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Das Rätsel der Templer

Inhaltsübersicht

Prolog

Teil I. Der Auftrag

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Teil II. Center of Accelerated Particles in Universe and Time

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Teil III. Tod und Ehre

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Epilog

Nachwort und Danksagung

Dieses Buch möchte ich der ehemaligen
Zisterzienserabtei Heisterbach widmen,
einem mystisch anmutenden Ort im Siebengebirge,
mit einer wundersamen Legende über Raum und Zeit,
die vor vielen Jahren meine Begeisterung für
phantastische Geschichten geweckt hat.

Im Jahre 1156 überbrachte Bertrand de Blanchefort, vierter Großmeister der Templer, einen geheimnisvollen Gegenstand von Jerusalem in seine französische Heimat, um ihn dort in einem raffiniert angelegten Versteck vor dem Zugriff Unbefugter zu verbergen. Eingeweihte nannten den unauffälligen, metallischen Kasten »CAPUT LVIII« oder das »Haupt der Weisheit«.

Bald darauf war Bertrand de Blanchefort der erfolgreichste Großmeister seiner Zeit, und unter seinem Einfluss wurde der Orden der Templer zur bedeutendsten Organisation, die das christliche Abendland bis dahin hervor gebracht hatte.

Prolog

»Die Jünger fragten Jesus:

›Wann wird die Ruhe der Toten eintreten,

und wann wird die neue Welt kommen?‹

Jesus antwortete:

›Die Ruhe, die ihr erwartet, ist schon gekommen,

aber ihr erkennt sie nicht.‹«

(Thomasevangelium 51)

Samstag, 28. Oktober 1307 – Chinon

Der Wind fegte in einer solch erbarmungslosen Strenge über die Festungsmauern von Chinon, als ob er das unbezwingbare Gemäuer mit Gewalt seiner leidvollen Bestimmung entreißen wollte. Währenddessen schoben sich riesige Wolkenberge über das Hochplateau, die mit ihrer einhergehenden Düsternis den Mittag zum Abend verurteilten und deren herabstürzende Wassermassen verlässliche Straßen in tückische Sumpfpfade verwandelten. Blitze zuckten, trotz der kühlen Witterung, und das darauf folgende ohrenbetäubende Donnergrollen bewirkte, dass sich nur draußen aufhielt, wer dazu verdammt worden war.

Heute war der Tag des Heiligen Simon und des Heiligen Judas Thaddäus. Einst waren sie zu Märtyrern geworden, nachdem sie den Zauberern des Königs Xerxes deren Unfähigkeit vor Augen geführt und diese aus Rache einen Aufstand der Priester entfacht hatten, die Simon und Judas Thaddäus gefangen nahmen und – da waren sich die Schreiber nicht einig – sie enthaupten oder zersägen ließen. Bald darauf hatte ein gewaltiges Unwetter Priester und Zauberer erschlagen und den König und sein Volk in Angst und Schrecken versetzt.

Allem Anschein nach wollte der 28. Oktober 1307 seinen Namensgebern die Ehre erweisen – zumindest was das Wetter betraf –, und auch die Märtyrer schienen nicht weit.

Ein Napf mit dünnem Gerstenbrei und eine Scheibe verschimmeltes Brot kennzeichneten für Henri d’Our, Komtur der Templerniederlassung von Bar-sur-Aube den Beginn eines weiteren Morgens in der Hölle.

An manchen Tagen ging es in den weit verzweigten Kalksteinkatakomben der Festung Chinon zu wie auf einem Viehmarkt. Gefühllose Folterknechte trieben mit Peitschen und Knüppeln ganze Heerscharen von gepeinigten Kreaturen durch ein Labyrinth von Gängen, in der Absicht, die Widerstandsfähigsten herauszusieben, nur um ihnen danach noch ein wenig heftiger zusetzen zu können. Heute jedoch war es nach der Verteilung der Essensration geradezu unheimlich still gewesen, und nur ein fernes Donnergrollen ließ weiteres Unheil befürchten.

Der eindringliche Schrei einer Frau, der diese Stille zerriss wie ein morsches Leichentuch, bestätigte Henri d’Ours finsterste Ahnungen. Zurückgezogen hockte er im hintersten Winkel seiner Zelle. Der ehemals weiße Habit ließ die ursprüngliche Farbe nur noch erahnen, und der teilweise zerfetzte Stoff schützte seinen ausgemergelten Körper nur unzureichend vor schamlosen Blicken. Das verfilzte, silberne Haupthaar und der noch bis vor kurzem gepflegte, würdevolle Bart waren mit Blut und Dreck verschmiert.

D’Ours Kiefer schmerzte so fürchterlich, dass er seinen Mund kaum zu öffnen vermochte, und mit seinen geschwollenen Augenlidern kostete es ihn einige Mühe, zu erkennen, was um ihn herum geschah. Arme und Beine, übersät mit blauen Flecken und kleinen, schmerzhaften Brandmalen, konnte er nur noch mit äußerster Kraftanstrengung bewegen.

Bislang hatte er sämtlichen Folterungen erbittert Widerstand geleistet, indem er scheinbar über den Schmerz hinausgegangen war und seinen Geist ermächtigt hatte, den Körper zu verlassen, um den unerträglichen Qualen mit Gleichmut begegnen zu können. Und doch ergriff Zug um Zug eine jämmerliche Angst von seiner Seele Besitz. Was wäre, wenn König Philipp IV. von Franzien und Guillaume de Nogaret, seines Zeichens Großsiegelbewahrer und Oberhaupt der königlichen Geheimpolizei, der sogenannten Gens du Roi, herausfinden würden, dass Henri d’Our tatsächlich zu den Eingeweihten des Templerordens gehörte und sich trotz seines bescheidenen Postens ab und an mit dem Großmeister oder dessen Vertreter in Franzien getroffen hatte? Vielleicht hatten die Gens du Roi, deren grauenhafte Folter jedem anständigen Menschen das Blut in den Adern gefrieren ließen, Spione in die wirtschaftlich unbedeutende Templerniederlassung im Osten der Champagne eingeschleust, die dem Königshof in Paris regelmäßig Bericht erstatteten?

Ein Folterknecht, hässlich wie der Teufel, kam herbeigeschlurft. Mit einem blöden Grinsen zückte er seinen schweren Schlüsselbund und öffnete das monströse Eisenschloss zu Henri d’Ours unfreiwilligem Domizil. Eine Maßnahme, die der Tatsache Hohn spottete, dass er – wie alle Gefangenen an Armen und Beinen in Ketten gelegt – wohl kaum in der Lage sein würde, das Weite zu suchen.

»So mein Guter, auf zur nächsten Runde.« Die Ironie in der Stimme des Mannes war nicht zu überhören. »Man erwartet Euch bereits.«

Rücksichtslos zerrte er Henri d’Our aus der finsteren Behausung heraus.

»Heilige Jungfrau Maria«, betete der Komtur von Bar-sur-Aube lautlos, während er Mühe hatte, auf die Beine zu kommen. »Lass mich stark bleiben in meiner Ehre und mutig im Glauben an das Gute in der Welt.«

Als er jedoch in die große, hell erleuchtete Folterkammer gelangte, war es um seinen Mut geschehen. Ein Stich fuhr ihm ins Herz, als er erkennen musste, dass mit Francesco de Salazar ein weiterer Ritterbruder seiner Komturei in die Hände der Gens du Roi gefallen war.

Und was die Sache weit schlimmer machte, war die weinende junge Frau, die an seiner Seite saß. Ohne Zweifel handelte es sich um die Schwester des ehemals stolzen Katalanen, weil sie mit den gleichen, großen Haselnussaugen zum Komtur der Templer von Bar-sur-Aube aufsah, als ob sie von ihm die himmlische Erlösung erwartete.

Francesco hing wie leblos und lediglich mit einer zerrissenen Unterhose am Leib an dem schräg gestellten Holzbrett wie Jesus am Kreuz. Dunkel verfärbte Striemen überzogen seinen flachen Bauch, und münzgroße Brandmale umkreisten seine Brustwarzen wie ein grausiger Reigen. Die Lippen, ausgetrocknet und blutverkrustet, waren dem unverwechselbaren Lachen mit den leuchtend weißen Zähnen so fern wie nie zuvor.

Wie durch einen Nebel nahm Henri d’Our die nicht weniger vornehm gekleidete, ältere Frau wahr. Da sie offensichtlich in Ohnmacht gefallen war, hatte man sie auf eine schmuddelige Matratze gebettet und ihr Haupt von dem straffen Gebende befreit, das Frauen ihres Alters gewöhnlich trugen. Die dunklen, silberdurchwirkten Locken und der olivfarbene Teint ließen auf Francescos Mutter, die Gräfin de Salazar, schließen. Ein Schauer überlief den Komtur bei dem Gedanken, dass die Inquisition nicht einmal vor verängstigten Angehörigen Halt machte, um ihre Opfer zu einer gefälligen Aussage zu zwingen.

Vornehmlich Frauen, getrieben von der Sorge um ihre Söhne und Brüder, wurden in die Verliese vorgeladen, um die bis dahin standhaften Ritterbrüder zu einem belastenden Geständnis gegen den Orden zu bewegen. Nogaret und seine Leute wussten darum, dass die gefangenen Templer die eigene Folter bis hin zum Tod ertrugen, nicht aber das Weinen und die Schreie der Frauen, die dabei zuschauen mussten.

Neben der Gräfin stand ein Medicus. Er verkehrte regelmäßig an diesem Ort des Leidens, und in seinem langen schwarzen Gewand nährte er in d’Our die Vorstellung von einem allgegenwärtigen Todesengel. Doch dann bemerkte der Komtur die Anwesenheit von jemandem, bei dem diese Bezeichnung noch passender gewesen wäre: Guillaume Imbert, Großinquisitor, Bischof von Paris und persönlicher Beichtvater Philipps IV. und zudem unseliger Verbündeter Guillaume de Nogarets.

»So sieht man sich wieder«, sagte der Mann im schwarzgrauen Surcot leise. Mit einem arroganten Lächeln entblößte er seine scharfkantigen Zähne, derweil er nervös an seinem weißen Spitzenkragen zupfte.

Der dickbäuchige Foltergehilfe hatte den Komtur von Bar-sur-Aube inzwischen auf dem Boden abgesetzt und an eine hölzerne Kiste gelehnt. Die Gliedmaßen in Ketten geschmiedet, das Genick steif wie ein Stock, traf d’Our von oben herab der vermeintlich mitleidige Blick seines Peinigers.

»Nun ja«, resümierte Imbert in spöttischem Tonfall, »Wenn Ihr Euren Hochmut überwinden könnt und endlich eine vernünftige Aussage für mich bereithaltet …«, beiläufig blickte er auf Francesco, »seid Ihr es vielleicht, der das Leben dieses Jungen zu retten vermag …«

Francescos Schwester hatte die Bemerkungen des Inquisitors mit weit geöffneten Augen verfolgt, und nun sprang sie auf und warf sich vor d’Our in den Schmutz, das Gesicht zwischen ihren ausgestreckten Armen unter einer Flut von herabfallenden Locken verborgen.

»Edler Mann«, klagte sie schluchzend, »was immer man von Euch wissen will, kann nicht so geheim sein, dass man dafür auch nur ein Menschenleben opfert! Ich flehe Euch an!«

Während ihr Körper von heftigen Weinkrämpfen geschüttelt wurde, blickte d’Our anklagend zu Imbert, der teuflisch grinsend neben ihr stand und damit seine tiefe Befriedigung anstandslos zur Schau stellte.

Der Komtur der Templer von Bar-sur-Aube würde es nicht über sich bringen, seinen Schützling zu opfern, schon gar nicht vor den Augen von Mutter und Schwester.

Ein Schatten bewegte sich hinter Imbert und räusperte sich verhalten. Es war der Medicus, der die Szene mit großem Interesse verfolgt hatte.

Imberts Augenmerk schnellte zwischen der reglos daliegenden Gräfin und dem neugierig dreinblickenden Arzt hin und her.

»Habt Ihr nicht gesagt, die Frau kommt wieder zu sich?«

Der Medicus nickte willfährig.

»Gut. Dann könnt Ihr fürs Erste verschwinden. Aber haltet Euch bereit, wie immer, falls ich Euch rufen lasse.«

Mit einem enttäuschten Zug um den Mund und einer unterwürfigen Verbeugung entfernte sich die schwarze Gestalt ebenso eilig, wie sie erschienen war.

Imbert wandte sich um und holte unter einem an der Wand stehenden, hölzernen Schreibpult einen unscheinbaren Leinensack hervor. Mit lauerndem Blick brachte er einen filigran gearbeiteten Frauenkopf aus reinem Silber zum Vorschein, der nur geringfügig kleiner war als ein echter menschlicher Kopf. Er stand auf einem kleinen Sockel, in den gut lesbar die Initialen CAPUT LVIII eingraviert waren.

»Mich interessiert weder, ob Ihr selbst gezeugte, frisch gebratene Neugeborene zum Abendmahl verspeist habt«, begann er in scharfem Ton, »noch, ob Eure Novizen ihre unkeuschen Schwänze in den Arsch des Meisters schieben mussten, bevor man sie selbst in einen weißen Mantel steckte.«

Für einen Moment weidete sich Imbert an dem bestürzten Blick der jungen Frau, die sich aufgerichtet hatte und nun zitternd auf ihren Fersen hockte.

»Ich weiß, dass Ihr etwas viel Interessanteres für mich bereithaltet.« Seine Stimme erhob sich in teuflischer Genugtuung. »Damit wir uns richtig verstehen. Mich interessiert weder Euer Gold, noch wo Ihr es versteckt habt. Das sollen andere herausfinden. Mich interessiert vielmehr, wo der Born Eures Wissens sprudelt.« Beinahe zärtlich strich er über das silbern schimmernde Gesichtchen. »Und ob dieses reizende Antlitz etwas damit zu tun hat.«

Unvermittelt setzte er die wissensdurstige Miene eines Gelehrten auf. »Warum, frage ich mich«, fuhr er mit dozierender Stimme fort, »finden wir beim Durchstöbern der Privatgemächer des Großmeisters der Templer in Paris einen silbernen Kopf, dessen nebulöse Existenz durch unzählige Verhöre geistert, darin versteckt eine Botschaft, die besagt: Geht zu H d O – nur er weiß, wie man die Stimme zum Sprechen bringt?«

Imbert lachte boshaft. »Ja, da schaut Ihr«, rief er und versah Henri d’Our mit einem triumphierenden Blick. »Wir sind in der Lage Eure geheimen Schriften zu dechiffrieren. Der Rest war ein Kinderspiel.« Wieder lachte er, diesmal leise und noch bösartiger. »Könnt Ihr mir verraten, warum diese drei Initialen nur auf einen einzigen Namen zutreffen, von den vielen, die wir in den ellenlangen Personallisten in der Ordensburg von Troyes gefunden haben?« Der Großinquisitor hielt inne. »Nämlich auf den Euren?«

D’Our blieb regungslos, bemüht darum, seinen Blick so klar zu halten wie reines Quellwasser.

»Was seid Ihr?«, fauchte Imbert ungehalten. »Ein Zauberer? Könnt Ihr dieses Ding hier zum Sprechen bringen?« Wie ein lauerndes Reptil näherte er sich seinem Opfer und ließ sich dazu herab, vor ihm in die Hocke zu gehen.

Dabei kam er d’Our so nahe, dass dessen bereits abgestumpfter Geruchssinn mühelos die unappetitliche Mischung aus fauligem Atem und teurem Parfüm wahrnehmen konnte.

»Wir haben Euren Großmeister verhört, vor vier Tagen in Corbeil«, resümierte Imbert in der ihm eigenen Selbstgefälligkeit.

Wohl eher unbeabsichtigt verriet er Henri d’Our damit, wo man das Oberhaupt der Templer zurzeit gefangen hielt.

»Auf dieses Phänomen hin angesprochen, behauptete Jacques de Molay, er sei nur ein einfacher Mann, der noch nicht einmal des Lesens und Schreibens mächtig sei, und er wisse nichts von einem Kopf, geschweige denn etwas von einem Zettel, den er zusammen mit diesem niedlichen Antlitz in das ihm völlig unbekannte Versteck gelegt haben sollte!« Imberts Stimme war immer lauter geworden, und sein ansonsten bleicher Schädel hatte vor lauter Wut die Farbe eines gekochten Hummers angenommen.

Unvermittelt heftig sprang er auf. »Wollt Ihr mich alle zum Narren halten?«

Voller Zorn warf er d’Our mit Schwung das Haupt zu, das der Komtur wegen seiner angeketteten Arme nicht auffangen konnte. So landete der kleine Kopf aus massivem Silber in d’Ours Schoß und traf dessen Hoden, die einzige Stelle seines Körpers, die man bis jetzt von den Folterungen ausgespart hatte.

Mit schmerzverzerrter Miene hielt d’Our für einen Moment die Luft an und schluckte anschließend verkrampft. Sein Mund war mit einem Mal trocken, und sein Blick wanderte unruhig hin und her, zwischen der vor ihm liegenden Frau und dem schwer gefolterten Francesco, für den er eine tiefe Verantwortung empfand.

Fieberhaft überlegte er, wie er sich aus dieser Falle herauswinden konnte. Er hatte einen minimalen Vorteil. Imbert wollte etwas von ihm, und zwar etwas, das er sich einiges kosten lassen würde. Bisher waren dessen Bemühungen nicht gerade von Erfolg gekrönt gewesen, und König Philipp würde die weitere Karriere seines Großinquisitors vermutlich von eben diesem Erfolg abhängig machen.

»Wenn Ihr mir einen Schluck Wasser geben wollt«, sagte d’Our mit einer Ruhe, die ihn selbst zum Erstaunen brachte, »dann könnte ich es mir in Eurem Sinne überlegen, mein Schweigen zu brechen.« Er senkte den Blick und versuchte anteilslos zu wirken. Imbert durfte auf keinen Fall bemerken, wie viel ihm am Leben des Jungen lag.

»Tut, was er verlangt«, sagte Imbert und wies den Kerkermeister mit einer Geste an, d’Our eine Kelle mit Wasser zu reichen.

Gierig trank er das kalte Nass, wie ein Kamel, das man wochenlang durch die Wüste getrieben hatte. Seine verbliebenen Zähne schmerzten grauenvoll, jedoch seine Gedanken klärten sich mit jedem Schluck, und seine Stimme klang fest und deutlich, als er fortfuhr.

»Ich sage Euch, was Ihr hören wollt«, begann er, und dabei schaute er den Großinquisitor von unten herauf mit einer unschuldigen Miene an. »Unter einer Bedingung.«

»Ich denke nicht, dass es an Euch ist, Bedingungen zu stellen«, erwiderte Imbert frostig und warf einen schnellen Blick auf die immer noch am Boden kauernde, junge Frau.

»Und ich denke, Ihr wollt etwas wissen, das nur ich Euch zu sagen vermag?«, erwiderte d’Our betont gleichgültig.

Das Augenmerk des Inquisitors richtete sich mehr und mehr auf Francesco, den jungen Templer.

»Ihr braucht ihn erst gar nicht ins Kalkül zu ziehen«, bemerkte d’Our’ tonlos. »Ich habe bislang auch nicht das gesagt, was Ihr hören wolltet, obwohl mir seine Schreie nicht entgangen sind.«

In Wahrheit hatte er bis jetzt nie gewusst, wer gerade geschrien hatte. Er hatte allenfalls ahnen können, welcher seiner Untergebenen gefoltert wurde.

»Dann macht es Euch bestimmt nichts aus«, erwiderte Imbert erbarmungslos. »Wenn ich ihn vor unseren Augen töten lasse.«

Die junge Frau presste sich die Fäuste auf die Ohren und schrie so laut, als ob man ihr einen Dolch in den Leib gestoßen hätte, dann klammerte sie sich schluchzend an d’Ours reglose Beine und bettelte in herzzerreißender Weise um Francescos Leben.

»Es bekümmert mich nicht«, heuchelte d’Our, während er Francescos Schwester betrachtete, als wäre sie eine arme Irre. »Aber dieser jungen Dame hier scheint das Leben des Bruders etwas zu bedeuten. Und es würde mir etwas ausmachen, wenn ich jemandem, der so herzlos ist, ein solch unschuldiges Geschöpf ins Unglück zu stürzen, ein nicht unbedeutendes Geheimnis anvertrauen sollte.«

»Was wollt Ihr?«, rief Imbert und schlug ungeduldig mit der flachen Hand auf das Schreibpult.

D’Our wusste, dass er ihn am Haken hatte. »Ich kann Euch versichern, Ihr könnt den armen Kerl dort auf dem Brett solange foltern, bis seine Seele beschließt, dass sein Körper ein zu unwirtlicher Ort ist, um darin wohnen zu bleiben. Es wird Euch nichts nützen.« Er schwieg für einen Moment und bedachte sein Gegenüber mit einem abschätzenden Blick. »Denkt Ihr ernsthaft, wir würden einem halben Kind, dessen Zunge schneller ist als sein Verstand, unsere wichtigsten Geheimnisse anvertrauen? Schaut ihn Euch doch an!«

Imbert unterzog Francesco de Salazar einer eingehenden Betrachtung. In Blut und Schweiß gebadet, dabei halb ohnmächtig vor Schmerz, hatte der junge Katalane nichts mehr von jenem stolzen Templer, der trotz seiner Jugend in einem Kreuzzug jegliche Angreifer das Fürchten gelehrt hätte.

»Übergebt ihn seiner Familie«, sagte d’Our und blickte auf die junge Frau, deren Blicke halb hoffend, halb bangend zwischen ihm und dem Scheusal im vornehmen Aufzug hin und her schnellten. »Und sobald ich Nachricht von seinen Verwandten habe, dass er wohlbehalten zu Hause angekommen ist, verrate ich Euch alles, was Ihr hören wollt.«

»Gut«, bestimmte Imbert kurz angebunden und gab seinem Folterknecht ein Zeichen. »Lasst sie ziehen!«

Mit ungläubigem Blick nahm der Kerkermeister den Befehl entgegen.

»Zwei Wochen«, schnarrte Imbert, während er ärgerlich auf d’Our herab schaute. »Und keinen Tag mehr. Dann werdet Ihr mir die wahren Geheimnisse Eures Ordens offenbaren.« Der Großinquisitor legte eine theatralische Pause ein und verengte drohend seine tief liegenden Augen. »Wenn nicht, werde ich Euch und Euren zwei übrig gebliebenen Kameraden das Fell über die Ohren ziehen. Direkt hier, bei lebendigem Leib, und noch bevor der Antichrist Eure Seelen endgültig an sich gerissen hat.«

Teil I

Der Auftrag

»Hebt einen Stein auf und ihr werdet mich finden, spaltet ein Holz, und ich bin da«

(Thomasevangelium, Vers 77)

1

Mittwoch, 11. Oktober 1307 – Gregorianischer Gesang

An diesem späten, herrlich sonnigen Oktobernachmittag im Jahre des Herrn 1307 ließen nur der auffrischende Wind und die ersten fallenden Blätter vermuten, dass der Herbst Einzug gehalten hatte.

Über die helle Kalksteinstraße aus Richtung Thors kommend, wälzte sich eine dicke Staubwolke den Hügel herab, und auf dem Aussichtsturm der Templerkomturei von Bar-sur-Aube erspähte der wachhabende Bruder in der Ferne das schwarzweiße Banner seiner Mitbrüder.

Zug um Zug vereinzelte sich das unscharfe Bild in sechs kräftige Rösser und deren stattliche Reiter. Templer, allesamt gekleidet in weiße, flatternde Mäntel, mit je einem leuchtend roten Tatzenkreuz auf Schulter, Brust und Rücken, dazu Haupthaar und Bart kurz geschoren, wie es die Tradition verlangte. Die stolze Haltung der jungen Männer und deren offen zur Schau gestellte Bewaffnung mit Schwert, Schild und Messergürtel unterstrichen zudem den Eindruck eiserner Disziplin und kämpferischer Entschlossenheit.

Ein paar kleine Buben blieben für einen Moment ehrfürchtig am Wegesrand stehen, als die Kavalkade an ihnen vorbei trabte. Doch kaum hatte der letzte Reiter die Meute passiert, lärmten die Jungen johlend und wild gestikulierend hinter dem martialisch anmutenden Trupp hinterher.

Gerard von Breydenbach, genannt Gero, ein deutschstämmiger Ritter aus dem Erzbistum Trier, der die Gruppe der weißen Reiter anführte, drückte seinen Rücken noch ein wenig mehr durch als allgemein üblich, nicht wegen der Haltung, sondern wegen der leidigen Schmerzen, die ihn neben einer bleiernen Müdigkeit schon seit dem Mittag plagten. Einzig der Gedanke, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis er den harten Sattel gegen eine weiche Matratze eintauschen durfte, verschaffte ihm eine vorübergehende Linderung.

Er und seine Kameraden waren noch vor der Frühmesse aufgebrochen, um eine streng geheime Botschaft ins zwei Meilen entfernte Thors zu überbringen. Eigentlich hatten sie gegen Mittag zurück sein wollen, aber ihr Reiseweg hatte sich unvorhergesehen verzögert. Der Oberbefehlshaber der Baylie von Thors, wie das Hauptquartier der umliegenden Templerniederlassungen im gleichnamigen Ort genannt wurde, hatte die Brüder von Bar-sur-Aube dazu aufgefordert, noch vor ihrer Heimkehr jede einzelne der benachbarten fünf Komtureien aufzusuchen, um weitere, gesiegelte Pergamente zu überbringen, deren Auslieferung keinen Aufschub duldete.

Ein helles Auflachen riss Gero aus seinen Gedanken. Nicht weit von der Straße entfernt sammelten drei Wäscherinnen schwatzend und kichernd die weißen Leinenlaken ein, die sie am Morgen in den Auen der Dhuys zum Bleichen ausgelegt hatten. Die blonden Haare der Mädchen flatterten mit den dünnen Kleidchen in einer aufkommenden Böe um die Wette.

Während die Mönchskrieger an ihnen vorbei ritten, war eine jede versucht, die Aufmerksamkeit von wenigstens einem der jungen Männer zu erhaschen. Entgegen aller Disziplin ließ sich Gero zu einem verhaltenen Schmunzeln hinreißen, als er die Absicht der Frauen erkannte. Der spanische Bannerträger, der dicht neben ihm ritt, grinste breit, und für einen Moment waren seine schneeweißen Zähne zu sehen. Einer der nachfolgenden Ritterbrüder stieß einen anerkennenden Pfiff aus, den die jungen Frauen mit einem hinreißenden Lächeln belohnten.

»Er hat mich angeschaut«, rief eines der Mädchen und presste selig die Hände vor die Brust.

»Ich sagte es doch«, ließ eine zweite mit entzückter Miene verlauten, »der Kerl, der die Truppe führt, hat Augen so blau wie der Himmel.«

»Der mit den braunen Locken wäre mir lieber…« hallte es den Reitern hinterher.

Gelächter brandete auf. Es kam nicht von den Frauen, sondern von den nachfolgenden Kameraden.

Vielleicht hatte Vater Augustinus, der ordenseigene Kaplan doch Recht, dachte Gero und sah im Geiste den verhärmten Geistlichen vor sich, wie er in der sonntäglichen Kapitelversammlung an die Moral der Ordensritter appellierte:

»Wir halten dafür«, zitierte der Vater stets mit sauertöpfischer Miene, »dass es einem jeden Ordensmann gefährlich ist, das Angesicht einer Frau zu sehr zu betrachten, und daher nehme sich keiner von den Brüdern heraus, eine Witwe, eine Jungfrau, seine Mutter, seine Schwester, seine Tante oder irgendeine andere Frau zu küssen. Die Ritterschaft Christi soll also Frauenküsse fliehen, durch welche die Männer öfters in Gefahr zu kommen pflegen, damit sie mit reinem Gewissen und in sicherem Leben allezeit im Angesicht Gottes zu verbleiben imstande sind.«

Der Spott, den manche Kameraden verlauten ließen, sobald Augustinus sich außer Reichweite befand, hallte ebenso in Geros Gedanken wider. Wer sagt denn, dass man die Frauen küssen muss, bevor man sich mit ihnen vergnügt … und ins Gesicht schauen muss man ihnen dabei auch nicht unbedingt. Gewöhnlich folgte grölendes Gelächter, und Gero konnte nur ahnen, wie viel persönlich Erlebtes daraus sprach.

Francesco de Salazar, Geros Nebenmann, schnalzte mit der Zunge und grinste ihn an, als ob er seine Gedanken erraten hätte.

Einen Augenblick lang schloss Gero die Lider. Vielleicht weil ihn das tief stehende Licht der Nachmittagssonne blendete, vielleicht aber auch, um sein Gewissen zu reinigen. Als er sie wieder öffnete, blies der Wachhabende auf dem Turm der Komturei einmal kurz und einmal lang in ein Horn. Den Sergeanten unten im Hof war dies ein Zeichen, sogleich die schweren Eichentore zu öffnen.

Fließend tauchte der Trupp in den langen, kühlen Schatten der hohen Festungsmauern ein. Die Hufeisen der schweren Schlachtrösser donnerten über die quadratischen Pflastersteine, bevor das Geräusch schließlich verebbte, als die Reiter vor den Stallungen endgültig zum Stillstand kamen.

»Absitzen!«, befahl Gero lautstark, und fast synchron schwangen sich die überwiegend großen und breitschultrigen Männer aus ihren Sätteln.

Auf dem Hof herrschte reges Treiben. Zwischen umhereilenden Knechten und Mägden strömte eine Schar junger Bewunderer herbei. Knappen im Alter von elf bis achtzehn Jahren, die bereit standen, für ihre Chevaliers das Abschirren und Versorgen der Pferde zu übernehmen.

Matthäus von Bruch, ein schmächtiger, zwölfjähriger Lockenkopf, nahm Gero mit einem strahlenden Lächeln die Zügel des silbergrauen Percherons ab. Währenddessen entledigte sich sein Herr der eisenbeschlagenen Plattenhandschuhe und fuhr mit einer ruppigen Geste über den wuscheligen Kopf seines Knappen.

»Na, Mattes, alles klar?«

Matthäus nickte selig und führte den riesigen Kaltblüter zu den Tränken. Gero marschierte indes mit seinen Kameraden auf die Mannschaftsräume am anderen Ende des Innenhofes zu. Noch bevor sie die Unterkünfte erreichten, scherte er aus und genehmigte sich trotz seiner Eile rasch zwei Kellen Wasser aus einem der Holzeimer, die halbgefüllt am Brunnen standen. Danach hastete er mit der gesiegelten Pergamentrolle in der Linken im Laufschritt die steile Außentreppe eines dreistöckigen Sandsteingebäudes hinauf. Auf einem schmalen Absatz im ersten Stock machte er halt und öffnete unter einem leisen Knarren eine schwere, nach innen aufgehende Eichentür. Während er den langen, düsteren Gang entlang ging, überprüfte er mit einer ordnenden Geste den Sitz seiner Chlamys, jenes legendären Umhangs aus ungebleichter, heller Wolle, der nur von Rittern getragen werden durfte, die dem Tempelherrenorden ein lebenslanges Gelübde geschworen hatten.

Am Ende des Flures erwartete ihn Bruder Claudius. Mit dem Blick eines Adlers, der unvorsichtigen Kaninchen auflauert, registrierte der junge, in braun gewandete Bruder der Verwaltung jeglichen sich nähernden Besuch, der seinem Vorgesetzten galt. Ohne eine entsprechende Voranmeldung erlangte niemand Zutritt zu den Räumlichkeiten des Befehlshabers der hiesigen Komturei.

»Ihr könnt da jetzt nicht rein«, ließ Claudius vorsorglich verlauten, als er sah, dass Gero auf das Arbeitszimmer seines Komturs zuhielt. »Er sitzt zu Rate mit Vater Augustinus und will im Augenblick nicht gestört werden.« Der Bruder streckte seinen dürren Arm aus und öffnete seine Hand zu einer fordernden Geste, um die Botschaft stellvertretend in Empfang zu nehmen.

»Ich warte«, sagte Gero knapp. Claudius nickte beiläufig und wandte sich mit einer missmutigen Miene seinem Schreibpult zu, während er seinen weiß gewandeten Bruder geflissentlich ignorierte.

Wenig später öffnete sich die Tür zum Gemach des Komturs, und der Kaplan der Komturei huschte in Richtung Ausgang, ohne Gero Beachtung zu schenken. Claudius blickte kurz auf, und Gero erhielt mit einem kaum merklichen Nicken die Erlaubnis, die Räumlichkeiten seines Vorgesetzten zu betreten.

Komtur Henri d’Our war eine drahtige Erscheinung mit grau schimmernden Augen, die einem Leitwolf gleich in ständiger Wachsamkeit leuchteten und einer Hakennase, die aussah wie der Schnabel eines Falken. Zudem sorgte seine Größe von fast sieben Fuß dafür, dass man ihm uneingeschränkte Aufmerksamkeit entgegen brachte. Das dichte, weiße Haar war kurz geschnitten und voller Wirbel, was ihn auf eine sympathische Art und Weise unvollkommen erscheinen ließ. Darüber hinaus verfügte er über einen unbeugsamen Charakter und einen scharfen Verstand. Sein Herz war erfüllt von einem unnachahmlichen Sinn für Gerechtigkeit und – wenn es die Situation erlaubte – einer eigentümlichen Art von Humor.

Das Arbeitszimmer des Mannes, der sich als Herr über mehr als hundert Bewohner der hiesigen Komturei bezeichnen durfte, war nicht besonders groß. Die zwei kleinen Fenster zum Hof waren nicht verglast, sondern wurden im Bedarfsfall mit geölten Ziegenhäuten verhangen, durch die zwar kaum Licht herein drang, die aber wenigstens die Kälte abhielten. Das Mobiliar erschien karg wie überall in der Komturei; ein Bett, ein Tisch mit vier Stühlen, eine schmucklose Kommode.

Gero trat einen Schritt zurück, straffte seine Schultern und legte die Arme an den Körper an, dabei hob er kaum merklich den Kopf und sah seinem Vorgesetzten fest in die Augen. »Gott sei mit Euch, Sire!«, salutierte er. Dann überreichte er seinem Komtur die sorgsam gehütete Botschaft.

»Und mit Euch Bruder Gerard«, erwiderte d’Our freundlich, während er das gesiegelte Pergament entgegen nahm. »Schließt die Tür! Ich habe etwas mit Euch zu besprechen.« An den angespannten Gesichtszügen seines Vorgesetzten glaubte Gero zu erkennen, dass etwas nicht in Ordnung sein konnte. Und er sprach deutsch. Etwas, das Gero in den drei Jahren, die er der Komturei angehörte nur einmal erlebt hatte – anlässlich des Besuches seines Vaters, Richard von Breydenbach, der mit d’Our 1291 zusammen in Akko, im Heiligen Land, gekämpft hatte.

Zügig erbrach Henri d’Our, der dem Herzogtum Lothringen entstammte, das Siegel und überflog den Inhalt.

»Setzt Euch«, sagte er zwischen zwei Zeilen. »Unsere Unterredung wird etwas Zeit in Anspruch nehmen.«

Nachdem Gero sich niedergelassen hatte, ließ er seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Auf einem Wandregal stand ein aufwendig verzierter Sarazenendolch, in einer Art Halterung befestigt, die es ermöglichte, das mit Juwelen geschmückte Geschenk eines sarazenischen Emirs von allen Seiten zu betrachten. Darüber hing, auf einem Holzbrett aufgezogen, eine aus Ziegenleder gefertigte, handgemalte Karte des östlichen mittelländischen Meeres. Zwei orientalische Teppiche, die den Steinboden bedeckten, waren neben den anderen Gegenständen die einzigen Luxusgüter, die sich der Komtur von Bar-sur-Aube aus seiner Dienstzeit im Outremer – den verlorenen Templerbesitzungen im Heiligen Land – zurückbehalten hatte.

D’Our ging zum Kamin und legte das Pergament sorgsam ins Feuer.

Gero fragte sich verwundert, was da vor sich ging. Papier und Pergament waren teuer, und in der Komturei wurde größter Wert auf kontinuierliche und saubere Aufzeichnungen gelegt, die man auf Jahre hinaus archivierte, und er konnte sich mit bestem Willen nicht erinnern, dass je etwas davon vernichtet worden wäre.

Ungeachtet der überraschten Miene seines Untergebenen stellte d’Our eine Karaffe mit Rotwein und zwei Becher auf den Tisch, bevor er sich ebenfalls setzte.

»Möchtet Ihr einen Schluck?« Ohne eine Antwort abzuwarten, goss d’Our den schweren, roten Rebsaft in zwei kunstvoll bemalte Steingutbecher und stellte die Karaffe zur Seite. »Ich habe erst vorgestern diesen ganz hervorragenden Tropfen aus der Provence geliefert bekommen. Wir sollten ihn kosten …« Ungewohnt vertraut erhob er seinen Becher.

Gero erwiderten die Geste, indem er ebenfalls seinen Becher hob, während ihm ein betörendes Duftgemisch von Kirschen und Brombeeren und auch ein nicht unbedeutender Anteil an Weingeist in die Nase stieg.

»Wie lange kennen wir uns jetzt?«, fragte d’Our auffordernd.

Gero zuckte mit den Achseln. »Ich gehöre dem Orden seit ungefähr sechs Jahren an, aber ich war lange Zeit in Zypern.«

»Factum ist, wir beide – Ihr und ich – kennen uns schon sehr viel länger … Ihr wart ein Kind, als ich Euch zum ersten Mal sah.«

Gero unterdrückte seine aufkommende Ungeduld. Der Komtur hatte ihn wohl kaum Platz nehmen lassen, um ihm Anekdoten aus seiner mehr oder weniger turbulenten, aber bestimmt nicht weiter erwähnenswerten Jugend zu unterbreiten.

»Ich schätze und vertraue Euch sehr, nicht zuletzt wegen Eurer Herkunft. Wie Ihr wisst, verehre ich Euren Vater als tapferen Mann, der dem Orden immer loyal zur Seite gestanden hat, und das ohne je zu den Unseren zu gehören.« D’Our trank und setzte den Becher bedacht ab. Wieder sah er Gero mit seinen steingrauen Augen an, als ob er zum Grunde seiner Seele vordringen wollte. »Ihr habt einen Eid zur Verschwiegenheit geleistet, trotzdem möchte ich Eure Zusicherung, dass das, was ich jetzt sage, hier in diesem Raum bleibt – für alle Zeiten.« Er ließ fragend seine Augenbrauen hochschnellen.

Gero nickte beflissen. »Ihr könnt Euch auf mich verlassen, bei meiner Ehre, Sire«, flüsterte er heiser.

»Also dann«, begann d’Our leise mit vielsagendem Blick. »Unsere geheimen Quellen am Hofe in Paris haben in Erfahrung bringen können, dass König Philipp in der Nacht von Donnerstag dem 12. auf Freitag den 13. einen Angriff auf all unsere Niederlassungen in Franzien plant. Die Befehle liegen angeblich bereits seit September in Guillaume de Nogarets Hauptquartier. Es war anzunehmen, dass dessen unerwartete Ernennung zum Großsiegelbewahrer nicht ohne Grund erfolgt ist. Nach allem, was wir bis jetzt wissen, liegen im ganzen Land verteilt in den Kommandanturen der königlichen Soldaten versiegelte Botschaften vor, die entsprechende Befehle enthalten und bei Androhung von Todesstrafe erst morgen Abend geöffnet werden dürfen. Somit bleibt uns wenig Zeit entsprechende Vorkehrungen zu treffen.«

Gero starrte seinen Komtur ungläubig an. »Wie ist so was möglich …?«

»Die offizielle Vermutung für das Vorhaben des Königs ist«, fuhr d’Our mit einem ironischen Lächeln fort, »dass er dringend Geld braucht, und da wir es ihm nicht freiwillig geben, sucht er einen Grund, um es sich mit einem Überraschungscoup zu holen. Bei einer angekündigten Kontrolle müsste er davon ausgehen, nicht nur auf verschlossene Türen zu stoßen, sondern auch auf verschlossene Tresore. Wegen dieser unerfreulichen Entwicklung haben wir strikte Anweisung erhalten, alle Vermögenswerte, die in den Komtureien lagern, unverzüglich an einen sicheren Ort zu bringen. Könnt Ihr mir folgen?«

Es dauerte eine Weile, bis Gero die Tragweite dieser arglos vorgetragenen Rede erfasste. Danach klopfte sein Herz aufgeregt, und eine aufsteigende Hitze durchflutete seine Adern.

»Somit erteile ich Euch den Befehl«, sprach d’Our weiter, »die fünf fähigsten unter Euren Brüdern auszusuchen und mit ihnen die uns anvertrauten Gelder und Wechselbriefe der ortsansässigen Kaufleute morgen Nachmittag in unser Depot im Wald des Orients zu verbringen. Vorab werdet Ihr Euch in Beaulieu mit Theobald von Thors treffen, der den gemeinsamen Treck aller umliegenden Komtureien anführen wird.«

»Wissen Papst und Großmeister davon?« Gero vergaß ganz, dass er keine Erlaubnis erhalten hatte, Fragen zu stellen. »In Sachen Finanzen, in der Gerichtsbarkeit, bei der Wahl des Großmeisters ist es ein dem Orden verbrieftes Recht, dass sich mit Ausnahme des Papstes niemand in unsere Angelegenheiten mischen darf, selbst wenn er ein König ist.«

»Die Befehle zum Handeln kommen direkt vom Großmeister«, erwiderte d’Our in lakonischem Tonfall. »Jacques de Molay hat uns darüber hinaus befohlen, nichts zu unternehmen, was den König warnen könnte«, bemerkte der Komtur mit zweifelnder Miene. »Trotz allem glaubt er nicht daran, dass Philipp von Franzien einen solch hinterlistigen Überfall wirklich wagen wird. Erst heute haben unser verehrter Großmeister und Raymbaud de Charon als sein Vertreter der Einladung des Königs zur Beerdigung von Philipps Schwägerin Folge geleistet. Soweit ich weiß, soll Molay in Begleitung unseres geschätzten Präzeptors von Zypern sogar den Zipfel von Catherine de Courtenays Leichentuch tragen.« D’Ours Miene verriet, dass er diesen Umstand angesichts der drohenden Katastrophe genauso merkwürdig fand wie Gero.

»Ich vermute dahinter einen gut überlegten Schachzug von beiden Seiten«, ergänzte er. »Frei nach dem Wahlspruch: Du sagst mir nicht, dass du mich hasst und ich sage dir nicht, dass ich es weiß. Ich hingegen glaube nicht, dass der König sein Ansinnen aufgeben wird, den Orden in seinen Besitz zu bringen, schon gar nicht wegen einer solch einfältigen Geste. Und was den Papst betrifft, so hat dieser längst keine eigene Meinung mehr. Er steht finanziell mit dem Rücken zur Wand – etwas, das er mit unserem schönen Philipp gemeinsam hat, und nichts schmiedet so leicht Allianzen wie geteiltes Leid. Zudem droht das Herz des Papstes in Angst zu ertrinken. Nachdem seine Vorgänger Bonifatius VIII. und Benedikt XI. so unvermittelt und rätselhaft ins Jenseits befördert wurden, wird er sich jeden Schritt, den er tut, gebührlich überlegen, um zu verhindern, dass es ihm genauso ergeht.« D’Our setzte ein ironisches Lächeln auf. »Aber das ist längst noch nicht alles«, fügte er verschwörerisch hinzu. »Es existiert eine Art Vorsehung«, erklärte er knapp. »Diese bestätigt den beginnenden Untergang des ›Ordens der armen Ritter Christi vom Tempel Salomons‹ im Herbst des Jahres 1307 und die Verhaftung aller Templer in Franzien durch König Philipp IV. an einem Freitag den 13.«

Gero blickte erschocken auf, doch d’Our vollführte eine beschwichtigende Handbewegung. »Was allerdings nicht bedeutet, dass unser Schicksal bereits besiegelt wäre. Molay weiß davon, aber er glaubt an die Rettung des Ordens durch den Allmächtigen, und sei es im letzten Augenblick. Daher bin ich weder befugt, etwas zu unternehmen, das die Angehörigen des Ordens generell in Alarmbereitschaft versetzt, noch darf ich den Befehl zur Flucht erteilen.«

»Was hat das alles zu bedeuten?« Gero spürte, wie seine Knie weich wurden.

»Habt Ihr schon einmal etwas vom ›Hohen Rat‹ gehört?«

»Selbstverständlich.« Zusehends stellte sich Gero die Frage, in welche ungeheuerlichen Geheimnisse des Ordens der einfache Komtur von Bar-sur-Aube sonst noch eingeweiht war. Unter den gewöhnlichen Ritterbrüdern wusste kaum jemand etwas über den Hohen Rat der Templer. Manche Kameraden frotzelten, er sei so geheim, dass es ihn womöglich gar nicht gäbe.

»Soweit mir bekannt ist, handelt es sich um die vertrauenswürdigsten unter all unseren Brüdern.« Gero war seine Unsicherheit anzumerken, als d’Our nicht sofort reagierte. »Nach einem speziellen Kodex auserwählt. Gesichtslose Gestalten, von denen niemand weiß, ob sie wirklich existieren. Es heißt, sie beraten den Großmeister in allen entscheidenden Fragen, die den Orden betreffen, und angeblich sollen sie über seherische Fähigkeiten verfügen, aber ich kenne niemandem, der schon einem von ihnen begegnet wäre.«

»Einer von ihnen steht vor Euch«, sagte d’Our unumwunden.

»Ihr?« Gero sah seinen Komtur entgeistert an, doch dann besann er sich augenblicklich. »Nicht, dass Ihr denkt, ich halte Euch nicht für würdig genug, aber …«

D’Our lächelte matt. »Bei der Auswahl geht es nicht nach dem Dienstgrad. Man wird nach seinen Fähigkeiten ausgewählt und zur Tarnung in ein unbedeutendes Amt eingewiesen.«

Gero nickte abwesend, während er sich überlegte, wer noch alles zum inneren Kreis gehören konnte, ohne dass auch nur irgendjemand die leiseste Ahnung davon hatte.

»Ist Euch die Bezeichnung ›Haupt der Weisheit‹ ein Begriff?« D’Our sah ihn auffordernd an.

»›Haupt der Weisheit‹? Meint Ihr das viel beschworene Haupt des Baphomet?«, fragte Gero zögernd.

»Baphomet ist aus dem Bedürfnis nach gefährlichen Halbwahrheiten entstanden, weil hohe Mitglieder des Ordens sich nicht an ihr Schweigegebot halten konnten und meinten, sie müssten mit etwas prahlen, was sie selbst nie zu Gesicht bekommen haben.« D’Ours Miene verfinsterte sich schlagartig, während ihm ein Schnauben entfuhr. »Unseligerweise haben einige dieser falschen Kopien jenes Baphomet mit dazu beigetragen, dass König Philipp es auf uns abgesehen hat.«

»Wovon sprecht Ihr?«

»Philipp IV. hat seine Witterung aufgenommen. Er glaubt schon seit längerem, all unser Wissen würde einer geheimen Magie entspringen.«

»Ist dieses Haupt etwas Heiliges?«, fragte Gero zögernd, wobei er zugleich die unbestimmte Befürchtung hegte, d’Our könne ihn für einfältig halten, weil er nichts Genaues darüber wusste. Selbstverständlich war er mit allen religiösen Lehren des Abend- und des Morgenlandes vertraut. Er hatte die streng geheime Bibel der Katharer gelesen, die in zwei erbarmungslosen Kreuzzügen fast vollständig vernichtet worden waren, unter anderem, weil sie im Alten Testament den Schöpfergott einer bösen Welt beschrieben sahen. Und er wusste um das Sefer Jezira, einer Ansammlung uralter hebräischer Texte, in denen das Geheimnis der Weltordnung in Zahlen und Buchstaben dargelegt wurde und die er unter strikter Geheimhaltung für das Scriptorium der Komturei ins Lateinische übersetzt hatte. Ein gefährliches Unterfangen, weil die christliche Obrigkeit es nicht gut hieß, wenn man sich mit dem geheimen Wissen der Juden beschäftige. Aber bisher verweigerten ihm all diese faszinierenden Einsichten einen grundlegenden Beweis ihrer Berechtigung.

»Nein«, schmunzelte d’Our. »Wie alles existiert es augenscheinlich mit Wissen des Allmächtigen, doch was seine Wirkungsweise betrifft, so könnte es vielmehr eine Erfindung des Antichristen sein, obwohl es uns immer wertvolle Dienste geleistet hat.«

»Was meint Ihr damit?« Gero fixierte seinen Komtur, als ob er eine Schlange und d’Our das Kaninchen wäre.

»Ich will mich nicht in Einzelheiten verlieren. Zudem ist es mir nicht erlaubt, Euch über das notwenige Maß hinaus in Kenntnis zu setzen. Fest steht, es hat uns die Vernichtung des Ordens prophezeit und kann gleichsam zu seiner Rettung beitragen. Doch bevor wir uns seiner bedienen, müssen wir sicher sein, ob die Prophezeiung auch wirklich eintrifft.«

»Was sollen wir jetzt tun?« Gero vergaß jeglichen Respekt. Er war aufgebracht, und die Hoffnung auf eine halbwegs befriedigende Antwort, die sein zerstörtes Weltbild wieder in ein anständiges Licht rücken sollte, hatte er noch nicht aufgegeben.

»Der Hohe Rat hat aus reiner Vernunft und gegen den Willen unseres Großmeisters bestimmt, dass wir alle Komtureien mit Ausnahme der Ordensburgen in Paris und Troyes – dort, wo der Großmeister sich zurzeit aufhält – weitgehend evakuieren, und zwar ohne Wissen der jeweiligen Bewohner.«

Gero schaute verblüfft auf. »Wie soll das vor sich gehen?«

»Die Ritter der umliegenden Komtureien werden – soweit möglich – zu Aufgaben herangezogen, die sie erst nach Mitternacht zu ihren angestammten Häusern zurückkehren lassen. Sollte es bis dahin zu einem Übergriff von Philipps Soldaten gekommen sein, besteht bei der Rückkehr immer noch die Möglichkeit zur Flucht. Die Knappen verbringen wir nach Clairvaux. Mit Ausnahme von Matthäus. Er wird mit Euch reiten. Das Gesinde verbleibt hier, um keinen unnötigen Verdacht zu erregen und auch, weil wir hoffen, dass es Philipp von Franzien nur auf unmittelbare Angehörige des Ordens abgesehen hat. Und jetzt komme ich zu Eurer eigentlichen Aufgabe.«

D’Our atmete tief durch und sah Gero ernst an. »Für den Fall, dass die Befürchtungen des Hohen Rates eintreffen, werdet Ihr Euch unverzüglich in die deutschen Lande begeben. Euer Knappe und die beiden Ordensbrüder Johan van Elk und Struan MacDhughaill werden Euch begleiten. Matthäus werdet Ihr bei den Zisterziensern in Hemmenrode in Sicherheit bringen. Ich bin sein einziger noch lebender Verwandter. Er wäre ein zu kostbares Unterpfand für König Philipp, wenn er mich und dazu noch meinen Neffen zu fassen bekäme.«

Bevor d’Our fortfuhr, trank er noch einen hastigen Schluck, stellte den Becher zur Seite und griff nach einer Karte, die neben ihm auf einem Stuhl lag. Geschickt entrollte er den erstaunlich genauen Plan.

»Zusammen mit den beiden Ritterbrüdern werdet Ihr den Rhein überqueren und Euch in die Zisterzienserabtei von Heisterbach begeben. Ich weiß von Eurem Vater, dass Euch die Örtlichkeit bekannt ist. Abt Johannes von Heisterbach dort ist im Rahmen seiner Aufgabe eingeweiht. Er wird Euch nach Bekanntgabe eines Losungswortes – es lautet ›computatrum quanticum‹ – zu unserem Mittelsmann führen. Dieser Mann ist ebenfalls ein geheimer Bruder des Hohen Rates«, sprach d’Our weiter. »Er ist wie ich in die Angelegenheit eingeweiht. Danach werdet Ihr ihn zu einer verborgenen Kammer unterhalb des Refektoriums führen. Über den sich anschließenden Gewölbekeller gelangt Ihr zu einer eisernen Tür. Sie führt zum Abwasserkanal. Öffnet sie und geht zwölf Schritte in östliche Richtung, dort macht der Gang einen leichten Knick und wendet sich Richtung Nordosten. Von dort aus sind es noch einmal zwölf Schritte, und Ihr befindet Euch direkt unter dem Klosterfriedhof. Dort wendet Ihr Euch nach rechts. Zwischen den Mauersteinen findet Ihr eine kleine Vertiefung, die sorgsam mit Lehm verputzt ist. Brecht sie auf, und ergreift den darunter liegenden Hebel. Mit ihm lässt sich eine geheime Pforte öffnen. Dahinter befindet sich die Kammer, in der das Haupt der Weisheit verborgen liegt.«

»Ich kenne den Gang«, sagte Gero leise. »Er dient den Brüdern unter anderem als Fluchtweg. Wenn die Mönche eine Verfehlung begangen haben, müssen sie zur Strafe die Rinne schrubben. Acht Latrinenlöcher führen die Exkremente direkt dort hinein.« Ihm war anzusehen, wie unwahrscheinlich er es fand, dass ausgerechnet in diesem stinkenden Abfluss eine Art Heiligtum verborgen sein sollte.

»Wenn Ihr dort angekommen seid«, fuhr d’Our unbeeindruckt fort, »eröffnet Ihr dem Mittelsmann ein weiteres Losungswort. Dafür müsst Ihr die erste Strophe des zweiten Antiphon von ›Gottes Größe und Güte‹ anstimmen … Laudabo Deum meum in vita mea … Geht Euch das zu rasch?« D’Our bedachte seinen Untergebenen mit einem fragenden Blick.

Wie betäubt schüttelte Gero den Kopf.

»Was Bruder Struan und Bruder Johan angeht, so werdet Ihr sie nur insoweit einweihen, wie es Euch notwendig erscheint. Es reicht vollkommen aus, wenn Sie darum wissen, dass sie Euch in die deutschen Lande begleiten müssen. Alles weitere erfahren sie – wie Ihr selbst – vor Ort vom Bruder des Hohen Rates.«

»Und was geschieht, wenn der Überfall auf den Orden gar nicht stattfindet?« Geros Blick offenbarte seine Ratlosigkeit.

»Dann hat unser Großmeister Recht behalten, und der angekündigte Orkan rast tatsächlich, ohne einen Schaden zu hinterlassen, an uns vorüber«, bemerkte d’Our mit einem fatalistischen Unterton in seiner Stimme. »Natürlich bleibt dann alles beim Alten. Ihr werdet nicht fliehen, und unser heutiges Gespräch hat nie stattgefunden. Deshalb ist es Euch auch nicht erlaubt, irgendjemanden in die Einzelheiten einzuweihen, bevor sich nicht abzeichnet, wohin die Reise geht. Wie ihr wisst, wimmelt es allenthalben von Spionen. König Philipp darf keinesfalls erfahren, wo unsere Quellen sprudeln.«

»Gesetzt den Fall, es kommt zur besagten Verhaftungswelle, wird man uns auch außerhalb Franziens verfolgen?«

»Das wird nicht geschehen«, erwiderte d’Our mit einer erstaunlichen Sicherheit in der Stimme. »Wenn alles so kommt, wie es sich abzeichnet, wird man den Orden in den deutschen Landen fürs Erste unbehelligt lassen. Trotz allem müsst Ihr auf der Hut sein. Und dass Ihr Euch in Franzien nicht erwischen lassen dürft, versteht sich von selbst.«

Gero nickte steif. Begreifen konnte er all das nicht, aber er war schließlich darauf gedrillt, Befehle entgegen zu nehmen, gleichgültig, ob er ihre Tragweite verstand oder nicht.

»Noch eins«, sagte d’Our. »Ich möchte, dass ab sofort alle Ritter Ihre Herkunftsnachweise mit sich führen, sobald sie die Komturei verlassen. Gebt das an Eure Brüder weiter!« Der Komtur erhob sich. »Die heilige Jungfrau soll über Euch wachen, Bruder Gerard.«

»Und über Euch, Sire«, erwiderte Gero kaum hörbar, als er sich ebenfalls erhob. Ihn schwindelte, und er musste schlucken, als er seinem Komtur in die hellen, wachen Augen sah. »Was wird aus Euch, Sire?«

»Macht Euch keine Sorgen«, erwiderte d’Our und klopfte ihm auf die Schulter.

»Ihr seid mein Garant dafür, alles getan zu haben, was dem Orden zur Rettung genügen wird. Ich weiß, ich kann mich auf Euch verlassen. Denkt immer daran, nicht nur der Orden ist in Gefahr, wenn der schöne Philipp bekommt, was er will. Die ganze Menschheit steht auf dem Spiel. Der Niedergang unseres Ordens würde Millionen das Leben kosten und Krieg, Hunger und Verdammnis in die christliche Welt bringen, und das auf Hunderte von Jahren hinaus.«

2

Mittwoch, 11. Oktober 1307, abends – Fin Amor

Mit einem Gefühl, als hätte ihn der Schlund der Hölle geradewegs auf den Treppenabsatz gespuckt, fand Gero sich draußen vor dem Gebäude wieder.

Die Ausführungen seines Komturs waren beängstigend genug, um seinem Leben schlagartig alle Freude zu nehmen. Trotzdem musste er einen kühlen Kopf bewahren.

Bevor er die exakt behauenen Stufen hinunterging, hielt er sich einen Moment lang am Gemäuer fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Ohne Umweg begab er sich dann zum Dormitorium, einem lang gezogenen Mannschaftsbau, gegenüber dem Haupthaus, der die Schlaf- und Wohnstätten der Ritterbrüder und Sergeanten beherbergte.

Dort angekommen, wandte er sich zu einem der zwölf in Reih und Glied stehenden Buchenholzbetten. Erschöpft streifte er Mantel, Schwert, Messergürtel und Kettenhemd ab. Dann ließ er sich der Länge nach auf seine Liege fallen. Auch die anderen jungen Männer hatten sich auf ihre angestammten Lagerstätten verteilt. Stiefel und Kettenhemden lagen ungeordnet auf den glatt geschliffenen Holzplanken.

Eine weitere Gruppe weiß gewandeter Männer betrat den Saal.

»Öffnet die Fenster«, rief einer der Ankommenden. Stephano de Sapin, ein großer schlanker Bursche mit einem eleganten Gang, rümpfte die Nase wie eine Parfümmischerin beim Ausschluss übel riechender Duftessenzen. Strafend warf er einen Blick auf die vereinzelt umherstehenden Trennwände aus Holz, über die einige seiner Kameraden eine größere Anzahl feuchter, ungewaschener Filzsocken zum Trocknen gelegt hatten.

Während Gero sich aufsetzte, um sich seiner Stiefel zu entledigen, fiel sein Blick auf Johan van Elk, der mit einem leisen Fluchen zur Tür hereinstolperte, weil dort jemand ein Kettenhemd hatte liegen lassen. Der rothaarige Bruder entstammte den deutschen Landen wie er selbst und war der jüngste Spross eines niederrheinischen Grafengeschlechts. Schreckliche Brandnarben entstellten das ehemals schöne Antlitz des Bruders, ansonsten war er groß und athletisch wie alle anderen, und nur anhand seiner ungelenken Bewegungen konnte man sein wahres Alter erahnen, das kaum über zwanzig lag.

»Jo«, rief Gero ihm auf Deutsch entgegen. »Da bist du ja endlich.«

Der Rotschopf richtete seine Aufmerksamkeit auf Gero, indem er ihm grinsend entgegen ging und ihm kameradschaftlich auf die Schulter klopfte. »Was ist dir denn über die Leber gelaufen?«, fragte er fürsorglich. »Du siehst ja ganz blass aus.«

Gero antwortete nicht sogleich. Wenn er Johan anschaute, musste er immer daran denken, wie schnell das Schicksal einen scheinbar unbesiegbaren Ritter in ein hilfloses Häufchen Elend verwandeln konnte. Er erinnerte sich noch gut, wie der frisch aufgenommenen Bruder vom Niederrhein bei der Aushebung eines Räubernestes im Wald von Clairvaux die unselige Begegnung mit einer Pechnase gemacht hatte. Nie würde er die markerschütternden Schreie des jungen Kameraden vergessen, als das plötzlich herabstürzende heiße Pech durch die Sichtschlitze in dessen Topfhelm gedrungen war und sich von dort aus über Wangen und Ohren verteilt hatte. Ohne nachzudenken, hatte er Johan gepackt und ihm Helm samt Haube vom Kopf gerissen. Anschließend hatte Gero nicht gezögert und den am ganzen Körper vor Schmerz zitternden Schwerverletzten zu einem angrenzenden Bach geschleppt und ihn kopfüber ins kalte Wasser gesteckt. Nur so war es möglich gewesen, die tiefen Verbrennungen zu kühlen und gleichzeitig zu reinigen, so dass eine allseits befürchtete, lebensbedrohliche Vereiterung ausgeblieben war.

»Wenn ich es so gut hätte wie du und den halben Tag im Scriptorium verbringen dürfte«, erwiderte Gero mit einem halbherzigen Lächeln, »würde es mir vielleicht besser gehen.«

Bevor Johan etwas erwidern konnte, mischte sich Francesco de Salazar, der dunkel gelockte Bannerträger, in das Gespräch ein.

»Wie wäre es, wenn Ihr das Ganze noch mal in Franzisch wiederholen würdet – Bruder Gerard? Ist Amtssprache hier, nur für den Fall, dass Ihr es vergessen habt«, dozierte der hübsche Spanier, dessen dunkel gebräunte Haut seine südländischen Vorfahren verriet.

»Francesco de Salazar, verliere du erst einmal deinen spanischen Bauernakzent«, erwiderte Johan in fließendem Katalanisch. Dabei ließ er es sich nicht nehmen, das »r« besonders genüsslich auf der Zunge zu rollen. »Bevor du anderen vorschreibst, wie sie’s miteinander halten sollen.« Einige der Umherstehenden, die Johans Replik verstanden hatten, lachten amüsiert.

Francesco, der einem angesehenen Grafengeschlecht des Königreiches Navarra entstammte, richtete sich zu voller Größe auf und entfaltete sein breites Kreuz wie die Schwingen eines Adlers, während er die Fäuste in seine schmalen Hüften stemmte. »Johan van Elk, denkt Ihr etwa, nur weil Ihr Euch glücklich schätzen dürft, dem Schoß einer katalanischen Rose entsprungen zu sein, lasse ich Euch Eure Unverschämtheiten durchgehen?« Geschickt umrundete er Geros Bett und verpasste Bruder Johan eine kräftige Kopfnuss.

Im Nu war zwischen dem Rotschopf und seinem braun gelockten Kontrahenten ein heftiges Gerangel im Gange, das jedoch einen unzweifelhaft freundschaftlichen Charakter hatte.

Gero verspürte einen plötzlichen Stich im Herzen. Niemand von den Brüdern ahnte auch nur, welch grausames Schicksal ihnen womöglich bevorstand.

Und während einige von ihnen sich auf die verbleibenden Abendstunden vorbereiteten und mit Bürsten und Leinentüchern bewaffnet das Dormitorium verließen, um sich im Waschhaus vom Staub des Tages zu befreien, schaute Gero nachdenklich in die Runde. »Hat einer von euch Stru gesehen?«, rief er über die lärmenden Männer hinweg.

»Hat einer den lausigen Schotten gesehen?«, wiederholte ein blasser, blonder Jüngling mit gehässigem Unterton. Es war Guy de Gislingham, ein englischer Bruder, der noch nicht lange der Komturei angehörte, und soweit Gero bekannt war, dachte er wohl auch nicht daran, länger zu bleiben. Es hieß, er sei der Sohn eines einflussreichen englischen Adligen und er weile in Bar-sur-Aube, um sich während seines Aufenthaltes in französischer Sprache fortzubilden und um seine Kenntnisse in der Kampfkunst der Templer im Ursprungsland des Ordens zu erweitern. Danach würde er in sein Heimatland zurückkehren. Seiner eigenen Aussage nach beabsichtigte er jedoch, später einmal einen höheren Posten im englischen Zweig des Ordens zu übernehmen. Geld hatte seine Familie offensichtlich genug, und daher würde er keine Mühe haben, in Sphären aufzusteigen, die jedem gewöhnlichen Ritterbruder aus dem ärmeren Niederadel verschlossen blieben. Trotz der kurzen Zeit seiner Anwesenheit stellte sich nicht nur Gero die Frage, warum man den hochnäsigen Kerl nicht in Paris im Hauptquartier des Ordens belassen hatte, wo er mit seinem Standesdünkel weitaus besser aufgehoben gewesen wäre.

»Dafür, dass Ihr ein Templer und damit einer von uns sein wollt, lässt es Euch auffallend an Disziplin mangeln, Bruder Guy«, sagte Gero mit gereiztem Unterton in der Stimme.

Struan MacDhughaill nan t-Eilean Ileach, wie der vollständige, gälische Name des schottischen Kameraden lautete, war nicht nur Geros Bruder im Orden, sondern zugleich sein bester Freund. Während des Überfalls feindlicher Mamelucken im Herbst des Jahres 1302 auf die Inselfestung Antarados im syrischen Meer hatte Stru, wie Gero ihn gelegentlich nannte, ihm das Leben gerettet, als er ihn vor dem todbringenden Schlag eines Feindes bewahrte. Danach hatte er Gero, schwer verletzt und ohnmächtig, auf seine Schultern gepackt und ihn im Pfeilhagel der nachfolgenden Mamelucken auf das kleine Versorgungsschiff des Ordens getragen, das ihnen noch geblieben war. Erst bei der Überfahrt nach Zypern, auf den wiegenden Planken des Schiffes, entschloss sich Geros Seele, ins Diesseits zurückzukehren. Hier erzählten ihm die wenigen anderen Überlebenden, die sich ebenfalls unter schwierigen Bedingungen an Bord geschleppt hatten, wem er – außer Gott dem Allmächtigen – seine weitere Existenz zu verdanken hatte, und warum er somit seinen Eintritt ins Paradies noch einmal verschieben durfte. Struan hatte unterdessen Geros aufgerissenen Schulterkopf mit einem blutstillenden Verband versorgt und für die Dauer der Reise die spärlichen Wasserrationen mit ihm geteilt, um das Fieber zu senken. Vier Monate nach ihrem Eintreffen in Zypern war Gero soweit genesen, dass man ihn und auch seinen Retter im Frühjahr des Jahres 1303 als Angehörige eines Austauschbataillons nach Franzien beorderte. Beide wussten es zu schätzen, dass man sie gemeinsam der hiesigen Komturei zugeteilt hatte.

Guy de Gislingham kannte diese Geschichte, aber sie beeindruckte ihn nicht – ihm war alles Schottische verhasst und ein schottischer Held undenkbar.

»In meiner Heimat weiß jeder, dass die Schotten das Waschen für überflüssig halten«, erklärte er in gehässiger Selbstgefälligkeit. »In ihren feuchten Steinbaracken ohne Fenster hausen sie wie die Wilden. Das Torffeuer in ihren Hütten verbrennen sie ohne Abzug, und am Ende sind sie geräuchert wie die Aale …« Gislinghams Bemerkungen erhielten keinerlei Zustimmung, doch anscheinend störte es ihn nicht. Im Gegenteil, die meisten Brüder schauten peinlich berührt zu Boden, oder sie versuchten sich auffällig mit anderen Dingen zu beschäftigen und entfachten damit ungewollt in ihm den Ehrgeiz, noch einen Schritt weiterzugehen.

»Wenn Ihr es nicht glaubt, Bruder Gero, dann reist doch selbst einmal hin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass im Hause Breydenbach solch widerwärtige Zustände herrschen.« Guy schenkte Gero einen provozierenden Blick, der mit einem gefährlichen Aufblitzen in den sonst so überlegt wirkenden blauen Augen erwidert wurde.

»Lasst mein Zuhause aus dem Spiel und das von Struan erst recht«, zischte Gero wütend. »Hier sind wir alle gleich, falls unser arroganter Bruder das noch nicht bemerkt haben sollte.«

Guy zuckte mit den Schultern und wandte sich gelangweilt ab. Sein Desinteresse an Geros Retourkutsche unterstrich er damit, indem er akribisch die Reinigung seines Kettenhemdes fortsetzte.

»Struan hat sich krank gemeldet«, wusste Francesco zu berichten und hoffte, damit die Spannung ein wenig beizulegen.

Gero hob fragend die Brauen.

Guy de Gislingham hielt inne und drehte sich langsam um. Linkisch legte er seinen Kopf schief, während sein wissender Blick über die Anwesenden glitt. »Schon ziemlich lange krank, der Junge – hat sich wohl ein hartnäckiges Leiden eingefangen, der Arme.« Ein höhnisches Grinsen glitt über seine Gesichtszüge, die nicht unbedingt so edel waren wie seine Herkunft. Abwechselnd blickte er von Gero zu Johan, die mittlerweile nebeneinander standen. »Vielleicht sollten wir Vater Augustinus befragen, ob es die speziellen Symptome einer Krankheit sind, vor der er uns fortwährend warnt.« Guys hässliches Kichern forderte Gero geradezu heraus.

Mit zwei mächtigen Schritten war der deutsche Ritter am Bett des englischen Bruders angelangt. Seine eiserne Faust packte das Leinenhemd des Engländers und drehte es geschickt zu einem Strick. Dann riss er den unsympathischen Bruder ohne Gnade in die Höhe, geradeso, als ob er ihn an einen Haken hängen wollte.

Guy de Gislingham, der eine halbe Elle kleiner war als Gero, röchelte, während sein Gesicht blutrot anlief und sein ansonsten unscheinbarer Kopf unter der Strangulation immer weiter anzuschwellen schien. Vergeblich versuchte er sich zu befreien, indem er mit den Beinen strampelte und sich verzweifelt bemühte, mit beiden Händen Geros Faust zu lockern. Das Einzige aber, was ihm blieb, war das Sehnenspiel in den mächtigen Unterarmen seines Gegners zu beobachten. Er besaß nicht einmal genug Luft, um zu schreien. Und es hätte ihm wahrscheinlich auch niemand geholfen, hätten die Brüder nicht gefürchtet, Gero könnte den Engländer töten und dafür am Galgen landen.

Mit einem Mal spürte Gero, wie mehrere starke Arme an ihm zerrten und Johan van Elk beruhigend auf Deutsch auf ihn einredete. »Bruder, lass ihn los … du machst dich nur unglücklich und uns dazu … bitte!«

Mit einem Ruck stieß Gero seinen Widersacher zu Boden. Seine Nasenflügel blähten sich wie die eines schnaubenden Stiers, und sein Atem ging stoßweise. Es fehlte nicht viel, und er hätte vor dem immer noch nach Luft ringenden Bruder Guy ausgespuckt. Abrupt drehte er sich weg und ging zurück zu seinem Lager. Johan, der noch einen Moment verharrte und auf den verstört drein schauenden Bruder Guy herabblickte wie auf ein Stück Aas, vergaß hingegen seine gute Kinderstube.

»Arschloch!«, zischte er auf Deutsch, und als Gislingham ihn mit blöden Augen anstierte, beugte er sich zu ihm hinab und buchstabierte dem begriffsstutzigen Bruder in englischer Sprache, indem er jeden einzelnen Buchstaben betonte.

»A-s-s-h-o-l-e!«

Dann richtete er sich auf und ließ den verblüfften Bruder Guy einfach sitzen.

Dieser krabbelte mühselig wie ein Käfer, der zu lange auf dem Rücken gelegen hat, auf sein Bett, während er sich seinen strangulierten Hals massierte. Mit zusammengekniffenen Augen sah er hasserfüllt zu Gero hinüber, der nicht weit entfernt stand und ihn keines Blickes würdigte.

Die übrigen Brüder beobachteten mit Argusaugen, wie Gero auf seinem Bett offenbar unbekümmert einige Kleidungsstücke zusammenlegte und sich den Anschein gab, als ob nichts geschehen wäre.

Durch die offenen Fenster drang das Läuten der Glocken herein und rief all die Brüder zum abendlichen Vespergesang, die nicht von den Stundengebeten befreit waren. Gero zog sich rasch seinen Haushabit über und sah sich nach seinem deutschen Bruder um, der bereits neben ihm stand. »Kommst du mit zur Vesper?«

Johan nickte. »Was wolltest du von mir?«

»Ich muss im Auftrag des Komturs ein paar Brüder für einen Einsatz rekrutieren, und du bist neben Struan einer derjenigen, die dafür in Frage kommen«, antwortete Gero. »Nach dem Vespermahl werden wir im Scriptorium eine kurze Besprechung abhalten.«

Als die beiden sich wenig später anschickten, das Gebäude zu verlassen, legte jemand von hinten eine Hand auf Geros Schulter. Er drehte sich um und sah in die hämisch grinsende Miene von Guy de Gislingham.

»Gisli – es reicht dir wohl nicht, dass du überlebt hast …«, murmelte Gero und fegte mit einer entschlossenen Bewegung den Arm des Engländers hinweg, als ob er sich von einem lästigen Insekt befreien wollte.

In Guys Stimme schwang eine satanische Genugtuung, als er antwortete.

»Breydenbach, dein schottischer Freund ist geliefert, ob es dir passt oder nicht … Ich habe Beweise. Spätestens beim Kapitel am nächsten Sonntag zieht sich die Schlinge zu. Dann ist er seinen Mantel los und, wenn’s nach den Regeln geht, nicht nur das.«

»Wovon sprichst du überhaupt, du Hund?«, zischte Gero.

Gislingham grinste. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass dein werter Freund nicht nur sein barbarisches Herz, sondern auch sein eindrucksvollstes Körperteil an eine willige Dame verschenkt hat«, säuselte der Engländer, »und ich spreche hier weder von seiner großen Nase noch von der heiligen Jungfrau, wie du dir sicher denken kannst.« Unvermittelt brach der Engländer in Gelächter aus.

Gero schlug Gislinghams schlechter Atem entgegen. Im linken Unterarm des Deutschen spannten sich die Sehnen, und die Finger der linken Hand vereinten sich wie von selbst zu einem alles vernichtenden Faustschlag.

Doch bevor es dazu kam, dass Gero sämtliche Ordensregeln vergaß und Bruder Guy alle verbliebenen Zähne ausschlug, packte Johan ihn an seinem Habit und zerrte ihn in Richtung Kapelle.

Das große, helle Sandsteingebäude mit seiner nach Osten ausgerichteten Apsis befand sich an der Außenseite der Komturei. Gero, Johan und einige andere Kameraden schlüpften durch eine unscheinbare, eisenbeschlagene Holztür, die es den Bewohnern ermöglichte, ohne große Umwege vom Innenhof her das Gotteshaus zu besuchen. Dessen Hauptportal an der Westseite wurde nur an hohen Feiertagen geöffnet, wenn man die Bewohner der nahe gelegenen Stadt Bar-sur-Aube zur gemeinsamen Messe einlud.

Der noch recht neue, sakrale Bau war ein Meisterwerk der Statik. Davon zeugte die kunstvolle Deckenkonstruktion mit ihren bunt bemalten, spitz zulaufenden Bögen und den exakt gesetzten Schlusssteinen, in deren Mitte das Ordenskreuz herausgemeißelt war. Das Dach war mit sorgfältig geschnittenen Holzschindeln gedeckt, und die sechs schönen, gotischen Kirchenfenster bestanden allesamt aus kunstvoll geschliffenem, bunt bemaltem Glas. Über der Westseite thronte eine prächtige Rosette, durch deren bunte Rundscheiben die letzten Strahlen der Nachmittagssonne schillernde Muster auf den Altarstein warfen. Schweigend betrachtete Gero die vielfarbigen Lichtpunkte, die einem himmlischen Blütenreigen gleich den Sockel einer beeindruckend großen und schönen Madonnenstatue umspielten.

Im Dämmerlicht des Kerzenscheins hatten die Männer in einem halbrunden Kreis Aufstellung genommen. Der angenehme Duft brennender Bienenwachskerzen, die in einem schweren, eisernen Rundleuchter steckten, der über dem Altar an einer langen Kette herabhing, verteilte sich zusammen mit dampfendem Weihrauch im Raum. Abwechselnd begannen die Brüder zu singen, dabei wiederholten sich die immer wiederkehrenden lateinischen Texte nach einem speziell abgestimmten Rhythmus. Andächtig lauschte Gero der sonoren Stimme seines Nachbarn, die ihn in einen Zustand fast mystischer Ruhe wiegte und ihn allen Gram für einen Moment vergessen ließ.

Beim Verlassen der Kapelle ließ Gero den anderen Kameraden den Vortritt.

Er verweilte einen Augenblick vor einem kleineren Altar, der unmittelbar neben dem Eingangsbereich in das Mauerwerk eingelassen war. Mit gebeugtem Haupt bekreuzigte er sich vor einem unscheinbaren Holzkreuz, bei dem man auf eine leidende Jesusfigur verzichtet hatte. Ein Vaterunser musste vorab zur Reue gereichen. Sein Ausrutscher in den Mannschaftsräumen verlangte nach Ablass, und den konnte Gero nur erwarten, wenn er mindesten einhundertzwanzig Vaterunser betete. Doch dafür hatte er keine Zeit. Obwohl ihm der Appetit durch das Gespräch mit d’Our vergangen war, wartete im Refektorium das abendliche Vespermahl, dem er ohne Zustimmung seines Komturs nicht fernbleiben durfte.

Sein hitziges Naturell hatte ihm schon so manche Bußnacht auf dem kalten Steinboden in der Kapelle beschert – auf dem Bauch liegend, ausgestreckt wie Jesus am Kreuz. Er hatte sich längst damit abgefunden, dass ihn mehr die Kampfbereitschaft eines Kriegers durchflutete als die Sanftheit des Mönchs.

Als Templer sollte er im Idealfall beides zu gleichen Teilen miteinander vereinen. Doch allein der kräftige Körperbau und seine Größe ließen erahnen, dass ihm das nicht immer gelingen wollte. Die großen Hände und sehnigen Arme schienen für den Schwertkampf wie geschaffen und schleuderten den kostbaren Anderthalbhänder, den er von seinem Vater anlässlich des Ritterschlages erhalten hatte, jedem Angreifer mit einer Leichtigkeit entgegen, als ob es sich nicht um eine sechs Pfund schwere Waffe, sondern um einen morschen Stock handelte.

Begleitet von einem knarrenden Laut, öffnete Gero die kleine Tür zum Hof, wo Johan bereits auf ihn wartete. Allmählich zog die Dämmerung herauf, und rundherum entzündeten rührige Knechte die Fackeln und Feuerkörbe.

Von der nahe gelegenen Stadtkirche St. Pierre läuteten die Glocken zur zwölften Stunde des Tages, und aus dem Backhaus drang der Duft von ofenwarmem Brot.

Für einen Moment hielt Gero in seinen Schritten inne und packte Johan am Oberarm, damit er stehen blieb. Ein warmes Lächeln umspielte die Lippen des flandrischen Templers, als er sich umwandte.

»Danke«, sagte Gero leise.

»Wofür?« Johan sah ihn überrascht an.

»Dafür, dass du mich heute bereits zum zweiten Mal vor einer Dummheit bewahrt hast.«

»Keine Ursache«, erwiderte Johan, dann zeigte er auf das halb geöffnete Hoftor.

»Schau mal, wer da kommt.«

Im Lichtschein der brennenden Fackeln beobachtete Gero, wie Struan seinen mächtigen, nachtschwarzen Friesen mit schnellen Schritten zu den Stallungen führte. Der schottische Bruder nahm zwei Finger zwischen die Lippen und stieß einen lauten Pfiff aus, der mehreren Knappen, die tatenlos herumlungerten, das Signal gab, ihm das Tier abzunehmen und abzuschirren.

Der Abendwind fuhr durch Struans weißen, knielangen Templermantel, und das rote Tatzenkreuz auf seinem Wappenrock leuchtete sogar noch in der Dämmerung.

»Da ist Struan«, sagte Johan und nickte zu dem eindrucksvollen Hünen hin.

Zu gerne hätte Gero gewusst, warum sein schwarzhaariger Freund so spät nach Hause kam und wieso er alleine unterwegs gewesen war. Vielleicht kehrte er von einer Außenmission zurück. Struans Kleidung – Kettenhemd, lederne Reithose, darüber sein Schwertgehenk und Messergürtel – deuteten darauf hin.

Templer ritten der Regel entsprechend mindestens zu zweit, wenn sie einen Auftrag zu erfüllen hatten. Es sei denn, es handelte sich um ein persönliches Anliegen und der Komtur hatte die ausdrückliche Erlaubnis erteilt, dass man die Komturei zu diesem Zweck ohne Begleitung verlassen durfte.

Aber was sollte Struan persönlich zu erledigen haben? Seine Verwandten kamen nie zu Besuch, und soweit Gero wusste, hatte er keine Freunde, die außerhalb der Komturei wohnten. Krank war er auch nicht. Selbst wenn Gislingham so etwas behauptet hatte.

»Ich will ihn nur kurz begrüßen«, erklärte Gero mit einem entschuldigenden Blick zu Johan, »dann komme ich nach.«

Mit gesenktem Haupt begab sich Struan zu den Mannschaftsunterkünften. Verwundert stellte sich Gero die Frage, warum der stets hungrige Schotte das Läuten zum Abendessen ignorierte.

Gero hatte Struan fast eingeholt, als der Schotte auf das Geräusch der Schritte aufmerksam wurde. Er blieb stehen und drehte sich überrascht um. Seine Freude über Geros Erscheinen hielt sich in Grenzen. Das Lächeln war müde und der überkreuzte Handschlag nur halbherzig, als sie sich auf die typische Art der Templer begrüßten.

Gero spürte, dass Struan etwas bedrückte, aber er wollte nicht fragen, was es war, bevor der Freund sein Herz nicht aus freien Stücken erleichterte.

»Ich habe dich bei dem Einsatz nach Thors vermisst«, bemerkte Gero schlicht. »Hat der Alte dich wieder für eine Sonderaufgabe herangezogen?«

Struan zögerte kurz, bevor er antwortete, und wich dabei Geros fragendem Blick aus. »Ich war beim Eremiten oben auf der Feuerkuppe und habe mir eine Medizin zubereiten lassen.« Er stockte und rieb sich die Nase, dabei schaute er Gero nicht in die Augen, sondern zum Hoftor. »Ich fühle mich schon seit längerem nicht wohl. Der Alte weiß Bescheid.«

»Aha?« Gero stellte sich unwillkürlich die Frage, warum Struan so auffällig darauf bestand, dass der Komtur Bescheid wusste. Wenn sie ein Leiden plagte, mussten sie als erstes dem Komtur Meldung machen. Seltsamerweise hatte Struan ihm nie etwas darüber erzählt. Bisher erfreute sich der Schotte einer geradezu strotzenden Gesundheit. Und so sehr Gero auch in seiner Erinnerung kramte, ihm kam kein einziger Bruder in den Sinn, der jemals die Dienste des Eremiten in Anspruch genommen hätte, ohne sterbenskrank gewesen zu sein. Trotz seiner unumstrittenen Heilkunst waren die Methoden des kauzigen Templerveterans eher etwas für siechende Greise, denen der Orden bei seinen Kreuzzügen im Outremer das Mark aus den Knochen gesogen hatte und die nun verzweifelt ihren letzten Kampf kämpften, um dem Tod auf ihre alten Tage ein weiteres Mal ein Schnippchen zu schlagen.

Ohne es zu wollen, bedachte er seinen Freund mit einem abschätzenden Blick.

Struan drehte sich wortlos ab, um seinen Weg zur Unterkunft fortzusetzen. Gero hielt ihn am Ärmel seines Kettenhemdes zurück, um wenigstens eine halbwegs vernünftige Antwort zu erhalten. Struan riss sich von Gero los.

»Was ist?«, fauchte er unwirsch.

Gero ließ sich nicht entmutigen. »Der Eremit hat nicht zufällig lange, goldblonde Haare, den Augenaufschlag eines Rehs und ist dazu noch die Tochter unseres Weinhändlers?«

Struan erwiderte nichts. Seine Gesichtsfarbe wechselte von hellem Braun zu dunklem Rot.

»Dacht ich’s mir«, entfuhr es Gero.

Struan seufzte ergeben und fuhr sich mit seiner großen Hand nervös übers Gesicht, geradeso, als wolle er alle verdächtigen Spuren daraus entfernen. Dabei starrte er für einen Moment in den tiefblauen Abendhimmel, als ob dort eine Erklärung für seinen Fehltritt zu finden sei.

»Warum vertraust du dich mir nicht an?« Geros Frage hatte einen provozierenden Unterton.

Struan kniff die Lippen zusammen und schluckte verlegen. »Zweifelst du an unserer Freundschaft, weil ich dir nichts gesagt habe?«

»Dummkopf«, tadelte Gero ihn leise. »Meinst du, mir ist nicht aufgefallen, dass da was im Busche ist? Ich habe zufällig mitbekommen, wie sie dir das erste Mal schöne Augen gemacht hat. Schon damals drängte sich mir die Frage auf, ob das gut gehen kann.«

Nach Geros Meinung gehörte Struan mit seinen fünfundzwanzig Lenzen nicht zu jener Sorte von Männern, die ohne Sinn und Verstand jeder dahergelaufenen Frau verfielen. Es war sicher auch nicht so, dass ihn der Anblick eines hübschen Mädchens völlig unberührt ließ, aber bei Amelie Bratac verhielt es sich ein wenig anders. Ihr Vater, der Wein- und Keramikhändler Alphonse Bratac, war dem Orden äußerst verbunden, und Amelie half ihm bei der anfallenden Buchführung und Auslieferung seiner Waren. Im Gegensatz zu den überwiegend ungebildeten Mädchen ihres Standes war sie des Lesens, Schreibens und Rechnens kundig. Darüber hinaus war sie mit einer solch überirdischen Schönheit gesegnet, dass das Einhalten gewisser Ordensregeln leicht zur Tortur werden konnte.

»Und, wirst du mich jetzt verpfeifen?« Struans Stimme, die ohnehin stets den Eindruck erweckte, als hätte sie jemand mit Sand geschmirgelt, klang noch rauer als gewöhnlich.

»Wie kannst du so etwas auch nur denken!«, entgegnete Gero entrüstet.

Struan schluckte hart. Während er Gero mit seinen schwarzen Augen ansah, drückte seine ganze Körperhaltung Unsicherheit, aber auch Kummer aus.

»Es wäre allerdings nicht gut, wenn dein Fehltritt in der momentanen Lage ans Licht käme«, fuhr Gero fort. »Die Ordensleitung wird wohl kaum erfreut sein, wenn Papst und König sich in ihrer Annahme bestätigt sehen, dass bei den Templern allzu lockere Sitten herrschen. Das könnte dich den Mantel kosten.«

Ein unechtes, heiseres Lachen entwich Struans Kehle. »Das ist im Augenblick mein geringstes Problem.«

Gero rückte näher an ihn heran und legte ihm vertrauensvoll eine Hand auf die mächtige Schulter. »Es gibt nichts, was sich nicht regeln ließe.«

»Nicht hier«, zischte Struan und fuhr sich nervös mit den Fingern durch die schwarzen, kurzen Haare. Er blickte dabei nach allen Seiten, um sicher zu gehen, dass keine ungebetenen Zeugen in der Nähe lauerten.

Dann machte er kehrt und wandte sich den Waschräumen zu, während Gero ihn unaufgefordert begleitete.

Um ganz sicher zu gehen, dass sich auch wirklich niemand sonst dort aufhielt, zog Struan den Kopf ein und eilte durch einen niedrigen, wenn auch breiten Durchgang. Gero folgte ihm im Lichtkegel einer Pechfackel, die durch ein offenes Fenster von draußen herein leuchtete. Gemeinsam ließen sie sich auf dem Rand eines Steinbottichs nieder.

Gero hob seine Brauen zu einer fragenden Miene.

Struan hatte die Hände in den Schoß gelegt und lenkte sein Augenmerk auf das heruntergebrannte Kaminfeuer. Dann räusperte er sich erneut, doch seine Stimme blieb belegt. »Sie erwartet ein Kind.«

Einen Moment später schaute er Gero doch ins Gesicht, dabei hob er entwaffnend die Schultern. Es hatte keinen Sinn, an diesem Umstand etwas zu beschönigen oder zurückzuhalten.

Gero riss vor Überraschung die Augen auf. »Ein Kind? Von dir?«

»Würde ich es sonst erwähnen, du Einfaltspinsel«, erwiderte Struan, dabei sackte er resigniert in sich zusammen.

»Wie konnte so etwas geschehen?«, fragte Gero, nachdem er seine Fassung wieder erlangt hatte.

»Wie wohl?«, knurrte Struan. Er kratzte sich verlegen hinterm Ohr und lächelte säuerlich. »Schau sie dir doch an! Sie hat den prachtvollsten Hintern, den man sich vorstellen kann und Brüste wie reife Pfirsiche. Und sie hatte keinerlei Scham mir all diese Schätze zu offenbaren.«

»Stru, wenn es dich so sehr nach einer Frau verlangt hat, warum bist du nicht zu den Huren in Voigny gegangen? Sie sind diskret, und es kostet dich nicht mehr als einen fetten Kapaun, wenn du ihnen eine Stunde beiwohnen möchtest.«

Die Augen des Schotten weiteten sich vor Entrüstung. »Du kannst Amelie Bratac nicht mit irgendwelchen dahergelaufenen Huren vergleichen«, stellte er mit Nachdruck klar. »Sie ist eine außergewöhnliche Schönheit, und darüber hinaus bin ich selten so einer gescheiten Frau begegnet.«

»So gescheit, dass sie dir hemmungslos den Kopf verdreht hat.« Gero kniff die Lippen zusammen und schenkte seinem Freund einen verständnislosen Blick. »Ehrlich gesagt, hatte ich dich für vernünftiger gehalten.«

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, ihren weichen Körper zu spüren, ihre sanften Küsse … wie es sich anfühlt, wenn sie mich berührt, leicht wie eine Feder … und doch so voller Leidenschaft wie ein tosender Orkan«, rechtfertigte sich Struan flüsternd. Sein Blick war abwesend und fixierte ein im Halbdunkel kaum noch auszumachendes, verlassenes Schwalbennest. Dann, als würde er aus einem Traum erwachen, wandte er sich seinem besten Freund zu, und eine trotzige Entschlossenheit lag in seiner Stimme. »Um bei ihr zu liegen, würde ich alles riskieren, nicht nur meine Ehre.«

»Auch deinen Mantel?«

»Vielleicht«, antwortete Struan und senkte zerknirscht den Kopf. Gleich darauf hob er ihn wieder, und sein Blick verdüsterte sich. »Verdammt, was sollte ich denn machen? Sie wollte mich. Sag mir einen, der einer solchen Frau entwischen kann. Entweder ist er nicht normal im Kopf oder ein Sodomit.«

»Oder ein Mönchsritter, der sich an sein Gelübde hält …«, gab Gero vorsichtig zu bedenken.

Der schottische Bruder erwiderte nichts, sondern nickte nur mit einem tiefen Seufzer.

»Wie lange geht die Geschichte schon?«

»Seit April«, antwortete Struan leise. »Kurz bevor wir nach Poitiers aufgebrochen sind, habe ich sie das erste Mal heimlich getroffen.«

»Und wie lange ist sie schon guter Hoffnung?«

»Fünf Monate, nach allem was ich weiß.«

»Wer rechnet auch schon damit, dass der Samen sogleich eine Frucht hervorbringt?« Gero schüttelte leise lachend den Kopf.

»Findest du das vielleicht noch lustig?« Struan blickte entrüstet auf und musterte seinen Kameraden verärgert. »Mir ist nicht nach Späßen zumute. Seit ich es erfahren habe, zermartere ich mir den Kopf, um eine Lösung zu finden, damit wir zusammen bleiben können.« Für einen Moment schimmerten die Augen des Schotten verdächtig. Er schluckte die Tränen hinunter und räusperte sich. »Ich habe sie ohne Zweifel entehrt, und wenn mir nichts Brauchbares einfällt, werde nicht nur ich, sondern auch sie und das Kind dafür büßen müssen.«

»Und wie soll es jetzt weitergehen?« Geros Frage klang harmlos, aber dahinter verbarg sich eine gewaltige Anspannung. »Willst du den Orden verlassen?«

»Wie denn?« Struan schüttelte verzweifelt den Kopf. »Der Großmeister wird mir nicht die Ehre erweisen und meiner Entlassung zustimmen. Und mein Vater und unser Clan werden mich vierteilen und meinen Kadaver in alle vier Himmelsrichtungen unserer Burg hängen, wenn ich dem Orden den Rücken kehre. Meine Aufnahme bei den Templern geschah aus politischen Gründen. Wenn ich fliehe, brauche ich mich zu Hause nicht mehr blicken zu lassen. Wovon sollten wir leben, wenn ich mit Amelie die Flucht ergreife und wir – von allen geächtet – keinen Stein finden, unter dem wir uns verkriechen können?«

Für einen Moment hielt er inne und seufzte. »Fin Amor«, sagte er bitter. »Ewige, einzige Liebe. Verdammt.« Wieder schluckte er hart und starrte ratlos auf seine riesigen Stiefel.

Gero nickte und sah Struan verständnisvoll an. »Ich habe nie darüber gesprochen, aber im Gegensatz zu dir bin ich schon seit sechs Jahren verwitwet.« Dem deutschen Kreuzritter gelang es trotz aller Tapferkeit nicht, den bleiernen Schmerz zu verbergen, den er immer noch empfand. »Die Verbindung mit meiner Frau war nicht gerade das, was man gesegnet nennen könnte«, fuhr er fort. »Elisabeth und unsere Tochter sind unter der Geburt elendig gestorben. Es war meine Schuld. Mein alter Herr wollte immer, dass ich den Templern beitrete. Nun – ich hatte andere Pläne und habe mich für die Liebe entschieden. Ohne die Zustimmung meines Vaters und ohne die Aussicht auf ein Erbe.« Gero schluckte, bevor er stockend weiter erzählte. »Mein Vater ist der Meinung, ich sei ein Versager. Nicht nur, weil ich die Frau meines Herzens gegen seinen Willen geschwängert und geehelicht habe, sondern weil ich die Verantwortung dafür trage, dass er darüber hinaus ein Gelübde brechen musste.«

Struan hob erstaunt seine schwarzen Brauen. »Welches Gelübde?«

Geros Lippen umspielte ein bitterer Zug. »Meine Frau war die jüdische Pflegetochter meiner Eltern. Mein Vater hat sie im Jahre des Herrn 1291 in den letzten Wirren bei der Schlacht um Akko als ungefähr Sechsjährige von den zerschmetterten Leichen ihrer Eltern weggeholt und damit vor den einfallenden Mamelucken gerettet. Dabei hat er dem Allmächtigen ein heiliges Versprechen gegeben. Wenn es ihm und seinen restlichen Kameraden gelänge, Akko und das Heilige Land lebend zu verlassen, würde er für dieses Kind sorgen und später, im rechten Alter von zwölf Jahren, einem Kloster übergeben. Mich wollte er aus dem gleichen Grund zu den Templern schicken, sobald ich den Ritterschlag erhalten hatte. Seine Bittgebete haben offensichtlich genützt, denn er und seine Kameraden konnten trotz widrigster Umstände aus dem völlig zerstörten Akko entkommen. Und nicht nur das! Sie verhalfen dem damaligen Komtur des Tempels von Akko und seinem Gefolge zu einer waghalsigen Flucht – niemand geringerem als unserem jetzigen Großmeister Jacques de Molay und seinen verbliebenen Getreuen, zu denen auch unser geschätzter Komtur zählte!«

Struan stieß einen leisen, anerkennenden Pfiff aus. »Alle Achtung! Dann weißt du also recht gut, wie es in mir aussieht.« Er sah Gero mit treuem Blick an und entlockte seinem deutschen Bruder dabei unwillkürlich ein leises Lächeln.

»Da magst du Recht haben«, erwiderte Gero. »Mein Eintritt bei den Templern nach dem Tod meiner Frau war denn auch eher eine Flucht vor meiner eigenen Trauer und den cholerischen Ausbrüchen meines Vaters als ein Akt der Überzeugung oder des Gehorsams.« Gero sah seinen Mitbruder ernst an. »Aber da ist noch etwas anderes, das ich dir sagen muss.«

»Was denn noch?«, knurrte Struan mürrisch. »Schlimmer kann es ja wohl nicht kommen.«

»Ich fürchte doch. Abgesehen davon, dass unser guter Bruder Guy deine Spur aufgenommen hat und dich beim Kapitel verraten will, kann es sein, dass am kommenden Sonntag gar keine Kapitelversammlung mehr stattfindet. Ich hatte heute Nachmittag eine Unterredung mit dem Alten.«

»Henri d’Our? Sag nur, er weiß schon von meinem Fehltritt?« Struan fuhr der Schreck in die Glieder.

»Wenn es so wäre«, antwortete Geron gelassen, »würde er dir keinen Spaten mehr anvertrauen, geschweige denn das Schicksal des Ordens.«

Struan sah ihn verständnislos an. »Schicksal des Ordens?«

»Versprich mir zu schweigen«, flüsterte Gero.

Struan hob seine dichten Brauen und nickte verblüfft.

In kurzen Zügen berichtete Gero, was d’Our ihm anvertraut hatte, wobei er Struan jedoch nichts über das Haupt der Weisheit und den Auftrag in Heisterbach verriet. Dass er trotzdem gegen das Schweigegebot seines Komturs verstieß, ignorierte er geflissentlich. Die Lage seines schottischen Freundes erschien ihm nicht weniger aussichtslos als die des Ordens. Daher sah Gero es als einen Akt der Gnade an, dass er Struan mit der viel größeren Sorge um ihrer aller Zukunft ein wenig ablenken konnte. Doch der Schotte ließ sich nicht beirren.

»Und was soll jetzt aus Amelie und mir werden?« Struan sah ihn fragend an. »Ungeachtet aller anderen Katastrophen, wird das Kind in vier Monaten das Licht der Welt erblicken.«

»Bleib ruhig«, riet ihm Gero. »Lass uns abwarten, was morgen geschieht, und danach finden wir eine Lösung.«

Struan erhob sich und wandte sich seinem deutschen Bruder zu, der ebenfalls aufgestanden war. Er umarmte Gero fest und küsste ihn anschließend auf den Mund. »Es tut gut, einen Freund wie dich zu haben«, sagte er rau. »Was auch geschieht, du wirst immer ein Teil von mir sein.«

Als Gero wenig später zusammen mit Struan den menschenleeren Hof überquerte, spürte er eine Eiseskälte in sich aufsteigen. Gnadenlos breitete sie sich in seinem Gedärm aus, kroch in dämonischer Langsamkeit den Rücken hinauf und bemächtigte sich seiner Gedanken. Gleichsam überflutete ihn ein Gefühl, das er am meisten von allen Gefühlen hasste: Angst.

Die tanzenden Schatten im Kreuzgang erschienen ihm auf einmal wie hämisch grinsende Teufel, die ihre ungeteilte Freude über Tod und Verdammnis verkündeten.

Struan erging es offenbar nicht viel besser. Stumm folgte er Gero in die Mannschaftsräume. Die Luft war stickig. Draußen hatte es sich empfindlich abgekühlt, und um die Kälte nicht ins Innere dringen zu lassen, hatte man die Ziegenlederrollos heruntergelassen und die Fenster von außen mit hölzernen Klappen geschlossen.

»Wo wart ihr?«, fragte Johan verblüfft. »Eure Abwesenheit beim Vespermahl ist allen aufgefallen.« Er schaute sich prüfend um, doch in dem allgemeinen Durcheinander beachtete ihn niemand. Grinsend zog er unter seinem Wams ein Stück Käse und zwei Brotkanten hervor. »Hier, für euch beide« sagte er und steckte Struan das Essen zu.

Der immer hungrige Schotte schien sich indes nicht zu freuen. Gero ignorierte die freundliche Gabe gleichfalls. Er räusperte sich nur und straffte seine Schultern.

»Männer, darf ich um eure Aufmerksamkeit bitten«, rief er im Befehlston, worauf alle bis auf Bruder Guy ihre Beschäftigung unterbrachen und ihn anschauten. »Der Komtur hat mir das Kommando für einen Auftrag übertragen. Für sechs von uns bedeutet das, dass wir morgen Nachmittag einen Ausritt unternehmen. Dafür sind die folgenden Männer, deren Namen ich gleich aufrufen werde, bis auf weiteres von den Stundengebeten befreit.«

Er warf einen prüfenden Blick in die Runde. Vierundzwanzig Augenpaare waren wie gebannt auf ihn gerichtet. Außer einem Husten oder einem Räuspern war nichts zu vernehmen. »Also, die Sergeanten können sich entspannt zurücklehnen. Es trifft nur die Ordensritter.« Betten knarrten und Decken raschelten, während einige der Männer sich erleichtert zur Ruhe zurückzogen. Gero blickte jeden einzelnen seiner Auserwählten an, bevor er deren Namen nannte. »Johan van Elk, dann … Francesco de Salazar, Stephano de Sapin, Arnaud de Mirepoix …« Als letzten nannte er Struan MacDhughaill.

In lautem Ton fuhr er fort. »Wir treffen uns unverzüglich zu einer kurzen Besprechung im Scriptorium. Der Rest kann sich zur Nachtruhe begeben.«

»Ach … Arnaud«, rief Gero einem drahtigen, dunkelhaarigen Bruder zu, der mit seinem zwar gestutzten, aber struppigen Bart eher zu einer Räuberbande gepasst hätte als zu einem Ritterorden. »Sorge dafür, dass die Ausgabe der Waffen morgen Mittag ohne Verzögerung vor sich geht und die Listen komplett sind, damit wir keine Zeit mit nachträglichen Schreibarbeiten verschwenden müssen. Außer Äxten und Morgensternen nehmen wir zwei Armbrüste mit und ausreichend Bolzen von der schnellen, kurzen Sorte.«

Arnaud nickte. Im alltäglichen Ablauf der Komturei stand er den Sergeanten vor, die für die Lagerung und Ausgabe der Waffen verantwortlich waren. Weil er darüber hinaus ausgezeichnet mit der Armbrust umgehen konnte, war es für Gero keine Frage, ihn in den Einsatz mit einzubeziehen. Für Arnaud hatte das zur Folge, dass ihm ein nicht geringer Anteil an Verantwortung für die Vorbereitungen zufiel. Mit der Geschmeidigkeit einer Katze umrundete er die auf seinem Weg liegenden Betten der übrigen Brüder und begab sich lautlos nach draußen.

Die anderen Teilnehmer der Mission, von denen einige schon im Bett gelegen hatten, zogen sich in Windeseile ihren Ordenshabit über und schlüpften in ihre weichen, schmucklosen Lederschuhe, die sie innerhalb der Komturei trugen.

Gero wartete, bis der letzte bereit war. Keiner der anderen schien einen Einwand oder eine Frage zu haben.

Bis auf einen.

Guy de Gislingham erhob sich von seinem Lager und bedachte Gero mit einem abschätzenden Blick.

»Ihr werdet Gründe haben, Bruder Gero, warum Ihr auf meine Gefolgschaft bei dem morgigen Ereignis verzichten wollt«, erklärte er gereizt. »Aber seid gewiss, dieser Umstand wird Euch nicht zum Vorteil gereichen, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Ihr dürft getrost damit rechnen, dass ich Eure Abwesenheit zu nutzen weiß.« Guys Miene verriet tiefste Verachtung.

Die meisten Brüder schauten gebannt auf, in gespannter Erwartung, was Gero auf diese Unverschämtheit zu erwidern gedachte. Doch Gero hatte beschlossen, den ungeliebten Engländer nicht mit weiterer Aufmerksamkeit zu adeln. Angesichts der Katastrophe, die den gesamten Orden heimzusuchen drohte, war das unflätige Benehmen eines einzelnen Ritterbruders so unbedeutsam wie ein einzelner Wassertropfen in einer herannahenden Sintflut.

Gero wandte sich an Johan van Elk, der neben ihm stand und genauso verdutzt dreinblickte wie der Rest der Mannschaft. Dann gab er das Zeichen zum Aufbruch.

Bruder Guy blieb mit zorniger Miene zurück. Die ausgesuchten Männer folgten Gero indes, und gemeinsam ging man schweigend über den Hof in Richtung Hauptgebäude.

Auf dem freien Platz vor dem Scriptorium herrschte ein stetiges, wenn auch unauffälliges Treiben. Im spärlichen Lichtschein der Fackeln trugen Knechte und Ordensbrüder Kisten und Säcke aus dem für gewöhnlich um diese Zeit vergitterten und ständig bewachten Magazin heraus und luden sie auf einen in unmittelbarer Nähe aufgestellten Planwagen. Fast geräuschlos versahen die Männer ihren Dienst.

Johan gesellte sich zu der kleinen Truppe um Gero und räusperte sich verhalten. Als sein deutscher Bruder ihn ansah, konnte er seine Frage nicht zurückhalten.

»Kannst du mir sagen, was hier vor sich geht?«

»Später. Die Sache ist ziemlich heikel«, flüsterte Gero und setzte eine verschwörerische Miene auf. »Ich werde versuchen, Euch soviel wie möglich an Wissen zukommen zu lassen, aber hab’ Verständnis dafür, dass ich nicht alles preisgeben kann.«

Johan nickte wissend und verzichtete auf weitere Fragen. Er konnte sich denken, was in Gero vorging, war er doch selbst oft genug als Kommandoführer in Verlegenheit geraten, seine Mitstreiter nur unvollständig in die Gründe für einen Einsatz einweihen zu dürfen.

Struan, der hinter Johan her ging, beteiligte sich nicht an dem Gespräch.

Er war viel zu beschäftigt mit dem Gedanken, was Gero damit gemeint haben könnte, der Orden werde angegriffen, und was diese Offenbahrung für einen Einfluss auf sein eigenes weiteres Schicksal haben mochte.

Rasch wurden ein paar Kienspäne im Scriptorium entzündet, und die Männer nahmen Aufstellung zwischen den eng stehenden Pulten. In wenigen Zügen erläuterte Gero den Abmarsch in den Wald des Orients, ohne jedoch auf weitere Hintergründe einzugehen.

»Francesco, es ist deine Aufgabe, die Knappen zu unterrichten«, fuhr Gero mit gespielter Gelassenheit fort, »damit sie die Pferde rechtzeitig aufzäumen. Der Komtur wünscht, dass die Schlachtrösser gesattelt werden. Zudem wird uns sein Neffe begleiten. Matthäus soll sich um die Packpferde kümmern.«

Der Spanier, der als Bannerträger für den Einsatz und die Fortbildung der Knappen verantwortlich war, hob fragend eine Augenbraue. Ihm war es bereits seltsam erschienen, dass d’Our ihn ohne weitere Erklärung zu sich gerufen und ihm den Befehl erteilt hatte, die Knappen in Begleitung der Sergeanten für den morgigen Abend und die darauf folgende Nacht nach Clairvaux zu entsenden. Warum mit Matthäus ausgerechnet einer der jüngsten Knappen und dazu noch der Neffe d’Ours den Einsatzzug der Ritter begleiten würde, war ihm ebenso unverständlich. Es kam ihm jedoch nicht in den Sinn, die Entscheidung seines Vorgesetzten offen zu hinterfragen.

»Abmarsch ist nach der Non. Unser Komtur wünscht, dass ein jeder seine Herkunftsnachweise mit sich führt, sobald er die Komturei verlässt«, erklärte Gero.

Die Männer diskutierten verhalten, als sie auf den menschenleeren Hof hinaus traten. Es hatte leicht zu nieseln begonnen, und die meisten Feuer waren verloschen.

Im Grunde genommen war Gero froh, dass niemand sein Gesicht sehen konnte. Viel länger hätte er es nicht ausgehalten, sich zu verstellen. Er verfluchte sein Schweigegelübde – überhaupt ergriff ihn eine elende Sinnlosigkeit, die gefährlicher war als jeder Kampf, den er bis heute zu bestehen gehabt hatte. Die Vorstellung, dass der Orden von König Philipps Machtgier überrollt werden würde, fuhr ihm wie ein Dolchstich in den Magen, so intensiv, dass ihm ein unbeabsichtigtes Keuchen entwich.

Johan war sogleich an seiner Seite. »Geht es dir nicht gut?« Die Stimme des flandrischen Bruders war voller Sorge. Sie waren mitten auf dem dunklen Hof stehen geblieben.

Bis auf Struan, der nun auch stehen blieb und sich besorgt umschaute, waren alle anderen bereits im Schlafsaal verschwunden.

»Es ist nichts«, murmelte Gero schwer atmend und hielt sich leicht gekrümmt den Bauch. »Hab nur heute noch nichts Vernünftiges gegessen.«

»Das kannst du Gisli erzählen, aber nicht mir«, erwiderte Johan unnachgiebig. »Ich habe versprochen, dich nicht zu bedrängen, aber ich mache mir inzwischen ernsthafte Sorgen. Dass hier etwas faul ist, sieht selbst einer, der von den Sarazenen in aller Gründlichkeit geblendet wurde.«

Gero versuchte sich mühsam aufzurichten. Struan wollte ihm dabei helfen. Doch Gero entzog ihm ungeduldig den Arm. Den Blick nach vorn gerichtet, ging er in sichtlich steifer Haltung voran.

Johan warf Struan einen fragenden Blick zu, aber der Schotte hüllte sich in eisernes Schweigen.

Kurz vor dem Eingang zu den Mannschaftsräumen wandte sich Gero plötzlich um. Er streifte Struan mit einem gequälten Blick und nickte dann zu Johan hin.

»Ich werde ihn einweihen, Struan. Sag den anderen, wir kommen gleich nach.«

»Wie du meinst«, erwiderte der Schotte leise und setzte seinen Weg fort, wie ein geprügelter Hund, der sich nur noch danach sehnt, ausgestreckt auf seinem Lager zu liegen und die Augen zu schließen.

Flüsternd setzte Gero seinen deutschen Landsmann über den eigentlichen Hintergrund des Auftrags in Kenntnis.

Johans Augen weiteten sich vor Verblüffung, dabei stieß er einen leisen Pfiff aus. »Bei allen Heiligen, wer hätte so etwas gedacht? Und jetzt?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Gero seufzend. »D’Our scheint selbst nicht zu wissen, wie er die Lage einschätzen soll. Niemand weiß offenbar, was da auf uns zu rollt.«

»Aber irgendetwas muss an der Sache dran sein. Würde man sonst den gesamtem Inhalt unseres Tresors in den Wald des Orients verlagern?«

»Nein, selbstverständlich nicht,« erklärte Gero im Brustton der Überzeugung. »Angeblich kommt der Befehl von ganz oben.«

»Fragt sich nur, wer oder was oben ist«, bemerkte Johan und drückte damit seine Verwunderung aus, dass der Großmeister Jacques de Molay als oberster Dienstherr des Templerordens anscheinend nicht mehr in der Lage war, klare Befehle zu erteilen.

»Wie auch immer«, sagte Gero resigniert. »Wir können nur hoffen. Und beten. Alles andere ist müßig.«

Gemeinsam erhoben sie sich und gingen in den Mannschaftsraum, wo sich die übrigen Brüder bereits unter lautem Gemurmel auf die Nachtruhe vorbereiteten.

Auf seinem Bett sitzend entledigte sich Gero seiner Schuhe und seines weißen Habits. Eine Ordensregel schrieb den Männern vor, dass sie in Unterwäsche und bei gedämpftem Licht zu schlafen hatten, damit sie im Falle eines Angriffs unverzüglich einsatzbereit waren.

Bevor er seine schmerzenden Glieder auf der weichen Matratze ausstreckte, schlug er die doppelten, graubraunen Decken aus gewalkter Wolle zur Seite.

Dann drückte er sich das kleine, mit Daunen gefüllte Keilkissen zurecht, das jedem Bruder zustand, und als er sich die Decken überwarf, hatte er das Gefühl, als ob er sich unter einen Schutzschild begab.

Einen Moment später hatte er noch einmal das Bedürfnis, sich aufzurichten und sich die Gesichter der Anwesenden einzuprägen.

»Hey, Gero, du machst ja eine Miene wie Jesus am Kreuz.« Gianfranco da Silva, ein dunkel gelockter hagerer Sergeant aus der Lombardei, stieß ihn von der Seite an und schnitt aufmunternde Grimassen. »Ist dir ein Floh ins Bett gesprungen?«

»Lass mich, ich bin müde, und wir haben morgen einen schweren Tag vor uns«, entgegnete Gero mürrisch.

»Hey, Breydenbach, ich hab da was, das dich aufmuntern wird«, flüsterte Gianfranco und stieß ihn derb an. Mit einem Grinsen hielt ihm der Lombarde ein kleines, aufgefaltetes Pergament unter die Nase. Die überaus präzise Federzeichnung stellte eine nackte Frau und einen nackten Mann in einer merkwürdig verschlungen Haltung dar. Beide hatten ihre Köpfe jeweils zwischen die Schenkel des anderen gesteckt und befriedigten sich offenbar gegenseitig mit dem Mund.

»Mensch, Gian, pack diesen Schund wieder ein! Hast du das nötig? Ich denk, du bist verheiratet?«, knurrte Gero und wandte sich ab. Er rollte sich auf die Seite und zog sich die Decken bis an die Nasenspitze. Nur so ließ sich vermeiden, dass Gianfranco weitere, verräterische Spuren von Trauer und Angst in seinem Gesicht erkennen konnte.

»Oh, tut mir leid, dass ich Euch unerlaubt angesprochen habe, Sire«, spöttelte der Lombarde und schüttelte verständnislos den Kopf.

Gero schloss die Augen und registrierte erleichtert, wie die Geräusche um ihn herum allmählich gedämpfter wurden, bis schließlich nur noch hier und da ein Murmeln oder ein Flüstern zu vernehmen war.

Irgendwann musste er dann doch in einen unruhigen Schlaf gefallen sein, der von einem merkwürdigen Alptraum begleitet wurde. Verfolgt von blutrünstigem Gesindel, rannte er um sein Leben. Er hatte Matthäus an der Hand und lief mit ihm quer über eine Lichtung, um ihn in Sicherheit zu bringen. Unvermittelt wurden sie von einem merkwürdigen grünblauen Licht umfangen, das ihn und den Jungen ins Dunkel riss. Dann erschien ihm eine Frau, schön wie die Jungfrau Maria selbst. Das kastanienfarbene, lange Haar und die feinen Gesichtszüge ähnelten in verblüffender Weise seiner geliebten Elisabeth. Sie war tot, dass wusste er, und doch lächelte sie ihn an. So musste es wohl sein, wenn man starb, waren seine letzten Gedanken.

Schweißgebadet kam Gero zu sich. Ein ruppiger Stoß hatte ihn in die Wirklichkeit zurückgeholt.

»Aufstehen«, raunte Johan van Elk ihm freundschaftlich mahnend zu. »Die Nacht ist vorüber.«

3

Donnerstag, 12. Oktober 1307, nachmittags – Wald des Orient

Zur Non – der neunten Stunde des Tages – versammelten sich die Ritterbrüder von Bar-sur-Aube zu einer Andacht in der kleinen Kapelle. Vollständig anwesend, was höchst selten vorkam, verneigten sie ihre Häupter zu einer letzten Ehrerbietung vor der Mutter Gottes Maria, als der Kaplan das Abschlussgebet sprach und sie anschließend wie üblich ohne Schlusssegen in die gleißende Nachmittagssonne entließ. Schweigend überquerten die Brüder den Innenhof. Ein frischer Wind trieb bauschige Regenwolken vor sich her, die die umliegenden Gebäude mit einem unsteten Spiel von Licht und Schatten belegten.

Gesattelt und bepackt standen die Pferde vor den Stallungen. Bei den meisten der Tiere handelte es sich um beeindruckend muskulöse Hengste. Englisches Great-Horse, Jütländer, Percheron und Flamländer, allesamt aus den eigenen Zuchtställen des Ordens.

Den Wagen mit der wertvollen Ladung, die, verborgen unter einer dicken Schicht Kornsäcke, ihren Weg in eines der geheimsten Depots des Abendlandes finden sollte, hatte man bereits vor dem Tor aufgestellt. Der Kutscher, ein vertrauenswürdiger, älterer Mann, der schon jahrzehntelang für den Orden arbeitete, saß, eine warme Decke um die Schultern gelegt, auf seinem Kutschbock und aß, während er wartete, ein Stück trockenes Brot.

Zurück an seinem Lager machte sich Gero an seiner Kleidertruhe zu schaffen, die er sich zusammen mit Johan van Elk teilte. Der Reihe nach förderte er die vorgeschriebene Einsatzkleidung zutage – ein wattiertes Unterwams, ein fast knielanges Kettenhemd mit Haube, den hellen Wappenrock mit dem roten Kreuz auf der Brust und eine lederne Reithose. Während er in ein neues Paar Filzsocken schlüpfte und sich die groben Reitstiefel überzog, dachte er darüber nach, dass er seinen Brustbeutel mit den Herkunftsnachweisen und dem Wappenbuch nicht vergessen durfte.

Jo saß halbangezogen auf dem gegenüberstehenden Bett und beobachtete, wie Gero seinen Teil der Kiste durchsuchte.

»Was fehlt dir denn?«, fragte er, während er sich gähnend den Nacken kratzte.

»Mein Stammbuch und die Abschrift meiner Aufnahmeurkunde … du weißt doch, was d’Our gesagt hat.«

»Hätte ich fast vergessen«, murmelte Johan und erhob sich mühsam von seiner Matratze. Abwartend beobachtete er das Treiben seines Kameraden. Die Lücke zwischen ihren beiden Betten erlaubte es nicht, dass zwei breitschulterige Männer gleichzeitig die Truhe durchsuchten.

Gero legte ein weiteres Hemd zur Seite, hielt inne und kramte außer seinem Brustbeutel eine abgewetzte Ledertasche hervor.

Es gab noch etwas, das er vor dem Zugriff vermeintlicher Eindringlinge zu retten gedachte, falls sich d’Ours Prophezeiungen bewahrheiten sollten. Seinen ganz privaten Schatz. Neben seinem Schwert, einem seltenen Anderthalbhänder, den er ohnehin stets bei sich trug, besaß er einen Siegelring, den sein Vater ihm zum siebzehnten Geburtstag übergeben hatte. Das Schmuckstück, das er im Ordensalltag nicht anlegen durfte, trug wie die Runde des Schwertes das Wappen derer von Breydenbach. Wolfsangeln über einem blauen Fluss, aus dessen Fluten zwei Fische neugierig den Kopf herausstreckten. In Silber graviert, war es durchaus dafür vorgesehen, Briefe und Dokumente im Namen der Breydenbacher zu siegeln. Behutsam löste Gero eine lederne Schnur und entnahm neben seinem Stammbuch, welches seine adlige Herkunft belegte, und einer vergilbten, zusammengefalteten Pergamenturkunde, die seine Aufnahme in den Orden bescheinigte, ein weiteres, in Leinen eingewickeltes Schriftstück.

Sorgsam entrollte er das empfindliche Blatt aus geschöpftem Papier, das zusätzlich mit einem roten Seidenbändchen verschnürt gewesen war. Zwischen zartgrünen Ranken und glutroten Rosen kam ein Gedicht zum Vorschein, das seine verstorbene Frau einst in einer kindlich anmutenden, aber dennoch schwungvollen Handschrift verfasst hatte.

Gero lächelte wehmütig, als er die Zeilen überflog.

Für Gero, meine Sonne, meinen Mond, meinen Abendstern

Mein Herz hat Flügel,

siehst du ein Vöglein am Himmel,

sollst Du wissen, es fliegt zu Dir,

meine Liebe ist ein Windhauch,

wenn ein Säuseln durch Dein Haar streicht,

sollst Du wissen, sie ist bei Dir,

meine Sehnsucht ist ein Regen,

wenn die Tropfen auf Dein Gesicht hernieder fallen,

sollst Du wissen, es sind die Tränen meiner Sehnsucht nach Dir.

In ewiger Liebe Elisabeth.

Jo reckte voller Neugier seinen Kopf. »Was ist das?«

»Nichts«, erwiderte Gero eine Spur zu hart und beeilte sich, das Schriftstück zusammen mit der Urkunde und dem Stammbuch in seinem Brustbeutel verschwinden zu lassen. Dann legte er sich die Lederschnur um den Hals, an dem der Beutel befestigt war, und verstaute ihn unter seinem Unterwams.

Als er gestiefelt und gespornt in den Hof trat, wurde er schon von weitem durch ein leises Wiehern begrüßt. Atlas, ein grauweißer Percheron, der seinen Namen zu Recht trug, weil sein Fell wie Seide schimmerte und sein Rücken so breit und so hoch war, wie die Schultern des gleichnamigen Riesen, bedeutete Gero mehr, als er sich einzugestehen vermochte. Er tätschelte dem massigen Kaltblüter den Widerrist und bot ihm einen Apfel an, den das Tier schnuppernd mit seinen samtigen Lippen entgegen nahm.

Unvermittelt tauchte ein blonder Lockenschopf unterhalb des riesigen Pferdekopfes auf. Es war Matthäus, Geros Knappe, der ihn voller Vorfreude angrinste.

»Ich darf mit Euch reiten! Als Einziger…!«, verkündete er aufgeregt, und das helle Glucksen in seiner Stimme verriet nicht nur den beginnenden Stimmbruch, sondern auch seine haltlose Begeisterung.

Für gewöhnlich begleitete Matthäus seinen Herrn nicht zu Einsätzen, bei denen es zu Kampfhandlungen kommen konnte. Dafür war er noch zu jung. Obwohl er schon Unterweisung im Schwertkampf und im Reiten erhielt, durfte er erst mit vierzehn Jahren in den Waffendienst eintreten.

»Die anderen sind alle zur Abtei von Clairvaux aufgebrochen«, verkündete der Junge wie selbstverständlich. »Sie nehmen dort an einer Klausur teil.« Unmerklich rümpfte er seine mit Sommersprossen übersäte Stupsnase. »Einen Tag und eine Nacht ununterbrochen im Gebet, da bin ich froh, dass ich Euch begleiten darf.«

Gero kostete es einige Mühe, zu lächeln. Dass die Freude, die Matthäus empfand, sich kaum im Gesicht seines Herrn widerspiegelte, bemerkte der Junge nicht.

Wie um sich selbst aufzumuntern, fuhr Gero seinem jungen Gefährten durch die blonden Locken. »Und Mattes? Hat man dich schon mit deiner Aufgabe vertraut gemacht?«

»Ja«, antwortete Matthäus feierlich. »Ich bin für die Packpferde verantwortlich. Sie stehen abmarschbereit im Hof. Ihr müsst nur noch den Befehl zum Aufbruch geben.« Stolz blickte er zu Gero auf, in dem Bewusstsein, dass ausgerechnet sein Ritter der Kommandoführer dieses Unternehmens war.

Gero konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Dann nahm er Haltung an. »Begebt Euch zu Euren Pferden, Knappe. In wenigen Augenblicken erfolgt die Anordnung zum Aufsitzen!«

»Zu Befehl, Herr«, erwiderte Matthäus mit ernster Miene.

Für den Transport hatte der Komtur die Weisung erteilt neben der üblichen Bewaffnung – Schwerter und Messer trugen die Männer immer bei sich, sobald sie die Komturei verließen – Streitäxte, Armbrüste und Morgensterne mitzuführen.

Im Waffenmagazin übernahm Gero eine Armbrust mit vierzig Bolzen, die in einer kleinen Kiste verstaut waren. Der mit Wachs versiegelte Schieber garantierte Vollständigkeit und Unversehrtheit der todbringenden Pfeile. Schließlich musste über jeden Abschuss Buch geführt werden.

Als er auf den Hof zurückkehrte, eilte ihm d’Our entgegen und wedelte mit einer gesiegelten Pergamentrolle, einem kleinen, in Leder eingebundenen Büchlein und einigen, gesiegelten Briefen.

»Das Schreiben für den Kommandanten von Thors …«, verkündete er außer Atem. »Dazu der Herkunftsnachweis von Matthäus und ein weiteres Schreiben für seine Aufnahme in Hemmenrode, falls es dazu kommen sollte.« Als Gero sich umdrehte, sah ihn der Alte, wie d’Our hinter seinem Rücken von den übrigen Brüdern genannt wurde, mit ernsten Augen an. »Was auch immer geschieht, Bruder Gerard … versprecht mir, dass Ihr besonnen handeln werdet.«

Gero setzte eine undurchsichtige Miene auf, doch sein Blick war klar und unschuldig wie immer. Erst jetzt übergab ihm d’Our die mitgeführten Dokumente und dazu einen gut gefüllten Hirschlederbeutel voll klingender Münzen. Kommentarlos ließ Gero beides in seinen Satteltaschen verschwinden. Ohne ein weiteres Wort wandte sich der Komtur anschließend Matthäus zu, der nicht weit entfernt seiner kleinen Stute die Sattelgurte nachzog. In einer steifen Art und Weise hielt er seinem Neffen die rechte Hand hin, auf dass der Junge sich ehrerbietig vor ihm verbeugen und den dargebotenen, unübersehbaren Siegelring des Ordens küssen musste.

Gero glaubte dem Zucken in d’Ours wächserner Miene entnehmen zu können, wie er verzweifelt darum rang, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Bedrückt wandte er sich ab und überprüfte mit einem raschen Blick die Anwesenheit seiner Männer. Die Ritterbrüder standen vollzählig bei ihren Pferden. Waffen und Schilder waren am Sattelzeug befestigt. Ebenso wie Verbandszeug und Proviant. Gero wartete noch einen Augenblick, bis auch der Letzte seinen Platz eingenommen hatte, dann schwang er sich in den Sattel und rief: »Aufsitzen … Brüder und … Abmarsch!«

Zügig umrundeten sie die benachbarte Stadt in südöstlicher Richtung. Entlang dem kleinen Fluss Aube begaben sie sich auf die Hauptstraße nach Troyes. Nach einer halben Meile führte sie ihr Weg geradeaus nach Bossancourt, und nur zwei Stunden später erreichten sie die Niederlassung von Beaulieu.

Die Komturei war ein mächtiges, steinernes Gebäude, dessen kompakte Mauern und hohe Rundtürme an eine Burg erinnerten. Das Tor zum Innenhof war bereits geöffnet, und die Wachmannschaften ließen sie ohne Einwände passieren.

Der Kommandant von Thors, Bruder Theobald, stand, eingehüllt in goldenes Nachmittagslicht, mitten auf dem Hof und koordinierte mit der Seelenruhe eines Mannes, der mit seiner Welt in Einklang lebt, die Aufstellung der bereits anwesenden Delegationen. Seine Gestalt war schlank und hoch gewachsen und deutete eine mit den Jahren erworbene Zähigkeit an, die an den sehnigen Unterarmen und den von Entbehrungen gezeichneten Gesichtszügen erkennbar war. Ganz im Gegensatz dazu standen die gütigen braunen Augen, in deren Winkeln der Schalk wohnte und deren Klarheit ihren Besitzer als tiefgründigen Menschen mit hohen moralischen Werten kennzeichneten. Sein dunkles Haupthaar war so kurz, dass die Haut darunter fast wie bei einer Glatze schimmerte, dazu trug er einen lockigen Vollbart, durchwebt mit silbernen Fäden, der eine Fingerkuppe breit über das Kinn hinausreichte. Gero kannte den Mann recht gut und wusste aus Erzählungen älterer Brüder, dass es sich bei ihm um einen besonnenen Ordensritter handelte, dessen taktisches Kampfgeschick etlichen Kameraden das Leben gerettet hatte.

»Bruder Gero!« Theobald empfing ihn mit einem warmen Lächeln und reichte ihm zur Begrüßung die Hand. Gero schlug ein und lächelte ebenso freundlich zurück.

»Ich freue mich, Euch zu sehen«, sagte er ehrlich.

Kurz darauf erklang vom Hof der Ruf eines Horns: das Zeichen, dass nun alle Truppen der einzelnen Komtureien eingetroffen und der Treck zur Weiterreise aufbrechen konnte.

Während Gero darauf wartete, dass seine Männer vollzählig beisammen standen, trat Bruder Theobald an ihn heran, um ihn mit den letzten Anweisungen vertraut zu machen.

Gero hörte ihm aufmerksam zu. Danach ließ er seinen Blick über den Hof schweifen. An die fünfzig Templer in weißen Mänteln mit rotem Kreuz auf Brust und Schulter bevölkerten das eingefriedete Areal. Viele der Anwesenden gehörten zur Elite der kämpfenden Truppe. Auserwählt in zahlreichen Wettkämpfen, die regelmäßig unter den Komtureien und Ordensburgen ausgetragen wurden, setzte man sie bevorzugt bei Aufgaben ein, die über das normale Maß hinaus gefährlich oder besonders vertrauensbedürftig waren. Auch Gero und seine anwesenden Kameraden gehörten zu dieser Elite.

Im vergangenen Frühjahr durften sie mit einigen Brüdern anderer Komtureien den Papst und sein Gefolge auf einer Reise vom provenzalischen Carpentras aus nach Poitiers eskortieren, um im Angriffsfall das Leben des heiligen Vaters zu sichern. Dort war ein Treffen mit dem König geplant gewesen, zu dem man im Anschluss auch den Großmeister des Templerordens geladen hatte. Nun sollte ihnen diese Loyalität damit vergolten werden, dass der Vertreter Gottes auf Erden sie schändlich im Stich ließ, dachte Gero resigniert. Schon damals waren ihm Bedenken gekommen, ob mit Bertrand de Goth, wie Papst Clemens V. eigentlich hieß, der richtige Mann an der richtigen Stelle saß.

Eines Morgens hatte man ihn zu seiner Überraschung von der Seite des Papstes abberufen. Der Kommandeur des Trecks, ein erfahrener Ritterbruder der Ordensburg in Troyes, überantwortete ihm stattdessen ohne weitere Erklärung den Schutz eines prunkvoll geschmückten Begleitwagens am hinteren Ende des Zuges. Dessen Bewohnerin, Brunissende de Foix, zählte zum ständigen Gefolge des Heiligen Vaters. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern, dass die gute Beziehung der Grafentochter aus dem provenzalischen Süden zum Oberhaupt der Christenheit nicht nur geistiger Natur entsprang. Um zu wissen, wo ihre wahren Qualitäten zu finden waren, brauchte man sie nur anzuschauen. Nachtschwarzes Haar, Augen so dunkel und so verlockend wie die Sünde und Lippen so rot und so feucht wie der Saft eines aufgeplatzten Granatapfels. Den ganzen Tag war Gero ihrem prachtvollen Wagen gefolgt, und immer wieder hatte Brunissende ihren Kopf durch die pompösen Vorhänge gesteckt und ihm zugelächelt.

Eine Meile vor der nächsten Komturei, in der sie übernachten wollten, kam der Zug ins Stocken, weil eine größere Menschenmenge dem Papst huldigen wollte und sich nicht davon abbringen ließ, die Kinder und das Vieh von ihm segnen zu lassen.

Gero ritt ein Stück am Wagen der Grafentochter vorbei, um aus der Entfernung die Lage zu sondieren. Auf Höhe des Kutschbockes stellte er sich in die Steigbügel und spähte über die Kolonne hinweg, ohne jedoch etwas erkennen zu können. Mit einem Seufzer ließ er sich in seinen Sattel fallen und wendete seinen Hengst.

»Was ist mit Euch los, Bruder?«, fragte eine butterweiche Stimme direkt neben ihm.

Im ersten Augenblick hatte er sich beinahe erschrocken, weil er geglaubt hatte, Brunissende habe es aufgegeben, ihn zu bedrängen. Jedoch ihr makelloses Gesicht suchte sich aufs Neue unbeirrt einen Weg durch den dunkelblauen Brokat, der ihre Schönheit wie ein kostbares Gemälde umrahmte.

»Warum seid Ihr so abweisend? Gefalle ich Euch etwa nicht?«, säuselte sie.

Obwohl Gero sich innerlich sträubte, sah er sich nun gezwungen, sie anzusehen. Er senkte sein Haupt und versuchte, ihrem katzenhaften Blick standzuhalten.

»Madame, ich will nicht unhöflich sein«, erwiderte er so ruhig wie nur möglich. »Es dürfte Euch nicht entgangen sein, dass ich ein Ordensritter bin. Mir ist weder der Anblick noch die Unterhaltung mit einer mir nicht verwandten Frau gestattet.«

»Das ist aber schade«, erwiderte sie scheinheilig. »Ihr habt ja keine Ahnung, was Ihr alles versäumt.«

Ihr verführerisches Lächeln versetzte ihn in Unruhe. Er war ein unerschrockener Krieger, und er kannte so manche Strategie gegen blitzschnelle Attacken, aber dem Überraschungsangriff dieser Dame vermochte er nichts entgegen zu setzen.

Er hatte bereits einen Fehler begangen, indem er nicht sofort den Rückzug angetreten, sondern einen Moment zu lange in ihrem tiefen Blick gebadet hatte.

Mit einem Mal öffnete sich der Vorhang und vergönnte ihm trotz der kühlen Witterung einen Ausblick auf ihre entblößten Brüste, die rund und fest mit aufragenden rosigen Knospen versehen, über ihren schmalen Rippen saßen.

Ihr gazellenhafter, elfenbeinfarbener Körper war nur mit einem durchsichtigen Gespinst aus Seide umhüllt. Aus Erzählungen wusste Gero, dass die Huren in den verbotenen Badehäusern bevorzugt solche Gewänder trugen. Und so konnte es ihm nicht entgehen, wie sie in einer lasziven Bewegung mit ihrer zierlichen Hand an ihrer bloßen, haarlosen Scham spielte, indem sie ihren Mittelfinger in die gut sichtbare Spalte legte und sich mit verzücktem Blick daran zu schaffen machte.

Den Zeigefinger der anderen Hand steckte sie sich gleichzeitig in den Mund und lutschte aufreizend daran, als ob es sich um eine Süßigkeit handelte.

Ohne es zu wollen, hielt Gero für einen Augenblick den Atem an und schluckte verlegen.

»Es gehört alles Euch«, flüsterte sie mit einem einladenden Blick. Ihre Hände wanderten zu ihren Brüsten, und mit spitzen Fingern streichelte sie über die Knospen, die sich vorwitzig unter dem durchscheinenden Stoff abzeichneten. »Heute Nacht noch könnt Ihr Eure bescheidene Pritsche mit den weichen Kissen in meinem Wagen tauschen und Euch mit mir den Wonnen der fleischlichen Lust hingeben. Zögert nicht! Es ist eine Einladung ins Paradies.«

Voller Entrüstung wollte er sich abwenden, aber er war kein unbedarfter Junge mehr, der vor den Reizen einer erfahrenen Frau ängstlich Reißaus nahm. Und so wandte er nur für einen Moment seinen Blick ab und atmete tief durch, bevor er aufs Neue in ihr forderndes Antlitz schaute.

»Wenn Ihr der Meinung seid, Madame, mich in Versuchung führen zu können, so muss ich Euch leider enttäuschen«, antwortete er mit gespielter Gelassenheit.

Ihre eben noch erwartungsfrohe Miene verfinsterte sich. Mit einem Ruck zog sie den Vorhang vor ihre Blöße und lächelte ihn spöttisch an.

»Also doch«, fauchte sie, während sich ihr Mund zu einer bittersüßen Anklage verzog. »Ich hätte nicht vermutet, dass es stimmt, was man allenthalben über die Templer zu hören bekommt. Selbst ein gestandener Kerl, wie Ihr es seid, zieht es offenbar vor, seinen Sporn lieber in den Hintern eines Kameraden zu stecken, als sich der Vorzüge einer schönen Frau zu bedienen. Wer hätte das gedacht?«

Mit versteinertem Blick wandte Gero sich ab und lenkte sein Pferd hinter den Wagen. Scheinbar ungerührt inspizierte er die Umgebung.

Seine Hände zitterten immer noch, als die Kolonne sich mit dem lauten Ruf der Fanfaren wieder in Bewegung setzte. Brunissende hatte sich unterdessen in ihr samtblaues Reich zurückgezogen, wie eine Spinne, die sich an den äußeren Fäden ihres Netzes zurückzog, um auf Beute zu lauern.

In seiner Phantasie hatte Gero sie in den vergangenen Augenblicken ein dutzend Mal erwürgt und ebenso oft gevierteilt. Abgesehen davon, dass es ihm ganz und gar nicht in den Sinn gekommen wäre, die Hure des Papstes zu besteigen, hätte das persönliche Risiko, das er dabei eingegangen wäre, in keinem Verhältnis zu dem zweifelhaften Vergnügen gestanden. Wenn man sie entdeckt oder das dumme Weib gar behauptet hätte, er habe sie mit Gewalt genommen, wäre er unweigerlich in den Kerker gewandert, entehrt und vom Tode bedroht. Zudem hatte sie etwas verlauten lassen, das ihm in der darauf folgenden Nacht weit mehr den Schlaf raubte, als ihre betörende Gestalt es je vermocht hätte.

Sie hatte das ausgesprochen, was alle Brüder im Orden beunruhigte. Schon seit Monaten kursierten Gerüchte, der Papst habe Informationen erhalten, dass es im Orden an Moral und Sitte fehlen würde. Unter der Hand hieß es, der Großmeister sei eben zu jenem Thema nach Poitiers einbestellt worden. Dieses Weib gehörte zu den engsten Vertrauten des Heiligen Vaters, und dass sie etwas mehr über den Grund der Zusammenkunft der obersten Würdenträger des Landes wusste, hatte sie Gero durch ihre unbedachten Worte verraten.

Am Tag darauf wurde er ohne Kommentar seines Obersten gegen einen jungen, italienischen Bruder ausgetauscht, auf dass Brunissende ein neues und diesmal unerfahrenes Opfer mit ihrem schändlichen Spiel locken konnte.

Der ewig kränkelnde Papst, dem Gero für den Rest der Reise wieder unmittelbar zur Seite stand, schien von all dem nichts mitzubekommen. Er benahm sich wie ein ungeduldiges Kind, wenn seine Anweisungen und Wünsche nicht augenblicklich befolgt wurden.

Nachdenklich beobachtete Gero das Treiben auf dem Innenhof der Komturei von Beaulieu. Damals, auf dem Weg nach Poitiers, hatte ihn bereits eine Ahnung beschlichen, dass auf einen solchen Papst kein Verlass sein konnte. Clemens V., dessen Name soviel bedeutete wie »der Milde« oder »der Gnädige«, und der für sich selbst beanspruchte, Vertreter des Allmächtigen zu sein, riskierte ohne mit der Wimper zu zucken das Leben all dieser tapferen und unbescholtenen Ordensmänner. Dabei war er kein Heiliger, sondern ein habgieriger Feigling, der für den Erhalt seines armseligen Luxuslebens selbst seine treuesten Gefolgsleute an den König verriet.

»Bruder …?« Gero bedachte Theobald mit einem scheuen, fragenden Blick.

»Ja?«

»Nichts. Vergesst es!« Er war zu der Überzeugung gelangt, dass es töricht war, die Frage zu stellen, wie Theobald die Situation des Ordens und das mögliche Vorgehen Philipps IV. beurteilte.

Theobald sah ihm fest in die Augen und drückte kurz Geros Unterarm. Dann lächelte er ihn tapfer an.

»Ich habe genauso viel Angst wie Ihr«, sagte er leise. »Es geht jedem so, der den näheren Hintergrund unserer Mission kennt. Und die anderen Brüder, die es noch nicht wissen, ahnen bereits etwas. Es ist eine Katastrophe unglaublichen Ausmaßes. Nicht nur, weil der Fortbestand des Ordens in Frage gestellt ist, sondern weil die ganze Angelegenheit unseren Korpsgeist bis ins Mark erschüttert. Schon seit über einem Jahr sind wir in mehrere Lager gespalten. Die, die etwas wissen und nichts dagegen unternehmen, obwohl sie es könnten. Die, die etwas wissen und nichts dagegen unternehmen dürfen. Und die Ahnungslosen, die glauben etwas zu wissen, denen es aber weder erlaubt ist, dieses Wissen auszusprechen, noch zu fragen, ob sie mit ihrer Annahme richtig liegen. Konsequentes Totschweigen lautet die Parole, und das in einem Orden, der sich immer damit gebrüstet hat, dass er sich nicht nur für Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit eingesetzt hat, sondern auch immer bereit war, diese Attribute mit seinem eigenen Blut zu verteidigen.« Theobald schüttelte den Kopf. Seinen Mund umspielte ein schmerzliches Lächeln. »Glaubt mir, Bruder, Ihr seid nicht der einzige, dessen Herz sich anfühlt, als sei es von einer eisernen Faust umklammert.«

Theobald fuhr herum, als wenn nichts gewesen wäre, und die alte Souveränität beherrschte sein Mienenspiel. »Aufstellung nehmen!«, brüllte er über den Hof. Innerhalb kürzester Zeit bewegten sich, von Reitern begleitet, die ersten Wagen aus der Hofeinfahrt heraus.

Auf einem Hügel, eingerahmt von mannshohen Ginsterbüschen, die einen vorteilhaften Sichtschutz boten, gab Bruder Theobald das Zeichen zum Halt.

Von hier ab würden nur jeweils zwei Ritter je Komturei und zu Pferd den weiteren Zug in das sumpfige Waldgebiet begleiten, in dem es keine befestigten Pfade gab.

Unter der Mithilfe aller Beteiligten wurden Kisten und Säcke in Windeseile auf die Packgestelle der mitgeführten Pferde verladen.

Von nun an lag die Verantwortung für die gesamte Altersversorgung so manches, ehrenwerten Kaufmannes und für die Schätze der fünf Komtureien, worunter sich unerschwingliche, edelsteinbesetzte Messkelche und einzigartige, heilige Reliquien aus dem Outremer befanden, allein in den Händen der verbliebenen zwölf Männer, die unter der Führung von Theobald zum Depot zugelassen waren. Begleitet wurden sie von drei Handwerkern und zwei Baumeistern, die sich mit den unterirdischen Stollen des Verstecks und dessen Beschaffenheit auskannten.

Die restlichen Brüder schlugen vor Ort ein Lager auf, um auf die Rückkehr der anderen aus dem Wald zu warten. Bei der Gelegenheit verabschiedete sich Gero von Matthäus und ermahnte ihn, sich nicht vom Lager zu entfernen, bis sie wieder zurückgekehrt waren. Johan stand hinter Matthäus und legte seine Arme schützend um dessen Brust, dabei lächelte er. »Ich achte schon darauf, dass unserem kleinen Bruder nichts geschieht. Mach dir keine Sorgen!«

Gero beeilte sich Struan zu folgen, der bereits mit dem Trupp hinter der nächsten Biegung verschwunden war.

Am späten Abend, nachdem Bruder Theobald mit seinem Einsatztrupp zu den übrigen Kameraden zurückgekehrt war, sammelte er alle verbliebenen fünfzig Templer zu einem letzten Dankesgebet.

Ein großer, runder Mond erhob sich hinter knorrigem Geäst und tauchte die Umgebung in ein gespenstisches Licht. Schweigend stellten sich die Männer rund um ein knisterndes Feuer auf, das inmitten des Lagers entfacht worden war. Wie auf Kommando erhoben sie ihre schwielige Rechte zu einem Kreuzzeichen, das hier und da von einem leisen Klirren der Kettenhemden oder einem zurückhaltenden Räuspern begleitet wurde. Dann senkten sie die kurz geschorenen Köpfe zur Andacht. Ein rauer, kehliger Chor betete gemeinsam ein Vaterunser und ein Ave-Maria.

Seltsamerweise fand im Anschluss an die kleine Zeremonie kein persönlicher Abschied statt. Einzig Gero und Theobald reichten sich in alter Templertradition die Hand. Geros Griff war fest, und er suchte Theobalds klaren Blick, der im Schein der Pechfackel tief und unergründlich wirkte.

»Die Jungfrau Maria sei mit Euch, mein Freund«, flüsterte Theobald. »Denkt immer daran: Wir sehen uns wieder, und wenn es sein muss im Paradies.«

Gero schluckte schwer. Mehr als ein heiseres »Ja« brachte er nicht hervor. Die übrigen Männer nickten sich nur schweigend zu, bevor ein jeder auf seinem Pferd aufsaß und die verschiedenen Trupps in mehrere Richtungen davon ritten.

Getrieben von der bösen Ahnung, dass das Unglück bereits seinen Lauf genommen hatte, ordnete Gero an, die Strecke bis Dolancourt ohne Halt zu bewältigen.

An den still da liegenden Weilern angekommen, entschied Gero während einer kurzen Rast – entgegen der Verschwiegenheitsverpflichtung, die d’Our ihm abverlangt hatte – seine Kameraden über das drohende Unheil aufzuklären. Die Erläuterungen d’Ours und die Entscheidung, den Inhalt der Tresore so vieler Komtureien in ein sicheres Depot zu verlagern, deuteten darauf hin, dass ein Angriff Philipps IV. auf den Orden nicht nur möglich war, sondern unmittelbar bevorstand.

Betretenes Schweigen folgte auf die Ankündigung, dass möglicherweise noch in dieser Nacht mit einem Überfall der königlichen Soldaten auf alle Niederlassungen der Templer in Frankreich zu rechnen war.

»Kameraden«, erklärte Gero. »Ich kann mir das Ausmaß Eures Entsetzens lebhaft vorstellen, aber ihr müsst Euch entscheiden. Wenn die Komturei bei unserer Rückkehr von franzischen Soldaten besetzt sein sollte, ist es uns erlaubt, zu fliehen.«

»Pah!«, schnaubte Arnaud de Mirepaux und verzog wütend das Gesicht. »Als wenn ich es geahnt hätte!« Der temperamentvolle Franzose vergaß seine mühsam anerzogene Zurückhaltung. »Hält man uns für dumm? Warum haben d’Our und seine Führungsriege uns nicht rechtzeitig über das herannahende Übel aufgeklärt?«

Bevor Gero ansetzen konnte, etwas zur Verteidigung seines Komturs vorzubringen, ereiferte Arnaud sich weiter.

»Hat unser guter Komtur eine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, so kurzfristig einen sicheren Unterschlupf zu finden? Und wissen die anderen Brüder in den Komtureien ebenso Bescheid? Was geschieht, wenn der schöne Philipp es sich nochmal überlegt und die ganze Angelegenheit im Sande verläuft? Dann sind wir fahnenflüchtig und dürfen uns vor dem Kapitel in Troyes vor Jacques de Molay verantworten!«

»Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als nach Hause zu reiten.« Struan, der die ganze Zeit nachdenklich vor sich hin gestarrt hatte, sah Gero fragend an. »Wie sollten wir sonst erfahren, wie die Sache ausgeht?«

Ein zustimmendes Raunen ging durch die Gruppe. Nachdem Francesco das Banner eingezogen und längs gelegt hatte wie eine Turnierlanze, ging es in halsbrecherischem Galopp dahin. Die nächtliche Straße wurde vom hellen Mondlicht beleuchtet. Gero achtete darauf, dass Matthäus mit seiner kleinen Stute in ihrer Mitte blieb. Dem Jungen war seine Angst anzusehen. Fragen stellte er nicht, vielleicht weil es einer Erlaubnis bedurft hätte, vielleicht aber auch, weil er spürte, dass die Ritterbrüder ohnehin keine Antwort gewusst hätten.

Auf dem Hügel vor Bar-sur-Aube, von wo aus man bei Tag mühelos die Niederlassung der Templer erblicken konnte, bot sich den Kameraden ein erschreckendes Bild, das sie für einen Augenblick vergessen ließ, wie eilig sie es hatten. Der unvermittelte Anblick hoch auflodernder Flammen ließ sie in eine Art Erstarrung verfallen.

»Die Stadt brennt!«, rief Francesco de Salazar.

»Das ist nicht die Stadt, du Idiot«, zischte Arnaud de Mirepaux. »Das ist die Komturei!«

Gleichzeitig, ohne Absprache stürzten sie wie von Teufeln getrieben mit ihren schweißgebadeten Schlachtrössern in einem mörderischen Ritt den Hang hinunter. Als die Truppe mit den sechs Männern über die bebenden Holzplanken der alten Brücke stob, die über die Aube führte, achtete niemand mehr auf seinen Nebenmann. Gefolgt von Matthäus auf seiner zierlichen, braunen Stute, galoppierten sie, ohne Rücksicht auf umherlaufende Menschen und Tiere zu nehmen, in rasantem Tempo durch die engen Gassen der Stadt.

Die Bewohner von Bar-sur-Aube, fast vierhundert Erwachsene und noch einmal so viele Kinder, die in direkter Nachbarschaft zu der südöstlich gelegenen Komturei lebten, waren in hellem Aufruhr. Männer und Frauen strömten mit Eimern und Bottichen in den Händen in Richtung Feuersbrunst.

Gero und seine Kameraden zügelten ihre Rösser und dirigierten sie zwischen den Helfern hindurch. Fast wäre ihnen in der Dunkelheit entgangen, dass vor dem Hauptportal der Komturei ungefähr dreißig franzische Soldaten mit ihren Pferden aufgezogen waren.

Ein weiteres Kontingent hatte sich bereits Zugang zum Innenhof verschafft.

Mit Bedacht lenkte Gero seinen Hengst in einen abgelegenen Feldweg, während ihm der Rest der Truppe gehorsam folgte.

Adelard, der junge Waffenschmied der Komturei, kam Gero keuchend entgegen gehumpelt. Trotz einer offenen Beinverletzung war ihm die Flucht gelungen.

Im Halbdunkel erkannte er den deutschen Ritter, dessen Anderthalbhänder aus feinstem italienischem Stahl er stets bewundert hatte.

»Flieht!«, brüllte er den Brüdern zu. »Ihr könnt nichts tun! Die Soldaten haben damit gedroht, jeden zu töten, der es wagt, Löschwasser aus den Fischteichen oder aus der Dhuys zu schöpfen! Und Euch werden sie ohnehin in Ketten legen!«

Mit einem Wink befahl Gero seinen Kameraden, ihm südwärts zum Friedhof der Komturei zu folgen, der direkt hinter der Kapelle lag und von einem kleinen Eichenwäldchen umschlossen wurde.

Zwischen den dicht gewachsenen alten Bäumen fanden sie sich zusammen, um die weitere Vorgehensweise abzustimmen. Im Hintergrund war der Nachthimmel glutrot von den immer stärker auflodernden Flammen erleuchtet.

»Wir müssen unseren Komtur retten. Es ist unsere Pflicht«, sagte Gero zu seinen Kameraden.

»Aber woher willst du wissen, ob sie ihn nicht längst abgeführt haben?«, fragte Johan.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Gero gereizt. »Aber sollen wir ihn wegen einer Vermutung so einfach den Soldaten überlassen?«

»Was schlägst du vor?« Struan sah Gero fragend an.

»Das Haupttor ist von Soldaten umzingelt. Also müssen wir versuchen, uns zwischen den Gräbern heranzuschleichen, um von dort aus ins Innere der Kapelle zu gelangen. Soweit ich es beurteilen kann, ist da drin noch alles dunkel. Ein Zeichen, dass sich bis jetzt niemand dorthin verirrt hat.« Er warf einen Blick auf die nach Westen ausgerichteten, etwa vierzig Gräber, deren steinerne Kreuze im flackernden Licht des Feuers wie mahnende Finger emporragten, gerade so, als wollten sie vor der Saat des Bösen warnen.

Er hielt es für gut möglich, dass es den Soldaten zu gruselig war, an einem solchen Ort wie dem Friedhof Wachen aufzustellen. Die Mär, dass Templer auch nach ihrem Tod noch die Stätten ihres Wirkens aufsuchten, hielt sich hartnäckig unter der abergläubischen Bevölkerung.

»Und wie sollen wir in die Kapelle hineinkommen? Das Portal ist verschlossen, und keiner von uns hat einen Schlüssel«, stellte Arnaud besorgt fest.

»Wir werden über eines der Seitenfenster in den Innenraum eindringen und von dort aus über die offene, kleine Seitentür in den Hof vorstoßen. Danach müssen wir weiter sehen.«

»Der Ostturm brennt bereits«, warf Stephano ein. »Die Söldner werden sich über kurz oder lang zurückziehen müssen, damit sie nicht selbst ein Opfer der Flammen werden. Das bedeutet, wenn wir Gott mit uns haben, sind sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um uns zu bemerken.«

»Worauf warten wir noch?«, fragte Struan ungeduldig.

»Matthäus bleibt hier und passt auf die Rösser auf.« Gero schaute den Jungen an, dessen Gesicht in der Dunkelheit kaum auszumachen war. Einige der Tiere wieherten leise oder schnaubten aufgeregt. Sie witterten das Blut, und das verzweifelte Wiehern ihrer Artgenossen erreichte mühelos ihr feines Gehör.

»Bindet die Pferde an die Bäume, damit sie nicht ausbrechen«, befahl Gero. Dann wandte er sich wieder seinem Knappen zu. Er fasste ihn bei den schmalen Schultern und bückte sich zu ihm hinunter, so dass sein Gesicht mit dem des Jungen auf einer Höhe war. Matthäus zitterte vor Angst.

»Hör genau zu, Mattes! Lass’ die Tiere nicht im Stich und warte auf uns, was auch passiert. Ich komme zurück, sobald es mir möglich ist, und hole dich. Verstanden?«

Der Junge nickte gehorsam. »Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Herr.«

»Gut«, sagte Gero und fuhr in ruhigem Ton fort. »Mach dir keine Sorgen. Wir werden deinen Onkel da herausholen, das verspreche ich dir.« Mit einem Klaps auf die Schulter entließ Gero seinen Knappen in die Dunkelheit.

Wie vor einer großen Schlacht bekreuzigte sich ein jeder, und dann schlichen sie lautlos im Schatten von Mauern und Sträuchern durch die kalte Nacht.

Im Zickzackkurs ging es anschließend über das einhundert Fuß breite Gräberfeld, dabei achteten sie nicht mehr darauf, wo sie genau hintraten, sondern nur darauf, dass sie nicht über steinerne Kreuze und Grabplatten stolperten. Gero führte sein Streitross unter eines der seitlichen Kirchenfenster.

»Jo, dir wird die undankbare Aufgabe zuteil, dich um Atlas zu kümmern und bis zu unserer Rückkehr im Notfall die Stellung zu verteidigen.«

»Wird gemacht, Sire«, antwortete Johan.

Struan hatte aus seinen Satteltaschen ein Seil mitgebracht, dessen Ende er an Geros Sattel befestigte, das andere Ende nahm er zwischen seine Zähne. Dann schwang er sich flink auf den Percheron, der von allen Schlachtrössern als das nervenstärkste galt. Wie ein Seiltänzer balancierte er kurz aus und richtete sich ohne Schwierigkeiten auf dem Rücken des Pferdes auf. Das Tier stand stocksteif da und schnaubte nur einmal leise, als wüsste es, was von ihm erwartet wurde. Mit dem massiven Rundknauf seines Breitschwertes schlug Struan in kleinen, gezielten und möglichst unauffälligen Schlägen das kunstvolle Glasfenster ein, dessen Sims sich auf Höhe seiner Brust befand.

Der Rhythmus seiner Schläge wurde begleitet von dem grauenvollen Quieken der Schweine, die niemand mehr aus ihren brennenden Stallungen herausgeholt hatte, und von dem Echo, das von den Bäumen und Mauern widerhallte. Zwischendurch wurde es übertönt von verzweifelt rufenden Menschen und Soldaten, deren Befehle lautstark durch die Nacht gellten.

Wie von Struan beabsichtigt, brach nur der untere Teil des bleiverglasten Kunstwerkes heraus und hinterließ ein Loch, das gerade groß genug war, dass die Männer hindurchschlüpfen konnten. Struan machte es ihnen vor, indem er sich am Fenstersims hochzog. Seine Plattenhandschuhe aus dickem Rindleder bewahrten ihn davor, sich an den verbliebenen Glasscherben die Hände aufzuschneiden.

Einen Augenblick verharrte er hockend auf dem schmalen Grat und straffte das Seil, danach ließ er sich geschickt in das Innere des Gebäudes gleiten. Ein leiser Pfiff bestätigte den Kameraden, dass sie damit beginnen konnten, ebenfalls über den Fenstersims in das ehrwürdige Gemäuer zu klettern. Im Innern der Kapelle war es erheblich ruhiger als draußen. Die Mauern hatte man mit Absicht so verstärkt, um die störenden Geräusche von außen abzuhalten und damit eine Zufluchtsstätte der Ruhe und der Kontemplation zu schaffen.

Struan zählte das Echo des Aufpralls der Stiefel, das die Brüder erzeugten, als sie auf dem Steinboden der Kapelle landeten.

Der fünfte im Bunde war Gero. Bis zuletzt hatte er draußen vor dem Fenster gewartet, um sicher zu gehen, dass alle Kameraden ungestört ihr Ziel erreichten.

Mit gezogenen Schwertern gingen sie am Altar vorbei, und jeder von ihnen warf einen letzten Blick auf die Madonna, deren Gesichtszüge im Kerzenschein von friedlicher Ausgeglichenheit geprägt waren.

Als Struan, der die Vorhut bildete, versuchte, das kleine Eisentor zum Innenhof der Komturei zu öffnen, beantwortete sich die Frage, warum niemand in die Kapelle geflüchtet war, von selbst. Der Schotte war überlegt vorgegangen und hatte die Tür zunächst nur einen Spalt weit geöffnet. Sein gesamtes Sichtfeld wurde vom blauen Überwurf eines feindlichen Soldaten ausgefüllt.

Vorsichtig zog Struan die Tür wieder zu. Zu Geros grenzenloser Erleichterung hatte irgendjemand unlängst die Scharniere geschmiert.

»Und jetzt?«, flüsterte Arnaud.

»Lass mich nur machen«, erwiderte Struan leise und an Gero gerichtet: »Ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren.«

»Stru!«, zischte Gero, dabei hielt er seinen Kameraden an dessen Chlamys zurück. »Was hast du vor?«

Der schottische Templer antwortete nicht. Er schaute Gero nur mit einem durchdringenden Blick an und befreite sich sanft aus dessen Griff. Dann öffnete er die Eisenpforte gerade so weit, wie er es für sein Vorhaben benötigte. Den Hirschfänger im Anschlag, bedurfte es nur einer einzigen blitzschnellen Bewegung. Danach zog er den kaum noch röchelnden Soldaten in das Innere der Kapelle. Mit der freien Hand schloss er die kleine Tür und legte den sterbenden Körper in den Seitengang ab.

Es roch nach frischem Blut, und die Brüder konnten im Zwielicht der heruntergebrannten Kerzen an Struans Bewegungen beobachten, wie er sich die Hände und sein Messer, das so lang war wie sein Unterarm, am Umhang des Toten abwischte.

Francesco gab ein Würgen von sich und presste beide Hände vor den Mund. Der Rest der Templer verharrte in betretenem Schweigen.

»Was ist?«, fragte Struan, während er von einem zum anderen blickte.

»Du hast die Kapelle entweiht«, flüsterte Arnaud und ließ seinen entsetzten Blick von Struan zu dem getöteten Soldaten wandern.

»Arnaud«, schnaubte Gero. »Wenn du es so sehen willst, ist die ganze Komturei ein entweihter Ort.«

»Wollt ihr Wurzeln schlagen?«, fragte Struan ungerührt. »Wir sind im Krieg, falls es euch noch nicht aufgefallen sein sollte.«

Auf dem Hof herrschte ein heilloses Durcheinander. Einige Knechte versuchten mit wachsender Verzweiflung in die brennenden Stallungen vorzudringen, ungeachtet der Soldaten, die damit beschäftigt waren, wahllos andere Bedienstete des Ordens festzunehmen.

Wie durch ein Wunder war die gesamte Nordseite der Komturei bisher vom Feuer verschont geblieben.

Im flackernden Schatten des Kreuzganges konnten sich Gero und seine Männer unentdeckt voran arbeiten und gelangten so immer näher an das Haupthaus heran, wo sich die Wohnung des Komturs befand. Fast am Treppenaufgang zu dessen Gemach angekommen, stolperte ihnen im Halbdunkel eine blutüberströmte Gestalt entgegen. Die Kameraden blieben einen Moment wie erstarrt stehen.

Es war Bruder Claudius. Er hatte es vorgezogen, bei seinem Komtur zu bleiben, anstatt nach Clairvaux zu entfliehen. Gero hätte ihn beinahe nicht erkannt. Das Gesicht des Bruders war übel zugerichtet. Über den Augen klafften zwei hässliche Platzwunden, aus denen das Blut rann. Seine Nase war gebrochen, und es fehlten ihm alle Schneidezähne. Als er Gero und die anderen erblickte, fiel er schluchzend auf die Knie und riss verzweifelt seine Arme in die Höhe.

Erst da konnten die Männer sehen, dass man ihm auch die Hände gebrochen hatte.

»In Gottes Namen!«, keuchte Gero. »Was ist geschehen?«

Claudius war nicht in der Lage, seinen Kopf zu heben. Er sackte nach vorne und presste seine angewinkelten Arme vor seinen Magen. Dann übergab er sich mit einem gurgelnden Geräusch. Struan und Gero gingen neben ihm auf die Knie und half ihm, sich ein wenig aufzurichten.

»Der Komtur … der Komtur …«, flüsterte Claudius. Blut schwappte aus seinem Mund.

Stephano de Sapin reichte Gero ein schneeweißes Leinentüchlein, das er stets im Ärmel seines Unterwams verbarg.

Gero wischte dem jungen Bruder sorgsam über die aufgeplatzten Lippen.

Kraftlos hing Claudius in den Armen seiner Kameraden und wollte offensichtlich nur noch eines: sterben.

»Was ist mit dem Komtur?«, fragte Gero. Er musste sich beherrschen, dass er den Schwerverletzten nicht schüttelte.

»Sie … sie töten ihn … oben in seinem …«, stotterte Claudius, bevor er sich erneut erbrach.

»Wie viele sind es?« Gero war bemüht, seine Ungeduld zu unterdrücken.

»Zwei«, flüsterte Claudius mit letzter Kraft.

»Ist sonst noch jemand da oben?«

»Nein …«

»Struan und ich gehen hinauf und sehen nach«, beschloss Gero. »Arnaud und Stephano, ihr bleibt bei Claudius. Tragt ihn zur Kapelle, aber vorsichtig! Francesco, du gehst im Kreuzgang in Deckung und wartest, bis wir mit dem Komtur zurückkommen.«

Ein stummes Nicken machte die Runde. Der Zustand von Bruder Claudius, die schreienden Tiere, die verzweifelt umherirrenden Bewohner der Komturei – die Grausamkeit, mit der die Söldner Philipps vorgingen, hatte den Kameraden die Sprache verschlagen.

Gero und Struan schlichen unbeobachtet an der Wand entlang und dann die steile Treppe hinauf. Lautlos öffneten sie die schwere Tür. Vorsichtig spähte Gero in den langen, dunklen Quergang hinein.

Sie rechneten durchaus damit, dass ihnen jemand entgegen kommen konnte. Vielleicht hatten die Soldaten die Absicht, dem flüchtenden Claudius zu folgen. Hinter sich spürte Gero den schnaubenden Atem von Struan, der ihm dichtauf durch die Finsternis folgte.

Das Schwert im Anschlag, pirschten sie sich an die offene Tür heran, aus der nur ein schmaler Lichtstrahl auf den Gang fiel. Zwei verschiedene Männerstimmen redeten in ruppigem Ton auf einen Dritten ein. Dann war zu hören, wie jemand geschlagen wurde. Mit zwei Fingern gab Gero einen Wink. Struan huschte auf die andere Seite der Tür, und auf sein Zeichen stürmten sie das Zimmer.

Die Soldaten blickten überrascht auf und sprangen geistesgegenwärtig in den hinteren Teil des Raumes. Struan bleckte sein kräftiges Gebiss zu einem angriffslustigen Grinsen. Geros Augenmerk fiel für einen Moment auf Henri d’Our. Der Komtur war nicht weniger schlimm zugerichtet als Claudius. Das Gesicht mit Blutergüssen übersät, eine hässliche Platzwunde über der rechten Braue, hing er, an Händen und Füßen gefesselt, zusammengesackt in seinem Lehnstuhl.

»Verdammt, wo kommen die Kerle her?«, rief ein kräftiger, dunkelhaariger Soldat seinem blonden Mitstreiter zu.

Furcht vor den unerwartet erschienenen Rittern flackerte im Blick seines Kameraden. Mit erhobenen Schwertern erwarteten die Söldner den Angriff der beiden Templer.

Gero war nicht entgangen, dass die beiden Männer nicht wie die anderen Soldaten die blaugelben Überwürfe der königlichen Schergen trugen. Vielmehr waren sie in unauffällige, braunschwarze Lederroben mit leichten, darüber liegenden Kettenhemden gewandet, was auf Angehörige der Gens du Roi schließen ließ – jener königlichen Geheimpolizei, die dem Befehl des Großsiegelbewahrers Guillaume de Nogaret unterstand. Die glänzenden, exzellenten Schwerter, die sie im Anschlag hielten, bestätigten seinen Verdacht. Nogaret war mittlerweile die rechte Hand des Königs und hasste die Templer, wie jeder im Orden wusste. Man munkelte, dass eine alte Familienfehde dafür verantwortlich sein sollte – angeblich hatten Angehörige des Ordens seinen Großvater als Katharer denunziert, woraufhin dieser verbrannt worden war. Als ob er an den Tätern Rache nehmen wollte, stürzte sich Nogaret bevorzugt auf gefallene Kirchenmänner und solche, deren Fall er noch beschleunigen konnte, und wer in die Fänge seiner Schergen geriet, verlor nicht nur seine Freiheit, sondern nicht selten auch sein Leben.

Wie abgesprochen brach der Sturm über die Gegner herein, indem Gero und Struan gleichzeitig von zwei Seiten her auf die Unglücklichen zustürzten.

Im Taktschlag des Herzens klirrte erbarmungslos Stahl auf Stahl, bis die Funken sprühten. Eine kostbare syrische Glaskaraffe ging splitternd zu Boden, als Struan mit einem Schlag versehentlich den Kaminsims abräumte. Immer weiter trieben sie die berüchtigten Inquisitoren, die sich mit dem Mut der Verzweiflung wehrten, in die Enge.

Gero konnte sich nur wundern, wie geschickt sein Gegenüber parierte, galten die Geheimdienstler, deren Qualitäten traditionell auf anderen, nicht weniger gefährlichen Gebieten zu finden waren, doch allgemein als nicht besonders geschulte Kämpfer.

Nach kurzer Zeit rann den Geheimpolizisten bereits der Schweiß aus den Haaren, und ihre Bewegungen wurden zusehends fahriger. Struan verstärkte seine Anstrengungen, worauf sein Gegner sich abrupt duckte, um auf die Beine des Schotten einzustechen.

Die Kraft und Konzentration des schottischen Templers hätten noch mühelos für weitere Kämpfe gereicht. All seine Sinne waren aufs Äußerste geschärft, und so brauchte es nur einen geschickten Sprung zur Seite und einen gezielten Schlag, um den gegnerischen Kämpfer an Hals und Nacken zu verletzen. Tödlich getroffen ging der Soldat mit einem leisen Aufstöhnen zu Boden.

Gero nutzte die Tatsache, dass sein Widersacher für einen Moment die Aufmerksamkeit auf den fallenden Kameraden gerichtet hatte. Mit einer kalt berechneten Attacke stieß er dem Mann den Anderthalbhänder zwischen die Rippen. Das Kettenhemd des Soldaten vermochte den Angriff nicht zu stoppen, da es sich um einen heftigen Stoß und nicht um einen seitlichen Hieb handelte. Das Knirschen brechender Knochen und der verblüffte, erstarrende Blick seines Opfers kündigten Gero den schnellen Tod des Mannes an.

Erleichtert, dass es vorbei war, wischten Gero und Struan die Schwerter an der Kleidung der Toten ab und wandten sich voll Sorge ihrem Komtur zu.

Henri d’Our hob kaum merklich den Kopf. »Beim Allmächtigen«, stöhnte er leise auf. »Ihr solltet nicht hier sein!«

Seine Arme und Beine hatte man mit Kälberstricken an den Stuhl gebunden, auf dem er saß. Vorsichtig durchschnitt Gero mit seinem Parierdolch die Seile. Offensichtlich hatte man das Gesicht des Komturs mit Fäusten traktiert, die in eisenbeschlagenen Lederhandschuhen gesteckt hatten – eine bevorzugte Art der Folter, um jemanden zum Sprechen zu bringen. Mit zwei, drei gut platzierten Schlägen war der Gepeinigte zahnlos, hatte die Nase gebrochen oder ein Auge verloren.

D’Ours Blick fiel aus heftig geschwollenen Lidern auf die Leichen am Boden. »Es waren Nogarets Männer«, flüsterte er mit brüchiger Stimme. Blut rann über seine aufgeplatzten Lippen. »Dafür wird er Euch enthaupten oder auf dem Scheiterhaufen verbrennen, wenn er Eurer habhaft wird.«

»Dann dürfen wir uns eben nicht erwischen lassen«, antwortete Gero störrisch und gab Struan ein Zeichen, damit er ihm half, den Komtur auf die Beine zu bringen.

»Kommt, Sire, lasst uns fliehen.«

»Nein, Bruder«, keuchte Henri d’Our. »Die Prophezeiung hat sich erfüllt. Dort drüben liegt der Haftbefehl des Königs gegen sämtliche Mitglieder des Ordens.«

Gero schnellte herum und nahm das eng beschriebene Pergament, das halb aufgerollt auf dem Tisch lag, an sich. Mühelos entzifferte er die in lateinischer Sprache verfassten Anklagepunkte. Sodomie, Ketzerei, Gotteslästerung war das, was ihm als erstes ins Auge sprang. Wortlos schüttelte er den Kopf und reichte das Schreiben an Struan weiter, der es gleichfalls überflog, bevor er es zurück auf den Tisch legte.

»Ein Grund mehr, mit uns zu fliehen!«, sagte Gero, als er sich d’Our zuwandte.

»Ein Admiral bleibt auf seinem sinkenden Schiff. Ich kann die Komturei nicht im Stich lassen.«

»Sire«, antwortete Gero vorsichtig. »Von der Komturei ist nicht mehr viel übrig. Alles brennt lichterloh.«

»Bruder Gero«, sagte der Komtur so leise, dass man ihn kaum verstehen konnte. »Wo sind die anderen?«

»Warten unten auf uns, Sire!«

»Matthäus?«

»Ich habe ihn mit Bruder Johan in einem Versteck hinter dem Friedhof zurückgelassen.«

»Gut. Ich will, dass Ihr unverzüglich geht. So wie wir es besprochen haben. Ihr und all diejenigen, denen es noch möglich ist. Ohne mich.«

»Aber Sire …«, warf Gero ein und machte Anstalten, d’Our aus dem Sessel zu heben.

»Das ist ein Befehl«, keuchte der Komtur wütend. »Verdammt, wollt Ihr mir etwa den Gehorsam verweigern?«

»Nein«, stammelte Gero.

»Da kommt jemand«, zischte Struan. Er stand innen am Türrahmen und spähte zögernd um die Ecke. Angespannt lauerte er darauf, bis sein Opfer so weit herangekommen war, dass er ihm ohne große Anstrengung den Garaus machen konnte. Seine Hand lag nicht an seinem Schwertknauf, sondern an seinem Messergürtel. Als sich nichts rührte, wagte er einen weiteren Blick in den Flur und wäre dabei fast mit dem Kopf des Soldaten zusammengestoßen.

Der Söldner, ein schon älterer Mann, stieß einen Aufschrei des Entsetzens aus, als Struan halb aus der Tür heraustrat und dabei unbeabsichtigt das rote Kreuz auf seiner Brust präsentierte. Wie von einer Tarantel gestochen, drehte sich der Mann um und rannte den Gang hinunter. Struan setzte ihm nach und warf ihm ein Messer hinterher. Der Flüchtende fasste sich überrascht ans Genick und fiel tödlich getroffen vornüber.

Mit drei Schritten war Struan bei ihm, packte den Toten und zog ihn in eine der angrenzenden Kammern. Als er in den Flur zurückkehrte, verschloss er hinter sich die Tür. Dann machte der Schotte sich daran, die beiden übrigen Leichen aus dem Dienstzimmer des Komturs herauszuschleifen.

Gero sah ihn fragend an. »Was tust du?«

»Ich beseitige Spuren.« Struan wies mit einem Nicken auf d’Our. »Oder willst du, dass die Gens du Roi unseren Komtur für den Tod der Mistkerle verantwortlich macht?«

»Selbstverständlich nicht«, antwortete Gero und wandte sich erneut seinem Komtur zu.

Henri d’Our öffnete seine Lider, die er die ganze Zeit über geschlossen gehalten hatte. »Verdammt, Bruder Gerard, worauf wartet ihr denn noch? Ihr und Eure Kameraden seid die einzigen, die den Orden noch retten können. Ihr müsst aufbrechen. Unverzüglich. Das ist ein Befehl!«

Für einen Augenblick ruhte d’Ours schmerzverzerrter Blick auf den beiden Ritterbrüdern.

»Lebt wohl, Sire«, antwortete Gero heiser. Zusammen mit Struan beeilte er sich, zum Ausgang zu gelangen.

»Was meinte er damit, dass wir die einzigen sind, die den Orden noch retten können«, stieß Struan hervor, während er Gero verstört ansah.

»Das erkläre ich dir später«, antwortete Gero knapp. Obwohl er bis auf den Hinweis, dass es nach Heisterbach gehen würde, selbst nichts Genaues wusste.

Schwelender Rauch drang ihnen in Mund und Nase und ließ sie husten. Struan presste sich die Hand vor den Mund, um nicht unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Am Fuße der Treppe angelangt, sahen sie, dass das Scriptorium brannte. Möglicherweise hatte jemand nachgeholfen, denn das andere Feuer war noch zu weit entfernt, als dass es hätte übergreifen können. Über kurz oder lang würde das gesamte Gebäude in Flammen aufgehen, und d’Our würde ebenfalls verbrennen, wenn sich niemand fand, der ihn aus seiner Kammer herausholte.

Auf dem Hof herrschte immer noch genug Verwirrung, um unbemerkt zum Kreuzgang zu gelangen. Dort wollten Gero und Struan die wartenden Brüder in Empfang nehmen. Jedoch von den Kameraden war weit und breit nichts zu sehen.

»Sicher haben sie zusammen mit Claudius in der Kapelle Schutz gesucht«, wandte Struan ein.

»Ich weiß nicht recht«, antwortete Gero und blickte unsicher umher. Mit einem flauen Gefühl im Magen schlich er hinter Struan her. Dabei nutzten sie die schützende Dunkelheit des Kreuzganges, um zum immer noch unbewachten Eingang der Kapelle zu gelangen.

Aus dem Augenwinkel heraus konnte Gero beobachten, wie zwei weitere Schergen Nogarets die Treppe zu d’Ours Klause hinaufliefen. Ein Wink des Schicksals. Wenn die beiden Templer nicht entdeckt werden wollten, mussten sie sich beeilen, um mit den anderen Brüdern nach draußen zu klettern.

Kurz bevor sie die kleine Eisentür erreichten, wurden sie auf ein unterdrücktes Stöhnen aufmerksam. Es kam aus einer engen, steinernen Nische, an einer Stelle, wo der Kreuzgang in den Innenhof mündete. Gero verharrte einen Moment im Schatten der Außenmauer und lauschte, ob er sich vielleicht geirrt hatte. Als er weitergehen wollte, trat er mit seinem Stiefel auf etwas Weiches. Ein leiser Aufschrei folgte, und er sprang erschrocken zur Seite, das Schwert kampfbereit im Anschlag.

»Tut mir nichts«, krächzte eine dünne Stimme. Geros erster Gedanke war, es müsse sich um eine Frau handeln. Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er im Licht der Flammen, die inzwischen auf die Mannschaftsräume übergegriffen hatten, dass da ein Mann am Boden hockte, den er allzu gut kannte.

»Beim heiligen Georg«, entfuhr es Gero. »Struan, komm her, du errätst nie, wen ich hier gefunden habe.«

Struan, der wachen Auges die Umgebung inspizierte, trat zu ihm in den Schatten.

»O Gott«, rief die Gestalt am Fuße der Mauer aus. »Ihr seid es! Dem Himmel sei Dank! Wohin ihr auch geht, nehmt mich mit. Ich flehe euch an!«

»Gislingham!«, zischte Struan überrascht. Die abgrundtiefe Verachtung, die er dem Engländer für gewöhnlich entgegenbrachte, war selbst in Anbetracht der besonderen Umstände nicht zu überhören.

»Wir gehen geradewegs in die Hölle«, entgegnete Gero mit einem spöttischen Unterton. Einen Moment lang war er verwundert, dass der Engländer d’Ours Aufforderung, die Nacht in Clairvaux zu verbringen, allem Anschein nach ebenso ignoriert hatte wie Bruder Claudius.

»Erstens bin ich mir nicht so sicher, ob du uns wirklich folgen willst, und zweitens …« Er zögerte, bevor er weiter sprach. Gislingham war aufgestanden, und selbst im schwachen Licht der Umgebung war nicht zu übersehen, dass er nur spärlich bekleidet war und sich offenbar aus Furcht die Unterhose und das Hemd eingenässt hatte.

»Und zweitens, ob du dafür passend gekleidet bist,« fuhr Gero seufzend fort.

»Du weißt doch, Gisli«, sagte Struan mit einem dämonischen Grinsen, »es ist strengstens verboten, in den Hof zu pissen. Wozu haben wir Latrinen?«

»Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe, hättest selbst du das Wasser nicht mehr halten können.«

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