Logo weiterlesen.de
Das Licht der Flüsse

Robert L. Stevenson

Das Licht der Flüsse

Eine Sommererzählung

 

Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann

 

Menü

Inhaltsübersicht

Vorwort der Erstausgabe

Von Antwerpen nach Boom

Auf dem Willebroek-Kanal

Der königliche Rudersportclub

In Maubeuge

Auf dem Sambre-Kanal nach Quartes

Pont-sur-Sambre: Wir sind Hausierer

Pont-sur-Sambre: Der Handelsreisende

Auf dem Sambre-Kanal nach Landrecies

In Landrecies

Sambre-Oise-Kanal: Kanalboote

Die Oise bei Hochwasser

Origny-Sainte-Benoîte: Ein freier Tag

Origny-Sainte-Benoîte: Die Tischgesellschaft

Die Oise hinunter: Nach Moy

La Fère: Ort der verfluchten Erinnerung

Die Oise hinunter: Durch das Goldene Tal

Die Kathedrale von Noyon

Die Oise hinunter: Nach Compiègne

In Compiègne

Andere Zeiten

Die Oise hinunter: Kirchenräume

Précy und die Marionetten

Zurück in die Welt

Anhang

Der junge Stevenson. Lloyd Osbourne

Das Ende des Regenbogens. Fanny Vandegrift Stevenson

Ein Blatt auf dem Fluss. Stevensons Anfänge als Autor und Reisender. Nachwort

Anmerkungen

Editorische Notiz

Robert Louis Stevenson

1879

Vorwort der Erstausgabe

Wer ein so kleines Buch mit einem Vorwort ausstattet, versündigt sich wohl ein wenig am Ebenmaß. Doch kann kein Autor einem Vorwort widerstehen, da es eine Belohnung für seine Mühen darstellt. Sobald der Grundstein gelegt ist, erscheint der Architekt mit seinen Bauplänen und stolziert eine Stunde lang vor den Augen der Öffentlichkeit herum. Ebenso macht es der Schriftsteller mit seinem Vorwort: Auch wenn er rein gar nichts zu sagen hat, muss er sich kurz mit dem Hut in der Hand und in weltmännischer Haltung im Säulengang zeigen.

Unter solchen Umständen ist es am besten, dem Auftritt einen vornehmen Anschein zwischen Bescheidenheit und Überlegenheit zu verleihen: als habe ein anderer das Buch geschrieben und als hätte man beim flüchtigen Durchblättern lediglich die guten Stellen eingefügt. Doch mir ist es bislang nicht gelungen, diesen Trick zur Perfektion zu bringen. Ich kann die Herzlichkeit meiner Gefühle gegenüber einem Leser nicht verbergen, und wenn ich ihm auf der Schwelle entgegentrete, dann nur, um ihn mit ländlicher Warmherzigkeit zu begrüßen.

Um die Wahrheit zu sagen, hatte ich kaum die Druckfahnen dieses kleinen Buches überarbeitet, als ich von einer beunruhigenden Erkenntnis erfasst wurde. Mir kam plötzlich in den Sinn, dass ich nicht nur der Erste war, der diese Seiten las, sondern womöglich auch der Letzte; dass ich diesen heiteren Landstrich völlig vergeblich erkundet haben und keine Menschenseele in meine Fußstapfen treten könnte. Je länger ich nachdachte, desto weniger gefiel mir die Vorstellung, bis mein Verdruss zu einer Art panischer Angst anwuchs und ich hastig dieses Vorwort zu schreiben begann, das nichts anderes darstellt als ein Lockmittel für Leser.

Was kann ich zugunsten meines Buches sagen? Kaleb und Josua brachten aus Palästina köstliche Weintrauben mit, doch ach, mein Buch bietet nichts, was vergleichbar nahrhaft wäre. Außerdem leben wir in einem Zeitalter, in dem man eine genaue Erklärung mehr schätzt als Obst in jeder noch so großen Menge.

Ich frage mich, ob man einen Mangel auch als verlockenden Vorteil anpreisen kann. Denn der Band hat, wie ich ganz unbescheiden meine, gerade wegen seiner Mängel einen gewissen Vorzug. Obwohl er beinahe zweihundert Seiten umfasst, enthält er keine einzige Bemerkung über den Schwachsinn von Gottes Universum und nicht einmal eine winzige Andeutung, dass ich ein besseres hätte erschaffen können. – Wo war ich nur mit meinen Gedanken? Ich scheine alles vergessen zu haben, was dem Menschenleben Ruhm beschert. – Eine Auslassung, die das Buch im philosophischen Sinne bedeutungslos macht, doch hege ich die Hoffnung, dass diese Eigenart vielleicht in frivolen Kreisen Vergnügen bereitet.

Dem Freund, der mich begleitete, schulde ich bereits großen Dank, und ich wünschte wirklich, ich würde ihm nicht noch mehr schulden, doch empfinde ich ihm gegenüber in diesem Moment eine fast übertriebene Zärtlichkeit. Zumindest er wird mein Leser sein – und sei es nur, um seinen eigenen Spuren neben den meinen zu folgen.

R. L. S.

Von Antwerpen nach Boom

In den Docks von Antwerpen erregten wir großes Aufsehen. Ein Schauermann und ein Trupp Hafenarbeiter hoben die beiden Kanus an und liefen mit ihnen zur Helling. Eine Kinderschar rannte jubelnd hinterher. Die Cigarette sauste mit einem Platschen voran und wirbelte eine kleine Bugwelle auf. Die Arethusa folgte im nächsten Augenblick. Ein Dampfer kam uns entgegen, Männer am Schaufelradkasten riefen grobe Warnungen, der Schauermann und seine Arbeiter brüllten vom Kai. Doch mit ein, zwei Ruderschlägen brachten wir die Kanus in die Mitte der Schelde, und alle Dampfer und Schauermänner und andere Nichtigkeiten an den Ufern blieben zurück.

Die Sonne strahlte, die Flut setzte ein – vier lustige Meilen die Stunde. Der Wind blies gleichmäßig, mit gelegentlichen Sturmböen. Ich meinerseits hatte noch nie zuvor in einem Kanu unter Segeln gesessen, und mein erster Versuch inmitten dieses großen Flusses war nicht ganz frei von Befürchtungen. Was würde geschehen, wenn der Wind zum ersten Mal meine kleine Leinwand erfasste? Ich denke, es war eine ähnlich große Herausforderung, wie sich in andere unbekannte Regionen vorzuwagen, etwa ein erstes Buch zu veröffentlichen oder zu heiraten. Doch meine Zweifel hielten nicht lange an, und Sie werden nicht überrascht sein zu erfahren, dass ich nach fünf Minuten meine Segelleine festgemacht hatte.

Zugegeben, ich selbst war ein wenig verblüfft über diesen Erfolg. Natürlich hatte ich als Teil einer Mannschaft schon oft die Schot eines Segelboots befestigt, aber in solch einem kleinen und wackligen Ding wie einem Kanu und bei diesen stürmischen Böen war ich nicht darauf vorbereitet, dass ich demselben Prinzip folgen konnte, und dies inspirierte mich zu einigen geringschätzigen Gedanken über unsere Achtung vor dem Leben. Es ist sicher einfacher zu rauchen, wenn die Schot festgemacht ist; doch ich habe noch nie eine gemütliche Pfeife Tabak gegen ein offenkundiges Risiko abgewogen und mich dann ernsthaft für die gemütliche Pfeife entschieden. Es ist sprichwörtlich bekannt, dass wir uns selbst nicht kennen, bis wir auf die Probe gestellt werden. Die Erkenntnis, dass wir oft tapferer und besser sind, als wir dachten, ist allerdings weniger verbreitet, obwohl um einiges tröstlicher. Ich glaube, jeder macht diese Erfahrung: Doch die Befürchtung, diesem Anspruch in Zukunft nicht gerecht werden zu können, hindert die Menschheit daran, diese fröhliche Botschaft hinauszuposaunen. Ich wünschte ehrlich, denn mir wäre viel Kummer erspart geblieben, jemand hätte mir in meiner Jugend Lebensmut eingetrichtert, mir gesagt, dass Gefahren, aus der Ferne besehen, am unheilvollsten erscheinen, dass das Gute in der Seele eines Menschen keine Unterdrückung duldet und ihn in der Stunde der Not selten oder niemals im Stich lässt. Doch in der Literatur sind wir alle gern bereit, die sentimentale Flöte zu spielen, und niemand von uns will an der Spitze des Zuges marschieren, um die wilden Trommeln zu schlagen.

Auf dem Fluss war es angenehm. Ein oder zwei Lastkähne, beladen mit Heu, fuhren an uns vorbei. Schilf und Weiden säumten die Ufer, und Rinder und graue, ehrwürdige Pferde kamen und senkten ihre sanften Häupter über den Damm. Hier und da zeigte sich ein freundliches Dorf samt lärmender Werft zwischen den Bäumen, hier und da auf einer Wiese eine Villa. Der Wind leistete uns auf der Schelde und dann auf der Rupel gute Dienste, und wir segelten recht sorglos dahin, als wir die ersten Ziegelfabriken von Boom erblickten, die sich weit über das rechte Flussufer erstreckten. Das linke Ufer war noch grün und ländlich, Baumreihen zogen sich den Weg entlang, und gelegentlich gab es ein paar Stufen, die einer Fähre als Ankerplatz dienten, wo zuweilen eine Frau, die Ellbogen auf den Knien, dasaß oder ein alter Herr mit Stock und Silberrandbrille. Doch Boom und seine Ziegelfabriken wurden von Minute zu Minute verrauchter und schäbiger, bis eine Kirche mit Turmuhr und eine Holzbrücke über dem Fluss die Stadtmitte anzeigten.

Boom ist kein freundlicher Ort und hat nur eine bemerkenswerte Eigenschaft: Die Mehrheit seiner Bewohner ist persönlich der Meinung, Englisch sprechen zu können, was durch die tatsächlichen Verhältnisse nicht bestätigt wird. Unsere Gespräche waren folglich von einer gewissen Unklarheit. Was das Hôtel de la Navigation angeht, so glaube ich, dass es die traurigste Attraktion der Stadt ist. Es brüstet sich mit einem sandbestreuten Salon, die Bar mit Blick auf die Straße; einem zweiten sandbestreuten Salon, der noch dunkler und kälter ist, mit einem leeren Vogelkäfig und einem Spendenkästchen in den Farben der Trikolore als einziger Zierde, wo wir abwechselnd in Gesellschaft dreier wortkarger Ingenieursgehilfen und eines schweigsamen Handelsreisenden zu Abend aßen. Das Essen war, wie in Belgien üblich, von unbestimmbarer Natur. Tatsächlich habe ich bei diesem freundlichen Volk noch nichts entdecken können, was einer Mahlzeit nahe käme. Sie scheinen den ganzen Tag über amateurhaft mit Lebensmitteln herumzuspielen und darin herumzustochern: versuchsweise französisch, echt deutsch und irgendwie keines von beiden.

Der leere Vogelkäfig, ausgefegt und geschmückt und ohne die Spur des alten zwitschernden Günstlings, abgesehen von den beiden auseinandergebogenen Gitterstäben, zwischen denen sein Zuckerstückchen befestigt gewesen war, verbreitete eine Art heitere Friedhofsstimmung. Die Ingenieursgehilfen hatten uns nichts zu sagen, dem Handelsreisenden erst recht nicht, sondern unterhielten sich leise und einsilbig miteinander oder begafften uns durch schimmernde Brillengläser im Licht der Gaslampen. Denn obwohl sie gutaussehende Burschen waren, trugen sie alle (wie wir in Schottland sagen) Nasenknebel.

Im Hotel gab es ein englisches Zimmermädchen, das lange genug fern der Heimat gewesen war, um allerlei lustige ausländische Dialekte aufzuschnappen und alle möglichen eigenartigen Gebräuche, die man hier nicht im Einzelnen beschreiben muss. Sie sprach mit uns fließend in ihrem Jargon, fragte uns, wie es heutzutage in England zugehe, und verbesserte uns zuvorkommend, als wir versuchten zu antworten. Doch da wir uns mit einer Frau unterhielten, waren unsere Informationen vielleicht nicht so überflüssig, wie es den Anschein hatte. Das weibliche Geschlecht saugt gern Wissenswertes auf, ohne seine Überlegenheit dabei preiszugeben. Die Taktik ist klug und unter den gegebenen Umständen beinahe notwendig. Wenn ein Mann merkt, dass eine Frau ihn bewundert, sei es auch nur für seine Geographiekenntnisse, dann wird er sofort versuchen, auf dieser Bewunderung aufzubauen. Nur indem sie uns unentwegt vor den Kopf stoßen, können uns die Schönen im Zaum halten. Männer sind, wie Miss Howe oder Miss Harlowe sagen würde, »so aufdringlich«. Ich persönlich liebe Frauen mit Leib und Seele, und nach einem gut verheirateten Paar gibt es nichts Schöneres auf Erden als die Sage von der Göttin der Jagd. Für einen Mann ist es sinnlos, sich in die Wälder zurückzuziehen. Der heilige Antonius hat es vor langer Zeit versucht und dabei eine im Durchschnitt eher betrübliche Zeit erlebt. Doch einige Frauen haben etwas an sich, das die erbittertsten Asketen unter den Männern übertrifft – sie sind sich selbst genug und spazieren in hohen und kalten Gefilden, ohne jegliche Unterstützung eines hosentragenden Gefährten. Obwohl ich das Gegenteil eines enthaltsamen Menschen bin, bin ich den Frauen für dieses Ideal dankbarer, als ich es den meisten von ihnen oder eigentlich allen außer einer für einen spontanen Kuss wäre. Es gibt nichts Ermutigenderes als den Anblick von Selbstgenügsamkeit. Und wenn ich an die schlanken und hübschen Mädchen denke, die nachts zum Klang von Dianas Horn durch die Wälder laufen, sich zwischen den alten Eichen tummeln, ungebundene Wesen der Wälder und des Sternenlichts, unberührt von dem Trubel des hitzigen und verworrenen Männerlebens – dann merke ich, wie mein Herz bei dem Gedanken an dieses Ideal klopft, auch wenn es viele andere Ideale gibt, die ich bevorzuge. Wenn man im Leben scheitert, dann sollte man mit Anmut scheitern! Weint man seinem Verlust nicht nach, hat man nichts verloren. Und wo – hier verrät sich der Mann in mir –, wo wäre der Ruhm erfüllender Liebe, wenn es keine Verachtung gäbe, die man überwinden muss?

Auf dem Willebroek-Kanal

Am nächsten Morgen, als wir auf dem Willebroek-Kanal losfuhren, begann es heftig und frostig zu regnen. Das Kanalwasser hatte etwa die Temperatur von trinkbarem Tee, und unter diesem kalten Schauer war die Oberfläche mit Dampf überzogen. Die heitere Aufbruchstimmung und die leichte Bewegung der Boote bei jedem Ruderschlag trugen uns durch dieses Ungemach, solange es andauerte; als sich die Wolken verzogen und die Sonne wieder zum Vorschein kam, erhoben sich unsere Seelen über das Maß an guter Laune, das Daheimgebliebene erleben können. Eine stramme Brise rauschte und raschelte durch die Baumreihen, die den Kanal säumten. Blättermassen flatterten wirbelnd zwischen Licht und Schatten hin und her. Für Auge und Ohr schien es Segelwetter zu sein, doch unten zwischen den Ufern erreichte uns der Wind nur in schwachen und sporadischen Brisen. Es war kaum genug, um die Kanus zu manövrieren. Wir kamen nur schleppend und alles andere als zufriedenstellend voran. Ein Witzbold mit Segelerfahrung grüßte uns vom Treidelpfad aus mit den Worten: »C’est vite, mais c’est long.«

Auf dem Kanal herrschte reger Verkehr. Ab und an trafen oder überholten wir eine lange Kette von Booten mit großen grünen Ruderpinnen, hohen Hecks, Fenstern auf beiden Seiten des Steuerruders, in denen vielleicht eine Tasse oder eine Blumenvase stand, mit einem Beiboot im Schlepptau, einer Frau, die sich um das Abendessen kümmerte, und einer Kinderschar. Diese Kähne waren hintereinander vertäut, bis zu fünfundzwanzig oder dreißig in einem Zug, der durch einen Dampfer von seltsamer Bauart angeführt und gezogen wurde. Er hatte weder Schaufelrad noch Schraube, sondern lenkte durch einen Apparat, der sich dem Verständnis des technischen Laien entzog, eine kleine helle Kette, die am Grund des Kanals lag, über den Bug und ließ sie übers Heck wieder zurück ins Wasser, um sich so Glied für Glied mitsamt seinem ganzen Gefolge aus Lastkähnen voranzuziehen. Bis man des Rätsels Lösung gefunden hatte, haftete dem Vorankommen dieser Züge etwas Düsteres und Unheilvolles an, sie glitten sanft über das Wasser, und nichts markierte ihre Wege als eine kleine Welle, die im Kielwasser verebbte.

Unter all den Geschöpfen der Handelsunternehmen bietet ein Kanalboot bei weitem den herrlichsten Anblick. Es kann seine Segel setzen, und dann sieht man es hoch über den Baumwipfeln und der Windmühle, auf dem Aquädukt, durch grüne Kornfelder dahingleiten: das malerischste aller amphibischen Kreaturen. Das Pferd trottet auf dem Treidelpfad vor sich hin, als gäbe es auf der Welt keine Arbeitszwänge, und der träumende Mann an der Ruderpinne sieht den ganzen Tag lang demselben Turm am Horizont entgegen. Es ist unbegreiflich, wie Dinge bei diesem Tempo ihr Ziel erreichen, und wenn man beobachtet, wie die Kähne an der Schleuse auf die Abfertigung warten, erhält man eine schöne Lektion, wie unbeschwert die Welt erlebt werden könnte. An Bord gibt es wohl zahlreiche zufriedene Seelen, denn solch ein Leben bedeutet gleichzeitig reisen und zu Hause bleiben.

Der Schornsteinrauch kündet vom Abendessen, während man weiterzieht; die Kanalufer entrollen gemächlich ihre Landschaft vor nachdenklichen Augen; der Lastkahn treibt vorbei an großen Wäldern und durch große Städte mit ihren öffentlichen Gebäuden und nächtlichen Straßenlaternen; und für den Kahnführer in seinem dahingleitenden Heim, der sozusagen im Schlafwaggon reist, ist es fast, als lausche er der Geschichte eines anderen oder durchblättere ein Bilderbuch, das ihn nicht weiter interessiert. Er kann seinen Nachmittagsspaziergang in einem fremden Land am Kanalufer machen und dann zum Essen an seinen eigenen Herd zurückkehren.

In solch einem Leben gibt es zu wenig Bewegung, um ein hohes Maß an Gesundheit zu erreichen, aber ein hohes Maß an Gesundheit ist nur für ungesunde Leute notwendig. Der Faulpelz, der nie krank oder gesund ist, hat ein ruhiges Leben und stirbt umso leichter.

Viel lieber wäre ich ein Kahnführer, als eine der Stellungen auf Erden zu besetzen, die Büroarbeit erfordern. Meiner Meinung nach gibt es nicht viele Berufe, in denen ein Mann für regelmäßige Mahlzeiten weniger Freiheit aufgibt. Der Kahnführer ist an Bord eines Schiffes – er ist der Herr seines eigenen Schiffs – er kann anlegen, wo immer er will – niemand kann ihn zwingen, in einer eiskalten Nacht vor der Küste zu kreuzen, wenn die Segel so hart wie Eisen sind; soweit ich es beurteilen kann, steht für ihn die Zeit fast immer still, außer wenn er wieder mal zu Bett geht oder sich am Mittagstisch niederlässt. Man kann kaum begreifen, warum ein Kahnführer je sterben sollte.

Auf halbem Weg zwischen Willebroek und Vilvoorde, auf einem schönen Kanalabschnitt, der der Allee zu einem Herrenhaus glich, gingen wir zum Essen an Land. Es gab zwei Eier, einen Laib Brot und eine Flasche Wein an Bord der Arethusa und zwei Eier sowie einen Ätna-Spirituskocher an Bord der Cigarette. Der Kapitän des letztgenannten Boots zerbrach eines der Eier beim Entladen, doch stellte er hocherfreut fest, dass man es noch à la papier kochen könnte, und warf es mitsamt seiner Hülle aus flämischem Zeitungspapier in den Kocher. Wir landeten in einem Augenblick schönen Wetters, doch keine zwei Minuten später frischte der Wind zu halber Sturmstärke auf, und der Regen begann uns auf die Schultern zu prasseln. Wir setzten uns so nah wie möglich an den Kocher. Der Spiritus brannte in voller Pracht. Alle ein bis zwei Minuten fing das Gras Feuer und musste ausgetreten werden, und es dauerte nicht lange, bis unsere Gesellschaft etliche verbrannte Finger vorzuweisen hatte. Doch der Ertrag der Kochbemühungen stand in keinem Verhältnis zu all dem Aufwand, und als wir nach zwei Runden auf dem Feuer aufgaben, war das eine Ei wenig mehr als lauwarm, während das Ei à la papier ein kaltes und schmutziges fricassée aus Druckerschwärze und zerbrochenen Eierschalen darstellte. Zur Abwechslung versuchten wir, zwei weitere Eier zu braten, indem wir sie dicht über die Flammen hielten, und hatten damit größeren Erfolg. Dann entkorkten wir die Weinflasche und setzten uns in einen Graben mit unseren Kanuschürzen auf den Knien. Es regnete heftig. Verdruss, wenn er wirklich verdrießlich ist und nicht auf widerliche Weise vorgibt, das Gegenteil zu sein, ist eine enorm spaßige Angelegenheit, und Leute, die an der frischen Luft ordentlich durchweicht und abgestumpft werden, sind stets zum Lachen aufgelegt. Aus dieser Perspektive kann sogar eine Portion Ei à la papier dem Vergnügen als eine Art Hilfsmittel dienen. Doch laden solche Scherze, auch wenn sie recht gut ankommen, nicht zur Wiederholung ein, und von diesem Moment an blieb der Spirituskocher, ganz Gentleman, im Transportkasten der Cigarette.

Es ist fast unnötig, zu erwähnen, dass der Wind, als wir die Mahlzeit beendet hatten, an Bord gingen und die Segel setzten, ganz plötzlich nachließ. Den Rest der Strecke nach Vilvoorde breiteten wir weiterhin unsere Leinwand vor einer ungünstigen Brise aus, und mit einer gelegentlichen Böe und gelegentlichen Paddelschlägen trieben wir zwischen den friedlichen Bäumen von einer Schleuse zur nächsten.

Es war eine schöne, grüne, üppige Landschaft, genauer, eine grüne Wasserstraße, die sich von Dorf zu Dorf zog. Alles machte einen gesetzten Eindruck, wie in Orten, die seit langem bewohnt sind. Kinder mit kurzgeschorenem Haar spuckten von den Brücken, unter denen wir durchfuhren, mit einer wahrlich zurückhaltenden Feinfühligkeit auf uns herab. Doch die Fischer, die sich auf ihre Schwimmer konzentrierten, waren noch zurückhaltender und ließen uns, ohne uns eines einzigen Blickes zu würdigen, vorbeiziehen. Sie hockten auf Sterlingblöcken und Strebepfeilern und den Uferhängen, ihrer sanftmütigen Beschäftigung zugewandt. Sie waren so gleichgültig, als gehörten sie zur unbelebten Natur. Sie bewegten sich nicht mehr als Angler auf einem alten holländischen Stich. Die Blätter raschelten, das Wasser wogte, doch sie blieben auf ihren Plätzen, als wären sie vom Staat gegründete Kirchen. Man hätte jeden ihrer unschuldigen Köpfe aufbohren können, nur um zu entdecken, dass sich unter ihren Schädeldecken nicht viel mehr als aufgerollte Angelschnüre befanden. Ich halte nicht viel von euren strammen Kollegen in Kautschukhosen, die sich mit einer Lachsangel in der Hand gegen Bergflüsse stemmen, doch jenen Menschenschlag, der tagaus, tagein seine brotlose Kunst an stillen, einsamen Gewässern betreibt, liebe ich sehr.

An der letzten Schleuse, direkt hinter Vilvoorde, gab es eine Wärterin, die verständliches Französisch sprach und uns erklärte, wir seien immer noch ein paar Meilen von Brüssel entfernt. Genau hier begann es wieder zu regnen. Die Tropfen fielen in geraden, parallelen Linien, und von der Oberfläche des Kanals spritzte eine unendliche Vielzahl kleiner Kristallfontänen auf. In der Umgebung waren keine Betten frei. Uns blieb nichts anderes übrig, als die Segel einzuholen und uns im Regen dem regelmäßigen Paddeln zu widmen. Die schönen Landhäuser mit Uhren und langen Reihen von Fenstern samt Fensterläden und die prächtigen alten Bäume, die in Gruppen und Alleen beisammenstanden, wirkten im Regen üppig und düster und verstärkten die Dunkelheit an den Kanalufern. Ich meine, von einigen Stichen denselben Effekt zu kennen: fruchtbare Landschaften, menschenleer und von vorüberziehenden Sturmwolken überhangen. Die ganze Zeit wurden wir von einem abgedeckten schäbigen Karren eskortiert, der den Treidelpfad entlangklapperte und in fast gleichbleibendem Abstand in unserem Kielwasser folgte.

Der königliche Rudersportclub

In der Nähe von Laeken hörte es auf zu regnen. Doch die Sonne war bereits untergegangen, die Luft war eisig, und beide hatten wir keinen trockenen Faden am Leib. Nun, da wir uns fast am Ende der Allée Verte und direkt an der Schwelle von Brüssel befanden, wurden wir auch noch mit einem ernsten Problem konfrontiert. An den Ufern wartete eine lange Schlange Kanalboote darauf, durch die Schleuse zu kommen. Nirgendwo gab es eine passende Landestelle, nirgendwo war auch nur ein Stall in Sicht, in dem wir die Kanus über Nacht hätten unterbringen können. Wir krabbelten an Land und betraten ein estaminet, in dem ein paar traurige Gestalten mit dem Wirt zusammensaßen. Der Wirt behandelte uns ziemlich grob. Er kannte weder Kutschenhaus noch Scheune, nichts dergleichen, und als er merkte, dass wir nicht hereingekommen waren, um etwas zu trinken, zeigte er recht deutlich, dass er uns so schnell wie möglich loswerden wollte. Eine der Jammergestalten kam uns zu Hilfe. Er meinte, es gäbe irgendwo in einer Ecke des Schleusenbeckens eine Helling und noch etwas anderes, was er nicht klar beschreiben konnte, aber von seinen Zuhörern hoffnungsvoll ausgelegt wurde.

Es gab tatsächlich eine Helling in einem Winkel des Beckens, wo wir auf zwei freundlich aussehende Burschen in Rudersportanzügen trafen. Der Kapitän der Arethusa sprach die beiden an. Einer von ihnen meinte, es sei kein Problem, unsere Boote über Nacht unterzubringen, und der andere nahm eine Zigarette aus dem Mund und fragte, ob sie von »Searle & Son« gefertigt seien. Der Name war eine recht gute Empfehlung. Ein halbes Dutzend anderer junger Männer kam aus dem Bootshaus, das mit den Worten ROYAL SPORT NAUTIQUE beschildert war, und mischte sich in die Unterhaltung ein. Sie alle waren sehr höflich, gesprächig und enthusiastisch, und ihre Reden waren mit englischen Rudersportbegriffen, englischen Bootsbauern und englischen Clubs gespickt. Zu meiner Schande kenne ich keinen Ort in meinem Heimatland, in dem ich von ebenso vielen Leuten ebenso herzlich begrüßt worden wäre. Wir waren englische Rudersportler, und die belgischen Rudersportler fielen uns um den Hals. Ich frage mich, ob französische Hugenotten von englischen Protestanten ebenso liebenswürdig begrüßt wurden, als sie aus großer Not über den Ärmelkanal flohen. Aber immerhin: Welche Religion vermag die Menschen so eng zusammenzuschmieden wie eine weitverbreitete Sportart?

Die Kanus wurden ins Bootshaus getragen. Sie wurden für uns von den Club-Dienern abgespritzt, die Segel zum Trocknen aufgehängt, und alles wurde so ordentlich und sauber erledigt, wie man es sich nur wünschen konnte. In der Zwischenzeit wurden wir von unseren neugewonnenen Brüdern, denn so bezeichnete mehr als einer von ihnen unser Verhältnis, nach oben geführt, wo wir ihr Bad benutzen durften. Einer borgte uns Seife, ein anderer ein Handtuch, ein dritter und vierter half uns, die Taschen auszupacken. Und die ganze Zeit über unzählige Fragen, Respektbezeugungen und ein unglaubliches Mitgefühl! Ich muss gestehen, dass ich vorher keine Ahnung hatte, was Ruhm bedeutet.

»Ja, ja, der ›Royal Sport Nautique‹ ist der älteste Club in Belgien.«

»Wir haben zweihundert Mitglieder.«

»Wir« – das ist keine direkte Wiedergabe, sondern steht stellvertretend für all die Aussagen, die nach langen Gesprächen diesen Eindruck bei mir hinterlassen haben, und es wirkt auf mich jugendlich, freundlich, natürlich und patriotisch: »Wir haben alle Rennen gewonnen außer jenen, bei denen wir von den Franzosen betrogen wurden.«

»Ihr müsst alle eure nassen Sachen zum Trocknen hierlassen.«

»Oh! Entre frères! In jedem Bootshaus in England würden wir genauso behandelt.« (Ich hoffe von Herzen, dass es so wäre.)

»En Angleterre, vous employez des sliding-seats, n’est-ce pas?«

»Tagsüber arbeiten wir alle in Handelsfirmen, aber am ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das Licht der Flüsse" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen