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Das Schicksal der Königin

Teil 1 - Kapitel 1

Aufgeregt verließ der kleine Helger den Marktplatz und eilte durch die Straßen von Erenthron, an den Marktständen und den Läden entlang bis hin zur Schmiede an der Ecke. Eine scharfe Rechtskurve, vorbei an den Fuhrwerken und ab in das Gewirr der kleineren Gassen. Endlich hatte er die Seitengasse erreicht, in der das Haus seiner Eltern stand.  Auf sein drängendes Pochen an dem massiven Holztor hin öffnete die alte Haushälterin Grete.

„Na, Helger, was machst du für einen Lärm? Du wirst noch die Tür einschlagen, wenn du so weitermachst.“ Dabei lächelte sie und strich dem sich vorbei drängenden Jungen übers Haar. Ohne sie zu beachten stürmte Helger hinein. Zu seiner Enttäuschung fand er bloß seine Mutter Janneke vor, die den ganzen Tag zuhause war. Ihr Mann Osal sorgte gut für seine kleine Familie. Deshalb blieb ihr viel Zeit für ihre große Leidenschaft, das Verzieren von Seidentüchern mit aufwendigen Stickereien. 

„Wo ist Vater?“, fragte Helger ruhelos. „Ich muss ihm unbedingt etwas erzählen.“

Janneke legte ihr Stickzeug zur Seite und schaute hoch zu ihrem Sohn, der bald 10 Jahre alt werden würde. „Helger, wie war es in der Schule? Wo dein Vater ist? Wir haben dir doch gesagt, er muss auf eine Geschäftsreise. Er kommt sicher bald zurück.“

„Och, wieder eine dieser langweiligen Reisen. Dauernd ist er unterwegs und nie erzählt er davon. Ich wünschte, er müsste nicht dauernd verreisen“, jammerte Helger.

Janneke seufzte leise in sich hinein. Sie enttäuschte ihren Sohn ungern. Wenn er so vor ihr stand und ihm die blonden Locken ins Gesicht hingen, wünschte sie sich, ihm die Wahrheit sagen zu können. „Das hätte ich auch gerne. Du weißt ja, sein Beruf nötigt ihn zu diesen Reisen.“ Tatsächlich war Helgers Vater Osal häufiger unterwegs. Mal kam er schnell zurück, ein anderes Mal war er viele Tage unterwegs. Diese Handelsreisen kamen meist recht plötzlich. Anschließend war er eine Weile unterwegs und kam genauso schlagartig zurück nach Hause. Er begründete dies stets damit, dass nicht in allen Teilen des Landes die Wege so gut ausgebaut seien. Um Helger zu beruhigen, ergänzte Janneke „Womöglich bringt er dir etwas mit, wenn du brav bist.“ Sie wusste genau, mit kleinen Geschenken ließ Helger sich immer beruhigen. Von einer seiner Reisen hatte Osal ihm einen Zierdolch mitgebracht. Den hütete Helger seither wie seinen Augapfel und gab ihn nicht aus der Hand. Janneke war wenig begeistert davon, doch es war unmöglich, ihrem Sohn den Dolch abzunehmen. Und tatsächlich, die Aussicht auf ein Geschenk schien Helger zu beschwichtigen.

„Ein Geschenk? Weiß Vater eigentlich, wie artig ich sein kann? Wohin ist er diesmal unterwegs?“ Seine Augen blitzten aufgeregt bei dem Gedanken, was sein Vater ihm aus der Ferne mitbringen würde. Osal kehrte fast immer mit einem Beutel voll Gold heim und meistens hatte er Geschenke dabei.

„Ja, natürlich weiß dein Vater, was für ein braver Junge du sein kannst. Du bist mir allerdings zu neugierig. Wollten wir uns das nicht abgewöhnen?“ Dabei schaute sie Helger streng an, der betrübt nickte und sich mit gesenktem Kopf neben sie auf die Liege setzte.

„Ich weiß, ich soll nicht fragen, wohin seine Reisen gehen. Wenn ich es nicht weiß, kann ich es niemanden verraten und Vaters Geschäfte bleiben sicher.“

Liebevoll strich sie ihm die blonden Locken aus dem Gesicht. Auch wenn sie ihn manchmal streng anschauen musste, lange Zeit konnte sie ihm niemals böse sein. „Na also, du weißt es doch. Was wolltest du ihm denn erzählen, als du herein gekommen bist? Magst du es vielleicht mir erzählen? Du bist ja noch ganz aufgeregt.“ Tatsächlich wippte Helger mit den Beinen und blickte verträumt zum Fenster.

„Draußen vor dem Tempel auf dem Marktplatz, da sind Reiter angekommen. Mit großen Pferden und bunt geschmückt waren die. Ich glaube, das waren echte Ritter. Jedenfalls habe ich solche noch nie hier bei uns in der Stadt gesehen.“

„Ritter sagst du“, wiederholte Janneke ihn und erhob sich, um ans Fenster zu treten. Mit sorgenvoller Miene schaute sie nach draußen. „Waren es denn viele?“, fragte sie wie beiläufig.

„Mindestens ein Dutzend. Sie hatten alle diese neumodischen Armbrüste. Sind bestimmt Krieger oder Ritter. Einer hatte so einen Hut mit einer Feder dran. An seinem Pferd habe ich einen Bogen gesehen. Sah ein bisschen aus wie ein Späher. Eigentlich sahen sie alle aus, als würden sie jemanden suchen. Und sie hatten diese grünen Umhänge mit einem seltsamen  Kreis über ihren Rüstungen.“

„Ein seltsamer Kreis sagst du?“ Bei den letzten Worten hatte sie sich ruckartig zu Helger umgedreht. „Hör mir gut zu, mein Sohn. Ich möchte, dass du schnell nach oben gehst und dir ein paar Sachen einpackst. Beeile dich. Du wirst die nächsten zwei Nächte bei deinem Oheim übernachten, bis dein Vater zurück ist. Hast du mich verstanden?“

„Bei Onkel Peiter?“, freute sich Helger. „Ihr wolltet doch nicht mehr, dass ich zu ihm gehe.“

„Richtig, aber heute möchte ich es sogar. Tust du mir bitte den Gefallen?“, sagte sie nachdrücklich.

„Na gut, wenn du es dir so sehr wünschst“, erwiderte Helger. Tatsächlich hatte er nichts dagegen, seinen Oheim zu besuchen. Peiter, genau genommen der Onkel seiner Mutter, hatte immer viel Zeit für seinen Großneffen. Allerdings hatte er ihm in der Vergangenheit allerhand Unsinn in den Kopf gesetzt. Außerdem war sein Lebensstil nicht für Kinder geeignet. Die unzähligen Frauengeschichten waren noch das harmloseste, was sie an ihm auszusetzen hatten. Folglich hatten Osal und Janneke beschlossen, ihren Sohn nicht mehr zu ihm zu lassen. Deswegen freute sich Helger, denn er hoffte, ihn in Zukunft wieder häufiger besuchen zu dürfen. Er eilte die Treppe hoch zu seiner Kammer und packte ein paar Kleidungsstücke in eine Tasche und rannte zurück zu seiner Mutter.

„Hast du alles eingepackt?“, fragte sie, schaute allerdings immer noch aus dem Fenster auf die Gasse.

„Klar. Soll ich Onkel Peiter etwas ausrichten?“

Janneke wandte sich ihrem Sohn zu, umarmte und küsste ihn noch einmal. „Er soll für die nächsten zwei Tage auf dich aufpassen. Und vergiss nicht, was auch passiert, ich habe dich lieb.“

„Ich hab dich auch lieb, Mutter!“, erwiderte Helger irritiert. Mit diesen Worten verließ er freudig sein Elternhaus. Als er die Tür hinter sich schloss, sah er noch, wie seine Mutter auf den Kamin zuging.

Voller Freude machte Helger sich auf den Weg quer durch die Stadt zu seinem Onkel. In seiner Aufregung vergaß er jedoch nicht die fremden Reiter. Er beschloss, noch einmal am Marktplatz vorbeizuschauen. Vielleicht konnte er noch einen Blick erhaschen. Je näher er dem Marktplatz kam, desto dichter wurde das Gedränge auf den Gassen. Allerlei Volk war heute wieder einmal unterwegs, teils mit Handkarren oder Packeseln. Bei derart vielen Menschen würde es nicht leicht werden, die Fremden zu finden. Dank seiner geringen Größe konnte er sich gut durch die Reihen schlängeln und erreichte bald den großen Platz. Außer zahlreichen Marktständen und Zelten war nichts Auffälliges zu sehen.

Die Rufe der Marktschreier schallten über den gesamten Platz. Um ihre Waren feil zu bieten, übertönten sich die Händler gegenseitig. Menschentrauben bildeten sich an einigen Stellen, andere Händler hingegen hatten es schwer, ihre Waren loszuwerden. Damit kannte sich Helger gut aus. Sein Vater war öfter mit ihm hier gewesen und er hatte gelernt, gute von weniger guten Waren zu unterscheiden. Und in einer Stadt wie Erenthron war es wichtig, diesen Unterschied zu kennen.

Dank seines Hafens wurden in Erenthron zwar zahlreiche Waren angelandet. Meist wurden sie nur umgeschlagen und ins Landesinnere geschafft. Nachdem das Land durch den Krieg mit dem benachbarten Königreich Arriach verheert worden war, versuchte König Herfried alles, um das Land wieder gedeihen zu lassen. Ein verlorener Krieg bedeutete stets begrenzte Mittel für den Wiederaufbau. Dazu kam eine Serie von Missernten. All dies lag Jahre zurück, doch noch waren es schwere Zeiten. Langsam wurde es besser, wie manch einer bereits verlauten ließ. Arbeit war mehr als genug vorhanden, weswegen es viele Menschen in die Stadt zog. Auf diese Weise gab es ein Übermaß an billigen Arbeitskräften. Zumal die Oberen der Stadt auf die Idee gekommen waren, Gefangene als Arbeiter einzusetzen. Sie wurden für die niederen und schweren Arbeiten eingesetzt. So sparte man sich die Hinrichtung und teure Gefängnisse.

In der Stadt selbst besaß kaum jemand mehr das, was man Reichtum nennen konnte. Der Krieg war teuer gewesen und die Steuern noch hoch. Entsprechend achtete wirklich jeder auf sein Geld. Aus diesem Grund waren es meist die fahrenden Händler, die versuchten, Luxuswaren anzubieten. Häufig fanden sie keine Käufer, doch die Anzahl dieser Händler stieg langsam an.

Helger ließ sich von der Menschenmenge treiben. Längst hatte er den größten Teil des Marktplatzes hinter sich gelassen. Vor ihm ragten die Mauern des großen Tempels auf. Dabei handelte es sich um die zentrale Kultstätte der „Hüter des Lichts“, wie sich die Priesterschaft des Lichtgottes nannte. Bisher hatte Helger noch kaum Erfahrung mit den Priestern gehabt. Den Erzählungen seiner Eltern konnte er entnehmen, wie mächtig die Hüter des Lichts in ihren schweren purpurnen Roben mit den Sonnensymbolen waren und dass man sich besser vor ihnen in Acht nehmen sollte. Nicht umsonst hatte sich die Priesterschaft als zweite Macht im Lande Zwischenwasser etabliert – neben König Herfried versteht sich. Nichts geschah im Königreich, von dem sie nichts wussten. Dies alles ging Helger durch den Kopf und er beschloss, sich dem Tempel nicht weiter zu nähern.

Über eine der vielen Seitenstraßen gelangte Helger in das Handwerkerviertel. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zum Hafenviertel, wo sein Onkel Peiter wohnte. Einige Lastkarren rumpelten Helger entgegen, ansonsten war nicht viel los. Der größte Trubel war im Zentrum und direkt am Hafen. In unmittelbarer Nähe zu den Warenhäusern waren zahlreiche Tavernen und Gasthöfe zu finden. Tagsüber, aber insbesondere abends fanden diese Häuser regen Zulauf. Bis auf die Gassen hinaus ertönte Musik und Gelächter von Zechern. Manchmal kam es zu üblen Schlägereien, die von der Stadtwache jedoch meist schnell beendet werden konnten. Den Umgang mit Betrunkenen war man hier sozusagen gewohnt und der Gestank nach Bier, Urin und Erbrochenem war allgegenwärtig. In einem Viertel wie diesem wohnte Helgers Onkel. Helger wunderte sich nicht, dass seine Eltern ihm verboten hatten, sich hier herumzutreiben. „Diesmal sollte ich ja herkommen“, freute er sich. Bald stand er in einer schlecht gepflasterten Gasse vor dem baufälligen Haus seines Onkels. Artig klopfte er. Zu seinem Erstaunen gab die Tür nach und öffnete sich.

„Onkel Peiter?“, rief er vorsichtig hinein. Eine Antwort  war nicht zu hören. Vorsichtig trat er ein, schloss die Tür und rief noch einmal. „Onkel Peiter? Ich bin es, Helger. Bist du da?“

Durch eine Tür hörte er lautes Schnarchen. Offensichtlich schlief sein Onkel noch, obwohl es bald Mittag war. „Sicher hat er verschlafen und muss geweckt werden“, dachte sich Helger. Er öffnete die Tür zur Schlafkammer und fand seinen Onkel auf seinem Bett liegend. Die Decke lag neben ihm und sein Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Helger war nicht mehr bewusst, wie hager sein Onkel war. Auf seiner nackten Brust konnte man jede Rippe sehen. Er ging auf ihn zu und berührte ihn an der Schulter.

„Onkel Peiter! Aufwachen! Es ist schon spät“, rief er. Zu seinem Entsetzen bewegte sich Peiter blitzartig und ehe er sich versah, hatte Helger ein Messer an der Kehle. Erst danach erkannte Peiter, wer ihn geweckt hatte und steckte augenblicklich das Messer weg.

„Meine Güte, Helger! Was hast du mich erschreckt!“ Fröhlich umarmte er den vor Schreck blassen Jungen. „Ich freue mich, dich zu sehen. Was treibt dich hierher? Ich dachte, deine Mutter möchte dich nicht mehr hier sehen.“

„Ich freue mich auch, Onkel“, erwiderte Helger unsicher. Als er das Messer nicht mehr sehen konnte, holte er erst einmal tief Luft. „Mutter hat mich zu dir geschickt. Da bin ich gleich hergekommen.“

Peiter gähnte herzhaft und musterte erstaunt seinen Neffen. „Hergeschickt hat sie dich, so so. Bist du dir da sicher? Das klingt gar nicht nach Janneke. Hast du womöglich etwas ausgefressen? Na selbst wenn, du weißt, bei mir bist du immer willkommen. “

„Ausgefressen? Ich?“ Helger war empört. „Das würde ich nie machen. Es liegt eher an dir, dass ich nicht mehr herkommen durfte.“

„Na,  ich scheine mich gebessert zu haben“, lachte Peiter und band sich seine halblangen Haare zu einem kleinen Zopf. Er jetzt sah Helger, wie sich die Bettdecke bewegte. Zu seinem Erstaunen tauchte darunter das verschlafene Gesicht einer jungen und vor allem unbekleideten Frau auf. Peiter folgt seinem Blick, warf die Bettdecke über seine Gefährtin. Unbeholfen kratze er sich am stoppeligen Kinn und erklärte sich. „Nun, am besten vergisst du, sie gesehen zu haben. Verstanden?“

Zu der Frau gewandt sagte er noch: „Wie du merkst, muss ich meine Aufmerksamkeit jemand anders widmen. Zieh dich an und geh nach Hause. Wir sehen uns.“  

Lächelnd angelte die Frau nach einem Unterkleid und bedeckte ihre Blöße. Mit weiteren Kleidungsstücken verließ sie das Schlafzimmer, allerdings nicht ohne Peiter noch einen Kussmund zuzuwerfen. 

Helger stand mit offenem Mund vor seinem Onkel und schielte vorsichtig der Frau hinterher „Wie spät ist es denn?“, fragte Peiter, woraufhin Helger seine Stimme wiederfand. „Die Sonne steht hoch am Himmel. Bald ist Mittag.“

„Mittag? Das ist gut. Zeit zu Essen, nicht wahr?“ Auf die Tür zeigend meinte er: „Die wollten wir besser vergessen, oder? Kein Wort zu deiner Mutter. Versprochen?“ Helger nickte.   

Kapitel 2

Peiter führte seinen Großneffen zu einem nahen Gasthof. Dort saßen sie an einem kleinen Tisch direkt in der Küche. Eine kleine, überaus mollige Köchin mittleren Alters brachte beiden einen irdenen Teller mit Eintopf sowie einen Kanten Brot. Während sie aßen, versuchte die Köchin offenkundig, Peiter schöne Augen zu machen. Der gönnte ihr zwar den einen oder anderen verschmitzten Blick, konzentrierte sich ansonsten auf sein Essen. Was die Köchin, die sich Helger als Frieda vorgestellt hatte, nicht vom Reden abhielt.

„Peiter, wo hast du den jungen Mann aufgegabelt? Ist dir bestimmt zugelaufen, oder?“ Das Wort „zugelaufen“ betonte sie so auffällig.

„Ob du es glaubst oder nicht“, erzählte Peiter kauend, „Helger hier ist mir wirklich zugelaufen. Besser du vergisst ihn gleich wieder.“

„Na wenn das so ist, lasst es euch schmecken. Und du Kleiner, glaub mir, unser Peiter hier, vielleicht ist er nicht der beste Umgang. Dennoch gibt es einige, die sind schlimmer wie der. Wo kommste denn her, wenn ich fragen darf?“

Helger wollte gerade antworten, da trat Peiter ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein. „Von weit her, nicht wahr“, sagte Peiter. „Ja, von weit“, stimmte Helger schüchtern zu.

„So so, von weit her. Ich merk schon, Ihr lasst euch nicht in die Karten schauen. Sei's drum, Hauptsache ihr wisst, auf die Frieda könnt ihr euch verlassen. Wenn ihr fertig gegessen habt, dann macht euch fort.“

„Bist ein Schatz, Frieda“, umgarnte Peiter sie.

„Das merkst du früh“, erwiderte sie trocken und widmete sich ihren Kochtöpfen.

Später saßen Peiter und Helger wieder in der Stube von Peiters Haus. „Jetzt erzähl, was hat Janneke genau gesagt, als sie dich hergeschickt hat?“

Helger überlegte kurz. „Sie hat gesagt, ich soll ihr einen Gefallen tun und zu dir gehen. Und das du auf mich aufpassen würdest. Ach ja, und sie würde mich lieb haben, egal was passiert.“

„Das klingt, als wäre irgendetwas passiert. So wie ich meine Nichte kenne, gibt es dafür sicher einen Grund. Bist du sicher, nichts angestellt zu haben?“

„Habe ich doch gesagt“, erklärte Helger entrüstet. „Ich kam nach Hause und wollte Vater von den Reitern erzählen, aber er war schon unterwegs. Sie haben mir nicht gesagt, wohin er gegangen ist. Bestimmt bringt er mir etwas Schönes mit. Danach war Mutter auf einmal ganz aufgeregt und hat mich zu dir geschickt.“ Unbewusst tastete Helger nach seinem Zierdolch. Er fand es beruhigend, ihn wie gewohnt an seinem Gürtel zu finden.

„Hoho, langsam, junger Freund. Auf dich aufpassen, das werde ich wohl, keine Frage. Was war das mit den Reitern? Irgendetwas, was ich wissen müsste?“

„Als ich früh am Marktplatz war, habe ich dort fremde Reiter gesehen, auf großen Pferden und in schweren Rüstungen. Alle hatte solche Armbrüste, nur einer nicht. Der hatte einen Bogen und eine Feder am Hut. Das sah richtig wagemutig aus. Ich glaube, das waren echte Ritter. Und alle hatten bunte Umhänge mit einem Kreis darauf. “

Aufmerksam hörte Peiter zu bis Helger alles erzählt hatte. „Ein paar Reiter hast du gesehen? Sonst ist nichts geschehen? Und Janneke war aufgeregt? Merkwürdig. Daraus kann ich mir keinen Reim machen“, log Peiter.

„Verstanden habe ich das auch nicht. Aber ist egal, denn ich durfte wieder zu dir. Was machen wir denn heute?“, fragte er abenteuerlustig.

Peiter lächelte. „Wir könnten ein wenig zum Hafen gehen und nachschauen, ob wir ein paar Schiffe sehen können. Der Hafen hat dir früher immer gefallen, oder?“

„Klar“, freute sich Helger. „Im Hafen ist es aufregend. Können wir gleich los?“

„Na klar“, erwiderte Peiter. „Lass uns gleich gehen. Bald setzt die Flut ein. Vielleicht sehen wir sogar Schiffe in vollen Segeln.“

Unterwegs redeten beide nicht viel. Jeder hing seinen Gedanken nach. Der Bericht von Helger über die Reiter und über das Verhalten von Janneke hatte bei Peiter ein ungutes Gefühl hinterlassen. Für Helger war viel passiert. Er war verwirrt und aufgeregt zugleich. Einerseits fühlte er sich bei seinem Onkel sehr wohl, doch genau wie seine Eltern, schien er ihm irgendetwas zu verheimlichen. Sicher würde sich das Ganze klären, wenn er erst einmal wieder zuhause wäre. Das hoffte er zumindest.  

Die Zeit am Hafen verging wie im Flug. Zu seiner großen Freude konnte Helger gleich mehrere große Segelschiffe bestaunen. Eigentlich gab es kaum etwas im Hafen, worüber Peiter nichts zu wissen schien. Für Helger schien sein Onkel einer der schlauesten Männer überhaupt zu sein.

Abends saßen die Beiden noch eine Weile zusammen und spielten Karten. So sehr sich Helger bemühte, Peiter hatte ein unglaubliches Glück mit den Karten. Es schien schier unmöglich zu sein, ihn beim Spielen zu besiegen. Peiter hingegen amüsierte sich darüber, wie verbissen Helger versuchte zu gewinnen. Darüber vergingen einige Stunden. Erst als Helger seine Augen kaum noch aufhalten konnte, schickte ihn Peiter ins Bett. Bald schlummerte er selig, während sein Onkel eine Weinflasche entkorkte und grübelte. Erst als die Flasche leer war, legte er sich nieder.

Am nächsten Morgen wachte Helger ungewohnt spät auf. Schlaftrunken erinnerte er sich, nicht zuhause zu sein. Erst jetzt hörte er das leise Schnarchen von Peiter aus dem Nachbarzimmer. Langsam zog Helger sich an und ging zur Tür. Er hoffte, die nähere Umgebung allein erkunden zu können. Als er versuchte, die Tür zu öffnen, fand er sie verschlossen vor. „Mist“, schimpfte Helger vor sich hin. Dabei fiel ihm ein, dass Peiter stets einen Schlüssel neben seinem Bett aufbewahrte. Vorsichtig spähte er in Peiters Kammer hinein. Dort lag der Schlüsselbund! Auf allen Vieren krabbelte Helger in den Raum, bedacht, kein Geräusch zu machen. Sein Onkel schien tief zu schlafen. Als Helger die Hand nach dem Schlüssel ausstreckte, packte ihn plötzlich Peiter am Handgelenk.

„Halt! Wer da?“, sagte er noch im Halbschlaf. Erst als er die Augen aufschlug, erkannte er Helger. „Ach, du bist es. Was schleichst du hier herum?“

Ungläubig starrte Helger ihn an und brachte kein Wort heraus.

„Wolltest wohl zur Tür raus, was? Genau deswegen habe ich abgeschlossen, damit du nicht raus kannst. Wie soll ich sonst auf dich aufpassen?“

„Wie... wie hast du mich gehört?“, fragte Helger fassungslos.

„Du warst nicht leise genug“, erklärte Peiter lächelnd. „Wenn du schon hier bist, es ist Zeit zum Aufstehen. Lass uns frühstücken gehen.“

Peiter führte seinen Neffen zu dem Gasthof und der Küche von Frieda. Die begrüßte die Beiden herzlich und tischte ihnen ein deftiges Frühstück auf.

„Esst, ihr zwei seht aus, als könntet ihr es vertragen.“

„Danke, Frieda. Du bist und bleibst die beste“, schäkerte Peiter wie gewohnt mit ihr.

Allzu gerne langte Helger zu und ließ es sich schmecken. Dabei fiel ihm nicht auf, dass sein Onkel nur zaghaft zugriff. Er grübelte noch über das, was Helger erzählt hatte. Offensichtlich hatte Janneke den Kleinen zu ihm geschickt, um ihn zu schützen. Dies musste mit den Reitern und dem Zeichen auf ihren Umhängen zu tun haben. Wer waren diese Kerle? Das musste er herausfinden.

„Helger, bleibst du bitte eine Weile hier? Ich muss kurz etwas erledigen. Ich hole dich später ab. Geht das klar, Frieda?“, fragte Peiter.

„Klar, werde ihn schon beschäftigen“, bestätigte Frieda.

„Oh Mann, ich will nicht hier bleiben. Kann ich nicht mitkommen“, jammerte Helger, konnte seinen Onkel jedoch nicht erweichen.

„Nein, das geht nicht. Da, wo ich hingehe, kann ich dich nicht gebrauchen. Und jetzt frag bloß nicht, wo das ist.“

„Ja, klar, wenn ich es nicht weiß, kann ich es nicht verraten. Wäre schlecht fürs Geschäft“, leierte Helger den Satz runter, den ihm sein Vater beigebracht hatte.

Frieda  guckte zwar irritiert, doch Peiter beließ es dabei und verließ die Küche ohne weitere Erklärung. Sein Weg führte ihn direkt zu einer der zahlreichen Tavernen am Hafen. Insbesondere am frühen Morgen war dies ein raues Pflaster. Verkaterte Matrosen  waren allgegenwärtig, dazu kamen Tagelöhner und Bettler. Und nicht zuletzt  einige Dirnen, die auf Kundensuche waren. Alles in allem eine Umgebung, die Peiter gerne von Helger fernhalten wollte.

Bereits in der dritten oder vierten Taverne wurde er fündig. Die Reiter hatten mehr als genug Aufsehen erregt, auch wenn sie das nicht geplant hatten. Wer sie waren, woher sie kamen und vor allen Dingen, was sie wollten, war niemandem bekannt. Allerdings erfuhr Peiter, was es mit dem merkwürdigen Zeichen auf den Umhängen auf sich hatte und fand seinen Verdacht bestätigt. In den anderen Tavernen erfuhr Peiter keine weiteren Details. Man wusste nicht einmal, wo sie untergekommen waren. Zumindest nicht in einem der Gasthäuser. Allerdings hatten sie die Stadt bisher nicht wieder verlassen. Enttäuscht und zugleich besorgt, machte sich Peiter auf den Weg, um Helger abzuholen.

Der restliche Tag verging ruhig. Für Helger war die Umgebung ungewohnt und neu. Zuhause in seinem Viertel kannte er sich aus und hier gab es viel zu entdecken. Peiter führte ihn ein wenig herum und hielt ihn von den nicht jugendfreien Orten fern. Die Nähe zum Hafen machte den Stadtteil zu einem schwer überschaubaren Pflaster. Helger zeigte sich wenig erstaunt, wie viele Menschen seinen Onkel kannten. Seiner Ansicht nach musste Peiter ein angesehener Bürger sein, dem jeder wohlgesonnen war. Abends saßen sie noch eine Weile zusammen mit Frieda, die zu Besuch vorbeikam. Ohne den Haardutt, den sie in der Küche tragen musste, hätte Helger sie zuerst fast nicht erkannt. Jetzt mit offenen Haaren wirkte sie um Jahre jünger. Helger wurde jedoch schnell müde und ging bereitwillig schlafen. So bekam er nicht mit, wie Peiter ihn mit Frieda alleine ließ. Schwarz gekleidet verließ er das Haus und verschwand im Dunkel der Nacht.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen wachte Helger früh auf. Er hörte Peiter laut schnarchen und beschloss, ihn nicht zu wecken. Er zog sich an und sah nach der Tür. Vielleicht war sie ja diese Nacht nicht abgeschlossen. Und tatsächlich, er hatte Glück. Leise verschwand er nach draußen. Der Gasthof von Frieda war nicht weit entfernt. Bestimmt bekam er dort ein Frühstück.                 

„Da bist du ja endlich“, begrüßte ihn Frieda, so als ob sie bereits auf ihn gewartet hätte. „Setz dich, ich bringe dir gleich etwas.“

Schüchtern setzte Helger sich und beobachtete die Köchin für einen Moment, sagte aber nichts. Er schätzte sie älter als seine Mutter Jannecke, Frieda war jedoch deutlich korpulenter. Eben so, wie seiner Meinung nach, eine Köchin aussehen musste.

Sie reichte ihm eine Schüssel mit gesüßtem Gerstebrei, den er hungrig hinunter schlang. Lächelnd schaute sie ihm eine Weile zu, bevor sie anfing zu erzählen.

„Für Peiter wurde es gestern Abend noch spät. Deswegen hat er mich gebeten, bevor ich herkomme, bei ihm aufzusperren. Er war sich sicher, du würdest den Weg zu mir finden. Hat ja gut geklappt. Er kann ausschlafen, während wir beide das Vergnügen miteinander haben.“ Bei den letzten Worten musste sie herzhaft lachen.

„Wenn du fertig gegessen hast, kannst du mir ein wenig zur Hand gehen. Ich muss noch Gemüse putzen für den Eintopf. Ein geschickter Bursche wie du lernt das schnell. Du bist mein Küchenjunge. Wie wäre das?“

„Klar, ich helfe dir gerne. Ich habe sogar ein eigenes Messer.“ Stolz präsentierte er seinen Zierdolch. Frieda musste schallend lachen.

„Hoho, aber nicht damit. Komm, ich gebe dir ein Küchenmesser. Wäre schade um den feinen Dolch. Passt gut auf den auf, der sieht mir teuer aus.“

Als einige Zeit später Peiter in die Küche trat, fand er Helger und Friede vergnügt beim Gemüse putzen vor. Beide summten ein fröhliches Lied.

„Störe ich? Oder bekommt ein hungriger Mann hier etwas zu essen?“, fragte er in die Runde.

„Onkel Peiter“, rief Helger fröhlich. „Frieda hat mir ein paar Lieder beigebracht. Und ich kenne jetzt einen tollen Trick, um Rüben zu schälen.“

„So sollst du mich doch nicht nennen. Aber du hattest Spaß? Klingt jedenfalls danach“, antwortete Peiter und ließ sich auf einem der Stühle nieder.

„Wir hatten beide Spaß. Nicht war, Frieda?“

Wieder lachte sie lauthals. „Und ob. Der kleine Kerl ist ja echt zum Reinbeißen.“ Sie stellte einen Teller Brei auf den Tisch. „Hier, Peiter, iss. Sonst wirst du mir noch dünner. Bald ist Mittag. Du musst Hunger haben.“

„Das wohl“, sagte er kauend.

„Was steht für heute an?“,  fragte Helger neugierig.

„Auch wenn es dir nicht gefällt, ich werde dich nach Hause bringen. Die zwei Tage sind bereits rum.“

„Oooch! Vielleicht kann ich Mutter überreden und darf wieder mit zu dir gehen.“

„An mir soll es nicht liegen. Das muss sie entscheiden. Auf, lass uns losgehen und deine Sache holen.“ Er stand auf und sah, wie Helger Frieda zur Verabschiedung umarmte.

„Leb wohl, Frieda. Ich komme dich bald besuchen, das verspreche ich.“

„Das will ich hoffen. Leere Versprechungen sollte man niemals machen“, sagte sie mit ernstem Tonfall. Um dann freundlicher hinzuzufügen „Pass auf dich auf, mein kleiner Küchenjunge. Und übrigens Peiter?“

„Ja?“, schaute er sie fragend an.

„Der Kleine hat mir von seiner Familie erzählt. Seine Mutter ist deine Nichte. Kannst also die Geheimnistuerei sein lassen.“

Peiter schüttelte den Kopf und lächelte beim hinausrausgehen.

Vor der Tür zu Peiters Haus stand ein Mann in verlotterter Kleidung und wartete. Als Helger und Peiter um die Ecke kamen, lief der Mann ohne Umschweife auf Peiter zu.

„Na endlich! Hast du es vergessen? Wir waren verabredet“, sagte der Fremde leise. Dann kratze er sich am Bart und fragte etwas lauter und deute auf Helger. „Und wer ist der kleine Verrecker?“

„Verflucht!“, schimpfte Peiter und ignorierte die Frage nach Helger. „Das habe ich vollkommen verschwitzt. Ist noch Zeit?“

„Wenn wir das durchziehen wollen, müssen wir uns echt beeilen. So eine Möglichkeit bietet sich nicht häufig. Ist der Kleine womöglich der Grund für deine Verspätung?“, fragte der Fremde und deutete auf Helger.

„Das geht dich nichts an.“ Zu Helger gewandt fragte er: „Meinst du, du findest den Weg alleine?“

„So klein bin ich ja nicht mehr“, meckerte Helger.

„Gut. Wir packen deine Sachen und dann geht es los. Wie du unschwer überhört haben dürftest, habe ich noch was vor. Tut mir leid, aber es ist wichtig.“

„Geht klar. Wir sehen uns bald wieder.“

Im Haus verstaute Helger schnell die wenigen Dinge, die er mitgebracht hatte. Als er fertig war, stand Peiter mit einer Tasche neben ihm. „Können wir?“, fragte er ungeduldig.

Vor der Tür wartete der Fremde und grinste dreckig, als er die Beiden sah.

„Hier trennen sich unsere Wege. Es war schön mit dir. Pass auf dich auf“, verabschiedete Peiter seinen Neffen. Als Helger um die Ecke in die Straße abbog, hörte er den Fremden noch „Wusste nicht, dass du solche Ware jetzt auch verhökerst“ sagen und laut lachen. Zwar verstand Helger nicht, was der Fremde meinte, allerdings erschien es ihm merkwürdig. Mit so einem verlotterten Kerl sollte Peiter verabredet sein? Das passte überhaupt nicht in Helger Bild von seinem Onkel.

Auf der Straße war viel los. Fuhrwerke fegten vorbei und zwangen Passanten zum Ausweichen. Der Weg war zu eng und manches Schimpfwort fiel. Nach etwa einer Stunde erreichte er die Gasse, in der das Haus seiner Eltern stand. Es war ungewöhnlich ruhig und die Fenster und Türen der Nachbarn waren alle verschlossen. Als er die Eingangstür zum Haus seiner Eltern sehen konnte, traute er seinen Augen kaum. Die Tür war stand offen, allerdings war sie eindeutig aufgebrochen worden.

Sein Herz pochte vor Aufregung als Helger hineinschlüpfte. „Mutter? Vater? Grete?“ Niemand antwortete. Innen waren Möbel umgeworfen, Teller lagen zerschlagen am Boden und der Bolzen einer Armbrust stak in der Wand. Fast wäre Helger ausgerutscht, konnte sich aber gerade noch fangen. Eine kleine Pfütze am Boden wäre ihm fast zum Verhängnis geworden. Mit Entsetzen musste er feststellen, es war kein Wasser, es war Blut! Nicht nur ein Fleck, da waren gleich mehrere davon.

Mit einem Mal wurde Helger klar, hier musste ein Kampf stattgefunden haben. Panik überkam Helger als er das Sticktuch seiner Mutter am Boden liegen sah. Eingerissen und bedeckt mit Blutflecken. Er drehte sich um und rannte nach draußen. Gegenüber stand eine Tür einen Spalt weit offen. Das Gesicht eines alten Mannes war zu sehen. Es war Arf, der Großvater eines Nachbarjungen.

„Ach, du bist es Helger. Dann ist gut. Reiter waren hier und haben das angerichtet.“ Dabei deutete er auf die aufgebrochene Tür.

„Später haben sie zwei Körper rausgetragen“, tönte es aus einem Fenster. Der Stimme nach war es die Frau von Arf. „Die waren bestimmt tot.“

„Das waren viel mehr“, tönte es aus einem weiteren Fenster. „Ich habe mindestens vier Körper gezählt.“

„Glaubt mir, Ihr Leute. Die waren noch lebendig, alle fünf. Und die Ritter waren nicht von hier“, krakeelte eine dritte alte Frau hinter ihren Fensterläden hervor.

„Schwätzt nicht, ihr alten Klatschweiber“, schimpfte Arf. „Da lagen Decken drüber. Die müssen tot gewesen sein. Jetzt sieh zu, dass du fort kommst, Helger. Die tun sich hier das Maul zerreißen.“ Schnell knallte Arf die Tür zu und verriegelte sie hastig. Vor Schreck stand Helger wie gelähmt da. Sollten seine Eltern tot sein? Und wo war Grete? Oder war sein Vater noch unterwegs? Voller Furcht rannte er los, so schnell er konnte.

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