ihr bester Freund, ihr Geliebter und Vertrauter und nun war er tot.

Sie setzte sich auf den Bettrand, sah Carl an. Sanft strich sie über sein Gesicht, küsste ihn zärtlich auf die Lippen. Ihre Hände fuhren über den so vertrauten Hals, die Brust, in der das Herz nicht mehr schlug und die sich nicht mehr hob und senkte. Sie nahm seine Hände in ihre und drückte sie an ihre Brust.

»Mein Carl. Mein geliebter Carl«, flüsterte sie und legte dann ihren Kopf auf seinen Brustkorb, dort oben in die Kuhle am Hals, so wie sie früher oft gelegen hatte. Doch nun fuhren seine warmen Hände nicht mehr über ihre Schultern und ihren Rücken, streichelten sie nicht mehr und hielten sie nicht fest. Er war gegangen und nur noch seine vergängliche Hülle war hier.

Ihre Tränen ließen sein Nachthemd feucht werden, aber das störte ihn nun nicht mehr.

Erst als sich die Magpies im Garten schon stritten, der Himmel den purpurnen Schimmer zu einem hellen Blau gewechselt hatte, richtete Emilia sich wieder auf. Sie holte tief Luft, strich sich über die Bluse und stand auf, ging zu dem kleinen Waschtisch und wusch sich das verquollene Gesicht. Sie würde die Nachricht der Familie mitteilen müssen. Ihre Tochter Lily, die seit einigen Jahren wieder in ihrem Elternhaus wohnte, und die Enkelinnen Mina und Elsa würden ihr zur Seite stehen, das wusste sie.

Sie mussten den Arzt rufen, den Bestatter, schnell musste es gehen, nur vierundzwanzig Stunden blieben ihnen bis zur Beerdigung.

Ihr Blick richtete sich wieder auf den Leichnam ihres Mannes. Die Seele hatte den Körper längst verlassen, Emilia schloss das Fenster. Dann öffnete sie die Tür, lauschte. Nichts schien sich zu regen in dem alten Haus, das sie so viele Jahre nun schon bewohnten. Doch es duftete nach Brot und frischem Kaffee und sie konnte das Feuer im Herd knistern hören. War Allunga etwa schon aufgestanden? Es war doch noch viel zu früh.

Allunga saß am Tisch. Sie hob langsam den Kopf und sah Emilia wissend an.

Emilia schnappte nach Luft. »Nicht Darri ist hier«, sagte sie dann leise, »aber du bist es.«

»Ich habe es gespürt. Ist er friedlich eingeschlafen?«

Emilia nickte. »Ja. Für ihn ist es eine Erlösung. Aber ich …«

»Du hast einmal gesagt, das Leben geht weiter, egal was auch passiert.« Nur sehr selten und auch nur, wenn sie alleine waren, duzte Allunga Emilia. Jetzt ging sie auf sie zu, drückte sie an sich. Allunga duftete nach grüner Seife, frischem Kaffee und nach Kräutern. Der Duft beruhigte Emilia.

»Das Leben geht für mich weiter, nicht für Carl. Jetzt muss ich es alleine schultern.«

»Du hast viele Dinge alleine getragen.«

»Ja, aber ich hätte mit Carl darüber sprechen können, er war da.«

Für einen Moment standen die beiden Frauen nur da und hielten sich stumm. Dann seufzte Emilia auf, löste sich aus der Umarmung.

»Es gibt so viel zu tun«, murmelte sie. »Ich muss die Kinder informieren, den Pastor sprechen, die Beerdigung …« Sie schluckte. »Ich kann es noch gar nicht glauben«, sagte sie dann leise.

»Carl wird immer bei dir sein, Emilia.« Allunga führte sie in die Küche. »Mach dir keine Sorgen, wir werden alles organisieren. Hier.« Sie füllte Emilias Lieblingsbecher mit Kaffee, gab Zucker hinein und stellte ihn dann vor sie auf den Tisch.

Verwundert schaute Emilia auf die Tasse. »Ich kann doch jetzt keinen Kaffee trinken, so, als wäre dieser wie alle Tage.«

»Doch, das kannst du und das wirst du. Setz dich, trink deinen Kaffee. Ich habe schon Brot gebacken, neuen Teig angesetzt. Auch Eier und Speck stehen schon bereit, dazu frische Butter. Wir werden uns alle stärken müssen, anstrengende Tage liegen vor uns.« Sie öffnete die Tür zum Hof, dort hingen zwei der Hühner. Allunga hatte ihnen den Kopf abgeschlagen und sie an den Füßen aufgehängt, eine Schüssel druntergestellt, um das Blut aufzufangen. Die Schüssel war voll, Allunga musste dies schon vor einiger Zeit getan haben. Sie setzte sich auf einen Schemel und begann mit flinken Fingern die Vögel zu rupfen.

Emilia ließ sich auf ihren Stuhl am Küchentisch nieder und schaute Allunga wie in Trance zu. »Ich muss die Kinder wecken«, flüsterte sie. »Ich muss es ihnen sagen.«

»Sie werden schon früh genug wach sein. Lass sie noch schlafen, jetzt können sie sowieso nichts ausrichten.«

»Warum hast du die Hühner …?« Emilia schüttelte den Kopf, strich sich mit den flachen Händen über das Gesicht. »Natürlich – du wirst eine Suppe kochen. Wir müssen Essen machen, es wird viel Besuch kommen.«

»Die Nachbarn werden Essen bringen. Außerdem haben wir noch einen ganzen Schinken.«

»Ich werde eh nichts herunterbringen können«, murmelte Emilia. Sie drehte sich um, sah durch das Wohnzimmer zur Tür des Kämmerchens. Dort lag ihr Carl. Am liebsten würde sie zu ihm gehen, sich neben ihn legen und die Augen schließen. Doch das war nicht möglich. Von oben waren Geräusche zu hören. Wer würde als Erstes herunter kommen? Wem würde sie die Nachricht zuerst sagen müssen? Ihrer Tochter Lily, die nun auch schon dreiundfünfzig war und seit einigen Jahren wieder zu Hause lebte? Oder den Enkelinnen? Wer von den Kindern und Enkeln würde zur Beerdigung kommen können? Alleine der Gedanke daran, was noch bevorstand, ließ Emilia schwindelig werden und wieder liefen die Tränen. Wie viele Tränen hatte man? Würden sie nicht irgendwann austrocknen, wie ein Bachlauf in der Sommerhitze?

Leichtfüßig waren die Schritte, die die Treppe herunter kamen. Es war eins der Mädchen. Emilia holte tief Luft, rieb sich über die Augen.

»Großmutter …?« Elsa sah sie erschrocken an, dann blickte sie durch die Tür in den Hof, wo Allunga inzwischen das zweite Huhn rupfte.

Sie sitzt in den weißen Federn, wie in einem Berg Schnee, dachte Emilia verwirrt. Seltsam sieht das aus, denn Schnee gibt es hier doch gar nicht, vor allem nicht so viel.

»Großmutter?«, flüsterte Elsa, setzte sich neben Emilia und legte ihren Kopf auf die Schulter der alten Frau. »Ist es Großvater?«

Emilia nickte, irgendwie wollten keine Worte kommen, ihr Hals war wie zugeschnürt.

»O nein«, schluchzte Elsa.

Allunga stand auf, wischte die Federn von ihrem Rock, schüttelte sich wie ein nasser Hund. Dann trug sie die beiden gerupften Hühner in die Küche, legte sie auf die Arbeitsplatte und seufzte.

»Du brauchst einen Kaffee, Fräulein Elsa. Dann kannst du gehen und dich in Ruhe von Großvater verabschieden. Nimm dir Zeit und weine alle Tränen, die fließen wollen. Und wenn du damit fertig bist, kommst du zurück, denn wir haben mächtig viel zu tun.« Sie stellte Elsa eine Tasse Kaffee hin, nickte ihr zu.

Nun kam auch Mina herunter. Sie streckte sich verschlafen, blieb überrascht an der Küchentür stehen.

»Was ist passiert?«, fragte sie fast tonlos. Dann atmete sie tief ein. »Es ist Großvater?«

Emilia nickte. »Er ist ganz friedlich eingeschlafen.«

»Aber ich konnte mich gar nicht verabschieden.« Mina sah die Großmutter entsetzt an, drehte sich dann um und ging durch das Wohnzimmer zu der Kammer, die einst ihr Kinderzimmer gewesen war. Ihre Schultern zuckten verzweifelt.

Elsa schaute Allunga unsicher an. »Ich möchte auch …«

»Dich verabschieden?« Emilias Stimme klang wieder fester. Es war so, als könnte sie dadurch, dass die Enkelinnen trauerten, ein wenig Luft holen. »Mach das, Prinzessin. Geh ruhig.«

»Aber Mina ist doch nun bei ihm …«

»Ich kann mich erinnern, dass ihr früher immer gemeinsam auf Großvaters Schoß gesessen habt. Die eine auf dem rechten Bein, die andere auf dem linken. Und dann hat er euch Geschichten erzählt. Also könnt ihr euch auch gemeinsam von ihm verabschieden.« Sie lächelte traurig.

»Dein Großvater ist jetzt ein Ahne. Er ist nicht fort, er hat nur seine Hülle verlassen, aber er wird immer bei euch sein und euch begleiten«, meinte Allunga leise.

Elsa senkte den Kopf. »Eigentlich hört sich das ja tröstlich an, auch wenn es nicht sehr christlich ist.«

»Ich finde den Gedanken schön. Allunga, wir müssen den Pastor informieren.«

Das Dienstmädchen nickte. »Ich schicke den Jungen, er sollte sowieso langsam aus den Federn kommen.«

Emilia schüttelte den Kopf. »Tut mir leid«, sagte sie gepresst, hob dann den Kopf und grinste. »Du bist gerade aus den Federn gekommen. Ich weiß gar nicht, warum ich jetzt irgendetwas lustig finden kann? Das sollte doch nicht so sein … ich sollte vor Trauer vergehen.« Sie klang plötzlich verunsichert.

»Ich glaube, das ist in Ordnung, Großmutter. Großvater weiß, wie sehr du um ihn trauerst. Das ist das Eine – aber das Leben geht ja weiter, das hast du immer gesagt, egal, was war.« Elsa stand auf und nahm Emilia in den Arm. »Ich werde mich später von Großvater verabschieden. Mina möchte sicher lieber alleine sein. Ich laufe schnell zum Pastor und gebe ihm Bescheid. Und auch bei der Arbeit gehe ich schnell vorbei und nehme mir frei.«

»Wirklich, Kind?«

Elsa nickte, nahm ihr Schultertuch und verließ das Haus.

Emilia sah ihr nur kurz hinterher, dann nahm sie Papier und einen Bleistift. »Wir müssen den Kindern kabeln. Ach, es gibt so viel zu tun. Wer wird wohl alles kommen können?«

»Es werden genug da sein«, sagte Allunga leise.

Dann kam auch Lily die Treppe hinunter. Sie konnte nicht fassen, was geschehen war. Ihr Vater war der Fels in der Brandung für sie. Auch wenn er als Kapitän oft unterwegs gewesen war, hatte es den Anschein gehabt, als würde er nur um die Ecke lauern und alles mitbekommen, was sie taten. Er hatte sie gestützt und aufgefangen, als ihr Mann viel zu früh verstorben war, hatte alles getan, damit Lily immer eine Heimat im elterlichen Haus hatte. Es riss ihr den Boden unter den Füßen weg, von seinem Tod zu erfahren, und sie ließ sich kaum beruhigen. Mina stand ihr zur Seite, versuchte aber auch für Großmutter da zu sein. Doch Emilia überraschte alle. Sie hielt sich aufrecht, schien die Fäden in ihren Händen zu halten und organisierte das Geschehen ruhig und beherrscht.

Allunga merkte jedoch, wie schwer es Emilia fiel.

***

»Sie weint immer noch.« Elsa drehte sich in ihrem Bett auf die Seite und schaute zu Mina. Sie hatten das Licht schon gelöscht, doch der Mond malte Schatten auf den Boden.

»Sie hat noch gar nicht aufgehört.« Mina seufzte. »Sollen wir hinübergehen und versuchen, sie zu trösten?«

»Das hat sie doch heute Mittag und auch heute Nachmittag abgewehrt. Noch einmal lasse ich mich nicht wegschieben.«

»Dabei kommst du doch immer so gut mit Lily klar.«

Elsa verzog das Gesicht. »Ich weiß nicht, sie hat sich mir gegenüber verändert. Ich habe das Gefühl, sie mag mich nicht mehr.«

»Großmutter sagte, Lily ist in den kritischen Jahren.« Mina kicherte leise.

»Das ist Lily doch schon seit ewigen Zeiten.« Elsa legte sich wieder auf den Rücken, lauschte in die Dunkelheit. »Hast du Großmutter hochkommen hören?«, fragte sie flüsternd.

»Nein«, wisperte Mina zurück. »Sollen wir nachschauen gehen? Sie war den ganzen Tag auf den Beinen. Nur manchmal hat sie sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln gewischt.«

»Vierundfünfzig Jahre waren Großmutter und Großvater verheiratet. Großmutter sollte diejenige sein, die weint, nicht Lily.« Elsa schnaubte. »Glaubst du, sie trauert nicht?«

»Elsa! Ich bitte dich, natürlich trauert sie. Du kennst aber doch Großmutter – sie will alles erledigen und kontrollieren. Ihre eigenen Gefühle lässt sie erst zu, wenn alles andere getan ist.«

»Du hast recht. Vielleicht sollten wir wirklich nachschauen gehen, was mit ihr ist.«

»Meinst du?« Mina setzte sich im Bett auf. »Ja, morgen wird ein langer Tag. Ich kann gar nicht fassen, dass Großvater, unser Großvater, morgen beerdigt wird.« Sie schluchzte verzweifelt auf. »Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Er war immer, immer für uns da.«

»Wie mag es da erst Großmutter gehen?« Elsa schwang sich aus dem Bett, schlüpfte in ihre Hausschuhe und griff nach dem Umschlagtuch, das Großmutter für sie gestrickt hatte. »Ich gehe runter.«

»Sie wacht bestimmt bei Großvater.«

Elsa schlang das Tuch fest um sich, so, als würde sie sich selbst umarmen. »Du meinst, ich würde sie stören?«

»Ich weiß nicht«, sagte Mina zögerlich. »Vielleicht möchte sie die letzte Nacht, die er in diesem Haus ist, noch mit ihm verbringen. An seiner Seite.«

»Möglich. Was aber, wenn sie sich überanstrengt hat? Was, wenn es ihr nicht gut geht?«

»Allunga ist doch da …«

»Vielleicht … vielleicht freut sie sich, wenn wir bei ihr sind. Großvater und Großmutter waren immer für uns da, sollten wir jetzt nicht auch für sie da sein?«

»Ja, du hast recht.« Mina sprang entschlossen aus dem Bett. Auch sie hatte ein Umschlagtuch von ihrer Großmutter bekommen. »Das sollten wir.«

Im Nebenzimmer weinte Tante Lily immer noch haltlos. Elsa blieb vor der Tür stehen, doch Mina zog sie weiter.

»Wir können ihr jetzt nicht helfen, durch die Trauer muss sie durch. Das war damals bei Till ähnlich, man konnte nichts tun«, wisperte sie.

Leise schlichen sie sich die Treppe hinunter, vermieden automatisch die Stufen, die knarrten.

Am Morgen war schon Pastor Simmers gekommen, kurz danach der Bestatter. Er hatte einen schlichten Sarg mitgebracht, in den Großmutter Emilia Großvaters Decke gelegt hatte. Allunga und Emilia hatten Großvater gewaschen und gekämmt, ihm seinen Anzug angezogen. Dann legten sie ihn zur letzten Ruhe auf die Decke, die ihn jahrelang gewärmt hatte.

Der noch offene Sarg stand auf zwei Stühlen im Wohnzimmer. Die Petroleumleuchte auf dem Tisch hatte Großmutter heruntergedreht, so dass nur ein diffuses Licht leuchtete. Aber im Kamin flackerte das erste, kleine Feuer in diesem Herbst, obwohl es draußen noch nicht kalt war.

Großmutter saß in ihrem Ohrensessel, der so gestellt war, dass sie ihren Ehemann ansehen konnte. Sie hielt ihr Strickzeug regungslos in den Händen.

Elsa und Mina spähten um die Ecke und hielten den Atem an. Elsa schaute ihre Schwester fragend an, doch Mina zuckte nur unsicher mit den Schultern.

Großmutter holte tief Luft, drehte sich dann zu ihnen um. »Was ist denn, meine Mäuse?« Ihre Stimme klang gepresst, sie versuchte zu lächeln.

»Wir waren doch ganz leise«, grummelte Elsa. »Wir wollten nur gucken, ob du in Ordnung bist oder ob du uns brauchst.«

»Wir wollen dich nicht stören«, wandte nun auch Mina schnell ein.

»Ach, ihr lieben, lieben Kinder …«

»Möchtest du nicht ins Bett gehen, Großmutter?«, fragte Elsa leise.

»Nein. Schlafen kann ich noch lange genug. Ich möchte die Nachtwache halten bei eurem Großvater. Ich weiß, es ist nur noch seine Hülle, aber ich habe das Gefühl, ich dürfte ihn jetzt trotzdem nicht alleine lassen.«

»Sollen wir … sollen … wir …«, stotterte Elsa.

Mina stupste sie an und schüttelte den Kopf. Dann ging sie ins Wohnzimmer, zog sich einen Stuhl neben Emilias Sessel.

»Friedlich sieht er aus.« Sie war kaum zu verstehen, musste schlucken.

Auch Elsa kam nun hinein, blieb aber zögernd stehen. »Soll ich dir etwas zu trinken holen?«

Großmutter hob den Kopf und sah sie an. »Auf dem Herd steht ein Topf mit Kakao. Magst du uns davon etwas holen? Großvater hat so gerne abends noch mal eine Tasse warmen Kakao getrunken.« Ihre Stimme war wehmütig.

Elsa nickte und huschte in die Küche. Sie war froh, etwas tun zu können. Zuerst hatte sie sich ein wenig gegruselt, als ihr klar geworden war, dass der tote Großvater im Wohnzimmer aufgebahrt lag. Doch es war gar nichts Beängstigendes dabei. Friedlich sah er aus, so, als würde er schlafen. Jedenfalls fast – sein Gesicht war eingefallen, er sah anders aus, als noch zu Lebzeiten. Es war gar nicht mehr Großvater, der dort in dem Sarg lag, es war nur sein Körper.

»Dein Großvater«, hatte Allunga gesagt, »wird immer bei dir sei, auch wenn du ihn nicht siehst. Er ist jetzt ein Ahne.«

Elsa runzelte die Stirn. Es gab Dinge, die sie tat, dachte und fühlte, die Großvater missbilligte. Würde er das auch jetzt noch mitbekommen? Sie rührte den Kakao um, nahm ihn dann vom Herd. In der großen Kasserolle simmerte der Schinken, ein großer Topf mit Suppe stand auch schon auf dem Herd. Allunga hatte die beiden Hühner ausgekocht und das Fleisch zu Frikassee verarbeitet. Mehrere Brotlaibe lagen auf dem Tisch, um morgen aufgeschnitten zu werden. Auch die Nachbarn hatten Essen vorbeigebracht. Dort waren Kuchen, Pudding, Kartoffeln und auch eingelegtes Gemüse.

Leichenschmaus, dachte Elsa und rümpfte die Nase. Wie konnten die Leute nur nach einer Beerdigung zusammensitzen und essen? Aber es war so üblich und meist waren es auch sehr schöne Feiern.

Viele würden kommen. Großvater war ein angesehener und beliebter Mann gewesen, hatte regelmäßig den Deutschen Club aufgesucht. Sie seufzte, füllte den Kakao in Becher und brachte sie ins Wohnzimmer. Mina hielt Großmutters Hand.

»Danke, mein Kind.« Großmutter nahm einen der Becher. »Setz dich zu uns.«

»Ist es … ist es sehr schwer für dich?«, fragte Mina leise.

»Der Abschied? O ja. Aber in unserem Alter müssen wir damit rechnen. Es gab einige Momente in unserem Leben, da habe ich gedacht – jetzt ist es gleich vorbei. In Stürmen oder wenn wir das Kap umsegelt haben. Und als Großvater alleine auf große Fahrt ging und ich mit den Kindern hierblieb, wusste ich auch nie, ob ich ihn wiedersehe.« Sie nippte am Kakao. »Doch jetzt ist es geschehen und Wirklichkeit, aber ich kann es immer noch nicht fassen.«

»Tante Lily ist es so ergangen«, sagte Elsa nachdenklich. »Ihr Mann ist von der großen Fahrt nicht wiedergekommen. Sie weint schon den ganzen Tag und jetzt immer noch – hat sie damals auch so furchtbar getrauert?«

»Natürlich hat sie damals um Fred getrauert.« Großmutter nickte. »Doch sie hatte nicht viel Zeit für ihre Trauer – da war der kleine Otto, um den sie sich kümmern musste. Und ihr ward ja auch plötzlich da. So viele kleine Kinder, die wieder im Haus lebten.« Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Ich denke, sie hat viel verdrängt. Und jetzt trauert sie nicht nur um ihren Vater, sondern vielleicht auch um Fred und um sich selbst.«

»Und um George«, murmelte Elsa, senkte dann aber schnell den Kopf.

Großmutter sah sie an. »Ja, auch das kann sein, Prinzessin. Ich glaube, sie hat ihn geliebt.«

»Er sie aber nicht.« Elsa schüttelte den Kopf. Einige Jahre war Lily Haushälterin auf einer großen Station in Queensland gewesen und hatte dort ein Techtelmechtel mit dem Eigentümer gehabt. Doch als seine Frau schwanger wurde, hatte er Lily fallen lassen.

»Nein, und das ist häufig so, dass Männer Frauen nicht lieben und umgekehrt. Trotzdem kann man ein zufriedenes Leben miteinander führen.«

»Manchmal vielleicht«, sagte Mina nachdenklich. »Ich glaube Till und Joseph führen so eine Ehe – sie sind zufrieden. Und sie haben Joan.« Mina dachte an die Zeit, die sie in den Blue Mountains bei Till und Joseph gelebt hatte. Ihre Tante Till hatte Joan, das uneheliche Kind ihres Mannes, adoptiert, weil sie selbst keine Kinder bekommen konnte.

»Meinst du«, sagte Elsa nun, »wir sollten versuchen, Lily zu trösten? Ich habe es schon versucht, aber sie hat mich weggeschickt.«

Emilia dachte nach, schüttelte dann den Kopf. »Manchmal passiert etwas, das uns an andere Dinge erinnert und Gefühle auslöst. Es können gute und glückliche Gefühle sein, aber eben auch sehr traurige oder schreckliche. Ich finde, sie sollte ihre Zeit haben, um zu trauern. Worum auch immer. Heute, morgen und auch nächste Woche ist das noch in Ordnung. Vielleicht braucht sie auch länger. Irgendwann muss sie, müssen wir alle, wieder zum Leben zurückkehren. Wenn wir merken, dass sie es nicht schafft, dann müssen wir ihr helfen.«

Emilia senkte den Kopf und vergrub ihn in ihren Händen.

»Großmutter?« Mina beugte sich besorgt zu ihr. »Großmutter, willst du nicht doch ins Bett gehen?«

Emilia atmete laut aus, dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, ich möchte hierbleiben. Aber ihr solltet ins Bett gehen. Ich brauche morgen eure Hilfe.« Sie klang bedrückt.

»Sollen wir nicht bei dir bleiben?«, wollte Elsa wissen.

»Ich möchte diese letzten Stunden für mich haben. Für mich und ihn. Ich brauche das, um zu begreifen. Ich liebe euch und ich bin froh, dass ihr für mich da seid. Aber nun wäre ich gerne alleine … alleine mit Carl.«

»Wenn etwas ist, ruf uns. Bitte. Wir lassen die Tür auf, damit wir dich hören.« Mina legte die Hand auf die Schulter der Großmutter, dann stand sie auf und zog Elsa mit sich nach oben.

Kapitel 3

Sydney, 1910

Der nächste Tag war seltsam – voller Geschäftigkeit und dennoch schien die Zeit nicht zu vergehen. Mina fühlte sich, als hätte sie jemand in ein großes Glas mit Sirup getaucht. Der Tag eilte an ihr vorbei, mit all den vielen Menschen, die ihre Hand schüttelten, sie umarmten und ihr ihr Beileid aussprachen und dennoch hatte sie das Gefühl, er würde gar nicht enden. In Sydney galt es einen Leichnam innerhalb von achtundvierzig Stunden zu bestatten, weil ansonsten Seuchengefahr bestand. Das machte es so furchtbar hektisch.

Sie hatten zwar versucht, allen der Familie zu telegraphieren, aber natürlich würden fast alle die Nachricht erst nach der Bestattung bekommen, weil sie zu weit weg lebten. Weder Onkel Fritz, der als Ingenieur in den Minen von Adelong arbeitete, noch Tante Hannah, die mit ihrem Mann in Geelong wohnte, konnten rechtzeitig vom Tod des Vaters erfahren. Tante May war seit einiger Zeit in Geelong, um Hannah zu unterstützen, auch sie würde nicht rechtzeitig kommen können. Tante Till lebte in Wentworth Falls, in den Blue Mountains, frühestens heute Morgen hatte sie das Telegramm erhalten.

Tante Lina wohnte noch zu Hause in Glebe. Tante Molly lebte auf der anderen Seite von Sydney und war direkt gekommen, als sie die Nachricht bekommen hatte. Auch Billy, Minas jüngster Bruder, war am frühen Morgen angereist.

Arthur, Minas ältester Bruder, hatte bestimmt noch gar nicht erfahren, dass Großvater gestorben war, er lebte in Queensland. Und auch Otto war schlecht zu erreichen, keiner wusste genau, wo er sich aufhielt, außer Elsa – sie hatte ihm gestern noch geschrieben, aber wann der Brief ankommen würde, war nicht sicher.

Und Carola in Deutschland – wann würde sie wohl die Nachricht erhalten?

Und obwohl nicht alle Kinder und Enkel von Carl Gotthold Lessing bei der Trauerfeier dabei waren, war die Kirche voll.

Immer wieder schaute Mina besorgt zu Großmutter, die klein und in sich zusammengesunken in der Kirchenbank saß. Sie wirkte auf einmal viel zerbrechlicher als noch vor zwei Tagen.

Sie wird müde sein, dachte Mina, schließlich hat sie zwei Nächte kaum geschlafen.

Auch sie spürte die Müdigkeit in ihren Knochen und ihr gingen seltsame Gedanken durch den Kopf.

Sie machte sich Gedanken über das Essen, und ob es ausreichen würde, darüber, ob Will nachher mit zu ihnen nach Hause käme, und vor allem schämte sie sich, weil sie diese Gedanken hatte. Sollte sie nicht trauern? Sollte sie nicht Tränen weinen und an Großvater denken? Warum gelang ihr das nicht? Verstohlen sah sie zu Elsa, die mit gesenktem Kopf neben ihr saß und Knoten in eine Ecke ihres Umschlagtuchs machte, diese festzog und dann wieder löste, nur um von vorne zu beginnen.

Mina biss sich auf die Lippe. Sicher war es nicht sehr anständig, die anderen zu beobachten. Sie kniff die Augen zusammen und zwang sich, an Großvater zu denken. Sie war erst vor wenigen Wochen wieder in dem Haus in Glebe eingezogen. Zu der Zeit war Großvater schon sehr schwach gewesen, auch wenn alle noch gedacht hatten, dass er sich wieder erholen würde. Als sie zu Weihnachten nach Hause gekommen war – zusammen mit Till, Joan und auch Joseph –, war es ihm noch ganz gut gegangen. Er hatte ihre Zusammenkünfte mit Will argwöhnisch verfolgt, aber er hatte sie nicht verboten, so wie früher. Will saß vorne neben dem Pastor und schien in den Gottesdienst vertieft zu sein. Natürlich war er das, bald würde er seine eigene Gemeinde leiten. Es war schon lange sein Traum gewesen, Pfarrer zu werden, und nun hatte er es geschafft. Noch arbeitete er als Vikar hier, aber bald würde er irgendwo ein Amt übernehmen. Was dann wohl aus ihnen werden würde? Er hatte zwar wieder und wieder geschworen, dass er sie liebte, aber erklärt hatte er sich ihr noch nicht.

Darüber sollte sie an dem Tag der Beerdigung ihres Großvaters aber nun wirklich nicht nachdenken. Blut schoss Mina ins Gesicht und sie senkte beschämt den Kopf. Doch dann kam der Zeitpunkt, aufzustehen und den Segen zu empfangen. Die Sargträger gingen nach vorne, schulterten den Sarg und gingen langsam nach draußen.

Darin liegt Großvater, versuchte Mina sich klarzumachen. Er wird nie wieder mit mir scherzen, mir keine Geschichte mehr erzählen, ich werde seine rauen Hände nie wieder in meine nehmen können. Plötzlich verschwamm alles vor ihren Augen und die Tränen liefen. Elsa schien es ähnlich zu gehen, sie nahm Minas Arm und drückte sie an sich.

Molly schob die weinende Lily zu den beiden Schwestern, nahm ihre Mutter Emilia in den Arm und führte sie nach draußen. Lina stand für einen Moment wie verloren im Kirchengang, dann kam sie zu Mina.

»Ich kann es nicht fassen«, murmelte sie.

»Ich auch nicht«, heulte Lily auf. »Er war immer da und so stark. Mein Papa.«

»Aber Lily«, sagte Lina leise, »Vater war nicht stark, er war ein alter Mann. Er war gebrechlich.«

Der Blick, den Lily Lina zuwarf, hätte töten können. »Er war die letzten Wochen etwas schwach, aber Papa war nie gebrechlich.«

»Wir müssen jetzt gehen«, unterbrach Mina entschlossen die beiden Tanten und zog sie mit sich.

»Du liebe Güte«, flüsterte Elsa Mina zu. »Ob die sich nachher noch streiten werden?«

»Hoffentlich nicht. Ich glaube, Lily sieht Großvater im Moment nur so, wie er früher war. Sie ist schließlich fast zwanzig Jahre älter als Lina und hat ihn ganz anders erlebt. Lass uns sie ablenken, das Letzte, was Großmutter heute gebrauchen kann, ist ein Familienstreit.«

»Da hast du sicherlich recht.« Elsa ließ ihren Arm los, drehte sich um und hakte sich bei Lily ein. Mina nahm Linas Hand und drückte sie.

Gemeinsam gingen sie zum Ausgang der Kirche, wo sich der Leichenzug formierte.

»Grundgütiger«, hörte Mina Elsa plötzlich zischen. »Da ist Rud. Was will er hier? Woher weiß er von Großvaters Tod?«

»Ich habe ihm gekabelt.« Mina kniff verschämt die Augen zusammen. Tatsächlich stand dort ihr Vater, Rudolph te Kloot. Gerade schüttelte er Großmutters Hand. Großmutter Emilia ging einen Schritt auf ihn zu, umarmte ihn.

»Mein lieber Schwiegersohn, schön, dass du in dieser schweren Stunde bei uns bist«, sagte sie. Sie warf Elsa einen warnenden Blick zu.

»Komm.« Mina ließ Linas Hand los, packte stattdessen Elsas Arm. »Begrüße ihn und sei freundlich. Denk an Großvater.«

»Ja, denk an Großvater.« Billy war plötzlich hinter ihnen aufgetaucht und nahm sie beide nun in den Arm. Vor der Trauerfeier hatten sie kaum Zeit gehabt, miteinander zu sprechen.

»Los, Schwesterchen«, sagte Billy nun, legte seinen Arm fest um Elsas Schulter und führte sie zur Großmutter. Neben ihr stand immer noch Rudolph te Kloot. »Lächeln«, raunte Billy Elsa zu. »Denk dir, wir wären in der Schulaufführung.«

»Ich kann und will nicht.« Elsa versuchte, sich aus seinem Griff zu winden. »Ich hasse ihn«, zischte sie.

»Aber Großmutter hasst du nicht, oder?« Billy blieb stehen, sah sie an. Auch seine Augen waren gerötet, er wirkte verschnupft. Doch seine Frisur war tadellos, wie immer, und das Halstuch perfekt geknotet. »Mach es für sie, für Großmutter. Und mach es auch für Großvater. Heute sollten wir nur an ihn denken und er hat es irgendwie ja immer mit Rud ausgehalten.«

Elsa senkte den Kopf. »Kannst du es?«

»Natürlich.« Endlich löste Billy seinen Arm von Elsas Schulter. Er ging auf Großmutter zu, umarmte sie schweigend. Für eine ganze Weile hielten sie sich fest, doch dann richtete Billy sich wieder auf, wandte sich seinem Vater zu. Rudolph reichte ihm die Hand, doch Billy umarmte auch ihn.

Dann löste er sich, nickte Rudolph zu und ging zurück zu Elsa, die das Geschehen gebannt verfolgt hatte.

»Jetzt du«, wisperte Billy ihr zu und zwinkerte. »Mach schon, du kannst es.«

Großmutter in die Arme zu fallen war so, wie nach Hause zu kommen. Sie roch wie immer nach Seife und Kräutern. Und auch ihre Haut fühlte sich nicht anders an als zuvor. Was habe ich denn erwartet, fragte sich Elsa verblüfft. Sie ist ja nicht von uns gegangen. Wir müssen jetzt wirklich für sie da sein, denn sie war es für uns. Mit diesem Gedanken im Kopf löste sie sich von Großmutter.

»Ich liebe dich«, sagte Elsa. »Und ich bin so dankbar für alles, was du und Großvater, für uns getan habt.« Die Tränen konnte sie nicht mehr zurückhalten.

»Für Großvater war es ein großes Glück, euch zu haben, Prinzessin«, sagte Emilia leise und lächelte sanft. »Und ich bin auch froh. Aber jetzt – jetzt gib dir einen Ruck und begrüß ihn«, fügte sie kaum hörbar hinzu.

Elsa atmete tief ein. Wussten eigentlich alle, wie sie sich fühlte? Wussten es alle besser als sie? Wieso konnten Großmutter und Billy diesen Mann ohne Probleme in die Arme nehmen? Sie konnte es nicht. Oder doch?

Elsa drehte sich um, schaute Rudolph an und zwang sich zu einem Lächeln. »Hallo Ru … Vater.«

Rudolph nickte, dann trat er einen Schritt auf sie zu. »Magst du mir nicht verzeihen? Magst du mir nicht endlich vergeben?«

Elsa umarmte ihn steif. Seine Arme legten sich um sie, sie spürte seine Wärme, seinen Herzschlag, als er sie an sich drückte. Aber sie empfand nichts. Er war ihr Vater, aber er hatte sich nie um sie und ihre Geschwister gekümmert.

»Carl, dein Großvater, war ein guter Mensch«, sagte Rudolph. »Ein sehr guter Mensch. Ich bin traurig, dass er gehen musste.«

Elsa wurde starr. »Er war achtzig Jahre alt, hatte ein erfülltes Leben. Er hatte fast fünfzig Jahre mehr als meine Mutter.«

»Kind, nun lass es doch endlich sein.« Rudolph rückte von ihr ab, verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich bin nicht schuld am Tod deiner Mutter. Auch ich vermisse sie noch, glaub mir.«

»Ist das so?« Elsa drehte sich um und ging zu ihren Geschwistern. Sie hatte es vermasselt, das wusste sie. Billy hatte es geschafft, den Familienfrieden aufrechtzuerhalten. Mina, die gerade bei Großmutter war, würde es auch können, doch sie, Elsa, war dazu nicht in der Lage.

»Ich konnte es nicht.« Sie mochte Billy gar nicht in die Augen sehen. Dafür hätte sie auch den Kopf heben müssen, denn ihr jüngerer Bruder war schon längst viel größer als sie.

»Ich weiß. Ist egal.« Billy drückte sie an sich. »Du kannst dich nicht so verstellen wie ich. Das macht dich aus und deshalb liebe ich dich sehr. Du bist so echt, Elsa. Immer.« Sie drehten sich verstohlen um, beobachteten Mina, die nun zu Rudolph trat und ihn umarmte. Doch auch Mina trat schnell wieder zu den Geschwistern.

»Was hat er gesagt?«, wollte Elsa wissen.

»Wer?« Mina sah sie erstaunt an.

»Na, Rud.«

»Ach Papa. Ja, ich weiß es gar nicht – nichtssagendes Zeug, so wie immer.« Sie schaute sich um, runzelte die Stirn.

»Wen suchst du denn?«, wollte Billy wissen.

»Sie sucht Will.« Elsa lachte leise. »Wen sonst?«

Billy schüttelte den Kopf. »Ist es eigentlich normal, wie wir uns verhalten? Sollten wir nicht gramgebeugt sein?«

»Wegen Großvater?« Mina biss sich auf die Lippe. »Ja, ich glaube auch, dass wir das sollten, und ich schäme mich die ganze Zeit, dass ich an alles Mögliche denke, aber nicht an Großvater.« Plötzlich erhellte sich ihr Gesicht. »Da ist er ja.« Sie ging langsam in Richtung Kirchentür.

»Wer?«, fragte Billy.

»Na, Will Black.« Elsa stieß ihn in die Seite. »Ihr Beau.«

»Ach, der Pastor. Ist das wirklich ernst mit den beiden?«

»Ja, Billy.« Elsa verdrehte die Augen. »Sie lieben sich seit Jahren, das weißt du doch. Sie hat ihm geschrieben und er ihr, obwohl Großvater, Tante Lily und Tante Molly gegen diese Verbindung waren. Rud sowieso.« Sie verzog angewidert das Gesicht. »Aber Ruds Meinung ist ja eher nebensächlich.«

»Weißt du, Elsa«, sagte Billy, nahm ihren Arm und zog sie zur Straße, wo sich allmählich der Trauermarsch formierte, »ich verstehe, dass du unseren Vater ablehnst. Wir alle haben kein enges Verhältnis zu ihm. Aber er ist nun mal unser Vater. Du kannst ihn hassen, ihn verachten – was immer du willst. Aber damit änderst du nichts an der Tatsache, dass er unser Vater ist.«

»Ja und?«

»Vielleicht solltest du dich mit dem Gedanken aussöhnen, seine Tochter zu sein.« Er drückte ihren Arm an sich. »Jemand, der fünf Kinder gezeugt hat, die alle vernünftige Menschen geworden sind, kann doch nicht so schlecht sein.«

»Wir kommen nach den Lessings.« Elsa schnaufte.

»Und was ist mit den te Kloots in Deutschland? Mit Tante Mathilde, Carolas Muttchen? Sie ist Ruds Schwester und ein herzensguter Mensch. Da gibt es noch mehr te Kloots, die anständig sind. Vater ist schließlich kein Verbrecher.«

»Ist er nicht?«, fragte Elsa schnippisch.

»Das weißt du doch selbst. Wo müssen wir jetzt hin?« Billy sah sich unsicher um.

»Da vorne sind die Sargträger mit Großvater.« Elsa drückte die Hand gegen den Mund. »Habe ich das tatsächlich gesagt?«, flüsterte sie. »Glaub mir, ich trauere um Großvater. Sehr. Aber heute irgendwie nicht. Ich habe die Trauer in mir eingesperrt, ich glaube, ich könnte den heutigen Tag ansonsten nicht überstehen.«

»Das geht uns wohl fast allen so.« Billy zog sie mit sich. »Nur Lily lässt es heraus. Ich habe sie noch nie so weinen sehen. Ich habe immer gedacht, sie ist eine starke Frau, die nichts erschüttern kann. Schließlich hat sie eine Schaffarm geleitet.«

»Vielleicht ist jetzt der Moment, an dem bei ihr alle Mauern, die sie errichtet hat, fallen? Sie musste immer stark sein, jetzt kann sie einfach nicht mehr?«

Billy nickte. »Das könnte sein. Großmutter dagegen hält sich fantastisch.« Er schaute nach vorne. Dort hatte sich nun Emilia hinter den Sarg gestellt, rechts Lily am Arm, links Molly. »Wir sollten uns auch aufstellen. Wo ist denn jetzt Mina?«

Elsa sah sich um. »Sie ist noch bei Will. Du gehst schon einmal vor, ich hole sie.«

Pastor Simmers eilte an ihnen vorbei zu seinem Platz in der Prozession – noch vor Großmutter.

Gerade noch rechtzeitig schafften es Elsa und Mina an Billys Seite. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Es war eine lange Prozession, die zum Friedhof führte.

Am Grab schlug die Stimmung um. Jetzt plötzlich wurde allen bewusst, dass Großvater in diesem Sarg lag, dass dieser Sarg nun in die Erde gesenkt wurde. Er war fort. Für immer.

Auch Molly hatte nun keine sauberen Taschentücher mehr, das Letzte drückte sie sich an die Augen. Großmutter weinte leise, Lily schluchzte laut. Mina zitterte, ihr wurde regelrecht schlecht. Doch dann spürte sie Wills Hände auf ihren Schultern.

»Du trauerst um dich«, sagte er leise in ihr Ohr. »Weil es dein Verlust ist. Er selbst ist nun bei unserem Gott, in einer besseren Welt.«

»Ich weiß, aber es tut so weh. Er war immer für uns da.«

»Ja, Mina, das war er. Dein Großvater war ein großartiger Mann und er hat euch viel gegeben. Du darfst traurig sein – um deiner selbst willen, die einen Verlust erlitten hat. Aber er ist nun in eine bessere Welt eingetreten. Das wird dich jetzt nicht trösten, nicht in diesem Moment, aber vielleicht später.«

Mina sah ihn an. »Sagst du das nur, weil du Pastor bist, und es alle von dir erwarten oder glaubst du wirklich daran?«

»An das Leben nach dem Tod glaube ich natürlich. Du etwa nicht?«, fragte Will erstaunt.

»Doch, doch, aber ich meine … du sprichst so gut von Großvater, so milde, so verständnisvoll. Dabei hat er uns strenge Regeln auferlegt und war dir nicht freundlich gesonnen.«

»Das sehe ich anders. Er war mir weder gut noch schlecht gesonnen – sein Augenmerk lag auf dir. Er wollte unbedingt und auf jeden Fall vermeiden, dass du enttäuscht und verletzt wirst.«

»Verletzt?«

»Ach, Mina.« Will lachte leise. »Ich bin für vier Jahre nach England gegangen, um zu studieren. Vier Jahre – weit weg, auf einem anderen Kontinent. Dein Großvater war ein lebenserfahrener Mann, er wusste, dass es eine sehr schwierige Sache sein würde, unsere Beziehung über die Zeit und die Entfernung aufrechtzuhalten. Und er wollte dir eine Enttäuschung ersparen. Deshalb hat er uns den Kontakt untersagt.«

»Woran wir uns nicht gehalten haben.«

»Nein, das haben wir nicht.« Er drückte sie noch einmal an sich.

Nachdem der Sarg in die Erde gesenkt worden war, trat Pastor Simmers an den Rand des Grabes.

»Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. Carl Gotthold Lessing ist gestorben, aber seine Seele lebt weiter. Amen.«

Er nickte Großmutter zu. Langsam trat sie zu ihm. Sie schwankte etwas und Mina spannte die Muskeln an, sie würde an ihrer Seite sein, bevor sie umfiel.

»Herr«, sagte Emilia, ihre Stimme zitterte, »Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weislich geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter. Das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt’s ohne Zahl, große und kleine Tiere. Daselbst gehen die Schiffe; da sind Walfische, die du gemacht hast, dass sie darin spielen. Es wartet alles auf dich, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit.« Sie schluckte, hielt inne.

»Psalm einhundertvier«, murmelte Will.

»Herr«, fuhr Emilia nun fort. »Du hast Carl Gotthold zu dir gerufen. Er war ein Kapitän auf deiner See, hat deine Worte immer geehrt. Ich hoffe, er hat seinen Hafen gefunden.« Hörbar holte sie Luft und Mina merkte, wie sehr Emilia sich anstrengte, um nicht zusammenzubrechen.

Pastor Simmers hielt ihr die kleine Schaufel und den Eimer hin, Emilia zögerte, griff dann mit ihrer Hand in den Eimer. Langsam ließ sie die Erde auf den Sarg rieseln.

»Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.«

Emilia blieb noch einen Moment stehen, dann straffte sie ihre Schulter und trat zurück.

Lily schluchzte laut auf, ging zum Grab.

Sie wird die Schaufel fallen lassen, dachte Mina entsetzt, schaute dann aber zur Großmutter. Diese wischte sich über die Augen, putzte sich die Nase und senkte den Kopf.

Sollte ich zu ihr gehen, fragte Mina sich, doch dann hatte es Lily geschafft und ein wenig Erde auf den Sarg geworfen. Sie eilte an die Seite ihrer Mutter, drückte sie an sich. Molly beeilte sich, fast schon hastig vollzog sie die Zeremonie, um Lily von Emilia wegzuziehen und festzuhalten.

Lina folgte ihnen, danach war Mina an der Reihe, zum Grab zu gehen.

Was, wenn ich ohnmächtig werde, fragte sie sich kurz. Doch das blieb ihr und allen Anwesenden erspart. Nach ihr kamen noch Elsa und Billy, ansonsten war niemand von der Familie da.

»Denn Staub bist du«, sagte Pastor Simmers, »und zu Staub sollst du wieder werden. Amen.«

Eigentlich hätten sie nun die Beileidsbekundungen entgegennehmen müssen, doch Emilia nickte dem Pastor nur zu und ging, den Kopf erhoben, langsam zum Ausgang des Friedhofs. Ihre beiden älteren Töchter an ihrer Seite.

Lina trat zu Mina, Elsa und Billy. »Wir sollten versuchen vor Mutti zu Hause zu sein, denn ich glaube, viele werden kommen.«

»Wie willst du das machen? Willst du sie etwa zur Seite drängen?«, fragte Mina.

»Blödsinn.« Billy lächelte, aber seine Augen waren gerötet und er blinzelte. »Es gibt doch da vorne einen Seitenausgang. Da können wir durch.«

»Lass uns das tun.« Elsa stapfte direkt los, ohne abzuwarten, was die anderen machten.

Mina schaute sich unschlüssig um, wo war Will? Doch Billy und Lina folgten Elsa schon. Schnell lief sie ihnen nach, holte auf.

»Wenn Rud kommt, geh ich ins Hühnerhaus und bleibe dort, bis er wieder verschwunden ist.« Elsa schnaufte.

»Große Güte«, stammelte Lina. »Das kannst du doch nicht tun. Er ist dein Vater.«

»Nein, Großvater war mein ›Vater‹, nicht Rud. Großvater war immer für uns da, Rud nie …« Elsa blieb abrupt stehen und heulte laut los. »Verdammt«, flüsterte sie. »Ich will gar nicht so sein. Aber ich vermisse Großvater jetzt schon so sehr.«

Billy nahm sie in die Arme. »Sch, sch, Schwesterchen. Reg dich nicht auf, reg dich bloß nicht auf.« Er drückte sie nur noch fester an sich, als sie versuchte, sich aus seiner Umarmung zu winden. »An manchen Tagen, fast immer, darfst du die Prinzessin der Familie sein, weil du es schon immer warst. Du bist sehr emotional, manchmal mehr, als es dir guttut.« Vorsichtig lockerte er den Griff, sah sie an. »Aber heute bist du nur eines – nämlich Großvaters Enkeltochter. Großmutters Enkeltochter. Du bist Elsa te Kloot, die bei Carl und Emilia Lessing aufgewachsen ist. Und egal, was unser Vater getan oder nicht getan hat – heute hat das keinen Raum und keinen Platz. An diesem Tag gedenken wir friedlich Großvater. Er hat Rud verziehen. Er hat versucht, mit Rud auszukommen und es ist ihm größtenteils gelungen. Dann musst du das auch schaffen. Und wenn es nur für heute ist.« Wieder schaute er sie an, zog die Augenbrauen hoch. »Hast du das verstanden?«

Elsa nickte. »Es tut mir leid«, schluchzte sie. »Jetzt benehme ich mich schon fast wie May …«

Lina und Mina lachten auf, Tante May war die mit Abstand Dramatischste der Familie.

»Halt dir das vor Augen.« Billy zwinkerte ihr zu.

»Wir sollten uns beeilen, sonst sind wir die Letzten, die ankommen«, trieb Mina sie nun an.

Sie eilten gemeinsam zum Haus in Glebe, das nun schon so lange der Familiensitz war und zu dem alle immer gerne zurückkehrten. Doch das Haus hatte im Laufe der Jahre sehr gelitten. Es war groß und alt – das Dach krumm und schief, die Räume verwinkelt, die Böden abgetreten. Es gab ein Plumpsklo im Garten und eine Zinkwanne in der Küchennische, aber kein richtiges Badezimmer. Seit fast vierzig Jahren wohnten sie nun dort, die Familie Lessing.

Das Haus ist jetzt zu groß, dachte Mina, als sie am Haus ankamen. Den Trauerzug hatten sie erfolgreich überholt. Sie gingen durch den Hof zur Küche, wo es schon köstlich roch. Allunga sah sie erstaunt an.

»Ist etwas passiert? Mit Emilia?«, fragte sie stockend.

»Alles ist gut, Allunga.« Mina umarmte sie herzlich. »Es kommen nur so schrecklich viele zum Leichenschmaus und wir dachten, wir könnten dir helfen.«

»Ach, ihr Engel.« Allunga senkte den Kopf, atmete tief ein. »Wie trägt es eure Großmutter?«, fragte sie dann.

»Tapfer.« Lina ging an ihr vorbei in die Küche. »Meine Güte, du hast ja schon fast alles fertig …«

»Ja.« Allunga lächelte. »Aber das ist auch nicht die meiste Arbeit. Ich habe Suppe, einen kräftigen Eintopf, Braten, Gemüse, Obst und auch Nachtisch. Dazu Kuchen und Kekse. Viel wurde schon von den Nachbarn abgegeben, einiges hatten wir vorbereitet.«

»Was ist denn dann die meiste Arbeit?«, wollte Elsa wissen.

»Die Tische decken, Essen auftragen, abtragen, Geschirr spülen, neu auftragen, Kaffee und Tee kochen und zur rechten Zeit – nicht zu früh, aber auch nicht zu spät, den Schnaps hinstellen.«

»Das klingt … kompliziert«, seufzte Mina.

»Gemeinsam schaffen wir das.« Elsa rollte die Ärmel hoch. »Das kann doch nicht so schwer sein.«

»Ist der Tisch nebenan schon gedeckt?«, wollte Lina wissen.

»Ich habe angefangen. Aber der eine Tisch wird nicht reichen. Billy und Lina – könnt ihr die Sessel in das Kämmerchen tragen? Elsa und Mina, ihr bringt den Couchtisch und die beiden Beistelltische beiseite. Dann räumen wir den großen Küchentisch ab und tragen ihn nach drüben.«

»Den alten, schrundigen Tisch?«, fragte Lina entsetzt.

»Unter einem Leinentuch sieht man nicht mehr, woher er kommt.« Allunga grinste. »Wenn wir das gemacht haben, müsst ihr die beiden Holzböcke und eine große Platte aus Großvaters Werkstatt für mich holen – ich brauche hier etwas, um die Sachen vorzubereiten.«

»Ich höre den Trauerzug schon kommen«, sagte Mina. »Los, los, ihr wisst, was ihr zu tun habt.«

In der Tür zum Wohnzimmer stießen Elsa und Billy aneinander.

»Wirst du dich zusammenreißen können?« Billy sah sie nachdenklich an.

»Ja. Für Großvater tue ich es.« Elsa biss sich auf die Lippe. Dies war fast so wie ein Schwur und sie würde sich daran halten.

Kapitel 4

Hamburg, Besenbinderhof, 1910

Beschwingt öffnete Werner Ansing die Tür zu dem Haus am Besenbinderhof, wo er mit seiner Frau Carola lebte. Das Haus gehörte Carolas Tante und Ziehmutter Mathilde, doch sie hatte es den beiden überlassen und verbrachte die meiste Zeit in ihrer großzügigen Wohnung am Alexanderplatz in Krefeld. Ihr verstorbener Mann Johannes war Arzt gewesen und hatte in Hamburg ein Spital für bedürftige Frauen eröffnet und eine Stiftung gegründet. Mathilde hatte lange für die Stiftung gearbeitet und viele andere wohltätige Zwecke unterstützt. Doch nun genoss sie die Ruhe in der Kleinstadt am Niederrhein und kam nur noch nach Hamburg, wenn sie wichtige Termine wahrnehmen musste. Dann wohnte sie natürlich bei ihnen im Haus am Besenbinderhof.

Werner schloss die Tür hinter sich und rieb sich die Hände, es war immer noch sehr kalt für Ende März und einige Fleete waren sogar noch zugefroren.

Nele, das Dienstmädchen, stand in der Diele und sah ihm bedrückt entgegen.

»Guten Abend, Nele«, begrüßte Werner sie und reichte ihr den Mantel.

»Guten Abend, gnädiger Herr. Bitte regen Sie sich nicht auf, der Herr Doktor ist oben bei Ihrer Frau.«

»Was ist passiert?« Plötzlich schnürte Angst seinen Brustkorb zusammen.

»Es ist wohl nichts Schlimmes, sie hatte nur einen kleinen Schwächeanfall. Es ist ein Kabel aus Australien gekommen …«

Doch die letzten Worte hörte Werner schon nicht mehr.

»Was, zum Teufel, ist mit ihr? Carola? Tutt? Tutt?« Erst seit kurzem benutzte er diesen Kosenamen, den ihr die Familie in Australien gegeben hatte.

»Liebes?« Werner strich sich die Haare aus der Stirn, versuchte sich zu sammeln, als er vor der Schlafzimmertür stand. Doch bevor er anklopfen konnte, öffnete sich die Tür und Doktor Carstens, der seit dem Tod von Mathildes Mann der Hausarzt der Familie war, trat ihm entgegen.

»Werner«, sagte er und streckte die Hand aus. »Wie geht es Ihnen?«

Irritiert und verunsichert schüttelte Werner die Hand des Doktors. »Meine Frau, Carola … was ist mit ihr?«

»Nur ein kleiner Schwächeanfall. Das Mädchen hat mich gerufen und das war auch gut so. Sie müssen jetzt ein wenig auf Carola aufpassen.« Der Arzt zwinkerte Werner zu.

»Wieso? Was ist denn passiert?«

»Oh, Sie wissen es noch nicht?« Carstens räusperte sich, lächelte verlegen. »Der Großvater Ihrer Frau ist verstorben. Das Telegramm kam heute Morgen an. Es hat sie sehr verstört.«

»Großvater Lessing?« Werner biss sich auf die Unterlippe. »Verdammt. Sie hat ihn sehr geliebt und wollte ihn unbedingt noch einmal wiedersehen.«

»Nun ja, das ist jetzt leider nicht mehr möglich.« Carstens nickte und hob seine Tasche hoch, die neben ihm auf dem Boden stand. »Wenn Carola sich in den nächsten Wochen schont, sollte alles gut gehen. Aber ich bin natürlich immer für sie da. Sie müssen nur nach mir schicken.«

»Schonen? Was ist denn mit ihr? Ist sie krank?« Werner schüttelte verständnislos den Kopf. »Sie hängt so sehr an ihrer Familie. Wir wollten sie besuchen, unsere Hochzeitsreise sollte nach Sydney gehen, doch Carola hat sich mit ihrem Vater überworfen.«

»Ja, das hat sie mir erzählt«, sagte Doktor Carstens nachdenklich und zog Werner mit sich zur Treppe. »Jetzt bereut sie es natürlich sehr.« Er strich sich über den Bart. »Sie müssen wirklich darauf achten, dass sie sich in der nächsten Zeit schont.«

»Ist sie … leidend? Sind es die Nerven?«, wollte Werner bestürzt wissen.

Carstens lachte leise. »Nein, nein. Es ist eine gute Nachricht – sie erwartet ein Kind.«

»Wirklich?« Werner wollte direkt wieder zurück zum Schlafzimmer laufen. »Wir bekommen ein Kind?«

»Aber ja doch. Nur sollten Sie versuchen, in der nächsten Zeit alle Aufregung von Ihrer Frau fernzuhalten. Sie hat allerdings nach ihrer Ziehmutter gefragt.«

»Muttchen? Das ist eine hervorragende Idee. Ich werde ihr schreiben. Die beiden haben eine enge Bindung und es wird eine große Erleichterung für Carola sein, sie hier zu haben.«

»Ich habe Carola ein Mittel gegeben und sie wird noch eine Weile schlafen. Danach sollte sie eine kräftige Suppe zur Stärkung bekommen.«

Nele, die in der Diele stand und zugehört hatte, nickte eifrig. »Ich gebe sofort der Mamsell Bescheid.« Sie reichte dem Doktor den Mantel, eilte dann in das Souterrain, wo sich die Küche und die Haushaltsräume befanden.

»Sie können jederzeit nach mir schicken«, sagte Doktor Carstens noch einmal und schüttelte Werner zum Abschied die Hand.

Nachdem der Arzt gegangen war, schlich Werner die Treppe doch wieder nach oben. Vorsichtig öffnete er die Tür zum Schlafzimmer und spähte hinein. Carola lag im Bett, die Hände über ihrem Bauch gefaltet, und schien zu schlafen. Werner wollte die Tür leise zuziehen, als sie die Augen aufschlug und ihn ansah.

»Liebes.« Werner ging zu ihr, setzte sich vorsichtig auf die Bettkante und nahm ihre Hand.

»Hast du es schon erfahren?« Ihre Stimme klang dünn und traurig.

»Es ist wundervoll … freust du dich denn gar nicht?«

»Großvater … ich hätte ihn noch sehen können, wenn ich nicht so stur gewesen wäre. Das werde ich mir nie verzeihen.«

»Liebes, du hattest deine Gründe. Jetzt darfst du dich aber nicht mehr darüber aufregen.« Er drückte ihre Hand. »Ich bin mir sicher, dass dein Großvater wusste, wie sehr du ihn geliebt hast.«

»Das hätte ich ihm gerne selbst noch einmal gesagt.« Carola senkte den Kopf und schluchzte leise.

»So etwas muss man nicht sagen – so etwas spürt man. Und ich weiß, dass deine Briefe für deine Großeltern immer eine große Freude waren.«

Sie sah ihn an, die Tränen liefen ihr über die Wangen. »Ich sollte jetzt nach Australien reisen, damit ich wenigstens Großmutter noch sehen kann, bevor sie auch …« Ihre Stimme brach.

»Du kannst jetzt nirgendwohin fahren, Liebes«, sagte Werner sanft. »Du bist schwanger. Wir werden ein Kind haben.« Er senkte den Kopf. »Und ich weiß auch, wie sehr du trauerst.«

Erst im letzten Jahr waren sein Vater und kurz darauf auch sein Onkel verstorben.

Carola legte ihre Hände auf den noch flachen Bauch. »Ja, wir bekommen ein Kind.« Ein schwaches Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen. »Unser Kind. Ist das nicht wunderbar?«

»Es ist famos.« Er küsste sie sanft. »Aber nun musst du gut auf dich aufpassen, hörst du?«

Carola nickte.

»Nele wird dir gleich eine Suppe bringen.«

»Aber ich kann doch aufstehen und wir können gemeinsam speisen.«

»Nein, Doktor Carstens hat gesagt, dass du dich in der nächsten Zeit sehr zurückhalten sollst«, sagte Werner streng. »Und deshalb bleibst du schön im Bett und erholst dich.«

Carola sank zurück in die Kissen und schloss wieder die Augen. »Irgendwann möchte ich meine Familie wiedersehen.«

»Ja, Liebes, das werden wir.«

»Und auch mein Vater wird mich diesmal nicht davon abhalten«, sagte sie entschieden.

An diesem Abend noch setzte sich Werner hin, schrieb seiner Schwiegermutter einen Brief und bat sie, nach Hamburg zu kommen. Drei Tage später holte er sie am Bahnhof ab.

»Wie geht es ihr?«, fragte Mathilde ihn aufgeregt.

»Gut. Es geht ihr gut, auch wenn sie immer noch sehr betrübt wegen des Todes ihres Großvaters ist.«

»Ja, es ist wirklich bedauerlich, dass ihr nicht gefahren seid.«

»Ich bitte dich, das nicht Tutt gegenüber zu erwähnen – jedes Mal, wenn sie daran denkt, regt sie sich wieder auf. Ihre Nerven sind zur Zeit nicht die Besten.«

»Natürlich nicht, mein Junge.« Mathilde Ansing drückte ihren Neffen herzlich.

»Sie plant, nach Australien zu reisen.«

»Jetzt?«, fragte Mathilde entsetzt. »Das ist doch Unfug.«

»Natürlich ist das Unfug, das wird sie auch recht bald einsehen, aber im Moment tue ich so, als ob ich ihre Pläne unterstützte.«

Mathilde nickte. »Wir werden alles tun, damit sie in eine gute Gemütsverfassung kommt.«

»Die Mamsell hat eine Tinktur besorgt, einen Melissengeist, der gut für die Nerven sein soll.«

»Davon halte ich gar nichts, auch wenn ich weiß, dass viele Frauen, wenn sie in Umständen sind, solche Tinkturen zur Stärkung nehmen. Johannes hat Frauen immer davon abgeraten, denn viele in seiner Klinik haben so etwas genommen und waren dann betüddelt.« Sie schüttelte angewidert den Kopf. »Frauen sollten dem Alkohol nicht zu sehr zusprechen, das schickt sich nicht. Vor allem nicht, wenn sie in anderen Umständen sind.« Sie warf Werner einen fragenden Blick zu. »Aber das macht unsere Tutt ohnehin nicht, nicht wahr?«

»Nein, nein.«

»Und die Mamsell? Trinkt sie etwa solche Tinkturen?« Mathilde kniff die Augen zusammen.

»Davon weiß ich nichts. Um die Haushaltsdinge und das Personal kümmert sich Carola.« Er verdrehte die Augen. »Und das ist auch gut so. Mich machen sie nervös.«

»Bisher ist mir die Mamsell nicht negativ aufgefallen«, sagte Mathilde nachdenklich. »Aber ich werde ein Auge auf sie haben.«

Werner hatte Carola nicht erzählt, dass ihre Ziehmutter kommen würde, er wollte sie überraschen, und das gelang ihm auch. Wieder vergoss Carola Tränen, aber diesmal aus Freude.

»Ich bin in anderen Umständen«, sagte sie und strahlte. »Du wirst Großmutter, Muttchen.« Doch dann verfinsterte sich ihr Gesicht wieder. »Wie gerne hätte ich Großvater das mitgeteilt. Es wäre sein erstes Urenkelkind.« Sie schaute Mathilde traurig an. »Er ist gestorben.«

»Ich weiß, Tutt. Das ist der Lauf des Lebens.« Sie seufzte. »Es ist immer sehr schmerzhaft, wenn jemand stirbt, den wir lieben.« Obwohl Johannes, ihr Mann, schon vor einigen Jahren verstorben war, saß ihre Trauer um ihn noch tief, auch wenn sie inzwischen nicht mehr so verzweifelt war.

»Wir hätten sie besuchen sollen.«

»Hätte, hätte, …«, sagte Mathilde. »Nun ist es zu spät, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Was geschehen ist, ist geschehen. Du solltest nach vorne schauen und nicht Dinge betrauern, die sich nicht mehr ändern lassen.«

»Ich sollte jetzt dort sein, bei Großmutter, und ihr beistehen.«

»Tutt, du erwartest ein Kind und darauf solltest du dich konzentrieren. Deine Geschwister und deine Tanten werden sich sicherlich rührend um deine Großmutter kümmern. Und sie wird wissen, dass du in Gedanken bei ihr bist – das wird sie trösten.«

»Meinst du?«

»Ich weiß es, mein Kind.«

Mathilde schien in den nächsten Tagen richtig aufzublühen. Sie übernahm die Führung des Haushalts, sorgte dafür, dass Carola kräftigende Speisen bekam, und scheuchte die Dienstmädchen mit Wischmopp und Seifenwasser durch das ganze Haus. Bald schon blitzte und duftete es überall. Die Bettwäsche wurde gewaschen, durch die Mangel gedreht und in die erste Frühlingssonne zum Bleichen gelegt.

Carola genoss die Fürsorge ihrer Ziehmutter, dennoch war sie mit ihren Gedanken oft in Sydney bei ihrer Familie. Sie hatte Großmutter einen langen Brief geschrieben, hatte versucht, ihr Bedauern in Worte zu fassen. Doch die Tiefe ihrer Trauer konnte sie nicht ausdrücken. Wie der Schlamm im Hafen lag das Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung in ihrem Magen. Nur der Gedanke an das Kind, das sie erwartete, war tröstlich.

Werner machte sich große Sorgen um seine Frau. Er war froh, dass Mathilde das Kommando im Haus übernommen hatte.

»Es ist viel zu früh für den Frühjahrsputz«, beklagte sich die Mamsell bei ihm. »Pfingsten ist erst im Mai. Wir haben sonst immer erst kurz vor Pfingsten Großreine gemacht.«

»Nun, es wird schon einen Grund geben, warum meine Schwiegermutter es jetzt schon angeordnet hat.« Werner seufzte leise.

»Aber gnädiger Herr, das bringt alles durcheinander«, jammerte die Mamsell. »Ich würde das gerne mit der gnädigen Frau besprechen.«

»Nein. Meine Frau wird mit diesen Dingen nicht belastet. Es ist Ihre Aufgabe, den Haushalt in Ordnung zu halten. Darüber wird jetzt nicht diskutiert.« Ärgerlich wandte er sich ab und ging nach oben.

»Was ist denn los? Ich habe die Mamsell gehört«, wollte Carola wissen, als Werner das Schlafzimmer betrat.

»Sie findet, dass es zu früh ist, den Hausputz zu machen.« Werner verdrehte die Augen. »Sie wollte mit dir sprechen, aber das habe ich nicht zugelassen.«

»Du kannst sie ruhig hochschicken.« Carola lächelte. »Dann spreche ich mit ihr. Sie ist eine hervorragende Haushälterin und es ist heutzutage schwer, gutes Personal zu finden.«

»Ich möchte nicht, dass du dich aufregst.«

»Aber Liebling, die Haushaltsführung ist meine Sache und ich möchte das klären. Ich werde mich schon nicht aufregen. Ich werde ihr zuhören, nicken und ihr dann sagen, dass sie sich an Muttchens Anweisungen zu halten hat. Die Mamsell wird froh sein, dass sie ihren Ärger losgeworden ist, wird sich verstanden fühlen und sich dann schließlich fügen.«

»Bewundernswert, wie du das alles regelst, Liebes«, sagte Werner anerkennend. »Ich bin mit dem Personal heillos überfordert.« Er sah sie nachdenklich an. »Du siehst besser aus, bist nicht mehr so blass.«

»Ich bin immer noch sehr traurig, aber Muttchen hat recht – es ist nicht zu ändern und ich muss mich auf das Kind und unser Leben konzentrieren.«

»Es ist gut, dass sie da ist, auch wenn die Mamsell das anders sieht«, sagte Werner schmunzelnd.

»Muttchen will noch bis nach Pfingsten bleiben. Auch im Spital war sie schon und mit den Frauen vom Komitee ist sie nächste Woche verabredet.«

»Vielleicht möchte sie ja wieder nach Hamburg ziehen?«

Carola schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Sie genießt es, Bekannte von früher zu treffen und die Mamsell ein wenig zu triezen. Aber auf Dauer ist ihr der Trubel in der Stadt zu viel. Außerdem hat sie in Krefeld ihre wohltätigen Anliegen und fühlt sich dort sehr wohl.«

»Die Mamsell zu triezen.« Werner lachte. »Solange Muttchen dich aufheitert und unterstützt, ist alles gut.«

Carola seufzte. »Ich wünschte mir, es gäbe eine schnellere Möglichkeit, mit meiner Familie zu kommunizieren. Kabel sind teuer und kurz, Briefe dauern ewig. Ich will wissen, wie es Großmutter geht, wie es meinen Geschwistern geht. Was mögen sie nun tun, jetzt, wo Großvater nicht mehr da ist?«

»Weiterleben.« Werner sah sie an. »So wie Muttchen nach Onkel Johannes’ Tod weiterlebt.«

»Als Onkel Doktor gestorben ist«, Carola ignorierte den Blick ihres Mannes – er hatte sich immer schon darüber lustig gemacht, wie sie ihren Ziehvater nannte, »ist Muttchen in tiefe Trauer gefallen. Fast ein Jahr lang hat sie damals kaum das Haus verlassen, weder hier in Hamburg noch die Wohnung in Krefeld. Dabei hat sie hier wie dort Freunde und auch jede Menge Familie. Aber sie konnte nichts tun, nur dasitzen und trauern.«

»Ja, ich kann mich vage daran erinnern. Als ich damals mit meiner Schwester Susi bei euch zu Besuch in Krefeld war, wirkte Muttchen wie eine schwarze Wolke, gefüllt mit Tränen. Man wusste nie, wann sie abregnet …«

Carola nickte. »Nach und nach erst hat sie sich erholt. Vielleicht geht es Großmutter jetzt auch so schlecht? Zu gerne würde ich dort anrufen, aber ein Fernsprecher nach Australien … das wäre zu schön um wahr zu sein.«

»Das wird es geben.«

»Sicher, Werner, der Fortschritt, ich weiß. Nur jetzt gibt es das noch nicht. Und jetzt könnte ich es gut brauchen.«

»Deine Großmutter ist nicht alleine. Deine Schwestern, Brüder und deine Tanten sind da. Sie sind eine große Familie und stützen sich gegenseitig. Ich weiß, wie wichtig sie dir sind, und so wichtig wirst du auch für sie sein. Und sie werden wissen, dass du dich sorgst.«

»Aber helfen kann ich nicht.«

»Allein der Gedanke zählt doch schon.«

Bevor Carola noch etwas antworten konnte, klopfte es an der Schlafzimmertür.

»Ja?«, fragte Carola überrascht.

»Gnädige Frau, darf ich Sie sprechen?« Es war die Mamsell.

»Natürlich, kommen Sie herein.«

Werner verdrehte die Augen. »Ich gehe dann mal hinunter und setze mich an den Kamin.«

»Du fliehst, du Feigling«, wisperte sie grinsend. »Genieß deinen Cognac.«

Die Mamsell öffnete die Tür, knickste, aber warf Werner einen hämischen Blick zu. Er seufzte resigniert, schloss dann die Tür hinter sich und ging in den Salon.

Dort erwartete ihn allerdings außer dem prasselnden Kaminfeuer und dem Cognac auch Muttchen. Sie saß sehr aufrecht im Sessel und stickte. Zögernd ging er zu dem Tisch, auf dem Flaschen und Gläser standen, schenkte sich ein.

»Ich nehme auch ein Gläschen«, sagte Mathilde und lächelte ihn an. »Bitte.«

»Aber natürlich.« Werner reichte ihr einen Schwenker mit dem bernsteinfarbenen Getränk.

»Wie geht es Tutt?«

»Ganz gut.« Werner räusperte sich. »Allerdings ist gerade die Mamsell bei ihr«, sagte er leise und bemühte sich, nicht zu missbilligend zu klingen.

Mathilde lachte laut auf. »Will sie sich etwa über mich beschweren?«

Werner zog sich den anderen Sessel zum Kamin und nippte an seinem Glas. »Ich fürchte, ja«, sagte er leise. »Ich hatte es der Mamsell untersagt, aber Carola bestand auf dem Gespräch. Hoffentlich regt sie sich jetzt nicht zu sehr auf.«

»Nun, nun«, sagte Mathilda besänftigend. »Das wird sie schon gut im Griff haben. Weißt du, ich bin natürlich schuld. Und tatsächlich war das auch meine Absicht.«

»Absicht?« Werner konnte nicht glauben, was er da hörte. »Carola soll sich doch schonen.«

»Natürlich soll sie das. Aber wenn sie die ganze Zeit im Bett liegt, das Zimmer halb verdunkelt, was glaubst du, geht ihr im Kopf herum? Sie braucht eine Aufgabe, ein Ziel.«

»Das hat sie – es kommt im Oktober zur Welt, so Gott will«, brummte Werner.

»Ja, und wenn das das Einzige wäre, was sie im Moment beschäftigte, dann würde sie daliegen und wie eine Henne fröhlich brüten. Doch nun ist gerade eine gute Nachricht mit einer schlechten zusammengetroffen und die viele Zeit der Bettruhe bringt sie nur dazu, düstere Gedanken zu wälzen. Und ich weiß, wie bitter das sein kann.« Ihre Stimme wurde nachdenklicher und leiser. »Ich wollte sie aus diesem Gedankenstrudel herausholen. Aber was beschäftigt sie gerade noch? Was gibt es, was sie nicht zur Seite schieben kann? Das ist der Haushalt. Und den Haushalt leitet die Mamsell.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Werner unsicher.

»Ach, Junge, es ist doch ganz einfach – ich kenne diesen Haushalt und die Mamsell sehr gut, ich weiß, wie sie tickt – nämlich wie eine Uhr. Und ich habe einfach die Zeiger verstellt – den Frühjahrsputz früher angeordnet, die Essenspläne geändert.«

Werner stöhnte auf. »Ich kann, will, möchte damit nichts anfangen.«

»Das musst du ja auch nicht. Aber Tutt muss es nun. Sie muss die Mamsell beruhigen und somit ihr Augenmerk wieder auf die häuslichen Dinge richten. Das lenkt sie ab von ihrer Trauer um den Großvater und um sich selbst.« Mathilde lächelte zufrieden und trank einen großen Schluck aus dem Glas. »Und nun gehe ich zu Bett. Schlaf schön, mein Junge.« Sie stellte das Glas ab, stand auf, nickte ihm zu und ging. Werner meinte, dass er ein wenig Stolz in ihrer Haltung erkennen konnte. Er hätte aufspringen und Muttchen küssen mögen, aber das schickte sich nicht.

Am nächsten Tag bestand Carola darauf, am abendlichen Mahl teilzunehmen. Schon nachmittags setzte sie sich in den Salon und trank Tee mit Mathilde. Abends saß sie mit Werner und Muttchen zu Tisch. Carola wirkte immer noch angespannt und betroffen, aber nicht mehr so voller Trauer wie die Tage zuvor. Und mit jedem Tag wurde es ein wenig besser, am Sonntag konnte sie sogar mit in die Kirche kommen und anschließend am Familienessen teilnehmen.

»Der gnädigen Frau geht es wieder besser«, sagte Nele in der Küche zur Mamsell.

»Das ist auch gut so«, brummte diese. »Es wird Zeit, dass die alte Ansing wieder fährt. Die macht mich ganz konfus. Jetzt will sie auch noch ein Essen geben in der nächsten Woche. Für ihre alten Bekannten.« Sie seufzte. »Zweimal hat sie schon das Menü umgestellt. Sie will keinen Aal mehr, sie will lieber Matjes. Aber den Aal habe ich schon gekauft.«

»Ach, wie ärgerlich.«

Die Mamsell lachte leise in sich hinein. »Wir machen einfach Sülze daraus. Sie kann die Weckgläser ja mitnehmen.«

»Aber nein – die behalten wir«, sagte Nele entrüstet.

Die Mamsell lächelte nur.

Kapitel 5

Sydney, 1910

Die Tage nach Großvaters Beerdigung waren wie im Flug vergangen. Viele Leute hatten ihr Beileid bekundet, die Nachbarn hatten Speisen und Getränke gebracht, der Pastor hatte mehrfach nach Großmutter gesehen. Doch nach und nach kehrte der Alltag zurück.

Tante Molly war schon längst wieder am Riviere College in Esher, einem Vorort von Sydney, um dort Deutsch und Literatur zu unterrichten.

Tante Till war mit ihrer kleinen Tochter Joan für einige Zeit aus den Blue Mountains gekommen, um Emilia zu unterstützen. Mina freute sich sehr, denn sie hatte lange Zeit bei Till gelebt und sich viel um Joan gekümmert. Gleichzeitig war sie froh, dass Joseph, Tills Mann, in Wentworth Falls geblieben war. Er war Schuldirektor und leitete das dortige Internat, und Mina war nie wirklich mit ihm warm geworden.

Es kamen viele Briefe – traurige und voller Betroffenheit, Beileidskarten und sogar Päckchen und Geld wurden Emilia zum Tod ihres Mannes geschickt.

Als sie den Brief von Carola aus Deutschland in den Händen hielt, zog Emilia sich in das Wohnzimmer zurück, um ihn in Ruhe zu lesen. Als sie nach geraumer Zeit wieder herauskam, waren ihre Augen gerötet. Sie weinte nicht oft und vermied es möglichst, vor anderen in Tränen auszubrechen, doch die Familie sah ihren Kummer jedes Mal. Und jedes Mal schauten sie sich unsicher an, denn Emilia wollte keinen Trost.

»Der Weg des Lebens führt schnurgerade in den Tod – bei dem einen ist die Schnur kürzer, bei dem anderen länger. Carl war zufrieden mit seinem Leben. Er ist jetzt bei seinem Gott, den er immer geliebt hat«, sagte sie. »Trauer ist etwas für die Hinterbliebenen, denn sie bleiben zurück und müssen ihre verbleibende Schnur ohne den Toten ableben. Trauer ist eine Form der Einsamkeit – man wurde verlassen. Aber um den Toten, um seiner selbst willen, muss man nicht weinen – er leidet nicht mehr, er hat keine Schmerzen, er ist im Reich Gottes. So ist es doch nur das eigene Gefühl, die Trauer um einen selbst, die uns zum Weinen bringt.«

»Großmutter«, sagte Mina leise. »So etwas Ähnliches hat mir Will auch gesagt, aber ich habe es nicht verstanden. Jetzt aber habe ich es endlich kapiert.«

Emilia blinzelte, räusperte sich und versuchte dann zu lächeln. »Tutt hat geschrieben. Magst du ihren Brief lesen?«

»Was? Was hat sie geschrieben?« Elsa drängte sich vor. »Ich will es auch lesen. Kommt sie? Kommt sie endlich, um uns zu besuchen?«

»Falls Rud ihr geschrieben hat, wie du dich auf Großvaters Beerdigung ihm gegenüber benommen hast, und was er nun von uns allen denkt, wird Tutt nie wieder einen Fuß auf australischen Boden setzen«, flüstere Billy Elsa zu. »Einfach, weil sie Angst vor der Familie haben muss.«

»Du bist ein Ekel«, zischte Elsa und schüttelte ihre Schultern. »Das war doch gar nicht …«

»Können wir diesen Teil der Unterhaltung in den Hühnerstall verlegen?«, fragte Tante Lily und lächelte süffisant. »Da gehört er nämlich hin. Geht und haut euch im Dreck, aber streitet euch nicht vor Mama.«

»Ach, Lily«, sagte Großmutter. »Was hast du denn? Hast du Sorge, dass Tutt Angst vor ihren Geschwistern hat? Oder liegt es an Elsas Verhalten ihrem Vater gegenüber?« Sie schaute ihre Enkelin an. Elsa wäre am liebsten im Erdboden versunken. »Ich fand«, fuhr Emilia fort, »Elsas Verhalten durchaus angemessen.« Dann grinste sie. »Ihr wollt ja alle wissen, was Tutt geschrieben hat. Nun denn, ich lese es euch vor. Am besten setzen wir uns gemeinsam ins Wohnzimmer.«

»Tutt ist schwanger«, flüsterte Elsa, als sie später im Bett lag. Mina drehte die Petroleumleuchte herunter.

»Ja. Wir werden jetzt Tanten.«

»Unglaublich, oder?«

»Finde ich nicht. Wieso denkst du das?«

Elsa drehte sich auf die Seite, sah Mina an. »Ich kann mich nicht an Mama erinnern, ich war erst zwei, als sie starb. Du warst vier. Kannst du dich an sie erinnern?«

»Nein, nicht wirklich.«

»Aber wir haben die ganzen Tanten. Sie waren wie ältere Schwestern, fast schon Mütter.«

»Ja«,

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