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Das Schwert der Druiden

PROLOG

imageas schwarze Schloss thronte bereits seit vielen Jahren auf dem Hügel. Niemand wusste, wie lange es schon da stand oder wer es erbaut hatte. Über seine Türme zogen Wolken hinweg, die von der gleichen undurchdringlichen Schwärze waren wie das Gemäuer. Sie brauten sich zusammen und türmten sich immer höher auf. Blitze zuckten aus ihnen heraus und erhellten den schwarzen Himmel. Regen begann zu fallen; schwer klatschten die Tropfen auf die Zinnen der Mauern. Immer heftiger wütete das Unwetter: Der Wind heulte, Donner krachte, Bäume wurden von Blitzen gespalten und vom Sturm umgeworfen.

Dann, von einer Sekunde auf die andere, hörte es auf zu regnen, die Wolken lichteten sich ein wenig und der Wind verstummte. Ein Sonnenstrahl suchte sich seinen Weg durch das Dunkel, traf eines der Fenster und drang in das finstere Gemäuer ein. Die Welt hielt für einen Moment den Atem an. Blutrot leuchteten die Fenster auf und es wurde heller im Schloss. Laternen flammten auf; erst eine, dann eine zweite, bevor sich schließlich auch die Kamine entzündeten. Der Wind lebte wieder auf, die Wolken zogen sich drohend dichter zusammen und das zarte Licht der Sonne wurde ausgelöscht.

Im Dorf weit unterhalb des Schlosses sahen die Bewohner furchtsam zum Himmel, waren sie doch in der Lage, die Zeichen zu deuten. Die Menschen liefen zum Dorfmittelpunkt, wo bereits einige Männer mit ihren Frauen und Kindern warteten.

„Es ist soweit“, sagte einer von ihnen mit beschwörendem Unterton. „Bringt die Kinder in Sicherheit, das schwarze Schloss erwacht zu neuem Leben." Frauen und Kinder, die sich nun voneinander trennen mussten, begannen zu weinen. Die Jahrhunderte des Kampfes hatten den Bewohnern jedoch deutlich gemacht, dass es besser war, die Kinder aus dem Dorf zu bringen. Eine alte Frau, den Rücken gramgebeugt, fragte leise:

„Wie oft noch?“

Ihr Mann sah sie an und strich über ihr Gesicht.

„Nur noch dieses eine Mal. Wenn wir es dann nicht geschafft haben, wenn die Prophezeiung sich nicht erfüllt, werden wir alle sterben. Aber wenn die Prophezeiung die Wahrheit sagt, werden wir die schwarzen Ritter für immer besiegen.“

Die Frauen packten Kleidung und Lebensmittel ein, welche die Kinder für ihre Reise benötigten. Dann setzte sich der Zug in Bewegung, nur beschützt von einer Handvoll alter Männer, die nicht mehr in den Kampf ziehen konnten. Der Rest stellte sich darauf ein, auf eine Erlösung zu warten, die das Unwetter und das Erwachen des schwarzen Schlosses ihnen versprachen, auch wenn es möglicherweise ihr Tod sein sollte.

1. Buch

Reise in die Vergangenheit

1. Kapitel

imagem Grunde genommen war es ein ganz normaler Dienstagmorgen. Das heißt, soweit man ihn als normal bezeichnen konnte, denn im Nachhinein betrachtet war seit dem Tod meines Großvaters vor einer Woche nichts mehr so gewesen wie zuvor. Mein Großvater väterlicherseits war mein bester Freund gewesen. Er war alt, im nächsten Monat hätte er seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert. Trotzdem hatte es uns allen einen Schock versetzt, als er am letzten Mittwoch nicht mehr zum Frühstück erschienen war und wir feststellen mussten, dass er am Abend vorher friedlich eingeschlafen war.

Ich hatte viel Zeit mit ihm verbracht, mehr als mit jedem anderen Menschen, den ich kannte. All die Dummheiten, die man als Kind macht, hatte er mir verziehen und mir immer wieder aus der Patsche geholfen. Wenn ich mit einer schlechten Klassenarbeit nach Hause kam, war er der Erste, der es erfuhr. Vor ihm konnte ich einfach nichts verbergen. Er übernahm immer die Aufgabe, meine Eltern auf die Dinge vorzubereiten, die zu gestehen ich zu feige war. Ich erinnere mich, wie ich von der Geburtstagsparty eines Klassenkameraden nach Hause kam und mir hundeübel war. Mein Großvater hatte nur gelächelt. Er hatte natürlich sofort gesehen, dass ich betrunken war und meine Eltern mit der Geschichte über den ersten Rausch meines Vaters auf meinen Zustand vorbereitet.

Auf der anderen Seite war er auch immer der Erste, dem ich positive Erlebnisse mitteilte, gute Noten zum Beispiel, vor allem in Geschichte. Er weckte meine Sinne für Dinge, an denen die meisten Menschen mit Sicherheit achtlos vorübergegangen wären. Kleinigkeiten, wie bestimmte Muster im Laub oder die Richtung der ziehenden Wolken, aus denen er das Wetter las. Ich lernte, anhand der Blätter zu bestimmen, um was für einen Baum es sich handelte, ob er gesund oder krank war und ob das Blatt auf der Wetterseite gewachsen war. Er lehrte mich, Tierspuren zu lesen, als ob es sich dabei um ein Buch handelte.

Großvater war für mich auch ein Ersatz für Geschwister und Freunde gewesen. Allen Bemühungen meiner Eltern zum Trotz war ich ein Einzelkind geblieben und hatte mich auch immer davor gescheut, Bindungen mit anderen Menschen einzugehen. Als Kind hatte ich zwar einige Spielkameraden, mit denen ich gerne Zeit verbrachte, aber ein wirklich enger Freund war nie darunter gewesen. Heute weiß ich, dass ich Angst davor hatte, jemanden zu verlieren, der mir nahe stand. Immer fand ich Gründe dafür, warum es besser wäre, jemanden nicht zum Freund zu haben. Die unterschiedlichen Interessen machten es nicht leichter: Während ich mit Fußball nichts anfangen konnte, liebte ich die Natur und Bücher. Wenn die anderen auf den Bolzplatz gingen, wanderte ich lieber durch den Wald oder lernte reiten und Judo.

Mit Mädchen ging es mir ähnlich. Wenn ich eine gerne mochte, suchte ich ihre Nähe, aber schon nach kurzer Zeit, noch bevor es hätte ernster werden können, distanzierte ich mich wieder von ihr. Dies brachte mir schnell den Ruf eines Einzelgängers ein.

Meine Familie war ohnehin recht seltsam. Keiner von uns war jemals krank, weder meine Eltern noch mein Großvater. Ich hatte nie auch nur einen Schnupfen gehabt, geschweige denn etwas Schlimmeres. Nur ein einziges Mal, lange vor meiner Geburt, soll Großvater krank gewesen sein; aber darüber wurde nie geredet. Ich hatte mich immer gewundert, dass mein Großvater in seinem Alter noch so rüstig war. Bis zu seinem Tod war er – im Gegensatz zu vielen anderen alten Menschen – ohne fremde Hilfe ausgekommen. Manchmal fragte ich mich, woher er diese Leichtfüßigkeit nahm; aber da ich es nicht anders gewohnt war, zerbrach ich mir nie ernsthaft den Kopf darüber.

Doch trotz seiner guten Gesundheit hatte auch mein Großvater den Tod schließlich nicht mehr aufhalten können. Das Begräbnis fand, seinen Wünschen entsprechend, in aller Stille statt. Aber selbst, wenn dies nicht sein Wille gewesen wäre, hätten sich mit Sicherheit nicht viele Leute auf den alten Friedhof verirrt, wo er an der Seite meiner Großmutter, die ich nie kennengelernt hatte, seine letzte Ruhestätte fand. Als ich am Grab stand, eine weiße Lilie auf seinen Sarg warf und nur mühsam meine Tränen zurückhalten konnte, kamen die Erinnerungen wieder. Ich sah, wie er mit mir im Park spielte, sah das Holzschwert, das er selbst geschnitzt hatte, das Pferd, auf das er mich setzte. Er fehlte mir, und wird mir immer fehlen.

Am Tag nach Großvaters Beerdigung sah mein Vater mich nach einem schweigsamen Frühstück lange an. Sein Blick sagte mir schon bevor er anfing zu reden, dass etwas Bedeutendes geschehen würde. Eigentlich war mein Vater, der Geschichte und Philosophie an einem Mädcheninternat lehrte, immer ein sehr ruhiger Mensch. Sein Äußeres täuschte allerdings über seinen Beruf hinweg und entsprach eher dem Bild eines Bademeisters oder Sportlehrers. Er war groß, sportlich und zu jeder Jahreszeit mit einer gesunden Bräune gesegnet. Damals war sein Haar noch schwarz, jetzt ist es silbergrau geworden. Sein Blick war immer voller Verständnis und seine braunen Augen bildeten einen ruhenden Pol. Doch in diesem Moment hatte sein Blick nichts von der Ruhe, die sonst darin lag. Eine Gänsehaut lief mir über die Arme, als ich hörte, wie nervös er klang:

„Michael, ich weiß, das wird dir gleich nicht leicht fallen, aber wir haben etwas zu erledigen. Es wird Zeit, dass wir in das Zimmer deines Großvaters gehen und dort seine Sachen aufräumen.“

Meine Mutter warf ihm einen schrägen Blick zu. Sie war der unruhige Geist in unserer Familie – immer musste sie irgendetwas tun, und auch die anderen Familienmitglieder blieben von ihrer Arbeitswut nicht verschont. Sie war nur wenig kleiner als mein Vater und hatte eine sehr weibliche Figur. Ihre Hüften schwangen beim Gehen mit und nicht selten drehten sich Männer auf der Straße nach ihr um. Ich habe gelegentlich erlebt, dass man mit ihr zu flirten versuchte, doch sie hatte immer nur Augen für meinen Vater. Manchmal glaubte ich förmlich, eine Verbindung zwischen den beiden sehen zu können, so blind verstanden sie einander. Ich war mir sicher, dass der Eine dem Anderen sein Leben anvertraut hätte.

An diesem Morgen war von der Verbundenheit meiner Eltern jedoch nicht viel zu spüren:

„Ich glaube, es ist noch viel zu früh für ihn.“

„Unsinn, Großvater wollte es so.“

„Mit siebzehn ist er noch zu jung.“

„Mein Vater war fünfzehn, als er …“

Hier brach mein Vater ab.

Was bedeutete das alles? Hatte mein Großvater ein Geheimnis gehabt? Und wenn ja, worin bestand es? Was hatte er getan, als er fünfzehn Jahre alt gewesen war? Mir kam der Verdacht, dass ich lange nicht so viel über ihn wusste, wie ich gedacht hatte.

Und was konnte das mit mir zu tun haben? Warum sollte ich seine Sachen aufräumen?

Opa, dachte ich, was geht hier vor?

Aber er konnte mich nicht hören, er war nicht mehr da. Ich seufzte. Mein Vater legte mir eine Hand auf den Arm.

„Michael, er fehlt uns auch. Aber ich bin mir sicher, dass du ihn wiedersehen wirst.“

Dieses Gerede passte eigentlich nicht zu meinem Vater. Ihn wiedersehen? Im Paradies? Ich schnaubte.

„Paps, was soll das?“

Er sah mich ernst an.

„Junge, ich kann es dir jetzt nicht sagen. Aber du musst mir glauben, dass alles, was Opa dir beigebracht hat, einen Sinn hat. Vertrau ihm auch jetzt, so wie du ihm immer vertraut hast.“

Ich verstand überhaupt nicht, was er mir sagen wollte. Tränen stiegen mir in die Augen. Mein Vater sah mich lange an, dann sprach er mit leiser Stimme weiter.

„Es wird Zeit, dass du die Wahrheit erfährst. Und die ist im Zimmer deines Großvaters verborgen. Komm mit.“

2. Kapitel

images war neun Uhr morgens, als mein Vater und ich das Zimmer meines Großvaters im zweiten Stock unseres Hauses betraten, und elf Uhr, als wir es wieder verließen. Diese zwei Stunden veränderten mein ganzes Leben, nichts war danach mehr wie vorher. Mein ganzes Weltbild war auf den Kopf gestellt worden.

Als mein Vater an diesem Morgen die Tür zu Großvaters Zimmer aufschloss, nahm mich sofort die eigentümliche Atmosphäre gefangen, die mich schon immer beim Betreten dieses Raumes verwirrt hatte. Dieses Mal jedoch schien alles noch viel intensiver zu sein als sonst.

Ich hatte zu Lebzeiten meines Großvaters sehr viel Zeit in diesem eigentümlichen, stets abgedunkelten Zimmer verbracht, auch wenn ich es niemals allein betreten durfte. Jedes Detail war mir vertraut: Die selbstgemalten Bilder meines Großvaters mit fremdartigen Landschaften, die abgewetzte alte Couch und seine über viele Jahre angesammelten Schätze aus fremden Kulturen, an denen ich mich nie satt sehen konnte. Großvater hatte mir von der Zeit erzählt, die er auf See verbracht hatte und von seinen Erlebnissen in fernen Ländern.

Das ungewöhnlichste Objekt im Raum war jedoch eine schwere Truhe, die in einer Ecke des Zimmers stand. Sie war aus Holz gefertigt und tiefschwarz, versehen mit massiven, ebenfalls schwarzen Scharnieren. Sie schien die letzten Lichtstrahlen, die noch durch die Vorhänge drangen, zu verschlucken. Die Truhe war immer verschlossen, nicht ein einziges Mal habe ich erlebt, dass mein Großvater sie geöffnet hätte. Meine Neugier auf ihren Inhalt war mit jedem Besuch angewachsen, bis ich schließlich eine Gelegenheit genutzt und versucht hatte, ihr Rätsel zu ergründen. Es war mir aber nicht gelungen, die Truhe zu öffnen, obwohl sie mit keinem erkennbaren Verschluss versehen war. Ich hatte versucht, sie von der Wand zu rücken, in der Hoffnung, dass es auf der anderen Seite einen verborgenen Öffnungsmechanismus gab, aber die Truhe war zu schwer gewesen. Mit beiden Händen hatte ich sie abgetastet, doch weder einen Knopf noch einen Riegel gefunden. Nichts war zu erkennen gewesen, womit man sie so fest hätte verschließen können. Nach einer Weile hatte ich aufgegeben und das Zimmer verlassen. Mein Versuch damals war jedoch nicht unbemerkt geblieben. Ich weiß nicht, wie und woran er es erkannt hatte, aber kurz darauf nahm mein Großvater mich zur Seite und sagte mir, dass eines Tages die Zeit kommen würde, da ich die Truhe öffnen könne und auch müsse.

Als ich nun mit meinem Vater zusammen in dem dunklen Zimmer stand, erinnerte ich mich wieder an diesen Vorfall.

Auf all meine Fragen hatte mein Großvater damals nur energisch den Kopf geschüttelt, wobei seine langen silbergrauen Haare wie Peitschenschnüre von einer auf die andere Seite flogen. Abschließend hatte er etwas gesagt, dessen Bedeutung sich mir damals nicht erschloss:

„Michael, ich verstehe deine Neugier. Doch es ist noch zu früh, um dir alles zu erklären. Eines Tages wirst du es von selbst erkennen und verstehen. Du wirst mein Erbe sein. Ich hoffe, dass du die Kraft hast, dieses Erbe anzutreten, wenn die Zeit gekommen ist."

Ich hatte versucht, ihn auszufragen, doch er schien mich überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Verwirrt und bestürzt hatte ich meiner Mutter davon erzählt, mit dem Ergebnis, dass ich sehr früh ins Bett geschickt wurde. Aber ich konnte noch hören, wie meine Mutter sich mit meinem Großvater stritt.

„Musstest du den Jungen so erschrecken?“

„Guyana, du weißt so gut wie ich, dass es ihm vorbestimmt ist. Er muss zurückkehren und die Ordnung wiederherstellen.“

„Oh nein, das werde ich zu verhindern wissen. Er mag zwar der Schwertträger sein, aber er ist noch viel zu jung!“

„Wenn die Zeit reif ist, fragt niemand nach dem Alter. Er wird die innere Kraft haben, die Dschuan nicht hatte.“

„Lass meinen Mann aus dem Spiel. Es geht hier um mein Kind. Ich werde nicht zulassen, dass das Ganze von vorn beginnt. Es muss ein Ende haben!“

Den letzten Satz hatte sie so leise geflüstert, dass ich ihn kaum hatte verstehen können.

„Du sagst es! Genau das ist doch der Punkt: Es muss ein Ende haben! Wir werden nicht gefragt, ob wir wollen. Wir sind alle nicht gefragt worden! Auch du nicht, und doch hast du dich entschieden. Du weißt, dass du es nicht aufhalten kannst. Das Schwert wird ihn finden.“

„Ich will nichts mehr davon hören. Es ist genug!“, unterbrach meine Mutter ihn grob. Ich hörte, wie sie das Zimmer verließ. Diese Diskussion hatte mich noch mehr verwirrt als das, was mein Großvater zu mir gesagt hatte. Wieso nannte er meine Mutter Guyana und meinen Vater Dschuan? Ihre Namen waren Heather und John. Und von welchem Schwert war die Rede?

All diese Erinnerungen schossen mir durch den Kopf, als mein Vater und ich auf die Truhe zugingen. Als ich vor ihr stand und meine Hand auf ihrem schweren Holz lag, das sich warm und lebendig anfühlte, wusste ich, dass ich gleich Antworten auf all meine Fragen erhalten würde. Das Holz schien zu pulsieren, anders als bei meinem heimlichen Versuch damals. Es schien mich zu rufen, als würde es mich erkennen. Ich war verwirrt. Etwas zog mich an, als meine Hand über die feine Maserung strich. Der Ruf schien lauter zu werden, die Wärme unter meiner Hand verwandelte sich in eine Hitze, die nach und nach auf meinen Arm und meinen ganzen Körper übergriff. Aber es war nicht unangenehm, ganz im Gegenteil. Ich fühlte mich wohl und geborgen, verstand jedoch nicht, was vor sich ging. Ich suchte den Blick meines Vaters.

„Michael, du wirst diese Truhe jetzt öffnen müssen.“

„Aber ich kann nicht. Sie wird sich nicht öffnen lassen, ich weißes.“

Die Hitze nahm weiter zu, und das Holz begann zu vibrieren. Ich bekam es mit der Angst zu tun und zog meine Hand zurück in der Hoffnung, dass ich mich beruhigen würde. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Als meine Haut den Kontakt mit dem Holz verlor, erfasste mich Panik; ich fürchtete mich vor dieser Truhe, die mich in sich aufsaugen zu wollen schien. Ich versuchte meinem Vater den Platz an der Truhe zu überlassen, damit er sie öffnen konnte, doch er schüttelte den Kopf.

„Nein, Michael. Nur du kannst die Truhe öffnen. Selbst wenn ich könnte, würde sich ihr Inhalt mir nicht mehr offenbaren. Es ist jetzt dir bestimmt, dieses Geheimnis in den Händen zu halten. Nur Mut, versuche es.“

Ich zögerte immer noch. Ich ahnte, dass ich, sobald sich dieser Deckel öffnete, nie mehr der Michael sein würde, der ich bis zu diesem Moment gewesen war. Was dann geschah, wäre nicht mehr aufzuhalten. Aber ich wusste auch, dass ich keine Wahl hatte. Innerlich wehrte ich mich, doch meine Hand entwickelte ein Eigenleben und bewegte sich auf den Deckel zu. Zu meiner Überraschung schwang er jedoch lautlos zurück, kaum dass meine Fingerspitzen ihn erneut berührt hatten. Ängstlich und zögernd sah ich hinein. Das Innere der Truhe war mit schwarzem, von goldenen Fäden durchwirktem Samt ausgeschlagen. Ein gedämpftes Licht, dessen Quelle ich nicht ausmachen konnte, erhellte diesen Innenraum nur mäßig, begann jedoch intensiver zu leuchten, je näher mein Gesicht der Öffnung der Truhe kam. Ich kniff meine Augen zusammen, um besser sehen zu können. In meinen Ohren rauschte das Blut und ich hörte mein Herz schlagen. Nach einer Weile hatten sich meine Augen an das schummrige Licht im Inneren der Truhe gewöhnt. Ich hatte alles Mögliche erwartet, dass die Truhe voller Münzen oder Bücher oder sonst etwas wäre. Nun war ich einerseits erleichtert, aber andererseits auch enttäuscht, denn die Truhe war bis auf einen Gegenstand, der tief unten verborgen lag, leer.

„Was ist das?“, fragte ich mit belegter Stimme.

„Das, was dort unten auf dich wartet, ist das Erbe, das du nun antreten musst. Es ist die Antwort auf all deine Fragen. Es ist die Vergangenheit, die Gegenwart und eine mögliche Zukunft.“

Er deutete mit dem Finger hinein.

„Das ist die einzige gute Kraft, die hier auf dieser Erde jemals existiert hat und jemals existieren wird. Entstanden aus der Hoffnung, wird sie alles überdauern und niemals aufhören zu kämpfen, wann immer sie gebraucht wird. Nun wird sich zeigen, ob du ihrer würdig und stark genug bist, um sie zum Wohl der Menschen zu verwenden. Nimm sie an dich.“

Ich zögerte. Kalter Schweiß brach mir aus allen Poren und ich begann zu frieren. Mit aller Macht versuchte ich, meine Hand nicht in die Truhe zu stecken, aber eine unsichtbare Kraft ergriff von mir Besitz und schaltete meinen Willen aus. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog, bevor mich plötzlich Zuversicht überschwemmte und sich ein wohliges Gefühl in meinem Körper ausbreitete. Meine Gedanken beruhigten sich und ich griff in die Truhe. Meine Finger legten sich um einen Gegenstand, den ich nicht zu identifizieren vermochte. Ich fühlte Rillen und Erhebungen, durch die sich der Gegenstand an meine Finger schmiegte. Schwer lag er in meiner Hand, die ich voller Angst vor dem, was mich erwartete, in Zeitlupe wieder aus der Truhe zog.

Das merkwürdige Etwas begann silbern zu schimmern. Meine Neugier wurde größer und ich betrachtete den länglichen Gegenstand, den ich dort in der Hand hielt. Er war etwa doppelt so lang wie die Faust, die ihn umschlossen hielt. An einem Ende war er etwas verdickt und mit zwei kleinen blauen Edelsteinen verziert. Am anderen Ende wies er eine Art Umrandung auf, an der ich einige rote Steine erkennen konnte. Der ganze Gegenstand schien aus Silber zu sein und das Licht brach sich in ihm. Er wog schwer in meiner Hand, schien aber gleichzeitig auf merkwürdige Art und Weise schwerelos. Ich überlegte, wo ich einen solchen Gegenstand schon einmal gesehen hatte und hätte mir am liebsten vor die Stirn geschlagen, als mir die Lösung einfiel: Es war der Griff eines Schwertes. Von einer Klinge fehlte jedoch jede Spur. Sie war nicht abgebrochen, das hätte ich erkennen können. Eher sah es so aus, als ob niemals eine Klinge an diesem Griff gewesen wäre. Nach und nach konnte ich immer mehr Details erkennen: Kunstvolle Verzierungen, Ornamente und etwas, das wie Schriftzeichen aussah, bedeckten den Griff.

Voller Staunen vergaß ich für einen Augenblick, in welcher Situation ich mich befand. Plötzlich jedoch schien der Schwertgriff sich mit Leben zu füllen, er begann zu vibrieren; erst nur leicht, dann immer stärker. Gleichzeitig erklang ein leises Summen, wie von einem Bienenschwarm. Der Griff vibrierte immer stärker, das Geräusch wurde lauter und intensiver, bis es meinen Kopf auszufüllen schien. Hilfesuchend wollte ich mich meinem Vater zuwenden, doch die zwei kleinen blauen Edelsteine am Ende des Griffes hielten meinen Blick gefangen, so dass ich mich nicht mehr von ihnen abwenden konnte. Das Licht, das von ihnen ausging und zunächst nur blassblau geleuchtet hatte, wurde immer dunkler und intensiver. Magisch zog es meinen Blick an und begann, erst meine Hand und dann meinen ganzen Arm zu umhüllen. Es breitete sich über meine Schulter, meinen Kopf und danach über meinen restlichen Körper aus, bis ich vollständig in dieses Licht gehüllt war. Ich schloss meine Augen, aber das Summen schien mir zu befehlen, sie wieder zu öffnen.

Mit einem Mal zuckte ein gleißend heller Blitz aus dem Griff. Für einen Augenblick schien er zu verharren, dann erlosch er und an seiner Stelle ragte nun eine Klinge aus dem Griff, den ich immer noch umklammert hielt. Ebenfalls prachtvoll verziert mit Ornamenten und Schriftzeichen, war die Klinge viel leichter, als ihr Aussehen vermuten ließ. Ich spürte überhaupt kein Gewicht, leicht wie eine Feder lag sie in meiner Hand. Ich wollte das Schwert meinem Vater zeigen, doch als ich mich ihm zuwandte, war er nicht mehr da. Ich wollte ihn rufen, aber meine Stimme versagte. Denn als ich mich umsah, war das ganze Zimmer verschwunden. Stattdessen umgaben mich Lichtwirbel und ich hatte das Gefühl, in ein tiefes Loch zu fallen.

3. Kapitel

imagech tauchte ein in eine ungeheure Welt, die ich mir niemals hätte vorstellen können. Ich fiel immer tiefer, konnte nur noch Schemen um mich herum erkennen. Alles begann sich zu drehen, zuerst langsam, dann immer schneller. Blitze zuckten, die Luft flimmerte, verzerrte Gesichter tauchten aus dem Nichts auf und verschwanden wieder. Ein Pfeifen drang an mein Ohr und wurde ohrenbetäubend schrill, so dass ich dachte, mein Kopf müsse platzen. Schließlich fiel ich in eine gnädige Ohnmacht und die Welt um mich versank in einem tiefen Schwarz.

Als ich erwachte, wusste ich nicht, wo ich war. Nur langsam kehrte die Erinnerung an das Geschehene zurück. Ich hoffte, dass alles nur ein Traum gewesen war und ich im nächsten Moment das Zimmer meines Großvaters und meinen Vater sehen würde. Doch ich wurde enttäuscht. Die fremde Umgebung, die ich erblickte, als ich die Augen öffnete, trug nicht dazu bei, mir meine Angst zu nehmen, sondern ließ sie im Gegenteil noch anwachsen. Mein Herz schlug wie wild und ich zitterte.

Da spürte ich mit einem Mal ein zartes Vibrieren in meiner Hand, das sich auf meinen ganzen Körper übertrug und meinen Herzschlag beruhigte. Ich sah an mir herunter und erinnerte mich, wie der Gegenstand, den ich in die Hand genommen hatte, zu einem Schwert geworden war. Ich war verwirrt. Was war danach geschehen? Wo war ich jetzt? Dies galt es herauszufinden, wenn ich wieder nach Hause kommen wollte.

Ich erinnerte mich daran, was mein Großvater mich gelehrt hatte:

„Wenn du dich verirrt hast, betrachte genau deine Umgebung und orientiere dich am Stand der Sonne. Du musst die Himmelsrichtungen bestimmen und dir dann einen Bach, einen Fluss oder einen Weg suchen, dem du folgen kannst.“

Ich beschloss, seine Worte in die Tat umzusetzen, stand auf und sah mich um.

Ich befand mich auf einer Anhöhe, die mit hohem Gras bewachsen war. Sie fiel auf einer Seite sanft ab und endete an einem Fluss, der ruhig dahinströmte. Das Licht der Sonne spiegelte sich in ihm. Ich drehte mich langsam um mich selbst, um mehr über meinen Standort herauszufinden. Der Rest der Umgebung war mit Bäumen bewachsen, die hoch in den Himmel ragten und sich im Wind wiegten. Undurchdringlich und kalt wirkte dieser Wald und ich hatte das Gefühl, aus dem dichten Gebüsch an seinem Rand beobachtet zu werden. Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken.

Der Wind wurde stärker und ich hörte das Rauschen in den Wipfeln der Bäume. Das Geräusch beruhigte mich ein wenig und meine Gedanken wurden klarer. Noch einmal drehte ich mich um mich selbst und erkannte, dass ich diese Gegend schon einmal gesehen hatte, wenn mir auch nicht sofort einfiel, wo. Ich blinzelte. Ungefähr in der Mitte zwischen mir und dem Waldrand stand eine hohe Tanne, die alle anderen Bäume überragte. Ich kratzte mich am Kopf und sah zum Fluss. In der Mitte ragte ein muschelförmiger Felsen aus dem Wasser und ein Stück weiter flussabwärts war ein Baum umgeknickt, dessen Zweige in den Strom hingen. Da fiel es mir ein. Genau diese Landschaft war auf einem der Bilder zu sehen, die im Zimmer meines Großvaters hingen.

Diese Erkenntnis war zu viel. Nun verstand ich überhaupt nichts mehr. Tränen schossen mir in die Augen. Wie kam ich in diese Gegend, die aussah wie ein Gemälde im Zimmer meines Großvaters? Ich fiel auf die Knie und ließ meinen Tränen freien Lauf. Nach einigen Minuten beruhigte ich mich wieder und besann mich auf die Worte meines Großvaters. Um nach Hause zu kommen, musste ich zunächst einmal feststellen, in welche Richtung ich mich bewegen sollte. Ich überlegte angestrengt. Mit Hilfe meiner Armbanduhr und dem Stand der Sonne würde ich die ungefähre Himmelsrichtung bestimmen können. Warum war ich nicht sofort darauf gekommen?

Ich schaute nach der Sonne und dann auf mein Handgelenk, aber dort war keine Uhr. Dabei war ich mir sicher, dass ich sie angelegt hatte. Oder hatte ich sie in die Tasche meiner Jeans gesteckt? Ich wollte in die Hosentasche greifen, aber zu meinem blanken Entsetzen trug ich keine Jeans, sondern eine weiße Hose, die in schwarzen, bis an die Knie reichenden Schaftstiefeln verschwand. Dazu ein langes schwarzes Hemd, das mit Silberfäden durchwirkt war. Um meine Taille war ein schwarzer Ledergürtel gewunden, an dessen linker Seite eine Scheide hing, die für das Schwert, das ich noch in meiner Hand hielt, wie geschaffen schien. Ich steckte es hinein und spürte, wie vertraut es sich anfühlte. Ich setzte mich auf einen Stein und überlegte. Da war ich jetzt, irgendwo in einer Gegend, die ich nicht kannte, mit einem Schwert an der Seite und gekleidet wie ein Schauspieler in einem schlechten Film. Irgendetwas musste mir einfallen. Ich schluckte und verspürte einen quälenden Durst. Ich erinnerte mich an den Fluss und beschloss, mich auf den Weg dorthin zu machen. Das Wasser sah aus, als ob man es trinken könnte. Danach wollte ich seinem Lauf folgen, um entlang des Ufers nach einem belebten Ort zu suchen. Und wer weiß, dachte ich, möglicherweise gab es ja dort ein Telefon, von dem aus ich meinen Vater anrufen konnte.

Als ich dem schmalen Weg hinunter zum Flussufer folgte, fiel mir auf, dass irgendetwas an dieser merkwürdigen Umgebung nicht stimmte – es war zu ruhig. Ich blieb stehen und lauschte angestrengt, aber keinerlei Geräusche drangen an mein Ohr. Obwohl rings um mich herum ein dichter Wald wuchs, waren keine Vögel zu hören, nur das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln. Von den Ausflügen mit meinem Großvater kannte ich die Geräuschkulisse des Waldes nur zu gut: Vogelzwitschern, das Klopfen eines Spechtes, das Gesumm von Insekten. Nichts von alledem war zu hören, auch nicht die Ausläufer von menschlichen Geräuschen, wie etwa Motorengedröhn oder Flugzeuge. Ich sah nach oben. Entgegen meiner Hoffnung waren keinerlei Kondensstreifen zu sehen. Es war, als wäre ich in der Zeit zurückgereist. Konnte das sein? Die Kleidung würde dazu passen. Aber das Fehlen der natürlichen Geräusche verwirrte mich. Ich schüttelte den absurden Gedanken ab. Zunächst musste ich meinen mittlerweile brennenden Durst stillen und so setzte ich meinen Weg fort.

Am Fluss angekommen kniete ich mich nieder. Vorsichtig schöpfte ich eine Handvoll Wasser und roch daran. Bei uns roch das Wasser nach Chemie oder Chlor, manchmal auch faulig. Aber dieses Wasser war absolut geruchlos. Es war kristallklar, nicht trübe wie das Wasser, das ich aus unseren Bächen kannte. Vorsichtig trank ich einen Schluck. Es schmeckte frisch und war angenehm kühl. Ich trank, bis mein Durst gestillt war.

Gerade wollte ich mich auf den Weg machen, als ein leises Geräusch hinter mir mich herumschnellen ließ. Für einen Moment war ich starr vor Schreck. Vor mir standen fünf Männer und sahen mich neugierig an. Sie waren genauso gekleidet wie ich. Ihre Haare waren lang und silbern, so wie es die Haare meines Großvaters gewesen waren. Auf merkwürdige Art und Weise sahen sie ihm alle sehr ähnlich.

Keine der Gestalten sagte ein Wort. Aber sie benahmen sich auch nicht feindselig. Ich kratzte mich am Kopf und erschrak erneut. Statt meines Igelschnittes fühlte ich lange Haare. Wieso hatte ich das bisher nicht bemerkt? Ich zog ein paar Strähnen vor meine Augen. Silber, dachte ich, klar. Warum auch nicht? Ich musste träumen. Nur im Traum kann einem so etwas passieren. Ich riss an den Haaren, um wach zu werden, doch das führte nur dazu, dass ich eine Handvoll davon in der Hand hielt und mir vor Schmerz die Tränen in die Augen schossen. Also war es kein Traum. Die fünf Männer sahen mich weiter an, kein Muskel regte sich in ihren Gesichtern. Fast schien es, als hätten sie mit mir gerechnet. Ich machte einen Schritt auf sie zu.

„Ähm … also … Entschuldigung!“, stammelte ich.

Was sollte ich sagen? Die Männer würden mit Sicherheit in Gelächter ausbrechen, wenn ich meine Geschichte erzählte. Aber zu meiner Überraschung beugten sie alle ihr rechtes Knie, ließen sich darauf nieder und neigten die Köpfe. Der Mann in der Mitte sah mich wieder an und sagte:

„Wir heißen Euch willkommen, Großer Brunn! Nun ist die Zeit der Erlösung angebrochen!“

4. Kapitel

imageie vom Blitz getroffen stand ich da. Was sollte denn das schon wieder? Wer waren diese Männer und was wollten sie von mir? Und warum knieten sie alle vor mir? Ich wurde wütend und schrie sie an.

„Verdammt noch mal. Wer seid ihr? Was wollt ihr? Und wo, zum Teufel, bin ich hier? Ich will sofort wieder nach Hause!“

Die fünf Männer sahen mich nur schweigend an. Langsam reichte es mir! Irgendetwas in mir setzte aus. Es war, als hätte ich einen Kurzschluss im Hirn. Ich konnte mich nicht beherrschen und begann zu lachen.

„Also, Leute, jetzt hört mir mal gut zu. Das Ganze muss eine Verwechslung sein. Mein Name ist Michael. Von einem großen Brumm oder so habe ich noch nie gehört. Der bin ich mit Sicherheit nicht. Also lassen wir das hier jetzt. Ihr sagt mir, wie ich wieder nach Hause komme und wir vergessen den ganzen Vorfall, okay?“

Immer noch schweigend knieten sie im Halbkreis vor mir. Mich beschlich eine dunkle Ahnung, dass möglicherweise doch keine Verwechslung vorlag, sondern dass diese Sache irgendwie mit der Truhe und diesem Schwert zusammenhängen könnte. Ich atmete tief ein.

„Nun gut, ihr seid also der Meinung, ich wäre euer großer Retter oder Erlöser oder was auch immer. Aber um das klarzustellen: Ich bin nicht groß, kein Retter und erst recht kein Erlöser. Also hätte vielleicht jemand die Güte, mir zu verraten, was hier eigentlich los ist?“

Aber die fünf Männer reagierten immer noch nicht. Stumm, mit versteinerten Mienen knieten sie da wie fünf Statuen. Wieder schossen mir Tränen in die Augen und ich flüsterte:

„Bitte, sprecht mit mir. Sagt mir, was ihr wollt. Ich will doch nur nach Hause.“

 Der Mann, der mich angesprochen hatte, stand auf, trat zu mir und legte seinen Arm um meine Schultern.

„Großer Brunn“, erklang seine beruhigende Baritonstimme, „wir verstehen Eure Verwirrung, aber es ist nicht unsere Aufgabe, Euch zu erleuchten. Es ist uns nicht erlaubt. Nur so viel dürfen wir verraten:

Ihr seid das letzte Glied einer langen Kette, und Ihr seid dazu bestimmt, genau wie Eure Vorfahren es waren, einen Kampf zu führen, der uns unseren Frieden zurückgibt. Es gibt nur einen Unterschied: Ihr seid der Letzte, der Erlöser. Ihr seid derjenige, der die Macht hat, diesen ewigen Kampf für immer zu beenden. Aber mehr darf ich Euch nicht verraten, dazu ist jemand anderes ausersehen.“

Er sah mir tief in die Augen und ich konnte erkennen, dass er seine Worte mit Bedacht gewählt hatte. Nach einer kurzen Pause redete er weiter.

„Doch nun kommt, Ihr seid sicher hungrig und durstig. Lasst uns gemeinsam essen und trinken, denn wir müssen bald aufbrechen. Es ist nicht gut, nach Anbruch der Dunkelheit noch unterwegs zu sein und Guyana erwartet uns bereits.“

Die anderen vier Männer erhoben sich schweigend. Ich zögerte. Sollte ich mit den Fremden mitgehen? Diese Männer waren mir auf der einen Seite unheimlich, auf der anderen Seite kamen sie mir seltsam bekannt vor. Konnte ich ihnen trauen? Ich war alleine, ratlos, verzweifelt und hatte keine Ahnung, wo ich war oder wie ich nach Hause kommen sollte. Waren diese Männer der Schlüssel? Konnten sie mir helfen? Oder wollten sie mir etwas antun? All diese Gedanken rasten mir durch den Kopf. Mir wurde klar, dass ich alleine verloren war und dass diese Männer, wenn sie mir etwas Böses gewollt hätten, dies sofort hätten tun können. Also fasste ich den Entschluss, mich ihnen anzuschließen, aber wachsam zu bleiben.

Gemeinsam gingen wir ein Stück flussabwärts, bis wir an einer Stelle, die mit dichtem Schilf bewachsen war und die man von keiner Seite her einsehen konnte, sechs Pferde fanden. Der Mann, der bisher als einziger geredet hatte, erklärte mir mit knappen Worten, dass wir mit diesen Tieren in das Dorf reiten würden. Er war etwa eine Handbreit größer als ich, mit breiten Schultern und muskulösen Armen. Auch die anderen Männer hatten ungefähr seine Größe, ihre Gesichtszüge waren herb und alle hatten die gleichen silbergrauen langen Haare. Ihre Augen waren wie meine dunkelblau. Ihre Bewegungen ließen eine Kraft erahnen, die sie nur mühsam zügeln konnten. Nur in ihrem Alter unterschieden sie sich. Den Ältesten schätzte ich auf über siebzig Jahre alt, den Jüngsten auf etwa vierzig.

Die Männer schienen sich ohne Worte zu verstehen. Einer holte einen Beutel, aus dem er Proviant nahm, ein anderer verteilte Geschirr, ein Dritter schöpfte Wasser aus dem Fluss. All dies geschah, ohne dass jemand ein Wort sagte.

Wir ließen uns nieder und man gab mir Brot, etwas Käse und Wasser. Mit Heißhunger machte ich mich über diese einfache Mahlzeit her. Mir war, als ob ich seit Tagen nichts mehr gegessen hätte. Frisch gestärkt erwachte auch meine vorübergehend eingeschlafene Neugier wieder, und ich wandte mich an den Mann, den ich als Anführer eingeordnet hatte.

„Darf ich Euch eine Frage stellen?“

Er nickte leicht zum Zeichen seines Einverständnisses. Ich sah ihm in die Augen.

„Würdet Ihr mir Euren Namen und die Namen Eurer Begleiter verraten?“

„Mein Name ist Korya und ich bin zur Zeit der Anführer dieser Gruppe, wie Ihr wahrscheinlich bereits erkannt habt.“

Er deutete nacheinander auf die anderen vier Männer:

„Dies sind Grymna, Bryan, Simon und Julian. Möchtet Ihr noch etwas wissen, bevor wir aufbrechen?“

Ich überlegte. Ich hatte noch sehr viele Fragen, aber ich spürte, dass jetzt nicht die richtige Zeit dafür war, zu viele Antworten von Korya einzufordern. Ein Gedanke jedoch brannte mir auf der Seele.

„Ihr habt den Namen Guyana genannt. Wer ist das? Wird sie mir verraten, was hier gespielt wird?“

Ich hatte eine leise Ahnung, dass diese Guyana das Sagen hatte und sie mir demnach verraten könnte, um was es hier ging oder, was noch wichtiger war, wie ich wieder nach Hause käme. Zudem drängte sich mir ein Verdacht auf, der jedoch so absurd schien, dass ich ihn gleich wieder verwarf: Ich hatte den Namen Guyana bereits gehört, bevor ich hierhergekommen war. Mein Großvater hatte meine Mutter so genannt. Konnte es sein, dass Guyana meine Mutter war?

„Großer Brunn, dies waren zwei Fragen, und es ist mir nicht erlaubt, Euch eine Antwort geben. Nur einige Kleinigkeiten kann ich Euch anvertrauen, die Euren Wissensdurst jedoch nicht befriedigen, sondern Eure Neugier nur noch mehr anstacheln werden. Ihr würdet Guyana wahrscheinlich als Zauberin bezeichnen, aber das ist kein treffender Ausdruck, da sie mehr ist als das – sie ist Priesterin und Heilerin. Sie stammt aus dem Geschlecht der Sodinas und wurde auf Avalon geboren. Sie führt uns durch die Zeit, bis sich die Prophezeiung mit diesem letzten Kampf, auf den wir seit vielen Generationen warten, erfüllen wird.

Nun seid Ihr endlich gekommen. Und Guyana wird Euch alle Fragen beantworten.“

Er warf einen Blick auf seine Gefährten und dann in den immer dunkler werdenden Himmel. Rötlich schimmernde Wolken zogen auf und türmten sich immer höher. Hinter ihnen war ein unheimliches Leuchten zu sehen, aber es waren keine Blitze oder ein Wetterleuchten. Ich fragte Korya nach dem Ursprung dieses Phänomens.

„Das Licht, das Ihr dort seht, kommt vom schwarzen Schloss. Es erhellt weder den Tag noch ist es ein Wegweiser. Es ist ein Signal für finstere Mächte, sich zu versammeln.“

Ich wollte noch fragen, was es mit diesem Schloss für eine Bewandtnis hatte, aber Korya schnitt mir das Wort ab.

„Lasst uns aufbrechen. Nur der Törichte trödelt in einer Zeit, in der die Gefahr allgegenwärtig ist.“

Die anderen hatten mittlerweile alle Sachen wieder verstaut und ich kam mir undankbar vor, da ich keinen Handschlag getan hatte. Aber es schien für die Männer selbstverständlich zu sein und ich hatte den Verdacht, dass man mich gar nicht helfen lassen wollte.

Bei den Pferden angekommen, hielt mir Korya die Zügel eines der Tiere hin. Es war ein braunes Pferd mit weißen Fesseln und einem ebenfalls weißen Fleck auf der Stirn. Der Sattel war aus schwarzem Leder, genau wie das Zaumzeug. Das Pferd sah mich an und schnaubte leise. Ich hielt ihm die Hand hin und es stupste sie leicht an. Es schien ein gutmütiges Tier zu sein. Korya beobachtete mich.

„Ich nehme an, Ihr könnt reiten?“

Ich nickte. Mein Großvater hatte mich immer zu den Reitstunden begleitet. Es war, als ob sich ein Teil in ein gewaltiges Puzzle einfügte. Ich konnte das Gesamtbild noch nicht erkennen, aber ich begriff, dass vieles in meinem Leben einen anderen Sinn zu haben schien, als ich bislang gedacht hatte.

„Wir haben Euch erwartet, als wir die Zeichen am Himmel sahen, und brachten das Pferd für Euch mit.“

Ich sah Korya an.

„Welche Zeichen?“

„Später. Lasst uns reiten, wir müssen uns beeilen.“

Wir saßen auf und ich ritt zwischen den anderen in Richtung der untergehenden Sonne.

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