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Das Lied meiner Schwester

Inhaltsübersicht

5. Juni 1964

ERSTER TEIL

Jonny spielt auf

Ulmer Höh’, 7. Oktober 1942

Präludium in g-Moll

Ulmer Höh’, 20. Oktober 1942

Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht

Ulmer Höh’, 24. Oktober 1942

Honeysuckle Rose

Lamentationes Jeremiae Prophetae

Ulmer Höh’, 3. November 1942

Stille Nacht, heilige Nacht

Ulmer Höh’, 7. November 1942

ZWEITER TEIL

Ein Freund, ein guter Freund

Ulmer Höh’, 12. November 1942

Schwarzwaldmädel

Ulmer Höh’, 16. November 1942

Ain’t we got fun

Ulmer Höh’, 5. Dezember 1942

Selig sind, die Verfolgung leiden

Ulmer Höh’, 7. Dezemer 1942

O Tod, du bist ein bittre Gallen

Ulmer Höh’, 18. Dezember 1942

DRITTER TEIL

Die Fahne hoch

Ulmer Höh’, 25. Dezember 1942

Let my people go

Ulmer Höh’, 1. Januar 1943

Swing Heil

Düsseldorf, den 3. Juni 1938

Ich mach alles mit den Beinen

Ulmer Höh’, 30. Januar 1943

Variation 1

Ulmer Höh’, 14. Februar 1943

Der Fliegende Holländer

Ulmer Höh’, 1. März 1944

La donna è mobile

Ulmer Höh’, 17. März 1943

Meine Seele hört im Sehen

Ulmer Höh’, 10. April 1943

VIERTER TEIL

Meerstern, ich dich grüße

Russland, den 22. Dezember 1941

Ulmer Höh’, 14. April 1943

Sing, Nachtigall, sing

Ulmer Höh’, 28. April 1943

Das ist ein Flöten und Geigen

Ulmer Höh’, 10. Mai 1943

Ubi caritas et amor Deus ibi est

Ulmer Höh’, 13. Mai 1943

Nocturne in g-Moll

Ulmer Höh’, 16. Mai 1943

That old black magic

Ulmer Höh’, 27. Mai 1943

Lamentationes Jeremiae Prophetae

Ulmer Höh’, 3. Juni 1943

5. Juni 1964

Danke

Leseprobe

 

Lass alle ihre Bosheit vor dich kommen und richte sie zu, wie du mich zugerichtet hast um aller meiner Missetat willen, denn meiner Seufzer sind viel, und mein Herz ist betrübt.

 

(Klagelieder 1, 22)

5. Juni 1964

Wie oft sie die Treppe zum Haus schon emporgestiegen war. Als kleines Kind an der Hand der Tante, später mit dem Geigenkasten unter dem Arm, dem Tornister auf dem Rücken. Die Stufen glänzten speckig wie ein altes Jackett. Sie waren flach, aber so tief, dass man unmöglich zwei auf einmal nehmen konnte. Bei Regen wurden sie glitschig, bei Frost spiegelglatt.

Heute schien die Sonne. Friederike ging trotzdem langsam, sie hatte keine Eile, oben anzukommen. Hin und wieder blieb sie sogar stehen und überlegte, ob sie umkehren sollte. Dann setzte sie sich doch wieder in Bewegung.

Es muss sein, dachte sie. Wir müssen reden.

Seit vorgestern war sie erwachsen. Einundzwanzig Jahre alt.

Thomas hatte sie zum Essen eingeladen und ihr einen Kompass geschenkt. »Damit du deinen Weg in die Zukunft findest.«

Noch zwölf Stufen bis zum Haus. Elf. Zehn. Wahrscheinlich hatte ihre Tante Kuchen gekauft und Tee gekocht.

Wie läuft das Studium, würde sie fragen.

Friederike blieb stehen. »Ich werde es abbrechen«, sagte sie halblaut. »Ich möchte nicht länger Musik studieren. Ich werde das Konservatorium verlassen.«

In der Luft zerplatzten die Worte wie Seifenblasen.

Ganz egal, wie sie es ausdrückte, es würde ihrer Tante nicht gefallen und ihrem Onkel auch nicht. Sie setzten so große Hoffnungen in Friederike. »Du kannst es richtig weit bringen«, sagten sie immer. »Wenn du nur willst.«

Aber Friederike wollte nicht mehr.

Sie war einundzwanzig Jahre alt. Sie studierte seit zwei Jahren an der Musikhochschule in Köln und würde als Violinistin immer mittelmäßig bleiben, egal, wie hart sie arbeitete.

Sie hatte es lange Zeit nicht wahrhaben wollen. Erst seit sie Thomas kannte, hatte sie den Mut, sich der Wahrheit zu stellen: Dass es der falsche Weg war.

Thomas und Friederike hatten sich vor einem halben Jahr auf der Geburtstagsfeier eines Kommilitonen kennengelernt. Thomas studierte Architektur und stand kurz vor seinem Abschluss. Neben seinem Studium arbeitete er bereits in einem großen Architekturbüro. Er wusste, was er wollte, er wusste, was er konnte.

Ganz im Gegensatz zu Friederike, die nur wusste, was sie nicht konnte. Sie würde niemals die Karriere machen, von der ihre Zieheltern träumten. Vermutlich würde sie später Geigenstunden geben, für kleine Kinder, die genauso unbegabt waren wie sie selbst.

»Warum veränderst du dich nicht einfach?«, fragte Thomas Friederike, als sie sich besser kannten. »Fang etwas Neues an. Mach etwas, das dich wirklich interessiert. Vielleicht macht dir die Musik dann plötzlich wieder Spaß.«

»Friederike.« Ihre Tante öffnete nach dem ersten Klingeln, als ob sie hinter der Haustür auf Friederike gewartet hätte. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Kind.«

Wie weich und vertraut sich ihre Umarmung anfühlte. Ich kann es ihr nicht sagen, dachte Friederike. Ich kann sie doch nicht so enttäuschen.

Ihre eigenen Eltern waren im Krieg ums Leben gekommen, Friederike konnte sich gar nicht mehr an sie erinnern. Sie war bei ihrer Tante und deren Mann aufgewachsen. Mit fünf hatten sie sie zum Geigenunterricht geschickt, mit sechs hatte sie ihr erstes eigenes Instrument bekommen. Deine Eltern wären so stolz auf dich gewesen, hatten sie ihr ein ums andere Mal versichert.

»Ist Onkel nicht da?« Im Wohnzimmer hing Friederikes Kindergeige an der Wand, das Griffbrett zerkratzt und abgespielt. Ein stummer Vorwurf.

»Er kommt gleich. Ich habe uns Tee gemacht.« Der Kuchen stand schon auf dem Tisch. Der Blumenstrauß in der Glasvase, das Kaffeegeschirr mit dem blau-weißen Zwiebelmuster, alles war genau wie immer und doch ganz anders. Sie nahmen Platz und plauderten über dies und das, während Friederikes Herz immer heftiger zu schlagen begann. Am Montag würde sie sich im Universitätsklinikum in Köln um einen Ausbildungsplatz als Hebamme bewerben. Worauf wartest du noch, hatte Thomas sie gefragt. Es ist dein Leben.

Sie holte tief Luft.

»Ich muss dir etwas sagen.«

Friederike und ihre Tante sprachen den Satz gleichzeitig aus. Sie lachten beide nervös.

»Du zuerst«, sagte Friederike.

Die Tante zögerte einen Moment lang, dann nickte sie. »Wir möchten dir zu deinem einundzwanzigsten Geburtstag etwas ganz Besonderes schenken. Ich wollte eigentlich auf deinen Onkel warten, bevor ich es dir gebe, aber nun …«

Bitte keine Geige, dachte Friederike. Lieber Gott, lass es keine neue Geige sein.

Ihre Tante räusperte sich. Dann stand sie auf und holte ein kleines Paket aus dem Buffet. Es war keine Geige, das erkannte Friederike sofort. Es war ein Stapel Papier, Briefumschläge, von einem Seidenband zusammengehalten.

»Sie sind von deiner Mutter. Für dich.«

»Von meiner … meine Mutter hat mir Briefe geschrieben? Wieso, ich …«

»Du wirst es verstehen, wenn du sie liest.«

»Ihr hattet sie die ganze Zeit? Warum gebt ihr sie mir erst jetzt?«

»Weil … wir waren beide der Meinung, dass … auch das wirst du verstehen.«

Wie aufgeregt ihre Tante war. Ihre Hände zitterten, als sie Friederike das Bündel reichte.

Friederikes Hände zitterten ebenfalls, als sie das hellblaue Seidenband löste und den ersten Brief aus dem Umschlag zog.

Sie begann zu lesen.

ERSTER TEIL

Jonny spielt auf

Aus dem Schornstein der Lokomotive kam echter Qualm, er stieg in einer leuchtend weißen Wolke in den schwarzen Bühnenhimmel. Eine Dampflok auf der Bühne, das war neu, so etwas hatte man noch nicht gesehen.

Auf dem Perron stand Clemens Haupt und schwitzte unter seiner schwarzen Lockenperücke. Schwitzen war gefährlich, das hatte er schon in den Proben festgestellt. Wenn man zu sehr schwitzte, dann lösten die Schweißtropfen die schwarze Farbe und hinterließen rosa Linien in der Schminke. Deshalb hatte Liddy, die Maskenbildnerin, Puder auf die schwarze Schicht getupft. »Puder hält das Ganze zusammen«, erklärte sie ihm. Sein Gesicht juckte höllisch, aber an Kratzen war natürlich nicht zu denken.

Die Dampflok stieß ein grelles Tuten aus. Das Publikum jubelte. Technische Effekte auf der Bühne kamen an, eine tutende Dampflok, ein klingelndes Telefon, ein röhrender Staubsauger, das begeisterte die Leute viel mehr als fünfmal in Folge das hohe C.

»Die Stunde schlägt der alten Zeit«, sang der Chor. »Die neue Zeit bricht jetzt an. Versäumt den Anschluss nicht. Die Überfahrt beginnt ins unbekannte Land der Freiheit.«

Clemens hob seine Geige und spähte dabei nach oben. Die große Bahnhofsuhr senkte sich langsam zu ihm herab. Jetzt kam das Finale, der Höhepunkt, wenn er nun nur nicht stolperte wie neulich in der Probe. Er setzte mit einem eleganten Sprung auf die Uhr, die sich im selben Moment verwandelte. Das Ziffernblatt, das nur eine Filmprojektion gewesen war, verschwand, aus der Uhr wurde eine Weltkugel, die langsam zu rotieren begann, während Clemens oben auf dem Nordpol stand und auf seiner Geige fiedelte, ohne natürlich einen Ton zu produzieren, denn er konnte gar nicht Geige spielen.

Die Melodie, die man hörte, spielte in Wirklichkeit Leopold Ulrich, der erste Geiger im Orchester.

»Die Überfahrt beginnt, so spielt uns Jonny auf zum Tanz. Es kommt die neue Welt übers Meer gefahren mit Glanz und erbt das alte Europa durch den Tanz«, sang der Chor.

Clemens fiedelte, Leopold geigte, und die anderen Schauspieler, Max, Yvonne, der Manager, die Polizisten und Anita, tanzten um den Globus herum, in einer sich steigernden, wilden Ekstase. »Denn seht, er tritt unter euch, und Jonny spielt auf«, sangen sie.

Der Zwischenvorhang fiel. Clemens sprang von der Weltkugel, dann wurde er von den beiden Polizisten nach vorn geschoben, durch den Vorhang an die Rampe. Sänger und Orchester waren verstummt. Alles war still. Er war allein. Allein vor dem dunklen, bis auf den letzten Platz ausverkauften Zuschauerraum.

Während er die Geige hob und an die Wange legte, konnte er das Publikum dort unten atmen hören. Dann begannen sie beide zu spielen, Clemens und Leopold, eine einsame Melodie, hingebungsvoll und süß. Es ist zu Ende, schluchzte die Geige. Bis im Orchester der Trommelwirbel einsetzte und dann das Becken. Aus.

Im Zuschauerraum ging das Licht an. Clemens schloss die Augen. Einen Moment lang war alles möglich. Erfolg oder Niederlage, Triumph oder Versagen.

Dann donnerte der Applaus los, ein Tornado, der ihn fast umwarf. Er riss die Augen wieder auf und sah Zuschauer, die von ihren Sitzen aufgesprungen waren, die jubelten und klatschten und Rosen auf die Bühne warfen. Bravo, bravissimo! Er schwitzte, der Schweiß lief jetzt in Strömen über sein Gesicht, aber es war egal, die Sache war entschieden.

Es war der 18. Juni 1929.

Clemens Haupt. Dieser Name, den bislang keiner gekannt hatte, würde morgen in allen Zeitungen stehen. »Wenn du das schaffst, dann bist du wer«, hatte Leopold zu ihm gesagt. Und Leopold hatte recht.

Vor ihm lag die Zukunft und glänzte.

Hinter ihm lag die Vergangenheit, die dunkle, armselige, elende Vergangenheit, die endlich vorbei war. Die Tage, in denen er sich mit der Mütze in der Hand in den Opernhäusern zum Vorsingen eingefunden hatte. In denen er vier Takte aus dem Freischütz gesungen hatte und zwei aus dem Fidelio, nur damit der Regisseur ungeduldig in die Hände klatschte. »Danke sehr.« Weggetreten. Fast ein Jahr war er durch ganz Deutschland gereist, immer auf der Suche nach einem Engagement, nach einer Chance. Um Geld zu verdienen, hatte er Kohlen geschippt, Kartoffeln geklaubt und auf dem Bahnhof Koffer geschleppt, aber er hatte die Hoffnung nie aufgegeben.

In Duisburg hatten sie ihm dann endlich eine Rolle gegeben. Nicht den Jago, für den er vorgesungen hatte, sondern den Schankwirt, der nur ein paar Takte zu singen hatte. Aber immerhin gab es Geld, für jede der zwanzig Vorstellungen des Othello fünfzehn Mark und für die Premiere noch einmal zehn extra.

»Wenn man erst einmal den Fuß in der Tür hat, kommt es nur noch drauf an, mit dem Rest des Körpers nachzudrängen. Dann ist man drin«, sagte Leopold, der es wissen musste. Leopold war schon seit einem Jahr festes Mitglied im Opernorchester, obwohl er erst zweiundzwanzig war, ein Jahr jünger als Clemens. »Erste Geige«, sagte er. »Auch wenn es andere gibt, die es durchaus besser verstehen als ich und doch nur die zweite Geige spielen. Aber ich hab meinen Fuß zur richtigen Zeit an die richtige Stelle gesetzt.«

Leopold wusste, wie die Dinge an der Oper liefen. Wenn er Clemens damals nicht auf die Sprünge geholfen hätte, hätte Clemens es nie geschafft.

»Die wollen den Jonny wieder hierher nach Duisburg holen«, hatte er ihm im Januar erzählt.

»Den was?«

»Menschenskind, ›Jonny spielt auf‹ von Ernst Krenek. Das haben sie vor zwei Jahren schon einmal gebracht! War ein Riesenerfolg. Hast du nichts davon mitbekommen?«

Clemens zuckte mit den Schultern. Es gab so viele erfolgreiche Opern und Operetten, wer sollte da noch den Überblick behalten?

»Ist ja auch ganz egal. Auf jeden Fall ist das ein ganz dolles Ding, diese Oper. Ungeheuer modern, wenn du verstehst, was ich meine. Flotte Musik, ganz im Jazzstil.«

Clemens fragte sich, worauf Leopold hinauswollte.

»Die Besetzung steht schon mehr oder weniger fest.« Leopolds Stimme klang jetzt ungeduldig. »Willi soll wieder den Jonny spielen.«

»Der Willi? Na, hoffentlich packt er das.« Willibald Kroner war der Star der Duisburger Oper, ein begnadeter Sänger, wenn er nicht gerade betrunken war, was in letzter Zeit leider des Öfteren vorkam.

»Mensch, Clemens, das ist die falsche Haltung. Hoffentlich packt er das nicht, muss es heißen!«

»Was meinst du denn?«, fragte Clemens, obwohl er nun doch langsam zu begreifen begann. »Die lassen mich doch nie und nimmer ran.«

»Freiwillig bestimmt nicht. Du musst es eben richtig anstellen.«

Am Vorabend der ersten Probe besuchten Leopold und Clemens Willibald Kroner. Sie brachten vier Flaschen Champagner mit, zwei Flaschen Brandy und drei Mädels aus dem Opernchor, Fritzi, Elsa und Milly. Willibald wirkte irritiert, als er ihnen die Tür öffnete, aber dann hob Leopold die Tüten mit den Flaschen hoch, so dass sie sich mit einem leisen Klirren berührten, und das Geräusch räumte bei Willi sämtliche Bedenken aus. Er hatte ein möbliertes Zimmer unter dem Dach, erstaunlich klein und düster für einen so erfolgreichen Sänger wie ihn, aber vielleicht vertrank er seine Gage ja immer sofort.

»Wir wussten, dass man mit dir Spaß haben kann«, erklärte Leopold, nachdem vier der sechs Flaschen leer waren und Elsa bei Willi auf dem Schoß saß. Willibald hatte allein so viel getrunken wie sie alle zusammen. Er mischte sich Cocktails aus Brandy und Champagner, drei Viertel Brandy, ein Viertel Champagner, und schüttete das Ganze in sich hinein, als wäre es Wasser.

»Nun ist es aber genug«, sagte Fritzi, als er sich am Korken der letzten Champagnerflasche zu schaffen machte.

»Was ist genug? Nichts ist genug.« Willis Replik war nicht brillant, aber überraschend klar und deutlich, wenn man bedachte, wie viel Schnaps er intus hatte.

»Du musst morgen auf die Bühne«, erklärte Fritzi. »Wenn du das vermasselst, dann wird der Reichmüller sauer.«

»Morgen ist ein anderer Tag«, entgegnete Willi bestimmt, und Leopold prostete ihm anerkennend zu, woraufhin Fritzi verächtlich schnaubte.

Fritzi Albrecht war Sopranistin im Opernchor, sie stand immer in der ersten Reihe, weil sie so klein und zierlich war, dass sie ansonsten den Dirigenten nicht gesehen hätte. Sie trug ihr rotbraunes Haar in einem Bubikopf, der auf ihren Wangen in zwei Kringeln auslief. Die vollen Lippen waren leuchtend rot geschminkt, und ihre Schuhe hatten hohe Absätze, aber trotzdem wirkte sie wie eine Vierzehnjährige, dabei war sie schon einundzwanzig.

Willi schenkte noch einmal nach, aber Fritzi gab jetzt keine Ruhe mehr, bis sie alle aufbrachen. Willibald versuchte Elsa aufzuhalten, zuerst mit Worten, und als das nicht funktionierte, mit seinen Händen, aber sie entkam ihm.

Für Willi waren die Dinge gelaufen, er wusste es nur noch nicht. Er erfuhr es jedoch in den nächsten Tagen.

Nachdem er am Morgen nicht zur Probe erschienen war, bekam Regisseur Reichmüller einen Tobsuchtsanfall. Als er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, machte Clemens, der den dritten Polizisten spielen sollte, den zaghaften Vorschlag, dass er doch selbst … Rein zufällig habe er die Rolle kürzlich für ein Vorsingen studiert.

»Ach, so habt ihr euch das also gedacht«, sagte Fritzi verächtlich, als Clemens zwei Wochen später die Rolle bekam und Willi im Büro seine Papiere abholen konnte. »Der arme Willibald. Ihr Schweine habt ihn reingelegt.«

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Clemens mit ehrlicher Empörung. Er sah wirklich keinen Grund, sich Vorwürfe zu machen. Indem Reichmüller ihm die Rolle gegeben hatte, hatte er ihm Absolution erteilt. Es war doch nun einmal so, dass Clemens niemals zum Zug gekommen wäre, wenn er sich nicht selbst geholfen hätte. Er hatte sich eine Chance verschafft, eine winzige Chance, die anderen Leuten in die Wiege gelegt oder in den Schoß geworfen wurde. War das ein Verbrechen? Sicherlich, der arme Willibald konnte einem leidtun, aber früher oder später wäre seine Karriere ohnehin zu Ende gewesen, so wie der soff.

»Das weißt du ganz genau«, sagte Fritzi abfällig, die von seiner Gedankenkette nichts mitbekommen hatte.

Von diesem Tag an ignorierte sie Clemens. Sie stakste auf ihren hohen Absätzen an ihm vorbei und schaute einfach durch ihn hindurch.

Auch jetzt starrte sie vermutlich voller Verachtung, denn der Zwischenvorhang hatte sich wieder gehoben, und der Chor stand hinter Clemens auf der Bühne. Aber was kümmerte ihn das, an diesem Tag, zu dieser Stunde, in diesem Moment? Er war jetzt ein Star.

Clemens bückte sich, hob eine der Papierrosen auf, die man zu ihm hochgeworfen hatte, roch scherzhaft daran und stellte zu seiner Überraschung fest, dass sie tatsächlich duftete, man hatte sie wohl mit Rosenöl parfümiert. Dann schleuderte er die Blume zurück ins Publikum, wo eine dicke Frau sie einem hübschen jungen Mädchen wegschnappte. Nimm sie, dachte er großzügig. Sollst auch etwas haben, worüber du dich freuen kannst.

Neben ihm stand auf einmal Marina Liebner, die die Yvonne gesungen hatte. Sie lächelte ihn an und reichte ihm die Hand, er brauchte einen Moment, bis er verstand, dass er sie greifen sollte, damit sie sich gemeinsam verbeugen konnten. Sie zählte leise, bei drei neigten sie sich nach vorn. Als Clemens den Oberkörper wieder hob, stand Marina schon wieder aufrecht da und winkte ins Publikum. Das ärgerte ihn, aber nur ganz kurz. Das nächste Mal würde er es geschickter anstellen.

»Acht Vorhänge«, sagte Reichmüller, der am Ende auch noch auf die Bühne gekommen war. »Das ist einfach grandios.«

Später wischte sich Clemens die schwarze Farbe aus dem Gesicht, in seiner eigenen Garderobe, die bis vor kurzem noch Willis Garderobe gewesen war. »Geht’s, oder brauchst du Hilfe?« Liddy streckte ihren Kopf zur Tür herein.

»Ich komm schon zurecht.« Er rieb mit einem Wattebausch über seine Stirn. Die Farbe ging nicht ganz ab, in den Augenlidern und an den Nasenflügeln hing immer noch ein Hauch von Schwarz, als er auf der Premierenfeier auftauchte. Das machte aber nichts, im Gegenteil, diese Spur Jonny stand ihm hervorragend. »Bravo!«, schrien die Musiker und Sänger, die Beleuchter, Bühnenbildner und Handwerker, der Regisseur und die Garderobenfrau. Sie stellten ihre Sektgläser ab und applaudierten wie verrückt.

»Ein Autogramm!«, rief Leopold, und alle lachten über das Zitat aus der Oper.

»Oh, my dear, so ist gut! Oh, you know, I love you!«, sang Clemens, und das Lachen wurde noch lauter. Er musste einen kurzen Moment lang an Willi denken, vielleicht lag es an dem Glas Champagner, das man ihm jetzt in die Hand drückte.

 

Seine Karriere lag vor ihm und glitzerte verheißungsvoll wie ein unendlich langer, zugefrorener Fluss in der Wintersonne. Er bewegte sich auch wie auf Eis, als er durch den Raum ging. Der Applaus und die bewundernden Blicke, die ihm folgten, all dies war so ungewohnt.

Dass Reichmüller ihm auf die Schulter klopfte und nickte.

Dass Marina ihn anlächelte, die ihn sonst immer ignoriert hatte, sobald die Probe beendet war.

Seine Karriere war auf ihrem Höhepunkt, in dieser Nacht der Premiere. Er würde natürlich noch sehr viel berühmter werden, seine großen Erfolge lagen alle noch vor ihm. Aber niemals wieder wäre es so wie heute: Dass die Wirklichkeit seine Erwartungen übertraf. Von dieser Nacht an würden seine Hoffnungen langsam, ganz langsam ausschwingen. So wie eine Schaukel, die keinen neuen Anschub mehr erhält, irgendwann zum Stillstand kommt.

In der Nacht seines ersten großen Erfolgs traf er Orlanda zum ersten Mal. Es passte zu ihrer Geschichte, dass sie ausgerechnet nach dieser Premiere begann.

Er sah sie, als er an die Bar trat, um sich ein Bier zu holen. Sie stand neben Fritzi Albrecht an der Theke und wartete darauf, ihre Bestellung aufzugeben. Er war sich ganz sicher, dass er ihr noch nie zuvor begegnet war, denn an ihr Gesicht hätte er sich erinnert. Ihre Züge waren scharf geschnitten, die Nase schmal und lang, der Mund sehr breit, die Wangenknochen hoch und weit. Ihr dunkelbraunes Haar trug sie nicht in einer Ponyfrisur wie die meisten anderen Frauen im Raum, sondern nach hinten gekämmt, was ihre Züge noch extremer erscheinen ließ. Sie war nicht besonders schön. Sie war außergewöhnlich.

»Bitte sehr, der Herr?« Der Kellner beugte sich mit einem servilen Lächeln so weit nach vorn, dass sein Oberkörper fast auf der Theke lag. Offensichtlich hatte er auch schon mitbekommen, dass Clemens der Star des Abends war.

»Ladies first«, sagte Clemens großzügig.

»Thank you, Jonny«, meinte Orlanda und lachte. Dieser Mund! Wenn sie lachte, wuchs er ins Unermessliche. Fritzi zog die Augenbrauen hoch und drehte sich in die andere Richtung.

»Willst du uns nicht vorstellen?«, fragte Clemens, nur um sie zu ärgern.

»Fräulein Mandel, Herr Haupt«, sagte Fritzi, ohne ihn dabei eines Blickes zu würdigen. »Zwei Gin-Fizz.« Die letzten beiden Worte waren an den Barmann gerichtet.

»Orlanda«, sagte Orlanda und lachte wieder.

Orlanda. Nicht Lissy oder Betsy oder Fritzi, sondern Orlanda. Ein Name, so außergewöhnlich wie eine Barockkirche mitten in einem Vergnügungsviertel. Der Name passte zu ihr, zu ihrem aufsehenerregenden Gesicht.

Der Kellner stellte zwei Gin-Fizz auf die Theke und wandte sich dann wieder Clemens zu. Während er sein Bier bestellte, fragte er sich noch, warum Orlanda hier war, aber dann kam ein Kollege und zog ihn weg, und Clemens vergaß die Frage wieder.

 

Orlanda trank ihren letzten Schluck Gin-Fizz aus und stellte das leere Glas zurück auf die Theke. Sie gähnte.

»Müde?«, fragte Fritzi, ohne die Augen von einem hochgewachsenen Mann zu wenden, der schon die ganze Zeit mit Marina Liebner schäkerte.

»Vergiss ihn«, sagte Orlanda. »Er ist viel zu groß für dich.«

Die Bemerkung tat ihr leid, kaum dass sie sie ausgesprochen hatte. Fritzi litt darunter, dass sie nur einen Meter vierundfünfzig groß war, auch wenn sie immer so tat, als ob es sie nicht kümmerte. »Die Männer übersehen einen einfach«, hatte sie Orlanda einmal anvertraut.

Orlanda und Fritzi waren Freundinnen, seit sie zusammen aufs Buths-Neitzel-Konservatorium in Düsseldorf gegangen waren, um Gesang zu studieren. Nach ihrem Abschluss hatte Fritzi ein Engagement in Duisburg bekommen, und Orlanda sang im Düsseldorfer Operettenhaus. Wenn eine von ihnen eine Premiere hatte, lud sie die andere ein, zur Vorstellung und hinterher zur Feier, auch wenn es von den Häusern nicht gern gesehen wurde, dass die Angestellten ihre Angehörigen und Freunde mitbrachten.

Der Mann, den Fritzi da anhimmelt, ist wirklich nichts für sie, dachte Orlanda. Nicht nur wegen seiner Größe, es war die Art, wie er dastand, die Hände in den Hüften, das Becken nach vorn. Es wirkte herausfordernd und arrogant.

»Ich will doch gar nichts von ihm«, sagte Fritzi und wandte endlich den Blick ab. »Das ist dieser Leopold, von dem ich dir erzählt habe«, fuhr sie mit gesenkter Stimme fort. Leopold, Leopold … Orlanda versuchte sich zu erinnern, was Fritzi über den Kerl gesagt hatte. »Die Nummer mit Willibald«, half ihr Fritzi auf die Sprünge.

»Der Brandy und die verpasste Probe!«, rief Orlanda eine Spur zu laut. Hatte er sie gehört? Auf jeden Fall schaute er jetzt zu ihnen herüber. Sie spürte, wie sie rot wurde, aber sein Blick glitt nur über sie hinweg und wandte sich danach wieder der Liebner zu.

»Nicht so laut«, wisperte Fritzi, dabei war es ohnehin zu spät. »Ist das nicht erbärmlich? Ich meine, was er dem armen Willibald angetan hat?«

»Na, immerhin hat er es nicht zu seinem eigenen Nutzen getan. Er wollte seinem Freund zu einer Gelegenheit verhelfen, sich zu beweisen. Und der Jonny – also Clemens – hat seine Sache heute Abend richtig gut gemacht, das musst du zugeben.«

»Sicher. Aber ob es nur ein Freundschaftsdienst war – ich weiß es nicht.«

»Was denn sonst?«

Fritzi fuhr mit dem Zeigefinger auf dem oberen Rand ihres Cocktailglases entlang, bis es leise zu wimmern begann. »Aus Vergnügen«, sagte sie. Das Wimmern steigerte sich zu einem hellen Kreischen. Ihr Zeigefinger hielt an, das Glas verstummte. »Einfach so.«

»Weil er eifersüchtig auf Willibald war?«

Fritzi schüttelte den Kopf. »Einfach so«, wiederholte sie dann. »Weil es ihm gefiel. Weil er sehen wollte, ob funktionierte, was er sich ausgedacht hatte.«

Orlanda warf Leopold einen verstohlenen Blick zu. Er hatte wohl gerade einen Scherz gemacht, denn die Liebner lachte und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Er schaute ihr dabei zu, ein leises Lächeln auf den Lippen.

Fritzi interpretierte viel zu viel in die Sache hinein, dachte Orlanda. Es lag doch auf der Hand, warum dieser Leopold seinem Freund geholfen hatte. Clemens Haupt war jetzt in einer viel besseren Position, und bei nächster Gelegenheit würde er sich dafür revanchieren. So wusch eine Hand die andere.

Orlanda gähnte wieder. Ob Duisburg oder Düsseldorf, ob Musiker oder Sänger, an der Oper waren doch alle gleich. Man gab vor, dass man sich einen Dreck um Ruhm und Glanz und Ehre scherte – wahre Künstler stehen schließlich über diesen Dingen. Aber sobald sich eine Chance auftat, den anderen auf die Seite und sich selbst ins Rampenlicht zu befördern, fuhr man seine Ellenbogen aus wie Kämpfhähne ihre Flügel, warf sich in die Brust und ging zum Angriff über.

Der Barmann sah sie fragend an, aber sie schüttelte den Kopf. »Ich gehe nach Hause«, teilte sie Fritzi mit. »Es ist schon fast elf, und in einer halben Stunde fährt die letzte Bahn.«

»Ich könnte dich zur Station begleiten.« Fritzi hatte ganz offensichtlich noch keine Lust aufzubrechen.

»Nein, lass nur. Den Weg find ich schon allein.«

 

Der Himmel über dem Duisburger Opernhaus war aus schwarzem Samt, darunter hing ein zarter Schleier aus weißen Sternen. Orlanda hob das Gesicht und starrte in die weite Dunkelheit. Unendlichkeit, dachte sie. Ein Kollege hatte ihr vor kurzem erklärt, dass es das gar nicht gäbe. Er hatte ihr von Albert Einstein erzählt und von der Krümmung des Raums und der vierdimensionalen Raumzeit, aber sie hatte kein Wort verstanden. Es war ja auch nicht zu verstehen. Weil es nicht stimmte. Es geht immer weiter, dachte sie, hinter den Sternen liegen andere Sterne und Sonnen und Monde und neue Himmel und neue Welten. Es geht immer und immer weiter, und irgendwo in dieser Unendlichkeit gibt es vielleicht eine Welt, in der Menschen wohnen wie wir. In der eine Frau lebt wie ich, die in eben diesem Moment in die Unendlichkeit ihres Himmels schaut. Es machte sie ganz schwindlig, diese Vorstellung, sie hatte das Gefühl, dass sich der Boden unter ihren Füßen plötzlich nach oben kehrte und der Himmel nach unten, und sie stürzte in die Unendlichkeit des Universums hinein wie in ein tiefes Loch.

»Hoppla!« Eine Hand berührte ihre Schulter und brachte sie zum Stolpern. Oder war sie schon vorher gestolpert, und die Hand hatte sie gestützt?

»Lassen Sie das!« Sie wich einen Schritt zurück. Der Mann, der sie gerade berührt hatte, trat ebenfalls zurück, so dass sie nun in gebührendem Abstand zueinander standen. Es war dieser Leopold. Ausgerechnet.

»Sie!«

»Kennen wir uns?« Dasselbe leise Lächeln, mit dem er gerade noch die Liebner betrachtet hatte.

»Nein.« Mein Gott, warum war ihr nur so schwindlig? Sie hatte doch nur den Gin-Fizz getrunken und ein Glas Sekt.

»Ulrich«, sagte der Mann. Auf seiner Oberlippe saß ein dunkler Bart, der genau von einem Mundwinkel zum anderen reichte.

Ulrich. Hatte Fritzi nicht vorhin gesagt, dass er Leopold hieß? Was war denn nun richtig? Ulrich musste der Nachname sein, verstand sie dann, er hätte sich wohl kaum mit seinem Vornamen vorgestellt.

»Und … Sie?«

»Orlanda Mandel.«

»Sie sind eine Bekannte von Fräulein Albrecht. Kann ich Sie nach Hause begleiten? Mein Automobil steht dort hinten.«

Du liebe Zeit, was fiel dem Mann ein? Als ob sie mit einem wildfremden Kerl in ein Automobil steigen würde, noch dazu mitten in der Nacht. »Ich muss nach Düsseldorf. Ich nehme die Schnellbahn.«

»Aber ich fahre Sie gerne.«

Der Kerl war wirklich hartnäckig. »Wirklich, ich … Bemühen Sie sich nicht. Es ist auch nicht weit.« Das war gelogen. Von der Endstation der Schnellbahn auf der Graf-Adolf-Straße bis zu ihrer Wohnung in der Thalstraße brauchte man zu Fuß eine gute Viertelstunde. Nimm eine Taxe, sagte Anna immer, alles andere ist viel zu gefährlich. Aber Orlanda sparte sich das Geld lieber und ging zu Fuß.

»Das kommt gar nicht in Frage. Ich bringe Sie unter allen Umständen nach Hause. Bitte, vertrauen Sie mir.«

Hinterher fragte sie sich oft, warum sie nachgegeben hatte. Es war nicht ihre Art, sich überreden zu lassen. Auch Höflichkeit war nicht ihre Art. Dennoch war sie ihm zu seinem Automobil gefolgt und war eingestiegen.

Obwohl es ihr doch eigentlich widerstrebte.

 

Sein Automobil parkte direkt unter einer Straßenlaterne, in dem kalten Licht glänzte das Grün der Motorhaube wie nasses Gras. Die beiden Scheinwerfer machten Stielaugen, der quadratische Kühlergrill darunter war ein offenes Maul. »Ein Laubfrosch«, sagte sie.

»Sagen Sie das nicht so abfällig. Mein Opel ist mein ganzer Stolz. Ich habe ihn im letzten Jahr aus dritter Hand erworben.«

Er ließ sie auf der Beifahrerseite einsteigen. Dann kurbelte er den Wagen an, bis der Motor knatternd zum Leben erwachte, nahm auf dem Fahrersitz Platz und drückte den Gashebel neben dem Steuer.

Bevor er losfuhr, beugte er sich zu ihr hinüber und zog einen Seidenschal aus dem Fach über ihren Knien. »Hier. Legen Sie sich das Tuch um, damit Sie sich nicht verkühlen.«

Sie zögerte einen Moment lang. Wie seltsam, dass sie hier Seite an Seite in dem engen Automobil saßen, über dem offenen Verdeck nur der weite Nachthimmel und der kühle Fahrtwind, der jetzt an ihren Haaren zu zerren begann. Dabei kannten sie einander doch gar nicht.

»Legen Sie sich den Schal um«, beharrte er, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. »Auf der Landstraße wird es noch viel stürmischer, und Sie sind nicht danach angezogen. Am Ende ist morgen Ihre Stimme weg. Sie sind doch auch vom Fach.«

Der letzte Satz war keine Frage, eher eine Feststellung. Sie fragte sich, wie er darauf kam, dass sie vom Fach war. Fritzi hatte es ihm bestimmt nicht verraten, und außer Fritzi kannte sie in Duisburg keiner.

»Damit liege ich doch richtig, oder?«

Sie legte das Seidentuch über die Haare, schlang es einmal um den Hals und band es unter ihrem Kinn fest. Der Stoff roch sanft nach Kölnischwasser. Sie versuchte sich die Frau vorzustellen, die den Schal vor ihr getragen hatte, und sah plötzlich Marina Liebner vor sich, die das Seidentuch über ihre rotgoldene Wasserwelle schlug und ein glockenklares Sopranlachen lachte.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass er sie mit süffisantem Lächeln betrachtete, aber als sie sich ihm zuwandte, blickte er geradeaus auf die Straße.

»Zurück zu Ihrem Engagement«, sagte er, als ob sie inzwischen das Thema gewechselt hätten. »Wo, sagten Sie, sind Sie angestellt?«

»Ich singe nicht«, entgegnete sie. Warum sagte sie das? Warum log sie ihn an? Es gab überhaupt keinen Grund dafür. Außer dass sie ihm ungern recht geben wollte.

»Nein? Was sind Sie dann? Schauspielerin?«

»Nichts von all dem. Ich bin … Krankenschwester«, hörte sie sich selbst sagen. Am Autofenster glitten hohe Stadthäuser mit Stuckverzierungen vorbei, im Wechsel mit Geschäften, deren Schaufenster auch zu dieser späten Stunde noch beleuchtet waren. »Kauft Erdal-Schuhwichse«, schrie eine gelbe Leuchtreklame in die Dunkelheit.

»Ach. Wohnen Sie im Schwesternheim?«

»Ich lebe mit meiner jüngeren Schwester zusammen. Unsere Eltern sind tot, also kümmere ich mich um sie.«

»Das ist vorbildlich von Ihnen.« Dieses Lächeln. Er glaubte ihr kein Wort, dabei stimmte die Geschichte doch. Nur dass sie selbst die kleine Schwester war.

Kurz nachdem ihr Vater gestorben war, hatte Anna sie von Saarn nach Düsseldorf geholt. Ihre Schwester hatte damals ihre Krankenschwesterausbildung im Evangelischen Krankenhaus schon beendet und aufgrund der besonderen Umstände die Erlaubnis erhalten, außerhalb des Krankenhauses eine Wohnung anzumieten. Orlanda war aufs Konservatorium gegangen, und Anna hatte im Evangelischen Krankenhaus gearbeitet, als eine der wenigen externen Schwestern. Am Anfang hatten ihre Kommilitonen am Konservatorium sie darum beneidet, dass sie mit ihrer Schwester zusammenlebte. »Da kannst du tun und lassen, wie es dir beliebt«, meinten sie, und ein paar schlugen sogar vor, dass man sich doch zum Feiern bei ihr treffen könne. Aber da kannten sie Anna schlecht. Als sie sich bereit erklärt hatte, Orlanda aufzunehmen, hatte sie ihrem Vormund versprochen, sich um die seelische und moralische Erziehung ihrer Schwester zu kümmern. Und dieses Versprechen löste sie nun gewissenhaft ein. Nach jedem Essen wurde die Küche gefegt, jeden Sonnabend das Treppenhaus gewischt und abends gebadet, Sonntagmorgen ging man in die Kirche, und alle vier Wochen schleppten sie ihre Teppiche in den Hof und klopften sie auf der Teppichstange aus. Wenn Orlanda abends im Operettenhaus auftrat, hielt sich Anna so lange wach, bis sie wieder zu Hause war. Auch heute war sie vermutlich aufgeblieben und wartete, obwohl sie morgen Frühdienst hatte und schon um halb fünf im Krankenhaus sein musste. Anna war wie eine Mutter, nur schlimmer.

Leopold Ulrich beschleunigte das Tempo. Die letzten Häuser und Lichter von Duisburg lagen inzwischen weit hinter ihnen, aber Düsseldorf war noch nicht in Sicht. Das Automobil ratterte durch die Dunkelheit, zwei schmale Lichtkegel vor sich herschiebend wie ein Kettentraktor seine Schaufel. Die Nadel auf dem runden Tachometer kletterte von vierzig auf fünfzig und zitterte dann in Richtung sechzig. Die Dunkelheit flog an ihnen vorbei, über sie hinweg. Der Fahrtwind dröhnte in ihren Ohren und riss an den Enden ihres Schals. Orlanda legte den Kopf in den Nacken. Über ihr lag der weiße Sternennebel, so ruhig und still. Ihre rasende Fahrt berührte ihn nicht, der ganze Erdball berührte ihn nicht.

»Geht es Ihnen zu schnell?« Er musste ihr die Frage zwei Mal zurufen, bis sie sie über den Fahrtwind hinweg verstand.

»Nein!«, rief sie zurück. »Es ist schön!«

Er lachte. »Sie sind anders als die anderen. Die meisten Damen steigen genau zwei Mal bei mir ein. Zum ersten und zum letzten Mal.«

Über diese Sätze dachte sie eine ganze Weile nach. Die meisten Damen, hatte er gesagt. Wie viele Damen er wohl schon in seinem Automobil mitgenommen hatte? Zehn, zwanzig oder noch mehr? Die meisten ließen sich kein zweites Mal auf ihn ein. Ob es wirklich nur daran lag, dass er ihnen zu schnell fuhr?

Und dann der erste Satz. Sie sind anders als die anderen. Was wollte er damit sagen? Dass sie im Gegensatz zu den anderen ganz ohne Zweifel wieder bei ihm einsteigen würde?

Sei dir da nur nicht zu sicher, dachte sie.

Die ersten Häuser von Düsseldorf tauchten am Straßenrand auf, wie eine Vorhut duckten sie sich in der Dunkelheit hinter Gartenzäunen aus Holz und Ziegelmauern. Je näher die Stadt kam, desto enger rückten die Gebäude zusammen. Auch die Straßenlaternen standen zuerst nur vereinzelt, sie warfen auf das Gefährt gelbe Lichtstreifen, die von der Motorhaube über die beiden Insassen bis zum Heck wanderten und hinter ihnen auf der Straße liegen blieben. Immer schneller folgten die Lichtstreifen aufeinander, obwohl Leopold jetzt viel langsamer fuhr.

Dann glitten sie die Königsallee entlang, links lag der Stadtgraben, rechts starrten Kleiderpuppen mit toten Augen aus den hell erleuchteten Schaufenstern in die Nacht.

Ihre Wohnung lag im vierten Stock, Orlanda sah das Licht im Fenster, sobald sie in die Thalstraße einbogen. »Nun haben Sie einen weiten Umweg für mich gemacht«, sagte sie, als das Automobil am Straßenrand hielt. Er schaltete den Motor aus und wandte sich ihr zu. Wie still es plötzlich war, so still, dass man deutlich hören konnte, wie sie schluckte. Sie wartete darauf, dass er ausstieg, um ihr die Autotür zu öffnen, aber er regte sich nicht. Er sah sie nur an. Sie griff also selbst nach dem Türhebel. Erst als sie schon einen Fuß auf dem Bürgersteig hatte, fiel ihr der Schal wieder ein. Als sie ihm das Tuch reichte, berührten sich ihre Finger.

»Orlanda!« Die vorwurfsvolle Frauenstimme kam von oben, direkt aus dem Himmel. Orlanda fuhr erschrocken zurück, auch Ulrich saß plötzlich in Habachtstellung hinter dem Steuer. »Es ist so spät«, rief die himmlische Stimme vorwurfsvoll. Orlanda schaute nach oben und blickte in die Augen ihrer Schwester, die sich aus dem offenen Fenster im vierten Stock lehnte.

»Ich komme ja schon«, murmelte sie, obwohl Anna sie unmöglich hören konnte.

»Ihre jüngere Schwester?«, fragte Ulrich spöttisch.

»Auf Wiedersehen.« Sie reichte ihm die Hand, aber kaum dass er sie ergriffen hatte, entzog sie sie ihm wieder. »Vielen Dank noch einmal.«

»Grüßen Sie Ihre Schwester von mir«, sagte er, als sie fast schon auf der Straße stand. »Und passen Sie gut auf sie auf.«

Sie schlug die Wagentür ins Schloss und ging zum Haus, ohne ihn noch einmal anzuschauen. Sie verwünschte sich selbst für ihre Lüge. Sie verwünschte Anna, die sie wie ein kleines Kind behandelte. Aber am allermeisten verwünschte sie Ulrich oder Leopold oder wie auch immer er heißen mochte. Dabei hatte sie gar keinen Grund dafür. Vielleicht verwünschte sie ihn ja genau deshalb.

Ulmer Höh’, 7. Oktober 1942

Mein Kind,

mehr als eine halbe Stunde sitze ich nun schon hier, ein leeres Blatt vor mir. Anstatt zu schreiben, kaue ich an meinem Bleistift, er schmeckt bitter. Ich weiß nicht, wie ich meinen Brief beginnen soll. Ich schreibe an mein Kind. Mein unbekanntes Kind. Mein fremdes, fernes, nahes Kind. Mein liebes Kind.

Seit einer Woche weiß ich von Dir, geahnt habe ich es schon länger und wollte es doch nicht wahrhaben. Wenn ich nicht an Dich dächte, wenn ich Dich nicht erwähnte, wenn niemand von Dir wüsste, redete ich mir ein, dann würdest Du wieder verschwinden. Auf genauso stille und rätselhafte Weise, wie Du in mein Leben gekommen bist.

Ich weiß von Dir, ansonsten aber keiner. Es wird noch lange dauern, bevor irgendjemand etwas merken wird. Manchmal betrachte ich mich von oben herab. Man sieht nichts.

Ich werde niemandem von Dir erzählen. Du bist mein Geheimnis, und dieses Geheimnis werde ich besser bewahren als das andere. Du bist bei mir in Sicherheit, noch.

Es ist das einzig Richtige. Dennoch fühlt es sich an wie Betrug. Ich denke an meine Schwester, die keine Ahnung hat. Wie würde sie reagieren, wenn sie es wüsste? Ob sie sich freuen würde? Unter anderen Bedingungen vielleicht. Wahrscheinlich nicht.

Ich erwarte ein Kind. Ich erwarte Dich. Ich rechne nach, neun Monate ab dem Zeitpunkt, als mir bewusst wurde, dass ich schwanger bin. Die Geburt wird irgendwann in den Sommer fallen. Wo werde ich dann sein? Wenn ich darüber nachdenke, umfasst mich eine furchtbare Beklemmung, eine Panik, die in mir aufsteigt, die alles überschwemmt, mich selbst und Dich auch.

Du gehörst zu mir. Alles, was mir geschieht, wird auch Dir geschehen. Alles, was Dir geschieht, wird auch mir geschehen. Es ist furchtbar, und es ist ein Trost.

Deine Mutter

Präludium in g-Moll

Das schrille Geräusch des Weckers bohrte sich in einen Traum, in dem Anna über einen See ruderte. Ihr Vater saß im Bug des Bootes und faltete Schiffe aus Notenpapier, die er auf dem Wasser schwimmen ließ. Ohne die Augen zu öffnen, stellte Anna den Wecker aus. Ihr Kopf sank zurück auf das Kopfkissen, sie glitt wieder zurück in ihren Traum. Der See war noch da, aber ihr Vater war weg.

Dann fuhr sie erschrocken hoch. In einer halben Stunde begann ihr Dienst im Evangelischen Krankenhaus.

Im Dunkeln griff sie nach ihren Kleidern, schlüpfte in die Strümpfe und die graue Bluse. Es war jetzt schon warm im Zimmer, obwohl es erst vier Uhr war. Der Tag würde heiß werden. Als sie die weiße Schürze über ihrem Rock festband, hörte sie Orlanda leise seufzen. Ob sie auch von einem Ruderboot träumte? Mit wem sie wohl unterwegs war? Anna seufzte ebenfalls. Wegen Orlanda hatte sie stundenlang wach gelegen.

Gestern war sie erst um Mitternacht nach Hause gekommen. Ein Mann hatte sie begleitet, ein junger Mann, den Anna noch nie zuvor gesehen hatte. Anna hatte sich aus dem Fenster gelehnt und nach unten gerufen. Das war natürlich nicht richtig gewesen, das war ihr klargeworden, als Orlanda mit hochrotem Gesicht in die Wohnung gestürmt war. »Wie kannst du es wagen, mich so vorzuführen? Ich bin kein kleines Kind mehr!«

Sie hatten sich gestritten, danach war Orlanda ins Schlafzimmer gerannt und hatte die Tür hinter sich zugeknallt.

Seit sie auf dem Konservatorium war, sind ihre Gefühlsausbrüche noch schlimmer geworden, dachte Anna, während sie ihre dünnen, hellbraunen Haare zu einem kleinen Knoten zusammensteckte. Die strenge Frisur ließ ihr Gesicht noch runder erscheinen. Sie setzte ihr Schwesternhäubchen auf und befestigte es mit zwei Haarnadeln. Das war besser. Sie liebte diese Haube, die Schwesterntracht, die sie gediegen und erwachsen erscheinen ließ. Eine Respektsperson mit einem festen Platz im Leben.

Wenn Orlanda doch ebenfalls zuerst einmal eine Schwesternausbildung gemacht hätte. Im Krankenhaus kam man mit Launen und Allüren nicht durch, und als Schwesternschülerin hätte sich Orlanda zwangsläufig an Disziplin und Ordnung gewöhnen müssen. Aber es war der letzte Wunsch ihres Vaters gewesen, dass Orlanda Gesang studieren solle, und gegen letzte Wünsche kam man nun einmal genauso wenig an wie gegen Orlandas Dickkopf.

Dabei hatte ihr Vater sich die Sache bestimmt ganz anders vorgestellt. Die Leonore aus dem »Fidelio«, die Konstanze aus der »Entführung aus dem Serail«, das waren die Rollen, in denen er seine Orlanda gerne gesehen hätte, aber nun hatte sie eine Anstellung im Operettenchor und sang »Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?«. Die frivolen Inszenierungen kamen natürlich an, die anderen Krankenschwestern waren ganz wild auf billige Karten zur Generalprobe im Kleinen Haus. Deine Schwester ist ein richtiger Star, hatte Schwester Emmy nach der Uraufführung von der »Zirkusprinzessin« kürzlich noch zu Anna gesagt.

Aber wenn Anna im Dunkel des Zuschauerraums saß, im zweiten Rang auf den Plätzen für fünfzig Pfennige, wenn sie Orlanda auf der Bühne sah, wie sie ihre langen Beine schwang und mit den geschminkten Lidern klimperte, dann musste sie immer an ihren Vater denken. Manchmal saß er sogar neben ihr, seine Augen unter den buschigen weißgrauen Augenbrauen blickten irritiert zur Bühne. Wo ist sie denn, fragte er Anna, und wenn sie auf Orlanda zeigte, in der zweiten Reihe ganz rechts, dann erkannte er sie nicht.

Orlanda. Ihr Vater hatte sie nach dem Komponisten Orlando di Lasso benannt, den er sehr verehrt hatte. Anna verdankte ihren Vornamen dagegen Anna Magdalena Bach, der zweiten Frau von Johann Sebastian Bach. Manchmal fragte sie sich, ob ihre Namen vielleicht daran schuld waren, dass sie sich so unterschiedlich entwickelt hatten. Anna, die Vernünftige, Orlanda, die Künstlerin. Wie wäre ich geworden, wenn ich Giuseppa getauft worden wäre oder Giovanna?, überlegte sie.

Orlanda jedenfalls hatte ihren außergewöhnlichen Namen von Anfang an geliebt, obwohl sie in der Schule oft dafür verspottet worden war. »Es ist gut, wenn einen der Name von den anderen abhebt«, sagte sie.

Die Glocke der Dominikanerkirche schlug ein Mal. Viertel nach vier. Anna trank ihre Milch aus, während sie gleichzeitig nach ihrer Tasche griff.

 

Die Stadt lag um diese Zeit noch im Tiefschlaf, die Straßen waren menschenleer. In den Fenstern waren die Vorhänge zugezogen, schwere Eisengitter sicherten die Auslagen der Geschäfte. Oben auf den Hausdächern lag ein seidengrauer Schimmer, in weniger als einer Stunde würde die Sonne aufgehen, und dennoch würde es noch dauern, bis die Stadt ihre Augen aufschlug, denn es war Sonntag.

Ein Sonntag im Krankenhaus war ein Tag wie jeder andere. Auch sonntags mussten die Kranken gewaschen, die Betten gemacht, das Essen ausgeteilt, die Wunden verbunden werden. Nur für Anna war es ein ganz besonderer Tag. Jedenfalls seit vier Wochen. Seit sie sonntags im Gottesdienst die Orgel spielte. Vor etwas über einem Monat war der alte Organist ganz überraschend gestorben. Am Anfang hatte sich Anna gesträubt, als Schwester Afra sie gefragt hatte, ob sie nicht aushelfen könnte. Aber dann hatte sie es doch versucht, und nun übte sie dreimal in der Woche nach der Arbeit an der Orgel, und auch wenn sie es nicht zugab, nicht einmal sich selbst gegenüber, freute sie sich schon montags auf den nächsten Sonntag.

Die Absätze ihrer Schuhe hallten durch die Thalstraße. Eine gelbe Katze stolzierte vor ihr über den Bürgersteig, den Schwanz hoch erhoben. Ihr grüner Blick streifte Anna gelangweilt. Meine Stadt, sagte der Blick, um diese Zeit gehört die Stadt mir, und du bist nichts als ein Schatten in meiner Welt. Sie verschwand im Hinterhof der Provinzial-Feuer-Sozietät, wo sie die nächsten Stunden auf einem Stapel Bretter verbringen würde.

 

Sobald Anna das Krankenhaus betrat, beschleunigten sich ihre Schritte. Sie durchquerte die Eingangshalle, eilte die Treppe zum ersten Stock hoch und dann nach links, zum Schwesternzimmer. In ihrem Kopf begann die Uhr zu ticken. Ticktackticktack, machte sie, verlier keine Zeit! Die Uhr im Kopf gehörte dazu, als Krankenschwester befand man sich den ganzen Tag in einem Wettlauf gegen Krankheit, Tod und die unerbittliche Tagesordnung im Krankenhaus.

Die anderen waren schon im Schwesternzimmer versammelt, als Anna eintraf. Die Nachtschwestern erstatteten Bericht von der Frühschicht. Dazu gab es eine Tasse Kaffee mit Milch und Zucker. »Bei den Frauen war alles ruhig heute Nacht, dafür gab es bei den Männern sechs Neuzugänge«, erklärte Schwester Gerlinde.

»Schlägerei auf der Friedrichstraße«, ergänzte Schwester Cordula.

»Was Politisches?«, fragte Anna, und Cordula nickte. Anna fragte nicht weiter. Es war klar, wie es abgelaufen war, die Kommunisten oder die Sozialdemokraten waren wieder einmal mit den Völkischen zusammengeraten. Jede Gruppierung hatte sich in ihrem Stammlokal Mut angetrunken, dann hatten die einen den anderen aufgelauert und sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Und am Ende schleppten sich die Männer dann ins Evangelische Krankenhaus und ließen sich zusammenflicken.

»Sie liegen allesamt in Saal vier«, erklärte Trude. »Es ist natürlich ungünstig, weil sie alle unterschiedliche politische Ansichten haben …«

»Wer Ärger macht, fliegt auf der Stelle raus«, unterbrach sie Schwester Else, die Oberin. »Pöbeleien sind in einem Krankenhaus unakzeptabel.« Sie musste es wissen, denn sie war eine Disselhoff, eine Enkelin des berühmten Pastors Theodor Fliedner, der vor einem knappen Jahrhundert die Kaiserswerther Diakonissenanstalt gegründet hatte.

Schwester Else leerte ihre Kaffeetasse in einem Zug. Nachdem sie ihre Diakonissenhaube zurechtgerückt hatte, legte sie ihre Handflächen auf den Tisch und stemmte ihren massigen Körper nach oben. Auch die übrigen Schwestern erhoben sich und tranken ihren restlichen Kaffee im Stehen. Ticktackticktack, machte die Uhr. Der Wettlauf ging weiter.

Um halb sechs wurden die Patienten geweckt und gewaschen. Nach dem Fiebermessen gab es Frühstück. Um sieben war Annas Schwesternuniform nass geschwitzt. Sie arbeitete im Haupthaus, in den Krankensälen der dritten Klasse. Die Oberin hatte Anna schon mehrfach angeboten, sie in den neuen Flügel zu versetzen, in dem die Patienten der ersten und zweiten Klasse untergebracht waren. Aber sie hatte jedes Mal abgelehnt. Im Neubau gab es zwar komfortable Ein- oder Zweibettzimmer mit doppelt verglasten Schiebefenstern und fließend warmem und kaltem Wasser, aber die Mehrzahl der Erste-Klasse-Patienten behandelte die Krankenschwestern wie Dienstpersonal.

Hier in der dritten Klasse waren die Leute geduldiger und dankbarer, auch wenn sie oft zu siebt oder zu acht in einem Raum lagen, in dem sich schon frühmorgens die Hitze staute, als wäre es Mittag. »Öffnen Sie doch bitte schön das Fenster, Schwester«, stöhnte eine dicke Patientin. »Man wird ja bei lebendigem Leib gekocht.«

»Draußen ist es auch nicht kühler«, erklärte Anna. Dennoch ging sie zum Fenster. Als sie die Arme hob, um die Vorhänge aufzuziehen, roch sie ihren eigenen süß-säuerlichen Geruch, der ihr schon vorher aufgefallen war, den sie aber den Patienten zugeschrieben hatte. Sie öffnete das Fenster weit und beugte sich über das Brett nach draußen, als könnte sie den Geruch auf diese Weise loswerden.

»Schwester, um Gottes willen.« Die Frau im Bett hinter ihr brach in konvulsivisches Husten aus. »Wollen Sie mich umbringen? Der Zug! So machen Sie doch das Fenster zu.«

Anna lehnte sich noch weiter vor. Mitten im Hof putzte sich die gelbe Katze, die der Hausmeister der Provinzial-Feuer-Sozietät von ihrem Bretterstapel vertrieben hatte, weil er keine Katzen auf seinem Grundstück duldete.

Annas Hände umfassten das Holz des Fensterrahmens, das sich rissig und warm anfühlte wie alte Haut. In ein paar Stunden wäre es glühend heiß von der Sonne.

»Bitte, Schwester«, keuchte die Frau.

»Nun lassen Sie doch«, rief jetzt die Dicke wieder. »Frische Luft tut doch gut.«

»Sie liegen ja auch nicht am Fenster.«

»Wir können die Betten gerne wechseln, wenn Ihnen das lieber ist.«

»Ich bin auch dafür, dass das Fenster geschlossen wird«, mischte sich jetzt eine dritte ein.

Anna machte das Fenster wieder zu und verließ den Raum. Ticktackticktack, weiter, schnell weiter, nur keine Zeit verlieren. Um zehn Uhr würde sie in die Kapelle gehen und Orgel spielen. Dann würde die Uhr eine Stunde lang stillstehen. Aber bis dahin mussten alle Verbände gewechselt und Medikamente ausgeteilt sein.

»Schwester!«, rief eine Patientin aus einer halboffenen Tür. »Ich glaube, ich habe wieder Fieber, können Sie einmal messen.«

»Schwester, ich habe Durst!«

»Etwas gegen die Schmerzen, ich vergehe!«

»Reichen Sie mir die Krücken!«

»Schwester, ich brauche einen Doktor!«

»Schwester! Schwester!«

Die Uhr tickte. Anna schwitzte.

 

Die alte Frau auf Zimmer neun hatte kurz vor zehn Uhr noch einen Erstickungsanfall bekommen. Bis Schwester Ursula zur Stelle war, die während des Gottesdienstes die Aufsicht über die Station führte, hatten die Glocken bereits aufgehört zu läuten. Anna hastete die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Als sie die Krankenhauskapelle betrat, saßen die übrigen Schwestern schon in ihren Bänken vorn auf der linken Seite.

Vor Anna stauten sich die Gottesdienstbesucher. Die Spitze der Prozession bildete ein alter Mann, der seine Krücken zentimeterweise voranschob und sich selbst hinterher. Ihm folgte Schwester Elfriede mit einer Frau im Rollstuhl, an dem breiten Gefährt kam keiner vorbei. Danach eine Reihe Alter, Kranker, Gebrechlicher. Wie Wallfahrer in der Hoffnung auf eine wunderbare Heilung schleppten sie sich keuchend, hustend, ächzend in die Kirche, unendlich langsam verteilten sie sich in den Bänken. Die weiblichen Gottesdienstbesucher nahmen auf der linken Seite hinter den Schwestern Platz, die männlichen Besucher setzten sich in die rechten Reihen.

Anna stellte sich auf die Zehenspitzen. War Orlanda in der Kirche? Sie konnte sie nirgends sehen, vielleicht kam sie noch. Oder sie war schon um halb neun zum Gottesdienst in der Friedenskirche gegangen.

Nein, sie wollte jetzt nicht an Orlanda denken. Sie musste sich sammeln, vor allem musste sie endlich zur Orgel. Auf dem Spieltisch lag der Zettel mit den Liedangaben, die der Pastor ausgesucht hatte und die sie vor dem Gottesdienst noch in ihrem Buch markieren musste. Aber der Spieltisch der Orgel in der Krankenhauskapelle stand nicht auf einer Empore, sondern hinten im Raum, und die Gottesdienstbesucher versperrten ihr den Weg dorthin. Ungeduldig spreizte Anna ihre Finger und nahm sie dann wieder zusammen. In ihrem Magen spürte sie ein leichtes Kribbeln.

 

Gestern Abend, als Orlanda in der Oper gewesen war, war Anna hierher in die Kapelle gekommen und hatte das Vorspiel geübt, das Präludium in g-Moll von Buxtehude. Sie hatte das Stück zuletzt vor vielen Jahren gespielt und war überrascht, wie schnell sie sich wieder daran erinnert hatte. Wenn nur diese Stelle in der zweiten Hälfte des Stücks nicht wäre, der Pedaleinsatz, mit dem sie schon früher ihre Schwierigkeiten gehabt hatte.

Als der Weg zur Orgel endlich frei war, sah sie ihn.

Ein Mann saß auf der Orgelbank, auf ihrer Orgelbank. Wusste er denn nicht, dass dieser Platz dem Organisten vorbehalten war? Neben ihm stand Schwester Afra, die früher immer den Balg getreten hatte, bis die Orgel endlich elektrifiziert worden war. Warum sagte sie ihm nicht Bescheid?

Jetzt kam sie auf Anna zu. »Der Herr Bredelin«, flüsterte sie.

»Bitte?«, fragte Anna, obwohl sie schon verstanden hatte.

Herr Bredelin war der neue Organist, er würde ab sofort die Orgel spielen, und sie selbst, Anna, hatte ausgedient.

Schwester Afra hob beide Hände, begütigend und abwehrend zugleich, als habe sie Angst, dass Anna den neuen Organisten angreifen könnte. Anna drehte sich um und ging wortlos weg, und während sie durch den Mittelgang nach vorn lief, begann der Organist zu spielen.

 

Wenn man nur die Ohren schließen könnte wie die Augen, dachte Anna. Sie wollte den Neuen nicht hören, sie wollte überhaupt nichts hören. Am liebsten hätte sie die Kirche direkt wieder verlassen, aber das ging natürlich nicht, man hatte sie ja nun gesehen.

Woher kam der neue Organist? Warum hatte man ihr nicht gesagt, dass er heute spielen würde? Dass ihre Zeit vorbei war, genauso plötzlich, wie sie begonnen hatte.

Sie hatte ihn kaum angesehen, aber dass er recht jung war, das hatte sie bemerkt. Wahrscheinlich kam er frisch vom Konservatorium. Wie Orlanda. Vielleicht kannten sich die beiden sogar, schließlich hatte auch Orlanda ihr Studium erst vor kurzem beendet.

Wenn man nur die Ohren schließen könnte wie die Augen, dachte Anna wieder, aber das ging nicht, und deshalb blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm zuzuhören. Sie wusste es sofort. Er war gut. Es ließ sich nicht leugnen. Er war hervorragend.

Herr Canet, der alte Organist, den Anna in Gedanken bereits mein Vorgänger genannt hatte, hatte erbärmlich gespielt. Genauso wie der Organist davor.

Anna hatte ihre Sache hingegen ganz gut gemacht, das hatten auch die anderen Schwestern bestätigt, sogar Schwester Else hatte sie einmal gelobt. Allerdings musste man einräumen, dass die Oberin und die anderen Schwestern auch den alten Canet gelobt hatten. Es bedeutete also nichts.

Im Vergleich zu dem neuen Organisten, diesem Herrn Bredelin, war sie jedenfalls ein Nichts, genauso erbärmlich und lächerlich wie Canet. Wie dieser Bredelin mit der Orgel umging, als würde er schon jahrelang darauf spielen. Dabei hatte er doch höchstens ein oder zwei Stunden Zeit gehabt, das Instrument kennenzulernen. Wie gekonnt er die Register einsetzte. Die Stärke der Orgel waren die sanften Klänge, das hatte er offensichtlich sofort erkannt. Anna hatte sich in der letzten Woche an dem Choral »O Ewigkeit, du Donnerwort« von Johann Sebastian Bach versucht und war kläglich gescheitert, weil die Orgel eben nicht für Donnerworte taugte. Es gab nur zwei Prinzipale, die übrigen fünfzehn Register waren streichende Grundstimmen, Flötenregister und Aliquoten. Trost und Stärkung, Zuversicht und Hoffnung, darauf kam es in einem Krankenhaus an, und entsprechend war diese Orgel intoniert.

Pfarrer Sander sprach die Begrüßungsworte, danach schlug man Lied Nummer 374 auf. »Ich will dich lieben, meine Stärke«. Der alte Herr Canet, der ungeheuer stolz auf seine Fingerfertigkeit gewesen war, war dem Gesang immer vorausgeeilt. Als käme es darauf an, die Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Sein Orgelspiel war keine Begleitung gewesen, sondern eine Vorhut.

Auch der neue Organist begleitete die Gemeinde nicht – er tanzte vielmehr um sie herum, flog über sie hinweg und fing sie doch im rechten Augenblick wieder auf, bevor sich ihr Gesang verlor.

Herr Bredelin. Er war sehr jung, das hatte Anna bemerkt, ansonsten erinnerte sie sich kaum daran, wie er aussah. Auf der Straße würde sie an ihm vorbeilaufen, ohne ihn zu erkennen. »Ich will dich lieben ohne Lohne auch in der allergrößten Not«, hörte sie die anderen singen, aber sie sang nicht mit.

Er spielte gut, der Neue, er spielte viel besser, als sie jemals spielen würde. Es war, als ob man sich an einen Tisch setzt, um ein Stück Torte zu essen, auf das man sich lange gefreut hat, nur um dann festzustellen, dass es sich ein anderer bereits genommen hat.

 

»Schwester Anna!« Als Anna sich umdrehte, sah sie Schwester Afra durch den langen Flur auf sie zueilen, gefolgt von dem neuen Organisten. »Wir haben Sie schon gesucht!«, rief Afra, wobei sie die Arme nach Anna ausstreckte, als wollte sie sie ergreifen und festhalten.

Anna hielt einen vollen Nachttopf in den Händen. Die Uhr tickte. Der Nachttopf musste geleert und ausgespült werden. Die Patientin von Nummer 34 wartete auf ein Abführmittel. In einer halben Stunde gab es Mittagessen.

»Bevor Herr Bredelin geht, wollte ich Sie einander doch einmal richtig vorstellen«, meinte Schwester Afra, als wären sie in einem Salon oder auf einem Ball und nicht in einem Krankenhausflur mit grünem zerkratztem Linoleum, auf das die Deckenlampen diffuse Lichtflecke warfen.

Es dauerte einen Moment, bis auch der Organist bei ihnen war. Er starrte zuerst auf den Nachttopf, auf dem glücklicherweise ein Deckel lag, und trotzdem konnte man den Inhalt riechen. Dann blickte er in ihr Gesicht.

»Das ist also unsere Schwester Anna«, erklärte Schwester Afra. »Sie hat vor Ihnen die Orgel bedient, aushilfsweise, und sie hat ganz wunderbar gespielt, ganz ausgezeichnet!«

Ganz ausgezeichnet, dachte Anna. Warum wurde dann überhaupt ein neuer Organist eingestellt, wenn sie so ausgezeichnet spielte?

»Herr Bredelin ist der neue Kantor der Friedenskirche, da betreut er unsere Kirche mit«, erläuterte Afra, als habe Anna ihre Gedanken laut ausgesprochen. »Wir haben ihn erst in der nächsten Woche erwartet, aber nun hat er es heute schon möglich gemacht, zu uns zu stoßen.«

Herr Bredelin öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, dann schloss er ihn wieder. Er war blass und schmal, nicht viel größer als Anna, die auch nicht gerade groß war. Dunkelbraune Locken fielen in leichten Wellen in seine Stirn, über seine Ohren.

»Sehr erfreut«, sagte Anna »Ich muss nun aber …« Zur Entschuldigung hob sie den Nachttopf ein Stück in die Höhe. Herr Bredelin nickte.

»Nun bleiben Sie doch wenigstens einen Moment.« Für Afra waren volle Nachttöpfe genauso normal wie blutige Tupfer und offene Wunden. Anna stellte den Nachttopf hinter sich an die Wand. »Unsere Schwester Anna ist sehr musikalisch«, sagte Afra so stolz, als wäre Anna ihre Tochter.

»Wo haben Sie das Orgelspielen gelernt?« Bredelins Stimme war weich und melodisch, sie klang genau so, wie er aussah.

»Mein Vater hat es mir beigebracht.«

»Die ganze Familie ist musisch begabt«, schwärmte Afra. »Die Schwester ist Opernsängerin.«

»Operette«, korrigierte Anna.

Herr Bredelin lächelte.

»Orlanda Mandel«, hörte Anna sich sagen. »Kennen Sie sie vielleicht?«

Das Lächeln verschwand wieder. »Nicht, dass ich wüsste. In der Operette bin ich, offen gestanden, nicht sehr bewandert.«

»Natürlich.« Anna hätte sich ohrfeigen können. Warum musste sie ihn fragen, ob er Orlanda kenne?

»Letztens hat sie die Mimi gesungen«, sagte Afra, die ein großer Operettenfan war und ein Stehplatzabonnement für das Kleine Haus hatte, obwohl das von der Krankenhausleitung nicht gerne gesehen wurde.

»Die ›Kameliendame‹?«

»Sie hat bei ›Adieu Mimi‹ mitgesungen«, erklärte Anna. »Von Benatzky«, fügte sie hinzu, als er sie nur verständnislos anstarrte.

»Tatsächlich?«, fragte er. »Nun, ich muss gestehen, in der Operette …« Er verstummte. Dass er in der Operette nicht so bewandert war, hatte er ihr ja gerade eben schon erklärt.

»Jedenfalls muss Ihnen Schwester Anna einmal auf der Orgel vorspielen«, mischte sich nun Schwester Afra wieder in die Unterhaltung. »Sie werden ganz begeistert sein.«

Bredelin nickte erneut. Sein Blick wanderte unruhig durch den Flur, stolperte über den Nachttopf und blieb wieder auf Anna hängen.

»Ihre Noten«, sagte Herr Bredelin. »Sie haben Ihre Noten an der Orgel vergessen. Das Präludium in g-Moll von Buxtehude.«

»Ich hole sie später.«

»Ein sehr schönes Stück«, sagte Bredelin.

»Ich muss nun wieder an die Arbeit«, meinte Anna.

»Auf Wiedersehen.« Herr Bredelin wollte ihr die Hand geben, aber sie bückte sich schon nach dem Nachttopf. Sie erinnerte sich auch plötzlich wieder daran, wie verschwitzt sie war, also nickte sie ihm nur noch kurz zu und eilte davon.

Ulmer Höh’, 20. Oktober 1942

Mein Kind,

ich hatte mir vorgenommen, jede Woche an Dich zu schreiben, aber nun sind dreizehn Tage vergangen, ohne dass ich auch nur eine Zeile zu Papier gebracht habe. Es erscheint mir so sinnlos. Du wirst diese Briefe nie zu lesen bekommen, sie werden sie an sich nehmen und vernichten, so wie sie auch mich vernichten werden. Sie werden jedes Wort lesen, das ich an Dich schreibe, ich werde also nichts über das schreiben, was geschehen ist, warum ich hier bin. Ich werde keine Namen nennen. Ich werde niemanden mehr verraten, auch wenn sie das von mir erwarten. Du wirst das Geschehene vielleicht irgendwann von irgendjemandem erfahren, wenn diese furchtbare Zeit vorüber ist und wenn dann noch jemand am Leben ist, der es Dir berichten kann. Vielleicht sogar von mir selbst?

Die Hoffnung, die Hoffnung, wie sollte ich aufhören zu hoffen, da ich doch in der Hoffnung bin?

Du wächst in mir. Ich meine, Dich in mir spüren zu können, winzige Finger, die meinen Leib von innen ertasten.

Die Wärterin, die früher für den Flur zuständig war, ist weg. Meinetwegen. Sie hat mir einen Apfel zugesteckt. Als Stärkung, flüsterte sie und zwinkerte mir zu, als ob sie von der Schwangerschaft wüsste. Dabei wurde sie von einer anderen Wärterin beobachtet, seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen. Hoffentlich hat man sie nur versetzt.

Sie war eine der Weichen, aber die Weichen sind nicht zu gebrauchen in einem Gefängnis. Die Harten, das sind die Richtigen. Die neue Wärterin setzt das Tablett mit meinem Essen mit einer solchen Wucht auf den Tisch, dass das Wasser aus dem Becher schwappt. Als ob der Tisch ebenfalls schuldig wäre.

Bin ich schuldig?

Auch wenn Du nie erfahren solltest, warum ich hier bin, so weißt Du doch immerhin, auf welcher Seite ich gestanden habe.

Mein Prozess wurde für den 15. November angesetzt, die Sache werde vor dem Volksgerichtshof verhandelt, haben sie mir heute mitgeteilt. Die Anklage lautet auf Landesverrat, sie werden mir einen Verteidiger stellen, den ich erst am Morgen vor dem Prozess zu Gesicht bekommen werde. Wenn ich Glück habe, hat er meine Akten dann bereits gelesen.

Wenn ich Glück habe.

Die Hoffnung, die Hoffnung. Ich halte mich an die Hoffnung und an das Tasten in meinem Leib. An Dich. Halten Sie sich an Gott, flüsterte mir die Frau aus Zelle 17 gestern zu, als wir beim Hofgang nebeneinanderher gingen. Ich weiß nicht einmal ihren Namen, ich weiß nur, dass sie eine Zeugin Jehovas ist. Alle anderen auf unserem Flur sitzen aus politischen Gründen ein, ich frage mich, warum sie sie zu uns gesteckt haben.

Ich werde es vermutlich nie erfahren. Bis zum 15. November wird ihr Prozess längst vorbei sein. Bei ihr liegen die Dinge so klar, dass sie nicht vors Volksgericht muss, das für die Politischen anreist. Sie wird nicht exekutiert werden. Wenn alles gutgeht, lassen sie sie nach einem Jahr wieder frei. Ich dagegen …

Halten Sie sich an Gott, hat sie zu mir gesagt, aber ich spüre ihn schon lange nicht mehr. Und wie soll man sich an etwas halten, das man nicht spürt? Dich kann ich spüren, also halte ich mich an Dich und hoffe, dass wenigstens Du Dich an ihn halten kannst, in einer Zukunft, in der ich nicht mehr bei Dir bin.

Deine Mutter

Wer wird denn weinen,

wenn man auseinandergeht

Orlanda schwang das Kriegsbeil. Sie ließ es über ihrem Kopf durch die Luft sausen, dann schleuderte sie es quer über die Bühne. Einer der Statisten stieß einen markerschütternden Schrei aus und sackte zu Boden, dabei war er natürlich nicht getroffen worden, das Beil war in einen Korb gefallen, den man hinter dem Bühnenaufgang aufgestellt hatte.

Orlanda spielte eine Squaw in der Operette »Das Wildwestgirl«. Es war nur eine Nebenrolle, die kleinste Rolle von allen. Sie hatte vier Zeilen zu singen und den Auftritt mit dem Beil. Aber die Zuschauer jubelten ihr zu, als wäre sie ein Star.

Sie jubelten, weil Orlanda sich durchgesetzt hatte. Wäre es nach dem Regisseur Kamnitzer gegangen, hätten sie sie sicherlich ausgelacht. Kamnitzer hatte vorgehabt, sie in einem kurzen Lederkleid und mit buntem Federschmuck im Haar auftreten zu lassen. Der Auftritt mit dem Beil wäre zur Farce verkommen in einem so albernen Indianerkostüm. Orlanda hatte sich jedoch auf eigene Kosten weite Lederhosen mit seitlichen Fransen schneidern lassen. Über ihrem langen offenen Haar trug sie ein Stirnband mit einer einzelnen Feder. Kamnitzer hatte natürlich zuerst gemurrt, aber nicht lange. Es sah ja auch einfach besser aus.

Als sie abging, tanzten von links die Ballettmädchen auf die Bühne, sie waren als Police Women verkleidet. Sie warfen die Beine hoch bis zu den Schultern, rissen Theater-Pistolen aus ihren Halftern und schossen damit in die Luft. Dazu schlug der Paukist einen Wirbel, das Geräusch passte allerdings überhaupt nicht zu den Pistolen, es klang eher wie fernes Donnergrollen.

Orlanda stand inzwischen wieder in der vierten Reihe des Chors. Hinter der Bühne hatte sie ihr Stirnband abgenommen, stattdessen trug sie jetzt einen Köcher mit Pfeilen auf dem Rücken und einen Bogen über der Schulter, genau wie die übrigen Chorsänger. Gleich würden sie alle einen Pfeil in den Bogen legen und die Waffe auf den Wildwestmann richten, der daraufhin endlich, endlich sein Wildwestgirl küssen durfte.

Was für ein fürchterlicher Klamauk, dachte sie. Aber immerhin hatte sie ihren ersten Soloauftritt. Und wer achtete schon auf Inhalte, wenn er einmal die Gelegenheit bekam, aus der Masse der Chormädchen hervorzutreten. Allein auf der Bühne zu stehen. Nun ja, nicht ganz allein. Als sie ihre vier Zeilen gesungen und danach das Beil geschwungen hatte, war der Schauplatz voller Statisten gewesen, ganz abgesehen von dem Liebespaar und dem Indianerhäuptling. Aber ein Solo war ein Solo. Und die Nummer mit dem Kriegsbeil war zumindest spektakulär.

Zum Finale steppten die Ballettmädchen noch einmal auf die Bühne. Sie hatten ihre knapp geschnittenen Police-Uniformen gegen noch knappere Glitzerkleidchen getauscht, auf dem Kopf trugen sie Federbüsche. »Wir sind die flotten Broadway-Girls, wir tanzen uns in jedes Herz«, sangen die Sopranistinnen und Altistinnen, die Tänzerinnen bewegten dazu die rot geschminkten Münder und klapperten über die Bretter, dass die Pailletten nur so funkelten.

Sie bekamen drei Vorhänge. Das war keine Spitzenleistung, aber akzeptabel. Immerhin war es schon die achte Vorstellung, und das Haus war fast ausverkauft. »Menschenskind, ming Fööß dont mie wi«, jammerte Käthe aus dem Ballett, als sich der Vorhang zum letzten Mal vor ihnen schloss.

»Isch möat nur nohuss«, stimmte ihr Emma zu. Die beiden tanzten wie Elfen, aber wenn sie den Mund aufmachten, brachte einen das sofort wieder auf den Boden der Realität oder vielmehr der Düsseldorfer Altstadt zurück. Käthe hatte einmal eine winzige Sprechrolle angeboten bekommen. Gnädige Frau, ich bringe den Tee, hätte sie sagen sollen, aber sie war schon an dem ersten Wort so hoffnungslos gescheitert, dass Erika die Rolle bekam, die zwar nicht so hübsch war, aber Hochdeutsch konnte.

 

Als Orlanda aus der Garderobe trat, stand der Kerl am Ende des Flurs. Er lehnte lässig an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt. Büttinger, dachte sie. O nein. Karl Büttinger, der im »Wildwestgirl« den Sheriff gespielt hatte, war hinter Orlanda her wie der Teufel hinter der armen Seele. Als sie neu im Operettenhaus angefangen hatte, war sie geschmeichelt gewesen, dass sich einer der Solisten für sie interessierte. Dabei war Büttinger ein ganz kleines Licht und bekam nur unwichtige Nebenrollen. Dummerweise war sie einmal mit ihm ausgegangen, und während sie sich entsetzlich gelangweilt hatte, hatte er richtig Feuer gefangen und war nun überzeugt, dass sie zusammengehörten. Du, du liegst mir am Herzen, du, du liegst mir im Sinn, sang er ihr zu, wenn sie bei der Probe an ihm vorbeiging. Und als ob das nicht schon peinlich genug wäre, warf er ihr über die Bühne hinweg Kusshände zu, einmal sogar mitten in der Vorstellung.

Sie holte tief Luft und straffte ihre Schultern wie die Tänzerinnen, bevor sie auf die Bühne gingen. »Heute nicht, Herr Büttinger«, murmelte sie. Nach der heftigen Auseinandersetzung mit Anna hatte sie in der letzten Nacht schlecht geschlafen, und die Vorführung war anstrengend gewesen. Ihre Kraft war aufgebraucht und ihre Geduld auch. Sie würde die Sache nun ein für alle Mal klarstellen und reinen Tisch machen. Lassen Sie mich in Ruhe, Herr Büttinger, würde sie sagen, aus uns beiden wird nichts. Schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Wie auf ein Stichwort begann ihr Schädel zu dröhnen.

»Guten Abend, Orlanda«, sagte der Kerl. So eine Frechheit, jetzt nannte er sie sogar schon beim Vornamen.

»Nun hören Sie mir einmal gut zu«, erwiderte Orlanda, wobei sie die Hände in die Hüften stemmte. Sie sah ihn mit festem Blick an und erkannte, dass es gar nicht Büttinger war.

»Gerne«, sagte Leopold Ulrich.

»Was wollen Sie denn hier? Wie kommen Sie überhaupt hinter die Bühne?«

Er legte den Zeigefinger auf die Lippen und sah sich verschwörerisch um. »Das ist mein Geheimnis. Aber seien Sie gewiss, ich komme überallhin, wenn ich es will.«

»Und warum sind Sie hier?«

»Ich wollte mich erkundigen, ob Ihre Schwester gestern Nacht gut eingeschlafen ist.«

»Meine Güte, nun lassen Sie doch meine Schwester aus dem Spiel.« Sie versuchte ihrer Stimme einen verächtlichen Klang zu geben, aber gleichzeitig merkte sie, wie ihr das Blut in den Kopf stieg.

»Man muss sich das nur einmal vorstellen, den ganzen Tag arbeiten Sie im Krankenhaus, abends in der Operette, und nebenher umsorgen Sie noch das arme Waisenkind.« Er schüttelte den Kopf. »Was sind Sie nur für ein fleißiges Mädchen. Ich bin beeindruckt.«

»Was wollen Sie denn nun von mir? Ich bin müde. Ich will nach Hause.«

»Wir wollten Sie gerne auf einen Cocktail einladen, aber wenn Sie lieber schlafen möchten …«

»Wir? Wer ist wir?« Warum fragte sie überhaupt? Warum ließ sie den Kerl nicht einfach stehen?

»Ich und mein Freund Clemens. Oder soll ich lieber Jonny sagen?«

Clemens Haupt war hier in Düsseldorf und hatte sich ihre Vorstellung angesehen? Hatte er nichts Besseres zu tun? Immerhin hatte er gestern den großen Durchbruch erzielt. Die Sonntagsausgabe der Düsseldorfer Zeitung hatte ihn heute Morgen als den »neuen Stern am Opernhimmel« bezeichnet. Auch in den überregionalen Blättern sei die Duisburger Aufführung in den höchsten Tönen gelobt worden, hatten die Mädchen vorhin in der Garderobe erzählt. Clemens Haupt hatte es geschafft, die Opernhäuser würden sich ab sofort um ihn reißen. Und trotzdem kam er nach Düsseldorf, um mit einem namenlosen Operettenmädel einen Cocktail zu trinken?

»Wir wollten uns die neue Vorstellung anschauen, und wen sehe ich da auf der Bühne? Eine Krankenschwester mit Kriegsbeil.«

Natürlich, dachte Orlanda, selbstverständlich ist Haupt nicht meinetwegen gekommen. Er hatte ja gar nicht wissen können, dass sie im Operettenhaus sang. Nein, Ulrich und er hatten sie ganz zufällig auf der Bühne gesehen und wiedererkannt, und nun wollten sie sich einen lustigen Abend mit ihr machen. Danke, so nicht, meine Herren, dachte Orlanda. Ich bin zwar nicht berühmt, aber so leicht bin ich nun auch wieder nicht zu haben.

»Also? Wie stehen unsere Aktien? Wenn Sie der Sache und uns nicht trauen, können wir natürlich auch das Fräulein Schwester mitnehmen.«

Das Fräulein Schwester. Anna. Wie wütend sie werden würde, wenn Orlanda heute Nacht wieder nicht pünktlich zu Hause wäre. Zu allem Überfluss war Orlanda am Morgen auch nicht in der Kirche gewesen. Den Gottesdienst in der Friedenskirche hatte sie verschlafen, und in die Krankenhauskirche wollte sie nicht gehen. Anna an der Orgel, nein, das war zu viel, nach der Szene, die sie Orlanda letzte Nacht gemacht hatte. Anna behandelte Orlanda wie ein kleines Mädchen, und das würde immer so weitergehen, bis sie beide alte Jungfern wären. So nicht, dachte Orlanda wieder, aber diesmal bezog sich der Gedanke auf Anna.

»Einen Cocktail würde ich mit Ihnen nehmen«, sagte sie.

»Würden Sie das? Dann folgen Sie mir schnell, bevor Sie Ihre Meinung wieder ändern.«

 

Die Bar befand sich im Kofferraum von Ulrichs Opel. Gin, Rum, Brandy, Sodawasser, Zitronensaft, einen Cocktailshaker, eine Thermosflasche mit Eis, Cocktailkirschen und grüne Oliven – sie hatten alles mitgebracht.

»Sie wünschen?« Haupt hatte eine weiße Serviette über seinen rechten Unterarm gelegt, den linken Unterarm hielt er hinter dem Rücken verschränkt.

»Whisky on the rocks«, sagte Orlanda, weil sie keine Whiskyflasche im Kofferraum sah und ihn in Verlegenheit bringen wollte.

»Whisky, bitte schön.« Haupt öffnete die Tür zum Beifahrersitz und fischte eine Whiskyflasche unter dem Sitz hervor.

Er schenkte ein Glas ein, tat Eiswürfel dazu, und Ulrich servierte. Orlanda hatte sich auf einen großen Stein gesetzt und blickte auf das schwarze Band des Rheins, das vor ihnen durch die Dunkelheit floss.

»Cheers«, sagte Ulrich. Sein Brandyschwenker berührte ihr Whiskyglas, so zart, dass das Klirren kaum zu hören war.

»Zum Wohl«, sagte Orlanda und nahm einen Schluck.

Der Alkohol explodierte in ihrem Kopf. Vor der Aufführung hatte sie kaum etwas gegessen, sie war auch jetzt nicht hungrig. Aber Whisky auf leeren Magen … sei um Gottes willen vorsichtig, warnte sie eine Stimme, die klang wie die von Anna. Orlanda trank noch einen Schluck.

»Rauchen Sie?« Ulrich streckte ihr sein Zigarettenetui entgegen, Haupt gab ihr Feuer. Er saß plötzlich neben ihr, sie hatte gar nicht gemerkt, wie er näher gekommen war. Sie inhalierte den Rauch und hatte das Gefühl, dass er sich langsam in ihrem Körper ausbreitete wie Nebel.

Sie legte den Kopf in den Nacken. Der Himmel war ein schwarzes Meer, auf dessen Wellen Leuchtkäfer trieben. Einige schlossen sich zu Sternbildern zusammen, Orlanda erkannte den großen Wagen und den Polarstern. Andere bildeten diffuse Wirbel, Glühwürmchenstrudel. Je länger man sie betrachtete, desto mehr lief man Gefahr, dass sie einen aufsaugten und in die Tiefe zogen.

»Wenn Sie mich nicht getroffen hätten«, sagte sie nachdenklich, »wen hätten Sie dann mit hierhergebracht? Irgendein Mädchen von der Straße?«

»Wir sind uns selbst genug«, entgegnete Ulrich gleichmütig. »Frauen sind charmant, aber nicht zwingend notwendig.«

»Sie dagegen sind nicht charmant«, erwiderte Orlanda.

»Nein«, sagte Ulrich. »Das habe ich auch nie behauptet.«

»Sie waren eine beachtliche Squaw«, mischte sich Haupt ein. »Wie Sie das Kriegsbeil geschwungen haben, Respekt.«

Sie lachte. »Sie waren als Neger auch nicht übel.«

Sie saßen jetzt nebeneinander auf dem großen Steinblock, so wie sie noch sehr oft zusammensitzen würden. Einer links, der andere rechts und Orlanda in der Mitte.

Orlanda hatte ihr Glas fast ausgetrunken. Ihr leerer Magen machte sie schwerelos, der Alkohol zertrennte die Reißleine, die sie am Boden hielt. Wenn Anna mich jetzt sehen könnte, dachte sie, während sie von oben auf sich selbst und die beiden Männer hinunterblickte. Mit einem Mal fühlte sie sich wild und mutig. Was ich alles erlebe, dachte sie, davon kann Anna noch nicht einmal träumen.

»Was machen Sie eigentlich, Herr Ulrich?«, erkundigte sie sich. »Sie spielen im Orchester, aber welches Instrument?«

»Das wurde ja auch einmal Zeit, dass Sie sich erkundigen. Immerhin kenne ich schon zwei Ihrer Berufe, und Sie wissen rein gar nichts von mir.«

»Was spielen Sie denn nun?«, fragte sie. »Ach nein, sagen Sie es nicht, lassen Sie mich raten.«

Trotz der Dunkelheit sah sie, wie sich seine Augenbrauen hoben.

»Die erste Geige«, schlug sie vor.

»Liege ich etwa richtig?«, fragte sie, als Haupt lachte.

»Was denn sonst?«, gab Ulrich zurück. Er verlagerte sein Gewicht von links nach rechts, und plötzlich berührte sein Oberschenkel Orlandas Bein. Es war nicht unangenehm, aber sie wich dennoch nach rechts aus und stieß dadurch gegen Haupts Bein.

»Ich denke darüber nach, vielleicht nach Düsseldorf zu wechseln«, sagte Haupt, als ob ihn erst die Berührung auf die Idee gebracht hätte.

Seine Stirn leuchtete weiß in der Dunkelheit, darunter zeichneten sich dunkel die Augen ab, die Lippen erschienen schwarz. Das Negativbild eines Negers.

»Wollen Sie zu uns ins Kleine Haus kommen? Oder an die Oper?«

»An die Operette«, sagte Haupt. »Es gibt eine Vakanz, aber ich habe mich noch nicht darum beworben.«

»Sie sind ja jetzt ein Star«, meinte Orlanda. »Da wird man Sie mit Handkuss nehmen.«

»Wenn sie dich in Duisburg weglassen«, sagte Ulrich.

»Ich werde natürlich bleiben, bis der Jonny abgelaufen ist. Danach wird neu verhandelt.«

Danach wird neu verhandelt. Wenn ich doch auch nur einmal in der Lage wäre, diesen Satz zu sagen, dachte Orlanda. Aber bei ihr verliefen die Vertragsverhandlungen nach dem Prinzip: Friss oder stirb. Als sie mit Tornauer, dem Chorleiter, nach der Wildwestgirl-Premiere über eine Gagenerhöhung gesprochen hatte, war sie ausgelacht worden. »Dafür, dass wir Ihnen die Solorolle gegeben haben, sollten Sie dem Theater etwas zahlen.«

Sie trank ihren Whisky und spürte, wie ihr Gesicht glühte, aber das machte nichts, es war ja dunkel. Neben ihr saßen Ulrich und Haupt und wärmten ihre linke und rechte Seite, nur ihr Rücken wurde langsam kalt.

»Und Sie?«, fragte sie Ulrich. »Wenn Ihr Freund nach Düsseldorf wechselt, kommen Sie dann auch zu uns?«

Seine Zigarette leuchtete auf wie ein rotes Auge. Er blies weißen Rauch aus und beobachtete, wie er sich in der Dunkelheit auflöste.

»Das hätten Sie wohl gerne«, meinte er dann.

Sie lachte spöttisch. Nein, charmant konnte man ihn wirklich nicht nennen. Er warf seinen Zigarettenstummel weg, der in einem glühenden Bogen in die Nacht flog.

»Noch einen Whisky?«, fragte Haupt und erhob sich. Ihre rechte Seite wurde von einer Sekunde auf die andere kalt.

Nein danke, wollte sie sagen, aber dann dachte sie, zum Teufel, während sie noch eine Zigarette aus dem Etui fischte, das Ulrich ihr anbot.

 

Seit jener Nacht liebte Clemens Orlanda. Es sollte aber noch eine Weile dauern, bis er sich dessen bewusst wurde. In jener Nacht spürte Clemens nur einen leichten Schmerz, eine dumpfe Enttäuschung, als Leopold ihn beiseitenahm und fragte, ob er nicht mit der Straßenbahn nach Hause fahren wolle. Es seien nur ein paar Schritte bis zur Station und Leopold würde währenddessen Orlanda nach Hause bringen.

Später würde Clemens sich fragen, warum er damals nicht darauf bestanden hatte, Orlanda selbst zu begleiten. Warum er Leopold nicht zur Seite geschoben, weggedrängt, niedergerungen hatte. Warum er nicht wenigstens mitgefahren war.

Vielleicht hätte es nichts geändert. Wer konnte schon sagen, wie die Dinge verlaufen wären, wenn ihre Geschichte anders begonnen hätte.

In jener Nacht aber erkannte er den Ernst der Lage überhaupt nicht. In Gedanken war er mit seiner Karriere beschäftigt, mit der lächerlichen Frage, ob er nun an der Duisburger Oper bleiben oder ins Operettenhaus nach Düsseldorf wechseln sollte. Während Orlanda am Rhein neben ihm saß, zum Greifen nah, dachte er über diese idiotischen Dinge nach.

Danach fuhr er mit der Schnellbahn nach Hause. Er starrte auf sein Spiegelbild in der Fensterscheibe des Zuges, und zur gleichen Zeit sah Leopold Orlanda an und Orlanda Leopold. Und als Clemens die Tür zu seiner kleinen Dachkammer aufschloss, die ihm die Witwe Schraubersteg für fünf Mark in der Woche vermietete, Frühstück inbegriffen, Damenbesuch ausgeschlossen, küssten sie sich zum ersten Mal.

Jedenfalls stellte Clemens sich das so vor. Er sprach nie mit Leopold über jene Nacht, sie redeten überhaupt so gut wie gar nicht über Orlanda.

Später würde es Clemens weh tun, wenn er sich den ersten Kuss zwischen Leopold und Orlanda vorstellte. In jener Nacht putzte er sich die Zähne und ging ins Bett, falls er dabei über Orlanda nachdachte, konnte er sich später nicht mehr daran erinnern.

Trotz allem war sie seitdem ständig in seinem Bewusstsein. Wie eine Melodie, die man einmal gesungen hat. Warum hatte er sich in sie verliebt? Weil sie anders war als alle Mädchen, die er kannte. Weil sie, ohne zu zögern, mit ihm und Leopold an den Rhein fuhr, als wäre das völlig normal. Weil sie keinen Gedanken an ihren Ruf verschwendete. Weil sie drei Gläser Whisky trank. Weil sie keine Angst hatte.

Zuerst verliebte er sich wegen ihrer Furchtlosigkeit in Orlanda. Und am Ende würde er sie deshalb verlieren.

 

Vor ihm lag ein anstrengender Tag. Vormittags musste er zum Fotografen, weil er Autogrammkarten brauchte. Mittags wollte Reichmüller mit ihm essen gehen, vielleicht wollte er ihm eine neue Hauptrolle anbieten? Nachmittags wurde geprobt, abends war wieder Aufführung. Den ganzen Tag lang hatte er kaum eine freie Minute, er war deshalb sehr kurz angebunden, als Fritzi ihn nach der Probe ansprach. »Ich habe gestern Willi getroffen«, erklärte sie. »Willibald Kroner. Schon vergessen?«, fragte sie, als er nichts sagte.

Natürlich nicht. Immer wenn er Fritzi Albrecht sah, musste er sofort an Willibald Kroner denken.

»Was ist mit ihm?«

»Es geht ihm schlecht. Nachdem er sein Engagement verloren hat, hat ihn sein Hauswirt auf die Straße gesetzt. Keine Anstellung, keine neue Wohnung. Keine Wohnung, keine neue Anstellung.«

»Das ist übel«, sagte Clemens und blickte über Fritzis Kopf hinweg zur Tür, als könnte er sie dadurch dazu bewegen, ihn endlich in Ruhe zu lassen und zu verschwinden.

»Sehr schlecht sogar.«

»Aber was habe ich damit zu tun?«

»Das weißt du ganz genau«, zischte Fritzi so scharf, dass er unwillkürlich einen Schritt zurückwich. »Du und Ulrich, ihr habt Willi auf dem Gewissen. Wenn ihr mich damals wenigstens nicht mitgeschleppt hättet!«

Das dachte sich Clemens inzwischen auch. Aber was passiert war, war passiert und ließ sich nicht mehr rückgängig machen.

»Was erwartest du denn von mir?«

»Hilf ihm. Sieh zu, dass sie ihm wieder Arbeit geben.«

»Das kann ich nicht. Er säuft. Reichmüller hätte ihn ohnehin früher oder später rausgeworfen.«

Fritzi zog die Augenbrauen zusammen, sie war wütend. Nur war ihr Gesicht viel zu niedlich, um wütend zu wirken. Sie hatte große blaue Augen und einen kleinen Mund, die Oberlippe war geformt wie ein spitzes M. Und sie war so klein, sie reichte Clemens kaum bis zur Schulter. Sie würde es auf keinen Fall zu einer Solistenrolle bringen, mochte sie auch noch so gut singen. Man sah sie ja kaum auf der Bühne.

»Du hast Willi in die Bredouille gebracht, du musst ihn jetzt auch wieder herausholen«, sagte Fritzi, und dann ließ sie ihn einfach stehen.

Dafür, dass sie so klein war, war sie verdammt hochnäsig, fand Clemens.

Am nächsten Vormittag fuhr er zu Willis Wohnung. Erst als er vor dem Haus stand, fiel ihm ein, dass Willi ja auf die Straße gesetzt worden war. Also klingelte er im Parterre, wo ein Schild mit der vornehmen Aufschrift »Administration« hing.

»Kroner wohnt hier nicht mehr«, erklärte der Hauswirt, dessen schmutziges Unterhemd auf seinem dürren Körper Falten warf. »Sind Sie ein Verwandter?«

»Ein Kollege.«

»Und was wollen Sie von ihm? Wenn er Ihnen Geld schuldet, vergessen Sie’s. Bei mir steht er noch mit der letzten Miete in der Kreide. Der hat kein Geld. Und wenn er welches hat, versäuft er’s.« Er nieste laut, wischte sich mit dem Handrücken über die Nase und schaute Clemens dann so vorwurfsvoll an, als ob er schuld an seinem Schnupfen wäre.

»Wie viel?« Clemens zahlte dem Wirt die noch ausstehende Miete und acht Wochen im Voraus. Achtundvierzig Mark machten das, das war alles an Geld, das er hatte, und der Monat hatte gerade erst begonnen. Er würde sich etwas von Leopold leihen und darauf hoffen, dass seine Verhandlungen mit dem Verwaltungsdirektor erfolgreich verliefen.

»Willibald kann wieder zurück in seine Wohnung«, erklärte er Fritzi, als er sie abends vor der Aufführung sah. Clemens war schon schwarz geschminkt, seine Haut spannte, besonders um die Mundpartie, wenn er sprach.

»Ach, du meinst wohl, mit Geld lässt sich alles regeln«, gab Fritzi zurück und stolzierte mit hoch erhobenem Kopf an ihm vorbei.

Er kam sich dumm vor, als er ihr nachschaute, in seiner Negerverkleidung. In diesem Moment beschloss er, dass er sie von ihrem hohen Ross herunterstoßen würde.

Die Gelegenheit dazu ergab sich einige Abende später, als er Leopold nach der Vorstellung fragte, ob sie noch einen Abstecher in die Silberne Glocke machen sollten, und Leopold abwinkte. Er habe schon etwas anderes vor.

Clemens fragte nicht nach, aber er war überzeugt davon, dass Leopold nach Düsseldorf fahren würde, um Orlanda zu treffen. Er musste plötzlich an ihren schönen, großen Mund denken. Diesen Mund würde Leopold küssen, dachte Clemens und fühlte eine fürchterliche Wut in sich aufsteigen, er wusste nur nicht, auf wen.

Er holte Fritzi Albrecht ein, als sie gerade aus dem Bühnenausgang wollte. Sie steckte in einem gackernden Haufen von Sopranistinnen, die alle viel größer waren als sie, so dass sie nicht zu sehen war, man hörte nur ihre laute, helle Stimme.

»Fräulein Albrecht«, rief er ihr nach, obwohl sie sich schon lange beim Vornamen nannten und duzten. Die Sängerinnen verstummten sofort und reckten ruckartig ihre Köpfe zu ihm wie Hühner.

»Was ist denn?«, fragte Fritzi, deren Kopf jetzt zwischen zwei Schultern auftauchte.

Erstaunlicherweise musste er sie gar nicht lange dazu überreden, mit ihm auszugehen. Vielleicht lag es an den Blicken der anderen Mädchen, dass sie so schnell nachgab. Vielleicht war es ihr peinlich, dass ihr alle zuhörten. Vielleicht schmeichelte es ihr aber auch. Immerhin war Clemens jetzt ein Star.

Er ging mit ihr in die Rote Laterne, eine Tanzbar in der Schmalen Gasse, die er nur kannte, weil er genau gegenüber wohnte. Das Publikum in der Laterne war nämlich ziemlich gewöhnlich, Arbeiter und Handwerker mit ihren Mädchen. Wenn gelegentlich ein paar Tippfräulein auftauchten, galt das schon als Ereignis. Kollegen sah man hier niemals, obwohl das Opernhaus nur ein paar Straßen entfernt lag.

Clemens brachte Fritzi natürlich nicht ohne Grund ausgerechnet in dieses Etablissement. Sonst ging er mit seinen Mädchen in die Bar vom Steigenberger oder ins A La Mode auf der Börsenstraße. Aber im Gegensatz zu ihnen wollte er Fritzi nicht beeindrucken, er wollte sie verärgern. Und verunsichern. Eine Tanzbar wie die Rote Laterne, in der es statt Cocktails Bier und Schnaps gab, in der der Zigarettenrauch wie dicke Spinnweben von der Decke hing, das würde ihr nicht passen, weil es nicht zu ihr passte.

Dachte er. Aber so war es nicht. Fritzi tauchte in die Rote Laterne ein wie ein Goldfisch, den man aus seinem engen Glas in einen See entließ. »Das hätte ich dir gar nicht zugetraut«, sagte sie und nickte anerkennend, als habe er sie in den Petersdom geführt oder ins Capitol von Washington. Er kaufte ihnen ein Bier, sie stieß ihr Glas kraftvoll gegen seines, so dass der Schaum über den Rand schwappte und auf ihre Hand lief. Sie leckte ihn ab und lachte. Danach kletterte sie auf einen hohen Barhocker und baumelte wie ein Kind mit den Beinen. Er nahm neben ihr Platz und wusste plötzlich nicht mehr, was er sagen sollte.

»Lot jonn, wat jibbet?«, fragte sie dann. »Raus mit der Sprache. Zum Vergnügen hast du mich bestimmt nicht eingeladen.«

»Doch«, widersprach er. »Ich wollte die Dinge zwischen uns bereinigen.« Er hatte eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen, etwas Bissiges, das sie verärgern oder zumindest irritieren würde.

Als ob sie es wüsste, lachte sie so laut, dass sich die Leute zu ihnen umwandten.

»Gut«, meinte sie, während sie wieder von ihrem Hocker herunterrutschte. »Dann lass uns auch damit anfangen.«

Sie nahm seine Hand und zog ihn zur Tanzfläche, neben der ein Klavierspieler auf ein verstimmtes Piano eindrosch, als wollte er es für etwas bestrafen. Außer ihnen tanzte nur noch ein anderes Paar, ein dürrer Mann mit einer unglaublich fetten Frau. Das Lied, das der Mann am Klavier spielte, war Clemens völlig unbekannt, erst als Fritzi mit ihrem glockenklaren Sopran mitsang, erkannte er den Schlager.

Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht

Wenn an der nächsten Ecke schon ein anderer steht

Man sagt auf Wiedersehen und denkt beim Glase Wein

Na schließlich wird der andere auch ganz reizend sein.

»Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht«, fielen die dicke Frau und ihr Partner begeistert in den Refrain ein, auch der Mann am Klavier sang mit, nur Clemens brachte keinen Ton über die Lippen, dabei war Singen doch sein Beruf. Er starrte auf Fritzis Kopf, auf den weißen Scheitel, der sich wie ein Messerschnitt durch ihr glänzendes rotbraunes Haar zog.

Danach applaudierten alle, das ungleiche Tanzpaar, die Arbeiter und ihre Mädchen, der Barmann, sogar der Pianist klatschte Fritzi Beifall, die knickste und Kusshändchen in die Menge warf. Dann hüpfte sie zurück zu ihrem Bierglas, leerte es mit einem Zug und sah Clemens bedauernd an. »So, nun muss ich aber«, sagte sie. »Es ist schon nach Mitternacht, und die Stimme ist kein Gummiband, das man ziehen und zerren kann, wie es einem gefällt. Wenn ich jetzt nicht nach Hause gehe, ist sie morgen weg, und wer weiß, vielleicht ergeht es mir dann wie dem armen Willibald.«

Clemens suchte nach Worten und fand keine. Er brachte Fritzi noch nach Hause, sie wohnte ganz in seiner Nähe auf der Goldstraße.

»Un Jung? Wi is et nu?«, fragte sie, nachdem sie bereits die Haustür aufgeschlossen hatte. Das Licht im Flur umströmte ihre zierliche Figur und ließ sie noch zerbrechlicher erscheinen. »Ist die Sache jetzt bereinigt, oder was?«

Er brauchte eine ganze Weile, bis er begriff, dass sie auf seine Bemerkung in der Laterne anspielte. »Ich denke schon«, entgegnete er dann, viel zu spät, viel zu steif.

Sie lachte, und auf einmal hätte er sie gerne geküsst, aber er tat es nicht, weil er an Orlanda und Leopold denken musste, die sich in diesem Moment wahrscheinlich küssten, und das machte ihn wieder so wütend, dass er Fritzi kurz eine gute Nacht wünschte und fortging. Er spürte ihre Blicke in seinem Rücken, aber als er sich noch einmal nach ihr umdrehte, war sie verschwunden.

 

Er liebte Orlanda, jetzt war Clemens sich ganz sicher. Mit Fritzi Albrecht konnte er dagegen nichts anfangen. Wie sie in der Tanzbar gesungen hatte, wie sie den Schaum von ihren Fingern geleckt hatte, das allerdings hatte etwas. Und ihre Überheblichkeit, ihre freche Art, ihre hohen Stöckelschuhe.

Wenn man sie allerdings mit Orlanda verglich, schnitt sie schlecht ab.

Er liebte Orlanda und konnte mit Fritzi nichts anfangen, und dennoch fing er etwas mit ihr an. Vielleicht hätte sogar etwas aus ihnen werden können. Fritzi berührte ihn, er konnte sich nicht dagegen wehren. Aber Orlanda berührte ihn noch viel mehr. Außerdem war Fritzi viel zu klein für ihn.

 

Leopold war begeistert, als er hörte, dass Clemens mit Fritzi ausgegangen war. »Ein kluger Schachzug«, lobte er. »Wenn du sie nicht schlagen kannst, dann mach sie zu deiner Verbündeten.«

»Sie hätte dir enorm schaden können«, erklärte er, als Clemens ihn verständnislos ansah. »Sie hat ein Mundwerk wie eine Dampfmaschine, und ehe man sich versieht, macht sie einen platt. Es war natürlich ein Fehler, dass wir sie mit zu Willibald genommen haben, aber nun hast du die Sache wieder ausgemerzt. Gut gemacht!«

Clemens räusperte sich. »Das war doch gar nicht der Grund, warum ich sie ausgeführt habe.« Er hatte plötzlich das Gefühl, dass Fritzi ihnen zuhörte, dabei war sie in der Damengarderobe am anderen Ende des Flurs.

»Nicht? Aber dann … interessierst du dich etwa ernsthaft für die Kleine?«

»Nein«, entgegnete Clemens so schnell, dass Leopold grinste.

»Ach, daher weht der Wind. Nun denn, umso besser.«

Es war typisch für Leopold, dass er den nächsten Schritt einfach machte, ohne Clemens vorher um seine Meinung zu fragen. »Morgen gehen wir ins Kino, ich habe Karten für die Matinee besorgt«, teilte er Clemens nach der Samstagabendvorstellung mit. »Ich hole dich um neun Uhr ab.«

Ich hole dich ab, sagte er, so dass Clemens annahm, dass es nur um sie beide ging. Vielleicht würde auch Orlanda dabei sein, überlegte er, hoffte er, denn die Vorstellung war in Düsseldorf, und ohne Orlanda hätten sie ja genauso gut in ein Duisburger Lichtspieltheater gehen können. Aber dass Leopold Fritzi gefragt hatte, darauf kam er überhaupt nicht. Er war so verblüfft, dass ihm die Kinnlade herunterfiel, als er sie am Sonntagmorgen bei Leopold im Auto sitzen sah. »Einsteigen und Mund schließen«, sagte Leopold. »Es zieht.«

»Da freust du dich, was?«, fragte Fritzi, obwohl es offensichtlich war, dass er sich nicht freute.

Orlanda war auch nicht gerade in bester Laune, als sie um kurz vor zehn vor dem Apollo auf der Graf-Adolf-Straße auftauchte. Ihre Wangen waren sehr rot, und auf ihrer Stirn glitzerten Schweißperlen, sie war wohl gerannt, um noch rechtzeitig anzukommen. »Ärger mit Anna?«, fragte Fritzi. Orlanda verdrehte die Augen und antwortete nicht.

Fritzi wusste, wer Anna war, und Leopold wusste es auch, seinem süffisanten Grinsen nach zu urteilen. Clemens hasste Fritzi plötzlich dafür, dass sie Orlanda so viel besser kannte als er.

Im Lichtspielhaus saß Orlanda wieder zwischen ihm und Leopold, er konnte ihr Parfüm riechen, ein blumiger und gleichzeitig strenger Geruch, aber vielleicht war es auch ihr Schweiß, der sich in den Duft mischte. Er konnte es kaum erwarten, bis endlich das Licht ausging.

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