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Das Mädchen, das den IS besiegte

Landkarte

Farida Khalaf

Andrea C. Hoffmann

Das Mädchen,
das den IS besiegte

Faridas Geschichte

BASTEI ENTERTAINMENT

Farida Khalaf ist mein richtiger Name, aber das Mädchen auf dem Cover bin nicht ich. Mein Gesicht möchte ich nicht zeigen. Die Namen aller anderen Menschen, die in diesem Buch vorkommen, wurden verändert. Die Namen von Personen des öffentlichen Lebens sind echt.

Prolog

Mein Vater zeigte mir, wie ich mich hinstellen sollte: »Mit dem linken Fuß noch ein Stückchen weiter nach vorn und die Beine leicht gebeugt.«

Er korrigierte meine Haltung, indem er von hinten meine Schultern umfasste und meinen Oberkörper sanft in eine frontale Stellung brachte. Als Grenzsoldat der irakischen Armee wusste er, wie man mit Gewehren umging. Dann legte er die Waffe in meine Hände: eine AK-47. Die Kalaschnikow wog weniger, als ich gedacht hatte.

»Deine rechte Hand legst du hinten an den Abzug«, erklärte er. »So. Mit der linken kannst du vorne den Lauf justieren. Ziel mal auf den Baumstamm dort hinten.« Ich nahm einen der Maulbeerbäume in unserem Garten ins Visier. »Und Feuer!«

Meine Finger berührten zögerlich den Abzug. Nichts passierte.

»Los«, sagte er: »Trau dich, Farida!«

Ganz leicht berührte ich den Metallhebel, bis es schließlich leise klackte. Hinter mir lachte mein Vater.

»Genau so«, lobte er. »Gut!«

Ich sah ihn fragend an.

»Ich habe die Waffe noch nicht entsichert«, verriet er mir. »Aber das ändern wir gleich: So geht das.« Er zeigte mir, wie man den Sicherungsbügel an der rechten Seite des Gehäuses löst. »Bist du bereit?«

»Na klar«, sagte ich konzentriert.

»Aber jetzt vorsichtig.«

»Okay.«

»Hast du auch richtig gezielt?«

Ich nickte.

»Dann los!«

Ein lauter Schuss hallte durch unseren Garten, und die Wucht des Rückschlags der Kalaschnikow ließ mich taumeln.

»Bravo«, sagte mein Vater – und grinste unter seinem dunklen Schnauzbart.

Wir gingen zusammen zu dem Baum, um das Ergebnis meiner ersten Schießübung zu begutachten: Tatsächlich steckte ganz am äußersten rechten Rand ein kleines Eisenstück im Stamm. Die leere Hülse lag ungefähr einen Meter entfernt im Staub.

»Du bist talentiert«, behauptete mein Vater. »Mit ein wenig Übung wirst du bald besser sein als deine Mutter.«

»Meinst du?«, fragte ich aufgeregt. Er strich mir zärtlich über den Kopf.

»Ja, du musst es nur ein paar Mal üben, dann geht es ganz einfach. Ich werde eine Zielscheibe für dich im Garten aufhängen. Du wirst sehen: Mit der Zeit verlierst du auch die Angst vor dem Knall und kannst den Rückstoß besser ausbalancieren.«

Ich nickte eifrig. Ich war sehr stolz, dass mir mein Vater nun, im Alter von fünfzehn Jahren, beibrachte, wie ich mit der Kalaschnikow umzugehen hatte. Meiner Mutter und meinem zwei Jahre älteren Bruder Delan hatte er das bereits vor Jahren gezeigt. Meinem zwei Jahre jüngeren Bruder Serhad hingegen noch nicht. Es war ein klares Zeichen dafür, dass er mich für erwachsen hielt: erwachsen genug jedenfalls, um unser Haus und unseren Besitz zu verteidigen, wenn es darauf ankam.

Drei Gewehre lagerten in einer Kiste in seinem Schlafzimmer. Eines davon war Vaters Dienstgewehr von der Armee; die anderen beiden hatte er auf dem Bazar erworben.

»Auch Frauen müssen eine Waffe bedienen können«, sagte er. »Wenn ich genügend Geld zusammenhabe, werde ich noch eine AK-47 kaufen, damit im Ernstfall jeder von uns eine zur Hand hat.«

Darüber, wie dieser »Ernstfall« aussehen könnte, verriet Vater nichts. Und mir fehlte noch die Fantasie, ihn mir vorzustellen. Dass Vaters Vorsicht vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass wir Jesiden und keine Muslime waren, kam mir damals nicht in den Sinn. Ich dachte allenfalls an Einbrecher, die versuchen könnten, unsere Wertsachen zu stehlen. Die Katastrophe, die auf uns wartete, lag völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Kapitel 1

Unsere Welt, wie sie einst war

Wir wohnten damals in Kocho, einem Dorf, das in der Ebene südlich des nordirakischen Sindschar-Gebirges liegt. Es hatte 1700 Einwohner. Im Frühling erstrahlt die Landschaft dort in allen nur erdenklichen Farben des Regenbogens: Rings um das Dorf erblühen dann die zahlreichen Bäume, Blumen und Gräser, durch die die Hirten ihre Ziegenherden trieben. Im Sommer lässt die Hitze dann alles wieder vertrocknen, sodass die Pflanzen verdorren. Deshalb hatten die Dorfbewohner rund um Kocho einige Teiche angelegt. Mit ihnen bewässerten wir unsere Felder. Und auch unseren Garten, der von einer hohen Mauer umschlossen wurde, mussten wir täglich gießen. Das zählte zu meinen Aufgaben: Morgens und abends nahm ich den großen Schlauch, drehte den Hahn auf unserer Terrasse auf und bespritzte alle Pflanzen mit Wasser.

Wir hatten einen sehr schönen Garten, in dem Maulbeer-, Mandel- und Aprikosenbäume wuchsen. Und in ihrem Schatten gedieh auch das Gemüse, das meine Mutter anpflanzte: Zucchini, Lauch, Auberginen, Kartoffeln, Zwiebeln, Salat- und Kohlköpfe. Rund um die Terrasse unseres Hauses blühten verschiedene Rosensorten, die besonders abends einen betörenden Duft verströmten. In der warmen Jahreszeit hielten meine Mutter, meine jüngeren Brüder Serhad, Shivan, Keniwar und ich uns fast ständig in diesem kleinen Paradies auf. Aber auch mein Vater und mein älterer Bruder Delan genossen die Ruhe und die Frische hier, wenn sie nicht gerade arbeiteten.

Das Haus selbst war einstöckig und zählte fünf Räume: eine Küche, ein Wohnzimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern, das meiner vier Brüder – und meines. Als einzige Tochter der Familie hatte ich das Recht auf mein eigenes kleines Reich. Trotzdem bedauerte ich es oft, keine Schwester zu haben, ich hätte das Zimmer sehr gern mit ihr geteilt. Immerhin durfte ich, so oft ich wollte, meine Freundinnen zu mir nach Hause einladen. Meine Freundin Evin und meine Cousine Nura kamen häufig zu Besuch. Nura und ich gingen in dieselbe Klasse. Evin hingegen war einige Jahre älter als wir und hatte die Schule bereits beendet. Wir beneideten sie um die viele Freizeit, während wir selbst oft Nachmittage lang über unseren Hausaufgaben brüteten. Mit ihrem ruhigen, ausgeglichenen Gemüt war Evin wie eine ältere Schwester für uns.

Von meinen Brüdern mochte ich Delan, den ältesten, am liebsten. Wir hingen fast immer zusammen und teilten viele Interessen. Zwischen den Bäumen im Garten spielten wir nachmittags gerne Fußball. Mein großer Bruder lehrte mich auch das Autofahren, heimlich in den Bergen. Denn leider hatte es mein Vater nur ihm und unserem jüngeren Bruder Serhad beigebracht. Er glaubte nicht, dass Mädchen das können mussten. Fahrstunden zu nehmen oder einen Führerschein zu machen, war bei uns im Dorf ohnehin nicht üblich.

Eigentlich hätte unser Haus ursprünglich zwei Stockwerke haben sollen. So hatte es unser Vater jedenfalls geplant, als er es vor Jahren mit meinem Onkel zusammen baute. Doch schon bald ging das Geld, das er dafür vorgesehen hatte, zur Neige. Mit dem Sold eines Grenzers und etwas Landwirtschaft als Zubrot hatte er nicht allzu viel Spielraum. Zudem legte mein Vater Wert darauf, dass alle seine Kinder zur Schule gingen. Kurz: Es gab immer Wichtigeres zu finanzieren als ein weiteres Stockwerk. Und mit der Zeit gewöhnten wir uns an die Eisenstangen und Drähte, die oben aus dem Dach ragten. Viele Häuser in Kocho sahen so aus: Die Stangen signalisierten, dass man jederzeit ein weiteres Stockwerk auf dem Gebäude errichten konnte. Und im Sommer, wenn es im Haus zu heiß zum Schlafen wurde, zogen wir mit unseren Matten aufs Dach, um die frische Nachtluft dort oben zu genießen.

Meine Mutter ging das Thema sowieso ganz pragmatisch an, spannte irgendwann Leinen zwischen den Stangen und begann, dort ihre Wäsche aufzuhängen. Eine Maßnahme, die Delan und ich natürlich gut fanden. Hatten wir doch des Öfteren ein ordentliches Donnerwetter kassiert, wenn unser schmutziger Fußball mal wieder statt im Tor in den sauberen Laken gelandet war, als die Wäsche noch im Garten getrocknet wurde.

Nun aber lagerten seit geraumer Zeit eine Betonmischmaschine und Zementsäcke zwischen den Stangen, die Delan von seinem Lohn als Bauarbeiter gekauft hatte. Der Grund: Mein großer Bruder wollte heiraten. Dazu brauchte er natürlich eine Wohnung, in die er mit seiner zukünftigen Frau einziehen könnte.

Eine Frau brauchte er allerdings auch noch. Auf einer unserer Spritztouren in die Berge hatte er mir gestanden, dass das Mädchen, in das er ursprünglich verliebt gewesen war, ihm einen Korb hatte geben müssen. Ihre Eltern hatten sie leider bereits einem anderen Mann versprochen, und daran war nichts mehr zu ändern. Nun bemühte sich Delan um Zevin, eine Cousine von uns, die ich sehr gut leiden konnte.

»Ich werde dafür beten, dass ihre Eltern dich akzeptieren«, versprach ich ihm feierlich. Die Ehe unter Vettern und Cousinen gilt bei uns als besonders erstrebenswerte Verbindung, da man davon ausgeht, dass das Zusammenleben mit Verwandten harmonisch verläuft.

In unseren Nachbardörfern wohnten meist muslimische Araber. Sie unterschieden sich in jeder Hinsicht von uns, nicht nur was ihre Religion betraf. Sie hatten auch andere Gepflogenheiten, andere Traditionen und Gebräuche. Wir sprachen Kurdisch, sie Arabisch. Und da wir Jesiden nur innerhalb unserer eigenen Religionsgruppe Ehen schließen, hatten wir auch keinerlei verwandtschaftliche Beziehungen in diese Ortschaften. Wir pflegten aber freundschaftliche und vor allem geschäftliche Kontakte zu den Muslimen. Ich erinnere mich, dass immer wieder muslimische Händler nach Kocho kamen, um Obst oder Süßigkeiten feilzubieten. Diese Kaufleute waren uns Kindern natürlich sehr willkommen, und über ihre Waren freuten sich auch die Erwachsenen.

Jeder Junge im Dorf hatte zudem einen muslimischen »Paten«: Das ist der Mann, der das Kleinkind in den Armen hält, wenn bei ihm die Beschneidungszeremonie durchgeführt wird. Bei diesem festlichen Akt kommt in der Regel das ganze Dorf zusammen und schaut zu. Als zum Beispiel mein jüngster Bruder Keniwar beschnitten wurde, trug ihn ein muslimischer Freund meines Vaters. Dadurch wurde er quasi zu Keniwars »Onkel«, zu seinem Schutzpatron. Und auch wenn keine Blutsverwandtschaft zwischen den Familien bestand, ging der muslimische Pate damit die Verpflichtung ein, dem Kind und später dem Mann zu helfen, wann immer dieser seine Unterstützung bräuchte. Gleichzeitig festigte der Akt auch die Verbindung zwischen den jesidischen und den muslimischen Familien, so auch zwischen meinem Vater und seinem andersgläubigen Freund.

Doch trotz solcher Bündnisse genossen wir als Jesiden einen äußerst zweifelhaften Ruf bei Muslimen. Und das wussten wir auch. Viele von ihnen verbargen nicht, was sie von uns hielten: Wenn sie uns im Dorf besuchten, weigerten sie sich, unsere Speisen zu essen. Sie fürchteten, dass sie »unrein« sein könnten. Da wir großen Wert auf Gastfreundschaft legen, empfanden wir das immer wieder als schlimmen Affront. Warum sie so über uns dachten, war mir als Kind lange Zeit unbegreiflich.

Aber die Alten im Dorf berichteten, dass das schon immer so gewesen ist.

»Unsere Geschichte ist eine Geschichte der Verfolgung und des Leidens«, erzählte mir mein Großvater. Der Vater meines Vaters wohnte, wie es bei uns üblich ist, direkt im Haus nebenan. Er war ein würdiger älterer Herr mit weißem Schnurrbart, der stets die traditionellen weißen Gewänder trug, die bei uns für spirituelle Reinheit stehen. »Alle haben uns verfolgt: die muslimischen Kurden, die Statthalter des iranischen Schahs und die der osmanischen Sultane. 72-mal haben sie uns niedergemetzelt. Unzählige Male haben sie unsere Frauen geraubt, uns aus unserer Heimat vertrieben, uns mit gehobenem Schwert gezwungen, unserer Religion abzuschwören.«

Großvater strich mir mit seiner großen, rauen Hand über den Kopf, während ich mir mit wohligem Schaudern diese gruseligen Geschichten aus der Vergangenheit anhörte. »Nimm dich vor ihnen in Acht, meine Kleine«, sagte er, »denn sie nennen uns: Abadat al-Sheitan. Anbeter des Gebieters der Hölle.«

Ich erschrak nun doch. »Aber warum denn?«

»Weil sich irgendjemand vor langer Zeit diese Lüge ausgedacht hat«, antwortete er. Großvater sah mich an. Wie seine Haare waren auch seine Augen von einem grauen Schleier überzogen. Es schien, als wolle er abschätzen, ob ich bereits alt genug sei, die Dinge zu verstehen.

»Das ist eine komplizierte Geschichte.« Er deutete auf den Sanjak, der ganz oben auf seiner Kommode stand: Es war die aus Bronze gegossene Figur eines Vogels mit einem ziemlich dicken Unterleib. »Weißt du, wer das ist?«

»Aber natürlich«, antwortete ich empört. »Das ist Melek Taus.« Für wie dumm hielt mich mein Großvater eigentlich, schließlich kannte bei uns wirklich jedes Kind den Pfauen-Engel.

Großvater nickte zufrieden. »Richtig«, bestätigte er – und machte eine kleine Verbeugung in die Richtung des Pfaus. »Melek Taus ist, wie du weißt, der erhabenste unter den sieben Engeln Gottes. Er ist die schönste und vollkommenste aller Lichtgestalten. Aber leider glauben viele Muslime, er sei genau das Gegenteil.«

»Was?«, fragte ich ebenso entsetzt wie perplex. Von den Menschen in meiner Umgebung hatte ich immer nur gehört, welch wunderbares, göttliches Wesen unser Pfauen-Engel sei. Und nun erfuhr ich plötzlich, dass es auch Leute gab, die das Gegenteil glaubten. Wie kamen sie nur auf diese absurde Idee?

»Das Ganze ist ein Missverständnis«, erklärte mein Großvater. »Es beruht auf einer Begebenheit, die schon sehr lange zurückliegt. Damals, im Anbeginn der Zeit, als Gott die Erde und den Menschen schuf, befahl er allen Engeln, vor Adam niederzuknien. Und was taten die Engel?« Er sah mich prüfend an.

»Sie befolgten Gottes Anweisungen«, riet ich.

»Richtig. Das taten sie. Alle bis auf einen: Melek Taus. Er war der einzige, der nicht vor Adam niederkniete.«

»Das heißt, er verweigerte Gott den Gehorsam?« Das erstaunte mich nun doch.

»Ja, das tat er«, gab Großvater zu. »Aber er hatte auch einen guten Grund dafür. Denn die Aufforderung war eine Prüfung Gottes. Mit ihm wollte er die Loyalität seiner Engel auf die Probe stellen: Gott wollte herausfinden, ob sie tatsächlich nur ihn liebten und sich vor keinem anderen lebenden Wesen verbeugen würden. Verstehst du nun? Melek Taus kniete nicht vor Adam nieder, weil seine ganze Liebe Gott allein gehört!«

»Er hat den Test also bestanden?«

»Ja. Als Einziger unter den Engeln blieb er loyal gegenüber seinem Herrn. Deshalb war Gott sehr zufrieden mit ihm.«

»Aber Großvater!«, unterbrach ich ihn ungeduldig. »Was ist denn dann das Problem?«

»Das Problem ist, dass die Muslime diese Geschichte völlig falsch verstehen!«, sagte der alte Mann erregt: »Sie denken, dass Gott Melek Taus zürnt. Deshalb nennen sie ihn den ›gefallenen Engel‹ und meinen, er sei die Verkörperung alles Bösen.«

Ich riss die Augen auf. »Sie halten ihn für den …?«

»Pssst!«, sagte mein Großvater und legte den Finger auf den Mund. »Du darfst diesen Namen niemals aussprechen. Ich müsste dich sonst töten.« Erschrocken blickte ich zu Großvaters Gesicht hoch und suchte das ironische Zwinkern in seinen Augen. Aber seine Miene blieb hart; er scherzte nicht. »Versprichst du mir, dass du das niemals tun wirst?«

»Niemals, Großvater«, gelobte ich und presste wie zum Beweis meine Lippen aufeinander.

Leise begann mein Großvater mit seinem tiefen Bass zu singen. Und ich fiel mit meiner hellen Stimme ein: »Oh mein Herr, du bist der Engel, der Herrscher der Welt; oh mein Herr, du bist der Engel, der großzügige König; du bist der Engel des großartigen Throns; oh mein Herr, vom Beginn der Zeit an warst du immer der Einzige.«

Da lächelte er endlich. »Melek Taus ist gütig und barmherzig, Farida«, sagte er. »Vergiss das nicht. Egal, was andere über ihn sagen. Und vertraue ihnen niemals!«

»Niemals!«, wiederholte ich und ballte meine rechte Hand entschlossen zur Faust. In diesem Augenblick hatte ich das ganze Ausmaß des Problems unserer Existenz begriffen: Die Muslime hielten uns Jesiden für die Diener des Höllenfürsten! Und aufgrund dieses tragischen Missverständnisses hassten sie uns.

Die religiösen Rituale in unserem Dorf waren untrennbar mit den Abläufen der Natur verbunden. Jeden Morgen, bevor es hell wurde, kletterte ich mit meinen Eltern und Geschwistern aufs Dach, um die ersten Strahlen der Sonne zu begrüßen. Manchmal, wenn es kalt war, blieben wir auch im Haus – genau an dem Platz, an dem die Strahlen der Sonne zuerst eintrafen. Wir wandten ihr unsere Gesichter zu und öffneten dabei die Hände, ähnlich wie es Muslime und Christen beim Beten tun. Danach falteten wir die Hände und sagten: »Amen, Amen, Amen. Gesegnet sei unsere Religion. Gott wird unserer Religion helfen zu überleben.« Aber wir Jesiden beten die Sonne keineswegs an: Wir sprechen in unseren Gebeten immer Gott selbst an. Die Sonne verehren wir lediglich, genauso wie wir den Mond und den Venusstern verehren, da durch sie die göttliche Energie fließt. Mehrmals täglich und einmal in der Nacht huldigen wir Gott im Antlitz dieser Himmelskörper.

Licht und insbesondere das Sonnenlicht ist in unserer Religion sehr wichtig. Denn hängt nicht alles auf der Welt irgendwie von der Sonne ab? Könnte ohne ihr Licht eine Pflanze gedeihen? Könnten wir unsere Felder bewirtschaften? Könnten wir ernten und unseren Hunger mit der Ernte stillen? Nein! Deshalb ist die Sonne uns heilig; ihr Licht ist unser Andachtsort und unsere wichtigste Verbindung zu Gott.

Auch die verschiedenen Jahreszeiten sind für uns mit religiösen Festen verbunden. Der rituelle Zyklus im Dorf begann mit unserem Neujahrsfest Sere Sal, das wir am ersten Mittwoch im April feierten, dem sogenannten roten Mittwoch. An diesem Tag schmückten wir unsere Häuser mit Blumen und bemalten Eier in bunten Farben, da sie in unserer Vorstellung für den Neubeginn allen Lebens und für den Anfang der Welt stehen. Als Kind musste ich sie immer im Garten suchen. Dieselben Eier boten meine Mutter und andere Frauen des Dorfes unseren Ahnen auf dem Friedhof später als Festmahl dar.

Wir feierten Chile Havine, die »vierzig Tage des Sommers«, und Sere Chil Zivistane, die »vierzig Tage des Winters«. Beide Feste waren mit aufwendigen religiösen Zeremonien verbunden und endeten mit einer dreitägigen Fastenzeit.

Das wichtigste Ereignis des Jahres bildete jedoch die Pilgerreise nach Lalisch. Im Herbst, wenn die größte Hitze des Sommers abgeflaut und das Wetter wieder angenehm mild war, machte sich das ganze Dorf auf den Weg zu diesem mystischen Ort: einem wunderschönen, grünen Tal, das von zwei Quellen bewässert wird, die wir als heilig erachten. Es liegt ungefähr hundertfünfzig Kilometer nordöstlich von Kocho, in den Bergen zwischen Dohuk und Mossul.

Für mich ist Lalisch neben meinem Heimatdorf so etwas wie meine zweite, meine spirituelle Heimat, da mich meine Eltern von Kindesbeinen an auf die jährliche Reise in das Tal mitnahmen. Schon als Baby badete ich in den Wassern der Weißen Quelle. Doch Lalisch ist nicht nur ein irdischer, sondern vor allem auch ein himmlischer Ort: Hier, so glauben wir Jesiden, kam Gott dereinst auf die Erde herab. Hier schuf er die sieben Engel, die Sonne, den Mond und die Sterne, alle Tiere und Pflanzen, die Flüsse und das Meer.

Alles nahm also vor langer Zeit in Lalisch seinen Anfang. Auch der Mensch wurde an diesem perfekten Fleck Erde erschaffen.

»Wir Jesiden stammen direkt von Adam ab«, sagte mein Vater, der auf dem Weg zum Heiligtum zu meiner Freude gerne die alten Geschichten erzählte.

Wie alle Männer des Dorfes hatte er die blaue Armee-Uniform, die er sonst so gerne trug, für den feierlichen Anlass gegen eine weiße Robe und ein weißes Tuch auf dem Kopf getauscht, das er im arabischen Stil mit einem schwarzen Stirnband befestigt hatte. Auch meine Mutter hatte sich ein weißes Tuch um den Kopf gebunden. Jesidische Frauen sind im Gegensatz zu den Frauen der Muslime nicht dazu angehalten, sich zu verhüllen. Die anderen Mädchen und ich reisten daher ohne Kopfbedeckung und waren auch auf der Pilgerfahrt relativ modern gekleidet: Wir trugen dieselben Hosen, Röcke und Blusen, mit denen wir auch in die Schule gingen. Allerdings achteten wir immer darauf, dass wenigstens ein Kleidungsstück aus weißem Stoff war.

»Das ist der wichtigste Unterschied zwischen uns und allen Völkern der Welt«, erklärte mein Vater weiter. »Sie sind Kinder von Adam und Eva. Wir hingegen sind ez xwede dam – die von Gott erschaffen‹ wurden.«

Wenn wir in das Tal einbogen, befahl mein Vater uns jedes Jahr, unsere Schuhe auszuziehen und barfuß weiterzugehen: Niemand sollte die heilige Erde mit seinen Schuhsohlen beschmutzen. »Vergesst nicht, dass kein Geringerer als Scheich Adi auf diesem Boden wandelte!«, erinnerte er.

Scheich Adi, ein Prediger, der vor vielen Jahrhunderten in Lalisch lebte, wird von uns als Reinkarnation des Pfauen-Engels verehrt. Sein Grabmal befindet sich in dem Sanktuarium, das an einem der sanft abfallenden Hänge des Tals liegt: Schon von weit her sieht man den sandfarbenen Komplex mit den nach oben spitz zulaufenden Türmen der Heiligengräber.

In diesem Heiligtum findet alljährlich eine überirdische Zusammenkunft statt: Unter der Leitung des Pfaus treffen sich im September die sieben Engel, die die Geschicke auf der Erde lenken. Sie beraten über die Ereignisse des kommenden Jahres und fällen wichtige Entscheidungen über die Zukunft der Menschheit. Auf der irdischen Seite von Lalisch wollten wir sie bei ihren Beratungen begleiten und milde stimmen. Auch unsere spirituellen Führer fanden sich zu diesem Zweck jedes Jahr ein. Ihnen würde sich Melek Taus während der Herbstversammlung offenbaren und seinen Willen mitteilen.

Wir suchten uns also einen Platz in der Nähe des Heiligtums und luden dort unsere Bündel ab. Die Gästehäuser blieben nur ganz wichtigen Personen und Angehörigen unserer Priesterkaste vorbehalten. Normale Leute wie wir schlugen im Freien ihr Lager auf. Wir hatten eine große Decke mitgebracht, die meine beiden älteren Brüder auf vier Holzpfeiler spannten. Sie diente uns als Sonnenschutz und als Regendach gleichermaßen. Auch Kochgeschirr, Decken und Nahrungsmittel verstauten wir unter diesem improvisierten Zeltdach. Eine Ziege, die wir als Proviant mitgebracht hatten, banden wir an einem Baum in der Nähe fest.

Ich liebte die Zeit in Lalisch. Für uns Jugendliche bedeutete die Herbstwoche vor allem Ferien und jede Menge Spaß. Sie glich einem gigantischen Camping-Ausflug mit allen Freunden und Verwandten.

Die Tage verbrachte ich mit meiner Familie. Jeder von ihnen folgte einem genau vorgegebenen Ablauf. Am ersten Tag wanderten wir zur Silat-Brücke, die sich am unteren Ende des Tals befindet. Sie markiert den Übergang zwischen dem irdischen und dem überirdischen Teil von Lalisch. Dreimal wuschen wir uns mit dem Wasser unter der Brücke die Hände, dreimal überquerten wir die Brücke mit Fackeln in der Hand und sagten: »Die Silat-Brücke, auf der einen Seite ist die Hölle, auf der anderen Seite das Paradies.« Danach begaben wir uns in den oberen Bereich des Tals und sangen religiöse Hymnen. Diese Prozedur wiederholten wir drei Tage lang.

Dann rückte das Grabmal von Scheich Adi in den Mittelpunkt. Seinen Sarkophag und die Säulen ringsherum schmückten prachtvolle, bunte Seidentücher. Am vierten Tag wurden diese Tücher eingesammelt und zur Quelle von Kaniya Spi gebracht. Dort sahen wir zu, wie sie einer feierlichen Waschung unterzogen wurden.

Das Bullenopfer am fünften Tag war einer der Höhepunkte: Die Salvenschüsse, die seine Tötung lautstark ankündigten, ließen alle Männer zum Sanktuarium eilen. Auch mein Vater und meine Brüder wollten das Spektakel auf gar keinen Fall verpassen. Wir Frauen hingegen waren weniger erpicht darauf. »Wenn ich das viele Blut nur rieche, muss ich mich schon übergeben«, vertraute mir meine Mutter an.

Am liebsten waren mir die Abende in Lalisch, an denen traditionelle Tänze aufgeführt wurden: Zur Musik der Qewels, der heiligen Sänger, die unser religiöses Wissen bewahren, umschritten zweimal sieben ganz und gar in weiße Kleidung gehüllte Männer feierlich das Sonnensymbol. Sie folgten einem Fakir, der einen dunklen Fellumhang und einen spitzen schwarzen Hut trug, von dem es heißt, auch Melek Taus selbst habe schon einen solchen getragen. Das allabendliche Ritual wirkte auf mich ebenso geheimnisvoll wie faszinierend.

Oft entwischte ich auch zusammen mit meinen Freundinnen Nura und Evin, um im Schutz der Dunkelheit andere Jugendliche zu treffen. Denn natürlich verbrachten wir die Zeit viel lieber mit Gleichaltrigen als im Kreis der Familie. Manchmal lernten wir auf diese Weise auch Jugendliche aus anderen Dörfern kennen. Die Erwachsenen sahen das gar nicht gerne, weil sie unerlaubte Bekanntschaften zwischen den Geschlechtern befürchteten. Im allgemeinen Chaos und der Euphorie der Pilgerreise konnten sie den Kontakt aber auch nicht ganz verhindern.

Letztlich blieben die Begegnungen aber immer harmlos. Denn wie alle Mädchen waren meine Freundinnen und ich streng nach dem Ehrenkodex unserer Gemeinschaft erzogen worden: Dabei spielt die Jungfräulichkeit einer Braut eine ungeheuer wichtige Rolle. Voreheliche Beziehungen kamen für uns unter keinen Umständen in Frage. Es blieb also dabei, dass wir uns mit den Jungen in unserem Alter neckten oder allenfalls verstohlene Blicke wechselten.

Kapitel 2

Ein letzter schöner Sommer

In der Schule nannten sie mich »Taschenrechner«. Den Spitznamen hatte sich mein Mathe-Lehrer für mich ausgedacht, weil ich in seinem Fach die Cleverste in der Klasse war. Immer wenn Herr Siamand eine Aufgabe stellte und keiner meiner Mitschüler sie lösen konnte, wandte er sich schließlich an mich. »Na, Farida, was meinst du dazu?«, fragte er. »Willst du den anderen nicht verraten, wie es geht?«

»Klar«, antwortete ich und marschierte selbstbewusst in Richtung Tafel. Mit einem Stück Kreide schrieb ich die einzelnen Lösungsschritte auf. Dazu erklärte ich wortreich, wie ich von einem auf den nächsten Schritt kam. Hinter mir hörte ich meine Mitschüler murren. Vor allem die Jungen aus meiner Klasse ärgerten sich, dass ich besser rechnen konnte als sie.

»Was soll das? Farida ist nicht unsere Lehrerin!«, beschwerten sie sich. Aus ihren Stimmen klang der pure Neid. Doch Herr Siamand nahm mich immer in Schutz.

»Konzentriert euch lieber und hört zu, wie Farida auf die Lösung kommt«, ermahnte er sie. »Sie ist eine wunderbare Lehrerin. Sie kann Mathe nämlich viel besser als ich.«

Jedes Mal, wenn er das sagte, lief ich vor Aufregung knallrot an und freute mich natürlich sehr über das große Lob aus dem Mund meines Lehrers. Aber ehrlich gesagt musste ich mich überhaupt nicht anstrengen, um so gut in Mathe zu sein. Ich liebe dieses Fach: Alles ist so klar, so strukturiert, so logisch. Dass jemand diese schöne, geordnete Welt nicht begreifen kann, finde ich bis heute merkwürdig. Mir erscheint sie ganz einfach.

Die Potenzrechnungen, mit denen wir uns im Frühjahr 2014 beschäftigten, lagen mir besonders. Während meine Mitschüler mit gerunzelter Stirn lange auf ihren Stiften kauten und herumrechneten, sah ich das Ergebnis in Windeseile vor meinem inneren Auge. Meine Mitschüler hielten das für Zauberei, aber ich fand es einfach nur ziemlich genial.

Physik war mein zweites Lieblingsfach. Auch das fiel mir leicht. Doch leider hatten wir in Physik einen Lehrer, Herrn Khalil, der uns den Stoff auf unglaublich langweilige und umständliche Art erklärte. Wenn er nach der Mathe-Stunde in unsere Klasse kam, legte ich mein Gesicht auf den Tisch und sagte stöhnend zu Nura: »Ich schlaf jetzt ’ne Runde. Weck mich bitte, wenn er fertig ist.«

Sie kicherte und strich sich ihr langes, braunes Haar aus dem Gesicht. Mit ihrer hellen Haut und ihrer Stupsnase war Nura zweifelsfrei das schönste Mädchen in unserer Klasse. Aber im Gegensatz zu mir hatte sie in beiden Fächern ganz schön mit dem Stoff zu kämpfen. Wenn sie über ihren Aufgaben schwitzte, schaute sie manchmal richtig verzweifelt zu mir rüber. »Wie machst du das nur?«, flüsterte sie. »Hast du vielleicht wirklich einen Taschenrechner bei dir?«

»Nein!«, beteuerte ich. »Wenn du heute Nachmittag zu uns kommst, erklär ich es dir.«

Das gemeinsame Lernen war natürlich nur ein Vorwand für uns: Ich freute mich immer, wenn Nura zu uns nach Hause zu Besuch kam. Auch meine Mutter mochte das gerne. Da mein Vater im Schichtdienst arbeitete – und immer wieder zehn Tage am Stück an die Grenze zu Syrien abkommandiert wurde, fühlten wir Frauen uns allein und manchmal sehr einsam. Zudem gilt in unserer Gesellschaft die Regel, dass ein Gast immer Segen für das Haus bringt.

Mit unseren Mathe-Büchern verzogen wir uns also nach der Schule aufs Dach und vertieften uns in die Lektionen, die wir am Vormittag durchgenommen hatten. Ich bemühte mich wirklich sehr, Nura die Geheimnisse der Mathematik und der Physik näherzubringen. Aber der Stoff wollte nicht in ihren Kopf hinein. Es schien, als würde die leichte Brise, die vom Sindschar-Gebirge zu uns rüberwehte, meine Worte geradewegs mit sich forttragen, bevor sie bei Nura angekommen waren. Ich blinzelte in die Sonne und lauschte dem Gezwitscher der Vögel in unserem Garten. Eigentlich war es wirklich ein zu schöner Tag, um ihn mit Lernen zu verschwenden.

»Komm, wir machen eine Pause«, schlug ich vor.

Nura war sofort einverstanden. Wir klappten unsere Bücher zu und gingen gemeinsam hinunter in den Garten. Aus der Küche holte ich eine Karaffe mit Zitronenlimonade, die meine Mutter am Morgen frisch angesetzt hatte. Ich goss jeder von uns ein Glas ein und dekorierte es mit den Minze-Blättern, die bei uns im Garten wuchsen und wunderbar dufteten.

»Lernen macht hungrig«, sagte ich zu Nura und zwinkerte. Sie lachte. Diesen Spruch brachten wir immer als Entschuldigung vor, wenn wir auf unseren Beutezügen ertappt wurden. Wir beide naschten unglaublich gerne – und egal, ob wir bei ihr oder bei mir waren: Wir plünderten erst einmal den Kühlschrank oder ernteten, was die Gärten an Leckereien hergaben.

Nura liebte besonders unsere Himbeeren. Aber sie bewunderte auch die Blumenbeete, die in sanften Farben erstrahlten. »Eure Rosen sind noch schöner als im letzten Jahr«, sagte sie.

»Ja«, antwortete ich stolz. »Aber hast du auch schon unsere Lilien gesehen?« Ich deutete auf die edlen Blüten, die in den verschiedensten Farben bei uns wuchsen. Nura schnupperte an ihnen und streichelte sacht über ein Blatt.

»Sie sind wirklich einzigartig«, musste sie zugeben. Ich brach eine gelbe Blüte ab und legte sie in ihr Mathe-Buch. »Damit werden dir die Lösungen bei der nächsten Prüfung wie im Schlaf zufliegen«, versprach ich ihr.

Sie pflückte ebenfalls eine Blume und legte sie in mein Buch. »Auch wenn du sie nicht brauchst, wird sie dich an mich erinnern.«

In diesem Moment hörte ich die Schritte meiner Mutter hinter uns. Sie hatte ein kariertes Tuch um den Kopf geschlungen und trug eine Hacke in der Hand. Offenbar hatte sie gerade in den Gemüsebeeten hinter unserem Haus Unkraut gejätet. »Ihr beiden seid doch nicht etwa wieder am Räubern?«, fragte sie. Wir hielten unsere Mathe-Bücher an die Bäuche gepresst und schüttelten synchron die Köpfe.

Meine Mutter schaute misstrauisch. Sie wusste, wie gerne wir uns gegenseitig mit Blumen beschenkten. Aber sie konnte uns keiner Missetat überführen. »Ihr solltet ihnen wenigstens eine Chance geben zu wachsen«, sagte sie vorsichtshalber.

Wir setzten empörte Mienen auf.

»Aber das machen wir doch!«

Kurz vor den Sommerferien kam ein Mathe-Lehrer aus einem anderen Dorf zu uns an die Schule. Herr Ahmed sollte die Prüfungen bei uns abnehmen. Er war ein kleinwüchsiger, bärtiger Mann mit einer stattlichen Körperfülle und stand in dem Ruf, ganz besonders anspruchsvoll zu sein. Niemand anderes als er selbst bemühte sich, diesen Eindruck zu vermitteln: »Wenn auch nur ein Einziger aus eurer Klasse es schaffen sollte, siebzig Prozent in meinem Test zu bekommen, seid ihr gar nicht so schlecht«, plusterte er sich auf.

Herr Ahmed kam nicht nur mit den Testaufgaben, sondern anscheinend auch mit einem Sack voller Vorurteile in unser Dorf. Unser neuer arabischer Lehrer meinte wahrscheinlich, dass wir Jesiden total ungebildet wären, weil wir hier so abgeschieden lebten.

Alle meine Klassenkameraden zitterten vor Ehrfurcht. Nura war ganz weiß im Gesicht. Ich aber gab mich unbeeindruckt. »Was reden Sie denn da? Ich bin die Beste in Mathe. Selbstverständlich schaffe ich mehr als siebzig Prozent.«

Herr Ahmed sah mich verblüfft an. »Na, du scheinst dir ja sehr sicher zu sein«, bemerkte er nicht gerade freundlich. »Aber wir werden gleich feststellen, wie gut du tatsächlich bist.«

Er sammelte unsere Mathe-Bücher ein, damit keiner schummeln konnte. Als Nura ihm ihr Buch hinhielt, fiel die gepresste Lilie auf den Boden. Die Gesichtsfarbe meiner Freundin wechselte abrupt von Kalkweiß in Knallrot. Eilig hob sie die Blüte wieder auf und legte sie vor sich auf den Tisch. Ich nahm die Blume, die sie mir geschenkt hatte, ebenfalls aus meinem Buch, bevor ich es abgab, und platzierte sie direkt neben ihrer. »Jetzt kann überhaupt nichts mehr schiefgehen«, raunte ich Nura zu.

Dann teilte Herr Ahmed die Testblätter aus. »Es ist wirklich sehr schwer. Also macht euch nichts daraus, wenn ihr es nicht schafft«, wiederholte er. Er schien uns wirklich für Idioten zu halten!

Ich würde ihm das Gegenteil beweisen, beschloss ich. Konzentriert nahm ich die Aufgaben in Angriff. Natürlich war sein Test etwas anders aufgebaut als die, die wir von Herrn Siamand kannten. Aber trotzdem war er weit davon entfernt, unlösbar zu sein. Da hatte er sich wirklich kein Hexenwerk ausgedacht. Ich rechnete also alles durch und kontrollierte die Ergebnisse noch einmal. Mit einem Seitenblick vergewisserte ich mich, dass auch Nura eifrig bei der Sache war. Ich versuchte, mein Blatt mit den Lösungen so hinzulegen, dass sie eventuell einen Blick darauf werfen könnte. Aber Herrn Ahmeds Augen waren wachsam: Er hatte bereits bemerkt, dass ich nicht mehr rechnete. »Na, hast du doch schon aufgegeben?«, fragte er spöttisch.

»Nein, im Gegenteil, ich bin fertig.«

Er zog überrascht die Brauen hoch. »Dann kannst du auch abgeben«, sagte er – und befahl mir, aus dem Klassenraum zu gehen. Nura folgte wenig später.

Gespannt warteten wir auf die Ergebnisse. Einige Tage später teilte Herr Ahmed die korrigierten Testblätter aus. Unter seinem Bart grinste er, als er mir meinen übergab. Ich konnte das nur schwer deuten: War es ein hämisches oder ein wohlwollenden Grinsen? Das Papier hatte er mit vielen roten Haken versehen. Ganz unten stand das Endergebnis gekritzelt: neunundneunzig Prozent. Mein Herz hüpfte vor Freude. Nura hatte immerhin ein Drittel aller Aufgaben geschafft – und ebenfalls bestanden.

Nach der Stunde winkte Herr Ahmed mich noch einmal zu sich. »So einem Mathe-Genie wie dir bin ich selten begegnet«, sagte er zu mir. »Hast du schon mal darüber nachgedacht, später Mathe-Lehrerin zu werden?«

»Das wäre mein absoluter Traum«, stotterte ich erfreut. »Meinen Sie denn, das wäre möglich?«

»Aber natürlich. Herr Siamand oder ich könnten dich für ein Stipendium empfehlen.«

Ich nickte begeistert. Was für ein toller Vorschlag! Dass dieser strenge Lehrer mich für fähig hielt, selbst Mathe-Lehrerin zu werden, empfand ich als große Auszeichnung. So weit hatte es noch keiner aus meiner Familie gebracht.

Unsere Familie stammt aus eher bescheidenen Verhältnissen: Die Vorfahren waren Kleinbauern gewesen und hatten, da wir zur niedrigsten der drei jesidischen Kasten gehören, nie irgendeine Art von formaler Bildung erhalten. In der älteren Generation war es sogar verpönt gewesen, Lesen und Schreiben zu lernen. Religiöse Hymnen und Gebete wurden von unseren religiösen Führern, den Scheichs und Pirs, lediglich mündlich weitergegeben. Erst als Saddam Hussein 1970 die Schulpflicht einführte, hatte sich das geändert. Danach wurde auch in Kocho eine Schule gebaut. Aber die Lehrer kamen immer von außerhalb – bis jetzt. Würde ich vielleicht die Erste sein, der es gelang, im eigenen Dorf Lehrerin zu werden?

Stolz wie ein Pfau lief ich nach Hause – und freute mich darauf, die tolle Nachricht meinen Eltern mitzuteilen. Dieser Sommer würde grandios werden, dachte ich, warf den Kopf in den Nacken und stieß einen überglücklichen Juchzer aus. Das Leben meinte es wirklich gut mit mir.

In den Ferien ging es bei uns zu Hause gemächlich zu. Ich ruhte mich aus, schlief lange und traf mich dann mit meinen Freundinnen Nura und Evin. Wir veranstalteten Picknicks irgendwo im Freien, blätterten zusammen in Modezeitschriften, frisierten uns gegenseitig und drapierten unsere langen, braunen Haare zu aufwendigen Aufsteck-Frisuren, die wir dann tagelang nicht mehr lösten, bis eine unserer Mütter ein Machtwort sprach: »Farida, mach den Dutt auf, und kämm dir die Haare ordentlich durch!«, schimpfte etwa meine Mutter. »Oder willst du warten, bis sich Läuse bei dir einnisten? Du holst uns noch Ungeziefer ins Haus!« Murrend bürstete ich meine Haare aus und verabschiedete mich von dem Traum, nicht nur die erste, sondern auch die eleganteste Mathe-Lehrerin im eigenen Dorf zu werden.

Gerne half ich auch meiner Mutter bei den Hausarbeiten. Als Tochter war das sowieso meine Pflicht, und ich empfand es als keine große Anstrengung, ihr beim Putzen, Waschen, Holzhacken oder Unkrautjäten zur Hand zu gehen.

Am liebsten aber kochte ich für meine Familie. Mutter hatte bereits früh begonnen, mir verschiedene Gerichte beizubringen, damit mein Ehemann später mit mir zufrieden sein könne, wie sie sagte. Mittlerweile ging ich in der Küche schon richtig routiniert vor. Besonders gut gelang mir ein lokales Gericht, das wir Kamalles nennen, in der Pfanne gebackene Kamillenblüten. Auch mein Kebab aus frischem Lammfleisch war berühmt – zumindest innerhalb der Familie. Wenn ich die Spieße über einem offenen Feuer brutzelte, zog ihr verlockender Duft durch das ganze Haus und ließ allen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Meine vier Brüder umschwirrten mich dann immer wie lästige Fliegen und konnten es kaum erwarten, bis ich verkündete: »Essen ist fertig!«

Unser Vater verbrachte in diesem Sommer leider nicht so viel Zeit mit uns wie sonst. Alle Soldaten an der gut sechshundert Kilometer langen Grenze zu unserem Nachbarland Syrien mussten Extra-Schichten schieben, da die Situation aufgrund des dort tobenden Bürgerkriegs angespannt war. Sunnitische Terrorgruppen hatten in den vergangenen zwei Jahren weite Teile Nordsyriens erobert. Die Zentralregierung des Machthabers Baschar al-Assad kontrollierte eigentlich nur noch die Gegend um Damaskus. Die Islamisten, die die Macht im Norden an sich gerissen hatten, zwangen der Bevölkerung strikte islamische Verhaltensregeln auf und machten zudem Jagd auf alle Christen und Andersgläubige.

Die erfolgreichste und zugleich brutalste dieser Terrorgruppen war eine Organisation namens Dolate Islami fi Iraq va Suria – »Islamischer Staat im Irak und in Syrien«, kurz Daesh. In Europa ist die Abkürzung ISIS oder IS gebräuchlicher. Diese Terroristen besaßen mehr Geld und bessere Waffen als alle anderen Islamisten. In den vergangenen Monaten hatten sie viele Städte jenseits der Grenze erobert. Zahlreiche Schiiten, Christen, Drusen und Alaviten versuchten vor ihrer Schreckensherrschaft zu fliehen, da ihnen ansonsten der Tod drohte.

»Es tut mir in der Seele weh, diese Leute abzuweisen«, hörte ich meinen Vater bedrückt zu meiner Mutter sagen, als er einmal kurz zu Hause war. »Diese Fanatiker kennen kein Mitleid mit ihnen.«

»Wäre es dann nicht unsere Pflicht, ihnen zu helfen?«, fragte sie.

»Wir müssen sehr vorsichtig sein«, antwortete er: »Der IS hat große Pläne. Einige dieser vermeintlichen Flüchtlinge sind U-Boote. Sie haben den Auftrag, neue Terrorzellen in den irakischen Städten zu gründen.«

»Wollen sie denn etwa auch hier die Macht an sich reißen?«

»Wenn sie könnten, würden sie das sicher tun. Sie wollen den gesamten Nahen Osten unter ihre Kontrolle bringen und haben auch schon bei uns im Irak ihre Fühler ausgestreckt. In unseren Städten Falludscha und Ramadi haben sie sich bereits festgesetzt. Und auch in Mossul sollen sie Sympathisanten unter den ehemaligen Saddam-Getreuen haben.«

Meine Mutter schüttelte sich, wie um eine böse Vorahnung zu verscheuchen. »Wer sind diese Leute nur?«

Mein Vater seufzte. »Es sind dieselben, die uns während der Zeit der amerikanischen Besatzung das Leben zu Hölle gemacht haben. Erinnerst du dich noch an al-Zarqawi, der vor einigen Jahren überall im Land Sprengstoffattentate verübte und Schiiten und Christen ermordete?«

»Ja«, sagte meine Mutter – und sogar ich kannte ihn, denn sein Name war berühmt und berüchtigt im Irak. »Er war der ehemalige Al-Qaida-Chef im Irak, nicht wahr? Ist er nicht längst tot?«, fragte meine Mutter.

»Das schon«, bestätigte mein Vater. »Aber er hat einen Nachfolger, Abu Bakr al-Baghdadi. Glaub mir: Der ist nicht eine Spur weniger brutal als sein Vorgänger. Dieser Mann kommt aus Samarra, nördlich von Bagdad, und hat mehrere Jahre lang in einem US-Militärgefängnis geschmort. Seine Bewegung war eigentlich so gut wie tot, als die Amerikaner ihre Truppen abzogen. Doch dann brach in Syrien der Bürgerkrieg aus, und al-Baghdadi schickte seine wenigen verbliebenen Milizen auf das Schlachtfeld jenseits der Grenze. Dort bekamen sie und andere Dschihadisten Unterstützung aus den Golfstaaten: Vor allem Saudi-Arabien und Katar, aber auch die Türkei lieferten Waffen, weil sie Baschar al-Assad stürzen und die radikalen Sunniten im Land stärken wollten. Und das ist ihnen gelungen! Heute besitzen die Männer al-Baghdadis mehr Einfluss als alle anderen Gruppen in Syrien. Sie sind kampferprobt und schwimmen nur so im Geld und in Waffen. Deshalb sind sie auch so gefährlich.«

»Aber doch nicht für uns?«, fragte meine Mutter ängstlich.

»Nein.« Mein Vater lachte angespannt. »Hier haben sie keine Chance. Im Süden mag das anders sein. Aber hier passen meine Kollegen und ich schon auf, dass sie nicht rüberkommen.«

Meine Mutter schwieg, sie schien nicht ganz überzeugt.

»Oder glaubst du vielleicht, dass 350.000 bewaffnete Männer nicht mit einem Häuflein Terroristen fertig werden können?«, legte mein Vater noch einmal nach, um sie zu beruhigen.

Der besorgte Unterton im Gespräch meiner Eltern überraschte mich: Dass dschihadistische Gruppen uns hier im Dorf gefährlich werden könnten, war mir bislang nicht in den Sinn gekommen.

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