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Das Sühneopfer

Peter Tremayne

Das
Sühneopfer

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Irmhild und Otto Brandstädter

Aufbau Digital

Für Tanya und Marianne zur Erinnerung an die liebevolle Betreuung, die mir von ihren Eltern Cyrille (1899–1970) und Odeyne (1907–1966) zuteilwurde.

Remember the days of our youth

And with fondness recall

Lemon teas in the garden

Those long summers of yore.

Gedenke der Tage unserer Jugend

Und erinnere dich liebevoll

An Tee mit Zitrone im Garten

In den langen Sommern von einst.

Verfasser unbekannt

Quia anima carnis in sanguine est,
et ego dedi illum vobis,
ut super altare in eo expietis pro animabus vestris,
quia sanguis ipse per animam expiat.

Leviticus 17, 11
Vulgata, latein. Übersetzung des Hieronymus, 5. Jh.

Denn des Leibes Leben ist im Blut,
und ich habe es euch zum Altar gegeben,
dass eure Seelen damit versöhnet werden.
Denn das Blut ist die Versöhnung für das Leben.

3. Buch Mose 17, 11

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

Dramatis Personæ

Anmerkung des Autors

Karte

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor/den Übersetzern

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks, ihr Gefährte

AUF DER BURG CASHEL

Colgú, König von Muman, Fidelmas Bruder

Finguine, rechtmäßiger Thronfolger von Colgú

Beccan, Hofmeister und Verwalter der Burg

Áedo, Oberster Richter von Muman

Aillín, Stellvertreter des Obersten Richters

Caol, Hauptmann der Nasc Niadh, der Leibwache des Königs

Gormán, ein Krieger der Nasc Niadh

Enda, ein Krieger der Nasc Niadh

Dar Luga, airnbetach, Haushälterin der Burg

Bruder Conchobhar, Heilkundiger und Apotheker

Muirgen, Alchús Kinderfrau

Nessán, ihr Mann

Aibell, eine entflohene Leibeigene

Ordan von Rathordan, ein Kaufmann

Spelán, ein Schafhirt

Rumann, ein Gastwirt

Alchú, Fidelmas und Eadulfs Sohn

Della, Gormáns Mutter

AN DER ARA-QUELLE

Aona, der Herbergsvater

Adag, sein Enkelsohn

IN DER ABTEI MUNGAIRIT

Abt Nannid Bruder Cuineáin, der Verwalter

Bruder Cú-Mara von der Abtei Árd Fhearta

Bruder Lugna, Stallmeister der Abtei

Bruder Ledbán, ein alter Stallknecht

Maolán, ein Schreiber

AM FLUSS AN MHÁIGH

Temnén, ein Bauer und ehemaliger Krieger

AN DER EICHENFURT

Conrí, Kriegsherr der Uí Fidgente

Socht, ein Krieger

Adamrae bzw.

Gláed, ein angeblicher Mönch

Bruder Cronan, ein Mönch

Sitae, der Gastwirt

AUF DER FESTUNG DÚN EOCHAIR MHÁIGH

Cúana, Verwalter der Festung

Ciarnat, eine Magd

BEI MARBANS MÜHLE

Marban, ein Müller

IN DER NÄHE VON MENMAS GEHÖFT

Cadan, ein Bauer

Flannait, seine Frau

Suanach, eine alte Frau

AM FLUSS EALLA

Fidaig von Sliabh Luachra, Stammesfürst der Luachair Deaghaidh

Artgal, sein Sohn und Thronfolger

Loeg, ein Krieger

Anmerkung des Autors

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse folgen den Geschehnissen im Band »Die Pforten des Todes«.

Die Handlung spielt im Monat Cet Gaimrid, d. h. Winteranfang. Der Festtag des heiligen Colmán mac Lénine von Cluain Uamha (Cloyne, Grafschaft Cork) fällt nach heutigem Kalender auf den 24. November.

Karte

Kapitel 1

Eadulf stand sinnend am Fenster und schaute zum düstern Himmel über Cashel, der Burg Colgús, des Königs von Muman. Dessen Königreich war das größte der fünf Königreiche von Éireann; es nahm den Südwesten der Insel ein. Die Luft war frostig, schon den ganzen Tag über jagten graue, niedrig hängende Wolken über den Himmel, kräftige böige Winde trieben sie vor sich her.

»Das sieht nach Schnee aus«, bemerkte er und wandte sich seiner Partnerin zu. Sie saß vor einem Spiegel und setzte eben einen Silberreif auf ihr rotgoldenes Haar.

»Eher gibt es Regen«, meinte Fidelma, betrachtete weiter ihr Spiegelbild und schob den Reif zurecht. »Es müsste schon noch kälter werden, bevor Schnee fällt.«

»Mir reicht die Kälte«, murmelte Eadulf und ging hinüber zum Kamin, in dem Holzscheite prasselten. »Egal, was kommt. Von langer Dauer wird es nicht sein; bei dem Westwind ziehen die Wolken rasch.«

»Wir sind im Monat Cet Gaimrid, nicht umsonst heißt der ›Winteranfang‹«, erklärte Fidelma und erhob sich. »Was kann man da mehr erwarten als kaltes, ungemütliches Wetter?« Sie blickte noch einmal kritisch in den Spiegel, fragte: »Sag mal ehrlich, wie gefall ich dir?«, und drehte den Kopf hin und her.

»Ich finde, du siehst noch schöner aus als damals, da ich dich zum ersten Mal sah.«

Spöttisch verzog sie die Miene, als nähme sie ihn nicht ernst, insgeheim aber freute sie sich über seine Feststellung. Mit ihrer endgültigen Trennung von der frommen Schwesternschaft hatte sie das braune Habit aus grobem Wollstoff abgelegt. Nun trug sie die Kleidung, die ihr als einer Prinzessin vom Stamme der Eóghanacht zustand. Eadulf wusste, dass sie sich nur zu besonderen Anlässen mit einem kostbaren Gewand schmückte, und heute Abend war ein solcher Anlass.

Es klopfte leise an der Tür, und auf Fidelmas Aufforderung trat eine rundliche Frau mittleren Alters ein. Ihr graumeliertes Haar war etwas ungeordnet, und ihre wettergebräunte Haut verriet, dass sie sich mehr an der freien Luft bewegte als in den geschlossenen Räumen der Burg. Sie trug ein locker hängendes Kleid aus selbstgewebtem Wolltuch und hatte ein Kind von vielleicht drei Jahren an der Hand. Nicht nur sein leuchtend roter Schopf, auch seine Gesichtszüge glichen mehr denen von Fidelma als denen der Frau, die ihn behütete.

»Ich dachte, du möchtest deinem Kleinen noch gute Nacht sagen, Lady, bevor du zum Fest gehst«, erklärte Muirgen, die Kinderfrau.

Sofort hockte sich Fidelma hin und breitete die Arme aus. Der Junge lief auf sie zu und umarmte seine Mutter. Dann bog er sich zurück und zog die Brauen zusammen. »Muimme sagt, du gehst auf ein Fest. Du bist aber nicht wieder lange fort, oder? Wann kommst du zurück?«

Fidelma lachte herzlich und drückte den Jungen an sich. »Wir gehen nur hinunter in die Große Halle. Du weißt doch, wo die ist. Nach dem Essen dort kommen wir gleich zurück.«

Eadulf versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Während der ersten drei Jahre in Alchús Leben waren sie immer nur kurz mit dem Jungen zusammen gewesen. Oft genug waren sie kreuz und quer im Lande unterwegs, um im Auftrag von Fidelmas Bruder, dem König, oder der hohen Geistlichkeit einen geheimnisvollen Fall aufzuklären. Mehrfach hatte er gesehen, wie das Kind darunter litt, und mehrfach hatte es sich ihm aufgedrängt, dass sie ihr Leben in ruhigere Bahnen lenken sollten. Der Junge war stets aufgewühlt und traurig, wenn sie fortritten. Unauslöschlich hatte sich ihm das Bild eingeprägt, wie der Junge mit verkrampftem Gesicht dastand, die Hand seiner Kinderfrau umklammerte und sich mühte, die Tränen zu unterdrücken, als sie beide auf dem Kopfsteinpflaster im Burghof zurückblieben und ihnen bei ihrem Aufbruch von Cashel nachschauten.

»Heute gehen wir überhaupt nicht fort, Alchú«, erklärte er ihm mit fester Stimme, nahm den Jungen in die Arme und schwenkte ihn fröhlich durch die Luft.

Der Junge jauchzte und umschlang den Hals seines Vaters, die blaugrünen Augen leuchteten. »Und morgen gehst du mit mir reiten, athair!«, verlangte er.

»Abgemacht, ich reite mit dir aus, du kleiner Jagdhund«, sagte Fidelma und spielte dabei auf die wörtliche Bedeutung seines Namens an.

»Wir reiten alle drei aus«, versicherte ihm Eadulf und setzte ihn nieder. Fidelma zwinkerte ihm zu, wusste sie doch, dass er nicht viel vom Reiten hielt und lieber zu Fuß unterwegs war. »Nun schwirr ab mit Muirgen, sei lieb und geh zu Bett. Wir schauen noch mal vorbei, wenn wir vom Fest kommen. Wir hoffen, du schläfst dann.«

»Gute Nacht, mathair, gute Nacht, athair«, sagte der Junge ernst, wandte sich um, hüpfte zu seiner Kinderfrau und rief dabei: »Morgen gehe ich reiten, muimme

Seine Amme nahm ihn bei der Hand, nickte Fidelma und Eadulf kurz zu und ging mit ihm hinaus.

Einen Moment schaute Eadulf auf die geschlossene Tür. Eines kam ihm in der Sprache, die er angenommen hatte, immer merkwürdig vor. Er und Fidelma wurden mit den förmlichen Worten athair und mathair für Vater und Mutter angeredet, während die zwangloseren Formen muimme und aite, Mama und Papa, den Pflegeeltern vorbehalten waren. Man hatte es ihm schon mehrfach erklärt, doch wirklich verstehen konnte er es nicht.

Die Clan-Gesellschaft der fünf Königreiche gründete sich auf ein System von Pflegschaften. Sobald Jungen oder Mädchen sieben Jahre alt wurden, gab man sie zur weiteren Heranbildung in Pflegschaft. Das wurde in allen Bevölkerungsschichten so gehandhabt, besonders aber in den Familien der Adligen. Adlige nahmen die Kinder anderer Adliger in Pflegschaft; Könige willigten ein, die Kinder anderer Könige oder Adliger an ihrem Hof aufzuziehen. Es gab zwei Arten der Pflegschaft: die aus reiner Zuneigung zur Familie des Pflegekinds und die gegen Entlohnung. Zwischen den Adligen schickte man die Kinder üblicherweise aus reiner Zuneigung in eine andere Familie. Auf diese Weise wurden enge Bande zwischen den herrschenden Familien geknüpft, denn eine solche Beziehung kam einem geheiligten Bund gleich, der ebenso viel galt wie die reinen Blutsbande. In einer Gemeinschaft so eng miteinander verflochtener Sippen glaubte man, auf diese Weise Konflikten und Kriegen vorbeugen zu können.

In vielerlei Hinsicht hielt Eadulf das für ein löbliches System. Eben diese Verbundenheit durch die Pflegschaften hatte wohl auch in der Sprache ihren Niederschlag gefunden, in der die steifere Anrede den leiblichen Eltern galt, während man mit den Pflegeeltern zutraulicher redete.

»Was geht dir gerade durch den Kopf?« Fidelmas Frage riss ihn aus seinen Gedanken. Lächelnd wandte er sich ihr zu. »Ich überlegte, aus welchem Anlass dein Bruder heute Abend zu diesem Fest geladen hat.«

»Es ist eine Festlichkeit zum Gedenken an einen großen Dichter und Kirchenmann unseres Volks. Colmán mac Lénine hieß er. Vor siebzig Jahren ist er gestorben.«

»Sind seine Dichtungen wirklich so eindrucksvoll, dass man ihm noch heute ein besonderes Fest widmet?«

»Nicht wenige sind der Ansicht«, erwiderte Fidelma, »schließlich war er zum Hofdichter von Muman ernannt worden. Vor allem aber meinen die Äbte und Bischöfe, dass wir ihn als Verkünder des Neuen Glaubens ehren sollen. Er hat einst sein Amt am Hofe von Muman aufgegeben und ist als Prediger des Neuen Glaubens durch das Königreich gezogen. Gegen Ende seines Lebens gründete er eine eigene Abtei bei Cluain Uamha.«

»Die Wiese vor der Höhle«, übersetzte sich Eadulf die Ortsbezeichnung. »Ist das nicht die Abtei südwestlich von hier?«

»Alle Achtung, du kennst dich gut aus.«

»Dann kommt wohl auch Abt Ségdae von Imleach zum Fest?«

»Die Feier für Colmán bindet ihn an Imleach. Eine der großen Taten Colmáns war es nämlich, den verloren geglaubten Schrein des heiligen Ailbe von Imleach aufzufinden, der als Erster den Neuen Glauben in unserem Königreich verbreitet hat. Unsere Altvorderen, die Ailbe bestatteten, hatten seinen Schrein unkenntlich gemacht, weil sie fürchteten, die noch Ungläubigen könnten ihn entweihen. Mit der Zeit aber wusste niemand mehr, wo er verborgen war. Colmán gelang es, das Geheimnis zu lüften, und so wird er nun ebenfalls als Heiliger von Imleach verehrt, und alljährlich wird seiner dort feierlich gedacht.«

Eadulf grübelte. »Zu wessen Ehren wird das Festessen heute veranstaltet, für den Mönch oder den Dichter?«

»Mit unserem Fest ehren wir den ganzen Mann«, erklärte Fidelma in vollem Ernst.

Die Kammer wurde plötzlich von einem gleißenden Blitzstrahl erhellt, dem krachend ein Donnerschlag folgte. Das Echo des Donners verhallte in der Ferne. Wenige Augenblicke blieb es still, dann glaubte man Kiesel auf Steinplatten prasseln zu hören. Ein Wirbel grober Hagelkörner trommelte auf die Fensterbrüstung. Eadulf ging zum Fenster. Durch den Hagelschauer war die Ortschaft unten nur noch verschwommen zu erkennen. Doch schon setzte heftiger Regen ein, und die Eisbröckchen verschwanden im Nu. Er schüttelte den Kopf. »Du hast recht gehabt. Eisregen ist das. Hoffen wir, dass auch ich recht behalte und das Unwetter rasch vorüberzieht.«

Bald darauf schritten sie zur Großen Halle hinunter, an deren Portal der junge Krieger Gormán von der Nasc Niadh, der Leibwache König Colgús, Posten bezogen hatte. Freudig blickte er ihnen entgegen; sie kannten sich gut, hatten schon viele Abenteuer gemeinsam bestanden.

»Du nimmst heute an dem Festabend wohl nicht teil?«, begrüßte ihn Eadulf beim Herankommen.

Der junge Mann verneinte. »Heute Abend habe ich den Kürzeren gezogen und muss hier Wache stehen. Aber das macht nichts.« Er öffnete den Türflügel und ließ sie in die Festhalle eintreten.

Es war ein langgestreckter Raum. An den Längsseiten waren Tische bis zu einem erhöhten Podest am hinteren Ende aufgereiht, auf dem eine große Tafel gedeckt war. Dort würden der König und sein Gefolge Platz nehmen. Über ihnen hingen Schilde und Banner, die ihren Rang bezeichneten. An den Tischen saßen bereits auf den Bänken an der Wand die Gebietsherren und Stammesfürsten des Königreichs mit ihren Schildträgern und Ehefrauen.

Fidelma brauchte nicht alle Schilde und Banner zu mustern, um zu erkennen, wer erschienen war. Es gehörte zu den Obliegenheiten des Hofmeisters, den Gästen entsprechend der traditionellen Rangfolge die Plätze zuzuweisen, um unwürdigen Streit um den Vortritt von vornherein zu vermeiden.

Auf dem Ehrenpodium saß bereits ihr Vetter Finguine, der junge Thronfolger im Königreich. Sein Platz war zur Rechten des leeren, dem König vorbehaltenen Armsessels. Neben Finguine hatten der Oberste Brehon, Áedo, und sein Stellvertreter Aillín Platz genommen. Der Hauptmann der Leibwache des Königs, Caol, der Einzige, dem es gestattet war, sein Schwert in die Festhalle zu bringen, stand hinter dem leeren Sessel. Links davon hatten sich andere Würdenträger des Hofes mit ihren Damen niedergelassen. Es waren wohl an die vierzig Leute, die zu der Festivität geladen waren. Hier und da freundlich grüßend, gingen Fidelma und Eadulf zu den ihnen zugewiesenen Stühlen auf der linken Seite.

An einer Ecke der Ehrentafel stand der fear-stuic, ein Trompeter, der auf ein geheimes Zeichen sein Instrument an die Lippen hob und drei kurze Trompetenstöße erklingen ließ.

Hinter dem Königsstuhl bewegte sich ein Vorhang, und aus einem verborgenen Zugang erschien die rundliche Gestalt Beccans, des erst kürzlich ernannten rechtaire, des Verwalters und Hofmeisters am Königshof. Er nahm neben Caol Aufstellung und stieß mit seinem Amtsstab dreimal auf den Boden. Alle Versammelten erhoben sich, kurz herrschte absolute Stille, Beccan räusperte sich und verkündete das Nahen des Königs.

Colgú erschien, die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit machte ihn offensichtlich verlegen. Mit dem roten Haar und den markanten Gesichtszügen war er unschwer als Fidelmas Bruder zu erkennen. Beccan stieß abermals mit seinem Stab auf den Boden und begann laut zu intonieren: »Entbietet euren Gruß Colgú, dem Sohn von Failbhe Flann, Sohn von Áedo Dubh …«

Colgú ließ sich auf seinen Sessel fallen und hob die Hand, um seinem Hofmeister Einhalt zu gebieten.

»Danke, Beccan«, sagte er unwirsch. »Ich bin sicher, meinen Stammbaum kennt hier jeder.«

Beccan stutzte, man merkte ihm an, dass er sich in seiner Würde verletzt fühlte.

»Aber die Hofordnung gebietet …«, verteidigte er sich.

»Wir sind heute Abend unter Freunden, Beccan, da können wir auf die Hofordnung getrost verzichten. Manchmal gehört es sich, das Zeremoniell zu beachten, mitunter aber kann es auch entspannt zugehen.« Der König winkte einen der Diener heran, der mit einem Krug Wein bereitstand. Ehrerbietig füllte ihm der junge Mann den Becher. Colgú stand auf und erhob den Pokal.

»Meine Freunde, heute Abend bin ich es, der euch den Gruß entbietet. Langwährende Gesundheit den Männern, und mögen die Frauen ewiglich leben!«

Das war der uralte Trinkspruch, und die Gäste prosteten dem König zu.

Kaum hatten sich alle wieder gesetzt, öffneten sich Seitentüren, und Bedienstete kamen mit dampfenden Schüsseln und Platten herein. Auf den Servierplatten lagen Wildschweinbraten, Hirschkeulen und Lammrücken. Jedem der Gerichte war ein dáilemain, ein Speisenvorleger, zugeteilt, dem es oblag, gehörige Scheiben von den Braten zu schneiden und den Gästen zu reichen. Deoghbhaire, Mundschenke, achteten darauf, dass die Trinkgefäße stets aufs Neue gefüllt wurden. Auch Schalen mit Gänseeiern und Würsten wurden gebracht, sowie Schüsseln mit verschiedenen mit wildem Knoblauch gewürzten Kohlarten oder mit in Butter gedünstetem Lauch und Zwiebeln. Und das war nur der erste Gang.

»Ich bin gespannt, wem heute der Heldenanteil zugesprochen wird«, flüsterte Eadulf Fidelma zu. Er hatte schon öfter erlebt, dass bei einem großen Festessen der Ehrengast oder jemand, der etwas Außergewöhnliches vollbracht hatte, mit dem curath-mir ausgezeichnet wurde, dem besten Stück aus dem Hauptbraten auf der Tafel.

»Ich denke, Beccan wird uns das bald verkünden, nur muss er erst verwinden, dass mein Bruder ihn daran gehindert hat, mehr Etikette walten zu lassen«, meinte sie vergnügt.

Vor dem Portal zur Festhalle entstand Unruhe. Gormán kam herein und blieb unschlüssig stehen. Fragend blickte Beccan zu Colgú, doch der unterhielt sich mit Áedo, dem Obersten Brehon, und so konnte der Hofmeister nichts anderes tun, als durch den Saal zu dem jungen Krieger zu eilen. Fidelma beobachtete, wie beide sich rasch verständigten. Gleich darauf war Beccan wieder an Colgús Seite und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Einen Moment schien man sich uneins, dann zuckte Beccan mit den Schultern, richtete sich auf und gab Gormán einen Wink. Der Krieger wandte sich um und ging hinaus.

»Was geht da vor?«, fragte Fidelma Eadulf leise, der aber verfolgte gespannt, wie die Hirschkeule angeschnitten wurde, und hatte den Vorfall nicht bemerkt.

Wieder öffnete sich die Tür, und Gormán ließ einen unscheinbaren, mit einer Kutte bekleideten Mann in die Festhalle. Der Mönch zögerte einen Augenblick, sah in die Runde und schien verunsichert. Das Gespräch der Gäste erstarb, alle schauten auf den unbekannten Gast.

»Tritt näher, Bruder Lennán, setz dich zu uns«, rief Colgú. »Ich höre, du kommst aus Mungairit mit einer wichtigen Botschaft für mich. Da hast du eine lange Reise hinter dir, bitte, nimm teil an unserem Fest. Lab dich an Speis und Trank und berichte mir, welcher Auftrag dich herführt.«

Der bleichgesichtige Neuankömmling musterte die Tischgesellschaft aus dunklen, tiefliegenden Augen.

Brehon Áedo erhob sich von seinem Sitz neben dem König. Freundlich winkte er den Klosterbruder heran und wies auf seinen Platz, deutete er doch dessen Zögern als ehrfurchtsvolle Scheu angesichts all der Adligen von den Sippen der Eóghanacht.

»Komm, setz dich neben mich«, forderte ihn Colgú auf. »Abt Nannid von Mungairit ist mir wohlbekannt. Wie geht es dem Onkel von Fürst Donennach? Erfreut er sich immer noch bester Gesundheit? Komm näher, Bruder, lass uns gemeinsam tafeln, dabei kannst du mir berichten, welche Botschaft Abt Nannid mir schickt.«

Der Mönch blickte noch einmal umher, sammelte sich schließlich und ging auf Brehon Áedo zu. Dabei fasste er mit der rechten Hand in die Kutte, wie um sie glattzuziehen. Anstatt sich auf den Platz zu setzen, den Brehon Áedo ihm anbot, blieb er neben Colgú stehen, und das Unvorstellbare geschah. Er wandte sich zum König, hatte plötzlich, wie aus dem Nichts gezaubert, einen Dolch in der Hand, holte aus und stieß zu. »Rache für Liamuin!«, schrie er dabei aus heiserer Kehle. Der Dolch traf Colgú mitten in die Brust.

Fassungslos blickte der König auf das Blut, das seine Tunika färbte. Alle im Saal erstarrten. Schon senkte sich der Dolch zum zweiten Mal, doch Brehon Áedo warf sich mit einem Aufschrei vor den König, der nach vorn sank. Der Stich traf den Brehon, drang ihm tief in den Hals.

Verbissen mühte sich der Angreifer, den Dolch aus Áedos schlaff gewordenem Körper zu reißen, wollte wohl nochmals ausholen und kreischte unablässig: »Rache für Liamuin!« Nur kurz schaute er hoch und sah Caol, den Hauptmann der Leibwache, der sein Schwert gezogen hatte. Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte er, zerrte wie wild an dem Dolch. Fast hatte er ihn frei bekommen, da stieß Caol zu. Zielsicher drang das Schwert ins Herz des frommen Meuchelmörders. Der war tot, noch ehe er zu Boden stürzte.

Entsetzensschreie und ohrenbetäubender Lärm füllten den Saal, als alles aufsprang. Nur Beccan stand leichenblass wie angewurzelt.

Eadulf war als Erster bei Brehon Áedo, aber ein Blick zeigte ihm, dem Obersten Brehon war nicht mehr zu helfen. Er schob den Leichnam von dem zusammengesackten Colgú. Rasch tastete er den König ab. Der war bewusstlos, aus der Wunde in der Brust quoll immer noch Blut. Zitternd vor Angst stand Fidelma hinter Eadulf.

»Er lebt, doch ob er es schafft, ist fraglich.«

»Gestattet, ich bin am ehesten in der Lage, dem König zu helfen.« Es war die sanfte Stimme des alten Arztes und Apothekers, der Colgú und Fidelma von Kindertagen an betreut hatte.

Eadulf machte ihm sofort Platz. Zweifelsohne gebührte dem Alten der Vorrang.

»Wird er überleben?«, fragte Fidelma mit vor Erregung brüchiger Stimme.

»Ich kann nur tun, was in meiner Macht steht«, erwiderte Bruder Conchobhar knapp. »Alles Übrige müssen wir Gott überlassen.«

Er beugte sich nieder und begann Colgús Tunika und Hemd zu lockern, um die Wunde zu untersuchen.

In der Halle liefen die Gäste kopflos umher, schrien und schilderten einander lauthals, was sie gesehen hatten.

Finguine, der Thronfolger, sprang auf einen Tisch, klatschte in die Hände, um sich Gehör zu verschaffen, und rief: »Haltet ein! Euer Lärmen hilft keinem! Verlasst die Halle, damit sich unsere Ärzte in Ruhe um den König kümmern können.«

Widerstrebend schoben sie sich zu den Türen hin, die schon weit offen standen. Mit dem blanken Schwert in der Hand erwartete Gormán weitere Befehle.

Bruder Conchobhar sah zu Eadulf hoch. »Wir müssen ihn in sein Schlafgemach schaffen. Dort ist es einfacher, seine Wunde zu behandeln.«

Eadulfs Blick suchte Beccan, den Hofmeister. »Rasch, hilf mir, Colgú ins Schlafgemach zu schaffen.«

Beccan stierte noch immer vor sich hin.

»Dich meine ich!«, knurrte Eadulf.

Der Hofmeister zuckte zusammen, blinzelte und begriff, was verlangt wurde. Mit aller Vorsicht hoben sie den reglosen König auf. Bruder Conchobhar ging ihnen voran und führte sie aus der Festhalle.

Eadulf merkte, dass Fidelma ihnen folgen wollte, und sagte über die Schulter: »Du kannst da im Augenblick nicht helfen, besser wäre, du versuchst herauszufinden, wer der Attentäter ist und warum er das getan hat!«

Fidelma wollte aufbegehren, sah aber sogleich ein, dass er recht hatte, und kehrte in die Halle zurück. Dort stand Brehon Aillín benommen und starrte auf den toten Brehon Áedo und den Mörder. Einen Augenblick später war Finguine neben Fidelma und hielt ihr wortlos einen Becher Wein hin. Sie nahm ein paar Schlucke, fühlte, wie der Wein ihren Körper durchströmte. Alle waren wie gelähmt, keiner wusste, was man tun sollte.

»Jetzt ist es wohl an mir, mich um alles zu kümmern … bis Colgú wiederhergestellt ist«, meinte Finguine mit verhaltener Stimme. Es klang, als bäte er um ihre Zustimmung.

Brehon Aillín räusperte sich, bevor er sich zu einer Antwort durchrang. »Ich war Brehon Áedos Stellvertreter. Da er nun tot ist, übernehme ich die Verantwortung für die Rechtsprechung im Lande.« Er war im Rat der Brehons der Rangälteste. »Aber natürlich möchte ich dich, Lady, sowohl als Schwester des Königs wie auch als dálaigh um deine Mithilfe bitten«, fügte er höflich hinzu. »Deine Erfahrung in derartigen Fällen ist allseits bekannt.«

»Dazu bin ich gern bereit, Brehon Aillín«, erwiderte Fidelma nach kurzem Bedenken. »Wann immer ich kann, will ich dir und Vetter Finguine mit Rat und Tat zur Seite stehen.«

Finguine fiel ein Stein vom Herzen; er war froh, dass es gar nicht erst zu einem peinlichen Wortwechsel gekommen war, und er sagte zu Brehon Aillín: »Gormán hat den Mörder in die Festhalle gelassen. Vermutlich wirst du ihn als Ersten befragen wollen.«

Der Saal war nun fast leer, nur Brehon Aillín und Fidelma sowie Finguine und Caol standen inmitten der Tische, die noch beladen waren mit dem ungegessenen Festmahl. Gormán war auf seinem Posten am Eingang geblieben. Auf Caols Wink kam der junge Krieger zu ihnen, blass und höchst beunruhigt.

»Sage mir, was du über den Mann weißt«, forderte ihn Brehon Aillín auf und wies auf den Leichnam des Attentäters.

Gormán schürzte die Lippen und zuckte die Achseln. »Viel kann ich dir nicht erzählen. Ich stand auf meinem Posten vor der Festhalle. Einer der Wächter vom Haupttor kam heran, er begleitete den Mönch da.«

»Wer war der Wächter?«, fragte Brehon Aillín.

»Luan heißt er, bei uns hat er den Spitznamen: ›der Spürhund‹.«

»Caol, schick jemand, der Luan holt«, wies Finguine ihn an und gab Gormán das Zeichen weiterzureden.

»Luan sagte zu mir, der Mönch wäre zum Tor gekommen und hätte erklärt, er sei Bruder Lennán von Mungairit und habe eine wichtige Mitteilung für den König. Er sah überhaupt nicht verdächtig aus, einfach nur wie ein gewöhnlicher Klosterbruder. Mir hat er dasselbe gesagt und hat darauf bestanden, seine Botschaft sei sehr wichtig, aber nur für die Ohren des Königs bestimmt. Deshalb habe ich ihn draußen warten lassen, bin in die Festhalle gegangen und habe mit dem Hofmeister geredet. Der ist gleich zu Colgú gelaufen, hat sich mit ihm besprochen und mir das Zeichen gegeben, den Mann hereinzulassen. Und das habe ich getan. Was dann hier drin passiert ist, habt ihr selbst gesehen, ich bin ja wieder auf meinem Posten draußen gewesen.« Er zögerte, wandte sich mit zerknirschter Miene an Fidelma und suchte sich zu entschuldigen. »Ich hätte nicht verhindern können, was dann geschehen ist … ich war nicht …«

Fidelma wehrte ab. »Niemand macht dir einen Vorwurf, Gormán. Wir sind alle völlig überrascht worden.«

»Das bringt uns alles keinen Schritt weiter«, brummte Brehon Aillín. »Vielleicht sollten wir erst einmal Bruder Lennáns Leichnam …«

Da kam Caol mit dem anderen Krieger herein. Der Mann schaute ängstlich um sich, während er zu der Gruppe geführt wurde.

»Stimmt es?«, fragte er bedrückt. »Ist der König wirklich schwer verletzt?«

»So ist es«, bestätigte Brehon Aillín, »aber er lebt, Gott sei Dank. Brehon Áedo ist leider tot. Du bist Luan, vermute ich. Wir möchten von dir hören, was du von dem Mann weißt, der sich als hinterhältiger Mörder entpuppt hat.«

»Ich weiß gar nichts«, stammelte der Wachmann. »Ich hätte Verdacht schöpfen müssen … dass es so kommt, habe ich nicht geahnt.«

Brehon Aillín lächelte kalt. »Erzähl uns einfach, was geschehen ist.«

Der Wächter zögerte, hatte Mühe, seine Gedanken zu ordnen. »Ich hatte Wache am Haupttor, als der Mönch auf dem Torweg heraufkam. Er kam ganz frei und locker hoch und erklärte mir, er sei Bruder Lennán von der Abtei des heiligen Nessán und käme von Mungairit mit einer wichtigen Mitteilung für König Colgú. Ich erwiderte ihm, der König wäre nicht zu sprechen, er weile gerade auf dem Fest für Colmán. Er beharrte, seine Meldung sei so wichtig, dass er sofort zum König vorgelassen werden müsse, er würde es verantworten, den König deswegen zu stören. Ich wies meine Kameraden von der Burgwache an, meinen Posten am Haupttor zu übernehmen, und forderte Bruder Lennán auf, mir zur Festhalle zu folgen. Dort übergab ich ihn dem Krieger Gormán.«

Es entstand eine Pause, Brehon Aillín stöhnte ungehalten und wollte den Mann schon fortschicken, doch Fidelma sah den Wächter nachdenklich an.

»Einen Moment noch, Luan. Warum hast du gesagt, du hättest Verdacht schöpfen müssen? Wieso ist dieser Gedanke dir jetzt gekommen?«

Der Wächter schaute höchst unglücklich drein und fuhr sich vor Verlegenheit mit der Zunge über die Lippen. »Lady, von Mungairit im Land der Uí Fidgente bis hierher ist es ein ziemlich langer Weg. Der Mann stand so am Portal, als wäre er eben nur von der Stadt zum Burgtor heraufgekommen. Er sah nicht so aus, als wäre er mehrere Tage unterwegs. Ganz forsch kam er daher, und Kleidung und Aussehen wirkten sauber und gepflegt. Er hatte nicht einmal einen Wanderstab bei sich.«

»Er hätte doch hergeritten oder auf einem Wagen gekommen sein können«, warf Brehon Aillín ärgerlich ein. »Hätte auch irgendwo übernachtet haben können, schließlich gibt es genug Schenken und Gasthäuser.«

»Er hat aber gesagt, er sei die ganze Strecke zu Fuß gegangen«, wandte Luan ein. »Ich nehme an, Kleidung und Schuhwerk hat er gewechselt, bevor er ans Burgtor kam.«

Fidelma sah ihm voll ins Gesicht. »Das ist ein wichtiger Punkt, Luan. Aber es genügt wohl noch nicht, um Verdacht zu schöpfen. Deswegen musst du dir keine Vorwürfe machen. Selbst wenn du deine Bedenken geäußert hättest, das, was dann geschah, hätte es nicht verhindern können.«

»Da ist noch etwas …«, bekannte Luan.

»Und das wäre?«, fragte Brehon Aillín ungeduldig.

»Kurz bevor das Fest begann, gab es einen Hagel- und Regenschauer. Der hat nicht lange gedauert, war aber sehr heftig. Ich war gerade vor den Mauern und fand so schnell keinen Unterstand. Fühl mal meinen Waffenrock.« Er streckte Fidelma den Arm hin, und sie betastete den Ärmel, der war noch feucht. »Der Klosterbruder hatte ganz trockene Sachen an, er kann also nicht von weit her gekommen sein. Dabei tauchte er auf, als das Unwetter gerade vorbei war.«

»Da hast du in der Tat Wesentliches bemerkt, Luan,« sagte Fidelma. »Trotzdem, du musst dir keine Vorwürfe machen, du hast deinen Dienst ordentlich versehen. Eine logische Erklärung für die Umstände wird sich noch finden. Du kannst zu deinem Posten zurückkehren.«

Kaum war Luan gegangen, galt Fidelmas Aufmerksamkeit dem Attentäter; der lag noch so auf dem Boden, wie er niedergestürzt war. Daneben lag der Leichnam von Brehon Áedo. Angewidert verzog sie das Gesicht.

»Wir sollten Áedo zur Aufbahrung in die Kapelle bringen lassen«, sagte sie zu Brehon Aillín. »Den Mörder aber müssen wir uns genauer ansehen, vielleicht findet sich etwas, das uns verrät, wer er war.«

Brehon Aillín stutzte kurz und gab den Auftrag an Caol weiter, der zwei Diener anwies, den ermordeten Obersten Brehon von Muman fortzutragen. Unschlüssig starrten Aillín und Fidelma auf den toten Attentäter. Sie bückte sich, und ohne etwas zu berühren, betrachtete sie das Schuhwerk des Mannes. Es waren cuaran, Schuhe aus Leder, sieben übereinandergelegte dünne Schichten bildeten die Sohle, gaben ihr Festigkeit und widerstanden der Abnutzung. Das Leder war sogar über einen Holzblock gezogen, der den Absatz bildete.

»In einem hat Luan bestimmt recht«, stellte sie fest, »weit gewandert ist der Mann in diesen Schuhen nicht. Sie sehen ziemlich neu aus, und die Sohlen sind so gut wie gar nicht abgelaufen. Auch stammen sie aus der Hand eines tüchtigen Schuhmachers. Ein einfacher Mönch trägt solche Fußbekleidung bestimmt nicht. Sieh mal, die abgeschabten Stellen auf der Innenseite. Was lässt sich daraus schlussfolgern?«

Brehon Aillín sah sie nachdenklich an. »Der Mann hatte vielleicht einen Gehfehler, ein Fuß scheuerte am anderen.«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Dass er gehbehindert war, fiel nicht auf, als er in den Saal kam. Aber könnten die Abschabungen nicht beim Reiten von den Steigbügeln herrühren?«

»Auch möglich«, murmelte der Richter.

Fidelma untersuchte den Leichnam weiter. »Die Kutte ist die eines einfachen Klosterbruders, ohne jede Verzierung. Sie ist aus gutem, dicht gewebtem Stoff, aber das ist nichts Ungewöhnliches.«

»Nur dass die Sachen völlig trocken sind, wie Luan schon bemerkt hat«, äußerte sich Brehon Aillín.

»Er trägt einen criss, einen dicken Strick als Gürtel, sonst nichts weiter. Wenigstens einen Lederbeutel hätte er haben müssen, wie ihn Mönche auf Wanderfahrt bei sich tragen. Drehen wir ihn um, vielleicht finden wir noch etwas Aufschlussreiches.«

Vorsichtig drehten sie den Leichnam auf den Rücken. Brehon Aillín untersuchte rasch die Kleidung, richtete sich auf und schüttelte den Kopf. »In den Falten der Kutte ist nichts weiter verborgen, aber sein Unterhemd kommt mir sonderbar vor.«

Fidelma beugte sich über den Toten, sie musste den Stoff gar nicht erst anfühlen, denn sie erkannte das Material auf den ersten Blick. »Sróll?«, fragte sie verwundert.

»Satin ist das. Ein Hemd aus Satin, nicht aus Flachs oder Wolle, wie Klosterbrüder es üblicherweise tragen«, bestätigte der Brehon.

»Wir müssen uns die Kleidungsstücke sorgfältig anschauen, möglicherweise sind Zeichen eingestickt, die auf die Herkunft schließen lassen. Merkwürdig ist schon, dass er keinen Beutel am Gürtel noch sonst etwas bei sich trägt wie Reisende sonst. Vielleicht verraten uns seine Gesichtszüge etwas mehr.«

Sie betrachtete das Gesicht des Toten. Erst jetzt begriff sie, dass er höchstens Mitte zwanzig sein konnte. In dem hageren, bleichen Gesicht mit den vorstehenden Jochbeinen wirkten die Wangen wie eingefallen und ließen ihn älter erscheinen. Wangen und Oberlippe waren glattrasiert, der bläuliche Ton der Haut war ein Hinweis darauf, dass er sich öfter rasieren musste als die meisten Männer. Das Haar um die Tonsur war dick und beinahe blauschwarz, ebenso die Augenbrauen. Auch die Augen, die blicklos ins Leere starrten, waren dunkel. Fidelma drückte die Lider zu und schüttelte sich unangenehm berührt, denn die Leiche erkaltete bereits. Sie überwand sich noch einmal und betastete den Kopf, auf dem die Tonsur, wie in den fünf Königreichen üblich, in der Art des heiligen Johannes geschoren war und nicht in der Art des heiligen Petrus, wie es die Kirche in Rom verlangte.

»Die kahle Kopfhaut ist ganz weiß, ein merkwürdiger Kontrast zum wettergebräunten Gesicht und den Armen. Ich meine, er hat sich die Tonsur erst vor kurzem zugelegt.«

»Du bezweifelst demnach, dass er ein Mönch war?«, fragte Brehon Aillín.

»Zumindest wirst du einräumen, dass er ein höchst sonderbarer Klosterbruder war«, erwiderte Fidelma trocken. »Noch können wir keine sichere Aussage treffen. Wir haben lediglich bemerkt, dass die Tonsur erst kürzlich geschoren wurde. Wir müssen ihn ausziehen, die Kleidungsstücke genau untersuchen und sehen, ob der bloße Körper irgendwelche Merkmale aufweist.«

»Der bloße Körper?«, fragte Brehon Aillín stirnrunzelnd.

»Ein Mensch kann die Kleidung wechseln, sich das Haar schneiden, selbst die Gesichtszüge bis zu einem gewissen Grad verändern, aber seinen Körper kann er nicht unkenntlich machen.«

»Dann sollte wohl besser ich den Leichnam untersuchen, Lady«, murmelte Brehon Aillín, dem unbehaglich zumute war.

»Ich habe im Laufe der Zeit schon mehr als eine Leiche nackt gesehen, Aillín, wie du weißt. Mir muss keiner eine Peinlichkeit ersparen wollen.«

In dem Augenblick kam Eadulf in den Saal.

»Der König lebt«, sagte er, ehe noch jemand die Frage stellen konnte. »Die Wunde ist ziemlich tief, aber sauber, zeigt keinerlei Entzündung. Die Blutung ist zum Stillstand gekommen, und Bruder Conchobhar bleibt bei ihm und überwacht seinen Zustand. Noch ist der König bewusstlos, wahrscheinlich ist das sogar gut, denn Schlaf und völlige Ruhe können die Wundheilung nur fördern.«

Fidelma presste die Lippen aufeinander. Die dringlichste Frage, die sich ihr aufdrängte und die Eadulf nicht beantwortet hatte, wohl gegenwärtig auch niemand beantworten konnte, war: Würde ihr Bruder am Leben bleiben? Sie schwieg eine Weile und wies dann auf den Leichnam.

»Du kommst zur rechten Zeit. Wir brauchen dein Wissen. Eben wollten wir die Leiche des Mörders gründlicher untersuchen.«

»Was hat er gesagt, bevor er zustach? Hat jemand das Wort verstanden?«

Verständnislos starrten ihn alle an.

»›Rache für Liamuin!‹, hat er geschrien. Wer ist oder war Liamuin? Was bedeutet der Name?«

»Ein gewöhnlicher Name ist das nicht«, erwiderte Fidelma, leicht beschämt, weil sie vergessen hatte, was der Mörder rief, als er den Dolch zückte.

»Das ist ein Frauenname«, wusste Finguine. »Bedeutet er nicht so viel wie ›die Anmutige‹?«

»Liamuin ist zwar ein seltener Name, doch so ungewöhnlich ist er nun auch nicht«, fuhr Fidelma fort. »Sehen wir uns erst einmal die Leiche des Attentäters genauer an. Wir haben unsere Zweifel, ob er wirklich ein Klosterbruder war.«

»Nichts deutet darauf hin, wer der Mann war oder woher er kam«, erklärte Brehon Aillín. »Seine Oberbekleidung ist die eines Mönchs, unter der Kutte aber trägt er ein Hemd aus Satin.«

Eadulfs Mundwinkel zuckten leicht, er verkniff sich ein spöttisches Lächeln. »Dass Äbte, Bischöfe und andere wohlhabende Prälaten dazu neigen, sich vornehm zu kleiden, das weiß man doch.«

»Ja, aber einer, der vorgab, nur ein Bote zu sein, und eine einfache Kutte anhatte wie die da, würde das kaum tun«, beharrte Brehon Aillín.

»Dein Wort in Gottes Ohr«, sagte Eadulf. »Ist euch sonst noch etwas aufgefallen?«

»Er hat gutes Schuhwerk an, es sieht wenig getragen aus, zeugt jedenfalls nicht von einer langen Wanderung. Die Innenseiten seiner Schuhe sind ein wenig abgeschabt, was darauf hindeutet, dass er geritten ist«, ergänzte Fidelma. »Und der Regenschauer, der niederging, kurz bevor er hier ankam, hat ihn offensichtlich auch nicht überrascht.«

»Und sonst habt ihr nichts Sonderbares bemerkt?«, fragte Eadulf.

Fidelma hob eine Augenbraue, schwieg aber.

»Mir fiel das bereits auf, als er Colgú angriff, und jetzt, wie er da vor uns liegt, wundere ich mich erst recht: Er trägt kein Kruzifix um den Hals, weder eins, das zeigt, wie arm er ist, noch eins, das seinen Rang ausweist. Merkwürdig für jemanden, der sich ganz dem Neuen Glauben verschrieben hat.«

»Stimmt, das ist ein wichtiges Indiz, Eadulf«, meinte Fidelma anerkennend.

Er betrachtete schweigend den Leichnam, spürte dann aber, dass alle von ihm erwarteten, dass er weitersprach.

»An den Händen sieht man, er hat nicht körperlich gearbeitet. Sie sind wohlgeformt, die Haut ist weich, besonders auch die Handflächen, dort bilden sich am ehesten Schwielen, wenn man ständig kräftig zupacken muss. Die Fingernägel sind sorgsam geschnitten und gerundet und …« Er bückte sich und hob die rechte Hand an, wies dabei auf Daumen und Zeigefinger. »Seht mal den dunklen Fleck hier seitlich an Daumen und Zeigefinger, da hat sich Tinte eingefärbt. Das Haar ist geschnitten, er ist auch rasiert. Das lässt auf einen Mann schließen, der auf ein gepflegtes Äußeres Wert legte.«

»Gibt es noch etwas, worauf du uns aufmerksam machen kannst?«, fragte Fidelma.

»Am wichtigsten ist der Name der Frau, den er geschrien hat. Wer ist sie oder war sie? Dein Bruder sollte den Namen sofort erkennen und wissen, worum es dem Täter ging. Colgú hat immer offen über Persönliches geredet. Zurzeit können wir ihn jedoch nicht fragen. Irgendwer aus seiner Umgebung sollte sich an den Namen erinnern und wissen, welche Bewandtnis es damit hat.«

Kapitel 2

Es verging etliche Zeit, ehe Eadulf die Augen zufielen. Lange hatte er neben Fidelma wach gelegen, die sich unruhig hin und her warf. Ihr gut zuzureden hatte er nicht gewagt, hoffte vielmehr, der Schlaf, den sie dringend nötig hatte, würde sie über kurz oder lang überwältigen. Und als er dann selbst aufschreckte, hatte er nicht das Gefühl, überhaupt geschlafen zu haben. Es war noch dunkel. Was aber hatte ihn geweckt? Unwillkürlich tastete er mit der Hand die Matratze ab. Das Lager neben ihm war kalt und leer. Er brauchte einen Moment, um die Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, und setzte sich auf. Obwohl heftiger Westwind die Sturmwolken weggefegt hatte, war draußen schwarze Nacht, denn das erste Viertel des Mondes spendete nur spärlich Licht.

Eadulf vernahm ein leises Geräusch und machte am Fenster eine Gestalt aus, die hinaus in die Nacht schaute.

»Fidelma?«

Sie drehte sich zu ihm um.

»Verzeih, Eadulf. Ich wollte dich nicht stören.«

Noch nie hatte er diesen Tonfall in ihrer Stimme vernommen. Im Nu war er aus dem Bett, eilte zu ihr und nahm ihre kalten Hände in seine.

»Du hast geweint.« Sacht fuhr er ihr über die tränennassen Wangen. Sie sagte nichts, schniefte nur leise.

»Dein Bruder ist eine starke Natur, und in der Fürsorge von Bruder Conchobhar ist er bestens aufgehoben.« Eadulf war um Zuspruch bemüht.

Sie nickte schwach. »Ich kenne Bruder Conchobhar, seit ich denken kann. Es gibt keinen besseren Arzt auf der Welt, dem ich das Leben meines Bruders anvertrauen würde.«

Es folgte bedrückende Stille, die von einem für Eadulf unerwarteten Schluchzen unterbrochen wurde. Fidelma gehörte nicht zu den Menschen, die ihren Gefühlen freien Lauf ließen. Nur in ganz seltenen Momenten hatte Eadulf erahnt, was in ihrem Inneren vorging, denn sie hatte sich über die Jahre hinweg ein unbewegliches Äußeres angewöhnt; nur hin und wieder ließ sie ihn ihre wahren Gefühle erkennen, ihre Empfindsamkeit, ihre Verwundbarkeit – Empfindungen, die sie als Anwältin gelernt hatte zu verbergen waren in ihrer Arbeit doch unbestechliche Logik, scharfe Rede und unerschütterliches Auftreten verlangt, der Umgang mit Einfältigen und mit Vorurteilen Behafteten duldete keinerlei Toleranz. Eadulf war der Einzige, der hinter dieser Tarnung den wahren Menschen in ihr sah, und doch überraschte es ihn, sie jetzt angesichts des versuchten Mordes an ihrem Bruder so fassungslos zu erleben.

Er wusste, dass er sie nicht würde trösten können. Ihr zu sagen, dass Tränen normal seien, dass sich die Dinge zum Guten wenden und ihr Bruder sich wieder erholen würde, war sinnlos. Mit solchen Plattitüden brauchte er ihr nicht zu kommen.

»Ich weiß, wie sehr du deinen Bruder liebst«, sagte er nur leise und hielt ihre kalten Hände immer noch fest umschlossen.

»Er ist der Einzige, der mir von der engeren Familie geblieben ist«, murmelte sie betrübt. »Unsere Mutter starb bei meiner Geburt, und unser Vater folgte ihr schon bald. Mein ältester Bruder, Forgartach, starb, während ich auf der Hohen Schule für Rechtskunde war. Kein Wunder, dass Colgú und ich uns sehr nahestehen. Selbst als wir beide studierten und ich dann ins Kloster ging, verloren wir uns nicht aus den Augen. Wann immer wir konnten, haben wir uns gesehen.«

»Du hast doch aber noch viele Vettern. Finguine zum Beispiel, den Thronfolger deines Bruders.«

»Aber zu keinem von ihnen habe ich eine so enge Bindung wie zu Colgú, auch wenn in unserer Gesellschaft die Familienbande ungemein wichtig sind. Die Familie geht uns über alles, und unsere Genealogen sind sehr genau im Aufführen unserer Vorfahren. Unser Stammbaum geht bis in die Urzeiten zurück.«

»Ja, ich habe die forsundud, die Lobeshymnen und Gedichte auf deine Vorfahren, gehört«, pflichtete ihr Eadulf bei.

»Kein König oder Stammesfürst kann ernannt werden, ohne dass vor der Versammlung die forsundud seiner Vorfahren gesungen werden«, betonte Fidelma und fügte dann nicht ohne Stolz hinzu: »Von Éber Finn, dem Sohn von Milidh und Gründer dieses südlichen Königreichs, an gerechnet, gehört Colgú zur neunundfünfzigsten Generation. Es waren die acht Söhne von Milidh, dem Krieger, der mit Geburtsnamen Golamh hieß, die mit den Gälen an den Ufern dieser Insel landeten und sich hier niederließen. Das geschah vor langen Zeiten, als sie noch mit den alten Göttern und Dämonen kämpfen mussten …« Sie hielt inne, und Eadulf konnte sich gut vorstellen, dass sie vor sich hin lächelte. »Na ja, jedenfalls heißt es in den Legenden so.« Eine kurze Weile verging, und sie meinte: »Nicht mehr lange, und der Morgen dämmert. An Schlafen ist nicht zu denken. Zünde eine Kerze an, Eadulf, und hol uns Wein.«

Eadulf war erleichtert, dass er Fidelma hatte ablenken können. Dass sie keinen Schlaf fand, war nur allzu verständlich, aber er selbst war müde und hätte sich gern noch ein wenig hingelegt. Doch widerspruchslos nahm er eine Kerze, und da er wusste, dass in den Gängen draußen immer eine Lampe brannte, öffnete er die Tür, um dort seine Kerze anzuzünden. Er war gerade dabei, als er eine leise Bewegung hörte.

Es war Enda, einer der jungen Krieger der Leibgarde des Königs, der offensichtlich Wache stand. Mit besorgtem Gesichtsausdruck kam er auf Eadulf zu.

»Stimmt etwas nicht, Freund Eadulf?«, fragte er leise.

Eadulf schüttelte den Kopf. »Alles in Ordnung. Wir konnten nur nicht schlafen.«

Jetzt tauchte Fidelma, in ein wollenes Umschlagtuch gehüllt, in der Tür auf. »Worum geht es?«, fragte sie beunruhigt. »Gibt es etwas Neues von Colgú?«

»Nein, Lady. Caol hat mir befohlen, hier Wache zu halten. Verzeih, wenn ich euch gestört habe.«

»Davon kann nicht die Rede sein«, beruhigte ihn Eadulf. »Bezieh nur wieder deinen Posten.« Er nickte dem Krieger zu, ging ins Zimmer und zog die Tür hinter sich zu.

»Vermutlich treibt Caol die Sorge um, dass der Attentäter nicht allein gewesen ist«, überlegte Fidelma. Sie ließ sich auf das Bett sinken, während Eadulf einen günstigen Fleck zum Aufstellen der Kerze suchte.

»Er lässt Vorsicht walten«, stimmte ihr Eadulf zu, goss zwei Becher Wein ein und brachte sie zu ihr ans Bett. »Solange man nichts Genaueres weiß, sollte man immer auf der Hut sein.«

»Und mit den Nachforschungen können wir erst bei Tageslicht beginnen«, stellte Fidelma bedauernd fest. »Das siehst du doch auch so, oder?«

»Wohl wahr. Licht in das Dunkel kann nur die Erkenntnis bringen, wer Liamuin ist oder war, und warum der Attentäter sich mit dem Ausruf ›Rache für Liamuin!‹ auf Colgú warf, um ihm den Todesstoß zu versetzen. Wir haben gerade erst von euren Vorfahren gesprochen. Gibt es jemand unter ihnen, der so hieß?«

Fidelma zog die Knie bis zum Kinn und umschloss mit den Armen die angezogenen Beine.

»Nicht, dass ich wüsste.« Dann hob sie plötzlich den Kopf. »Merkwürdig. Hieß nicht eine der fünf Schwestern des heiligen Patrick Liamuin? War sie nicht die Mutter von Sechnall? Sechnall, der Dichter, der das berühmte Lied über Patrick geschrieben hat?«

»›Audite omnes amantes Deum …‹«, fing Eadulf an zu singen, dem sogleich der Liedanfang einfiel. »›… Sancta merita viri in Christo beati Patrici episcopi …‹«

»Vernehmt, all ihr Gottesfürchtigen, die begnadeten Tugenden des Bischofs Patrick, eines geheiligten Mannes in Christo …«

Sein Gesang verebbte, denn ihm war ein Gedanke gekommen. »Könnte das Attentat einen religiösen Hintergrund haben? Wird nicht übermorgen der Festtag des heiligen Sechnall begangen?«

Fidelma überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf. »Den begeht man traditionell im Norden und im mittleren Königreich Midhe. Wieso sollte Colgú wegen der Mutter des heiligen Sechnall von Midhe Streit gehabt haben?«

»Zwischen den Abteien von Imleach und Ard Macha gibt es doch Streitigkeiten genug über den Anspruch von Macha, dass ihr Abt das Oberhaupt der Bischöfe der fünf Königreiche sein sollte«, meinte Eadulf.

Fidelma zuckte mit den Achseln. »Darum streiten sich nur die hohen Geistlichen. Aber außer der Mutter von Sachnell muss es noch andere Frauen mit dem Namen Liamuin geben. Es ist ein seltener Name, wiederum nicht ganz ungewöhnlich. Nur will mir sonst niemand einfallen, der auch so hieß. Doch festlegen will ich mich nicht.«

»Lass uns ganz praktisch an die Sache herangehen«, sagte Eadulf. »Der Fluch galt eindeutig deinem Bruder. Also muss er auch eine Erklärung dafür haben. Wir können nur hoffen …« Er hielt erschrocken inne und setzte erneut an. »Sowie es ihm besser geht, müssen wir ihn danach fragen.«

Fidelma schwieg einen Augenblick, stimmte ihm aber zu. »Du hast recht. Sobald es möglich ist, werde ich ihm die Frage stellen.«

Sollte Colgú den Angriff nicht überleben, würde man ihn nicht fragen können, dachte Eadulf im Stillen und hatte bei der Vorstellung sofort ein schlechtes Gewissen.

»Mir geht da noch etwas anderes durch den Kopf«, fing Fidelma zögernd an. »Ich glaube, man sollte dem Punkt nachgehen, den Luan erwähnte.«

»Du meinst, dem Gedanken, der Attentäter könnte sich während des Regens irgendwo in der Siedlung aufgehalten haben und wäre erst zur Burg hinaufgekommen, als das Unwetter vorbei war?«

»Genau so. Wenn er nach Cashel ritt, muss er irgendwo einen Platz gefunden haben, um sein Pferd unterzustellen und sich umzuziehen. Und war er in Wirklichkeit kein Mönch, könnten uns seine Kleider Aufschluss geben. Bleibt die Frage, ob er sich in einem Gasthaus aufhielt oder ob ihm ein Mitverschwörer Unterschlupf bot.«

»Irgendwie werden wir das Rätsel schon lösen.«

Eadulf blickte zum Fenster. Draußen wurde es allmählich hell, und er blies die Kerze aus. Zum Schlafen war es nun endgültig zu spät, auch kam schon Leben in die Burg. Fidelma erhob sich vom Bett. Eadulf atmete tief durch – es würde ein langer Tag werden.

Vor den Türen, die in Colgús Privatgemächer führten, stießen sie auf Bruder Conchobhar. Zwei von Cashels Elitekriegern, Dego und Aidan, die Fidelma und Eadulf wohlbekannt waren, hielten draußen mit unbeweglicher und ernster Miene Wache.

»Wie sieht es aus?«, fragte Fidelma den alten Arzt.

»Er ist bei Bewusstsein, hat aber starke Schmerzen. Die Nacht war schlecht, doch Gott sei Dank hat er kaum Fieber.«

»Ist er in der Lage zu sprechen?«

Der alte Mann war über die Frage nicht sehr erbaut. »Wir sollten jede Anstrengung und Aufregung vermeiden. Die Verletzung ist erheblich, insofern ist unbedingte Ruhe angeraten.«

»Es geht mir nur um eine Frage. Ich halte mich daran, nur eine Frage.«

Bruder Conchobhar kannte beide, Fidelma und ihren Bruder Colgú, seit deren frühester Kindheit. Schon vor ihrer Geburt hatte er bei ihrem Vater Failbhe Flann, als der Muman regierte, in Diensten gestanden und bis zu dessen Tod an seinem Krankenbett gewacht. Er wusste, wenn Fidelma auf ihrem Anliegen beharrte, war es dringend und duldete keinen Aufschub. Zögernd gab er ihrer Bitte nach.

»Aber wirklich nur eine Frage«, mahnte er.

»Du gehst am besten allein«, riet ihr Eadulf. »Wir sollten ihn nicht mit unnötig vielen Menschen ermüden.«

Fidelma machte einen Schritt auf die geschlossenen Türen zu, und Dego drückte die Klinke herunter, um ihr Einlass zu gewähren. Sie nahm alle Kraft zusammen und ging hinein. Leise schloss Dego die Tür hinter ihr.

Eadulf wandte sich an Bruder Conchobhar. »Ich vermute, niemand hier in der Burg kennt Colgú so gut wie du.«

Der alte Arzt und Apotheker lächelte versonnen. »Das stimmt wohl, aber keinem ist es vergönnt, alle Gedanken, Gefühle und Handlungen eines Mitmenschen zu durchschauen.«

Eadulf musste den Vorbehalt gelten lassen.

»Du weißt, dass der Attentäter, ehe er zustach, ›Rache für Liamuin!‹ rief?«

Bruder Conchobhar nickte.

»Hast du eine Idee, was er damit gemeint haben könnte?«

»Nein. Ich habe den Namen noch nie gehört. Aber wahrscheinlich ist das die Frage, die Fidelma ihrem Bruder stellen will. Tut mir leid, ich kann da nicht helfen.«

»Dann können wir nur hoffen, dass Colgú mit seiner Antwort weiterhilft.«

Fidelma durchquerte den großen Raum, in dem ihr Bruder gewöhnlich seine Ratgeber, Familienmitglieder oder engere Freunde empfing. Von der Feuerstelle verbreiteten prasselnde Holzscheite eine wohltuende Wärme. Sie ging hinüber zur Tür, die zum Schlafgemach führte. Ein Bediensteter, der davorsaß, stand nervös auf, doch Fidelma bedeutete ihm, sich wieder zu setzen. Behutsam öffnete sie die Tür und betrat leise das Zimmer.

Colgú lag mit fest bandagierter Brust im Halbdunkel auf dem Bett. Er sah blass aus, Schweißperlen standen ihm auf Stirn und Wangen, selbst das feuerrote Haar war nass und klebte auf Stirn und Schläfen. Die Lippen waren blutleer, und er atmete unregelmäßig, es war mehr ein stoßartiges Keuchen.

Als sie zu ihm ans Bett trat, schien er ihre Anwesenheit zu bemerken, denn die Augenlider zuckten und öffneten sich langsam. Er sah sie mit seinen graugrünen Augen an und versuchte ein Lächeln, aber das geriet mehr zu einer Grimasse.

Sie hielt den Finger an die Lippen und schaute ihn liebevoll an.

»Grüß dich, kleiner Stachel«, flüsterte sie und nannte ihn bewusst bei seinem Spitznamen aus der Kindheit. Sein eigentlicher Name bedeutete nämlich so viel wie etwas Scharfes, Spitzes, etwa wie ein Schwert oder auch Dorn, und als sie damals dahinterkam, hatte sie als Kosenamen für ihn »kleiner Stachel« erfunden und ihn oft so genannt. »Wie geht es dir?«

Wieder misslang das Lächeln. »Wie es einem so geht, den man erdolchen wollte«, versuchte er zu scherzen.

»Der Attentäter hat es selbst mit dem Leben bezahlen müssen.«

»Ich weiß, Caol hat ihn wohl getötet.«

Sie nickte. »Stimmt, nur dass der Schuft vorher noch Brehon Áedo töten konnte.«

Colgú versuchte, dem Körper eine andere Lage zu geben, stöhnte aber sogleich von Schmerzen gepeinigt auf.

»Lieg still!«, herrschte ihn Fidelma an. »Du darfst dich nicht bewegen.«

»Hat man dich mit den Nachforschungen betraut?« Colgú fiel es schwer zu sprechen.

»Keine Bange!« Fidelma konnte sich nicht eines zynischen Lächelns enthalten. »Rein formell gesehen ist Brehon Aillín verantwortlich, aber ich helfe ihm.«

Colgú presste die Lippen zusammen. »Áedo war ein guter Mann. Er ist kaum einen Monat mein Oberster Brehon gewesen.«

Fidelma bemerkte, wie die Zeit verrann, sie durfte und wollte den Kranken nicht über Gebühr ermüden. »Ich muss dir eine Frage stellen, Bruder. Wer ist oder wer war Liamuin?«

Verständnislos sah er sie an.

»Liamuin? Was soll die Frage?«

»Als der Attentäter auf dich einstach, rief er ›Rache für Liamuin!‹. Offensichtlich wollte er dir damit doch etwas zu verstehen geben.«

Ihr Bruder schloss die Augen und schüttelte andeutungsweise den Kopf.

»Ich kann mich an nichts erinnern, weiß nur, dass er etwas schrie. ›Rache für Liamuin!‹, sagst du?«

Fidelma nickte.

»Ich kenne niemand mit dem Namen.«

»Wirklich niemand? Niemand aus früheren Zeiten, eine Verwandte, Freundin oder Bekannte?«, versuchte sie nachzuhelfen.

»Niemand. Wahrhaftig, Schwester, der Name sagt mir nichts.«

Fidelma beugte sich über den Leidenden im Bett, drückte ihm die Hand und lächelte ihn aufmunternd an.

»Ruh dich aus, kleiner Stachel. Mach dir keine Gedanken. Deine einzige Aufgabe ist, wieder auf die Beine zu kommen.«

»Ich will’s versuchen, Schwester«, versprach er mit einem gequälten Lächeln.

Noch ehe ihr Eadulf draußen vor der Tür eine Frage stellen konnte, schüttelte Fidelma enttäuscht den Kopf.

»Er konnte nichts mit dem Namen anfangen.«

»Dann bleibt die Sache rätselhaft. Warum versucht jemand einen umzubringen, schreit dabei wie zur Rechtfertigung seiner Tat einen Namen heraus, der aber keinem etwas sagt, und muss außerdem damit rechnen, bei dem Attentat selbst getötet zu werden?«

»Dem Attentäter hat der Name etwas gesagt«, erwiderte Fidelma.

»Das schon, aber …«

»Vielleicht brauchte er ihn für sein eigenes Selbstverständnis, egal, ob er dem Opfer etwas bedeutete. Eher als eine Rechtfertigung für sich selbst.«

»Das ist ganz schön tiefgründig.«

»Nichts ist tiefgründiger als ein verwirrter Verstand.«

»Nur hilft es uns bei der Suche nach dem Wer und Warum nicht weiter«, stellte Eadulf fest. Er schaute zum Fenster und auf die treibenden Wolken. »Wir sollten uns im Ort umsehen, möglicherweise bringen wir dort etwas über das Pferd des Attentäters in Erfahrung. Das heißt …«

Sie spürte das Zögern in seiner Stimme.

»Das heißt was?«

»Wir haben Alchú versprochen, mit ihm auszureiten.«

Sie hatte es durchaus im Hinterkopf, doch gehofft, Eadulf hätte es vergessen. Verärgert biss sie sich auf die Lippen.

»Geh bitte zu Muirgen und erklär ihr die Situation, ich laufe derweil schon in den Ort hinunter und frage im Gasthaus nach.«

Eadulf schüttelte den Kopf. »Es geht um Alchú, und wenn, dann müssen wir es ihm sagen und nicht Muirgen.«

Kurz hatte es den Anschein, sie wolle ihm widersprechen, doch fast im selben Moment gab sie nach. »Also gut.«

»Lady! Eadulf! Wartet einen Moment!«

Es klang dringend, und beide drehten sich um. Den Gang entlang kam Gormán auf sie zugeeilt.

»Ich komme gerade von meiner Mutter. Sie hat Interessantes zu berichten, das könnte uns auf die Spur des Attentäters bringen.«

Erregt sah Fidelma den jungen Krieger an.

»Ist Della wohlauf?«, war ihre erste Frage. Sie war mit Gormáns Mutter gut Freund geworden. Della war ursprünglich eine von der Gesellschaft Verstoßene gewesen, eine bé-táide, Prostituierte, und Fidelma hatte sie nach einer Vergewaltigung erfolgreich verteidigt. Sie hatte mit ihrer Verteidigung den Beweis erbracht, dass das Gesetz selbst Prostituierte schützte, wenn es gegen ihren Willen zu einem Geschlechtsakt gekommen war. Della hatte danach das Leben als Prostituierte aufgegeben, aber Fidelma hatte sie ein zweites Mal verteidigen müssen, als sie unter Mordverdacht stand. Damals hatte Della ihr offenbart, dass sie die Mutter des jungen Kriegers Gormán war.

»Meiner Mutter geht es gut«, versicherte ihr Gormán. »Aber ihr solltet am besten beide mit mir kommen. Es sieht so aus, als hätte der Attentäter vergangene Nacht sein Pferd unten im Ort gelassen.«

Fidelma zögerte und vergewisserte sich mit einem Blick bei Eadulf. Die konkrete Frage zu stellen war nicht nötig.

»Primum prima – manche Dinge haben Vorrang«, meinte der nur achselzuckend, wenn auch nicht gerade begeistert. »Wir sind ja nicht lange fort und können auch nachher mit Alchú ausreiten. Erst aber müssen wir hören, was Della zu berichten hat.«

Dellas Haus lag am Westrand des Orts, der sich am Fuße des Felsens von Cashel erstreckte. Auf dessen Höhe thronte die Burg der Könige von Muman mit Blick auf die Ebene ringsum. Das kleine Haus mit angebautem Stall stand etwas abseits, zu dem Anwesen gehörten auch ein Schuppen und die Koppel dahinter. Die grenzte an größere Felder, die bis zum Rand eines Waldgebiets reichten. Als sich die Gruppe dem Haus näherte, kam unter wütendem Gebell ein großer Hund auf sie zugerannt. Erst als Gormán ihn anrief, gab er Ruhe und blieb schwanzwedelnd stehen. Von der Rasse her war das kräftige Tier ein leith-choin, ein Mischling, eine Kreuzung zwischen einem Schäferhund und vermutlich einem Terrier.

Sein Bellen hatte Della an die Tür gelockt. Sie war klein von Wuchs und vielleicht vierzig Jahre alt, aber trotz ihrer fraulichen Reife hatte sie sich ein jugendliches Aussehen und eine golden leuchtende Haarpracht bewahrt. Das enganliegende Kleid brachte ihre immer noch gute Figur vorteilhaft zur Geltung.

Sie begrüßte sie mit der besorgten Frage: »Was gibt es Neues vom König?«

»Er lebt, ist aber in einem erbärmlichen Zustand. Wir hoffen, er übersteht die nächsten kritischen Tage«, erwiderte Fidelma. »Und wie geht es dir selbst, Della?«

»Mit mir ist so weit alles in Ordnung, nur die rätselhaften Umstände der vergangenen Nacht beunruhigen mich. Hat mein Sohn dir davon berichtet?«

»Wir wollten es lieber aus deinem Munde hören«, entgegnete Fidelma ernst.

»So viel gibt es da gar nicht zu erzählen, aber besser, ich zeig es dir gleich.«

Sie winkte ihnen, ihr zu folgen, ging um das Gebäude herum nach hinten und wies auf die Koppel. Zwei Pferde standen auf der Weide. Das eine erkannte Fidelma sofort als Dellas Ackergaul, sie hatte es oft genug vor einen Karren gespannt gesehen. So ein fén war ein Gefährt mit massiven Rädern. Trotz der Stellung ihres Sohnes in der Leibgarde des Königs waren Dellas Lebensumstände bescheiden, Räder mit Speichen hätte sie sich nicht leisten können.

Das zweite Pferd weckte Fidelmas Aufmerksamkeit. Es war größer und stämmiger als das andere, ein durchtrainiertes Jagdpferd, geeignet für lange Ritte mit einem Krieger, grau mit weißen Sprunggelenken oberhalb der Fesseln.

»Das dort ist wohl kaum dein Pferd, oder?«, fragte Fidelma schmunzelnd.

Della verzog das Gesicht. »Schön wär’s. Das Tier brächte einen guten Preis«, und mit einem Blick auf Gormán: »Auf einem wie dem tät auch mein Sohn gern reiten.«

Gormán versuchte, zur Sache zu kommen. »Meine Mutter hat es erst heute früh entdeckt. Es stand einfach so da auf der Koppel, und angesichts …«

Fidelma war schon am Gatter zur Koppel, schwang sich mit erstaunlicher Wendigkeit darüber und ging hinüber zu dem Pferd. Es stand friedlich da, legte allerdings die Ohren zurück und blähte die Nüstern, als sie sich ihm näherte. Eadulf war ihr bis zum Gatter gefolgt und beobachtete sie besorgt. Er selbst kannte sich nicht gut mit Pferden aus. Gormán bemerkte seine Unruhe und redete ihm aufmunternd zu: »Kein Grund zur Sorge, Freund Eadulf. Die Rasse ist von Natur aus friedlich und auch klug, und Lady Fidelma weiß mit Pferden umzugehen. Sie wird das Tier bestimmt nicht verschrecken.«

Fidelma war jetzt ganz nahe bei dem Pferd, streckte ohne zu zögern die Hand aus, tätschelte sein Maul und ließ es an ihr schnuppern, wobei es sie mit seinen großen treuherzigen Augen prüfend ansah. Leise sprach sie auf das Tier ein. Eadulf war zu weit weg, um zu hören, was sie sagte, falls sie überhaupt etwas sagte und das Tier nicht nur mit ihrer Sprachmelodie vertraut machen wollte. Immer noch besänftigend murmelnd, ging sie um das Pferd herum, klopfte ihm auf die kräftigen Schultern, hielt aber von der Hinterhand gebührend Abstand, um nicht verletzt zu werden, falls es ausschlagen sollte, ging zurück, um es dann von der anderen Seite zu betrachten, und befand sich schließlich wieder ihm gegenüber. Immer noch war es ganz friedfertig. Als sie sich umdrehte und sich dem Gatter zuwandte, trottete das Pferd ihr hinterher.

»Hast du einen Apfel, Della?«, rief Fidelma.

Della nickte, ging zum Haus, langte in ein Fass unter dem Vordach und kam mit einem Apfel zurück, den sie Fidelma gab. Behutsam nahm ihn das Pferd aus der ausgestreckten Hand und vertilgte ihn.

»An dem Tier ist nichts Auffälliges zu erkennen«, stellte Gormán fest, »nichts, was Rückschlüsse auf seinen Besitzer zulässt.«

»Auch mir ist nichts Besonderes aufgefallen«, pflichtete ihm Fidelma bei.

»Wenn es das Pferd ist, mit dem der Attentäter hergeritten ist und das er dann hier hat stehen lassen, muss er irgendwo in der Nähe einen trockenen Unterschlupf gefunden haben, wo er den Sattel und seine Kleider gelassen und sich umgezogen hat, ehe er zur Burg ging«, gab Eadulf zu bedenken.

Della schüttelte den Kopf. »Wir haben alle Nebenräume durchsucht und nichts gefunden.«

»Hast du gestern Abend irgendetwas gehört? Das Geräusch von unruhigen Pferden zum Beispiel? Die Koppel ist ja nicht weit vom Haus. Und hat auch der Hund nicht gebellt?«

»Nichts von alledem.«

»Warst du gestern den ganzen Nachmittag und Abend hier?«

»Ja. Mein Sohn verließ nachmittags das Haus. Er hatte abends Wachdienst in der Burg, dort gab es ein Fest zu Ehren des heiligen Colmán. Er sagte, er würde erst spät in der Nacht heimkehren.«

»Das stimmt«, bestätigte Gormán.

»Und was hast du gestern Abend so gemacht?«, fragte Fidelma.

»Ich habe allein zu Abend gegessen. Danach habe ich mich vergewissert, ob alle Lampen brennen, auch die über der Haustür, denn es würde ja sehr dunkel sein, wenn Gormán zurückkam. Dann habe ich noch ein wenig gestopft und genäht, Sachen ausgebessert. Und als ich müde wurde, ging ich zu Bett.«

»Und die ganze Zeit hast du nichts gehört?«

»Wirklich nicht.«

»Und dann bist du zu Bett gegangen.«

»Ich habe einen gesunden Schlaf, Lady.« Della lächelte sie treuherzig an. »Allerdings habe ich mitbekommen, wie Gormán nach Hause kam. Ich erkannte seine Schritte und hab mich auf die andere Seite gedreht. Dann muss ich bis zur Morgendämmerung geschlafen haben. Der Hund regte sich, und als ich meinem Pferd seinen Hafer bringen wollte, sah ich das andere Pferd. Ich machte sofort kehrt, Gormán war schon wach. Ich erzählte ihm von meiner Entdeckung, und er war gleich ganz aufgeregt, berichtete mir von der schlimmen Geschichte mit deinem armen Bruder.«

Fidelma wandte sich Gormán zu. »Bist du unmittelbar von der Burg hierher gekommen?«

»Ich habe noch kurz in Rumanns Schenke unten am Platz vorbeigeschaut, habe mir einen Becher Ale gegönnt, ging dann nach Hause und habe mich sofort hingelegt.«

»Verschließt du denn nicht die Haustür?«, fragte Eadulf Della.

Die lachte. »Schlösser und Riegel sind was für die Adligen, Bruder. Unsereins braucht so was nicht, bei armen Leuten gibt es nichts zu holen.«

Gormán nickte bestätigend. Doch dann fragte ihn Fidelma plötzlich: »Hat der Hund nicht angeschlagen, als du ins Haus kamst?«

»Der kennt meinen Schritt, wenn ich es allerdings recht bedenke …« Er hielt inne und überlegte.

»Sprich schon«, drängte Fidelma.

»Eigentlich bellt und knurrt er immer, bis ich ihn anspreche und er meine Stimme erkennt.«

»Und vergangene Nacht nichts dergleichen?«

»Er schien fest zu schlafen.«

»Von Natur aus müsste der ein wachsames Tier sein«, bemerkte Eadulf. »Ich kenne diese Kreuzung. Man nimmt sie gern mit auf die Jagd.«

»Hat sich der Hund gestern irgendwie anders verhalten?«, fragte Fidelma Della.

Nachdenklich zog sie die Stirn in Falten. »Wie meinst du das?«

»War er unruhig? Oder machte er eher einen schläfrigen Eindruck?«

»Er war den ganzen Nachmittag in Bewegung, rannte immer umher. Ich glaube, er hatte sich ausgearbeitet …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende, geriet ins Grübeln.

»Dir ist gerade etwas eingefallen?« Fidelma ließ nicht locker.

»Ja, es war irgendwie merkwürdig. Er kam rein, als ich mir gerade mein Abendessen zurechtmachte. Er hatte einen Knochen im Maul und war ganz friedlich. Wahrscheinlich hatte er den bei einem Nachbarn von anderen Hunden ergattert. Er trottete zu seinem Lager und streckte sich hin. Meist gebe ich ihm ein Stück Fleisch oder einen Knochen, wenn ich selbst so etwas auf dem Teller habe.«

»Und? Gab es bei dir gestern Abend Fleisch?«, fragte Eadulf.

»Ja. Ich warf ihm auch etwas hin, aber das reizte ihn nicht, er ließ den Happen achtlos liegen.«

»Wo hat er sein Lager?«

Della führte sie unter das Vordach ihres kleinen Holzhauses. Auf einem trockenen Flecken war Sackleinen ausgebreitet. Als sie darauf zugingen, kam der Hund herbei, schnappte sich einen Fleischrest und machte sich leise knurrend darüber her. Fidelma aber interessierte ein Knochen, der auch da lag. Sie bückte sich und nahm ihn auf. Das Fleisch war noch nicht gänzlich abgeknabbert. Vorsichtig schnupperte sie daran und verzog angewidert das Gesicht, dann reichte sie ihn mit fragender Miene Eadulf weiter.

Auch er roch daran und zog gleichfalls eine Grimasse, denn der Geruch war streng und unangenehm. »Cáerthann curraig«, sagte er und hatte sofort den irischen Namen parat.

»Was ist das?«, fragte Della verwirrt.

»Baldrianwurzel. Apotheker nehmen sie gern zur Schmerzlinderung und um den Patienten zum Schlafen zu bringen, sie wirkt nervenberuhigend.«

»Nur dass das hier stärker zu sein scheint, nicht so, wie ich es sonst kenne«, meinte Fidelma.

»Heißt das, jemand wollte meinen Hund vergiften?«, fragte Della erschrocken.

»Das wahrscheinlich nicht«, beschwichtigte sie Eadulf. »Man wollte wohl nur erreichen, dass er träge und schläfrig wurde und nicht zu bellen anfing, damit man in Ruhe das Pferd auf die Koppel bringen und sich ungestört umziehen konnte.«

So recht überzeugt schien Fidelma nicht. »Wozu aber der ganze Aufwand? Der Hund hätte doch schon anschlagen können, als der Reiter sich ihm zum ersten Mal näherte. Ich vermute, der Mönch hatte einen Helfer.«

»Ich kann mir darauf keinen Reim machen«, gestand Gormán.

»Mir fehlt auch jegliche Erklärung«, gab Fidelma zu. »Wir sollten uns auf die Suche nach Zaumzeug und Sattel des Pferdes machen und nach der Kleidung, die der Attentäter abgelegt hat.«

»Ich hab doch schon gesagt, Lady, wir haben draußen alles durchsucht«, meinte Della bekümmert. »Es war einfach nichts zu finden.«

»Vielleicht hat er irgendwo in der Nähe einen anderen geeigneten Ort entdeckt«, merkte Gormán an.

»Hättest du eine Idee, wo?«, fragte Eadulf.

Gormán wies auf die Baumreihe am äußersten Ende des Feldes. »Dahinten zwischen den Bäumen gibt es eine kleine Waldarbeiterhütte. Dort könnte er sich umgezogen und seine Sachen gelassen haben. Etwas anderes fällt mir nicht ein.«

»Dann nichts wie hin.«

Gormán nickte seiner Mutter aufmunternd zu, sagte ihr, dass sie nicht mitkommen müsse, und führte dann die anderen an den friedlich grasenden Pferden vorbei über das Feld. Nicht weit hinter dem Koppelzaun begann südlich von der Siedlung ein Wald. Groß war er nicht, und dahinter erstreckte sich eine riesige Fläche Grasland, die Ebene von Femen. Es war ein Gebiet, um das sich uralte Legenden rankten, wie Eadulf gelernt hatte, Legenden, in denen es um alte Götter und Helden, Göttinnen und Heldinnen ging, die in Fidelmas Volk eine Rolle spielten. Der Wald war groß genug, um die Bewohner von Cashel mit Feuerholz zu versorgen. Mit dem unerlaubten Fällen von Bäumen nahm es die irische Gesetzgebung sehr genau, je nach Baumart waren unterschiedliche Strafen angesetzt. Das vor ihnen liegende Waldgebiet bestand vorrangig aus Birken und Ulmen, Baumsorten, die weit verbreitet waren, aber auch etliche hohe Eiben standen dazwischen, und die galten als äußerst hochwertig.

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