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Das Nilpferd

Inhaltsübersicht

VORWORT

EINS

ZWEI

II

DREI

II

III

IV

VIER

II

III

FÜNF

II

III

IV

SECHS

II

III

IV

SIEBEN

II

III

IV

ACHT

NEUN

II

III

IV

Anmerkungen des Übersetzers

 

Der Autor bedankt sich bei Matthew Rice für seine unschätzbare Hilfe bei den Jagdszenen. Sämtliche Ungenauigkeiten in diesem Bereich sind einzig und allein seine Schuld. S. F.

 

Der Übersetzer bedankt sich beim Forstamt Allersberg, insbesondere bei Ingo Kwisinski, für die unschätzbare Hilfe bei den Jagdszenen. Sämtliche Ungenauigkeiten in diesem Bereich sind einzig und allein seine Schuld. U. B.

 

Das wulstnackige Hippopotamus

Im Matsch auf dem Bauche ruht,

Wiewohl es so massig erscheint,

Ist doch nur Fleisch und Blut.

 

T. S. Eliot, »Hippopotamus«

VORWORT

Sie glauben doch wohl nicht, daß ein Arsch wie ich eine Geschichte ordentlich erzählt, oder? Mehr kann ich aus dieser verfluchten Maschine nicht rausholen. Ich hab den verarbeiteten Text gezählt, das mach ich einmal pro Stunde, und wenn man der Technik Glauben schenken darf, sieht es aus, als hätten Sie 603941 Zeichen vor sich. Viel Glück. Sie haben es so gewollt, Sie haben mich dafür bezahlt, Sie müssen da jetzt durch. Wie heißt es so schön: Ich habe für meine Kunst gelitten, jetzt sind Sie dran.

Ich will nicht behaupten, daß es eine durch und durch groteske Erfahrung war. Das Projekt – da Sie auf dem Begriff bestehen – hat mich davon abgehalten, mittags zu trinken, unerreichbaren Frauen hinterherzusabbern und mit den Unsäglichen nebenan zu streiten. Auf Ihren Vorschlag hin habe ich in diesen sieben Monaten ein mehr oder weniger geregeltes Leben geführt und habe gehört, der Gewinn lasse sich an Teint, Taille und dem Weiß meiner Augen ablesen.

Der Tagesablauf war immer gleich und auf perverse Weise wohltuend. Jeden Morgen bin ich um die Zeit herum aufgestanden, wo die meisten anständigen Leute an den letzten Kurzen vorm Insbettgehen denken, habe geduscht, bin leichten Schrittes die Treppe hinuntergegangen, habe mich durch eine Schale Bran Buds gemampft und meine widerspenstigen Pantoffeln gen Arbeitszimmer gelenkt. Ich schalte den Computer ein – eine Prozedur, die mein Sohn Roman »die Matrizen laden« nennt –, glotze mit angeekelten Augen auf den Stuß, den ich am Abend zuvor verzapft habe, höre mir noch ein paar von den verdammten Interviewbändern mit Logan an, zünde mir eine Rothmans an und mach dann weiter mit dem Scheiß. Wenn der Tag gut läuft, verschwinde ich nach oben, um das mit einer kleinen Masturbation zu feiern – was Roman zweifellos »auf die Matratzen entladen« nennen würde –, und bis gegen sieben denk ich nicht mal an eine Flasche. Alles in allem ein stolzes und reines Leben.

Das Problem, wenn man ein Haus auf dem Lande mietet, ist, daß alle Welt einen plötzlich besuchen will. Ununterbrochen muß ich Oliver, Patricia, Rebecca und andere abwehren, die meine Zeit für grenzenlos und meinen Keller für unerschöpflich halten. Dann und wann verklappt das Biest hier einen Sohn oder eine Tochter übers Wochenende, aber beide sind groß genug und häßlich genug, um auf sich selbst aufzupassen, und brauchen meine Hilfe nicht, wenn sie sich einen Joint drehen oder ihre Lockenwickler befestigen. Nächste Woche zieht Leonora in das Haus ein, das ich ihr überlassen und womit ich sie endgültig vom Hals habe. Sie ist viel zu alt, um wie eine Klette an mir zu hängen.

Nein, ich würde sagen, unterm Strich war das Ding ein voller Erfolg. Als Prozeß, meine ich, als Prozeß. Ob das Produkt nun etwas taugt, müssen naturgemäß Sie entscheiden.

Mir ist völlig klar, daß noch einiges retuschiert werden muß. Vermutlich werden Sie eine Entscheidung treffen, ob ein einheitlicher Point of View hergestellt werden soll oder nicht ... ein durchgängiger Erzähler in der dritten Person, ein allwissender Autor, Innenperspektive oder Außenperspektive – der ganze literaturwissenschaftliche Scheiß. Da die Hälfte aus Briefen besteht, können Sie immer noch hier was schniegeln, da was bügeln und das Ganze einen Briefroman nennen, oder?

Mein Lieblingskandidat für den Titel ist Die Lyrik anderer Leute, aber ich werde die Befürchtung nicht los, daß Ihre schmierigen Vertriebsleute das für einen Tick zu louismäßig halten. Für mich ist es der beste Titel, der einzige Titel. Also egal, was für eine billige Alternative Sie sich zusammenfantasieren, für mich wird dieses Buch immer Die Lyrik anderer Leute heißen und nicht anders. Ihr Vorschlag Was jetzt? oder Na und? oder wie immer das ging, klingt mir zu sehr nach Joseph Heller und schielt zu sehr auf die Marktchancen, wie die Phrase, glaub ich, lautet. Sonst gefällt mir Der Thaumaturg ganz gut; das wäre mein Einsatz auf Platz. Bestimmt werden Sie mit einer eigenen Klugscheißeridee aufwarten. Roman findet Whisky mit Soda ganz hübsch.

Die Einzelheiten im Folgenden entsprechen in aller Regel den Tatsachen. Wenn Sie verlegerisches Fracksausen kriegen, können Sie immer noch Namen und Daten ändern – mir doch scheißegal. Übrigens ist mit dieser Manuskriptabgabe das zweite Viertel von meinem Vorschuß fällig: Ich mach mich hier vom Acker, such mir ’ne Braut und ’ne Bar, also schieben Sie den Scheck beim Harpo rüber, wo Sie mir auch ’ne Nachricht hinterlassen und Ihre professionelle Einschätzung loswerden können, so wenig die wert ist.

 

E. L. W.

EINS

Tatsache ist, ich war gerade von meiner Zeitung gefeuert worden, irgendein rasendes Gefasel von wegen, ich hätte bei einer Premiere Beleidigungen aus dem Parkett geschrien.

»Theaterkritik sollte aus in Bedachtsamkeit gebildeten Urteilen bestehen«, hatte mein nasser Furz von einem Chefredakteur gequiekt, der noch immer von den Wellen des Gezeters und Gequengels zitterte, das Schauspieler, Regisseure, Produzenten und (wie nicht anders zu erwarten) aufgeblasene feige Tugendbolde von Kritikerkollegen per Fax und Telefon den ganzen Vormittag lang über ihm ausgekippt hatten. »Sie wissen, daß ich zu meinen Leuten halte, Ted. Sie wissen, daß ich Ihre Arbeit schätze.«

»Davon weiß ich nicht die Bohne. Ich weiß, daß Leute, die klüger sind als Sie, Ihnen gesagt haben, daß ich eine Edelfeder an Ihrer schmierigen Kappe bin.«

Ich wußte auch, daß er zu der Sorte weibischer kleiner Wichte gehörte, die man in Foyers und Theaterbars im ganzen West End in ihre Gin and Tonics blöken hört, »ich gehe ins Theater, um mich zu amüsieren«. Das sagte ich ihm ebenfalls und noch ein paar Takte.

Ein Monatsgehalt, tiefes Bedauern, die Telefonnummer einer halbseidenen Reha-Klinik, und meine Feder war wieder auf dem Markt.

Wenn Sie ein halbwegs anständiges menschliches Wesen sind, sind Sie zu Ihrer Zeit wahrscheinlich auch irgendwo gefeuert worden … Schule, Sitz im Ausschuß, Sportmannschaft, Ehrenmitgliedschaft eines Komitees, Club, Satanistengruppe, Partei … irgendwas. Sie kennen dieses Gefühl freudiger Erregung, das in einem aufsteigt, wenn man aus dem Büro des Direktors stürzt, sein Schließfach ausräumt oder die Stifthalter vom Tisch fegt. Es hat keinen Sinn, die Tatsache zu leugnen, daß wir alle uns unterschätzt fühlen: Offiziell gesagt zu bekommen, daß wir nicht mehr zuständig sind, bestärkt unser Gefühl, von einer hartherzigen Welt nicht für voll genommen zu werden. Eigenartigerweise stärkt diese Erfahrung das, was Psychotherapeuten und die Trüffelschweine in den Medien unser Selbstwertgefühl nennen, weil sie beweist, daß wir die ganze Zeit recht hatten. Es stellt sich in unserer Welt selten genug heraus, daß man bei irgend etwas recht hatte, und es bewirkt Wunder für die amour propre, selbst wenn paradoxerweise gerade unser Argwohn richtig war, daß jedermann uns sowieso für Hautverschwendung hält.

Ich bestieg die Fähre, die die überflüssige Strecke zwischen Zeitungsland und dem wahren London befährt, und sah zu, wie das Gebäude des »Sunday Shite« in die Höhe wuchs, als wenige Knotenlängen zwischen uns und die düsteren Docklands gebracht wurden, und weit davon entfernt, Trübsal zu blasen oder mir verarscht vorzukommen, schwoll große Erleichterung in mir, und Fröhlichkeit wie vor den großen Ferien stieg in mir auf.

Zu solchen Zeiten, und nur zu solchen Zeiten, kann eine Tochter ein wahrer Segen sein. Da es inzwischen halb eins war, würde Leonora sich schon ihren Weg in den Harpo Club gestöckelt haben. Wahrscheinlich wissen Sie, welchen Laden ich meine – den richtigen Namen kann ich nicht nennen, Anwälte sind nun mal Anwälte –, Drehtüren, große Bar, bequeme Sessel, Restaurants, im großen und ganzen erträgliche Kunst an den Wänden. Tagsüber clevere Verleger und was man früher so Mediahedin nannte; nachts der letzte Keucher der gestrigen Boheme von Soho und angespülter Schwipsträger, die in dem Privileg Trost suchen, vom ersten Keucher der morgigen Ration aufgesogen zu werden.

In der hinten gelegenen Bierstube umarmte, becharmte und beschrillte mich Leonora – nicht gerade mein Vorschlag, ein Name, der Ihnen alles Nötige über die läppische Mutter des Kindes verrät.

»Daddee! Was bringt denn dich schon im Tageslicht hierher?«

»Wenn du deine glitschige Zunge aus meinem Ohr nimmst, erzähl ich’s dir.«

Wahrscheinlich dachte sie sich, daß eine ein wenig berühmte Tochter und ihr noch ein wenig weniger berühmter Vater, die auf solche Weise ihre unbekümmerte Zuneigung bekunden, bei den bürgerlichen Angehörigen ihrer Generation mit eingeklemmtem Schwanz Neid und Bewunderung hervorriefen, die ihre Eltern alle Jubeljahre mal zum Tee in Hotels trafen und nicht im Traum daran dachten, mit ihnen in aller Öffentlichkeit zu fluchen, zu rauchen und zu saufen. Typisch die verdammte Leonora; übers ganze Land verstreut gibt es Pubs, wo drei Generationen ganz normaler Familien jeden einzelnen verschissenen Abend zusammen fluchen, rauchen und saufen, ohne je auf den Gedanken zu kommen, daß sie einfach sensationelles Glück haben, eine einfach so famos fabelhafte Beziehung zu ihren wunderbaren Daddies zu haben.

Ich ließ Rothmans und Feuerzeug auf den Tisch fallen und das Bankpolster sich aufblähen wie ein römischer Kaiser, als ich mich setzte. Der übliche Abschaum schlug die Augen nieder, als ich den Raum in Augenschein nahm. Ein paar Schauspieler, ein namenloser Haufen Werbefuzzis, die Schwuchtel, die auf Channel Four Architekturprogramme moderiert, zwei rougebeschmierte alte Schachteln, die wohl Rockstars waren, und vier Frauen an einem Tisch, von denen die eine Verlegerin war und die ich alle nach oben mitnehmen und mehr oder minder rabiat mit meinem Schwanz aufspießen wollte.

Leonora, die ich nie hatte aufspießen wollen, den Göttern sei’s gedankt in diesen unversöhnlichen Zeiten, sah dünner aus und hatte glänzendere Augen als je zuvor. Hätte ich nicht gewußt, daß es gerade out war, hätte ich angenommen, daß sie unter irgendwelchen Drogen stand.

»Was soll denn das alles?« fragte ich und griff nach einem tragbaren Kassettenrekorder, der vor ihr auf dem Tisch lag.

»Um eins mach ich ein Porträt von Michael Lake«, sagte sie. »Für ›Town & Around‹.«

»Von dem Hochstapler? Sein Getröpfel in drei Akten dünngepfiffenen Ausflusses ist der Grund, warum ich hier bin.«

»Was möchtest du damit besagen?«

Ich erklärte die Lage.

»O Daddy«, stöhnte sie. »Du bist der Gipfel! Ich hab am Montag eine Pressevorführung gesehen. Ich finde, es ist ein absolut brillantes Stück.«

»Natürlich findest du das. Und deswegen bist du eine Tratschthementippse, die sich die Zeit damit vertreibt, Dunstschwafel für snobistische Hochglanzmagazine zu rülpsen, bis eine reiche, pseudoaristokratische Tucke kommt und dich als Zuchtstute fordert, während ich mit all meinen Fehlern ein Schriftsteller bleibe.«

»Na, im Moment bist du kein Schriftsteller, oder?«

»Ein Adler in Fußriemen ist immer noch ein Adler«, verkündete ich im Brustton der Überzeugung.

»Und was machst du jetzt? Auf Angebote warten?«

»Weiß ich nicht, mein alter Schatz, aber eins weiß ich. Ich muß deine Mutter vom Hals haben, bis ich das geklärt habe. Ich bin schon zwei Monate im Rückstand.«

Leonora versprach zu tun, was in ihrer Macht stehe, und ich machte mich aus dem Staub der Bierstube, falls der Lakescheik zu früh dran war. Dramatiker stehen noch weniger als andere darüber, dich mit gutem Wein zu benetzen oder dir schlechte Haken zu versetzen, wenn der Billigmüll, den sie vor einem gutgläubigen Publikum ausgekotzt haben, als das bezeichnet wird, was er ist.

Ich setzte mich an die Bar und behielt den Spiegel direkt vor mir im Auge, der einen guten Blick über die durch die Eingangstür hinter mir Hereinströmenden gewährte.

Die Mittagsgäste zwitscherten um die Bar herum und warteten auf ihre Schnorrer beziehungsweise Gönner; der Tagesduft der Frauen und das durchs Fenster einfallende Sonnenlicht erzeugten eine Atmosphäre, die sich so sehr von dem finsteren, flackernden Nimbus unterschied, der nachts über dem Laden hängt, als würden wir uns in einem anderen Raum eines anderen Jahrzehnts einen auf die Lampe gießen. In Amerika, wo die Spelunken oft unter der Straße liegen wie die niedliche Bar in dieser grauslichen Fernsehserie, die sie tagtäglich auf Channel Four wiederholen, wird eine Tagesatmosphäre absolut verbannt. Der Schlucker, denke ich mal, soll nicht daran erinnert werden, daß es da draußen eine Welt gibt, in der gearbeitet wird, sonst bekommt er womöglich noch Schuldgefühle wegen seiner Sauferei. Genau wie für immer mehr Etepetete-Europäer gehört für Amerikaner das Trinken in dieselbe Kategorie wie Glücksspiel und Hurerei: ein Geschäft, das man im Dunkeln erledigt. Was mich angeht, ich schäme mich nicht und werde nicht in die Toskana oder Karibik ausbüchsen, um mir ohne Schuldgefühle im Sonnenlicht die Kappe vollzuschießen. Das macht mich zum Freak in einer Welt der Mittagspausen, wo die Feuer alles Vinösen mit spritzigen Mineralwassern gelöscht und die Lohen alles Herzhaften mit Balsamessig betröpfelt oder unter Decken aus Radicchio, Lollo Rosso und Eichblattsalat erstickt werden. Gott wir leben in arschparalysierend trostlosen Zeiten.

Wo wir gerade beim Designergemüse sind: Bei einem Essen für literarische Revolverfressen hat der Romancier Weston Payne mal einen Salat aus Ampfer, Ahorn und allerlei anderem Laub zubereitet, das er am Gordon Square in den Vorgärten zusammengeharkt hatte. Dieses Blattwerk hat er mit einer pikanten Sauce gewürzt und unter allgemeinem Applaus als Cimabue, Putana Vera und Lampedusa serviert. Eine widerliche kleine Nervensäge von der »Sunday Times« behauptete sogar, Putana Vera könne man bei ihm im Chelsea Waitrose kaufen. Eine Flasche Londoner Leitungswasser, das man gekühlt und kurz in einen Sodastrom gehalten hatte, wurde mit allen Anzeichen des Behagens als Aqua Robinetto weggeschlürft. Wirklich sehr angebracht. Schließlich waren Westons Romane denselben aufgeblasenen Spruchbeuteln zwanzig Jahre lang als Literatur angedreht worden, ohne daß die je Lunte gerochen hätten. Manchmal glaube ich, London ist der weltweit größte Laufsteg für Kaiser. War es vielleicht schon immer, aber in der guten alten Zeit hatten wir keine Angst auszurufen: »Du bist nackt, du dummer Arsch. Du bist splitterfatzkenackt.« Heutzutage brauchst du in Gegenwart eines brünetten Mädels von der »Sunday Times«, dessen Vater entweder ein gefeuerter Politiker ist oder ein Poetaster wie ich, bloß einen fahrenzulassen, und schon wirst du als neuer Thackeray aufgepeppt und porträtiert.

Wenn Sie jünger sind als ich, was Sie rein statistisch eigentlich sein müssen, können Sie sich nicht vorstellen, was es heißt, in die Sauf-und-Rauch-Generation hineingeboren worden zu sein. Es ist eine Sache, wenn ein Mann beim Älterwerden herausfindet, daß die nachfolgenden Generationen heruntergekommener, promiskuitiver, disziplinloser, einen ganzen Kontinent scheißignoranter und dumpfbeuteliger sind als seine eigene – die Entdeckung macht jede Generation –, aber überall um sich herum einen schleichenden Puritanismus zu spüren, Nasen sich rümpfen zu sehen, wenn man vorbeischwankt, den mitleidsvollen Ekel einer Jugend mit rosa Lungen, reinen Lebern und klaren Augen zu absorbieren, das Gefühl vermittelt zu bekommen, man habe einen Bus verpaßt, von dem einem keiner was gesagt hat, mit einem Ziel, von dem man nie gehört hat, das kann einen fast schon niederschmettern. All diese frömmelnden, tugendhaften Malvolios, die mit einem »Würden Sie uns wohl bitte entschuldigen; einige von uns haben nämlich morgen Prüfung«-Ausdruck auf ihren blassen Präfektenfressen herumstolzieren. Kotzenswert.

Anscheinend konnte der Dekoklotz auf dem Barhocker neben mir meinem Gesicht die Genervtheit ablesen, denn sie starrte mich lange von der Seite an, ohne zu merken, daß ich ihre Inspektion im Spiegel inspizierte. Sie schwang ihren knochigen, aber appetitlichen Hintern vom Hocker, pflanzte sich in einen Sessel in der Ecke und ließ mich als einzigen Besitzer der Barauen zurück, um die Erdnüsse zu ernten und die Pistazien zu pflücken. Kannte sie irgendwoher. Sieben für fünf, daß sie Kolumnen für den »Standard« schrieb. Leonora würde es wissen.

Natürlich kam der große Dramatiker zehn Minuten zu spät und schlenderte durch die Essenszone, ohne mich zu sehen. Sein Grienen verriet, daß er entweder die Gesamtheit meiner ehemaligen Kollegen gefoppt – was nicht besonders schwer ist – und für seine Greueltaten einiges an Lobpreis eingeheimst hatte oder daß er die entzückende Nachricht von meiner Entlassung gehört hatte. Wahrscheinlich beides. Er erinnerte sich natürlich nicht mehr daran, denn das tun sie ja nie, aber ich war es, der den kleinen Scheißer überhaupt erst entdeckt hatte. Das war in jenen Tagen, als ich noch jeden Abend in der Off-Szene herumlungerte und Vorstellungen von Gruppen durchstand, die Namen wie Offenes Repertoire und Geteilte Bühne hatten; in jener Zeit garantierte mein Nicken den Aufstieg vom Obergeschoß eines Pubs in Battersea zum plüschigen Dramabordell im West End. Michael Lake hatte etwas geschrieben, das in einer besseren Welt ein völlig normales Theaterstück gewesen wäre, das aber die Banalität, den Analphabetismus und das zornige Schmollen jedes einzelnen anderen Stückes, das in jenem Jahr und den fünf Jahren davor geschrieben worden war, um einiges überragte. Im Misthaufen glänzt selbst eine Glasperle wie ein Saphir. 1973 muß das gewesen sein, spätestens ’74. Inzwischen konnte der Mann natürlich nicht mal mehr seinem Milchmann einen Zettel schreiben, ohne daß der unter allgemeinen Akklamationen eine verschwenderische Inszenierung am National Theatre bekam … am Royal National Theatre, ich erbitte seine winselnde, arschkriecherische Vergebung. Die kleinen Flammen gesunder Wut und ordentlicher Leidenschaft, die in seinem Frühwerk hochgezüngelt waren, hatten eine unerträglich pompöse »Wohin treibt die Nation«-Feierlichkeit und völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Publikum oder dem Sinn für das Theater längst ausgepißt. Als Angehöriger einer Generation, die den bestimmten Artikel verachtet, hätte er natürlich von »völliger Gleichgültigkeit gegenüber Publikum oder Theatersinn« gesprochen, als wäre Publikum ein formloser Begriff und kein lebendes Gewirr sich räuspernder, hin und her rutschender Menschen und Theater ein intellektuelles Konzept bar jeder Verbindung mit Schauspielern, Bühnenbild, Scheinwerfern und Holzbrettern. Ihm doch egal, daß Theater seine humorlosen Texte, so gut es konnte, in gerade noch erträgliche Abende verwandelte und daß Publikum seine Wassermühle in Suffolk und seine fahle Bratby-Sammlung finanzierte … Dank war dafür nicht von ihm zu erwarten. Im Gegenteil, die allgemeine Ansicht war, daß wir ihm dankbar sein müßten. Dreckiger kleiner Arschwisch.

»Noch mal dasselbe«, sagte ich zum Barkeeper.

»Der geht auf mich …«, eine Stimme, weiblich, an meinem Ellenbogen.

»Einer der schönsten Sätze unserer Sprache«, sagte ich, ohne mich umzudrehen. Ich konnte im Spiegel sehen, daß es die Kreatur mit dem knochigen Hintern war, die sich wieder auf ihren Hocker hebelte. Ich liebe einfach kleine Frauen, mein Schwanz wirkt dann so viel größer.

»Und für mich einen Maker’s Mark«, sagte sie und deutete auf eine Flasche oben im Regal.

Eine wahre Trinkerin, dachte ich beifällig. Die erfahrene Schluckschwalbe weiß, daß Barkeeper sich bei den von dir genannten Markennamen am Anfang grundsätzlich verhören. »Nicht Glenlivet, Glenfiddich! Nein, Sie Spatzenhirn, keinen poppigen Shandy, einen doppelten Brandy …« Immer erst die Flasche finden und beim Bestellen auf sie zeigen. Spart Zeit.

Ein Hauch von was Floris-Ähnlichem oder vielleicht noch Penhaligony wehte vorbei, als sie sich setzte. Angemessener Vorbau und ein schlanker weißer Hals. Etwas neurotisch im Auftreten, bei weiblichen Schnapsnasen merkt man das schnell. Normalerweise stehen die kurz vor jener Hysterie, die dann Gläser zerschmeißt oder unschuldig Herumstehenden eine langt.

Roddy goß eine ordentliche Portion in ein Highball-Glas, und sie sah aufmerksam zu. Noch ein gutes Zeichen. Ich war eine Zeit lang ein guter Kumpel von Gordon Fell, dem Maler, bevor er den Ritterschlag empfing und sich zu gut für schlechte Gesellschaft vorkam; in den Sechzigern haben wir uns mit einer gewissen Regelmäßigkeit die Birne zugelötet. Gordon trank immer Old Fashioneds, das hatte er seit dreißig Jahren so gehalten. Ließ die Augen keine Sekunde vom Barkeeper, während die zubereitet wurden, wie ein Spieler beim Blackjack, der beim Geben aufpaßt wie ein Luchs. Eines Nachmittags war Mim Gunter krank, die alte Hexe, die im Dominion Club in der Frith Street, unserer Lieblingskaschemme, den Skorpionenhonig anrührte, und ihr Sohn Col mußte die Stellung hinter der Bar halten. Na ja, Col war erst sechzehn, der arme Kerl hatte nicht den blassesten Schimmer, was ein Old Fashioned war, und ob Sie’s glauben oder nicht, auch Gordon hatte keine Ahnung. Ich hab dann mal auszurechnen versucht, wie viele Stunden seines Lebens Gordon damit verbracht haben muß zuzusehen, wie sie vor seinen niemals blinzelnden Augen gemixt wurden, aber mir gingen die Servietten aus, auf denen ich die Additionen durchführte. Ich wußte, daß Angostura irgendwo zum Rezept gehört, aber das war schon alles. Schließlich mußten wir Mim im Krankenhaus anrufen, wo sie schon zurechtgemacht war, um auf die Bühne gerollt zu werden und sich den Krebs aus dem Kehlkopf schnippeln zu lassen. Unser SOS ging ihr, klaro, runter wie Öl. Drei Meter vom Telefon weg, am anderen Ende des Tresens, konnten wir immer noch hören, wie sie dem unseligen Col an der Strippe die übelsten Beschimpfungen an den Kopf warf und den Ärzten sagte, sie sollten sich verpissen, »hier geht’s ums Geschäft«. Zwei Stunden später starb sie unterm Messer, und Gordon Fells ferngemixter Old Fashioned ging in die Geschichte ein als der letzte Drink, den sie je mixte.

Es ist folgendermaßen, wir sehen den Barkeeper, aber wir beobachten ihn nicht. Es sind die beruhigenden Bewegungen der Hände, die zufriedenstellende Fülle der Barbestände und Cocktailapparaturen, die Farben, Geräusche und die reichen, vielsagenden Düfte. Genauso habe ich Leute ohne Führerschein gekannt, die sich an keine Route erinnern können, obwohl sie die jahrelang im Taxi gefahren sind.

Das Glas war auf seinem Bierdeckel abgestellt, der Aschenbecher diskret rübergeschoben worden, und Roddy hatte sich dezent zurückgezogen, also konnten wir frei sprechen.

»Auf Ihr Wohl, Madam.«

»Und das Ihre.«

»Drängt sich mir der Eindruck auf, daß wir uns kennen?« fragte ich.

»Das hab ich mich auch gefragt, als ich eben hier gesessen hab. Ich fand aber, daß Sie zu abweisend aussahen, um zu fragen, deswegen bin ich zum Sessel in der Ecke verschwunden.«

»Abweisend?« Den Quatsch hörte ich nicht zum ersten Mal. Hatte was mit der Kieferpartie, Augenbrauen und einem kämpferischen, Bernard-Ingham-mäßigen Vorstülpen der Unterlippe zu tun. »Wie das so geht«, sagte ich, »ich bin das reinste Lamm.«

»Und als ich dann da drüben saß, ist mir aufgegangen, daß Sie Ted Wallace sind.«

»Höchstpersönlich.«

»Du erinnerst dich vielleicht nicht, aber …«

»Du meine Güte, wir haben’s doch nicht miteinander getrieben oder so?«

Sie lächelte. »Durchaus nicht. Ich bin Jane Swann.«

Sprach’s, als sei der Name ein Grund dafür, daß ich sie nie gevögelt hatte.

»Jane Swann. Und ich kenne dich, ja?«

»Laß deinen Geist zurückschweifen an ein kleines Taufbecken in Suffolk vor sechsundzwanzig Jahren. Ein Baby und ein aufstrebender Dichter. Das Baby schrie eine Menge, und der aufstrebende Dichter gab sein Versprechen ab, den Versuchungen des Teufels wie des Fleisches zu widerstehen. Ein Versprechen, das ihm selbst das Baby nicht abkaufte.«

»Also, das ist ja zum in die Stiefel wichsen! Jane … Jane Burrell!«

»Die bin ich. Obwohl ich jetzt Swann heiße.«

»Ich muß dir eine Unzahl silberner Serviettenringe schulden. Und eine ganze Bibliothek moralischer Unterweisungen.«

Sie zuckte die Schultern, als halte sie mich nicht gerade für eine Person, deren Geschmack für silberne Serviettenringe oder moralische Unterweisungen mit ihrem eigenen übereinstimme. Beim genaueren Hinsehen bemerkte ich in ihren Gesichtszügen etwas, das mich an ihre schauderhaften Eltern erinnerte.

»Hatte nie ’ne große Chance, dich näher kennenzulernen«, sagte ich. »’ne knappe halbe Stunde nach der Taufe hat deine Mutter mich aus dem Haus geworfen. Seitdem hab ich sie oder Patrick kaum mehr zu Gesicht bekommen.«

»Obwohl ich immer sehr stolz auf dich war. Aus der Ferne.«

»Stolz auf mich?«

»Zwei deiner Gedichte standen in unserm Lesebuch. Keiner hat mir geglaubt, daß du mein Patenonkel bist.«

»Verdammt noch mal, du hättest mir schreiben sollen. Ich wäre gekommen und hätte deine Sixth Form vollgesülzt.«

Nur zu wahr. Nichts geht über die halb geöffneten, bewundernden Lippen einer Klasse Schulmädchen, damit ein Mann sich begehrt vorkommt. Warum sonst sollte man wohl Dichter werden wollen?

Sie zuckte erneut die Schultern und nippte an ihrem Bourbon. Ich merkte, daß sie zitterte. Eigentlich kein Zittern, eher ein Frösteln. Sie hatte etwas an sich, das mich an lang Vergangenes erinnerte. Dieses Vorbeugen, als wolle sie pinkeln, das Bein, das an der Fußleiste der Bar hin und her fuhr. Das hatte etwas von … Bildern hölzerner Geschirrhalter, Rabattmarken für Tee und spitze Büstenhalter … etwas Verblichenes.

Ich betrachtete sie erneut, die kleinen Zeichen fanden sich zusammen, und ich erinnerte mich. Jane sah jetzt genauso aus wie Mädchen in den frühen Sechzigern, wenn sie vom Besuch bei einer Engelmacherin zurückkamen. Ein nicht mißzuverstehendes Zusammenkommen von Gesten und Gespreiztheiten, aber eins, das ich seit Jahren bei keinem Mädchen mehr gesehen hatte. Diese Mischung aus Scham und Trotz, aus Ekel und Triumph; dieses flehentliche Bitten in den Augen, das dich ermutigte, entweder die Trostlosigkeit eines völlig ruinierten Lebens zu betrauern oder den Sieg eines auf großartige Weise befreiten Lebens zu feiern, ein gefährlicher Blick. Ich erinnerte mich nur zu gut: Wenn man in jenen Tagen die Stimmung eines Mädchens falsch einschätzte und ihr gratulierte, wenn sie getröstet werden wollte, bekam man einen Tränenstrom und vierzehn Tage lang kreischende Szenen; wenn man Trost und Mitgefühl bekundete, wenn sie fand, sie habe Beifall und Lob für eine stolze und heroische Tat verdient, wurde einem ein Handkantenschlag aus Edelstahl übergebraten und noch ein verächtliches Lachen zuteil. Warum der Gesichtsausdruck meiner wiedergefundenen Patentochter mich an die Atmosphäre jener garstigen und wenig vermißten Zeiten erinnern sollte, wußte ich nicht. Frauen brauchen seit dreißig Jahren nicht mehr so verletzlich und schuldbewußt dreinzuschauen, das ist längst Männersache. Ich räusperte mich. »Welche Gedichte?«

»Hm?«

»Im Lesebuch. Welche?«

Ȁh, wart mal. Der Historiker und Bei Betrachten des Gesichts von W. H. Auden

»Ja logisch. Verdammt logisch. Die einzigen, die es je in die Anthologien schafften. Cleverer Schrott.«

»Findest du?«

»Natürlich nicht, aber du erwartest doch, daß ich das sage.«

Sie bedachte mich mit einem traurigen Lächeln.

»Noch mal dasselbe, Roddy.« Ich klopfte auf den Tresen.

»Ich lese oft deine Theaterkritiken«, versuchte sie, da sie merkte, daß das Lächeln etwas zu offensichtlich mitleidsvoll gewesen war.

»Na, ab jetzt nicht mehr.«

Ich erzählte ihr, daß ich gefeuert worden war.

»Oh«, sagte sie, und dann: »oh!«

»Nicht daß mich das kratzt«, versicherte ich ihr, auf eine Weise, die kein Beileid erlaubte. Ich ließ meine Ansichten über den gegenwärtigen Stand des britischen Theaters von der Leine, aber sie hörte gar nicht zu.

»Dann hast du also Zeit?« sagte sie, als ich fertig war.

»Na ja – … da bin ich mir nicht sicher. Ich hab eine mehr oder minder offene Einladung, die Restaurantkritiken in der ›Metro‹ …«

»Ich bin keine Schriftstellerin, weißt du, und kenne mich nicht gut genug aus …«

»… außerdem ist immer Platz für noch ein endgültiges Buch über die zornigen jungen Männer …«

»… du gehörst schließlich so gut wie zur Familie …«

»… Ich hielt inne. In ihren Augen sammelten sich Tränen.

»Was ist denn, meine Liebe?«

»Paß auf, was hältst du davon, wenn du mit zu mir nach Haus kommst?«

Im Cab ging sie auf nichts ein, was sie beunruhigte. Sie skizzierte eine kurze Autobiografie, genug, um mir zu zeigen, daß sie nicht so intelligent oder hübsch oder trendy oder interessant war, wie sie an der Bar gewirkt hatte. Aber das ist schließlich keiner, weshalb es immer gut ist, sich seinen Vorrat an Whisky und Kosmetika zu sichern.

Vor fünf Jahren hatte sie als kaum Einundzwanzigjährige einen Mann geheiratet, Swann, der eine Gemäldegalerie führte. Keine Kinder. Swann war momentan in Zürich und teilte seinen Futon mit einem Schweizer Mädchen, das heruntergekommen und stark genug gebaut war (wenn man Janes gehässigem Tratschen Glauben schenken durfte), um Gefallen an seinen Blutergüsse hervorrufenden Schlafzimmergewohnheiten zu finden. Janes Vater Patrick hatte der Herr vor gut sechs Lenzen zu sich genommen, wovon ich, bei näherer Überlegung, auch gehört hatte, und Rebecca, die Mutter, streunte immer noch zwischen Kensington und Brompton Road herum und mimte die Geistesringerin. Rebeccas anderes Kind, Janes Bruder Conrad, den ich als ziemlichen Scheißer in Erinnerung habe, war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Anscheinend breit wie ’ne Schrankwand. Besser so. Es gibt keine Entschuldigung dafür, einen Wagen nüchtern zu Schrott zu fahren.

Rebecca ist eine der wenigen Frauen, denen ich je begegnet bin, die … also, es ist eine Tatsache, daß Frauen keinen Spaß am Sex haben. Sie bestreiten das inzwischen mit nahezu religiöser Inbrunst, es bleibt nichtsdestotrotz eine Tatsache. Frauen finden sich mit Sex als dem Preis ab, den sie für einen Mann zu zahlen haben, um Teil dessen zu werden, was sie so gern eine »Beziehung« nennen, aber sie kommen ohne aus. Ihnen fehlt einfach der Hunger, sie spüren nicht diesen ständig stechenden, magenumdrehenden Hunger, der uns foltert. Das Blöde ist, wann immer ich das sage, werde ich als Frauenhasser beschimpft. Für einen Mann, der sein gesamtes Leben damit zugebracht hat, an Frauen zu denken und von ihnen zu träumen, ihnen hinterherzudackeln wie ein Welpe, der seinem Herrchen gefallen will, der seine gesamte Existenz danach ausgerichtet hat, mehr Kontakt mit ihnen zu bekommen, und der sein Leben und Streben einzig und allein nach seiner Fähigkeit beurteilt, sie anzulocken und ihn begehren zu lassen, für den ist es ganz schön hart, der Abneigung gegen dieses Geschlecht bezichtigt zu werden. Alles, was ich fühle, ist tiefe Anbetung, Liebe und Minderwertigkeit, gemischt mit einer ordentlichen Portion der guten alten Selbstverachtung.

Ich kenne die Argumente … Gott im Himmel, wer denn nicht? Begehren, höre ich, sei eine Form des Besitzstrebens. Auf eine Frau scharf zu sein heiße, sie auf die Ebene von Tieren, von Freiwild zu reduzieren. Selbst Anbetung wird mit einer so ausgepichten Argumentation, daß ich ihr nicht mehr folgen kann, als eine Art Verachtung interpretiert. All das ist, wie ich Ihnen kaum zu sagen brauche, allererste Kacke.

Einige meiner besten Freunde sind, wie man es bei einem ehemaligen Lyriker nicht anders erwartet, vom anderen Ufer. Desgleichen, wie man es bei einem ehemaligen Theaterkritiker ebenfalls nicht anders erwartet, einige meiner erbittertsten Feinde. Einen besser kontrollierten Feldversuch als die Welt der Schwuchtel kann man sich doch gar nicht vorstellen, um dieses Gefecht der Geschlechter aus der Welt zu schaffen, oder? Homos, Schoßomiten, Bücklinge, egal wie Sie sie nennen, führen trotz Problemen wie Schwulenklatschen, Presse, Virus, Polizei und Gesellschaft ein ziemlich fabelhaftes Leben. Klappen, Parks, Hampstead Heath, Strände, Supermärkte, Friedhöfe, Pubs, Clubs und Bars vibrieren zur Musik ihrer simplen erotischen Befriedigungen. Ein Mann, andersrum, sieht einen anderen Mann, andersrum. Ihre Blicke begegnen sich und … bums, zur Sache, Schätzchen. Sie brauchen den Namen ihres Partners nicht zu kennen, sie brauchen nicht mit ihm zu reden, sie brauchen in den Hinterzimmern der dunklen Nachtclubs unserer Großstädte nicht einmal sein verdammtes Gesicht zu sehen. Es ist eine Männerwelt, auf genaue, männliche Art und Weise geeicht, ausgerichtet an den Werkzeugen und Wünschen männlicher Sexualität. Halten diese großen, haarigen Ledermachos, die mit Riemen um die Schwänze und Gummiröhren in den dunklen Gassen in Magazinen posieren, sich etwa für unterdrückt? Jammern schwule Männer, die sich für eine Nacht im Club aufdonnern, vielleicht über den widerwärtigen Sexismus, der auf ihrer Attraktivität besteht, damit sie wie Schlachtvieh angeglotzt werden? Nicht die Spur.

In meinen Träumen stelle ich mir manchmal eine Welt vor, in der Frauen Spaß am Sex haben: eine Welt Heterosexueller, die durch Parks und über Promenaden tigern, heterosexuelle Bars, heterosexuelle Dark Rooms, heterosexuelle Kinos, heterosexuelle Stadtviertel, wo Frauen auf der Suche nach erotischen Zufallsbekanntschaften umherstreifen. Ein solches Bild ist nur in den Fantasien des eigenen Schlafzimmers vorstellbar, ins Leben gepreßt von einer wütenden Faust und ein paar grunzenden Zuckungen. Wenn Frauen Sex so nötig hätten wie Männer, dann – duck dich, Ted, und renn um dein Leben – liefen nicht so viele Vergewaltiger in der Gegend herum.

Wir leben aber nun einmal in dieser Welt, und Anthropologen und Zoologen können uns zweifellos versichern, daß es eine biologische Notwendigkeit ist, daß das eine Geschlecht immerzu auf der Suche ist und das andere sich meistens langweilt. Männer haben schließlich Möglichkeiten der Ersatzbefriedigung für die Qualen ihrer ewig unerfüllten Wünsche. Im großen und ganzen regieren wir die Welt, kontrollieren die Wirtschaft und protzen mit lächerlichem Zurschaustellen unserer Selbstüberschätzung. Das meine ich nicht als Gemecker. Ich möchte nur, daß diese einfache Wahrheit verstanden und offen gesagt wird: Männer stehen auf Sex und Frauen nicht. Das muß man akzeptieren, und damit muß man leben.

Daß Frauen diese so offensichtliche Tatsache permanent leugnen, hilft absolut nicht weiter. Sobald ich sie meinen weiblichen Bekannten zu erklären versuche, streiten sie sie ab; sie behaupten, regelmäßig zu masturbieren; sie behaupten, daß die Vorstellung eines guten, anonymen Ficks sie total anmache; sie behaupten, daß sie vor wenigen Tagen erst einen Mann gesehen haben, dessen Hintern sie ein wenig an Mel Gibson erinnert hat, und daß sie sich deswegen richtiggehend naß gemacht haben. Vor wenigen Tagen? Was ist mit voriger Minute? Was ist mit jeder einzelnen verfluchten, verdammt und zugenähten Minute jedes einzelnen verdammt und zugenähten verfluchten Tages? Schnallen die einfach nicht, daß Frauen die Champagnerkorken knallen lassen und die Tatsache begießen sollten, daß sie keine geifernden Tölen sind wie die Männer, daß sie in dem biologischen Glück schwelgen sollten, welches ihnen erlaubt, rationale Kreaturen zu sein, die über die Vorzüge der Partnerschaft mit einem Mann nachdenken können, über Mutterschaft und Arbeit und Freundinnen … die einfach denken können, im Gegensatz zu uns armen Schweinen, die wir ganze Tage, die besser mit Arbeit und erhabenen Gedanken verbracht würden, damit zu tun haben, unter dem Gummiband unserer Unterhosen wund geschwollene Schwänze zurechtzurücken, wann immer ein Paar Titten vorbeitapert? Natürlich juckt es auch Frauen dann und wann, andernfalls gäbe es uns nicht als Rasse; natürlich bringen sie eine genitale Ausrüstung mit, die empfindlich genug ist, um sicherzustellen, daß Sex, wenn sie sich mal darauf einlassen, Schauer der Lust, Schreie des Entzückens und den ganzen schmutzigen Rest hervorrufen kann. Aber sie, die glücklichen, glücklichen Wesen, sind nicht auf immer und ewig hungrig, auf immer und ewig verzweifelt, sehnen sich nicht auf immer und ewig nach der einfachen körperlichen Tatsache, verdammt noch mal abzuspritzen. Ich meine, Tatsache ist doch, es ist jetzt, wo ich das hier schreibe, siebzehn Uhr, und ich habe mir heute schon zweimal einen runtergeholt. Einmal als allererstes unter der Dusche und einmal kurz nach dem Mittagessen, bevor ich mich hier rangesetzt habe. Jede ehrliche Hure kann Ihnen mit dem Mitgefühl einer Krankenschwester erklären, daß Männer, die armen Hascherls, ihren Samen einfach verspritzen müssen. Warum Frauen in der Angelegenheit dieses derben Imperativs Gleichheit beanspruchen, ist mir zu hoch.

Aus beruflichen Gründen habe ich eine große Anzahl berühmter Männer getroffen, Männer mit gutem Ruf. Sehen Sie, die, die ich gut genug kennengelernt habe, um bis in die frühen Morgenstunden bei einer Flasche Whisky mit ihnen herumzusitzen, haben mir ausnahmslos anvertraut, das eigentliche Motiv hinter ihrem Ehrgeiz, berühmte Schauspieler, Politiker, Schriftsteller oder was weiß ich zu werden, sei die Hoffnung gewesen, irgendwo tief in ihnen drin, daß Geld, Berühmtheit und Macht es ihnen ermöglichen würden, leichter flachgelegt zu werden. Whisky vermag die Schichten zu durchätzen, die diese schlichte Wahrheit verhüllen: Der Ehrgeiz, seine Sache gut zu machen, der Herzenswunsch, die Welt zu verbessern, das Bedürfnis, sich Ausdruck zu verschaffen, die Berufung, zu dienen … all diese ehrenwerten und fast schon glaubwürdigen Motive überlagern das arschnackte Faktum, daß man, wenn’s drauf ankommt, immer nur das eine will.

Das bin ich dem Whisky schuldig. Ein Drink, dem nicht viele Frauen meines Bekanntenkreises ergeben sind, aber mich hat er gerettet. Ohne ihn wäre ich eine noch verlorenere und verstörtere alte Fotze als so schon. Wären diese langen, scotchgetränkten Nächte nicht gewesen, wäre ich in der Überzeugung durchs Leben gegangen, schmutzig ohnegleichen und gefährlich ohnegleichen zu sein. Der Ruin einer vielversprechenden Karriere, der gelegentliche Krach mit der Polizei und die Zerstörung einiger Ehen sind der Preis, den der Whisky mir abverlangt hat, wofür er mir zu sehen erlaubte, daß ich nicht allein war: verdammt anständiger Deal.

Aber … genug davon. Manchmal laß ich mich hinreißen. Wenn Sie zugkräftige Theorien über die Geschlechter und den ganzen Kram suchen, finden Sie in jedem Buchladen ganze Regale voll, die sich nichts anderem widmen. Wenn Männer zu sehr verleumden, Verleumdungsbriefe von Frauen an Männer, die zu sehr verleumden, Reaktionen auf Reaktionen auf Gegenreaktionen: wie in den Tagen des Kalten Krieges; jede Veröffentlichung der anderen Seite wird gelesen, jede Haltung analysiert, jedes Zucken des Netzes aufgespürt und jede kulturelle Veränderung eifrig studiert. Es gibt weiß Gott genug Kolumnisten, Kulturkommentatoren und Halbgebildete, um die Industrie der Geschlechterkriege auf immer und ewig aufrüsten und nachrüsten zu lassen. Egal, niemanden kümmert es einen Dreck, was ein Haufen minderbemittelter Journalisten über Gott und die Weiber zu sagen hat.

Nein, ich furze Ihnen diese Flachpfeiferei ins Gesicht, weder weil sie wichtig oder neu wäre noch weil ich mich in eine fruchtlose Debatte darüber einschalten möchte, sondern damit Sie meine Laune und Stimmung an jenem Tag etwas besser verstehen, an dem Jane mich auflas und nach Kensington verschleppte. Ihre Mutter Rebecca, hatte ich sagen wollen, bevor ich mich auf mein Steckenpferd schwang und ein paar Absätze lang davongaloppierte, war wahrscheinlich die einzige Frau, die ich je getroffen habe, die Sex um seiner selbst willen zu genießen schien, mit einem Appetit und Hunger, die dem männlichen Begehren vergleichbar waren. Und sie war die einzige Frau, die ich je getroffen habe, die am liebsten Whisky trank. Vielleicht gibt’s da einen Zusammenhang.

Janes Haus fand sich irgendwo in der Nähe von Onslow Gardens. Sie hatte Geld in ihrem Beutel, keine Frage, bestimmt eine kleine Aufmerksamkeit ihres Onkels Michael, und wie jedes reiche, unbedarfte Gör heutzutage sah sie sich als Innenarchitektin.

»Die Leute haben gesehen, was ich aus der Wohnung gemacht habe«, sagte sie, als das Cab vor dem üblichen South-Kensington-Portal aus weißen Säulen hielt, »und mich gefragt, ob ich ihnen nicht auch etwas Beistand leisten könnte.«

Das Interieur entsprach meinen schlimmsten Befürchtungen. Scheußliche Girlanden mit Volantbordüren als Vorhänge, Rohseide anstelle von Tapeten, Sie können sich das ganze ausgelutschte Tohuwabohu bestimmt selbst vorstellen. Von so barbarischer Häßlichkeit, daß es das lauteste Testament eines hohlen und leeren Lebens herausschrie, das mir je untergekommen ist. Was für ein hundsmiserabler Nichtstuer, wie verdammt gelangweilt muß jemand sein, fragte ich mich, der sich hinsetzt und opulenten Müll dieses Ausmaßes zusammenfantasiert? Sie stand mit hochgezogenen Augenbrauen mitten im Zimmer und wartete auf meine gurgelnden Bewunderungsschreie. Ich holte tief Luft.

»Das hier ist eins der widerlichsten Zimmer, in denen ich in meinem ganzen Leben gestanden habe. Es ist genauso scheußlich, wie ich erwartet hatte, und genauso scheußlich wie die zehntausend Zimmer, die man trifft, wenn man hier im Kreis pißt. Es beleidigt das Auge und bildet den schändlichsten Cocktail aus überschätzten Klischees, der sich außerhalb von Beverly Hills finden läßt. Ich würde meinen Arsch sowenig auf diesem Sofa mit seinen kunstvoll sich beißenden und dynamisch drapierten Kissen plazieren, wie ich Hundekot fressen würde. Ich gratuliere zur Verschwendung einer kostspieligen Erziehung, einer Bank voll Geld und deines ganzen jämmerlichen Lebens. Und tschüs.«

Das hätte ich gesagt, hätte ich nur zwei Fingerbreit mehr Whisky intus gehabt. Statt dessen schaffte ich ein ersticktes: »Mein Gott, Jane …«

»Gefällt’s dir?«

»Gefallen ist das falsche Wort… es ist, es ist…«

»Ich hab mir sagen lassen, ich hätte ein Auge dafür«, räumte sie ein. »›Homes and Interiors‹ war letzte Woche zum Fototermin hier.«

»Kann ich mir vorstellen«, sagte ich.

»Du hättest den Laden sehen sollen, bevor ich eingezogen bin!«

»Dieses Gefühl für Licht und Raum«, seufzte ich. Immer auf Nummer Sicher.

»Männer wissen so was im allgemeinen nicht zu schätzen«, sagte sie anerkennend und ging zur Bar hinüber.

»Sieh zu, daß du Land gewinnst, du arme alte Schlampe«, befahl ich mir, während meine feige ausgebreiteten Arme verkündeten: »Selbst ein Mann muß angesichts dieser gekonnten, geschmackvollen Komposition des Exotischen mit dem Einheimischen doch einfach zu Boden gehen.«

»Du hattest Macallan, hab ich gesehen«, sagte sie. »Ich hab auch Laphroaig, falls du den bevorzugst.«

»Nein, nein, der Macallan ist in Ordnung.«

Sie brachte die Drinks mit, zog ein Bein unter den Körper und sank auf eine Ottomane, die auf debile Weise mit einem Muster bezogen war, das sich, wie ich annahm, als von einem Leichenhemd der Maya oder einem mystischen Menstruationstuch aus Bali inspiriert herausstellen würde. Die große Absicht hinter dieser elenden Episode kultureller Vergewaltigung und den anderen, nicht minder hinfälligen, nicht minder unangebrachten Spielereien, die dieses erschreckende Zimmer verunstalteten, war, dachte ich mir, daß Jane sich dort ausstellte, umgeben von Freunden, deren Spektrum von Trinkgewohnheiten die aneinandergereihten, unglaublichen Mengen unangebrochener Liköre, Aperitifs und Schnäpse plausibel machte, während sanfte, gleichwohl tiefsinnige Konversationsfetzen wie Federbälle durch den Raum flogen. Statt dessen saß sie da, zitterte immer noch wie ein Backfisch, einzig in Gesellschaft eines Mannes, der heruntergekommen und weg vom Fenster war, aber einst ihre Eltern gekannt hatte. Und der wünschte sich trotz der angebotenen Gallonen Gratiswhisky meilenweit weg.

Sie schwenkte ihren Drink im Glas.

»Als erstes solltest du wissen«, sagte sie endlich, »daß ich im Sterben liege.«

Oh. Klasse. Super. Einfach genial.

»Jane …«

»Es tut mir leid.« Sie zündete sich mit ruckartigen Bewegungen eine Zigarette an. »Das war nicht besonders feinfühlig.«

Konnte man nicht sagen. Niemand versteht anscheinend, daß in solchen Angelegenheiten Takt und Mitgefühl von dem Sterbenden kommen sollten und nicht von dem armen Schwein, das das zu hören bekommt. Allerdings war sie bei mir an der richtigen Adresse. Ich war dem Tod zu oft begegnet, als daß ich mit seinen Formen noch zimperlich umgesprungen wäre.

»Bist du ganz sicher?«

»Die Ärzte sind einer Meinung. Leukämie. Ich habe keine Remissionen mehr.«

»Das haut mich um, Jane. Es tut mir sehr leid.«

»Danke.«

»Angst?«

»Nicht mehr.«

»Ich nehme an, keiner weiß, wann Sense ist?«

»Bald, sagen sie … im Lauf der nächsten drei Monate.«

»Nun, mein Schatz. Wenn du mit deinen Feinden Frieden geschlossen und deinen Freunden Lebewohl gesagt hast, solltest du nicht allzu traurig darüber sein, die Party vorzeitig zu verlassen. Wir leben in einer verpfuschten Welt und einem verpfuschten Zeitalter, und bald genug treffen wir dich sowieso wieder.«

Sie lächelte dünn. »So kann man’s auch sehen.«

»Nur so.«

Jetzt, wo ich Bescheid wußte, sah ich es ihr natürlich an. Es lag im Glanz ihrer Augen und der Straffheit und Blässe ihrer Haut. Auch der knochige Körperbau, den ich als die Pseudo-Anorexie eines neurotischen reichen Mädchens gedeutet hatte, ging in Wirklichkeit wohl aufs Konto der Krankheit.

Sie lehnte sich zurück und atmete aus. Jetzt produziert sie sich nur, dachte ich. Mir erschien dieses Ausatmen als bewußte Demonstration der Reife und Weisheit, die das Todesurteil ihr verliehen hatten, das »die Dinge in ein anderes Licht rückte« und sie eigenartig frei gemacht hatte.

»Ich meinte eben, ich hätte keine Angst«, sagte sie, »und das stimmt. Aber am Anfang hatte ich sie. War einfach hysterisch. Sag mal …«

»Ich höre.«

»Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Was hältst du … was hältst du von Geistlichen?«

Ich sackte zusammen. Jetzt geht’s los, dachte ich. Jetzt geht der Scheiß also los. Das Handauflegen. Wenn keine Gottesbarden, dann ätherische Öle; wenn keine ätherischen Öle, dann Akupunktur; wenn keine Akupunktur, dann Kräuter; wenn keine Kräuter, dann durchscheinende Kieselsteine und esoterische Blattscheiden.

»Geistliche …«, sagte ich. »Beziehst du dich auf die katholische oder die anglikanische Sorte?«

»Ich weiß nicht. Ich nehme an, du bist Atheist?«

»Manchmal falle ich vom Unglauben ab, aber im Grunde ja. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. Die Aasgeier in Soutane kreisen schon über dir, ja? Kämpfen um das Recht, deine Seele weißnagen zu dürfen?«

»Nein, nein … darum geht’s nicht. Oje …«

Sie stand auf und ging umher, während ich sitzen blieb, mich an den Whisky klammerte und wartete. Ich dachte über das Leben als Restaurantkritiker nach, fragte mich, ob ich noch Keime einer herbstblühenden Lyrik in mir spürte, und überlegte mit der Intoleranz der unheilbar Gesunden, daß Leukämie ein Leiden sei, von dem ich mich ohne weiteres lösen könnte. Reiß dich zusammen, Weib, und vertreib’s dir mit Joggen, dachte ich. Wenn du nicht imstande bist, ein paar weißen Blutkörperchen zu verklickern, daß sie die Mücke machen sollen, ist es auch nicht schade um dich.

Endlich drehte sie sich um und schien zu einem Entschluß gekommen zu sein.

»Folgendes«, sagte sie, »es ist etwas Merkwürdiges vorgefallen. In meiner Familie. Ich verstehe es nicht, aber es könnte dich interessieren, glaube ich. Als Schriftsteller.«

»Ach ja?« Wenn Leute jemals sagen, »als Schriftsteller wird dich das faszinieren«, bereite ich mich auf dröhnende Langeweile und lähmende Banalität vor. Außerdem, was für ein Schriftsteller war ich denn? Sie versuchte, mir Honig ums Maul zu schmieren, damit ich aufpaßte.

»Ich dachte, da du vorübergehend … äh … unbeschäftigt bist, könntest du so lieb sein und mir vielleicht helfen. Etwas zu untersuchen.«

»Nun, meine Liebste, ich weiß nicht genau, was dir dabei vorschwebt. Ich bin nicht gerade das, was man unter investigativen Journalisten versteht. Ich bin genaugenommen überhaupt kein Journalist. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was ein gescheiterter Lyriker, gescheiterter Romancier, gescheiterter Theaterkritiker und nur bedingt erfolgreicher Scheiterer dir womöglich zu bieten hätte.«

»Immerhin kennst du die Betroffenen, weißt du, und …« »Wow!« Ich hob die Hand. »Jane. Schatz. Engelchen. Mausi. In saftigeren Zeiten haben deine Mutter und ich einen weggesteckt. Das ist alles. Ich hab sie seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Vor über zwanzig Jahren hat sie mich in einem Wirbelsturm aus geschleuderten Tauftorten und wüsten Beschimpfungen verabschiedet.«

»Ich meine nicht Mummy, ich meine ihren Bruder.«

»Logan? Du meinst Logan? Herrgott im Himmel, Weib …« Ich wollte noch einiges loswerden, aber der Husten war über mich gekommen, was er jetzt öfter tat. Es geht mit einem Kitzeln in der Kehle los und kann sich, obwohl ich mich mit meinem Urteil zurückhalten sollte, zu einer ganz schön beeindruckenden Darbietung auswachsen. Etwas zwischen einem kotzenden Esel und einer explodierenden Puddingfabrik. Jane sah ohne Mitleid zu, wie ich keuchte und mich langsam zu verhältnismäßiger Ruhe schnaufte. »Du kanntest ihn«, wiederholte sie, »du kanntest ihn besser als die meisten anderen. Und du bist, vergiß das nicht, Davids Patenonkel.«

»Also«, ächzte ich und wischte mir die Tränen von den Wangen, »was das angeht, hab ich nichts vergessen. Hab ihm vor ’n paar Wochen erst ein Konfirmationsgeschenk geschickt. Bekam den reinsten Heiligenkringel zur Antwort.«

»Er hat dir Gebäck geschickt?«

»Nein, einen Götterkopfputz, einen … ach, vergiß es.«

Keiner versteht mehr Englisch.

»Von Davids Konfirmation wußtest du, von meiner nicht.«

Herrgott, was für eine greinende alte Zimtzicke.

»Ich hab dir doch gesagt«, versetzte ich geduldig, »daß deine Mutter nichts mit mir zu tun haben will. Ich habe sie vor drei oder vier Jahren in Swafford gesehen und habe damals gemerkt, daß sie mir noch immer nicht vergeben hat. Dein Onkel Michael hingegen hat ein großes Herz.«

»Und ein noch größeres Bankkonto.«

Da erübrigte sich jede Antwort. Es war richtig, daß Michaels Freundschaft mir sehr viel bedeutete und die seiner Schwester Rebecca keinen Deut, aber ich redete mir ein, Geld sei dabei nicht alles. Andererseits redete ich mir auch ein, daß die Welt Dichter verehrte und daß es eines Tages keine Kriege mehr geben würde und daß alle Fernsehstars von einem tödlichen Virus dahingerafft würden. Zwischen dem, was ich mir einredete, und dem, was kalt und objektiv der Fall war, fiel ein verflucht riesiger Schatten.

»Ich möchte, daß du das als Auftrag betrachtest. Ich bin keine sonderlich reiche Frau …«

Nein, natürlich nicht, woher auch? Das hast du alles für Lalique-Flakons auf den Kopf gehauen, für peruanische Geburtstücher und namibische Lippenjuwelen, du blöde Kuh.

»… aber ich könnte dir hunderttausend jetzt geben und den Rest … entweder später oder dir in meinem Testament vermachen.«

»Einhunderttausend?« Ich erblickte mich in dem kunstvoll dunstvoll angelaufenen Spiegel über dem Kaminsims. Ich sah eine Meerbarbe, gaffend, stieläugig, knallrot und sehr, sehr gierig.

»Alles in allem eine Viertelmillion.«

»Eine Viertelmillion?«

»Ja.«

»Du meinst keine Lire, oder? Ich meine, du redest wirklich von britischen Pfund?«

Sie nickte feierlich.

»Ich weiß nicht… Jane … eine Viertelmillion ist eine Menge Geld und, ich will’s dir nicht verhehlen, ungeheuer verlockend für mich. Aber ich weiß nicht, ob ich das Zeug habe, für irgend jemanden irgend etwas zu tun, das, wenn’s mit halbwegs rechten Dingen zugeht, ein Zehntel dieser Summe wert wäre.«

»Du wirst hart arbeiten müssen«, sagte Jane.

Ich sah an ihren Mundwinkeln, daß nichts, was ich sagen konnte, sie umstimmen würde. Ihr Geist war so ausgeklinkt wie ihr Gesicht zugeschminkt.

»Und du wirst schnell arbeiten müssen. Egal, was du entdeckst, ich muß es wissen, bevor ich sterbe. Das heißt wenn.«

»Äh … wenn was?«

»Wenn ich sterbe.«

»Wenn du stirbst?«

»Wenn ich sterbe.«

Wir klangen zunehmend wie eine schwer beschickerte Konjugationsklasse.

»Aber du hast doch gesagt …«

»Nein, die Ärzte haben das gesagt, die Ärzte haben gesagt, daß ich sterben werde. Ich glaube das nicht. Genau darum geht es.«

Ja, darum ging es allerdings. Wenn sie jemals dazu kam, mir einen Scheck zu geben, wäre der höchstwahrscheinlich mit »Jessica Rabbit« oder »L. Ron Hubbard« unterzeichnet.

»Ich glaube, daß ich gerettet wurde, verstehst du?«

»Aha. Klar. Gerettet. Ja. Super.«

Sie erhob sich, ging zu einem lackierten Sekretär und zeigte das seraphische Lächeln der unwiederbringlich Durchgeknallten.

»Ich weiß, was du denkst, aber das stimmt nicht. Du wirst schon sehen.« Sie nahm ein Scheckheft aus dem Sekretär und begann zu schreiben. »Hier!« Sie riß einen Scheck heraus und fuchtelte damit in der Luft herum, ein Banner guten Glaubens, das in der Brise trocknete.

»Paß auf …«, brachte ich heraus. »Jane. Bei meiner Ehre, oder den Krümeln, die davon noch übrig sind, ich kann dein Geld nicht annehmen. Ich verstehe nicht, was ich eigentlich für dich tun soll, ich bezweifle, daß ich Manns genug bin, es zu tun, und es besteht die, um’s charmant auszudrücken, rasende Gewißheit, daß dein Verstand fremdgeht. Du solltest … jemanden konsultieren.«

Was ich mit »jemandem« meinte, war mir nicht klar. Doktor, Psychiater, Priester, nehme ich an. Überschäumende Heuchelei seitens eines Mannes, der an solchen Unflat nicht glaubt, aber was zum Teufel hätte ich denn sonst sagen sollen?

»Ich möchte, daß du nach Swafford fährst. Ich möchte, daß du meinen Verwandten erzählst, du wolltest Onkel Michaels Biografie schreiben«, sagte sie und reichte mir den Scheck. »Du bist wahrscheinlich der einzige Mensch auf Erden, dem er so ein Projekt erlauben würde.«

Ich hielt einen ordnungsgemäß unterschriebenen und datierten Scheck über einhunderttausend Pfund im Schoß. Eine Filiale meiner Bank liegt in der Nähe des U-Bahnhofs South Kensington. Binnen zehn Minuten konnte ich aus dem Haus sein und einen Einzahlungsschein ausfüllen.

»Es gibt«, sagte ich, »Berufsschreiber, die dir für einen Bruchteil dieser Summe ganze Familiengeschichten zusammentragen würden. Man nennt das Eitelkeitspublikationen.«

»Du hast es noch nicht verstanden«, sagte sie. »Du wirst keine Familiengeschichte schreiben, du wirst etwas Phänomenisches berichten.«

»Phänomenales«, murmelte ich gereizt.

»Du wirst ein Wunder bezeugen.«

»Ein Wunder. Verstehe. Und was genau für ein Wunder?«

Sie stockte. »Ich möchte, daß du nach Swafford fährst und deine Berichte ablieferst«, sagte sie. »Schreib mir regelmäßig. Ich bin gespannt, ob dir etwas auffällt. Du hältst mich für verrückt, aber ich weiß, daß du, wenn du hinkommst, selbst sehen wirst, was es zu sehen gibt.«

Ich verließ das Haus, walzte die Brompton Road hoch und reflektierte so eifrig wie ein beschlagener Spiegel im Sonnenschein. Jane war natürlich verrückt, aber ihr Scheck gesund und liebreizend gedeckt. Die Frage war jetzt nur, wie ich an eine Einladung nach Swafford herankam. Die Frage war, wieviel Arbeit ich für das Geld erledigen mußte. Die Frage war, was für Arbeit ich für mein Geld erledigen sollte. Ich haßte das Weibsstück dafür, mir nicht erzählt zu haben, wonach ich eigentlich Ausschau halten sollte. Hätte sie mir wenigstens den kleinsten Hinweis gegeben, dann hätte ich es so einrichten können, ihre Wahnvorstellungen aufzuplustern, indem ich sie zu bestätigen schien. Aber was waren das für Wahnvorstellungen? Mein letzter Besuch in Swafford war zwar durchaus unterhaltsam gewesen, hatte aber nicht gerade Wunder offenbart.

ZWEI

Lord Logan kniete zwischen seinen Söhnen und zeigte auf den Turm. David blickte hoch. Durch den Abendnebel sah er das Zifferblatt, frisch gestrichen in Gold auf blauem Grund.

»Ganz toll, Dad«, sagte Simon gerade. »Ist das echtes Gold?«

Lord Logan lachte.

»Vergoldet.«

»Im Salon ist es aber Gold. Hast du selbst gesagt.«

»Im Salon ja.«

»Und im chinesischen Zimmer, Dad, und in der Kapelle?«

»Blattgold.«

»Blattgold«, wiederholte Simon zufrieden. »Die Dekorateure haben mir das Buch gezeigt. Jede einzelne Seite war aus reinem Gold.«

David verdrehte die Augen. Das elektrische Licht verwob den Nebel um die Uhr herum zu einem gelben Ball, der über den Stallungen schwebte.

»Also«, sagte Lord Logan. »Wie spät ist es?«

»Äh, also«, sagte Simon und legte die Hand hinter die Ohren.

Auch David schaute empor und sah, daß es etwa eine halbe Minute vor zehn war. Im Kopf ließ er den Countdown beginnen.

Lord Logan zog die Knaben an sich und machte mit der Zunge ein Tick-Tack-Geräusch. Er spürte Davids warme Hand in der einen und Simons kalte in der anderen.

David wartete auf das schleifende Surren, das dem Schlagen immer voranging. Eins der großen Jagdpferde stampfte im Stall, und in der Ferne hörte David das Jaulen der Beaglewelpen in den Hundezwingern.

Die Uhr gab keinen Ton von sich. Sie standen nicht direkt vor ihr, daher nahm David an, daß ihr Winkel den Zeiger weiter fortgeschritten erscheinen ließ, als er wirklich war. Er fing einen neuen Countdown bei zehn an. Simon hatte gesagt, daß man die Sekunden genau zählen konnte, wenn man zwischen zwei Zahlen immer das Wort »Alligator« einschob.

»Zehn Alligator, neun Alligator, acht Alligator, sieben Alligator, sechs Alligator …«, sagte David bei sich.

Simon nahm die Hände von den Ohren.

»Dad!« sagte er vorwurfsvoll. Er hatte erst in diesen Ferien von Daddy zu Dad gewechselt und gefiel sich dabei, das neue Wort so oft wie möglich zu benutzen.

»Seht ihr?« Lord Logan hüpfte vor Vergnügen auf und ab.

In welchem Winkel sie auch zur Uhr standen, es bestand kein Zweifel mehr daran, daß es jetzt deutlich eine Minute nach zehn war.

»Aber ich mochte das Schlagen«, sagte Simon.

»Ja, versteht ihr denn nicht? Wir haben einen Mechanismus eingebaut. Tagsüber schlägt sie weiterhin, aber nicht nach Einbruch der Dunkelheit.«

»Klasse! Das ist klasse, Daddy!«

»Jemand mußte ja was machen. Die Zwillinge sind pünktlich zu jeder vollen Stunde aufgewacht.«

»Wem sagst du das, Dad«, sagte Simon. »Du weißt doch, mein Zimmer liegt auf demselben Flur.«

»Ja, richtig«, sagte Lord Logan, stand auf und klopfte sich mit dem Handrücken die Knie ab. »Da ist noch etwas. Komm, David, du bist nicht zu schwer … hepp!« David sprang seinem Vater auf die Schultern, und sie gingen zum Haus zurück. »Jetzt, wo du dreizehn bist, Simon, sollten wir dich aus dem Kinderzimmer rausholen und dir ein ordentliches Schlafzimmer besorgen, findest du nicht?«

»Oh, Mann«, sagte Simon.

»Ich meine, wenn du Weihnachten zu den Schützen gehörst.«

»Daddy!« Simon trat vor Begeisterung nach Kieselsteinen. »O Mann, Mannomann!«

Lord Logan rückte David im Huckepack zurecht.

»Puh! Ich werd langsam zu alt für so was, Davey.«

Aber David wußte, daß er, obwohl er bald zwölf wurde, klein und leicht war für sein Alter und daß sein Vater ihn, ohne zu murren, fünf Meilen weit hätte tragen können.

 

Vierzehn Tage später lag David auf seinem Bett und starrte an die Decke, genauso wie in der vorigen Nacht. Die vorige Nacht war der Weihnachtsabend gewesen, wenn alle Kinder wach liegen, um ihre Väter zu überraschen. Obwohl Simon behauptete, daß Lord Logan gar nicht selbst kommen würde.

»Podmore muß sich umziehen und sie in unsern Zimmern abladen.«

»Nein, ich wette, es ist Daddy. Dem macht das Spaß.«

David hatte es nicht geschafft, lange genug ...

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