Logo weiterlesen.de
Das Loch im Ozean

Zum Buch

Olaf K. Abelsen, einst geachteter Ingenieur, wird zum Außenseiter, Ausgestoßenen, Flüchtling, Abenteuer, Weltentramp. Auf Santa Ines geraten er und seine Begleiter einer Bande brutaler Russen in die Quere, die einem Goldschatz auf der Spur sind. Es geht um Leben und Tod.

1. KAPITEL

Als mir der kleine Allan, den man im wilden Magellan-Archipel ausgesetzt, alles erzählt hatte, was er erzählen konnte, wickelte ich den armen kleinen Kerl in seine Wolldecke ein und bewachte seinen festen Schlummer.

Der eiskalte Wind blies durch die Ritzen des Eingangs und draußen lauerte die ungewisse Dämmerung des neuen Tages, des ersten, den ich in Wahrheit als Robinson verbringen sollte.

Manches war mir schon widerfahren, manches Außergewöhnliche hatten mir meine Berufsreisen eingetragen, als ich noch Kulturmensch, Ingenieur war und die neuesten Errungenschaften der Zivilisation durch Eisenbahnbauten, durch Hafenanlagen und romantische Serpentinenstraßen in bisher öden Gebirgsgegenden weiter verbreiten half.

Nichts Menschliches war mir fremd geblieben. Das Leben hatte mich reich beschenkt, denn Erleben ist Leben. Und jetzt – ein Ausgestoßener, ein Außenseiter, ein Menschenverächter, ein Flüchtling vor alledem, das ich einst selbst gefördert hatte: Kultur! Zivilisation, Fortentwicklung des Menschengeschlechts!

Dieses Geschlecht war’s nicht wert, seinetwegen auch nur noch einen Finger zu rühren. Kläglich war das Ende meiner hoffnungsfrohen Laufbahn gewesen: Jeder hatte mir eine große Zukunft prophezeit. Und – gestrauchelt war ich über den Meineid eines Weibes ... Olaf K. Abelsen, Weltentramp: Das war das Ende und der Anfang!

Nun – kein schlechter Anfang! Wenn ich an Kamerad Boche Boche denke, der diesen Anfang mitmachte, wird mir das Herz weit und leicht.

Ein Mann war’s ...

Mann!

Und Joachim Näsler desgleichen, nicht minder Coy Cala und die beiden anderen Braunen. In keine Schablone hineinpassen, mit dem Tode spielen, mit dem Tode scherzen – das heißt Mann!

Ihr, die ihr in weichen Sesseln vor dem rollenden Bildstreifen sitzt – der Film heißt vielleicht »Die Insel der Begrabenen« oder so ähnlich – euch hämmert das Herz, solange Sensation nach Sensation sich jagt ... Und ihr ahnt dunkel, dass es jenseits eures Eseltrotts des Alltags ein wundervolles Land der Verheißung geben mag – dass auch ihr euch danach sehnt. Aber eine Stunde später sitzt ihr, elende Spießer, ihr alle, hinter einem Glase Wein oder Bier und sagt zu der treuen Gattin: »Verrückt war der Film eigentlich!«

Eigentlich ... eigentlich!

Oh, man kann viel anfangen mit diesem eigentümlichen Eigentlich.

Eigentlich war ich ganz froh, dass ich nun wieder einmal ganz allein auf mich angewiesen war und mir die Eselskrücken kühner Begleiter fehlten. Nur so, auf sich selbst angewiesen, rollt das Abenteurerblut sprühend bis in die Fingerspitzen. Man fühlt sich Herr über jeglichen Entschluss. Rücksichten fallen fort. Es gibt keinen Meinungsaustausch ... Man berät nur mit sich selbst. Und handelt, was einem gereifte Überzeugung eingibt.

Draußen der neue Tag.

Wenn mein kleiner Allan – und der rechnete wahrlich als Mann nicht mit – erwachte, musste er etwas Essbares vorfinden.

Und das musste erst beschafft werden. Joachims Riesenappetit hatte mit den Vorräten, die wir aus dem Nachen ins Zelt geschafft hatten, gründlich aufgeräumt. Nicht einmal ein einziger Zwieback war mehr vorhanden. Und Boot und Nachen und vier Gefährten ebenso gründlich dahin! Falls sie nur durch irgendwelche Umstände von den Terrassen weggelockt worden wären – längst hätten sie zurück sein müssen!

Nein – sie waren geschnappt. Vielleicht nicht von den Turidos nebst Anhang, vielleicht von ...?

Essen ...

Auch mein Magen meldete sich. Ich nahm die Büchse, verließ das Zelt, kletterte zum steinigen Strande hinab. Der Himmel leicht dunstig, unheildrohend, das gefrorene Gras knirschte wie Frostschnee. Die Felsen zeigten gefrorene Regenlachen. Die Szenerie ringsum fast winterlich. Dunkel das stille Wasser der hochumrandeten Bucht. Granitwände – eine Felsenschüssel ...

Das Zwielicht zeigt mir unten zwischen zwei Riffen ein bleiches, entstelltes Gesicht, eine Leiche, die sich in den Felsnadeln festgeklemmt hatte. Aus der linken Augenhöhle ragte ein Messer hervor. Also Chuburs Opfer.

Die Riffe waren vier Meter vom Strandstreifen entfernt. Kleinere Klippen bildeten einen Steig bis dorthin. Ich balancierte von Stein zu Stein, zog den Toten ans Ufer, einen jüngeren Europäer mit bartlosem Gesicht in einem derben Touristenanzug, braunen Schuhen und Wickelgamaschen.

In den Taschen fand ich einiges, was ich brauchen konnte, nur keine Papiere, nichts wodurch ich über die Person dieses Schwarzhaarigen Aufschluss erhalten hätte.

Tote brauchen keinen tadellos neuen praktischen Anzug und so gutes Schuhzeug. In Unterkleidern versenkte ich den mit Steinen beschwerten Toten.

Das Wasser der Bucht zog leichte Wellenkreise, als ob es sich vor Abscheu schüttelte, diesen Menschen beherbergen zu müssen. Und ich stand noch auf dem Riff, neben mir die Büchse auf der flachen Kuppe.

Spielend zog ein armlanger Lachs seinen Weg durch die grünen Algen, die am Gestein hafteten. Lachse gibt es in allen Weltteilen – ein internationales Fischgeschlecht, und dieser fette Vertreter kam mir gerade recht. Ein Pistolenschuss genügte, und mit dem Büchsenkolben angelte ich den Burschen in Greifnähe, die Magenfrage war gelöst.

Als mein kleiner Allan um elf Uhr vormittags erwachte, konnte ich ihm ein derbes Stück Kochfleisch vorsetzen.

Er aß, und der Schlaf hatte ihn völlig umgemodelt. Sein klägliches Weinen nach Mammi lebte nicht wieder auf, und er, der in Texas sein eigenes Pony gehabt hatte, der durch die endlosen Weidegründe gestreift war und die Romantik der weiten Einsamkeit schon kannte, lächelte mich an ...

»Ja, Robinson, Mister Abelsen ...! Und dann fahren wir zu Mammi zurück ...«

»Natürlich, wenn ich das Fellboot fertig habe.«

Er aß, und dann kam er mit ins Freie, beschaute das Bootsgerippe, half mir, es zu vollenden.

Zu vollenden ...! Das hatte gute Wege. Diese Arbeit sollte mir wieder einmal beweisen, wie unendlich den noch so praktisch veranlagten und noch so weitsichtigen Kulturmenschen diese halbzivilisierten Wilden, meine Araukaner, überlegen waren.

Allan lebte mehr auf.

Ich habe ja schon immer Glück bei Kindern gehabt. Als wir in Siam den Viadukt von Tillabonga bauten, war meine Baracke der Treffpunkt der gesamten splitternackten Jugend des entlegenen Gebirgsdorfes Tillabonga. In meinen Mußestunden spielte ich Lehrer, und als der Viadukt fertig, konnten die kleinen Rangen mit den kugelrunden schwarzen Augen und den zarten und doch so sehnigen Gliedern englisch schreiben und lesen.

Beim Abschied überreichte mir Sawimaka, der Dorfgewaltige, als Dank einen Elefantenstoßzahn von sechzig Pfund Gewicht. Dieser Zahn wurde zusammen mit meinem sonstigen Besitz versteigert, als die Kosten meines Strafprozesses nach meiner Verurteilung gedeckt werden sollten.

Allan war zutraulich, anschmiegend, redselig und in allem ein echter kleiner Yankee, der in der freien Luft des Rinderlandes Texas auf einer Großfarm aufgewachsen ist. Dass seine Mutter – seinen Vater hatte er nie gekannt – ihn nicht verweichlicht hatte, rettete ihm fraglos hier an der Wetterecke Südamerikas das Leben, denn uns drohten noch Tage, die den widerstandsfähigsten Mann böse mitgenommen hätten. Dabei war mein kleiner Freund so arbeitseifrig, anstellig und geschickt, dass ich ihn als Handlanger nicht hätte missen mögen.

An diesem ersten Tage unseres Robinsondaseins machte der Bootsbau nur geringe Fortschritte. Ich musste erst noch ein paar Robben erlegen, abhäuten und Riemen schneiden, denn nur diese frischen Lederriemen zogen sich nachher, wenn sie trocken waren, so kräftig zusammen, dass sie die Holzteile wie Schrauben aneinander hielten.

Hinzu kam noch die Pflicht, für die Küche zu sorgen. Der eine Lachs war so gut wie nichts für zwei Menschen gewesen, die sich dauernd im Freien in der scharfen Luft des Grenzgebietes des Atlantik und des Pazifik bewegten. Gekochtes oder gebratenes Robbenfleisch – eine tranige Wildente ist ein Genuss dagegen.

Schließlich kochte ich die Stücke nur an und hängte sie in den dichtesten Qualm des Feuers. Das half.

Das Wetter blieb kalt, stürmisch und unfreundlich.

Am Abend versuchte ich es, einen der Sandberge der Bucht zu erklettern, um mir Gewissheit zu verschaffen, ob wir uns auf einer Insel befänden. Gänzlich erschöpft, mit zerschundenen Händen und Knien und zitternden Muskeln erreichte ich den Gipfel. Der Rest des Tageslichts genügte: es war eine kleine Insel, und weiter nach Westen zu erblickte ich die grandiosen Steilküsten der Hauptinsel Santa Ines.

Ich war befriedigt und wollte umkehren. Aber die ungeheure körperliche Anstrengung dieser Bergtour hatte meinen Willen gelähmt. Ich saß auf einer Felsplatte und starrte in wohliger Erschlaffung über dieses wunderbare Land hin, das nur Granit ist, nur Kanäle, nur Klippen und Riffe und Inseln und Eilande.

Der eisige Südwind kühlte mein Gesicht, und des Fremden derber Sportanzug, jenes schwarzhaarigen Menschen mit Chuburs Messer im Auge, schützte meinen schweißnassen Körper besser als meine bisherige Seemannskluft.

Ich saß und döste ...

Und wenn ich den Kopf wandte, sah ich in der Tiefe am Buchtrande den kleinen Allan, der aus Buchenzweigen Bodenplatten für unser Fahrzeug flocht, das uns ... zur Mammi bringen sollte ...

Eine Mammi, die mein kleiner Freund nicht liebte, nach der er sich sehnte, weil sie eben seine Mutter war und weil ihr die Großfarm gehörte, wo das scheckige Pony und die Hunde weilten.

Die liebte Allan.

Es wurde dunkler und dunkler, wurde höchste Zeit, das Leben und die gesunden Knochen nochmals beim Abstieg zu riskieren.

Noch ein Blick gen Westen ...

Dort lag Santa Ines ...

Dort fand ich vielleicht die vier Kameraden, die mir ans Herz gewachsen.

Ein Blick – und ich duckte mich ...

Ein graublaues schlankes Schiff mit zwei dicken Schloten schlängelte sich durch die Kanäle ...

Chilenischer kleiner Kreuzer. Die Flagge flatterte am Heck, dunkle Geschützrohre ragten wie Striche über die Reling aus gewölbten Panzerschwalbennestern.

Mein Herz pochte rascher.

Sollte ich winken, mich aufrichten?

Niemals! Meinetwegen wahrhaftig nicht!

Und Allan? Ich würde ihn auch ohne fremde Hilfe der Frau Ellinor Mangrove zurückbringen – ich hatte hier Pflichten, vor denen das Kind zurücktrat: vier verschwundene Kameraden!

Duckte mich tiefer, kroch davon.

Als ich bei Allan anlangte, verschwieg ich den Kreuzer.

»Also wirklich eine Insel, Mister Abelsen!«, jubelte er. »Also richtige Robinsons! – Hier – ist das Flechtwerk gut?«

»Tadellos, mein Junge ... Jetzt aber das Abendessen und dann schlafen ...«

So endete dieser erste Tag.

Ich erwachte. Das Feuer war fast erloschen. Ich warf Späne hinein, sah nach der Uhr. Wahrhaftig – schon acht. Merkwürdig, dass es draußen noch so finster war. Ich lüftete das Eingangsfell.

Nebel – Magellannebel ...

Graue Mauern überall ... Kein Luftzug ... Unheimliche Stille ...

Londoner Nebel – ich kenne auch ihn. Londoner Nebel ist dreiviertel Fabrikqualm und ein viertel echter Nebel.

Dies hier nur echter Nebel. Mit jedem Atemzug sog man die eisigen winzigen Tröpfchen ein. Mir klapperten die Zähne vor Frost. Meine Lunge schien einem Äthergebläse ausgesetzt zu sein.

Rasch zurück ins Zelt. Das Feuer lohte höher, wärmte. Über dem Feuer hing der Aluminiumtopf.

Allan schlief ... schlief ...

Tee war noch vorhanden. Und so bestand unser Frühstück denn aus heißem Tee und Streifen Rauchfleisch.

Allan war vorhin draußen gewesen, nachdem ich ihn geweckt hatte.

»Man sieht keine zwei Schritt weit, Mister Abelsen ...! So was von Nebel ist mir neu.«

Aber er war vergnügt und hungrig und ahnte nicht, dass wir hungern müssten, wenn der Nebel längere Zeit anhielt.

Wie sollte ich bei dem Wetter Robben erlegen?

Mein Gewissen redete sehr eindringlich mit mir. Der chilenische Kreuzer ... Nun, daran ließ sich nichts mehr ändern.

Nach dem Frühstück zerkleinerte ich Brennholz, und dicht bei unserer Bootswerft flackerten und knallten dann die Scheite, spendeten trübes Licht.

Das Bootsskelett war mittags fertig. Nun hätten wir das Zeltdach zum Überziehen des Gerippes benutzen müssen. – Aber ohne Zelt bei dieser Witterung?

Ausgeschlossen! Ich wollte auf Sonnenschein warten.

Allans kindlicher Eifer war hiermit nicht einverstanden. Der kleine Kerl freute sich offenbar auf die Bootsfahrt und hielt sie für eine harmlose Ruderpartie wie daheim auf dem Rio Branco.

Wir hockten untätig im Zelte. Allan langweilte sich. Und das war schlimm. Da kam die Sehnsucht nach dem Pony und den Hunden und der freien sonnigen Prärie mit ihren Blumenteppichen, Rinderherden, Buschinseln und Baumstreifen. Allan wurde stiller und stiller. Ich musste ihn beschäftigen, ablenken.

Vatersorgen ...!

Ich versuchte es mit Märchen. Erzählte die wunderschönen Geschichten von Andersen: Schneekönigin, die sieben Schwäne.

Allan sagte plötzlich: »Das ist ja alles nicht wahr, Mister Abelsen. Wir Jungens in Texas lesen keine Märchen, und mein Hauslehrer Mr. Bodlin meinte, Märchen seien gut für Schwachsinnige.«

So altklug war Allan.

Da erklärte ich ihm die Konstruktion meiner Sniders-Büchse, nahm das Schloss auseinander, ließ ihn die Einzelteile ölen und putzen.

Nachher kamen die Pistolen heran. Jetzt war ich auf dem richtigen Geleise. Mein kleiner Freund vergaß Pony und Hunde und Mammi und plapperte und putzte ...

»Die Jungens bei uns in Texas können schon mit acht Jahren schießen ... Und ich bin beinahe neun. Aber Mammi litt es nicht, dass ich eine kleine Flinte bekam. Mammi sagte mal zu Mister Bodlin: ›Das muss bei Allan niedergehalten werden!‹ Ich hörte es, aber verstand es nicht. – Mammi hat nie über meinen Pappi gesprochen. Nein, der ist tot, und wir hatten nicht ein einziges Bild von ihm ...«

»Hieß er denn auch Mangrove wie dein Großvater mütterlicherseits?«

Allan schaute auf.

»Das weiß ich nicht ... Und das ist doch ordentlich komisch, Mister Abelsen ... Ich denke immer, dass Mammi den Pappi nicht hat leiden mögen und mich deshalb auch nicht, denn Großvater und Mammi haben dunkles Haar, und ich bin blond und habe auch eine ganz andere Nase, keine Mangrove-Nase ...«

Nachdenklich strich er mit dem öligen schwarzen Zeigefinger seine schmale Nase entlang und zog so über den Nasenrücken einen schwarzen Strich ...

»Eigentlich ist das doch sehr komisch«, wiederholte er. »Ich ... Was war das, Mister Abelsen?«

Auch ich war hochgefahren. Der schrille Schrei konnte von keiner Möwe herrühren ...

Da – wieder ...

Und da wusste ich: einer der Patagonier!

Schon war ich draußen ...

Brüllte. »Hallo – – hallo!«

Vom Ufer her Antwort: »Hallo – hier Coy Cala!«

Ich stolperte die Terrassen hinab ... hinein in die graue Flut des Nebels ...

Coy war wieder da, Coy, der Schwätzer, der Athlet ... Ich stolperte, fiel, schlug mir die Stirn blutig ... wieder empor ...

Coy war da! Und meine Sehnsucht, einmal auf mich allein angewiesen zu sein, war dahin.

Aus dem düsteren schwebenden Gebräu hob sich ein dunklerer Strich ab: Coy!

Der Strich schrumpfte zusammen, und Coy zog eine Art Floß ans Ufer. Die Steine knirschten, Bretter polterten ...

»Coy, wo warst du?«

»O Mistre, lange Geschichte ...«

Er drehte mir sein Gesicht zu. Von der linken Schläfe lief ein klaffender Schnitt bis zum Kinn herab.

»Verwundet, Coy?«

»Zwei Schüsse, ein Messer, Mistre ... Macht nichts ...! – Feine Bretter hier. Ganzes Kajütendach. Dampfer ›Starost‹ ... Feines Floß ... – Helfen, Mistre ... Bald Flut kommen, sonst Flut mitnehmen Bretter ... Feine Bretter ...«

Ich half.

Davon, dass Coy noch zwei Schusswunden hatte, war ihm wirklich nichts anzumerken. Pferdenaturen haben diese Patagonier und dazu Raubtiersinne und Kinderherzen.

Wir stiegen zum Zelte empor.

2. KAPITEL

Aber selbst eine Pferdenatur wie die Coys streikte jetzt, als wir kaum das Zelt betreten hatten und als Coy staunend meinen kleinen Freund Allan betrachtete, der am Feuer saß und meine Mauserpistole säuberte – so recht stolz und würdevoll, ganz nach Jungenart.

Der Araukaner griff plötzlich in die Luft, ich fing den Umsinkenden auf und schleppte ihn auf mein Lager. Er kam erst nach drei Stunden wieder zu sich, nachdem ich ihm den Hüft- und den Schulterschuss gesäubert und verbunden und den Riesenriss im Gesicht mit weißem, ausgekochtem Zwirn vernäht hatte. Auch hierbei hatte Allan mir geholfen. Ein Segen, dass der Junge so wenig zimperlich war.

Coy erwachte ...

»Gut geschlafen ...« nickte er mir zu. »Wieder ganz frisch, Mistre Abelsen. Nur hier – – die Würmer, Mistre!«

Und er streichelte seinen Leib.

Ihm Rum zu geben wäre Wahnsinn gewesen. Nur Tee bekam er. Dazu ein wenig Rauchfleisch. Er war sichtlich empört, weil ich ihm das Labsal des Sprits vorenthielt. Ich blieb hart. Dann schlief er wieder ein.

Nach Allan hatte er sich nur mit wenigen Worten erkundigt. Es genügte ihm vollauf zu wissen, dass der schlanke hübsche Junge während eines kurzen Besuchs bei seinem Großvater François Mangrove in New Orleans vom Hafenkai auf ein Schiff gelockt worden und dann von den Entführern, die er nicht kannte, hier wieder ausgesetzt und seinem Schicksal überlassen worden war.

Mehr wusste ich ja auch nicht.

Der Nebel blieb. Er klebte bis zum Abend an den Inseln wie graue Watte. Es war unmöglich, irgendetwas zu unternehmen.

Allan putzte jetzt die übrigen Waffen und hatte Hände und Gesicht wie ein Schornsteinfeger beschmiert. Aber er war wenigstens beschäftigt und quälte mich nicht mit unerfüllbaren Wünschen, was die Vollendung des Fellbootes betraf.

Gegen acht Uhr abends merkte ich, dass der Nebel rasch zerflatterte. Ein scharfer Wind kam vom Pazifik her, riss die Watte auseinander und wehte die Fetzen gen Osten davon. Mit einem Male schien sogar die Sonne – knallrot ihr Untergang, wunderbar ihre Kunst als Dekorationsmalerin.

Ganz andächtig standen Allan und ich draußen und staunten die vergoldeten, flammenden Höhenränder an. Aber mich rief die Pflicht nur zu schnell nach dem Buchtausgang, wo in dem gewundenen Kanal fraglos wieder Robben zu finden waren.

Der Junge wollte mit.

»Geht nicht, Allan. Du musst Krankenpfleger spielen. »Wenn Coy Cala erwacht, reiche ihm Tee, aber keinen Rum.«

Ich kletterte mit der Büchse von dannen. Allan hatte meine Ablehnung ruhig hingenommen, denn Coys Person interessierte ihn außerordentlich.

»Bei uns in Texas gibt es keine richtigen Indianer mehr, Mister Abelsen«, hatte er geringschätzig erklärt. »Aber Coy ist noch echt ... Und das gefällt mir!«

»Echt« war ein Lieblingsausdruck von ihm.

Hier im großen Magellan-Archipel findet man Robben aller Art. Am gesuchtesten sind die Männchenrobben. Hat man das Glück ein junges Tier zu schießen, das noch nicht lange den Mutterzitzen entwöhnt ist, so gibt das einen leidlichen Braten.

Und ich hatte Glück, erlegte zwei Robbensäuglinge und war gegen zehn Uhr wieder daheim. – Mit Recht »daheim«, denn meine Heimat ist jeder Fleck geworden, wo ich mein Haupt mal für längere Zeit irgendeinem harten oder weichen Pfühl anvertraute.

Ich sah schon von Weitem Allan und Coy vor dem Zelte sitzen. Der Westwind bringt stets Wärme mit, und trotz der Abendstunde schätze ich die Temperatur auf achtzehn Grad.

Coy grinste mir vergnügt entgegen. Seine Augen funkelten, und Allan – machte ein verlegenes Gesicht. Ich warf die Jagdbeute ins Gras.

»Coy, du hast gerumt!«, meinte ich aufgebracht. »Du bist halb betrunken! Du wirst Wundfieber bekommen und ...«

»Gesund bin ich!«, lachte er mit gutmütiger Überlegenheit. »Ganz gesund, Mistre ... Tee für Kinder ... Rum für Männer und Wunden.«

Bei Gott – er erhob sich ganz elastisch und reckte und dehnte sich. »Schüsse und Schnitt ein Dreck, Mistre ... Morgen Boot fertig machen ... Falls ...« – und er schaute zum Himmel empor, wo lange dünne Wolkenfetzen mit dem Winde dahinzogen – »falls morgen nicht böses Wetter. Wolken da gefallen mir nicht ... Kann Sturm und Regen geben, großen Sturm ... Das kenne ich ...«

Mein Zorn war verraucht.

Coy hatte wirklich eine Pferdenatur. Im Nu hatte er die Robben zerlegt, abgehäutet und die besten Stücke in Streifen geschnitten. Dann sammelte er gelbe Dornblüten und eine besondere Art kleiner krauser Gräser. Suppe wollte er kochen. Und – sie schmeckte nachher tadellos.

Wir drei saßen im Zelt und Coy erstattet Bericht, nachdem ich ihm noch einen viertel Becher Wurmmittel gespendet hatte.

Allan hörte mit blanken Augen zu. Coy war für ihn fortan der Inbegriff wahren Mannestums. Ich blieb sein Freund, aber Coy wurde sein Lehrer.

»... Mistre, alles sehr schnell gehen ... Waren zwei Kerle, die mich niederschlugen ... Waren noch mehr da. Sechs im ganzen. Hatten Lappen mit Löchern vor Gesichtern, trugen Matrosenanzüge. War dann wieder wach, Mistre, und lag in Schiffskammer. Stricke nichts taugten ... Zu lose ... Streifte Schlingen ab und brach Kammertür auf, schlich nach oben ... War Dampfer Jacht ... War Jacht, wie Mistre Näsler sehen. Sprang in Kanal, fand Wrackstücke, ruderte mit Brett zurück. Alles sein, Mistre ...«

»Etwas kurz, lieber Coy ... Wo sind Näsler, Chico und Chubur?«

»Nichts wissen, nichts sehen und hören ... Werden auch auf Dampfjacht sein von Turidos ...«

»Deine Flucht wurde bemerkt ... Du wurdest doch verwundet ...«

»Stimmen das, Mistre ... War Matrose auf Vorschiff. Sah mich, stach ... schoss ... War dummer Kerl ... Ich tauchen, und ... weg!«

»Das ist ein Indianer«, rief Allan begeistert. »Auf der Branco-Farm schossen unsere Cowboys nur aufeinander, wenn sie betrunken waren. – Oh, Coy, du bist ein Held!«

Der Held schielte nach der letzten halb geleerten Rumflasche. Aber sein Augenklappern nützte nichts. Ich schob die Buddel unter mein Graskopfpolster, und dann legten wir uns nieder.

Coy und Allan waren sehr bald eingeschlafen. Mir ging zu vieles durch den Kopf, als dass ich sofort ins unwirkliche Traumland hätte hinübergleiten können.

Also doch die Turidos!

Mich hatten sie wohl verschont, weil ich bewaffnet gewesen. Ob sie mich nun für erledigt hielten? Ob sie hofften, dass Coy als Leiche in den Kanälen treibe, und mich als einzelner Gegner ohne Brot und Lebensmittel nicht mehr berücksichtigten?!

Und wenn sie in dieser Nacht wiederkehrten?

Ein einziger Gedanke dieser Art genügt, alle Lebensgeister zu wecken.

Ich richtete mich auf. Das Feuer flackerte bescheiden. Meine Hand tastete nach der Büchse. Im selben Moment hörte ich draußen in den zerklüfteten Randhöhen den ersten tiefen Orgelton des von Coy angesagten Sturmes. Ich lauschte. Ein hohles Pfeifen folgte. Und in fünf Minuten rüttelte der in den Buchtkessel herabstoßende Winddruck derart an dem Fellzelt, dass die Ruder, die Zeltstöcke, sich knarrend aneinander rieben.

Coy erwachte, schaute mich an. Sein bepflastertes Gesicht war ernst.

»Schlechte Platz für Zelt, Mistre ...« flüsterte er mit einem Blick auf den schlummernden Knaben. »Große Orkan kommen, Mistre ... Da – Hagel ...!«

Und was für ein Hagel ..

Gewehrfeuer fast ...

Und Allan schreckte empor ...

Dann ein Sturmstoß, der die eine Seite des Zeltes tief eindrückte ...

Die beiden Ruder bogen sich nach innen wie Rohrstängel ...

Ein zweiter ... begleitet von einem sausenden Heulen ...

Urplötzlich schlug mir die eine Zeltstange gegen das Kinn ...

Urplötzlich saßen wir ohne Dach über dem Kopfe da ...

Regenfluten ...

Gießbäche ...

Das ganze Zelt wurde als Flugzeug davongetragen ...

Urplötzlich waren wir nass bis auf die Haut ...

Um uns her, die wir uns eng an den Boden geschmiegt hatten, um nicht dem Zelte zu folgen, war Finsternis und ein wildes Kreisen von Grashalmen, Aststücken und kleinen Steinen. Wir befanden uns hier eben gerade an einer Stelle, wo der Orkan in diesem Felsenloch einen Wirbel hervorrief.

Traute Philister, die ihr vielleicht einmal im Klubsessel im warmen Zimmer diese meine undichterischen kalten Tatsachen lest: Seid ihr schon einmal bei einem Regen von etwa zwei Grad bis auf die Haut durchgeweicht worden, habt ihr schon einmal flach wie breitgetretene Frösche dagelegen und hat euch schon einmal ein kreisender Strom scharfkantige Steine die Haut vom Genick, Händen, Ohren weggekratzt wie grobes Sandpapier? Kennt ihr Minuten wie jene, wo jede Sekunde die saugende Kraft des Wirbels uns emporreißen und in die Bucht zu schleudern drohte?

Geht nach der Magellan, ihr Kulturmenschen, und werdet Männer! Dann braucht ihr weder Diplomaten noch Völkerbund noch Zeitungsgewäsch über den Kuhhandel der Politik! Dann werdet ihr eure Seelchen nachher gründlich gesäubert finden! Das sage ich euch, der damals den kleinen Allan an den Beinen festhielt, während Coy seinen Hals umschlang. Der Junge wäre sonst wie ein Blättlein weggefegt worden. Und wenn ihr dies alles nicht glaubt, so kommt hierher, wo ich jetzt mit einem Stückchen Bleistift in Coys Hütte leichten Herzens niederschreibe, was das wahre Leben mir bescherte.

Kommt und seht die Runen in meiner Haut von jener Nacht ... Ihr habt Narben von Karfunkeln im fetten Genick ... Ich Narben von Steinen von Santa Ines.

Ein kleiner Unterschied.

Vielleicht hättet ihr geheult vor Angst um euer bisschen Leben. Allan heulte nicht. Allan schrie nur mit schriller Kinderstimme: »Das Bootsgerippe – das Bootsgerippe!«

So sehr lag ihm das unfertige Boot am Herzen.

Ob es noch da war, ob der Orkan es bereits ebenfalls irgendwohin gewirbelt hatte – man konnte ja keine vier Schritt weit sehen! Wahrscheinlich war’s verloren, zerschellt, oder lag irgendwo hoch oben auf einer unzugänglichen Felszacke oder schwamm in der Bucht umher. War ja alles gleichgültig jetzt – alles ... Hier galt’s, das nackte bisschen Leben vor dieser eisigen Sintflut zu retten ...

Und bald – bald, bevor die Kälte uns völlig die Glieder lähmte und die Nässe uns das Fieber ins Blut trieb – bald musste es geschehen. Aber wie? Sich aufrichten, oder weiterkriechen? Wohin? Wenn die Terrassenrückwand wenigstens eine Einbuchtung, die Andeutung einer Höhle gehabt hätte!

Zuweilen schien der rasend schnell kreisende Wirbel einschlafen zu wollen.

Schien ...

Und dann prasselte all das auf uns herab, was der Lufttrichter emporgesogen hatte: Steine, Äste, Gras, Wolldecken ...

Nicht lange – und das ganze Zeug gehorchte wieder dem stärkeren Gesetz der Schraubendrehung des Orkanes.

Aber – wir hatten Coy Cala, und Coy kannte dieses schöne, wilde Spiel der Sturmgesellen. Coy brüllte ... Packte Allan, trug ihn davon – gerade in einer längeren Ruhepause des Unwetters.

Ich stolperte hintendrein ... bis zum äußersten südlichen Terrassenwinkel, der in eine enge Bucht überging. Wir krochen hinein – immer tiefer, tiefer ... Finsternis, aber trockener Boden.

Die Felsspalte wölbte sich schräg, und wir hatten wieder ein Dach überm Kopf.

Coy brüllte von Neuem ...

Und ich war mit Allan allein.

Coy kam mit Decken, Waffen, Patronenkästen, Kesseln, Flaschen. Dreimal machte er den Weg. Wie er dann ein Feuer in Brand bekam: nur ein Kerl wie er konnte es!

Aus dem schwelenden Feuerchen wurde ein prasselnder qualmender Holzstoß. Wärme, Licht ...

Über uns die Orgelmusik des Pazifik ...

P

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Loch im Ozean" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen