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Das Ostland-Protokoll

Inhaltsverzeichnis

Prolog

UN

DEUX

Eins

Zwei

Drei

Vier

TROIS

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

QUATRE

Prolog

11. Januar 1941, vor Moskau

Es war bitterkalt. Immer wieder stampfte Schütze Weidlich hart auf den unebenen Boden auf, während er an der Längsseite der Halle entlangging. Der Schmerz schoss seine Beine empor, aber besser Schmerzen, als dass die Füße gefühllos wurden. Bloß keine Erfrierungen. Er schaute in den Gang, der zum Vorderteil des Gebäudes führte: roher, ungeglätteter Beton, die Wände waren wohl einmal weiß gewesen, aber die Farbe war fast überall abgeblättert. Durch die blinden Scheiben sah er auf die verschneite Wiese und das kleine Birkenwäldchen dahinter. Es war still draußen. Sehr still. Eigentlich eine Wohltat nach den pausenlosen Überflügen und dem massiven Artilleriefeuer der letzten Woche. Bis vor zwei oder drei Tagen hatte man es noch gelegentlich donnern gehört. Zu Beginn noch Gewehrfeuer und Artillerie, doch seither war es still geworden. Irgendwie schien die ganze Front unter den Schneefällen vor zwei Tagen erstarrt zu sein und war seither nicht mehr aufgewacht.

Er sah auf seine Armbanduhr: Noch zweieinhalb Stunden bis zur Ablösung. Dann würde er die fünfhundert Meter durch den Schnee stapfen, sich im Mannschaftsraum aufwärmen, die anderen würden ihn schief ansehen, weil er nicht mit ihnen draußen gewesen war, und er würde versuchen etwas zu schlafen. Vier Stunden später müsste er dann wieder zurück und diese beschissene, halb verfallene Fabrikhalle bewachen, in die es von allen Seiten hineinzog und die nicht geheizt war. Er würde die Halle bewachen und auch die beiden Leichen, die einsam auf Feldbetten in einer Ecke lagen. Denn dass unter den Leintüchern Leichen waren, daran gab es keinen Zweifel.

Er schaute gedankenverloren seinen Atemwolken hinterher. Ob es wohl draußen kälter war als hier drinnen? Sicher war es das, auch wenn er es sich nicht vorstellen konnte. Spätestens wenn er nach der Wachablösung ins Freie treten würde, würde ihn die Kälte anspringen wie ein wildes Tier, obwohl er jetzt schon dachte, nie mehr im Leben Wärme spüren zu können.

Er fragte sich, woran sie wohl gestorben waren, dass sie nicht wie die anderen neben dem Lazarett in die Aufbahrungshalle kamen, sondern hier seit gestern alleine lagen – und warum vierhundert Meter um das Gebäude herum eine Sperrzone erklärt worden war.

Seit vier Tagen lagen sie in diesem Gebäude. Er hatte Gott sei Dank erst ab gestern Wache gestanden, da hatte sich nichts mehr gerührt in der Halle. Nur die beiden Feldbetten, darüber die weißen Laken, unter denen sich zwei Körper abzeichneten. Aber die Kameraden, die die beiden Tage davor Wache standen, hatten schlecht ausgesehen, als sie in den Mannschaftsraum zurückgekommen waren. Und selbst aus großem Abstand hatte man das Brüllen und Schreien der beiden Sterbenden gehört. Bevor noch irgendjemand die Wachen hatte ausfragen können, waren sie verschwunden gewesen. Zu anderen Einheiten versetzt, vielleicht Urlaub … Sehr seltsam.

Er hätte in den Stunden der einsamen Wache viel Zeit gehabt, durch die Halle zu gehen und die Laken zurückzuschlagen. Aber da er nicht wusste, woran die beiden so elend verreckt waren, hatte er keinerlei Schwierigkeiten, seine Neugier zu zügeln. Curiosity killed the cat! Irgendwo, in einem anderen Leben vor dem Krieg, das ihm jetzt sehr, sehr weit weg erschien, hatte er diesen englischen Spruch gelesen, hatte sich allerdings immer gefragt, welche Katze damit gemeint war.

Stimmen und Schritte im dunklen Ende des Ganges. Unmerklich straffte er sich und wartete, wer in das gleißende Licht der Halle treten würde.

Zwei Schemen erschienen in der Gangeinmündung. Er erkannte den Linken der beiden sofort als den Regimentsarzt Dr. Köhler und entspannte sich etwas. Der andere musste ein hohes Tier sein. Er trug die steile Offiziersmütze und obwohl er von den Stiefeln bis zu den Wangenknochen in einen dicken Schafsfellmantel eingewickelt war, strahlte er Autorität aus.

Sie kamen näher und er konnte das Gesicht des Unbekannten sehen. Keiner vom Regiment. Vom Divisionsstab vielleicht?

Er grüßte stramm und schnarrte: »Schütze Weidlich auf Totenwache, keine besonderen Vorkommnisse!«

Die beiden Männer nickten und betraten an ihm vorbei die große Halle ohne weiter auf ihn zu achten. Ihre Schritte hallten durch den hohen Raum, der durch die Reflexion der Sonne auf dem Schnee hell erleuchtet war. Weidlich blieb stehen wo er die ganze Zeit schon gestanden hatte.

»Wie viele hatten Sie in Ihrem Regiment?«, fragte der Offizier. Seine Stimme klang angenehm, aber fest und etwas gepresst, als wolle er gar keine Antwort haben.

»Diese zwei«, antwortete der Regimentsarzt.

Der andere zog eine Augenbraue hoch und nickte dann anerkennend: »Nur zwei? Das ist hervorragend. Ganz hervorragend. Haben die Männer etwas davon mitbekommen?«

»Ja, obwohl wir die beiden so schnell wie möglich hier isoliert haben.«

»Wie konnten sie es dann mitbekommen?«

»Machen Sie Witze? Erst dieser Wasserbefehl. Und dann fallen plötzlich zwei Kameraden um, winden sich in Krämpfen und brüllen wie die Stiere? Da kann ich lange etwas von Epilepsie faseln. Und wenn die beiden dann nicht in ein normales Lazarett kommen, sondern isoliert werden, ein vierhundert Meter großes Sperrgebiet um die Isolierstation errichtet wird …«

»Vierhundert? Zweihundert sind befohlen worden.«

»Sie haben anscheinend keinen von denen in der Nähe des Stabes gehabt. Sie hätten die Kerle mal brüllen hören sollen, da waren vierhundert noch nicht genug. Bei zweihundert hätte man die Sperrzone auch gleich weglassen können. Nachts konnte man sie noch in den Mannschaftsunterkünften brüllen hören, zumindest die erste Nacht. Danach ging ihnen die Kraft aus.«

»Ich will sie sehen!«, sagte der Offizier mit flacher Stimme.

Der Arzt schaute ihn unsicher an. »Sind Sie sicher? Es ist ein entsetzlicher Anblick, selbst für einen Arzt.«

»Machen Sie schon.«

Der Arzt bückte sich nach dem Zipfel des einen Lakens und hob es hoch. Weidlich konnte von seinem Standpunkt nichts sehen; die beiden Männer verdeckten mit ihren Körpern, was unter dem Leintuch zum Vorschein kam.

Der Offizier wandte sich hastig ab und rang um Fassung. »Diese Dreckskerle«, schimpfte er wütend, während der Arzt das Laken zurücklegte, »diese widerlichen Dreckschweine. Und die reden von Untermenschen …« Er drehte sich hastig herum und stürmte an der Wache vorbei.

Weidlich sah es in den Augen des Offiziers blitzen. Tränen? Regimentsarzt Dr. Köhler folgte langsamer, aber auch ihm schien gar nicht wohl zu sein.

12. Januar 1941, vor Moskau

Oberst von Zielinski beugte sich über den Kartentisch, fuhr mit dem Finger eine Linie entlang und kam dann wieder hoch. »Das kann doch nicht sein«, murmelte er. Er beugte sich wieder vor. Sein Finger beschrieb wieder den gleichen leicht zackigen Halbkreis wie zuvor.

»Möglingen, lesen Sie noch einmal die Namen vor.«

Der Angesprochene, einige Jahre jünger, antwortete »Jawohl, Herr Oberst!« und begann langsam eine Reihe von Ortsnamen vorzulesen.

Bei jedem Namen rückte der ausgestreckte Zeigefinger des Obristen einige Zentimeter vor, bis er wie zuvor den etwas unförmigen Halbkreis beendet hatte.

»Müller, ein Gespräch zur Division.«

Müller nahm den Hörer ab und sprach mit der Zentrale, legte dann wieder auf.

Während über die verschiedenen Schaltstellen die Verbindung hergestellt wurde, dachte von Zielinski laut nach: »Warum lösen die uns hier heraus und schicken uns auf die andere Seite des Kessels? Und mit so einem engen und genauen Zeitplan?« Er schaute fragend den Oberstleutnant an. Der zuckte die Schultern.«Haben Sie den Befehl zurückverfolgt?«

»Jawohl, Herr Oberst.«

»Also kein Irrtum möglich, keine Störaktion von den Russen?«

»Nein, Herr Oberst. Ich habe bei der Division angerufen. Er wurde mir inhaltlich bestätigt.«

»Und nichts von einer Ablöseeinheit, die unsere Stellung einnimmt?«

»Nein, Herr Oberst.«

Das Telefon schrillte und Müller hielt den Hörer hoch: »Der Divisionsstab, Herr Oberst.«

Zielinski trat neben den Telefontisch, nahm den schweren Bakelithörer und hielt ihn ans Ohr. »Hier Zielinski.«

Durch den Hörer konnte man eine quäkende Erwiderung hören. »Ja, ich weiß, dass Möglingen bereits angerufen hat. Ist denn wenigstens klar, wer das Loch stopfen wird, das wir in den Kessel reißen?«

Wieder das Quäken auf der anderen Seite.

»Nein, das reicht mir nicht aus. Ganz und gar nicht. Geben Sie mir den Alten.«

Eine kurze Erwiderung.

»Das ist mir egal. Ich will ihn sprechen, und zwar plötzlich.«

Nach wenigen Momenten des Schweigens: »Verzeihung, Herr Generalleutnant. Ich wollte nur … ja, hatte mir Möglingen bestätigt … Die ganze Division?« Zielinski riss die Augen auf. Ungläubiges Staunen trat auf sein Gesicht. »Wie bitte? … Ja … Der Kessel wird … Mit Verlaub, Herr Generalleutnant, in dem Kessel stecken über eine halbe Million Russen mit schwerer Bewaffnung … Ja … Jawohl … Ja, verstanden.« Er starrte geradeaus und legte sehr, sehr langsam den Hörer auf die Gabel.

Gedankenverloren schaute er durch das Fenster, bis Möglingen sich räusperte: »Herr Oberst?«

Wie aus einem tiefen Traum erwachend murmelte der Regimentskommandeur: »Alle am Kessel beteiligten Einheiten zu einer neuen Aufmarschlinie weiter östlich … Der Kessel wird aufgelöst … Über eine halbe Million Feinde in unserem Rücken … Einfach weitermarschieren, als ob sie nicht da wären …« Sein Blick ging zu Möglingen: »Lassen Sie Befehle ausgeben und kalkulieren Sie im gegebenen Zeitrahmen so großzügig wie möglich.«

»Herr Oberst, der Zeitrahmen ist sehr eng gesteckt. Ich weiß nicht …«

»Tun Sie Ihr Bestes. In den nächsten Tagen werden achthunderttausend Mann um Moskau herum nach Osten fließen. Da kann es schon ein paar Verkehrsstaus geben.« Er grinste humorlos. »Sehen Sie zu, dass unser Zeitplan wenigstens auf dem Papier gut aussieht. Ob wir ihn einhalten können, wissen die Götter.«

Möglingen starrte seinen Vorgesetzten mit offenem Mund an.

UN

1993, Marseille, Vieux Port

Die Lage war sicher das Beste an dem Café. Von morgens früh schien die Sonne über die weite Fläche des Vieux Port und die angrenzenden Straßen und den Platz, auch auf diese Terrasse aus weißem Kalkstein, tauchte die eisernen Bistrotische und -stühle in ein schmeichelndes honigzähes Licht. Wem das trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit zu warm war, der konnte sich an eines der Tischchen unter den Arkaden in den Halbschatten setzen, der dort dank der Reflexion des Lichtes auf dem hellen Boden herrschte.

Der Kellner bemerkte, dass der Mann wieder in der ersten Tischreihe nahe der Straße saß, an seinem Stammplatz, wie immer, wenn das Licht des Tages von Gelb in Orange überwechselte. Nicht jeden Tag, oft während ein oder zwei Wochen nicht, aber immer um dieselbe Tageszeit. Der Kellner servierte ihm unaufgefordert einen Espresso und ein Glas Cognac. »Bonjour, Monsieur, vous allez bien?«, fragte er unverbindlich.

»Très bien, merci.« Kaum ein Akzent, wo mochte er her sein?

Der Mann riss seinen Blick widerwillig von den orange erglühenden Fassaden auf der Gegenseite des Hafens los, schaute zu dem Kellner auf und lächelte leicht. Dann eilte sein Blick den Reihen der Tische entlang, durch die Arkaden, über die Straße, dem Rand des Hafenbeckens folgend, um schließlich wieder auf den Fassaden der Häuser des Rive Neuve liegen zu bleiben.

Der Kellner kannte diesen Rundumblick nur zu gut. Marseille war eben Marseille, in der Zone gab es mehr als genug Menschen, die Grund zur Vorsicht hatten. Hier war die Geste dennoch ungewöhnlich, dafür lag das Café zu sehr wie auf einem Präsentierteller.

»Bringen Sie mir doch bitte Streichhölzer.« Der Mann hatte eine Packung Rothändle auf den Tisch gelegt und blickte wieder auf.

»Sofort, der Herr.«

Rothändle. Vielleicht Deutscher? Aber kein Akzent. Außerdem die dunklen Haare und Haut, eher wie einer von hier, auch die scharfen Züge, die dunklen, fast schwarzen Augen und der drahtig-mittelgroße Körperbau. Dagegen sprachen aber die Haltung, die Festigkeit der Gesten und die Autorität, die von ihm ausging. Irgendwie wirkte der Mann befehlsgewohnt. Es war nicht seine Gestalt, sondern wie er sprach, wie er einen ansah, wie er sich bewegte. Ja, befehlsgewohnt, das war es wohl. Er nannte den Unbekannten für sich Capitaine, den Hauptmann; nein, der war keiner aus dem Midi, wohl auch kein Franzose. Er wurde aus dem Mann einfach nicht schlau.

Genüsslich und nebensächlich, wie es nur langjährige Raucher tun, sog Capitaine den scharfen Rauch der Zigarette in die Lungen, verharrte kurz und ließ dann eine weißliche Wolke ins orange Licht entschweben. Für ihn schien sich die ganze Welt auf das Rauchen, einen gelegentlichen Schluck Cognac oder Kaffee und das Spiel der Farben im Hafenbecken und auf den Fassaden reduziert zu haben. Sein Gesicht dem Wasser zugewandt, bequem im Stuhl zurückgelehnt und dennoch aufrecht, schien er vollständig gefangen zu sein. Nur seine Augen, die sich von Zeit zu Zeit ein neues Ziel suchten, die Zigarette, die er gelegentlich ausdrückte und ohne hinzusehen eine Neue ansteckte, ließen erkennen, dass es sich bei ihm um keine Schaufensterpuppe handelte.

Die Dunkelheit senkte sich langsam herab, das Orange wich immer dunkleren Blautönen. Die ersten Straßenlaternen flammten auf und Capitaine schien wie aus einem langen, tiefen Schlaf zu erwachen; sah sich um, nahm das Getriebe der Menschen an den Nachbartischen und auf der Straße wenige Schritte vor ihm wahr. Die nachmittäglichen Pastis- und Kaffeetrinker nebst Familien waren einer abendlichen Klientel gewichen, die zu einem Aperitif vor dem Essen vorbeischauten. Alle Tische schienen nun besetzt zu sein und es erstaunte ihn, die Gespräche der Umsitzenden bisher nicht gehört zu haben.

»Entschuldigen Sie bitte.«

Er drehte sich nach der Stimme mit leicht maghrebinischem Anklang um. Ein Geschäftsmann in mittleren Jahren, leichter Bauch, hoher Haaransatz …

»Ich sehe, Sie rauchen Rothändle

Der Capitaine nickte.

»Ich habe lange keine mehr geraucht. Dürfte ich …?«

Wortlos nahm Capitaine seine Packung vom Tisch, klopfte einige Zigaretten hervor und hielt seinem Gegenüber die Packung auffordernd hin. Die Zigarettenmarke war in Frankreich und der Zone nicht frei verkäuflich, aber man konnte sie sich besorgen. Capitaine fragte sich, was der Fremde von ihm wollte.

Der nahm sich eine heraus, steckte sie an und sog genießerisch den Rauch ein. »Hmmm, nicht übel, gar nicht übel.« Er betrachtete die brennende Zigarette prüfend und lachte. »Und uns machen sie weis, die Deutschen könnten keinen Tabak anbauen. Darf ich Ihnen eine von meinen …?« Er hielt Capitaine eine leicht zerknautschte Packung mit arabischer Aufschrift hin. »Bitteschön …«

Der besah sich die Zigaretten, lächelte erneut kurz und lehnte dann dankend ab. Kurz darauf legte er einen Zweimarkschein auf den Tisch, erhob sich und ging den Quai entlang Richtung Canebière, wo er im abendlichen Gewühl verschwand.

***

Capitaine beobachtete scharf die Figur, die den Quai entlang auf das Café zusteuerte. Woher kannte er den Mann? Wo hatte er ihn bereits gesehen? Wurde er beschattet? Hatten sie ihn wieder zu suchen begonnen? Möglich war es schon. Hatten sie nie aufgehört ihn zu suchen und ihn erst jetzt, nach all den Jahren gefunden? Sie hatten gesagt, sie würden ihn in Ruhe lassen, aber wer wusste schon, ob sie Wort halten würden. Sie schreckten vor nichts zurück; was konnte ihnen also schon ein gegebenes Wort bedeuten, wenn die Vereinbarung ihnen lästig wurde? Dennoch … es war eigentlich nicht wahrscheinlich, nicht nach zehn Jahren. Aber man wusste nie … Unauffällig drehte Capitaine sich seitlich, bis er den Durchgang zwischen dem Haus des Cafés und dem Nachbarhaus sehen konnte. Wenn er aufstand, würden ihn die Blumenkübel mit den Bougainvilleen decken, bis er unter dem Gewölbe der Arkaden war, von dort einen Sprung und er wäre im schmalen Durchgang zwischen den Häusern. Von einer Erkundungstour vor langer Zeit wusste er, dass der Durchgang auf einen winzigen Platz führte, von dem vier oder fünf Sträßchen abgingen, die sich alle kurz darauf verzweigten und irgendwo im Gewirr des alten Hafenviertels verloren. Es war der perfekte Fluchtweg für alle Fälle. – Er hatte diesen Tisch vor langer Zeit ausgewählt wegen der schönen Sicht auf den Rive Neuve und wegen des Fluchtweges. Der Durchgang zwischen den Häusern war frei und auch der Weg an den Blumenkübeln entlang bis dorthin war nicht verstellt.

Er drehte sich wieder dem Ankömmling zu.

Er kannte den Kerl, aber irgendwie war es keine bedrohliche Erinnerung. Immer noch schrillte die Alarmglocke in seinem Kopf, die jedes Mal, wenn er eine Person erkannte, sie aber nicht sofort zuordnen konnte, ansprang. Aber das war seit Jahren so, eine Gewohnheit. Er würde sich sicher bis ans Ende seines Lebens vorsehen müssen; die Vorsicht war ihm einfach in Fleisch und Blut übergegangen. Aber irgendwie war sich Capitaine sicher, dass, wenn der Ankömmling wirklich gefährlich gewesen wäre, sein Instinkt ihn wesentlich deutlicher gewarnt hätte.

Der Mann steuerte auf den nächsten Tisch zu, setzte sich und grüßte freundlich herüber. Notgedrungen nickte Capitaine mit dem Kopf. Erst als der andere eine zerknautschte Zigarettenpackung vor sich auf den Tisch legte, fiel bei Capitaine der Groschen: der Zigarettenfrager! Unmerklich entspannte er sich. So plump würden weder die SS noch der Geheimdienst vorgehen. Er entspannte sich etwas und gestattet sich ein Lächeln in Richtung des Mannes.

Der fühlte sich dadurch ermutigt: »Das ist einer der schönsten Plätze in der Zone, um das Herbstlicht zu genießen.«

Capitaine machte ein zustimmendes Geräusch.

»Wir haben uns schon vor einer Woche mal gesehn, oder? Sie haben mir eine Zigarette angeboten.«

Du hast mich danach gefragt, dachte Capitaine und nickte nur kurz.

»Kennen Sie Marseille gut?«

Capitaine fühlte sich nun verpflichtet zumindest eine Kleinigkeit zur Unterhaltung beizutragen: »Ich bin regelmäßig hier, aber kennen …«, er ließ den Satzfetzen in der Luft hängen, »… kennen tut man diese Stadt letztendlich wohl nie so ganz.«

Das Schweigen sank wieder zwischen ihnen herab.

»Sie sprechen ein exzellentes Französisch.« Es war, als wäre dem anderen die Stille unangenehm.

»Danke, man schlägt sich so durch.«

Man sah dem Mann an, dass er nur ungern auf eine genauere Antwort verzichtete; aber sogar redselige Naturen merken, wenn das Gegenüber keine Auskunft geben will. Das Schweigen zwischen ihnen trug den Sieg davon.

DEUX

Es war kühler geworden, regnerisch und gelegentlich trübe. Die große Masse der Touristen blieb aus, Sommerzeit war Urlaubszeit im Süden. Immer wieder gab es Tage, an denen es gerade warm genug gewesen wäre, auf der Terrasse zu sitzen, sodass der Kellner mit dem Gedanken spielte, die Tische und Stühle wieder hinauszutragen. Aber es war eben nur gerade so eben warm genug, nicht so, dass man sich voller Vorfreude auf die Terrasse setzte und dort nicht mehr wegkam. Es wäre eher so gewesen, als habe man sich vorgenommen seinen Kaffee draußen zu trinken und müsse das nun auch erledigen.

Die meisten Kunden die herkamen, kamen wegen der Terrasse. Der Plüsch-und-Plunder-Salon, das eigentliche Café, zog wesentlich weniger Menschen an und so war die Wintersaison eher ruhig. Wer mit eherner Regelmäßigkeit kam, war der Capitaine, und in letzter Zeit auch vermehrt sein neuer Freund, der Maghrebiner. Im Laufe des Spätsommers und Herbstes hatten sie immer wieder zufällig nebeneinandergesessen, hatten begonnen sich zu grüßen und von Tisch zu Tisch gelegentlich eine Unterhaltung zu führen. Capitaine hatte sogar irgendwann eine Zigarette vom Maghrebiner ausprobiert. Es war allerdings bei diesem einen Mal geblieben. Es hatte sich Mitte November für zwei oder drei Wochen eine Art Trennung ergeben, als der Maghrebiner wegen der Witterung ein Tischchen im Café wählte, der Capitaine dagegen lieber unter den Arkaden saß. Aber seither saßen sie beide drinnen, natürlich an verschiedenen Tischen. Aber der Kellner hatte bemerkt, dass die beiden aufeinander warteten, dass sie nervös wurden, wenn der andere einmal ein paar Tage zu lange nicht im Café erschien.

Ihre Unterhaltungen hatten unverfänglich angefangen. Die Zigaretten, das war der erste Aufhänger gewesen. Das Wetter, natürlich. Die Gerüchte in der Freihandelszone Marseille und was sich drüben in Frankreich ereignete. Sie entdeckten mit Vergnügen ein gemeinsames Interesse für Gegenwartsgeschichte und sprachen ausführlich über die Unruhen im Nahen Osten, die politisch wechselhafte Situation in der République du Grand Maghreb.

Bei dieser Gelegenheit war der Maghrebiner aufgeblüht und hatte lebhaft von seiner Jugend in einem Dorf im Atlas erzählt. Von den legendären Räuberbanden in den unwegsamen Bergen hatte er gesprochen, mit leuchtenden Augen von den Sagengestalten und der an Helden reichen Geschichte seines Landes.

Mit großer Erbitterung hatte er von den Mächtigen seines Landes gesprochen, die schon immer Französisch gesprochen hatten. Von diesen Verrätern an ihrem eigenen Volk, die die Interessen ihres Volkes an Frankreich verraten hatten, als Frankreich eine Weltmacht war. Von diesen Verrätern, die den letzten Träumern und Kriegstreibern Asyl und Unterschlupf gewährten, die noch von Frankreich als der Grande Nation träumten; die ihr Land zugrunde richteten in einem einzigartig dummen Gegenentwurf zur großdeutschen Wohlstandssphäre, dieser idiotischen République du Grand Maghreb, und die nach über vierzig Jahren weder ihr neues Reich befrieden noch es beruhigen noch wenigstens für bescheidenen Wohlstand sorgen konnten.

»Gehen Sie da nicht ein wenig weit?«, warf Capitaine an dieser Stelle ein. »Es war doch keine Absicht der Regierung von Grand Maghreb, diese ganzen verrückten Freischärler, France-libre-Verbände und wie sie alle hießen, nach Grand Maghreb …«

»Keine Absicht?«, fuhr der Maghrebiner auf, »keine Absicht? Was war daran keine Absicht?«

»Nun ja …« Capitaine hatte sichtlich eine solche Reaktion nicht erwartet. »Die Gründung von Grand Maghreb …«

»Die Gründung von Grand Maghreb war ein Verbrechen!«, schrie der Maghrebiner und knalle seine Faust auf den Tisch.

Er sprang auf. Die Fäuste auf den Tisch gestemmt, das Kinn aggressiv vorgereckt, stand er vorgebeugt da, funkelte Capitaine herausfordernd an und atmete schwer. Der Kellner, der sich bei ihren Unterhaltungen stets im Hintergrund gehalten hatte, war besorgt nähergetreten.

Der Maghrebiner ließ sich schwer auf seinen Sitz fallen.

Betont ruhig forderte Capitaine ihn auf: »Erzählen Sie es mir.«

Der andere fuhr sich über die Stirn und schloss kurz die Augen. »Entschuldigen Sie. Es werden so viele Unwahrheiten erzählt, dass mir jedes Mal der Kragen platzt.«

»Erzählen Sie es mir«, wiederholte Capitaine ruhig.

»Ich habe ihnen erzählt, dass ich in einem Dorf im Atlas aufgewachsen bin«, sagte der Maghrebiner schließlich.

Capitaine nickte.

»Vielleicht sollte man es eine kleine Stadt nennen. Wir waren für die Verwaltung und die Steuereinnahmen des Städtchens und einer Handvoll Dörfer verantwortlich. Meine Familie stellte seit Generationen den Bürgermeister. Es war kein offizielles Bürgermeisteramt, eher eine Art erbliche Führerstellung, es war einfach meine Familie, die bestimmte was geschah. Zu uns kamen die Leute, wenn sie Rat brauchten, eine Entscheidung bei einem Streit zwischen Nachbarn, oder wenn sie Geld benötigten. Wir waren dem Statthalter in der nächstgrößeren Stadt verantwortlich dafür, dass Steuern und andere Abgaben eingetrieben wurden und dass es in unserem Bezirk ruhig blieb.

Damit waren wir für unsere Stadt und die umliegenden Dörfer die Herren. Natürlich sprachen wir Französisch zu Hause, wir waren schließlich eine gute Familie. Aber wir sprachen auch Berbère und natürlich Arabisch.« Er verstummte. »Ich glaube nicht, dass unsere Leute, wenn sie es gekonnt hätten, jemand anderes zu ihrem Führer gemacht hätten. Wir waren die Herrschaft«, stellte er fest und fügte dann etwas trotzig hinzu: »So war das eben.« Er verstummte erneut. »Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir sprachen Französisch, meine Brüder und ich gingen auf das französische Gymnasium in Tanger. Wir kannten die französische Kultur von frühster Kindheit an, schätzten sie auch, im Gegensatz zu unseren Leuten in der Stadt und den Dörfern. Aber es war nicht unsere Kultur. Wir waren Marokkaner, wir hatten unsere eigene Kultur. Wir kannten viele Pieds noirs«, er sah den verständnislosen Blick von Capitaine, »in Nordafrika geborene Franzosen. Wir verkehrten freundschaftlich mit ihnen, aber sie waren Franzosen, wir Marokkaner. Wir schätzten ihre Kultur, aber sie waren keine Landsleute. Sie waren Ausländer, die teilweise seit mehreren Generationen mit uns zusammenlebten.«

Er schwieg eine Weile bis Capitaine fragte: »Und Grand Maghreb?«

Der Maghrebiner hob den Kopf, seine Augen blitzten und in seiner Stimme klang kaum verhaltener Zorn: »Grand Maghreb? Glauben Sie, irgendein Marokkaner, Tunesier oder Ägypter käme auf so eine Idee?«

Capitaine zuckte unschlüssig die Schultern: »Nicht? Wer dann?« Der Maghrebiner schnaubte unwillig: »Nach der französischen Kapitulation 1940 sind viele Franzosen nach Marokko, Algerien und Tunesien ausgewandert. Die meisten kamen nicht zu uns, weil sie bei uns leben wollten. Sie wollten nicht in ihrem von Deutschen besiegten Land bleiben und es gab bereits vorher viele Pieds noirs, die sich bei uns häuslich niederließen. Der Aufruf von diesem Spinner de Gaule hatte sie hoffen lassen …«

»Charles de Gaule? Dieser französische Aufwiegler? Die Radioansprache vom Juni 1940 aus London?«, fragte Capitaine nach.

Der Maghrebiner nickte. »Ja, der Aufruf aus den Kolonien, weiterzukämpfen. Diese Spinner glaubten, sie könnten den Kampf gegen Deutschland weiterführen. Die Franzosen, die 1940 zu uns kamen, hatten sich unser Land als Ausgangsbasis ausgesucht. Dass de Gaule im gleichen Jahr von Landsleuten ermordet wurde, nahm dieser Einwandererwelle den Wind aus den Segeln. Aber nach der französischen Wiedervereinigung …«

»1956?«, warf Capitaine ein. Der andere nickte: »Nachdem sich die beiden französischen Staaten augenscheinlich gut entwickelten, in der deutschen Wohlstandssphäre fett wurden und sich wiedervereinigten, schwappte eine neue, wesentlich größere Welle zu uns herüber. Und diese Leute kamen nicht, um zeitweilig eine Operationsbasis zu haben. Sie kamen, um zu bleiben.« Er schwieg gedankenverloren. »Sie waren überall und das ging nicht ohne Reibereien. Es kam hier und da auf dem Lande und in kleinen Städten zu Ausschreitungen. Wer wem was getan hatte war meistens nicht so genau zu rekonstruieren. Auf jeden Fall griffen beide Seiten schnell zu den Waffen. Die in der Hoffnung auf eine Rückeroberung Frankreichs Gekommenen hoben ihre heimlichen Waffendepots aus, diejenigen, die sich eine neue Heimat erhofften, verteidigten, was sie als ihr Recht zu bleiben ansahen. Die Unruhen wurden schlimmer und schlimmer. Und dann stellten sich die freifranzösischen Milizen, die zwar seit ihrer Flucht nach Nordafrika inaktiv, aber nicht aufgelöst waren, der marokkanischen Regierung als Ordnertruppen zur Verfügung. Die Regierung ging arglos auf das Angebot ein und hatte auf einmal kampfgestählte, wenn auch anfangs etwas eingerostete, gut bewaffnete Eingreiftruppen zur Verfügung. Es war der unausgesprochene Teil der Vereinbarung, den die Regierung vielleicht nicht erkannte und der Marokko in den Abgrund zog.«

Capitaine schaute fragend.

»Die Ordnertruppen schürten die Verbitterung derjenigen, gegen die sie eingesetzt wurden. Und es sprach sich sehr schnell herum, dass Franzosen und Pieds noirs von den Truppen nichts zu befürchten hatten. Die Ausschreitungen wurden schlimmer und schlimmer, die Freifranzosen griffen immer härter durch. Das trieb einen Keil zwischen die marokkanische Bevölkerung und die französischsprachige Oberschicht.«

»So wie ihre Familie?«

»Wie meine Familie … Wobei, meine Familie zerbrach daran, dass wir uns nicht alle von den Franzosen vereinnahmen ließen.« Ein Blick auf sein Gesicht ließ klar erkennen, auf welcher Seite er stand, als er weitersprach: »Die Regierung stützte sich immer stärker auf die Einwanderer, teils aus Not, teils weil man sich den dummen Felachen aus den Dörfern überlegen fühlte. Parlez français, c‘est plus chic, sagte man damals.

Irgendwann waren die gut ausgebildeten und gut bewaffneten Franzosen eine wesentliche Stütze des Staates geworden und es war zu dieser Zeit, dass die Idee für Grand Maghreb aufkam: ganz Nordafrika vereinen und dann von dort aus einen Gegenentwurf gegen das verhasste Deutschland starten. Das war der offizielle Teil, das, was man überall lesen konnte. Aber die bewaffneten Milizen und ihre Kontakte in Verwaltung und Armee sahen ihre Ausrichtung gegen Deutschland auch weiterhin als militärisches Ziel an.«

»Und die anderen Länder?«

»In Marokko, Algerien und Tunesien hatte sich die Situation ungefähr zeitgleich entwickelt. Man verstand sich unter Franzosen, man hatte dieselben Ziele. Und so wurde Grand Maghreb gegründet. Libyen und Ägypten schlossen sich später an. Aber ich kenne keinen Maghrebiner, keinen echten Maghrebiner, der diesem Gebilde etwas abgewinnen kann.«

Capitaine nickte nachdenklich: »Und die gelegentlich in Europa einfallenden Freifranzosen …«

»… sind nichts anderes als Teile der Armee, der Polizei und Freiwillige, die in Grand Maghreb geworben werden. Die Regierung drückt beide Augen fest zu und hält die Kämpfer nur dazu an, wenigstens keine offiziellen Uniformen zu tragen.«

Capitaine lauschte interessiert den Ausführungen des Maghrebiners. Er schien recht gut informiert über einige Aspekte insbesondere militärischer Art, trug aber zu dieser Diskussion und anderen über Nordafrika relativ wenig bei.

Sobald es um den Krieg 1939/1940 in Europa ging, wurde er lebendiger; nicht gerade gesprächig, aber man merkte ihm an, dass er dazu eine dezidierte Meinung hatte, dass seine Argumente von einer gewissen Deutschfreundlichkeit geprägt waren. Insbesondere die Kampagne im Westen schien ihn zu interessieren.

So horchte er sichtlich auf, als der Maghrebiner eines Tages Dünkirchen erwähnte. Was denn an Dünkirchen so besonders wäre. Der Maghrebiner schüttelte den Kopf: »Nichts ist daran besonders. Das hat den Franzosen und Engländern den Nagel in die Truhe gehauen. Aber ich frage mich immer wieder …« Er verstumme.

Nach einer kurzen Weile sagte Capitaine nach einem Schluck Kaffee: »Was fragen Sie sich immer wieder?«

Der Maghrebiner zögerte etwas, lächelte leicht verlegen: »Stellen Sie sich einmal vor, die Deutschen wären nicht sofort auf Dünkirchen marschiert.«

Capitaine schaute verständnislos: »Wie, nicht sofort auf Dünkirchen marschiert?«

»Stellen Sie sich vor, sie hätten den Angriff gestoppt. Einfach so.«

Capitaine zuckte verständnislos die Schultern: »Sie sind doch aber ohne Halt sofort auf Dünkirchen vorgestoßen und haben die Engländer alle eingesackt!«

»Jaja«, antwortete der Maghrebiner schnell, »aber stellen Sie sich vor, sie hätten eben den Kessel nicht sofort zugemacht. Sie hätten, sagen wir mal, eine Woche oder zwei gewartet, bevor sie ganz bis an die Kanalküste vorgestoßen wären.«

Capitaine machte eine wegwerfende Bewegung: »Warum hätten sie das tun sollen? Warum einen fast erledigten Gegner entschlüpfen lassen, wenn man alle Trümpfe in der Hand hat?«

Der Maghrebiner antwortete: »Nur um zu argumentieren, aus Spaß an der Überlegung.«

»So verrückt hätte damals niemand sein können. Niemand hätte damals den Angriff auf Dünkirchen gestoppt. Nicht einmal der Führer hätte das befohlen und er hatte weiß Gott gelegentliche Aussetzer.«Beide Männer grinsten verstehend, denn auch wenn der Neuordner Europas Unglaubliches erreicht hatte, es wäre dem größten Feldherrn aller Zeiten, wie er sich zu Zeiten nennen ließ, sicher zuzutrauen gewesen, seinen Generälen einen sicheren Sieg aus der Hand zu schlagen, nur weil er es meinte besser zu wissen. Die Propaganda hatte hart daran gearbeitet, den Führer als unfehlbar hinzustellen, aber über die Jahre war sich jeder, der es wissen wollte, bewusst geworden, dass es neben Geniestreichen im Schaffen des Führers auch katastrophale Fehleinschätzungen und geradezu okkult anmutenden Irrsinn gegeben hatte.

»Also gut, meinetwegen«, sagte Capitaine konziliant, »nehmen wir an, die britische Expeditionary Force und die Franzosen wären in Dünkirchen nicht in Gefangenschaft gewandert. Dann – was?«

Der Maghrebiner überlegte: »Mit ihrer Armee wieder zu Hause, hätten sich die Briten vielleicht noch einmal aufgerafft, hätten vielleicht den Krieg weitergeführt, hätten vielleicht eine Invasion in Frankreich oder Holland gewagt.«

»Unmöglich!« Capitaine schnaubte. »Nach Narvik? Nach dem Debakel in Frankreich und einem schmählichen Rückzug auf ihre Insel? Nie! Selbst wenn die Engländer in Dünkirchen davongekommen wären, sie hätten sich nicht mehr aufgerappelt.«

Der Maghrebiner wiegte das Haupt: »Sie hätten eine Invasion in Holland wagen, sich mit den Freifranzosen in Nordafrika verbünden können.«

Capitaine lachte ironisch: »Ja sicher, und was denn noch alles? Als Nächstes werden Sie behaupten, die Amerikaner wären den armen Engländern auf ihrer Insel und den bedrohten Völkern in Europa zu Hilfe gekommen, die Russen hätten ihren Pakt mit den Deutschen gebrochen und mit allen anderen gemeinsame Sache gemacht, um die bösen Deutschen niederzuringen. Sie müssen zugeben, das klingt irre.«

Der Maghrebiner grinste etwas geniert »Ja, ich weiß schon, Hirngespinste.«

Sie tranken beide weiter ihren Kaffee.

Einige Wochen später kamen sie auf den deutschen Osten zu sprechen. Der Maghrebiner erwähnte die immer und immer wieder gehörten Argumente. Nur der Friedensschluss im Sommer 1940 mit England und Frankreich habe es den Deutschen erlaubt, 1941 so schnell nach Osten vorzudringen, dass den Russen bis zum Ural keine organisierte Verteidigung mehr möglich gewesen war. Auch hier lachte der Maghrebiner und wollte sich darüber unterhalten, was gewesen wäre wenn. Wenn die Bolschewiken dem deutschen Ansturm standgehalten hätten, wenn sie Moskau gehalten oder wiedererobert hätten. Oder wenn sie wenigstens hinter dem Ural in Sibirien ihr kommunistisches Reich neu hätten errichten können. Wenn sie sich nicht in immer neuen temporären Zusammenschlüssen unter immer neuen Khanen gegenseitig bekämpft hätten. Wenn sie am Ural zum Stehen gekommen wären.

Capitaine sagte lange nichts. Der Maghrebiner schaute ihn abwartend an, herausfordernd; er erwartete eine Erwiderung, dass das doch Unsinn sei, um danach seine Theorien ausbreiten zu können. Doch Capitaine sah auf: »Darüber sollten wir nicht sprechen.«

Der andere schaute verwundert. »Allez, Capitaine« – auf diese Anrede hatten sie sich geeinigt – »es ist ein Gedankenspiel, nichts weiter, kommen Sie.«

Capitaine schüttelte den Kopf. »Nein, ist es nicht. Ich will nicht. Ich … Nein, lassen Sie es.«

»Kommen Sie schon, seien Sie nicht so«, der Maghrebiner hatte sich in Eifer geredet, hatte herübergelangt und seine Hand auf den Unterarm von Capitaine gelegt, »was ist denn schon dabei …«

Capitaine fuhr auf, schrie: »Je m‘en fous de vos théories à cinq balles! Ich pfeife auf ihre billigen Theorien!« Schwer atmend stand er da und funkelte den Maghrebiner wütend an.

Der war zurückgezuckt, völlig überrascht von diesem Ausbruch. »D‘accord, d‘accord«, murmelte er beruhigend, »ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.«

Immer noch aufgebracht, aber etwas ruhiger, setzte sich Capitaine wieder, sah dann zu dem verdatterten Maghrebiner hinüber und sagte eisig: »So, Sie wollen also über den deutschen Osten sprechen. Geschichten erzählen, die nie stattgefunden haben.«

Der Maghrebiner machte beschwichtigende Gesten, nein, nein so habe er das nicht gemeint.

Aber Capitaine sah ihn unverwandt an: »Wenn Sie unbedingt eine Geschichte haben wollen, die nicht stattgefunden hat, dann kann ich Ihnen eine erzählen. Nur ersparen Sie mir Ihr Spintisieren.« Und während der Maghrebiner etwas verlegen auf seinem Stuhl herumrutschte begann Capitaine zu erzählen:

»Es war in Hartmannstadt an der Medritz im Sommer 1982 …«

Eins

1982, Hartmannstadt an der Medritz

Reuter rekelte sich genüsslich und tastete sich, ohne die Augen richtig zu öffnen, in die Küche vor. Klick – Wasserkocher. Während er noch seinen Traum träumte, schaltete sich der Kocher leise schnappend ab. Zwei Löffel Kaffeepulver. Wasser darauf. Kühlschrank auf. Milch rein. Der Kühlschrank riecht schon wieder, muss ihn demnächst mal ausräumen.

Schlaftrunken schlurfte er durch das riesige Wohnzimmer, öffnete die mannshohen Fensterläden und trat auf die Terrasse, in die ersten Strahlen des Morgenlichts. Er genoss die Wärme auf seinem ganzen Körper und beschloss, dass dies ein guter Tag werden würde. Dann öffnete er langsam die Augen, um die endlose Weite der reifen Kornfelder in sich hineinzutrinken, diesen erhebenden Anblick des unendlichen Ostens, dreißig Meter entfernt auf dem Feld, einen Traktor mit Anhänger, einen Aussiedler, der ihn mit weit offenem Mund vom Drescher herab anstarrte.

Um den Anhänger stand eine kleine Gruppe Erntehelfer, Jungens und Mädels des Arbeitsdienstes. Die Mädchen kicherten hinter vorgehaltener Hand miteinander, eine deutete mit der Hand auf ihn, die Burschen breit grinsend.

»Guten Morgen, Sturmbannführer!«, rief einer von ihnen herüber; Kunz, der Sohn eines SS-Bauern und der örtliche Jugendführer.

Reuter überlegte kurz, wie er sich eine harmlose Note geben konnte, entschied, dass es nicht möglich war, und rief zurück: »Nicht Maulaffen feilhalten, Kunz, schaff was!« Er winkte zurück, musterte das letzte Quäntchen Würde, das er in sich hatte, und dreht sich nicht zu schnell um, wohl wissend, dass damit die ganze Gesellschaft auch seine Kehrseite zu sehen bekam. Mit zwei energischen Schritten verschwand er im rettenden Rechteck der Terrassentür und lehnte sich gegen die Wand. Er hatte sich vor aller Augen nackt im Sonnenlicht gerekelt, das war schon peinlich. Er musste grinsen. Zumindest hatten die Mädels was zu lachen gehabt.

Er ließ seine Gedanken müßig in die Vergangenheit schweifen, als er selber Erntehelfer gewesen war. Wie hatte sich alles in den letzten dreißig Jahren verändert; nichts war mehr wie damals. Nicht er, nicht das Ostland, das sie damals nur halb im Scherz den Wilden Osten genannt hatten. Er erinnerte sich nur zu gut an das abenteuerliche Gefühl, mit dem sie von den Bänken der Schulen und der Universitäten im Sommer nach Osten gerattert waren, die Güterwaggons unbequem und zugig, aber die Stimmung hervorragend. Jeder hatte seine eigenen Gründe Jahr für Jahr dabei zu sein, den Erntedienst anderen Diensten vorzuziehen: Einen sorglosen Spätsommer ohne Paukerei erleben; eine Alternative zu den Sommerkursen der Wehrmacht oder schlicht den endlosen Offiziersanwärterkursen, den Reservisteneinsätzen an der Ostfront entgehen. Etwas Geld verdienen und Punkte sammeln, um noch etwas länger Studienunterstützung zu erhalten. Die Aussicht auf viel Zeit im Freien mit Freunden, wohl gelegentlich auch die Aussicht auf ein kleines Abenteuer mit einer Helferin in der Lagerfeuerromantik der Zeltstädte … Reuter pfiff vergnügt vor sich hin: …von der Lore, von der Dore, von der Trude und Sophie, von der Lene und Irene, von der Annemarie … Man vergaß die alten Gassenhauer nicht. Und die erste Liebe beim Arbeitsdienst im Ostland auch nicht. Carine hieß sie, eine Französin aus Bordeaux, die in Leipzig Medizin studierte. Wallend lange blauschwarze Haare, dunkle Haut und fast schwarze Augen. Carine mit ihrem hinreißenden französischen Akzent, den sie auch nach Jahren in Deutschland nicht verloren hatte. Ja, es hatte sicher so viele Gründe gegeben, als Erntehelfer zu arbeiten, wie es Erntehelfer gegeben hatte. Die Zeltstädte waren jedes Jahr Mitte Juli wie Pilze aus dem Boden geschossen.

Der neue Stand der Ostlandbauern konnte zwar das Land unter den Pflug nehmen, wie es die Parteibroschüren immer so schön nannten, jedoch war es zu Reuters Zeiten als Helfer noch nicht möglich gewesen, die Hunderttausende Erntehelfer in festen Behausungen unterzubringen. Jeder Großbauer oder jede Genossenschaft hatte aber für ihre Helfer Unterkünfte in Zeltstädten zu stellen. Anfangs hatten einige Genossenschaften versucht, hier Geld und Mühe zu sparen. Da die Helfer sich den Einsatzort nicht aussuchen konnten, kam es wiederholt zu Streitigkeiten, in der die SS-Bauern oft zu ihrer Verbitterung den Kürzeren zogen. Als es in einigen Bezirken jedes Jahr aufs Neue zu Ausschreitungen kam, sah sich die Verwaltung des Arbeitsdienstes gezwungen, Auflagen zu erlassen und Mindestvoraussetzungen vorzuschreiben.

Spätestens jetzt merkten einige Genossenschaften, dass es auf Dauer billiger war, halb offene Gebäude zu errichten, die im Sommer den Helfern als Unterkunft dienten und im Winter als Geräteschuppen zum Einsatz kamen. Als kurz darauf die Lockerung der festen Entsendungen begann und sich die Erntehelfer aussuchen konnten, wohin sie geschickt wurden, setzte ein wahrer Wettlauf ein. Angenehme Unterkünfte wurden erstellt, um möglichst viele Helfer anzuziehen, bis die Behausungen sich schließlich nur noch dadurch, dass sie einstöckig waren, von Kasernen oder Jugendherbergen unterschieden.

Reuter hatte noch die Zeltstädte erlebt, lange Reihen hellgrauer Zwanzigmannzelte mit endlosen Lagergassen und Feldküchen. Dazwischen, unter riesigen aufgespannten Zeltbahnen, Freiluftspeisesäle und -gemeinschaftsräume mit Trestertischen und –bänken. Das war unermessliche Freiheit, trotz der harten Arbeit abends mit Freunden zu singen, am Feuer zu sitzen oder sich heimlich an einem verschwiegenen Ort mit seinem Schatz zu treffen, weit weg von den verstaubten Moralvorstellungen der Eltern und der Partei, nur zu zweit unter dem endlosen weiten Himmel.

Und dieses Leben im Freien, die Gemeinschaft bei der Arbeit, die Kameradschaft mit Fremden die zu Freunden wurden, das Gefühl der Stadt zu entkommen und abends zusammenzusitzen, zu reden, zu singen und zu trinken, die Erinnerung an all dies hatte ihn schließlich bewogen, Jahre später die Beförderung und Versetzung nach Hartmannstadt anzunehmen und nicht den Staatsdienst als Polizist zu quittieren.

Unwillig schüttelte er den Gedanken ab, überquerte den breiten kühlen Flur und betrat das Badezimmer, bevor ihn auch noch die Zugehfrau im Adamskostüm erwischte. Die Woche Urlaub in Schwaben hatte ihm gutgetan, aber nun war er wieder im Ostland und die Arbeit als Bezirksleiter des Bezirkes Hartmannstadt türmte sich sicher schon wieder auf seinem Schreibtisch. Naja, die Müdert würde es schon irgendwie vorsortiert haben. Sie machte das ausgezeichnet.

Die jungen Leute hatten sich inzwischen ausgekichert und getuschelt.

»Ist kein unebener Bursche, der Reuter!«, meinte Kunz grinsend zu einem Arbeitsdienst-Mann. »Sollte nur vielleicht seine Uniform anziehen, bevor er ausgeht!«

Rundum feixten die Burschen.

»Aber kalt wie ‘ne Hundeschnauze.«

»Der Herr Sturmbannführer ist in Ordnung, den lasst mal!«, rief der Aussiedler von seinem Mähdrescher herab. »Na dann woll‘n wir mal!«

Die Maschine setzte sich dröhnend in Gang, schnitt, trennte die Spreu vom Weizen und pustete das Ährengold in den hinterherkriechenden Anhänger.

Wenig später betrat Reuter den langen linolbedeckten Korridor der Behörde. Warum im ganzen Reich alle Behördenkorridore ausgerechnet in diesem einfallslosen Grauton ausgelegt werden mussten, würde ihm stets schleierhaft bleiben. Auch das leicht eierschalene Weiß der Wände war ihm zur Gewohnheit geworden, zur lieben Gewohnheit aber eher nicht.

Es war noch sehr früh morgens und er freute sich wie immer darauf, in aller Ruhe den Tag vor sich ausgebreitet zu sehen, abzuwarten wie er sich entwickelte. Nur selten traf er morgens andere Kollegen und wenn er Kollegen sah, versuchte er, so schnell und unauffällig wie möglich auszuweichen, um diese besondere Stunde für sich zu bewahren.

Er starrte in das schwärzliche Braun in seiner Tasse. Vorsichtig, um nichts von der heißen Flüssigkeit zu verschwappen, nahm er die Tasse aus dem Automaten und lehnte sich an die Wand. Wie jeden Morgen starrt er dabei das große Plakat an der gegenüberliegenden Wand an: Warum bist DU bei der SS? In schreiendem Rot die Lettern, darunter ein fetter Zeigefinger, der auf den Leser deutete. So eindeutig für den Grafiker die Antwort wohl sein musste, war sie doch weder für Reuter noch für seine Kollegen so leicht zu fassen. Natürlich war ihm die Grundidee der SS in endlosen Sitzungen, Lehrgängen und Weiterbildungen immer wieder eingetrichtert worden. Moralisch besonders gefestigte Menschen, die im völkisch noch ungesicherten Osten an vorderster Front als Soldaten, Polizisten, insbesondere aber auch Parteigenossen den neuen nationalsozialistischen Menschenschlag darstellten, als Vorbild und Schutzschild für die Siedler das neue Deutschland schufen und gleichzeitig sein moralisches und sicherheitspolitisches Korsett stellten.

So weit die Theorie.

Reuter war sich bewusst, dass er keineswegs so ein Fall war, auch dass diese Definition sicher nur auf einen winzigen Teil der Männer und Frauen der SS im Ostland anwendbar war. Er war Polizeibeamter, Kriminalbeamter mit Leib und Seele. Er war auch Parteimitglied aus Überzeugung, weil es wohl sehr schwierig gewesen wäre, überzeugt einen Staat zu schützen, jedoch nicht seiner stärksten, seiner treibenden Kraft anzugehören. Außerdem spielten Karriereüberlegungen eine gewichtige Rolle bei der Frage der Parteimitgliedschaft.

Dennoch war es Reuter während seiner Zeit bei der Kriminalpolizei in Stuttgart nie in den Sinn gekommen, eine Versetzung zur SS zu beantragen. Er mochte die Verwaltungsund kriminalistische Arbeit zu sehr, um für die manchmal sehr verbohrten Aufträge der SS bereitzustehen. Das übertriebene Parteiliniengebell hielt ihn davon ab, die immerhin recht ansehnlichen Vorteile der SS-Angehörigkeit und die interessanteren Teile ihrer Arbeit genauer unter die Lupe zu nehmen.

Mit seiner freiwilligen Zwangsversetzung in den Osten blieb ihm jedoch nur diese Wahl übrig: Entweder Ordnungs- und Kriminalpolizei; das hieß im Osten SS oder allgemeiner Verwaltungsdienst ohne Befugnisse und dort eine der unteren Chargen. Da alle ordnungs-, schutzpolizeilichen und wehrtechnischen Aufträge im Osten in Händen der SS lagen, war ihm die Entscheidung leicht gefallen. Zu sehr reizten die schwierigen polizeilichen Aufgaben im Bezirk Hartmannstadt an der Medritz; zudem konnte ihm nach der Wegbelobigung aus Baden-Württemberg etwas mehr Parteikonformität sicher nicht schaden, um seine Personalakte wieder aufzubessern. Die höheren Bezüge, die im allgegenwärtigen Modder im Ostland doch sehr praktischen Uniformenzugstiefel – die schmucken kniehochen Schaftstiefel, die als das Symbol der Offizierswelt schlechthin galten – und das SS-Ordensband, das im Knopfloch getragen dem Ordensband des Großen Verdienstkreuzes und des Goldenen Frontkämpferzeichens zum Verwechseln ähnlich sahen, hatten ihn auch nicht gerade abgestoßen. Alles in allem gute, nachvollziehbare und nicht verwerfliche Gründe; in ihrer Gesamtheit aber doch Lichtjahre entfernt von denen, die vor sechzig Jahren die Gründungseinheiten der SS beseelt hatten.

Nun ja, die Bewegung hatte sich eben auch fortentwickelt, war wie ihre Gründer älter, bequemer, bürgerlicher und duldsamer geworden. Das konnte man natürlich nicht vom Führer selber sagen, der war seiner Linie bis zu seinem Tode treu geblieben. Aber bereits unter seinem Nachfolger Hess, der sich aus Respekt vor Hitler nur Reichskanzler nennen ließ, hatte eine Veränderung eingesetzt. Viele der Kämpfer der ersten Stunde hatten sich in den Fünfziger- und Sechzigerjahren aus dem Tagesgeschehen zurückgezogen und jüngere Menschen, die den viel beschworenen flammenden Zorn der ersten Generation gegen die Folgen des Krieges 1914/1918 nur aus Geschichtsbüchern kannten, waren nachgerückt. Auch sie waren Nationalsozialisten, aber aus der harten, kampffreudigen, hochfahrenden Bewegung war eine nur noch hochfahrende staatstragende Klasse geworden, die eifrig die errungenen Pfründe verteidigte, viele der alten Parolen zwar noch im Munde führte, aber ansonsten rasch verbürgerlichte. Kampfmutig, wenn es sein musste, aber kampffreudig sicher nicht mehr.

Während diese Gedanken sich langsam durch sein Gehirn wanden, schlürfte er seinen Kaffee und registrierte verstimmt, dass er wieder einmal einen Tropfen auf seine Uniformjacke hatte fallen lassen. Nur gut, dass er seinen Kaffee schwarz trank, der Fleck war so gut wie unsichtbar. Er überlegte kurz, entschied sich dann gegen eine dritte Tasse und stellte sie in den Ausguss.

Erneut durchquerte er die ganze Länge des Korridors, öffnete die leicht angelehnte Tür seines Büros und starrte auf die Aktenstapel auf seinem Schreibtisch. Wie jedes Mal erstaunte ihn der Anblick der Berge von Bindern – das Lieben, Hoffen und Versagen, die kleinen Übertretungen und die großen Verschwörungen und Verbrechen, die Leben der Menschen reduziert auf gebrochen weißes Papier in hellblauen und dunkelrosa Aktenbindern. Jeder Vorgang erfasst, katalogisiert, mit Dutzenden Stempeln versehen und auf den Rechtsweg geschickt. So gesehen verstand Reuter Menschen, die seine Arbeit für die wohl langweiligste der Welt hielten. Was wussten sie schon von diesem feinen Kribbeln in der Magengrube, mit dem ihm eine Akte in der Mitte des Stapels auffiel, die durch nichts sonst von der darunter oder darüber zu unterscheiden war. Für Reuter ein ganz klares Anzeichen, dass hier eine Akte war, die seiner besonderen Aufmerksamkeit bedurfte. Fleiß, Erfahrung, Arbeitseifer waren sicherlich alles Eigenschaften, die ihm zugutekamen; was Reuter von durchschnittlichen Beamten unterschied war jedoch genau dieser Instinkt, die Intuition, fast schon ein physisches Gefühl für Vorgänge, die etwas Besonderes waren, die bearbeitet werden mussten, die aus dem Stapel heraus stachen. Und noch viel weniger war es anderen Menschen zu erklären, wie ihn das Jagdfieber überkam, wenn ihm wieder eine solche Akte in die Hand fiel. Wohl konnte ihn die Arbeitslast davon abhalten, die Akte an Ort und Stelle zu sezieren; er legt sie dann beiseite. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit jedoch versenkte er sich in die Lektüre, um den Grund des Kribbelns herauszufinden.

Fast liebevoll sah er auf einen Binder auf der Fensterbank, vielleicht fünfzig Seiten dick, rosa Einband, unscheinbar. Doch weigerte er sich seit über einer Woche sein Geheimnis preiszugeben; für Reuter war diese Sorte Akte ein Leckerbissen und eine Folter zugleich. Er wandte sich der nächsten Akte zu.

Das Ostland ist erwacht!

Reuter starrte wütend auf den Zeitungsausriss. Umso mehr, als er sich so etwas hätte denken können. Ja, er hatte fast schon gewusst, dass Geinitz die Gelegenheit nutzen würde. Aber eben nur fast. Wieder einmal hatte er auf den Anstand vertraut und wieder einmal war er damit reingefallen. Diese Parteilakaien kannten keinen Anstand. Nicht Kreaturen wie Geinitz. Er hätte sich am liebsten selber geohrfeigt. Und er war hilflos, konnte den Fehltritt seines Stellvertreters nicht ungeschehen machen.

Wütend starrte er auf die Pressemappe, die unter anderem Auszüge aus der gestrigen Abendausgabe des Beobachters enthielt. Der Artikel war auf Seite drei, fast eine halbe Seite lang: Das Ostland ist erwacht! Die Buchstaben sprangen ihm geradezu ins Gesicht: und dann, mit einem Bild von Geinitz in Uniform, dessen Einschätzung der Lage im deutschen Osten.

Reuter wusste nicht, was ihm daran widerwärtiger war: der Vertrauensbruch durch den stellvertretenden Bezirksleiter, der die einwöchige Abwesenheit seines Vorgesetzten genutzt hatte, um als versehender Bezirksleiter an die Presse zu treten, oder die Tatsache, dass die Einschätzung Geinitz‘ falsch war und ausschließlich dem Wunsch des Hauptsturmführers entsprang, möglichst schnell eine Übernahme des Reichskommissariats in die Zivilverwaltung herbeizuführen.

Das Reichskommissariat Wolgaland ist bereit, als Reichsgau Wolgaland in die Zivilverwaltung übernommen zu werden las Reuter erneut den abschließenden Satz des Artikels. Aber es half nichts, er konnte Geinitz nichts anhaben. Sollte er ein Dienstaufsichtsverfahren ankurbeln, würden entweder Geinitz‘ Gönner in der Partei das Verfahren abbiegen und nichts wäre gewonnen oder er würde Geinitz geradezu helfen, indem er aus der SS-Verwaltung entfernt würde und danach dank seiner Beziehungen irgendwo in der Zivilverwaltung unterkäme. Besser war, die Finger davon zu lassen.

Reuter widmete sich dem Aktenstapel vor sich und arbeitet systematisch ab – Unterschriften, Randvermerke, Weiterverweisungen … der übliche Amtsschimmel eines Bezirksleiters.

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