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Das Schweigen der Bienen

Valerie Geary

Das Schweigen der Bienen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Joannis Stefanidis

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

SAM

Wir entdeckten die bäuchlings im Wasser treibende Frau in dem kleinen Staubecken, wo der Crooked River eine leichte Biegung nach Norden macht, kaum einen Steinwurf entfernt von der besten Badestelle weit und breit. Die smaragdfarbene Bluse der Frau war halb aufgerissen, ihr dunkler Faltenrock bauschte sich um ihre Taille. Sie hatte eine runzelige graue Haut, die Beine waren aufgedunsen und voller blauer Flecken. Ihre Haarsträhnen wanden sich wie schwarze Schlangen in der Strömung. Ich stupste ihr mit einem Stock in den Rücken. Nicht fest, sondern ganz sanft – so, wie man jemanden anstupst, der schläft. Die Frau glitt heran, prallte gegen einen halb im Wasser liegenden Felsen und erreichte die Stelle, wo Ollie und ich am Ufer standen. Dort trieb sie nun, die Arme und Finger ausgestreckt, inmitten eines Gewirrs aus braunem Laub im Flachwasser umher, und es schien, als würde sie darauf warten, dass jemand anders sie fand. Als wären wir ihr nicht gut genug, Ollie und ich, nur zwei Mädchen mit dünnen Armen und dünnen Beinen, ohne einen blassen Schimmer vom Tod. Den hatten wir aber. Jedenfalls wussten wir mehr über den Tod, als uns lieb war.

Mit dem Stock plätscherte ich nahe beim Fuß der Frau im Wasser. „Was, glaubst du, ist ihr passiert?“

Neben mir zupfte Ollie an ihrem Zopf, ein heller, streng geflochtener Strick, der ihr über den ganzen Rücken reichte. Wenn sie das Haar offen trug, war es ab der Mitte ihrer Oberschenkel gewellt und reichte beinahe bis zu ihren Knien. Doch seit Moms Beerdigung band sie ihr Haar nach hinten und versteckte es. Nicht nur ihr Haar, auch ihre Stimme versteckte sie – bald vier Wochen hatte Ollie kein einziges Wort gesprochen.

„Wir sollten zur Weide zurückgehen und Bear holen“, sagte ich.

Ollie schmiegte sich an mein Bein und drehte dabei noch immer den Zopf in der Hand.

„Halt dir wenigstens die Augen zu.“

Sie tat es nicht.

In dem Sommer war ich fünfzehn, Ollie war zehn, und vielleicht hätten wir überraschter oder angeekelter sein sollen oder was auch immer normale Kinder empfinden, die eine Leiche entdecken. Aber wir waren immer noch verstört von der Beerdigung und allem, was davor – und danach – geschehen war.

Dicht am Wasser kauerte ich mich hin und wollte die tote Frau anfassen. Ich fragte mich, ob sie sich genauso anfühlen würde wie Mom: kalt, wie Gummi, wie ein Ballon, aus dem die Luft entwichen war. Alles Leben, ihr Atem, ihre Wärme – verschwunden. Und in dem Moment, kurz bevor ich nach ihr griff und ihre Schulter packte und sie ein Stück herumdrehte, um ihr Gesicht erkennen zu können, verspürte ich eine furchtbare Angst. Die Angst, dass sie gar keine Fremde sein würde, sondern jemand, den wir kannten – ein weiterer geliebter Mensch, der uns viel zu früh genommen wurde.

Ihre Augen standen offen, haselnussbraun und blutunterlaufen. Ihr Mund, ein dunkles, klaffendes Loch. Einer ihrer Vorderzähne fehlte. Über dem linken Auge hatte sie eine tiefe Schnittwunde. Irgendetwas, ein Fisch oder vielleicht ein Flusskrebs, hatte rundherum die Haut aufgerissen und sich bis zum Knochen durch das darunterliegende Fleisch gefressen. An ihrer Bluse klebten Schlammspritzer, Unkraut hing ihr in den Haaren. Ihr Gesicht, die Arme, der Brustkorb und das Schlüsselbein waren mit Striemen übersät. Die dunkelsten Stellen, beinahe schwarz auf ihrer bleichen Haut, befanden sich rund um den Hals. Es waren Druckstellen von Fingern, die Daumen hatten ihr die Luftröhre zugedrückt.

Ich starrte auf ihr Gesicht, und als mir kein dazugehöriger Name einfiel, wandte ich mich zu Ollie. „Kommt sie dir irgendwie bekannt vor?“

Ollie schüttelte den Kopf und schob sich die Brille auf der Nase hoch.

„Mir auch nicht.“

Trotzdem, zu irgendeinem Menschen gehörte diese Frau, und so konnten wir sie doch nicht zurücklassen.

„Wir sollten etwas tun, oder? Jemandem Bescheid geben.“ Und weil ich mir nicht sicher war, ob ich es beim ersten Mal laut ausgesprochen hatte, wiederholte ich: „Wir sollten etwas tun.“

Ich verstärkte meinen Griff an ihrer Schulter und versuchte, die Tote näher ans Ufer zu ziehen, aber sie war glitschig und viel schwerer als erwartet und schleifte über den Flussboden, als hätte sich ihr Fußknöchel an etwas verfangen. Ich grub meine Zehen in den Schlamm und zog kräftig, war aber nicht stark genug. Die Tote rutschte mir aus der Hand und platschte wieder bäuchlings ins Wasser, was eine Welle verursachte, die groß genug war, um sie aus dem Staubecken Richtung Flussmitte hinauszuschieben, wo die Strömung toste. Die Frau drehte sich, bis ihr Kopf flussabwärts deutete, und wurde fortgesogen.

Ich stapfte ihr hinterher, blieb aber stehen, als das Wasser meine Knie erreichte. Die starken Regenfälle des Frühjahrs und die Schneeschmelze hatten den Crooked River in einen reißenden Fluss verwandelt. Felsblöcke schützten unsere Badestelle vor den Stromschnellen, aber hinter ihnen, dort, wo ich stand, nahm das Wasser sofort wieder Fahrt auf und rauschte nach Norden um Terrebonne herum, um sich einige Meilen dahinter mit dem Deschutes River zu vereinen. Wildwasser schlug mir gegen die Waden. Meine Zehen brannten vor Kälte. Ich wartete weiter darauf, dass die tote Frau irgendwo hängen blieb, an einem Baumstamm oder einem Felsen, oder in eine andere Stauung hineingespült wurde, aber sie trieb geradewegs zur Flussmitte, hin zu den schäumenden Wassermassen. Nach ein paar Sekunden sah sie mehr wie ein Stock aus als wie ein Mensch. Nach einigen weiteren Sekunden verschwand sie vollends.

Vielleicht war sie ja nicht real gewesen, nur ein Trugbild aus Licht und Schatten. Aber mein Herz pochte so heftig, dass es wehtat, die Härchen an meinen Armen hatten sich aufgerichtet, und ich fühlte noch ihre kalte Haut an meinen Fingerspitzen, sah noch ihr Gesicht, spürte noch den Blick ihrer toten Augen auf mir. Sie war absolut real gewesen, realer geht es nicht. Und wir hatten sie verloren.

Hinter mir spritzte der Fluss auf, und dann schob Ollie ihre Hand in meine. Sie saugte an ihrer Unterlippe. Das Wasser umspülte ihre Taille. Die gierige Strömung krallte sich in sie, versuchte, sie hinabzuzerren, fort von mir. Ich verstärkte meinen Griff um ihre Hand. Blinzelnd schaute Ollie zu mir auf, dann blickte sie hinter uns auf den Wald und den Pfad, der uns zu unserer Weide zurückführen würde. Sie zog mich am Arm.

„Was meinst du? Bis wohin wird sie fortgespült?“, fragte ich, meinen Blick wieder auf die Stromschnellen gerichtet.

Ollie zog kräftiger, zerrte mich zum Ufer zurück.

Wir wateten an Land. Wasser tropfte von unseren nackten Beinen und unseren Shorts und verwandelte die Erde rings um unsere Füße in Matsch. Unsere Schuhe hatten wir auf einen gefällten Baumstamm gestellt. Ich nahm beide Schuhpaare bei den Schnürsenkeln, dann legte ich Ollie einen Arm um die Schultern und führte sie zum Pfad.

„Bear wird wissen, was zu tun ist“, sagte ich.

Schweigend gingen wir im Gänsemarsch zwischen den Bäumen hindurch. Normalerweise wäre von den Ästen und Zweigen um uns und über uns eine Sinfonie aus Vogelgesängen und Blätterrauschen zu hören gewesen, aber nicht heute. Die Vögel verbargen sich. Die Bäume regten sich nicht. Alles war viel zu leise, und im Schatten war es kalt. Ich drängte Ollie, schneller zu gehen.

Bears Weide lag zehn Minuten vom Fluss entfernt. Man erreichte sie über einen schmalen Pfad, der sich zwischen weißen Erlen und Zuckerkiefern hindurchschlängelte. Früher war die Weide Teil eines Alfalfa-Felds gewesen, dann wurde sie zur Pferdeweide umfunktioniert. Nachdem die Pferde gestorben waren, riss man den Zaun nieder und ließ das Gras wachsen und die Wildblumen blühen. Vor acht Jahren war Bear dorthin gezogen, aber er hatte nicht viel verändert. Er hatte ein Tipi aufgestellt, einen Gemüsegarten angelegt und eine Feuergrube ausgehoben, dazu gab es ein Klohäuschen und einen Picknicktisch und natürlich den Bienenstand. Strom gab es keinen, nur die Sonne. Keine Sanitäranlagen, nur den Fluss und eine Tonne, um das Regenwasser zu sammeln. Kein Dach über unseren Köpfen sperrte den Sonnenschein aus, kein Fernseher übertönte den Gesang der Vögel und Zikaden, kein Asphalt verbrannte uns die Fußsohlen. Die meisten Kinder hätten einen solchen Ort gehasst. Für mich aber war er mein neues Zuhause.

Seit meinem siebten Lebensjahr hatte ich den August stets bei Bear verbracht. Mom hatte uns immer am ersten Freitag des Monats von unserem Haus in Eugene zur Johnson-Farm kurz vor Terrebonne gefahren, wo Bear uns auf Zebs und Frannys Veranda freudig erwartete. Dann quetschten wir uns an den Küchentisch der Johnsons und frühstückten gemeinsam mit den alten Herrschaften. Anschließend gingen Bear und Mom nach draußen und setzten sich auf der Veranda in die Hollywoodschaukel, hielten Händchen und quatschten leise miteinander. Ollie stand immer an der Fliegengittertür und versuchte zu lauschen. Ich zog sie weg, denn was Mom und Bear besprachen, war nicht für unsere Ohren gedacht. Wenn es für Mom und Ollie Zeit wurde, nach Eugene zurückzufahren, brachten Bear und ich die beiden zum Auto. Mom zog mich heran, küsste mich auf die Stirn und ermahnte mich, artig zu sein und meinem Vater zu gehorchen. Ihm gab sie einen zärtlichen Abschiedskuss und hauchte ihm zu, dass sie ihn ewig lieben würde. Dann fuhren sie los, und Bear und ich gingen eine halbe Meile über den löchrigen Feldweg, der vom Farmhaus zur Weide führte. Unterwegs pflückte ich Blumen und erzählte meinem Vater von der Schule und vom Schwimmteam. Er trug meine Reisetasche und meinen Schlafsack und berichtete mir das Neueste von seinen Bienen.

In den ersten Sommern, die ich bei Bear verbrachte, war Ollie noch zu jung, um mitzukommen, und als sie schließlich alt genug war, fuhr sie lieber mit ihren Freundinnen ins Ferienlager. Dies war nun der erste Sommer, den Ollie bei uns auf der Weide verbrachte. Und es war das erste Jahr ohne unsere Mutter.

Genau genommen gehörte die Weide den Johnsons, und Bear bezahlte ihnen Pacht, aber was als reine Pächter-Verpächter-Beziehung begonnen hatte, war über die Jahre zu etwas Familienartigem zusammengewachsen. In den kältesten Winterwochen ließen sie Bear im Gästezimmer wohnen. Wenn er irgendwohin fahren musste, borgten sie ihm ihren Truck. Zweimal in der Woche luden sie ihn zum Abendessen zu sich nach Hause ein. Als Gegenleistung half er ihnen, die Farm in Schuss zu halten – er reparierte Zäune, mähte Gras, ersetzte Dachschindeln. Bears Eltern waren lange vor meiner Geburt gestorben, aber nach allem, was ich mitbekommen hatte, waren sie keine allzu netten Leute gewesen. Und Moms Eltern wohnten an der Ostküste; einmal im Jahr kamen sie an Thanksgiving zu Besuch, und an unseren Geburtstagen schickten sie uns Zwanzigdollarschecks. Zeb und Franny waren für Ollie und mich mehr wie Großeltern als unsere richtigen Großeltern, und da sie so nahe bei der Weide wohnten, hatte Mom sich niemals Sorgen gemacht, wenn ich bei Bear war. Sie wusste, dass sich auch die Johnsons um mich kümmerten. Ich glaube, das war der wahre Grund dafür, dass meine Großmutter uns nach Moms Tod dort wohnen ließ. Ohne Zeb und Franny wären wir längst nach Boston umgezogen.

Aber dies war nur eine Testphase. Wir hatten sechs Monate Zeit, um zu beweisen, dass die Weide sicher und Bear ein guter Vater war. Sechs Monate, um meine Großmutter davon zu überzeugen, dass wir dort gut behütet aufwachsen konnten. Seit drei Tagen waren wir nun hier, und unser Start war alles andere als glücklich.

Als wir die Weide erreichten, entdeckten wir Bear am Bienenstand, wo er, über sein neuestes Langstroth-Magazin gebeugt, Rauch durch die kleine Öffnung in der Frontplatte fächerte. Er war so auf seine Bienen konzentriert, dass er uns nicht bemerkte, als wir im Schatten stehen blieben und ihm zuschauten.

Er trug eine lange Hose und ein langärmeliges Hemd, aber keine Handschuhe, keinen Imkerschleier und keinen Hut. „Bienen erkennen, ob man ihnen wohlgesinnt ist“, hatte er mir einst erzählt. „Sie können unterscheiden, wer ihre harte Arbeit und ihre Großzügigkeit respektiert und wer sie nur ausnutzt. Wenn man sich ihnen mit Demut und Dankbarkeit nähert, wird man nicht gestochen.“ Er stellte die Rauchdose am Boden ab und hob den Deckel der Box an. Die Bienen kamen heraus, flogen ihm träge vor dem Gesicht herum, verfingen sich in seinem kastanienbraunen Haar und seinem dichten Bart. Aber er schlug nicht nach ihnen, pflückte sie sich nicht aus den Haaren. Er war ganz ruhig, seine Lippen bewegten sich. Obwohl wir zu weit entfernt standen, um ihn zu verstehen, wusste ich, dass er die Bienen nach dem Befinden ihrer Königin fragte sowie danach, wie die Blumen in diesem Sommer blühten und ob sie, die Bienen, so freundlich wären, ihren Honig mit ihm zu teilen. Es waren die gleichen Fragen, die er immer kurz vor der Ernte stellte.

Mit diesem neuesten Langstroth-Magazin erhöhte sich die Zahl der Holzbeuten auf acht. Bear hatte mit zweien begonnen und jedes Frühjahr eine weitere hinzugefügt. Die meiste Zeit des Jahres blieben die Bienen dort, auf der Westseite der Weide, ein gutes Stück entfernt vom Picknicktisch, an dem wir unsere Mahlzeiten aßen und unseren Honig in Einweckgläser abfüllten, und noch weiter entfernt von dem Tipi, in dem wir schliefen. Am Frühlingsanfang aber kam Zeb mit seinem Truck und lud mit Bear die Beuten auf, und dann verteilten sie sie für einige Wochen auf die umliegenden Alfalfa-Felder und Apfelgärten. Ich war nie dabei, wenn dies geschah. Wenn ich dort eintraf, hatten Zeb und Bear die Bienen schon wieder an ihren angestammten Ort zurückgebracht, wo sie zufrieden zwischen den vertrauten Wildblumen herumschwirrten.

Als ich erfuhr, dass sie die Bienen an einen anderen Ort verlegten, hatte ich Bear gefragt: „Sind sie dann nicht verwirrt und versuchen, nach Hause zurückzufliegen?“

„Der Bienenstock ist ihr Zuhause“, hatte er entgegnet. „Sie kehren dorthin zurück, wo ihre Königin ist.“

„Und was geschieht, wenn es keine Königin mehr gibt?“

„Dann löst das Volk sich auf.“

Seit er Bienen züchtete, hatte Bear noch kein einziges Bienenvolk verloren.

Ollie hatte keine Lust mehr, am Bienenstand herumzustehen, und versuchte, mich zum Tipi zu ziehen.

„Warte“, sagte ich und verstärkte meinen Griff um ihre Hand, damit meine Schwester stehen blieb. „Er hat den Kasten aufgemacht. Vielleicht kriegen wir einen Wabenrahmen.“

Ollie hatte Bears Honig schon oft gegessen, aber immer nur den abgefüllten, den ich nach Eugene mitgebracht hatte. Niemals so, niemals warm und frisch direkt aus der Wabe, wenn er so herrlich nach Sommer schmeckte und süß auf der Zunge zerschmolz.

Mit einem Werkzeug, einem flachen Metallstück, das aussah wie ein kleines Stemmeisen, hebelte Bear einen Wabenrahmen aus dem oberen Teil der Beute. Die Bienen füllten jede Ritze des Holzkastens mit einem klebrigen Harz, der stärker als Klebstoff war, und mit dem Werkzeug ließen zusammengeklebte Flächen sich am besten voneinander lösen. Bear bearbeitete den Rahmen, stieß das Endstück des Werkzeugs in die Ritzen und ruckelte herum, bis der Wabenrahmen sich schließlich löste. Ollie zuckte zusammen.

„Keine Sorge, der Rauch hält die Bienen ruhig“, sagte ich. „Im oberen Teil des Kastens bewahren sie den Extra-Honig auf. Im unteren legen sie ihre Eier und ziehen die Brut auf. Sie lagern auch dort Honig, aber den ernten wir nicht. Bei Bienen darf man nicht eigennützig sein, sonst werden sie trotzig und hören auf, für einen zu arbeiten.“

Ollie schaute mit offenem Mund zu mir auf, als wäre sie von meinen Worten überrascht, dann blickte sie wieder zu Bear zurück. Er steckte das Werkzeug in seine Gesäßtasche, hob den Wabenrahmen dicht vor sein Gesicht und pustete behutsam auf die Bienen, bis sie begannen, zum Rand zu krabbeln. Er hielt den Rahmen in die Sonne, um zu prüfen, wie viele der Waben sich geschlossen hatten und wie dicht wir vor der Ernte standen.

Ich versuchte, Ollie näher heranzuziehen, damit sie sah, wie die Waben im Sonnenlicht golden und bernsteinfarben schimmerten, doch Ollie stemmte die Füße in den Boden und rührte sich nicht.

Bibbernd schaute sie aus ihren Welpenaugen zu mir hoch. Unsere Kleidung war noch nass vom Fluss. Bei mir hatte nur der untere Rand meiner Shorts Wasser abbekommen, Ollie dagegen war bis zur Brust durchnässt. Sie neigte sich mit ihrem ganzen Gewicht in Richtung Tipi und zog an mir.

„Dann geh“, sagte ich. „Zieh dich um. Dazu muss ich nicht mitkommen.“

Aber sie ließ mich nicht los.

„Na schön“, sagte ich und begleitete sie.

Das Innere des Tipis war geräumiger, als man von draußen vermutete. Bears Sachen waren ordentlich am Rand aufgestellt: das Feldbett, auf dem er schlief, die Truhe, in der er seine Kleidung aufbewahrte, die Holzkommode mit den beiden Schubfächern, in denen die Einweckgläser und Bienenwachskerzen lagerten, ein Klappstuhl und ein Tisch, ein Propangasbrenner, Eisentöpfe und anderes Geschirr, eine Plastikwanne zum Abwaschen. In den Zwischenräumen stapelten sich Bücher. An der Decke baumelten Federn, getrocknete Blumen und ein weißes Hirschgeweih, an der Zeltwand hingen Kohlezeichnungen von Bienen, Bienenstöcken, Bäumen und Pflanzen und anderen interessanten Dingen, die Bear rings um die Weide entdeckte. Auf dem Boden lagen mehrere Teppiche, und genau in der Mitte hatten Ollie und ich unsere Schlafsäcke ausgebreitet. Es war ein bisschen eng für uns beide, aber es war warm und trocken und kuschelig, und weil man nachts durch die kleine Öffnung oben im Tipi auf die Sterne blicken konnte, war es mir egal, wenn ab und zu unsere Ellbogen aneinanderstießen.

Ich wartete am Eingang, während Ollie die nassen Sachen auszog, in eine Jeans stieg und sich ein blau-weiß geringeltes T-Shirt überstreifte, das mal mir gehört hatte. Es war brütend heiß im Tipi, und man konnte kaum atmen.

Ich griff die Zeltklappe. „Fertig?“

Ollie rückte ihre Brille zurecht, dann blickte sie quer durch das Zelt auf den alten Kartentisch, der Bear als Schreibtisch diente.

„Jetzt komm“, sagte ich ungeduldig.

Stirnrunzelnd ging sie zum Stuhl hinüber. An der Rückenlehne hing Bears Umhängetasche aus abgewetztem Leder. Er benutzte sie, um darin Brombeeren und Pilze und Wildkräuter zu verstauen, alles, was er bei seinen Wanderungen an Essbarem fand. Er nahm die Tasche fast überall mit hin, so auch gestern, als er sich Zebs Truck ausgeborgt hatte, um in Bend Vorräte zu kaufen.

Ollie hob die Klappe und schob die Hand in die Tasche.

„Was tust du?“, fragte ich.

Sie schaute mich über die Schulter hinweg an, dann zog sie eine Jeansjacke aus Bears Umhängetasche. Sie hielt sie zwischen uns hoch, klappte sie auf und breitete die Ärmel aus. Die Jacke war viel zu klein für Bear.

Ich sprang über unsere Schlafsäcke und nahm Ollie die Jacke aus den Händen, drehte sie um. Die Rückseite war schmutzig, der Kragen eingerissen. Die Jacke war ziemlich schmal in den Schultern, auf Taille geschnitten, die Messingknöpfe hatten hübsche Perlmutteinlagen. An der linken Schulter klebte ein großer dunkler Fleck, vielleicht Öl oder Tinte oder Schlamm oder etwas anderes, was ich nicht laut aussprechen wollte. Ich hielt die Jacke noch immer auf Armeslänge von mir fort und sah Ollie an.

„Ist das deine?“, fragte ich sie, obwohl ich die Antwort schon kannte.

Sie schüttelte den Kopf und deutete auf Bears Umhängetasche.

„Wahrscheinlich hat er sie im Wald gefunden“, sagte ich. „Sie könnte sonst wem gehören.“

Es gab viele Wanderer in der Gegend rings um unsere Weide, besonders im Spätsommer, wenn viele Leute den Hauptweg verließen, weil sie im Schatten Abkühlung suchten und dem Klang des über die Steine rauschenden Wassers folgten. Die Jacke konnte allen möglichen Frauen von den Schultern gerutscht sein. Einer Highschool-Ballkönigin, die versuchte, mit ihrem sportlichen Freund Schritt zu halten, einer Mittzwanzigerin, die gern Vögel beobachtete und dem kehligen Ruf einer Westschmätzertangare hinterherjagte, einer jungen Mutter, die eines ihrer Kinder auf der Hüfte trug und dem anderen zurief, sich vor den Klapperschlangen in Acht zu nehmen. Es gab unzählige Erklärungen.

Ollie verschränkte die Arme vor der Brust und hob die Brauen.

„Was?“, fragte ich und nahm die Jacke herunter. „Glaubst du etwa, dass …?

Ollie zuckte mit den Schultern.

„Komm schon, Ollie. Sag etwas.“

Sie saugte ihre Unterlippe ein. Sie hatte sich schon einmal so verhalten, nach Tante Charlottes Tod vor vier Jahren. Zwei Wochen lang hatte sie mit niemandem gesprochen. Kein einziges Wort. Und dann, als sie endlich wieder zu sprechen begann und ich sie fragte, warum sie denn plötzlich verstummt sei, hatte sie geantwortet: „Tante Charlottes Geist hat mir die Worte gestohlen.“

„Du weißt aber, dass es in Wirklichkeit keine Geister gibt, stimmt’s?“, hatte ich entgegnet.

Sie hatte den Kopf zur Seite geneigt und geantwortet: „Sag das mal zu Tante Charlotte.“

Ich hatte geglaubt, weil sie beim Psychologen gewesen und ein bisschen älter geworden war, würde dieses Verhalten sich nicht wiederholen, aber das war ein Trugschluss. Nach Moms Beerdigung hatte Ollie erneut aufgehört, zu sprechen, und obwohl ich versuchte, geduldig zu sein, so wie Mom beim ersten Mal, zerrte ihr Schweigen mittlerweile an meinen Nerven.

„Ollie“, sagte ich. „Falls du etwas weißt … falls du weißt, woher die Jacke kommt, dann musst du es mir sagen. Sprich mit mir. Ich werde nicht sauer sein. Versprochen.“

Sie nahm einen Bleistift und griff nach einem von Bears Skizzenbüchern, das geöffnet auf dem Tisch lag, schlug eine leere Seite auf und begann, etwas zu zeichnen.

Ich zog ihr das Buch weg und warf es auf Bears Bett. „Du bist zu alt für diesen Quatsch. Einfach verstummen? Bildchen malen statt sprechen? Das machen Babys. Wenn du etwas zu sagen hast, dann benutze deinen Mund.“

Sie funkelte mich an. Ich wartete noch einige Sekunden, aber sie blieb stumm. Ich zuckte mit den Schultern. „Wie du meinst“, sagte ich, dann warf ich mir die Jacke über den Arm und ging aus dem Zelt. Ollie folgte mir.

Am Bienenstand arbeitete Bear mit einem älteren, alteingesessenen Schwarm. Trotz des Rauchs schwirrten ihm Heerscharen von Bienen um den Kopf, erfüllten die Luft mit einem lauten, wütenden Summen. Sie waren erregt, krabbelten ihm über die Hände, den Hals, die Nase, den Mund, und ich war mir sicher, dass er längst ein paarmal gestochen worden war. Trotzdem zuckte er kein einziges Mal zusammen oder verscheuchte sie. Er schien sich nicht im Geringsten an ihnen zu stören.

„Sie verteidigen nur ihre Brut und ihre Lager“, hatte er mir erklärt, als ich zum ersten Mal einen so aufgeregten Bienenschwarm sah. „Man darf ihnen das nicht krummnehmen.“ Später, als es darum ging, zu ernten und nicht nur hineinzugucken, verwendete Bear dann Fluchtbretter und zwang die Bienen dadurch, sich in den unteren Kastenteil zu begeben, damit er den oberen abnehmen und den Honig herausholen konnte. Für den Augenblick ließ er sie aber tun, wonach ihnen der Sinn stand.

Er schloss den Deckel, klopfte sanft darauf und flüsterte etwas, das nur die Bienen verstanden. Dies war der letzte Schwarm. Er nahm die Rauchdose und das kleine Stemmeisen und ging zum Anbau an der Seite des Bienenstands, wo er seine Arbeitsutensilien verwahrte und wo Ollie und ich standen und warteten.

Dies war der Moment, in dem ich Bear alles hätte erzählen sollen. Es wäre ganz einfach gewesen: Wir haben eine Frau entdeckt, die im Crooked River trieb. Eine tote Frau. Sie wurde von der Strömung erfasst und fortgetrieben. Nun ist sie verschwunden, und wir sollten vielleicht jemandem Bescheid geben, damit man sie findet. Und wir glauben, diese Jacke könnte ihr gehört haben. Er war der Erwachsene – er hätte sich darum kümmern müssen, und es war der Moment, in dem ich es ihm hätte erzählen sollen. Aber ich sagte nichts. Denn er stand jetzt so nahe bei mir, dass ich die beiden Kratzer an seiner rechten Wange erkannte; sie verliefen parallel zueinander, vom Augenwinkel hinunter zum oberen Bartansatz. Zwei rot glänzende Kratzspuren, die er am Vortag noch nicht gehabt hatte.

Er blieb vor uns stehen und richtete den Blick auf die Jeansjacke über meinem Arm. Noch ehe ich ihn danach fragen konnte, sagte er: „Hab ich im Wald gefunden.“

Er klopfte sich mit dem Stemmeisen ans Bein. „Ich dachte, sie gehört einer von euch.“

Ollie schmiegte sich an mich. Ich schüttelte den Kopf und hielt ihm die Jacke hin. „Nein, sie gehört uns nicht.“

Er nahm sie nicht. Stattdessen sagte er: „Gefällt sie euch? Bestimmt kriegt Franny den Fleck raus.“

Es war der erste Sommer, in dem ich groß genug war, um meinem Vater in die Augen schauen zu können, ohne zu ihm aufblicken zu müssen, doch als ich es tat, wich er meinem Blick aus.

„Wir wollen sie nicht“, sagte ich.

Achselzuckend nahm er mir die Jacke aus der Hand. „Ich bringe sie Franny“, sagte er. „Sie kann sie am Sonntag in der Kirche neben die Spendenbüchse legen.“

„Klar“, entgegnete ich. „Warum nicht?“

Eine Biene kam dicht zu uns herangeflogen und schoss zwischen uns hin und her; es war unangenehm. Ollie wich zurück und schlug in die Luft.

„Sie riechen es, wenn man Angst hat“, sagte Bear. „Dann wird man schnell gestochen.“

Ollie sog die Luft ein und blies die Backen auf.

Die Biene flog davon, ließ uns drei in Ruhe. Ollie und ich sahen Bear an, Bear sah uns an, keiner sagte etwas. Dann ging er an uns vorbei, das Stemmeisen in der herabhängenden Hand, und zum ersten Mal bemerkte ich, wie dick das Metall war, wie stumpf die Kanten waren und wie gewichtslos das Werkzeug bei ihm wirkte. Es war nicht sehr groß, kaum dreißig Zentimeter lang, aber man sah, welches Unheil sich damit anrichten ließ. Wenn man es hochhob und schräg hielt, sodass die Kante nach unten zeigte, und es ruckartig herabsausen ließ, konnte man damit einer Frau den Schädel einschlagen.

OLLIE

Die Nacht besteht aus Geistern. Einer steht hinter mir, am Rand des Feuerscheins, knapp außerhalb meiner Reichweite. Einer sitzt neben meiner Schwester. Beide warten darauf, dass jemand aufschaut und sie sieht.

Ich sehe sie.

Ich sehe Dinge, die niemand sonst sieht.

Ich sehe sie und wünschte, es wäre nicht so. Ich möchte es erzählen und kann es nicht.

Ich versuche es, denn meine Schwester muss erfahren, was ich über die Jacke weiß und über diesen Mann, den wir Bear nennen, der neben mir sitzt, der unser Vater ist. Ich versuche es, aber meine Schwester sagt, ich verhalte mich wie ein Baby und sie werde mir nur zuhören, wenn ich meine Stimme benutze. Aber meine Stimme ist verschwunden, und ich fürchte, sie kehrt nie mehr zurück.

Bear wirft das nächste Holzstück ins Feuer. Funken sprühen, aber ihnen fehlt die Kraft, zu Sternen zu werden, und sie verglühen, ehe sie den schwarzen Himmel erreichen.

Über die glühenden, qualmenden Äste hinweg starrt er auf meine Schwester, die etwas abseits sitzt. „Du bist still heute Abend.“

Sie zuckt mit den Schultern.

„Ihr beide seid ganz schön still.“ Er sieht mich an und zwinkert.

Aber er sagt nicht, dass ich verrückt sei.

Am Tag unserer Ankunft drückte Grandma mich an sich, presste mir ihre trockenen Lippen auf die Stirn und sagte zu Bear: „Ich mache mir Sorgen um sie. Vielleicht sollte der Arzt sie sich noch mal anschauen. Al und ich können unsere Reise immer noch stornieren. Wir könnten hierbleiben, bei den Mädchen.“

Bear sagte ihr, dass alles gut werden würde, dass er gut auf mich aufpassen werde. „Gib ihr eine Atempause, Judy“, sagte er. „Sie hat viel durchgemacht in den letzten Wochen. Wie wir alle. Sie wird schon wieder sprechen, wenn sie alles verarbeitet hat und so weit ist.“ Ich bräuchte halt noch mehr Zeit.

Das Marshmallow am Ende meines Stocks fängt Feuer. Ich lasse es einige Sekunden lang brennen, ehe ich es auspuste. Ich mag den bitteren Brandgeschmack. Außen knusprig und rauchig. Innen klebrig und süß. Gegensätzlich und trotzdem dasselbe. Ich lecke den Zucker von meinen Fingern und nehme das nächste Marshmallow aus der Tüte, halte es Bear hin. Normalerweise esse er solche Sachen nicht, sagt er. Er isst nur, was er selbst anbaut. Aber er hat die Marshmallows extra für uns gekauft, damit wir nicht mehr so traurig sind.

Ich warte eine Sekunde, zwei Sekunden, drei Sekunden … fünf und dann zehn. Schließlich streckt er die Hand aus, und seine Finger streifen meine.

Der Geist am Rand des Feuerscheins ist eine Frau. Sie lächelt und sagt, ich brauche keine Angst zu haben.

Der Geist neben Sam ist auch eine Frau. Jetzt richtet sie ihren starren Blick auf mich, und ich denke: Lass meine Schwester in Ruhe. Die Frau schürzt die Lippen, zischt und knirscht mit den abgebrochenen Zähnen.

SAM

Am nächsten Morgen ließ ich das Frühstück ausfallen und ging allein in den Wald. Eine Weile folgte ich dem Pfad Richtung Crooked River, dann scherte ich nach rechts aus und bahnte mir meinen eigenen Weg durchs Unterholz, vorbei an dornigem Gestrüpp und Holundersträuchern, Zuckerkiefern und rötlichen Felsen, die doppelt so groß waren wie ich. Ich musste nicht überlegen, wo es langging; meine Füße kannten den Weg. Ich lief etwa zehn Minuten in östliche Richtung, bis ich so weit von der Weide entfernt war, dass ich Bear nicht mehr auf seinem Banjo herumklimpern hörte, aber immer noch nahe genug war, dass wir uns nötigenfalls mit lauten Rufen aufeinander aufmerksam machen konnten.

Die Silberpappeln standen an der altbekannten Stelle – alte Freunde, die sich seit letztem oder gar seit vorletztem August kaum verändert hatten. Die höchsten hatte Zeb einst als Windschutz gepflanzt, sich dann aber kaum um sie gekümmert. Nun reichten ihre Wurzeln und Äste bis auf eine angrenzende, mit Löwenzahn und Weidelgras überwucherte Lichtung. Drei der höchsten Bäume bildeten ein leicht verschobenes Dreieck, und oben im Geäst, von unten aus nicht zu sehen, befand sich eine Plattform aus Sperrholz und alten Zaunbrettern. Bear hatte mir beim Bauen geholfen; das war vor fünf Jahren gewesen. Er sagte, jedes Kind benötige einen Ort, an den es sich zurückziehen und wo es allein sein könne, einen Ort, um in aller Ruhe die Vögel, die Wolken und den Lauf der Welt zu beobachten. Diesbezüglich waren wir uns sehr ähnlich. Wir fanden beide, dass Bäume bessere Freunde abgaben als Menschen. Mom war immer besorgt gewesen, weil sie meinte, ich wäre zu viel allein und würde mich nicht genug anstrengen, um unter meinen Mitschülerinnen Freunde zu finden. Aber ich hatte Freundinnen: Heather, die in meiner Schwimmmannschaft war und manchmal beim Schulmittagessen an meinem Tisch saß, dazu Laura, meine beste Freundin seit der ersten Klasse. Beide waren mit ihren Eltern auf Moms Beerdigung gewesen, und es war schrecklich und peinlich, und seither hatte ich mit keiner der beiden mehr gesprochen. Ich war froh, ab September auf eine neue Schule zu gehen, wo man nichts über mich wusste, wo man mich nie hatte weinen sehen.

Ich packte die Strickleiter, die von der Plattform herabhing, und kletterte nach oben. So hoch über dem Boden konnte ich meilenweit in alle Richtungen schauen. Im Nordwesten der Crooked River. Eine halbe Meile nach Osten Zebs und Frannys Haus. Der Feldweg, der unsere Weide mit ihrer Zufahrt verband, und dahinter der Highway. Hätte ich Bears Fernglas mitgebracht, hätte ich vier Meilen nach Westen eine kleine Ecke des Smith Rock am Himmel kratzen sehen können und drei Meilen nach Norden den weiß schimmernden Kirchturm der First Baptist Church in Terrebonne. Jahr um Jahr blieb die Aussicht von meiner Plattform dieselbe. Die sanft geschwungenen grünen Felder, der Fluss, der sich durch seine altbekannten Biegungen schlängelte, sein stetig fließendes Wasser, dazu die Endlosigkeit des Himmels und der Erde. Aus dieser Höhe erkannte man die kleinen Veränderungen nicht, die schleichende Erosion, die umgestürzten Bäume – man ahnte nichts von den Menschen, die von uns gegangen waren. Mit dem Rücken an einer Silberpappel saß ich auf meiner Plattform. Ein leichter Wind wiegte die Äste. Ich gestand es mir nur ungern ein, aber ein kleiner Teil von mir hatte gehofft, dass dieser Sommer sich genauso anfühlen würde wie all die vorangegangenen Sommer. Ollie und ich würden Wildblumen pflücken, wir würden im Fluss planschen, bis unsere Finger und Zehen taub wurden, wir würden beobachten, wie die Wolken träge am blauen Himmel vorüberzogen, und wir würden nicht eine Sekunde daran denken, dass Mom nicht mehr zu Hause war und auf uns wartete. Ein paar Tage lang hatte ich wirklich gehofft, es vergessen zu können.

Letzte Nacht hatte ich von der toten Frau im Crooked River geträumt. Nur war sie da noch am Leben und streckte die Arme nach mir aus, flehte mich an, sie zu retten, doch meine Füße steckten im Uferschlamm fest, und sosehr ich es auch versuchte, ich kam nicht frei. Der Fluss zog die Frau von mir fort, und ich rief ihr zu, sie solle schwimmen, Arme und Beine bewegen und schwimmen, verdammt noch mal, schwimmen! Aber die Strömung war zu stark, zu schnell, und die Frau wurde wieder flussabwärts getrieben.

Panisch wachte ich auf. Mein Mund war trocken, meine Zunge fühlte sich an wie ein Stück Stoff. Es war stickig im Tipi, die Luft erwärmte sich rasch, denn die Sonne war aufgegangen. Ich strampelte mich aus dem Schlafsack und stolperte nach draußen, wo Bear sich über die Feuerstelle beugte und heißes Wasser in einem Topf rührte. Ein paar Meter weiter ließ ich mich in einen Campingstuhl fallen.

„Gut geschlafen?“, fragte er.

„Ja“, log ich. „Was gibt’s zum Frühstück?“

„Haferbrei mit Honig und frischen Pfirsichen.“ Das Gleiche wie am Vortag. „Willst du eine heiße Schokolade?“

Und alles erschien so normal. Als hätte ich mir die Tote im Fluss nur eingebildet, als hätte ich alles nur geträumt und müsste mir überhaupt keine Gedanken machen. Nichts hatte sich verändert, alles war gut. Dann richtete Bear sich auf und wandte mir sein Gesicht zu. Die Kratzer unter seinem rechten Auge waren noch da, die Ränder verschorften allmählich. Vielleicht hatte er eine gute Erklärung dafür. Vielleicht auch nicht.

Bevor ich ihn darauf ansprechen konnte, kam Ollie aus dem Zelt. Sie trug dasselbe T-Shirt wie gestern und roch nach dem abendlichen Lagerfeuer. Ihr Zopf hatte sich gelockert. Ich zog sie zu mir heran und zurrte ihn wieder fest. Währenddessen bückte sie sich, hob einen kleinen Stock auf und malte ein Bildchen in den Sand. Zwei Strichfiguren – eine mit lockigem Haar, die andere mit einem langen Zopf – an einem Flussufer. Als ich mit ihren Haaren fertig war, bückte ich mich, um mir das Bild genauer anzuschauen. Neben den Strichfiguren hatte Ollie noch eine dritte Gestalt gemalt – diese trieb im Fluss –, und darüber explodierte eine Art Feuerwerk. Sie klopfte mit dem Stock einmal auf das Bild, dann wandte sie sich um und zeigte mit dem Stock auf mich.

„Geh dir die Hände waschen“, sagte ich. „Frühstück ist fertig.“

Sie klopfte erneut auf das Sandbild. Ich verwischte es mit dem Fuß und sagte: „Hör auf.“

Sie funkelte mich an, dann wandte sie sich um und stapfte zur Regentonne, um sich die Hände zu waschen.

Bear hatte uns beobachtet und fragte: „Was war das denn?“

Ich schüttelte den Kopf. Er schüttete Haferbrei in eine Schüssel und reichte sie mir.

„Ich habe keinen Hunger“, sagte ich, stand auf und ging an ihm vorbei in den Wald.

Bear rief mir nach, aber ich gab vor, ihn nicht zu hören.

Vielleicht hatte Grandma recht. Vielleicht war Bear nicht dazu geschaffen, uns der Vater zu sein, den wir brauchten. Montagnacht, die Nacht, bevor wir die tote Frau fanden, hatte er Ollie und mich allein auf der Weide zurückgelassen. Normalerweise wäre es keine große Sache gewesen. Ollie und ich waren Schlüsselkinder. Wir waren es gewohnt, dass Mom noch auf der Arbeit war, wenn wir nach der Schule nach Hause kamen. Wir machten uns selbst etwas Kleines zu essen, begannen mit unseren Hausaufgaben, manchmal kochten wir sogar das Abendessen. Aber Mom hatte uns immer nur für wenige Stunden allein gelassen, und wenn wir sie im Büro anriefen, meldete sie sich fast immer beim ersten Klingeln.

Bear war die ganze Nacht verschwunden gewesen, und es hatte keine Möglichkeit bestanden, ihn zu erreichen. Er hatte gesagt, in einem Haushaltswarengeschäft in Bend sei eine Lieferung Einweckgläser eingetroffen, und er würde sich Zebs Truck ausborgen und sie abholen. Dann hatte er gefragt, ob er uns irgendetwas mitbringen solle, und versprochen, vor Anbruch der Dunkelheit wieder zurück zu sein. Während wir auf ihn warteten, waren Ollie und ich eingeschlafen. Gerade noch hatten wir durch die kleine Öffnung oben im Tipi – dort, wo die Zeltstangen zusammentrafen – die funkelnden Sterne beobachtet, und dann waren wir plötzlich wach und blinzelten ins helle Morgenlicht, und Bear saß draußen am Feuer und kochte uns Haferbrei.

Er trug dieselben Sachen wie am Tag zuvor, und sein Bett war unbenutzt. Aber ich hatte keine Gelegenheit, ihn zu fragen, wo er gewesen war, denn bis ich aus dem Schlafsack gekrochen war und mich angezogen hatte, war Bear längst am Bienenstand zugange. Und dann waren Ollie und ich zum Fluss gegangen, um eine Runde zu schwimmen. Da hatten wir die Tote entdeckt, und ich hatte Bears nächtliche Abwesenheit völlig vergessen, bis wir später am Anbau standen und mein Blick auf die Regalbretter fiel, auf denen er seine Einweckgläser aufbewahrte, und ich sah, dass es genauso viele waren wie am Samstag, dem Tag unserer Ankunft. Entgegen seiner Ankündigung hatte er keine neuen mitgebracht.

Ich legte den Kopf in den Nacken und betrachtete den kleinen Himmelsausschnitt, der nicht von den Ästen der Silberpappeln verdeckt wurde. Manchmal sah man anmutige Adler dort oben, meistens aber Geier. Heute sah man gar nichts, nur leeres Blau. Seufzend hob ich die Arme und streckte mich.

Als Mom noch lebte, hatte Grandma sie immer wieder gedrängt, die Scheidung einzureichen, diesen Nichtsnutz zu verlassen, diesen Faulpelz, und ein eigenes Leben zu führen. Aber Mom hatte nicht darauf gehört. Sie hatte immer nur traurig aus dem Fenster gelächelt und gesagt: „Es gibt die verschiedensten Arten von Familie, Mama. Für die Liebe gilt das Gleiche.“

Nach der Beerdigung, die Bear nicht besucht hatte, war Grandma fest entschlossen gewesen, vor Gericht das Sorgerecht für Ollie und mich zu erstreiten, aber Grandpa hatte ihr eine Hand auf den Arm gelegt und etwas unwirsch zu ihr gesagt: „Jetzt gib dem Mann doch eine Chance, Judy. Die verdient er.“

Die vereinbarte Testphase sollte Bear dazu nutzen, sich einen Job zu suchen und für uns ein Zuhause mit einem Dach und vier Wänden zu finden, aber bislang hatte ich bei ihm keine diesbezüglichen Aktivitäten bemerkt. Doch Mom hatte Bear vertraut. Und ich vertraute ihm auch. Falls ich wissen wollte, wo er Montagnacht gewesen war und was es mit den Kratzern in seinem Gesicht auf sich hatte, dann brauchte ich ihn nur zu fragen, und was immer er mir antworten würde, ich würde es glauben. Ich würde ihm glauben.

Ich richtete meinen Blick auf Zebs und Frannys Haus. Ein Wagen raste über die Zufahrt, hinter sich eine Staubwolke aufwirbelnd. Aus der Ferne sah ich ihn nur verschwommen, dann aber erkannte ich die eckige Form, die Lichter auf dem Dach, die Aufschrift an der Seite. Früher hatte der Sheriff des Öfteren einen seiner Deputys zu Bear hinausgeschickt, um ihn wegen irgendwelcher Genehmigungen zu piesacken und ihm Vorträge zu halten über unbefugte Landnahme und verantwortungsvolle Müllentsorgung; sie hatten nach einem Vorwand gesucht, um Bear aus der Gegend verscheuchen zu können. Nach einer Weile mussten sie erkannt haben, dass es die Mühe nicht lohnte, denn sie stellten ihre Besuche ein. Nach beinahe vier Sommern sah ich nun zum ersten Mal wieder einen Streifenwagen in unsere Richtung fahren, und mir fiel dafür nur ein einziger möglicher Grund ein.

Ich sprang auf und kletterte schnell die Strickleiter hinunter. Um zu uns zu gelangen, musste der Streifenwagen hinter der Scheune noch eine halbe Meile über den Feldweg fahren, der am Baumstumpf einer Hemlocktanne endete. Ab dort mussten die Polizisten die letzten fünfzig Meter bis zur Weide zu Fuß zurücklegen. Wenn ich rannte, könnte ich vor ihnen dort sein.

Ich stürmte zwischen den Bäumen heraus, gerade als der Streifenwagen das Ende des Feldwegs erreichte. Wagentüren knallten. Sie ließen den Motor laufen. Stiefel krachten durch das Unterholz. Bear saß mit seinem Banjo am Feuer. Er schaute auf, seine Hände erstarrten über den Saiten.

„Die Polizei kommt“, rief ich und rannte an ihm vorbei zum Tipi.

Mit eingezogenem Kopf stürmte ich ins Zelt und riss, ohne groß nachzudenken, die Jeansjacke von der Stuhllehne, über die Bear sie letzten Abend gehängt hatte. Ich stopfte die Jacke in seine Ledertasche und dann die Ledertasche in meinen Schlafsack.

Ollie lag auf dem Boden und schmökerte in dem Buch, das sie seit Anfang des Sommers las: Alice im Wunderland, eine grüne gebundene Ausgabe im Taschenbuchformat mit einem geprägten weißen Hasen auf dem Buchdeckel. Sie und Mom hatten es gemeinsam gelesen, jeden Abend vor dem Schlafengehen ein Kapitel. Sie hatten es nur bis zur Hälfte geschafft. Ollie blickte von der Buchseite auf und starrte mich an. Draußen vernahm ich Stimmengemurmel, zu leise und zu weit entfernt, um einzelne Worte zu verstehen.

Dann rief Bear: „Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass Sie hier nichts verloren haben? Sie begehen Landfriedensbruch, das ist Ihnen doch klar, oder? Aber das interessiert Sie ja eh nicht.“

Stirnrunzelnd blickte Ollie zur Zeltklappe, dann auf die Ausbuchtung in meinem Schlafsack, dann zu mir.

„Es ist nichts“, sagte ich. „Tu so, als hättest du nichts gesehen.“

Ihr Stirnrunzeln vertiefte sich.

„Ich kaufe dir zwei neue Bücher.“

Sie tippte zweimal an ihre Brille.

„In Ordnung“, sagte ich. „Vier Bücher.“

Sie zupfte an ihrem Zopf. Wir hatten eine Abmachung.

„Mädels? Sam?“ Eine vertraute Stimme rief durch die Zeltplane. „Seid ihr da drin?“

Zum ersten Mal war Deputy Santos zur Weide gekommen, als ich elf war. Eine besorgte Bürgerin hatte die Polizei darüber informiert, dass unweit der Johnson-Farm ein junges Mädchen in unnatürlicher Weise mit einem wilden Mann in einem Indianerzelt lebe. Santos hatte sich eine Weile mit Zeb und Franny unterhalten, dann mit Bear und mir, dann hatte sie ein Glas Honig gekauft und war ihres Weges gegangen. Danach hatte sie es sich zum Prinzip gemacht, sich jeden August mit mir auf einen Eisbecher in Patti’s Diner zu treffen. Wir quatschten dann miteinander, unterhielten uns über die Schule, über ihre Arbeit, sprachen auch über andere Leute; es war die Art von Unterhaltung, die man nur in einer Kleinstadt führen kann. Ich mochte die Frau. Aber sie gehörte nicht zur Familie.

„Würdet ihr bitte rauskommen? Wir möchten mit euch reden.“

Bear sagte: „Lassen Sie die Mädchen in Ruhe.“

Ollie klappte ihr Buch zu, setzte sich auf und begann, sich umständlich die Schnürsenkel zu binden, im Gesicht blanke Panik.

„Lass mich das Reden übernehmen.“ Ich nahm ihre Hand, und wir gingen gemeinsam nach draußen.

Deputy Santos stand einige Schritte entfernt vor dem Zelt, die Hände in die Hüften gestemmt. Ihr dunkles, im Nacken zusammengebundenes Haar steckte unter der breiten Dienstmütze. Sie lächelte Ollie und mich an, aber in dem Lächeln lag etwas Trauriges, Wissendes. Jemand hatte ihr von Mom erzählt. Wahrscheinlich Franny. Ich fragte mich, wer noch alles davon wusste und wie vielen Leuten in Terrebonne ich in den nächsten Wochen aus dem Weg gehen musste.

„Du musst Olivia sein.“ Deputy Santos reichte ihr die Hand. „Sam hat mir viel von dir erzählt. Schön, dich endlich kennenzulernen.“

Ollie starrte auf Deputy Santos’ Fingernägel. Sie waren lindgrün lackiert, an den Rändern platzte der Lack ab. Nach einigen Sekunden, in denen niemand etwas sagte, räusperte sich Deputy Santos und zog die Hand wieder zurück.

„Was ist denn los?“, fragte ich.

Bear stand neben der Feuergrube, die Hände in den Taschen vergraben. Sein Banjo lehnte an dem Baumstumpf, den wir als Stuhl benutzten, und dahinter stand ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte. Er trug einen marineblauen Anzug, dazu elegante Straßenschuhe, nicht die braune Uniform und die Stiefel, die ich sonst immer bei den Deputys sah. Aber an seinem Gürtel hingen eine Dienstmarke und eine Pistole, also musste auch er ein Polizist ein. Er war kahlköpfig und hatte mächtige Schultern und zupfte ständig an seiner dunkelroten Krawatte herum, als würde sie ihm den Hals verschnüren.

„Das ist Detective Talbert.“ Deputy Santos nickte in seine Richtung. „Wir hoffen, dass ihr uns ein paar Fragen beantworten könnt.“

„Ihr müsst nicht mit ihnen sprechen“, sagte Bear zu mir, und dann, zu Detective Talbert gewandt: „Sie haben kein Einverständnis von mir. Die Mädchen sind minderjährig. Um mit ihnen zu reden, benötigen Sie meine Zustimmung.“

„Kein Problem, Mr McAlister“, sagte Detective Talbert. „Niemand steckt hier in Schwierigkeiten.“

Deputy Santos zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche. „Wir möchten doch nur wissen, ob Sie in den letzten Tagen irgendetwas Sonderbares bemerkt haben. Hat ein Fremder Sie belästigt? Wurden Sie nachts von seltsamen Geräuschen geweckt? War irgendetwas anders als sonst? Fällt Ihnen irgendetwas ein?“

„Nein“, sagte Bear.

Deputy Santos beobachtete ihn aufmerksam, als suchte sie nach Hinweisen darauf, dass er log. Detective Talbert zupfte an seiner Krawatte. Zupfte und zupfte. Ein Muskel an seinem Unterkiefer zuckte. Die beiden Polizisten betrachteten Bear skeptisch, und das konnte ich ihnen nicht verübeln. Bears struppiges Haar war voller Laub, seine Hände waren schmutzig. Dazu die zerschlissene Kleidung und die ausgetretenen Mokassins und die Art, wie er eine Hand aus der Hosentasche riss und an seinem Bart zog. Die Kratzer unter dem Auge.

„Irgendeine kleine Beobachtung?“, fragte Deputy Santos. „Auch etwas, das Sie zu dem Zeitpunkt nicht für wichtig hielten, könnte uns immens weiterhelfen.“

„Weiterhelfen wobei?“ Bear starrte Deputy Santos durchdringend an, dann Detective Talbert. „Warum sind Sie hier? Ist etwas passiert?“

Detective Talbert räusperte sich und strich seine Krawatte glatt.

Deputy Santos sagte: „Irgendwann letzte Nacht oder heute am frühen Morgen wurde im Smith Rock Park eine Frauenleiche angeschwemmt.“

Etwas piekte in meiner Brust. Ollie wiegte sich hin und her, stieß leicht gegen mein Bein.

„Toni Grant begab sich bei Tagesanbruch auf eine Klettertour und sah die Leiche im Wasser treiben. Sie hing in einigen Ästen fest“, fuhr Deputy Santos fort. „Wir glauben, dass sie von irgendwo flussaufwärts angespült wurde, deshalb fragen wir jeden, der in der Nähe wohnt, ob er etwas bemerkt hat. Wir versuchen nur, Antworten zu finden – für die Familie der Toten.“

Bear starrte weiter auf Detective Talbert. Er blinzelte nicht, zuckte nicht zusammen, gab keinen Hinweis darauf, dass er wusste, wovon die beiden Polizisten sprachen.

Schließlich sagte er: „Wir wissen nichts von der Sache.“

Er nahm sein Banjo, setzte sich auf den Baumstumpf und begann herumzuklimpern.

Deputy Santos und Detective Talbert wechselten einen Blick, den ich nicht deuten konnte. Dann richtete die Frau ihre Aufmerksamkeit auf Ollie und mich. „Und was ist mit euch, Mädchen?“

„Ihr müsst ihr nicht antworten“, sagte Bear über dem Klang seines Banjos hinweg. „Wie gesagt, wir wissen nichts über die Sache. Wir haben nichts gesehen, nichts gehört. Gehen Sie und lassen Sie uns in Ruhe.“

Ich sagte: „Ist schon gut.“

„Ihr braucht denen kein einziges Wort zu sagen.“ Bear senkte den Kopf über seinem Banjo und ließ die Finger über das Griffbrett fliegen.

Ollie drückte meine Hand, ich erwiderte die Geste.

Deputy Santos fragte: „Also gestern, ist da irgendetwas Seltsames passiert? Oder am Tag davor?“

Wie viel Zeit haben Sie? wollte ich die Frau fragen. Und wo soll ich überhaupt anfangen? Vielleicht mit Moms Beerdigung? Oder eine Woche früher, mit dem 4. Juli, dem Tag, an dem sie starb? Oder soll ich all diese Dinge weglassen und direkt zu dem Teil kommen, wo Ollie und ich baden gehen und so tun wollten, als wäre unser Leben wieder völlig normal, dass wir aber, als wir den Fluss erreichten, stattdessen die nächste tote Frau fanden? Alles an diesem Sommer war seltsam, das eine nicht weniger als das andere.

Ich blickte zu Bear. Er hielt den Kopf immer noch gesenkt, seine Finger flogen weiter über das Griffbrett. Ich schluckte alles hinunter, was in mir aufgestiegen war. Wenn mein Vater nichts sagte, dann würde ich auch nichts sagen.

Ich schaute Deputy Santos in die Augen und zuckte mit den Schultern. „Wir haben nichts gesehen.“

Es wäre schon schwierig genug gewesen, ihr zu erklären, warum wir nicht sofort jemanden informiert hatten, warum wir die Frau flussabwärts treiben ließen, ohne jemanden davon zu unterrichten. Und noch schwieriger wäre es gewesen, die Polizei davon zu überzeugen, dass Bear nichts damit zu tun hatte. Ich wusste doch, wie sie hinter seinem Rücken über ihn sprachen. Dass man ihm nicht trauen könne, einem Mann, der ganz allein hier draußen auf der Weide lebte, der Frau und Kinder verlassen hatte, einem Mann, der ein selbstsüchtiger, ein schlechter Mensch war. Ich wusste doch, was sie über ihn erzählten, und wenn man die anderen Dinge hinzunahm – dass er Ollie und mich die ganze Nacht allein gelassen hatte, dass er mit Kratzspuren im Gesicht und der Jacke einer toten Frau zurückgekehrt war und dass er sich nun so abweisend verhielt –, dann war mir klar, dass das Urteil über ihn schon feststehen würde, bevor der Prozess überhaupt begann. Bevor ich die Gelegenheit hätte, seine Seite der Geschichte zu hören. Ich musste erfahren, was er zu alledem zu sagen hatte.

„Was ist mit dir, Olivia?“, fragte Deputy Santos. „Hast du etwas gesehen?“

Ollie schaute zu mir auf, dann schüttelte sie den Kopf.

Deputy Santos klappte ihr Notizbuch zu und steckte es wieder ein. Sie gab mir eine Visitenkarte. „Falls dir irgendetwas einfällt, ruf mich an, okay? Falls ich nicht da bin, sprich auf den Anrufbeantworter.“

Ich nahm die Visitenkarte und nickte.

Sie hielt einen Moment lang inne und beobachtete mich, dann seufzte sie und bedeutete Detective Talbert, dass sie fertig seien und gehen könnten.

Der Detective fuhr sich mit der Hand über den kahlen Kopf und sagte: „Danke, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.“

Bear schaute nicht von seinem Banjo auf, hörte nicht mal auf, zu spielen.

Deputy Santos und Detective Talbert verschwanden zwischen den Bäumen, und dann waren wir wieder zu dritt. Ollie, Bear und ich. Wir drei und all die Lügen, die wir der Polizei aufgetischt hatten.

Am Nachmittag hockte ich auf den Knien im Gemüsegarten und riss zwischen den Tomatenstöcken Unkraut aus der Erde. Im angrenzenden Kürbisbeet schob Bear die Blätter beiseite und hielt nach reifen Exemplaren Ausschau. Ich erreichte das Ende der Tomatenreihe und begann mit der nächsten. Als ich nach einer Weile fertig war, ging ich hinüber zu den Bohnenpflanzen. Ich arbeitete längst nicht so gründlich wie früher in Moms Blumenbeeten. Bear kümmerte es nicht, ob der Gemüsegarten hübsch aussah. Er sollte nur ergiebig sein, deshalb riss ich nur das größte Unkraut heraus, das das Gemüse zu überwuchern begann und ihm wertvolles Sonnenlicht und Wasser zu nehmen drohte. Ich arbeitete schnell und achtlos, ließ die kleineren Unkrautsträucher in der Erde stecken. Mein verschwitztes T-Shirt klebte mir am Rücken, Schweiß tropfte von meiner Stirn. Mir taten die Schultern und die Knie weh. Meine Hände starrten vor Dreck. Ständig hatte ich das zerschundene Gesicht der Toten vor Augen, und ich fragte mich, welchen Unterschied es jetzt noch machen würde, mit der Wahrheit herauszurücken. Nichts würde die Frau wieder zum Leben erwecken.

Ich packte einen großen Löwenzahn am Stängel und zog, aber er rührte sich nicht. Ich kratzte die Erde über der Wurzel fort und zog erneut, kräftiger diesmal. Der Löwenzahn zerriss, und ich hielt nur die obere Hälfte in der Hand. Ich warf sie in meinen Unkrautkorb und schaute zu Bear hinüber.

„Glaubst du, die Frau, die gefunden wurde, stammte von hier?“, fragte ich.

Er hob einen Kürbis auf und drehte ihn in den Händen. Der Kürbis war buttergelb, beinahe dreißig Zentimeter lang, oben schlank, unten bauchig.

„Keine Ahnung“, brummte Bear.

„Glaubst du, Franny weiß es?“

Er legte den Kürbis in einen leeren Eimer und griff nach einem weiteren Exemplar unter den Blättern. Zuerst antwortete er nicht, dann sagte er schließlich: „Macht es denn einen Unterschied, ob die Frau aus der Gegend stammte oder von anderswo?“

Ich setzte mich zurück auf die Fersen. „Woher hast du die Kratzer im Gesicht?“

Bear fasste sich an die Wange und blickte zu den Bäumen. „Ein Brombeerstrauch hat mich erwischt, als ich durch den Wald lief.“

„Und die Jacke? Lag sie am Boden, als du sie gefunden hast? Oder hing sie an einem Ast oder so was?“

„Sie hing im Dickicht am Fluss.“ Bear trug seinen halb mit Kürbissen gefüllten Eimer zu einer Tomatenreihe. „Hab ich dir doch schon erzählt. Ich dachte, es wäre deine. Deshalb nahm ich sie mit.“

Ich schüttelte den Kopf, dann streckte ich den Arm aus und zog zwischen zwei Bohnenpflanzen eine hohe Distel aus dem Boden.

„Du glaubst mir nicht“, sagte er.

„Du warst nicht zurück, bevor es dunkel wurde“, entgegnete ich.

„Was?“

„Montagabend. Du hast gesagt, du würdest zurück sein, ehe es dunkel wird.“

Bear schlurfte zwischen den Tomatenstöcken herum, drückte vorsichtig die Exemplare mit der kräftigsten Rotfärbung und wählte die reifen aus. Er blickte kurz zu mir herüber, schaute gleich wieder weg.

„Wo warst du?“, fragte ich ihn.

Er seufzte und fasste sich ins Kreuz. „Ich habe mit den Sternen gesprochen.“

„Du warst lange fort.“

Er beugte sich wieder über die Tomatenstöcke.

„Ollie und ich haben uns Sorgen gemacht.“

„Ich kann gut auf mich aufpassen.“

Ich funkelte ihn an. „Du lebst jetzt nicht mehr allein hier draußen, verstehst du? Es gibt noch zwei andere Menschen, auf die du aufpassen musst. Nicht nur auf dich selbst.“

Ich brach eine grüne Bohne von dem Strauch ab, unter dem ich das Unkraut herausriss, brach sie entzwei und schob mir beide Teile in den Mund. So mochte ich Bohnen am liebsten, direkt aus dem Garten, knackig und sonnengewärmt. Ich kaute und kaute, bis mir nicht mehr so sehr nach Schreien zumute war.

Ich schluckte die Bohne hinunter und fragte Bear unumwunden: „Hattest du etwas mit dieser Frau zu tun?“

Er ließ eine Tomate fallen, hob sie wieder auf und rieb sie an seinem T-Shirt ab. „Wie kommst du denn darauf?“

„Du hast dem Detective nichts von der Jacke erzählt.“ Ich pulte den Dreck unter meinen Fingernägeln heraus.

Bear legte die Tomate zu den anderen in den Eimer, ganz langsam, als dächte er über etwas nach, dann richtete er sich wieder auf und schaute mir in die Augen. „Du auch nicht.“

Einige Sekunden lang starrten wir uns an. Ich schaute als Erste weg.

„Gibt es etwas, das du mir erzählen müsstest, Sam?“

Eine Haarsträhne war mir vor die Augen gerutscht. Ich schob sie hinter mein Ohr, aber sie rutschte gleich wieder heraus. Meine kastanienbraunen Locken waren früher lang gewesen, hatten mir bis über die Schultern gereicht, so wie bei Mom, aber nun trug ich mein Haar deutlich kürzer, und ich hatte mich noch nicht daran gewöhnt, dass es machte, was es wollte. Ich hatte es mir selbst abgeschnitten, einige Stunden vor Moms Beerdigung. Mit einer Schere war ich ins Badezimmer gegangen, hatte die Tür verriegelt und mir die Locken abgesäbelt, bis ein dunkelbrauner Haarberg am Boden lag. Als ich wieder herauskam, hatte Grandma gefragt: „Fühlst du dich besser?“ Und ich hatte Ja gesagt, auch wenn es nicht stimmte.

„Sammy?“, sagte Bear sanfter und trat einen Schritt in die Richtung, wo ich auf dem Boden saß.

Ich schaute zu ihm auf. Er hatte dieselbe Augenfarbe wie Ollie – bernsteinfarben mit grünen und goldenen Tupfern –, aber erst jetzt bemerkte ich, wie traurig sie aussahen, wie viele neue Falten sich ringsum gebildet hatten.

Er sagte: „Ich habe dieser Frau nichts getan, falls du das denken solltest. Ich würde so etwas nie tun. Ich würde unsere Familie niemals in Schwierigkeiten bringen, vor allem nicht nach dem, was geschehen ist … Sam, ich würde nie …“

„Ollie und ich haben sie gesehen“, platzte es aus mir heraus.

Überrascht wich er einen halben Schritt zurück. „Was?“

„Im Fluss.“ Ich sprach hastig, versuchte, alles zu erzählen, bevor mich wieder der Mut verließ. „Gestern früh. Wir gingen zur Badestelle, und die Frau … trieb im Wasser. Sie war tot.“

„Oh, mein Gott.“

„Wir haben versucht, sie ans Ufer zu ziehen, aber sie war zu schwer. Wir haben es versucht …“ Meine Stimme brach. Seit Moms Beerdigung hatte ich nicht mehr geweint, aber plötzlich spürte ich den Druck hinter meinen Augen und wie es mir die Kehle zuschnürte. Falls ich jetzt anfing zu weinen, würde ich nicht mehr aufhören können. Ich holte tief Luft und wischte mir mit dem Handrücken über die Nase. Schniefend sagte ich leise: „Sie wurde von der Strömung erfasst.“

Bear stellte den Eimer ab und kam zu mir. Er hockte sich neben mir hin, schien aber nicht zu wissen, was er mit seinen Händen anstellen sollte. Er wollte mich in die Arme nehmen, zog die Hände aber wieder zurück, klopfte mir auf die Schulter, zog die Hand wieder zurück. Mit dem Daumen rieb er seine Fingerknöchel und sagte: „Also war es ihre Jacke?“

Ich nickte. „Glaub schon.“

„Dann müssen wir sie Detective Talbert geben.“

Ich starrte auf meine schmutzigen Hände. „Können wir sie nicht einfach wieder dort hinlegen, wo du sie gefunden hast?“

Bear lachte ein wenig, aber ich verstand nicht, was daran lustig sein sollte.

„Nein“, sagte er. „Das können wir nicht. Wir müssen es ihnen erzählen.“

„Was, wenn sie dich für den Täter halten?“, murmelte ich.

Bears Blick wanderte zu der Stelle neben dem Gemüsegarten, wo Ollie im Gras saß und einen Kranz aus Gänseblümchen flocht. Er zog ein kleines Stofftuch aus der Tasche und wischte sich die Stirn ab. „Keine Sorge, Sam. Wenn wir ihnen die Wahrheit erzählen, ist alles in Ordnung.“

Er erhob sich und schaute blinzelnd in die Sonne. „Meinst du, heute wird es über vierzig Grad?“

Ich antwortete nicht. Ich blickte ihm nach, während er sich von mir entfernte, den Eimer mit den Kürbissen und Tomaten nahm und aus dem Garten ging. Als er außer Sichtweite war, griff ich unter die Bohnen und riss das nächste Unkrautbüschel heraus.

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