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Das Lotusblütenprinzip

Einleitung

Die Lotusblüte gibt der Wissenschaft nach wie vor Rätsel auf: Wie schafft sie es, dass ihre Blätter nicht nur Wasser abweisen können, sondern gegen jegliche Form der Verschmutzung quasi immun sind? Wie entwickelt sie ihre makellose Schönheit und Reinheit, wachsend auf Morast? Weder Pilze noch andere (für die Pflanze) schädliche Organismen haben eine Chance, die Entwicklung der Lotusblüte zu beinträchtigen.

Nein, keine Angst! Sie haben sich nicht vergriffen. Dies ist kein Biologie- oder Pflanzenlehrbuch, sondern ein Ratgeber, wie Sie gelassener mit kritischen (Business-) Situationen umgehen können. Bei der überwiegenden Mehrzahl meiner Trainings- und Beratungsaufträge stellte sich das Thema Gelassenheit als wesentlich für den (Business-) Erfolg heraus. Und zwar völlig unabhängig davon, ob der Ausgangspunkt für eine externe Unterstützung oder Beratung ein Führungs-, Verhandlungs-, Kommunikations- oder sonstiges Problem war. Gelassenheit und die wahrgenommene Kompetenz, die Situation positiv steuern zu können, stellen viele Menschen vor Herausforderungen. Die Seminarpraxis zeigt, dass diese Herausforderungen gemeistert werden können. Entscheidend ist hierbei, eine möglichst umfassende Herangehensweise an das Thema zu etablieren; Gelassenheit entsteht (oder eben nicht) auf mehreren Ebenen und muss ganzheitlich betrachtet werden.

Dementsprechend muss neben der Kenntnis von wesentlichen Grundlagen über Mechanismen der (hinderlichen) Emotionen auch eine Eigen- und Fremdreflexion erfolgt sein gemäß der Frage „Was ist mir und meinem Gesprächspartner wichtig?“. Darüber hinaus gilt es, eine „Werkzeugbox“ nach dem Motto „Wie verhalte ich mich?“ kennen und anwenden zu lernen.

Doch muss ich hier auch einen „Warnhinweis“ aussprechen: Gelassenheit stellt sich nicht ein, indem man ein oder zwei Tipps befolgt oder die eine oder andere Methode anwendet. Den Weg zu mehr Gelassenheit, den dieses Buch beschreibt, lässt mit dem Entdecken einer neuen Stadt z. B. während eines Urlaubs vergleichen. Touristen gehen hierbei sehr unterschiedlich vor. Während einige sich völlig auf einen Fremdenführer verlassen und diejenigen Orte und Sehenswürdigkeiten besuchen, die man gesehen haben muss, informieren sich andere mittels eines Buches und lassen sich dann treiben. Sie setzen sich in Cafes und versuchen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Sie sind offen für Begegnungen und lernen die Stadt in ihrem eigenen Rhythmus kennen.

Ich bevorzuge (zumindest bei Städtereisen) die zweite Variante, weil die Erfahrung individueller und oftmals auch intensiver ist. Ähnlich verhält es sich auch mit diesem Buch. Es führt Sie nach und nach zu bestimmten Orten, ohne jedoch eine strikte Abfolge vorzuschreiben. Lesen Sie mal hier und mal dort und vor allem berücksichtigen Sie dabei Ihren Rhythmus. Manche Geschichten und Reflexionen laden Sie dazu ein, das Buch auch einmal zur Seite zu legen und Ihre Erkenntnisse zunächst einmal an der Realität zu prüfen.

Der Warnhinweis meint also folgendes: Gelassener zu werden, bedeutet zunächst einmal Arbeit! Sehen Sie dieses Buch dementsprechend als Reisebegleiter an, der das eigentliche Reisen, also die Arbeit an den Inhalten, jedoch nicht ersetzt. Es unterstützt Sie bei dieser Reise und beschreibt die Essenz aus der lösungsorientierten Arbeit mit über 1.000 Teilnehmern. Seien Sie wie die Lotusblüte, lassen Sie Schmutz im übertragenen Sinne abperlen, ohne jedoch den Kontakt zu Ihrer Umwelt sowie die eigene zielorientierte Handlungsfähigkeit zu verlieren.

Wie bereits erwähnt, hängt Gelassenheit im kritischen Moment von mehreren Faktoren ab, die die Grundstruktur für die Gliederung dieses Buches liefern. Zum besseren Verständnis möchte ich die Angebote kurz vertiefend erläutern, so dass Sie prüfen können, von welchen Kapiteln Sie vermutlich am meisten profitieren können. Unabhängig davon empfehle ich, dieses Buch als Grundlage für den Praxistransfer zu verstehen und nach und nach zu bearbeiten.

Um auch kritische (Business-)Situationen erfolgreich zu meistern, ist es wesentlich, dass man seine Hausaufgaben gemacht hat. Das bedeutet hier, dass man für sich analysiert hat, was der Gelassenheit im Weg steht. Welche vermeintlich hinderlichen Emotionen sind zu beachten und was bringt einen überhaupt auf die Palme? Sie werden feststellen, dass Menschen sich bereits in diesem wichtigen Punkt unterscheiden und dass es hierfür gute Gründe gibt.

Ein Großteil dieses Buches gibt Ihnen also konsequenterweise Informationen und Methoden an die Hand, die dazu dienen, die Funktionsweise von (hinderlichen) Emotionen zu verstehen und sowohl die eigene als auch fremde (Ärger-)Persönlichkeit zu analysieren.

Diese Analyse ist aus mindestens zwei Gründen bedeutsam: Zum einen hilft Ihnen das Wissen, um Ihre individuellen Ärgerauslöser, die schwierigen Situationen, distanzierter zu erleben.

Zum anderen werden Sie feststellen, dass andere sich oftmals aus guten, lösungsorientierten Gründen so verhalten, wie sie es tun und sich auf der individuellen Motivebene sehr viele Möglichkeiten für ein konstruktives Miteinander ergeben.

Neben den hierfür dienlichen Angeboten zur Persönlichkeits- und Motivanalyse, werde ich im Rahmen von sporadischen Theorieexkursen die Grundlage für einen erfolgreichen Praxistransfer im Sinne einer tiefen Gelassenheit legen. Bedeutsam sind hier Erkenntnisse aus der Wissenschaftstheorie des Konstruktivismus und der Systemtheorie. Keine Angst, das klingt furchtbar, ist aber leicht umzusetzen!

Nachdem wir theoretische Erkenntnisse mit Praxistransfer gepaart haben, beschäftigt sich der zweite Teil des Buches vorwiegend mit „echten“ kritischen Situationen und dem zielorientierten Umgang damit. Hier erfahren Sie bspw. wie Sie gelassen und konstruktiv mit kritischem Feedback, feststehenden Rahmenbedingungen oder harten Verhandlungspartnern umgehen können.

Zum Schluss erwartet Sie eine Zusammenfassung, Ideen für den Praxistransfer und eine Art Gelassenheits-Checkliste, mit deren Hilfe Sie einen Ablaufplan für mehr Gelassenheit aufstellen können.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und viel Erfolg bei der Umsetzung.

Frankfurt, 18. Januar 2009

Ihr Thomas Augspurger

Hinweis: Wenn ich in diesem Buch von Führungskräften, Chefs, Coaches, Seminarteilnehmern etc. spreche, dann sind damit selbstverständlich auch weibliche Führungskräfte, Chefinnen, Seminarteilnehmerinnen etc. gemeint.

Das Lotusblütenprinzip

Wie Sie bereits wissen, ist die Lotusblüte eine erstaunliche Pflanze; Blüte und Blätter können durch Wasser und viele andere Flüssigkeiten nicht benetzt werden, so dass potentiell schädliche Einflüsse buchstäblich von ihr abperlen. Dennoch (oder gerade deshalb) hat sie sich erstaunlich gut an das vorherrschende ökologische System angepasst. So schafft sie es, ihren schlanken, hohen Stempel aus dem Morast zu erheben und eine leuchtend weiße Blüte zu entwickeln. Der Kontrast, der hier sichtbar wird, nämlich auf der einen Seite der schmutzige Untergrund und quasi erhaben auf der anderen Seite, die makellose Blume, führte zu fast mystischer Verehrung.

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Abbildung 1: Die Lotusblüte

Doch widmen wir uns zunächst der Funktionalität: Die Lotusblüte unterscheidet sehr erfolgreich, ob ein externer Einfluss als „gut“ markiert und zugelassen wird oder nicht. Handelt es sich z. B. um Nährstoffe, die für das Überleben essentiell sind, lässt sie es zu, dass ihre „Systemgrenze“ passiert wird. Gemäß heutiger Terminologie könnte man der Lotusblüte eine äußerst effektive Firewall attestieren, die wertvolle Informationen ins System dringen lässt, während Viren, Trojaner und Würmer konsequent abgeblockt werden. Es handelt sich also um einen sehr selektiven Austausch mit der Außenwelt.

Diese Selektivität ist bedeutsam und führte dazu, dass die Lotusblüte in östlichen Religionen als Sinnbild der Befreiung des Geistes von (allen) Anhaftungen angesehen und verehrt wird. So wird bspw. das Lotos-Sutra als bedeutendste Schrift des Mahayaha Buddhismus angesehen. Dieses Sutra, das in der heute überlieferten Form 28 Kapitel aufweist, hält Lehren des Buddhas fest. Weiterhin zählt die Lotusblüte zu den acht Glückssymbolen bzw. Kostbarkeiten des Buddhismus. Immer wieder wird sie als Sinnbild für Selbstlosigkeit, Reinheit und vor allem für das Nicht-Anhaften herangezogen.

Die Frage drängt sich auf, ob der Geist sich wirklich von allen Anhaftungen befreien sollte, oder, um im Bilde der biologischen Realität zu bleiben, er unterscheiden lernen muss, welche Information schädlich und welche wichtig bis essentiell ist. Es deutet sich an, dass ein selektiver Abperl-Effekt grundlegend für langfristige Gelassenheit ist. Denn die Haltung, grundsätzlich alles abperlen zu lassen, führt, wie wir noch sehen werden, eben auch nicht zu einer generellen Gelassenheit, sondern eventuell zu einem kurzfristigen Aufschieben der Herausforderungen, was langfristig wiederum neue oder noch größere Probleme nach sich zieht.

Lassen Sie uns also zusammenfassen. Es scheint so, als ob die Lotusblüte zwei Maximen anwendet, die ihren Erfolg ausmachen:

  1. Immunität gegen potentiell schädliche Informationen (z. B. Pilze) durch den (reinen) Abperl-Effekt und

  2. Durchlässigkeit für wichtige und essentielle „Daten“ (z. B. Nährstoffe).

Nur wenn beide Lotusblüten-Maximen gewährleistet sind, entsteht die notwendige Balance, die letztlich eine erfolgreiche Koexistenz mit den vorherrschenden Umweltbedingungen möglich macht. Dies ist auch der Grund hierfür, dass ich von einem selektiven Abperl-Effekt spreche.

Übertragen wir dieses Bild auf unseren (Business-) Alltag. Kennen Sie Menschen (z. B. Kollegen, Führungskräfte oder auch Kunden), die sich nur in einem dieser Extreme bewegen? Ich bin mir fast sicher, dass dem so ist. Wie sieht bspw. jemand aus, der nur die erste Lotusblüten-Maxime beherzigt?

Es handelt sich um einen Menschen, der keinerlei externe Information durchdringen lässt. Keine Kritik, kein Bitten und Betteln kann diesen Typus von seinem Weg abbringen. Im wahrsten Sinne des Wortes perlt alles von ihm ab. Die Rückmeldungen zu seiner Person sind dementsprechend auch ambivalent. Während einige seinen unabhängigen, geradlinigen Geist bewundern („Der geht seinen Weg“), bemängeln andere sein Einfühlungsvermögen und bezeichnen ihn heimlich oder offen als Sturkopf, der niemals dazulernt.

Doch wenden wir uns nun dem Menschen zu, der nur nach der zweiten Lotusblüten-Maxime lebt: Er ist offen für jegliche externe Information und hält sie prinzipiell für „nahrhaft“. Je nachdem, wie die externen Rückmeldungen ausfallen, reflektiert und ändert er sein Verhalten. Somit ist er prinzipiell sehr lern- und anpassungsfähig, allerdings auf Kosten eines „Schädlingsbefalls“. Wenn dieser Typus bestimmte, für ihn schädliche Informationen übernimmt, wird er geschwächt und letztlich krank.

Die Umwelt hat ihm gegenüber ebenfalls ein ambivalentes Verhältnis. Die einen bewundern seine Anpassungsfähigkeit und wertschätzen das hohe Einfühlungsvermögen. Andere wiederum bezeichnen ihn als „Weichei“ oder „Fähnlein im Wind“.

Natürlich sind beide Typen in der Extremform nicht überlebensfähig, da sie entweder so lange mit ihrer Umwelt Krieg führen, bis ein Stärkerer kommt und dem ständigen Kampf ein Ende bereitet (Maxime 1). Oder sich über kurz oder lang aufreiben und an den unterschiedlichen Anforderungen, die auf sie einströmen, scheitern. Das Burnout-Syndrom und andere Krankheiten scheinen die unabwendbare Folge (Maxime 2).

Wie wir später noch sehen werden, ist weder die eine noch die andere Sichtweise überdauernd richtig oder falsch. Die Ergebnisse müssen immer an der Realität gespiegelt und gemessen werden.

Die Lotusblüte hat es offensichtlich geschafft, die goldene Mitte zu realisieren: Sie bleibt in Balance, weil sie (vermeintlich korrekt) unterscheidet, wann eine Information verwertet bzw. abgeblockt werden muss. Nur so gelingt es ihr, in einer eigentlich feindlichen und schmutzigen Welt ihre makellose Schönheit und Reinheit auszubilden.

Wenn Sie in Ihrem Arbeitsalltag mehr Gelassenheit entwickeln und sich von der potentiell schädlichen Umwelt abheben möchten, ist diese Unterscheidungsfähigkeit essentiell. Zur Verdeutlichung des Prinzips möchte ich Sie mit einer typischen Business-Situation konfrontieren, die nach meiner Erfahrung in jeder Organisation sehr häufig anzutreffen ist:

Stellen Sie sich vor, Sie machen Pause und stehen in der Kaffeeküche der Abteilung. Ihr Kollege, nennen wir ihn einmal Herr Müller, kommt sehr erregt zu Ihnen und beschwert sich lauthals über den Kollegen Meier. Herr Müller beschreibt Herrn Meier als inkompetenten Idioten, mit dem man unmöglich zusammenarbeiten kann. Diese Kommunikationsform nennt man übrigens „Dreiecks-Kommunikation“, da A mit B über C spricht. A, B und C bilden somit ein hübsches Dreieck.

Wie sollten Sie reagieren? Vermuten wir einmal, wie unsere Extremtypen (Maxime 1 und 2) hier reagieren würden:

Maxime 1 würde Herrn Müller mit dem Hinweis „Ist mir doch egal“ wahrscheinlich relativ schroff zurückweisen. Zunächst einmal wäre dieses Verhalten für ihn tatsächlich von Vorteil, da er nicht in den Konflikt hineingezogen wird. Langfristig wird sich jedoch der zurückgewiesene Kollege nicht mehr an ihn wenden, auch wenn er vermeintlich wertvolle Informationen hat. Dies schwächt die Anpassungsfähigkeit des Kollegen, der Maxime 1 im Extrem verfolgt, da für ihn zukünftig keine oder zumindest weniger Informationen erhältlich sein werden.

Der Typus, der Maxime 2 bevorzugt, wird sich den Konflikt vermutlich sehr genau schildern lassen, Fragen stellen und sich eventuell auch verantwortlich fühlen, zu vermitteln. Hier gerät er dann oftmals in einen Stellvertreterkrieg, der zum Ergebnis hat, dass die Kollegen sich wieder verstehen, er aber ausgegrenzt wird. Selbst wenn es nicht hierzu kommt, belastet ihn die Situation stark.

Wie würde sich nun eine ausbalancierte Lotusblüten-Persönlichkeit verhalten? Nun, zunächst einmal wäre zu prüfen, ob ein potentiell schädlicher Reiz vorliegt; wie wir bereits erörtert haben, stellt ein Konflikt zwischen Kollegen, in den man sich einmischt, durchaus eine mögliche Schädigung dar.

Weiterhin liegt keine direkte Bedrohung der eigenen Person vor, so dass man sich durchaus fragen kann, was das mit einem selbst tun hat. Wenn man sich nun auf einen Dialog einlässt, so besteht darüber hinaus die Gefahr, dass man Position für eine der Parteien ergreift, sich selbst stellvertretend mitfühlend ärgert und den Konflikt mit nach Hause nimmt. Eventuell haben sich die beiden Streithähne schon wieder versöhnt, während die eigene Beziehung zu einem oder beiden nachhaltig verändert (meistens im Sinne einer Verschlechterung) ist.

Alle diese Überlegungen führen zum Schluss, dass die Lotusblüten-Maxime 1 eigentlich dringend „Abperlen lassen“ signalisiert.

Doch eine barsche Zurückweisung mündet vielleicht langfristig im Verlust von Informationen, einem Beziehungs-Abseits und der Zerstörung des eigenen (Öko-)Systems, um im biologischen Bild zu bleiben. Realisieren Sie bitte, dass Sie in dieser Situation keine Verantwortung dafür tragen, dass der Konflikt gelöst wird oder es einem oder beiden Beteiligten besser geht. Fragen Sie Herrn Müller, was denn Herr Meier zu seinem Ärger gesagt hat. In den allermeisten Fällen hat dieses klärende Gespräch nicht stattgefunden. Herr Müller macht sich lieber bei jedem anderen Luft, als die Quelle des Ärgers direkt anzusprechen. Falls Herr Müller bestätigt, dass er noch nicht mit Herrn Meier gesprochen hat, können Sie nun direkt Ihre zweite Frage platzieren: „Und wie kann ich Ihnen jetzt helfen?“

Wenn Sie mithilfe dieser Fragen die Verantwortung für die weitere Problemlösung bei Herrn Müller belassen (wo sie auch hingehört), wehren Sie erfolgreich einen „Verschmutzungsversuch“ Ihrer Blätter ab. Sie werden eben nicht zum „Psychoabfalleimer“ in den jeder seine Sorgen und Nöte wirft. Nichts anderes sind Sie, wenn Sie sich einfühlsam alles anhören, was das Gegenüber ärgert. Da Sie das Gespräch jedoch nicht abbrechen und Verständnis- und Unterstützungsfragen stellen, signalisieren Sie, dass Ihnen der andere durchaus wichtig ist, ohne dessen Sorgen und Ärger auf sich zu übertragen und erhalten damit vermutlich zukünftig den Zugang zu Ihrem (Öko-)System.

Falls Sie in der gleichen Situation als Führungskraft handeln und Müller und Meier Ihre Mitarbeiter sind, so müssen Sie noch konsequenter das Lotusblütenprinzip anwenden. Ihre zweite Frage lautet dann sinngemäß:

„In welcher Rolle sprechen Sie mich nun an? Soll ich mit Ihnen beiden ein Klärungsgespräch vereinbaren?“. Falls die Antwort hier ein entsetztes Nein ist, wie sehr häufig in ähnlichen Situationen, weil man eigentlich einfach nur Dampf ablassen wollte, dann schlagen Sie Herrn Müller vor, das Problem mit Herr Meier zu klären und zunächst einmal selbst eine Lösung herbeizuführen.

Tipp: Analysieren Sie Ihren bevorzugten Lotusblüten-Stil

Denken Sie darüber nach, ob Sie im realen Leben eher nach Maxime 1 oder 2 handeln. Versuchen Sie ebenfalls zu analysieren, in welchen Situationen oder bei welchen Personen Sie derart vorgehen.

Bevor Sie handeln, prüfen Sie sehr genau, ob die externe Information eine potentielle Bedrohung darstellt. Wie Sie diese Analyse weiter optimieren können, behandeln die folgenden Kapitel.

Diese Analyse ist für Sie sehr bedeutsam, denn die Art und Weise, wie Sie Ihrer Umwelt begegnen, hat im Gegenzug eine starke Auswirkung darauf, wie man auf Sie reagiert. Insofern schaffen Sie selbst die Grundlage für Ihr (Öko-)System.

Ich denke, das grundlegende Prinzip ist anhand dieses Praxisbeispiels klar geworden. Die ausbalancierte Lotusblüten-Persönlichkeit besitzt eine Haltung, die ich gerne Anteil nehmende Teilnahmslosigkeit nenne. Die Teilnahmslosigkeit ist hier jedoch nicht als negativ anzusehen. Sie unterscheiden ganz bewusst, woran Sie Anteil nehmen möchten und woran nicht. Doch dieses Anteilnehmen in Form von „Und was hat Herr Meier dazu gesagt?“, führt nicht dazu, dass Sie selbst involviert werden. In dieser Hinsicht ist die ausbalancierte Persönlichkeit beides: beteiligt und distanziert. Sie sieht sich weder in der Opferrolle, die alles annehmen muss, was ihr von außen präsentiert wird, noch in der Position, ungerührt alles an sich abprallen zu lassen.

Das konsequente Umsetzen des Lotusblütenprinzips setzt jedoch weitere Reflexionen und Techniken voraus, die ich Ihnen im Folgenden anbieten werde. Dazu verlassen wir teilweise die Vereinfachungen der beiden Maximen und stellen tiefer gehende Analysen an. Denn um wirklich gelassen reagieren zu können, müssen wir auch gelassen sein.

Gelassenheit wird oftmals durch eine emotionale Reaktion verhindert oder zumindest abgeschwächt. Man könnte nun natürlich versuchen, sich gänzlich von Emotionen frei zu machen. Aber ist das überhaupt wünschenswert? Gehen wir im Folgenden zunächst der Frage nach, wozu Emotionen überhaupt gut sind.

Emotionen: ein notwendiges Übel?

Wenn Seminarteilnehmer analysieren, was für sie kritische (Business-) Situationen darstellen, entdeckt man immer wieder ein gemeinsames Muster: Das kompetente, schnelle Reagieren wurde durch einen Gefühlsnebel verhindert. An erster Stelle wird häufig die Ärger-Emotion genannt; der Ärger steht einer angemessenen Reaktion oft im Weg. Viele Teilnehmer haben mich deshalb auch mit dem Anspruch konfrontiert: „Machen Sie, dass der Ärger verschwindet. Bringen Sie mir irgendwelche Methoden bei, dass ich mich nicht mehr ärgern muss!“

Der Gedanke dahinter ist natürlich, dass man ohne hinderliche Emotionen flexibler und gelassener wäre. Doch das weitgehende Fehlen von Emotionen stellt auch nicht die Ultima Ratio dar, denn, wie wir noch sehen werden, sind diese essentiell, um überhaupt festzustellen, dass wir etwas optimieren müssen. Nur mit Hilfe des „unguten“ Gefühls, das sich eventuell einstellt, sind wir in der Lage, unsere Komfortzone zu verlassen und notwendige Schritte für eine Verbesserung unserer bzw. der Situation des Umfelds einzuleiten. Emotionen dienen in diesem Sinne als Analyse- und Orientierungsberater.

Ein schönes Beispiel aus der Filmwelt findet sich in der legendären Serie „Raumschiff Enterprise“ und seinen Hauptfiguren Mr. Spock und Captain Kirk. Mit Hilfe des kühlen und scheinbar der reinen Logik folgenden Außerirdischen hat der menschelnde Enterprise-Kommandant so manches Abenteuer im Weltall bestanden. Dennoch muss man feststellen, dass selbst Mr. Spock oftmals eben nicht rein logisch gehandelt hat. Denn häufig wäre es nämlich schlicht besser für ihn gewesen, diese unlogischen Wesen (Menschen) einfach im Stich zu lassen und sich auf einen ruhigen Planeten abzusetzen. Doch auch Spock empfand so etwas wie Pflichtgefühl und Verbundenheit zu seiner Crew, die offensichtlich emotionale Werte für ihn darstellten.

Äußerst düstere Szenarien, die aus dem Fehlen von Emotionen resultieren, entwirft ebenfalls der brillante Science-Fiction-Streifen „Equilibrium“: Nach dem dritten Weltkrieg wurden die Emotionen als Hauptübel für alles Negative in der Welt identifiziert. Konsequenterweise versucht die Regierung nun, mit Hilfe der Droge Prozium, die Gefühle in der Bevölkerung zu unterdrücken bzw. auszumerzen. Obwohl der Hauptdarsteller als höchster Kleriker, also als Emotions-Polizist durch den Staat eingesetzt wurde, erkennt er nach und nach, dass das völlige Fehlen von Emotionen einen hohen Preis fordert.

Letztlich stellt er fest, dass Gefühle zwar ebenfalls negative Folgen aufweisen können, ihr Fehlen jedoch einen weitaus größeren Verlust für die Kunst, jedwede Innovation, die Menschlichkeit und letztlich für die Liebe darstellen würde. Nach dieser Erkenntnis, stellt sich der Hauptdarsteller gegen das eigene System und versucht dieses zu stürzen.

Man muss jedoch gar nicht so philosophisch werden, um die Notwendigkeit von Emotionen zu beschreiben: Ich vergleiche sie gerne mit einer Ampel. Die Ampel zeigt uns, wann wir fahren oder gehen dürfen und wann dies vermutlich mit gesundheitlichen Konsequenzen verbunden wäre. Auf einer viel befahrenen Straße kann diese Ampelfunktion überlebensnotwendig sein!

Eine emotionale Reaktion hat in diesem Sinne zunächst auch nur eine Signalfunktion. Sie zeigt uns mit Hilfe verschiedener physiologischer Anzeichen (Magenschmerzen, Engegefühl im Hals usw.), wenn etwas nicht in Ordnung ist und anders sein sollte. Dieser Hinweisreiz ist wesentlich und kann uns letztlich dazu dienen, notwendige Änderungen einzuleiten.

Um das Ampelbeispiel nochmals zu bemühen: Stellen Sie sich vor, dass quasi über Nacht alle Ampeln abgeschafft würden. Wie würde sich dies Ihrer Meinung nach auf die Unfallzahlen des morgigen Tages auswirken? Nun stellen Sie sich weiterhin vor, dass ab morgen kein Mensch mehr Emotionen empfinden würde. Nachdem eben noch die Straße ein sehr unsicherer Ort gewesen wäre, könnten Sie sich nun vermutlich nirgendwo mehr sicher bewegen.

Dass der Verlust von Emotionen bisweilen lebensgefährlich werden kann, zeigt ein weiteres Beispiel aus der Medizin: Es gibt Menschen mit einer angeborenen Schmerzunempfindlichkeit, sogenannte Analgetiker. Sie fügen sie selbst häufig schwere Schäden zu und erleben oftmals nicht ihr Teenageralter, da sie Körpersignale nicht wahrnehmen können.

Erinnern Sie sich an Maxime 2 des Lotusblütenprinzips? In diesem Sinne sind Emotionen wertvolle Informationen, die der möglichen Anpassung an das vorherrschende (Öko-)System dienen. Wenn man alle externen Informationen vermeidet, steht man mit seiner Umwelt nicht mehr im Austausch und dies führt unweigerlich zu dem Verlust der Anpassungsfähigkeit und somit zumindest zu einem Infragestellen der Überlebensfähigkeit.

Emotionen einfach so „wegzudrücken“ wäre also falsch. Vielmehr gilt es, sich deutlich zu machen, womit wir es zu tun haben und Emotionen für unsere langfristige Gelassenheit zu nutzen.

Das kleine Einmaleins der Emotionen

Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie sitzen mit Freunden im Biergarten und unterhalten sich. Von der Seite kommt ein 14-jähriger Junge und beginnt Sie mit „Du Dummkopf“ zu beschimpfen. Unabhängig davon, ob Sie das vertrauliche Duzen noch akzeptieren können, werden Sie seine Einschätzung bezüglich Ihrer Intelligenz vermutlich nicht uneingeschränkt teilen.

Viele meiner Teilnehmer stufen eine derartige Begegnung zumindest als potentiell Ärger auslösend ein. Gedanken, die den Ärger-Prozess begleiten oder initiieren sind in etwa: „Was fällt dem Burschen ein?“, „Weshalb stört der uns jetzt hier?“ oder auch „Wird es jetzt gleich handgreiflich?“. Der letzte Gedanke kann die Ärger-Emotion sogar in Richtung einer Furcht-/Angsttendenz verändern.

Jetzt möchte ich das Gedankenexperiment folgendermaßen fortführen: Stellen Sie sich nun vor, wie im gleichen Biergarten plötzlich ein ca. 30-jähriger Mann neben dem Jungen auftaucht, sich als Pfleger des ortsansässigen Zentrums für seelische Gesundheit vorstellt und sagt: „Bitte verzeihen Sie Markus, falls er Sie gestört hat. Der Junge ist seit fünf Jahren als schizophren diagnostiziert und verbringt den Großteil seiner Zeit in der Anstalt. Ich dachte, ich bringe ihn heute mal an die frische Luft bei dem schönen Wetter. Gerade habe ich nicht aufgepasst, entschuldigen Sie bitte nochmals die Unannehmlichkeiten.“

Was passiert nun? Die Mehrzahl der Menschen, die dieses Gedankenexperiment durchgeführt haben, beschreiben, dass sie vermutlich ohne Zeitverzögerung eine neue Emotion erleben würden, nämlich Mitleid. Der Ärger ist sofort verflogen und damit auch die physiologischen Konsequenzen wie bspw. beschleunigter Puls, Schweißproduktion, Kontraktionen im Magen usw., die normalerweise damit einhergehen. Lassen Sie mich festhalten: Lediglich die Umdeutung der Situation ändert alles weitere dramatisch. Der erlebte Ärger hängt offensichtlich weniger davon ab, was tatsächlich passiert (externer Reiz), als vielmehr davon, wie man es selbst bewertet. Ich behaupte, dass keine der für uns im Businesskontext relevanten Emotionen ohne eine vorherige Bewertung entstehen. Sie müssen sich durch Ärger auslösende Gedanken zunächst einmal in den „Ärgermodus“ bringen, der dann möglicherweise mit Bauchschmerzen, Herzrasen, Engegefühl in Brust und Hals usw. einhergeht.

Das folgende Schaubild zeigt diesen Prozess.

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Abbildung 2: Der Bewertungsprozess

Wie Sie sehen, werden die ankommenden Reize zunächst durch einen Filter geschickt. Manche werden hier bereits ausgefiltert, man schenkt ihnen überhaupt keine Aufmerksamkeit. Diejenigen, die eine Beachtung erfahren, werden nun bewertet. Es entsteht die Fähigkeit zu handeln, da wir nun Verhaltensautomatismen nutzen können.

Was bedeutet dies anhand des Biergartenbeispiels? Kein externer (Auslöse-)Reiz, also hier die Beschimpfung mit „Du Dummkopf“, vermag für sich allein genommen, eine emotionale Reaktion auszulösen. Wie Abbildung 2 zeigt, durchläuft diese Wahrnehmung einen Filter sowie einen automatischen Bewertungsprozess. Das bedeutet, dass die Ärgerreaktion dann entsteht, wenn wir den (Auslöse-)Reiz z. B. als Selbstwert mindernd, bedrohlich oder als Hindernis für unsere Zielerreichung einstufen.

Kommt unsere Bewertungsprozess allerdings zu einem anderen Ergebnis, bspw. mittels der Frage „Was hat der arme Junge denn für ein Problem?“, fällt die (emotionale) Reaktion natürlich auch anders aus. Vielleicht entscheiden wir uns sogar zu einem Hilfsangebot und reagieren völlig gelassen. Dass dies schon vor tausenden Jahren erkannt wurde, zeigt eine indische Weisheit: „Ärger hat keine Augen“. Das „Geschaute“ muss also zunächst einmal verarbeitet und bewertet werden, bevor der Ärger auftritt.

Lassen Sie mich einen derartigen Bewertungsprozess (und seine fehlerhafte Schlussfolgerung) nochmals anhand eines Beispiels aus der Unternehmenspraxis verdeutlichen. Im Rahmen einer Vorstandssitzung, die von mir moderiert wurde, ist mir aufgefallen, dass ein Vorstandsmitglied immer ärgerlicher auf die Fragen einer Führungskraft reagierte. Das Vorstandsmitglied beschrieb die Überlegungen des Kollegiums hinsichtlich einer strategischen Vorgehensweise, während die Führungskraft zunehmend detaillierte Verständnisfragen stellte.

Mein sofortiges Reflexionsangebot wurde von beiden angenommen; es stellte sich heraus, dass das Vorstandsmitglied ärgerlich war, weil es die Nachfragen der Führungskraft als Bloßstellung einer potentiell fehlerhaften Analyse empfunden hatte.

Die Führungskraft dagegen beschrieb ihr Frageverhalten als Ausdruck von echtem Interesse. Sie wollte lediglich sicher stellen, dass die strategischen Überlegungen umfassend verstanden wurden, ohne diese jedoch zu kritisieren. Nach dem Auflösen dieser Fehlinterpretation, erläuterte das Vorstandsmitglied nun sichtlich erleichtert, welche Überlegungen vorlagen.

Der Bewertungsprozess des Vorstands war also fehlerhaft; er interpretierte eine böse Absicht in das Nachfragen der Führungskraft hinein und entpuppte sich dabei als eifriger Vertreter der Maxime 1 „Bloß nichts durchdringen lassen“.

Ich habe mehrfach darauf hingewiesen, dass diese extreme Position zu langfristigen Problemen mit dem Umfeld führen kann. Hätten die beiden ihre Meinungen an dieser Stelle nicht besprochen und die Fehlinterpretation aufgedeckt, wäre daraus eine aus meiner Erfahrung allzu typische Konsequenz in Deutschlands Chefetagen entstanden, gemäß der Devise: „Ich frage lieber nicht nach, sonst werde ich sowieso wieder an die Wand gestellt.“ Das Ergebnis: Man tauscht sich nicht mehr aus, die Führung erwartet als maximale Reaktion Beifall und die Organisation strudelt, obwohl viele es „besser“ gewusst hätten, eventuell in die Katastrophe.

Derartige Fehlinterpretationen bezeichne ich gerne als Katze-Messer-Situationen. Eiligen empfehle ich, sofort ins Internet zu gehen, You-Tube aufzurufen und „Katze Messer“ einzugeben. Allen anderen möchte ich diesen großartigen Werbe-Clip einer amerikanischen Kreditfirma kurz beschreiben:

Man sieht einen jungen Mann, der offensichtlich ein romantisches Abendessen vorbereitet. Er deckt den Tisch, zündet Kerzen an und hantiert in der Küche, wo er eine Tomatensoße zubereitet und Nudeln zum Kochen bringt. Beobachtet wird er dabei von der Hauskatze, die in der Küche umherstreift.

Von außen nähert sich eine junge Frau der Wohnung, man vermutet, dass es sich hierbei um die Frau oder Freundin des Mannes handelt.

Währenddessen schleicht die Katze um das Essen, springt von einer Arbeitsfläche zur anderen und reißt dabei den Topf mit der Tomatensoße in die Tiefe. Der junge Mann greift sich instinktiv mit der rechten Hand die Katze, in der linken hat er ja noch das große Küchenmesser, das beim Zwiebelschälen Anwendung fand.

In diesem Moment öffnet die Frau die Wohnungstür, blickt in die Küche und sieht ihren Freund/Ehemann, der ein großes Messer in der einen Hand und in der anderen die Katze am Genick gepackt hält. Unter den beiden befindet sich eine Pfütze roter Flüssigkeit, die offensichtlich eine zähflüssige Konsistenz hat. Der Slogan der Kreditfirma, der darauf hin eingeblendet wird, heißt: „Don't judge too quickly. We won't.“ (Urteilen Sie nicht zu schnell. Wir machen es auch nicht). Es handelt sich also um ein perfektes Beispiel für eine klassische Fehlinterpretation. Doch was bedeutet das für Ihre Gelassenheit?

Sehr häufig sind schlechte Beziehungen, Konflikte oder offen ausgetragene Aggressionen das Ergebnis einer Katze-Messer-Interpretation. Man glaubt, alles sei klar, man hat es ja mit eigenen Augen gesehen. Im obigen Beispiel bedeutet das im Fall der Frau: „Der Mann hat offensichtlich die Katze abgeschlachtet“. Auch in Ihrer (Business-) Realität gibt es häufig Katze-Messer-Fehleinschätzungen bei Kollegen und Geschäftspartnern. „Hat er das absichtlich getan? Wollte er mir schaden?“ sind Fragen, die man sich gerne selbst, nicht aber dem anderen stellt. Solange diese Fragen jedoch nur im eigenen Kopf bearbeitet werden, bilden sie eine wunderbare Grundlage für das Entstehen einer Ärger-Emotion.

Damit Sie nicht in die Katze-Messer-Falle tappen, ist es unbedingt notwendig, dass Sie kommunizieren und sich einige Fragen stellen:

Tipp: Gelassener Umgang mit Interpretationen

Stellen Sie die „böse Absicht“ generell in Frage; die Welt versucht nicht grundlegend, Sie zu ärgern! Fragen Sie sich stattdessen, was wirklich passiert ist und aus welchen Gründen. Fragen Sie dies nicht nur sich selbst, sondern auch das Ärger auslösende Objekt. Klären Sie, ob Ihre ersten Vermutungen tatsächlich wahr sind, oder ob Sie vorschnell geurteilt haben.

In diesem Sinne kann es sehr nützlich sein, wenn Sie eine Haltung entwickeln, die grundsätzlich davon ausgeht, dass andere einem eben nicht absichtlich schaden möchten. Lediglich wenn Sie hierfür eindeutige Hinweise haben, sollten Sie entsprechend reagieren. Bevor diese aber nicht vorliegen, gilt die Unschuldsvermutung! Sie sollten Ihr Denken auch konsequent auf diese Unschuldsvermutung ausrichten und sehr wachsam sein, wenn erneut negative Gedanken aufkommen. Zwingen Sie sich konsequent dazu, die Absichtsvermutung so lange auszublenden, bis Ihnen eindeutige Beweise, bspw. eine klar belegte Absicht, vorliegen.

Wenn uns jemand auf den Fuß tritt, so ist die anschließende Ärgerreaktion abhängig davon, ob sich der andere ernsthaft entschuldigt und glaubhaft vermittelt, dass dies ein Versehen war. In diesem Fall wird der Ärger klein bis nicht mehr vorhanden sein. Falls jedoch der Eindruck entsteht, dass Absicht im Spiel war, entsteht starker Ärger. Dies kann man wiederum als Beleg dafür nutzen, dass der Reiz für sich alleine genommen (Schmerz im Fuß) nicht ausreicht, eine emotionale Reaktion auszulösen.

Dieses Beispiel verdeutlicht aber auch, dass ein wesentlicher Verstärker für ein „gelungenes“ Ärgern, die wahrgenommene Absicht ist: Es macht einen großen Unterschied für einen Betroffenen, ob er dem „Ärgerauslöser“ eine Absicht unterstellt oder nicht.

Was bedeutet das für Sie und den Umgang mit kritischen Situationen? Wir sind keinesfalls Opfer unserer Emotionen, sondern vielmehr Gestalter unserer Realität. Wichtig ist, dass wir die vorhandenen Informationen richtig deuten und sie weitgehend ohne Verzerrungen durch unseren Bewertungsprozess verstehen. Wenn wir dies zunehmend besser bewerkstelligen, nähern wir uns dem Ideal des Lotusblütenprinzips: Wir schaffen es, externe Informationen wahrzunehmen und möglichst neutral hinsichtlich ihres Bedrohungsgrades oder ihrer Nützlichkeit zu analysieren.

Als Hauptfaktor für ein „hinderliches“ Ärgern oder einen wenig kompetenten Umgang mit kritischen Situationen kann man jedoch eine Fehleinschätzung der Situation anführen. Wir interpretieren den auslösenden Reiz schlicht falsch und müssen dann die Ergebnisse dieses Bewertungsprozesses „erleiden“. Im Katze/Messer-Beispiel wären dies massive, negative Konsequenzen für die Beziehung der beiden.

Unsere aus dem Ärger resultierende Haltung, die oftmals auf Rache zielt, hat wiederum Auswirkungen auf unsere Handlungen. Wir zahlen es anderen heim, ohne dass diese verstehen, weshalb. Für sie, die sie ja ein „reines Gewissen“ haben, ist unser vermeintlicher Racheakt eine unprovozierte Aggression, die es wiederum zu rächen gilt, usw. Die nun einsetzende Spirale aus Aggression und Gegenaggression lässt sich kaum noch stoppen. Alles geschieht nun, weil wir ganz am Anfang eine Absicht unterstellt haben! Seien Sie also sehr vorsichtig mit ungeprüften Anklagen.

Wie wir gesehen haben, sind die internen Bewertungsprozesse der externen Ereignisse wesentlich für alles Weitere. Wovon hängen diese Bewertungen ab?

Welcher Ärger-„Typ“ sind Sie oder Ihr Gegenüber?

Im vorangehenden Kapitel habe ich Bewertungsprozesse als Vorstufe von Emotionen dargestellt. Eine BeWERTung heißt nichts anderes, als dass wir einem Ereignis einen Wert zumessen. Falls eine negative Bewertung vorliegt, bedeutet dies, dass ein für uns wichtiger Wert nicht berücksichtigt oder verletzt wurde und wir die Konsequenz als potentiell schädlich einstufen. Wie wir bereits gesehen haben, muss dieser Einschätzungsprozess möglichst korrekt ablaufen, damit wir wie die Lotusblüte lediglich schädigende Einflüsse daran hindern, unsere Systemgrenze zu überschreiten.

In den allermeisten Fällen jedoch, geschieht diese Bewertung quasi automatisch. Analog zu einem Virenscanner, der bestimmte Dateien in einen Spam-Ordner verschiebt, funktionieren auch in unserem Wahrnehmungsprozess verschiedene Filter. Die Aussage oder Handlung des anderen wird direkt abgeblockt und als „Spam“ etikettiert, obwohl eventuell eine wichtige Information enthalten ist.

Sympathie macht hier einen großen Unterschied aus. Wenn Menschen uns sympathisch sind, besteht eine viel größere Chance, dass wir die Information unsere Systemgrenze passieren lassen als im gegenteiligen Fall. Was macht nun Sympathie oder Antipathie aus?

Um diese Frage zu klären, möchte ich Sie nochmals auf ein Gedankenexperiment einladen. Nur einmal angenommen, Sie wären Single und würden an einer mittlerweile so populären Speed-Dating-Veranstaltung teilnehmen, bei der man in sehr kurzer Zeit, viele potentielle Partner kennen lernen kann. Nehmen wir weiter an, Ihre politische Gesinnung wäre „grün“, was bedeutet, dass Sie nicht nur die grüne Partei wählen, sondern sich auch bspw. im Ortsverein engagieren.

Ihr Gesprächspartner entspricht exakt Ihrem Beuteschema, was das Äußere angeht (wie dies genau aussieht, überlasse ich Ihrer Phantasie). Außerdem hat er oder sie auch eine sehr angenehme Stimme und Sie stellen ähnliche Interessen fest. Eigentlich möchten Sie bereits ein erneutes Treffen vorschlagen, weil Ihr Gegenüber extrem sympathisch auf Sie wirkt. In diesem Moment schlägt er oder sie Ihnen vor, am Wochenende doch mit auf einen Parteitag der Republikaner zu kommen, sie (oder er) wäre dort politisch engagiert und dies wäre doch eine tolle Gelegenheit, sich noch besser kennen zu lernen.

Ich wette mit Ihnen, dass die anfängliche Sympathie für Ihren Dating-Partner in diesem Moment zumindest leidet. Woran liegt das?

Wahrgenommene Ähnlichkeit ist das Geheimnis! Andere Menschen sind uns dann sympathisch, wenn sie uns ähneln. Diese Ähnlichkeit kann sich bspw. äußern in

  • Körperhaltung

  • Sitzposition

  • Sprechgeschwindigkeit

  • Lieblingsworten

  • Ansichten

  • allgemeinen Werten usw.

Wenn uns der andere aus einem oder mehreren Gründen jedoch nicht sympathisch ist, so vermindert sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine Information von ihm annehmen, dramatisch. Leider ist damit noch nichts über den Wert der Information ausgesagt. Eventuell ist der unsympathische Kerl der Einzige, der uns offen (und ehrlich) die Meinung sagt, weil er denkt, dass unsere Beziehung sich sowieso nicht mehr verschlechtern kann. Unsere Freunde haben jedoch eventuell aus falsch verstandener Rücksichtnahme bisher den Mund gehalten.

Es zeigt sich, dass es einer intelligenten Firewall bedarf. Sie sollten also ein System entwickeln, dass die Bewertung externer Reize optimiert und zwar unabhängig davon, ob Ihnen der Überbringer der Nachricht sympathisch ist oder nicht.

Wie wir gesehen haben, sind uns Menschen, die bspw. andere Werte haben als wir selbst, potentiell unsympathisch. Unsere automatische Firewall kommt dann zum Zug und blockt frei nach Maxime 1 des Lotusblütensystems alles ab, was die Systemgrenze passieren möchte.

Wenn wir es jedoch schaffen könnten, auch andere Werte zumindest ärgerfrei anzuhören und zu tolerieren, dann wären wir doch viel gelassener und könnten ...

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