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Das Schwein sieht Gespenster

Joseph Caldwell

Das Schwein sieht Gespenster

Roman

Aus dem Amerikanischen von Irmhild und Otto Brandstädter

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Inhaltsübersicht

Anmerkung des Autors

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

 

Für meine Mutter,

ob erzürnt oder erfreut,

stets hieß es bei ihr:

»Sankt Patrick sei Dank!«

Anmerkung des Autors

Der Leser stelle sich bitte vor, dass die Personen in dieser Erzählung, wenn sie unter sich sind, Irisch sprechen, die Muttersprache derjenigen, die in der Grafschaft Kerry in Irland leben, in der die Handlung spielt. Die Redeweise, wie sie hier wiedergegeben wird, beruht auf dem amerikanischen Englisch. Die handelnden Personen bedienen sich des Englischen, sowie jemand zugegen ist, der des Irischen nicht mächtig ist.

 

»Ende gut, alles gut«

William Shakespeare,

berühmter irischer Stückeschreiber

Kapitel 1

Aaron McCloud, ein relativ junger amerikanischer Schriftsteller, den bislang weder Anerkennung noch Vermögen aus der Bahn geworfen hatten, war nach Irland gereist, in die Grafschaft Kerry, an den Rand der Westlichen See. Dort wollte er sich dem Weltschmerz hingeben, weil eine unattraktive Frau sich weigerte, ihm in seiner Einbildung zu Willen zu sein, dass er das Objekt ihrer unsterblichen Liebe werden müsste. Dann aber hatte er sich – noch ehe sein Seelenschmerz wirkliche Gestalt annehmen konnte – vermittels der unerklärlichen Dienste eines launischen und exzentrischen Schweins in eine ungemein attraktive Schweinehirtin aus Kerry, Lolly McKeever mit dem rotbraunen Haar, verliebt und sie infolgedessen geheiratet. Daraufhin, um ihn weiter aus seiner amerikanischen Umwelt zu lösen, hatte Lolly, vermutlich durch eine Osmose, die sich aus der uralten Vorstellung herleitete, dass in der Ehe beide Teile zu einem verschmelzen, den Entschluss gefasst, Schriftstellerin zu werden, und es Aaron überlassen, ihre Schweine zu mästen.

Das hatte er getan und sogar eine gewisse Genugtuung dabei empfunden, denn er gewann die Erkenntnis, dass zwischen Schweinezucht und Romanschreiben weit mehr Gemeinsamkeiten bestanden, als er vermutet hatte: bedingungslose Hingabe, nie erlahmende Selbstdisziplin, ungewisses Endergebnis und schließlich die nicht vorhersehbaren Erfolgsaussichten, wenn es darum ging, das Produkt zu vermarkten.

Für Aaron, den Schweinezüchter, war dieser Tag gekommen. Und er war zu dem möglicherweise größten Triumph seines Erwerbslebens geworden. Er saß neben seiner angebeteten Ehefrau in dem nun leeren Lastwagen, den sie durch die engen Landstraßen der Grafschaft Kerry lenkte, und wusste nicht, wie er das Glücksgefühl eindämmen sollte, das ihn durchströmte. Der Verkauf der Schweine, die dank seiner Mühen prachtvoll gediehen waren, hatte einen Gewinn erbracht, der selbst die Erwartungen seiner Frau weit überstieg.

Die beiden Romane, die er im Laufe seiner zweiunddreißig Lebensjahre geschrieben hatte, waren zwar nicht unbemerkt geblieben, hatten aber nicht im Entferntesten die Summe abgeworfen, die der Schlachthof soeben herausgerückt hatte. Ein solches Ergebnis hatte er sich schon immer herbeigesehnt. Ein paar leidlich günstige Buchbesprechungen und ein wenig bekannter Preis waren gut und schön, aber seine Mühen – sei es als Schriftsteller oder als Schweinezüchter – derart extravagant belohnt zu sehen, rief in ihm eine rückschauende Befriedigung hervor, wenn er an all die mit den Schweinen verbrachten Tage und Nächte dachte. Oft genug hatte Fehlschlag gedroht, bei der Stange zu bleiben, war die einzige Belohnung gewesen, und die Aussichten, die der Markt bot, waren steter Quell unerträglicher Befürchtungen.

Eine just an dem Morgen eingetroffene E-Mail von einer literarischen Agentur in Dublin erhöhte seine Euphorie – eben die Frau hatte sie geschrieben, die Aarons irische Tante Kitty, gleich ihm eine Romanverfasserin, zu Höhen öffentlichen Ruhms geführt hatte, zu einem Gipfel, den Aaron in selbstverblendeten Momenten als nur ihm zukommend gewähnt hatte. Den Gedanken, dass seine Frau so hoch aufsteigen könnte wie seine Tante, hatte er tapfer, wenn auch nicht immer erfolgreich zu unterdrücken versucht. Doch diese Furcht erwies sich, gottlob! als unbegründet. Die Agentin hatte sich zu Aarons Schadenfreude, die ihn selbst beschämte, reichlich unverblümt geäußert.

»Lolly McKeever«, begann die E-Mail (Lolly hatte das Manuskript unter ihrem Mädchennamen eingereicht, denn mit Kitty McCloud wollte sie nicht verwechselt werden), »ich habe den Roman, den Sie mir freundlicherweise zugesandt haben und der Ihnen auf dem Postwege bald wieder zugehen wird, mit einigem Interesse gelesen. Zweifelsohne ist im letzten Jahrhundert und wahrscheinlich auch in den Jahrhunderten davor noch nie eine derart rückwärtsgewandte Geschichte über Irland und über die Iren von einem Bürger dieses Landes geschrieben worden. Eine Burg, in der es spukt? Was haben Sie sich dabei gedacht? Und die Geister sind tatsächlich vorhanden, wie Sie uns glauben machen wollen. Ihr Erscheinen wird nicht einmal als die Ausgeburt eines fiebergeschüttelten Hirns entschuldigt. Vielleicht werden Sie demnächst über Kobolde und Erdmännlein und über Töpfe voll Gold und Hexen und Seher und im Inneren der Erde verborgene Königreiche schreiben. Verzeihen Sie – oder besser, verzeihen Sie nicht –, denn so viel muss gesagt werden, Sie haben Ihre Heimat und alle Menschen, die dort leben, entehrt. Und Ihre Haltung zur anglo-irischen Grundbesitzerschicht? Kann man die Vergangenheit nicht Vergangenheit sein lassen? Sollen wir uns über Missetaten aufregen, die vor unendlich vielen Jahren verübt wurden? Haben wir uns das ewige Wehklagen über das Unrecht, das unseren verblichenen Vorfahren angetan wurde, nicht längst abgewöhnt? Erlauben Sie mir bitte, eine Art Erklärung für Ihre fehlgeleiteten Bemühungen anzuführen. Man hat mich unterrichtet, dass Ihr Gatte, Aaron McCloud, Neffe der schätzenswerten Kitty McCloud, Amerikaner ist und Schriftsteller sein soll. Ich habe den Verdacht, dass er, nicht Sie, dieses verabscheuungswürdige Machwerk verfasst hat. Niemand, der in Erin geboren ist, kann so wenig von dem wissen, was Irland ist und wer die Iren sind. Nur ein Amerikaner irischer Abstammung – der sich immer noch in Beschimpfungen ergeht, die längst lächerlich geworden sind – kann es wagen, die heutige irische Denkweise zu verunglimpfen, indem er behauptet, Geister streifen im Lande umher und werden von Menschen akzeptiert, die ihre Bildung in irischen Schulen genossen haben und im modernen Irland aufgewachsen sind. Nur ein Amerikaner, dessen Familie in weit zurückliegenden Tagen Irland aufgegeben hat, ist imstande, sich empört gegen die Engländer aufzuplustern, mit denen wir uns nun ausgesöhnt haben, abgesehen von ein paar verbohrten Katholiken im Norden. Die Briten sind schließlich unsere wichtigsten Handelspartner geworden und bieten einen aufnahmebereiten Markt für irische Exporte. Ich hoffe aufrichtig, diese Entlastung, diese Schuldzuweisung an Ihren amerikanischen Gatten ist, um Ihretwillen, zutreffend. Jedenfalls möchte ich das in aller Wohlgesonnenheit annehmen.

Und noch etwas: Ich empfehle, dass Ihr Mann alle literarischen Ambitionen fahren lässt, und fordere Sie auf – eine geborene Irin, die gewiss eigene Geschichten zu erzählen weiß –, seinen Platz am Computer einzunehmen, während er ein für alle mal das Schweinehüten übernimmt. Die Zukunft der irischen Literatur macht das notwendig. Freundlichst, Fiona O’Toole.«

Während ihrer Zeit als Schriftstellerin hatte Lolly zwar nicht all ihren Frohsinn verloren, war aber eines ansehnlichen Teils des für sie charakteristischen Vergnügens an Alltagskatastrophen verlustig gegangen. Unsicherheit und Zweifel wie auch Befürchtungen um ihre Selbstständigkeit waren für sie völlig neue Gefühle, mit denen sie nicht zurechtkam und die sie schon gar nicht zu unterdrücken vermochte. Nur, wenn sie mit fröhlicher Ungeduld Aaron in den Freuden des Schweinefütterns unterwies, hatte sie ihr altes Selbstwertgefühl wiedergewonnen. Dank Ms O’Tooles Brutalität durfte ihre Rückverwandlung nun dauerhafte Formen annehmen.

Anstatt die Worte dieser Frau als blindes und unwissendes Gezeter einer offensichtlich inkompetenten Person abzutun – eine Reaktion, zu der Aaron mehr als einmal geneigt war –, hatte Lolly mit ungezügeltem Vergnügen von ihrem Mann verlangt, ausgewählte Passagen laut zu wiederholen, wodurch ihre Ausgelassenheit nur angefeuert und ihr schrilles Lachen verstärkt wurden. Enttäuscht war sie jedoch, dass Ms O’Toole es versäumt hatte, die Auflösung des Plots gehörig niederzumachen: nämlich sich der Geister zu entledigen, indem die Burg gesprengt wird. Diese absurde Lösung des Konflikts hatten ihr Kitty und ihr Mann Kieran vorgeschlagen, als Lolly sich an sie um Rat gewandt hatte, wie sie das ganze Debakel zu einem vertretbaren Abschluss bringen könnte. Und wie um noch eins draufzusetzen, kamen sie mit der Idee, das Schießpulver sei bereits in den Steinplatten im Boden der Großen Halle der Burg eingelagert. Dieser Mangel an Erfindungsgabe hatte Lolly verstört, doch unerfahren wie sie war, hatte sie getan, was man ihr gesagt hatte. Warum hatte sich die Agentin nicht zu diesem offensichtlichen Versagen künstlerischer Einbildungskraft geäußert?

Doch als Lolly Aaron aufforderte: »Lies den Absatz noch mal, wo sie schreibt, du musst es gewesen sein, der den Roman verfasst hat. Den Absatz meine ich«, da hatte er nur geantwortet: »Nein, danke, einmal reicht.«

Während sich die Fahrt hinzog, wuchs das Unbehagen, das bereits seit einiger Zeit an seinem gegenwärtigen Zufriedensein nagte. Da sie nun die Schweine abgeliefert hatten, die so prachtvoll infolge seiner Mühewaltung gediehen waren, und nach dem unbeweinten Hinscheiden des erbarmungslos verrissenen Romans würden er und Lolly zu ihren vorher ausgeübten Tätigkeiten zurückkehren; er an seinen Computer, sie zu ihren Schweinen. Warumernichtsoscharfdaraufwar, seineschriftstellerische Laufbahn fortzusetzen, war ein Thema, das er lieber nicht näher untersuchte. Er wollte, soweit es nur irgend ging, den Triumph des heutigen Tages auskosten, wobei er sich das nicht genauer formulierte Versprechen gab, der Quelle seines Unbehagens zu gestatten, sich zu einem von ihm bestimmten Zeitpunkt zu offenbaren – der, wenn er Glück hatte, nie eintreten würde.

Ob es nun mit Absicht geschehen war oder sich nur zufällig so ergeben hatte, aus den Plätzen, die sie vorn im Laster einnahmen, ließ sich der Rollentausch ableiten, der sich gerade vollzog. Auf dem Wege zum Markt, mit den Schweinen an Bord, war Aaron gefahren. Nun, während sie ohne ihre Fracht zurückkehrten, saß Lolly am Steuer.

Sie hatten bereits eine ziemliche Strecke zurückgelegt, als Aaron aufging, dass sie nicht geradewegs nach Hause fuhren, wo die überlebenden Schweine gewiss schon protestierten, weil ihre Fütterungszeit überschritten war. Sie waren nicht auf der Straße neben den zur See abfallenden Klippen, sondern hielten auf die Stelle zu, an der das Haus von Aarons Tante Kitty gestanden hatte. Statt seiner wies die Uferlandschaft nun eine Aushöhlung auf, in der die Wogen aufschäumten. Das Haus, der Garten, der Weidegrund und ein leeres Grab waren von der unerbittlichen See hinabgezogen und verschlungen worden.

»Wo fahren wir eigentlich hin?«, fragte er.

»Wirst du schon sehen, wenn wir angekommen sind.«

»Du fährst dahin, wo das Haus stand. Soviel weiß ich.«

»Wenn du es weißt, brauche ich es dir ja nicht noch einmal zu sagen.«

»Aber warum willst du da hin?«

»Ist doch klar. Weil ich es eben will.«

»Da ist doch überhaupt nichts mehr. Nur die Klippen und das Meer, nicht einmal den Grund und Boden, auf dem das Haus stand, gibt es noch.«

»Wenn dort nichts ist, warum hast du was dagegen?«

»Ich hab nichts dagegen. Ich wundere mich bloß.«

»Vielleicht habe ich auch gar keinen Grund.«

»Du hast immer einen Grund.«

»Für alles gibt es ein erstes Mal.«

Als ihr Mann es aufgab, weitere Fragen zu stellen, hielt Lolly es für angebracht, ein bisschen zu sticheln. »Ich muss dir doch nicht immer alles sagen. Kann ich nicht einmal auch was für mich behalten?«

»Okay, okay.«

Sie kamen der Küste näher. Aaron richtete sich auf dem Beifahrersitz auf und studierte das Gesicht seiner Frau im Rückspiegel. Sie war wunderhübsch wie immer. Jetzt glättete sie eine Augenbraue, was gar nicht nötig war. Sie kräuselte die Lippen und entspannte sie wieder. Sie waren wie stets voll und schwellend. Kein Mann war so vom Glück verwöhnt wie er. Dann schaute er wieder geradeaus. Das war die Frau, die ihn liebte. Ihn, Aaron McCloud. Sie direkt fragen, was sie für ihn empfand, wollte er nicht, und so sagte er lediglich: »Zieht es dich dahin, wo wir uns eingestanden, dass wir ineinander verliebt sind? Ist es das?«

Ein knappes »Nein« war die Antwort.

»Willst du sehen, ob etwas vom Haus wieder ans Ufer gespült wurde?«

»Sag ich dir nicht.«

»Dann eben nicht.«

»Mach ich sowieso nicht.«

»Ist mir auch recht.«

»Mir ebenso.«

»Also lassen wir’s.«

Mit so viel Gleichmut, wie er aufbringen konnte, blickte Aaron durchs Seitenfenster. Sie fuhren auf einer schmalen Straße, die auf den Weg stoßen würde, der sich am Rand der Klippe hinschlängelte. Das war auch die Begrenzung des McCloud-Besitzes gewesen, auf dem stolz ein Steinhaus gestanden hatte, zwei Stockwerke hoch, mit ordentlich eingerichteten Zimmern. Aus einigen Fenstern sah man auf eine Wiese, die bis an die steil zur See abfallende Klippe reichte. Nichts davon war mehr vorhanden, die Wiese war im Laufe der Jahre Stück für Stück abgebröckelt, und das Haus selbst war schließlich wie ein riesiger Happen im Schlund der See verschwunden – und bei der Gelegenheit hatten Lolly McKeever und Aaron McCloud sowie Kieran Sweeney und Kitty McCloud sich ihre Liebe eingestanden. Im Moment, da sie von dem Haus und seiner vertrackten Geschichte befreit waren, vermochten sie, in ihre Herzen zu blicken, und zu ihrer Überraschung fanden sie eine Glut, die unauslöschlich ihr Leben in alle Ewigkeit durchglühen würde. Jedenfalls hofften sie das, erwarteten es.

Zu erwähnen bleibt noch, dass nicht nur die restliche Wiese und das prächtige Steinhaus von den Wogen verschlungen wurden und mit ihm all die Gerätschaften und der ganze Hausrat, der sich bei den McClouds von Generation zu Generation angesammelt hatte. Im Haus befand sich zum Zeitpunkt, da die sich auftürmenden Wasser und der tosende Sturm das Chaos geschaffen hatten, ein aufgebahrtes Skelett; es war angekleidet, wie es sich gehörte, und ruhte auf bestickten Kissen in einem Sarg aus glatt gehobelten Brettern. Die Knochen des Declan Tovey waren es, des Dachdeckermeisters und weithin umschwärmten Frauenverführers, den man ermordet und mit seinem Handwerkszeug im Garten von Aarons Tante vergraben hatte. Ein die Beete umwühlendes Schwein hatte die sterblichen Überreste zu Tage gebracht.

Der Mord war nie aufgeklärt worden. Die Identität des Mörders festzustellen, hatten Geständnisse in letzter Minute erschwert, die von nicht weniger als drei der Teilnehmer bei einer für den unseligen Mr Tovey abgehaltenen ruchlosen irischen Totenwache abgelegt wurden: nämlich Lolly McKeever, Aarons Tante Kitty und Kittys bald darauf geehelichtem Mann Kieran Sweeney. Einer nach dem anderen hatte für sich in Anspruch genommen, den Dachdecker ins Jenseits befördert zu haben, und dabei Motiv und Tathergang dargelegt. Aaron selbst, der vierte Teilnehmer an der Bestattungszeremonie, vermutete, konnte es aber nicht beweisen, dass ein jeder Grund hatte, den jeweils anderen in Schutz zu nehmen, und es somit unmöglich machte, den wahren Übeltäter zu ermitteln.

Sie dachten damals gar nicht daran, die Behörden hinzuzuziehen. Das Verbrechen ging nur Lolly, Kitty und Kieran etwas an, sonst niemanden. Wer hätte auch zur Gardaí gehen sollen und einen aus ihrem Kreis beschuldigen?

(Seit der Unterdrückung der Iren waren viele Jahre vergangen, doch hing dem Wort Informant noch immer ein Geruch an, der selbst dem rachsüchtigsten Verkünder des so flüchtigen Idols Gerechtigkeit den Mund verschloss.)

Zu erwähnen wäre ebenfalls, dass ein Aspekt der Zuneigung, die sich in der Hochzeit von Lolly und Aaron, später auch von Kieran und Kitty offenbarte, die Vorstellung war, dass man vielleicht einen Mörder heiratete. Das implizierte eine stillschweigende Vergebung im Ehebett, gewürzt mit einer Spur Mut, denn man würde sich für den Rest seines Lebens in eine äußerst gefährliche Situation begeben. Nacht für Nacht neben einem mutmaßlichen Mörder zu schlafen, ist tiefster Entspannung kaum förderlich, doch da alle Eheversprechen sich auf ein Risiko gründen, auf das nichts Ahnende, auf die tapfere Unterwerfung unter die Ungewissheit, warum sollte etwas so rührend Unbedachtes wie das Geständnis eines Mörders ein Hinderungsgrund sein? Überwindet Liebe nicht alles? Besteht sie nicht zum Teil aus einer Verlockung zum Geheimnisvollen und der damit einhergehenden Gefahr? Und so hatte jeder im anderen einen Zugewinn gefunden, in eben dem unberechenbaren Element, das andere hätte entmutigen können, die weniger bereit oder weniger fähig waren, einen größeren Radius an Möglichkeiten auszuschöpfen oder verworrene Gefühlsregungen bei der Wahl eines immerwährenden Partners in Kauf zu nehmen. Declan Tovey, der Tote, hatte das Unmögliche zuwege gebracht, zwei Paare zu vereinen, die so wenig zueinander passten wie etwa Leda und der Schwan oder Titania und der Esel.

 

Während der Laster dahinrumpelte, nahm Aaron zu seiner Linken Anzeichen wahr, die davon kündeten, wie sich Landschaft und Landleben in den letzten Jahren verändert hatten. Wohlstand hatte ganz Irland in eine Verjüngungskur getrieben. Ganze Dörfer mit Ferienhäusern waren entstanden, die nicht nur Urlaubsuchende aus dem Ausland anlocken sollten, sondern auch irische Stadtbewohner, denen bislang die Mittel versagt geblieben waren, sich in der angenehmen Gesellschaft der urwüchsigen Iren zu bewegen, die die Grafschaft Kerry so reichlich bot.

Ihrer Armut beraubt, mussten die Iren sich nun Veränderungen anpassen, die sie nicht weniger herausforderten als die errungene Freiheit, eher mehr. Dass ihnen sowohl Freiheit wie Wohlstand zugutekamen und dass sie sich beides wohl verdient hatten, stand außer Frage, das hieß aber auch, Veränderungen in Kauf zu nehmen. Aaron betrauerte keineswegs, dass seine Landsleute nicht länger von Armut und Not bedrängt waren. Er beobachtete voller Ungeduld, wie sie sich auf die neuen Bedingungen einstellten, er schwelgte geradezu in diesem Neuerwachen. Lolly hingegen hatte allen Grund, sich zu sorgen, ob ihre Schweinezucht nun nicht noch antiquierter wirkte. Würde die Lawine, die die Vergangenheit unter sich begrub, nicht auch ihre Unabhängigkeit auslöschen, deren Fahne über Mist und Gülle ihres geliebten Hofes flatterte? Würde diese widerborstig aufgepflanzte Standarte nicht wie ein schwacher Steckling ausgerissen werden, der mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden musste? Aaron hoffte inständig, dass es nicht so käme.

 

Eine Siedlung aus den zuvor erwähnten Ferienhäusern kam hinter der Biegung der Straße in Sicht. Außerdem tat sich ein weiteres entnervendes Spektakel auf. Neben einem Feld links waren Baufahrzeuge und sonstige Gerätschaften aufgereiht. Sie standen auf der Straße, die einst die Grenze des Grundbesitzes der McClouds markiert hatte. Mit Teer vermischter Kies wurde auf das verbreiterte Straßenbett gespien, und eine elefantengroße Dampfwalze rückte langsam, fast feierlich, auf der frisch asphaltierten Strecke vor. Zwischen Wiese und Straße verlief ein Graben. Aarons erster Gedanke war, wenn Gott die Iren noch immer liebte, müsste Er das Gerät in den Graben kippen, ehe weitere Verunstaltungen in Angriff genommen wurden. Doch schon stieg in ihm eine aus Heimatliebe geborene Sympathie für die dort Tätigen auf. Er wünschte denen, die im Schweiße ihres sonnengebräunten Angesichts ihr täglich Brot (und Rinderbraten und Stout und Fisch und Gemüse und Obst und Tarts) verdienten, nichts Böses. Diese Männer hatten Jobs. Sollten sich andere über Straßenarbeiter beschweren, Aaron McCloud jedenfalls nicht.

Das hinderte ihn aber nicht daran, seiner Frau zu sagen: »Wir müssen umkehren«, wobei er seine Erleichterung ob einer solchen Notwendigkeit nur schlecht verbergen konnte. »Wir können doch nicht auf die Straße fahren, auf der sie arbeiten.«

»Unfug. Wir steigen aus und gehen quer übers Feld zur Klippe hoch.«

»Und wie kommen wir über den Graben da links?«

»Ein Graben ist doch wohl kein Hindernis!«

»Der ist aber ziemlich breit, und Wasser ist auch drin.«

»Wer nass wird, wird auch wieder trocken«, meinte Lolly mit dem Gleichmut, der die Iren von alters her hat überleben lassen. Sie hielt das Fahrzeug an, machte die Tür auf, schwang die Beine herum und ließ sich auf die Straße gleiten. Wie um dem Nachdruck zu verleihen, was sie eben gesagt hatte, warf sie die Tür zu, ging vorn um den Wagen herum und stieg die Böschung hinunter. »Uuch! Ganz schön glitschig. Wird dir Spaß machen.«

Aaron war aus dem Laster gesprungen. »Wird mir bestimmt keinen Spaß machen!«

»Na, wenn schon. Dann wird’s eben dem Graben Spaß machen, und das wär ja auch was.« Sie stapfte durch die moddrige Grabensohle und kletterte die gegenüberliegende Böschung hoch. An ihren Schweinehüterstiefeln, die sie selbst während der Romanschreibetage immer getragen hatte, klebte jetzt dicker schwarzer Schlamm, der vermuten ließ, dass unter der geheiligten Erde Kerrys Öl schlummerte. Sowie sie festen Boden unter den Füßen hatte, rief sie ihm zu: »Schau, der herrliche Ginster! Komm, riech mal!« Sie brach einen der stachligen Zweige ab und hielt ihn sich an die Nase. »Nun komm schon!«, drängte sie ihn und streckte ihm den blütenübersäten Zweig entgegen. »Es lohnt sich wirklich.«

Aaron wollte seine Slipper nicht dreckig und erst recht nicht nass machen und hatte daher den Entschluss gefasst, einfach über den Graben zu springen. Der Sprung gelang auch, doch der feuchte Boden auf der anderen Seite würdigte seine athletische Leistung leider nicht. Kaum war er auf der durchweichten Böschung gelandet, rutschte erst sein linker, dann auch sein rechter Fuß hinab in den Modder, den er törichterweise hatte meiden wollen. Um ihn noch härter dafür zu betrafen, dass er sich geweigert hatte, zu tun, was der Graben verlangte, glitt er mit dem ganzen Körper den Abhang hinunter. Der Dreck haftete an seinem Hemd, den Hosen, den Händen und der Nasenspitze. Er hob den Kopf, doch seine Notlage rührte seine Frau herzlich wenig, sie bückte sich nur, hielt ihm den Ginster unter die Schmuddelnase und sagte: »Riech doch nur! Herrlich, nicht wahr?«

»Würdest du mir vielleicht mal hochhelfen?«

»Ach, du brauchst Hilfe? Ich habe keine gebraucht.« Sie lächelte in Erwartung dessen, was kommen würde. »Aber selbstverständlich, wenn du mich brauchst …« Aaron reckte eine Hand hoch. »Oh, die ist ja ganz dreckig. Wisch sie erst mal an der Hose ab. Du erwartest doch wohl nicht, dass ich mich selber völlig einsaue. So ist’s gut. Fass jetzt zu, aber reiß mich nicht mit runter. Ein in den Dreck gefallenes Familienmitglied ist mehr als genug.«

Schließlich ergriff sie seine Hand, zerrte ihn hoch und schubste ihn nicht ohne heitere Angriffslust in das Ginsterdickicht, das am Rande des Grabens wuchs. »So, das wär’s, du Tolpatsch. Muss ich dich zu Hause auch noch saubermachen? Toll. Siehst prima aus.«

»Wir hätten umkehren sollen.«

»Ist jetzt zu spät. Und dein Missgeschick muss sich schließlich auch lohnen.«

»Und wie kommen wir über die Straße da vorn? Der Teer ist noch frisch.«

»So, wie du aussiehst, macht ein bisschen Teer den Kohl auch nicht mehr fett.«

»Die werden uns nicht rüberlassen.«

»Wer soll denn da rübergelassen werden?«

»Na jeder. Die Arbeiter werden das nicht wollen.«

»Jeder? Wir sind nicht jeder. Los, komm!«

Sie stapften durch Ginster und Heidekraut. Der Teergestank überdeckte fast den Geruch der See. Auch konnten das Gebrumm und Gerassel der Straßenbaumaschinen das Getöse der Wellen nicht ganz übertönen, die sich gegen die Klippen warfen. Ehefrau und -mann kamen an einen Zaun und stiegen hinüber. Sie gingen an ein paar Schafen vorbei, die sie empört anblökten, weil jemand über ihre Weide lief, ohne ihnen ein, zwei Beutel Futter hinzustreuen. In die nächste Umzäunung war ein schmales Holzgatter eingefügt mit der Aufschrift VORSICHT! WÜ-TENDER BULLE. Das sollte wohl Unbefugte abschrecken, die nicht wussten, wie unsinnig eine solche Warnung war. Aaron marschierte frisch drauflos. Er rieb sich die Nasenspitze in der Hoffnung, das, was vom Graben daran hängen geblieben war, loszuwerden. Er hatte nur mäßigen Erfolg, denn nun klebte der Schlammbrocken an der Oberlippe. Er spuckte und musste wieder und wieder spucken.

Als sie sich der Stelle näherten, an der das Haus der McClouds gestanden hatte, gerieten sie dank einer Kurve in der Straße aus dem Blickfeld der Arbeiter und hüpften unbekümmert über den frischen Asphalt. An den Sohlen von Aarons verwöhnten Slippern und Lollys an Dreck gewöhnten Stiefeln blieb reichlich Splitt haften. Schließlich kletterten sie auf die aus Feldsteinen aufgeschichtete Mauer, wobei Aaron Lolly galant die verdreckte Hand reichte. Oben blieben sie stehen und schauten über die mit Steinwällen abgegrenzten Felder und die verbreiterte Straße bis zum Horizont im Westen, wo Meer und Himmel scheinbar nahtlos in einander übergingen. Lolly hatte nichts gegen eine Verschnaufpause einzuwenden und nahm die sie umgebende Welt in sich auf.

Dem Meer zugewandt, fragte Aaron in aller Ruhe: »Bist du hierher gegangen, weil du das Grab sehen wolltest, in dem Declan Tovey lag und in dem wir ihn noch einmal bestatten wollten, ehe die See kam und ihn zu sich nahm?«

So müßig war die Frage nicht. Lolly, Kitty und Kieran waren damals schon auf den Hof geeilt, während Aaron, abgesehen von dem Skelett, allein im Haus war, als die Stürme es zum Spielball machten, es rüttelten und schüttelten und zum Absturz brachten in die es mit offenen Armen empfangende See. Dass nur göttliches Eingreifen Aaron gerettet hatte, war nie bezweifelt worden. Es war ihm gelungen, durch die Gazetür, in die das Schwein ein Loch gerissen hatte, von der Küche in den Garten zu gelangen, wo besagtes Schwein auch das Skelett ausgebuddelt hatte. Dort, wäre nicht allein das schon Wunder genug gewesen, stieß ein angeschwemmtes Kanu, das man genauso gut für einen Hai halten konnte, den an allen Gliedern zitternden Mann in die Rippen. Ihm war gerade noch genug Kraft und Geschick gegeben, sich über die Bordwand zu hieven. Bereits im nächsten Moment hob ihn eine Woge, riss ihn mit sich zum Klippenabbruch und hinunter auf den Strand.

Lolly, Kitty und Kieran hatten das Schauspiel von oben auf der Klippe beobachtet, waren zuerst verzweifelt, dann ungläubig, schließlich voller Hoffnung und endlich verwundert – ihr Staunen schlug in überschäumenden Jubel um. Als der fast ertrunken geglaubte Aaron sich ans sichere Ufer gerettet hatte, hielt die göttliche Gegenwart lange genug an, um Kitty und Kieran und danach Aaron und Lolly Schwüre wahrer Liebe zu entlocken. Das alles geschah in Gegenwart des Schweins, wodurch der Vorgang auf einer gewissen Stufe des Unterbewusstseins gesetzlich legitimiert wurde und nie widerrufen werden konnte.

 

Lolly schaute hinüber zu den Bergen, den hohen abgerundeten Erhebungen zu ihrer Rechten, und grübelte, wie sie Aarons eben geäußerte Frage umgehen konnte. Ihr wollte jedoch nichts Treffendes einfallen. Ihre Schlagfertigkeit ließ sie im Stich. Sie wusste nichts Besseres als ein inhaltsloses »Was?« von sich zu geben.

»Schon gut«, meinte Aaron. »Du würdest es mir ohnehin nicht sagen wollen.«

»Woher weißt du das, wenn du gar nicht erst fragst?«

»Ich habe gefragt. Und du hast mir die einzige Antwort gegeben, die ich erwarten kann. Nämlich gar keine.«

Nebel kroch über die Gipfel der Berge. Lolly ergriff die Gelegenheit, um von dem von Aaron aufgeworfenen Thema abzulenken, und redete von dem, was sich vor ihren Augen tat. »Sieh nur. Der Nebel fällt, und wir werden bald ganz darin versinken.«

»Würde ja passen.«

»Du hast schlechte Laune. Wieso eigentlich?«

»Weil du sehen willst – aus Gründen, die du für dich behältst –, wo Declan Tovey begraben wurde.«

»Warum, um Himmels willen, sollte ich denn so was wollen?«

»Ganz einfach. Weil er dein Liebhaber war.«

»Er war Kittys Geliebter.«

»Und Kitty sagt, du warst in ihn verknallt.«

»Kitty McCloud ist, auch wenn sie deine Tante ist, keine glaubwürdige Informationsquelle, und schon gar nicht bei Dingen, die ihre früheren Abenteuer betreffen. Was sollte mir Declan Tovey? Ich hatte meine Schweine. Ich hatte meinen Beruf und habe dem alles gegeben, was ich hatte, ja mehr noch. Wie ich es bei allem mache, was mir wichtig ist. Das müsstest gerade du wissen. Das ganze vergangene Jahr hast du doch davon profitiert.«

Aaron überlegte kurz und schaute seine Frau groß an. »Ist das wahr? Ich hab geglaubt, das Allerwichtigste war dir dein Roman.«

»Wie kann einen Roman zu schreiben überhaupt wichtig sein?«

»Mir war das wichtig. Jedenfalls, als ich mich damit noch befasst habe.«

»Du bist ja auch Schriftsteller. Ich bin das nicht. Bloß weil ich einen Roman geschrieben habe, bin ich noch lange keine Schriftstellerin. Wie kann man einen Roman schreiben, wenn man nur halb bei der Sache ist?«

»Das tun mehr Leute, als du denkst.«

»Unfug. Deine Frau zu sein, hat mich mehr als alles andere beschäftigt, abgesehen natürlich vom Versorgen meiner Schweine. Du vor allem müsstest das nun wirklich wissen. Ich habe den Roman geschrieben, um mich ein bisschen zu entspannen, um mir ein bisschen Freizeit zu gönnen, damit ich wieder für das bereit sein konnte, was wir beide besser können als sonst jemand in der Welt.«

»Ist das wahr?«

»Wer könnte das besser beurteilen als du?«

Aaron schwieg, nickte dann. »Stimmt. Wenn du das sagst, ist es wohl so.«

»Ich habe es gesagt, eben jetzt.«

»Und ich habe es gehört.«

Der sich niedersenkende Nebel hatte sie völlig eingehüllt, sie gänzlich von der sie umgebenden Welt isoliert. Aaron fasste nach der Hand seiner Frau. »Ich helfe dir herunter.« Lolly ließ sich helfen, obwohl sie von Kindesbeinen an gewohnt war, auf Steinwällen herumzuklettern. Sie ließ ihren Mann gewähren, der sie sicher nach unten auf die Wiese führte.

»Es gibt kein Grab«, bemerkte Aaron. »Lass dir das gesagt sein. Oder lass es dir vom Meer selber sagen.«

»Wir werden schon sehen, wenn wir dort sind. Komm jetzt.« Lolly ging voran.

Tatsächlich war kein Grab da. All die Erde, mit der man Declan Toveys Knochen hatte bedecken wollen, war zusammen mit ihm herabgesunken, eine eigentlich unnötige Zugabe für seine Bestattung im Wassergrab. Sie starrten beide in den Nebel, der unten wenige Schritte vom Klippenrand im Aufwind vom Wasser langsam hin und her wogte.

»Tut mir leid«, sagte Aaron. »Wahrscheinlich hast du das Grab sehen wollen, und nun ist nichts mehr davon da. Ich hatte es ja selbst gegraben, viel tiefer als es vorher war, damit Declan nicht noch einmal herausgeholt werden konnte.«

Lolly schwieg. Keiner rührte sich vom Fleck. Kühl strich der Nebel über ihre Gesichter. Man hörte die See, wenn ihr Wüten auch gedämpft klang. Nichts um sie herum war zu sehen. Selbst wenn das Haus dort noch stünde und der Schuppen im Garten, wären sie, wie vormals so oft, in dem aufwallenden Nebel verschwunden. Niemand hätte mit Gewissheit sagen können, ob sie da waren oder nicht. Immer hatte sie der Nebel geschluckt. Seit Ewigkeiten hatten sie es verstanden, sich ins Rätselhafte zu verflüchtigen. Auch jetzt wiederholte sich das alte Spiel, das Dasein selbst wurde ungewiss, alle Beweise und Sicherheiten einer Existenz waren aufgehoben.

Lolly brach das Schweigen. »Ich habe ihn gestern gesehen, in Caherciveen, als ich die Brasse kaufte, die wir zum Abend verspeist haben.«

»Wen?«

»Declan.«

Aaron hielt einen Moment die Luft an und sagte dann: »Lolly, du kannst Declan Tovey nicht in Caherciveen gesehen haben.«

»Dann eben nicht. Ich hab ihn nicht gesehen. Ich war nicht in Caherciveen, wir haben die Brasse nicht gegessen. Wir sind auch nicht in Irland, wir leben in Mosambik.«

»Du hast jemand gesehen, der wie Declan Tovey aussah.«

»Es gibt keinen, der wie Declan Tovey aussieht.«

»Es kommt oft genug vor, dass jemand wie ein anderer aussieht. Der Vorrat an Genen, die es auf der Welt gibt, ist nicht derart vielfältig, wie die Leute meist annehmen.«

»Gene schaffen keine Narbe über dem linken Auge.«

»Lolly, keine zehn Schritte von hier, wo wir jetzt stehen, haben wir Declan Toveys Skelett gefunden.«

»Kann schon sein. Aber trotzdem hat er es gestern bis Caherciveen geschafft.«

»Leibhaftig und richtig angezogen?«

»Leibhaftig und richtig angezogen.«

Aaron holte ein Taschentuch aus seiner Gesäßtasche und wischte sich, ohne es auseinanderzufalten, die Stirn. Er blickte drauf, suchte Schmutzspuren, vielleicht auch nur einen Hinweis, was er weiter sagen sollte. Er steckte das Taschentuch zurück. »Das hast du nun davon, wenn du ein Buch schreibst, in dem Geister vorkommen.«

»In meinem Buch ist Declan gar nicht vorgekommen.«

»Das nicht. Aber du hast von Geistern geschrieben, von wirklichen Geistern. Nicht von psychologisch bedingten Erscheinungen, auch nicht von Irrsinnigen, die sich zum Affen machen. Sondern von richtig lebenden Geistern.«

»Dann war Declan gestern ein richtiger Geist.«

»Wenn du gestern Declan gesehen hast, dann war das kein Geist. So was wie Geister gibt es überhaupt nicht. Tatsache ist, Declan ist tot. Seine Überreste, oder was davon noch da war, sind jetzt irgendwo draußen im Meer.«

»Sei dem, wie es sei. Ich habe ihn jedenfalls gestern gesehen. Er muss es gewesen sein.«

»Lolly, es gibt keine Geister, außer in Büchern.«

»Und warum bist du so wild entschlossen, mir nicht zu glauben, egal was ich sage?«

»Ich will dir doch nur helfen.«

»Du denkst, ich sei vollends übergeschnappt, stimmt’s?«

»Du hast ein Buch über Geister geschrieben und hast dich darin so verbissen, dass du nun manches davon selber durchlebst.«

»Wenn es möglich wäre, dass ich meinen Roman selbst durchlebe, dann hätte ich ein Buch über eine Frau geschrieben, die einen Mann geheiratet hat, der ihr nie glaubt, wenn sie etwas sagt, was absolut wahr ist.«

»Glaub mir, ich will dir bloß helfen.«

»Dann glaube mir doch einfach.«

»Lolly, du und Kitty, ihr beide habt das Gerippe gewaschen!«

»Das weiß ich. Ich weiß aber auch, er ist wiedergekehrt.«

»Er kann nicht wiedergekehrt sein.«

»Wer sagt denn das?«

»Shakespeare, zum Beispiel, sagt es. Hamlet sagt es. ›Das unerforschte Land, von dessen Grenzen kein Wandrer wiederkehrt.‹«

»Na, so was! ›Kein Wandrer wiederkehrt.‹ Und was ist mit Hamlets Vater, der auf dem Burgwall erscheint und später im Schlafzimmer seiner Mutter? Dabei ist er doch tot, mausetot. Was sagst du dazu?«

»Hier ist nicht der Ort für Shakespeare-Auslegungen.«

»Natürlich nicht. Nicht, nachdem ich dich was gefragt habe, worauf du keine Antwort weißt.«

»Also gut. Manchmal ist sogar Shakespeare inkonsequent. Henslowe, der Prinzipal, hat vermutlich rumgeschrien, wo bleibt dein Text? Sie brauchten ein neues Stück – und zwar schnell. Alle Stückeschreiber sind mitunter inkonsequent.«

»Aber ich habe so etwas nicht bloß geschrieben. Ich erlebe es!«

»Ich gebe mich geschlagen.«

»Aha, du gibst dich geschlagen. Du weißt, ich habe recht und nicht du. Ich meine nicht das mit Shakespeare. Ich meine das mit Declan.«

»All right! All right! Ich bin im Unrecht und du hast …«, er hielt inne.

Lolly wartete darauf, was er noch sagen würde. Er sagte nichts, sondern starrte über Lollys Schulter in die Ferne, in den Nebel. Schaute stur geradeaus.

»Was hast du?«, fragte sie.

Wieder zog Aaron sein Taschentuch heraus, zerknautschte es diesmal in der Faust. »Ach nichts.«

»Oh?«, Lolly drehte den Kopf und blickte über die Schulter. Eine dunkle Gestalt ging an den Klippenrand. Lolly atmete rasch ein, hielt die Luft an und stieß sie aus. Ganz heiser flüsterte sie: »Declan?« Rief dann laut den Namen: »Declan!« Aaron packte sie am Arm. Sie rief noch lauter: »Declan!« und versuchte sich von ihm loszureißen.

»Geh nicht!«, schrie Aaron, »Keine Bewegung!«

»Declan steht dort. Ich weiß, er ist es.«

»Du kannst nicht weiter. Der Abbruch der Klippe ist direkt vor uns.«

»Ich muss ihn sehen.«

»Ihn sehen, geht überhaupt nicht.«

»Aber ich habe ihn doch gerade gesehen, du auch.«

»Das war nicht Declan. Wie oft soll ich’s noch sagen? Die Klippe …«

»Ich kann dir jetzt beweisen, das ist …«

»Das kannst du nicht. Was wir gesehen haben, war irgendwas im Nebel. Hätte sonst wer sein können, alles, was du willst.«

»Trotzdem, das war Declan.«

»Lolly, er ist tot.«

»Was macht das schon?«

Aaron unterließ es, ihr zu antworten. Als Lolly wieder etwas sagte, klang es sehr leise. »Können wir hier nicht bleiben? Nur noch ein Weilchen? So nebeneinander? Ohne irgendwen zwischen uns, bloß wir beide. Hier, wo das Haus stand. Und wo jetzt alles weg ist.«

»Auch das Grab.«

»Ja, und das Grab, auch das ist weg.«

Schweigend standen sie beieinander. Mit dem Taschentuch tupfte Aaron Schweißperlen von Lollys Stirn. »Danke«, sagte sie.

»Gehen wir also.« Er schob das Tuch in die Hosentasche, drehte sich nach angemessener Pause um und machte sich auf den Rückweg. Lolly folgte ihm. Während sie über die Wiese schritten, fragte Aaron: »Du liebst ihn, stimmt’s? So, wie du seinen Namen gerufen hast.«

»Dich liebe ich.«

»Das weiß ich. Aber du liebst auch ihn.«

»Er ist doch tot.«

Aarons Antwort kam sofort. »Was macht das schon?«

Kapitel 2

Kitty McCloud stand auf den Zinnen ihrer Burg Kissane und war mit sich uneins, ob sie sich eher erheitert als erlöst oder eher erlöst als erheitert fühlen sollte. Vielleicht beides gleichermaßen. Ziemlich oft begab sie sich an diesen Zufluchtsort – mit der großartigen Aussicht über die Grafschaft Kerry, die niedrigen Berge und die bewegte See –, um den Konflikt zwischen ihrem innersten Wesen und dem gerade in Arbeit befindlichen widerborstigen Roman beizulegen. Ihren gegenwärtig unbeschwerten Zustand verdankte sie einer E-Mail von ihrer Agentin in Dublin, einer Fiona O’Toole. Kitty hatte Ms O’Toole gegenüber geäußert, dass sie vorhabe, sich über die einzige hochheilige Autorin herzumachen – Jane Austen –, die bislang von ihren eigenwilligen »Korrekturen« verschont geblieben war. Charlotte Brontë, Thomas Hardy, George Eliot und anderen, ja selbst Dickens, war dieses Glück nicht beschieden gewesen. Mit ihrem beachtlichen Talent nahm Kitty es auf sich, die haarsträubenden Irrtümer vieler bewunderter Vorläufer auszumerzen. Ihr Werk war von Schimpf und Schande unbefleckt, die die anderen in so reichem Maße auf sich geladen hatten.

Sie hatte ihre Geisteskräfte gesammelt und vor kurzem entschieden, Ms Austen nicht nur zu »verbessern«, sondern geradezu umzukrempeln. Kitty war entschlossen, mit ihrem ganzen Können dem Roman Stolz und Vorurteil (darunter wollte sie es nicht machen) zu Leibe zu rücken. Das geschah aus dem einfachen Grund, dass man Jane bereits viel zu lange gestattet hatte, ihre Romane – und die Charaktere darin – für vollendet zu halten, indem Ehen zustande kamen, die vermutlich glücklich waren und es blieben. Kitty wollte in Frage stellen, was noch niemand in Frage gestellt hatte. Wie wäre es, wenn Darcy nach der Hochzeit Elizabeth einer anderen Frau wegen verließ? Was könnte man aus Ms Bennett machen, einer Gestalt, die Kitty schon immer unerträglich perfekt erschienen war, trotz all der höchst nuancierten kleinen Mängel, mit denen sie ihre Schöpferin versehen hatte?

Doch jetzt war per E-Mail die Überheblichkeit, der Kitty beinahe anheimgefallen wäre, als nicht wieder gutzumachende Dummheit bloßgestellt worden. Das Projekt war gestrichen worden, abgeblasen für immer und ewig. Und das noch gerade rechtzeitig. Hätte sich Kitty nicht so eifrig bemüht, die Tätigkeiten ihrer Zeitgenossen zu ignorieren, wäre ihr längst das Ausmaß der anwachsenden Jane-Austen-Industrie bewusst geworden. Wie Ms O’Toole ihr mitteilte, waren zahllose Schreiberlinge dabei, Janes Popularität für ihre Zwecke zu nutzen. Eine Unmasse an Autoren hätte die Hervorbringungen der guten Frau ausgeschlachtet und versucht, sich in eine Reihe mit ihr zu stellen. Da nun ihre Unwissenheit aufgedeckt war, spürte sich Kitty von einer Tollheit befreit, die ihrem Ruf nur geschadet hätte, wenn sie die Axt geschliffen und damit auf Jane oder selbst Mrs Darcy heftig eingeschlagen hätte.

Dennoch konnte sie nicht ihre Zeit damit verbringen, erheitert oder erlöst zu sein. Schließlich war sie vor allem Schriftstellerin, übte einen Beruf aus, der es erforderte, verzagt, auch verzweifelt zu sein, ja selbst Minderwertigkeitsgefühle zu haben, wenn auch Letzteres eine Anwandlung war, zu der Kitty McCloud selten neigte. Was sie jetzt brauchte, und zwar ziemlich schnell, war eine Inspiration, etwa der vergleichbar, der sie ihren jüngsten Erfolg verdankte: eine Korrektur des Werks Die Mühle am Floss.

Im Zusammenspiel mit den höchstgehandelten Musen war Maggie Tulliver von Kitty vor dem aberwitzigen Schicksal bewahrt worden, das Ms George Eliot für sie vorgesehen hatte. Schon als sie den Roman zum ersten Mal las, war Kitty die Galle übergelaufen, freilich war sie damals ein Teenager gewesen, der sich immerfort gegen etwas empörte. So wahr Gott ihr Zeuge war, sie hätte Maggie – dem mit lebhafter Phantasie begabten Kind, das fortlief und sich den Zigeunern anschloss in der Hoffnung, deren Königin zu werden – nie zugemutet, verstört an einen ihrer unwürdigen Mann zu geraten, dann eben noch rechtzeitig zu ihrem Bruder, einem ehrpusseligen Mistkerl sondergleichen, zurückzukehren, um mit ihm in den sturmgepeitschten Wogen des zum Buchtitel gehörenden Floss zu ertrinken.

Nein. Sie hatte sich geschworen, Maggie trotz allem glücklich werden zu lassen. Und das machte sie – in ihrer unnachahmlichen Art. In einem vom Schicksal ausersehenen Moment begegnet Maggie noch einmal dem Zigeunerjungen, der sie vor langen, langen Jahren auf seinem Pferd im ganzen Lager herumgeführt hatte. Jetzt rettet er sie aus dem rasch ansteigenden Floss, offenbar wieder auf dem Rappen sitzend, an den sie sich erinnerte. Ihre Liebe erfüllt sich. Als Junge war er, was Maggie nicht wusste, der Prinz der Zigeuner gewesen. Nun, zum Mann herangewachsen, ist er deren König. Maggie Tulliver wird, ob nun mit Floss oder ohne Floss, ob mit Mistkerl von einem Bruder oder ohne, wie Gott und Kitty es vom Anbeginn aller Zeiten bestimmt hatten, die Königin der Zigeuner. (Denn in Wahrheit glaubte Kitty tief in ihrem Inneren, dass sie mit ihrem Schreiben Gottes Werk tat – ein unerschütterlicher Glaube, der Menschen ihrer Art gegeben ist.)

 

Gerade als sie sich losreißen und die Wendeltreppe hinuntersteigen wollte, um sich wieder an den Computer zu begeben, der ihrer ungeduldig harrte, fiel Kittys Blick auf einen Mann, der langsamen Schrittes allein die Straße zur Burg heraufkam. Er war fast völlig in Schwarz gekleidet, sowohl Hose wie Jacke, dazu trug er ein am Hals offenes weißes Hemd. Der arme Kerl sah ganz und gar so aus wie ein geschlagener Krieger, der nach einer verlorenen, in fernem Land geführten Schlacht heimkehrt. Er hatte weder Mütze noch Hut auf. Gebannt starrte sie auf das dichte schwarze Haar, das ihm in die Stirn fiel, und auf die dunklen Brauen, die nicht von den noch dunkleren Augen ablenken konnten, Augen, die in besseren Zeiten herausfordernd in die Welt geschaut hatten. Mit einer Hand hatte er einen, wie es schien, schweren Lederbeutel gepackt, den er an der Seite trug. Darin waren möglicherweise (aber eigentlich unmöglicherweise) die Werkzeuge, die zum Decken eines Reetdaches benötigt wurden.

Das konnte nur (abgesehen davon, dass er es eigentlich nicht sein konnte) Declan Tovey sein. Oder (am aller unwahrscheinlichsten) der Geist des Declan Tovey.

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